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Wohnen im Alter: gestern - heute - morgen

Full text: Age Dossier (Rights reserved) Ausgabe 2012 Wohnen im Alter: gestern - heute - morgen (Rights reserved)

Wohnen im Alter: gestern – heute – morgen JUBILÄUMSAUSGABE 2012 Wohnformen im Zyklus der gesellschaftlichen Entwicklung „Die schwerelose Alterswohnung” – eine Zukunftsvision der Künstlerin Sylvia Geel – würde viele Stolperfallen beseitigen. Wie man heute und in Zukunft auch mit Schwerkraft unbeschwert im Alter wohnt und welche historischen Entwicklungen dahinterstehen, erfahren Sie in diesem Heft. Auf der Reise durch Wohnraum und Zeit begleiten Sie: ein Alters- und zwei Zukunftsforscher, eine 80-jährige Autorin, der Direktor des BWO sowie eine Projektspezialistin. JUBILÄUMSAUSGABE 2012 INHALT Haushalten und Wohnen im Alter – im historischen Wandel Mythos und Wirklichkeit 04 Mit achtzig umziehen? Bericht einer Betroffenen 12 Verborgene Innovationen Interview mit Karin Weiss 16 Braucht die Schweiz eine Alterswohnpolitik? Interview mit Ernst Hauri 22 Die Zukunft des Wohnens im Alter Zwischen Freiheit und Sicherheit 26 ANHANG Die Age-Wohn-Matrix Wohnvielfalt stärken, Begriffsvielfalt bändigen 30 Die Age Stiftung 10 Jahre engagiert für gutes Wohnen im Alter 36 Ein Thema in Bewegung Von Hans Peter Farner Stiftungsratspräsident „Wohnen im Alter“ – was als klarer Begriff erscheint, befindet sich in Wahrheit in einer überraschend dynamischen Entwicklung. Und das in jeder Beziehung. Seit zehn Jahren engagiert sich die Age Stiftung für neue Wohnformen im Alter. In dieser Zeit ist eine neue, geburtenstarke Generation mit veränderten Wohnbedürfnissen in die nachfamiliäre Phase eingetreten, haben sich neue Wohnmodelle etabliert, alterspolitische Strategien wurden angepasst sowie die rechtlichen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen umgekrempelt. Und nicht zuletzt macht die demografische Entwicklung das Wohnen im Alter zum gesellschaftlich hochrelevanten Thema. Im Jubiläumsjahr zeichnen wir die Entwicklung nach und werfen einen Blick aufs Gestern, Heute und Morgen. Prof. François Höpflinger räumt auf einer Zeitreise in die Vergangenheit gleich mehrere Irrtümer über das Wohnen in der guten alten Zeit aus dem Weg. Zurück im Jetzt begegnen wir Frau Judith Giovannelli-Blocher. Die 80-jährige Autorin ist vor kurzem in eine neue Wohnung gezogen. Sie erzählt im Interview, was Menschen im fragilen Rentenalter beim Wohnen wirklich bewegt. Hier und heute ist es auch an der Age Stiftung, ein eigenes Zwischenfazit zum aktuel- len Stand der Entwicklung zu ziehen. Karin Weiss ist dafür die richtige Person. Sie hat als Leiterin des Bereichs Förderbeiträge in den letzten Jahren mehr als 300 Alterswohnprojekte analysiert. Und was bringt die Zukunft? Dr. Ernst Hauri, Direktor des Bundesamtes für Wohnungswesen, gibt im Interview einen Ausblick. Und zwei Trendforscher des Gottlieb Duttweiler Instituts porträtieren jene Generation, die das Wohnen im Alter in den kommenden Jahren neu prägen wird: die Babyboomer. Die Rundumschau zeigt: An den unterschiedlichsten Stellen und in den verschiedensten Berufsfeldern werden neue Wohn- und Betreuungsmodelle entwickelt, adaptiert und umgestaltet. Damit man in diesem weiten Innovationsfeld nicht die Orientierung verliert, hat die Age Stiftung ein einfaches Positionierungssystem für Wohnmodelle und -projekte entwickelt. Die Age-Wohn-Matrix stellen wir Ihnen in diesem Heft zum ersten Mal vor. Damit wollen wir den Dialog und eine befruchtende Zusammenarbeit fördern. Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre mit neuen Einblicken und Aussichten. Hans Peter Farner Stiftungsratspräsident 3 Hans Peter Farner Präsident des Stiftungsrates Age Dossier 2012 4 1 Haushalten und Wohnen im Alter – im historischen Wandel Mythos und Wirklichkeit von François Höpflinger Mehrere Generationen im Familienverband Bis ins frühe 20. Jahrhundert galten jene Personen als alt, deren körperliche und geistige Kräfte schwanden, nicht jedoch Personen, die ein bestimmtes kalendarisches Alter überschritten hatten. Sofern chronologisch eingeordnet, begann die Schwelle zum Alter vielfach mit dem 60. Altersjahr. Ab diesem Alter wurden Männer im Mittelalter und in der frühen Neuzeit vom Kriegsdienst befreit, ebenso von der Pflicht, öffentliche Ämter zu übernehmen, und in England wurde 1503 ein Erlass eingeführt, dass Bettler über 60 milder zu behandeln seien als jüngere Bettler. Die soziale Stellung älterer Menschen in vor- und frühindustriellen Gesellschaften war abhängig von ihrer körperlichen Kraft bzw. der Fähigkeit zur Weiterarbeit im angestammten Beruf sowie von ihren Besitzverhältnissen. Wie heute besassen Personen der Oberschicht bessere Chancen, ein höheres Alter zu erleben, als Personen der Unterschicht. So erreichten in der Die Vorstellung, dass früher alle Alten im Schosse einer Grossfamilie betreut und gepflegt wurden, ist ein Mythos. Als Ideal galt auch in früheren Epochen ein Alter ausser Reichweite obrigkeitlicher Anstalten und in Unabhängigkeit von der Bevormundung durch die eigenen Kinder. Armut im Alter war früher häufig, und eine gute Wohnqualität im Alter wurde für die Mehrheit erst mit dem Ausbau einer sozialen Altersvorsorge möglich. Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 2 3 5 Stadtrepublik Genf im 17. Jahrhundert von 1000 Personen aus der Oberschicht (höhere Amtsträger, Gross- und mittleres Bürgertum) 305 das 60. Lebensjahr. Bei der Mittelschicht (Kleinbürgertum, Handwerker, qualifizierte Arbeiter) waren es 171 und bei der Unterschicht (unqualifizierte Arbeiter, Handlanger) sogar nur 106. Zudem wurde die Lebens- und Wohnsituation alter Männer und vor allem alter Frauen vor Einführung einer staatlichen Altersvorsorge weitaus stärker als heute durch ihren Familienstand (ledig, verheiratet, verwitwet) und ihre Position im Familienverband (Hausmutter, ledige Tante u.a.) bestimmt. Familiale Einbettung und Haushaltssituation alter Menschen früher Die Vorstellung, dass früher die Alten im Schoss ihrer Familie betreut und gepflegt wurden, ist weit verbreitet, entspricht aber kaum den historischen Feststel- lungen. Erstens war die Lebenserwartung gering und so ein Zusammenleben von Enkelkindern mit den Grosseltern selten. Noch 1900 war gut die Hälfte der Grosseltern bei der Geburt eines Kindes schon verstorben. Zweitens wurde in Nord- und Mitteleuropa mit der Entwicklung des europäischen Heiratsmodells (ab 16. Jahrhundert) ein getrenntes Wohnen verschiedener Generationen schon früh zur kulturellen Norm. Im Jahre 1637 führten beispielsweise 92% aller über 60-jährigen Zürcher ihren eigenen Haushalt. Das wurde in den Städten dadurch erleichtert, dass alte Handwerker besonderen Schutz genossen (Konkurrenzverbote) oder physisch nicht anspruchsvolle Arbeiten (Nachtwächter, Flickarbeiten u.a.) für alte Menschen reserviert wurden, was eine bescheidene Existenzsicherung auch bei abnehmender Arbeitskraft gewährleistete. Dreigenerationen-Haushalte waren in der vorindustriellen Schweiz die Ausnahme. So umfassten 1720 in der Republik Genf nur 4,6% aller Familienhaushalte mehr als zwei Generationen. Im Bauerndorf Herrliberg (Zürich) lag der Anteil der Mehrgenerationenhaushalte 1739 etwas höher (13%), aber auch in ländlichen Gebieten dominierten Kleinhaushalte. Erweiterte Familien, die Verwandte in aufsteigender, absteigender oder seitlicher Linie umfassten, machten im 18. Jahrhundert nur 10–20% aller Haushalte aus. Die Mehrheit der älteren Personen lebte in einem eigenständigen Haushalt, idealerweise in der Nähe der Nachkommen. Das nord- und mitteleuropäische Familienmodell stellte nicht die Grossfamilie, sondern die Ehe als Versorgungseinheit ins Zentrum. Die Betonung der Ehe als wirtschaftliche Existenzeinheit wird darin deutlich, dass in der Alten Eidgenossenschaft eine Heirat zeitweise erst bei wirtschaftlich nachgewiesener Existenzsicherung erlaubt wurde oder dass eine Wiederverheiratung nach einer Verwitwung Age Dossier 2012 6 Haushalten und Wohnen im Alter – im historischen Wandel Mythos und Wirklichkeit Aufgrund der oft prekären wirtschaftlichen Lage gehörten in bäuerlichen Kreisen Streitigkeiten über die Versorgung nicht mehr arbeitsfähiger Eltern oder Grosseltern zum Alltag. Das gemeinsame Zusammenleben erwachsener Kinder und alter Eltern entsprach nicht den idealisierten Bildern über das Leben alter Menschen im Schosse der Familie, sondern war meist eine wirtschaftliche Zwangsgemeinschaft. Um die Generationenbeziehungen zu entlasten, verbreitete sich ab Mitte des 17. Jahrhunderts in verschiedenen Regionen Mitteleuropas die Institution des Ausgedinges. Das Ausgedinge war der geregelte Rückzug aufs Altenteil (z.B. ins Stöckli) mit rechtlich geregelter Versorgung des alten Bauern oder der alten Bäuerin im Familienbetrieb. Dieser wurde der jungen Generation zu Lebzeiten der Eltern übergeben. Oft wurden Wohnrecht, Lebensmittel- und Holzlieferungen usw. detailliert vereinbart und notariell beglaubigt (im Sinne eigentlicher Gene- 4 häufig war. In Genf gingen im 18. Jahrhundert 41% der verwitweten Männer, und 18% der verwitweten Frauen eine zweite Ehe ein. Auch in den Schwyzer Pfarreien Freienbach-Wollerau heirateten in der Periode 1660– 1779 38% der Witwer und 17% der Witwen erneut. Namentlich von jüngeren Witwen wurde eine Wiederverheiratung erwartet, da für Frauen ausserhalb der Ehe keine soziale Sicherung gewährleistet war. rationenverträge). Da das Ausgedinge eine Mindestgrösse des Hofes voraussetzte, war es in der Alpenregion wenig verbreitet. Mit der industriellen Entwicklung veränderte sich die Lebensund Haushaltssituation der älteren Bevölkerung. Heim- oder Fabrikarbeit ermöglichten Erwerbsarbeit ohne Grund und Boden. Das erhöhte die Unabhängigkeit der jüngeren Generation, die sich früher vom Elternhaus ablösen konnte. Teilweise führte die industrielle Heimarbeit in der Schweiz des späten 18. Jahrhunderts zu speziellen Generationenbeziehungen, indem zwar jede Kernfamilie unter einem gesonderten Dach lebte, die wirtschaftlichen Verhältnisse jedoch enge Notgemeinschaften zwischen Jung und Alt erzwangen. Mit der industriellen Entwicklung und der Ausdehnung städtischer Lebensweisen im 19. Jahrhundert gewann das getrennte Wohnen der Generationen weiter an Bedeutung. Allerdings war auch bei der aufkommenden industriellen Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 5 Darstellungen alter Menschen portieren nicht nur historisch-zeitgenössische physische Lebensumstände, sondern auch Haltungen dem Alter gegenüber. Im Mittelalter und in der frühen Neuzeit fehlten dazu aber Motiv und Motivation: die Lebensspanne war kurz und der alte, schwache Mensch galt kaum als darstellungswürdig. Eine Rarität ist Abb. 1: Unbeteiligt, aber eingebettet in den Alltag des 15. Jahrhunderts tritt ein Grossmütterchen aus der Kapelle, wo sie sich bereits der jenseitigen Welt zuwendet. Im 17. Jahrhundert dagegen werden alte Menschen als Teil des Familienhaushalts gezeigt. Sie verrichten Arbeiten (Abb. 2) oder feiern mit der Familie, wie bspw. als „Bohnenkönig“ in Abb. 4. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts findet die Inthronisation des Alters statt. Der alte Mensch wird geachtet und idealisiert. „Grossvaters Geburtstag – die Gratulation” (Abb. 3) zeigt das Ideal des von allen hochgeschätzten Alten. 