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Full text: Szenarios für die Nachhaltige Stadt 2030 / Gaßner, Robert

Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung

Szenarios für die Nachhaltige Stadt 2030: „Kreislaufstadt“ und „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“

Robert Gaßner

WerkstattBericht Nr. 120

Zwei narrative Szenarios und ihre Auswertung

Berlin, August 2013
ISBN 978-3-941374-20-1 © 2013 IZT

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. (WerkstattBerichte / IZT, Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung; Nr. 120) ISBN 978-3-941374-20-1

Das diesem Bericht zu Grunde liegende FE-Vorhaben wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit durchgeführt und unter dem Förderkennzeichen (UFOPLAN) 3709 11 155 gefördert. Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt beim Autor.

© IZT 2013 by Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung, Berlin

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Printed in Germany

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Abstract
On behalf of the German Federal Environment Agency (UBA), this project was supposed to enhance the further development of an integrated sustainability policy in Germany. Focus of the project was the design of sustainable urban living environments, as everyday life related views of for example citizens, consumers, employees, traffic participants etc. can serve as a consistency check for an integrated sustainability policy. Political topics and stakeholders within the German environment department and beyond were analyzed in order to enhance an effective integrated sustainability policy and to identify potential synergies. For this as well as for the resolution of possible tradeoffs a systematic and empirically based scenario process has been used. Two complementary topics (“Recycling City” and “Sustainable Economy in the City”) were jointly selected and elaborated in two parallel conducted participatory scenario processes to generate integrated images of the future in 2030. Furthermore, options for action, strategic elements and potentials for networking were derived and concretized with regard to practical cooperation in the German Department of the Environment. This publication provides a summary of the project, the two scenarios, documentations of the scenario evaluation workshops and an assessment of the method. Other parts of the project report are available as part of the overall publication at UBA.

Abstract
Ziel des Projektes war die Unterstützung der weiteren Ausdifferenzierung einer integrierten Nachhaltigkeitspolitik im deutschen Umweltressort. Als inhaltlicher Fokus war die Gestaltung nachhaltiger urbaner Lebenswelten gewählt worden, da sich in der lebensweltlichen Perspektive der Bürger, Konsumenten, Arbeitnehmer, Verkehrsteilnehmer etc. die integrierte Nachhaltigkeitspolitik konsistent abbilden muss. Zur Stärkung einer effektiven integrierten Nachhaltigkeitspolitik wurden einschlägige Themenfelder und ihre Akteure innerhalb der deutschen Umweltpolitik auf Bundes-, Länder- und Kommunenebene im Hinblick auf (weitere) Vernetzungs- und SynergiePotentiale untersucht. Hierzu, sowie zur Erkennung und Auflösung möglicher Zielkonflikte, wurde ein systematischer, partizipativer Szenario-Prozess nacheinander in zwei einander ergänzenden, gemeinsam mit BMU und UBA ausgewählten Themensträngen entfaltet („Kreislaufstadt“ und „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“). Normative Szenarios für die nachhaltige Stadt 2030 wurden erarbeitet, Handlungsoptionen, Strategieelemente und konkrete Vernetzungsansätze für die integrierte Nachhaltigkeitspolitik wurden abgeleitet und in Richtung operativer Umsetzung und praktischer Kooperation im Umweltressort konkretisiert. Die vorliegende Auszugsveröffentlichung enthält einen Projektüberblick, die zwei Szenarios, Dokumentationen der Szenario-Auswertungs-Workshops sowie eine Einschätzung zur Methoden-Evaluation. Weitere Berichtsteile sind im Rahmen der Gesamtpublikation beim UBA erhältlich.

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Inhalt Abstract .................................................................................................. 5 1 2 Einleitung und methodischer Ablauf .................................................. 7 Themenstrang „Kreislaufstadt“ ........................................................ 13
2.1 Szenario „Kreislaufstadt 2030 – Sarah denkt gerne im Kreis“ ........................................................................... 14 Szenario-Auswertung ................................................................................... 22

2.2

3

Themenstrang „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“ ................... 59
3.1 Szenario „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030 – Tobias kennt nur Gewinner“ ........................................................................... 60 Szenario-Auswertung ................................................................................... 68

3.2

4

Zur Evaluation der Methodik .......................................................... 101 Literatur ............................................................................................. 107

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1

Einleitung und methodischer Ablauf

Das Projekt „Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030“ wurde von Dezember 2009 bis November 2012 durch ein Konsortium aus den gemeinnützigen Instituten IZT - Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (Projektleitung) und Difu - Deutsches Institut für Urbanistik sowie (nur während der Vorphase) FFU - Forschungsstelle für Umweltpolitik der FU-Berlin durchgeführt. Es stellte eine von mehreren parallelen Projektaktivitäten und Maßnahmen des Umweltbundesamtes und des Bundesumweltministeriums zur Unterstützung der weiteren Ausdifferenzierung und Fortentwicklung einer integrierten Nachhaltigkeitspolitik im deutschen Umweltressort dar. Als inhaltlicher Fokus war die Gestaltung nachhaltiger urbaner Lebenswelten gewählt worden, da sich in der lebensweltlichen Perspektive der Bürger, Konsumenten, Arbeitnehmer, Verkehrsteilnehmer etc. die integrierte Nachhaltigkeitspolitik konsistent abbilden muss. Vorphase In einer vorgeschalteten Empirie- und Planungsphase wurden zunächst Grundlagen erarbeitet: Mit einer Umfeld- und Akteursanalyse wurden politische Herausforderungen sowie Akteure mit ihren Interessenlagen und zugrundeliegenden Zukunftserwartungen für die Projektaufgabe erschlossen – und zwar parallel in der nationalen und in der kommunalen Perspektive. Dazu wurden zuerst durch Difu und FFU systematische Bestandsaufnahmen nationaler und kommunaler Nachhaltigkeitspolitiken und -strategien erstellt. Diese Anforderungen wurden aus der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie einerseits, aber auch darüber hinausgehend aus einer Analyse der aktuellen Debatten zur Nachhaltigkeitspolitik identifiziert (etwa der Wachstumsdebatte). Die beiden Sammlungen (national und kommunal) wurden anschließend kreuztabelliert und „leitbildartige Themenfelder“ abgeleitet, die auf beiden Ebenen auf der Agenda stehen. Anhand von diskursiv zwischen den Forschungspartnern und den Auftraggebern entwickelten Krite-

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rien wurden die Themenfelder dann bewertet, um eine Auswahl für die weitere Bearbeitung treffen zu können (Kriterien waren unter anderem: Bundesrelevanz, kommunale Relevanz, Relevanz für das Umweltressort sowie Abgrenzbarkeit und thematische Querbezüge etc.). Die so identifizierten 14 Themenoptionen lauteten „Klimagerechte Stadt“, „Ressourceneffiziente Stadt“, „Kreislaufstadt“, „Naturgerechte Stadt“, „Nachhaltig mobile Stadt“, „Kompakte Stadt“, „Lebenswerte Stadt“, „Kooperative Stadt“, „Urbane Stadt“, „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“, „Handlungsfähige Stadt“, „Innovative, kreative Stadt“, „Global verantwortliche Stadt“ sowie „Soziale und integrative Stadt“. Zu ihrer Charakterisierung wurden anschließend „Steckbriefe“ verfasst, in denen sie auf nationaler und kommunaler Ebene beschrieben und durch exemplarische Projekte und Initiativen illustriert wurden. Nach einer weiteren Vorauswahl wurden schließlich durch Literaturrecherchen und Auswertung kommunaler Nachhaltigkeitskonzepte acht Kurzstudien erstellt.1 Um die Themenauswahl für den weiteren Prozess voranzutreiben und gezielt an die Interessen und Belange des Umweltressorts anzulehnen, wurden im Mai und im September 2010 zwei „Themen-Workshops“ mit jeweils rund einem Dutzend Vertretern von BMU und UBA durchgeführt. Nach dem ersten der beiden Workshops hatten sich vier Themenfavoriten herauskristallisiert: „Klimagerechte Stadt“, „Kreislaufstadt“, „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“ und „Nachhaltige Mobilität“. Zu diesen wurden dann bis zum zweiten Termin durch Auswertung von Primärdokumenten und Sekundärliteratur sowie durch Experteninterviews in Ministerien, Kommunen, Verbänden und Instituten Vertiefungsstudien erstellt und jeweils die immanenten Herausforderungen, die politischen Rahmenbedingungen, die Akteursstrukturen sowie exemplarische Trends, Zielkonflikte und Synergiepotenziale herausgearbeitet. (Die Inhalte dieser Studien sind für die beiden später in der Projekthauptphase bearbeiteten Themenstränge in die jeweiligen Teilberichte eingeflossen).

1

Alle genannten Ergebnisse und Produkte des Projektes sind – soweit sie nicht in der vorliegenden Auswahlveröffentlichung enthalten sind – in der Gesamtveröffentlichung des UBA vollständig dokumentiert (siehe Ende dieses Kapitels und Literaturverzeichnis).

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Auf dieser Grundlage sowie unter Berücksichtigung aktueller umweltpolitischer Bedarfe und Erwartungen konnte dann im zweiten Themen-Workshop von BMU- und UBAVertretern die endgültige Themenauswahl für den Szenario-Prozess getroffen werden: „Kreislaufstadt“ und „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“. Hauptphase – Szenario-Prozess des IZT In der Projekthauptphase kam ein systematischer, partizipativer Szenario-Prozess zum Einsatz, in dem zunächst normative Szenarios für die Nachhaltige Stadt 2030 erarbeitet wurden, um dann daraus Handlungsoptionen, Strategieelemente und konkrete Vernetzungsansätze für die integrierte Nachhaltigkeitspolitik abzuleiten und in Richtung operativer Umsetzung und praktischer Kooperation im Umweltressort zu konkretisieren. Für beide parallelen Themenstränge wurde zweimal annähernd das gleiche Prozessdesign angewandt, aus Ressourcengründen zeitversetzt: Der erste Szenario-Prozess, „Kreislaufstadt“, fand von Februar bis November 2011 und der zweite SzenarioProzess, „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“, von September 2011 bis Juni 2012. Zunächst wurde gemeinsam mit den Projektbetreuern in UBA und BMU festgelegt, welche Akteurs- und Stakeholder-Gruppen im Prozess teilnehmen sollten. Anhand dieser Kriterien wurden dann für die Workshops interdisziplinär gemischte Teilnehmergruppen zusammengestellt, die jeweils zu rund 50% aus dem ministeriellen Bereich (inkl. Behörden und Projektträger) und andererseits aus Wissenschaft, Wirtschaft und Kommunen kamen. Im Szenario-Generierungs-Workshop wurden im interdisziplinären Austausch visionäre Ideen und wünschenswerte Zukunftsperspektiven zum Leitbild des jeweiligen Themenstrangs entwickelt und damit zugleich die Grundlagen für ein anschauliches Szenario erarbeitet. Die beteiligten Experten und Akteure machten dazu auch ihre persönlichen Konsumenten- und Bürgerperspektiven zum Thema. Der stringent durchgeplante Workshop-Ablauf setzte auf verschiedene kreative Einzelschritte im Wechsel von Plenar-, Einzel- und Gruppenarbeit. Unter anderem wurden nacheinander die lebensweltlichen Bezüge des Themas („Szenariofeld“), wichtige Einfluss- und Wirkfelder

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(„Schlüsselfaktoren“) sowie erwünschte Erfolge und Zielzustände („Visionskeime“) erarbeitet. Im Anschluss wurde zunächst eine umfassende, redaktionell aufbereitete Dokumentation sämtlicher Workshop-Ergebnisse angefertigt und allen Teilnehmern zur Korrektur und Ergänzung vorgelegt. Dieses Material wurde dann im Detail im Hinblick auf seinen „normativen Gehalt“ und die enthaltenen Innovationsansätze ausgewertet. Ein Szenario-Exposé, bestehend aus dieser Inhaltsauswertung und einem ersten Gestaltungsansatz, wurde wiederum allen Teilnehmern zur Kommentierung zugestellt. Dann wurde ein Story-Board erstellt und das eigentliche Szenario Schritt für Schritt ausformuliert. Als letztes in diesem ca. zweimonatigen Auswertungs- und Feedbackprozess konnten die Teilnehmer den zwischenzeitlich fertiggestellten Entwurf des narrativen Szenarios kommentieren. Im Szenario-Auswertungs-Workshop – ebenfalls wieder mit kooperativer Teilnehmerrekrutierung und anschließender umfassender Dokumentation – diente das sehr anschauliche Szenario als Ausgangspunkt. Jeder Teilnehmer bewertete subjektiv die ihn ansprechenden bzw. abstoßenden Details des Szenarios und wählte anschließend individuell ihm besonders wichtige positive und negative Zukunftsaspekte aus. Auf dieser Basis wurde gemeinsam eine Art „thematische Landkarte“ zum Leitbild des jeweiligen Themenstrangs („Kreislaufstadt“ bzw. „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“) entwickelt. In Kleingruppenarbeit wurden dann in mehreren Schritten politische Gestaltungsanforderungen zur Förderung von Chancen sowie zur Vermeidung von Risiken abgeleitet und schließlich konkrete Handlungsansätze und Strategieelemente zur Umsetzung entworfen. Den Abschluss der beiden Szenario-Prozesse bildete jeweils ein ressortinterner Auswertungs-Workshop, bei dem ganz bewusst keine Externen, sondern nur Kollegen aus BMU und UBA beteiligt waren. Dort wurde jeweils eine eigens erstellte Kurzauswertung der Ergebnisse des Szenario-Auswertungs-Workshops präsentiert und durch eine „Praxisempfehlung aus kommunaler Sicht“ von Difu ergänzt. Anschließend erstellten die Teilnehmer ein individuelles Meinungsbild zu den präsentierten Handlungsansätzen nach den beiden Kriterien „Welche Ergebnisse erscheinen besonders innovativ und

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wichtig?“ und „Was dürfte für die Bundesebene und das Umweltressort besonders relevant sein?“. Eine gemeinsame diskursive Auswertung klärte dann die konkreten Bezüge zu den politischen Handlungsmöglichkeiten des Umweltressorts. Zuletzt wurden unter dem Stichwort „Horizontale Integration“ Ideen gesammelt zu ableitbaren fachgebietsbzw. referatsübergreifenden Initiativen und Maßnahmen im Umweltressort. Auch diese Ergebnisse wurden redaktionell aufbereitet und allen Teilnehmern zur Kommentierung und Weiterbehandlung zur Verfügung gestellt. Nach jedem der beiden Szenario-Stränge fertigte das Difu je einen Phase 1 und 2 integrierenden „Teilbericht“ an. In diesen Teilberichten werden die Ergebnisse des SzenarioProzesses mit den Inhalten der vorab durchgeführten Fachstudien sowie mit weiteren Hintergrundrecherchen zusammengeführt und in einer Fachsystematik dargestellt.

Alle genannten Ergebnisse und Produkte des Projektes sind – soweit sie nicht ohnehin in der vorliegenden Auswahlveröffentlichung enthalten sind – in der vierbändigen Gesamtveröffentlichung des UBA vollständig dokumentiert (online verfügbar): Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 1: Überblick und Fazit. TEXTE Nr.24/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. Verbücheln, Maic; Grabow, Busso; Uttke, Angela; Schwausch, Mandy; Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 2: Teilbericht „Kreislaufstadt 2030“. TEXTE Nr. 25/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. Grabow, Busso; Hollbach-Grömig, Beate; Gröpler, Nicolai; Rechenberg, Christoph; Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 3: Teilbericht „Nachhaltiges Wirtschaften in der Stadt 2030“. TEXTE Nr. 26/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 4: Der Szenario-Prozess – Dokumentation der Prozessergebnisse. TEXTE Nr. 27/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.

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Ablaufüberblick:

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Ergebnisse des Szenario-Prozesses zum Themenstrang „Kreislaufstadt“

In den folgenden Abschnitten 2.1 und 2.2 werden ausgewählte Bereiche der Ergebnisse des Themenstrangs „Kreislaufstadt“ dokumentiert: Die Originalfassung des auf Basis des Generierungs-Workshops in einem ca. zweimonatigen Auswertungs- und Feedbackprozess erstellten Szenarios: Szenario Kreislaufstadt – „Sarah denkt gerne im Kreis“ (Mai 2011) Die redaktionell aufbereiteten Ergebnisse des Szenario-Auswertungs-Workshops (23.Juni 2011)

Weitere Ergebnisse dieses Themenstrangs (u.a. inhaltliche Vorstudie des Difu, Szenario-Generierung, ressortinterne Auswertung) finden sich in der Gesamtveröffentlichung des Umweltbundesamtes: Verbücheln, Maic; Grabow, Busso; Uttke, Angela; Schwausch, Mandy; Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 2: Teilbericht „Kreislaufstadt 2030“. TEXTE Nr. 25/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 4: Der Szenario-Prozess – Dokumentation der Prozessergebnisse. TEXTE Nr. 27/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.

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2.1

Szenario zum Themenstrang Kreislaufstadt 2030 „Sarah denkt gerne im Kreis“

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Szenario Kreislaufstadt 2030
Vorbemerkung
Das vorliegende Szenario wurde von Dr. Robert Gaßner im Auftrag des Umweltbundesamtes mit und für eine Gruppe von Experten aus der Umweltpolitik, aus der Wissenschaft und aus der Praxis entwickelt. Es versucht, Sichtweisen und Ideen dieser Expertengruppe in einem möglichst stimmigen und zumindest grundsätzlich wünschbaren Gesamtbild lebensnah zu veranschaulichen. (Rückschlüsse auf die Meinung einzelner Beteiligter oder gar auf die Haltung des UBA oder des Umweltministeriums sind weder möglich noch sinnvoll.) Das Szenario ist ausdrücklich keine Prognose im Sinne einer Zukunftsvorhersage. Die gewählte quasi-literarische Beschreibungsform zukünftiger Entwicklungen hat vielmehr das Ziel, mögliche künftige Zustände konkret vorstellbar zu machen, subjektive Assoziationen und Bewertungen auszulösen und damit eine Basis für Diskussionen über Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen.

Für eine konstruktive und kritische Befassung mit dem vorliegenden Szenario könnte sich der Leser/ die Leserin deshalb vor allem fragen, als wie wünschenswert er/sie die dargestellten Entwicklungen und Zustände jeweils empfindet, ob er/sie einzelne Aspekte variieren oder hinzufügen würde, um das Gesamtbild stimmiger, realistischer oder attraktiver zu machen, ob und wie die ihm/ ihr wünschenswert erscheinenden Szenario-Elemente gefördert und die unerwünschten vermieden werden könnten.

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Sarah denkt gerne im Kreis
„Uuuund – ja!! Treffer!“ Das kann ja nur ein guter Tag werden. Sarah hat gekonnt die leere Cremetube aus einigem Abstand in den Wertstoffsammler des Badezimmers befördert und tatsächlich getroffen – zweifellos ein gutes Zeichen. Sie genießt ihren lässigen „Korbwurf“ auch noch in anderer Hinsicht: Noch vor gar nicht so langer Zeit hätte sie die Tube zunächst in die Küche mitnehmen müssen, zur zentralen „Mülltrennanlage“ der Wohnung, Deckel zum Plastik, Tube zum Leichtmetall oder beides gemeinsam zu „Leichtverpackungen“? Es war bisweilen schon eine rechte Wissenschaft gewesen. Heutzutage kann sie sich darauf verlassen, dass die Tube ihren Weg finden wird und ihre Bestandteile, schon aus wirtschaftlichen Gründen, bald in einem neuen Produkt jemand anderem nützlich sein werden. Ein verschlafenes Murmeln dringt aus dem Schlafzimmer und Sarah schließt rasch die Verbindungstür – sie muss heute eigentlich besonders leise sein, weil ihr Mann Florian heute etwas länger schlafen darf. Er muss nämlich erst mittags ins Werk, da er am Vormittag eine geschäftliche Fachkonferenz besuchen wird – natürlich virtuell mit Hilfe des Tele-Equipments im Arbeitszimmer. Überregionale Konferenzen in Wissens- und Kooperationsnetzwerken sind zwar mittlerweile an der Tagesordnung, aber physisch anreisen muss man für solche Routinetreffen kaum noch. Also dann wenigstens ab jetzt besonders leise. Zumindest das Wasserrauschen einer Toilettenspülung wird Florian nicht wecken – seit ein paar Jahren ist nun auch ihr Wohnblock auf ein dezentrales, wasserarmes Sanitärsystem mit Nährstoffrückgewinnung umgestellt. Sarahs misstrauischer Blick geht deshalb zur Waschmaschine: Bei der kann es schon eher mal sein, dass sie überraschend anspringt, wenn es im Wohnblock gerade Strom oder Warmwasser preiswert gibt. Sarah wählt zwar relativ häufig den meist teureren Sofortstart, unter ungünstigen Bedingungen lässt die Lastspitzenvermeidung ihres Blocks dies aber gar nicht zu. Und obwohl sie den Nutzen des „intelligenten Netzverbundes“ schätzt, hat sich Sarah noch nicht wirklich daran gewöhnt, dass die Wasch- oder die Spülmaschine so mitunter ein „Eigenleben“ entwickeln. Beim Verlassen des Bades streicht ihr Blick wohlwollend über das Haustechnik-Display. Zwei deutlich-grüne Balken zeigen ihr, dass das hauseigene Wärme- und Stromkraftwerk sowie der thermochemische Ener-

Eine (Wertstoff-)Tonne für Alles

100%-iges Recycling

Weltweiter Austausch statt physischer Mobilität

Nachhaltige Sanitärsysteme

Intelligente Verbundsteuerung

EnergieProsumenten

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Lösungen im Bestand

giespeicher beide schon am frühen Morgen durch Netzeinspeisung „Geld verdient“ haben – die Eigentümergemeinschaft hat hier bereits kurz nach der energetischen Sanierung des Altbaus weitsichtig investiert. In diesem Fall stört sie sich natürlich überhaut nicht am Eigenleben der Haustechnik im Rahmen des Kraft-Wärme-Nahverbundes.

Attraktiver Umweltverbund Balancierte Innenentwicklung

Knapp zwei Stunden später nähert sie sich von der Parkseite her ihrem Büro im neuen Vorzeigegebäude der Stadtverwaltung. Die Kinder hat sie heute zügig Richtung Schule verabschiedet und anschließend selbst alle Vorschläge ihres „Persönlichen Mobilitätsassistenten“ für motorisierte Fahrtalternativen ins Büro abgelehnt. Wann immer sie kann, gönnt sie sich den, zugegeben etwas längeren, Spaziergang durch die Innenstadt. Man sieht der Stadt die gezielte „Nachverdichtung“ nicht an, ganz im Gegenteil. Seit hier immer weniger Autos unterwegs sind und dafür umso mehr Hausgärten, Dachgärten, Grünanlagen, Gemeinschaftsgärten, Klärteiche etc. das Bild prägen, ist für Sarah oft so sehr „der Weg das Ziel“, dass es ihr sogar mit dem Fahrrad noch zu schnell gehen würde. Und die schönen neuen Radwege, an denen sie selbst indirekt mitgewirkt hat, kann sie auch zu Fuß bewundern: im Sommer grün, im Winter immer geräumt und vollständig aus Sekundärrohstoffen des Stadtumbaus der vergangenen Jahre gebaut. Ihr Büro als kommunale Kreislaufgestalterin hat sie standesgemäß in einem der öko-effektivsten Gebäude der Stadt. Die fantasievolle Klimafassade ragt vor ihr in der Sonne hoch auf. Das Haus „erntet“ nicht nur Sonnen- und Windenergie, sondern je nach Tages- und Jahreszeit auch Wärme, Kälte, Regenwasser und produziert mit einem wunderschönen Dachgarten sogar Kräuter und Gemüse für die Kantine. Anders als viele sanierte Altbauten ist der Neubau nicht nur in einem größeren Blockverbund, sondern sogar weitgehend aus sich selbst heraus energieautark, benötigt extrem wenig Frischwasser und ist hundertprozentig recyclingfähig. Verbesserungs- bzw. Lernbedarf sieht Sarah allenfalls im Inneren: Einige der automatischen Sparfunktionen für Papier und Energie kommen im Alltag mitunter noch etwas bevormundend daher.

