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Full text: NSG Gosener Wiesen und Seddinsee / Lehmann, Roland [Textverf.]

Liebe Berlinerinnen und Berliner,
in unseren Berliner Naturschutzgebieten lässt sich die Vielfalt und Schönheit der Natur auf besondere Weise erleben. Zusammen ergibt sich das Bild der für unsere Region charakteristischen Lebensräume und Artenvielfalt. Mit unserer Faltblattserie zu den Schutzgebieten laden wir Sie zu einem erlebnisreichen Besuch der Natur-Vielfalt Berlins ein.

Der geteilte See
Der Seddinsee in seiner heutigen Gestalt ist das Ergebnis von Sandablagerungen der Spree. Sie konnte nach der letzten Eiszeit immer wieder ihren Lauf ändern, trug Land ab, lagerte an anderer Stelle ihre sandige Fracht ab. So kam es durch Aufschüttungen dazu, dass ein einheitliches Seebecken geteilt wurde und wir heute zwei Seen, getrennt durch einen Moorwald und Feuchtwiesen vor uns haben: den Seddinsee im Süden und den Dämeritzsee im Norden. Nur der Nordostteil des Seddinsees mit seinen Sumpfwäldern, Verlandungszonen, dem breiten Schilfgürtel und der von Trauerseeschwalben bewohnten Schwimmblattzone gehört zum Naturschutzgebiet. Die Reste der ehemaligen Verbindung mit dem Dämeritzsee sind an den Fließen und Gräben zu erkennen, die von hier aus in die nördlich gelegenen Erlenbruchwälder führen. Der Gosener Kanal hingegen ist im Gegensatz zum Großen Graben künstlich angelegt. Die im nördlichen Teil des Seddinsees vorhandenen Inseln verdanken ihre Entstehung eben diesem Kanalbau: es handelt sich um Aufschüttungen aus den anfallenden Sanden. Aus dem breiten Schilfgürtel erschallen im Sommer die Rufe des Drosselrohrsängers, dessen unverkennbares karre-karre-kiet nur mit dem deutlich leiseren und kleineren 1 Teichrohrsänger ● verwechselt werden kann, der hier ebenfalls seine kunstvollen Nester zwischen die Schilfstängel hängt. Das farbenpräch2 tige Männchen der Rohrammer ● markiert, gut sichtbar im oberen Bereich der Röhrichte, durch seinen Gesang ein besetztes Revier. In den Flachwasserbereichen mit ihrer üppigen Unterwasservegetation aus Tausendblatt und Laichkräutern 3 findet der Gelbrandkäfer ● optimale Lebensbedingungen. Mit bis zu 3,5 Zentimeter Größe ist er eine imposante Erscheinung. Er ist nicht nur ein guter Schwimmer und Räuber, auch seine Flugfähigkeit ist beeindruckend. Besonders in den mondhellen Nächten kann er fliegend größere Entfernungen bis zu benachbarten Gewässern zurücklegen. Seine Larven sind sehr wehrhaft. Sie ernähren sich von kleinen Fischen, Kaulquappen und den Larven anderer Wirbel4 loser. Der Seefrosch ● ist der größte unser heimischen Grünfrösche. Auch er bevorzugt die flachen Bereiche des Nordufers, wo er sich gern zwischen den großen Schwimmblättern der Seerosen aufhält. Entsprechend seiner Größe ist er auch der lautstärkste unter den Fröschen.