7 Fabrikarbeiterschaft die Kombination von getrenntem Haushalten und ausgeprägter intergenerationeller Unterstützung häufig. Dies umso mehr als sich in der Schweiz die Industrialisierung dezentralisiert vollzog, weshalb viele junge Leute in Nähe ihres Geburtsortes Arbeit fanden. Wirtschaftliche Faktoren (Auflösung der Zünfte, Proletarisierung und verstärkte Bedeutung der physischen Körperkraft in der industriellen Produktion) brachten es mit sich, dass im 19. Jahrhundert speziell für untere soziale Schichten Altwerden nicht nur einen Statusverlust, sondern auch den Verlust ihrer Unabhängigkeit (eigener Haushalt) bedeutete. So stieg in dieser Zeit die Zahl älterer Bettgeher, Schlafgänger und Untermieter deutlich, ebenso die Zahl älterer Menschen, die aus finanziellen Gründen nichtverwandte Mitbewohner aufnahmen. In einigen ländlichen Regionen der Schweiz wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zudem Drei-Generationen-Familien aufgrund der erhöhten Lebenserwartung und des Mangels an Knechten und Mägden vorübergehend häufiger. Danach verstärkte sich auch in diesen Regionen der Trend zur Kleinfamilie, und die Idee eines selbstständigen Lebens der Generationen gewann weiter an Boden. Die Zunahme in der Zahl von DreiGenerationen-Familien blieb ein vorübergehendes Phänomen, sie hat jedoch den Mythos von der vorindustriellen Grossfamilie mitgeprägt. In der Nachkriegszeit (nach 1945) setzte sich der Trend zum selbstständigen Wohnen und Leben der Generationen fort. Haushaltsgemeinschaften älterer Frauen und Männer mit ihren erwachsenen Kindern wurden rar, obwohl sich die gemeinsame Lebensspanne der Generationen deutlich ausweitete. Ältere Menschen und namentlich auch Menschen im Alter von 80 Jahren und mehr leben selten mit ihren Kindern zusammen. Am ehesten leben alte Väter als Witwer bei den Kindern. Noch weniger geworden sind Dreigenerationenhaushalte: der Anteil der mit Grosseltern zusammen wohnenden Kinder hat sich zwischen 1970 und 2000 von 4% auf knapp 1,5% verringert. Dagegen wuchs der Anteil alleinlebender alter Frauen und Männer (Singularisierung des Alters). Der Anteil allein Lebender im Alter von 80 Jahren und älter stieg zwischen 1970 und 2009 bei den Männern von 16% auf 28%, bei den Frauen sogar von 31% auf 54%. Versorgungs- und Wohn­ formen im Alter – ausserhalb des Privaten Bis ins 20. Jahrhundert hinein war Arbeit bis ins Grab für die grosse Mehrheit der Bevölkerung ein unabdingbares Muss. Die wirtschaftliche Sicherheit im Alter hing für die Mehrheit der Bevölkerung von der Fähigkeit ab, im angestammten Beruf weiter zu arbeiten, und selbst 1920 wa- Age Dossier 2012 8 Haushalten und Wohnen im Alter – im historischen Wandel Mythos und Wirklichkeit 6 ren 60% aller über 70-jährigen Männer noch erwerbstätig. Das altersbedingte Nachlassen der Kräfte führte oft zur Verarmung. Vor allem in der Unterschicht war Armut eine meist unumgängliche Begleiterscheinung des Alters. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts waren beispielsweise in Olten zwei Drittel der Fürsorgeempfänger über 55 Jahre alt. Erste Wohltätigkeitseinrichtungen (Armenhäuser, Hospize) entstanden schon im spä- ten Mittelalter, beispielsweise 1228 die Stiftung des Heiliggeist Spitals am Markt in St. Gallen (Zweck: „ad infirmorum custodiam et pauperum solatium“). Die Hospize, die sich allgemein an alle Kranken und Armen richteten, nahmen oft auch arbeitsunfähige alte Menschen auf. Die Hospize bzw. Spitäler achteten bei der Festsetzung ihrer Preise teilweise auf Alter und Gesundheitszustand. Während ein junger kranker Mann Ende des 15. Jahrhunderts im Berner Inselspital für seine Pfründe 150 Gulden zahlen musste, kam eine ältere, von Krankheit geschwächte Frau – von der man annahm, dass sie bald sterben werde – mit 27 Gulden aus. In Bern musste sich im Jahre 1512 ein Pfründner vertraglich verpflichten, bei langer Lebensdauer Geld nachzuzahlen. In manchen Spitälern wurde zwischen bemittelten und unbemittelten Betagten unterschieden, so etwa im unteren Spital in Winterthur: Wer eine Eintrittssumme zahlen konnte, durfte seine Tage in anständiger Ruhe Grosseltern und Enkel unter einem Dach verbringen und die gute Pfrund geniessen. Wer zu arm war, einen Pfrundschilling zu entrichten, musste sein täglich Brot und Mus erarbeiten. So entstanden neben den Armenhäusern auch Wohnstifte und Pfrundhäuser, die alten Menschen vorbehalten waren, die sich mit einer Einkaufssumme einen Platz sichern konnten. Im Unterschied zu den Armenhäusern verfügten die Bewohner von Pfrundhäusern über grössere Freiheiten, mehr Privatsphäre und allgemein mehr Komfort. Verpfründungen oder später auch Leibrentenverträge waren allerdings einzig für wohlhabende Menschen eine Möglichkeit einer sozialen Altersversorgung. Ab dem 16. Jahrhundert kam es in der Alten Eidgenossenschaft zur Kommunalisierung der Armenfürsorge, wodurch die Bürgergemeinden für die Versorgung bedürftiger Menschen (aller Altersgruppen) verantwortlich wurden. Die kommunale Armenunterstützung beschränkte sich allerdings auf Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 7 Diese Hochblüte des Alters brachte viele Grosseltern- und Enkelbilder hervor. Lebten Grosseltern im Familienverband, kümmerten sie sich um die Enkel und vermittelten ihr Wissen und Können (Abb. 8). „Der liebevolle Grossvater“ von 1865 (Abb. 6) idealisiert diese Grosseltern-Enkel-Beziehung noch stärker als das 200 Jahre ältere Bild einer Grossmutter, die ihren Enkel kämmt (Abb. 7). 8 9 Bürger. Arme ohne Bürgerrechte wurden aus der Gemeinde vertrieben, etwa mit gezielten Bettelverboten und Bettlerjagden. Auswärts wohnende Bürger und Bürgerinnen, die im Alter verarmten, waren gezwungen, in das Bürger- bzw. Altersheim ihrer Bürgergemeinde zu ziehen. Die Durchsetzung des Wohnortsprinzips (Wohnortgemeinde ist zuständig für arme alte Menschen) gelang erst in den späten 1970er-Jahren. Die Tradition der Kommunalisierung der Armenund Altersfürsorge führte zur Einrichtung vieler Bürgerheime, die später zu Altersheimen umgenutzt wurden. Sie ist deshalb verantwortlich, dass bis heute der Anteil stationär gepflegter alter Menschen in der Schweiz höher liegt als in den Nachbarländern. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts und vor allem im Verlaufe des 19. Jahrhunderts kam es zu einer Ausdifferenzierung des Anstaltswesens: Statt multifunktionale Einrichtungen (Hospize, Bürgerheime) wurden speziali- sierte und räumlich getrennte Einrichtungen für spezifische Problemgruppen gegründet: Krankenhäuser, Waisenhäuser, Jugendanstalten, Strafanstalten, Irrenhäuser und Altersheime. Viele Altersheime wurden an abgelegenen Randlagen angesiedelt, was einer Ausgliederung alter Menschen Vorschub leistete. Auch alte Heiminsassen unterlagen – im Rahmen ihrer körperlichen Möglichkeiten – einer Arbeitspflicht (z.B. Garten-, Küchenarbeit) und ihr Verhalten wurde einer streng-moralischen Anstaltsordnung unterworfen (kein Ausgang ohne Bewilligung, feste Aufsteh- und Essenszeiten usw.). Entsprechend vermied es der grösste Teil alter Menschen, so lange es irgendwie ging, sich in solche Versorgungsanstalten zu begeben. Als ideal galt ein Alter ausser Reichweite der Zuchtrute der Obrigkeit und in Unabhängigkeit von Bevormundung durch die Kinder. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts blieben die (Alters-)Heime Verwahranstalten mit „Insassen“. Ab den 1960erJahren wurde die Pflege ausgebaut, weil sich aufgrund der wirtschaftlichen Lage die Anforderungen verschoben: Anstelle von armen kamen vermehrt pflegebedürftige alte Menschen. Die ersten Pflegeheime orientierten sich baulich sehr stark an Krankenhäusern. Erst ab den 1980erJahren wurden Pflege und Wohnen stärker verbunden. Im Heim sollte nicht nur gepflegt, sondern auch gewohnt werden. Ab Ende der 1980er-Jahre entstanden erste Pflegewohngruppen, die sich an quasi-familialen Leitbildern des Wohnens im kleinen Rahmen ausrichteten. Für Wohlhabende entstanden eigentliche Seniorenresidenzen. Während sich 1973 die stationären Plätze für alte Menschen zu 71% auf Altersheime und zu 29% auf Pflegeheime verteilten, leben heute nur noch rund 3% der Heimbewohner in eigentlichen Altersheimen ohne Pflegestrukturen. Die stationären Altersund Pflegeangebote wurden stark ausgebaut und der An- Age Dossier 2012 10 Haushalten und Wohnen im Alter – im historischen Wandel Mythos und Wirklichkeit 9 formen – wie betreutes Wohnen – und mehr altersgerechte, hindernisfreie Wohnungen tragen dazu bei, dass alte Menschen auch bei Pflegebedürftigkeit länger selbstständig haushalten und wohnen können. Gleichzeitig haben die allermeisten Altersund Pflegeheime – dank offenen Strukturen – den Charakter als Anstalten weitgehend hinter sich gelassen, auch wenn Bilder einer Anstalt die öffentliche Wahrnehmung von Alters- und Pflegeheimen weiterhin prägen. Im Alter auf sich allein gestellt sorgen oder privates Wohnen mit ambulanten Dienstleistungen kombinieren, sondern geniessen häufig auch eine längere behinderungsfreie Lebenserwartung. Die Entwicklung einer Altersvorsorge – als zentrale Stütze eines langen selbstständigen Wohnens – verlief in der Schweiz deutlich verzögert. Während Deutschland schon Ende des 19. Jahrhunderts und Italien oder Österreich schon in der Zwischenkriegszeit eine allgemeine Altersvorsorge – im Sinne einer gesetzlichen Pflichtversicherung – einführten, gelang in der Schweiz der Wandel von der Fürsorge zur Vorsorge erst spät. Obwohl die verfassungsmässige Grundlage für eine gesetzliche Altersversicherung schon 1925 verankert wurde, dauerte es 23 Jahre, bis eine allgemeine Altersversicherung in Kraft trat. Ein erstes, bescheidenes Gesetz zur Einführung einer Altersversicherung (Lex Schulthess) wurde 1931 abgelehnt. Schon damals wurden Befürchtungen einer teil der 80-jährigen und älteren Menschen in Alters- und Pflegeheimen stieg in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von weniger als 18% (1970) auf 22% (2000) an. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts zeigt sich insofern eine Trendwende, als der Anteil der 80-jährigen und älteren Menschen, die stationär betreut und gepflegt werden, wieder sank (bis 2008 auf rund 18%). Ein Ausbau der ambulanten Pflege (Spitex), neue Wohn- Ausbau der Altersvorsorge – als Säule für langes selbstständiges Wohnen Die Verschiebung vom Alterszum Pflegeheim hat nicht nur demografische Gründe (Anstieg in der Zahl sehr alter Menschen mit erhöhtem Pflegebedarf), sondern ist eng mit der Entwicklung der Altersvorsorge verbunden. Dank ausgebauter Altersvorsorge können alte Menschen sich nicht nur länger privat ver- Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 10 Lebenslange Arbeit sicherte die Existenz, vor allem für alte Menschen, die auf sich alleine gestellt waren. Im Laufe des 19. Jahrhunderts finden sich denn auch zahlreiche Bilder arbeitender Senioren. Werden sie alleine dargestellt, wie die „Alte Wollspinnerin“ (Abb. 9) von Fritz Mackensen (1891), so sind deren Hände unentwegt beschäftigt, wenn sie denn nicht lesen oder beten. Die Industrialisierung schwächt die Position alter Menschen in der zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts Sie werden weniger geachtet und verschwinden wieder aus dem Idealbild. In der bildenden Kunst hingegen zeigen die Vertreter des Realismus nun auch die Positionen ausserhalb des Ideals: die Arbeit knochiger Hände und gebückter Rücken. 11 11 steigenden demografischen Alterung als Gegenargumente vorgebracht. Der Idee der sozialen Sicherung gelang der Durchbruch erst unter dem Druck des II. Weltkrieges, als für die wirtschaftliche Sicherheit der Wehrmänner und ihrer Familien gesorgt werden musste. Mittels Vollmachtenrecht wurde vom Bundesrat eine Lohn- und Verdienstersatzordnung (LVEO) geschaffen: ein populärer Erfolg, der einer durch Lohnprozente finanzierten staatlichen Altersund Hinterlassenenversicherung (AHV) den Weg ebnete. 1947 wurde das AHV-Gesetz mit grossem Volksmehr (79,3% Ja) angenommen. 1948 trat es in Kraft. Zwischen 1951 und 1978 wurde die AHV in 9 Revisionen ausgebaut und an die Lohn­ entwicklung angepasst, wobei allerdings der eigentliche Verfassungsauftrag (Sicherung des Existenzbedarfs durch Renten) nicht erfüllt wurde. 1966 wurden deshalb Ergänzungsleistungen (EL) zur AHV eingeführt, um einkommensschwachen Bezügern von AHV- und IV-Renten ein existenzsicherndes Einkommen zu gewährleisten. 