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Periodical volume

Full text: Engagement macht stark! Issue 2016,1

ISSN 2193-0570
Woche des bürgerschaftlichen Engagements 2016

Ausgabe 1 / 2016

12. WOCHE DES BÜRGERSCHAFTLICHEN
ENGAGEMENTS
16. BIS 25. SEPTEMBER 2016

Zu den Thementagen:
GESUNDHEIT UND PRÄVENTION
MIGRATION UND ENGAGEMENT
UNTERNEHMENSENGAGEMENT
FÜR ARBEIT UND INTEGRATION

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Ausgabe 1 / 2016

Bildstrecke:
FLUCHT UND VERTREIBUNG NACH DEM ZWEITEN
WELTKRIEG – Fotos aus dem Bildarchiv des
Deutschen Historischen Museums

Magazin des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement (BBE)
5. Jahrgang, Ausgabe 1 / 2016

© Henrik Andrée

In Gedenken an den ersten und langjährigen Vorsitzenden
des SprecherInnenrates des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE)

Thomas Olk
14. Oktober 1951 – 4. März 2016

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Inhalt
Editorial
Seite 4 – 5
Vorwort
Dr. Thomas Röbke
PD Dr. Ansgar Klein
Seite 6 – 7
Sonderseiten
zum Tod von Thomas Olk
Prof. Dr. Thomas Olk: Kurzbiografie, Publikationen, Arbeits- und Forschungsschwerpunkte und Funktionen im
Überblick
Seite 9 – 11
Prof. Dr. Thomas Olk
Gemeinsame Traueranzeige von
FreundInnen, WegbegleiterInnen
und Kolleginnen
Seite 12 – 14
Die Zivilgesellschaft verliert einen ihrer
wichtigsten Fürsprecher – Ein persönlicher Nachruf enger Wegbegleiter, Mitstreiter und Freunde von Thomas Olk
GISELA JAKOB | BIRGER HARTNUSS |
ADALBERT EVERS | ANSGAR KLEIN
Seite 15 – 25
Engagementnetzwerke oder: von Ungleichzeitigkeiten und Verspätungen
Dr. Thomas Röbke
Seite 26 – 31

Migration und Engagement
Thementag: Migration und Engagement
Seite 55
Gesundheit und Prävention
Thementag: Gesundheit und Prävention
Seite 33
Präventionsgesetz – ein Schritt zur
Gesundheitsförderung auch für PatientInnen und Selbsthilfe
Prof. Dr. Raimund Geene
Seite 34 – 39
Die Zukunft der Pflegeberufe
Ulla Schmidt, MdB
Seite 40 – 43
Gesundheitsfördernde und präventive
Potenziale im Kontext pflegeflankierenden Engagements: Die Kontaktstellen
„PflegeEngagement“
Stefanie Emmert-Olschar
Ina Kammermeier
Seite 44 – 46
Das Präventionsgesetz von 2015 und
das Engagement in der Pflege
Dr. Med. Katharina GraffmannWeschke
Seite 47 – 49
Gemeinsam Gesundheit gestalten
Petra Fuhrmann
CHRISTOPH J. Rupprecht
Seite 50 – 52

Die Bewältigung der Flüchtlingskrise ist
eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Thomas Silberhorn, MdB
Seite 56 – 59
Engagement für Flüchtlinge und die
Weiterentwicklung der Engagementlandschaft
Dr. Thomas Röbke
Seite 60 – 64
Interview mit Dr. Joy Alemazung: In
Deutschland angekommen
ADELHEID SCHULTZE
Seite 65 – 68
Rechtsruck in Europa? Strategien gegen
Rechtspopulismus in der Flüchtlingskrise
Mirko Schwärzel
Seite 69 – 72
Flucht und Engagement – eine politische Großbaustelle
Dr. Serge Embacher
PD Dr. Ansgar Klein
Seite 73 – 76
UnternehmensEngagement für
Arbeit und Integration
Thementag: Unternehmensengagement für Arbeit und Integration
Seite 79

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Flüchtlingsengagement der Charta der
Vielfalt unterstützt durch EY
Laura Aimee Lasswell
Benjamin Boldt
Seite 80 – 82
Aktiv für eine nachhaltige Gesellschaft
Gabriele Kotulla
Seite 83 – 86
Schaffen wir was. Eine Chronologie.
Eine Provokation. Ein Plädoyer.
Peter Kusterer
Seite 87 – 91
Die Bedeutung des Engagements von
kleinen und mittleren Unternehmen bei
der Integration von Flüchtlingen
Tina Weber | Katharina Hock
Seite 92 – 95
Bildstrecke
Dr. Henning Fülle
Seite 96 – 97
AUTORINNEN UND AUTOREN
Seite 98 – 99
IMPRESSUM
Seite 100

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Editorial
Zeitenwenden

Berlin – Flüchtlinge und Umsiedler: Flüchtlingssiedlung, 1946 / 1949 © Puck Pressedienst

Ankunft von Flüchtlingen auf dem Bahnhof Berlin Lichterfelde Süd, 1945 © Gerhard Gronefeld

Nur selten erkennt die Mehrheit der
Zeitgenossen später „historisch“ genannter Ereignisse und Entwicklungen
deren epochale Bedeutung. Was im
ersten Moment des Erlebens als „dramatisch“, spektakulär oder eben „historisch“ erscheint, erweist sich dann
häufig genug als winzige Delle im
Kontinuum der Normalität. So schienen
die großen Zahlen von Migranten, die
im vergangenen Jahr aus verschiedenen
Himmelsrichtungen nach Europa und
Deutschland strömten, das politische,
das Rechts- und die Sozialsysteme und

die Fundamente der Grundrechte zu
erschüttern. Um populistische Ängste
vor Differenzerfahrung und „Überfremdung“ in Schach zu halten – und damit
die Systemloyalität und den sozialen
Frieden zu schützen, müssten Freizügigkeit und die Schutzrechte vor Krieg und
Verfolgung in Europa beschnitten werden, wurde argumentiert und gefordert.
Andererseits zeigten und organisierten
sich spontan und eindrucksvoll die Kräfte
und Potenziale des individuellen und
zivilgesellschaftlichen Engagements zur

Bewältigung der Herausforderungen. In
diesem Zusammenhang sind die Themen
Engagement, Partizipation und Freiwilligkeit angesprochen. Rasche Entwicklungen und direkte Handlungsbedarfe machen es schwierig, seitens der Parteien
und von Regierung und Gesetzgebung
angemessene Rahmenbedingungen zu
gewährleisten.
Uns war rasch klar, dass wir für diese
Ausgabe des Magazins das Thema der
Migrationsbewegungen zwar aufnehmen, dabei aber nicht bei den aktuellen
Beispielen der Willkommenskultur
stehen bleiben wollten – zumal, wie
inzwischen deutlicher sichtbar wird, sich
der Schwerpunkt der Aufgaben von der
Willkommens- zur Integrations-Kultur
verlagert. Insofern ist die Bildstrecke
dieses Heftes den historischen Fluchtbewegungen, ihrer Aufnahme und Integra-

tion in Deutschland gewidmet. Aus dem
Fotoarchiv des Deutschen Historischen
Museums (DHM) haben wir die Motive
erhalten, die zeigen, dass die Aufnahme
von Heimat-Vertriebenen und deren Integration so ganz vorbild- und beispiellos nicht ist – in jeder Hinsicht.
Wir bedanken uns sehr herzlich bei den
Kolleginnen vom Bildarchiv des DHM,
Frau Jüllig und Frau Krause, die uns
dieses Material herausgesucht und zur
Verfügung gestellt haben. Unseren
Leserinnen und Lesern wünschen wir
eine ertragreiche Lektüre!
Dieter Rehwinkel
Projektleiter
„Woche des bürgerschaftlichen Engagements“

Dr. Henning Fülle
Redakteur

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VORWORT
Es hat uns sehr betroffen und traurig
gemacht, dass die Würdigung unseres
aus dem langjährig versehenen Amt
des Vorsitzenden des SprecherInnenrates des BBE ausgeschiedenen Kollegen
und Freundes Thomas Olk nun gleich
auch noch als Nachruf zu formulieren
war: Noch bei der Eröffnung der Woche
des bürgerschaftlichen Engagements
im vorigen September und bei der
Mitgliederversammlung im November 2015 hatten wir Thomas Olk nach
längerer krankheitsbedingter Abwesenheit wieder begrüßt und als heiter und
zukunftsfreudig wahrgenommen. Nach
seinem Entschluss, die Ämter im BBE
abzugeben, gönnten wir alle ihm die Zeit
und Muße, die wiedergewonnene Gesundheit für Forschung und Privatleben
zu nutzen. Und dann erfuhren wir erst
kurz vor seinem Tod, dass er doch nicht
wieder gesundet war und nur noch
einen kurzen Aufschub erhalten hatte.
Und so ist es für uns Wunsch und
Pflicht zugleich, in diesem Magazin die
Bedeutung und Rolle von Thomas Olk
für die engagementpolitischen Diskurse
darzustellen und zu würdigen. Daher
beginnt dieses Heft mit Beiträgen von
Freunden und Weggefährten.

Wir integrieren diese Würdigung
ausdrücklich nicht in den schon länger
geplanten und entworfenen Heftablauf,
der, wie immer in der Frühjahrsausgabe,
die Schwerpunktthemen der diesjährigen Woche des bürgerschaftlichen
Engagements behandelt.
Ein Schwerpunktthema der Kampagne
2016 ist „Gesundheit und Prävention“.
Für dieses Thema gab den Ausschlag,
dass mit der Verabschiedung eines
neuen Präventionsgesetzes durch den
Deutschen Bundestag im vergangenen
Jahr die Rahmenbedingungen für Freiwilligkeit und Engagement in diesem
Feld neu aufgestellt wurden. Expertinnen und Experten aus den Sektoren
der Gesellschaft und den Bereichen des
Engagements diskutieren konstruktivkritisch diese Veränderungen.
Doch natürlich finden auch das Engagement für und mit Geflüchteten, die
praktische Ansätze und Perspektiven
des Engagements in der Willkommensund Integrationskultur und die hier
festzustellenden Bedarfe der Engagementförderungen ihren Platz in diesem
Heft. „Migration und Engagement“
sowie „Unternehmensengagement für
Arbeit und Integration“ sind daher die

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stellung von Wohnraum und Begegnungsstätten bis hin zu Aktivitäten zur
Aufklärung über Flucht- und Migrationsmotive, über kulturelle Differenz und die
Übergänge von Engagement für zum Engagement von Flüchtlingen in Ballungsräumen wie auch in den Peripherien und
ländlichen Räumen.

„Flüchtlingskinder“ im Auffanglager Hof, 1989
© Michael Pladeck

beiden anderen Schwerpunktthemen
der Woche des bürgerschaftlichen
Engagements 2016, für die wir wieder
gewichtige Autorinnen und Autoren
aus den Sektoren Staat/öffentliche
Verwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft gewinnen konnten, die uns
Orientierung geben und Bewertungen
vorschlagen.
Dabei wissen wir schon – zumal die
Unterstützung durch das Bundesamt
für Migration und Flüchtlinge zugesagt
ist –, dass wir im Herbst zur Woche des
bürgerschaftlichen Engagements ein
Sonderheft des Magazins herausgeben
können und werden, in dem das weite
Spektrum der durch Engagement getragenen praktischen Integrationskultur
abgebildet werden soll. Es reicht von der
organisierten Zeit-, Sach- oder Geldspende über begleitende Mentoreneinsätze,
freiwillige Hilfen bei Sprachunterricht
und Integrationskursen über Bereit-

Doch in dem hier vorliegenden Heft
finden Sie, liebe Leserinnen und Leser, in
bewährter Weise zunächst auch grundsätzliche Gedanken und Überlegungen
zur strategischen Orientierung der Engagementpraxis in unserem Lande.
Wir danken den Autorinnen und Autoren, der Redaktion und den Kolleginnen und Kollegen beim Bildarchiv des
Deutschen Historischen Museums für
die Bereitstellung der beeindruckenden
Erinnerungen an die Aufnahme von
Geflüchteten und Vertriebenen in einer
ganz anderen, von Mangel und Depression geprägten historischen Situation
nach dem Zweiten Weltkrieg!
Wir wünschen eine anregende Lektüre
und Betrachtungen und freuen uns
selbstverständlich über Reaktionen und
Feedback.
Dr. Thomas Röbke
Vorsitzender des SprecherInnenrates
des BBE

PD Dr. Ansgar Klein
Geschäftsführer des BBE

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Prof. Dr. Thomas Olk: Kurzbiografie, Publikationen, Arbeits- und Forschungsschwerpunkte und Funktionen im Überblick

Thomas Olk
14. Oktober 1951 – 4. März 2016

Sonderseiten
zum Tod von Thomas Olk
Kurzbiografie
•	 geboren am 14. Oktober 1951 in Lübeck
•	 1972 – 1980 Studium der Erziehungswissenschaft mit der Studienrichtung
Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Studium der Soziologie in Bonn und Bielefeld
•	 1981 – 1983 Wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Oldenburg,
Fachbereich Pädagogik, Fachgruppe Sozialarbeit/Sozialpädagogik
•	 1983 – 1989 Wissenschaftlicher Angestellter an der Universität Bielefeld,
Fakultät für Pädagogik, AG 8 (Sozialarbeit/Sozialpädagogik)
•	 1985 Promotion an der Fakultät für Pädagogik an der Universität Bielefeld zum
Thema „Sozialarbeit als Dienstleistung – Bedingungen und Folgen der Ausdifferenzierung fürsorglichen Handelns“
•	 WS 87/88 Vertretung der C3-Professur „Geschichte der sozialen Arbeit“ im
Fachbereich 4 der Gesamthochschule Kassel
•	 1988 – 1989 Sprecher des Forschungsschwerpunktes Jugendforschung an der
Fakultät für Pädagogik der Universität Bielefeld (mit W. Heitmeyer)
•	 SS 1987 – SS 1988 Habilitation an der Fakultät für Pädagogik der Universität
Bielefeld zum Thema „Formwandel des Helfens. Professionell-bürokratische
und informelle Unterstützungssysteme in der Sozialarbeit/Sozialpädagogik
am Beispiel von Jugendproblemen“
•	 1989 – 1991 Wissenschaftlicher Mitarbeiter (unbefristet) am Zentrum für
Sozialpolitik der Universität Bremen, Abt. Theorie und Verfassung des Wohlfahrtsstaates

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•	 SS 1990 Vertretung des Lehrstuhls für Sozialpädagogik (C4) an der Universität
Trier, Fachbereich 1 (Philosophie, Psychologie, Pädagogik)
•	 1991 C4-Professur Sozialarbeit/Sozialpädagogik (Gründungsprofessur) an der
Pädagogischen Hochschule Halle
•	 seit April 1993 Inhaber des Lehrstuhls (C4) für Sozialpädagogik und Sozialpolitik am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Arbeits- und Forschungsschwerpunkte
•	 Professionalisierung helfender Berufe
•	 Dritte-Sektor- und Wohlfahrtsverbändeforschung
•	Kindheits- und Jugendforschung
•	 Armutsforschung
•	 Jugendhilfeforschung
•	 Sozialpolitikforschung
•	 Engagementforschung
Funktionen
•	 Mitglied der Kommission „Sozialpädagogik“ der Deutschen Gesellschaft für
Erziehungswissenschaft (DGfE)
•	 Mitglied im Verein KSPW – Kommission zur Erforschung des Sozialen und Politischen Wandels in den Neuen Bundesländern e. V. (von 1993 bis zur Auflösung
des Vereins im Jahre 1998)
•	 Mitglied im Vorstand (von 1995 bis 2002 dessen Sprecher) der Sektion „Sozialpolitik“ in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
•	 Mitglied des Landesjugendhilfeausschusses des Landes Sachsen-Anhalt
(1998 – 2010)
•	 Mitglied des Projektbeirates der 2., 3. und 4. Welle des Freiwilligensurveys in
Deutschland des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
(seit 2004)
•	 Sachverständiges Mitglied in der Enquete-Kommission des Deutschen
Bundestages „Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ (1999 – 2002)
•	 Mitglied des Internationalen Forschungsnetzwerks „Children’s Welfare“
im Rahmen der EU-geförderten COST-Aktion A 19; seit 2002 stellvertretender
Sprecher des Management-Komitees der COST-Aktion (1999 – 2006)
•	 Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats des IES – Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung Hannover (2002 – 2004)
•	 Vorstandsvorsitzender der Stiftung Bürger für Bürger (2000 – 2013)

