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Stationär - und mehr

Full text: Age Dossier (Rights reserved) Ausgabe 2011 Stationär - und mehr (Rights reserved)

THEMA Stationär – und mehr AGE AWARD 2011 BEST PRACTICE Offenheit und Passung ASPEKTE 2011 Preisträger Alterszentrum Am Bachgraben, Allschwil Im Alterszentrum Am Bachgraben stehen die Bewohner im Mittelpunkt – jedoch nicht isoliert: durch öffentliche Angebote rund um Gesundheit, Kultur und Gastronomie ist ein lebendiges Quartierzentrum entstanden. Das Porträt des AgeAward-Preisträgers 2011 verrät, was dahintersteckt. Strategie und Umsetzung KONTEXT Institution und Gemeinwesen Wege zur Öffnung 2011 Von Antonia Jann Geschäftsführerin Age Stiftung AGE AWARD Preisträger Alterszentrum Am Bachgraben: Begegnungsort dank Vielfalt Interview mit Urs Jenny: Ganz natürlich zur Gemeinschaft gehören So funktioniert der dynamische Entwicklungsmotor 12 14 16 Unter dem Titel „stationär – und mehr“ suchte die Jury des Age Award 2011 eine stationäre Einrichtung im Altersbereich, die ihre Kompetenzen nicht nur den Bewohnerinnen und Bewohnern, sondern auch den zu Hause lebenden Menschen im Quartier oder der Gemeinde zur Verfügung stellt. Dazu bedarf es einer Kultur der Offenheit, welche die Grenzen der Institution durchlässig macht. Die Jury des Age Award begreift das Pflegeheim nicht nur als Ort der stationären Langzeitpflege, sondern auch als Ort der Erholung für kürzere (Pflege-)Aufenthalte, als Ort der Beratung für pflegende Angehörige sowie als Ort, wo ältere Menschen, die zu Hause leben, Möglichkeiten für Kontakte, Begegnungen und Aktivitäten finden. Mehr als zwei Dutzend Heime haben sich um den Age Award beworben, vom grossen städtischen Pflegezentrum bis zur kleinen ländlichen Einrichtung. Die in diesem Heft dokumentierten Projekte bilden die Bandbreite guter und massgeschneiderter Lösungen ab. Sie zeigen deutlich: Es ist nicht in erster Linie die Anzahl zusätzlicher Angebote, die ein Pflegeheim zu einem wichtigen Lebensraum im Gemeinwesen macht, sondern die Passung zum jeweiligen Umfeld. Der Gewinner des Age Award 2011 überzeugte die Jury auf vielen Ebenen: Die kreative Ausgestaltung der Angebotspalette des Alterszentrums Am Bachgraben baut auf einer unternehmerischen Grundhaltung auf und zielt gleichwohl auf die Schaffung sozialen Mehrwerts. Die Kultur einer offenen Institution spiegelt sich in Allschwil jedoch nicht allein in den Angeboten wider, sondern durchdringt die gesamte Institution. Bewohner, Personal, Leitung. Den drei weiteren Institutionen in diesem Heft spricht die Jury ihre Anerkennung für das Geleistete aus. Es sind dies das Pflegezentrum Entlisberg, das mit seiner aufsuchenden Demenzberatung seine fachliche Kompetenz in die Zürcher Quartiere trägt, der Hof Speicher, dessen Angebote von einer tiefen Verbundenheit mit der Gemeinde beseelt sind, und der Verein Pflegewohngruppen Buttisholz, der mit einem bemerkenswerten Sensorium für die Bedürfnisse der Gemeindeeinwohner und der pragmatischen Nutzung von Synergien gemeinsam mit der Gemeinde eine kluge Lösung für die ländliche Region geschaffen hat. Die Beispiele in diesem Heft zeugen davon, dass eine Kultur der Offenheit in den unterschiedlichsten Kontexten entwickelt und gelebt werden kann. Was dabei zu beachten ist, erläutern im Age Dossier 2011 Experten aus dem In- und Ausland. Die Age Stiftung wünscht Ihnen eine inspirierende Lektüre. BEST PRACTICE Die Institutionen im Vergleich Hof Speicher in Speicher AR: Hier werden Brücken geschlagen Interview mit Peter di Gallo: Es braucht Managerfähigkeiten Pflegezentrum Entlisberg, Zürich: Welcher Tag war gestern? Interview mit Peter Schuler: Hausbesuche fördern das selbstständige Wohnen 10 18 20 22 24 Pflegewohngruppen Primavera, Buttisholz LU: 26 Zweiter Frühling in Buttisholz Interview mit Madlen Heer: Neue Wege gehen, vorausschauend planen 28 ASPEKTE Zur neuen Kultur der Offenheit von Heimen von U. Kremer-Preiss und H. Stolarz, KDA Öffnung der Heime ja – aber wie? von Dr. G. Bartelt, Bartelt, Bapst und Partner 5 8 KONTEXT Über den Gartenzaun von Dr. M. Leser, CURAVIVA Schweiz 3 Bündeln und verknüpfen, um Neues zu schaffen 30 von Prof. FH S. Gretler Heusser, HSLU SA Über den Gartenzaun Die Strategie der Offenheit von Dr. Markus Leser „Ich zögerte beim Antritt der Arbeitsstelle, dann fing ich mitten im grossen Alters- und Pflegeheim an mit der festen Absicht, dieses Heim zu verändern und nach aussen zu öffnen.“ In den letzten zehn Jahren „fanden zahlreiche Veränderungen, Veranstaltungen, Umbauten, Erweiterungen statt. Aus einem Heim wurde ein Wohn- und Begegnungsort als Dienstleistungszentrum mit Verein, Sozial- und Kulturbereich, Wohn-, Alters- und Pflegeheim in milieutherapeutischer Gruppenform.“ Mit diesen Sätzen beschrieb Konrad Hummel 1986 in seinem Buch „Wege aus der Zitadelle“ seinen Arbeitsantritt im Heim am Kappelberg in Fellbach bei Stuttgart im Jahr 1977. „Die Heime stehen unter Druck. Sie benötigen zum Überleben mehr Neugierde und politisches Denken. Träger, Stadtteil, Stadt müssen Partner der Veränderungen werden. Die Kommunikation muss fliessen, die Institution eine für alle werden“, schreibt er weiter. Das war vor rund 35 Jahren. Und wo stehen wir heute? Eine im Mai 2011 durch das Schweizerische Gesundheitsobservatorium lancierte Studie skizziert klar und deutlich, was auf die Institutionen der Altershilfe zukommen wird: • Weil sich die durchschnittliche Lebenserwartung weiter erhöht, wird der Anteil der über 80-Jährigen stark ansteigen und damit der Anteil derjenigen, die auf Pflege und Unterstützung im höheren Alter angewiesen sind. Bei den über 85-Jährigen um ca. 34  und % bei den über 90-Jährigen wird sich der Anteil gar verdoppeln. • Je nach Szenario wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen in der Schweiz von heute ca. 125  000 Personen auf bis zu 230 000 Personen erhöhen. • Die Zahl der an Demenz erkrankten Menschen wird zunehmen. Schätzungen zufolge von heute 100  000 auf ca. 218  000 – mehr als das Doppelte. Für Heime bedeutet dies, dass sie sich künftig stärker als ein Anbieter von vielen auf der Versorgungskette positionieren müssen, um nicht mehr „nur“ als letzte Station vor dem Tod wahrgenommen zu werden. Denn das hat den Nachteil, dass die Pflegeheime so lange mit einer Abwehrhaltung der Bevölkerung konfrontiert werden, wie Sterben und Tod gesellschaftliche Tabus sind. Obwohl die fachliche Diskussion – wie eingangs gezeigt – weit in die 70er Jahre zurückweist, greift der Age Award 2011 zum Thema „stationär – und mehr“ nicht etwa eine uralte Geschichte auf, sondern im Gegenteil ein Thema, das in der stationären Altershilfe immer wichtiger wird: 3 Dr. Markus Leser Leiter Fachbereich Alter von CURAVIVA Schweiz und nebenberuflich in eigener Beratungspraxis tätig (www.lg-consulting.ch) Über den Gartenzaun Die Strategie der Offenheit 4 Heute beobachten wir – immer noch oder wieder – in der öffentlichen Diskussion ein starkes Denken in Entweder-oder-Kategorien. Der Grundsatz „ambulant vor stationär“ mutiert nicht selten in die Vorstellung „ambulant oder stationär“. Ebenso findet im Rahmen der Umsetzung der neuen Pflegefinanzierung ein Tanz um das Krankenversicherungsgesetz statt – und das nicht 1-mal sondern im föderalistischen Gesundheitswesen 26-mal. Das kann kaum die innovative Zukunft ausmachen. Nur wenn ambulante wie stationäre Anbieter gemeinsam Konzepte erarbeiten, die Kombinationen verschiedener Hilfeangebote auf der gesamten Versorgungskette zulassen, und das professionelle Angebot zunehmend mit dem informellen Hilfesystem (Familien, Nachbarn) vernetzt wird, kann aus dem Entweder-oder ein Und entstehen. Die im Rahmen des Age Award 2011 gewürdigten Institutionen zeigen beispielhaft, was mit dieser Zusammenarbeit gemeint ist. Offene Institutionen sind die Voraussetzung für ein bedarfsgerechtes Angebot, von dem Jung und Alt gemeinsam profitieren können. „Stationär – und mehr“ bedeutet aber mehr als das bislang Gesagte. Grundvoraussetzung jeder Öffnung und Zusammenarbeit ist das Überwinden des eigenen Gartenzaunes. Offenheit – und dies zeigen die vorgestellten Institutionen in diesem Heft sehr eindrücklich – ist eine mentale Grundeinstellung aller beteiligten Personen. Sie beginnt in den Köpfen der strategischen Organe des Heimes. Obschon die Finanzierung eines Heimes oberste Priorität hat und ohne solide Finanzierungsgrundlage alle Pläne Wunschdenken bleiben, kann sich die strategische Führung nicht nur um Jahresrechnung und Budget drehen. Dies verhindert kreative Energie. Es ist die oberste Aufgabe der strategischen und operativen Führung, den Blick zu öffnen für das Unkonventionelle und das Eingehen auf die Wünsche und Bedürfnisse des Umfeldes. Die vielen guten Beispiele institutionenübergreifender Angebote in der Schweiz zeigen ein gemeinsames Merkmal, das sie letztendlich erfolgreich macht: Sie orientieren sich strikt an den Bedürfnissen der Kunden und verankern dies strategisch in entsprechenden Dokumenten. Fachlich abgesicherte Strategien sind es, die verhindern, dass gute Ideen am nächsten Gartenzaun hängen bleiben. Zu dieser strategisch verankerten Offenheit gehören aber zwingend auch die Elemente der Machbarkeit und der Passung. Das Konzept der „Person-Umwelt-Passung“ ist ein bekanntes gerontologisches Konstrukt, das die Voraussetzungen für Wohnund Lebensqualität beschreibt. Diese „Passung“ zum äusseren System – zur Gemeinde, zum Quartier – wird und muss gerade aufgrund der Heterogenität älterer Menschen verschieden sein. Sie wird sich aber bei älteren Menschen immer aus einer Mischung von Wohnen, sozialer Umgebung und Pflege/Betreuung zusammensetzen. Die Machbarkeit der im vorliegenden Heft beschriebenen Konzepte ist immer abhängig von der Haltung und den Rahmenbedingungen, die von den verschiedenen Anspruchsgruppen ausgehen. Die Schweiz ist zu verschieden, als dass hier allgemeine Konzepte weiterhelfen könnten. Unbestritten ist, dass die Anspruchsgruppen (siehe Kasten), die auf ein Heim wirken, heute vielfältiger und heterogener werden und ihre Wünsche und Bedürfnisse zunehmen und sich oftmals auch widersprechen. Offenheit in der Entwicklung interner wie externer Angebote im stationären Umfeld bedingt deshalb eine intensive Kommunikation mit den wichtigsten Anspruchsgruppen. Das Motto „stationär – und mehr“ lässt sich im Alleingang nicht umsetzen. An dieser Stelle zitiere ich gerne den Preisträger des diesjährigen Age Award: „Ja, wir haben Grosses vor. Aufwändige Überzeugungsprozesse stehen uns bevor. Mit wirkungsvollen Kommunikationsprozessen machen wir die Betroffenen zu Beteiligten. Wir suchen die zukünftigen Kunden und zeigen ihnen den Kundennutzen unserer Aktivitäten.