Nachhaltiger Stadtumbau Kommune als Vorbild Gebäude ernten Wasser und Energie

Intelligente Automatiken

„Du bist doch unsere Universalexpertin ...“, mit dieser Zweckschmeichelei hatte Sarah sich gestern von einer Kollegin das Verfassen eines Artikels für die Lokalzeitung aufdrücken lassen – zum Achtzigsten ihres früheren Chefs, des Gründungsdirektors der kommunalen Kreislaufagentur. Sarah

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Rohstoff Abfall Kreisläufe: so lokal wie möglich

hebt besonders seine Pionierleistungen im „Urban-Mining“ hervor: Er hatte mit viel Elan die Öffnung und wertstoffliche Ausbeutung der städtischen Deponie vorangetrieben. Und als diese Quelle nach ein paar schwunghaften Jahren langsam zu Ende ging, sorgte er für einen sanften Übergang zum „Urban-Sourcing“, den Anfängen der echten Kreislaufführung vieler Rohstoffe auf regionaler, teils sogar lokaler Basis. Sarah fällt dieser Text nicht schwer. Tatsächlich wurden ja damals die Grundlagen für ihren heutigen Beruf gelegt: Im weitesten Sinne gestaltet sie Stoffkreisläufe, indem sie zwischen Rohstoffangeboten einerseits – früher hätte man von Nebenprodukten oder gar von Abfall gesprochen – und Rohstoffbedarfen andererseits vermittelt. Dabei hat sie sehr unterschiedliche Handlungsfelder. Im einfachsten Fall genügt schon eine Anfrage bei der regionalen Bio-Raffinerie, die aus den verschiedensten landwirtschaftlichen Reststoffen eine breite Palette an industriell oder baulich nutzbaren Rohstoffen herstellt. Vieles kann sie auch durch eine Tiefenrecherche im örtlichen Stoffstromatlas „matchen“, also zur Deckung bringen. Relativ selten ist die gezielte Ansiedelung einer neuen Produktion der einzige Weg. „Einzige Wege“ sind sowieso nie gute Lösungen. Wo immer möglich sorgt Sarah deshalb nach dem Vorbild der Natur für Redundanz: Jeder Rohstoffbedarf sollte aus mehreren Quellen bedient werden, jede Stoffabgabe ihrerseits Rohstoff für mehrere Kunden sein. „Stabilität durch Vielfalt und Flexibilität“ – ein schönes Schlussmotto für ihre Laudatio. Beim „Koordinationskreis lokale Produktion“ kann sie sich heute von ihrem Kollegen Singh vertreten lassen. Es geht dort aktuell „nur“ um technische Details der verbesserten „Roundput-Börse“ der Region. Mit Singh, der bald in seine „Heimatverwaltung“ in Haiderabad zurückkehren wird, kommt sie inzwischen sehr gut zurecht. Zu Anfang des Austauschjahres hatte es ein paar Verstimmungen gegeben, bis alle begriffen hatten, dass Singh nicht nur zum Lernen hier war, sondern dass sein MegacityBackground auch für hiesige Verhältnisse wichtige Einsichten zu bieten hatte, beispielsweise im dezentralen Umgang mit Wasser.

In der Natur gibt es auch keinen Abfall

Stabile Vielfalt

Kommunikation für Synergie

Globale Lernpartnerschaften

„Mahlzeit“, grinst Daniel und lässt sich auf einen Stuhl neben Sarah plumpsen. Sarah hat sich gerade mit einem Teller voll knackig frischen Salaten einen schönen Platz zwischen grünen Farnwedeln in der Dachkantine gesucht. „Du kannst mir helfen“, kommt er sofort zur Sache. Kollege Daniel ist Energie-Manager und spezialisiert auf die Betreuung öffentlicher und

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Flexible Flächenumnutzung Nach dem Vorbild der Natur Reduktion von Ferntransporten Keine Energie verschenken Die Stadt nutzt ihre Ressourcen... ...und kooperiert mit dem Umland

privater „Farm-Scraper“, also auf die Umnutzung ehemaliger Bürohochhäuser zu vertikalen, hochintegrierten Gewächshausbetrieben. „Du kennst doch das ,Tropenhaus‘ mit seinem Restaurant? Tilapia im Bananenblatt an Papaya ist dort seit Jahren der Renner.“ Er spricht vom ersten FischzuchtTreibhaus-Verbund der Stadt, ein Pionier der heutzutage weit verbreiteten Techniksymbiose Fischkot-düngt-Pflanze-Pflanze-reinigt-Fischwasser. „Deren Erfolgskonzept bestand nicht nur darin, die immer teurer werdenden Tropenimporte durch unvergleichlich frische, lokale Eigenproduktion zu ersetzen, sondern vor allem auch in der geschickten Nutzung kostenlos verfügbarer Abwärme.“ Da nun aber durch energetische Sanierung, Systemoptimierung und Kreislaufführung immer weniger Abwärme „verschenkt“ wird, braucht Daniel für diesen populären und symbolträchtigen Veteranen ein neues Energiekonzept. Sarah verspricht zu prüfen, ob sie vielleicht in den zentralen Anteilen des kommunalen Wassermanagements oder im städtischen Biogaswerk „ein paar zusätzliche Kilowatt Wärmerückgewinnung aktivieren kann“. Und schon enteilt Daniel zu einer Sitzung des Stadt-Umland-Genossenschaftsverbundes „Biogas und Windenergie“. Aber auch Sarah muss sich langsam aufmachen zur wöchentlichen Sitzung des Stadtrates. Sie hat dort turnusgemäß eine wichtige Moderationsaufgabe bei der kontinuierlichen Überprüfung der Planungsziele: Wie steht es jeweils konkret um die Einhaltung des Null-Emissions- und des Null-Flächenverbrauchs-Ziels? Und sind vor diesem Hintergrund die städtischen Infrastrukturgebühren und Abgaben alle noch zielführend, fair und transparent?

Langfristige Stadtplanung macht Ernst

Reparieren geht vor verbrauchen

Am späteren Nachmittag, auf dem Nachhauseweg, macht Sarah einen Abstecher ins „Haus der Eigenarbeit“. Sie hat im Büro extra ein bisschen früher Schluss gemacht, denn sie beabsichtigt, eine abgebrochene und nicht mehr lieferbare „Bugradhalterung“ für den betagten heimischen Staubsauger selbst herzustellen. Wie immer hat sie zunächst in der örtlichen Gebrauchtbörse nachgesehen, aber Andere suchen das gleiche Teil auch – offensichtlich die „Achillesferse“ des ansonsten hochwertigen und sehr haltbaren Hausgeräts. Und bevor sie das Gerät zu ihrem „Haus-und-Hof-Reparierer“ bringt, will sie es zuerst noch selbst versuchen, soviel „sportlichen Ehrgeiz“ hat sie fürs Reparieren – schon von Berufs wegen. Sarah nimmt die gebrochene Radhalterung wieder aus dem 3D-Scanner, wählt zur Ausgabe einen Fabricator für hochschlagfeste Kunststoffteile,

Werthaltigkeit statt Wegwerfartikel

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Regenerative Werkstoffe Lokal produzieren geht nur flexibel Angepasste Fahrzeuge statt Statussymbolen

bestätigt den voreingestellten Biokunststoff „aus regionalem Anbau“ und muss jetzt nur noch ein paar Minuten auf ihren „3D-Druck“ warten. So sehr anders wird das bei Florian in der emissionsfreien Kleinserienfabrik ja auch nicht gemacht. Und bei Florian im Betrieb muss mitunter auch kreativ mit dem lokal Verfügbaren improvisiert werden, um den überregionalen „Import“ von Vorprodukten niedrig zu halten. Florians Firma produziert hauptsächlich Fahrzeugmodule für das Upgrading oder Downsizing von Ökomobilen: normgerecht, plug´n´play-fähig und dennoch kundenindividuell anpassbar.

Gemeinschaftsgärten zur Versorgung und Begegnung

„Ich bin wieder daaha...“, macht sich Sarah bemerkbar und lädt Gemüse, Salat und Kartoffeln auf die Küchentheke. Da sich Schwester Melanie und Schwager Luka zum Essen angesagt haben, war sie noch schnell in ihrem Gemeinschaftsgarten, nachsehen, „was es Frisches gibt“. Im Schatten der Obstbäume hätte sie sich dabei fast festgequatscht – mehrere Mitgärtner und auch der Gartenbetreuer waren da und sichtlich zum Plauschen aufgelegt. Ein Blick in die ebenfalls heute eingetroffene Frischkiste von „ihrem“ Umlandbauern, zeigt ihr, dass sie vielleicht besser keine zusätzlichen Kartoffeln geerntet hätte... „Mama, wir waren heute im Klassengarten und ich habe gaanz viel Kartoffeln mitgebracht!“, der kleine Jonas will gelobt werden – gut, dass Melanie und Luka zum Essen da sein werden.

Geschätzte und gesicherte Landwirtschaft

Nachhaltige Bildung Sofie, ihre „Große“, hilft beim Schnibbeln. „Mama, warum sollten Felder rieseln?“ Sie hat im Projektunterricht nicht verstanden, wieso der Mann von den Stadtwerken den Stadt-Umland-Verbund als „Rieselfelder 2.0“ bezeichnet hat. Sarah ist in ihrem Element und erklärt den klassischen Kreislauf: Nährstoffe aus den menschlichen „Hinterlassenschaften“ raus aufs Feld; Milch, Kartoffeln (!) und Getreide zurück in die Stadt. Altes Wissen aus allen Kulturen Sofie denkt bereits intensiv über ihren zukünftigen Beruf nach: Vielleicht Spezialistin für entsorgungsfreundliches Produktdesign? Oder Wissensmanagerin: „Omas interviewen! Und indische Bergbauern besuchen!“. Oder vielleicht doch Glücks-Coach?

Symbiose Stadt-Umland

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Gemeinschaftsnutzung... ...nachbarschaftlich oder professionell

Nach dem Essen, die Kinder sind bereits im Bett, machen es sich die vier Erwachsenen gemütlich. Florian hat extra eine „ordentliche“ EspressoMaschine aus dem Nachbarschaftspool geholt. „Luka mag es nicht, wenn wir z.B. ein Nachbarschaftsauto benutzen“, klagt Melanie, „er nimmt lieber ein anonymeres Sharing-Auto, auch wenn er dafür weiter laufen muss. Noch nicht einmal ein Gepäckraumerweiterungsmodul mag er aus dem Nachbarschaftspool, wenn er weiß, wer damit vorher im Familienurlaub war.“ „Mir ist das eben zu persönlich. Ich gehe lieber zum Modulverleiher. Bei uns auf dem Dorf sitzen wir ohnehin schon genug aufeinander.“ Luka ist zunehmend unglücklich damit, dass Melanie und er seinerzeit in den ehemaligen „Speckgürtel“ vor der Stadt gezogen sind. „Vielleicht müssen wir ja wirklich nicht für immer und ewig da draußen wohnen bleiben?“, – so kompromissbereit ist Melanie selten. „Ich sehe ja auch, wie schön es hier in der Innenstadt geworden ist: viel Grün und frische Luft, weniger Autos, kurze Wege und guter Nahverkehr.“ Alle sind sich einig, dass Melanie und Luka heutzutage nicht mehr „aufs Land“ ziehen würden. Viele Betriebe, Büros und Geschäfte sind ja auch schon in die Innenstadt zurückgekehrt. „Und man kann mit offenem Fenster schlafen, zu Fuß ins Büro gehen oder in Wohnungsnähe gärtnern – mitten in der Stadt!“, man hört Sarah den Stolz auf das Erreichte an. Und zweifellos wird sie engagiert dabei helfen, auch diesen „familiären Kreis“ zu schließen: Es ist kein Geheimnis, dass sie es gerne sähe, wenn ihre Schwester wieder zurück in ihre Nähe ziehen würde.

Ende der Zersiedelung

Dichte, attraktive Städte

Szenarios für die Nachhaltige Stadt 2030

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2.2

Dokumentation des Szenario-Auswertungs-Workshops „Kreislaufstadt 2030“

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Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung

Szenario-Auswertungs-Workshop „Kreislaufstadt 2030“
im Rahmen des UFOPLAN-Vorhabens „Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030“

Berlin, 23. Juni 2011

Szenario-Auswertungs-Workshop Kreislaufstadt 2030

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Dokumentation des Szenario-Auswertungs-Workshops

„Kreislaufstadt 2030“
im Rahmen des UFOPLAN-Vorhabens „Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030“ am 23.06.2011 in Berlin

Konzeption und Moderation: Dr. Robert Gaßner Dokumentation: Dr. Robert Gaßner Timo Eckhardt Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Rolf Bräuer, Bundesumweltministerium Timo Eckhardt, Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gGmbH Johanna Heitmann, Freie Universität Berlin, Theor., Empir. & Angew. Stadtforschung

Nadine Helwig, Verband kommunaler Unternehmen Dr. Stefan Klug, Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung Dr. Thomas Köhler, ISP Eduard Pestel Institut für Systemforschung e.V. Dr. Jörg Mayer-Ries, Bundesumweltministerium Dr. Elisabeth Meyer-Renschhausen, FU Berlin, FB Politik und Sozialwissenschaft Inka Mörschel, BMBF/ Fraunhofer IAO Dr. Haiko Pieplow, Bundesumweltministerium Michael Prytula, Technische Universität Berlin, FG Gebäudetechnik und Entwerfen Andrea Rau, TU Berlin, Kooperations- und Beratungsstelle f. Umweltfragen Norbert Rost, Büro für postfossile Regionalentwicklung, Dresden Dr. René Scheumann, Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung Mandy Schwausch, Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Sandra Süß, Stadtverwaltung Speyer, Umwelt und Forsten Prof. Dr. Angela Uttke, TU Berlin, Institut für Stadt- und Regionalplanung Sylvia Veenhoff, Umweltbundesamt Maic Verbücheln, Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Gerd Wessling, Transition Town Netzwerk D/A/CH; Transition Town Bielefeld e.V.

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Inhaltsverzeichnis 1 2 3 Einführung ........................................................................................... 26 Themeneinfindung und Kennenlernen ............................................. 27 Wünschbarkeiten und Risiken der Kreislaufstadt .......................... 30 (Vorwiegend) Positiv empfundene Aspekte und Assoziationen ....... 30 (Vorwiegend) Negativ wahrgenommene Aspekte und Assoziationen31 Als ambivalent empfundene Aspekte und Assoziationen ................... 33 Vermisste bzw. unterrepräsentierte Aspekte .......................................... 34 4 Gestaltungsoptionen und Handlungsansätze auf dem Weg zur Kreislaufstadt ........................................................ 35 Arbeitsgruppe „Integrative Kreislaufplanung“ .............................................................. 36 Arbeitsgruppe „Lebensqualität und Selbstentfaltung in der Kreislaufstadt“ ......................... 42 Arbeitsgruppe „Den Faktor Mensch berücksichtigen“ ................................................ 47 Arbeitsgruppe „Finanzierung und sozioökonomische Differenzierungen“ ........................... 52 5 Abschlussrunde.................................................................................... 58

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Einführung

Herr Gaßner vom IZT und Frau Veenhoff vom Umweltbundesamt begrüßten die Teilnehmer des Workshops und stellten den Rahmen und die Ziele der Veranstaltung vor: Der Workshop finde statt im Rahmen des UFOPLAN-Vorhabens „Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030“, in dem zur Fortentwicklung einer integrativen Nachhaltigkeitspolitik beigetragen werden soll. Ziel dieses konkreten Kreativ-Workshops bzw. des Szenario-Prozesses zur „Kreislaufstadt“ sei es, angesichts erheblicher Herausforderungen (insbesondere Klimaschutz und Klimawandel, aber etwa auch Schrumpfung, demografischer Wandel und klamme Kommunalhaushalte) attraktive Perspektiven und Visionen für nachhaltig optimierte Kreisläufe in den Prozessen und Strukturen zukünftiger Städte zu entwickeln. Im Vorgänger-Workshop im März („Szenario-Generierungs-Workshop“) sei es vor allem um visionäre Ideen und wünschenswerte Perspektiven gegangen. In der Folge dieses ersten Workshops sei zwischenzeitlich das Szenario „Sarah denkt gerne im Kreis“ entstanden, das nun im heutigen Szenario-Auswertungs-Workshop zum Ausgangspunkt gemacht werde. Knapp die Hälfte der TeilnehmerInnen waren bereits am Szenario-Generierungs-Workshop beteiligt. Der Workshop sei jedoch gleichermaßen für die „alten“ wie für die „neuen“ TeilnehmerInnen geeignet, um nun gemeinsam Gestaltungsziele und Handlungsoptionen zu entwickeln. Dazu würden im Anschluss an die individuelle Rezeption und subjektive Bewertung des Szenarios gemeinsam wünschenswerte Entwicklungen skizziert sowie daraus abgeleitete Anforderungen für die „Kreislaufstadt“ erarbeitet. Schließlich würden möglichst konkrete Handlungsansätze und Strategieelemente formuliert, die geeignet erscheinen, diese Anforderungen umzusetzen. Der Gewinn des Verfahrens liege in der Generierung von orientierenden Perspektiven für das jeweilige Arbeitsfeld der Teilnehmer und in der Unterstützung des thematischen Austauschs über fachliche und institutionelle Grenzen hinweg. Dabei seien die aus der Szenario-Diskussion abgeleiteten Zielbestimmungen besonders integrationsfähig, da sie gezielt unterschiedliche Politikfelder zusammenbringen und auf konstruktive Kritik statt Abwehr bauen.

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Themeneinfindung und Kennenlernen

Um sich ins Thema einzufinden und um sich gegenseitig kennenzulernen, wurden im Plenum zunächst individuelle Zukunftserwartungen gesammelt. Die Aufgabenstellung lautete: „Unsere städtische Lebens- und Wirtschaftsweise wird sich zukünftig in vieler Hinsicht stärker an Kreislaufprinzipien orientieren müssen: Woran denke ich zuerst, wenn ich mich persönlich als zukünftiger Nutzer oder Betroffener der Entwicklungen in Bezug auf das Leitbild ,Kreislaufstadt‘ sehe?“ Die Teilnehmer schrieben dazu Trends und Erwartungen auf und stellten anschließend sich und „ihren“ Trend den anderen vor: In der Kreislaufstadt ist eine Balance aus Top-Down-Steuerung einerseits und Selbstorganisation und -entwicklung dezentraler Ansätze und Konzepte andererseits essentiell. Das Zusammenspiel von Bürgern, Politik sowie Ver- und Entsorgungswirtschaft erfordert neue Formen der Partizipation, stellt neue Anforderungen an die Ver- und Entsorgungswirtschaft und auch an die Leitungsinfrastrukturen. Bei Entscheidungen zu städtischen (Infrastruktur-)Projekten sowie zur Stadtentwicklung insgesamt werden die Bürger sowie alle weiteren relevanten Akteure aktiv einbezogen (breite Akteursbeteiligung). Eine umweltfreundliche Wirtschaft wird gefördert und aktiv in städtische Entscheidungsprozesse einbezogen. Die Kreislaufstadt ist eine Null-Emissions-Stadt, in der unausgeschöpfte Innovationspotenziale durch die Abschaffung von Denktabus („dunkle Materie“) aktiviert werden. Effektive Lösungen durch die sog. „Blue Economy“ bringen Gesundheit und Lebensqualität. Durch das verstärkte Denken in Stoffkreisläufen werden wir mehr Gefühl für unseren persönlichen „Input“ (z.B. Einkäufe) und „Output“ (z.B. „Abfall“) entwickeln und mehr Unnötiges vermeiden. Die Idee der Permakultur – dass, wie auch in der Natur, jeder Output gleichzeitig auch ein Input für etwas anderes ist – findet Einzug in sämtliche städtischen Planungs- und Produktionsprozesse. Es findet ein 100%-iges Recycling von Abfällen statt (Biomasse, Kunststoffe, Metalle). Immer mehr Kreisläufe werden im Zuge von Systemintegrationen zusammengeführt.

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In der Kreislaufstadt werden auch urbane Flächen immer wieder in die Nutzung zurück geführt (Stichwort „Flächenrecycling“). „Rest-“ und „Brachflächen“ gibt es nicht mehr (weil Flächen immer wieder neu genutzt werden). Kennzeichnend für die Stadt sich vor allem kurze Wege, eine effiziente Flächen- und Gebäudenutzung sowie eine besonders dichte Kommunikation, die in Balance zwischen Distanz und Nähe steht. Die Kreislaufstadt ist ein Netz aus kleinräumigen, dezentralen und untereinander aktiv kommunizierenden Inseln. Neben Wertstoffen und Wasser wird auch Wissen „recycelt“ und „wieder verwendet“, so dass Wissenskreisläufe entstehen. Die Stadt ist dabei sowohl Konsument als auch Produzent. Für jeden der in den Kommunen genutzten Kreisläufe gibt es einen (ggf. kommunalen) Ansprechpartner, so dass Informationen bzgl. der jeweiligen Kreisläufe an zentraler Stelle abrufbar sind. Konsumiert werden vorrangig lokale Produkte – so weit wie möglich. Wobei jedes Produkt und jede Dienstleistung Teil eines lokalen Kreislaufs ist. In der Kreislaufstadt werden vor allem lokal verfügbare Ressourcen genutzt. Durch wachsende Rohstoffknappheiten wird es zunehmend schwieriger sein, sich einen herkömmlichen, konsumierenden Lebensstil in den Städten noch „zu leisten“. Der limitierende Faktor bei städtischen Prozessen und Abläufen ist immer auch eine Frage der Verfügbarkeit von Energie. Innovative Mobilitätskonzepte ermöglichen die Schaffung einer Fahrrad- und ÖPNVfreundlichen Infrastruktur. In „Give&Take“-Centern (Umtausch- oder Gratis-Läden, Tauschbörsen) haben BürgerInnen die Möglichkeit, nicht (mehr) benötigte Produkte abzugeben und/oder gegen andere zu tauschen. Die Einsparung von Ressourcen durch das Teilen von Produkten nimmt einen großen Stellenwert ein. Es wird mehr geteilt genutzt sowie repariert und wiederverwendet.

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Bei vielen Dingen wird man stärker von der Gemeinschaft abhängig sein. Dadurch entsteht auch ein neuer, gestärkter sozialer Zusammenhalt. Eine bewusste Ernährung und Herstellung von Nahrungsmitteln wird hohen Stellenwert genießen. Stichworte: Bokashi2- und Regenwurm-Komposter (auch indoor) sowie Hinterhof-Gemeinschaftsgärten und andere Formen urbanen Gärtnerns. Neue Formen der Verbindung von Arbeits- und Lebensalltag werden sich verbreiten. Genauso wie ein gesunder, lebendiger Boden in seiner Bildung unterstützt und geführt werden muss, so muss auch das entsprechende (Kreislauf-)Wissen entwickelt und weitergegeben werden (nicht nur in der Schule, sondern auch in der Erwachsenenbildung). Neue Wege, etwa neue Handlungsspielräume und Lösungsansätze, entstehen vor allem auch dadurch, dass sie gegangen werden – vorzugsweise vernetzt und in Gemeinschaft.

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Platzsparende Methode der Schnellkompostierung – unter Luftabschluss mit Hilfe von Mikroorganismen und Vergärung.

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Wünschbarkeiten und Risiken der Kreislaufstadt

Anschließend wurde das Szenario „Sarah denkt gerne im Kreis“ [siehe Anhang] gelesen. Es ist von Dr. Gaßner in der Folge und auf der Basis des vorausgegangenen Szenario-Generierungs-Workshops als „konsensuales Wunschszenario“ der TeilnehmerInnen erstellt worden. Die TeilnehmerInnen wurden gebeten, die Szenario-Inhalte hinsichtlich Wünschbarkeit und Risiken subjektiv zu bewerten: „Bitte markieren Sie für sich einerseits Aspekte, die Sie persönlich besonders attraktiv finden und andererseits solche, die Ihnen nicht gefallen oder die Sie gar abschrecken würden.“ Wieder im Plenum wurden die so gesammelten als besonders positiv oder als negativ empfundenen Szenario-Assoziationen von den Teilnehmern vorgestellt und zugleich grob thematisch gruppiert.

(Vorwiegend) Positiv empfundene Aspekte und Assoziationen
Cluster „Wahlmöglichkeiten und Handlungsspielräume“ Unterschiedliche Angebote zur Gemeinschaftsnutzung erlauben die Auswahl der konkreten Nutzungsformen nach persönlicher Vorliebe zum Beispiel bezüglich der Nähe zu den „Mitnutzern“ (etwa anonymeres Carsharing versus persönlicheres „Nachbarschaftsauto“). Die Wahlmöglichkeit zwischen lastabhängiger Außensteuerung von Haushaltsgeräten und dem selbstbestimmtem „Sofortstart“ bleibt grundsätzlich bestehen (auch wenn diese Autonomie ihren Preis hat). Das Bewusstsein der Bürger als „Prosumenten“ erweitert Handlungsspielräume (Energie einspeisen oder selbst verbrauchen? Fahrzeugbatterie als Puffer anbieten und zu welchen Konditionen? etc.). Integrierte Mobilitätskonzepte erlauben eine besonders individuelle Wahl und Kombination der Verkehrsmittel in der Wegekette. Bei allen unbestrittenen Vorteilen und Notwendigkeiten von intelligenter Netzsteuerung (Haushaltsgräte und private Mini-Heizkraftwerke im Smart Grid) müssen die Nutzerautonomie und ausreichende Wahlmöglichkeiten ausreichend gewahrt bleiben.

