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Periodical volume

Full text: Fachbrief Interkulturelle Bildung und Erziehung Issue 20.2015

Juli 2015

Fachbrief Interkulturelle Bildung und Erziehung Nr. 20
Inhalt
Sprachmittlung durch den Gemeindedolmetschdienst Berlin Dancing in Berlin – Interkulturelles Tanzprojekt Interreligious Peers Lange Tafel e.V. feiert 10-jähriges Jubiläum Die Archivworkshops im Jüdischen Museum Berlin – Quellenarbeit und Zeitzeugengespräch „With Wings and Roots“ Zweiter ROMA-Kulturtag in Marzahn-Nordwest Dossier „Perspektiven und Analysen von Sinti und Rroma in Deutschland“ OSOE-Atlas TALISA Kinderbuch-VERLAG stellt sich vor Tipps und Beispiele aus dem Cornelsen-Verlag: Interkulturelle Schulentwicklung Publikation „Große Vielfalt, weniger Chancen“ veröffentlicht Schulbuchstudie Migration und Integration Auswahl an Fortbildungen im Bereich der Interkulturellen Bildung und Erziehung 2 3 5 6 7 9 10 11 12 13 14 14 17 18

Ihre Ansprechpartnerin in der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft: Diemut Severin, Tel. 030 90227-6185, E-Mail: diemut.severin@senbjw.berlin.de Ihr Ansprechpartner im Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (LISUM): Michael Rump-Räuber, Tel. 03378 209-413, E-Mail: michael.rump-raeuber@lisum.berlin-brandenburg.de Redaktion: Maja von Geyr, Tel: 90227-5494; E-Mail: maja.geyr@senbjw.berlin.de Diesen Fachbrief finden Sie auch unter: www.berlin.de/sen/bildung/foerderung/sprachfoerderung (Materialien für Lehrkräfte) http://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/unterricht/rahmenlehrplaene/fachbriefe-bln/fachbriefeuebergreifend/fachbriefe-interkulturelle-bildung-und-erziehung/ Lassen Sie sich durch den Eintrag in die Mailingliste zeitnah über das Erscheinen neuer Fachbriefe informieren: http://list.bildungsserver.berlin-brandenburg.de/listinfo/fachbriefe_uebergreifende

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Sprachmittlung durch den Gemeindedolmetschdienst Berlin
Schulen leisten einen wichtigen Beitrag zur Integration von Kindern und Eltern mit Migrationshintergrund. Eine gelingende Kommunikation bietet dafür die beste Grundlage. Allerdings wird die Verständigung oft durch mangelnde Sprachkenntnisse erschwert. Um Integrationsbarrieren zu überwinden, kann Ihre Schule von dem Gemeindedolmetschdienst für die benötigte Sprachmittlung im Rahmen des "Bezirksorientierten Programms zur Einbeziehung ausländischer Roma“ unterstützt werden. Dieses Programm wird über die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen gefördert. Für die Schulen entstehen also keine Kosten, wenn sie die Dolmetscherdienste in Anspruch nehmen. Der Gemeindedolmetschdienst übersetzt in den Sprachen Bulgarisch, Rumänisch, gelegentlich Ungarisch und Serbisch-Kroatisch-Bosnisch sowie Polnisch. Anfragen werden aus allen Bezirken angenommen, in der Regel ist ein Vorlauf von drei Tagen nötig. Nutzen kann man die Dienste für Gespräche zwischen Eltern und Lehrern, bzw. pädagogischen Fachkräften der Schule. Besonderen Unterstützungsbedarf gibt es bei Einschulungen, z.B. für grundlegende Informationen über das deutsche Schulsystem, für Elternsprechtage, für Rückmeldungen zum Lernstand, etc.. In der Zusammenarbeit mit Schulen aus allen Bezirken, jedoch überwiegend mit Grundschulen, hat der Gemeindedolmetschdienst bereits langjährige, gute Erfahrungen sammeln können. Die Sprachmittlerinnen und Sprachmittler des Gemeindedolmetschdienstes sind für die Sprach- und Kulturmittlung qualifiziert. Sie beherrschen nicht nur die Sprache, sondern kennen auch die kulturellen Unterschiede und können diese adäquat interpretieren und vermitteln. Darüber hinaus unterliegen sie der Schweigepflicht. Träger des Gemeindedolmetschdienstes ist Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V. – Landesarbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung. Der Gemeindedolmetschdienst ist wochentags in der Zeit von 8.00 – 18.00 Uhr unter: Telefon (030) 443 190-91, Telefax (030) 443 190-93 erreichbar. Einsätze sind auch zu anderen Zeiten möglich. Weitere Informationen: Frau Sabine Oldag beim Gemeindedolmetschdienst Müllenhoffstraße 17, 10967 Berlin info@gemeindedolmetschdienst-berlin.de www.gemeindedolmetschdienst-berlin.de 2

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Dancing in Berlin – Interkulturelles Tanzprojekt
von Stephanie Witting

Mit einer einladenden Geste stammeln die 20 Berliner Jungen des Gottfried-Keller-Gymnasiums, des Jüdischen Gymnasiums Moses Mendelssohn und der Nelson Mandela International School noch etwas zurückhaltend „May I have this dance, please?” um ein ihnen fremdes Mädchen zum Tanz zu bitten, welches dann, wie es die Höflichkeitsformen beim Standardtanz verlangen, ebenfalls etwas verlegen „with pleasure“/ „mit Vergnügen“ antwortet und die ausgestreckten Hände ihres Tanzpartners ergreift. Die muslimischen, jüdischen und christlichen Schülerinnen und Schüler im Alter von 12-14 Jahren lernen gemeinsam Standardtänze: Rumba, Merengue, Tango, Salsa aber auch Reihentänze und die Heel-Toe-Polka. Unterrichtet werden sie von der New Yorker Tanzlegende Pierre Dulaine, der extra vier Wochen nach Berlin reiste, um den Jugendlichen seine große Leidenschaft, das Tanzen, beizubringen. Doch auch wenn für alle Beteiligten das Tanzen im Vordergrund der Begegnung steht, erreicht Pierre Dulaine mit seinem Unterricht weit mehr. Ziel des Tanzprojektes „Dancing in Berlin“ ist die Begegnung, der Austausch, die Verständigung und damit verbunden der Abbau von Vorurteilen und möglichen Feindbildern zwischen Jugendlichen unterschiedlicher kultureller, religiöser und traditioneller Prägung. Dabei ermöglicht das im Vordergrund stehende Erlernen der Tänze den muslimischen, jüdischen und christlichen Schülerinnen und Schülern, einander unbefangen gegenüberzutreten und sich in einem für alle Beteiligten „neuen“ Rahmen zu bewegen. Das Projekt basiert auf dem Konzept „Dancing classroom“, das Pierre Dulaine entwickelte. Dulaines Karriere als vierfacher Weltmeister im Standardtanz und insbesondere sein herausragendes Engagement in Bezug auf seine Arbeit als ehrenamtlicher Tanzlehrer für Jugendliche aus sozial schwachen und bildungsfernen Schichten wurde bereits verfilmt (Filmtipp: Dance!, 2003, mit Antonio Banderas). In seiner Heimat Jaffa, Israel, erfüllte sich der mittlerweile Anfang 70-jährige vor einigen Jahren seinen größten Wunsch. „Dancing in Jaffa“ heißt der gleichnamige Dokumentarfilm zu seinem erfolgreichen Tanzprojekt, bei dem es ihm Dank seines unermüdlichen Einsatzes gelang, Annäherung, Verständigung und Austausch zwischen jüdischen und palästinensischen Schülerinnen und Schülern durch das Tanzen zu schaffen. 3

