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Die Herren Einkäufer

Full text: Berliner Warenhäuser / Colze, Leo

Die Herren Einkäufer 
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liche, Barchent, Trikottaillen, Flanell, Schnupftabak und Huf¬ 
nagel, Bilderrahmen, alten Breslauer Korn, Wolle, schwarzen 
Pfeffer, Käse, Peitschen, Aepfel (keine amerikanischen aber!), 
Nollheringe usw; alles war vertreten bei diesem Marshall Field 
oder Whiteley der 60er Jahre. Die Lebensmittelabteilung 
war nur noch nicht von der Sportabteilung (Peitschen) und dem 
Kunstsalon (Bilderrahmen, Bilderbogen, Groschenbilder und 
Gratulationsbriefe) sowie von dem Manufakturwaren- und 
Leinenlager getrennt. Alle Waren konnte man haben, und trotz 
dieser Vielseitigkeit erinnere ich mich nicht, im Hause meines 
Großvaters einen Offertenraum gesehen zu haben. Es hätte 
sich wohl auch kaum gelohnt, denn die Herren Reisenden sind 
zu jener Zeit noch etwas seltenere Vogel gewesen, als jetzt. 
Wenn der alte Herr und wie er, wohl auch die Konkurrenz, 
aber nicht am Orte, denn dort — o glückliche Zeiten — gab es 
keine, etwas nötig hatten, so wurde umständlich mit der Post 
nach Breslau gefahren und bet den großen Firmen, im gol¬ 
denen Becher, bei Molinari Söhne, Berger usw. für lange 
Zeit Vorrat gekauft. 
Tempora mutantur. Geschäftspaläste sind entstanden, von 
deren Ausdehnung, Größe und Pracht man sich noch vor zehn, 
fünfzehn Jahren kaum eine Vorstellung hätte machen können, 
— das geschäftliche Leben, neuzeitlich und systematisch organi¬ 
siert, hat neue Werte geschaffen, die trotz des alten, eingangs 
zitterten Rabbi Ven Akiba sicherlich noch nicht dagewesen sind. 
Aus dem gemütlichen kleinen Hinterstübchen des Ladens 
der guten alten Zeit wurde das heutige Privatkontos mit ameri¬ 
kanischem Schreibtische und englischen Klubsesseln; Jmporten- 
schrank und Tischtelephon nicht zu vergessen. Wo aber leiten 
wir den Offertenraum her? Sein Stammbaum führt in ge¬ 
rader Linie auf den Ladentisch zurück, und gar mancher Reisende 
Muß sich auch heute noch an Stelle des vornehmeren Epigonen 
den primitiven Ahnherrn gefallen lassen. 
Ladentisch, Offertenraum, Interimsbureau, das ist eine 
entwicklungsgeschichtliche Stufenleiter, zu deren Verständnis
        
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