Szenario-Auswertungs-Workshop Kreislaufstadt 2030 Cluster „Lebensqualität und Selbstentfaltung in der Kreislaufstadt“

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Die Wahrnehmung von Schönheit und Harmonie (Ästhetik) in der Natur und der eigenen Lebensweise wird gestärkt. Kurze Wege zwischen Wohnen, Arbeitsplatz und Telearbeitsplatz als Beitrag zur Lebensqualität werden gezielt gefördert. Gemeinschaftliches, urbanes „Ackern“ ist gut für Herz und Sinne und damit für die Gesundheit und die Gemeinschaft. Der Zeitaufwand für neue („kreislaufbedingte“) Alltagsaktivitäten (z.B. Gartenpflege) wird in Grenzen gehalten (z.B. durch professionelle Gartenbetreuer). Es gibt neue Möglichkeiten und Räume zur Selbstentfaltung, z.B. im „Selbermach-Haus“ und im „Gemeinschaftsgarten“. Schulgärten dienen nicht nur als Feigenblatt, sondern sind auch tatsächlich produktiv (z.B. zum Gemüseanbau) und damit befriedigend und bildend zugleich. Das Haus der Eigenarbeit fördert das Reparieren und damit die Weiter- und Wiederverwendung von Geräten, Kleidung etc. Die Bevorzugung hochwertiger Artikel reduziert den „Wegwerfkonsum“ und beeinflusst dadurch die Rahmenbedingungen für Design, Mode, Materialwahl und Eigenherstellung. Eigenproduktion fördert Resilienz (z.B. Gesundheit und Selbsthilfe-, Selbstversorgerkompetenzen). Außerdem wird durch Selbstherstellung ein vertieftes Wissen zu Produktkreisläufen erzeugt und somit die Wertschätzung für Produkte gestärkt, was wiederum ihre verschwenderische Nutzung reduziert.

(Vorwiegend) Negativ wahrgenommene Aspekte und Assoziationen
Cluster „Technikdominanz und Datenschutz“ Die zunehmende Verbreitung „intelligenter“ Haushaltsgeräte und automatisierter Steuerungsformen können zu immer größeren Lücken im Schutz persönlicher Daten führen. Zuviel Automation kann zu einer wachsenden Abhängigkeit von Technik führen und den gebotenen Schutz der Persönlichkeit verletzen. Zunehmende externe Koordination und Außengesteuertheit von Haushaltstechnik kann die Nutzerautonomie über Gebühr beeinträchtigen.

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„Smarte“ Produkte, die für uns (im Sinne der Öko-Effektivität) entscheiden, erzeugen ein Spannungsverhältnis zwischen Nutzerautonomie und Fremdbestimmung. Das Eigenleben der Haushaltsgeräte (erzeugt durch Energieverbrauchssteuerung von außen – „Demand Management“) führt zu Einschränkungen bei der Tagesplanung. „Intelligente“ Haushaltsgeräte mit „Verbundsteuerung“ können über das Ziel hinausschießen, wenn sie etablierte, nach wie vor sinnvolle Alltagsrhythmen stören. Eine (falsche) High-Tech-Orientierung bei Haushaltsgeräten kann der gemeinschaftlichen Nutzung und der Förderung des Gemeinschaftsbesitzes zuwider laufen. Hierzu könnten gerade einfache und damit robuste Geräte förderlicher sein. „Persönliche Mobilitätsassistenten“ könnten durch erlernte Orientierungsdefizite zu einer neuen Abhängigkeit führen. Cluster „Begrenzung der Telekommunikation“ Telekommunikation sollte physische Mobilität(sanlässe) nicht zu sehr ersetzen. Nicht medialisierte persönliche Kontakte sollten durch Telekommunikation nicht über die Maßen reduziert werden. Cluster „Faktor Mensch berücksichtigen“ Bei der Gestaltung innovativer Kreislaufkonzepte müssen Gewohnheiten und Beharrungstendenzen von Konsumenten/Bürgern realistisch berücksichtigt werden. Intelligent gestaltete Netzverbunde führen zu bereitwilliger Mitwirkung und gestärktem Kreislauf-Bewusstsein und fördern damit „Öko-Pioniere“. Sind (freiwillige) nachbarschaftliche Produktnutzungsgemeinschaften in einer eher anonymen Großstadt überhaupt massenhaft zu etablieren? Um die Bürger zum mitmachen zu bewegen, muss Wissen über Kreisläufe umfangreich und konsistent vermittelt werden. Dazu sind auch neue Bildungsformen nötig. Bildung muss Wissen zu Kreisläufen in der Stadt und zum nachhaltigen Wirtschaften vermitteln und dazu auch den internationalen Austausch nutzen.

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Als ambivalent empfundene Aspekte und Assoziationen
Cluster: „Integrative Kreislaufplanung“ Die Kreislaufstadt muss mit diversen (Ziel-)Konflikten und Konkurrenzen umgehen: o (Dach-)Flächennutzung zur Solarenergienutzung versus urbaner Lebensmittelanbau o Schaffung von neuen Strukturen mit „kurzen Wegen“ versus ressourcensparsame Erhaltung vorhandener (Infra-)Strukturen o Energetische versus werkstoffliche Verwertung von Abfällen o Lokale Produktion versus interregionale Spezialisierung/Arbeitsteilung Nicht alle Konzepte der Kreislaufstadt sind überall sinnvoll realisierbar (Beispiel: Nicht auf jedem Dach kann ein Gewächshaus stehen.). Daher ist eine differenzierte Betrachtung der Potenziale notwendig, beispielsweise hinsichtlich der Akteursstrukturen oder der Finanzierbarkeit. Stadt-Innenentwicklung darf nicht ausschließlich unter dem Primat der Nachverdichtung stehen. Stattdessen ist zunächst die Revitalisierung der Wohnfunktion und der Funktionsdurchmischung prioritär. Kreislaufplanung darf nicht zu Ausgrenzungen führen, d.h. eine Aufwertung der Innenstadt darf nicht eine „Abwertung“ des (bestehenden) Speckgürtels bzw. des Umlandes gegenüber der Stadt zur Folge haben. Stadtplanung muss auch die Lebensbedingungen auf dem Lande im Blick behalten. Nicht alle Menschen sollen in Städten leben müssen. Die Kreislaufstadt kann die Zersiedlung des ruralen und peri-urbanen Raumes stoppen, und wird zugleich die Vernetzung der Stadt mit dem Umland systematisch ausbauen. Realistische Kreislaufplanung muss nicht nur Außen und Innen unterscheiden, sondern die Stadt nach Stadtteil- und Quartiersebene differenziert betrachten. Kreislauforientierte Stadtplanung ist notwendigerweise langfristige Stadtplanung. Die Herausforderung, Kreisläufe „so lokal wie möglich“ zu gestalten, ist eine Messlatte, die über lange Zeit immer wieder höher gelegt werden kann. Eine partielle Dezentralisierung von Infrastrukturen muss immer die Funktionsfähigkeit der verbleibenden zentralen Strukturen sicherstellen. Kommunen haben eine wichtige Vorbildfunktion, z.B. durch ökoeffektive öffentliche Gebäude.

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Die integrative Planung von Energie- und Rohstoffkreisläufen birgt viele (neue) Synergien. Der Verbundgedanke als Ziel ist auf vielen Ebenen nützlich: Stadt-Umland, Lastmanagement, Kraft-Wärme-Verbund, Energie- und Nahrungsproduktion etc.

Vermisste bzw. unterrepräsentierte Aspekte
Cluster „Finanzierung und sozioökonomische Differenzierungen“ Ökonomische Fragestellungen und Managementkonzepte für die Kreislaufstadt müssen bedacht werden. Neue Geschäftsmodelle müssen entwickelt werden. Beispiel: Wie finanziert sich eine Kommune ein „ökoeffektives Vorzeigegebäude“? Die Beziehungen zwischen Stadt und Umland müssen präzisiert werden. Die soziale und politische Organisation sollte geklärt werden. Es sollte untersucht werden, wie eine Vernetzung zwischen den Städten hinsichtlich Informationsaustausch und physischer Mobilität (ÖPNV, Fahrgemeinschaften etc.) unter Kreislaufgesichtspunkten optimiert werden kann. Finanzierungsfragen z.B. von Pilotprojekten oder lokalen Kreislaufagenturen müssen in den Blick genommen werden. Neben einem (hoch wünschenswerten) „kommunalem Stoffstrom-Atlas“ wären weitere Atlanten und (nachfolgend) Plattformen wünschenswert: Energieatlas, Unternehmensatlas, Ressourcenatlas, Sharing-Plattform, Marktplatz mit Agenten. Die in der jeweiligen Kommune ansässigen Produktions- und Gewerbeunternehmen müssen zentral in eine Kreislaufplanung einbezogen werden. Die Faktoren (Erwerbs-)Arbeit und verfügbare Einkommen müssen als soziale Dimension der Kreislaufstadt berücksichtigt werden. Die Rückgewinnung der Allmenden als frei nutzbares gemeinschaftliches Eigentum, muss auch und gerade in der Kreislaufstadt als Ressource im Umgang mit Erwerbslosigkeit genutzt werden. Sozialpolitische Aspekte und sozioökonomische Faktoren wie Altersstruktur, Haushaltsgrößen, Wohneigentum und Einkommensverteilung sollten differenzierend berücksichtigt werden.

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Gestaltungsoptionen und Handlungsansätze auf dem Weg zur Kreislaufstadt

Nach der gemeinsamen thematischen Gruppierung der gesammelten Aspekte wurde durch „Punkte kleben“ zunächst ein Stimmungsbild hinsichtlich der subjektiven Gewichtungen erstellt. Auf dieser Basis wählten die Teilnehmer anschließend unter den höchstbepunkteten Themen-Clustern aus und bildeten so Arbeitsgruppen für die weitere Bearbeitung der folgenden vier Themenfelder: „Integrative Kreislaufplanung“ „Lebensqualität und Selbstentfaltung in der Kreislaufstadt“ „Faktor Mensch berücksichtigen“ „Finanzierung und sozioökonomische Differenzierungen“

In der ersten Arbeitsphase befassten sich die Gruppen dann zunächst mit dem „Wunschhorizont“ ihres Themenfeldes unter hypothetischen optimalen Bedingungen: „Welche Entwicklungen in unserem Themen-Cluster würden wir uns unter idealen Bedingungen wünschen?“ Anschließend informierten sich die Teilnehmer gemeinsam über die Ergebnisse der jeweils anderen Gruppen. Im nächsten Schritt wurden aus diesen „idealen Zukünften“ realistische „Anforderungen“ an die „Kreislaufstadt“ herausgearbeitet: „Was bedeuten diese Wünsche im Einzelnen: Welche Ziele, welche Anforderungen lassen sich daraus für die Kreislaufstadt ableiten?“ Und nach einem weiteren Zwischenschritt zum Austausch der Gruppen untereinander wurde schließlich in jeder AG eine prioritäre Anforderung ausgewählt, zu der dann konkrete Handlungsoptionen skizziert wurden: „Entwerfen Sie Handlungsansätze bzw. Strategieelemente zur Realisierung dieser Anforderung.“ Abschließend wurden alle Ergebnisse der Gruppenarbeiten im Plenum präsentiert, diskutiert und ergänzt.

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Arbeitsgruppe „Integrative Kreislaufplanung“
Ausgangspunkt war das folgende Themen-Cluster : Die Kreislaufstadt muss mit diversen (Ziel-)Konflikten und Konkurrenzen umgehen: o (Dach-)Flächennutzung zur Solarenergienutzung versus urbaner Lebensmittelanbau o Schaffung von neuen Strukturen mit „kurzen Wegen“ versus ressourcensparsame Erhaltung vorhandener (Infra-)Strukturen o Energetische versus werkstoffliche Verwertung von Abfällen o Lokale Produktion versus interregionale Spezialisierung/Arbeitsteilung Nicht alle Konzepte der Kreislaufstadt sind überall sinnvoll realisierbar (Beispiel: Nicht auf jedem Dach kann ein Gewächshaus stehen). Daher ist eine differenzierte Betrachtung der Potenziale notwendig, beispielsweise hinsichtlich der Akteursstrukturen oder der Finanzierbarkeit. Stadt-Innenentwicklung darf nicht ausschließlich unter dem Primat der Nachverdichtung stehen. Stattdessen ist zunächst die Revitalisierung der Wohnfunktion und der Funktionsdurchmischung prioritär. Kreislaufplanung darf nicht zu Ausgrenzungen führen, d.h. eine Aufwertung der Innenstadt darf nicht eine „Abwertung“ des (bestehenden) Speckgürtels bzw. des Umlandes gegenüber der Stadt zur Folge haben. Stadtplanung muss auch die Lebensbedingungen auf dem Lande im Blick behalten. Nicht alle Menschen sollen in Städten leben müssen. Die Kreislaufstadt kann die Zersiedlung des ruralen und peri-urbanen Raumes stoppen, und wird zugleich die Vernetzung der Stadt mit dem Umland systematisch ausbauen. Realistische Kreislaufplanung muss nicht nur Außen und Innen unterscheiden, sondern die Stadt nach Stadtteil- und Quartiersebene differenziert betrachten. Kreislauforientierte Stadtplanung ist notwendigerweise langfristige Stadtplanung. Die Herausforderung, Kreisläufe „so lokal wie möglich“ zu gestalten, ist eine Messlatte, die über lange Zeit immer wieder höher gelegt werden kann. Eine partielle Dezentralisierung von Infrastrukturen muss immer die Funktionsfähigkeit der verbleibenden zentralen Strukturen sicherstellen. Kommunen haben eine wichtige Vorbildfunktion, z.B. durch ökoeffektive öffentliche Gebäude. Die integrative Planung von Energie- und Rohstoffkreisläufen birgt viele (neue) Synergien. Der Verbundgedanke als Ziel ist auf vielen Ebenen nützlich: Stadt-Umland, Lastmanagement, Kraft-Wärme-Verbund, Energie- und Nahrungsproduktion etc.

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Zur „idealen Zukunft“ dieses Themenfeldes sammelte die Arbeitsgruppe im Brainstorming folgende Punkte: Kreisläufe werden auf unterschiedlichen Maßstabsgrößen betrachtet: von der Mega-City bis zur Parzelle. Anstatt den Anspruch zu haben, dass alle Kreisläufe perfekt in sich geschlossen sind und funktionieren, wird eher darauf gezielt, unterschiedliche Kreisläufe miteinander zu verbinden. Es gibt eine Nutzungsmischung innerhalb urbaner Flächen wie auch innerhalb (größerer) Gebäude (bspw.: Büro im Haus, Büroturm im Wohnblock). In der Kreislaufstadt gibt es deshalb auch keine „Gewerbegebiete“ mehr. Physische Mobilität findet nur auf freiwilliger Basis statt, wird also nicht durch lange Wege (zu Arbeit, Schule, Einkauf etc.) erzwungen. Eine städtische Kreislauf-Agentur plant und überwacht alle relevanten lokalen Kreisläufe und deren Zusammenwirken. Urbane Infrastrukturen (Ver- und Entsorgungssysteme) werden effizient „gebündelt“ (bspw. Breitband-Internetanbindung im Abwasserrohr). Bei allen Planungen findet eine „Kreislauf-Prüfung“ (analog zur Umweltverträglichkeitsprüfung – UVP) statt. Jedes Quartier hat seinen eigenen Recyclinghof. In jedem Quartier ist eine Stadtquartierskonferenz etabliert. Städtekonferenzen dienen dem Austausch der Kommunen untereinander zur Frage „Wie sieht eine gute Kreislaufstadt aus?“ (inkl. Multiplikation von Good-Practice-Beispielen). Zentrale und dezentrale Einrichtungen des Kreislaufmanagements tauschen sich ebenfalls regelmäßig aus. „Kreislauf-Coaches“ in den Quartieren beraten ihre Nachbarn oder das Quartiersmanagement dazu, wie Kreisläufe geschlossen und miteinander verknüpft werden können bzw. wie sich jeder „kreislaufgerechter“ verhalten kann. Bund und Städte haben aktive (bidirektionale) „Schnittstellen“ miteinander im Gebiet Kreislaufgestaltung/-management. Gesetze, die Kreisläufe hemmen, wurden systematisch abgebaut bzw. neue, fördernde Gesetze erlassen.

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Die Kommunalverwaltungen und die jeweilige lokale Wirtschaft kooperieren in neugeschaffenen „Kreislaufgremien“ (Planungskreisen, Koordinationsrunden etc.). Die (kommunale und private) Ver- und Entsorgungswirtschaft sind systemübergreifend integriert und verzahnt. Funktionsfähigkeit und Ökoeffektivität von Kreisläufen werden messbar gemacht, z.B. durch spezifische Indizes. Für gutes Kreislaufmanagement werden Boni vergeben.

Als Anforderungen an die Kreislaufstadt wurden daraus abgeleitet: Die erfolgreiche Kreislaufgestaltung erfordert ein systematisches und ganzheitliches Monitoring von Kreisläufen. o Es müssen systematische quartiersbezogene Stoffstromanalysen durchgeführt werden. Dabei sollten u.a. auch Zeitaufwände (der Bürger, der Unternehmen und der Verwaltung) erfasst werden, die mit unterschiedlichen Gestaltungsalternativen für bestimmte Kreisläufe notwendig werden. o Für das Monitoring müssen zweckmäßige Kenngrößen und die jeweils relevanten Maßstabsgrößen bei der Untersuchung von unterschiedlichen Kreisläufen identifiziert werden. o Auch die differenziellen Rollen der beteiligten/betroffenen Akteure und Stakeholder müssen analysiert werden (zunächst grundsätzlich und dann auch fortlaufend). o Ferner muss die notwendige Datenbasis erhoben, erschlossen und vernetzt werden. Erfolgreiches Kreislaufmanagement erfordert eine stärkere Integration und Zusammenführung bestehender Prozesse, Ebenen und Strukturen. Realisiert werden kann dies durch: o Einrichtung einer „Kreislaufkonferenz“, die für die jeweilige Stadt als Forum zum Austausch über Kreislaufaktivitäten, -planungen und -optionen dient; o Verstärkung bzw. Institutionalisierung interdisziplinären Arbeitens, also die Verknüpfung von Wissen aus verschiedenen, mit urbanen Kreisläufen zusammenhängenden disziplinären Fachgebieten, bspw. durch horizontale und vertikale Austauschplattformen.

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o Intensivierung einer kaskadenförmigen Governance, also des vertikalen Ineinandergreifens und -wirkens von Steuerungs- und Regelungsmechanismen auf Quartiers-, Städte-, Länder- sowie Bundesebene. o Systematische Identifizierung, Nutzung, Weiterentwicklung und Vernetzung bereits vorhandener Ansätze und Initiativen. Nötig sind zudem der Abbau legislativer Hemmnisse bei der Kreislaufplanung bzw. eine Reformierung der einschlägigen Gesetzesgrundlagen u.a. durch: o Aufhebung der Kategorie „reines Wohngebiet“ im Baugesetzbuch (BauGB); o Entwicklung einer „Kreislaufprüfung“, die analog zur Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) bei jeder größeren (Bau-)Maßnahme stattfindet. Nach der Auswahlentscheidung für die Anforderung „Abbau legislativer Hemmnisse bei der Kreislaufplanung und Reformierung der Gesetzesgrundlagen“ wurden zur Realisierung/Umsetzung folgende Handlungsoptionen skizziert, die auf den folgenden drei Ebenen differenziert wurden: Bundesebene Systematische Analyse und Reformierung von „kreislaufhemmenden“ Gesetzesgrundlagen Anpassung des Baugesetzbuchs (BauGB) mit dem Ziel der besseren Kreislaufführung, z.B. durch die Aufhebung der Kategorie „reines Wohngebiet“; Entwicklung einer „Kreislaufprüfung“, die analog zur Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) bei jeder größeren (Bau-)Maßnahme stattfindet; Allgemeine und spezielle Überprüfungen der Gemeindeordnungen der Bundesländer und der entsprechenden kommunalen Satzungen zum Anschluss- und Benutzungszwang für kommunale Infrastrukturen hinsichtlich „Kreislaufverträglichkeit“ Entwicklung und Einführung eines Zertifizierungs- und Labelsystems für Kommunen mit besonders effektivem Kreislaufmanagement.

Szenario-Auswertungs-Workshop Kreislaufstadt 2030 Landesebene

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Überprüfung und Anpassung der in Landesverantwortung stehenden Infrastrukturanteile hinsichtlich ihrer Eignung für und Unterstützung von kommunalem Kreislaufmanagement; Etablierung von Kreislaufkonferenzen als horizontale und vertikale Austauschforen zu Kreislaufaktivitäten für Städte und Land; Einrichtung von Landesförderprogrammen zur Unterstützung von Kreislaufinitiativen und Pilotprojekten sowie Auslobung von Preisen und Organisation von Wettbewerben als Anreiz zur (Weiter-)Entwicklung innovativer Kreislaufmanagementsysteme inkl. Auszeichnung und Multiplikation einschlägiger Best-Practice-Beispiele Kommunale-/Stadt-/Quartiersebene Einrichtung einer städtischen „Stoffstromagentur“ mit folgenden initialen Aufgaben Bestandsaufnahme des Ist-Zustandes inkl. Potenzialermittlungen bzgl. möglicher weiterer Kreislaufoptimierungen, vertiefende sektorielle Analysen und Erstellung eines kommunalen „Stoffstromatlas“ und Ableitung konkreter Handlungsempfehlungen für die Stadt, die Quartiere, betroffene Unternehmen aus den gewonnenen Erkenntnissen. Einbindung von Kreislaufaktivitäten in bestehende Lokale-Agenda-21-Initiativen Netzwerkbildung zwischen den einzelnen Quartieren, um so den horizontalen Austausch zu fördern (analog zum Berliner LA21-Netzwerk „Berlin 21 e.V.“). Organisation themenspezifischer Fortbildungen, die den relevanten Akteuren die Möglichkeit geben, zu den verschiedenen Themenfeldern im Bereich Kreislaufstadt auf Stand zu kommen bzw. auf dem Laufenden zu bleiben. Ausbau und Intensivierung des Quartiersmanagements als grundlegendes Instrument zur Schaffung einer kreislaufgerechten Stadt durch die Integration von Akteuren und Zielen einerseits sowie durch Anregung und „Empowerment“ zur Partizipation der StadtteilbewohnerInnen andererseits.

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In der anschließenden Plenardiskussion wurden folgende Punkte ergänzend diskutiert: Die Vorschläge der AG sollten die Implikationen der Umweltgesetzgebung stärker berücksichtigen; Antwort: Man müsste in der Tat zunächst eine systematische Analyse von „kreislaufhemmenden“ Gesetzesgrundlagen durchführen. Da die konkrete Anwendung des Anschluss- und Benutzungszwangs zu großen Teilen in der Verantwortung der Gemeinden liegt und ihre Grundlagen in den Gemeindeordnungen der Länder festgelegt sind, kann der Bund alleine diese Problematik sicher nicht lösen. Der Bund könnte allerdings bspw. Best-Practice-Lösungen einzelner Kommunen bekannt machen oder die Länder anregen, in ihren Gemeindeordnungen entsprechend liberalisierte Prüfregeln für Befreiungsmöglichkeiten vom Anschlusszwang einzuführen. Auch der geltende Zwang zur Bereitstellung von Autostellflächen bei Neubauten müsste in den Landesbauordnungen bzw. den kommunalen Stellplatzsatzungen gelockert bzw. „kreislaufgerechter“ reduziert werden . (Kreislaufförderliche) Regionalgeldinitiativen sollten sich nicht von einer vermeintlich hemmenden Gesetzeslage abschrecken lassen. Vieles muss hier mutig erprobt werden. Kreislaufförderliche Innovationen könnten auf Landesebene vor allem auch durch Öffentlichkeits- und Multiplikatorenarbeit gefördert werden.

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Arbeitsgruppe „Lebensqualität und Selbstentfaltung in der Kreislaufstadt“
Ausgangspunkt war das folgende Themen-Cluster: Die Wahrnehmung von Schönheit und Harmonie (Ästhetik) in der Natur und der eigenen Lebensweise wird gestärkt. Kurze Wege zwischen Wohnen, Arbeitsplatz und Telearbeitsplatz als Beitrag zur Lebensqualität werden gezielt gefördert. Gemeinschaftliches, urbanes „Ackern“ ist gut für Herz und Sinne und damit für die Gesundheit und die Gemeinschaft. Der Zeitaufwand für neue („kreislaufbedingte“) Alltagsaktivitäten (z.B. Gartenpflege) wird in Grenzen gehalten (z.B. durch professionelle Gartenbetreuer). Es gibt neue Möglichkeiten und Räume zur Selbstentfaltung, z.B. im „Selbermach-Haus“ und im „Gemeinschaftsgarten“. Schulgärten dienen nicht nur als Feigenblatt, sondern sind auch tatsächlich produktiv (z.B. zum Gemüseanbau) und damit befriedigend und bildend zugleich. Das Haus der Eigenarbeit fördert das Reparieren und damit die Weiter- und Wiederverwendung von Geräten, Kleidung etc. Die Bevorzugung hochwertiger Artikel reduziert den „Wegwerfkonsum“ und beeinflusst dadurch die Rahmenbedingungen für Design, Mode, Materialwahl und Eigenherstellung. Eigenproduktion fördert Resilienz (z.B. Gesundheit und Selbsthilfe-, Selbstversorgerkompetenzen). Außerdem wird durch Selbstherstellung ein vertieftes Wissen zu Produktkreisläufen erzeugt und somit die Wertschätzung für Produkte gestärkt, was wiederum ihre verschwenderische Nutzung reduziert.