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„Dancing in Berlin“ ist in Anlehnung an das Projekt „Dancing in Jaffa” entstanden. Initiiert und organisiert wird es von der Talat-Alaiyan-Stiftung, deren Gründerin Halima Alaiyan sich seit Jahren für den Austausch zwischen Israelis, Palästinensern und Deutschen einsetzt (http://www.talat-alaiyan.de). Unterstützt wird „Dancing in Berlin“ außerdem von dem Friedel Verein Givat Haviva (http://www.givat-haviva.de). Die Schirmherrschaft des Projekts hat die Saarländische Ministerpräsidentin Annegret KrampKarrenbauer inne, die den Schülerinnen und Schülern für das Abschlussturnier die Räumlichkeiten der Saarländischen Landesvertretung zur Verfügung stellte.

Wer möchte mitmachen?
Die Talat-Alaiyan-Stiftung und Givat Haviva möchten „Dancing in Berlin“ fortführen, um auch anderen Berliner Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit zu bieten, an diesem einmaligen Austausch teilzunehmen. Geplant ist das nächste Tanzprojekt mit Pierre Dulaine im März 2016. Dazu werden sowohl interessierte 7. Klassen gesucht, als auch Sponsoren, die das Projekt finanziell unterstützen möchten. Über Ihre Rückmeldungen unter stiftung@talat-alaiyan.de bis November 2015 würden sich die Initiatorinnen und Initiatoren sehr freuen.

Alle Fotos: Stephanie Witting

Links zum Tanzprojekt „Dancing in Berlin“: Initiatoren Talat-Alaiyan-Stiftung: Givat-Haviva: Dancing Classroom: Filmtipps Dancing in Berlin – Kurzfilm: Dancing in Jaffa (Trailer): Dance! (Trailer): http://www.talat-alaiyan.de (Gründerin : Dr. Halima Alaiyan) http://www.givat-haviva.de (Vorsitzende: Friedel Grützmacher) http://www.dancingclassrooms.com (Gründer: Pierre Dulaine) https://vimeo.com/123962774 https://www.youtube.com/watch?v=jcWjquQKPIs https://www.youtube.com/watch?v=BQ59jrXjtyY

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Interreligious Peers
Workshops für Berliner Schülerinnen und Schüler zum Thema „Religiöse und weltanschauliche Vielfalt und Verständigung“ 29 Berliner Juden, Christen, Muslime und Bahai haben sich im Rahmen des Projektes „Interreligious-Peers“ zu Peer-Trainerinnen und -Trainern ausbilden lassen, um mit Schülerinnen und Schülern Workshops und Klassentage zum Thema „Religiöse und weltanschauliche Vielfalt und Verständigung“ durchzuführen. Im Mai 2015 wurde das Projekt mit dem ersten Preis des Berliner Wettbewerbs „Respekt gewinnt“ ausgezeichnet. Die Idee, dass Peer-Trainerinnen und -Trainer in Schulen tätig werden, ist im Rahmen der Initiative „JUGA - jung, gläubig, aktiv“ entstanden. In dieser Initiative setzen sich junge Berliner Muslime, Juden, Christen und Bahai im Alter von 17-25 Jahren intensiv mit Möglichkeiten der Verständigung zwischen Menschen unterschiedlicher Religion und Weltanschauung auseinander. Träger des Interreligious-Peer-Projekts ist die Regionale Arbeitsstelle für Bildung, Integration und Demokratie e.V. (RAA Berlin). Inhalt und Buchung des Workshops Der Workshop der „Interreligious-Peers“ richtet sich an Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9-11 sowie an Grundschülerinnen und -schüler. Im Workshop vermitteln die Interreligious-Peers grundlegendes Wissen zu verschiedenen Weltreligionen und veranschaulichen, welche Bedeutung Religion für sie ganz persönlich hat. Schülerinnen und Schüler werden in methodischen Übungen und offenen Gesprächsrunden angeregt, sich mit Vorurteilen und Stereotypen im Zusammenhang mit Religion auseinanderzusetzen und lernen Wege kennen, wie diese überwunden werden können. Dazu werden Gemeinsamkeiten innerhalb der Menschen verschiedener Religionen und Weltanschauungen erarbeitet und wertgeschätzt. Der Workshop dauert max. 6 Stunden. Individuelle Formate sind nach Absprache möglich. Nach Möglichkeit kommen die Interreligious-Peers auch in paritätischer Besetzung, entsprechend der bei JUGA vertretenen Religionen in die Schulen. Weitere Infos zum Angebot der Interreligious-Peers und der Initiative „JUGA - jung, gläubig, aktiv“ finden sich unter www.juga-projekt.de/2014/04/interreligious-peers Interessierte Lehrerinnen und Lehrer wenden sich bitte an: Herrn Kofi Ohene-Dokyi Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA) e.V. Chausseestraße 29; 10115 Berlin Tel: (0)30 24045 – 554/ Mobil: (0)1577 78 3 10 69 Fax: (0)30 24045 – 509/ Mail: kofi.ohene-dokyi@raa-berlin.de