1972 wurde das Dreisäulenkonzept der Altersvorsorge (1. Säule: obli­gatorische Altersversicherung AHV, 2. Säule: obligatorische berufliche Vorsorge [Pensionskassen], 3. Säule: steuerlich begünstigtes privates Sparen) in der Verfassung verankert. Das Obligatorium der beruflichen Vorsorge (BV) trat allerdings erst 1985 in Kraft. Mit dem Ausbau der Altersvorsorge hat sich die Lebensund Wohnsituation vieler älterer Menschen deutlich verbessert: 1950 verfügten erst zehn Prozent der 65-jährigen und älteren Menschen über einen Kühlschrank. Heute gehört er zum Wohnstandard. Noch 1970 hatten 25% der Rentnerhaushalte kein eigenes Bad – im Vergleich zu 0,7% im Jahre 2010. Menschen im Alter geniessen heute nicht nur mehr soziale Selbstständigkeit, sondern oft auch hohen Wohnkomfort. Abschlussbemerkungen Individualisierungstendenzen bestimmen auch das Wohnen im Alter; ein Prozess, der eng mit dem Ausbau einer existenzsichernden Altersvorsorge verbunden ist. Dank verbesserter wirtschaftlicher Situation profitieren viele ältere und alte Menschen von einer Wohnqualität, von der Menschen in anderen Ländern nur träumen können. Gleichzeitig hat sich das schon früher vorherrschende Prinzip von „Intimität auf Abstand“ (gute Generationenbeziehungen, gerade weil jede Generation ihren selbstständigen Lebens- und Wohnraum geniesst) weiter durchgesetzt. Getrenntes Wohnen und Haushalten von Jung und Alt ist kein Hinweis auf einen Zerfall der Familiensolidarität, sondern in modernen Gesellschaften eine zentrale Bedingung für gute intergenerationelle Beziehungsqualität. Age Dossier 2012 12 Mit achtzig umziehen? Bericht einer Betroffenen von Judith Giovannelli-Blocher Wir wohnten so schön – alle haben uns das bestätigt: ruhiges, gepflegtes Quartier, geräumige helle Wohnung im zweiten Stock eines Dreifamilienhauses, ein GinkoBaum vor dem Balkon, im Herbst das reine Gold verstreuend, Vogelstimmen das ganze Jahr, Pfauenrufe aus dem Park der nahen Villa, gute Kontakte zu unseren Nachbarn… Kurz vor meinem 80. Geburtstag entschieden mein Mann und ich uns für eine neue Wohnung – eine komplette Überraschung für unsere Umgebung. „Wieso jetzt?”, fragten sie. Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 12 13 „Der Blick in die Ewigkeit” von Hodler 1885 (Abb. 13) wiederum zeigt einen betagten Schreiner der einen Sarg zimmert. Ob seiner Arbeit hält er inne und verlässt für einen Augenblick die irdische Gegenwart. Das symbolistische Bild zeigt den alten Menschen an der Schwelle zur anderen Welt. Der Gegensatz zwischen seiner existenzsichernden Arbeit und ihrem Produkt – dem Sarg als Vehikel in die andere Welt – löst einen Moment der Erkenntnis der Transzendenz aus. In krassem Gegensatz steht hierzu Kurt Blums Fotografie „AHV-Auszahlung durch Geldbriefträger” (Abb. 12), welche die ungemeine Entspannung durch die Einführung der AHV dokumentiert. 13 Das Wichtigste im Leben sind die Entscheidungen, die wir treffen. Nichts geschieht von selbst. Veränderungen wollen überlegt, entschieden und dann auch angepackt werden. So auch der zunehmende Druck wegen der Wohnsituation. In unserem Fall, war es nicht allein die Treppe, die uns immer mühsamer erschien, sondern auch der hohe Zins. Ich wusste, wenn die Nebenbeschäftigung des Bücherschreibens und das Halten von Lesungen eines Tages nicht mehr drinliegt, könnten wir die Miete kaum mehr bezahlen. Zudem hatte sich unsere Umgebung verändert: Es gab immer weniger Kinder, immer mehr Alte wanderten an ihren Rollatoren durch die Allee. Im grossen Garten uns vis-à-vis wurden die Bäume abgeholzt und zwei klotzartige Blöcke mit Eigentumswohnungen für Gutbemittelte hingestellt. Diese neue Nachbarschaft blieb eher anonym und kalt. Ich sehe das Alter des heutigen Menschen als grosse, weite Landschaft, die sich in verschie- dene Lebensabschnitte unterteilt. Jeder von ihnen hat seinen Reiz, aber auch seine Herausforderungen. Leben aktiv gestalten ist bis ins hohe Alter gefragt. In den letzten zwei Jahren sind wir vom autonomen Alter, das uns an Freiheit, Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung reichen Segen gespendet hat, ins fragile Alter geraten. Das bringt happige Einschränkungen mit sich! Ich gehe am Stock und draussen eigentlich nur noch mit Hilfe vom Arm meines Mannes. Meine Schwerhörigkeit und die Allgegenwärtigkeit des heutigen Lärms allüberall lässt mich leicht missvergnügt werden. Die Schnelligkeit in der Umwelt nimmt rasend zu und meine Flexibilität lässt nach. Das macht mich erlebnisscheu und ich tendiere dazu, mich zurückzuziehen. Die überhandnehmende Müdigkeit und Schmerzen – einmal da, einmal dort – lassen mich hie und da zweifeln am Vergnügen, hochaltrig zu sein. Wenn nur der Geist nicht wäre, denn der will fliegen, nach wie vor fliegen! Wenn mich nicht das Interesse an sozialen Fragen und die Verantwortung, die ich dafür übernehmen will, immer neu aufrütteln würden. Natürlich: In unserem Alter hätten wir noch länger an der bisherigen Wohnung festhalten können. Viele unserer Freunde hausen an steilen Hängen oder kämpfen mit halsbrecherischen Treppen in und ums Haus. Andere sind ohne Auto kaum erreichbar. Trotzdem fühlen sie sich weiterhin wohl in ihren vier Wänden und erklären konstant, sie hätten beschlossen, dereinst, genau dort, wo sie seit eh und je daheim sind, im eigenen Bett zu sterben. Trotz allen Unbequemlichkeiten halten sie eisern an der Welt fest, die sie gewohnt sind. „Der Eigensinn macht Spass“, dichtet der alterskundige Hermann Hesse. Da hätte es wenig Sinn, Betroffene vom Gegenteil zu überzeugen, etwa durch das Beispiel unserer greisen Nachbarin. Die lebenstapfere, allein lebende Frau, die, ein keck schräg sitzendes rotes Mützchen auf Age Dossier 2012 14 Malten die Realisten ein Bild des durch lebenslange Arbeit ausgezehrten Alten, führte der Gesellschaftswandel zeitgleich zu einer neuen Verklärung des Alters. In den politischen und wirtschaftlichen Wirren der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts generierten die Romantiker im Biedermeier die Gartenlaube als Oase der Empfindsamkeit und Symbol für einen Schonraum. Unter diesem Schutzschirm sass das alte Ehepaar bar jeglicher Nöte und Strapazen. Arnold Böcklin zeigt noch 1891 in seiner „Gartenlaube” (Abb. 14) ein solches Paar: Hände haltend in der Laube eingenickt. Vor den beiden gedeihen Sprösslinge als Symbole für die Früchte ihres Lebens. Während Böcklins Gartenlaube die Paarbeziehung im Alter verklärt, schwärzt eine derbe Verballhornung auf einer Postkarte das gemeinsame Glück (Abb. 15). In dieser Bandbreite äussert sich die bildende Kunst zum Alter und zum Leben in Partnerschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert – die polaren Äusserungen sind symptomatisch für dieses Jahrhundert des Umbruchs, in dessen Verlauf der alte Mensch verklärt und verlacht, bemitleidet und verehrt wurde. Lebensabend in Partnerschaft 14 Mit achtzig umziehen? Bericht einer Betroffenen dem Kopf, täglich ihre Runden am Rollator drehte, versicherte stets: „Aus meiner Wohnung bringt mich niemand mehr, höchstens nach Biel Madretsch“ (Friedhof). Dennoch ist sie kürzlich hingefallen und in der ganzen Stadt fand sich keine Institution, die kurzfristig Platz hatte für die jetzt pflegebedürftige Frau. Sie liegt nun in einem Dorf weit weg, in einem Heim, das sie freiwillig nie ausgewählt hätte – in einem Dreierzimmer. Ihre Wohnung wurde von Fremden geräumt. Der Alters-Eigensinn, die letzte Bastion des schwächer werdenden alten Menschen, wird trotz solcher Beispiele weiter bestehen. Statt sich die Zähne daran auszubeissen, muss sich die Alterspflege phantasievoll und liebend etwas einfallen lassen, um den Menschen im angestammten Milieu beizustehen oder um ihnen einen unvermeidlichen Umzug schmackhaft zu machen. Es braucht Angebote, die das Unabhängigkeitsbedürfnis der Alten berücksichtigen. Mein Mann und ich haben es gerade noch rechtzeitig geschafft, ohne äusseren Druck in eine altersgerechte Wohnung umzuziehen. Ein Wohnungswechsel kann beleben und Wunder wirken fürs Lebensgefühl – aber bis es so weit war… Eisern hatten wir uns gesagt: diesmal wählen wir nicht mehr nach ästhetischen Gesichtspunkten. Für den Rest des Lebens sind praktische Kriterien entscheidend: wichtig war ein geringerer Mietzins, denn Existenzängste im Alter sind quälend, ist man doch hilflos der schleichenden Teuerung ausgeliefert. Nicht nur der Lift, sondern auch eine verkehrsgünstige Lage nicht allzu weit vom bisherigen Quartier entfernt war für uns zentral, denn Beziehungen und Kontakte sind im Alter sehr kostbar und müssen gepflegt werden. Ein Inserat in der Zeitung entsprach sämtlichen Anforderungen. Die Hilfe unserer Freunde war nun unentbehrlich. Zwei Freundinnen packten alle Bücher ein, die Schwester die Küchenutensi- lien, der Schwager übernahm die elektrischen Installationen, ein Nachbar half beim Zusammensetzen der Büchergestelle. Wie bei allen Wohnungswechseln meines Lebens empfand ich den Neu-Anfang auch diesmal als einen wirklichen Jungbrunnen – allerdings erst nach mehreren Verzweiflungsanfällen während des Umzugsprozesses: Wer nimmt das viele Zeug, das sich mit den Jahren angestaut hat und man in die kleinere Wohnung nicht mitnehmen kann? Zuerst kann man sich fast nicht entschliessen, sich von etwas zu trennen – und dann kommt die Kränkung: niemand will etwas von unseren kostbaren Sachen, denen wir so lange Sorge getragen haben. Sogar die Brockenhäuser sind wählerisch geworden. Überall gibt es von allem viel zu viel. Der Lebensstil hat sich komplett geändert: Ein Klavier, ein kostbares Teeservice, Tischtücher oder auch Bücher braucht man heute kaum mehr. Aber man kann doch nicht einfach alles Liebgewordene, Wert- Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 15 15 volle in eine Mulde schmeissen. Die Alterspflege müsste hier neue Angebote zur Verfügung stellen, z.B. Fachkräfte, die bei Trennungsentscheiden und -prozessen helfen, ohne die Selbstbestimmung einzuschränken. Nun wohnen wir sieben Monate hier und sagen jeden Tag „Danke”. Obwohl damals bei der Besichtigung der erste Blick von aussen wenig Gutes versprach: riesige graue Mietkaserne zwischen zwei höchst belebten Autostrassen. Doch die Eckwohnung im 6. Stock hat überraschend einen wunderschönen Ausblick auf den See. Auf der Seite grüsst der Wald des Juras und hinten hinaus sehen wir über den Bahnhof und die ganze Stadt. Die Fenster sind so dicht, dass wir vom Verkehr nichts hören – und dennoch bin ich Teilnehmerin am vielfältigen Treiben unserer lebhaften Stadt: der Verkehr interessiert mich nun plötzlich. Alte schauen bekanntlich gerne zu, wie der Verkehr rollt, verfolgen in Gedanken all die Wagen und Last- wagen zu ihren Zielen. Am Morgen schlängeln sich Ströme von Schülern wie Bächlein zwischen den Häusern hindurch, rennen waghalsig bei Rotlicht über die Strasse, holen sich in der Mittagspause beim Pizza-Bäcker visà-vis etwas Warmes zu essen. Am Mittag streben all die Touristen, einzeln oder Gruppen, zur Schifflände, um später mit dem Dampfer auf die Petersinsel zu verschwinden. Wie schön, dies alles mitzuverfolgen. Unser Haus ist belebt mit Menschen aller Nationen. Viele arbeiten im Bereich des Bahnhofs, im Coop, bei der Post, als Speisewagenkellner. Nach und nach lernen wir die einzelnen Leute kennen, die schon eh und je für uns gearbeitet haben. Wir sind zwar behindert und alt, aber fühlen uns in der neuen Umgebung noch mittendrin. Unsere neue Wohnung ist, ohne als solche ausgeschrieben worden zu sein, altersgerecht: Lift, kaum Schwellen im Haus, Hauswart für Notfälle, Infrastruktur ist in der nächsten Umgebung vorhanden. Zu allem Überfluss: über die Strasse steht das Alterszentrum, wo wir schon länger provisorisch vorgemerkt sind: Immer wieder besuchen wir dort Bekannte, essen im öffentlichen Restaurant, nehmen Anteil am Leben im offenen Haus. Die Angst vor betreutem Wohnen verringert sich besonders, seitdem eine Kindertagesstätte dem Haus angegliedert ist. Die Zukunft gehört gemischten Formen der Altersbetreuung. Die Alten mittendrin in der aktiven Umgebung, wo sie sich noch in vielem nützlich machen können, vor allem auch mit Kindern. Das Leben ist schön – ist trotz allem selbst für Hochaltrige immer wieder schön, dank dem, dass es immer wieder Neu-Anfänge gibt. Age Dossier 2012 