“ Eine offene Institution ist vernetzt und kooperiert mit anderen Leistungserbringern. Sie schafft Angebote auch für Personen ausserhalb der stationären Langzeitpflege. Das ist kein Spaziergang, aber ein lohnenswerter Versuch in eine vernetzte und koordinierte Zukunft des bedarfsgerechten Angebotes. Schauen wir in 35 Jahren wieder, wo wir hier stehen. Anspruchsgruppen aus Sicht eines APHs • • BewohnerInnen, Angehörige Mitarbeitende (Profisystem), Kooperationen und Partner, Freiwillige und HelferInnen • Investoren, Fundraising und Zielgruppen, strategische Gremien, Trägerschaften (Milizsystem) • Gesetzgeber, Gemeinde und Kanton, Öffentlichkeit Thema | Stationär – und mehr ASPEKTE Zur neuen Kultur der Offenheit von Heimen Die 5. Generation des Alterswohnbaus von Ursula Kremer-Preiss und Holger Stolarz, Kuratorium Deutsche Altershilfe KDA 5 Öffnung bedeutet „normaler“ Bestandteil des Gemeinwesens zu werden und gemeinsam mit anderen vor Ort eine Verantwortungsrolle für das Quartier zu übernehmen. So können die Stärken des Heims in Potenziale für das Quartier umgemünzt werden. teil des Gemeinwesens zu werden. Dazu werden Hemmschwellen für die Menschen im Quartier gesenkt und der soziale Austausch der Einrichtungsbewohner mit den anderen Bewohnern im Quartier gefördert. Räume werden für alltägliche Begegnungen und gemeinsame Veranstaltungen geöffnet oder Angebote für den sozialen Austausch gemacht. Ein Beispiel hierfür ist das „Museum für Lebensgeschichte“ im Altenzentrum „Hof Speicher“ (siehe S. 18–21). Die Dokumentation von Lebensgeschichten strahlt eine tiefe Verbundenheit mit der Region und ihren Bewohnern aus. In Kombination mit dem öffentlichen Restaurant wird die Einrichtung zum Austausch- und Erlebniszentrum für die Bewohner und die Bevölkerung von Speicher. Zum aktiven Austausch mit der Umgebung gehört auch, mit anderen Dienstleistern des Quartiers zu kooperieren und ihre Leistungsangebote in die Einrichtung zu holen. Das durch seine Die Gemeinwesenorientierung sozialer Einrichtungen ist in aller Munde. Derzeit findet ein Umkehrprozess statt, nicht mehr von zentralen grossen Einrichtungen her zu denken, sondern kleinteilig und dezentral vom Stadtviertel, vom Dorf, vom Wohnquartier. Aus diesem Denken heraus muss sich auch das ehemalige Pflegeheim im Quartier neu positionieren – als 5. Generation des Alterswohnbaus. Zu den zentralen Prinzipien dieser 5. Generation zählt das Kuratorium Deutsche Altershilfe: Sicherung von Selbstbestimmung und Privatheit, Ermöglichung von Leben in Gemeinschaft sowie Öffnung in und für das Quartier. Die beiden erstgenannten Strukturprinzipien prägten bereits stationäre Altenhilfeeinrichtungen der 4. Generation (siehe Kasten). Die 5. Generation verbindet diese Aspekte mit der neuen „Kultur der Offenheit“ in den sozialen Nahraum. Es geht hierbei um eine Profilierung im und für das Gemeinwesen, nicht nur mit einzelnen Massnahmen, sondern als systematische Handlungsorientierung. „Öffnung in das Quartier“: Die Bürgerinnen und Bürger kommen ins Heim „Öffnung in das Quartier“ bedeutet, das Leben aus dem Quartier in die Einrichtung zu holen und damit „normaler“ Bestand- Age Dossier 2011 6 Zur neuen Kultur der Offenheit von Heimen Die Strategie der Offenheit tungsrolle“ für das Quartier im Sinne einer Care-Community zu übernehmen. Festzustellen, welche Dienstleister und Angebote im Quartier vorhanden sind bzw. welche fehlen, ist ein erster Schritt für den Rollenwandel der Einrichtung – dies in Kooperation mit der Gemeinde und Multiplikatoren. So können Stärken der Einrichtung in Potenziale für das Quartier umgemünzt werden: Grossküchen können zur Versorgung von Schulen, Räumlichkeiten als Treffpunkte für Gruppen dienen. Beratung, Alltagshilfen oder Kurzzeit- und Tagespflege können ins Quartier hineingetragen und die vorhandene Pflegekapazität zur ambulanten Pflege eingesetzt werden. Dies trägt dazu bei, dass alte Quartiersbewohner in ihrem vertrauten Wohnumfeld verbleiben können. Auch infrastrukturelle Defizite im Quartier kann die Einrichtung auffangen, beispielsweise durch die Etablierung eines Ladengeschäftes in ihren Räumlichkeiten. Auch hier kann niedrigschwellig begonnen werden, z. B. indem die Einrichtung an Quartiersveranstaltungen mitwirkt. Damit wird im Sinne eines „Gebens und Nehmens“ wieder Leben aus dem Quartier in die Einrichtung geholt. Ein Beispiel für eine systematische Öffnung institutioneller Grenzen ist der Age-AwardPreisträger Alterszentrum Am Bachgraben (siehe S. 12–17) mit seiner Vielzahl an Angeboten, die durch Personen aus der Umgebung genutzt werden können. Bei der Schaffung der Angebote geht man von den Bedürfnissen der Zentrumsbewohner aus, denkt aber die Nachfrage von aussen mit. Das Alterszentrum Am Bachgraben offeriert seine quartiersbezogenen Angebote wie etwa Friseursalon, Fitnessraum, Brennofen, Bankomat oder Restaurant im Parterre, das die Zugänglichkeit eines öffentlichen Raums ausstrahlt. Die Öffnungszeiten werden den Bedürfnissen der Nutzer angepasst. Die Dienstleistungen fürs Quartier funktionieren als Schnittstellen zum Leben ausser- kleinteilige Struktur passgenau in die ländliche Struktur eingefügte Wohnzentrum Primavera in Buttisholz ist ein Beispiel (siehe S. 26–29) für eine solche Vernetzung mit allen wichtigen Akteuren vor Ort. Zugleich erfolgt hier eine gezielte Einbindung der Bürgerinnen und Bürger. Die systematische Einbeziehung von bürgerschaftlichem Engagement und die Stärkung ehrenamtlichen Engagements ist in der 5. Generation eine zentrale Verbindung von drinnen und draussen und essenziell für die Sicherung einer offenen Atmosphäre in der Einrichtung. „Öffnung für das Quartier“: Das Heim bringt Angebote ins Quartier Die Integration ins Quartier gelingt, wenn man als Einrichtung etwas zur Quartiersentwicklung im Sinne eines „Gebens und Nehmens“ beiträgt. In der 5. Generation ist die stationäre Pflege nicht nur Leistungsträger innerhalb der Einrichtung, sondern sie unterstützt die Bewohner im Quartier und stärkt in Kooperation mit anderen die Versorgungsstrukturen. Öffnung bedeutet also nicht nur die Öffnung der „Heimmauern“, sondern zusammen mit anderen vor Ort eine „Verantwor- Thema | Stationär – und mehr Fitnesscenter und Parterre – zwei unterschiedliche Begegnungsorte im Alterszentrum Am Bachgraben: Öffentlich zugängliche Angebote sind Schnittstellen zum Leben ausserhalb des Heims. Bei deren Entwicklung geht man von den Bedürfnissen der Zentrumsbewohner aus, denkt aber die Nachfrage von aussen mit. 7 halb des Heims. Eine systematische Entwicklung hin zu einer Verantwortung für das Gemeinwesen als fester Bestandteil des Angebotes ist im Alterszentrum Am Bachgraben gelungen. Das Pflegezentrum Entlisberg (siehe S. 22–25) in Zürich trägt seine Fachkompetenz ins Quartier und übernimmt so Verantwortung für quartiersbezogene Versorgungsstrukturen. Hier werden die institutionellen Grenzen durch Angebote für das umgebende Stadtgebiet wie z. B. aufsuchende Demenzberatung und Tagesbetreuung überwunden. Warum brauchen Heime eine neue Kultur der Offenheit? Für stationäre Pflegeeinrichtungen bietet eine „Kultur der Offenheit“ viele Chancen: Durch Kooperation mit anderen werden neue Angebote, Marktfelder und Kunden erschlossen. Durch die systematische Einbindung Ehrenamtlicher werden ihre Unterstützungsstrukturen gestärkt und durch einen Hilfemix von Profis und Laien Synergieeffekte geschaffen. Sie können den unterschiedlichen Wohn- und Versorgungsbedürfnissen älterer Menschen gerecht werden, indem sie Privatheit, Selbstbestimmung und ein Leben in Gemeinschaft auch bei Pflegedürftigkeit ermöglichen. Dadurch werden auch Leerstände vermieden und Marktpositionen gewahrt. Heime der 5. Generation sind Ausgangspunkt oder Teil einer quartiersbezogenen Versorgung, die möglichst vielen Unterstützungsbedürftigen Versorgungssicherheit im vertrauten sozialen Nahraum gibt. Dabei binden sie gezielt die Quartierbewohner bei der Umsetzung ein. Dieser neue Heimtyp ist damit eine Antwort auf die Herausforderungen der demografischen Entwicklung mit der wachsenden Zahl älterer unterstützungsbedürftiger Menschen sowie dem Rückgang familialer Hilfepotenziale. Die KDA-Generationenabfolge des Altenwohnbaus 1. Generation Anstaltstyp (Nachkriegszeit, Mehrbettzimmer, minimale Ausstattung, z.  B. Sanitäreinrichtung) 2. Generation Altenkrankenhaus (60er bis 70er Jahre, eher Zweibettzimmer, verbesserte Ausstattung, z. T. Bäderabteilungen, eigene Physiotherapie) 3. Generation Altenwohnhaus (80er u. 90er Jahre, Orientierung am Wohngruppenkonzept, allmählich mehr Einzelzimmer) 4. Generation Stationäre Hausgemeinschaft (um 2000, Loslösung von zentralen Versorgungseinheiten wie Grossküche und Wäscherei, stattdessen Leben und Kochen in Wohngruppen, fast nur Einzelzimmer) Quelle: Kuratorium Deutsche Altershilfe, ProAlter Nov./Dez. 2010, Köln Öffnung der Heime ja – aber wie? Orientierungspunkte für eine erfolgreiche Umsetzung von Dr. Guido Bartelt 8 In den letzten Jahren wurde das Alters- und Pflegeheim zunehmend als offene Institution konzipiert, die vielfältige Beziehungen zum gesellschaftlichen Umfeld pflegt und ihre Strukturen und Prozesse am Normalitätsprinzip ausrichtet. Die Umsetzung einer Öffnung in die Praxis ist nicht trivial, kann aber, wie die verschiedenen Beispiele in diesem Heft aufzeigen, durchaus gelingen. Gestaltungsdimensionen von Öffnungsstrategien Die Matrix in der Grafik lehnt an eine in der betriebswirtschaftlichen Strategiediskussion häufig verwendete Kategorisierung von Strategien (bestehende versus neue Märkte; bestehende versus neue Produkte) an. Sie lädt ein, kreativ über Öffnungsstrategien nachzudenken, und kann auch zu einer groben Beurteilung verwendet werden. Strategisch eher einfach zu realisieren sind Öffnungsmassnahmen, die bestehende Angebote und Dienstleistungen für Zielgruppen ausserhalb des Heimes zur Verfügung stellen. Anspruchsvoller sind Massnahmen, die „unten rechts“ einzuordnen sind (neue Zielgruppen und neue Angebote). Hier werden die Risiken höher, weil noch wenig Kenntnisse über die anvisierten Zielgruppen bestehen und das Know-how für eine effiziente Bereitstellung der Dienstleistung noch fehlt. Bedarfsanalyse – und ihre Grenzen Eine sorgfältige Analyse des Bedarfs ist erforderlich. Sie erfolgt z.  durch Gespräche mit der B. Zielgruppe sowie mit den professionell und freiwillig Tätigen, die mit dieser Gruppe in laufendem Kontakt stehen, oder auch mittels Austausch mit Gemeindevertretern. Möglich sind zudem systematische Bevölkerungsumfragen und Recherchen, was andernorts auf Interesse gestossen ist. Was an einem Ort funktioniert, kann aber in einer anderen Umgebung scheitern. Gerade im Gesundheitswesen gibt erst ein konkretes Angebot schlüssige Hinweise auf die effektive Nachfrage. Vorabklärungen des Bedarfs stossen deshalb an Grenzen. Unternehmerisches Handeln ist gefragt und es braucht den Mut, das entsprechende Angebot zu lancieren und mit persönlichem Engagement zum Erfolg zu führen. Strategie und Commitment Damit dies gelingen kann, muss die Grundidee der Trägerschaft verständlich kommuniziert und ein klares Commitment von Trägerschaft und Heimführung geschaffen werden. Zielsetzung ist primär die Positionierung des Alters- und Pflegeheims als Be- gegnungsort und als Organisation, die als Teil seiner Umgebung verstanden werden will und dem Gemeinwesen in einem Austauschverhältnis von Nutzen sein möchte. Es geht also darum, für Bewohner/innen des Heims sowie für die Einwohner/innen des Gemeinwesens einen Mehrwert schaffen zu wollen. Ein solches Selbstverständnis eines Altersund Pflegeheims ist unseres Erachtens noch wenig verankert, obwohl in vielen