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Lange Tafel e.V. feiert 10-jähriges Jubiläum
von Isabella Mamatis Der Lange Tafel e. V. hat sich seit der Gründung 2006 zu einer stabilen Einrichtung entwickelt, die sich im öffentlichen Raum für die Motivation zur Partizipation an der Gesellschaft mit Blick auf ein friedliches Zusammenleben im demografischen Wandel einsetzt. Ziel ist es, jenseits kommerzieller Ereignisse die Inklusion aller Bürgerinnen und Bürger auf kultureller Ebene lebendig werden zu lassen. Der Verein engagiert sich gegen soziale Ausgrenzung, gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit und für ein neues nachbarschaftliches Miteinander. Die Akteure der Langen Tafel sind Jugendliche unter 18 Jahren. Im ersten Schritt erfragen sie in Gesprächsrunden und Interviews auf der Straße Zeitzeugen und schreiben die gehörten Geschichten nieder, die dann zu einer Chronik gebunden werden. Darin wird dieses gelebte Wissen festgehalten, das auf Werte im Wandel der Zeit aufmerksam macht. Das Ziel dieses Prozesses ist es, das Wissen der älteren Generation vor dem Aussterben zu bewahren. Nach dieser Aktion folgt ein großes inszeniertes Spaghetti-Essen für Bürgerinnen und Bürger aus dem Kiez, bei dem die ganze Sammlung der Geschichten auf einer Wäscheleine entlang der Langen Tafel hängt. Die Chronik wird der Schirmherrin/ dem Schirmherren überreicht. Gastgeber und Moderatoren an der Langen Tafel sind Künstler des Vereins und die beteiligten Jugendliche. Danach kommt es zur Dokumentation der Inszenierung in Form von Videofilmen, Fotos oder einer Ausstellung und die Jugendlichen erhalten Urkunden, die ihre neu erworbenen Kompetenzen bestätigen. Die Lange Tafel ist ein Bildungsprojekt, das durch einen gegenseitigen Bildungs- und Reflexionsprozess der Generationen und Kulturen lebendig wird und integrativ wirkt. Aus den Ergebnissen des Projektes entstehen in einem weiteren Schritt Theateraufführungen, Hörspiele, Kreativworkshops, Open-Space Veranstaltungen und Ausstellungen. Der Höhepunkt der Vereinsarbeit sind die Inszenierungen der "Langen Tafeln" an mehreren Orten Berlins in Verbindung mit der Initiative www.denk-mal-fuer-migration.com, ein Virtuelles Denkmal für biografisches Schreiben der zweiten und dritten Migrationsgeneration und das im letzten Jahr gegründete Oral-History-Theatre mit der Inszenierung „Die Mädchen vom Postspielplatz“, die zukünftig auf Schultournee gehen soll. Dieses Aktionsdreieck bildet die Plattform für das „Festival für den Dialog der Generationen und Kulturen“, das jährlich stattfindet und so auch im Jahr 2015 stattfinden wird. Die Initiatorin der Aktivitäten im Verein ist Frau Isabella Mamatis, eine griechisch-deutsche Schauspielerin, die zusammen mit einem Team von projektgebundenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Projekte jährlich umsetzt. Die Lange Tafel ist bereits in 15 verschiedenen Orten eingeführt und wird in diesem Jahr vom Hamburger Phönixviertel übernommen. Zudem wurde sie von der California State University eingeladen und wird 2016 in Los Angeles von der Initiatorin umgesetzt. Damit wurde das Projekt auf internationaler Ebene platziert und soll noch um die ganze Welt gehen. Der Verein bietet auch Workshops für Schülerinnen und Schüler und Fortbildungen für Lehrkräfte, die auf intermediären Methoden basieren. Wenn Sie die Lange Tafel in Ihrem Kiez oder an Ihrer Schule umsetzen möchten, können Sie sich mit dem Verein in Verbindung setzen.

Nächste Lange Tafel in Berlin: Samstag, 11. Juli um 17 Uhr, Bergmannstraße und Freitag,
4. September um 17:00 Uhr, Klausenerplatz

Kontakt: Frau Isabella Mamatis Tel.: (03)0 693 95 23; Mail: info@lange-tafel.com

www.lange-tafel.com, www.denk-mal-fuer-migration.com 6

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Die Archivworkshops im Jüdischen Museum Berlin – Quellenarbeit und Zeitzeugengespräch
von Franziska Bogdanov, Stiftung Jüdisches Museum Berlin Das archivpädagogische Programm im Jüdischen Museum Berlin besteht seit zwölf Jahren und richtet sich an Schülerinnen und Schüler, Studentinnen und Studenten, Referendarinnen und Referendare sowie Lehrerkräfte, wobei der Schwerpunkt auf der Arbeit mit Schulklassen aller Schulformen der Klassenstufen 9 bis 12 liegt. Ein Workshop beinhaltet die Arbeit mit Originaldokumenten aus dem Archiv des Museums zu verschiedenen Themen der deutsch-jüdischen Geschichte während der Zeit des Nationalsozialismus und ein anschließendes Zeitzeugengespräch mit Stiftern des Archivs. Ziel der Workshops ist es, Schülerinnen und Schülern deutschjüdische Geschichte näher zu bringen, sie zu Fragen anzuregen und sie historische Prozesse nachvollziehen und von den Erfahrungen der Zeitzeugen lernen zu lassen. Ein Archivworkshop dauert in der Regel 4-5 Stunden. Er beginnt mit einer Einführung in das Archiv, in der auf das Besondere der Quellen und ihrer Herkunft eingegangen und ein Einblick in die Arbeit der Archivare gegeben wird. Danach arbeiten Schülerinnen und Schüler in kleinen Gruppen von 3-5 Personen, die jeweils von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Archivs und der Bildungsabteilung angeleitet werden. Die Betreuung der Schülerinnen und Schüler ist sehr intensiv und zielt darauf ab, jeden einzelnen in die Arbeit und das Gespräch mit einzubeziehen. Jede Gruppe erarbeitet anhand von ausgewählten Originaldokumenten und -fotografien ein eigenes Thema, das sich an der Biografie des Zeitzeugen orientiert, mit dem die Klasse später zusammentrifft. Die Zeitzeugen sind Stifter des Archivs und haben dem Museum Dokumente, Fotografien oder auch Objekte aus ihren Familien überlassen. Sie wurden in Deutschland geboren und haben hier die Zeit des Nationalsozialismus erlebt. Viele von ihnen konnten aus Deutschland auswandern, einige haben im Versteck überlebt und manche sind Überlebende von Konzentrationslagern. Interessant ist, dass die meisten Zeitzeugen heute im Ausland leben und extra für den Archivworkshop nach Berlin reisen. Alle Zeitzeugen sprechen noch Deutsch. Die Themen, die in der Dokumentenarbeit bearbeitet werden und der Vorbereitung auf das Zeitzeugengespräch dienen, sind z.B. Schulzeit, Berufsverbot, Zwangsarbeit, Emigration und Leben im Exil, Deportation, Überleben im Versteck oder unmittelbare Nachkriegszeit. Die Auseinandersetzung mit den Originalquellen beinhaltet in der Regel eine biografische Herangehensweise. Dies liegt insofern nahe, als der überwiegende Teil der Archivbestände aus Familiennachlässen besteht. Sie enthalten Lebens- und Berufsdokumente auch aus der Zeit vor 1933, Dokumente, die die Auswirkungen der Verfolgung und Diskriminierung auf die einzelnen Biografien während der NS-Zeit deutlich machen und Dokumente, die die Reaktionen der Betroffenen aufzeigen. Es sind behördliche Dokumente, deren eigene Sprache untersucht wird, wie auch ganz persönliche Dokumente, z.B. Briefe, die eher die emotionalen Auswirkungen auf die Opfer verdeutlichen. In der Dokumentenarbeit werden einzelne Biografien untersucht und die jeweiligen Themen über die Lebensgeschichten nachvollzogen. Die Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter wirken darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler die Quellen möglichst eigenständig studieren und selbstständig Schlüsse ziehen. In Detektivarbeit setzen sie die Lebensgeschichten anhand der Dokumente wie ein Puzzle zusammen. Sie erarbeiten sich mit ca. 20 Dokumenten eine Lebensgeschichte und gleichzeitig das jeweilige Thema ihrer Gruppe. Bei der akribischen Quellenarbeit geht das historische Faktenwissen, das sie erlernen oder verfestigen, häufig über das Allgemeinwissen und die Anforderungen im Geschichtsunterricht der Schule hinaus. Es hat sich gezeigt, dass die biografische Herangehensweise bei Schülerinnen und Schülern das Verständnis für die geschichtlichen Prozesse wesentlich erleichtert und ihr Interesse durch Empathie steigert. Dazu wurde festgestellt, dass auch komplexere Sachverhalte, wie Gesetzgebungen und 7