16 Die eigenen vier Wände 16 Verborgene Innovationen Interview mit Karin Weiss, Bereichsleiterin Förderprojekte, Age Stiftung Das Gespräch führte Andreas Sidler Die Age Stiftung fördert die Innovation und Vielfalt der Wohnangebote fürs Alter. In den letzten 10 Jahren haben Sie rund 350 Fördergesuche analysiert. Hand aufs Herz, Frau Weiss: Wohnen im Alter ist kein Bereich, wo man grosse Innovationen erwartet. Wollen die Menschen im Alter überhaupt neue Wohnformen ausprobieren? Zum Glück erschöpft sich das Thema nicht in der Erfindung neuer Wohnformen. Neues entdeckt man durch die systemische Brille. In den Projekten wird nach sozialen, baulichen, me- dizinischen oder raumplanerischen Lösungsansätzen gesucht. Wohnen im Alter ist also kein Sonderthema, sondern ein vielschichtiges Querschnittthema. Innovationen liegen selten wie Sauerkirschen oben auf der Torte, sondern müssen im Kuchen selber gesucht werden. Deshalb spreche ich statt von Innovation lieber von „weiterführenden Aspekten in Projekten“. Und die sind oft zwischen den Projektschichten verborgen. Können diese schwer erkennbaren weiterführenden Aspekte zur Weiterentwicklung des Wohnens im Alter beitragen? Ja, ohne Zweifel. Sie zeigen neue Wege, um ähnliche Ziele zu erreichen wie früher, aber neu interpretiert. Zum Beispiel mit neuen Rechts- und Kooperationsformen oder mit neuen Organisations- und Partizipationsformen, welche die Potenziale und Ressourcen der Bevölkerung lebenserwartungs- und lebensstilgerechter einbinden. Bei unse- Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 17 Der Auszug aus der angestammten Wohnung ist im Alter beängstigend. Lang bewohnte Räume sind von der Biographie durchdrungen. Diese Verbindung zwischen Mensch und Raum ist anderenorts nur schwer wiederherzustellen. Das wird auch im Nebeneinander der Fotografien von Hermann Freytag (50er-Jahre, Abb. 16) und Ursula Meisser (2005, Abb. 17) spürbar. 17 ren Förderprojekten geht es also nicht nur um bauliche oder technische Entwicklungen, sondern oft um soziale und organisatorische Innovation. Wir fördern Projekte, die das Thema des demografischen und gesellschaftlichen Wandels auf eine möglichst zukunftsfähige Art angehen. Wir informieren und berichten auch über Aspekte von Projekten, die es wert sind, nachgeahmt und institutionalisiert zu werden. Trotzdem denkt man beim Begriff Innovation zuerst an technologische Entwicklungen – Pflegeroboter in Heimen oder Computer, die den Alltag managen. Oh ja, technologische Innovationen werden von den Medien gerne thematisiert! Sie erscheinen häufig in spektakulärem Gewand. Darin schwingen der technokratische Machbarkeitsglaube und die Faszination des Fortschritts mit. Die Age Stiftung hat mehrere technologiebasierte Projekte in den Bereichen der Heimautomation, der Sicherheit und der Kommunikation gefördert. Die meisten sind innovations- und forschungsgetrieben. Die Machbarkeit steht im Vordergrund und man konzentriert sich auf technische Fragen. Der zukünftige Nutzer wird oft ausgeblendet. Niemand fragt nach seinen Erwartungen und Gewohnheiten. Das ist heikel, weil kein technologiebasiertes System völlig autonom ist. Es braucht immer Menschen hinter der Technik, vor allem Dienstleister, die das Technische dem Nutzer näherbringen und die bei Fragen oder Pannen ansprechbar sind. Dann sollte auch das Geschäftsmodell passen, an dem in der Regel mehrere Akteure mit unterschiedlichen Interessen beteiligt sein müssen. Dazu kommen noch die gesetzlichen Hürden, vor allem, wenn man sich in den Graubereichen des Datenschutzes und des Gesundheitswesens bewegt, was im Innovationskontext oft der Fall ist. Wir werden also noch etwas länger auf die voll automa- tisierte Alterswohnung und den Pflegeroboter warten müssen? Viele Ansätze sind weder benutzerfreundlich noch gut zugänglich für ältere Menschen. Ich habe mich im Rahmen des europäischen Förderprogramms Ambient Assisted Living als Expertin schon vertieft mit internationalen Hightechprojekten auseinandergesetzt, die den Anspruch hatten, stark forschungsgetrieben und geichzeitig geschäftsmodelltauglich zu sein. Ob und wann sich diese Hilfsmittel und Systemlösungen im autonomen Wohnen oder in der Pflege entwickeln, ist wohl weniger eine Frage der Machbarkeit, sondern viel mehr eine Frage der individuellen und gesellschaftlichen Akzeptanz – und nicht zuletzt des Renditeversprechens für Investoren. Der steigende Kostendruck wird wohl eine treibende Rolle spielen und die demografische Entwicklung wird vermutlich für attraktive Massenmärkte sorgen. Age Dossier 2012 18 Verborgene Innovationen Interview mit Karin Weiss, Bereichsleiterin Förderprojekte, Age Stiftung 18 „Wohnen im Alter“ wird immer häufiger zum öffentlichen Thema. Hat sich auch die Wahrnehmung des Themas verändert? Das Thema ist gesellschaftsfähiger, forschungsrelevanter und medienpräsenter geworden. Die starke Medienpräsenz hat aber wenig zur gesellschaftlichen Bewusstseinsbildung zum Altern beigetragen. Das Alter wird nach wie vor als Zustand begriffen statt als dynamischer Prozess, der sich über die ganze Lebensspanne von 30–40 Jahren erstreckt. Also haben sich die Vorstellungen gar nicht verändert? Doch. Vor 10 Jahren wurde darüber debattiert, ob „Daheim oder im Heim” die bessere Lösung sei. Heute lautet der Konsens: „Ambulant vor Stationär”. Das findet in der Bevölkerung Anklang. Alle wollen so lange wie möglich selbstständig zuhause wohnen. Viele Politiker unterstützen die Strategie, weil es immer mehr ältere und immer weniger junge Menschen gibt, was die Betreuungs- und Unterstützungssysteme vor grosse Herausforderungen stellt. Dann ziehen ja alle am gleichen Strick. Sie wirken trotzdem skeptisch? Nicht grundsätzlich. Aber man darf sich nicht damit zufriedengeben, dass alle die Idee attraktiv finden. Man muss weiterdenken. Klar ist, dass es genug altersgerechte Wohnungen auf dem Markt geben muss, damit ältere Menschen auch mit Einschränkungen möglichst selbstständig wohnen können. Aus- geklammert wird aber, dass sich Autonomie immer relativ zum Sicherheitsbedürfnis verhält. Das verschärft sich mit zunehmender Fragilität. Gutes Wohnen im Alter funktioniert mittelfristig nur, wenn das Wohnsystem auch bei zunehmender Fragilität stimmt. Und die zahlreichen neuen Wohnangebote für ältere Menschen bieten das nicht? So absolut will ich das nicht sagen. Aber für viele Anbieter braucht eine altersgerechte Wohnung nur einen Lift und eine hindernisfreie Nasszelle und Küche. Angesprochen werden Menschen in der späten beruflichen und nachfamiliären Phase oder rüstige und zahlungskräftige Rentner. Fragile Mieter und gebrechliche Käufer stehen gelinde ausgedrückt nicht im Fokus der meisten neugestalteten Angebote und Finanzierungsmodelle. Sie halten „ambulant vor stationär“ also für keine gute Idee? Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen Zuhause im Altersheim 19 19 Doch, es ist eine gute Idee, wenn man sie nicht zur Ideologie macht, sondern als Gesamtstrategie plant und die nötigen Rahmenbedingungen schafft. Auch wir arbeiten bei unserer Fördertätigkeit darauf hin. Welche Rahmenbedingungen sind das? Hierzu gehören die Entwicklung eines vernetzten Wohnumfeldes, eine funktionierende Alltagsversorgung und eine finanzielle Basis, mit der man genug Gestaltungsfreiheit hat. Deshalb zoomen wir bei jedem Projekt auch auf die Versorgungsregion oder den Standort. Wie ist die geografische Lage? Wie die Erschliessung durch den öffentlichen Verkehr? Wie wird der Fussverkehr geregelt und die Alltagsversorgung gewährleistet? Welche Möglichkeiten sieht eine Gemeinde für die gesundheitliche ambulante und stationäre Versorgung vor? Wie durchlässig sind die Angebote aufeinander abgestimmt? Wie gestaltet sich die Kommunikation rund um die Angebote? Wenn Sie auf die letzten 10 Jahre zurückblicken, wo haben auf der Projektebene die grössten Entwicklungen stattgefunden und warum gerade da? Bei der Umnutzung bestehender Gebäude, beispielsweise von Schul- oder Gemeindehäusern. Die befinden sich in zentrumsnaher Lage und können multifunktional bespielt werden. Umnutzungen werden interessant, weil man mit Neubauten den zukünftigen Bedarf an altersgerechten Wohnungen nicht decken kann. Dort, wo man merkt, dass die Wohnungsversorgung vor Anforderungen steht, die weit über die Bereitstellung von altersgerechtem Wohnraum hinausgehen, stärkt man das Zusammenleben der Generationen. Dazu braucht es gelebte Nachbarschaften und Infrastruktur. Das Bewusstsein, dass diese motiviert, moderiert und begleitet werden müssen, ist in den letzten Jahren gestiegen. In der Stadtentwicklung zum Beispiel spricht man vermehrt von inte- grierter Stadt- und Quartierentwicklung. Das tönt nach einer Worthülse… Ist es aber nicht. Man meint damit, dass städtebauliche Ziele mit sozialen Zielen von Anfang an mitgedacht werden müssen. Man versucht wirtschaftliche Akteure, Interessengruppen und die Öffentlichkeit einzubeziehen und Kooperationen herzustellen. Das funktioniert in den Städten. Und ausserhalb? Dort genauso. In kleineren bis mittelgrossen Gemeinden wird diese Sichtweise auch von engagierten zukunftsorientierten und veränderungsfreudigen Gemeindevertretern gelebt. Sie planen über Gemeindegrenzen hinweg, denken in Versorgungsregionen und ergänzen Bestehendes mit Neuem. Sie denken in Szenarien und jonglieren mit zentralen und dezentralen Möglichkeiten, mit niederschwelligen und professionellen Strukturen – und sie müssen rechnen. Age Dossier 2012 20 Verborgene Innovationen Interview mit Karin Weiss, Bereichsleiterin Förderprojekte, Age Stiftung Durchlässigkeit zur gelebten Wirklichkeit der Bevölkerung erreichen. Was meinen Sie mit Passung und Durchlässigkeit? Mit „Passung“ meine ich das Bewusstsein für die regionalen Verhältnisse und die Lebensweise und finanziellen Möglichkeiten der lokalen Bevölkerung. Mit „Durchlässigkeit“ meine ich Wohnangebote und Betreuungsformen, die das Altern nicht als linearen Prozess definieren. Sie sind flexibel und können veränderte Bedarfssituationen auffangen, egal ob temporär oder längerfristig. Auch dafür muss man in Szenarien denken. Sie haben vorhin den Begriff „Gelebte Nachbarschaften” erwähnt. Soll das etwas Neues sein? Nein, natürlich nicht. Aber „Nachbarschaft” ist mehr als räumliche Nähe. Sie ist eine Beziehung und braucht deshalb eine gemeinsame Grundlage, die mehr ist als der Gruss am Brief- 20 kasten. Heute sind die Lebenssituationen der Bewohner eines Quartiers vielfältiger und individueller als früher. Das gilt für Familien ebenso wie für ältere Menschen. Diese Unterschiede reduzieren den nachbarschaftlichen Austausch. Heisst das, eine gelebte Nachbarschaft entsteht heute nicht von selbst? Im besten Fall schon. Doch das ist nicht selbstverständlich. Menschen leben mit verschiedenen Rhythmen nebeneinander. Das ist wie bei einer Jamsession von Musikern. Es braucht eine Rhythmusgruppe, die eine musikalische Grundstruktur vorgibt, die alle beteiligten Musikern kennen. So kann gemeinsam gespielt und ungezwungen improvisiert werden. Gelingt die Harmonik, werden Unterschiede, die vorher die Leute getrennt haben, zu Ressourcen, von denen alle profitieren. Die Nachbarschaftsarbeit ist die Rhythmusgruppe in der Nachbarschaft. Und setzen dann gerade bei den Entwicklungsprojekten den Rotstift an? Nein. Manche machen aus der Not eine Tugend. Gerade in ländlichen Regionen ist es interessant zu beobachten, unter welchen Bedingungen interessante Kooperationen zwischen Gewerbe, öffentlich-rechtlichen Institutionen und Bauträgerschaften zustande kommen. Die schönsten Innovationen sind für mich Angebote oder Strukturen, die eine gute Passung und Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 21 Auch Hospize und Asyle als soziale Auffangstationen für alte Menschen fanden Eingang in die bildende Kunst. Sie sind Zeichen des tiefen Strukturwandels, der sich seit den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts einstellte. Idyllische Altersbilder liessen sich mit der Problematik der Hochindustrialisierung nicht mehr vereinen. Statt Gartenlauben wurden nun Altersheime und Hospize dargestellt, bspw. das „Altmännerhaus in Lübeck” von 1896 (Abb. 18) oder ein Schweizer Altersheim um die Jahrhundertwende (Abb. 19). Einen dokumentarischen Wert birgt die Aquatinta von John Bluck von 1810 (Abb. 20): Sie zeigt einen „Speisesaal im Londoner Chelsea Hospital, einem Altenheim für verdiente Berufssoldaten”. Solche Häuser für die Altersversorgung berufsunfähiger Soldaten initiierten die Entwicklung des öffentlichen Pensionssystems. Als erstes Altenheim für Soldaten figuriert das Hôtel des Invalides in Paris, gegründet 1674. Weder dokumentierend noch anprangernd, sondern in tiefem Interesse an der Menschlichkeit und Schönheit malt Paula Modersohn-Becker 1907 ihre „Alte Armenhäuslerin mit Glaskugel und Mohnblumen” (Abb. 21). In warmen, satten Farben zeigt sie eine sitzende Alte inmitten eines Mohnfeldes, die von lebenslanger schwerer Arbeit geschwollenen Hände halten Blumen, die Glaskugel vermittelt einen Aspekt der Verzauberung. Wir wissen nur aufgrund des Titels, dass es sich um eine Armenhäuslerin handelt, nichts sonst weist darauf hin. Doch ist es kein Bild der Verklärung, es negiert nicht die Dumpfheit eines schweren Lebens. Dieses Bild steht für eine Kunst nach der Jahrhundertwende, die die Welt in ihrer Erscheinung unvoreingenommen zu schauen und aus ihrer Tiefe heraus zu ergründen und darzustellen sucht. 