Zur „idealen Zukunft“ dieses Themenfeldes sammelte die Arbeitsgruppe im Brainstorming folgende Punkte: Alle BürgerInnen erhalten ein bedingungsloses Grundeinkommen, sodass sie ihr kreatives Potenzial stärker ausleben können. Oberste Maxime beim Produktdesign ist es, Produkte mit möglichst hoher Lebensdauer zu entwerfen und herzustellen. Handwerk wird zunehmend als Kunst begriffen (analog zur Bauhaus-Bewegung). Anstatt Wert darauf zu legen, Produkte zu besitzen und mit der Zeit so immer mehr materielle Güter anzuhäufen, werden Produkte genutzt. „Sharing-Konzepte“ und Leasing rücken daher stärker in den Vordergrund.

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In allen Stadtteilen entwickeln sich vielfältige Gemeinschaftsgärten und produktive „Küchengärten“, in denen u.a. verschiedene, ökologisch vorbildliche Kompostiermethoden praktiziert werden. Damit einhergehend haben sich „Erntegemeinschaften“ gebildet. In den Gemeinschafts- bzw. interkulturellen Gärten engagieren sich v.a. auch ältere MigrantInnen, die so ihr traditionelles Wissen über Gärtnern und Küchenkunst einbringen können. Auch generell werden „interkulturelle“ Beziehungen besonders durch verschiedene Formen von Nachbarschaftshilfe gefördert (nicht nur in Gärten). Die Gärten (re-)produzieren ihr Saatgut überwiegend selbst und sorgen durch die Weitergabe in nicht-kommerziellen Saatgutbörsen für den Erhalt alter Kultursorten. Der Kulturboden wird mit Hilfe ökologischer Gartenmethoden revitalisiert, z.B. durch Kompostierung und das Terra-Preta3-Verfahren. Auch innerstädtische Flächen werden für den selbstversorgenden Gartenbau freigegeben, teils auch in Hochbauten (z.B. in ehemaligen Büro- oder Parkhäusern). Leerstehende bzw. länger brach liegende Flächen werden von den Stadtbewohnern zunehmend für urbane Landwirtschaft und andere Begrünungsprojekte in Anspruch genommen. Auf Gemeinschaftsflächen, sogenannten „Commons“ bzw. „Allmenden“, werden Nahrungsmittel in Peer-Produktion (Gemeinschaftsproduktion durch Gleichgesinnte) erzeugt. Bei mehr als einjährigem Leerstand von Gebäuden oder Flächen ergibt sich automatisch ein (Zwischen-)Nutzungsrecht für Interessierte. Bei noch längerem Leerstand oder nachgewiesener (gemeinschädlicher) Spekulationsabsicht können auch Formen der Enteignungen von Grundbesitz in Frage kommen. Wichtig ist, dass sich die Stadtbewohner im Grünen wohlfühlen können. In der Stadt gibt es eine Vielzahl an Läden, die auf Weiterverkauf, Tausch oder unentgeltliche Weitergabe von gebrauchten „Sekundärprodukten“ spezialisiert sind. In jedem Wohnblock findet sich eine „offene Reparaturwerkstatt“, in der das Werkzeug gemeinschaftlich geteilt wird.
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Mischung von Holzkohle, Dung und Kompost, durchsetzt mit Tonscherben und gelegentlich auch Muschelschalen

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Als Anforderungen an die Kreislaufstadt wurden daraus abgeleitet: Alle Menschen müssen wertgeschätzt werden – auch wenn sie sogenannten Randgruppen angehören. Ein „Outsourcing“ in die Erwerbslosigkeit darf nicht stattfinden. Durch ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ muss die Kreativität der Menschen stärker gefördert und genutzt. Flächenbrachen und Gebäudeleerstände werden nach (kurzer) Wartefrist wieder einer Nutzung zugeführt, in dem sie zu „Allmenden“ erklärt werden. Eine Bonus-Malus-Regelung schafft massive Anreize zur Müllvermeidung. Arbeitnehmer und Kosumenten werden zufriedener, dadurch dass sie qualitativ hochwertige Produkte herstellen, nutzen und reparieren können.

Nach der Auswahlentscheidung für die Anforderung „Flächenbrachen und Gebäudeleerstände werden nach kurzer Wartefrist wieder einer Nutzung zugeführt“ wurden zur Realisierung/Umsetzung folgende Handlungsoptionen skizziert: Was:
o

Nicht- bzw. untergenutzte urbane Flächen und Räume werden der Spekulation entzogen und für die Gesellschaft zurückgewonnen, indem sie nach festgelegter (nicht zu langer) Wartefrist wieder einer Nutzung zugeführt werden. Diese (Zwischen)Nutzungen sollen im Interesse der Stadt möglichst multi-funktional angelegt sein. Denkbare Nutzungsformen umfassen etwa die Freizeitgestaltung, die Erzeugung erneuerbarer Energien (Solaranlagen, kleine Windkraftanlagen, Biokraftwerke etc.), den urbanen Gartenbau sowie Wohnen und Arbeiten. Solchermaßen der Gemeinschaft eröffnete „Frei“-Räume fördern „Kreativität“ und zufriedenere Bürger, wovon die urbane Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht profitiert.

Wie:
o

Nicht genutzte Frei- und Brachflächen sowie Industrie-, Verwaltungs- und Wohngebäude, aber auch einzelne Wohnungen werden in einem entsprechenden „Kataster“ erfasst. In diesem Kataster werden die identifizierten bzw. gemeldeten Flächen oder Räume nach Überprüfung als „ungenutzt“ gekennzeichnet und mit Datum festgehalten. Verwaltet wird das „Kataster“ von der Kommune, die für das Monitoring verantwortlich ist und zur Vergabe und Kontrolle ein paritätisches Gremium beruft.

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o

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Nach einem festgelegten Zeitraum der Nichtnutzung (etwa ein bis maximal zwei Jahre) werden die Flächen bzw. Räume dem Gremium zur Vergabe überwiesen. Das Gremium setzt sich aus verschiedenen lokalen Interessengruppen wie Anwohnern sowie Kommunal- und Wirtschaftsvertretern zusammen. In einem geregelten Verfahren können Interessierte dann Bewerbungen für die Nutzung abgeben. Bewerben dürfen sich vorrangig lokale Interessenten wie Bürgerinitiativen, Kulturschaffende, Kleingewerbebetreibende etc. Das Gremium überprüft und bewertet die Vorschläge und entscheidet über die Vergabe der Nutzungsrechtsrechte.

o

Eine dauerhafte Enteignung der Besitzer ist hiermit in der Regel nicht verbunden. Eigentümer haben vielmehr die Möglichkeit, nach einer festgelegten Schutzfrist ggf. wieder Eigenbedarf anzumelden und so ihre Flächen oder Räume wieder in die eigene Verfügung zu bekommen. Vorgeschobene Scheinnutzungen sind jedoch ausgeschlossen und werden streng kontrolliert.

o

Solche lokalen Maßnahmen stärken gleichermaßen die integrative Bildung von Gemeinschaft wie auch eine gemeinschaftliche Bildung. Konsensuale Ziele können dabei etwa die Verbrauchsreduktion von fossilen Energieträgern sowie die Stärkung der Regional- und Lokalwirtschaft sein. Um solche „Gemeinschaftsbildungsprozesse“ zu fördern, könnten entsprechende Themen in die Schulen getragen (Projekttage) und in (Volks)Hochschulen angeboten werden.

In der anschließenden Plenardiskussion wurden folgende Punkt ergänzend diskutiert: Das „Kataster“ muss natürlich ausreichend bekannt gemacht werden und für alle Betroffenen und Interessenten einsehbar und transparent sein. Als Vorbild könne das in Leipzig etablierte Konzept der „Wächterhäuser“ dienen: Bei (ungewolltem) Leerstand werden ratlose Eigentümer und kreative Raumsuchende zusammengeführt. Die Zwischennutzer erhalten „viel Fläche für wenig Geld“, „wachen“ im Gegenzug über die Immobilie und erhalten diese durch ihre Nutzung. Geregelt wird dies durch Gestattungsvereinbarungen zwischen den Eigentümern und einem gemeinnützigen Verein. Als "Wächter" kommen insbesondere soziale, kulturelle, gewerbliche Nutzer mit Ausstrahlung und Anziehung auf das Quartier in Frage. Ein ebenfalls interessantes Vorbild gebe es auch in NRW: Dort wurde vom Land und der Deutschen Bahn AG eine Bahnentwicklungsgesellschaft

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(BEG) gegründet, um gemeinsam mit den Kommunen attraktive Nutzungsmöglichkeiten für brachliegende Bahnimmobilien und -flächen zu finden.

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Arbeitsgruppe „Den Faktor Mensch berücksichtigen“
Ausgangspunkt war das folgende Themen-Cluster: Bei der Gestaltung innovativer Kreislaufkonzepte müssen Gewohnheiten und Beharrungstendenzen von Konsumenten/Bürgern realistisch berücksichtigt werden. Intelligent gestaltete Netzverbunde führen zu bereitwilliger Mitwirkung und gestärktem KreislaufBewusstsein und fördern damit „Öko-Pioniere“. Sind (freiwillige) nachbarschaftliche Produktnutzungsgemeinschaften in einer eher anonymen Großstadt überhaupt massenhaft zu etablieren? Um die Bürger zum Mitmachen zu bewegen, muss Wissen über Kreisläufe umfangreich und konsistent vermittelt werden. Dazu sind auch neue Bildungsformen nötig. Bildung muss Wissen zu Kreisläufen in der Stadt und zum nachhaltigen Wirtschaften vermitteln und dazu auch den internationalen Austausch nutzen.

Zur „idealen Zukunft“ dieses Themenfeldes sammelte die Arbeitsgruppe im Brainstorming folgende Punkte: Die Bürger erkennen ihre eigene Verursacherrolle. Man wird sich bewusst, wie man persönlich mit wichtigen Ressourcen umgeht: „Brauche ich in meiner Toilette wirklich eine Spülung mit Trinkwasser?“ Die Wahrnehmung der eigenen Verantwortung führt zu einer Kultur des Aktivwerdens und des „Self-Empowerment“. (Kreislauf-)Bildung wird als zentraler Faktor gesehen – für Kinder und Erwachsene.
o o

Schulen werden ansprechender gestaltet. Es werden angemessene Methoden für die Erwachsenenbildung entwickelt. Beispielsweise praktische, erlebnisorientierte Workshops zur Reaktivierung „vergessenen Wissens“ oder zur Förderung „guter Gruppenarbeit“.

Es werden Formen der aktiven Ansprache entwickelt, die bei allen gesellschaftlichen Gruppen eine „Lust am Mitmachen“ wecken. Regelmäßig finden Bürgerforen zu Fragen der Kreislaufgestaltung statt. Das (Erfahrungs-)Wissen insbesondere auch von älteren Mitbürgern wird wertgeschätzt.

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Es findet ein lebendiger Austausch zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen statt. Es herrscht eine Atmosphäre der Achtsamkeit, des gegenseitigen Respektierens und der Wertschätzung. Die soziale und ethnische Durchmischung wirkt dabei besonders inspirierend. Alle Rahmenbedingungen, die individuelle Verbraucherentscheidungen hin zu kreislaufkonformen Alternativen erleichtern, werden neu bewertet und wandeln sich entsprechend: Lebens- und Arbeits(zeit)modelle, persönliche Zeitbudgets und rechtliche Aspekte. Äußerer Ausdruck des Wandels sind auch geänderte Statussymbole und ihre Präsenz in Kultur und Medien: „Humustoilette statt Geländewagen“. Neue, kreislaufkonforme Geschäftsmodelle entwickeln sich: Statt als Ebay-„Powerseller“ minderwertige Wegwerfartikel zu vertreiben, werden etwa lukrativ hochwertige (Shitake-)Speisepilze auf gesammeltem Kaffeesatz gezogen. Tauschringe und Komplementärwährungen (Regiogeld) fördern die Kreisläufe. Durch abwasserlose Systeme werden Klärwerke zu Humuswerken.

Als Anforderungen an die Kreislaufstadt wurden daraus abgeleitet: Schaffung von Orten bzw. Zentren für Austausch, Vermittlung und Erleben von (Kreislauf-)Wissen o bspw. in Form von (bzw. in Kombination mit): Stadtlaboratorien, offenen Werkstätten und (produktiven) Stadt- oder Bürgergärten o mit Zugriffsmöglichkeiten auf gesammeltes (internes und externes) Wissen durch Bibliothek/ Archiv/ Dokumentation/ Internet-Zugang o zur Vermittlung systemischen Wissens, aber auch zur Entwicklung eigener Ziele und Visionen o auch als Orte der Begegnung und der kreativen Entfaltung o für unterschiedliche soziale und ethnische Gruppen (inkl. Kinder und Senioren) zur Ermöglichung interkultureller und intergenerationeller Lernerfahrungen o mögliche Beispiele: „Unperfekthaus“ in Essen, „Bürgerwache“ in Bielefeld

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Aktivierung und Integration von Menschen, die dem Leitbild „Kreislaufstadt“ zwar zugeneigt sind, aber den Schritt zum Handeln noch nicht getan haben o durch Schaffung spezifischer Anreizsysteme o durch persönlichen Kontakt („an der Haustür“) z.B. bei Tauschsystemen o durch eine ausgeprägte „Kultur der Integration“ (statt der Ausgrenzung) bei allen Planungen und Aktivitäten Verbesserung der Rahmenbedingungen für individuelles (Kreislauf-)Engagement Speziell in einer Übergangszeit der Zweigleisigkeit wird neues Engagement vor allem als zusätzlicher Zeitaufwand angesehen. Idealbedingungen für ein nachhaltiges Engagement für Kreislaufbelange bieten deshalb neue Arbeitsmodelle, die die Erwerbsarbeit für Alle auf eine Tageshälfte beschränken (Stichwort „Halbtagsgesellschaft“) bzw. auf 20 Stunden pro Woche (Stichwort „solidarische Postwachstumsökonomie“), um die andere Hälfte mit Eigenarbeit und lokalem ehrenamtlichem Engagement füllen zu können.

Nach der Auswahlentscheidung für die Anforderung „Zentren für Austausch, Vermittlung und Erleben von (Kreislauf-)Wissen“ wurden zur Realisierung/ Umsetzung folgende Handlungsoptionen skizziert:

1.

Zunächst sollten (bundesweit) bereits bestehende innovative Orte/Zentren für nachhaltiges Engagement und Wissensvermittlung (z.B. Bürgerzentren, Stadtgärten, Stadtlaboratorien, offene Werkstätten etc.) identifiziert werden. Dabei wäre auf das Wissen, die Kontakte und die Mithilfe einschlägiger Netzwerke und Institutionen aufzubauen: z.B. Transition-Towns-Netzwerk, Zero-Emission-Netzwerke, Kirchen, Gewerkschaften und Deutscher Städtetag.

2.

In einem weiteren bundesweiten Schritt sollen diese Orte untersucht und kategorisiert werden: o Wie und warum sind sie entstanden? o Wie sind sie organisiert? (z.B. Aufbau und Trägerschaft) o Wer sind die Schlüsselakteure? o Was sind die jeweiligen Ziele? o Was sind/waren Hemmnisse bei Aufbau und Erhalt? o Wie wirken diese Orte in die Stadt hinein? o Was ist der ökonomische, ökologische und soziale Mehrwert?

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Anschauliche und gut verständliche Beschreibungen relevanter bzw. vorbildlicher Orte sollen (inkl. Kontaktdaten und Ansprechpartnern) auf einer Internet-Plattform speziell auch für interessierte Kommunen zugänglich gemacht werden und müssen aktuell gehalten werden. 3. Die konkrete Initiierung bzw. Schaffung neuer Orte/Zentren muss dezentral auf Ebene der Kommunen erfolgen: Zunächst müssen die jeweiligen potentiellen lokalen Schlüsselakteure identifiziert und zur Planung eingeladen werden, insbesondere ist die jeweilige Lokale Agenda21 einzubeziehen. Nur durch eine partizipative, integrierte Planung darf erwartet werden, dass der jeweilige Ort später auch angenommen wird. Formal sollten die geplanten Zentren per Ratsbeschluss in den Masterplan der Stadt integriert werden. Für die Finanzierung sollten neben öffentlichen Mitteln auch private eingeworben werden können. Bestehende Netzwerke (z.B. Transition Towns oder LA21) können bei der kommunalen Umsetzung Unterstützung leisten. 4. Weitere sinnvolle Umsetzungsschritte, die sich anschließen sollten, sind bereits durch die beiden weiteren oben genannten „Anforderungen“ skizziert: Mit der Initiierung des neuen Zentrums sollte bereits auf die Aktivierung potentieller Nutzer und die Förderung einer Integrationskultur geachtet werden. Auch sollte die Thematisierung und Entwicklung eines veränderten Arbeitsbegriffs (i.S. der Förderung von Kreativität und Engagement durch eine relativierte Erwerbsarbeit) Teil des Programms sein bzw. werden.

In der anschließenden Plenardiskussion wurden folgende Punkte ergänzend diskutiert: Die genannten bestehenden Netzwerke (insbesondere zu Transition Towns und ZeroEmission) müssten bekannter gemacht werden. Sollte man eher „Top-down“ vorgehen oder auf Basisinitiativen setzen? Antwort: Die Initiativen sollten wohl idealerweise sowohl „Top-down“ als auch „von unten“ (durch Graswurzelinitiativen) vorangetrieben werden. Eine Möglichkeit, um auf Themen der Kreislaufstadt aufmerksam zu machen, könnten Stadtfestivals sein: Ein gutes Beispiel sei das „umundo Bildungsfestival für global nachhaltigen Konsum“ in Dresden, das in Verbindung mit Musik und kulturellen Veranstaltungen in ansprechender Weise über Themen des nachhaltigen Konsums informiere.

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Im Transition-Towns-Netzwerk gebe es eine hilfreiche Projekt-Datenbank (bisher leider nur in englischer Sprache, aber auch für den deutschsprachigen Raum werde eine solche Datenbank derzeit vorbereitet) – nicht zur sklavischen Nachahmung, sondern zur Inspiration und zur Erfahrungsweitergabe. Auch das Zero-Emission-Netzwerk biete auf seiner Web-Plattform in diesem Zusammenhang hilfreiche Informationen.

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Arbeitsgruppe „Finanzierung und sozioökonomische Differenzierungen“
Ausgangspunkt war das folgende Themen-Cluster: Ökonomische Fragestellungen und Managementkonzepte für die Kreislaufstadt müssen bedacht werden. Neue Geschäftsmodelle müssen entwickelt werden. Beispiel: Wie finanziert sich eine Kommune ein „ökoeffektives Vorzeigegebäude“? Die Beziehungen zwischen Stadt und Umland müssen präzisiert werden. Die soziale und politische Organisation sollte geklärt werden. Es sollte untersucht werden, wie eine Vernetzung zwischen den Städten hinsichtlich Informationsaustausch und physischer Mobilität (ÖPNV, Fahrgemeinschaften etc.) unter Kreislaufgesichtspunkten optimiert werden kann. Finanzierungsfragen z.B. von Pilotprojekten oder lokalen Kreislaufagenturen müssen in den Blick genommen werden. Neben einem (hoch wünschenswerten) „kommunalem Stoffstrom-Atlas“ wären weitere Atlanten und (nachfolgend) Plattformen wünschenswert: Energieatlas, Unternehmensatlas, Ressourcenatlas, Sharing-Plattform, Marktplatz mit Agenten. Die in der jeweiligen Kommune ansässigen Produktions- und Gewerbeunternehmen müssen zentral in eine Kreislaufplanung einbezogen werden. Die Faktoren (Erwerbs-)Arbeit und verfügbare Einkommen müssen als soziale Dimension der Kreislaufstadt berücksichtigt werden. Die Rückgewinnung der Allmenden als frei nutzbares gemeinschaftliches Eigentum, muss auch und gerade in der Kreislaufstadt als Ressource im Umgang mit Erwerbslosigkeit genutzt werden. Sozialpolitische Aspekte und sozioökonomische Faktoren wie Altersstruktur, Haushaltsgrößen, Wohneigentum und Einkommensverteilung sollten differenzierend berücksichtigt werden. Zur „idealen Zukunft“ dieses Themenfeldes sammelte die Arbeitsgruppe im Brainstorming folgende Punkte: Gesuche und Angebote in der Stadt sind leicht und übersichtlich über ein Portal einsehbar, das Informationen bereithält über: o Produkte o Life Cycle Assessment (LCA), Life Cycle Costing (LCC), Sustainability Life Cycle Assessment (SLCA)

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Es gibt eine lokale Handelsplattform im Internet (die einfach und transparent aufgebaut ist und wenig Zeit und Ressourcen verbraucht). Es gibt eine Vielzahl neuer innovativer Geschäftsmodelle, die erfolgreiches Kreislaufmanagement ökonomisch rentabel machen. Nichtmonetäre Geschäftsmodelle haben an dabei an Bedeutung gewonnen (Tausch, Bartering4). Darüber hinaus entwickeln sich ergänzende innovative Finanzierungsinstrumente, wie z.B.: o Revolvierende Fonds-Modelle5 o Mikro-Kredite o Regio-Geld o Regionale Budgets und Bürgerhaushalte o Lokale Entwicklungsfonds Expertise zu Kreisläufen bündelt sich insbesondere in einer kommunalen Kreislaufagentur. Nicht der Besitz, sondern die Nutzung von Produkten und Geräten steht im Vordergrund („value in use“). Dazu wurden niedrigschwellige Zugänge und Rahmenbedingungen entwickelt. Genossenschaftsmodelle zu gemeinsamen Finanzierung und Nutzung von Investitionsgütern sind verbreitet. Wichtig sind Formen des gegenseitigen und gemeinsamen Lernens, insbesondere um verlernte, traditionelle Fähigkeiten wiederzuerlernen („Re-Skilling“). Die Entwicklung wird vor allem von kleineren und mittleren Unternehmen getragen, die sich dazu häufig zu Unternehmensnetzwerken zusammenschließen. Anstatt Gewinne abzuschöpfen um Kapital zu akkumulieren, werden unternehmerische Überschüsse v.a. reinvestiert. Es entstehen zunehmend auch Social-Business-Unternehmen6. Es herrscht eine ausgeprägte und förderliche „Selbständigenkultur“.

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Verwendung bargeldloser Verrechnungssysteme bzw. komplementärer Zahlungssysteme Fördermittel, die zurückgezahlt werden müssen und dann erneut vergeben werden können. unter Verzicht auf spekulative Gewinne auf die Lösung sozialer Probleme ausgerichtet

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Boden und Grundbesitz in der Stadt wird zunehmend vergesellschaftet. Öffentliche Grundstücke werden möglichst nicht verkauft, sondern nur per Erbbaurecht (zeitlich begrenzt) überlassen. Es gibt ein agentenbasiertes Markt(platz)system. Ein Netzwerk aus regionalen Unternehmen bildet einen „Versorgungscluster“, der die Grundversorgung der Bevölkerung der Kreislaufstadt auf regionaler Basis sicherstellen kann: Nahrungs-/Lebensmittel, Wohnraum, regionale Mobilität / Nahverkehr, Kommunikation, Bildung, Kultur, Soziales, Gesundheit, Energie, kollektive Risikoübernahme (Versicherungen). Die Kreislaufstadt ist durch vermehrte Elemente direkter kommunaler Demokratie charakterisiert. Abgestimmt wird z.B. über: o o o o o o Flächennutzung Stadtentwicklung Stadt-Ziele/Visionen Haushalt Soziale Infrastruktur Polizei/Sicherheit

Es werden diverse (neue) Gemeindesteuern erhoben. Als nützliche Tools für kommunales Kreislaufmanagement fungieren „Atlanten“ zu verschiedenen Bereichen (z.B. Stoffströme) sowie spezifische Leitfäden, die individuell nutzbar und anpassungsfähig sind.

Als Anforderungen an die Kreislaufstadt wurden daraus abgeleitet: Es muss sich ein neuartiges ökonomisches Denken etablieren: nachhaltig und integriert. Ausreichende Versorgung muss vor ungezügelte Gewinnmaximierung treten. Dies betrifft gleichermaßen Bürger, Unternehmer und die Verwaltung. Entwicklung eines (ggf. elektronischen) Informationssystems zu lokalen Wirtschaftstrukturen (Wer bietet was? Wer braucht was?) und spezifischer Kreislaufmanagementtools mit abrufbaren kreislaufrelevanten Informationen zu Produkten und Dienstleistungen (ökologischer Rucksack, regionale Wertschöpfung, soziale Verantwortung etc.). Diese Informationssysteme müssen aus Glaubwürdigkeitsgründen unter Verbraucherkontrolle stehen. Mehr direkte kommunale Demokratie (inkl. mehr Mitbestimmung bei Flächennutzung, Stadtentwicklung, Stadtentwicklungszielen/Visionen, Haushalt, soziale Infrastruktur und

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Polizei/Sicherheit) und mehr kommunale Selbstverwaltung (bspw. Regionalbudgets und Bürgerhaushalte) sind erforderlich.