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Bestimmungen, aber auch Willkür in der Behandlung der Verfolgten, durch den Fokus auf einzelne Personen und die unmittelbaren Auswirkungen auf ihr Leben von Schülerinnen und Schülern leichter erfasst werden. Die Biografie dient ihnen dabei als ein roter Faden, an dem entlang sie sich durch die geschichtlichen Ereignisse bewegen. Das anschließende Zeitzeugengespräch ist bewusst als ein Wechselspiel von Beiträgen des Zeitzeugen und der Schülerinnen und Schüler gestaltet. Jede Gruppe präsentiert dem Zeitzeugen und den Mitschülerinnen und Mitschülern das während der Dokumentenarbeit untersuchte Thema, woraufhin der Zeitzeuge daran anknüpfend von seinen eigenen Erlebnissen zu diesem Themenbereich erzählt. Diese Vorgehensweise soll eine permanente Beteiligung der Schülerinnen und Schüler bewirken und zielt darauf ab, dass möglichst schnell ein Dialog entsteht. Es soll damit vermieden werden, dass Schülerinnen und Schüler dem Gespräch nur passiv folgen. Im Laufe der zwölf Jahre, in denen die Archivworkshops durchgeführt werden, wurde der Generationsunterschied zwischen den Zeitzeugen und den Schülerinnen und Schülern immer größer. Es wird deutlich, wie weit entfernt diese Zeit in der Vorstellung der jungen Menschen ist. Umso wichtiger erscheint die Begegnung mit den Zeitzeugen, die ihnen von der Vergangenheit lebendig berichten können. Wie weit diese Zeit den Schülerinnen und Schülern auch entfernt zu sein scheint, sie alle fragen sich, wie es zum Holocaust kommen konnte und versuchen, die Geschehnisse an ihre eigenen, sehr diversen Narrative anzuknüpfen. Dabei können auch persönliche Erfahrungen der Jugendlichen wie Diskriminierung, die Zugehörigkeit zu einer Minderheit oder Fluchterlebnisse der eigenen Familien Zugänge zum geschichtlichen Lernen sein. Die heute noch lebenden Zeitzeugen sind Menschen, die die NS-Zeit als Kinder oder Jugendliche erlebt haben. Gerade dies kann ein Anknüpfungspunkt werden, sodass sie den Schülerinnen und Schülern ihre Lebensgeschichte trotz des großen Altersunterschieds näher bringen können. Die Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter versuchen, die Jugendlichen emotional so einzubinden, dass ihr Interesse und ihre Empathie geweckt werden. Je gründlicher Schülerinnen und Schüler auf den Workshop vorbereitet wurden, desto besser gelingt dies in der Regel. Dies betrifft nicht nur ihr Vorwissen, sondern auch eine Vorstellung davon, was sie im Workshop erwarten wird. Sicher gibt es Themenbereiche, die die Jugendlichen besonders ansprechen, wie zum Beispiel das Thema Schulzeit, das ihrer Lebenswirklichkeit nahe liegt, das Thema Deportation, das den Jugendlichen aus Filmen oder Büchern bekannt ist oder das Thema Emigration, bei der sich Schülerinnen und Schüler nicht selten aufregende Fluchtgeschichten vorstellen. Sie sind dann meist erstaunt, wie bürokratisch eine Auswanderung abgelaufen ist und mit wie vielen Schikanen sie über einen häufig sehr langen Zeitraum verbunden war. Für die Jugendlichen, die in Europa offene Grenzen kennen, ist es nicht selten schockierend, mit welchen Schwierigkeiten die Menschen damals zu tun hatten und wie beschwerlich die Reisen ins Exil verlaufen sind. Gerade in letzter Zeit vergleichen Schülerinnen und Schüler die damalige Situation aber immer häufiger mit heutigen Flüchtlingsgeschichten. Sind Schülerinnen oder Schüler in der Gruppe, die selbst oder deren Familien eine Emigrationsgeschichte haben, so fühlen diese sich oft besonders von dem Thema angesprochen, dessen Problematik sie durch eigene Erfahrungen zum Teil nachvollziehen können. Das betrifft auch das Thema der Nationalität und Identität. Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund können die Frage nach der nationalen Zugehörigkeit und der Wahrnehmung der Identität oft auch aus ihrer eigenen Lebensgeschichte nachvollziehen. In den Workshops wird darüber gesprochen, wie viele deutsch-jüdische Familien seit Jahrhunderten in Deutschland ansässig waren. Ihre Vorfahren haben in den Einigungskriegen oder im Ersten Weltkrieg gekämpft und sie fühlten sich durch und durch deutsch. Erst durch die Diskriminierung des NS-Staates wurde ihnen die Identität als Deutsche strittig gemacht. In der Arbeit mit Schülerinnen und Schülern kommt es häufig vor, dass diese von „Deutschen“ und „Juden“ sprechen. Die Museumsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter versuchen dann, diese meist unbewusste Unterscheidung mit ihnen zu diskutieren und zu klären. Im Gespräch mit den Zeit8

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zeugen kommt nicht selten die Frage nach deren heutiger Identität auf und auch ihr Selbstverständnis als Juden kommt zur Sprache. Viele Schülerinnen und Schüler interessiert, wie es den Zeitzeugen geht, wenn sie heute in Deutschland sind, und was sie über Deutschland und die Deutschen denken. Es sieht so aus, als wollten sie durch diese Frage auch ihr eigenes Verhältnis als Deutsche den Zeitzeugen gegenüber klären. Schülerinnen und Schüler sollen durch die Beschäftigung mit den Biografien die Möglichkeit erhalten, ihr Vorwissen zu überprüfen und zu vertiefen. Gerade während des Gesprächs werden sie mit einer ganz persönlichen Sicht auf die Vergangenheit konfrontiert und erfahren, wie sich die Ereignisse auf das Leben der Zeitzeugen ausgewirkt haben. Wenn sie von den individuellen Erlebnissen der Zeitzeugen hören, bemerken sie, dass sich diese nicht immer mit dem Faktenwissen decken, das sie aus ihrem Geschichtsunterricht kennen. Die Verunsicherung, die daraus entsteht, birgt aber die Chance, mit Schülerinnen und Schülern ins Gespräch zu kommen und ihnen Geschichte und historisches Lernen nahe zu bringen. In diesem Kalenderjahr werden weitere Archivworkshops in der Akademie des Jüdischen Museums Berlin in den Zeiträumen vom September bis November 2015 angeboten. Sie richten sich an alle Schultypen und an die Jahrgangsstufen 9-13. Die Workshops sind für 10-20 Schülerinnen und Schüler konzipiert und dauern 5 Stunden. 70€ kostet ein Workshop, der Eintritt ins Museum ist dabei inbegriffen. Kontakt: Fabian Schnedler

Tel.: +49 (0)30 259 93 430 Fax: +49 (0)30 259 93 412 E-Mail: f.schnedler@jmberlin.de Webseite: http://www.jmberlin.de/ksl/projekttag/archiv/archiv_DE.php