Leitbildern entsprechende Absichtserklärungen zu finden sind. Nicht im Vordergrund stehen sollte eine Ertragsoptimierung als Motivation für die Öffnung. Kooperation statt Konkurrenz Verschiedene Öffnungsangebote können bestehende Angebote anderer Trägerschaften oder privater Anbieter konkurrenzieren. Obwohl im Grundsatz sinnvoll, könnte z. B. eine neue Arztpraxis im Heim von den im Dorf praktizierenden Hausärzten, pflegerische und hauswirtschaftliche Dienstleistungen von der lokalen Spitex oder ein Restaurant als Konkurrenz wahrgenommen werden. Hier ist ein besonders feinfühliger Umgang und ein auf Kooperation ausgerichtetes Vorgehen gefragt, bei dem ergänzende und vernetzende Lösungen angestrebt werden. Vor allem gut überlegt werden soll- Grafik | Finden und Analysieren von Öffnungsstrategien Bewohner/innen, Angehörige Ältere Menschen zu Hause Andere Zielgruppen bestehende, „traditionelle“ Angebote und Dienstleistungen Räumlichkeiten Verpflegung Cafeteria Wäscheversorgung Reinigung Transport Pflege/Betreuung Aktivierung Therapien Tageszentrum Mittagstisch Mahlzeitendienst „neue“ Angebote und Dienstleistungen Fitnesszentrum Kiosk Bäckerei Weinhandlung Galerie, Museum 9 te die Zusammenarbeit mit der lokalen Spitex. Grundsätzlich ist eine vollständige lokale Integration von Spitex und Heim eine Option. Die möglichen Synergien sollten allerdings nicht überschätzt werden, denn das Heimangebot und das Angebot von ambulanten Diensten sind doch sehr unterschiedlich. Rechtliche Aspekte Die rechtlich-finanziellen Rahmenbedingungen des KVGs und des übrigen Sozialversicherungsrechts sind oftmals Hürden, die es zu überwinden gilt. Sobald vom Heim aus ambulante KVG-relevante Leistungen auch für zu Hause lebende Personen oder in nahegelegenen Alterswohnungen erbracht werden, sind die andere Regeln zu beachten: Unterschiedliche Tarifstrukturen und Verfahren in der Verrechnung von Leistungen, unterschiedliche Systeme zur Bedarfsabklärung, unterschiedliche Finanzierungsregelungen bei der Anrechnung von Ergänzungsleistungen etc. tragen zur Komplizierung administrativer Abläufe bei und sind für die finanzielle Attraktivität eines Angebotes aus der Optik des Klienten oft entscheidend. Kostenbetrachtungen Im Zusammenhang mit erweiterten Angeboten seitens der Alters- und Pflegeheime ist viel von Synergien die Rede. Meistens wird damit gemeint, dass aufgrund bereits vorhandener Ressourcen und Infrastrukturen Dienstleistungen mit wenig Zusatzaufwand weiteren Nutzergruppen angeboten werden können (z.  Nutzung von beB. reits vorhandenen Räumen, Mittagstisch für zu Hause Lebende in der Cafeteria etc.). Aus unserer Erfahrung werden kostenrelevante Synergien in der Tendenz überschätzt, was ein sorgfältiges Angebotskonzept und eine Kostenkalkulation in der Regel rasch aufzeigt. Im Hinblick auf die Zielsetzung der Schaffung eines möglichst intensiven Austauschs wäre es aber durchaus statthaft, für die Nutzung solcher Angebote auch preisliche Anreize zu schaffen und wenig mehr als die effektiv entstehenden Grenzkosten zu tarifieren. Eine vermehrte und konsequentere Öffnung der Alters- und Pflegeheime ist zweifelsohne eine der zentralen Herausforderungen der Heimbranche. Ob sie gelingt, hängt wesentlich von innovativen Persönlichkeiten ab, welche den Mut haben, traditionelle Grenzen neu zu denken. Dr. Guido Bartelt, Berater im Gesundheits- und Heimwesen www.bbp-beratung.ch Übersicht | Angebotsstrategien im Vergleich 8 1 7 2 6 3 5 4 8 1 7 2 10 Die vier in diesem Dossier porträtierten Institutionen der Langzeitpflege sind grundverschieden. Sie arbeiten auf dem Land, in der Stadt oder in der Agglomeration. Sie unterscheiden sich bezüglich der Sozialstruktur ihres Standortes ebenso wie in ihrer Grösse oder im Lebensstil ihrer Klientel. Dennoch haben die vier Institutionen etwas gemeinsam: Sie haben erfolgreich eigene Strategien der Öffnung entwickelt, die den Bedürfnissen und dem Bedarf ihrer Umwelt – dem Quartier, dem Dorf, der Stadt oder der Region – entsprechen. Die Grafiken in dieser Übersicht zeigen, in welchen Dienst- leistungsbereichen sich die vier Heime für welche Zielgruppen geöffnet haben. Nicht berücksichtigt in den Abbildungen sind Angebote für die Mieter und Bewohner. Der Vergleich zeigt deutlich: Es gibt keine generalisierbare Erfolgsstrategie, aber ein allgemein gültiger Grundsatz. Egal ob städtisches Pflegezentrum oder ländliche Pflegewohngruppe – Angebote und Dienstleistungen müssen auf Basis erkannter Bedürfnisse und eigener Stärken entwickelt werden. Wie das in der Praxis umgesetzt werden kann, erfahren Sie auf den folgenden Seiten. 6 3 5 4 8 1 7 2 6 3 5 4 ältere Menschen extern Angehörige (pflegende) Personal / Freiwillige Gemeinwesen 7 8 1 2 1 2 3 4 5 6 7 8 Hauswirtschaft Verpflegung / Gastronomie Infrastruktur Kultur Sport / Fitness / Wellness Bildung Beratung Gesundheit / Pflege / Betreuung 6 3 5 4 Alterszentrum Am Bachgraben Allschwil/Schönenbuch, Allschwil Gewinner Age Award 2011 Kanton Rechtsform Trägerschaft Einwohner im Servicegebiet Prägung der Region Betreute Wohnungen intern Betriebene Betten Zimmer Personal in Vollzeitstellen Leistungsauftrag / Vereinbarung Baselland Stiftung 21 400 (Allschwil und Schönenbuch) Agglomeration 97 200 174 Einzel- / 13 Doppelzimmer 189 Leistungsvereinbarung mit den Gemeinden Allschwil und Schönenbuch Hof Speicher, Speicher Jury-Anerkennung Age Award 2011 Kanton Rechtsform Trägerschaft Einwohner im Servicegebiet Prägung der Region Betreute Wohnungen intern Betriebene Betten Zimmer Personal in Vollzeitstellen Leistungsauftrag / Vereinbarung Appenzell Ausserrhoden AG (Betreiber) / Stiftung (Infrastruktur) 4 000 Ländlich 34 40 35 Einzelzimmer 41,5 Preisbindung für die Bewohner von Speicher und Trogen 11 Verein Pflegewohngruppen Buttisholz (PWG), Buttisholz Jury-Anerkennung Age Award 2011 Kanton Rechtsform Trägerschaft Einwohner im Servicegebiet Prägung der Region Betriebene Betten Externe betreute Wohnungen Zimmer Personal in Vollzeitstellen Leistungsauftrag / Vereinbarung Luzern Verein privat 3 100 Ländlich 12 / 16 19 16 Einzelzimmer 11,8 Leistungsauftrag mit Gemeinde Buttisholz Pflegezentrum Entlisberg, Zürich Jury-Anerkennung Age Award 2011 Kanton Rechtsform Trägerschaft Einwohner im Servicegebiet Prägung der Region Betriebene Betten Zimmer Personal in Vollzeitstellen Leistungsauftrag / Vereinbarung Zürich Gemeinde (Stadt Zürich) 380 000 Städtisch 334 124 Einzel- / 98 Doppel- / 6 Mehrbettzimmer 319 Gesundheitspolitischer Auftrag der Stadt Zürich Age Dossier 2011 AGE AWARD Begegnungsort dank Vielfalt Preisträger Age Award 2011 Alterszentrum Am Bachgraben in Allschwil BL von Jolanda Lucchini 12 Mit vielfältigen Angeboten für Zentrumsbewohner und die Quartierbevölkerung lässt der Preisträger des Age Award 2011 neue Räume für alltägliche Begegnungen und Betätigungen entstehen – über die Grenzen des Alterszentrums hinweg. Licht und hell sind die Erschliessungsgänge, die den verglasten Innenhof des Alterszentrums Am Bachgraben (AZB) auf fünf Stockwerken umlaufen. Orange, gelbe, rote und grüne Wandflächen sorgen für eine stimmige Raumatmosphäre. Da und dort ziehen ausgewählte Stilmöbel die Aufmerksamkeit auf sich. Man hat sie aus dem Brockenhaus geholt und sorgsam aufgefrischt. Nun erfüllen sie an einem ihnen würdigen Platz wieder ihre Funktion. Ein schönes Sinnbild, das den Geist widerspiegelt, der hier herrscht. Die Institution mit Domizil im zwischen Basler Stadtgrenze und französischer Grenze gelegenen Vorort Allschwil beschäftigt 270 Mitarbeitende, davon 60 Prozent Pflegepersonal. Sie setzen unter der Federführung von Direktor Urs Jenny alles daran, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner nicht abgeschoben, sondern bestens aufgehoben und ins vitale Leben eingebunden fühlen. Dass dies gelingt, ist nicht selbstverständlich. Das AZB ist als private Stiftung organisiert und hat einen Leistungsauftrag der basellandschaftlichen Gemeinden Allschwil (rund 20  000 Einwohner) und Schönenbuch (rund 1  400 Einwohner). Rund 75  % der Bewohner werden von der öffentlichen Hand subventioniert und beziehen Ergänzungsleistungen. Zudem gehört der Betrieb mit 200 Betten und 97 Wohnungen in der angegliederten Alterssiedlung zu den grössten seiner Art in der Schweiz. Im Kanton Basel-Landschaft ist er gar der grösste. Bei solchen Dimensionen wird der Einzelne leicht zur Nummer. Doch Unpersönlichkeit hat im AZB nichts zu suchen. Dazu trägt einerseits das neue architektonische Konzept bei. Umgesetzt wurde es 2005 bis 2008 im Rahmen der Um- und Erweiterungsbauten im Hauptkomplex, deren Kosten von 33 Millionen durch einen unverzinslichen Bei- Thema | Stationär – und mehr Ob an der Kasse der hauseigenen Bäckerei oder beim Fachsimpeln über ein Kunstwerk in der Galerie Piazza, im Alterszentrum Am Bachgraben sind Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen so alltäglich wie vielfältig. 13 trag des Kantons, Beiträge von Allschwil und Schönenbuch sowie Eigen- und Fremdmittel finanziert wurden. Das Resultat: Die 174 modernen, mit eigenen Nasszellen versehenen Einzelund 6 Ehepaarzimmer sind zu kleinen Wohneinheiten für 7 bis 13 Personen zusammengefasst. Jede hat einen Gemeinschaftsraum samt offener Küche, wo es sich in trauter Runde plaudern, spielen oder kochen lässt. Darüber hinaus sorgen verschiedenste Angebote dafür, dass die Bewohner ihre Zeit aktiv gestalten können. Das Programm beginnt bei den Nachtcafés mit Handarbeiten oder Lotto, organisiert von freiwillig Helfenden. Dann geht es schnell über den üblichen Rahmen hinaus. Ein herausragendes Beispiel: die Ausflüge und Ferienreisen mit dem hauseigenen Bus. Das Fahrzeug übernimmt für in- und externe Personen auch entgeltliche Taxi- und Shuttlefahrten und wird tage- weise vermietet, wodurch es für das AZB wirtschaftlich tragbar wird. Diese Art von Synergienutzung sichert auch die weiteren, teils als Profitzentren, teils von Zweitanbietern betriebenen Einrichtungen im Hause. Die Praxen für Physiotherapie, Ergotherapie und Podologie, die Maltherapiekurse, das Fitnessstudio, der Coiffeur, der Kiosk mit erweitertem Sortiment für den Alltagsbedarf, der Weinladen, der Bancomat und der Postbriefkasten stehen AZB und Quartierbewohnern offen. Ebenso die Galerie Piazza, wo wechselnde Künstler ihre Werke ausstellen, und das Restaurant Ambiente. Wie gut sich das AZB dadurch als Gesundheits- und Dienstleistungszentrum sowie Begegnungsort in den Gemeinden integrieren konnte, zeigt sich dem Besucher schnell – selbst wenn nicht gerade eine Vernissage oder Weindegustation statt- Age Award | Was der Jury gefiel Die Jury war beeindruckt von der Vielfalt und Durchlässigkeit des Angebots. Es gibt zwar viele Angebote im AZB, die Bewohnerinnen und Bewohner entscheiden aber selber, welche sie in Anspruch nehmen wollen und welche nicht. Die Vielfalt an Angeboten kann auch deshalb aufrechterhalten werden, weil externe Personen daran partizipieren. Die Angebote im AZB sind nicht fix, sondern passen sich den wechselnden Bedürfnissen an. Und sie sind so konzipiert, dass sie das Betriebsbudget nicht belasten, sondern eher entlasten. So wird das AZB zu einem Ort der Begegnung nicht nur für die Menschen, die hier