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•	 Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung Bürger für Bürger (ab 2013)
•	 Mitglied des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE);
seit Juli 2003 Vorsitzender des SprecherInnenrates des BBE
•	 Mitglied des Beirats des Projektes „mitWirkung! – Stärkung der Kinderund Jugendbeteiligung“ der Bertelsmann Stiftung (2004 – 2008)
•	 Mitglied des Expertenbeirates des Projektes „Jung bewegt“ der Bertelsmann
Stiftung (seit 2009)
•	 Mitglied des Beirats „Kompetenznachweis Lernen im sozialen Umfeld“
des Deutschen Jugendinstituts (2004 – 2006)
•	 Mitglied des „Bündnis für Demokratie und Toleranz. Gegen Extremismus und
Gewalt“ des Bundesministeriums des Innern und des Bundesministeriums der
Justiz (seit 2005)
•	 Vertrauensdozent der Heinrich-Böll-Stiftung (seit 2005)
•	 Mitglied des Beirats „Selbstorganisation älterer Menschen“ (SÄM) sowie des
Expertenbeirats des Programms „Aktiv im Alter“ des Bundesministeriums für
Frauen, Senioren, Familie und Jugend (2006 – 2009)
•	 Mitglied des Bundesjugendkuratoriums – BJK (2006 – 2009)
•	 Mitglied der Expertengruppe zum Bertelsmann-Preis 2007 „Soziales Engagement als Bildungsziel“
•	 Experte beim Bertelsmann-BürgerForum Soziale Marktwirtschaft (2008)
•	 Mitglied der Unabhängigen Sachverständigenkommission zur Erstellung des
14. Kinder- und Jugendberichtes der Bundesregierung (seit 2010)
•	 Mitglied im Fachbeirat für die Anlauf- und Beratungsstelle „Fonds DDR-Heimerziehung“ Sachsen-Anhalt (seit 2013)
Herausgegebene Buchreihen und Zeitschriften
•	 Buchreihe „Soziologie und Sozialpolitik“ im VS Verlag
•	 Buchreihe „Grundlagen der Sozialen Arbeit“ im Schneider Verlag
•	 Mitglied des Beirats der „Neuen Praxis“ Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik im Verlag neue praxis GmbH
•	 Mitglied des Beirats der Rezensionszeitschrift „Sozialwissenschaftliche Literatur
Rundschau“ im Verlag neue praxis GmbH
•	 Mitglied des Beirats der „Zeitschrift für Sozialreform“ bei der Lucius & Lucius
Verlagsgesellschaft mbH
•	 Mitglied des Beirats der Zeitschrift „Diskurs Kindheits- und Jugendforschung“
im Verlag Barbara Budrich

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Prof. Dr. Thomas Olk (14. Oktober 1951 – 4. März 2016)
Gemeinsame Traueranzeige von FreundInnen, WegbegleiterInnen und KollegInnen
Thomas Olk war ein Streiter für die demokratische und vitale Zivilgesellschaft. Er war
seit Gründung des BBE 2003 bis kurz vor seinem Tod 2016 der erste Vorsitzende des
BBE-SprecherInnenrates. Mit hohem persönlichen Einsatz, wissenschaftlicher Exzellenz und feiner Diplomatie bahnte er einer Politik der Förderung des bürgerschaftlichen Engagements den Weg. Mit außergewöhnlichem Engagement und wissenschaftlicher Exzellenz hat er den Weg des BBE über ein Jahrzehnt lang geprägt und
durch sein couragiertes Wirken eine Politik der Förderung bürgerschaftlichen Engagements mitbegründet. Wir verlieren mit ihm einen wichtigen Analytiker, Impulsgeber
und Wegweiser. Sein Vorbild und Wirken bleiben uns Auftrag.
In tiefer Trauer und Dankbarkeit.
Thomas Altgeld, Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. | Dr. Sigrid Bachler, Deutscher Gewerkschaftsbund | Dr. Eugen Baldas, IAVE |
Manfred Bauer, SprecherInnenrat BBE und Bundesland Brandenburg – Staatskanzlei |
Tobias Baur, Landesnetzwerk Bürgerengagement „aktiv in Berlin“ Landesfreiwilligenagentur
Berlin e.V. | Dr. Thomas Bellut, Zweites Deutsches Fernsehen | Michael Bergmann, SprecherInnenrat BBE und Deutscher Caritasverband e.V. | Ute Bertel, Landeshauptstadt München |
Matthias Betz, Deutsches Rotes Kreuz (DRK) Generalsekretariat | Prof. Dr. Adelheid Biesecker |
Franz-Ludwig Blömker, Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros (BaS) | Hildegard Bockhorst, Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. (BKJ) | Rainer Bode, Landesarbeitsgemeinschaft Soziokultureller Zentren Nordrhein-Westfalen e.V. | Thomas Böhme,
Ministerialrat a.D., Staatskanzlei Hannover | Helga Bomplitz, Vorsitzende des Landesringes
M/V des Deutschen Seniorenringes e.V. | Prof. Dr. Sebastian Braun, Humboldt-Universität zu
Berlin | Jürgen Breitenfeld, Bundesland Sachsen-Anhalt – Staatskanzlei | Birgit Bursee, Vorsitzende Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa) e.V. | OKR Dr. Ralph
Charbonnier, Evangelische Kirche in Deutschland | Cornelia Coenen-Marx, Seele und Sorge |
Marion Deiß, Bundesland Baden-Württemberg Ministerium für Arbeit und Sozialordnung,
Familie, Frauen und Senioren | Christine Dotterweich, Evangelische Akademien in Deutschland (EAD) e.V. | Dr. Jörg Eggers, Geschäftsführer Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter e.V. |
Prof. Dr. Adalbert Evers | Karin Fehres, Vorstand Sportentwicklung des DOSB | Lothar Frick,
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg | Petra Fuchs, Deutscher Verein
für öffentliche und private Fürsorge e.V. | Dr. Uli Glaser, Ref. für Jugend, Familie und Soziales,

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Stadt Nürnberg | Karin Gruhlke, Vorsitzende Netzwerk freiwilliges Engagement in Mecklenburg-Vorpommern e.V. | Martina Haag, Ref. für Jugend, Familie und Soziales, Stadt Nürnberg |
Karin Haist | Andrea Hankeln, Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des
Landes Nordrhein-Westfalen | Birger Hartnuß, Staatskanzlei Rheinland-Pfalz | Ursula Helms,
NAKOS | Dr. Frank Heuberger, Europa-Beauftragter des BBE | Gabriella Hinn, Bundesarbeitsgemeinschaft Seniorenbüros (BaS) | Katja Hintze, Stiftung Bildung | Alfons Hörmann, Präsident
des DOSB | Rainer Hub, Diakonie Deutschland Evangelischer Bundesverband | Kerstin Hübner,
Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. (BKJ) | Dr. Reinhild Hugenroth |
Dr. Konrad Hummel | Susanne Huth, INBAS-Sozialforschung GmbH | Hannes Jähnert,
Deutsches Rotes Kreuz (DRK) Generalsekretariat | Prof. Dr. Gisela Jakob, HS Darmstadt |
Anita M. Jakubowski, Vorstand DAG SHG e.V. | Wilma Jessen, Abteilungsleiterin Jugend,
Familie und Teilhabe – für das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz | Thomas Kegel | Jana Kellermann | Tobias Kemnitzer, Geschäftsführer Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa) e.V. | Prof. Dr. Helmut Klages |
PD Dr. Ansgar Klein, Geschäftsführer BBE | Christiane Kohne, Deutsches Rotes Kreuz (DRK)
Generalsekretariat | Dr. Jens Kreuter, Geschäftsführer Engagement Global gGmbH |
Prof. Dr. phil. Sonja Kubisch, Fachhochschule Köln Fakultät für Angewandte Sozialwissenschaften | Dörte Lüdeking, Deutsches Rotes Kreuz (DRK) Generalsekretariat | Jens Maedler,
Bundesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. (BKJ) | Dr. Angelika Magiros,
Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. | Stefan Malik, BDKJ-Bundesstelle e.V. | Erich Marks,
Deutscher Präventionstag gemeinnützige GmbH | Sigrid Meinhold-Henschel, Bertelsmann
Stiftung | Franz Müntefering, Vorsitzender BAGSO | Prof. Dr. Gerd Mutz, Hochschule München | Dr. Stefan Nährlich, Geschäftsführer Stiftung Aktive Bürgerschaft | Johanna Neuling,
Freie Mitarbeiterin Redaktion/Organisation BBE | Eckhard Otte, Deutsches Rotes Kreuz
(DRK) Generalsekretariat | Dipl.-Ing. Cemalettin Özer, Geschäftsführender Gesellschafter
der MOZAIK gGmbH, Bielefeld | Andreas Pautzke, stv. Geschäftsführer BBE | Rainer Prölß,
Referent für Jugend, Familie und Soziales, Stadt Nürnberg | Birgit Radow, Bundesverband
Deutscher Stiftungen | Erik Rahn, 4K Projekte | Christiane Richter, Vorsitzende Seniorpartner
in School e.V., LV Berlin | Dr. Thomas Röbke, Vorsitzender des BBE-SprecherInnenrates und
Landesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement Bayern e.V. | Prof. Dr. Roland Roth |
Martin Rüttgers | Boris Rump, Referent für Bildung und Engagement des DOSB; Mitglied
im BBE-KOA | Carola Schaaf-Derichs, Sprecherrätin des BBE und Landesnetzwerk Bürgerengagement „aktiv in Berlin“ Landesfreiwilligenagentur Berlin e.V. | Dietrich Schippel |
Walter Schneeloch, Vizepräsident des DOSB | Dieter Schöffmann, VIS a VIS Beratung – Konzepte – Projekte | Dr. Lilian Schwalb, BBE | Manfred Spangenberg | Dr. Christoph Steegmans,
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend | Dr. Graf Rupert Strachwitz,
Maecenata Institut | Ana-Maria Stuth, Akademie für Ehrenamtlichkeit Deutschland |
Dr. Sabine Süß, Netzwerk Stiftungen und Bildung | Wolfgang Thiel, NAKOS | Regina Vierkant |
Dagmar Vogt-Janssen, Landeshaupstadt Hannover FB Senioren | Bettina Windau, Bertelsmann
Stiftung | Brigitta Wortmann, Sprecherrätin BBE | Christoph Zeckra, Generali Zukunftsfonds |
Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes e.V.

Es wird um Spenden gebeten, die dabei helfen, die letzten noch von Thomas Olk
vorbereiteten Schriften zu edieren. Spendenkonto: Bank für Sozialwirtschaft,
BIC: BFSWDE33BER, IBAN: DE96 1002 0500 0003 2229 03

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Staatssekretär Dr. Ralf Kleindiek, BMFSFJ
zum Tod von Professor Olk

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Die Zivilgesellschaft verliert einen ihrer wichtigsten Fürsprecher
Ein persönlicher Nachruf enger Wegbegleiter, Mitstreiter und Freunde von Thomas Olk

Der Soziologe und langjährige Vorsitzende des Sprecherrates
des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement (BBE),
Prof. Dr. Thomas Olk, ist am vergangenen Freitag verstorben.
Der Staatssekretär im Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend, Dr. Ralf Kleindiek, würdigte die Lebensleistung von Professor Olk:

Gisela Jakob, Adalbert Evers, Birger Hartnuß, Ansgar Klein

„Wir verlieren eine herausragende Persönlichkeit, einen anerkannten Wissenschaftler und sehr wichtigen Partner unseres
Ministeriums, der die Engagementpolitik in Deutschland ganz
maßgeblich mitgeprägt hat. Prof. Dr. Thomas Olk hat sich stets
in all seinen Funktionen für eine lebendige Demokratie und ein
starkes Gemeinwesen eingesetzt.

Mit außergewöhnlichem Engagement, wissenschaftlicher Exzellenz und hoher Diplomatie hat er den Weg des BBE über ein Jahrzehnt lang geprägt und durch sein couragiertes Wirken eine Politik der Förderung bürgerschaftlichen Engagements mitbegründet. Wir verlieren mit ihm einen wichtigen Analytiker, Impulsgeber und Wegweiser.

Er hat als Sprecherratsvorsitzender das BBE mitaufgebaut
und gelenkt. Mit großer Verantwortung und Ausdauer hat er
sich für das BBE und alle Fragen der Engagementförderung
eingesetzt und damit das BBE zu dem starken bundesweiten,
trisektoralen Netzwerk in der Engagementpolitik gemacht, das
es heute ist. Wir sind Professor Olk sehr dankbar, dass wir über
all die Jahre mit ihm zusammenarbeiten durften. Er hat stets
durch große Kompetenz, Verlässlichkeit und überdies durch seine großartige Menschlichkeit überzeugt. Wir werden ihn sehr
vermissen“, sagte Dr. Ralf Kleindiek.

Am 4. März 2016 ist Prof. Dr. Thomas Olk, erster und langjähriger Sprecherratsvorsitzender des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) nach langer, schwerer
Krankheit verstorben. Wir verlieren mit ihm einen leidenschaftlichen Denker, einen markanten Wissenschaftler und einen unbeirrbaren Streiter für eine aktive Bürgergesellschaft.

Thomas Olk war aber nicht nur „der Kopf“ des BBE. Vielen, die mit ihm im Netzwerk,
in Forschung und Wissenschaft, Publizistik sowie in der politischen Auseinandersetzung zusammenarbeiten durften, war er zugleich ein kluger Lehrer, ein engagierter
Kollege und nicht zuletzt ein guter Freund.
In tiefer Trauer und Dankbarkeit gedenken wir des Menschen Thomas Olk. Vier seiner
engen Weggefährten nehmen mit sehr persönlichen Nachrufen Abschied von ihm.