Nach der Auswahlentscheidung für die Anforderung „Neuartiges ökonomisches Denken: nachhaltig und integriert“ wurden zur Realisierung/ Umsetzung folgende Handlungsoptionen skizziert:

Was: Oberziel ist es, die zu- und die abfließenden Stoff- und Finanzströme auf ein Minimum zu reduzieren.

Input

Stadt

Output

Input

2000
Wie: Wissensvermittlung und Bildung:

KreislaufStadt 2030

Output

Nur ausreichend informierte und einschlägig qualifizierte Bürger können die möglichen Potentiale einer Kreislaufstadt realistisch erfassen und aktiv umsetzen: o Wirtschafts-, Energie- und Stoffstromunterricht gehören auf die Lehrpläne in der Schule. o Die öffentliche Hand sollte als glaubhaftes und transparentes Vorbild agieren (unter anderem in den Bereichen Verwaltung, Justiz und Gesundheit). o Erprobung neuer Bildungsmedien: Beispielsweise Videowettbewerbe und die Möglichkeiten Sozialer Netzwerke (facebook, twitter etc.) sollten eingesetzt werden, um unterschiedliche Adressaten bzw. Zielgruppen spezifisch anzusprechen (Jugend, Unternehmen, Wissenschaft, Verwaltung). o Quartierswettbewerbe (Details siehe nachfolgend bei „Anreizsysteme“)

Szenario-Auswertungs-Workshop Kreislaufstadt 2030 Anreizsysteme: o Quartierswettbewerbe

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In Ahnlehnung an den DDR-Wettbewerb „Die Goldene Hausnummer“ (für Hausgemeinschaften, die bei der Pflege und Gestaltung ihres Hauses und Wohnumfeldes besonders gute Arbeit leisteten) könnten Wohnblocks oder Hausgemeinschaften ausgezeichnet werden, die im innerquartierlichen Wettbewerb um geringen Energieverbrauch, niedrige Müllproduktion/ hohe Recyclingquote oder in der Eigenproduktion u.ä. vorbildliche Werte erreichen. Organisieren könnte den Wettbewerb die Kommunalverwaltung, beispielsweise über die örtliche Kreislaufagentur. o Städtewettbewerb Analog zum vorgenannten Wettbewerb auf Quartiersebene könnten auch auf Landes- oder Bundesebene Städte um die Auszeichnung als besonders effektive Kreislaufstadt konkurrieren. o Zertifizierung „Kreislaufunternehmen“ Konsequent und systematisch agierende „Kreislaufunternehmen“ sollten sich öffentlichkeits- bzw. kundenwirksam zertifizieren lassen können. Bis zum Vorliegen entsprechender (ISO-)Normen könnten hier auch lokale oder regionale Initiativen und Labels Zugkraft entfalten. o Regiogeld Zur Förderung lokaler bzw. regionaler Wirtschaftskreisläufe sollte ein Regiogeld als Komplementärwährung eingeführt werden. Dazu wären folgende Maßnahmen und Regelungen notwendig: transparente und eindeutige Verfahrensregeln, ggf. angepasste gesetzliche Rahmenbedingungen Anschubfinanzierung von öffentlicher Seite Integration in die kommunalen Wirtschaftsförderstrukturen (Bereitstellung und Transfer von Personal, Vernetzung der Unternehmen, Einbindung kommunaler Betriebe wie Entsorgungsunternehmen und ÖPNV) Erlöse und Gewinne des Regiogeldsystems bleiben in der Region/ Kommune – auch nach Transfer in andere Zahlungsmittel z.B. durch revolvierende Fonds.

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In der anschließenden Plenardiskussion wurden folgende Punkte ergänzend diskutiert: Es stellt sich die Frage nach der Steuerung: Braucht die Kreislaufstadt eine übergeordnete Steuerung? Antwort: Je transparenter ein System, desto mehr „Steuerung“ findet von selbst statt – im Sinne von Selbstregulation. Die Stadt braucht natürlich auch ein Leitbild oder eine Leitvision. D.h. das allgemeine Leitbild „Kreislaufstadt“ muss mit der Zeit ausdifferenziert und fortentwickelt werden. Und es müssen finanzierbare Lösungen zur Erreichung der Vision gefunden werden. Das notwendigerweise verstärkte ökonomische Denken muss aber natürlich immer unter dem Primat der Nachhaltigkeit stehen.

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Abschlussrunde

Am Ende des Workshops resümierten die Teilnehmer einzeln ihren persönlichen Ertrag: „Was nehme ich mit aus diesem Workshop?“ Im Folgenden sind diese Aussagen nach den Bereichen „Workshop-Ablauf“, „Ergebnisse“ und „Gewinn für die eigene Arbeit“ zusammengefasst: Aussagen zum Ablauf des Workshops: Der Workshop wurde als spannend und innovativ erlebt, Organisation und Moderation wurden als besonders gelungen hervorgehoben. Die sehr interdisziplinäre Zusammensetzung der Teilnehmerschaft wurde durchweg hoch geschätzt. Die Teilnehmer bewerteten die für sie – teilweise – neue Methodik der normativnarrativen Szenarios als sehr interessant und fruchtbar und erwähnten, dass sie Ansätze der Methode auch in ihrem Arbeitszusammenhang zu nutzen beabsichtigen. Aussagen zu den Ergebnissen des Workshops: Viele Teilnehmer betonten, dass sie inhaltlich bereichert und angeregt worden seien, da es gelungen sei, das Thema Kreislaufstadt facettenreich und auf breiter Basis zu reflektieren, neue Aspekte aufzuwerfen und dennoch zu sehr konkreten Handlungsanleitungen zu kommen. Auch wurde mehrfach betont, dass man „viel gelernt“ habe, wie unterschiedliche Kreislaufsysteme stärker zusammengedacht werden können. Zum Gewinn für die eigene Arbeit: Mehrere Teilnehmer betonten, dass sie interessante neue Kontakte in ihrem Arbeitsfeld knüpfen konnten. Einige zeigten sich positiv überrascht über neue inhaltliche Erkenntnisse innerhalb ihres Arbeits- bzw. Themenschwerpunktes sowie über den „Tellerrand“ ihres eigenen Arbeitsumfelds hinaus. Mehrere Teilnehmer waren sich sicher, dass sie zukünftig „das Kreislaufthema“ stärker in ihren Arbeitszusammenhängen fokussieren werden.

Szenarios für die Nachhaltige Stadt 2030

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Ergebnisse des Szenario-Prozesses zum Themenstrang „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“

In den folgenden Abschnitten 3.1 und 3.2 werden ausgewählte Bereiche der Ergebnisse des Themenstrangs „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“ dokumentiert: Die Originalfassung des auf Basis des Generierungs-Workshops in einem ca. zweimonatigen Auswertungs- und Feedbackprozess erstellten Szenarios: Szenario Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt – „Tobias kennt nur Gewinner“ (Januar 2012) Die redaktionell aufbereiteten Ergebnisse des Szenario-Auswertungs-Workshops (20.März 2012)

Weitere Ergebnisse dieses Themenstrangs (u.a. inhaltliche Vorstudie des Difu, Szenario-Generierung, ressortinterne Auswertung) finden sich in der Gesamtveröffentlichung des Umweltbundesamtes: Grabow, Busso; Hollbach-Grömig, Beate; Gröpler, Nicolai; Rechenberg, Christoph; Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 3: Teilbericht „Nachhaltiges Wirtschaften in der Stadt 2030“. TEXTE Nr. 26/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 4: Der Szenario-Prozess – Dokumentation der Prozessergebnisse. TEXTE Nr. 27/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.

Szenarios für die Nachhaltige Stadt 2030

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3.1

Szenario zum Themenstrang Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030 „Tobias kennt nur Gewinner“

Szenario Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030

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Szenario Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030
Vorbemerkung
Das vorliegende Szenario wurde von Dr. Robert Gaßner im Auftrag des Umweltbundesamtes mit und für eine Gruppe von Fachleuten aus der Umweltpolitik, aus der Wissenschaft und aus der Praxis entwickelt. Das Szenario versucht, Sichtweisen und Ideen dieser Expertengruppe in einem möglichst stimmigen und zumindest grundsätzlich wünschbaren Gesamtbild lebensnah zu veranschaulichen. (Rückschlüsse auf die Meinung einzelner Beteiligter oder gar auf die Haltung des UBA oder des Bundesumweltministeriums sind nicht möglich.) Das Szenario ist ausdrücklich keine Prognose im Sinne einer Zukunftsvorhersage. Die gewählte quasi-literarische Beschreibungsform zukünftiger Entwicklungen hat vielmehr das Ziel, mögliche künftige Zustände konkret vorstellbar zu machen, subjektive Assoziationen und Bewertungen auszulösen und damit eine Basis für Diskussionen über Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten zu schaffen.

Für eine konstruktive und kritische Befassung mit dem vorliegenden Szenario könnte sich der Leser/ die Leserin deshalb vor allem fragen, inwieweit er/sie die dargestellten Entwicklungen und Zustände jeweils als wünschenswert empfindet, ob er/sie einzelne Aspekte variieren oder hinzufügen würde, um das Gesamtbild stimmiger, realistischer oder attraktiver zu machen, ob und wie die ihm/ ihr wünschenswert erscheinenden Szenario-Elemente gefördert und die unerwünschten vermieden werden könnten.

Szenario Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030

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Tobias kennt nur Gewinner
„Ja, du hast ja Recht, wir müssen das jetzt sehr bald entscheiden“, Tobias klingt immer noch ein wenig ungehalten. Als ihn der Anruf seiner Schwester Christina erreicht hat, war er bereits in der Agentur und hatte eigentlich vorgehabt, „bis zum zweiten Frühstück schon mal ordentlich was wegzuarbeiten“, aber nun will er sich doch der notwendigen Abstimmung über „den 65sten“ seines Vaters nicht entziehen. Es geht vor allem um ein gutes Geschenk, denn nichts wäre peinlicher, als ihm irgendeinen „Staubfänger“ zu schenken. Sein Vater ist da vielleicht sogar noch etwas puristischer als die meisten: Seit er „den ganzen Ballast abgeworfen“ hat, ist er außerordentlich kritisch damit, sich die Wohnung bloß nicht wieder zuzustellen. In den letzten Jahren hat er sich nur noch Gutscheine für Kurse, Eintrittskarten oder gemeinnützige Spenden gewünscht. Dennoch hat sich Christina in den Kopf gesetzt, dass es wegen des runden Geburtstags diesmal ein spezieller Kartenspieltisch für seine wöchentliche DoppelkopfRunde sein soll. „Oberfläche mit warmem Samt und darunter abgetrennte Fächer für die Gläser und den persönlichen Kleinkram der Spieler, in fränkischer Gasthofqualität, ein echtes ,Erbstück‘, das wird ihm gefallen“, schwärmt sie ihrem Bruder vor. „Ich weiß nur noch nicht, ob wir einen restaurierten aus Süddeutschland importieren oder hier bei uns einen bauen lassen sollen.“ Tatsächlich gibt es ja inzwischen wieder etliche kleine und große Möbelbauer in der Region. Ja sogar das ehemals „schwedische“ Möbelhaus verkauft seit der „Regionalisierung“ der Niederlassungen nur noch Möbel aus hiesiger Produktion und mit 15-jähriger Haltbarkeitsgarantie. „Christina, ich muss jetzt wirklich...“, Tobias hat nur noch wenige Augenblicke bis zu seinem ersten offiziellen Termin. Er ist im hiesigen „Kompetenzzentrum für nachhaltige Regionalwirtschaft“ als kommunaler Unternehmensbetreuer tätig und muss gleich in einer Routine-Telefonkonferenz dabei sein, bei der mit kooperierenden Kommunen aus der Region regelmäßig besprochen wird, in welchem Umfang die Hebesätze der Gewerbesteuer für CO2 sparende Unternehmen gesenkt werden. Heute geht es allerdings zunächst um einen Erfahrungsaustausch, wie man ausländischen Partnergemeinden die Vorteile der CO2-differenzierten Gewerbesteuererhebung möglichst einfach erklären kann: „Eine klare Winwin-win-Situation für Wirtschaft, Stadt und Klima: Innovationsbereite Un-

Geänderte Konsumgewohnheiten

Fokus auf immaterielle Werte

Anschaffungen sollen lange halten

Konzerne regionalisieren sich

Regionalwirtschaft braucht Vernetzung Lerngemeinschaften in der Region... ...und in der Welt

Szenario Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030

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Fiskalische Anreize lohnen sich

Internationale Trends „von hier“

ternehmen, die auf den steuerlichen Anreiz über Energieeinsparungen hinaus mit einer konsequent ressourceneffizienten Produktion reagieren, bekommen den größten Steuerrabatt und erzielen zugleich Kosten- und Marktvorteile; die unbelehrbaren hingegen ,zahlen die Zeche‘. Die Stadt profitiert mittelfristig von einer zukunftsfähigeren, emissionsarmen Unternehmenslandschaft und von dadurch steigenden Einnahmen. Der resultierende verbesserte Klimaschutz kommt uns allen zugute...“ Tobias hat heimlich begonnen – er muss schließlich nicht mehr überzeugt werden –, nebenher Mails zu bearbeiten: Eine Neugründung will „internationale Designer-Mode“ aus einheimischen Fasern (Leinen, Hanf und Zellulose-Kunstfasern) produzieren und möchte nun wissen, ob sie den kommunalen „Öko-Bonus“ bekommen können, wenn sie die Produktion so auslegen, dass durch Kreislaufführungen und geschickte stoffwirtschaftliche Vernetzungen praktisch keine unverwertbaren Produktionsreste anfallen. „Ja, natürlich“, notiert Tobias, „allerdings wird der Bonus in Regionalgeld ausgezahlt, muss also zeitnah und innerhalb der Kreisgrenzen wieder ausgegeben werden.“ Nach dem offiziellen Ende der Konferenz widmet sich Tobias der „Bestandspflege“: Aus der Liste aller Unternehmen in der Gemeinde wählt er eines aus und erkundigt sich in der Geschäftsleitung „wie es so läuft“. Was sich zunächst wie Smalltalk anhört, folgt in Wirklichkeit der Maxime „Kooperative Weiterentwicklung bestehender Unternehmen geht vor Neuansiedlung“ – als Reaktion auf die leidvolle Erfahrung, dass der ewige Konkurrenzkampf der Städte um die Ansiedelung neuer Unternehmen sowohl der Nachhaltigkeit als auch der lokalen Wertschöpfung oft mehr geschadet als genutzt hat. Da es danach bereits stark auf Mittag zugeht, beschließt Tobias, seinen Beitrag zur Auswertung ihres jährlichen Zero-Emission-Wettbewerbs erst morgen abzuliefern. (Sein Favorit steht sowieso schon fest: ein Unternehmen, das natürliche Ventilationssysteme von Bürogebäuden ausgeklügelt mit industriellen Wärmerückgewinnungstechniken kombiniert.) Tobias will stattdessen heute noch mehr Kontakte pflegen, und zwar bei einem Stadteilfest in einem der neuen Wohn-Gewerbe-Mischgebiete. Und etwas zu essen wird es dort wohl auch geben... Im Gang spricht ihn Paul an, ein junger Kollege, der gerade im Arbeitsbereich „Stadt-Umland-Vernetzung“ angefangen hat. Ob er Umlandbauern, die bisher noch keine abgesicherte Finanzierung durch Verbrauchergemein-

Subventionen, die „im Land“ bleiben

Ende der „Selbsterpressung“

Leitziel NullEmissionen

Neue alte Nutzungsmischung Kooperation mit dem Umland

Szenario Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030

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schaften haben, stattdessen Rahmenverträge mit der regionalen Bioraffinerie empfehlen soll? „Kommt sehr drauf an...“ – und mit der Aussicht auf profundere Lerneffekte wird Paul kurzerhand überredet, Tobias zu begleiten.

Neue Modelle für das Sharing

Blue Economy rechnet sich

Während Tobias wenig später genussvoll beobachtet, wie sich das gewählte CAR-TO-GO-Fahrzeug automatisch auf seine Vorlieben einstellt – Spiegel- und Sitzeinstellung, Radiosender, Navi-Ziele etc. – doziert er bereits für Paul über „die Kommune als Vorbild“: Dort z.B., die solare Straßenbeleuchtung, die „erntet“ sogar mehr Strom, als sie verbraucht und hat sich bis zum Ende des Contractings durch die Kosteneinsparungen selbst „abbezahlt“. Erst kürzlich habe er eine afrikanische Partnerstadt bei einem ähnlichen Projekt unterstützt. Fast wäre er sogar hingereist, wenn er dadurch nicht sein dienstliches Kilometer-Limit für viele, viele Monate im Voraus aufgebraucht hätte.

Grenzen fürs Reisen

Ökologische Gewerbegebiete (ohne neue Flächen) Ressourcenschonende Industrie

Dass sie im Gewerbegebiet angekommen sind, muss Paul erst gesagt werden. Er hätte das grüne, locker mit Alt- und Neubauten bebaute Gebiet auch für ein beliebiges Stadtviertel mit vielen Handwerkern und Dienstleistern halten können. Die verteilten „schornsteinlosen“ Fabriken sind teilweise nur an ihren Gleisanschlüssen für die Güter-Straßenbahn zu erkennen, „...für die Zulieferungen aus der Bio-Raffinerie oder der Wertstoff-Börse“, erklärt Tobias. „Selbst Chemiewerke, bio-basiert und postfossil, sind heute äußerlich kaum zu erkennen: Wasser als Lösemittel, Mikroreaktoren, keine hohen Temperaturen oder Drücke, praktisch keine Emissionen.“ „Lecker und 100% bio und regional, wie mittlerweile in allen Schulen und Behörden“, mampft Tobias zufrieden. Das Buffet des Stadtteilfestes ist in einer Schulkantine aufgebaut, da diese, gesponsert durch die benachbarten Betriebe, gerade einen schönen Anbau aus Holz und Glas erhalten hat. „Viele der Kiezbewohner, die heute hier feiern, sind als Genossenschafter oder Direktinvestoren an einem oder mehreren der Betriebe beteiligt, erst recht, wenn sie dort angestellt sind. Alle Unternehmen haben heute ,offene Türen‘ und Nachbarn wie Anteilseigner informieren sich in ,ihren‘ Unternehmen über Zukunftspläne, globale Kooperationen etc.“ Noch mit dem Nachtisch beschäftigt, verfolgen Paul und Tobias eine Festrede. Ein Journalist des Wirtschaftsmagazins FRONT-RUNNER liefert einer sichtlich stolzen Unternehmerin die Stichworte: Ja, es gibt wirklich

Unternehmen als „guter Nachbar“ Neue Teilhabe(r)

Wertewandel erreicht die Medien

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Gemeinwohlökonomie: gerecht, solidarisch, sinnstiftend...

Grund zu feiern, denn erstmals haben sämtliche Betriebe des Gebietes den jährlichen „Gemeinwohl-Check“ mit gut bis sehr gut bestanden. Was das über traditionelle „Öko-Ziele“ hinaus bedeutet? Unter anderem Regelarbeitszeiten von 25 Wochenstunden für Männer wie Frauen, Alte wie Junge; betriebliche Unterstützung von familiärem, sozialem oder kulturellem Engagement; Arbeitsplatzqualität und -sicherheit als essentieller Teil der Unternehmensziele; gelebte Solidarität mit Mitbewerbern, etwa Unterstützung bei Firmenkrisen; regelmäßige Überprüfung der Sinnhaftigkeit der Unternehmensprodukte und der Arbeitsplatzzuschnitte etc. Als der Journalist und die Unternehmerin gerade erklären, wie es möglich geworden ist, dass nach sämtlichen öffentlichen Einrichtungen nun auch die gesamte Produktion zu 100% mit regenerativen Energien versorgt wird, drängt Tobias zum Aufbruch – er will die günstige Gelegenheit nutzen, um hier das Unternehmen zu besuchen, in dem seine Frau Julia seit einiger Zeit arbeitet.

...und ökologisch sowieso

Nachrüsten statt wegwerfen

Wenig später bekommen Paul und Tobias von Julia eine Exklusiv-Führung: „Wir stellen Upgrading-Module für Medien- und Haushaltselektronik her. Noch bis vor 10, 15 Jahren wurden beispielsweise gerade besonders ressourcenintensive Handys fast jährlich, ohne defekt zu sein, durch neue ersetzt! Heute können wir die gewohnten Geräte behalten und ergänzen nur einzelne Funktionen, die wir wirklich brauchen“, erläutert Julia. „Die notwendigen Innovationen dafür bekommen wir überwiegend aus einem weltweiten Open-Source-Entwickler-Pool und stellen damit materialsparende Austauschmodule her. Unsere Hauptkunden sind Dienstleister, die entsprechende Produkte nicht verkaufen, sondern im ,Vollservice‘ vermieten – inklusive Schulung, Wartung und na...? – richtig: Upgrades.“ Julia präsentiert stolz die Kleinstserien-Produktion: Rapid-Producing mit biobasierten Rohstoffen, „...im Prinzip nur eine bessere 3D-Drucker-Technik – ähnlich wie in den Fab-Labs der Kreativ-Häuser.“ Nein, eine echte „gläserne Produktion“, wie in Lebensmittelbetrieben, habe man nicht – Besucher müssten sich immer noch anmelden. Man stelle aber viele Produktionsdaten regelmäßig online, so dass Mitarbeiter und Kunden jederzeit Verbrauch und Herkunft kritischer Ressourcen verfolgen könnten und – im Rahmen des Gemeinwohl-Checks – seit kurzem auch den Anteil lokaler Wertschöpfung. Woran sie selbst gerade arbeitet? Sie „strickt“ mit einer Reihe von regionalen Ethik- und Öko-Banken eine Finanzierung für einen mittelfristigen

Neue und globale Kooperation Nutzen statt besitzen Dezentrale individualisierte Produktion

Transparenz nach innen und außen

Neue Finanzstrukturen

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Umbau der Produktion: „Langsamer und hochwertiger“ lautet der „demokratische“ Beschluss der Belegschaft und der Anteilseigner, der damit umgesetzt werden soll.

Zeit für Eigenes

Kultur ohne Provianzialisie rung

Am frühen Nachmittag und voller Tatendrang für seine „zweite Schicht“ kehrt Tobias ins traute Familienheim zurück. Sohn Ben ist auch schon da, aber nur bedingt ansprechbar: Er ist ganz offensichtlich online und konferiert gerade mit mehreren Gesprächspartnern auf Englisch. Tobias entnimmt seinen abgehackten Erklärungen in den Gesprächspausen, dass er dabei ist, „eine Schwarmfinanzierung für ein multinationales MusiktheaterCrossover-Projekt“ mittels einer einschlägigen Internet-Plattform zu initiieren. Und nein, „Papa“ will nicht mitmachen, nein, auch nicht „rein finanziell“, – er will sich heute vielmehr selbst noch um verschiedene „Eigenprojekte“ kümmern:

Renaissance der Genosschaften

Als erstes stimmt Tobias mit mehreren „Kiez-Nachbarn“ einen gemeinsamen Gesprächstermin ab, denn ihre private „Energiegenossenschaft“ sollte demnächst einige Fragen angehen: Wollen sie in ihr „virtuelles Kraftwerk“ weitere private Energieerzeuger aufnehmen? – nur noch Solardächer und Windräder oder auch weitere Mini-Heizkraftwerke? Weniger Gewinn ausschütten, um in noch effizientere Technik zu investieren oder lieber ihren Betriebs-Dienstleister diesbezüglich um ein kostenneutrales ContractingAngebot bitten? Anschließend nimmt er sich die Bürgerkredite vor, in deren Rahmen er und Julia an der Finanzierung kommunaler Projekte beteiligt sind: Es sind nicht nur alle fälligen Zinsen pünktlich auf ihrem Konto eingegangen, einer der drei Kredite soll demnächst auch bereits zurückgezahlt werden. Das heißt, wenn sie das frei gewordene Geld erneut in „ihre“ Stadt investieren wollen, muss Tobias sich ansehen, welche neuen Bürgerkredit-Projekte von der Kommune aktuell angeboten werden. Tobias liebäugelt bereits mit „Sanierung und Erweiterung des städtischen Hauses der Begegnung“ – es handelt sich dabei immerhin um eine bewährte und höchst produktive Brutstätte für immer neue Bürgerinitiativen und Gemeinschaftsprojekte. Grundsätzlich käme natürlich auch eine „Fremd-Vergabe“ an eine andere Stadt in Frage. Sohn Ben weiß ja schon, wo er mal studieren will – vielleicht könnte man sich dort vorausschauend an der Finanzierung eines Studentenwohnheims beteiligen?