wohnen, sondern auch für das Quartier. Mehr zur Betriebskultur des AZB finden Sie im Bonusmaterial der DVD „Wahlfreiheit. Stationär – und mehr im Alterszentrum Am Bachgraben“. Bestellbar oder als Stream unter www.age-stiftung.ch findet. Im öffentlichen Bereich trifft man Frauen und Männer verschiedenster Generationen, die dort etwas zu erledigen haben. Die Gänge des Wohnbereichs dagegen sind weitgehend menschenleer, obwohl es hier diese hübschen alten Stühle gibt. Nur herumzusitzen braucht im AZB ganz offensichtlich niemand. Ganz natürlich zur Gemeinschaft gehören Interview mit Urs Jenny, Direktor des Alterszentrums Am Bachgraben (AZB) Das Gespräch führte Jolanda Lucchini Urs Jenny, Allschwil befindet sich in nächster Nähe zu Frankreich und Deutschland. Hat diese Lage auf das AZB einen Einfluss? Angesichts der Personalknappheit im Pflegebereich ist das ein Vorteil, wir beschäftigen rund 18  Grenzgänger. Damit die % Verbundenheit mit den Bewohnerinnen und Bewohnern sowie dem AZB gegeben ist, schulen wir auswärtige Mitarbeitende speziell in Sachen Ortskenntnis. Sie sollten wissen, dass der „Blutige Knochen“ kein prähistorisches Fundstück, sondern eine beliebte Dorfbeiz ist. Das AZB richtet Dienstleistungen und Angebote auch an Externe. Wie kam es dazu? Als ich vor 20 Jahren hierherkam, herrschte eine Ghetto-Situation. Davon wollte ich weg, alte Menschen sollen nicht einfach abgeschoben werden. Dazu kam der wirtschaftliche Aspekt, dem ich grosse Bedeutung beimesse. Ich erkannte relativ rasch, wo es kommerziell zu wenig ausgeschöpfte Ressourcen gab wie unter- oder ungenutzte Räumlichkeiten, die vermietet werden konnten. Nachfrage gab es, der Kindergarten, aber auch Private wollten Bilder ausstellen. Das brachte uns auf die Idee, eine Galerie einzurichten. Da es im Quartier kaum Verpflegungsmöglichkeiten gab, schufen wir im Weiteren ein öffentliches Restaurant – und wurden von den Gästen fast überrannt. Wie zahlt sich dies für das AZB aus? Alle unsere Profitcenter – dazu gehört etwa auch der Kiosk – sind selbsttragend oder machen Gewinn. Wenn sie in ihre Infrastruktur investieren müssen, strecken wir Geld vor, es ist aber mit Zinsen rückzahlbar. Nichts geht zu Lasten der Bewohner. Im Gegenteil: Wir reinvestieren das Erwirtschaftete in den Betrieb, um ihre Bedürfnisse abzudecken. Kaufen zum Beispiel einen Firstclass-Personenhebelift, neue Möbel, einen Bus für unseren Shuttle-Service oder speisen die Ferienkasse. Allein durch die Bewohnerprei- se, die durch Bund, Kanton und Gemeinden festgelegt werden, wäre das nicht möglich. Wie erheben Sie die Bedürfnisse? Intern werden Wünsche von den einzelnen Wohnbereichen und aus dem regelmässig tagenden Bewohnerrat an uns herangetragen. Wir berücksichtigen auch Wünsche der Mitarbeitenden, ermöglichen ihnen einen Ausflug oder eine Schulung, die wir ohne Zusatzeinkünfte nicht finanzieren könnten. Das erhöht Motivation und Know-how, was am Ende wieder den Bewohnern zugute kommt. In Bezug auf Quartier und Gemeinde haben wir eine Arbeitsgruppe, die sich mit den Bedürfnissen von dieser Seite befasst. Manchmal müssen wir auch einfach über den eigenen Schatten springen und etwas ausprobieren. Zum Beispiel? Ich wollte immer ein Bewegungsbad. Aber das wäre, auch vom Unterhalt her, zu teuer für uns gewesen. Da wir sahen, wie wichtig Fitness für die ältere Generation ist, boten wir in einem ersten Schritt Walkingkurse an. Als uns der grösste Fitnessbetreiber von Allschwil Trainingsmöglichkeiten für unsere Bewohner offerierte, stiess das auf grosses Echo. Es zeigte sich, dass die Beweglichkeit der Teilnehmenden zunahm. Dies und der Wille zur Förderung der Sturzprophylaxe bewogen uns, selbst ein Fitnesscenter einzurichten, für In- und Externe. Das funktioniert? Die Einnahmen durch die Externen finanzieren uns neue Geräte und qualifizierte Fitnesstrainer, davon profitieren unsere Bewohner, für die das Training unentgeltlich ist. Aber sie sollten auch sonst im Center den Vorrang haben, deshalb mussten wir die Aufnahme externer Mitglieder stoppen, mit 200 Personen stellen sie ohnehin schon die Mehrheit. Das wird sich aber noch ausgleichen, die Beteiligungsentwicklung bei den Internen inklusive unserer Mitarbeitenden 14 Urs Jenny, Direktor AZB „Manchmal müssen wir über den eigenen Schatten springen und etwas ausprobieren.“ zeigt, dass deren Anteil in zwei Jahren bei 50 % liegen dürfte. Gibt es auch Dienstleistungen mit schwankender Nachfrage? Die Maltherapie. Es war ein Trend, deshalb bauten wir sie auf. Zwischenzeitlich fehlte dann das Interesse, sodass wir den Kurs absetzten. Nun läuft er wieder gut. Auf sich verändernde Bedürfnisse muss man flexibel reagieren. Wird die Öffnung des AZB von der Bevölkerung verstanden? Heute zum grössten Teil schon, aber es brauchte Jahre der Sensibilisierungs- und Überzeugungsarbeit. Früher hiess es etwa: warum brauchen die alten Leute eine Weinhandlung? Jetzt gehört sie zu den Highlights des Dorfs, Tausende von Flaschen gehen pro Jahr über die Theke. Auch die anderen Einkaufsmöglichkeiten im Haus werden von den Allschwilern rege benutzt. Und unsere Bewohner sind mittendrin. Dahin geht unser Ziel: Wir möchten ganz natürlich zur Gemeinschaft gehören. Gibt es dabei auch Grenzen? Die Privatsphäre der Bewohner muss gewahrt bleiben, der Wohnbereich ist uns deshalb heilig. Da hat ausser den Angehörigen oder angemeldeten Besuchern niemand etwas zu suchen. Wenn es um die Schaffung von Dienstleistungen und Angeboten geht, müssen zudem immer die Bedürfnisse der Bewohner im Vordergrund stehen. Das setzt uns Grenzen. Aber nur das. Wie kann das Angebot nachhaltig sichergestellt werden? Es ist wie bei einem Spitzenrestaurant: Oben zu bleiben ist die Kunst. Wir müssen uns täglich Mühe geben, damit die angestrebten Standards bezüglich Qualität und Freundlichkeit gehalten werden. Wenn wir das erfüllen, ist auch das Finanzielle sichergestellt. Was würden Sie jemandem raten, der ein ähnliches Modell realisieren will? Man muss die Bereitschaft haben, das herkömmliche Bild des Altersheims zu vergessen und weiterzudenken. Wichtig ist zudem, dass die zusätzlichen Dienstleistungen oder kulturellen Angebote zum Umfeld passen und man das Netzwerk mit den Gemeinden und der Umgebung aufrechterhält. Man muss unter die Leute gehen, auch an Vereinsanlässe, und so Beziehungen schaffen. Eignet sich Ihr Konzept auch für kleinere Pflegeinstitutionen? Auf jeden Fall, dort haben die Menschen ähnliche Bedürfnis- se. Und Schnittstellen zum Umfeld schaffen kann man überall. Vielleicht einfach in kleinerem und geografisch anderem Rahmen. Letztlich ist es nur eine Frage der Organisation, auch bezüglich der Finanzierung, etwa über eine Stiftung. Ich finde, dass sich das Konzept für alle Alters- und Pflegeinstitutionen eignet und für die finanziell unsichere Zukunft der im Altersbereich tätigen Institutionen sogar unverzichtbar wird. Welche Projekte stehen beim AZB noch an? Die Gesamtsanierung der Alterssiedlung. Die Wohnungen der drei Gebäude sollen alle zeitgemäss auf 2 bis 2,5 Zimmer ausgebaut werden. Zudem planen wir ein Alzheimerkompetenzzentrum mit 50 bis 90 Plätzen und einer Memory-Abklärungsebene mit verschiedenen Praxen, wo auch Angehörige Informationen und Unterstützung bekommen. Und in Zukunft? Die Bedürfnisse werden sich verändern, Anpassungen nötig sein. In welcher Richtung, lässt sich heute nicht sagen, aber die Individualität der alten Menschen gilt es weiterhin zu achten und zu wahren. AZB | Angebote für Quartier und Region Angebote Kultur Öffentliche Galerie Piazza Kurse (bspw. kreatives Malen) Gesundheit und Wellness Praxis für Physiotherapie Praxis für Podologie Praxis für Ergotherapie (mit Hausbesuchen) Öffentliches Fitnessstudio Xund & Zwäg Öffentlicher Coiffeursalon Gastronomie Restaurant Ambiente und Catering Mahlzeitendienst für Region Kiosk mit Weinladen und Bäckerei Information und Beratung Beratungsstelle in Altersfragen Öffentliche Ernährungsberatung Tageskurse (bspw. Kochkurs) Pflege und Unterstützung Rehabilitation Ferien und Entlastungsbetten Wundheilpraxis Wäsche- und Reinigungsservice Fahrdienste Infrastruktur Allgemeine Raumvermietung Ausstellungsräume (für Kunst und Kultur) Öffentlicher Bancomat und Briefkasten Profitcenter Drittanbieter Zusatz-DL Grundangebot 15 Profitcenter (gewinnorientiert), Drittanbieter (Mietertrag), Zusatz-DL für Bewohner (gratis), Personal (vergünstigt) und/oder Externe (Zusatzertrag) Nicht aufgeführt sind Angebote, die exklusiv für Bewohnerinnen und Bewohner der zugehörigen Alterssiedlung offenstehen. So funktioniert der dynamische Entwicklungsmotor Organisationsentwicklung als Prozess Grafik | Entwicklungskreislauf als dynamischer Prozess Der Entwicklungsmotor im Alterszentrum Am Bachgraben ist sein Prozessmanagement. Es stellt die langfristige Entwicklung der Organisation und ihrer Angebote in den Mittelpunkt. Es ist das Kernstück der Unternehmensführung. Ziele • Steigerung des Kundennutzens • Steigerung der Qualität und Produktivität von Dienstleistungen und Produkten • Förderung der Strategieumsetzung • Wettbewerbsvorteile durch Resultate Grundbausteine aller Prozesse 1. Resultatorientierung – jeder Prozess besteht aus einer Summe von zielgerichteten, ergebnisorientierten Aktivitäten. 2. Kundenorientierung – die Resultate der Prozesse führen zu zufriedenen Kunden. 3. Beitrag an das Ganze – Prozesse sind nie losgelöst von anderen Aktivitäten. 4. Kontrollierbarkeit, Messbarkeit, Beurteilbarkeit – die Leistung und der Ablauf eines Prozesses müssen stets geprüft werden, um Resultat- und Kundenorientierung zu gewährleisten. 5. Wiederholbarkeit und Routine – Prozesse dürfen keine Einzeloder Ausnahmefälle sein. 6. Verantwortlichkeit – ein Prozess besteht aus einer Folge von Aktivitäten, die von bestimmten Funktionsträgern, aber nie von konkreten Personen abhängig sind. 7. Führbarkeit – ein Prozess ist eine Folge von Aktivitäten mit einem Resultat, einer Informations- und einer Steuerungskomponente. 