Mit Thomas Olk habe ich einen langjährigen Begleiter und Weggefährten
verloren, der sich mit wissenschaftlicher
Sachlichkeit und leidenschaftlichem
Engagement mit der Rolle der Zivilgesellschaft und der Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements befasst
hat. Er war einer der ersten, der bereits
in den 1980-er Jahren die Bedeutung
ehrenamtlichen Engagements – wie es
damals noch selbstverständlich hieß
– für eine demokratische Gesellschaft

erkannte und sich damit wissenschaftlich auseinandersetzte. In einem viel
zitierten Aufsatz in der Sozialwissenschaftlichen Literatur Rundschau hat er
1987 die These vom „Strukturwandel
des Engagements“ formuliert und mit
dem Begriff einer „neuen Ehrenamtlichkeit“ versucht, die Veränderungen
bei den Formen und Motiven zu fassen.
In dieser Zeit des Aufbruchs und Neudenkens bin ich Thomas Olk erstmals

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persönlich auf einer Tagung der Kommission Sozialpädagogik begegnet, wo
ich Ergebnisse aus meiner abgeschlossenen Dissertation „Biographie und
Ehrenamt“ vorstellte. Im Anschluss an
meinen Vortrag hat Thomas mir eine
Tätigkeit in dem von ihm geleiteten
Forschungsprojekt zum ehrenamtlichen
Engagement in Einrichtungen des Caritasverbandes angeboten. Dies war der
Beginn einer langjährigen und anregenden Zusammenarbeit – zunächst an der
Universität in Bremen und mehrere
Jahre dann, als ich wissenschaftliche
Assistentin in seinem Lehrgebiet an der
Martin-Luther-Universität Halle war.
Die Zeit in Halle war von der Aufbruchstimmung unmittelbar nach der „Wende“ geprägt, aber auch von Fragen nach
dem Funktionieren des DDR-Systems
und den Anforderungen des Transformationsprozesses bestimmt. In einem
gemeinsamen Forschungsprojekt haben
wir untersucht, wie der sogenannte
Vorruhestand von „freigesetzten“ Beschäftigten bewältigt wurde und welche
Rolle dabei einschlägige Projekte und
Angebote von Bildungsträgern spielten.
In diese Zeit fiel auch der Tod seiner
Frau Claudia, eine sehr schmerzhafte
Erfahrung für Thomas und die noch
kleinen Kinder.
Thomas und ich sind uns dann einige
Zeit später in der Enquete-Kommission
des Deutschen Bundestages „Zukunft

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des Bürgerschaftlichen Engagements“
wiederbegegnet. Er war als Sachverständiger berufen worden, ich war als
wissenschaftliche Mitarbeiterin und
später als stellvertretende Leiterin im
Sekretariat der Kommission tätig. Die
dreijährige Arbeit dieser Kommission
war eine sehr produktive Zeit, in der
sowohl wichtige Gedanken für eine
theoretische Fundierung als auch
Grundlagen für die politische Aufwertung bürgerschaftlichen Engagements
gelegt wurden. Thomas war dabei ein
wichtiger Impulsgeber, der mit seiner
wissenschaftlichen Expertise die Arbeit
der Kommission wesentlich geprägt
hat. Er spielte zudem oft eine ausgleichende Rolle, wenn über die Ausrichtung der Kommissionsarbeit oder über
Formulierungen in dem Abschlussbericht debattiert wurde. Mit seiner
Sachlichkeit, gebündelt mit seiner
wissenschaftlichen Kompetenz, hat er
dazu beigetragen, so manche Differenzen auszugleichen.
Thomas Olk hinterlässt eine große
Lücke in der wissenschaftlichen und
politischen Fachdebatte um bürgerschaftliches Engagement und Zivilgesellschaft. Seine zahlreichen und
wegweisenden Veröffentlichungen
bleiben und werden nachwirken. Er
selbst wird uns allen aber fehlen. Und
schon heute geht es mir so, dass ich
gerne wüsste, wie er im Einzelnen über
die neuen Herausforderungen zur Integration geflüchteter Menschen und die

Rolle der Zivilgesellschaft dabei denkt.
Es ist so schade, dass wir uns über diese
und andere heutige Fragen nicht mehr
mit ihm austauschen können. Doch wir
werden ihn mitdenken.
Gisela Jakob

Im September 1990 habe ich ein Lehramtsstudium (Mathematik/Chemie)
an der Pädagogischen Hochschule in
Halle/Saale begonnen. Die Wirren und
Ungewissheiten in der Nachwendezeit
haben mich nach einem Semester dazu
bewogen, den Naturwissenschaften
den Rücken zu kehren und in den frisch
eingerichteten Diplomstudiengang
Erziehungswissenschaften zu wechseln, von dessen Abschluss ich mir eine
Berufsperspektive als Sozialpädagoge
erhoffte. Hier bin ich auch Thomas
Olk erstmals begegnet, der 1991 die
Gründungsprofessur für Sozialarbeit/
Sozialpädagogik an der Pädagogischen
Hochschule in Halle antrat. Mit der Eingliederung der PH in die Martin-LutherUniversität 1993 übernahm Thomas
Olk den Lehrstuhl für Sozialpädagogik
und Sozialpolitik der MLU. Über zwei
Jahrzehnte hat er die Geschicke des
Fachbereichs geprägt und war für mehrere Generationen von Studierenden
ein inspirierender Lehrer.
So auch für mich. Thomas Olk hat mich
schon frühzeitig als Person beeindruckt

17

und durch seine stark forschungsbezogenen Lehrangebote inspiriert. Seine
Seminare zu Themen wie Transformation in den neuen Ländern, Jugendarbeit,
Armut, Wohnungslosigkeit, Verbändeforschung, Kooperation von Jugendhilfe
und Schule und Bildungsreform haben
letztlich auch meinen beruflichen Weg
entscheidend mitbestimmt. Unser
gemeinsames Interesse an Entwicklungen im Bildungssystem und in unseren
Schulen hat uns letztlich bis zu seinem
Tod eng miteinander verbunden.
Unmittelbar nach dem Studium ergab
sich für mich die Chance, in einem von
Thomas Olk geleiteten Forschungsprojekt zur Schulsozialarbeit in SachsenAnhalt mitzuwirken. Die dabei gemachte
Erfahrung, durch sozialpädagogische
Forschung politischen Einfluss auf die Gestaltung sozialer Angebote und Dienste
nehmen zu können, hat mich darin bestärkt, meinen eigenen Weg zwischen
Wissenschaft, Politik und Praxis zu
suchen. Thomas Olk war in dieser Zeit
mein maßgeblicher Mentor. Er hat die
enge Verknüpfung dieser Felder verkörpert wie kaum ein anderer und es immer
wieder verstanden, die Wissenschaft aus
dem Elfenbeinturm in die Mitte politischer Auseinandersetzungen zu führen.
Das in Sachsen-Anhalt aufgebaute Landesprogramm zur Schulsozialarbeit trägt
seine Handschrift. Bundesweit haben
seine Arbeiten zur Kooperation von Jugendhilfe und Schule dieses Handlungsfeld nachhaltig verändert und etabliert.

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Thomas Olk gehörte zu den wenigen
Wissenschaftlern, die schon frühzeitig
Fragen der Sozialen Arbeit und der Sozialpolitik mit der Idee einer aktiven Bürgergesellschaft zusammendachten. Dies
fand nicht nur in seinen Forschungen
und Lehrangeboten spürbaren Niederschlag. In seiner Wahlheimat Halle war
er Geburtshelfer und enger Wegbegleiter der dortigen Freiwilligenagentur,
in der auch ich einige Jahre im Vorstand mitarbeiten durfte. Die Agentur
zählt auch durch seine enge, kritische
Begleitung heute zu den Leuchttürmen
kommunaler Engagementförderung in
der Bundesrepublik.
So wie ich haben viele seiner Schülerinnen und Schüler dank ihm auch eine
berufliche Perspektive in der Engagementpolitik gefunden. Ob in Freiwilligenagenturen, Netzwerken, Verbänden,
in Kommunal-, Landes- oder Bundespolitik sind heute zahlreiche seiner
Absolventinnen und Absolventen aktiv
und tragen ganz praktisch dazu bei,
zivilgesellschaftliche Perspektiven aus
den „Nischen und Randbereichen“, wie
er selbst es gern sagte, ins Zentrum von
Gesellschaftspolitik zu stellen.
Das Jahr 2000 war dabei für mich die
entscheidende Wegmarke, und sie
war erneut sehr eng mit Thomas Olk
als Person verbunden. Unsere Wege
kreuzten sich im Deutschen Bundestag. Während er als sachverständiges
Mitglied der Enquete-Kommission

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„Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements“ des Deutschen Bundestages
ihre Debatten sowie letztlich auch den
Abschlussbericht mit seinen bis heute
geltenden Empfehlungen geprägt hat,
durfte ich als Referent an der Arbeit der
Kommission mitwirken. Thomas Olk
brillierte dabei nicht nur durch seine
wissenschaftlichen Analysen, markanten Positionierungen und wegweisenden Ideen, er verstand es auch immer
wieder, die oftmals divergierenden
Meinungen miteinander zu vermitteln
und „das gemeinsame Ganze“ dabei
nicht aus dem Blick zu verlieren. Für die
Kommission war er Experte und Mediator zugleich.
Bis heute ist der Bericht der EnqueteKommission ein wichtiger Meilenstein
für die Engagementpolitik in Deutschland. Einer der sichtbarsten Erfolge war
die Gründung des Bundesnetzwerks
Bürgerschaftliches Engagement im
Jahr 2002. Thomas Olk zog sich auch
in dieser wichtigen Phase nicht auf
wissenschaftliche Analyse und Beratung zurück, sondern übernahm
selbst Verantwortung und die Rolle des
Sprecherratsvorsitzenden. Dabei ist es
ihm über ein Jahrzehnt lang gelungen,
die schwierige Balance zwischen den
im Netzwerk kooperierenden Sektoren
herzustellen, unterschiedlichste Interessen auszugleichen und das BBE als
Wissens- und Kompetenzplattform auf
bundespolitischer Ebene zu etablieren.

In den Aufbau- und Gründerjahren des
BBE durfte ich erneut sehr eng mit
Thomas Olk zusammenarbeiten. Als Referent und stellvertretender Geschäftsführer erlebte ich ihn in einer ganz neuen Rolle. Während er bislang vor allem
als Wissenschaftler wahrgenommen
und anerkannt wurde, agierte er fortan
selbst als Akteur auf der bundespolitischen Bühne. In dieser Zeit und durch
die intensive Begegnung und Zusammenarbeit änderte sich auch unser Verhältnis. Der Lehrer und Mentor wurde
für mich immer mehr zum kritischen
Wegbegleiter, Kollegen und Freund. In
zahlreichen gemeinsamen Projekten
wie insbesondere der von uns ins Leben
gerufenen Schultagungsreihe des BBE
habe ich Thomas Olk als scharfsinnigen,
weitsichtigen, häufig ironischen und
extrem engagierten Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Politik erlebt,
der mich immer wieder begeisterte.
Auch als ich 2007 von der Spree an den
Rhein wechselte, kühlte unser Draht
nicht ab. In zahlreichen Kooperationsprojekten zwischen dem BBE und
Rheinland-Pfalz wie beispielsweise bundesweiten Fachtagungen zu den Themen
Engagement und Integration, Bildung
und Kindertagesstätten oder auch den
rheinland-pfälzischen Demokratietagen
knüpften wir ganz unmittelbar an die
bisherige Arbeit an und haben in den
vergangenen Jahren engagementpolitische Ideen weiterentwickelt. Dass wir
in dieser Zeit die Erfahrungen, Analysen

19

und Perspektiven in dem neu entstandenen Feld der Engagementpolitik
gemeinsam mit Ansgar Klein aufgearbeitet und publiziert haben, war für
mich ein großer Vertrauensbeweis und
eine besondere Ehre.
Die Erkrankung von Thomas Olk hat
mich persönlich sehr betroffen gemacht.
Besonders beeindruckt, manchmal auch
erschrocken hat mich sein unaufgeregter, sachlicher Umgang mit der Krankheit, von der er sich nicht einschränken
lassen wollte. Bis zum Schluss blieb er
euphorisch und wortgewaltig.
Noch im Sommer letzten Jahres habe
ich Thomas Olk zusammen mit Ansgar
Klein in seinem Büro in den Franckeschen Stiftungen in Halle besucht.
Obwohl er schon sichtlich vom Krebs
gezeichnet war, strotzte er doch vor
Lebenswillen. Seine noch zu diesem
Zeitpunkt in Angriff genommenen
Forschungsprojekte und Publikationsvorhaben reichten noch weit in die Zukunft. „Wer schreibt, der bleibt“, sagte
er uns zur Verabschiedung mit seinem
unverwechselbaren, verschmitzten
Lächeln. Nun ist es doch anders gekommen. Ich trauere sehr um Thomas Olk.
Birger Hartnuß

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Man könnte die Arbeit von Thomas Olk
auf verschiedenen (fach-)wissenschaftlichen Feldern vielleicht am ehesten mit
Begriffen wie Öffnung, Aufbruch oder
Grenzüberschreitung kennzeichnen.
Da ist zum einen die Entwicklung eines
Begriffes von Sozialpolitik, mit der
diese aus ihrer engen und einseitigen
Bindung an staatliches Handeln gelöst
werden konnte; „Wohlfahrtspluralismus“ und „Wohlfahrtsmix“ meinte in
neuer Weise die Rolle von Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Gemeinschaften/Familien mit einzubeziehen.
Da ist zum zweiten die Lösung der sozialpolitischen Diskussion aus der lange
Zeit vorherrschenden Fixierung auf die
regulative Rolle von Sozialpolitik als
Ordnungspolitik und auf die Dimension von Verteilungspolitik und sozialer
Sicherung. Sozialpolitik als Politik der
Entwicklung sozialer Dienste, Hilfen
und Angebote ist nicht zuletzt durch
Olks Beiträge zu einer gleichermaßen
fundierenden Bedeutungsdimension
geworden.
Da ist zum dritten die durch seine
Person und seine Arbeit gestärkte
interdisziplinäre Verbindung der sozialpolitischen und sozialpädagogischen
Forschung und Diskussion. Bildungsprozesse und deren Institutionalisierung als „Bildungslandschaften“ zu
denken ist ein wichtiger Beitrag zur
Überwindung der Engführung von Päda-

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gogik und Ausbildung auf die Tätigkeit
spezialisierter Institutionen.
Last but not least hat die Arbeit von
Thomas Olk dazu beigetragen, oft eher
sozio-ökonomisch orientierte Denkansätze in Richtung auf (demokratie-)
politische Debatten zu öffnen – und
umgekehrt. Schlüsselbegriffe, zu deren
Aufwertung und Prägung er beigetragen hat, waren hier Zivilgesellschaft,
bürgerschaftliches Engagement und
Engagementpolitik. Aus diesen Perspektiven heraus wird die politische Bedeutung selbstorganisierter Tätigkeiten,
wie des praktischen freiwilligen Engagements unterstrichen aber gleichzeitig
auch die fachwissenschaftliche Engführung politischen Handelns mit Partizipation als Deliberation überwindbar.
Dass heute im bundespolitischen
Netzwerk des BBE in diese Richtungen
gedacht und gehandelt werden kann, ist
auch das Ergebnis des persönlichen Engagements von Thomas Olk, das weder
mit „Politikberatung“ noch mit „Verbandsarbeit“ angemessen umschrieben
ist, aber auch nicht mit dem Begriff
eines „intellektuellen Engagements“ in
Distanz zu jedem speziellen fachwissenschaftlichen Bezug. Ich habe irgendwo
von „Thomas’ Diplomatie“ sprechen
hören – das trifft es wohl am besten.
Diese Arbeit von Thomas Olk, gemeinsam mit vielen von uns, an einer
Bewegung der Öffnung und des Auf-

bruchs musste nun zu einem Zeitpunkt
abbrechen, wo sie in mancher Hinsicht
selbstverständlicher, in vieler Hinsicht
aber auch schwieriger geworden ist als
in den siebziger Jahren, der Zeit, in der
wir uns kennenlernten.
Warum habe ich bei vielen Aufsätzen
und Buchprojekten so gern mit ihm
zusammengearbeitet? Ich mochte sein
sehr genaues Denken, wir spürten so
etwas wie Verwandtschaft in unseren
Anschauungen und Lernschritten. Und
das war eine Freude, an die ich mich
immer erinnern werde.
Adalbert Evers

Erste Kontakte hatte ich zu Thomas Olk
im Rahmen meiner publizistischen Tätigkeit als Herausgeber des „Forschungsjournal Soziale Bewegungen“. Gemeinsam mit Adalbert Evers hatte Thomas
Olk das Konzept der Koproduktionen im
„Welfare Mix“ und die Entwicklungen
vom Wohlfahrtsstaat zur Wohlfahrtsgesellschaft sehr grundsätzlich ausgeleuchtet – das Forschungsjournal hat
damals ein Themenheft dazu herausgegeben, weil das von Thomas Olk und
Adalbert Evers vertretene Verständnis
von Sozialpolitik für Zivilgesellschaft
und auch soziale Bewegungen anschlussfähig ist.