21 Und wie profitieren die älteren Menschen in der Nachbarschaft? Wie alle anderen haben sie die Möglichkeit, ihre Kompetenzen und Ressourcen einzubringen und sich an der Gestaltung des Wohnquartiers aktiv zu beteiligen. Egal, ob alt oder jung – es geht darum, im Quartier oder in der Siedlung gegenseitige niederschwellige, aber vielfältige Unterstützung und Hilfe anzubieten und anzunehmen. Deshalb braucht es gemeinwesenorientierte Partizipationsmodelle, die multidisziplinär vernetzt sind. Wie muss man sich so ein Modell vorstellen? Es gibt keine anrührfertige Instantlösung. Ein moderiertes Konzept gibt aber der Entwicklung der Nachbarschaft eine klare Richtung und lässt zu, dass sich Neues spontan und organisch entwickeln kann. Neben konzeptionellen Fähigkeiten braucht es auch echte Empathie. Nur so entstehen tragfä- hige Kontakte und belastbare Strukturen für niederschwellige Hilfe im Wohnumfeld. Wenn man die Projektbeschreibungen auf der Web­site der Age Stiftung anschaut, fällt auf, wie unterschiedlich die Projektträger sind. Gibt es Personen und Organisationen, die bei der Projektentwicklung besonders erfolgreich sind? Was haben sie gemeinsam? Ich wage die These, dass systemisch orientierte Lösungen auch von Menschen und Organisationen geboren werden, die bereits so denken, leben und handeln. Man muss den Blick und das Flair haben, in Zusammenhängen zu denken, das Ganze sehen zu wollen und die eigene Rolle, den eigenen Auftrag und die eigenen Kompetenzen neu zu denken. „Systemisches Bewussstein” als gemeinsamen Nenner zu verwenden klingt etwas abgehoben. In der Förderpraxis habe ich aber gelernt, dass die- se Denkweise zentral ist – und zwar absolut unabhängig von Sozialisierung, Branchenzugehörigkeit oder Ausbildung. Die einen werden durch die Freude an der Lösung von komplexen Zusammenhängen angetrieben. Andere werden durch die eigene Betroffenheit aus dem beruflichen Alltag zu Höchstleistungen angespornt. Aus vielen Gesuchen, Begegnungen und Gesprächen geht hervor, dass sie nur mit sehr viel Herzblut, einer zähen Gelassenheit, einer hohen Frustrationstoleranz und vielen freiwilligen Stunden möglich geworden sind. Häufig sind es Akteure, die sich trotz Individualisierung auch dem Solidaritätsgedanken – und eben dem Ganzen – sehr verpflichtet fühlen. Und immer sind es Menschen, die Neues vorantreiben. Es sind immer Persönlichkeiten, die bereit sind, sich häufig über Jahre zu exponieren. Nicht zuletzt sind es Begegnungen mit diesen Frauen wie Männern, die meine Arbeit bei der Age Stiftung enorm bereichern. Age Dossier 2012 22 Zeit um die Freizeit zu gestalten 22 Braucht die Schweiz eine Alterswohnpolitik? Interview mit Ernst Hauri, Direktor Bundesamt für Wohnungswesen Das Gespräch führte Andreas Sidler Gemäss Verfassung muss das BWO in der Wohnraumförderung die Interessen der Betagten berücksichtigen. Wie sehen diese Massnahmen aus? Seit den Siebzigerjahren wurden und werden unterschiedliche Förderungsprogramme und Massnahmen umgesetzt. Beispielsweise enthält das Wohnbau- und Eigentumsförderungsgesetz spezifische Hilfen für ältere Menschen: unter anderem die Zusatzverbilligungen der Wohnbeihilfen. Im Gegensatz zu dieser WEG-Förderung sieht die aktuelle Förderung keine spezifischen Leistungen und Hilfen für bestimmte Altersgruppen vor. Entsprechend werden seit 2001 keine neuen Fördergeschäfte mit Zusatzverbilligungen mehr bewilligt. „Alterswohnung“ ist kein klar definierter Begriff. Im Rahmen seiner Förderkriterien hat das BWO das generelle Bild der „Alterswohnung“ über lange Zeit stark geprägt. Wie hat sich die BWO-Definition der Alterswohnung im Laufe der Jahre entwickelt, und wie wurde dadurch der Alterswohnbau in der Schweiz verändert? Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 23 Das durch die AHV gesicherte Alterseinkommen legte Energien frei. Grundsätzlich muss die Existenz nun nicht mehr mit eigener Hände Arbeit bis ans Lebensende gesichert werden. Dieser Aspekt fördert eine neue Entwicklung: die Senioren können nun einer Freizeittätigkeit nachgehen. War vormals ein Spiel, wie bei Honoré Daumiers „Schachspieler” von 1860 (Abb. 22), nur am Rande der täglichen Arbeit – wenn überhaupt – möglich oder nur einer kleinen Gesellschaftsschicht vorbehalten, so gehen die AHV-Generationen zahlreichen Freizeitaktivitäten nach (Abb. 23). Damit erfüllt ein Gefühl des Genusses den Lebensabend. 23 Massgeblich waren die amtlichen Richtlinien aus den 70erund 80er-Jahren, die sich an damaligen Standards von „Altersheimwohnungen” orientierten und bauliche Mindestanforderungen für den Bezug von Fördergeldern enthielten. So wurde eine ganze Generation von „Alterswohnungen” modelliert. Sie sollten das Marktsegment in der Übergangsphase zwischen Familienwohnungen und Alters- oder Pflegeheim abdecken: Die Wohnungen durften höchstens 2½ Zimmer aufweisen. Grundausstattungen und Minimalmasse für Türen, Küche, Dusche, WC etc. waren vorgegeben. Als in den Neunzigern neue Wohnformen für das Alter entstanden, kam man von den Kleinwohnungen weg. Heute sind für die Förderung die SIA-Norm 500 „Hindernisfreie Bauten” und das Wohnungsbewertungs-System WBS massgebend. Das Augenmerk liegt jetzt auf der Anpassbarkeit der Wohnung bei eingeschränkter Mobilität. Für Wohnungen spe- ziell für ältere Menschen gibt es noch zusätzliche Anforderungen. Wie hat sich der Bedarf an Wohnraum fürs Alter qualitativ und quantitativ verändert? Wie hoch man den Bedarf schätzt, hängt davon ab, wie man „das Alter” denkt. In der Botschaft zum WEG (1973) stand, es brauche bis im Jahr 2000 650  000 Wohnungen für „Betagte”. Unter „Betagte” fasste man alle Personen über 65 zusammen! Welche Altersgruppen haben wir heute vor Augen, wenn wir an „Wohnraum fürs Alter” denken? 55+, wie gewisse Wohnprojekte suggerieren? Oder mit Blick auf die Lebenserwartung eher 80+? Ist es Wohnraum für die „Nachfamilienphase” oder gar für die „Neufamilienphase”? Das Spektrum ist weit. Wir müssen uns von eindimensionalen Vorstellungen lösen und das Augenmerk auf die qualitativen Aspekte legen. Nie sind Menschen unterschiedlicher als im Alter. Die einzigen gemeinsamen Nenner liegen in der Abnahme der physischen Leistungsfähigkeit und im Anstieg des Krankheitsund Unfallrisikos. Aber auch darin, dass die Bedeutung der Wohnung in aller Regel zunimmt. Das Spektrum von Wohnformen für die späteren Lebensphasen muss breiter werden. Die Leute mit ihren unterschiedlichen Lebensentwürfen, Lebensstilen und Bedürfnissen sollten vor allem mehr Wahlmöglichkeiten haben. Das Wohnraumförderungsgesetz sah ursprünglich zinsgünstige oder zinslose Darlehen vor, um Wohnungen an die Bedürfnisse einer älteren Bewohnerschaft anzupassen. 2007 entschied der Bundesrat, diese Darlehen nicht zu aktivieren, jedoch die indirekten Bundeshilfen zugunsten gemeinnütziger Bauträger fortzusetzen. Findet der Bau altersgerechter Wohnungen seither nur noch im gemeinnützigen Wohnungsbau statt? Age Dossier 2012 24 Braucht die Schweiz eine Alterswohnbaupolitik? Interview mit Ernst Hauri, Direktor Bundesamt für Wohnungswesen Der Abschied aus dem Leben 24 Richtig – die Bundesunterstützung ist heute auf den gemeinnützigen Wohnungsbau beschränkt. Für renditeorientierte private und institutionelle Investoren ist der Bau von Wohnungen für ältere Menschen aber genauso interessant, weil die pauschale Vorstellung, dass Alter mit eingeschränkter Zahlungsfähigkeit einhergeht, nicht mehr stimmt. Mit den Seniorenresidenzen gibt es im Hochpreissegment schon länger Angebote. Nun kommen auch altersspezifische Wohnungen für mittlere Einkommensgruppen auf den Markt. Bis 2020 wird die Zahl der über 80-Jährigen in der Schweiz um 78 000 Personen, bis 2030 um rund 246 000 Personen zunehmen. Kann der Bund den Grundstock an altersgerechtem Wohnraum in den nächsten Jahren noch gewährleisten? Nur ein Teil der über 80-Jährigen wird auf explizit altersgerechten Wohnraum angewiesen sein. Solange eine selbstständige Lebensführung möglich ist und man die notwendigsten Anpassungen vornimmt, werden viele in den angestammten Wohnungen bleiben können. Das BWO wird sich weiterhin auf das preisgünstige Segment konzentrieren – nicht nur beim Neubau, sondern auch beim sozialverträgliche Umbau bestehender Wohnungen. Wo liegen die grossen Herausforderungen in der weiteren Entwicklung des bestehenden und zukünftigen Wohnraums fürs Alter? Man wird den zunehmenden Bedarf für ältere Menschen nicht mit räumlich konzentrierten „Alterswohnungen” decken können – zumal man auch keine „Altersghettos” schaffen will. Ältere Menschen sollen somit möglichst lange in ihrer Wohnung und ihrem sozialen Umfeld bleiben können. Mehr als Wohnungsanpassungen braucht man Betreuungs- und Serviceangebote, die das möglich machen. Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen 25 Der Abschied aus dem Leben wird in der bildenden Kunst sehr häufig dargestellt, sofern es sich beim Sterbenden um einen Potentaten handelt. So zeigt Baron Charles de Steuben um 1828 in seinem Gemälde „Napoléon I. auf dem Totenbett in St. Helena, 5. Mai 1821” (Abb. 24) den Kaiser umringt von seiner trauernden und bangenden Entourage, welche ihn bei dessen letzten Atemzügen begleitet. Für Personen des öffentlichen Lebens ist auch das Sterben ein öffentlicher Akt, zumal Zeugschaften für Nachfolgeregelungen zugegen sein müssen. Das Sterben des durchschnittlichen Bürgers hingegen wurde nur in Ausnahmen dargestellt, zumal auch hier schon seit dem Mittelalter kaum alleine gestorben wurde. Die zeitgenössische Fotografie von Ursula Meisser zum Thema Palliative Care dokumentiert den Wunsch eines sterbenden Mannes, unter freiem Himmel zu schlafen (Abb. 25). Das zutiefst berührende Bild zeugt von tiefster Menschlichkeit und der Selbstbestimmung in der Palliative Care. 25 Eine weitere Herausforderung stellt sich in den periurbanen Gemeinden. Dort merken ältere Menschen, dass ihr grosses Einfamilienhaus zur Last wird. Diese Menschen brauchen Angebote, die bezüglich Standort und Wohnkosten reizvolle Alternativen darstellen – auch mit Blick auf den Flächenkonsum und Bodenverbrauch. Und schliesslich wird man neue Wohnlösungen für eine wachsende Gruppe von halb- oder nicht mehr autonomen älteren Menschen brauchen. Wer wird diese Herausforderungen annehmen müssen und mit welchen Instrumenten? Beim Umgang mit einer älter werdenden Bevölkerung ist die gesamte Gesellschaft gefordert. Eine wichtige Rolle spielen die Gemeinden oder die mit Altersfragen betreuten Zweckverbände. Sie wissen, wie sich die Bevölkerungsstruktur verändert und welche neuen Bedürfnisse daraus entstehen. Mit