„With Wings and Roots“
Die Initiative „With Wings and Roots“ ist ein medienübergreifendes, transnationales Gemeinschaftsprojekt, angesiedelt in Berlin und New York. Das Ziel des Projektes ist es, durch Stimmen junger Menschen mit eigenen oder familiären Migrationserfahrungen Fragen rund um die Themen Zugehörigkeit, Teilhabe, Rassismus und globale Migration anzuregen. In den Räumlichkeiten der Heinrich-Böll-Stiftung wurden am 05. Mai 2015 die Initiative „With Wings and Roots“ und die interaktive Webseite ReimagineBelonging.de vorgestellt. Bei dieser Veranstaltung wurde eine Preview vom Dokumentarfilm von „With Wings and Roots“ vorgestellt, dessen Premiere für Herbst 2015 vorgesehen ist. Begleitet wurde die Preview von der regen Podiumsdiskussion, einer Installation zur Migrationsgeschichte Deutschlands und von Video-Interviews mit jungen Menschen mit Migrationserfahrung. Dass Deutschland, ebenso wie die USA, ein „Einwanderungsland“ ist, wird mittlerweile kaum noch bestritten. Doch wie kam es dazu und wie hat sich Deutschland dadurch verändert? Was heißt „Deutsch-Sein“ oder „Amerikanisch-Sein“ heute und was bedeutete es vor hundert Jahren? Auf der Webseite www.reimaginebelonging.de kann man auf der interaktiven Zeitleiste erforschen, wie politische, gesellschaftliche und kulturelle Ereignisse der letzten Jahrhunderte unser Verständnis von Deutschland, Zugehörigkeit und Migration geprägt haben. Gleichzeitig teilen junge Menschen in kurzen Video-Interviews ihre persönlichen Perspektiven auf Migration, Rassismus und Zugehörigkeit mit.

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In Vorbereitung ist aufbereitetes kostenloses Bildungsmaterial mit konkreten Methoden für die Nutzung des Projektes im schulischen und außerschulischen Bereich. Mehr über den Film, die Initiative und Materialien ist zu finden unter: http://withwingsandrootsfilm.com

Zweiter ROMA-Kulturtag in Marzahn-Nordwest
Am 8. Mai 2015 begrüßte das Elternbildungsprojekt des AWO-Kreisverbandes in MarzahnNordwest etwa 160 Personen, vor allem Familien aus dem Stadtteil, Vertreterinnen und Vertreter der Vereins- und Projektelandschaft sowie der Politik und Verwaltung zum zweiten RomaKulturtag. Es gab ein reichhaltiges Rahmenprogramm, z.B. Roma-Volksmusik der Gruppe „Roma Polska“, Kinderschminken, Basteln, Sport- und Spielangebote. Für das leibliche Wohl der Besucherinnen und Besucher wurde ebenfalls gesorgt. Die Roma-Community trug mit verschiedenen Speisen zum Gelingen des Festes bei. Besonders erfreulich war die Teilnahme einer bunten Mischung von Familien mit jüngeren und älteren Kindern, Besucherinnen und Besuchern aus dem Stadtteil und aus Polen, Vertreterinnen und Vertretern der Roma-Communities in Berlin und darüber hinaus. Dazu Projektleiter Dr. Sufian Weise: „Mit dem Roma-Kulturtag präsentieren wir nun schon zum zweiten Mal die bunte Vielfalt im Stadtteil. Wir ermöglichen Austausch und Begegnung und wirken damit als Brückenbauer zwischen Minderheiten und Mehrheitsgesellschaft. So wird Marzahn-Hellersdorf als ‚Ort der Vielfalt‘ vom Label zur gelebten Realität. Die AWO wird weiter mit aller Kraft daran arbeiten, die Bildungschancen von benachteiligten Gruppen zu erhöhen und das Miteinander in Marzahn-Hellersdorf zu gestalten. Der Erfolg gibt uns Recht. Wir hatten eine Besuchersteigerung von 100 Prozent im Vergleich zum 1. Roma-Kulturtag. Deshalb werden wir auch im nächsten Jahr wieder zum Roma-Kulturtag einladen.“ Unterstützt wurde dieses Vorhaben von EDEKA-Stepaniak, Ahrensfelde, Harry Brot GmbH, Quartiersmanagement des Kiek In e.V, Abenteuerspielplatz Marzahn-Nordwest e.V. sowie Aktion Mensch e.V. Für die Vorbereitung und Durchführung waren vor allem ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zuständig, die hierfür über 80 Stunden tätig gewesen sind. 10

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Das AWO-Elternbildungsprojekt „Vorurteilsbewusste Bildungsangebote für Roma-Familien in Marzahn-Hellersdorf“ wird gefördert durch die Aktion Mensch e.V.

Foto: Klaus-Peter Rudolph

Dossier „Perspektiven und Analysen von Sinti und Rroma in Deutschland“
Lehrkräfte und pädagogische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Berliner Schulen, die mehr über unterschiedliche Aspekte der Sinti und Roma Problematik lesen möchten, werden bestimmt mit Interesse dieses Dossier im Migrationspolitischen Portal Heimatkunde der Heinrich Böll Stiftung lesen oder herunterladen. Das Dossier, das zwischen 2013 und 2015 entstanden ist, ist sehr bunt konzipiert: von wissenschaftlichen Analysen bis zu poetischen Texten, Interviews und einem Film, alles ist dabei. Alle Beiträge wurden exklusiv für das Dossier geschrieben. Empfehlenswert für die im Bildungsbereich Tätigen ist vor allem der Artikel von Jana Schuh „Antiziganismus als Bildungsbarriere“. Unter: http://heimatkunde.boell.de/dossier-sinti-und-roma

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OSOE-Atlas
Der OSOE-Atlas (www.osoe-atlas.de) ist ein Atlas mit Unterstützungsangeboten für Menschen aus Ost- und Südosteuropa (=OSOE) in Berlin. Es ist eine internetgestützte Datenbank, die auf dem „Kiezatlas“ (www.kiezatlas.de) basiert. Der Atlas ist im Rahmen des Projekts „Maßnahmen zur Stärkung der Roma-Community“ entwickelt worden und ist seit Anfang 2014 im Netz. Der Atlas beinhaltet spezielle Angebote für Menschen aus den Ländern Ost- und Südosteuropas sowie allgemeine Angebote, die auch für die Menschen in deren Herkunftssprachen angeboten werden. Der Atlas ist vor dem Hintergrund entstanden, dass lokale Vernetzung von Projekten durch Gremien gefördert wird, aber es über den bezirklichen Rahmen oder über den eigenen Fachbereich hinaus oftmals wenig Möglichkeiten gibt, die Arbeit der anderen Einrichtungen kennenzulernen oder mit ihnen zusammenzuarbeiten. Die Zielgruppe des Atlas sind daher in erster Linie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlicher Einrichtungen, für die der Atlas eine Arbeitshilfe sein kann, um die Vernetzung auf der praktischen Ebene zu fördern. Im Atlas sind derzeit 117 Einrichtungen (einschließlich der Botschaften) erfasst. Diese lassen sich über 14 Kategorien (Familie, Frauen und Mädchen, Kinder und Jugend, Kultur und Bildung, Migrationsberatung usw.) oder über die Sprachen (zurzeit 18) suchen.