8. Nachhaltigkeit – die Bedürfnisse der Gegenwart werden befriedigt, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Jede Idee wird geprüft! – Inputs als Brennstoff für den Entwicklungsmotor Das Alterszentrum Am Bachgraben fördert proaktiv Inputs aus den unterschiedlichen Perspektiven von Kunden, Mitarbeitern und externen Partnern. Dazu gehören Rückmeldungen sowie Ideen zu Stärken und Verbesserungsbereichen. Dadurch wird eine ständige Verbesserung und Weiterentwicklung der Organisation unter Einbezug aller Mitarbeiter, der Geschäftsleitung und der Führungskräfte vorangetrieben. Der Kunde und die Qualität der Dienstleistung stehen dabei im Zentrum. Die Basis für den konstruktiven Umgang mit Inputs bildet das klar definierte Verbesserungsund Beschwerdewesen. Es gilt der Grundsatz: Jede Idee wird geprüft! Input-Instrumente Umfragen, Rückmeldungen, Ideenbriefkasten, Ideenprämierung für Mitarbeiter, etablierter Bewohnerrat, Beschwerden, Selfassessments, Audits etc. 7 Nachhaltigkeitsprüfung Evaluation, Optimierung GL / ZL 16 Projektende 6 Projektdurchführung Koordination PL Überwachung ZL Projektstart SET GL ZL PL = Strategieentwicklungsteam = Geschäftsleitung = Zentrumsleitung = Projektleitung Verschiedene Akteure (Bewohner, Angehörige, externe Partner, Mitarbeiter) speisen neue Inputs in den Kreislauf ein (bspw. per Ideenbriefkasten) Weiteres zum unternehmerischen Grundverständnis auf der kostenlosen DVD „Wahlfreiheit“ (s. S. 32) Input 1 Prüfung, Priorisierung Massnahmenbeschlüsse SET Einzelmassnahme: Bearbeitung und Erledigung durch verantwortliche Ressortleitung 2 nein Entscheid Projektstatus ja/nein GL / ZL Teilmassnahme Bei Nichtfreigabe: Option 3 17 3 Projekt-Redimensionierung Bei Nichtfreigabe: Option 2 Projektplanung, Kontrolle auf Nutzen, Relevanz, Nachhaltigkeit, Betimmung Projektleitung, Investitionsplanung SET / PL Projektstopp/Sistierung Bei Nichtfreigabe: Option 1 4 nein Entscheid Projektweiterführung GL / ZL 5 Entscheid Projektfreigabe ja/nein GL / ZL Radarlogik Allen Projekten und Prozessen liegt die RADARLogik zugrunde: RADAR = Results (Ergebnisse), Approach (Vorgehen), Deployment (Umsetzung) und Assessment and Refinement (Bewertung und Verbesserung). Mehr Informationen zur Radarlogik finden unter: www.saq.ch/de/excellence/efqm-excellence-modell Age Dossier 2011 BEST PRACTICE Hier werden Brücken geschlagen Hof Speicher im Appenzellerland, Speicher AR von Jolanda Lucchini 18 Der Hof Speicher ist mehr als ein komfortables Alterswohn- und Pflegeheim. In den Gemeinden Speicher und Trogen AR übernimmt er auch die Funktion eines Zentrums für Alter und Gesundheit und Bindeglieds zwischen den Generationen. Die Fahrt mit der Appenzellerbahn von St. Gallen in den ausserrhodischen Luftkurort Speicher dauert gerade mal 23 Minuten. Vom Bahnhof schlendern wir Richtung Dorfplatz, geschindelte und getäferte Fassaden, Steildächer und geschweifte Giebel prägen das Ortsbild. Vom Kirchhügel geht der Blick dann hinunter zu drei Flachdachblöcken. Ein modernes Ensemble und trotzdem kein Fremdkörper. Die Gebäude nehmen mit ihrer grauen Schieferschuppenhaut Bezug zur regionalen Bautradition und manifestieren: Hier werden Brücken geschlagen. In der Anlage ist das Alterswohn- und Pflegezentrum Hof Speicher untergebracht, eine in jeder Beziehung zeitgemässe Institution. Seit ihrer Eröffnung 2006 bietet sie rund 80 älteren Menschen ein komfortables Zuhause, wobei deren individuelle, sich je nach Lebenssituation verändernden Bedürfnisse und Möglichkeiten berücksichtigt werden und mannigfaltige Schnittstellen zum normalen Dorfalltag gegeben sind. Inhaberin des Hofs Speicher ist die Thema | Stationär – und mehr Das Museum für Lebensgeschichten schlägt nicht nur eine Brücke in die Vergangenheit sondern verbindet den Hof Speicher auch mit Menschen aus der ganzen Schweiz. 19 Stiftung „Leben im Alter“, die von einem lokalen Privatspender, der 4000-Seelen-Gemeinde Speicher und deren Nachbargemeinde Trogen (rund 2000 Einwohner) getragen wird. In den Bau hat sie 20 Millionen investiert. Mit dem Aufbau und der Leitung des Betriebs wurde die Hof Speicher AG betraut, die zu einem Drittel der Stiftung und zu zwei Dritteln dem auf Pflegezentren und Altersresidenzen spezialisierten Ostschweizer Familienunternehmen di Gallo gehört. Die Betriebsgesellschaft erhält keine Subventionen, hat sich aber verpflichtet, seit minimal zwei Jahren in Speicher oder Trogen ansässigen Personen in der Pflegeabteilung reduzierte Hotelleriepreise zu bieten. Der Ansatz beträgt 118 Franken. Die Gesamtleitung des Hofs Speicher obliegt Peter di Gallo. Er kennt jede Bewohnerin, jeden Bewohner persönlich und mit Namen. Ebenso alle Mitarbeitenden – darunter sechs Auszubildende sowie Pflege-, Hausdienst-, Küchen- und Servicepersonal, das sich 41,5 Vollzeitstellen aufteilt. Und er hat für ihre Anliegen immer ein Ohr. Kein Wunder, stehen Einzelwohl und Offenheit im Hof Speicher auch sonst an erster Stelle. Das Angebot reicht von 34 modernen 2½- bis 4½-Zimmer-Wohnungen mit Service (z.  ReiB. nigung, Mahlzeitenlieferung, Nachtpikett) bis zur Rundumbetreuung auf der auch für Demenzkranke eingerichteten Pflegeabteilung mit 40 Betten. Ein Teil der Infrastruktur kann durch Externe genutzt werden: etwa der Mehrzweckraum, die Sauna, der Coiffeur und der Andachtsraum, die Dienste von Spi- Age Award | Was der Jury gefiel Die Verbundenheit zum Gemeinwesen ist deutlich und die Art, wie im Rahmen des Museums Lebensgeschichten aufgearbeitet werden, ist beeindruckend. Erstaunt ist man über die Flexibilität der Institution und darüber, wie in diesem unternehmerisch getriebenen Setting Initiativen von Mitarbeitenden Raum gegeben wird. tex und Pro Senectute, die im Hof Speicher eingemietet sind. Ein „Museum für Lebensgeschichten“, Kurse und kulturelle Veranstaltungen bringen ebenfalls Leben ins Haus. Nicht zuletzt auch das hauseigene Restaurant Aglio & Olio, dessen Küche zudem Mittagsmahlzeiten an die Schule liefert. Durch diese Vielfältigkeit ist es gelungen, den Hof Speicher in der Region als Zentrum für Alter und Gesundheit und als Begegnungsstätte zu etablieren. Beim Lunch im „Aglio & Olio“ sind wir denn auch nicht die einzigen auswärtigen Gäste, die die gehobene italienische Küche geniessen. Diese sei „sehr fein“, bestätigt uns auch ein Mädchen aus der Kindergärtelerschar, die wir später auf dem Rückweg zum Bahnhof am Kirchhügel kreuzen. Es weiss es von Besuchen bei den Grosseltern, die im Hof Speicher leben. Einige der Knirpse kennen das Zentrum aus einem anderen Grund: Zwei Mal pro Woche finden dort im Mehrzweckraum Spiel- oder Tanznachmittage für Kinder statt. Es braucht Managerfähigkeiten Interview mit Peter di Gallo, Gesamtleiter Hof Speicher Das Gespräch führte Jolanda Lucchini 20 Peter di Gallo, Ihre Familiengruppe besitzt und betreibt diverse Pflegezentren und Altersresidenzen, beim Hof Speicher ist sie „nur“ für den Betrieb zuständig. Was reizte Sie, diesen zu übernehmen? Dass der Hof Speicher, gerade weil er nicht uns gehört, Pilotcharakter für uns hat. Zudem fühle ich mich der Region verbunden, meine Eltern leiteten in Trogen ein Gehörlosenheim, ich bin dort aufgewachsen. Sie erhalten für den Betrieb keine Subventionen, mussten sich aber auf 20 Jahre verpflichten, Bürgern von Speicher und Trogen in der Pflegeabteilung Sonderkonditionen zu bieten. Wie ist das wirtschaftlich machbar? Den Spezialtarif für Hotellerie mit Vollpension können wir nur gewährleisten, indem wir die Pflegeabteilung durch die Alterswohnungen quersubventionieren. Und dies ist wiederum nur möglich, weil wir den Hof Speicher führen, als würde er uns gehören. Wir haben das Mobiliar für Pflegeabteilung, Restaurant und Küche mit 3,5 Millionen finanziert und setzen wie bei all unseren Betrieben auch hier alles daran, die Anlage in Schuss zu halten. Sie ist, fünf Jahre nach Eröffnung, noch immer sehr gepflegt und wird das bleiben. Zudem streben wir eine optimale Betreuung innerhalb eines hochstehenden Angebots an. Das alles sind Faktoren, die dazu führen, dass im Hof Speicher die Belegung stimmt. Das Angebot basiert auf dem Lebensphasenkonzept. Was ist darunter zu verstehen? Je nach Lebenssituation können unterschiedliche Services in Anspruch genommen werden. Annahme: Eine Person wohnt in einer der Alterswohnungen und mag noch alles selber machen. Wird ihr das Putzen oder Waschen zu viel, kann sie es uns übertragen. Wenn es gesundheitlich nicht so gut geht, stehen die bei uns eingemietete Spitex und der Nachtpikett der Pflegeabteilung zur Verfügung. Oder man wechselt temporär oder ganz in die Pflegeabteilung. Ausserdem sollen im Hof Speicher auch Externe im Bereich Alter und Gesundheit kompetente Lösungen finden. Das baut Ängste vor einem möglichen Umzug hierher ab. Das Restaurant Aglio & Olio im Hof Speicher gehört mit 13 Gault-Millau-Punkten zur gehobenen Kategorie. Braucht es das? Ich könnte mir auch ein 15-Punkte-Lokal vorstellen. Mehr nicht, zu exklusive Küche ist nicht alltagstauglich. Aber Topqualität muss es sein, zu „Wohnen mit Service“ gehört einfach mehr als ein Speisesaal. Bei uns leben Menschen, die viel unterwegs gewesen sind und oft auswärts gegessen haben. Sie wollen auch im fortgeschrittenen Alter aus der Wohnung hinausgehen, Leute treffen, gut speisen oder kulturelle Veranstaltungen besuchen. Solche Angebote sind im Übrigen auch attraktiv für Externe. Peter di Gallo, Gesamtleiter Hof Speicher: „Es ist eine Win-win-Situation.“ Wie gut werden sie genutzt? Das Restaurant wird zu 40 Prozent von externen Gästen frequentiert. Es ist praktisch jeden Mittag voll, man muss reservieren. Das gilt auch für interne Gäste, hier soll ja möglichst alles so funktionieren wie im alltäglichen Leben. Auch unser Fitnessbereich ist permanent ausgebucht, durch In- und Externe. Sehr erfolgreich waren auch die Ausstellung von Hans Krüsi und das Konzert der Minstrels, die alle früher hier mal in Speicher gelebt haben. Sie öffnen den Hof Speicher nach innen, aber auch nach aussen. Weshalb? Einerseits können wir damit etwas zum Gemeindeleben beitragen und gleichzeitig den Hof Speicher integrieren. Es ist eine Win-win-Situation. Ein Beispiel: Wir bedienen die genossenschaftliche Alterssiedlung in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Ihre Bewohner kommen zu uns essen, in die Bibelstunde oder lassen die Wäsche von uns machen. Dass ist für die Siedlung ein Mehrwert: Seither gibt es dort keinen Wohnungsleerbestand mehr, sondern eine lange Warteliste. Auf der anderen Seite sieht für uns auch die Kosten-Nutzen-Rechnung besser aus, wenn wir unsere Infrastrukturen auslasten. Wenn wir schon eine grosse Gastroküche haben, können wir auch für andere kochen – und für die Schule von Speicher 80 Mahlzeiten für den Mittagstisch liefern. Besteht nicht die Gefahr, dass Sie andere Anbieter auf dem Platz konkurrieren? Wir schauen darauf, dass wir das Angebot in der Gemeinde nur ergänzen. Als es darum ging, die ärztliche Betreuung im Hof Speicher sicherzustellen, kontaktierten wir die vier ansässigen Ärzte, aber keiner wollte seine Praxis zu uns ins Haus verlegen. Wir haben davon abgesehen, bei uns eine Praxis für einen fünften Arzt einzurichten. Stattdessen kommt täglich einer der hiesigen Ärzte zu uns auf Hausbesuch. Geht der Hof Speicher auch auf neue Wünsche von aussen ein? Wenn es machbar ist. Vor einem halben Jahr haben uns drei Haushalte mit Personen im Alter zwischen 65 und 85 für Hilfe angefragt, seither kommen diese Leute bei uns essen und wir übernehmen die Reinigung ihrer Wohnungen. Dieses Angebot war ursprünglich nicht vorgesehen, inzwischen haben wir bereits zwei weitere solche Anfragen. Sehen Sie in der Angebotspalette noch Lücken? Intern ja. Was uns wirklich fehlt, ist ein Hallenbad. Bei der Planung war das verworfen worden, aus Kostengründen und weil es in 200 Metern Entfernung ein öffentliches Hallenbad gibt. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass unsere Bewohner dort nicht hingehen, weil es zu laut ist oder sie sich im Badeanzug in der Öffentlichkeit nicht wohlfühlen. Wie sichern Sie das Angebot des Hofs Speicher nachhaltig? Wir haben als Gruppe ein gewisses Potenzial und würden einen unserer Betriebe im Notfall sicher nicht fallen lassen. Aber man darf nicht mit Quersubventionierung durch die anderen Betriebe anfangen, auch der Hof Speicher muss sich selber tragen. Er wird sicher nie ein Betrieb sein, der viel abwirft – und wenn wir nur solche Betriebe hätten, würde es wirtschaftlich für uns schwierig. Aber er ist lebensfähig, nicht zuletzt dank unseren Mitarbeitenden. Sie kennen das Ziel und sind hochmotiviert. Ich schliesse das auch daraus, dass von jenen Angestellten des Ende 2007 geschlossenen Krankenheims in Trogen, die damals für mindestens ein Jahr eine Weiterbeschäftigung im Hof Speicher bekamen, noch immer 90 Prozent bei uns arbeiten. Auf was müsste man achten, wenn man ein ähnliches Modell realisieren möchte? Es braucht Managerfähigkeiten, Sozialengagement allein reicht heute nicht mehr. Der ganze Bereich Alter, Wohnen und Betreuung ist sehr komplex geworden. Man muss sich aber vor allem bewusst sein, dass man das Modell von der grundsätzlichen Idee her umsetzen, aber nicht einfach 1:1 auf einen anderen Standort übertragen kann. Von Region zu Region gibt es völlig andere Mentalitäten und Bedingungen, der schweizerische Föderalismus ist nicht zu unterschätzen. Ihre Vision für zukünftige Projekte? Man muss realisieren, was der Zeit entspricht. Wichtig bleibt dabei, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner im Rahmen des Möglichen geborgen und sicher fühlen können. Hof Speicher | Angebotsbrücken zur Gemeinde und Region 21 Kultur Museum für Lebensgeschichten (öffentlicher und Pflegebereich) ErinnerBAR (Lesungen, Vorträge und Diskussionsrunden) HOF KLANG (Musik-Events) HOF MARKT (öffentlicher Markt) Öffentliche Bibliothek Andacht Gesundheit und Wellness Wellness (öffentlich) Fitness (öffentlich) Coiffeur (Drittanbieter) Gastronomie Restaurant Aglio & Olio Catering Mahlzeiten-Auslieferung Mittagstisch Information und Beratung Pro Senectute (in house) Pflege und Unterstützung Spitexstützpunkt (in house) Übergangspflege Ferienaufenthalte Tagesstätte Hauswirtschaftliche Unterstützung externer Haushalte Infrastruktur Vermietung von Sitzungszimmer, Mehrzweckraum Verpachtung Gewerberäume für Drittanbieter Age Dossier 2011 BEST PRACTICE Welcher Tag war gestern? Pflegezentrum Entlisberg, Zürich ZH von Andrea Schaufel 22 Die Gerontologische Beratungsstelle im Zürcher Pflegezentrum Entlisberg bietet Demenzkranken und ihren Angehörigen massgeschneiderte Lösungen für den Alltag. Die Krankheit unserer Tage heisst Demenz. Viele kennen sie unter dem Namen Alzheimer, wobei Alzheimer nur etwas mehr als die Hälfte aller Demenzerkrankungen ausmacht. Wir fürchten uns vor einer Demenzerkrankung, weil sie unsere Vorstellung vom selbstbe- stimmten Leben zerstört. In der Schweiz gibt es 24 700 neue Fälle von Demenzerkrankungen pro Jahr. Dementsprechend steigen auch die Kosten für Betreuung und Pflege der Betroffenen und die Nachfrage nach einem praxisnahen, einheitlichen Diagnose- und Behandlungsstandard. Mit der Gründung der Gerontologischen Beratungsstelle hat die Stadt Zürich eine gut wahrnehmbare und leicht erreichbare Koordinationsstelle für Diagnostik, Therapie, Betreuung und Pflege von Demenzpatienten geschaffen. Die Beratungsstelle verbindet die demenzspezifisch ausgerichtete Kompetenz der Memory-Klinik mit den Dienstleistungen und Angeboten der Hausbesuche SiL und den ergänzenden Angeboten zur Betreuung und Pflege zuhause. Memory-Klinik Die Stadt Zürich reagierte bereits 1991 auf erhöhte Inzidenz- Thema | Stationär – und mehr Das Pflegezentrum Entlisberg holt nicht nur das Quartierleben ins Haus, sondern unterstützt betagte Zürcherinnen und Zürcher auch beim selbständigen Wohnen in den eigenen vier Wänden. 23 raten bei Demenz und initiierte die Einrichtung einer MemoryKlinik. Eine solche Institution gab es zu diesem Zeitpunkt nur in Basel. Die Zürcher MemoryKlinik wurde im Pflegezentrum Entlisberg eingerichtet, dem mit 334 Betten grössten der zehn Pflegezentren der Stadt. Es liegt an ruhiger Lage im Quartier Zürich-Wollishofen. 14 Abteilungen, zwei Wohngruppen und ein Tageszentrum sind im Entlisberg für Demenzpatienten zuständig. Die Memory-Klinik hat das Ziel, Demenzerkrankungen frühzeitig zu erkennen und mithilfe von Präventivmassnahmen zur Erhaltung von Gedächtnisleistungen beizutragen. Tatsächlich lassen sich durch frühzeitige Massnahmen wichtige Therapieerfolge erzielen, die nicht selten eine Überweisung in ein Pflegeheim verhindern oder verzögern. Damit folgt man dem gesundheitspolitischen Auftrag der Stadt „ambulant vor stationär“. Hausbesuche und ergänzende Angebote Das ist auch das Anliegen der im Rahmen eines Pilotprojektes des Vereins Gesundheitsnetz 2025 entwickelten Hausbesuche SiL. Die Abkürzung SiL steht für Sozialmedizinische individuelle Lösungen. Die Fachpflegekräfte überlegen gemeinsam mit den Angehörigen, wie sich das Leben zuhause verbessern lässt und wie Angehörige bei Betreuung und Pflege entlastet werden können. Im Gegensatz zu den Leistungen der Memory-Klinik bedarf es bei den Hausbesuchen keiner ärztlichen Überweisung. Komplettiert werden die Angebote der Memory-Klinik und die Hausbesuche durch ergänzende Angebote zur Betreuung und Pflege zuhause. Das sind Stunden-, Tages- oder Nachtaufenthalte im Entlisberger Tageszentrum. Solche regelmässigen Kurzaufenthalte können den Alltag von De- Age Award | Was der Jury gefiel Die Jury ist von der Relevanz der Angebote überzeugt. Die Versorgungskette, die im Pflegezentrum Entlisberg angeboten wird, setzt bereits bei den ersten möglichen Anzeichen einer Demenz ein. Die Angebote begleiten sowohl die demenzerkrankten Personen wie auch ihre Angehörigen durch den ganzen Verlauf der Krankheit. Die Einrichtung der Gerontologischen Beratungsstelle bündelt Informationen für Ärzte, Angehörige und Betroffene. menzpatienten strukturieren. Für pflegende Angehörige sind sie eine oft dringend benötigte Erholungspause. Das Pflegezentrum Entlisberg engagiert sich aber auch im eigenen Stadtteil. Zweimal im Jahr ist man mit einem Stand beim Quartiermarkt vertreten und Vereine nutzen das Pflegezentrum als Veranstaltungsort. Die Harmonie Wollishofen richtet zum Beispiel im Festsaal des Pflegezentrums ihre Bettagskonzerte aus. Zudem ist das Pflegezentrum ein geschätzter Arbeitgeber, der Wintergarten und die Cafeteria sind beliebte Treff- punkte für Bewohner, Angehörige und Leute aus dem Quartier. In der Cafeteria kann man dem Gezwitscher von Zebrafinken und Bergwachteln lauschen, die Terrasse lädt zum Sonnenbaden ein. Und wenn die Kinder der im Pflegezentrum angesiedelten städtischen Kinderkrippe mit ihren Rollern zwischen den Tischen herumflitzen, ist klar, dass dieser Ort zum Stadtviertel gehört. Für Abwechslung sorgt auch das breite soziokulturelle Angebot für die Bewohner des Pflegezentrums von A wie Abendkaffee bis Z wie Zirkusbesuch. Hausbesuche fördern das selbstständige Wohnen Interview mit Peter Schuler, Betriebsleiter Pflegezentrum Entlisberg Das Gespräch führte Andrea Schaufel ihrer gewohnten Umgebung orientieren, verlieren das Kurzzeitgedächtnis und das Sprachvermögen. Wie kommen Demenzkranke mit Ihnen in Kontakt? Die Gerontologische Beratungsstelle kann ganz unkompliziert durch eine leicht memorierbare Telefonnummer kontaktiert werden. Bei uns melden sich Menschen, die erste Anzeichen für eine Veränderung der Hirnleistungen bemerken oder die zunehmend Schwierigkeiten haben, den Alltag zu bewältigen. Es rufen aber auch Nachbarn oder Sozialdienste bei Verhaltensauffälligkeiten an. Was geschieht dann? Zuerst besprechen wir, ob eine ausführliche Untersuchung in der Memory-Klinik sinnvoll ist oder ob wir einen Hausbesuch machen. Bei einem Hausbesuch werden Tests zur Gedächtnisund Hirnleistung in der Wohnung der Klienten durchgeführt. Die Ergebnisse werden mit der ärztlichen Leitung der MemoryKlinik ausgewertet. Gemeinsam mit den Betroffenen und Familienmitgliedern wird dann überlegt, welche Massnahmen nötig sind, um das Leben zuhause zu unterstützen. Das kann ein regelmässiger Einsatz der Spitex, eine Haushaltshilfe oder sogar ein Ferienaufenthalt sein. Wir helfen auch bei der Suche nach Anlaufstellen für finanzielle und amtliche Fragen. Sind die Hausbesuche also so etwas wie eine „Demenzambulanz“? Da haben Sie ein gutes Wort kreiert. Ja, vielleicht könnte man die Hausbesuche tatsächlich als Demenzambulanz bezeichnen. Der erste Kontakt findet meist statt, wenn etwas aus dem Ruder läuft, wenn es brennt. Aber die Hausbesuche retten nicht nur, sie begleiten über einen langen Zeitraum. Es handelt sich also um eine langfristige Demenzambulanz. In der Schweiz leben heute circa 107  000 Menschen mit Demenz. Die schweizerische Alzheimervereinigung geht 24 Peter Schuler, Betriebsleiter des Pflegezentrums Entslisberg: „Wir leisten einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Kostenreduzierung im Gesundheitswesen.“ Unter dem Namen „Gerontologische Beratungsstelle“ wurden im April 2010 in ihrem Pflegezentrum drei Bereiche zusammengeführt: die Memory-Klinik, Hausbesuche und ergänzende Angebote zur Pflege zuhause. Warum war dieser Schritt notwendig und welche Vorteile ergeben sich daraus in der Praxis? Es wurde deutlich, dass das Angebot der 1991 gegründeten Memory-Klinik nicht ausreicht. Es gibt Menschen, die nicht in die Memory-Klinik kommen können oder Hemmungen haben, sich in einer solchen Klinik zu melden. Also haben wir 2008 zusätzlich das Angebot entwickelt, Demenzkranke zu Hause zu besuchen. Dann haben wir noch die ergänzenden Angebote zur Pflege, mit flexibel buchbaren Tages- und Nachtaufenthalten in unserem Tageszentrum, dazugenommen. Seit es die Gerontologische Beratungsstelle als zentrale Anlaufstelle gibt, ist die Nachfrage sowohl bei den Hausbesuchen als auch bei den ergänzenden Angeboten gestiegen. Hier hat sich der niederschwellige Zugang über die Telefonnummer der Beratungsstelle bezahlt gemacht. Bereits im Dezember 2010 mussten wir im Bereich der Hausbesuche eine neue Stelle schaffen. Von Demenz Betroffene können sich oft nicht mehr in Grafik | Vernetzte Kompetenz im Pflegezentrum Entlisberg A Sozialmedizinisch individuelle Lösungen (SiL) B Memory-Klinik Entlisberg C Ergänzende Angebote / flexible Tagesaufenthalte A Gerontologische Beratungsstelle Pflegezentrum Entlisberg Hausbesuche und professionelle Unterstützung für demenzerkrankte Menschen (ohne ärztliche Zuweisung). Frühzeitige Diagnostik von Hirnleistungsstörungen und deren Therapie (mit ärztlicher Zuweisung). Flexibles, individuell gestaltbares Tag- und Nacht-Betreuungsangebot für Menschen, die zuhause gepflegt werden. Angehörige Pflege und Betreuung Pflegezentren Stadt Zürich, Altersheime Stadt Zürich, Spitex Stadt Zürich Medizin Spitäler und Kliniken, Ärzte Forschung und Spezialisten Hochschulen (UZH, ZHAW), MemoryKliniken, Spezialisten Organisationen Schweizerische Alzheimervereinigung, SRK, Pro Senectute, Dienste Stadt Zürich, Freiwilligenorganisationen, Beratungsstellen Behörden Vormundschaftsbehörde Gerontologische Beratungsstelle Pflegezentrum Entlisberg B Stadtärztlicher Dienst Zürich C 1 1 2 2 4 6 5 3 3 4 25 5 Dank breiter Vernetzung findet die Gerontologische Beratungsstelle für ihre Kunden Lösungen sowohl im medizinischen Bereich wie auch im Bereich der Alltagsbewältigung. 