ihrer Boden- und Wohnungspolitik müssen sie die nötigen Angebote bereitstellen. Hier hat sich die Zusammenarbeit mit gemeinnützigen Bauträgern oder die Gründung neuer Bauträger bewährt. Dort, wo man „altersgerechte Wohnungen” in „normale Projekte” integriert, fördert man gleichzeitig den intergenerationellen Austausch. Besonders wichtig ist zudem die Zusammenarbeit mit lokalen oder regionalen Gesundheits- und Pflegeinstitutionen, die Unterstützung nach Bedarf bieten können. Braucht der Bund eine speziell an den Bedürfnissen der älteren Menschen orientierte Wohnungspolitik? Nein. Wir werden uns für „menschengerechte Wohnsituationen” einsetzen, die den Bedürfnissen möglichst aller Altersgruppen entsprechen. Die Unterstützung von langfristig preisgünstigen Angeboten wird weiterhin einen wichtigen Stellenwert haben. Ich hoffe, dass die Zahl der Bauträger in diesem Sektor zunimmt. Wenn diese auch im preisgünstigen Segment vielfältige Angebote entwickeln, entstehen für die immer heterogener werdende ältere Bevölkerung mehr Wahlmöglichkeiten. Age Dossier 2012 26 26 Das Alter als Übergang zwischen dem Diesseitigen und dem wie auch immer gearteten „Danach”: So ist die „Alte Frau am Fenster” von Bartholomeus van der Helst (um 1660) zu verstehen (Abb. 26). Die gealterte Dame im Fenster blickt den diesseitigen Betrachter an – scheint ihm etwas zu sagen. Zugleich öffnet sie mit grosser Geste den Fensterflügel. Er öffnet sich nach aussen, wo sich eine Landschaft und grenzenloser Himmel erstrecken. Wir dagegen befinden uns im Innenraum. Heute blickt der Mensch in die Welt und wird dargestellt, wie er seine Freiheit nach einem arbeitssamen Leben auskostet – selbstbewusst und selbstbestimmt im Anspruch. Die Zukunft des Wohnens im Alter Zwischen Freiheit und Sicherheit von Karin Frick und Frerk Froböse Gottlieb Duttweiler Institut, Rüschlikon Wie geschieht Veränderung? Ein Beispiel aus der Ernährung: mit der fortschreitenden Industrialisierung der Nahrungsmittelproduktion und dem zunehmenden Angebot von Fertiggerichten wuchs auch die Sehnsucht der Konsumenten nach regional, ökologisch und persönlich hergestellter Nahrung. Auf Fast Food folgte Slow Food, ohne das Essen auf die Schnelle auch nur einen Schritt zu verlangsamen. Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft vollziehen sich als sich verändernde Spannung zwischen zwei einander gegenüberliegenden Polen. Am GDI Gottlieb Duttweiler Institut nennen wir diese Pole Megatrends und Gegentrends. Um zukünftige Entwicklungen aufzuzeigen, analysieren und interpretieren wir die sich auf den ersten Blick widersprechenden, auf den zweiten Blick aber sich bedingenden Mega- und Gegentrends. Die zukünftige Entwicklung vom Wohnen im Alter bewegt sich im Spannungsfeld zwischen solchen Mega- und Gegentrends – hier: Freiheit und Sicherheit. Hat man von einem zu viel, hat man von dem anderen zu wenig. Für die Sicherheit stehen hier Begriffe wie „Alterssiedlung“ und „Barrierefreies Wohnen“. Die Freiheit wird durch Forderungen nach „Selbstbestimmung“ und „Zu Hause altern“ definiert. Diese Forderungen der Freiheit können nur erfüllt werden, wenn die älteren Wohnenden auch sicher Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen Blick in die Welt 27 27 sind. Allerdings schränkt eine übertriebene Sicherheit die ersehnte Freiheit ein. Das zukünftige Wohnen im Alter wird davon abhängen, welche neuen Mischformen von Freiheit und Sicherheit die einflussreiche Babyboomer-Generation der heute 50- bis 65-Jährigen finden wird. Gelungene Mischformen finden sich auch in anderen Bereichen, beispielsweise im Auto. Ohne fremde Hilfe an jeden Ort fahren zu können vermittelt ein Gefühl von Freiheit. Dennoch spielt die Sicherheit im Diskurs ums Auto in den vergangenen zwanzig Jahren die grösste Rolle. Lange bevor verstopfte Autobahnen oder die Klimaveränderung der „Faszination Auto“ Grenzen aufzeigten, waren es Sicherheitsmassnahmen, die der durch das Auto verkörperten Freiheit Einhalt geboten: Sicherheitsgurte, ABS, ESP. Anders als Sicherheitsgurte, die anfangs als einschränkend wahrgenommen wurden, haben Airbags die Sicherheit gewährleistet. Man kann sich durch sie sogar noch freier, weil unbeschwert sicherer fühlen. Wir suchen also nach Entwicklungen beim Wohnen, die in die gleiche Richtung weisen wie Airbags im Auto: älter werdende Menschen vor den Gefahren des Alltags schützen, ohne ihre Freiheitsliebe und Selbstbestimmung einzuschränken. Um der Individualität der Babyboomer gerecht zu werden, stellen wir im Folgenden anhand von drei Beispielen Menschen und ihre Wohnbedürfnisse für das dritte Lebensalter vor. Aus ihnen ergeben sich einige zukünftige „Airbag-Konzepte“ für das Wohnen im Alter. Den Porträts möchten wir jedoch zwei eigene Einschätzungen voranstellen: Erstens werden die Babyboomer anders altern als ihre Eltern. Sie haben zeitlebens gegen Konventionen Widerstand geleistet und sind für individuelle Persönlichkeitsrechte eingetreten. Diese Haltung haben sie auch gegenüber dem Altern, das dadurch komplexer und individueller wird. Zweitens definiert sich Wohnen immer in einer Di- alektik zu anderen Lebensbereichen. Veränderungen anderer Lebensbereiche im Alter – Beruf, Freizeit, Familie etc. – beeinflussen auch das Wohnen. Therese (63) und Urs (65) Hochstrasser wohnen in Dättwil, das zur Gemeinde Baden AG gehört. Seit Kurzem arbeiten beide nicht mehr. Zuvor hatte Therese wenig Gelegenheit, ihre Freizeit wirklich zu geniessen. Kinder, Beruf und Haushalt hinderten sie daran. Heute sitzt sie bei schönem Wetter auf der Terrasse und liest. Sie geniesst den Blick ins Grüne und hat gerne „ihre Ruhe“. Ganz anders Urs: über ihn sagt seine Frau, er könne nicht lange stillsitzen oder viele Stunden am Stück in der gemeinsamen Wohnung verbringen. Er selber stimmt dem zu. Zwar war es Urs, der während seiner Zeit als Offsetdrucker die ruhige Lage der Wohnung am meisten schätzte; seit er aber nicht mehr arbeitet, ist er täglich draussen aktiv, spielt regelmässig Golf oder trifft sich mit Freunden für Velotouren. So- Age Dossier 2012 28 Die Zukunft des Wohnens im Alter Zwischen Freiheit und Sicherheit schon jeden Tag nur Lift fährt, kann man mit 88 auch keine Treppen mehr steigen.“ Deshalb hat Urs ganz konkrete Vorschläge für die Planung von Alterswohnungen: das Treppensteigen sollte schön und interessant gestaltet sein, damit die Bewohner es gerne und immer wieder machen. Urs selber findet immer einen Grund, um sich zu bewegen. So vergisst er manchmal „extra“ ein paar Artikel, die er einkaufen sollte und geht, sobald zu Hause angekommen, gleich nochmals los in den Supermarkt. Auch für Gisela Heidenreich aus Thalwil spielt die Nähe zu Einkaufmöglichkeiten eine grosse Rolle. Von ihrem Balkon blickt man hinunter auf die Migros. Sie kann nicht verstehen, warum Alterswohnungen und -heime immer noch häufig am Stadtrand oder in leeren Parks gebaut werden. Für sie ist es wichtig, dort zu wohnen, wo sich etwas tut. „Für mich ist zentral, zentral zu wohnen.“ Das zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Wohngeschichte. Gisela Heidenreich wurde 1940 in Berlin geboren, wo sie mit ihrer Familie in einer engen Stadtwohnung aufwuchs. Seither hat sie ein grosses Bedürfnis nach den eigenen vier Wänden, die sie nicht mit anderen teilen muss. Seit Gisela Heidenreich nach ihrer Lehre aus der WG auszog, wohnt sie alleine, seit fünfzig Jahren im Kanton Zürich und immer mittendrin. Sie geniesst es, dass ihre Wohnung im Zentrum der Stadt für Bekannte und Freunde eine Anlaufstelle ist. Sie bekommt viel Besuch und fühlt sich trotz ihres Single-Daseins keineswegs einsam. Früher musste Frau Heidenreich mit Freunden Termine ausmachen. Heute kommen viele unangemeldet und spontan nach dem Einkaufen in der Stadt auf einen Kaffee vorbei. Sie hofft, dass das auch noch lange so bleibt. Über ihre Wohnsituation im hohen Alter macht Frau Heidenreich sich wenig Gedanken. Sie möchte noch eine Weile in ihrer Wohnung bleiben. Wenn sie die Hausarbeit nicht mehr alleine erledigen könne, würde sie wohl er als auch seine Frau Therese lieben es, das zu tun, wozu sie Lust haben. Anders als früher sind sie heute in ihren Entscheidungen unabhängiger. Sie freuen sich, wenn sie spontan eine Woche wegfahren oder ein Wochenende wandern gehen können. Beide schätzen ihr gesellschaftliches Leben und sind auch aufgrund ihres Bekanntenkreises stets in Baden wohnhaft geblieben. In eine Alters-WG, wo ihr Alltag von anderen mitbestimmt wäre, möchten sie keinesfalls ziehen. Therese und Urs möchten so lange wie möglich in ihrer jetzigen Wohnung im dritten Stock bleiben. Das Haus hat keinen Lift, daher müssen sie täglich Treppen steigen. Sie bezeichnen dies als ihr persönliches Fitnesstraining: „Wenn man täglich Treppen steigt, kann man es auch mit 88 noch. Wenn man aber jetzt Wohnen im Alter | gestern – heute – morgen Bildstrecke von Aleksandra Kratki und Christophe Geel Das beste Lebensalter beginnt 28 Gestiegene Lebenserwartung, längere Gesundheit und höherer Wohlstand. Die späte Lebensphase bietet im 21. Jahrhundert mehr Perspektive denn je. Entsprechend viele Darstellungen des Alters sind am Wunschbild des gesunden und finanziell gesicherten Renten­ alters orientiert. Ein Idealbild? Sicher – aber glücklicherweise oftmals Realität. 29 sich Hilfe suchen. Falls sie einmal wirkliche Altenpflege benötigt, möchte Frau Heidenreich einen autonomen Bereich behalten, um mit einer Freundin Kaffee kochen und trinken zu können. Dass sie auch im hohen Alter Freunde haben wird, bezweifelt sie nicht. „Ich bin ziemlich out­ oing. Sicher g werde ich auch im Altersheim drei Menschen treffen, mit denen ich quatschen kann.“ Auch Lily (59) und Hansjörg Nussbaum (63) aus Ennetbaden AG – beide im frühen Pensionsalter – nehmen aktiv am gesellschaftlichen Leben teil. Dennoch haben sie an ihrer Wohnsituation Veränderungen vorgenommen, um für die Zukunft gewappnet zu sein. Ihre erste Wohnung war für das Leben als Paar mit einem Kind mitten im Ort ausgelegt, später zogen sie in ein grosses Haus für eine Familie mit zwei Kindern. Nun wohnen sie in einem kleineren Haus, wo sie, so lange es geht, bleiben möchten. Deshalb liegen die Räume auf einer Ebene und sind stufen- und barrierefrei eingerichtet. Momentan freut es das Ehepaar, ungebunden zu sein und ihre Freunde bei sich zu empfangen. Sie gehen gerne aus und unternehmen Ausflüge. Sollte dies einmal nicht mehr so einfach sein, möchten sie sich in ihrer Wohnung trotzdem wohlfühlen. Sie sehen keinen Grund, ihr individuell ausgestaltetes Leben in einen nicht individuellen Raum zu verlagern. Das Wohnen im Alter wird wie bereits viele andere Bereiche des Lebens in nächster Zeit stärker individualisiert werden. Unsere drei Porträts zeigen, dass jeder Babyboomer versuchen wird, die eigenen Bedürfnisse nach Sicherheit und Freiheit miteinander abzuwägen und entsprechende persönliche Wohnformen zu finden. Die eigene Wohnung wird quasi zur Verkörperung der persönlichen Freiheit und darum mit dem Alter immer wichtiger. Alle Gesprächspartner geniessen die neue Unabhängigkeit des frühen Rentenalters und stellen den Megatrend „Freiheit” klar in den Vordergrund. Sie tragen aber dem Gegentrend „Sicherheit“ für spätere Jahre durchaus Rechnung. Deshalb haben unsere Babyboomer im dritten Lebensalter ihren Lebensstil mit „Airbags“ ausgestattet. Doch im Unterschied zum Auto ist ihr Airbag fürs Alter kein standardisiertes Massenprodukt. Auch die Sicherheit im Alter wird individuell, darum entwickelten unsere Pro­ tagonisten ganz unterschiedliche Konzepte: Während das Ehepaar Nussbaum seinen Wohnraum verkleinert und barrierefrei gestaltet hat, verfolgen Therese und Urs Hochstrasser eine gegenläufige Strategie: Sie setzen auf Prävention: Mit Treppensteigen und Sport beugen sie dem Nachlassen der Körperkraft vor. Anderer Art ist der Airbag von Gisela Heidenreich: Er bietet soziale Sicherheit. Die Single-Frau hat ihre Wohnung zu einem gesellschaftlichen Treffpunkt gemacht. Ihre Strategie des offenen