21

Als ein Schüler des Soziologen Claus
Offe gab es zu Thomas Olk auch eine
enge Brücke der eigenen politiktheoretischen Sozialisation: Ich zählte in den
1980-er Jahren in Frankfurt zu meinen
akademischen Lehrern auch Jürgen
Habermas. Claus Offe und Habermas
haben viele Jahre eng zusammengearbeitet. Persönlich lernte ich Thomas
Olk erst im Zusammenhang mit der
Enquete-Kommission „Zukunft des
Bürgerschaftlichen Engagements“ des
Deutschen Bundestages in den Jahren
2000 bis 2002 kennen.
Ich war damals als Zivilgesellschaftsexperte zum wissenschaftlichen Koordinationsreferenten der SPD-Bundestagsfraktion für die Enquete geworden:
Meine Promotion trug den Titel „Der
Diskurs der Zivilgesellschaft“. Zu meinen
Aufgaben gehörte auch der fachliche
Diskurs mit den Sachverständigen der
Kommission. Thomas Olk war damals als
Sachverständiger der CDU/CSU-Fraktion
benannt worden, doch hatte sein Wort
Gewicht bei allen Sachverständigen. Im
Verbund mit sachverständigen Kolleginnen und Kollegen der Kommission wie
Adalbert Evers, Roland Roth, Adelheid
Biesecker, Manfred Spangenberg,
Ludwig Pott, Olaf Zimmermann, Rupert
Graf Strachwitz, Gerd Mutz, aber auch
Abgeordneten wie Karin Kortmann, Ute
Kumpf, Wilhelm Schmidt und Michael
Bürsch ist so ein Abschlussbericht entstanden, in dem die Konturen einer
modernen Engagementpolitik am Ende

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weitgehend fraktionsübergreifend
geteilt worden sind.
Ich war rasch fasziniert vom feinen
Pinselstrich, mit dem Thomas Olk die
komplexen Welten der Zivilgesellschaft,
des Engagements und der Partizipation
zu einem Gesamtbild fügte, normativ
sensibel für die Töne des liberalen und
des republikanischen politischen Denkens und sehr akzentuiert in einem
breit ansetzenden Verständnis einer
Demokratie, die in den Handlungsräumen des Engagements und der Zivilgesellschaft ihren Nährboden hat, den es
zu pflegen und engagementpolitisch zu
entwickeln gilt.
Thomas Olk verband dabei den normativen Horizont der Gesellschaftspolitik
immer mit der empirischen Erdung und
führte seine Analysen dann auch kritisch und oft mit weitreichenden Handlungsempfehlungen der Fachöffentlichkeit vor. Den Überbringer schlechter
Nachrichten – das waren z.T. kritische
Analysen etwa zu den Strukturen der
Wohlfahrtsverbände – erwartet dabei
nicht immer eine freundliche Aufnahme bei den Betroffenen. Doch scheint
mir mittlerweile allseits Thomas’
Verdienst – ein unverstellter analytischer Blick und der damit verbundene
gesellschaftspolitische Zielhorizont
inklusive einer zivilgesellschaftlichen
Strukturpolitik – anerkannt zu sein.
Nach der Enquete-Kommission wurde
ich Gründungsgeschäftsführer des BBE.

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Thomas wurde Gründungsmitglied des
BBE in seiner Funktion als Vorsitzender
der Stiftung „Bürger für Bürger“. Das
war auch eine Art Schlussstrich bezüglich der ursprünglichen Gründungsziele
dieser Stiftung, die Jahre zuvor von der
damaligen Familienministerin Nolte
top down mit dem Anspruch gegründet worden war, eine Art bundesweite
Freiwilligenzentrale zu werden. Real
war dann das BBE die Umsetzung der
bundesweiten Vernetzungsidee in der
Form eines demokratisch selbstregierten Netzwerks. Thomas Olk führte die
Stiftung „Bürger für Bürger“ in das BBE
ein, in dem die Stiftung nicht zuletzt
durch das jährliche „Forum Bürgergesellschaft“ für die Engagementpolitik
bis heute wichtige Impulse setzt. Auch
hier war er Brückenbauer, lange Jahre
in enger Zusammenarbeit mit Andreas
Pautzke, dem stellvertretenden Geschäftsführer des BBE.
Thomas Olk konnte ich persönlich zur
Mitarbeit in der Leitung des BBE gewinnen – das freute mich ungemein! Und
so wurde Thomas Olk 2003 der erste
Vorsitzende des neuen BBE-SprecherInnenrates, nachdem zuvor Thomas
Rauschenbach mit neun weiteren
ExpertInnen einer „Steuerungsgruppe“
die Strukturen des BBE entwickelt hatte.
Dieses höchste Amt des BBE hatte Thomas Olk als Primus inter Pares bis kurz
vor seinem Tod 2016 inne.

Sein politischer wie praktischer Entwicklungswille war ebenso ausgeprägt
wie seine nie erlahmende intellektuelle
Neugier: Die Netzwerkarbeit reizte ihn
sehr als ein Ort des gemeinsamen
Lernens und seiner Organisation und
Planung. Rasch wurde uns klar: Netzwerke sind Orte des diskursiven Umgangs auch mit Konflikten und erfordern spezifische Bereitschaften des
Voneinander-Lernens und besondere
moderative Kompetenzen. Mittlerweile,
Thomas Olk hat das zu seiner großen
Freude noch erlebt, nutzt auch das
BMFSFJ als Engagementministerium
des Bundes die im Netzwerk versammelten Kompetenzen sehr viel stärker
für die eigene Planung.
Es war eine Zeit fruchtbarer fachwissenschaftlicher und netzwerkpolitischer
Diskurse. Es entstanden unter maßgeblicher Mitwirkung von Thomas Olk
u.a. gemeinsam mit Birger Hartnuß die
Schulreihe des BBE (Öffnung der Schulen
für das Engagement; lokale Bildungslandschaften), später die Kita-Reihe, aber
auch ein kritisch-konstruktiver Diskurs
mit den Freiwilligendiensten bezüglich
ihrer Rolle als zivilgesellschaftliche
Lerndienste. Mit Birger Hartnuß brachte
Thomas ein „Handbuch Bürgerschaftliches Engagement“ heraus. Zuvor hatten Thomas Olk, Birger Hartnuß und ich
ein erstes großes Sammelwerk zum neuen Politikfeld der „Engagementpolitik“
und seiner Kernagenda herausgegeben.
Es zeigten sich erste Konturen einer

23

zivilgesellschaftlichen Strukturpolitik
als gesellschaftspolitische Aufgabe, als
Thema der Engagement- und Demokratiepolitik. Und dann auch noch die
Diskussion über das BBE als ein Ort der
„assoziativen Demokratie“, die Thomas
Olk und ich führten. Es entwickelte sich
eine sehr enge Zusammenarbeit beim
Aufbau des Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE), immer
von Respekt und Fachlichkeit wie auch
kollegialer und freundschaftlicher
Wärme ausgefüllt. Thomas Olk war ein
kluger Moderator und konnte Gemeinsamkeiten stärken. Zugleich ging es
immer auch um die Themen, deren
Entwicklung im Netzwerk zentral war.
Die kritische Komponente bei der
advokatorischen Unterstützung eines
immer eigensinnigen Engagements hat
freilich nicht immer allen gefallen: Als
Thomas Olk etwa im Unterausschuss
Bürgerschaftliches Engagement des
Deutschen Bundestages auf die wachsende Bedeutung der unkonventionellen Partizipation in den Kommunen
hinwies, traten Städte- und Gemeindebund mit Bezug auf diese Bundestagsdebatte aus dem BBE aus – es handle
sich bei diesem Netzwerk, so der Tenor
der Begründung, offensichtlich um
eine radikaldemokratische Vereinigung.
Einige Jahre nach Stuttgart 21 und vor
dem Hintergrund der Rolle des Engagements für und mit Geflüchteten sind
die Kommunalen Spitzenverbände –
ein seltsamer Anachronismus – noch

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immer nicht ins BBE zurückgekehrt.
Aber: Es muss immer Boten geben, die
schwierige Nachrichten nicht scheuen …
Da waren Thomas und ich uns einig.
Thomas pflegte dann zu sagen: „Netzwerkarbeit ist nichts für Feiglinge.“ Für
ihn waren Konflikte herausragende
Lernchancen im Netzwerk, aber sie
mussten eben auch entsprechend
moderiert werden. Ich bin sehr beeindruckt von der breiten Anteilnahme
des Netzwerks anlässlich seines Todes –
macht sie doch auch deutlich, dass ein
integrer Impulsgeber wie Thomas bei
aller Kritik immer auch unterstützend,
solidarisch und konstruktiv war.
Ansgar Klein

Ausblick
Unser gemeinsames Interesse waren
die Themen der Zivilgesellschaftsforschung und die Bedarfe der zivilgesellschaftlichen Praxis, aber natürlich auch
der Zusammenhang von Engagement
und Partizipation und die Koproduktion
von Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft in den Feldern der öffentlichen
Daseinsvorsorge. Hier ist der wissenschaftlichen Vertiefung wahrlich keine
Grenze gesetzt und der entsprechende
Bedarf sehr groß.

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Ein von Thomas Olk geplantes Projekt
war die normative wie analytische
Vertiefung der Bedeutung öffentlicher
Güter in der Engagementpolitik. Auch
der Zusammenhang von Wirtschaft
und Zivilgesellschaft weckte seine
Forscherinteressen. Beide Diskussion
werden von Adalbert Evers, Holger
Krimmer und anderen im Netzwerk
weitergeführt.
Derzeit noch unabgeschlossen sind
zwei Essay-Bände, die Thomas Olk geplant hat. Ein praktisch-engagementpolitischer Band wird in der BBE-Buchreihe im Wochenschau-Verlag erscheinen.
Ein eher theoretisch orientierter Band
ist für die Buchreihe „Bürgergesellschaft und Demokratie“ im Verlag VS
Springer Wissenschaften in Planung.
Eine empirische wie typologische
Arbeit zu den Landesnetzwerken der
Engagementförderung, die Thomas
Olk mit Martin Rüttgers begonnen
hatte, wird ebenfalls zu Ende geführt
werden und soll empirisch wie typologisch zusammen mit den Ländern und
Landesnetzwerken besprochen werden.
Bei allen Buchvorhaben wird Johanna
Neuling, die mit Thomas Olk noch die
ersten Grundideen zur erforderlichen
Letztüberarbeitung diskutiert hatte, die
Bände lektorieren.
Thomas Olks Vermächtnis ist die Verbindung von großer wissenschaftlicher
Kompetenz mit politischer Urteilskraft
und menschlicher Wärme – wir alle ha-

ben davon gelernt und gemeinsam viele kreative Momente gehabt. Wir sind
froh, diese Erfahrungen zu teilen. Die
AutorInnen dieses gemeinsamen Beitrags zur Würdigung des Lebenswerks
werden gemeinsam die noch unabgeschlossenen Arbeiten von Thomas Olk
editorisch begleiten und abschließen.
Es wird uns eine Ehre und eine intellektuelle Freude und Herausforderung
sein, die Impulse seines Denkens so
weiter fruchtbar machen zu können.
Die Autorinnen und Autoren
Prof. Dr. Gisela Jakob lehrt Theorien
der Sozialen Arbeit an der Hochschule
Darmstadt.
gisela.jakob@h-da.de
Birger Hartnuß ist Referent in der
„Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung“ in der Staatskanzlei RheinlandPfalz.
birger.hartnuss@stk.rlp.de
Prof. Dr. Adalbert Evers lehrte Sozialpolitik an der Justus-Liebig-Universität
Gießen. Er ist Senior Fellow am CSI
der Universität Heidelberg und Gastprofessor am Ersta Sköndal University
College, Stockholm.
adalbert.evers@uni-giessen.de
PD Dr. Ansgar Klein ist Gründungsgeschäftsführer des BBE (seit 2002), Mitherausgeber des Forschungsjournals
Soziale Bewegungen (seit 1988) und
geschäftsführender Herausgeber der

25

Buchreihen „Bürgergesellschaft und
Demokratie“ (VS Springer Wissenschaft) und „Engagement und Partizipation in Theorie und Praxis“ (Wochenschau Verlag), sowie Privatdozent für
Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin.
ansgar.klein@snafu.de

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Engagementnetzwerke oder: von Ungleichzeitigkeiten und Verspätungen
Von Dr. Thomas Röbke
Noch wenige Monate vor seinem viel zu frühen Tod verfolgte Thomas Olk den Plan,
eine mit Martin Rüttgers und Inga Beinke verfertigte Studie1 zu Engagementnetzwerken v.a. auf Landesebene zu aktualisieren und als Buch zu veröffentlichen. In der
Tat hätte sich damit ein Kreis der Engagementpolitikforschung geschlossen, den er
schon seit zwei Jahrzehnten wissenschaftlich nachzeichnete ...