6 davon aus, dass sich diese Zahl bis zum Jahr 2030 verdoppeln wird. Müssen Sie ihr Angebot zukünftig erweitern? Zum jetzigen Zeitpunkt können wir den Bedarf in der Diagnose und in der Pflege und Betreuung von Menschen mit Demenz in der Stadt Zürich sehr gut abdecken. Im letzten Jahr meldeten sich 220 Personen, im ersten Halbjahr 2011 bereits über Hundert. Sollte der Bedarf zunehmen, könnte man sowohl die Angebote der Memory-Klinik als auch die Hausbesuche erweitern. Denkbar wäre zum Beispiel eine Telefonhotline. Dazu müssen natürlich auch auf politischer Ebene Mittel freigegeben werden. Die ergänzenden Angebote zur Betreuung und Pfle- ge zuhause sind schon sehr breit gefächert. Betroffene und Angehörige können Stunden-, Tagesund Nachtaufenthalte einmalig oder regelmässig in Anspruch nehmen. Wie ist die Gerontologische Beratungsstelle finanziell abgesichert? Die Memory-Klinik und die Hausbesuche werden weitgehend über die Krankenkassen finanziert. Die Zukunftsperspektiven hängen daher eng von den Entwicklungen bei den Krankenkassen ab. Warum lohnt das Unternehmen Gerontologische Beratungsstelle? Es wird heute davon ausgegan- gen, dass zwei von drei Demenzkranken in der Schweiz nicht diagnostiziert sind und dementsprechend auch nicht demenzspezifisch behandelt werden. Angesichts dieser Situation kommt der Frühdiagnostik in der Memory-Klinik eine grosse Bedeutung zu. Wir leisten zudem einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Kostenreduzierung im Gesundheitssystem. Die Hausbesuche fördern mit ihren Hilfsangeboten das weitgehend selbstständige Wohnen. Eine Überweisung in ein Pflegeheim, die immer mit immensen Kosten verbunden ist, wird dadurch vermieden. Wer sind Ihre Mitstreiter? Im ambulanten Bereich arbeitet die Gerontologische Beratungs- stelle eng mit dem Stadtärztlichen Dienst, mit Hausärzten, Spitälern, mit der schweizerischen Alzheimervereinigung und mit dem Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich zusammen. Selbstverständlich sind auch die Spitex, Pro Senectute oder Beratungsstellen wie Wohnen im Alter mit von der Partie. Zum Schluss sei noch die Frage erlaubt: Wie wollen Sie alt werden? Alt werden beginnt mit der Geburt. Mein Lebensweg und mein Verständnis vom Altwerden verändern sich fortwährend. Im Vordergrund steht dabei ganz klar der Wunsch nach Würde, Respekt und danach, möglichst wenig leiden zu müssen. Age Dossier 2011 BEST PRACTICE Zweiter Frühling in Buttisholz Pflegewohngruppen Buttisholz, Buttisholz LU von Andrea Schaufel 26 Die Luzerner Gemeinde fand mit dem neuen Wohnzentrum Primavera nachhaltige und flexible Wohnlösungen für ihre betagten Bewohner und gewann einen neuen Dorftreffpunkt. Überrascht steht man als Besucher vor dem Wohnzentrum Primavera in Buttisholz, nur ein paar Gehminuten vom Dorfzentrum entfernt. Die beiden modernen Häuser korrespondieren in keiner Weise mit den gängigen Vorstellungen von einem Altersheim. Eher lassen sie einen Beitrag zur jüngsten Biennale vermuten. Betritt man jedoch die gleich neben dem Eingang gelegene, halbseitig verglaste Cafeteria, so wird klar, dieser Wettbewerbsbeitrag wird bewohnt. Hier treffen sich die betagten Mieter, deren Angehörige und Leute aus dem Dorf. Das im September 2009 eröffnete Wohnprojekt bietet pflegebedürftigen Senioren in einem Haus die Möglichkeit intensiver Betreuung in familiär gestalteten Pflegewohngruppen. Im anderen können rüstige Betagte kleine und grosse Wohnungen mieten. Ihnen stehen je nach Bedarf die Dienstleistungen der im selben Haus stationierten Spitex und weitere Serviceleistungen des Vereins Pflegewohngruppen Buttisholz, wie Mittagstisch oder Wäschedienst, zur Verfügung. Eine im Notfall abrufbare Rund-um-die-Uhr-Betreuung, die am Tag durch das Personal der Spitex und in der Nacht durch den Verein gewährleistet wird, kommt dem zunehmenden Sicherheitsbewusstsein der Thema | Stationär – und mehr Diskutieren unter der Pergola oder Schreinern im Werkraum: In Buttisholz ist ein Wohn-, Begegnungs-, Gesundheits-, Informations- und Aktivitätszentrum entstanden. 27 Ein Brunnen steht genau zwischen Spitexstützpunkt und Pflegewohngruppen. Pflegewohngruppen, Spitex und Gemeinde arbeiten Hand in Hand. Man sucht nach Möglichkeiten, nicht nach Grenzen. Mieter entgegen. Dieses sogenannte Wohnen mit Dienstleistung hilft, eigene Ressourcen so lange wie möglich auszuschöpfen. Wird der Umzug in eine Pflegewohnung nötig, so bedeutet dies nur einen Wechsel ins Nachbarhaus, das vertraute Umfeld bleibt bestehen. Darin besteht gerade im Alter, in dem Veränderungen nicht selten Ängste auslösen, ein unschätzbarer Vorteil. Das vertraute Umfeld im Primavera wird wesentlich geprägt von gemeinsamen Aktivitäten – so unterstützen zum Beispiel vier Mieterinnen die Küche der Pflegewohnungen beim Rüsten, man trainiert gemeinsam im Fit- nessraum und spaziert bei schönem Wetter im „Pärkli“. Gemeinsamkeit wird auch nach aussen kommuniziert. In den Pflegewohngruppen gibt es keine festen Besuchszeiten, Nachbarn, Angehörige und Dorfbewohner sind zu jeder Zeit gern gesehen. Anlässe für einen Besuch im Wohnzentrum gibt es für die Buttisholzer genug und sie werden rege genutzt. Einmal im Monat findet im Primavera ein öffentlicher Gottesdienst statt, der Mehrzweckraum des Wohnzentrums wird von den zahlreichen Vereinen des Dorfes regelmässig angemietet und die Cafeteria bietet bei Voranmeldung einen öffentlichen Mittagstisch Age Award | Was der Jury gefiel Das Projekt weist im Kontext einer Landgemeinde eine hohe Passung zu den Bedürfnissen der Bevölkerung und der Dorfinfrastruktur auf. Die Jury denkt, dass diese Art von kleinräumigen Unterstützungs- und Anlaufzentren ein zukunftsfähiges Modell darstellen kann. Das Engagement der Betreiber und die Flexibilität, mit der auf neue Herausforderungen reagiert wird, hat der Jury hervorragend gefallen. an. Dreimal im Jahr kommen die älteren Bewohner von Buttisholz ausserdem zum offiziellen Jassnachmittag hierher. Das Wohnzentrum steht also im wahrsten Sinne des Wortes für einen „Gemeinderaum“. Durch die örtliche Zusammenführung bereits vorhandener Ressourcen (Spitexstützpunkt und Verein Pflegewohngrup- pen) kann das Primavera eine optimale Versorgung pflegebedürftiger Personen in Buttisholz und Umgebung gewährleisten. Geplant ist, das Wohnprojekt zu einem Kompetenzzentrum für Altersfragen auszubauen. Dies wäre wohl das i-Tüpfelchen auf diesem durch und mit der Gemeinde verwirklichten Wohnprojekt. Neue Wege gehen, vorausschauend planen Interview mit Madlen Heer, Leiterin der Pflegewohngruppen Buttisholz Das Gespräch führte Andrea Schaufel Daneben ist der Wunsch nach Geselligkeit und sozialer Integration sehr gross. Deshalb haben wir das Konzept eines offenen Hauses entwickelt. Die zahlreichen monatlichen Veranstaltungen, die vom Team der Pflegewohngruppen organisiert werden, sind gut besucht, ob nun gemeinsam gesungen oder gekocht wird. Die Cafeteria wird immer mehr auch von älteren Menschen der Umgebung genutzt, sei es für das Mittagessen oder für ein Treffen zu Kaffee, Schwatz und Jass. Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Wechsel vom Wohnen mit Dienstleistung in eine Pflegewohngruppe? Seit Bestehen des Wohnzentrums ist nur ein Mieter in eine Pflegegruppe umgezogen. Wir sind überzeugt, dass das Angebot Wohnen mit Dienstleistung die Überweisung in eine Institution verzögert oder sogar nicht mehr notwendig macht. Die Mischform kann die Kostenvorteile von Pflegewohngruppen oder einem Heim und der Spitex verbinden. Eine Studie der Spitex Schweiz zeigt auf, dass speziell im Überlappungsbereich der mittleren Pflegebedürftigkeit ein interessanter Spielraum für die Beeinflussung der Kosten liegt. Der Wechsel in eine Pflegewohngruppe ist bei uns ein vergleichsweise sanfter Einschnitt, weil man in der vertrauten Umgebung bleibt. Man kennt das Personal und seine Nachbarn. Unserer Erfahrung nach sind auch die Schwellenängste gegenüber einem Pflegeplatz durch gemischte Wohnformen deutlich geringer. Der Europarat hat das Jahr 2011 zum Jahr der Freiwilligenarbeit ausgerufen. Wird das Wohnzentrum auch durch ehrenamtliches Engagement unterstützt? Ja, wir haben Menschen aus dem Dorf, die zum Beispiel bei den Vorbereitungen zum wöchentlichen Gottesdienst helfen. Und dann gibt es noch die freiwillige Nachbarschaftshilfe im Haus. Rüstige Bewohner 28 Madlen Heer, Leiterin Pflegewohngruppen Buttisholz: „Wir sind für alle Anfragen seitens der Gemeinde offen.“ Das Wohnprojekt Primavera wurde vor fast zwei Jahren eingeweiht. Hier können Senioren in autonomen Haushalten, in Wohnungen mit Dienstleistung oder in Pflegewohngruppen ihren Lebensabend verbringen. Was sprach für die Eröffnung dieses Wohnzentrums? Der Verein Pflegewohngruppen hat bereits 1997 Pflegewohngruppen in Buttisholz gegründet. Das war damals ein Novum im Luzerner Raum. Die Einwohner haben die Pflegewohngruppen kennen und schätzen gelernt. Als 2004 das Altersleitbild der Gemeinde Buttisholz überarbeitet und Umfragen in der Gemeinde durchgeführt wurden, war der Wunsch nach grosszügigen Pflegewohngruppen und vor allem Kleinwohnungen deutlich, damit möglichst alle pflegebedürftigen Buttisholzer in ihrer Gemeinde bleiben können. Wir haben daraufhin überlegt, wie wir den individuellen Bedürfnissen alternder Menschen noch besser Rechnung tragen können: Verschiedene Wohnformen anzubieten, schien uns die ideale Lösung. Im September 2009 war das Primavera bezugsbereit. Sind die Buttisholzer zufrieden mit der Umsetzung? Es sieht ganz so aus. Seit der Eröffnung sind die 16 Pflegeplätze in den Wohngruppen immer belegt und die Mietwohnungen vergeben. Der Verein hat sogar ein zusätzliches Ferienund Entlastungsbett für Notfälle eingerichtet. Unser Wohnmodell ist sehr anpassungsfähig und kann bei steigender Nachfrage aufgestockt werden. So kann zum Beispiel bei Bedarf eine 5½-Zimmer-Mietwohnung zu einer Wohngruppe für demenzkranke Menschen oder zu einer weiteren Pflegewohngruppe umfunktioniert werden. Das Besondere beim sogenannten „Wohnen mit Dienstleistung“ ist, dass die Mieter selbst entscheiden, wie viel Hilfe sie benötigen. Welche Dienstleistungen werden am häufigsten in Anspruch genommen? Das sind vor allem der Mittagstisch, Fensterreinigungen und die Nutzung des Angebotes für Tagesaufenthalte. Sehr geschätzt wird auch die Sicherheit, in der Nacht jederzeit Hilfe herbeirufen zu können. Tabelle | Angebote im Wohnzentrum Primavera – für Mieter, Wohngruppenbewohner und Bevölkerung Angebote Basisangebote Verwaltung Wohnzentrum Vermietung Wohnungen Betrieb Pflegewohngruppen Pflegeangebote Spitexstützpunkt 7:00 – 17:30 Ambulante Pflege 17:30 – 7:00 Nachtpikett Notruf PWG Pflege- und Entlastungsbett Wäsche / Reinigungen Arztpraxis Aktivität und Kultur Veranstaltungsangebot Erlebnisangebot Andacht Infrastruktur Betrieb Cafeteria Pärkli Fitnessraum Nutzgarten Miete Mehrzweckraum Werkraum Mieter PWG-Bewohner Externe Verein PWG Spitex Gemeinde Drittanbieter 29 seltene Nutzung Nutzer Dienstleister / Verantwortliche aus dem Wohnen mit Dienstleistung begleiten zum Beispiel Pflegegruppenbewohner auf einen Ausflug oder ins Konzert. Wie sieht es mit der Unterstützung durch die Gemeinde aus? Die Gemeinde Buttisholz steht von Anfang an voll hinter dem Wohnprojekt. Wir sind zum Beispiel sehr gut mit der politischen Ebene vernetzt. Schon seit 1997, seit den ersten Pflegewohngruppen, ist