Neue Dienstleistungen

Demokratische Kommunalfinanzierung

Kommunen fördern Initiative(n)

Szenario Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030

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Flexible Wohnformen sparen Ressourcen „Zeittausch“ fördert Teilhabe

Aber noch bevor er gezielt danach suchen kann, bekommt er erneut einen Anruf wegen der anstehenden Geburtstagsfeier zum 65sten – diesmal ist es Eva, die Lebensgefährtin seines Vaters. Eva ist gut aufgelegt und will hauptsächlich „entwarnen“, denn die Planungen der Feierlichkeit gehen gut voran. Es wird auch keine Verwandtschaft bei Tobias und Julia einquartiert werden müssen, denn sein Vater habe bereits nahezu sämtliche Gemeinschaftseinrichtungen in ihrem Generationenhaus reserviert – den Partyraum mit der großen Küche, beide Gästezimmer und „sogar die Sauna!“, berichtet Eva in gespielter Verzweiflung. „Und kochen müssen wir auch nicht selbst, denn dein Vater hat einen privaten Party-Koch engagiert. Das begleicht er locker aus seinem üppigen Zeitbank-Guthaben, immerhin hat er jahrelang als Berater für Obstbaumschnitt Stunden angesammelt.“ Tobias und Eva können nur spekulieren, was es zu essen geben wird – sicher auch ein wenig Luxus, vielleicht atlantischen Wildfisch oder importierten kalifornischen Wein? Zuletzt kommt das Gespräch noch auf die Geschenkidee seiner Schwester Christina – Eva ist offensichtlich auch schon eingeweiht. Ob sein Vater ein solches „Extra-Möbel“ tatsächlich schätzen würde? Muss es denn wirklich ein materielles Geschenk sein? Eva hegt da so einen Verdacht: „Vielleicht meint deine Schwester die Idee mit dem ,Erbstück‘ wörtlicher, als sie selbst wahrhaben will? Ihre eigenen Spiele-Abende sind ja berühmt-berüchtigt und könnten zu gegebener Zeit durchaus von so einem schönen Stück profitieren...“

Bewusster konsumieren

Szenarios für die Nachhaltige Stadt 2030

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3.2

Dokumentation des Szenario-Auswertungs-Workshops „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030“

IZT
Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung

Szenario-Auswertungs-Workshop „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030“
im Rahmen des UFOPLAN-Vorhabens „Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030“

Berlin, 20. März 2012

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Dokumentation des Szenario-Auswertungs-Workshops

„Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030“
im Rahmen des UFOPLAN-Vorhabens „Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030“ am 20.03.2012 in Berlin

Konzeption und Moderation: Dr. Robert Gaßner Dokumentation: Dr. Robert Gaßner Jennifer B. Wendt Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Rolf Bräuer, Bundesumweltministerium Anja Dewitz, Bundesumweltministerium Dr. Frauke Eckermann, Umweltbundesamt Jesko Eisgruber, Forschungszentrum für Umweltpolitik, FU Berlin Florian Frank, Bundesministerium für Bildung und Forschung Dr. Edgar Göll, Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gGmbH Dr. Busso Grabow, Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Dr. Beate Hollbach-Grömig, Deutsches Institut für Urbanistik gGmbH Matthias Koller, Umweltbundesamt Werner Landwehr, GLS-Gemeinschaftsbank Christian Löwe, Umweltbundesamt Kristin Petersen, Bundesdeutscher Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management Norbert Rost, Büro für postfossile Regionalentwicklung Dresden Burkhard Schallock, FhG Inst. f. Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik Jana Scheschonka, Bundesumweltministerium Sylvia Veenhoff, Umweltbundesamt Joachim Weckmann, Märkisches Landbrot GmbH, Berlin Jennifer B. Wendt, Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung gGmbH Theophil Wonneberger, RegioBerlin e.V.-Koop.netz für Regionales Wirtschaften

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Inhaltsverzeichnis

1 2 3 4

Einführung ............................................................................................... 73 Themeneinfindung und Kennenlernen ................................................. 74 Wünschbarkeiten und Risiken der Kreislaufstadt .............................. 76 Gestaltungsoptionen und Handlungsansätze auf dem Weg zur Nachhaltigen Wirtschaft in der Stadt ................................................... 80 Arbeitsgruppe „Restriktivität versus intrinsischer Wertewandel“ ............................81 Arbeitsgruppe „Regionalisierung und Globalisierung“ ..................................................86 Arbeitsgruppe „Neue Finanzierungen und Gemeinwohlorientierung“ ....................91 Arbeitsgruppe „Kommunale Entwicklungsziele und kommunale Handlungsfähigkeit“ .............................................................95

5

Abschlussrunde........................................................................................ 99

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Einführung

Herr Gaßner vom IZT und Frau Veenhoff vom Umweltbundesamt begrüßten die Teilnehmer des Workshops und stellten den Rahmen und die Ziele der Veranstaltung vor: Der Workshop finde statt im Rahmen des UFOPLAN-Vorhabens „Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030“, mit dem zur Fortentwicklung einer integrierten Nachhaltigkeitspolitik beigetragen werden soll. Ziel des Szenario-Prozesses zur „Nachhaltigen Wirtschaft in der Stadt“ sei es, angesichts erheblicher Herausforderungen (insbesondere Klimaschutz und Klimawandel, aber etwa auch Schrumpfung/ Demografischer Wandel und klamme Kommunalhaushalte) besonders attraktive Perspektiven und konkrete Entwicklungsziele für nachhaltige Wirtschaft in zukünftigen Städten zu entwickeln und geeignete Handlungsansätze abzuleiten. Im Vorgänger-Workshop im November („Szenario-Generierungs-Workshop“) sei es vor allem um visionäre Ideen und wünschenswerte Perspektiven gegangen. In der Folge dieses ersten Workshops sei zwischenzeitlich das Szenario „Tobias kennt nur Gewinner“ entstanden, das nun im heutigen Szenario-Auswertungs-Workshop zum Ausgangspunkt gemacht werde. Knapp die Hälfte der TeilnehmerInnen waren bereits am Szenario-Generierungs-Workshop beteiligt. Der Workshop sei jedoch gleichermaßen für die „alten“ wie für die „neuen“ TeilnehmerInnen geeignet, um nun gemeinsam Gestaltungsziele und Handlungsoptionen zu entwickeln. Dazu würden im Anschluss an die individuelle Rezeption und subjektive Bewertung des Szenarios gemeinsam wünschenswerte Entwicklungen skizziert sowie daraus abgeleitete Anforderungen für die „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“ erarbeitet. Schließlich würden möglichst konkrete Handlungsansätze und Strategieelemente formuliert, die geeignet erscheinen, diese Anforderungen umzusetzen. Der Gewinn des Verfahrens liege in der Generierung von orientierenden Perspektiven für das jeweilige Arbeitsfeld der Teilnehmer und in der Unterstützung des thematischen Austauschs über fachliche und institutionelle Grenzen hinweg. Dabei seien die aus der Szenario-Diskussion abgeleiteten Zielbestimmungen besonders integrationsfähig, da sie gezielt unterschiedliche Politikfelder zusammenbringen und auf konstruktive Kritik statt auf Abwehr bauen.

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Themeneinfindung und Kennenlernen

Um sich ins Thema einzufinden und um sich gegenseitig kennenzulernen, wurden im Plenum zunächst individuelle Zukunftserwartungen gesammelt. Die Aufgabenstellung lautete: „Unsere städtische Lebensweise wird zukünftig immer mehr von den Formen und Strukturen einer Nachhaltigen Wirtschaft geprägt sein. Woran denke ich zuerst, wenn ich mich persönlich als zukünftiger Nutzer oder Betroffener einer solchen ,Nachhaltigen Wirtschaft in der Stadt‘ sehe?“ Die Teilnehmer schrieben dazu Trends und Erwartungen auf und stellten anschließend sich und „ihren“ Trend den anderen vor: Ich erwarte ein breites Angebot an lokalen und/oder regionalen Produkten. Die Stadtmobilität wird eine andere sein – vor allem weniger LKW, mehr Fahrräder und Fußgänger. Die Stadt wird buchstäblich grüner sein. Welche Vor- bzw. Nachteile werde ich persönlich von einer nachhaltigen Wirtschaft verspüren? Wie wird sich die Wohnsituation, mein Konsumverhalten, meine Mobilität etc. ändern? Produktion in der Stadt wird umweltfreundlicher und sozialgerechter und sie wird anders finanziert sein als heute. Ich werde nachhaltiger einkaufen: Die Produkte kommen mehr aus der Region und ich bekomme mehr Informationen über ihre Nachhaltigkeit. Die Dienstleistungen und Produkte, die ich nutze, z.B. Mobilität, Energie, Obst und Gemüse, werden unter nachhaltigen Bedingungen erzeugt, die für mich transparent sind. Nachhaltiges Wirtschaften wird in der Stadt sichtbar, erlebbar, hörbar und fühlbar sein. Verantwortungsbewusster Konsum und verantwortungsbewusste Produktion befördern sich gegenseitig. Lebensmittel und Konsumgüter, die ich nutze, werden biologisch und in der Region produziert. Ich werde hauptsächlich den öffentlichen Verkehr und das Fahrrad nutzen. Das Angebot regional produzierter Güter wird allgegenwärtig sein. Autos werden als „Nachbarschaftsauto“ ge-shart, Fahrräder können überall ausgeliehen werden.

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Urbane Landwirtschaft wird sicher eine sichtbare Rolle in der Stadt spielen – inwieweit sie mich aber persönlich, bspw. als Kunde, Arbeitnehmer oder Anwohner betreffen wird, weiß ich noch nicht. Nachhaltige Wirtschaft wird Stadt für mich zu einem Wohlstands- und Chancenraum mit einem geringen ökologischen Fußabdruck machen. Die Innovationen werden sich für mich sowohl im Bereich gemeinschaftsbezogener Möglichkeiten als auch in Bezug auf meine Selbstverwirklichungsmöglichkeiten ergeben. Nachhaltige Wirtschaft drückt sich für mich in regionalen Wertschöpfungskreisläufen aus, insbesondere im Zusammenhang mit Biolebensmitteln, Regio-Geld und Energie. Mein Alltag wird durch neue stadträumliche Funktionsmischungen von kurzen Wegen geprägt sein. Mobilität in der Stadt wird zu großen Teilen emissionsfrei ablaufen – mit wenig Verkehrslärm und sauberer Luft. Durch ein nachhaltigeres Wirtschaftssystem werden die Innenstädte wieder lebendiger, z.B. durch viele kleine, anstatt wenige große Geschäfte. Ich werde vor allem von kurzen Wegen zu Arbeit, Schule, Freizeit etc. profitieren. Die nachhaltige Wirtschaft wird viele Bereiche beeinflussen, u.a. das Wohnen in den Quartieren, Einkaufsmöglichkeiten und Konsum, Lebensqualität und städtische Grünanlagen, Mobilität und Verkehr sowie die alltägliche Energienutzung. Nachhaltige Wirtschaft geht mit nachhaltiger Mobilität einher. Lokale Wirtschaftskreisläufe bedeuten weniger Verkehr in der Stadt. Und die in die Stadt zurückverlagerte Produktion wird keine Lärmbelastung mit sich bringen. Ein Mehr an lokalen bzw. regionalen Produkten wird uns gleichzeitig ein Mehr an lokalen bzw. regionalen Arbeitsplätzen und Einkommensmöglichkeiten bieten.

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Wünschbarkeiten und Risiken der Kreislaufstadt

Anschließend wurde das Szenario „Tobias kennt nur Gewinner“ [siehe Anhang] gelesen. Es ist von Dr. Gaßner in der Folge und auf der Basis des vorausgegangenen Szenario-Generierungs-Workshops als „konsensuales Wunschszenario“ der damaligen TeilnehmerInnen erstellt worden. Die TeilnehmerInnen wurden gebeten, die Szenario-Inhalte hinsichtlich Erwünschtheit und Risiken subjektiv zu bewerten: „Bitte markieren Sie für sich einerseits Aspekte, die Sie persönlich besonders attraktiv finden und andererseits solche, die Ihnen nicht gefallen oder die Sie gar abschrecken würden.“ Wieder im Plenum wurden die so gesammelten als besonders positiv oder als negativ empfundenen Szenario-Assoziationen von den Teilnehmern vorgestellt und zugleich grob thematisch gruppiert. Da viele der so gesammelten Aspekte je nach Betrachtungswinkel sowohl positiv als auch negativ gewertet werden konnten, wurde zugunsten einer pragmatischen Clusterung immer mehr auf thematische Zusammenhänge und immer weniger auf die Bestimmung als „positiv“ und „negativ“ geachtet. Cluster „Soziale Anschlussfähigkeit und Gefahr der Überforderung“ Eine stark zunehmende Virtualisierung von Kommunikation durch Telekonferenzen aller Art sollte – bei aller Umweltfreundlichkeit – persönliche Treffen nicht zu sehr reduzieren. Ein wachsender Bereich von „Eigenarbeit“ und bürgerschaftlichem Engagement, z.B. in privaten Energiegenossenschaften oder bei der Verwaltung von selbst vergebenen Bürgerkrediten etc., birgt die Gefahr, selbst zu einem neuen Stressfaktor zu werden. Eine konsequente Umwandlung von Wirtschafts- und Gesellschaftsstrukturen in vergleichsweise wenigen Jahren könnte für den einen oder anderen ein zu hohes Innovationstempo darstellen und zu verstärkter sozialer Ungleichheit bzw. zur Exklusion von Teilen der Bevölkerung führen. Die stark wachsende Verbreitung genossenschaftlicher Organisationsmodelle (Energie, Handel, Landwirtschaft, Banken, Wohnen, Mobilität etc.) darf andererseits nicht in einen überfordernden „Zwang zur Selbstorganisation“ ausarten.

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Alle gesellschaftlichen Schichten müssen gleiche Chancen behalten bzw. bekommen, mit den Veränderungen Schritt zu halten. Cluster „Restriktiver Druck vs. intrinsischer Wertewandel und neue Konsumkulturen“ Eine strikte Kilometer-Deckelung beruflicher Reisetätigkeit weckt negative Konnotationen und Befürchtungen bezüglich ungerechter, außengesteuerter Kontingentierung und sollte nicht zur Einschränkung eigener Entscheidungssouveränität führen. Auch im weiteren Sinne werden durch den Wandel zu nachhaltigen Wirtschaftsstrukturen unangenehme und/oder fremdbestimmte Einschränkungen persönlicher Freiheiten und Gewohnheiten befürchtet. Regionale Produkte und das Einkaufen in kleineren Läden des regionalen Fachhandels dürften überwiegend mit schmerzlich empfundenen höheren Preisen als heute verbunden sein. Die verbreitete discountverwöhnte Schnäppchenjägermentalität könnte deshalb einer solchen Entwicklung entgegenstehen. Insofern Mobilitätsrestriktionen einen Druck zur Virtualisierung persönlicher Kontakte ausüben, könnte eine unerwünschte Qualitätsreduktion oder quantitative Einschränkung von Distanzkontakten entstehen. Geänderte Konsumgewohnheiten und –kulturen werden die Basis einer Transition zum nachhaltigen Wirtschaften sein. Attraktiv ist die Vorstellung langlebigere und dafür weniger Produkte zu besitzen. Positive Folge wären auch ein Trend zu mehr immateriellen Geschenken und ein realistischeres Gefühl dafür, was eigentlich „wahrer“ Luxus ist. Nachhaltig konsumieren, z.B. im Sinne einer gelebten Esskultur und eines bewussteren Konsumierens wird als attraktiv erlebt. Das Nachrüsten, Upgraden und/oder Generalüberholen „liebgewonnener“ oder zumindest bewährter Alltagshilfsmittel, anstelle von Wegwerfen noch gebrauchstüchtiger Geräte, wird sehr positiv beurteilt. Andererseits gibt es aber auch Zweifel, ob nachrüstbare Gegenstände und UpgradeProdukte womöglich für die Kunden und/oder die Dienstleister grundsätzlich zu kompliziert sein könnten.

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Ein gesellschaftlicher Wertewandel zu nachhaltigem Konsum und mehr Regionalisierung würde als sehr erstrebenswert gesehen. Cluster „Regionalisierung und Globalisierung“ Die verstärkte regionale Vernetzung insbesondere von Kommunen und Unternehmen, im Sinne von Kooperations- und Lerngemeinschaften, wird als besonders wünschenswert betrachtet. Auch die Umstrukturierung von Großunternehmen in Richtung zu mehr regionalisierten Strukturen (und damit indirekt auch zu hochwertigeren und z.B. haltbareren Produkten sowie mehr regionaler Wertschöpfung) würde begrüßt. Andererseits wird auch vor einer unkritischen Verallgemeinerung jeglicher Regionalisierungstendenzen als „Heilskonzept“ bzw. vor einer undifferenzierten „Regionalisierungsromantik“ gewarnt. Des weiteren wurde ein gewisses Unbehagen in Bezug auf eine globale Betrachtung geäußert: Wenn deutsche bzw. mitteleuropäische Städte ambitioniert die Wende zur nachhaltigen Wirtschaft vollziehen, welche Auswirkungen und Begleiterscheinungen hat das auf den Rest der Welt? Werden alle anderen Weltregionen ebenfalls profitieren können, bzw. den gleichen Weg gehen können? Cluster „Neue Finanzierungsstrukturen und Gemeinwohlorientierung“ Eine verstärkte „Demokratisierung“ kommunaler Finanzstrukturen, beispielsweise durch Bürgerhaushalte und Bürgerkredite, wird besonders positiv bewertet. Sehr erwünscht wären Kommunen, die bürgerschaftliche Initiativen fördern und dabei explizit auf das Gemeinwohl und auf soziale Integration achten. Begrüßt wird das in der nachhaltigen Wirtschaft angenommene starke (Wieder-)Aufblühen genossenschaftlicher Ansätze, unter anderem in Form privater Energiegenossenschaften. Eine verstärkt auf das Gemeinwohl orientierte nachhaltige Ökonomie – gerecht, solidarisch, sinnstiftend und ökologisch – sowie die Etablierung entsprechender Indikatoren und gesellschaftlicher Wertvorstellungen („jährlicher Gemeinwohl-Check“ für Unternehmen) wären besonders attraktiv.

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Auch neue nachhaltigere und regionalere Finanzierungsstrukturen wären hocherwünscht. Gemeinwohlorientiert, ethisch und ökologisch ausgerichtet sollen sie insbesondere auch einen Ausweg aus der „Zinsspirale“ bieten. Gewisse Skepsis gibt es hingegen bezüglich der Möglichkeit, mit Hilfe von Steuern Unternehmen in Richtung Nachhaltigkeit zu „steuern“ (auch wenn im Szenario keine „Strafsteuer“ eingeführt, sondern eine bestehende Steuer aufkommensneutral differenziert wird). Auch wird gefragt, ob gemeinwohlorientierte Bürgerkredite an Kommunen ebenso wie nachhaltigere Unternehmensfinanzierungen für die „Geldgeber“ überhaupt mit ausreichend attraktiven Konditionen verbunden sein können und welche Institutionen oder Personen dafür als Akteure in Frage kommen. Zu expliziten „Zeitbanken“ wird kritisch angemerkt, ob diese nicht eine unnötige „Remonetarisierung“ von Nachbarschaftshilfe und sozialem Zusammenhalt darstellen. Cluster „Kommunale Entwicklungsziele und kommunale Handlungsfähigkeit“ Das Leitziel Null-Emissionen wird als sehr erstrebenswerte kommunale und wirtschaftliche Handlungsmaxime hervorgehoben. Ebenfalls besonders attraktiv wären funktionsgemischte, grüne Wohn-GewerbeMischgebiete. Sehr förderlich wäre aus kommunaler Sicht eine Neuausrichtung der Wirtschaftsförderung auf verstärkte Bestandspflege und Förderung innovativer Entwicklung bestehender Unternehmen. Damit könnte auch das sehr erstrebenswerte Ende der kommunalen „Selbsterpressung im Kampf um Unternehmensneuansiedlungen“ erreicht werden. Sehr positiv bewertet wurde eine generell verbesserte Kooperationskultur zwischen Kommunen, zwischen Bürgern und zwischen Unternehmen. Als besonders wünschenswert wurden auch die neue Rolle von Kommunen in der nachhaltigen Stadtwirtschaft betont: als Vorbild bei der nachhaltigen Beschaffung, als Akteur der dezentralen Energieversorgung, bei der „demokratischen Finanzierung“ über Bürgerkredite sowie bei der Entwicklung ökologischer Gewerbegebiete.

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Gestaltungsoptionen und Handlungsansätze auf dem Weg zur Nachhaltigen Wirtschaft in der Stadt

Nach der gemeinsamen thematischen Gruppierung der gesammelten Aspekte wurde durch „Punkte kleben“ zunächst ein Stimmungsbild hinsichtlich der subjektiven Ad-hoc-Gewichtungen erstellt. Auf dieser Basis wählten die Teilnehmer anschließend unter den höchstbepunkteten Themen-Clustern aus und bildeten so Arbeitsgruppen für die weitere Bearbeitung der folgenden vier Themenfelder: „Restriktionen versus intrinsischer Wertewandel“ „Regionalisierung und Globalisierung“ „Neue Finanzierungsstrukturen und Gemeinwohlorientierung“ „Kommunale Entwicklungsziele und kommunale Handlungsfähigkeit“

In der ersten Arbeitsphase befassten sich die Gruppen dann zunächst mit dem „Wunschhorizont“ ihres Themenfeldes unter hypothetisch optimalen Bedingungen: „Welche Entwicklungen in unserem Themen-Cluster würden wir uns unter idealen Bedingungen wünschen?“ Anschließend informierten sich die Teilnehmer gemeinsam über die Ergebnisse der jeweils anderen Gruppen. Im nächsten Schritt wurden aus diesen „idealen Zukünften“ realistische „Anforderungen“ an Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt herausgearbeitet: „Was bedeuten diese Wünsche im Einzelnen: Welche Ziele, welche Anforderungen lassen sich daraus für die ,Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt‘ ableiten?“ Und nach einem weiteren Zwischenschritt zum Austausch der Gruppen untereinander wurde schließlich in jeder AG eine prioritäre Anforderung ausgewählt, zu der dann konkrete Handlungsoptionen skizziert wurden: „Entwerfen Sie Handlungsansätze bzw. Strategieelemente zur Realisierung dieser Anforderung.“ (Zunächst allgemein und anschließend mit einer Vertiefung in Bezug auf das Bundesumweltressort.) Abschließend wurden alle Ergebnisse der Gruppenarbeiten im Plenum präsentiert, diskutiert und ergänzt.

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Arbeitsgruppe „Restriktivität versus intrinsischer Wertewandel“
Ausgangspunkt dieser AG war ein Themen-Cluster bestehend aus folgenden individuellen Wertungen: Eine strikte Kilometer-Deckelung beruflicher Reisetätigkeit weckt negative Konnotationen und Befürchtungen bezüglich ungerechter, außengesteuerter Kontingentierung und sollte nicht zur Einschränkung eigener Entscheidungssouveränität führen. Auch im weiteren Sinne werden durch den Wandel zu nachhaltigen Wirtschaftsstrukturen unangenehme und/oder fremdbestimmte Einschränkungen persönlicher Freiheiten und Gewohnheiten befürchtet. Regionale Produkte und das Einkaufen in kleineren Läden des regionalen Fachhandels dürften überwiegend mit schmerzlich empfundenen höheren Preisen als heute verbunden sein. Die verbreitete discount-verwöhnte Schnäppchenjägermentalität könnte deshalb einer solchen Entwicklung entgegenstehen. Insofern Mobilitätsrestriktionen einen Druck zur Virtualisierung persönlicher Kontakte ausüben, könnte eine unerwünschte Qualitätsreduktion oder quantitative Einschränkung von Distanzkontakten entstehen. Geänderte Konsumgewohnheiten und –kulturen werden die Basis einer Transition zum nachhaltigen Wirtschaften sein. Attraktiv ist die Vorstellung, langlebigere und dafür insgesamt weniger Produkte zu besitzen. Positive Folge wären auch ein Trend zu mehr immateriellen Geschenken und ein realistischeres Gefühl dafür, was eigentlich „wahrer“ Luxus ist. Nachhaltig konsumieren, z.B. im Sinne einer gelebten Esskultur und eines bewussteren Konsumierens, wird als attraktiv erlebt. Das Nachrüsten, Upgraden und/oder Generalüberholen „liebgewonnener“ oder zumindest bewährter Alltagshilfsmittel, anstelle von Wegwerfen noch gebrauchstüchtiger Geräte, wird sehr positiv beurteilt. Andererseits gibt es aber auch Zweifel, ob nachrüstbare Gegenstände und UpgradeProdukte womöglich für die Kunden und/oder die Dienstleister grundsätzlich zu kompliziert sein könnten.