Willkommen Seeadler!
5 Anfang des 19. Jh. war der Seeadler ● in Brandenburg ausgerottet. Da er sich auch von Fischen ernährt, wurde er gnadenlos verfolgt. Erst rund 50 Jahre später wurden wieder erste Bruten bekannt. In Berlin hat er im Jahr 2000 erfolgreich einen Jungvogel aufgezogen. Die Stadt profitiert damit von den strengen Schutzmaßnahmen in Brandenburg, die zu einer so erfolgreichen Bestandsentwicklung führten, dass der Seeadler heute nicht einmal mehr gefährdet ist. Ähn6 lich erging es dem Fischadler ●, einst vom Aussterben bedroht, hat er heute in Brandenburg einen Vorkommensschwerpunkt innerhalb Deutschlands. Man kann ihn mit etwas Geduld auch am Seddinsee jagen sehen. In rasantem Sturzflug taucht es ins Wasser
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Trauerseeschwalben – Wanderer zwischen den Welten
und kommt nach erfolgreicher Jagd mit einem Fisch in den Fängen wieder zum Vorschein. Im Gegensatz zum Seeadler ist er noch kein Berliner, brütet aber in der Spreeniederung im Bereich Fürsten7 walde. Der Schwarzmilan ● ist weltweit verbreitet, in Deutschland jedoch selten. Am Seddinsee ist er aber Stammgast. Sein Horst liegt gut versteckt in den unzugänglichen Erlensümpfen des 8 Naturschutzgebietes. Kormorane ● ernähren sich ausschließlich von Fischen. Auch sie brüten inzwischen in Berlin, jedoch nicht am Seddinsee. Hier haben sie nur einen Schlafplatz in den Bäumen am Ufer, der schon von weitem an der durch den Kot weißen Färbung der Bäume erkennbar ist. Als Weitstreckenzieher verbringen sie den Winter an der Westküste Afrikas zwischen dem Golf von Guinea und Namibia. Erst im Mai treffen sie wieder bei 9 uns ein. Dann haben Weiße Seerose ●, 10 Teichmummel und Krebsschere ● ihre Blätter an der Wasseroberfläche zu dichten Teppichen entfaltet. Hier, auf den „schwimmenden Inseln“ bauen sie einfache Nester, die schon beim geringsten Wellenschlag weggespült werden können. Es sind eigentlich nur Ersatzlebensräume. Ihre natürlichen Lebensräume sind überschwemmte Auenwiesen und Altarme von Flüssen, die in Deutschland sehr selten geworden sind. So nimmt es nicht Wunder, dass die Trauerseeschwalbe heute vom Aussterben bedroht ist. In Berlin und Brandenburg gibt es nur noch rund 400 Brutpaare. Im Bereich der Bänke und am Seddinsee brüten heute rund 10% des Berlin-Brandenburger Brutbestandes, auf dem Seddinsee brütet sie aber nicht jedes Jahr. Seit 1980 wird ihre An11 siedlung mit Kunstinseln ●, die rasch angenommen wurden, gefördert. Diese bieten mehr Sicherheit als die wackeligen Blätter. Oft werden die Kunstinseln 12 auch von der größeren Lachmöwe ● 13 besetzt, während Reiherenten ● und 14 Haubentaucher ● in der Umgebung brüten. Die Brutzonen sind für den Bootsverkehr gesperrt. Bei Störungen werden die Gelege oft von Nesträubern geplündert. Bojen und Hinweisschilder sollen den Lebensraum dieser vom Aussterben bedrohten Art schützen helfen.

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Michael Müller Senator für Stadtentwicklung und Umwelt

Redaktion: Katrin Heinze, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt – Abteilung I / Referat Naturschutz, Landschaftsplanung Text: Roland Lehmann, Berlin Illustrationen: Max Ley, Berlin Fotos: Holger Brandt, Josef Vorholt Karte: piekart e. K., Berlin Gestaltung: Konrad Zwingmann, alias.medienproduktion Titelfoto: Schwarzmilan Mehr über Naturschutz in Berlin und die Schutzgebiete erfahren Sie im Internet unter: www.stadtentwicklung.berlin.de/natur_gruen/ oder in der im Buchhandel erhältlichen Publikation natürlich Berlin! Naturschutz- und Natura 2000-Gebiete in Berlin Berliner Forsten – Forstamt Köpenick Dahlwitzer Landstr. 4, 12587 Berlin Tel.: 030 / 64 19 37-71 Bezirksamt Treptow-Köpenick – Amt für Umwelt- und Naturschutz Rinkartstr. 13, 12437 Berlin Tel.: 030 / 9 02 97-0
Stand: 2014

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Natur
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Kommunikation Am Köllnischen Park 3, 10179 Berlin broschuerenstelle@senstadtum.berlin.de

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NSG Gosener Wiesen und Seddinsee

Unberührtes Berlin
Das Naturschutzgebiet Gosener Wiesen und Seddinsee (Nordostteil) ist kaum bekannt, obwohl es mit 402 Hektar das Größte Berlins ist. Es befindet sich am südöstlichen Stadtrand zwischen dem Gosener Kanal und der Brandenburger Gemeinde Gosen. Die Unterschutzstellung erfolgte 1995. Es ist gleichzeitig Bestandteil des 1.680 Hektar großen NATURA-2000 Gebietes Müggelspree und Müggelsee. Die Spreelandschaft zwischen Fürstenwalde und Berlin, zu der auch das NSG gehört, lohnt einen Besuch. Von der Gosener Landstraße ist es mit dem Bus und dem PKW zu erreichen. Wer das Gebiet vom Wasser aus erkunden möchte, findet in Gosen einen Bootsverleih und kann über den Gosener Graben bis nach Hessenwinkel die urwüchsige Natur vom Wasser aus genießen. Lohnend ist auf jeden Fall auch ein Spaziergang zum Kaniswall. Von dieser Talsandinsel hat man einen sehr schönen Blick über die ausgedehnte Feuchtwiesenlandschaft bis hinüber zu den von Gräben durchzogenen Sumpfwäldern. Die Nordostspitze des Seddinsees unmittelbar am Gosener Kanal gibt einen schönen Blick frei über den Seddinsee mit seinem breiten Schilfgürtel und der vorgelagerten Schwimmblattzone. Es ist nicht nur ein Platz für schöne Sonnenuntergänge; mit etwas Geduld kann man interessante Vogelarten beobachten. Wanderer können von hier auch das nordwestlich angrenzende NSG Krumme Laake/Pelzlaake und bei entsprechender Kondition den Müggelsee aufsuchen. Über eine Brücke gelangt man nach Hessenwinkel und von dort ist es nicht weit zur höchsten Binnendüne Brandenburg/Berlins: den Püttbergen.