stets eine Person aus dem Gemeinderat im Vorstand des Vereins vertreten. Zurzeit ist das die Gemeinderätin für Finanzen. Der Leiter Schule und Soziales der Gemeinde ist für die Vermietungen der Wohnungen im Primavera zuständig. Unsererseits achten wir darauf, dass die Angebote des Wohnzentrums nicht mit denen im Dorf konkurrieren. Unsere Cafeteria zum Beispiel ist auf eine fixe Anzahl von Mittagessen und eine kleine Karte beschränkt und damit kein zusätzliches Dorfrestaurant. Wenn der Wunsch besteht, könnte man hier einen Mittagstisch für Schulkinder einrichten. Wir sind da für alle Anfragen seitens der Gemeinde offen. Welche Rahmenbedingungen sind nötig, um ein ähnliches Wohnprojekt zu verwirklichen? Pflegewohngruppen können leicht in schon bestehendem Wohnraum, in Mietshäusern oder Eigenheimen realisiert werden. Bei uns hat die Gemeinde dem Verein Pflegewohngruppen die Gewährleistung der Pflege und Betreuung älterer Menschen übertragen. Das erwies sich als eine gute Organisationsform. Der Verein kann damit eigenverantwortlich handeln. Er tritt als Mieter der Wohnungen mit einem eigenen Budget und Vereinskapital auf und kann Entscheidungen schnell treffen und umsetzen. Und was würden Sie interessierten Gemeinden noch mit auf den Weg geben? Neben einer soliden Finanzierung bedarf es Muts neue Wege zu gehen, und ganz wichtig: vorausschauend planen. Wir haben uns bei der Konzeption des Projekts gefragt, welche Bedürfnisse ältere Menschen in zehn oder zwanzig Jahren haben werden. Mehr Informationen zum Wohnzentrum Primavera finden Sie im Age Impuls Juli 2011. Kostenlos erhältlich unter www.age-stiftung.ch/publikationen. KONTEXT Bündeln und verknüpfen, um Neues zu schaffen Wie sich Institutionen und ihre Umgebung vernetzen können von Prof. FH Simone Gretler Heusser 30 Wie können Einrichtungen sich in ihrer räumlichen Umgebung positionieren? Welches sind geeignete Formen der Kontaktaufnahme und der Zusammenarbeit? Nachdenken über die eigene Praxis und kleine Veränderungen können oft schon viel Positives bewirken. soneller Ebene umfasst manchmal nur die Leitungsgremien, vielleicht aber auch die Nutzerinnen und Nutzer. Angestellte begegnen Laien, Menschen, die in der Institution wohnen, begegnen Aussenstehenden. Das kybernetische Grundprinzip kommt zum Tragen: Neues kann sich besonders dort gut entfalten, wo vorhandene Kräfte und Ressourcen genutzt werden. Wo liegen die Hürden? Vielerorts laufen solche Austauschbeziehungen problemlos. Andere Institutionen hingegen suchen wenig Kontakt mit der Umgebung. Dafür gibt es verschiedene Gründe: Bei den einen fehlen zeitliche und personelle Ressourcen oder der persönliche Bezug zur Umgebung, um sich mit solchen Fragen auseinanderzusetzen. Bei anderen ist in den Leitbildern und Zweckbestimmungen der Jede Institution1 hat mannigfaltige Bezüge zu ihrem Umfeld. So stellt ein Altersheim Räumlichkeiten für eine öffentliche Veranstaltung zur Verfügung oder in der Turnhalle einer Schule trainieren Sportvereine. Dadurch entstehen Beziehungen. Die Einrichtung wird anders wahrgenommen und positioniert sich auch anders; Begegnungen finden statt, sowohl auf struktureller (Organisationskulturen) als auch auf personeller Ebene. Der Austausch auf per- Wie beim Bäcker im Alterszentrum Am Bachgraben liegt die Kunst, Neues zu erschaffen, darin, bestehende Ressourcen geschickt zu verknüpfen. Institutionen und Gemeinwesen sind dabei gleichermassen gefordert. chenden Angebote sie unter Berücksichtigung vorhandener Ressourcen bereitstellen könnte. So können Einrichtungen im Quartierverein mitwirken und über ihre Angebote an der Jahresversammlung informieren. Gemeinsam zu klären ist, wo sich Synergien ergeben: beispielsweise kann das Altersheim einen Mittagstisch für die Schüler der benachbarten Schule oder Firmenangestellte der Umgebung anbieten. Die drei Vernetzungstypen Neben den in diesem Heft beschriebenen Projekten lohnt sich ein Blick über die Grenze: Dort gibt es weitere Beispiele guter Praxis, welche drei Typen von Vernetzung zugeordnet werden können: Die multifunktionale Einrichtung, welche eine Drehscheibe für Aktivitäten und Begegnungen darstellt, wie das Generationenhaus in Heslach (Stuttgart)2, in welchem junge und alte Pflege3, Dienstleistungen für Ältere wie Arzt oder Coiffeur kombiniert werden und welches zugleich Quartierzentrum mit Treffpunkt ist. Vereine können die Räume kostenlos nutzen, verpflichten sich jedoch, auch die Pflegefälle mit ihrem Angebot anzusprechen. Die „traditionelle“ Einrichtung, die sich öffnet, wie das betreute Wohnen „bis zum Tod“ der Arbeiterwohlfahrt in Kiel4: neben einem normalen Mietvertrag für eine Ein- bis Zweizimmerwohnung kann von Mahlzeiten über Wäsche bis Vollpflege alles zusätzlich gebucht werden; es besteht eine Partnerschaft mit einer Schule (jeweils mit einer Klasse über drei Jahre!), es gibt einen Garten, ein Café, eine Bibliothek, die auch Aussenstehenden offenstehen. Die Einrichtung, die sich öffnet und auch selber aktiv in die Umgebung hineingeht. Ein Altersheim in Innsbruck organisiert die Nachbarschaftshilfe für jene Senioren, die in ihrer Wohnung bleiben wollen/können, und bietet zugleich einen Mittagstisch für die Schule in der Nachbarschaft an. So unterschiedlich und vielfältig diese Beispiele sind, überall ist dabei ein Zusammengehen von Professionellen (und eine zunehmende Professionalisierung) mit gleichzeitigem Ausbau von freiwilligem Engagement zu beobachten. Fazit und Ausblick Viele gute Ansätze werden schon umgesetzt, es gibt verschiedene Vernetzungstypen. Zum Teil muss die Qualität des Bestehenden noch mehr bewusst gemacht werden bzw. das Bewusstsein über das Potenzial von Vernetzung mit der Umwelt gestärkt werden. Dabei soll nicht das Angebot immer mehr erweitert, sondern das Querschnittdenken gefördert werden. Bestehende Ressourcen gilt es zu bündeln und zu verknüpfen, um Neues zu schaffen. Institutionen und Gemeinwesen sind dabei gleichermassen gefordert. Ebenso muss das Engagement Freiwilliger weiterentwickelt und gefördert werden. Dabei soll die Komplementarität zu Professionellen im Vordergrund stehen sowie die Wertschätzung des freiwilligen Engagements gerade auch von älteren Menschen. Nicht Patentlösungen sind gefragt, sondern tragfähige und nachhaltige Ideen, die lokal angepasst sind. Darum sind ein partizipatives Vorgehen von Anfang an und die Mitwirkung der Institutionen in lokalen Vernetzungsorganisationen zu empfehlen. Bei allen Verweisen handelt es sich um Beispiele aus der Schweiz oder aus Deutschland und Österreich, welche wir aus eigener Erfahrung kennen. 2 www.generationenhaus-heslach.de 3 Zwei getrennte Einrichtungen sind für junge und alte Pflegefälle zuständig. Beide sind im Generationenhaus angesiedelt. 4 www.awo-pflege-sh.de/einrichtungen/wohnen-mit-service 1 31 Austausch mit der Umgebung nicht vorgesehen oder man ist sich bestehender Potenziale nicht bewusst. Hier wäre eine Analyse von Angebot und Nachfrage bezüglich eines Austausches zwischen Institution und Umgebung angezeigt. Angebot, Nachfrage und Synergien Darüber, welche Lösungswege für ein erfolgreiches und ergiebiges Zusammengehen beschritten werden, bestimmen immer beide Seiten – Gemeinwesen und Institution. Im Stadtteil oder im Dorf stellt sich die Frage nach den Bedürfnissen. Dort zeigt sich häufig ein Mangel an Infrastrukturen: Es fehlen Treffpunkte oder geeignete Räume für die verschiedenen Gruppen und Vereine. Läden wie Bäckerei, Drogerie oder Kiosk schliessen. Das bringt insbesondere für alte Menschen weite Wege oder Hindernisse mit sich. Im ländlichen Raum äussert sich dieser strukturelle Wandel in entleerten Dorfkernen; Einkäufe sind nur mit dem Auto zu bewältigen. Beim Zuzug neuer Institutionen sollte es für die Gemeinden zur Routine werden, unter Einbezug der Bevölkerung zu fragen, welche Bedürfnisse im Quartier bestehen. Davon profitieren beide Seiten. Den Gemeinden resp. Quartieren muss der potenzielle Nutzen einer Öffnung auch ihrerseits gegenüber den Institutionen bewusst werden. Eine Patentlösung gibt es nicht, die einzelne Einrichtung und die lokale Situation müssen immer berücksichtigt, Optionen gegenseitig geprüft werden. So könnten Pflege- und Altersinstitutionen zum Beispiel vermehrt Leistungen für Aussenstehende anbieten. Die Institution wiederum muss ihrerseits klären, welche entspre- Prof. FH Simone Gretler Heusser, Institut für Soziokulturelle Entwicklung, Hochschule Luzern – Soziale Arbeit Wahlfreiheit Impressum DER FILM ZUM AGE AWARD 2011 Age Dossier 2011 Stationär – und mehr Mitarbeit an diesem Dossier: Antonia Jann, Age Stiftung; Dr. Markus Leser, Curaviva Schweiz; Ursula Kremer-Preiss und Holger Stolarz, KDA; Prof. FH Simone Gretler Heusser, Institut für Soziokulturelle Entwicklung, Hochschule Luzern – Soziale Arbeit; Dr. Guido Bartelt, bbp Bartelt, Bapst und Partner; Jolanda Lucchini, publizierbar. ch; Andrea Schaufel, Journalistin; Andreas Sidler, Age Stiftung Redaktion: Andreas Sidler; Fotografie: Ursula Meisser; Gestaltung: medialink, Zürich; Druck: Zofinger Tagblatt AG Jury Age Award 2011: Antonia Jann, Geschäftsführerin Age Stiftung, Zürich (Präsidium); Dr. Gustav Egli, Verwaltungsdirektor, Bethesda, Küsnacht; Sabina Hubacher, Architektin BSA, Zürich; Prof. Dr. Mike Martin, Ordinarius für Gerontopsychologie der Universität Zürich, Zürich; Dr. René Schwendimann, Leiter Bereich Lehre, Institut für Pflegewissenschaft, Basel Stiftungsrat der Age Stiftung: Hans Peter Farner, Präsident; Benjamin Vetterli, Alfred Grieder Das Age Dossier erscheint jährlich und kann bei der Age Stiftung kostenlos bezogen werden. Diese Broschüre steht auch als PDF zum Download zur Verfügung. Das Age Dossier und viele weitere Publikationen finden Sie unter: www.age-stiftung.ch Age Stiftung Kirchgasse 42, 8001 Zürich Telefon 044 455 70 60 info@age-stiftung.ch www.age-stiftung.ch DVD PAL | 16:9 | Mundart Film: 36’ | Extras: 19’ DOCMINE Productions AG Ein Film von Simon Koller im Auftrag der Age Stiftung Kostenlos zu beziehen bei der Age Stiftung unter www.age-stiftung.ch Das Alterszentrum Am Bachgraben in Allschwil bietet stationäre Pflege – und mehr. „Und mehr“ heisst hier mehr Begegnungen, mehr Vielfalt und mehr Lebensqualität. Die Geschäftsleitung entwickelt gemeinsam mit Mitarbeitern und Bewohnern Angebote, die von den Zentrumsbewohnern ebenso genutzt werden wie von der Dorf- und Quartierbevölkerung. Dadurch entstehen neue Räume für alltägliche Begegnungen und Betätigungen über die Grenzen des Alterszentrums hinweg, sei es in der Kunstgalerie, in der Bäckerei oder im öffentlichen Fitnesscenter. Der Film von Simon Koller begleitet drei Bewohner und drei Mitarbeitende durch ihre Wohnund Arbeitswelt. Dabei wird gezeigt, wie das Allschwiler Alterszentrum Am Bachgraben seine Angebotsvielfalt plant, gestaltet und weiterentwickelt – professionell, profitabel und unkompliziert zugleich. Im Fokus aller Bemühungen steht dabei die individuelle Lebensqualität und Wahlfreiheit der Bewohnerinnen und Bewohner. Wer in diesem positiven Umfeld wohnt, fühlt sich frei in der individuellen Lebensgestaltung und in der Nutzung von Dienstleistungen.
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