Hauses gibt ihr die Sicherheit, auch mit Einschränkungen in der eigenen Wohnung zu leben, ohne der Isolation anheim zu fallen. Die Age-Wohn-Matrix Wohnvielfalt stärken, Begriffsvielfalt bändigen von Antonia Jann 30 Die Wohnmöglichkeiten, die älter werdenden Menschen heute angeboten werden, sind vielfältig – die Orientierung in der Topographie der facettenreichen Wohnlandschaft ist dagegen schwierig. Den Bezeichnungen für Wohnformen fehlt jedoch Verbindlichkeit – insbesondere, wenn keine gesetzlichen Regelungen eine Wohnform definieren. Je nach professioneller oder geographischer Herkunft beschreibt derselbe Begriff unterschiedliche Inhalte. Ein einheitlicher Sprachgebrauch wird sich kaum durchsetzen, denn im Querschnittthema „Wohnen im Alter“ besitzt keiner die Definitionsmacht. Eine gemeinsame Grundlage Dennoch – die Age Stiftung ist überzeugt: Eine fruchtbare Auseinandersetzung mit „Wohnen im Alter“ ist interdisziplinär und braucht eine vom beruflichen Umfeld unabhängige Begriffsgrundlage. Deshalb wurde die Age-Wohn-Matrix entwickelt. Sie löst sich von schillernden Begriffen und bildet ein Bezugssystem, dem zwei zentrale Bedürfnisse zugrunde liegen: das Bedürfnis nach Sicherheit und das nach Autonomie. Beide sind im Alterungsprozess starken Veränderungen unterworfen und für die Gestaltung der Wohnsituation bestimmend. Bedürfnis Autonomie Der Mensch will sein Leben autonom führen und seine Wohnsituation selbstständig gestalten. Greifen Dritte ein, sinkt die Autonomie. Sobald eine kollektive Wohnkultur konzeptionell verankert wird, wird der individuelle Gestaltungsfreiraum begrenzt – je nach Wohntypus mehr oder weniger stark. Bedürfnis Sicherheit Sicherheit bezieht sich nicht allein auf die körperliche oder materielle Versorgung, sondern auch darauf, sozial eingebunden zu sein. Sicherheit definiert sich also durch die Möglichkeit, bei Bedarf Zugriff auf Ansprechpartner oder Unterstützung zu haben, bspw. durch soziale, hauswirtschaftliche oder pflegerische Angebote. Matrix-Felder Die unterschiedlichen Ausprägungen der beiden Grundbedürfnisse definieren die Ma- trix-Felder, in welchen die Wohnformen positioniert werden. Die Achse Wohntypus (Autonomie) wird in der Matrix in drei Kategorien unterteilt, die Achse Versorgung (Sicherheit) in vier. Mit Hilfe der Age-WohnMatrix kann plakativ aufgezeigt werden, in welchen Feldern ein Wohn- oder Dienstleistungsangebot zu verorten ist. Die verschiedenen Aspekte werden dabei nach Ausprägungsstärke differenziert, wobei der Hauptaspekt stets eine „starke Ausprägung” aufweist. Anwendungen der Wohn-Matrix Durch die Positionierung in der Matrix entsteht mehr Klarheit und Vergleichbarkeit für Kunden, Anbieter und Politik. Kunden können ihre Bedürfnisse im Feld der Angebote verorten und abgleichen. Anbieter können ihre Wohnangebote beschreiben und positionieren. Beispiele finden Sie auf den folgenden Seiten. Politiker und Behörden können mittels Matrix mit einer systematischen Analyse der Angebote auf Überkapazitäten und blinde Flecken aufmerksam werden (siehe Seite 34 „Raster für Planungsfragen“). Die Age-Wohn-Matrix Wohntypus (Autonomie) Die Wohntypen unterscheiden sich durch den Autonomiegrad. Je prägender das Betriebskonzept der Wohnform, um so eher wird die autonome Gestaltungsfreiheit beeinflusst: Kategorie Privat Das „normale“, „unorganisierte“ Wohnen. Wohnungen auf dem freien Wohnungsmarkt. Kategorie Organisiert Organisiertes Wohnen orientiert sich konzeptionell explizit (nicht immer exklusiv) an älteren Menschen. Kategorie Institutionell Institutionelle Wohnformen haben Pensions- oder Heimverträge und garantieren ihren Bewohnern bei Bedarf umfassende Pflege. 31 Pflege Versorgung (Sicherheit) Betreuung Soziale Einbindung Nur Wohnung Privat Organisiert Institutionell Wohntypus (Autonomie) © A. Jann Das Basismodell Versorgung (Sicherheit) Mit dem Älterwerden steigt das Bedürfnis nach körperlicher und sozialer Sicherheit und es wird schwieriger, diese selbstständig herzustellen. Man braucht formelle oder informelle Versorgungsstrukturen: Kategorie Nur Wohnung Wohnungen, die ohne integrale Elemente sozialer Einbindung oder Betreuung genutzt werden können. Kategorie Soziale Einbindung Wohnformen, die informelle und organisierte soziale Kontaktstrukturen explizit fördern, bspw. durch Architektur, Quartierplanung oder Verwaltungsorganisation. Kategorie Betreuung Wohnformen, die (nicht pflegerische) formelle oder informelle Unterstützungsleistungen konzeptuell einschliessen und Ansprechpersonen anbieten. Kategorie Pflege Wohnformen, die eine umfassende medizinische Pflege anbieten. Die Age-Wohn-Matrix dient der Darstellung von Wohnangeboten, -projekten und -modellen. Sie ist kein präzises Messinstrument für die Analyse von Wohnprojekten. Die Age-Wohn-Matrix Wohnvielfalt stärken, Begriffsvielfalt bändigen Beispiele von Projekten Beispiel 1 Angehörigenprojekt Alterszentrum Wengistein, Solothurn Beschreibung: Zur Steigerung der Lebensqualität der Bewohnerschaft werden Angehörige in das Alters- und Pflegeheim integriert: Das Personal ist im Umgang mit Angehörigen geschult. Spezielle Kommunikations- und Beratungsstrukturen für Angehörige wurden entwickelt. Ein Angehörigenrat wurde aufgebaut. Für Angehörige gibt es ein Hotelzimmer. [a] Angehörigenprojekt Alterszentrum Wengistein, Solothurn Pflege Betreuung [a] Soziale Einbindung [b] Nur Wohnung 32 Privat Organisiert Institutionell Wohntypus (Autonomie) Stark Weniger stark Kommentar: Das AZW gehört zum institutionellen Wohntypus, mit Schwerpunkten auf Betreuung und Pflege [a]. Aussergewöhnlich ist der Fokus auf soziale Einbindung. Der Heimeintritt führt oft zur Schwächung sozialer Kontakte. Im AZW bleiben die Bezugspersonen auch in der Institution in den Alltag der Bewohnerinnen integriert, was die soziale Einbindung stärkt [b]. Versorgung (Sicherheit) Hausgemeinschaft Bodan 44+, Kreuzlingen Pflege Versorgung (Sicherheit) Betreuung [c] Soziale Einbindung [a] und gemeinschaftlich genutzten Zonen im Innen- und Aussenraum. Älterwerden ohne bauliche Mobilitätseinschränkung ist das Ziel. Nachbarschaftliches Zusammenleben ist im Leitbild verankert. Das Projekt wurde als Stockwerkeigentümerschaft realisiert. Kommentar: „organisiertes Wohnen” ist auch mit Wohneigentum möglich. Das Konzept ist auf die nachfamiliäre Phase und das Alter ausgerichtet. Soziale Einbindung wird mit gemeinschaftlichen Zonen gewährleistet und enthält Potenzial für temporäre niederschwellige Hilfeleistungen [a]. Im individuellen Wohnraum legt man Wert auf Privatsphäre [b]. Zukünftigem Betreuungsbedarf wird durch das Gästezimmer Rechnung getragen, das von einer Betreuungsperson bezogen werden könnte [c]. Nur Wohnung [b] Privat Organisiert Institutionell Wohntypus (Autonomie) Stark Weniger stark Beispiel 2 Hausgemeinschaft Bodan 44+, Kreuzlingen Beschreibung: Kooperativ organisierte Hausgemeinschaft mit 9 hindernisfreien Eigentumswohnungen, einem Gästezimmer Beispiel 3 Genossenschaft „Im Zelgli“ Beschreibung: Ein Wohnangebot mit hindernisfreien Wohnungen unterschiedlicher Grösse für ältere Menschen. In die Siedlung integriert sind eine Kindertagesstätte (Kita), eine Arztpraxis, ein Gemeinschaftsraum und eine Pflegewohngruppe (PWG). Sie betreut den Notruf der Wohnungen und fängt pflegeintensive Situationen der Mieter kurzzeitig auf. Ein Wechsel von der Wohnung in die PWG ist möglich. Genossenschaft „Im Zelgli“, Madiswil Pflege [d] [a] Betreuung [c] Soziale Einbindung [e] Nur Wohnung [b] Privat Organisiert Institutionell Wohntypus (Autonomie) Stark Weniger stark Kommentar: „Im Zelgli“ deckt zwei Wohntypen ab – organisiertes und institutionelles Wohnen. In der PWG ist die Versorgung umfassend [a]. In den Alterswohnungen gehört nur die Miete der hindernisfreien Wohnung zum fixen Angebot [b]. Andere Betreuungsangebote werden bei Bedarf bezogen [c]. Temporäre Pflegesituationen übernimmt die PWG [d]. Die integrierte Kita und die gemeinschaftlichen Zonen stärken die soziale Einbindung [e]. Versorgung (Sicherheit) 33 Service-Wohnen Mobil, Zürich Pflege Versorgung (Sicherheit) Betreuung [a] tische und soziale Unterstützungsleistungen (regelmässige technische Hilfestellungen, Begleitungen, Organisatorisches etc.) durch bezahlte Laienmitarbeitende. Kommentar: Eine quartierplanerische Initiative im Bereich des privaten Wohnens: Organisierte Nachbarschaftshilfe schafft Zugang zu niederschwelligen Betreuungsleistungen [a] und erleichtert soziale Einbindung [b]. Das erhöht die Sicherheit der autonomen Wohnsituation. Das Angebot wird – wie im privaten Wohnen üblich – eigenverantwortlich angefordert und ist nicht an bestimmte Wohnraum­ anbieter gebunden, sondern steht den Quartierbewohnern zur Verfügung. Soziale Einbindung [b] Nur Wohnung Privat Organisiert Institutionell Wohntypus (Autonomie) Stark Weniger stark Beispiel 4 Service-Wohnen Mobil im Quartier Seefeld in Zürich Beschreibung: Ein Unterstützungsangebot für ältere, zu Hause lebende Menschen: prak- Die Age-Wohn-Matrix Wohnvielfalt stärken, Begriffsvielfalt bändigen Raster für Planungsfragen Pflege 4 8 11 Versorgung (Sicherheit) Betreuung 3 7 10 Soziale Einbindung 2 6 9 34 Nur Wohnung 1 Privat 5 Organisiert Institutionell Wohntypus (Autonomie) Raster für Planungsfragen Die Age-Wohn-Matrix kann den Planungsverantwortlichen zur Systematisierung von relevanten Fragestellungen dienen. Mit Hilfe der Systematik der Wohn-Matrix kann das Angebot in einer Gemeinde grob erfasst werden und es können allfällige Lücken im Angebot festgestellt werden. Beispiele von möglichen Themenbereichen, die aus der Betrachtung einzelner Matrixfelder hervorgehen können: Im Bereich privates Wohnen 1. Wie viele Wohnungen auf Gemeindegebiet sind barrierefrei zugänglich? 2. Gibt es niederschwellige Begegnungs- und Freizeitangebote im Wohnumfeld? 3. Gibt es in einer Gemeinde (einem Quartier) eine Vertrauensperson, von der man weiss, dass sie bei Bedarf hilft, individuelle Unterstützung und Dienstleistungen zu organisieren? 4. Werden im Dienstleistungsbereich der Spitex-Organisation die Wohnsituationen mit intensiver Angehörigenpflege systematisch erfasst? Gibt es Angebote für pflegende Angehörige auf ehrenamtlicher oder professioneller Basis? Entsprechen sie der Nachfrage? Im Bereich organisiertes Wohnen 5. An welchem Kundensegment sind die bestehenden organisierten Wohnangebote in der Gemeinde orientiert (hoher Standard, tiefer Standard)? 6. Werden vorhandene Gemeinschaftsräumlichkeiten sinnvoll genutzt? Gibt es eine Person in der Verwaltung, die den nachbarschaftlichen Austausch fördert und unterstützt? 7. Welche Dienstleistungen stehen den Bewohnern einer Alterssiedlung zur Verfügung? Werden die Kosten mit einer Pauschale erhoben oder können die Leistungen nach Bedarf bezogen werden? 8. Wieweit kann durch die räumliche Nähe zur Spitex oder zum Heim eine gewisse Pflege in der Wohnung gewährleistet werden? Im Bereich institutionelles Wohnen 9. Wie kann sich das Heim nach aussen öffnen, so dass mehr vom „normalen Alltag” im Heimalltag spürbar wird? 10. Wie viele Altersheimplätze gibt/braucht es in der Gemeinde? Welches sind die potenziellen Kunden? 