In den 1990-er Jahren hatte Thomas Olk,
u.a. mit Thomas Rauschenbach2 und
Adalbert Evers3, aufgezeigt, wie sich
die Grundlagen des Bürgerschaftlichen
Engagements verschoben hatten. Die
eine Wegmarke war der Begriff des
„Neuen Ehrenamtes“, der anzeigte, wie
sich die Motivlagen veränderten. Die
großen tragenden Milieus der alten
Bundesrepublik – Kirche und Arbeiterbewegung – verloren an Bindungskraft.
In diesem kulturellen Erosionsprozess
löste sich das Ehrenamt gleichsam vom
Anker der Pflicht, der in schier endlosen
Generationenketten befestigt war. Das
schuf Raum für eher lockere, subjektive
Bindungen an freiwillige Tätigkeiten.
Die neuen sozialen Bewegungen in den
1970-er Jahren waren hierfür der Auftakt. Mit ihnen wurde das freiwillige
Engagement zugleich mit politischen
Hoffnungen auf Mitgestaltung und Demokratisierung aufgeladen. Die andere
Wegmarke setzten Begriffe wie „Wohl-

fahrtsmix“ und „Koproduktion“ (von
Haupt- und Ehrenamt) mit ihrer neuen
Einordnung des Bürgerschaft-lichen
Engagements.
Der fürsorgliche Sozialstaat als gleichsam freundliche Verlängerung des
Obrigkeitsstaates wich einem neuen
Verständnis sozialer Arbeit und politischer Steuerung, in dem Hilfe zur
Selbsthilfe und Empowerment ein
erstarktes Selbstbewusstsein der
„Klienten“ und „Laien“ anzeigten. Es
ging nicht nur um Augenhöhe, sondern
um eine grundsätzliche Veränderung
der sozialpolitischen Architektur:
Die Leitidee der Subsidiarität, die das
Gesellschaftsgefüge als Aufbau konzentrischer Kreise verstanden hatte,
das sich vom Einzelindividuum über
Familie, Nachbarschaft, Milieus bis hin
zur Gesamtgesellschaft weitete, wurde
durch ein Netzwerktableau ineinandergreifender und sich überlappender,

gleichsam „wilder“ Beziehungsmuster
ergänzt. Aber auch die verhängnisvolle
Tendenz der Verdienstleistung und Vermarktlichung gemeinwohlorientierter
Tätigkeiten brauchte einen verheißungsvollen Gegenvorschlag, der von Olk in
der Aufwertung des Bürgerschaftlichen
Engagements gesehen wurde.4
Anforderungen der Engagementpolitik
verlangen Netzwerke
Dieses gesellschaftliche Dispositiv von
Individualisierung und Hybridisierung,
Ökonomisierung sozialer Arbeit und
gesellschaftlicher Netzwerklogik bestimmte den veränderten Stellenwert
des Ehrenamts maßgeblich. Es verlangte nach einer Neufassung, wenigstens
aber einer Ergänzung der Organisationsformen, die das Bürgerschaftliche Engagement bis dahin getragen hatten.
Das korporative Spiel der Subsidiarität
zwischen Sozialstaat und zivilgesellschaftlichen Großorganisationen zeigte
Ermüdungserscheinungen. Auf drei
institutionellen Ebenen wurde dieser
kulturelle Wandel sichtbar:
•	 Die Basisorganisationen des Ehrenamtes, vor allem Vereine und informelle Gruppen, nahmen an Zahl
enorm zu, allerdings verringerte sich
ihre durchschnittliche Mitgliederzahl.
Die Ziele wurden spezifischer und
fokussierter, aber auch eindimensionaler. Schließlich wurden ihre Verbindungen zu den Verbänden, die sie
unterstützen und politisch vertreten,

27

loser. Nur die Hälfte aller Vereine
gehört heute noch Verbänden an.5
Großorganisationen wie Kirchen, Parteien und Gewerkschaften verloren
kontinuierlich an Mitgliedern.
•	Zum zweiten entstand in den letzten
dreißig Jahren ein neuer Typus von Infrastrukturen des Bürgerschaftlichen
Engagements, die als lokale, konfessionell und politisch unabhängige
Vernetzungs- und Vermittlungsstellen
fungierten: Freiwilligenagenturen,
Seniorenbüros, Selbsthilfekontaktstellen usw. Ihre Zahl hat sich, so der
Generali Engagementatlas 2015, in
den letzten eineinhalb Jahrzehnten
von knapp sechshundert auf über
dreieinhalbtausend etwa versechsfacht, so dass Fachleute schon dem
Wildwuchs und unnötigen Doppelstrukturen das Wort reden.6
•	Und schließlich gehören hierzu eine
alternative politische Steuerung und
Engagementpolitik, die die angesprochene Hybridisierung und Individualisierung in eine flexible Netzwerkstruktur einfassen. Die Homogenität
des Verbändewesens sollte durch die
Heterogenität von Runden Tischen
ergänzt werden, an denen die unterschiedlichsten Akteure Platz nehmen:
große und kleine, traditionsreiche
und innovative Akteure aus den
unterschiedlichsten Engagementbereichen des Sozialen, der Kultur, der
Umwelt, der Bildung, der Unterneh-

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men und gemeinnützigen Organisationen usw., die letztlich die Klammer
der Engagementförderung zusammenhält.
Verzögerungen im Aufbau der Engagementnetzwerke und ihre mutmaßlichen Gründe
Während die ersten beiden institutionellen Veränderungsprozesse extrem
erfolgreich verliefen, kam die Realisierung einer vom Governance-Gedanken
getragenen politischen Netzwerkentwicklung langsamer voran. Natürlich ist da das Flaggschiff BBE: Seine
trisektorale Aufstellung hat die Latte
des Vernetzungsgrades hoch gehängt:
Unternehmen, staatliche Akteure aller
föderaler Ebenen und zivilgesellschaftliche Organisationen sollten sich auf
Augenhöhe mit den Leitideen der Engagementpolitik befassen.
Das ältere Landesnetzwerk BadenWürttemberg hatte einen bescheideneren Umfang: Es zielte vor allem auf
die Bündelung der Kommunen, die sich
engagementpolitisch weiterentwickeln
wollten. Gemeinden, Landkreise und
Städte wurden in je besonderen Teilnetzwerken zusammengefasst. Abgesehen von den Stadtstaaten Hamburg
(Aktivoli) und Berlin (Landesnetzwerk),
die ohne verlässliche Landesförderung
auskommen müssen, hat noch Bayern
ein zivilgesellschaftlich eigenständiges
Engagementnetzwerk hervorgebracht.
Es verknüpft aber nur die benannten

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Infrastrukturen des Bürgerschaftlichen
Engagements wie Freiwilligenagenturen,
Mehrgenerationenhäuser, Selbsthilfekontaktstellen oder Bürgerstiftungen
und will auch nicht weiter wachsen,
um seine Beweglichkeit nicht einzubüßen. Parallel hierzu entwickelte sich in
anderen Bundesländern ein staatlich
getragenes Netzwerkmanagement
– etwa in den Staatskanzleien Niedersachsen, Hessen oder Rheinland-Pfalz –,
das das zivilgesellschaftliche Akteursfeld anlass- und projektbezogen zusammenbringt. Schließlich kommen
einzelne Landesstiftungen wie in Thüringen oder Mecklenburg-Vorpommern
hinzu, die eher staatsnah agieren – der
Vorsitz des Stiftungsrates liegt in den
Händen hochrangiger Landespolitiker/
innen –, obwohl sie als eigenständige
Rechtsformen auftreten.
Was auf der Bundes- und Landesebene
noch einigermaßen glückt, freilich mit
großen weißen Flecken und unterschiedlicher Durchschlagskraft, das
dünnt sich auf der kommunalen Ebene
weiter aus. Stadtstaaten und große
Städte mögen Beiräte, Netzwerke oder
Runde Tisch installiert haben, aber die
meisten Kommunen, und selbst die
kommunalen Spitzenverbände, blieben
engagementpolitisch ohne besonderen
Ehrgeiz. Bundesmodellprogramme wie
„Engagierte Stadt“ förderten in jüngster Zeit zwar den kommunalen Netzwerkaufbau, aber es braucht offenbar
diese Impulse von außen, um die kom-

munalen Akteure auf den Geschmack
zu bringen. Eine Chance bietet jetzt das
große Engagement der Bürgerinnen und
Bürger in der Flüchtlings- und Integrationsarbeit, das vielerorts zur Einrichtung kommunaler Koordinationsstellen
und Runder Tische geführt hat.
Die Gründe dieser zögerlichen, ja verspäteten Ausbildung politischer Engagementnetzwerke sind bislang nur
unzulänglich diskutiert. Die noch abzuschließende Studie von Olk, Beinke und
Rüttgers gibt dazu einige Hinweise, die
es weiter zu verfolgen gilt:
•	 Engagementnetzwerke tun sich
schwer, ihren optimalen Umfang
und ihren bestmöglichen Aufbau zu
bestimmen. Da gibt es die kleinen,
wendigen „Beiboote“, die gegenüber
den großen Tankern der Sozialpolitik
punkten wollen. Und dann gibt es
am am anderen Ende der Skala die
Netzwerke mit den großen Organisationen. Sie zählen eindrucksvolle und
mächtige Verbände zu ihren Mitgliedern, doch benötigt die Verständigung
hier zumeist viel Zeit, und das erschwert
zuweilen auch aktuelle engagementpolitische Reaktionen. Was also ist das
richtige Maß der Vernetzung?
•	 Starke Akteure setzen eher auf einen
privilegierten Zugang zur Politik, als
dass sie sich auf umständliche Aushandlungsprozesse in Netzwerken
festlegen lassen. Das spricht auch für

29

eine Unschärfe in der Netzwerkausrichtung. Thomas Olk hat sie in seiner
letzten öffentlichen Rede für das
BBE7 so beschrieben: Netzwerke
wirken, wenn kooperationswillige
Partner zusammenkommen. Sie geraten aber in Zerreißproben, wenn vor
allem die klassischen korporativen
Akteure als Bedenkenträger gegenüber Engagementnetzwerken auftreten. In der Tat fühlen sich manche
in ihrem sozialpolitischen Handlungsspielraum bedroht, während
andere gerade in den möglichen
Netzwerkallianzen neue Chancen
sehen.
•	 Die staatliche Ebene hat zu Engagementnetzwerken eine oft mehrfach
codierte Beziehung, die nicht ganz
einfach zu handhaben ist. Einerseits
ist sie ihr finanzieller Fördermittelgeber, andererseits soll sie als Akteur
unter Gleichen mitwirken. Einerseits
soll die staatliche Ebene die Impulse
des Engagementnetzwerks aufgreifen
und in Politik umsetzen, andererseits
ist sie aber auch Adressat zivilgesellschaftlicher Kritik.
•	 Die Zielsetzung mancher Engagementnetzwerke scheint nicht klar.
Was kann ein Netzwerk leisten?
Wofür steht es? Netzwerke können
selten die Arbeit der politischen
Zuspitzung leisten, hierfür sind Interessenverbände besser geeignet. Sie
können aber Synergien zwischen

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heterogenen Partnern hervorbringen.
Das setzt freilich die Bereitschaft der
Kooperation voraus. Gibt es zu viele
Beobachter, die abwarten, was die anderen machen, und zu wenige Akteure,
dann ist ein Netzwerk tot und die Netzwerkarbeit reine Zeitverschwendung.
Engagementnetzwerke als dauerhafte
Akteure etablieren – Bedenken ernst
nehmen
Wenn man zu haltbaren, arbeitsfähigen
Netzwerken kommen will, muss man
sich mit diesen Widersprüchen und
Mehrfachcodierungen von Ansprüchen
und Rollen auseinandersetzen. Das
ist nicht einfach und setzt Ehrlichkeit
voraus, die die Anerkennung anderer,
auch widerstreitender Interessen und
Konkurrenzen einschließt.
Netzwerkarbeit ist vor allem Balancearbeit, die dann am besten funktioniert,
wenn gegenseitiges Vertrauen erworben wurde und Transparenz gegeben ist.
Es muss gelingen zu zeigen, dass korporative Handlungslogik und Netzwerksteuerung durchaus nebeneinander eine
Berechtigung haben und dort, wo dies
zu Widersprüchen führt, die Ansprüche
offen geklärt werden können.
So hat beispielsweise ein Projekt wie
INKA (Professionelle Integration von
freiwilligen Helfern in Krisenmanagement und Katastrophenschutz), das das
BBE als Partner der großen Rettungsdienste durchgeführt hat, viel zu einem

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gegenseitigen Verständnis beigetragen.
Caritas, Diakonie oder das Deutsche
Rote Kreuz sind über die Jahre zu
wichtigen Akteuren im BBE geworden,
andere Wohlfahrtsverbände sind bekanntlich reservierter.
Auch das Verhältnis von staatlichen Akteuren und zivilgesellschaftlichen Netzwerken braucht Fingerspitzengefühl:
Berechtigte Kritik anzunehmen, wenn
man die Kritiker gleichsam auch noch
fördert, das ist schon die hohe Schule
der Demokratie. Umgekehrt darf eine
öffentliche Förderung ja auch nicht zu
vorsorglicher Enthaltsamkeit an
zivilgesellschaftlicher Kritik führen.
Engagementnetzwerke als dauerhafte
Akteure der Engagementpolitik zu
etablieren, bleibt eine komplexe Aufgabe, aber sie ist unumgänglich. Sie
ist die einzig angemessene Antwort
auf die beschriebene gesellschaftliche
Individualisierung und Hybridisierung,
die auch das Bürgerschaftliche Engagement erfasst und verändert hat. Die
Lösung von Fragen der Engagementförderung und die Formulierung politischer Engagementstrategien können
nur in der offen angelegten partizipativen Struktur eines Netzwerks gelingen.
Insofern wäre es sehr begrüßenswert,
wenn der Gedanke eines engagementpolitischen Forums, das vom BBE ja
schon einmal mit großer Verve durchgeführt wurde, aber dann in enttäu-

schender politischer Folgenlosigkeit
endete, wieder aufgegriffen würde.
Die Fragen der Engagementpolitik sind
zu komplex für einfache Antworten
geworden. Man sieht das an der großen
Herausforderung des Bürgerschaftlichen Engagements in der Flüchtlingsund Integrationsarbeit. Hier müssen
die unterschiedlichsten Akteure zusammenspielen: Schulen, Kindertagesstätten, Unternehmen, Wohnbaugenossenschaften, Familienberatungsstellen,
Freiwilligenagenturen, Bürgerstiftungen etc. Nur eine Weiterentwicklung der Engagementnetzwerke auf
Bundes-, Länder- und kommunaler
Ebene kann hierfür die angemessenen
politischen Arenen bieten.
Dr. Thomas Röbke, geschäftsführender
Vorstand des Landesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement Bayern e.V.
Seit Februar 2016 ist er in Nachfolge
von Prof. Thomas Olk Vorsitzender des
BBE-SprecherInnenrates.

1	 Thomas Olk, Martin Rüttgers, Inga Beinke:
Netzwerke der Engagementförderung in
Deutschland. Analyse und Empfehlungen zur
Weiterentwicklung. Gefördert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen
und Jugend (BMFSFJ), Halle und Köln 2011.
2	 Thomas Olk, Thomas Rauschenbach, Christoph
Sachße (Hg.): Von der Wertgemeinschaft zum
Dienstleistungsunternehmen, Jugend- und
Wohlfahrtsverbände im Umbruch, Frankfurt
am Main 1995. Karin Beher, Reinhard Liebig,
Thomas Rauschenbach (Hg.): Strukturwandel
des Ehrenamts. Gemeinwohlorientierung im

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Modernisierungsprozess, Weinheim/München
2000.
3 	Adalbert Evers, Thomas Olk (Hg.): Wohlfahrtspluralismus – Vom Wohlfahrtsstaat zur
Wohlfahrtsgesellschaft, Opladen 1996.
4	 Siehe hierzu einschlägig Olk, Rauschenbach,
Sachße a.a.O., s. Anm. 2
5 	Holger Krimmer: Ziviz-Survey 2012. Präsentation Stiftertag Düsseldorf, 16. Mai 2013.
6	 Generali Engagementatlas 2015. Rolle und
Perspektiven Engagement unterstützender
Einrichtungen in Deutschland, Download unter
https://zukunftsfonds.generali-deutschland.
de/wissen/2015-engagementatlas/ Zugriff
30.3.2016.
7 	Am 19. November 2015 anlässlich des BBEJahresempfangs in der Landesvertretung
Niedersachsens in Berlin.

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Thementag: Gesundheit und Prävention

Gesundheit
und Prävention

Der ganz überwiegende Teil aller Krankheitsereignisse wird über ein „hidden
health care system“ durch von Engagement getragene individuelle Selbsthilfe
und durch Familien- und Nachbarschaftshilfe aufgefangen. Auch Pflegebedürftige
leben in der Regel nicht im Heim, sondern
zu Hause. Maßnahmen zur Krankheitsbewältigung und zur Gesunderhaltung
finden ständig im Alltagsleben der Menschen statt. Neben den Familien ist das
Engagement hier ein zentraler Akteur.

