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Full text: Naturschutzgebiet Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ

Liebe Berlinerinnen und Berliner,
in unseren Berliner Naturschutzgebieten lässt sich die Vielfalt und Schönheit der Natur auf besondere Weise erleben. Zusammen ergibt sich das Bild der für unsere Region charakteristischen Lebensräume und Artenvielfalt. Mit unserer Faltblattserie zu den Schutzgebieten laden wir Sie zu einem erlebnisreichen Besuch der Natur-Vielfalt Berlins ein.
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Wildnis auf der Deponie
Auf den ersten Blick erkennt man heute nicht mehr, dass man auf einer alten Deponie steht. Etwa seit 1920 fanden Abgrabungen an der natürlichen Hangkante zur Fließtalniederung für die Gewinnung von Sand und Kies statt. Später wurden diese Gruben und Hohlkörper wieder mit Müll und Schutt verfüllt. Die Natur hat auf diesem vom Menschen beeinflussten Standort inzwischen wieder Fuß gefasst, ein so genanntes Sekundärbiotop ist entstanden – Lebensraumalternative für viele Arten, deren natürliche Lebensräume in der Kulturlandschaft immer stärker zurückgehen. Blütenreiche Kraut- und Staudenfluren mit Disteln, Malven, Rainfarn und Steinklee, lückig mit Gräsern bewachsene Schutthaufen, Weißdorn- und Rosengebüsche bilden heute ein strukturreiches Mosaik. Sie ersetzen selten gewordene Elemente der Kulturlandschaft wie Brachen, Feldraine und Hecken. Durch Beweidung mit Schafen oder Mahd wird einer weiteren Verbuschung der Landschaft vorgebeugt. Der Wechsel von offenem, sonnigem Gelände mit Dorngebüschen und Dickichten ist ein optimales Lebensraumangebot für Buschbrüter wie Dorngrasmücke 1 (Sylvia communis) und Sperbergrasmücke 2 (Sylvia nisoria). Beide Vogelarten legen ihre locker aus Gräsern gewobenen Nester in dichten Büschen an. Die Goldammer 3 (Emberiza citrinella) ist ein häufiger Brutvogel im Naturschutzgebiet. Ihr Lebensraum ist die offene mit Hecken und kleinen Gehölzgruppen gegliederte Kulturlandschaft. Das Mauswiesel (Mustela nivalis) sondiert aufrecht stehend seine Umgebung. Es verschafft sich dabei einen Überblick bei seiner Suche nach Beute. Nur etwa 20 cm groß ist es der kleinste europäische Raubsäuger und auf die Jagd nach Mäusen spezialisiert, die es auch in deren Gängen verfolgen kann. Mauswiesel leben heimlich und sind eher selten zu beobachten. Sie sind Einzelgänger und haben im Verhältnis zu ihrer Körpergröße recht große Reviere zwischen 5 und 8 ha.

Zwischen Apfel- und Birnbäumen
Eine besondere Attraktion im Naturschutzgebiet ist die Obstbaumblüte im Frühjahr, wenn das vielstimmige Gesumm von Bienen und Hummeln die Luft erfüllt. Die Obstanlagen waren schon früher nie sehr ertragreich und wurden extensiv bewirtschaftet. Heute lädt der NABU (Naturschutzbund e. V.) alljährlich die Bürger zur Apfelernte ein und übernimmt gemeinsam mit einer Pankower Mosterei die weitere Verarbeitung des Obstes. Für die artenreiche Tierwelt ist die alte Obstanlage ein wertvoller Lebensraum. Das Angebot verschiedener Obstgehölze mit Höhlen, Alt- und Totholz im Wechsel mit trockenen Wiesen und Krautfluren ist dafür Voraussetzung. Ziel ist es durch Mahd, Beweidung, Hecken- und Obstgehölzpflege diese Biotope zu erhalten sowie alte Obstsorten wie z. B. Ontario-Apfel und Goldparmäne wieder nachzupflanzen. Vielfältige Abhängigkeiten zwischen Insekten und Obstbäumen lassen sich hier entdecken. So entwickelt sich z. B. die Larve des Apfelbaum-Glasflüglers 4 (Synanthedon myopaeformis), einer Schmetterlingsart, ausschließlich im Holz von Apfelbäumen. Die Flügel sind nur an den Rändern beschuppt und in der Mitte durchsichtig. Ebenfalls durch das Holz von Obstbäumen fressen sich die Larven des Sauerkirschen-Widderbocks 5 (Xylotrechus arvicola), eines anspruchsvollen, auffällig gezeichneten Bockkäfers.