11. Wie viele Pflegebetten benötigt die Gemeinde in 5 bis 10 Jahren? Wie geht man mit der Gruppe der Demenzkranken um (integratives Modell, separate Abteilungen)? Projekte finden im Internet In den vergangenen zehn Jahren hat die Age Stiftung über 150 Projekte gefördert. Sie sind auf der Website unter dem Menüpunkt „geförderte Projekte“ aufgelistet und beschrieben. Neu: Matrix-Suche Neu wird allen Projekten eine grafische Darstellung in der Matrix zugeordnet. Das Bild zeigt auf, welche Eigenschaften ein Projekt ausmachen. Bereiche, die in einem Projekt zentral sind, erhalten in der Matrix eine starke Ausprägung. Bereiche, die nur am Rand behandelt werden, haben entsprechend eine schwache Ausprägung. Bereiche, die mit einem Projekt gar nicht intentional behandelt werden, haben in diesem Feld gar keine Ausprägung. Mit den entstehenden Grafiken kann grob festgestellt werden, welche Organisationsform ein Projekt aufweist und welche Stufe von Sicherheit das Wohnangebot für ältere Menschen anbietet. Häufig weisen in einem Projekt verschiedene Felder eine starke Ausprägung auf. Wenn beispielsweise eine Alterssiedlung Betreuung anbietet und gleichzeitig eine umfassende Pflege unterstützt, sind sowohl die Felder Betreuung wie auch Pflege stark ausgeprägt (siehe Beispiele von Seite 32/33). Um systematisch nach Projekten suchen zu können, die in bestimmten Feldern eine starke Ausprägung haben, wurde die Matrix-Suche eingerichtet. Mit einem Klick auf das Feld erscheinen alle Projekte, die hier eine starke Ausprägung haben. So lassen sich rasch Projekte finden, die beispielsweise die Betreuung im organisierten Wohnen fokussieren, oder Projekte, in denen umfassende Pflege angeboten wird. Da bei den meisten Projekten nicht nur ein Feld stark ausgeprägt ist, kann man mit der Matrix-Suche auch nach Ausprägungen in mehreren Feldern suchen. Es lassen sich so Projekte finden, die sowohl eine Betreuung im organisierten Wohnen anbieten als auch bei Bedarf umfassende Pflege leisten. Weitere Suchfunktionen Die Matrix-Suche ist nicht die einzige Suchfunktion, mit der gezielt nach Projekten gesucht werden kann. Auf der Website der Age Stiftung kann man unter dem Menüpunkt „geförderte Projekte“ Registerkarten mit verschiedenen Suchfunktionen finden. Neben der Möglichkeit für eine einfache Suche gibt es die erweiterte Suche, bei der gezielt nach Wohnform, Bewilligungsjahr, Kanton, Bauart und thematischer Spezialisierung gesucht werden kann. Eine weitere Registerkarte ermöglicht die Volltextsuche – sie sucht Begriffe, die im beschreibenden Text zu einem Projekt vorkommen. Schliesslich können die Projekte auch mittels einer Karte geografisch geortet und gesucht werden. 35 Die Age Stiftung 10 Jahre engagiert für gutes Wohnen im Alter Den demografischen Wandel aktiv mitgestalten Die Age Stiftung geht auf die Initiative einer Privatperson zurück, die ihr Vermögen testamentarisch in die Age Stiftung investiert hatte. Seit 2002 fördert die Stiftung gutes Wohnen im Alter in der deutschsprachigen Schweiz. Dafür stehen ihr unterschiedliche Instrumente zur Verfügung: • Die Age Stiftung veröffentlicht alle fünf Jahre ein Standardwerk zum Wohnen im Alter in der Schweiz • Die Age Stiftung vergibt alle zwei Jahre den Age Award – den Innovationspreis zum Wohnen im Alter. 36 • Die Age Stiftung spricht Förderbeiträge an Gesuchsteller. In den letzten 10 Jahren unterstützte sie rund 150 Projekte. • Die Age Stiftung sieht sich als Wissensplattform, auf der die geförderten Projekte als Anschauungsbeispiele dienen. 29 Millionen für gute Beispiele Die zentrale Aktivität der Age Stiftung ist das Vergeben von Förderbeiträgen an Projekte, die inspirierende Ansätze aufweisen und aufzeigen, wie sich das Wohnen entwickeln könnte in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen immer älter werden, in der die nachberufliche Zeit zu einer vielfäl- tigen Lebensphase wird und in der eine umfassende Pflegebedürftigkeit durch medizinischen Fortschritt hinausgezögert werden kann. Beim Finden von inspirierenden Beispielen ist die Stiftung auf das Feld angewiesen, das Projekte entwickelt, die weiterführende Aspekte enthalten. Die nachfolgende Tabelle zeigt auf, dass in den ersten zehn Jahren der Stiftungstätigkeit 148 Projekte mit einem Totalbetrag von 29,1 Mio. bewilligt werden konnten. Da die Projekte als gute Beispiele für andere Projektträger dienen sollen, sind sie auf der Website beschrieben und werden mit illustrativen Materialien dokumentiert. Aktivitäten der letzten 10 Jahre 2002 Erstanfrage Förderbeiträge Anzahl Gesuche Förderbeiträge Anzahl bewilligter Förderbeiträge und Age Projekte Summe bewilligter Förderbeiträge inkl. Age Projekten in Mio. Franken 21 2003 62 2004 73 2005 92 2006 211 2007 101 2008 109 2009 131 2010 129 2011 87 Total 1016 8 25 24 23 44 34 37 43 42 42 322 4 10 14 13 19 14 16 18 24 16 148 0,9 1,5 3,2 2,6 3,2 3,8 3 4 3,7 3,2 29,1 Neben dem Inhalt der Projekte spielt auch deren geografische Verteilung eine Rolle. Die Age Stiftung bemüht sich darum, sämtliche Regionen in der deutschsprachigen Schweiz zu berücksichtigen. Wie die nachfolgende Abbildung zeigt, kamen eine Vielzahl der innovativen Projekte aus der Region 2. Der Age Stiftung ist es ein Anliegen, neuartigen Projekten zur Realisierung zu verhelfen und weiterführende Ideen sichtbar zu machen. Da es sich dabei häufig um Bauvorhaben handelt, sind auch die zugesprochenen Summen nicht kleine Zuschüsse, sondern substantielle Beiträge, die sich mehrheitlich zwischen 100  000 und 400  000 Franken bewegen. Sämtliche Projekte werden über ihre ganze Entstehungsdauer begleitet. Zuschusssummen Geografische Verteilung 2 531 670 4 389 000 7 723 070 3 164 300 10 475 000 6 000 000 10 080 000 13 891 300 Region 1 BS/BL/BE/FR/VS Region 2 AG/SO/ZH/SH Region 3 LU/SZ/NW/OW/UR/ZG Region 4 GL/GR/SG/TG/AI/AR bis 20 000 20  001 bis 100 000 100 001 bis 250  000 250 001 bis 400  000 ab 400 000 37 Inhaltsausrichtung 12 000 000 10 000 000 8 000 000 6 000 000 4 000 000 2 000 000 Neben der geografischen Verteilung ist auch die inhaltliche Breite ein Anliegen bei der Projektauswahl. Es ist ein erklärtes Ziel der Age Stiftung, die Breite der Wohnmöglichkeiten zu fördern. Die untenstehende Abbildung zeigt auf, in welchen thematischen Bereichen sich die Förderungen bewegen. Einzelne Förderprojekte können oftmals mehreren Themenbereichen zugeordnet werden. Für die Zukunft: Kontinuität und Weiterentwicklung Auch in den kommenden Jahre wird sich die Age Stiftung bemühen, den gesellschaftlichen Bedarf im Themenbereich Wohnen im Alter zu erkennen und darauf so gut wie möglich zu reagieren. Auch in Zukunft wird sich die Stiftung bemühen, Impulse zu liefern, die dazu beitragen, für die grossen Unterschiede beim Älterwerden passende Wohnmöglichkeiten anzubieten. Demenz/Demenzpflege Technologie/AAL/Homecare Tages-/Ferienaufenthalte/Entlastungs-/Übergangspflege Dienstleistungsmodelle/Betriebsmodelle Sozialraumgestaltung/Netzwerkmodelle Führungs- und Planungsinstrumente Ambulante/Pflegeeinsätze Angheörige Spezifische Einschränkungen (physisch/psychisch) Vernetzung/Koordination/Soziales/Kontakte Forschungsprojekte Betreuungskonzepte/Therapien Bildnachweis 38 Umschlagbild: Sylvia Geel, „Die schwerelose Alterswohnung”; © Age Stiftung. Seite 4 (Abb. 1): „Alte Darstellung des bäuerlichen Lebens”, um 1470, aus dem niederrheinischen Blockbuch „Wirkung der Planeten”, Inventar-Nr.: Cim. 10, folio 22v, kolorierter Holzschnitt, Berlin, Kupferstichkabinett Berlin; © bpk/Kupferstichkabinett, SMB / Volker-H. Schneider. Seite 4 (Abb. 2): Ludwig Richter, „Der erste Schnee”, 1803, Vorzeichnung für den Holzschnitt in der Sammlung „Für‘s Haus”, 14,3x16,7 cm, Berlin, Kupferstichkabinett; © bpk/Kupferstichkabinett, SMB / Jörg P. Anders. Seite 5 (Abb. 3): Ferdinand Georg Waldmüller, „Die Gratulation (Großvaters Geburtstag)”, 1845, Öl auf Holz, 76x56 cm, Wien Museum; © IMAGNO/Wien Museum. Seite 6 (Abb. 4): Gabriel Metsu, „Das Bohnenfest”, um 1650–1655, Öl auf Leinwand, 80,9x97,9 cm, München, Bayerische Staatsgemäldesammlung – Alte Pinakothek; © bpk/Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Seite 7 (Abb. 5): Günter Brendel, „Familie am Tisch”, 1965, Öl auf Karton, 54x77,5 cm, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin; © bpk/Nationalgalerie, SMB/Andres Kilger. Seite 8 (Abb. 6): Anonym, „Der liebevolle Grossvater”, um 1865, Lithografie, Standort unbekannt; © bpk. Seite 8 (Abb. 7): Bartolomé Esteban Murillo, „Häusliche Toilette”, um 1655–1660, 147,4x113 cm, München, Bayerische Staatsgemäldesammlung – Alte Pinakothek; © bpk/Bayerische Staatsgemäldesammlungen. Seite 9 (Abb. 8): Hans Thoma, „Mutter und Schwester des Künstlers”,1868, Öl auf Leinwand, doubliert, um 65,4x81,2 cm, Essen, Museum Folkwang; © bpk/Essen, Museum Folkwang/Lutz Braun. Seite 10 (Abb. 9): Fritz Mackensen, „Spinnende Alte (Alte Wollspinnerin)”, 1891, Öl auf Leinwand, 73x54 cm, Worpswede, Sammlung Bernhard Kaufmann; © ProLitteris/Museum am Modersohn-Haus-Sammlung Bernhard Kaufmann. Seite 10 (Abb. 10): „Alter Mann bei der Arbeit mit dem Hammer”; © Pro Senectute Schweiz. Seite 11 (Abb. 11): „Alte Frau mit Pfeife und Kind”; © Pro Senectute Schweiz. Seite 12 (Abb. 12): Kurt Blum: „AHV-Auszahlung durch Geldbriefträger”, AHV-Reportage 1956; © Bern, Museum für Kommunikation. Seite 13 (Abb. 13): Ferdinand Hodler: „Blick in die Ewigkeit”, um 1885, Öl auf Leinwand, 246x168 cm, Bern, Kunstmuseum Bern, Geschenk des Künstlers, Inv. Nr. G 0948; © Kunstmuseum Bern, Schweiz. Seite 14 (Abb. 14): Arnold Böcklin: „In der Gartenlaube”, 1891, Tempera auf Holz, 99x75 cm, Zürich, Kunsthaus Zürich; © Kunsthaus Zürich. Seite 15 (Abb. 15): „Eine Beziehung einst und jetzt – aus einer alten Liebe wird immer eine liebe Alte”, Postkarte; © Stiftung Universität Hildesheim. Seite 16 (Abb.16): Hermann Freytag: „Mann und Frau im Wohnzimmer“, 1951–1960; © Schweiz. Sozialarchiv: Sozarch_F_Fc-0011-16. Seite 17 (Abb. 17): Ursula Meisser: „Vom Gefühl, nicht am richtigen Ort zu sein”, Sursee 2005; © Age Stiftung. Seite 18 (Abb. 18): Gotthard Kuehl: „Altmännerhaus in Lübeck”, 1896, Öl auf Leinwand, 123x101 cm, Nationalgalerie, Staatliche Museen zu Berlin; © bpk/Nationalgalerie, SMB/Jörg P. Anders. Seite 18–19 (Abb. 19): „Altersheim”; © Pro Senectute Schweiz. Seite 20 (Abb. 20): John Bluck: „Speisesaal im Londoner Chelsea Hospital, einem Altersheim für verdiente Berufssoldaten”, nach 1810, Aquatinta, koloriert, nach einer Zeichnung von August Pugin und Thomas Rowlandson aus: „The Microcosm of London” 1810, Berlin, Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin; © bpk/Kunstbibliothek, SMB/Knud Petersen. Seite 21 (Abb. 21): Paula Modersohn-Becker: „Alte Armenhäuslerin mit Glaskugel und Mohnblumen”, 1907, Öltempera auf Leinwand, 96,3x80,2 cm, Kunstsammlungen Böttcherstrasse, Paula Modersohn-Becker Museum, Bremen. Seite 22 (Abb. 22): Honoré Daumier: „Die Schachspieler”, um 1860, Öl auf Holz, 24,8x32 cm, Paris, Museé du Petit Palais; © akg-images. Seite 23 (Abb. 23): „Frauen beim Boules-Spiel”; © Pro Senectute Schweiz. Seite 24 (Abb. 24): Baron Charles de Steuben, „Napoléon I. auf dem Totenbett in St. Helena, 5. Mai 1821”, um 1828, Öl auf Leinwand, 45,7x37,5 cm, Île d’Aix, Musées de l’île d’Aix; © bpk/RMN - Grand Palais/Gérard Blot. Seite 25 (Abb. 25): Ursula Meisser: „An der frischen Luft – trotz allem”, Niederwil 2009; © Age Stiftung. Seite 26 (Abb. 26): Bartholomeus van der Helst: „Alte Frau am Fenster”, um 1660, Öl auf Leinwand, 99x85 cm, Maximilian Speck von Sternburg Stiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig; © bpk/Museum der bildenden Künste, Leipzig/Ursula Gerstenberger. Seite 27 (Abb. 27): „Paar im Park”, 1973; © Pro Senectute Schweiz. Seite 28–29, (Abb. 28): Ursula Meisser: „Online”, Allschwil 2011; © Age Stiftung. Impressum Age Dossier 2012 Wohnen im Alter: gestern – heute – morgen Mitarbeit an diesem Dossier Hans Peter Farner, Age Stiftung; François Höpflinger, Universität Zürich; Judith Giovannelli-Blocher, Autorin; Karin Frick und Frerk Froböse, GDI; Antonia Jann, Age Stiftung; Marcel Schneeberger, anamorph.ch; Karin Weiss, Age Stiftung; Maya Mathies, Age Stiftung; Andrea Schaufel, Lektorin Redaktion: Andreas Sidler, Age Stiftung; Illustra­ tion Umschlag: Sylvia Geel; Bildstrecke mit Kommentaren: Aleksandra Kratki und Christophe Geel, tableau vivant; Gestaltung: medialink, Zürich; Druck: ztPrint, Zofingen Stiftungsrat der Age Stiftung: Hans Peter Farner, Präsident; Benjamin Vetterli, Alfred Grieder Das Age Dossier erscheint jährlich und kann bei der Age Stiftung kostenlos bezogen werden. Diese Broschüre steht auch als PDF zum Download zur Verfügung. Das Age Dossier und viele weitere Publikationen finden Sie unter: www.age-stiftung.ch Age Stiftung Kirchgasse 42, 8001 Zürich Telefon 044 455 70 60 info@age-stiftung.ch www.age-stiftung.ch
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