Zur „idealen Zukunft“ dieses Themenfeldes sammelte die Arbeitsgruppe im Brainstorming folgende Punkte: Alle Menschen verhalten sich selbstverständlich nachhaltig. o Alle Konsumgewohnheiten haben sich in Richtung Nachhaltigkeit gewandelt.

Szenario-Auswertungs-Workshop Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030 o Urbanes Gärtnern gehört zum Bild der Stadt.

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Nicht Gebote und Verbote bestimmen, wie man sich nachhaltig verhält– alle nachhaltigen Handlungsoptionen sind grundsätzlich freiwillig. Nachhaltiges Handeln ist trotzdem der soziale Standard, da ein grundsätzlicher Wertewandel hin zur Nachhaltigkeit stattgefunden hat. Notwendige und förderliche Rahmenbedingungen und Angebote für nachhaltige Mobilität, nachhaltige Ernährung und nachhaltiges Wohnen sind vorhanden: Nachhaltiger ÖPNV, nachhaltige Lebensmittel, nachhaltiger Wohnungsbestand. Nachhaltiges Verhalten ist so selbstverständlich geworden, dass man nicht mehr darüber nachdenken muss. Die Arbeits-, Kommunikations- und Kooperationskulturen fußen auf dem Nachhaltigkeitsprinzip. Im Idealfall sind Reisen mit Null-Emissionen möglich. 75 Prozent aller komplexen Produkte werden ge-shared. Suffizienz im Sinne von Entschleunigung, Entkommerzialisierung und Entrümpelung und „Ballast abwerfen“ ist hip: Wer mit weniger auskommt, genießt Ansehen. Nachhaltigkeit macht Spaß, inspiriert und eröffnet neue Wege. Nachhaltiges Verhalten ignoriert nicht notwendige Komplexität und Widersprüchlichkeiten. Trotzdem wird das Leben dadurch nicht belastet, sondern bereichert. Es wird mehr Zeit für Belange jenseits des Konsums eingesetzt. Das Leben ist entschleunigt und es bleibt Zeit für Muße. Überforderungsgefühle sind praktisch unbekannt. Solidarität ist gelebte und gefühlte Wirklichkeit. Nachhaltigkeit ist Mainstream. Spiritualität gibt Sinn im Alltag jenseits rein materieller Orientierungen. Luxus wird nicht mehr (nur) über den Preis, sondern anhand von Kriterien der Nachhaltigkeit und des „wahren Wertes“ definiert. Spitzentechnik bleibt auf hohem Niveau – soweit sie nachhaltig ist, insbesondere etwa im Bereich der Medizin oder der Umwelttechnik.

Szenario-Auswertungs-Workshop Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030 Alle Grundbedürfnisse können verantwortungsvoll befriedigt werden. Andersartigkeit und Vielfalt gilt als Wert und wird genossen und gefördert.

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Als wichtige Anforderungen für Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt wurden daraus abgeleitet: Notwendige und förderliche Rahmenbedingungen für nachhaltiges Bürger- und Konsumentenhandeln müssen gesellschaftlich und politisch gestaltet werden o Notwendige Voraussetzungen müssen für alle gegeben sein: entsprechende Bildung, ökonomische Möglichkeiten, familiäre Situation, Arbeitsbedingungen. o Nachhaltige Angebote müssen entwickelt und gefördert werden, z.B. Lebensmittel, Dienstleistungen, Wohnmöglichkeiten, Mobilität und Reisen. Nachhaltiges Leben im Sinne eines gelebtes Verantwortungsbewusstseins muss sich in der Gesellschaft verbreiten. o Motivierung und Aktivierung durch attraktive Vorbilder, zum Beispiel durch besonders gesunde, zufriedene und sinnerfüllte Mitmenschen. o Gemeinschaftsleben, Kommunikationskultur und Diskussion müssen gefördert werden. o „Vom Handeln zum Wissen“: Erfahrungsmöglichkeiten und Erprobungsangebote für Nachhaltige Konsum- und Lebensstile. Das Bild von Nachhaltigkeit muss mit positiv aufgeladenen postmateriellen Werten verbunden werden: o U.a. (verbindliche gemeinsame) Ethik, Empathie, individuelle Freiräume, (neue) Lebensqualität, (individuelle und gesellschaftliche) Weiterentwicklung, gegenseitige Inspiration, Spitzentechnik.

Nach der Auswahlentscheidung für die Anforderung „gelebtes Verantwortungsbewusstsein verbreiten“ wurden zur Realisierung/Umsetzung folgende Handlungsoptionen skizziert: Identifizierung von vorbildlichem Nachhaltigkeitshandeln in der Stadt o Erstellen von spezifischen Kriterienkatalogen für Unternehmen und für Konsumenten

Szenario-Auswertungs-Workshop Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030 o Gezielte Suchstrategie, um vorbildliche Beispiele von nachhaltigem Konsumenten- und Unternehmensverhalten zu indentifizieren Empirische Analyse von Anreizmechanismen und Hemmnissen

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Recherche wirksamer verbraucher- und unternehmensspezifischer Verbreitungsmechanismen für nachhaltiges Verhalten ( z.B. Marketing oder Social Media) Durchführung entsprechender Informationskampagnen Förderung der Anreize (und Reduktion der Hemmnisse) unternehmensspezifische Anreize: o Erzeugung von Nachfrage nach nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen o Unterstützung von Forschung und Entwicklung zu nachhaltigen Produkten o Förderung/Forderung nachhaltiger Input-Output-Bilanzen von Unternehmen o Bewusstmachung der Vorbildfunktion von Unternehmen und Kommunikation ihrer gesellschaftlichen Verantwortung verbraucherspezifische Anreize: o Würdigung nachhaltigen Konsumentenverhaltens – auch wenn der Beitrag minimal ist o Zugang zu Informationen über nachhaltiges Verhalten verbessern o Thematisierung und Kommunizierung nachhaltiger Lebensstile medienspezifische Ansätze: o Unterstützung der Lokalpresse bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortung, fach- und sachgerecht über Nachhaltigkeit zu informieren o Unterstützung von „Nachhaltigkeits-Apps“ für Smartphones, z.B. eine Tamagochi-artige Visualisierung der persönlichen Nachhaltigkeitsbilanz

In der anschließenden Plenardiskussion wurden folgende Punkte ergänzend diskutiert: Sind die Möglichkeiten des Bildungssystems in diesem Vorschlag ausgeschöpft? Antwort: Tatsächlich wurde hier vorrangig an kommunale Akteure gedacht, wie Unternehmen, Lokalpresse, Multiplikatoren. Bei der Vermittlung von nachhaltigen Lebenssti-

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len und Verbraucherinformationen sind Bildungseinrichtungen aber jedenfalls miteinzubeziehen. Es wurde unterstrichen, dass wirksame Verbreitungsmechanismen nicht neu erfunden werden, sondern zunächst bereits vorhandene erfolgreiche Wege erkannt werden müssten. Eine besondere Rolle könnte der Schaffung von Erlebnis- und Experimentierräumen für nachhaltige Lebensstile zukommen, z.B. in Form der Ausleihe (solargespeister) E-Mobile oder der Schaffung von Bürgergärten. Ein Problem wurde gesehen in einem zu individualistischen Verantwortungskonzept. Vielmehr sollte ein kollektives Verantwortungsmodell fokussiert werden. Zum Beispiel wären Rechtsverordnungen (bspw. im Bereich Lebensmittelkennzeichnung) dahingehend zu überprüfen, ob sie verantwortliches Handeln fördern oder hemmen. Zukunftsweisende Rechtsnormen hingegen wären in diesem Sinne als kulturelle Gesamtleistung in Richtung Nachhaltigkeit zu fördern.

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Arbeitsgruppe „Regionalisierung und Globalisierung“
Ausgangspunkt dieser AG war ein ThemenCluster bestehend aus folgenden individuellen Wertungen: Eine verstärkte regionale Vernetzung im Sinne von Kooperations- und Lerngemeinschaften, insbesondere von Kommunen und Unternehmen, würde als besonders wünschenswert betrachtet. Auch die Umstrukturierung von Großunternehmen in Richtung stärker regionalisierter Strukturen (und damit eine Entwicklung zu mehr regionaler Wertschöpfung sowie indirekt auch zu hochwertigeren und haltbareren Produkten) würde begrüßt. Andererseits wurde auch vor einer unkritischen Verallgemeinerung jeglicher Regionalisierungstendenzen als „Heilskonzept“ bzw. vor einer undifferenzierten „Regionalisierungsromantik“ gewarnt. Des weiteren wurde ein gewisses Unbehagen in Bezug auf eine globale Betrachtung geäußert: Wenn deutsche bzw. mitteleuropäische Städte ambitioniert die Wende zur nachhaltigen Wirtschaft vollziehen, welche Auswirkungen und Begleiterscheinungen hat das auf den Rest der Welt? Werden alle anderen Weltregionen ebenfalls profitieren können, bzw. den gleichen Weg gehen können?

Zur „idealen Zukunft“ dieses Themenfeldes sammelte die Arbeitsgruppe im Brainstorming folgende Punkte: Regionen schotten sich nicht ab, sondern sind trotz systematischer Regionalisierungsprinzipien offen für Menschen und Wissen sowie, zumindest grundsätzlich, auch für Güter und Rohstoffe. (Sie streben dabei genauso wie Nationen eine ausgeglichene Handelsbilanz an, d.h. „Exporte“ sollten sich in etwa die Waage halten mit „Importen“). Es herrscht allerdings ein „Subsidiaritätsprinzip“ im dem Sinne, dass alles, was sinnvoller Weise vor Ort produziert werden kann, vor Ort produziert wird und nur die übrigen Produkte oder Leistungen überregional bezogen werden. Ein hoher regionaler „Selbstversorgungsgrad“ gilt als Indikator für Nachhaltigkeit. Die jeweiligen Best-Practice-Beispiele werden aktiv kommuniziert.

Szenario-Auswertungs-Workshop Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030 Vorrangig regional herstellbar sind unter anderem:

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o Lebensmittel, insbesondere kulturell geprägte, saisonale oder geographische Besonderheiten, o nachwachsende Rohstoffe, o Energie (Wärme und Strom), o Baumaterialien und Bauleistungen, o Möbel und Bekleidung, o Lokaltransport (ÖPNV), o Bildung, Gesundheit und Soziales. Global handelbar und/oder teilbar sind insbesondere immaterielle Güter: Technologisches und wissenschaftliches Wissen (Motto: Kommunikative Vernetzung statt Produktimport). Das Subsidiaritätsprinzip vereinfacht Konsumieren ohne schlechtes Gewissen. Die Herkunft von Produkten ist für den Konsumenten transparent und der „ökologische Rucksack“ ausgewiesen: Es gibt eindeutige Kriterien, was als nachhaltig gelten kann. Objektive Bewertungsverfahren bestimmen den ökologischen Rucksack. Für die Analyse werden immer komplette Produktlebenszyklen betrachtet. Interkulturelle Begegnung und gesellschaftliche Vielfalt werden genossen und gefördert. Ein kultureller Wertewandel und ein dadurch verändertes Konsumentenbewusstsein verstärken die Regionalorientierung. Veränderte politische Rahmenbedingungen unterstützen die Regionalisierung: Statt Export-Förderung wird das Produzieren für den regionalen Verbrauch gefördert, beispielsweise durch entsprechend veränderte Prinzipien der Wirtschaftsstrukturförderung sowie durch konsequente Internalisierung der externen Kosten des Transports. Weitere Anreize werden gesetzt durch den gezielten Aufbau von Regionalmarken sowie die Etablierung von Regiogeld-Projekten. Objektivierbare Kriterien für Nachhaltigkeit werden durch systematische Forschung ständig weiterentwickelt, insbesondere bezüglich der Frage: Wann ist regional sinnvoll? Regionale und regionalspezifische Fähigkeiten müssen (wieder-)aufgebaut bzw. erhalten werden.

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Als wichtige Anforderungen für Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt wurden daraus abgeleitet: Umbau der Anreizsysteme Einschlägige Gesetze und Verordnungen, die für Aufbau und Erhalt regionaler Wertschöpfung relevant sind, müssen überprüft und ggf. modifiziert werden. Insbesondere muss die vorherrschende Export-Fokussierung der Wirtschaftsförderung durch eine Politik ersetzt werden, die nachhaltige Raumwiderstände zugrundelegt. Kriteriensysteme für (regionale und globale) Nachhaltigkeit In einer Kombination wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher Diskurse muss geklärt werden, was genau sinnvoller Weise regional produziert und verbraucht und was stattdessen importiert oder exportiert werden sollte. Dazu sind konkrete Kriterien für Nachhaltigkeit im Spannungsfeld von Regionalisierung und Globalisierung zu erarbeiten. Erhaltung und Entwicklung regionaler Kapazitäten und Fähigkeiten Regionale Kompetenzen und Kapazitäten müssen gezielt erhalten bzw. aufgebaut werden. Regional vorhandenes und/oder notwendiges Fachwissen und Know-how sind u.a. durch Bildungsmaßnahmen, durch ein entsprechendes Patentwesen sowie durch strategische Kooperationen zu entwickeln und zu pflegen.

Nach der Auswahlentscheidung für die Anforderung „Umbau der Anreizsysteme“ wurden zur Realisierung/Umsetzung folgende Handlungsoptionen skizziert: Als Erstes ist in einer Kombination von wissenschaftlicher Forschungsarbeit und gesellschaftlichem Diskurs ein Kriteriensystem zu erstellen, welches Hinweise gibt, in welchen Fällen und unter welchen Bedingungen Regionalisierung der Nachhaltigkeit dient. Anhand dieser Kriterien sind „Gesetzesfolgenabschätzungen“ durchzuführen: Einschlägige Gesetze und andere Regelungstypen (bspw. GA-Strukturförderung, EUBinnenmarktregeln und WTO-Freihandelsprinzipien) sind zu überprüfen, inwiefern sie sinnvolle Regionalisierung behindern. Beispielsweise muss die „Export-Klausel“ aus der GA-Förderung (= Wirtschaftsförderinstrument des BMWi für strukturschwache Gebiete) herausgenommen werden. Bislang sind nur Unternehmen förderberechtigt, deren Produkte überwiegend für den Absatz außerhalb eines 50-km-Radius gedacht sind.

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Raumwiderstände (= nötiger Aufwand für einen Transport von A nach B) müssen durch die konsequente Internalisierung der externen Kosten des Transports sinnvoll erhöht werden, beispielsweise mit Hilfe transportweitenspezifischer Steuern. An Schulen und Hochschulen sollte ein Paradigmenwechsel hin zu alternativen Wirtschaftstheorien angestoßen werden: hin zu mehr Identifizierung mit Produkten und Produktionsprozessen und weg von einer reinen Fokussierung auf Skaleneffekte. Die EU sollte nicht länger einen einheitlichen Wirtschaftsraum fördern, bei dem immense Transporte und damit verbundene Kosten und Negativeffekte verursacht werden, sondern dazu übergehen, eine Vielfalt unterschiedlicher Wirtschaftsräume zu koppeln und auszubalancieren („moderieren“). Allgemeine Industriestandards für Plattformkonzepte sollten gefördert werden, damit regionale Kleinindustrie unter Nutzung freier Standards und weniger Zulieferbausteine regionalisierte Fertigung, etwa von modularen Fahrzeugen, aufbauen könnte. Die WTO sollte das Prinzip der „Like Products“ (= gleichartige Produkte werden gleich behandelt, egal wie und wo sie produziert worden sind) aufgeben und stattdessen möglichst auf ein Top-Runner-Prinzip setzen (= die jeweils nachhaltigsten Produkte werden zum neuen Gruppenstandard erhoben). Die öffentliche Hand sollte Regionalität als Kriterium in der Beschaffung aufnehmen und dabei speziell EU-weite Ausschreibungen in Frage stellen. Regulierungsspielräume sollten auf regionaler und nationaler Ebene erweitert werden, zum Beispiel durch Experimentierklauseln in gesetzlichen Regelungen. Die Entwicklung und Erprobung von Regionalwährungen sind zu fördern. Regionalmarken sind (weiter) zu entwickeln, zum Beispiel durch Gütesiegel für Regionalität (bspw. „70% regionale Wertschöpfung in der Lausitz“).

Als besonders relevant für das Bundesumweltressort wurden abschließend folgende Punkte resümiert: o Forschung und Experimente zu „sinnvoller Regionalisierung“ forcieren o Gesellschaftlichen Diskurs zur Regionalisierung entfalten

Szenario-Auswertungs-Workshop Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030 o Gesetze und andere Regelungstypen hinsichtlich ihrer Effekte auf

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Regionalisierung prüfen (Gesetzesfolgenabschätzung) und Änderungen initiieren, insbesondere GA-Förderung o Pilotprojekte fördern, z.B. in Sachen Regionalmarken und Regionalwährungen o Existierende Regionalinitiativen fördern und Best-Practice-Beispiele kommunizieren und verbreiten helfen (gegebenenfalls mit Hilfe spezieller „Transfer-Agenten“)

In der anschließenden Plenardiskussion wurden folgende Punkt ergänzend diskutiert: Die AG brachte ihr Fazit nochmals auf den kürzesten Nenner: „Regionalisierung immer da, wo es sinnvoll ist!“ (Ausnahmen wären zum Beispiel geografische Besonderheiten, wie Schwarzwälder Schinken.) Es wurde einhellig unterstützt, dass die Kriterienentwicklung für sinnvolle Regionalisierung unbedingt gesellschaftlich diskursiv begleitet werden sollte. Die Begrifflichkeiten und die aktuelle Diskussion um „Green Economy“ spiele bei der Diskussion um Regionalisierung per se keine zentrale Rolle. Das Spannungsfeld bzw. mehrschichtige Wechselspiel von Tourismus und Regionalisierung wäre interessant zu klären.

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Arbeitsgruppe „Neue Finanzierungsformen und Gemeinwohlorientierung“
Ausgangspunkt dieser AG war ein ThemenCluster bestehend aus folgenden individuellen Wertungen: Eine verstärkte „Demokratisierung“ kommunaler Finanzstrukturen, beispielsweise durch Bürgerhaushalte und Bürgerkredite, wird besonders positiv bewertet. Sehr erwünscht wären Kommunen, die bürgerschaftliche Initiativen fördern und dabei explizit auf das Gemeinwohl und auf soziale Integration achten. Begrüßt würde die in der nachhaltigen Wirtschaft angenommene Renaissance genossenschaftlicher Ansätze, unter anderem in Form privater Energiegenossenschaften. Eine verstärkt auf das Gemeinwohl orientierte nachhaltige Ökonomie – gerecht, solidarisch, sinnstiftend und ökologisch – sowie die Etablierung entsprechender Indikatoren und gesellschaftlicher Wertvorstellungen („jährlicher Gemeinwohl-Check“ für Unternehmen) wären besonders attraktiv. Auch neue nachhaltigere und regionalere Finanzierungsstrukturen wären hoch erwünscht. Gemeinwohlorientiert, ethisch und ökologisch ausgerichtet sollten sie insbesondere auch einen „Ausweg aus der Zinsspirale“ bieten. Gewisse Skepsis gibt es hingegen bezüglich der Möglichkeit, mit Hilfe von Steuern Unternehmen in Richtung Nachhaltigkeit zu „steuern“ (auch wenn im Szenario keine „Strafsteuer“ eingeführt, sondern eine bestehende Steuer aufkommensneutral differenziert wird). Auch wird gefragt, ob gemeinwohlorientierte Bürgerkredite an Kommunen ebenso wie nachhaltigere Unternehmensfinanzierungen für die „Geldgeber“ überhaupt mit ausreichend attraktiven Konditionen verbunden sein können und welche Institutionen oder Personen dafür als Akteure in Frage kommen. Zu expliziten „Zeitbanken“ wird kritisch angemerkt, ob diese nicht eine unnötige „Remonetarisierung“ von Nachbarschaftshilfe und sozialem Zusammenhalt darstellen.

Zur „idealen Zukunft“ dieses Themenfeldes sammelte die Arbeitsgruppe im Brainstorming folgende Punkte: Vor dem Hintergrund einer Profit-/Renditereform steht für verantwortliches unternehmerisches Handeln Geld ohne Finanzierungskosten zur Verfügung („Haben- und Kreditzinsen = 0“).

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Finanzielle Investments in Unternehmen und Initiativen orientieren sich ausschließlich am Gemeinwohl. Banken sind überwiegend als gemeinnützige Kooperativen verfasst. Eine Steuerreform „belohnt“ nachhaltiges wirtschaftliches Handeln. Kommunen erhalten ihre Finanzierung anteilig aus der Mehrwertsteuer und sind so weniger von „Unternehmensansiedlungen um jeden Preis“ abhängig. Es gibt mehr Genossenschaften und weniger Aktiengesellschaften. Gemeinschaftseigentum wird gestärkt. Es gibt in wachsenden Bereichen eine gelebte Schenkökonomie bzw. Kultur des Schenkens, begründet auf dem Prinzip allgemeiner Solidarität. Langfristige Unternehmensstrategien ersetzen kurzfristige Wirtschaftsziele. Die Mitbestimmungsmöglichkeiten der Beschäftigten sind ausgeweitet. Auf Nachhaltigkeit ausgerichtete Unternehmen in Wertschöpfungsketten finanzieren sich untereinander. Unternehmen, Geldgeber und Konsumenten haben mehr Bewusstsein für ihre Verantwortung. Auch Haftung für nicht nachhaltiges Handeln kann eher eingefordert werden. Unternehmerisches Handeln ist transparenter für Kommunen und Bürger. Nicht nachhaltige Produkte werden stärker finanziell belastet. Multinationale Konzerne zeigen mehr regionale Verantwortung. Gemeinwohl genießt Priorität vor Shareholder-Value als Maßstab für verantwortliches unternehmerisches Handeln – auch bei kommunalen Unternehmen. Bürgerhaushalte sind ein verbreitetes Instrument zivilgesellschaftlicher Mitbestimmung in Kommunen. Privatvermögen werden nutzbar für die nachhaltige Gesellschaft und die nachhaltige Wirtschaft. Temporäre und gemeinschaftliche Nutzungen (Miete, Pacht, Sharing, Pooling) ersetzen immer häufiger ausschließendes Privateigentum. Es existiert eine Vielfalt von (regionalen) Alternativwährungen.

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Trotz aller Mitbestimmung behalten Unternehmen aber die Freiheit und die Verantwortung nachhaltig zu handeln, wenn Belegschaftsvoten möglicherweise nicht nachhaltig sind oder beispielsweise gegen Gesundheitsbestimmungen verstoßen.

Als wichtige Anforderungen für Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt wurden daraus abgeleitet: Nachhaltiges unternehmerisches Handeln muss belohnt werden (vom Markt und/oder vom Staat). Gemeinwohlorientiertes Wirtschaften muss gestärkt werden, zum Beispiel durch entsprechende Regulierungen, durch Förderung von Kooperation und kooperativen Prozessen, durch Bildungsmaßnahmen sowie durch die Etablierung neuartiger Wohlfahrtsindizes. Es muss mehr privates Vermögen und Eigentum für die Nachhaltige Wirtschaft mobilisiert werden.

Nach der Auswahlentscheidung für die Anforderung „Belohnung nachhaltigen unternehmerischen Handelns“ wurden zur Realisierung/ Umsetzung folgende Handlungsoptionen skizziert: Entwicklung, Erprobung und Etablierung eines objektivierten Bewertungssystems für nachhaltiges unternehmerisches Handeln zur regelmäßigen verpflichtenden Nachhaltigkeitsprüfung von Produktion und Produkten. Unternehmen sind für die Nachhaltigkeitsbewertung zur notwendigen Transparenz bezüglich Prozessen und Produkten zu verpflichten. Steuerungsinstrumente von Bund und Ländern zur Belohnung nachhaltigen Unternehmenshandelns – von staatlich-monetären Maßnahmen über kommunikative Maßnahmen bis hin zu marktsteuernden Interventionen – sind zu untersuchen und einzusetzen: o Reform von Steuern und Abgaben unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten o Strikte Nachhaltigkeitskriterien für die öffentliche Beschaffung o Internalisierung der externen Kosten von Produktion und Transport

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o Nachhaltigkeitskennzeichnung von Produkten und Dienstleistungen – möglichst mit Gewichtung der relativen Bedeutung unterschiedlicher Kriterien o Öffentlichkeitskampagnen für Nachhaltiges Wirtschaften, welche die Reputation nachweislich nachhaltiger Unternehmen stärken (et vice versa) o Auslobung von Wettbewerben und Preisen für nachhaltige Unternehmen o Stärkung einer funktionierenden Marktaufsicht durch Staat und Markt gemeinsam Untersuchung und Entwicklung spezifischer kommunaler Rahmenbedingungen für nachhaltige Wirtschaft.