Wildbienen und Wespen
Allgemein bekannt sind die Honigbiene und die Gemeine Wespe, zwei Arten, die Staaten bilden und als Völker mit mehreren Tausend Individuen in großen und aufwändig gebauten Nestern zusammenleben. Die meisten Wildbienenund Wespenarten ­ leben allerdings einzeln (solitär). Sie graben ihre Nester in trockenwarmen, sandigen Erdboden, nutzen sonnenexponierte Böschungen oder nagen Brutzellen in morsches Holz und markhaltige Pflanzenstängel. Blütenreiche Trockenrasen und Krautfluren – im Gebiet vor allem Rispenflockenblume, Natternkopf und Berg-Sandglöckchen – sind ihre bevorzugten Lebensräume. Wildbienen sammeln Blütenpollen und Nektar sowohl als Larvenproviant wie auch zur Eigenversorgung. Einige Wildbienen sind dabei auf bestimmte Pflanzen spezialisiert, besuchen nur bestimmte Blüten und sind daher vom Vorkommen dieser Nahrungsquelle abhängig. Als Bestäuber zahlreicher Wildund Nutzpflanzen haben sie eine hohe Bedeutung für den Naturhaushalt. Bei den Wespen ernähren sich nur die erwachsenen Tiere von Nektar. Der Larvenproviant besteht häufig aus Raupen und anderen Insektenlarven, die durch einen Stich gelähmt und in die Brutstätte eingetragen werden. Die Sandbiene 6 (Andrena vaga) ist ursprünglich eine Charakterart natürlicher Flussauensysteme. Kiesgruben bieten ihr heute einen Ersatzlebensraum. Sie nistet gesellig im sandigen Boden, wobei Ansammlungen von mehreren tausend Nestern keine Seltenheit sind. Der Blütenpollen für die Larven wird ausschließlich an Weidensträuchern gesammelt. Die feuerrot behaarte Mauerbiene 7 (Osmia aurulenta) baut ihre Nester in leeren Schneckengehäusen, wovon sich auch der Name „Schneckenhausbiene“ ableitet. Die seltene Spiralhornbiene 8 (Systropha curvicornis) gräbt ihre Nester bevorzugt entlang unbefestigter Wege. Ihr Name bezieht sich auf die dreieckig eingerollten Fühlerspitzen der Männchen. Die Weibchen sammeln Pollen als Larvennahrung ausschließlich an den Blüten der Acker-Winde. Die Grabwespe 9 (Ammophila pubescens) gräbt Niströhren in den Sand und verschließt deren Eingänge mit kleinen Steinchen. Die Larven werden regelmäßig mit Raupen versorgt.

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Michael Müller Senator für Stadtentwicklung und Umwelt
Redaktion: Katrin Heinze, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt – Abteilung I / Referat Naturschutz, Landschaftsplanung Text: Seebauer, Wefers und Partner GbR, Berlin Illustrationen: Max Ley, Berlin Karte: piekart e.K., Berlin Fotos: Konrad Zwingmann, Berlin Herbert Henderkes, Berlin Gestaltung: Konrad Zwingmann, alias.medienproduktion, Berlin Titelfoto: Tafelente

Mehr über Naturschutz in Berlin und die Schutzgebiete erfahren Sie im Internet unter: www.stadtentwicklung.berlin.de/natur_gruen/ oder in der im Buchhandel erhältlichen Publikation natürlich Berlin! Naturschutz- und Natura 2000-Gebiete in Berlin Berliner Forsten – Forstamt Pankow Blankenfelder Chaussee 7, 13159 Berlin Tel.: (030) 474988-0 Bezirksamt Pankow Umwelt- und Naturschutzamt Berliner Allee 252-260, 13088 Berlin Tel: 030/ 90295-0 Naturparkverwaltung Barnim Breitscheidstr. 8-9, 16348 Wandlitz Tel: 033397/ 2999-0 www.naturpark-barnim.brandenburg.de Das Gebiet ist von den Dörfern Blankenfelde, Lübars und Schildow über die Hauptwege „Mauerweg“ und „Barnimer Dörferweg“ zu erreichen. Zu den Dörfern bestehen Busverbindungen.
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Kommunikation Am Köllnischen Park 3, 10179 Berlin broschuerenstelle@senstadtum.berlin.de