Wenn das Suchergebnis vorhanden ist, kann man weitere Informationen über die jeweilige Einrichtung wie z. B. Kontaktdaten, Öffnungszeiten, Webseite sehen. Der Standort kann zudem über Google-Maps oder die BVG-Fahrinfo dargestellt werden. Analog zu Atlanten des Kiezatlas in den Bezirken ist es vorgesehen, dass auch im OSOE-Atlas die Daten durch die eingetragenen Einrichtungen selbst verwaltet und aktualisiert werden. Das Team Transit von Gangway e.V. ist durch die Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen (Beauftragte für Integration und Migration) damit beauftragt, den Atlas zu pflegen und weiterzuentwickeln. Kontakt: Gangway e.V. | Team Transit Schumannstraße 5 | 10117 Berlin Tel.: 030 2830 2318; Mail: transit@gangway.de

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TALISA Kinderbuch-VERLAG stellt sich vor
TALISA wurde im Jahr 2005 gegründet und ist seitdem auf bilinguale Kinderbücher spezialisiert. Das Verlagsprogramm richtet sich an zweisprachig aufwachsende Kinder, die der Verlag mit seinen Büchern bei der Entwicklung ihrer Sprach- und Lesefähigkeiten unterstützen möchte, um ihnen einen erfolgreichen Einstieg in die Schule und den weiteren Bildungsweg zu ermöglichen. Gleichzeitig strebt das Programm mit seinen Angeboten danach, die Öffentlichkeit für das Thema Mehrsprachigkeit bzw. Lese- und Sprachförderung durch zweisprachige Bilderbücher zu sensibilisieren. Eines der Ziele dieses Programmes ist es, Eltern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, zu ermutigen, ihre Sprache zu pflegen und mit ihren Kindern in ihrer Muttersprache, die für den Erwerb der deutschen Sprache eine wichtige Voraussetzung ist, zu sprechen und vorzulesen. Um möglichst viele Kinder und Familien unterstützen zu können, wurde eine Vielfalt an Muttersprachen ins Verlagsprogramm aufgenommen. Die Bücher sind derzeitig in 14 Sprachkombinationen erhältlich: Deutsch - Arabisch, - Bulgarisch, - Chinesisch, - Englisch, - Französisch, - Italienisch, - Kurdisch, - Persisch, - Polnisch, - Rumänisch, - Russisch, - Spanisch, - Türkisch. Aktivitäten des Verlags Zweisprachige Bilderbuchkinos/ Lesungen werden angeboten wie auch Vorträge und Workshops zum Thema „Frühkindliche Lese- und Sprachförderung durch bilinguale Bilderbücher“; auf Anfrage werden Kindergärten, Grundschulen, Bibliotheken, Mütterzentren, Kultur-/ Freizeitvereine oder sonstige Bildungsinstitutionen besucht; Büchertischpräsentationen werden organisiert; Kitas, Grundschulen, Vereine und andere Bildungsinstitutionen können sich für zwei Wochen das Gesamtprogramm des Verlags ausleihen, damit in diesem Zeitraum interessierte Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer wie auch Eltern die Möglichkeit bekommen, sich mit den zur Verfügung gestellten Materialien vertraut zu machen und darin in Ruhe zu stöbern. „Leyla und Linda feiern Ramadan“, geeignet für religionspädagogische Erziehung ab 5 Jahren „Neue Nachbarn, neue Freunde“, Lektüre zum Thema Interkulturelles Lernen für Kinder zwischen 9-12 Jahren „Bogomil“, das besondere Bilderbuch ohne Text, das von der Stiftung Lesen als Lesetipp empfohlen wurde, gleichzeitig wurde es auf die Literaturliste der von der AJuM ausgewählten Bücher zum Thema „Inklusion“ aufgenommen und als ‚sehr empfehlenswert‘ eingestuft „Mama Amelie und das Welpenchaos“, Sprachförderung mit Reimen

Vielfältiges Angebot: eine Buchauswahl -

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Interkulturelles Begleitmaterial, Unterrichtsmaterial, differenzierte Arbeitsblätter und Kreativaufgaben für unterschiedliche Altersstufen (entwickelt für kompetenzorientierten Einsatz in Fächern Deutsch und Sachkunde oder für DaZ/ DaF-Lerngruppen) kann man kostenlos von der Webseite des Verlags (www.talisa-verlag.de) downloaden. Die Materialien wurden in Zusammenarbeit mit einer Grundschule in Hannover entwickelt und dort auch getestet. 13

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Tipps und Beispiele aus dem Cornelsen-Verlag: Interkulturelle Schulentwicklung
In Zusammenarbeit mit bundesweiten Initiativen und Netzwerken für Lehrkräfte mit Zuwanderungsgeschichte hat der Cornelsen-Verlag zahlreiche Materialien zusammengestellt, die man kostenlos herunterladen kann. Zur Verfügung steht ein Leitfaden für Schulleitungen „Interkulturelle Schulentwicklung“, der nicht nur die Konzeptentwicklung beschreibt, sondern auch Checklisten zur Diversity Education für alle Akteure an der Schule bereitstellt. Darüber hinaus findet man eine Auswahl an interkulturellen Projekten aus der ganzen Bundesrepublik mit vielen positiven Anregungen, wie Vielfalt in der Schule funktioniert. Berichte der Schulleitungen über die kulturelle Öffnung der Schule und Zuwanderungsgeschichten, erzählt von Lehrkräften aus verschiedenen Nationen, sind ebenfalls ein Teil des Angebots. Die beschriebenen Ansätze lassen sich an der eigenen Schule umsetzen und unterstützen einen besseren Umgang mit Heterogenität. Mehr unter: http://www.cornelsen-schulverlage.de/home/1.c.3475254.d

Publikation „Große Vielfalt, weniger Chancen“ veröffentlicht
Eltern mit Migrationshintergrund haben hohe Bildungsziele für ihre Kinder und investieren viel Zeit und Ressourcen, um die Schullaufbahn ihres Nachwuchses bestmöglich zu unterstützen. Oft scheitern sie und ihre Kinder jedoch an der mangelnden Verfügbarkeit von spezifischen Informations- und Unterstützungsangeboten und der noch immer ungenügenden interkulturellen Öffnung von Schule. Dies zeigt die Publikation „Große Vielfalt, weniger Chancen“, die die Abteilung für Bildungsforschung der Universität Düsseldorf mit Fördermitteln der Stiftung Mercator und Vodafone Stiftung Deutschland erstellt hat.

Über das Forschungsprojekt „Bildung, Milieu & Migration“
Das Forschungsprojekt „Bildung, Milieu & Migration" greift erstmals das Gesellschaftsmodell der sozialen Migranten-Milieus des Heidelberger Sinus-Instituts für den Bildungsbereich auf. Damit wird es möglich, die unterschiedlich geprägten Lebenswelten von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland differenzierter in den Blick zu nehmen und die jeweils typischen Bildungserfahrungen und -einstellungen herauszuarbeiten. Das Modell unterscheidet dabei acht spezifische Migranten-Milieus: Adaptiv-bürgerliches Milieu, Statusorientiertes Milieu, Multikulturelles Performermilieu, Intellektuellkosmopolitisches Milieu, Religiös-verwurzeltes Milieu, Traditionelles Arbeitermilieu, Entwurzeltes Milieu, Hedonistisch-subkulturelles Milieu. Die Projektdaten 14