Dabei spielt bürgerschaftliches Engagement eine tragende Rolle. Bürgerschaftliches Engagement kann dabei auf realistische Gesundheitsziele ausgerichtet
werden, z.B. auf die Senkung der Zahl
von Verkehrsunfällen im Quartier oder
auf die Verringerung krankmachender
Lärmbelastung und von Luft- und Umweltverschmutzung. Ziele gemeinsam
zu erreichen stärkt die Bereitschaft,
weitere Schritte zu gehen und trägt so
zur Verstetigung von Engagement bei.

Das neue Präventionsgesetz, das der
Deutsche Bundestag im Juni 2015 beschlossen hat und das 2016 in Kraft
getreten ist, vollzieht die grundlegende
Neuausrichtung auf eine moderne Präventionspolitik. Damit sollen gesundheitsfördernde Lebens-, Umwelt- und
Arbeitsbedingungen gestärkt werden.
Neue Präventionsprogramme zielen auf
Gruppen in ihren jeweiligen Lebenswelten: Kindergärten, Familien, Schulen,
Betriebe, Seniorenheime und Quartiere.

Neben den bisherigen AkteurInnen der
Prävention werden weitere Engagierte
ihre Arbeit auf den Fokus Gesundheit
ausrichten. Auch das bürgerschaftliche
Engagement in der Behinderten- und
Seniorenhilfe gilt es für diese aktuellen
gesundheitspolitischen Herausforderungen zu sensibilisieren und zu fördern.
Dazu soll die Themensetzung im Rahmen der „Woche des bürgerschaftlichen
Engagements 2016“ beitragen.

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Präventionsgesetz – ein Schritt zur Gesundheitsförderung auch für
PatientInnen und Selbsthilfe
Von Prof. Dr. Raimund Geene
Im nunmehr vierten Anlauf zu einem Präventionsgesetz ist der wichtige Ansatz der
Gesundheitsförderung gesetzlich normiert worden – so besteht endlich begründete Aussicht darauf, dass die Gesundheitsförderung tatsächlich gestärkt wird. Auch
wenn die Hoffnungen der 2000er-Jahre – eine Stiftung und vielleicht sogar ein
eigenständiges Sozialgesetzbuch (SGB) XIII – mit dem Gesetz längst nicht erfüllt
wurden, kann die Verabschiedung des Präventionsgesetzes am 18. Juni 2015 doch
ein Meilenstein sein.
1945. Heimatlos

Stärkung der Selbsthilfe
Dabei ist die für die Selbsthilfe beste
Nachricht erst in den abschließenden
Koalitionsverhandlungen vereinbart
worden: Die Mittel der Krankenkassen
zur Förderung von Selbsthilfegruppen
und -organisationen sowie Selbsthilfekontaktstellen wurden ab 2016 auf
1,05 € je Versicherten erhöht. Dies entspricht insgesamt einer Fördersumme
von knapp 75 Mio. €, von denen zehn Prozent als pauschale Mittel auf der Bundesebene verteilt werden. Zum Vergleich: In 2014 betrug die Fördersumme
insgesamt nur 43 Mio. €. Mit dieser
deutlichen Steigerung der Fördermittel
anerkennt der Gesetzgeber, dass der
gesundheitsbezogenen Selbsthilfe und
der Unterstützung von Selbsthilfeaktivitäten durch Selbsthilfekontaktstellen
eine wichtige Rolle für die Prävention
zukommen. Seit Jahren leistet die

Selbsthilfe wichtige Arbeit insbesondere im Bereich der Sekundär- und
Tertiärprävention.

Wichtiges Ziel ist es, langfristig
ein flächendeckendes Angebot
von Selbsthilfekontaktstellen
zu realisieren. Dieses erreicht
bislang nur 64 Prozent der Stadtund Landkreise und ein gutes
Drittel der Fläche ist noch ohne
Selbsthilfe-Unterstützungsangebote.

Für die Unterstützung und Beförderung des Selbsthilfeengagements und
eines selbsthilfefreundlichen Klimas
im Lebensumfeld von Menschen mit
chronischen Erkrankungen und Behin-

derungen werden verlässliche Rahmenbedingungen benötigt: ausreichende
Ressourcen an Fachpersonal für die
themenübergreifende Selbsthilfeunterstützung, gute Infrastruktur mit Raumangeboten, Kapazitäten für zugehende
Unterstützungsarbeit, um spezifische
Zielgruppen zu erreichen, z.B. Menschen
mit Migrationshintergrund.
Die zusätzlichen Mittel sollten daher,
so das Eckpunktepapier der Deutschen
Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (DAG SHG), insbesondere genutzt
werden
–	für einen flächendeckenden Ausbau
von Selbsthilfekontaktstellen,
–	für die Berücksichtigung des erhöhten Förderbedarfes in Mittelpunktstädten und Kreisen mit großem
Einzugsgebiet,

–	für den Ausbau von Landeskoordinierungsstellen als landesweite
Anlaufstellen für das Angebot von
Qualitätssicherung, Beratung und
Fortbildung
–	für Hilfen beim Ausbau der Selbsthilfe.
Wichtiges Ziel ist es, langfristig ein
flächendeckendes Angebot von Selbsthilfekontaktstellen zu realisieren.
Dieses erreicht bislang nur 64 Prozent
der Stadt- und Landkreise und ein
gutes Drittel der Fläche ist noch ohne
Selbsthilfe-Unterstützungsangebote.
Zudem plädiert die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V.
für eine Entbürokratisierung des Antragsverfahrens und für einen vereinfachten Zugang zu pauschalen Mitteln.
Hierfür wird eine Erhöhung des Anteils
pauschaler Mittel auf 70 Prozent der
Gesamtfördersumme vorgeschlagen.

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Gesundheitsförderung in Lebenswelten
Die Krankenkassen werden ihre
Ausgaben auch für den „Kernbereich“
der Gesundheitsförderung, die primäre Prävention, ab 2016 mit jährlich
sieben Euro je Versicherten mehr als
verdoppeln. Zwei Euro davon werden
für betriebliche Gesundheitsförderung
(Setting Betrieb) ausgegeben, regionale Koordinierungsstellen werden
die Umsetzung dabei erleichtern.
Weitere zwei Euro sind für den stark
vernachlässigten Bereich der nichtbetrieblichen Settings wie Kitas, Schulen
und Stadtteile vorgesehen. Dieser
Bereich ist als „Gesundheitsförderung
in Lebenswelten“ erstmals gesetzlich
normiert, wobei Gesundheitsförderung
als „Förderung des selbstbestimmten
gesundheitsorientierten Handelns der
Versicherten“ definiert wird.
Lebenswelten werden definiert als „für
die Gesundheit bedeutsame, abgrenzbare soziale Systeme insbesondere des
Wohnens, des Lernens, des Studierens,
der medizinischen und pflegerischen
Versorgung sowie der Freizeitgestaltung einschließlich des Sports“, wobei
in der Gesetzesbegründung ausdrücklich die Soziale-Stadt-Bezirke sowie
Einrichtungen der Behindertenhilfe
hervorgehoben werden. Die Krankenkassen sollen dabei „insbesondere den
Aufbau und die Stärkung gesundheitsförderlicher Strukturen“ unterstützen
und hierzu „unter Beteiligung der Versicherten und der für die Lebenswelt

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Diese wichtige Neuregelung bedarf
erheblichen Nachdrucks durch Gesundheitspolitik und Verbände, widerspricht
sie doch der bisherigen Ausrichtung
der Kassen, die Gesundheitsförderung
in Lebenswelten eher über Programme
einzelner Krankenkassen wie „Tigerkids“, „Jolinchen“ oder „MindMatters“
umgesetzt haben.

Flüchtlinge am Bahnhof, 1945 © Puck Pressedienst

Verantwortlichen die gesundheitliche
Situation einschließlich ihrer Risiken
und Potenziale“ erheben und „Vorschläge zur Verbesserung der gesundheitlichen Situation sowie zur Stärkung
der gesundheitlichen Ressourcen und
Fähigkeiten“ entwickeln und deren
Umsetzung unterstützen.
Kassenübergreifende Leistungen
Dabei „sollen die Krankenkassen zusammenarbeiten und kassenübergreifende Leistungen zur Gesundheitsförderung und Prävention in Lebenswelten
erbringen“, wie es nun gesetzlich festgeschrieben ist. Durch diese Verpflichtung zur Zusammenarbeit und gemeinsamen Leistungserbringung wird die
Gesundheitsförderung in Lebenswelten
aus der bisherigen Konkurrenzsituation
der Krankenkassen herausgenommen.
Vielmehr soll der Setting-Ansatz nun
gemeinschaftlich finanziert werden.

Auch die Pflegekassen sollen 30 Cent
pro Versicherten für Gesundheitsförderung und Prävention in Pflegeeinrichtungen ausgeben. Zur Unterstützung
der Kassen bei der Ausgestaltung von
Gesundheitsförderung in Lebenswelten
wird die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beauftragt
und erhält dafür 45 Cent als anteilige

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Finanzierung. Leider ist diese Gesetzesregelung strittig: Die Kassen haben
die Auszahlung zunächst verweigert
und dann, als sie per Verfügungserlass durch Minister Gröhe zur Zahlung
angewiesen wurden, gegen die gesetzliche Verpflichtung zur BZgA-Beauftragung Klage erhoben. Hier droht
nun eine mehrjährige Hängepartie mit
Rechtsunsicherheit und gegenseitigem
Belauern statt der dringend notwendigen konstruktiven Zusammenarbeit.
Soziallagenorientierung
Neben der Ergänzung um geschlechtsbezogene Ungleichheiten (§2b, §20) wird
die Soziallagenorientierung mit Gesundheitsförderung in Lebenswelten und den
in der Gesetzesbegründung benannten

Flüchtlinge auf dem Bahnhof Berlin Lichterfelde Süd, 1945 © Gerhard Gronefeld

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Gruppen der Arbeitslosen, MigrantInnen
und Menschen mit Behinderungen gestärkt. Sozial benachteiligte Menschen
sollen besonders durch Gesundheitsförderung im Setting Kommune (Soziale
Stadt) und die neu eingeführten Präventionsempfehlungen erreicht werden.
Verhaltensprävention, Gesundheitsuntersuchungen und Präventionsempfehlungen
Neu ausgerichtet wird auch die Verhaltensprävention, die im Wesentlichen
über Kursangebote erfolgt: Die Gesundheitsuntersuchungen nach §§ 25
(Erwachsene) und 26 (Kinder) wurden
in Richtung auf präventive Untersuchungen und Beratungen erweitert, die
Altersgrenzen neu gesetzt. Im Zuge dieser Untersuchungen können ÄrztInnen
Präventionsempfehlungen ausstellen,
die von den Krankenkassen bei der
Vergabe von Leistungen zur verhaltens-

Flüchtlingskinder 1945 / 1949 © Puck Pressedienst

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bezogenen Prävention berücksichtigt
werden müssen. Solche Empfehlungen
können auch an Kinder unter sechs
Jahren sowie ihre Eltern erfolgen.
Hier ergeben sich neue Chancen für
Präventionsangebote für Versicherte,
wenngleich die Ausgestaltung zwischen
ÄrztInnen (die für die Zuweisung zu
Kursen zuständig sind) und Kassen (für
die Bereitstellung von Kursen) konfliktträchtig ist.

Hier ist zu hoffen, dass die Gesetzliche
Krankenversicherung (GKV) den neuen
Gestaltungsauftrag der Gesundheitsförderung aufgreift und so erfüllt, dass
dieser seit Jahrzehnten bestehende
Reformstau Prävention endlich aufgelöst wird. Wichtig sind auch hier eine
umfassende Einbindung von Selbsthilfe
und die systematische Berücksichtigung der Perspektive von NutzerInnen
und PatientInnen.

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Weiterführende Literatur:
–	 Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (2015): Gesundheitsbezogene Selbsthilfe unterstützen und
stärken. Eckpunkte zur Erhöhung der
Selbsthilfeförderung durch die GKV ab
2016. URL: http://www.dag-shg.de/
data/Texte/2015/DAGSHG-20h-Eckpunkte.pdf
–	Raimund Geene (2015): Präventionsgesetz – ein erster Schritt für ein eigenes

Die präventive Ausrichtung rund um
die Geburt wurde im Sinne ärztlicher
Beratung gestärkt, die nunmehr auch
Hinweise auf regionale Unterstützungsangebote für Eltern und Kind (u.a frühe
Hilfen) sowohl in der Schwangerschaftsbetreuung (§ 24d) als auch bei den Kinderuntersuchungen (§ 26) umfasst.

Gesundheitsförderungsgesetz als SGB
XIII.
In: Gesundheit Berlin-Brandenburg (Hg):
Gesundheit nachhaltig fördern: langfristig – ganzheitlich – gerecht. Dokumentation des 20. Kongresses Armut und
Gesundheit. Berlin: GBB.
	URL: www.armut-und-gesundheit.de/
fileadmin/user_upload/MAIN-

Glas halb voll oder halb leer?
Weitere wichtige Regelungen für
PatientInnen und Selbsthilfe betreffen
die Strukturen wie Nationale Präventionskonferenz und Präventionsforum,
eine gemeinsame Präventionsstrategie,
Bundesrahmenempfehlungen und
Landesrahmenvereinbarungen, Unterstützung durch die BZgA, Orientierung
an Gesundheitszielen und Qualitätskriterien – von diesen Strukturen ist
zu hoffen, dass sie der Gesundheitsförderung Aufschwung verleihen.
Die ersten Schritte der gebildeten
Gremien wirken jedoch bürokratisch,
die Klage der Krankenkassen gegen die
Beauftragung der BZgA eher lähmend.

dateien/Kongress_A_G/A_G_15/
Doku_A_G_2015/Beitraege_neu/
Geene_R_Abschluss.pdf
– Raimund Geene, Rolf Rosenbrock (2015):
Etappenziel fast erreicht. Gesetz zur
Stärkung der Gesundheitsförderung und
Prof. Dr. Raimund Geene
© Gesundheit Berlin-Brandenburg (GBB)

Prävention.
	 In: Dr. med. Mabuse 213, S. 16-19.
– Jutta Hundertmark-Mayser, Wolfgang
Thiel (2015): Selbsthilfe in Deutschland.
In: Gesundheit in Deutschland. Gesundheitsberichterstattung. Hrsg. Robert
Koch Institut, Berlin.
	 URL: www.nakos.de/informationen/
fachwissen/deutschland/

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Die Zukunft der Pflegeberufe
Von Ulla Schmidt, MdB
Die frühere Gesundheitsministerin zeigt die Entwicklungen der professionellen
Ausbildung von Pflegekräften auf, mit denen der Gesetzgeber auf die wachsenden
Anforderungen im Feld der Pflege reagiert.

Eine menschenwürdige Pflege für alle
in Deutschland lebenden Menschen
zu gewährleisten ist eine der zentralen
wohlfahrtsstaatlichen Aufgaben des
21. Jahrhunderts.

Rückkehr nach Berlin, 1945 © Gerhard Gronefeld

Um diesem Anspruch gerecht zu werden wurde mit der Einführung der Pflegeversicherung 1995 die fünfte Säule
der Sozialversicherungen geschaffen.
Seitdem vergeht stets nur wenig Zeit,
ehe Reformen und Gesetzesänderungen die Pflege verändern, weiterentwickeln und fit machen für kommende
Herausforderungen – etwa den demografischen Wandel.
Lange standen die Pflegebedürftigen
im Fokus der politischen Bemühungen.
Die Pflegestärkungsgesetze I & II führen
längst überfällige Maßnahmen, wie
einen neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff, der auch Menschen mit psychischen und kognitiven Einschränkungen
umfasst, und eine solidere Finanzierung
der Pflegeversicherung ein. Doch auch
für die Pflegenden wurde an wichtigen
Stellschrauben gedreht: Pflegende Angehörige werden finanziell entlastet, damit sie dem Wunsch vieler Pflegebedürftiger, im gewohnten Umfeld gepflegt zu
werden, gerecht werden können.