Naturschutzgebiet Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ

Stand: 2014

Naturschutzgebiet Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ
Das Naturschutzgebiet Niedermoor­ wiesen am Tegeler Fließ liegt in einem der schönsten Landschaftsräume Ber­ lins an der nördlichen Landesgrenze zu Brandenburg. Von den Dörfern Lübars, Blankenfelde und Schildow ist es zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erreichen, wo­ bei sich von der Hangkante des Barnim weite Ausblicke über die naturnahe Nie­ derung des Tegeler Fließtales ergeben. Die breite Fließtalniederung wurde wäh­ rend der letzten Eiszeit durch abfließen­ des Gletscherwasser geformt. Nacheis­ zeitlich entstanden durch den Anstieg des Grundwassers Niedermoore. Das 57 ha große Gebiet gehört zum länderübergreifenden Naturpark Barnim und wurde 1995 unter Na­ turschutz gestellt. Viele seltene und gefährdete Tier- und Pflanzenarten leben hier. Der Berliner und Brandenburger Teil des Tegeler Fließtales ist auch Bestandteil des Schutz­ gebietssystems NATURA 2000 der Europäischen Union, dessen Ziel es ist, die biologische Vielfalt Europas zu sichern. Über lange Zeit nutzte und veränderte der Mensch die­ sen Landschaftsraum. Heute umfasst das Schutzgebiet einen bei­ spielhaften Ausschnitt der regional­ typischen Kulturlandschaft. Durch den Bau der Mauer unmittelbar am Grenz­ streifen gelegen war der Bereich lange unzugänglich. Der Mauer­ weg kennzeichnet hier noch den ehe­ maligen Grenzverlauf.
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Lebensraum Tegeler Fließ
Der Köppchensee ist ein alter Torfstich, der durch den Abbau des mehr als 2 m mächtigen Torfkörpers entstand. Er wur­ de zeitweilig auch als Fischteich genutzt. Sein Name geht auf einen ehemaligen Pächter zurück. Röhrichte, Uferhochstauden und Gehölz­ gruppen aus Weiden und Erlen säumen heute die Ufer des Sees. Typische Vogelar­ ten dieser Lebensräume der Stillgewässer und Feuchtgebiete sind Rohrweihe, Grau­ reiher und Zwergtaucher, die das Gebiet als Brut­, Nahrungs­ und Rastgebiet nut­ zen und hier auch gut beobachtet werden können. Fröschen und Kröten dient das Gewässer als Laichplatz. Die Arten beset­ zen durch ihre Spezialisierung auf unter­ schiedliche Nahrung, Jagd­ oder Nistzo­ nen verschiedene ökologische Nischen. So ist der Teichrohrsänger (Acrocephalus ­ 1 scirpaceus) ● ans Röhricht gebunden. Sein zylinderförmiges Nest baut er geschickt zwischen 3 – 4 Schilfhalmen. Die Rohrammer (Emberiza schoenic­ 2 lus) ● lebt dagegen auch in Weidendi­ ckichten und Hochstaudenfluren. Eines der bedeutendsten Vorkommen der 3 Ringelnatter (Natrix natrix) ● im Berliner Norden existiert am Köppchensee und am Tegeler Fließ. Die Schlange lebt bevorzugt an Gewässern – wie ihre Beute. Das Tegeler Fließ entspringt beim Summ­ ter und Mühlenbecker See in Branden­ burg und mündet in den Tegeler See. Es ist eines der wenigen noch überwiegend naturnahen, mäandrierenden Fließge­ wässer in Berlin. Der Gewässerboden ist stellenweise mit dichten Teppichen von Wasserpflanzen bedeckt. Begleitet von feuchten Wiesen mit Sumpf­Dotterblu­ men, Röhrichten, Erlenwäldern und Quellhängen bildet das Fließ einen für den Naturschutz außergewöhnlich wert­ vollen Lebensraumkomplex. Zu der viel­ fältigen Tiergemeinschaft gehören selte­ ne und gefährdete Arten wie Wasser­ 4 spitzmaus (Neomys fodiens) ●, Eisvogel 5 (Alcedo atthis) ●, Dreistacheliger Stich­ 6 ling (Gasterosteus aculeatus) ● oder Ge­ bänderte Prachtlibelle (Calopteryx splen7 dens) ●. Alle sind typische Bewohner langsam fließender Bäche und Flüsse. Ein gutes Zeichen für das intakte Natur­ gefüge und die Rückzugsräume des Tegeler Fließes ist das Vorkommen des 8 Fischotters (Lutra lutra) ●. Nur mit viel Glück lässt sich diese äußerst mobile und scheue Art beobachten, die einen sehr großen Aktionsraum beansprucht und sich daher nicht nur im Naturschutz­ gebiet aufhält. Wo ottergerechte Durch­ lässe an Brückenbauwerken und Stauen entlang des Tegeler Fließes fehlen, er­ schwert und gefährdet dies seine Wan­ derung. Ein Problem, das sich nicht durch Ausweisung von Naturschutz­ gebieten allein lösen lässt.

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