Von Fließen umgeben
Von Gräben und Fließen abgeschirmt, sind die Gosener Wiesen eine der letzten unzerschnittenen und störungsarmen Landschaften Berlins. Beim Befahren des Gosener Grabens mit dem Kanu bekommt man einen Eindruck von der Unzugänglichkeit und Natürlichkeit dieser Sumpflandschaft. Von Erlen und Weiden umgeben, deren Kronendach sich an vielen Stellen über dem Wasser schließt, gleitet man durch einen grünen Tunnel. Die langsam verfallenden Uferbefestigungen zeugen vom Bemühen, auch den Gosener Graben in ein vorgegebenes Bett zu zwängen. Sie werden nicht wieder erneuert und der Fluss bekommt sein natürliches Ufer zurück . Unter solchen Bedingungen finden sogar Fisch1 otter ● und Biber ideale Lebensbedingungen. Auch sie sind inzwischen wieder in Berlin angekommen. Ihre Bestände waren auch im benachbarten Brandenburg lange Zeit vom Aussterben bedroht, konnten sich aber dank strenger Schutzmaßnahmen gut entwickeln. 2 3 4 Mit Döbel ●, Gründling ● und Rapfen ● leben hier drei Fischarten, die in Berlin gefährdet sind.

Fliegende Edelsteine
Diesen Namen verdient der Eisvogel zu Recht. Sein farbenprächtiges Gefieder glänzt in der Sonne metallisch. Auf einem erhöhten Ansitz über dem Gewässer hält er nach Beute Ausschau. Pfeilschnell stürzt er mit angewinkelten Flügeln ins Wasser. Seine Nahrung besteht hauptsächlich aus Kleinfischen. In Deutschland gehört er zu den seltenen Arten. Der Ausbau von Gewässern und die Beseitigung natürlicher Ufer, in die er seine Höhlen gräbt, haben zu Lebensraumverlusten geführt. Die Bruthöhlen können sich mehrere hundert Meter von den Nahrungsgewässern entfernt befinden. Eisvögel sind schnelle Flieger. Am Seddinsee und den nördlich angrenzenden Fließen und Gräben kann man ihn noch regelmäßig antreffen. Hier brütet er vor allem in den Wurzeltellern umgestürzter Bäume. Eisvögel verlassen im Winter im Gegensatz zu vielen anderen Vogelarten nicht ihre Brutgebiete. Frieren die Gewässer zu, verhungern sie und es kommt regelmäßig zu großen Verlusten, die sie aber in den Folgejahren durch mehrere Bruten im Jahr immer wieder ausgleichen können.
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Wiesen wie in alten Zeiten
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Schwarzmilan

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Kuckuck

LEGENDE
Schutzgebietskarten

„Früher sahen die Wiesen viel bunter aus.“ Diese Aussage stimmt tatsächlich. Auf modernen Wirtschaftswiesen wächst nicht mehr die Vielfalt, hier wachsen nur noch wenige Arten von Futtergräsern. Daher stehen auch eine ganze Reihe von Wiesengesellschaften inzwischen unter Schutz. Zu ihnen gehören auch die Streuwiesen, von denen innerhalb der Gosener Wiesen noch Reste erhalten sind. Sie sind besonders artenreich und farbenprächtig. Früher waren sie verbreitet in Gebieten, die bis in den Sommer so unter Wasser standen, dass sie erst spät gemäht werden konnten. Heute findet die erste Mahd auf den inzwischen weitgehend entwässerten ehemaligen Streuwiesen bereits Mitte Mai statt. Für viele Arten zu früh; sie kommen nicht zur Blüte. Nicht so in den Gosener Wiesen. Sie werden durch ein spezielles
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Pflegeprogramm erhalten. Hier verrät das leuchtende Rot der grazilen Ku5 ckucks-Lichtnelke ● und des Breitblätt6 rigen Knabenkrautes ● – einer Wiesenorchidee – dass noch genügend Zeit zum Blühen gelassen wird. Die weißen Blüten 7 des Echten Mädesüß ● sind für viele Käfer- und Schmetterlingsarten eine begehrte Nahrungsquelle. Die roten Blüten 8 der Sumpf-Kratzdistel ● werden dagegen bevorzugt vom Braunfleckigen Perl9 muttfalter ● aufgesucht. In den feuch10 ten Wiesen findet die Ringelnatter ● reichlich Nahrung und gute Versteckmöglichkeiten. Innerhalb des Naturschutzgebietes werden diese Wiesen durch ein spezielles Pflegeprogramm erhalten. Auch einige vom Aussterben be11 drohte Wiesenbrüter wie Bekassine ● 12 und Wiesenpieper ● profitieren von den späten Mahdterminen. Die völlige Einstellung der Mahd würde allerdings sehr schnell zur Verbuschung führen.

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LEGENDE
Schutzgebietskarten

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Gebänderte Prachtlibelle

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Biber
        
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