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beruhen auf einem zweistufigen Forschungsdesign, für das die Bildungsaspirationen und -barrieren von Migrantinnen und Migranten zunächst mit Hilfe von 120 qualitativen Interviews exploriert und anschließend auf einer repräsentativen Basis mit 1700 telefonischen Interviews quantifiziert wurden. Die Studienergebnisse werden ergänzt durch Bild- und Videomaterial, das die Bildungsprofile der einzelnen Milieus veranschaulicht und ausgewählte Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer porträtiert. Zusammenfassung der Ergebnisse des Forschungsprojekts Ziel des Forschungsprojekts „Bildung, Milieu & Migration“ ist es, Ursachen von Bildungsungleichheit milieuspezifisch zu untersuchen und Faktoren für einen erfolgreichen Bildungsverlauf von Menschen mit Migrationshintergrund zu identifizieren. In Abgrenzung zu den vorherrschenden defizitorientierten Forschungsansätzen untersucht das Projekt dabei vor allem, welche Chancen und Ressourcen Menschen mit Migrationshintergrund mitbringen. Das Projekt untersucht milieugeprägte Erlebnisweisen und Bewertungsmuster von Bildungserfahrungen. Damit wird es möglich, die sehr unterschiedlich geprägten Lebenswelten differenzierter in den Blick zu nehmen und die jeweils typischen Bildungserfahrungen und -einstellungen herauszuarbeiten. Konkret lassen sich die Befunde der vorliegenden Studie auf folgende Kernaussagen verdichten, aus denen sich Handlungsempfehlungen unmittelbar ergeben: Bildungsoptimismus aufgreifen: Es gibt bei den Eltern mit Migrationshintergrund eine grundlegende hohe Wertschätzung von Bildung. Dies betrifft die eher auf soft skills und Charakterbildung ausgerichtete Persönlichkeitsbildung ebenso wie den Bildungserfolg gemessen in Abschlüssen und Zertifikaten. Am Ende einer erfolgreichen Bildungskarriere steht die Erwartung einer hohen Bildungsrendite – und damit die Hoffnung auf ein besseres, weniger entbehrungsreiches Leben für die Kinder. Auf diesem Hintergrund sollten die Bemühungen um aktive Bildungspartizipation der einzelnen Eltern mit Migrationshintergrund, aber auch der Elternverbände und der Migrantenselbstorganisationen verstärkt aktiv aufgegriffen werden. Interkulturelle Öffnung von Bildungseinrichtungen realisieren: Es wird eine eklatante Diskrepanz zwischen der Erwartung interkultureller Sensibilität an Bildungseinrichtungen und der ernüchternden Schulrealität dokumentiert. Gezielte Förderung von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund oder speziellen Deutschunterricht halten jeweils über 80 Prozent der Eltern für wichtig – aber an der Schule ihrer Kinder erlebt haben Derartiges weniger als ein Drittel der Befragten. Auch zum Thema „Spezielle Informationsangebote für Eltern mit Migrationshintergrund“ tut sich eine Lücke von über 50 Prozent zwischen der betonten Wichtigkeit und dem vorgefundenen Status Quo auf, die es in Zukunft aufzufüllen gilt. Interkulturelle Elternbildung forcieren: Um den Kindern eine erfolgreiche Schullaufbahn zu ermöglichen, sind viele Migrantenfamilien zu großem Engagement und auch zu großen Opfern bereit. Allerdings reichen die verfügbaren Ressourcen durch begrenzte eigene Schulbildung, finanzielle Knappheit oder fehlende Kenntnisse über Mechanismen, Wege und Möglichkeiten im deutschen Bildungssystem oft nicht aus. Hier ist der Ausbau bestehender Beratungs- und Informationsangebote ebenso geboten wie die Entwicklung neuer, zielgruppenoptimierter Formate, die an den unterschiedlichen Alltagswelten differenziert ansetzen. Leitbild sollte dabei immer die kooperative Elternarbeit sein, d.h. das partnerschaftliche, gleichberechtigte Zusammenwirken von Eltern und Lehrern. Milieuspezifische Präferenzen und Ressourcen in der interkulturellen Elternbildung berücksichtigen: Die milieuspezifische Analyse dieser Studie macht die Konzeption und Umsetzung passgenauer Angebote in der Elternbildung möglich. Gerade die ambitionierteren Migrantenmilieus wollen auch in ihrer eigenen Expertise zu den Themen Bildung und Erziehung ernst genommen werden. Hier bieten sich Formate des Austauschs und Empowerments an. 15

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Auch besteht hier großes Interesse für das Thema Studienmöglichkeiten. In den traditionellen und sozial benachteiligten Milieus stoßen klassische Erziehungsratgeberthemen neben allgemeinen Schulinformationen auf stärkere Resonanz. Kurse in der Herkunftssprache wünschen sich viele traditionsverwurzelte Eltern sowie Eltern aus den prekären Milieus. Interkulturelle Elternbildung zielgruppenadäquat kommunizieren: Interesse an schulnahen Bildungsangeboten für Eltern wird in allen Milieus der Migranten artikuliert. Die Schule wird gewissermaßen als der natürliche Ort und als erste Informationsquelle erlebt. Eltern mit Migrationshintergrund wünschen sich dabei explizit keine „Sonderbehandlung“, sondern Angebote, die sich an alle Eltern richten. Klassische Informationsmedien wie Broschüren oder Flyer stoßen auf eher weniger Interesse, wohingegen in den traditionellen Milieus über Migrantenselbstorganisationen, teilweise über Moscheevereine oder Kirchengemeinden und auch über Angebote der Schulen selbst sich Wege anbieten. In den moderner orientierten Lebenswelten wird das Internet als Informations- aber auch Austausch-Plattform präferiert. Schulentwicklungsprozesse anstoßen: Die heute noch mangelnde interkulturelle Öffnung der Schulen braucht bewusstes Engagement für eine Kultur der Wertschätzung für kulturelle Vielfalt. Kulturelle Vielfalt im Schulalltag zu integrieren bedeutet z.B. Unterrichtsinhalte, Schulbücher, Mensen, Architektur, Feiern auf „monokulturelle“ Engführungen zu überprüfen und ggfs. zu modifizieren. Es bedeutet, die Ressourcen der Eltern mit Migrationshintergrund bewusst zu nutzen und die Lehrkräfte für ihre zentrale Rolle für den Bildungsweg gerade der Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund zu sensibilisieren. Die Bildungsadministration in die Pflicht nehmen: Schulverwaltung, Schulaufsicht, aber auch die Lehrerbildung sind gefordert, den nicht erst durch die vorliegende Studie beschriebenen Problemanzeigen und Barrieren wirksam zu begegnen. Die Erarbeitung neuer Unterrichtsmaterialien, das kontinuierliche Angebot einschlägiger Lehrerfortbildungen, die verstärkte Einstellung von Lehrkräften mit Migrationshintergrund, die Unterstützung und Vernetzung mit Migrantenselbstorganisationen in den verschiedenen Quartieren wären einige wichtige Maßnahmen. Ein Elternportal mit Informations- und Beratungsangeboten entwickeln: Flankierend zu Elternbildungsaktivitäten vor Ort könnten Online-Angebote zum Thema „Bildungsinformationen für Eltern“ wertvolle Informations- und Beratungsmöglichkeiten bereitstellen. Neben lokal angepassten Basisinformationen über Schulformen und Bildungswege können FAQ-Listen und Foren für den Austausch von Erfahrungen und mehrsprachige Informationen helfen, dass Migranten ihre Bildungsaspirationen besser umsetzen können. Für die moderneren Milieus bietet sich die Verknüpfung mit sozialen Medien und die Einbeziehung von Experten an. Generell kann ein Web-Portal mit der Präsentation von Vorbildern für den Bildungsaufstieg Eltern ebenso wie Kinder und Jugendliche motivieren und unterstützen. Weitere Informationen unter: www.stiftung-mercator.de http://www.vodafone-stiftung.de http://tinyurl.com/Bildungsforschung