Diese Reformen machen klar: Die
Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche
Aufgabe, die nur solidarisch finanziert
werden kann. Sie muss sich aber an
dem Anspruch messen lassen, dass
das Geld auch bei den Pflegebedürftigen und Pflegenden ankommt. Die
Einführung des Mindestlohns in der
Pflegebranche im Jahr 2010 war ein
erster wichtiger Schritt dahin, die Pflegeberufe attraktiver zu gestalten. Der
kontinuierliche Ausbau des Mindestlohns in der Pflegebranche führt diesen
Anspruch fort. Richtig ist jedoch auch,
dass gerade Altenpfleger und Altenpflegerinnen, gemessen an der Verantwortung und der Wichtigkeit ihrer
Aufgaben, immer noch zu wenig Geld
verdienen. Deswegen wünsche ich mir
längerfristig einheitliche Tarifverträge
in der Pflegebranche.

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Lebenswelten in Deutschland erschließen. Um eine solide Personaldecke zu
garantieren werden Leistungen für
Neueinstellungen aufgestockt und
Förderprogramme aufgelegt, die einen
Pflegenotstand verhindern sollen.

Notunterkunft für Flüchtlinge, 1946 © Gerhard Gronefeld

Die Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nur solidarisch finanziert werden kann.

Um die Pflegeberufe attraktiver zu
gestalten, ist eine bessere Bezahlung
neben guten Arbeitsbedingungen
unabdingbar. Bereits heute werden
viele ausländische Fachkräfte angeworben, die mit viel Know-how und
interkultureller Kompetenz die Pflegebranche bunter machen und vielfältige

Die Attraktivität eines Pflegeberufs kann
jedoch nicht einzig durch gute Bezahlung und eine solide Personaldecke
gesteigert werden. Aus der Praxis vieler
Pflegender wissen wir, dass Dokumentationen oft mehr Zeit in Anspruch
nehmen, als die eigentlichen Pflegezeiten, die den Kern der sozialen Arbeit
ausmachen sollten. Mit einem neuen
Strukturmodell wurden Anreize eingeführt, demotivierende und ineffiziente
Dokumentationszeiten einzusparen und
die Pflege von Mensch zu Mensch verstärkt in den Fokus der Arbeit zu rücken.

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Die politische Praxis hat gezeigt, dass
die sogenannten Best-Practice-Beispiele
entscheidenden Anteil an Reformen haben sollten: So können direkt aus dem
Alltag Vorschläge und Maßnahmen in
die Gesetzgebung einfließen und nachhaltig zur Verbesserung der Pflege in
Deutschland beitragen. Beispiele dafür
sind die Bewertung der Pflegequalität
oder der Pflege-TÜV. Auch das derzeit
diskutierte Pflegeberufsgesetz nimmt
sich Problemen an, die aus dem Alltag
der Pflegeberufe an die Politik herangetragen wurden.
Die Ausbildung zum Kranken-, Altenoder Kinderkrankenpfleger ist bisher
nicht einheitlich geregelt. In einigen
Bundesländern ist die Ausbildung
zudem nicht kostendeckend, es fehlt
an Weiterbildungsmöglichkeiten und
spezialisierten Fachkräften, etwa in
der Akut- oder Langzeitpflege. Das
Pflegeberufsgesetz ändert das: Auf
eine gemeinsame Grundausbildung
folgt eine praktische Vertiefung, die im
Abschlusszeugnis der Pflegefachkräfte vermerkt wird. Ausgehend von der
Erkenntnis, dass heute Altenpflege oft
auch Krankenpflege und Krankenpflege
oft Altenpflege ist, verspreche ich mir
von dieser generalisierten Ausbildung
auch eine Aufwertung der Altenpflege
auf das Niveau der Krankenpflege, die
dringend nötig ist.
Zugang zu der neuen FachkraftAusbildung erhalten wie bisher alle
Absolventen mit einem Mittleren

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Schulabschluss, unter bestimmten
Voraussetzungen auch Absolventen der
Hauptschule. Die komplette Ausbildung ist zukünftig kostenfrei und
wird vergütet. Nur so kann garantiert
werden, dass hochqualifizierte Pflegefachkräfte diesen wichtigen Beruf
erlernen.

Die politische Praxis hat gezeigt,
dass die sogenannten Best-PracticeBeispiele entscheidenden Anteil
an Reformen haben sollten: So
können direkt aus dem Alltag
Vorschläge und Maßnahmen in
die Gesetzgebung einfließen und
nachhaltig zur Verbesserung der
Pflege in Deutschland beitragen.

Um den Transfer von neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen in die Pflege
zu gewährleisten, die Qualifikation
für Leitungsaufgaben oder vertiefte
medizinische Kenntnisse zu erwerben,
wird außerdem das Pflegestudium als
Ergänzung zur beruflichen Pflegeausbildung eingeführt.
Diese Eckpunkte einer Reform der
Pflegeberufe und der Pflegeausbildung
sind lange diskutiert worden. Sie stehen
kurz vor der Umsetzung und markieren
einen wichtigen Abschnitt auf dem
Weg zu einer noch besseren Pflege in
Deutschland. Ich wünsche mir, dass

Kochstelle im Freien im Flüchtlingslager Segeberg,
1946 / 1947 © Ursula Litzmann

auch zukünftige Regierungen in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft, den
Experten und den Betroffenen wichtige
Weichenstellungen unternehmen, um
die Pflege als gesamtgesellschaftliche
Aufgabe zu stärken.

Ulla Schmidt, MdB
© Laurence Chaperon

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Gesundheitsfördernde und präventive Potenziale im Kontext pflegeflankierenden Engagements: Die Kontaktstellen „PflegeEngagement“
Von Stefanie Emmert-Olschar und Ina Kammermeier
Die Weltgesundheitsorganisation hebt hervor, dass Gesundheitsförderung an das
Lebensumfeld der Menschen anknüpfen muss. Ein bedeutendes Setting bildet hierbei
der Stadtteil bzw. die Kommune. Hervorzuheben ist die Aufgabe, gesundheitsfördernde Rahmenbedingungen für die dort lebenden Menschen zu schaffen. Die Kontaktstellen „PflegeEngagement“ besitzen das Potenzial, einen wertvollen Beitrag zur
Entwicklung von gesundheitsförderlichen Strukturen auf bezirklicher Ebene in Berlin
zu leisten.

Mit der Umsetzung des § 45d des
Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes
(SGB XI) 2010 entschied das Land Berlin
die „Förderung ehrenamtlicher Strukturen sowie der Selbsthilfe“ in der Pflege
als Infrastrukturmodell zu realisieren.
Zur bestmöglichen Vernetzung und
Nutzung bestehender Ressourcen sind
die Kontaktstellen „PflegeEngagement“
an die etablierten bezirklichen Selbsthilfekontaktstellen angebunden.
Damit reagierte der Berliner Senat auf
den steigenden Bedarf an Pflegeunterstützung, der sich mit einer immer
älter werdenden Gesellschaft ergibt.
Zusätzliche Unterstützungsangebote
für die Betroffenen zu schaffen ist eine
Aufgabe, welche vor dem Hintergrund
demografischer und gesellschaftlicher
Entwicklungen zunehmend an Aktualität gewinnt. Denn die Bewältigung

Flüchtlinge in einem Sammellager, 1945 / 1946
© Puck Pressedienst

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körperlicher, geistiger sowie psychischer Beeinträchtigungen als auch das
Eintreten einer Pflegesituation stellen
für Betroffene und deren Angehörige
eine große Herausforderung dar. Zudem
wünschen sich die Menschen möglichst
lange autonom und mobil in der eigenen Häuslichkeit zu bleiben. Frühzeitige
Informationen, Beratungs- und Unterstützungsangebote, sowie regelmäßige
Bewegung und außerhäusliche Mobilität können nach wissenschaftlichen
Erkenntnissen einen wesentlichen
Beitrag dazu leisten, Selbstständigkeit
und Lebensqualität zu erhalten.

Ziel ist es, informelle, selbstorganisierte
Netzwerke engagierter Bürger im Bereich der Pflege zu stärken. Sie setzen
also dort an, wo professionelle Pflegeleistungen an ihre Grenzen stoßen.

Schwerpunkt der Arbeit ist daher die
Unterstützung kleinerer, wohnortnaher
Selbsthilfe- und Ehrenamtsstrukturen
für betreuende und pflegende Angehörige sowie Pflegebedürftige und
Personen mit erheblichem allgemeinem
Betreuungsbedarf, die in der eigenen
Wohnung oder Häuslichkeit oder in
einer ambulanten Wohngemeinschaft
leben. Hinzu kommt die Notwendigkeit
von nachbarschaftlicher Vernetzung
und Stärkung des Selbsthilfepotenzials
auch vor dem Eintritt möglicher Pflegebedürftigkeit. Es handelt sich bei dem
Portfolio um einzel- als auch gruppenorientierte Angebote, z.B. Besuchs-,
Begleit- und Alltagsdienste sowie Selbsthilfe-Aktivitäten. Die Arbeit der Kontaktstellen „PflegeEngagement“ ist zudem als Ergänzung bereits bestehender
Unterstützungsformen konzipiert.

Das Thema Gesundheitsförderung und
Prävention spielt bei der Aufgabenerfüllung sowohl explizit als auch implizit
eine Rolle. So werden im Rahmen der
Kontaktstellen-Arbeit unter anderem
Maßnahmen zur Bewegungsförderung
und Sturzprävention umgesetzt. Praxisbezogene Beispiele sind kostenlose
Informationsveranstaltungen zur Sturzprophylaxe, Stuhlgymnastik oder Spaziergangsgruppen. Hierbei wird auch
auf die psychosoziale Komponente von
Gesundheitsförderung und Prävention
Bezug genommen. Schwerpunktmäßig
initiieren und unterstützen die Kontaktstellen „PflegeEngagement“ Gesprächsund Freitzeitgruppen für pflegende
Angehörige. Der regelmäßige Austausch
mit Gleichbetroffenen in Kombination
mit bewegungsfördernden Elementen
kann eine enorme Entlastung mit präventivem Charakter schaffen. Durch die

Ziel ist es, informelle, selbstorganisierte Netzwerke engagierter
Bürger im Bereich der Pflege zu
stärken. Sie setzen also dort an,
wo professionelle Pflegeleistungen an ihre Grenzen stoßen.

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Einbindung in Gesprächsgruppen oder
nachbarschaftliche Hilfenetzwerke
sowie durch die Vermittlung geschulter
ehrenamtlicher Begleiter in Familien, in
denen Pflegebedürftigkeit ein Thema
ist, fördern die Kontaktstellen die gesellschaftliche Teilhabe von pflegenden
Angehörigen und pflegebedürftigen
Menschen. Hier kommt der implizite
Bezug zu Gesundheitsförderung und
Prävention zum Tragen. Denn Gesundheit hat eine hohe soziale Komponente.

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förderung, Prävention, Selbsthilfe und
Pflegeunterstützung. Sie werden somit
nicht nur zu Unterstützern im Vorfeld
und Kontext von Pflege sondern auch
zu wichtigen Multiplikatoren. Zudem
können sie das erworbene Fachwissen
förderlich und präventiv auf die eigene
Person übertragen und anwenden.
Das vielfältige Aufgabenspektrum der
Kontaktstellen „PflegeEngagement“
im Kontext von Selbsthilfe und ehrenamtlichem Engagement eröffnet viele
Möglichkeiten für Gesundheitsförderung und Prävention. Ziel ist es, das
hohe gesundheitsfördernde Potenzial
der Kontaktstellen-Arbeit sichtbarer zu
machen und weiter auszubauen.

Die CARE International verteilt im Flüchtlingslager
Spenerstraße in Berlin-Moabit Hilfspakete, 1953
© Pressebild-Verlag Schirner

Ehrenamtliche leisten einen wichtigen
Beitrag, die Lebenssituation hilfeund pflegebedürftiger Menschen zu
entspannen, zu entlasten und – wo
nötig – sie und ihre Angehörigen aus
der sozialen Isolation zu holen. Zeitgleich entwickeln die Ehrenamtlichen
selbst eine Haltung zu Gesundheits-

Stefanie Emmert-Olschar
© Stefanie Emmert-Olschar

Ina Kammermeier
© Uwe Müller

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Das Präventionsgesetz von 2015 und das Engagement in der Pflege
Von Dr. med. Katharina Graffmann-Weschke
Mit dem Präventionsgesetz sind die Pflegekassen als neue Partner bei der Gesundheitsförderung und Prävention in die Pflicht genommen. Das ist ein erster Schritt, um
für diese gesamtgesellschaftlichen Aufgaben bewusst neue Akteure zu gewinnen.
Praktisch bedeutet dies, dass es zukünftig Finanzierungsmöglichkeiten in stationären
Pflegeeinrichtungen geben wird zu den Themen Ernährung, Bewegung, psychosoziale Gesundheit mit Suchtprävention, Gewaltprävention in der Pflege und Mentales
Training. Finanzierungsmöglichkeiten, die vor allem auch das ehrenamtliche Engagement in der Pflege unterstützen und ausbauen können.

Laut dem Bundesministerium für Gesundheit sind derzeit über 2,7 Millionen
Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Bis zum Jahr 2030 wird diese
Zahl voraussichtlich auf 3,4 Millionen
steigen. Damit ist die Pflege eine der
großen Herausforderungen der Zukunft.
Führten oft schwere Krankheit, ein
Schlaganfall oder ein Sturz plötzlich zur
Pflegebedürftigkeit, sind es heute auch
schleichende Prozesse, die die pflegenden Angehörigen sehr stark fordern.
Dadurch rückt das Thema Pflege immer
mehr in den Mittelpunkt unserer alternden Gesellschaft und erfährt die ihr
angemessene Bedeutung, weil viele
Menschen auf unterschiedlichste Weise
damit konfrontiert werden.
Rund 75 Prozent der Pflegebedürftigen
werden zu Hause betreut, etwa 25 Pro-

zent in stationären Pflegeeinrichtungen.
Die Pflege durch Angehörige, Nachbarn
oder Freunde in der eigenen Wohnung
hat daher in den vergangenen Jahren zunehmend mehr Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden. So gehört für das Audit
„Beruf und Familie“, das Unternehmen
und Institutionen bei der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie unterstützt,
mittlerweile auch das Thema Pflege zu
einem Entscheidungsschwerpunkt.

Die Pflege durch Angehörige,
Nachbarn oder Freunde in der eigenen Wohnung hat daher in den
vergangenen Jahren zunehmend
mehr Beachtung in der Öffentlichkeit gefunden.