In der anschließenden Plenardiskussion wurden folgende Punkte ergänzend diskutiert: Anders als in der Präsentation können in vielen Fällen auch die Kommunen selbst Akteur und Initiator von Maßnahmen zur Förderung der Nachhaltigen Wirtschaft sein – nicht nur der Staat allein. Kommunen könnten beispielsweise konsequenter E-Mobile beschaffen. Wie könnte auch der Maschinenbau nachhaltiger gestaltet werden (und nicht immer nur die Textil- und Lebensmittelherstellung)? Antworten: o Zum Beispiel könnten die Transportrelevanzen bzw. Logistikfolgen bewertet und gekennzeichnet/ausgewiesen werden. o Ein Verbraucherbewusstsein, das auch die spezifischen Nachhaltigkeitsaspekte im Maschinenbau beinhalten könnte, müsste durch Aufklärung gezielt entwickelt werden. Man müsste auch Bedingungen schaffen, um das Bedürfnis/ das Interesse der Marktbewerber zu fördern, sich untereinander selbst zu kontrollieren. Bei der Vielzahl der genannten unterschiedlichen Steuerungsmöglichkeiten dürfte es vor allem auf deren intelligente Verknüpfung ankommen.

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Arbeitsgruppe „Kommunale Entwicklungsziele und Handlungsfähigkeit“
Ausgangspunkt dieser AG war ein ThemenCluster bestehend aus folgenden individuellen Wertungen: Das Leitziel „Null-Emissionen“ wird als sehr erstrebenswerte kommunale und wirtschaftliche Handlungsmaxime hervorgehoben. Ebenfalls besonders attraktiv wären funktionsgemischte, grüne Wohn-Gewerbe-Mischgebiete. Sehr förderlich wäre aus kommunaler Sicht eine Neuausrichtung der Wirtschaftsförderung auf verstärkte Bestandspflege und Förderung innovativer Entwicklung bestehender Unternehmen. Damit könnte auch das sehr erstrebenswerte Ende der kommunalen „Selbsterpressung im Kampf um Unternehmensneuansiedlungen“ erreicht werden. Sehr positiv bewertet wurde eine generell verbesserte Kooperationskultur zwischen Kommunen, zwischen Bürgern und zwischen Unternehmen. Als besonders wünschenswert wurde auch die neue Rolle von Kommunen in der nachhaltigen Stadtwirtschaft betont: als Vorbild bei der nachhaltigen Beschaffung, als Akteur der dezentralen Energieversorgung, bei der „demokratischen Finanzierung“ über Bürgerkredite sowie bei der Entwicklung ökologischer Gewerbegebiete. Zur „idealen Zukunft“ dieses Themenfeldes sammelte die Arbeitsgruppe im Brainstorming folgende Punkte: Kleine Läden und viele regionale Angebote tragen zu lebendigen Innenstädten bei. In den Städten wird ein systematisches Nachhaltigkeitsmanagement von allen wichtigen Akteuren getragen (jeweils mit zentraler Agentur plus unabhängigen Ombudsleuten). Die Kommunen verstehen sich als Ermöglicher und Mobilisierer in Richtung Nachhaltige Wirtschaft: Das Engagement von Bürgern und Unternehmen wird gezielt aktiviert und gefördert – etwa für nachhaltige Gewerbegebiete oder dezentrale Energieerzeugung. Insbesondere die Kooperation von Kommunen mit anderen Kommunen in der Region bezüglich der Ansiedelung von bzw. Konversion zu nachhaltiger Wirtschaft hat die „Erpressbarkeit“ der Kommunen durch die Unternehmen reduziert. Kommunen kooperieren

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beispielsweise in „interregionaler Arbeitsteilung“, wenn es um die Nutzung von (neuen und alten) Flächen für Wirtschaft und Infrastruktur geht. Eine nationale „Flächenbörse“ unterstützt, koordiniert und beobachtet solche kommunalen „Flächenkooperationen“. Neben Bürger-Kraftwerken gibt es auch zunehmend weitere „Bürger-Unternehmen“. Kommunen mit abnehmender Einwohnerzahl reagieren auf den demografischen Wandel mit der Entwicklung programmatischer Strategien im Sinne eines „Sinnvollen Schrumpfens“. Die Lebensqualität in den Städten ist vielerorts dadurch erhöht, dass die Sphären von (nachhaltiger) Arbeit einerseits und Leben bzw. Freizeit andererseits wieder stärker durchmischt worden sind. Das Leitziel „Null-Emission“ ist im Sinne eines neuen „Gesellschaftsvertrages“ verbindlicher Teil der Gemeindeordnungen sowie der Landes- und Bundesverfassungen.

Als wichtige Anforderungen für Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt wurden daraus abgeleitet: Das „Null-Emissions-Ziel“ müsste auf kommunaler Ebene verbindlich festgeschrieben werden. Systematisches städtisches Nachhaltigkeitsmanagement muss in den Kommunen etabliert werden. Die „Ermöglicher-Funktion“ von Kommunen muss weiterentwickelt und gestärkt werden.

Nach der Auswahlentscheidung für die Anforderung „Stärkung der kommunalen ,Ermöglicher-Funktion‘“ wurden zur Realisierung/ Umsetzung folgende Handlungsoptionen skizziert: Strukturelle und soziokulturelle Hemmnisse, die kommunales Handeln „im Interesse“ eines nachhaltigen Wirtschaftens beschränken, müssen identifiziert und – soweit möglich – reduziert werden. Dabei geht es zunächst hauptsächlich um die Analyse gesetzlicher Regelungen, dann aber auch um kommunenspezifische soziokulturelle Aspekte.

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Das Null-Emissions-Ziel sollte als ein „Leitziel“ für kommunales Handeln (unter Einbeziehung aller Akteure) möglichst verbindlich vereinbart und festgeschrieben werden (im Sinne eines „erneuerten Gesellschaftsvertrages“). Kommunalverwaltungen sollten darin unterstützt werden, schrittweise ein systematisches städtisches Nachhaltigkeitsmanagement aufzubauen. Unternehmen und Einwohner, die neu in eine Stadt kommen, sollten ein „Willkommenspaket Nachhaltigkeit“ überreicht bekommen, in dem kommunale Angebote und Leistungen mit Bezug auf Nachhaltigkeit präsentiert werden (inkl. Beratungsgutscheinen etc.). Als Anreiz für Unternehmen, sich stärker in Richtung Nachhaltigkeit zu orientieren, sollte geprüft werden, besonders nachhaltige Unternehmen in der Gewerbesteuer mit einem reduzierten Hebesatz zu belohnen. Dies könnte durch eine aufkommensneutrale Differenzierung der Hebesätze geschehen und müsste jährlich anhand einer Top-RunnerErhebung an den jeweiligen „Klassenbesten“ und „Klassenletzten“ neu justiert werden. Ergänzend oder alternativ könnten auch die Abgaben für Abwasser, Wasser, Fläche und Energie durch die Kommunen „öko-differenziert“ werden, um eine geringere Inanspruchnahme von Ressourcen zu honorieren. Kommunen sollten systematisch sowohl die Kooperation von Unternehmen als auch das bürgerschaftliche Engagement in Richtung Nachhaltigkeit unterstützen und dazu unter anderem ein oder mehrere (teils virtuelle, teils reale) „Marktplatzforen“ einrichten, auf denen sich Unternehmen, aber auch Bürger treffen können, mit dem Ziel, Informationen und Wissen zu teilen sowie gemeinsam Ideen und Initiativen zu entwickeln. Interkommunaler Erfahrungsaustausch und interkommunale Kooperationen sollten verstärkt/gefördert werden mit dem Ziel, sich über nachhaltiges Wirtschaften auszutauschen und gemeinsam gute diesbezügliche Rahmenbedingungen für Unternehmen und Einwohner zu schaffen. Derartige Zusammenarbeit könnte auch interkommunale Konkurrenz abbauen, die oft von Unternehmen ausgenutzt wird, um Kommunen gegeneinander auszuspielen. Dazu könnte insbesondere eine Förderung der interkommunalen „Arbeitsteilung“ bei der Bereitstellung und Vermarktung von Flächen gehören (u.a. durch eine „Nationale Flächenbörse“). Der Spielraum für Experimente und Pilotprojekte in der kommunalen Praxis sollte genutzt und gegebenenfalls gesetzlich erweitert werden. Neben Bürgerhaushalten und Bürger-Krediten könnten beispielsweise auch Bürger-Unternehmen erprobt werden, in

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denen Bürger an kommunalen Unternehmen beteiligt werden (etwa „Bürger-Bäder“) und diese im Sinne einer nachhaltigeren Wirtschaft mitgestalten bzw. betreiben.

Abschließend resümierte die AG, was speziell die (Bundes-)Umweltpolitik dazu beitragen kann: Kommunale Rahmenbedingungen für nachhaltiges Wirtschaften untersuchen und ggf. verbessern (z.B. gesetzliche Hemmnisse abbauen) Erfahrungsaustausch der Kommunen untereinander fördern und umsetzungsorientiert begleiten Nationale Flächenbörse aufbauen zur Unterstützung der interkommunalen (Flächen-)Kooperation Wettbewerb(e) für Kommunen durchführen, die sich durch besonders erfolgreiche und übertragbare Mobilisierungsansätze und Nachhaltigkeits-Initiativen auszeichnen ( z.B. Wettbewerb „Ermöglicher-Kommune“)

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Abschlussrunde

Am Ende des Workshops resümierten die Teilnehmer einzeln ihren persönlichen Ertrag: „Was nehme ich mit aus diesem Workshop?“ Im Folgenden sind diese Aussagen nach den Bereichen „Workshop-Ablauf“, „Ergebnisse“ und „Gewinn für die eigene Arbeit“ zusammengefasst: Aussagen zum Ablauf des Workshops: Der Workshop wurde als spannend und innovativ erlebt, Organisation und Moderation wurden als „angenehm“ und „professionell“ gewürdigt. Die Teilnehmer bewerteten die für sie – teilweise – neue Methodik der Arbeit mit normativ-narrativen Szenarios als sehr interessant und fruchtbar. Die interdisziplinäre Zusammensetzung der Teilnehmerschaft wurde durchweg hoch geschätzt. Insbesondere der bereichs- und institutionenübergreifende Austausch und die freundlich-positive Atmosphäre des Workshops wurden vielfach hervorgehoben. Einzelne Teilnehmer hätten in den Arbeitsgruppen gerne mehr Zeit gehabt, räumten aber ein, dass dann das Ziel des Workshops wohl nicht hätte erreicht werden können. Aussagen zu den Ergebnissen des Workshops: Viele Teilnehmer betonten, dass sie inhaltlich bereichert und angeregt worden seien, da es gelungen sei, das Thema „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“ breit und facettenreich zu reflektieren, neue Aspekte aufzuwerfen und dennoch letztlich zu konkreten Handlungsansätzen zu kommen. Mehrheitlich wurden Hoffnung und Erwartungen ausgedrückt, dass die erarbeiteten Ideen in der Folge auch tatsächlich in die Praxis umgesetzt würden, denn es bestehe massiver Handlungsbedarf. Insbesondere bezüglich der angekündigten ressortinternen Auswertung und Umsetzungsplanung bekundeten etliche Teilnehmer gespannte Erwartung.

Szenario-Auswertungs-Workshop Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt 2030 Zum Gewinn für die eigene Arbeit:

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Mehrere Teilnehmer betonten, dass sie interessante neue Kontakte für ihr persönliches Arbeitsfeld knüpfen konnten. Einige zeigten sich positiv überrascht über neue inhaltliche Erkenntnisse innerhalb ihres Arbeits- bzw. Themenschwerpunktes sowie über den „Tellerrand“ ihres eigenen Arbeitsumfelds hinaus. So wurde formuliert, dass es für die eigene Arbeit fruchtbar ist, auch mal vermeintlich gesicherte „Wahrheiten“ in Frage zu stellen, um somit zu neuen Perspektiven gelangen zu können. Mehrere Teilnehmer waren sich sicher, dass sie zukünftig das Thema Stadtentwicklung stärker in ihren Arbeitszusammenhängen fokussieren und systematischer einbeziehen werden. Das themenbezogene Engagement der Mit-Teilnehmer zu spüren und das resultierende Gefühl nicht alleine zu sein, wurde mehrfach als wertvoll hervorgehoben und als Verstärkung der eigenen Motivation für die weitere berufliche Arbeit aus dem Workshop mit hinausgenommen.

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Zur Evaluation der Methodik

Die folgenden Einschätzungen zur Eignungsbewertung der angewandten Methodik – systematischer Szenario-Prozess auf Basis normativ-narrativer Szenarios – basieren auf der Befragung aller Beteiligten jeweils am Ende der durchgeführten sechs SzenarioWorkshops. Dies erfüllt natürlich nicht die höheren Ansprüche einer externen Evaluation, dennoch waren alle protokollierten Aussagen Gegenstand einer nachträglichen Gegenprüfung durch die Befragten selbst. Gestützt werden diese Analysen übrigens durch die konvergenten Ergebnisse einer aufwändigen Evaluation derselben Methodik im Bundesforschungsministerium.7 Die Szenario-Generierung Zu beiden Themen, „Kreislaufstadt“ und „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“, wurden die Workshops zur Szenario-Generierung besonders für die interdisziplinäre Zusammensetzung des Teilnehmerkreises und die daraus resultierenden teils neuartigen Perspektiven und fruchtbaren Diskussionen gelobt. Diese „Einstiegs-Workshops“ bewirkten bei den vielen Teilnehmern darüber hinaus eine starke Motivierung mitzuerleben, wie im weiteren Projektverlauf aus dem Erarbeiteten konkrete Schlussfolgerungen und daraus resultierende Handlungsempfehlungen abgeleitet wurden. Übereinstimmend wurde berichtet, die komplexe Thematik und die abstrakte Begrifflichkeit seien durch den Generierungs-Workshop konkreter und „lebendiger“ geworden. Man habe neue Aspekte erkannt und zu sinnvollen Differenzierungen, beispielsweise nach Stadttypen, gefunden. Auch der Austausch darüber, wie viele potentielle Lösungsansätze und Technologien bereits zumindest prototypisch verfügbar seien, wirkte ermutigend. Man habe wichtige Zusammenhänge, speziell auch auf der gesellschaftlich-kulturellen Ebene erkannt, beispielsweise die sozialen Aspekte oder die Potentiale „altes Wissen“ zu bewahren und zu reaktivieren. Stark hervorgehoben wurde von Vielen die Einsicht,
7

Gaßner, Robert; Kosow, Hannah (2010): Szenario-Methodik zur Begleitung strategischer F+EProzesse am Beispiel der Hightech-Strategie der Bundesregierung; Berlin (IZT WerkstattBericht Nr. 111).

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wie groß die Bedeutung der (richtigen) politischen Rahmensetzungen für eine erfolgreiche Transformation sei. Als einziges Manko der lebensweltlich fokussierten Arbeitsschritte wurde genannt, dass dabei mitunter der „globale Aspekt“ gegenüber einem eurozentristischen Blickwinkel zurücktritt. Als expliziten Gewinn für das persönliche Arbeitsfeld betonten viele Teilnehmer, dass sie sowohl methodisch als auch inhaltlich über ihren sonstigen Arbeitshorizont hinaus neue Anregungen und Perspektiven gewinnen konnten. Einige sahen anhand der Ergebnisse bereits Anknüpfungspunkte und Anregungen für zukünftige eigene Projekte. Auch habe der Blick auf kommunale und sektorale Akteursgruppen und deren Interessenlage die Wahrnehmung von Notwendigkeiten der horizontalen und vertikalen Integration für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik geschärft. Die Szenario-Auswertung Ähnlich wie bei den Generierungs-Workshops wurde auch bei den SzenarioAuswertungs-Workshops die interdisziplinäre Arbeitsweise besonders hoch geschätzt. Die gezielte Themenfokussierung mit Hilfe eines normativ-narrativen Szenarios wurde dabei als sehr anregend und fruchtbar bewertet. Es sei motivierend und bereichernd von einem positiven Zukunftsbild her zu denken und zu diskutieren. So sei ein kreativer und partnerschaftlicher Austausch über Bereichs- und Institutionsgrenzen hinaus erreicht worden. Für beide Thematiken, „Kreislaufstadt“ und „Nachhaltige Wirtschaft in der Stadt“, wurde berichtet, dass man ein facettenreicheres Verständnis mit neuen Aspekten und verstärktem Zusammenhangswissen gewonnen habe, beispielsweise wie unterschiedliche Kreislaufsysteme stärker zusammengedacht werden könnten. Man fühle sich nun verstärkt zu einer gemeinschaftlicheren Umsetzung der vielen guten Ansätze motiviert, das Gefühl „nicht allein zu kämpfen“ bzw. ein verstärktes „Wir-Gefühl“ sei entstanden. Als expliziten Gewinn für das persönliche Arbeitsfeld wurden vor allem neue „Erkenntnisse über den Tellerrand hinaus“ sowie interessante neue Kontakte resümiert. Auch sei

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man motiviert, in der eigenen umweltpolitischen Arbeit zukünftig stärker auf das Thema „Kreisläufe“ bzw. auf das Thema „Stadtentwicklung“ zu fokussieren. Mehrfach wurde auch erwähnt, dass das gemeinschaftliche Infrage stellen vermeintlich gesicherter Wahrheiten („Ist Regionalisierung wirklich immer nachhaltiger?“) zu neuen Perspektiven geführt und das eigene Orientierungswissen erhöht habe. Die ressortinternen Auswertungs-Workshops Beide ressortinternen Auswertungs-Workshops fanden ohne externe Expertenbeteiligung statt, wurden aber aufgrund des fachgebietsübergreifenden Charakters dennoch als interdisziplinäre Überblicksveranstaltungen empfunden. Mit hoher Übereinstimmung wurde betont, mit erweiterten Perspektiven und mit neuen Impulsen für das eigene Arbeitsfeld aus dem Workshop zu gehen. Dafür seien insbesondere die interdisziplinäre Behandlung der Thematik – im Projekt und im Workshop – und der resultierende Facettenreichtum ursächlich. Wiederholt wurde der Eindruck berichtet, dass die Bedeutung von Urbanität für die Nachhaltigkeitspolitik in Zukunft massiv zunehmen werde und deshalb stärker fokussiert werden müsse. Als spezielle Beispiele des inhaltlichen Zugewinns wurden eine wichtige Sensibilisierung für die Handlungsrealitäten in den Kommunen sowie die Erkenntnis genannt, dass das Umweltressort in seiner Förderprogrammatik neben den vorherrschenden technikfokussierten Fördermaßnahmen auch stärker die Förderung von Wissensvermittlung und Bewusstseinsbildung berücksichtigen sollte. Mehrheitlich wurde betont, dass man durch die positive Erfahrung im Workshop motiviert worden sei, den fachgebietsübergreifenden Austausch im Umweltressort (und ggf. auch darüber hinaus) verstärkt zu suchen. Auch eine hohe Motiviertheit zur vermehrten Initiierung übergreifender konvergenter Aktionen und Projekte wurde von etlichen Teilnehmern geäußert. Ein derartiger Austausch sei deshalb möglichst fortzusetzen bzw. zu verstärken. Viele Teilnehmer teilten gleichzeitig eine gewisse Besorgnis, dass die im Workshop diskutierten vielversprechenden Ansätze und die spürbare Vernetzungsbereitschaft ohne eine systematische Sachwaltung unter den Drücken des Alltagsgeschäfts schon vor der

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Zeit wieder marginalisiert werden könnten. Als Lösungsoptionen wurden einerseits die Schaffung interner Zuständigkeiten und Freiräume für integrierte Maßnahmen als auch eine extern beauftragte Moderation und Prozessbegleitung angedeutet. Zunächst seien nun weitere Diskussionen im Ressort erforderlich, um die vielfältigen möglichen Anknüpfungspunkte zu sondieren – u.a.: Weiterentwicklung der Nachhaltigkeitsziele; Urbanität und Lebensqualität; Unternehmen und Stadt; Bund und Stadt; Wohlfahrtseffekte von Nachhaltigkeit. Um das Verhältnis von Umwelts- und Nachhaltigkeitspolitik weiter zu operationalisieren, sei ohnehin die Entwicklung von neuen politischen Instrumenten notwendig. Von Teilnehmern, die an zwei oder allen drei Workshops eines Themenstrangs teilgenommen hatten, wurde geäußert, dass eine mehrfache Teilnahme natürlich zeitintensiv sei, das Ergebnis aber unbedingt lohnenswert. Umso mehr sei man daran interessiert, dass jenseits des individuellen Zugewinns an Orientierung das Begonnene im Ressort Aufnahme finde und in weitere Umsetzungsschritte münde. Fazit zur Methodenevaluation Auch im Sinne der ursprünglichen Projektausschreibung (Zitat: „Durch einen bewussten […] Einsatz von Szenarien soll es möglich werden, die für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik wichtigen Themenfelder miteinander zu vernetzen.“) darf das Projekt und sein Methodeneinsatz demnach als erfolgreich gelten. Die Methodenevaluation bestätigt praktisch alle bei der Projektplanung angezielten bzw. erwarteten Wirkeffekte der systematischen Anwendung normativ-narrativer Szenario-Methodik in der Unterstützung strategischer Zielbildungs- und Planungsprozesse:8 Unterstützung thematischen Austauschs über Fach- und Ressortgrenzen hinweg Motivierung durch „offenes Denken“ und kreative Prozesse Entwicklung von (weiteren) Visionen und Perspektiven bei „Strategie-Beteiligten“
8

vgl. Gaßner, Robert; Kosow, Hannah (2010): Szenario-Methodik zur Begleitung strategischer F+E-Prozesse am Beispiel der Hightech-Strategie der Bundesregierung; Berlin (IZT WerkstattBericht Nr. 111).

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Szenarios mit hoher Legitimiertheit für die Strategie (kein Not-invented-hereEffekt) Zielbildungen mit Integrationsfähigkeit/ Zusammenbringen unterschiedlicher Standpunkte Diskussionsanregung durch die erarbeiteten Szenarios: konstruktive Kritik statt Abwehr Unterstützung interdisziplinärer Kooperation bei „Strategie-Beteiligten“ Förderung thematischer Kooperationszusammenhänge über Fachgrenzen hinweg Handlungsorientierung und -anregung sowie konkrete Zielbildungen

Im Hinblick auf die konstruktiven Effekte der angewandten Methodik wäre natürlich eine systematische Koordination und Moderation zur Unterstützung der (weiteren) Umsetzung wünschenswert. Darüber hinaus sei hier eine Auswahl im Projekt identifizierter offener methodischer Fragen und Weiterentwicklungsoptionen kurz skizziert: Inwieweit sind für das auswertende Workshop-Format „Fremdszenarios“ verwendbar (und verfügbar)? Könnte man dabei beispielsweise auch mit mehreren Alternativszenarios in einem Workshop arbeiten? Wie könnten auch noch abstraktere Themenfelder der Nachhaltigkeitspolitik, die sehr wenig erkennbare lebensweltliche Bezüge aufweisen, mit dieser Methodik unterstützt werden? Gibt es sinnvolle Kurzformen solcher Szenario-Prozesse? Kann die „Komplettform“ aus Szenario-Generierung, Szenario-Auswertung und ressortinterner Auswertung auch ohne die relativ aufwändige Entwicklung eines expliziten (Lang-)Szenarios durchgeführt werden (also etwa nur anhand der ausführlich dokumentierten „Visionskeime“)?

Szenarios für die Nachhaltige Stadt 2030

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Könnte die Methodik sinnvoll auch auf weitere Zielgruppen der Nachhaltigkeitspolitik erweitert werden? Wäre etwa die Entwicklung neuer „Kurzformate“ für die Szenario-Workshops zweckmäßig und möglich, um mit diesen auch exemplarisch „ins Feld“ zu gehen: Beispielsweise weitere Auswertungs-Workshops zur Unterstützung für einzelne Fachabteilungen, Landesministerien oder Kommunalgremien?

Zwei Szenarios für die Nachhaltige Stadt 2030

IZT Seite: 107

Literatur

Gaßner, Robert; Kosow, Hannah (2010): Szenario-Methodik zur Begleitung strategischer F+E-Prozesse am Beispiel der Hightech-Strategie der Bundesregierung; Berlin (IZT WerkstattBericht Nr. 111). Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 1: Überblick und Fazit. TEXTE Nr.24/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 4: Der Szenario-Prozess – Dokumentation der Prozessergebnisse. TEXTE Nr. 27/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. Grabow, Busso; Hollbach-Grömig, Beate; Gröpler, Nicolai; Rechenberg, Christoph; Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 3: Teilbericht „Nachhaltiges Wirtschaften in der Stadt 2030“. TEXTE Nr. 26/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt. Verbücheln, Maic; Grabow, Busso; Uttke, Angela; Schwausch, Mandy; Gaßner, Robert (2013): Szenarien für eine integrierte Nachhaltigkeitspolitik – am Beispiel: Die nachhaltige Stadt 2030, Band 2: Teilbericht „Kreislaufstadt 2030“. TEXTE Nr. 25/2013; Dessau-Roßlau: Umweltbundesamt.
        
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