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Schulbuchstudie Migration und Integration
Das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für Internationale Schulbuchforschung hat in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Bildungsintegration an der Universität Hildesheim eine Analyse zur Darstellung von Migration und Integration in ausgewählten aktuell zugelassenen Schulbüchern der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer Sozialkunde/Politik, Geschichte und Geografie für die Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration durchgeführt. Insgesamt sind 65 Schulbücher aus fünf Bundesländern (Bayern, NordrheinWestfalen, Sachsen, Berlin und Brandenburg) in die Analyse einbezogen worden. Es wurde untersucht, ob und wie Migration und Integration in Bezug auf gesellschaftliche Vielfalt in deutschen Schulbüchern dargestellt werden und inwiefern Schulbücher zu einer zunehmenden Akzeptanz von Diversität als gesellschaftlicher Normalität beitragen. Die Untersuchung bezieht sich auf die Tatsache, dass sich Deutschland in den letzten Jahrzehnten zu einem modernen Einwanderungsland entwickelt hat und die Vielfalt im Klassenzimmer längst zur Regel geworden ist – bereits ein Drittel aller Kinder unter 15 Jahren hat einen Migrationshintergrund. Die Untersuchung zeigt, dass in den analysierten Schulbüchern die Problematisierung von Migration gegenüber der Darstellung von Diversität als Normalfall überwiegt. Migration wird in den Sozialkunde- und Geschichtsschulbüchern, teilweise auch in Geografie-Schulbüchern primär als konfliktträchtig und krisenhaft dargestellt. Migration und Diversität erscheint letztlich nur als Problem und Herausforderung für eine weiterhin überwiegend als homogen vorgestellte Gesellschaft. Integration gilt in den Schulbüchern aller drei Fächer als unbedingt notwendig für den sozialen Zusammenhalt in der Einwanderungsgesellschaft, wird aber nicht konkretisiert und differenziert. In Form eines plakativen Gebots der Integration wird von Menschen mit Migrationshintergrund eine Anpassungsleistung an die deutsche Gesellschaft gefordert. In diesem Zusammenhang werden die Leistungen des deutschen Staates für die Integration stets positiv hervorgehoben. Als Alternative zu den gängigen Darstellungen von Migration als Sonderfall bietet sich an, Migration systematisch im Zusammenhang mit gesellschaftlicher Mobilität zu betrachten, die charakteristisch ist für die moderne Gesellschaft. So könnte insbesondere bei der Vermittlung von Migration stärker thematisiert werden, dass die Bereitschaft zu räumlicher Mobilität und Flexibilität von Menschen heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen erwartet bzw. ganz selbstverständlich vorausgesetzt wird. Dies eröffnet die Möglichkeit, Menschen nicht ausschließlich oder primär auf ihre Migrationsbiografien zu reduzieren und individuelle sowie kollektive Darstellungen von Menschen mit Migrationshintergrund stärker zu differenzieren: So tauchen der ITExperte aus Indien, die Ärztin aus Russland und der Student aus Südkorea kaum als Migranten in den Schulbüchern auf. Die Frage, wer als „Migrantin“ oder „Migrant“ gilt, ist also nicht allein davon abhängig, ob eine Person eingewandert ist, sondern vor allem davon, welche gesellschaftliche Position sie innehat. Grundsätzlich gilt es schließlich die Begriffe und Bezeichnungspraxen zu überdenken, die in der Darstellung von Migration und Integration sichtbar werden. In den analysierten Schulbüchern ist problematisch, dass Begriffe wie z. B. „Ausländer“, „Fremde“ „Migranten“ und „Menschen 17

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mit Migrationshintergrund“ häufig nicht unterschieden, sondern im Gegenteil sogar synonym im selben Band bzw. Text benutzt werden. Damit verschwimmen die gerade in diesem Kontext relevanten Bedeutungen und Wirkungskontexte der Bezeichnungen. Auch der Begriff Integration vermittelt, ob intendiert oder nicht, die Vorstellung eines „Aufgehens im Ganzen“. Die Möglichkeit, einen differenzierten, reflektierten und bewussten Umgang mit bestimmten Begriffen einzuüben, wird in den Schulbüchern nicht ausreichend wahrgenommen. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen die Notwendigkeit, diversitätssensible Schulbücher und andere Bildungsmedien zu produzieren, die (migrationsbedingte) Vielfalt als Normalität widerspiegeln und deren Chancen für die Gesellschaft in den Mittelpunkt stellen. Da die Schulbuchproduktion die Vorgaben der Curricula umsetzt, sind zum einen die Lehrplankommissionen der Länder und zum anderen die Bildungsmedienverlage aufgefordert, die Themen Migration und Integration in ausgewogener und multiperspektivischer Weise aufzugreifen und darzustellen. Ferner ist es unerlässlich, dass Lehrerinnen und Lehrer als Wissensvermittler im schulischen Kontext diversitätskompetent agieren und medienkritisch mit Schulbüchern und anderen Unterrichtsmaterialien umgehen. Diese Sensibilisierung sollte schon im Studium beginnen und Diversity Education Teil der Lehrerausbildung werden.

Auswahl an Fortbildungen im Bereich der Interkulturellen Bildung und Erziehung der Regionalen Fortbildung Berlin
Anmeldung über die Fortbildungsdatenbank (https://fortbildung-regional.de), bei der Veranstaltungsleitung oder direkt bei Dozentinnen und Dozenten. Veranst.Nr. Leitung/ Dozent/in 14.2-525 Yüksel Gök (Kontakt: yueksel.goek@senbj w.berlin.de) Termin/ Ort Termin nach Vereinbarung/ PIZ-Mitte, Ellerbeker Str.7-8 Titel/ Inhalt Welche interkulturellen Kompetenzen brauchen deutsche Lehrkräfte? Interkulturelle Kompetenz ist eine entscheidende Voraussetzung für die Bildungsaufgaben der Schule. In der Veranstaltung geht es um theoretische Grundlagen, Fallbeispiele und Perspektivenwechsel. Einführung in das DiversityTrainingsprogramm „Eine Welt der Vielfalt“: ein praxisorientiertes Trainingsprogramm, das für interkulturelle Prozesse sensibilisiert und Vielfalt im Umgang mit Vorurteilen und Diskriminierung thematisiert. Mit Kinderbüchern für die Migrationsgesellschaft lernen In der Fortbildung geht es um potentiale pädagogischer Arbeit mit Kinderbüchern zu Themen wie Migration, verschiedene Lebenswelten und Mehrsprachigkeit.

14.2-336

Mechthild Lensing/ in Zusammenarbeit mit Engagement Global (Kontakt: mechthild.lensing@ engagementglobal.de) Mary Prinzler/ in Zusammenarbeit mit EPIZ (Kontakt: bruch@epizberlin.de)

Termin und Ort nach Vereinbarung (schulinterne Fortbildung)

14.2-1343

Termin nach Vereinbarung (Schulinterne Fortbildung für berufliche Schulen)/ EPIZ; Schillerstraße 59

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