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Doch die Prävention spielte bei diesen
Entwicklungen, wie auch in anderen
Bereichen, beispielsweise bei der
Gewaltprävention, der Suchtprävention im Alter und der Unfallprävention
eine nachgeordnete Rolle. Das könnte
sich nun ändern. Denn die finanziellen
Möglichkeiten durch das Präventionsgesetz können den schon lange überfälligen und gewünschten Maßnahmen
entsprechenden Rückenwind verleihen
und so neue Perspektiven für das Ehrenamt ermöglichen.
Ein klassisches Beispiel für die Einbindung von Ehrenamt um bestehende
Bedarfe in der Pflege zu füllen, ist das
Thema Sturzprävention. Bewegungsförderung im Alter war bisher vor allem
geprägt durch Projekte zur Sturzprävention und kleine Maßnahmen, wie z.B.
Spaziergangsgruppen. Zusätzlich zu der
zur Professionalität von Pflegefachkräften und Altenpflegern gehördenden

Flüchtlinge in Ostpreußen, 1945

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Aufgabe der sogenannten „aktivierenden Pflege“ werden bei der Sturzprävention Maßnahmen zum Kraft- und
Balancetraining angeboten. Regionale
Spaziergangsgruppen wurden bisher
häufig durch Ehrenamtliche begleitend
unter anderem an Pflegestützpunkten, regionalen Stadtteilzentren oder
Mehrgenerationenhäusern angeboten.
Zukünftig gibt es die Aufgabe, solche
Angebote fest in den Pflegealltag einer
Pflegeeinrichtung zu integrieren.
Dies ist nur ein Beispiel für den bisherigen Einsatz von Ehrenamt für
sonst nicht erbrachte Leistungen und
Maßnahmen in der Pflege. Mit dem
Präventionsgesetz kann sich das in Teilbereichen in Zukunft ändern; können
wichtige und ergänzende Angebote, die
bisher nicht finanzierbar waren, in den
professionellen Pflegealltag eingebunden und so ehrenamtliche Potenziale
für andere Bereiche genutzt werden.

Aber noch etwas anderes könnte gelingen, so wie es derzeit schon in Japan
praktiziert wird. Das wird möglich,
wenn man die Perspektive ändert
und das Ehrenamt hauptsächlich für
Maßnahmen der persönlichen Gesundheitserhaltung einsetzt. Das ermöglicht
einen ganz neuen Blick auf die Bedeutung von Ehrenamt, wie sie in Japan
längst erkannt wurde. Japan durchläuft
eine ähnliche demografische Entwicklung wie Deutschland und hat somit
gleiche Herausforderungen zu bewältigen. Aber man verfolgt dabei im
Sinne der Prävention eine ganz andere
Aufgabe für das Ehrenamt.

Denn wer sich engagiert, beispielsweise wenn das Berufsleben
beendet ist, erhält sich Strukturen
im Alltag, lernt Menschen kennen, bewegt sich, wird mit seinen
Erfahrungen und Kompetenzen
gebraucht und hat so einen
aktiven Teil am gesellschaftlichen
Leben.

Ehrenamt, insbesondere im Alter, wird
hier ganz besonders gefördert, nicht
um Lücken zu füllen, sondern um die
Gesundheitsförderung und die Prävention der älter werdenden Menschen zu
unterstützen. Man wertet dabei den
Einsatz vor allem auch mit seinen positiven Auswirkungen auf die Ehrenamt-

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lichen selbst. Denn wer sich engagiert,
beispielsweise wenn das Berufsleben
beendet ist, erhält sich Strukturen im
Alltag, lernt Menschen kennen, bewegt
sich, wird mit seinen Erfahrungen und
Kompetenzen gebraucht und hat so
einen aktiven Teil am gesellschaftlichen
Leben. In Japan wird dies auch ganz klar
im Zusammenhang mit der Prävention
von Demenz positioniert. Das passt
auch deshalb, weil aktuelle Strategien in
der Demenzprävention vor allem Bewegung und geistige Betätigung verfolgen.
Wie schön wäre es, wenn das Präventionsgesetz neben Strukturmöglichkeiten in der stationären Pflege auch
Auswirkungen auf unsere Sicht auf die
Gesundheitsförderung durch das Ehrenamt beim Älterwerden hätte. Denn
mit dieser Unterstützung kann es auch
gelingen, deutlich zu machen, dass
die Pflege zu Hause durch Angehörige,
Freunde, Nachbarn für alle Beteiligten
sehr bereichernd sein kann und ein
besonderer Lebensabschnitt für alle Beteiligten. Noch viel zu selten wird dies
in unserer Öffentlichkeit thematisiert.
Dr. med. Katharina
Graffmann-Weschke
© www.lebenslang.de

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Gemeinsam Gesundheit gestalten
Von Petra Fuhrmann und Christoph J. Rupprecht
„Gesundheit wird von Menschen in ihrer alltäglichen Umwelt geschaffen und gelebt:
dort, wo sie spielen, lernen, arbeiten und lieben. Gesundheit entsteht dadurch, dass
man sich um sich selbst und für andere sorgt, dass man in die Lage versetzt ist, selber
Entscheidungen zu fällen und eine Kontrolle über die eigenen Lebensumstände auszuüben sowie dadurch, dass die Gesellschaft, in der man lebt, Bedingungen herstellt,
die all ihren Bürgern Gesundheit ermöglichen.“
Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung, 1986

Dieses in der ersten internationalen
Konferenz zur Gesundheitsförderung
im kanadischen Ottawa formulierte
umfassende Verständnis von Gesundheit bedeutete einen Paradigmenwechsel. Gesundheit und Wohlbefinden
werden von vielen Faktoren beeinflusst,
die weit über das medizinische Versorgungssystem hinausgehen. Gesundheit
ist gestaltbar: von Menschen, Zivilgesellschaft, Wirtschaft, Institutionen
und Politik, in Kitas, in Schulen, Betrieben und Pflegeeinrichtungen, in der
direkten Nachbarschaft, im Stadtteil
und auf allen politischen Ebenen.
Prävention und Gesundheitsförderung
gewinnen in einer Gesellschaft des
langen Lebens und Arbeitens zusätzlich
an Bedeutung. Mit dem neuen Präventionsgesetz ist − im vierten Anlauf −
ein wichtiger Aufschlag erfolgt, um
Prävention und Gesundheitsförderung

mehr Geltung zu verschaffen. Das
Gesetz stellt weitere Weichen für die
Stärkung lebensweltbezogener Prävention und Gesundheitsförderung,
damit auch für die Verminderung sozial
bedingter Ungleichheit von Gesundheit
und Gesundheitschancen und für mehr
Kooperation zwischen den beteiligten
Akteuren. Prävention und Gesundheitsförderung können jedoch nur
dann nachhaltig wirken, wenn sie als

Flüchtlinge aus Schlesien vor ihrer Notunterkunft in Gorgast / Oderbruch, 1945 / 1946 © Gerhard Gronefeld

gesamtgesellschaftliche Aufgabe begriffen werden. Dazu braucht es einen
kulturellen Aufbruch und Wandel.
Diejenigen, die am meisten von präventiven und gesundheitsfördernden
Maßnahmen profitieren könnten, insbesondere vulnerable Gruppen, z.B.
Langzeitarbeitslose, von Armut betroffene Familien oder kranke und pflegebedürftige Menschen, werden oft nicht
erreicht – das Präventionsdilemma.

Mit dem neuen Präventionsgesetz ist − im vierten Anlauf − ein
wichtiger Aufschlag erfolgt, um
Prävention und Gesundheitsförderung mehr Geltung zu verschaffen.

Der Schwerpunkt der Prävention und
Gesundheitsförderung – auch der gesetzlichen Krankenversicherungen – lag
lange zu stark auf der Individualprävention. Der Setting-Ansatz nimmt die
Bedingungen in den Lebenswelten in
den Blick. Das ist weit mehr als „Präventionsunterricht“ im Setting, ein wesentlicher Schwachpunkt bisheriger Maßnahmen und bisheriger Politik. Ziel ist es,
gesundheitsförderliche Lebenswelten
zu gestalten. Die Stärkung der individuellen und gemeinschaftlichen Fähigkeiten und (Gesundheits-)Ressourcen der
Menschen im Setting (Empowerment)
und die aktive Beteiligung und Mitge-

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staltung (Partizipation) sind Schlüsselfaktoren für nachhaltige und erfolgreiche Maßnahmen.
Hier ein Beispiel der Aktivitäten der
AOK Rheinland/Hamburg:
Auf die besondere Bedeutung der
Nachbarschaft, auch im Sinne der Gesundheitsförderung, möchte die AOK
Rheinland/Hamburg mit der Aktion
„Gesunde Nachbarschaften“ aufmerksam machen.
Die Aktion will gelungene Nachbarschaftsinitiativen bekannt machen und
zur Nachahmung anregen (www.aokgesunde-nachbarschaften.de).
Gelebte Nachbarschaft und nachbarschaftliches Engagement beeinflussen
Lebensqualität, Wohlbefinden und Gesundheit auf vielfältige Weise: ermöglichen soziale Einbindung und Teilhabe,
erzeugen Zugehörigkeit und Anerkennung und das Bewusstsein, den Ort an
dem man lebt, zum Positiven verändern
zu können.
Viele Menschen engagieren sich in ihrer
Nachbarschaft, oft ganz informell, aber
auch in einer wachsenden Zahl von
Initiativen und Vereinen. Die Initiativen,
die sich dem Projekt angeschlossen
haben, zeigen, wie vielfältig und bunt
nachbarschaftliches Engagement ist;
dazu zählen Mehrgenerationenwohnprojekte, Gemeinschaftsgärten, Initiativen, die ganz konkrete nachbarschaft-

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liche Hilfe anbieten, z.B. Kinder- oder
Hausaufgabenbetreuung, Besuchsdienste, Tauschbörsen sowie Sport- und
Freizeitgruppen.

Die Stärkung der individuellen
und gemeinschaftlichen Fähigkeiten und (Gesundheits-)Ressourcen
der Menschen im Setting (Empowerment) und die aktive Beteiligung und Mitgestaltung (Partizipation) sind Schlüsselfaktoren
für nachhaltige und erfolgreiche
Maßnahmen.

Engagement, auch nachbarschaftliches Engagement, braucht geeignete
Rahmenbedingungen und Strukturen;
Engagementpolitik ist als Querschnittspolitik zu verstehen. Gleiches gilt für die
Gesundheitsförderung. Gesundheits-,
Bildungs-, Sozial- und Umweltpolitik
sind eng verknüpft.
Gesundheitsförderung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Nur in geteilter Verantwortung und durch gemeinsames Handeln von Politik (Bund, Ländern
und Kommunen), Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen, Wissenschaft,
Wirtschaft und Zivilgesellschaft können
gesundheitsförderliche Lebensbedingungen entwickelt werden.

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Prävention und Gesundheitsförderung
finden auf kommunaler Ebene statt,
das greift das Präventionsgesetz nicht
in ausreichendem Maße auf. Um dieser
besonderen Rolle gerecht zu werden,
benötigen die Kommunen die notwendigen Kompetenzen und Ressourcen.
Dazu zählt auch ein leistungsfähiger
Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD).

Sie wollen sich global engagieren?

0800 188 7 188

In den Städten und Gemeinden werden
die Lebensbedingungen entscheidend
mitgestaltet – zu häufig noch ohne die
Expertise und Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger. Und im Sinne des
Vordenkers der ‚Bürgerkommune‘,
Michael Bürsch, brauchen aktive Bürgerinnen und Bürger auch eine aktive und
aktivierende Kommunalpolitik.

gebührenfreies Infotelefon

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Petra Fuhrmann
© Petra Fuhrmann

Christoph J. Rupprecht
© Christoph J. Rupprecht

Die Mitmachzentrale der Engagement
Global gGmbH ist die zentrale Anlaufstelle für allgemeine Beratung rund um
entwicklungspolitisches Engagement
im Inland und Ausland.

Im Auftrag des

53

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Thementag: Migration und Engagement

Migration
und Engagement

Die Debatten über Flucht, Vertreibung
und Migration haben in allen gesellschaftlichen Milieus an Intensität
gewonnen und eine Welle der Unterstützung für Flüchtlinge als zivilgesellschaftliche Willkommenskultur erzeugt.
Eine zentrale Aufgabe für nationale und
europäische Politik ist es, alle politischen,
diplomatischen und ökonomischen Maßnahmen zu treffen, um zu verhindern,
dass Menschen in den Krisen- und
Kriegsgebieten dazu gezwungen sind,
ihre Heimat, ihre Besitztümer und ihre
Lebensverhältnisse zu verlassen.
Eine weitere zentrale Aufgabe der
Politik ist die nachhaltige Integration
von Flüchtlingen und Migranten. Ohne
das Engagement der Zivilgesellschaft
wird diese nicht zu realisieren sein.
Dabei ist das Gelingen von Integration
auch eine wesentliche Herausforderung
der Demokratie, denn es zeichnet sich
deutlich ab, dass Integrations- und
Fremdenfeinde sich zu Protagonisten
des „wahren Volkswillens“ stilisieren
und Partizipationsforderungen für sich
zu instrumentalisieren suchen.

Anknüpfend an die Thementage des
Jahres 2015, „Internationales Engagement“ und „Demokratie und Vielfalt“,
wird der Thementag „Migration und
Engagement“ 2016 in der Woche des
bürgerschaftlichen Engagements die
Formen und die Vielfalt des Engagements für Integration sichtbar machen
und würdigen. Das betrifft insbesondere auch das Engagement für und von
Geflüchteten.
Damit stellen sich Fragen an Infrastruktur und Rahmenbedingungen für ein
nachhaltiges Engagement: Wie breit
kann die Palette des Engagements
angelegt sein? Wo gibt es Probleme?
Was kann vorbildlich wirken? Was
„schaffen“ Engagierte und wo droht
Überforderung? Welche Aufgaben
kommen auf Politik und Netzwerke zu?
Welche Unterstützungsbedarfe hat das
Engagement für und mit Geflüchteten?
Welche Bedeutung haben die Formate
der Paten, Lotsen und Mentoren und
welche Unterstützung benötigen sie?

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Die Bewältigung der Flüchtlingskrise ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe
Von Thomas Silberhorn, MdB
Die weltweite Flüchtlingskrise ist für unser Land eine der größten Herausforderungen
seit der deutschen Wiedervereinigung. Sie ist Ausdruck einer globalen Entwicklung,
die von Deutschland, Europa, ja der internationalen Gemeinschaft insgesamt gemeinsame und solidarische Antworten verlangt.

So stimme ich ausdrücklich der Forderung des Generalsekretärs der Vereinten Nationen, Ban Ki Moon zu, dass es
einer „exponentiellen Steigerung der
weltweiten Solidarität“ bedarf, um zu
tragfähigen Lösungen zu kommen.
Um zu verdeutlichen, welche Dimensionen die Flüchtlingskrise mittlerweile
angenommen hat, seien nur ein paar
Zahlen genannt: Nach Angaben des
Büros des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR)
sind zur Zeit ca. 60 Millionen Menschen
auf der Flucht – so viele wie seit dem
Ende des Zweiten Weltkrieges nicht
mehr. Allein seit 2011 ist die Zahl der
Flüchtlinge um 40 Prozent gestiegen.
Von diesen 60 Millionen sind ca. 38,2
Millionen Menschen Binnenvertriebene
im eigenen Land, 20,2 Millionen Menschen haben als Flüchtlinge die Landesgrenzen überschritten, hinzu kommen
noch 2,3 Millionen Asylsuchende.

All diesen Menschen ist gemeinsam,
dass sie vor Gewalt und Verfolgung
fliehen und ihre Heimat nicht freiwillig
verlassen. Die überwältigende Mehr-

heit der Flüchtlinge bleibt im eigenen
Land oder in einem unmittelbaren
Nachbarland, und damit bleiben 86 Prozent aller Flüchtlinge in einem Entwicklungsland. Brennpunkte sind zurzeit Syrien und der Nahe Osten, Afghanistan,
Pakistan sowie Ost- und Zentralafrika.
Diese dramatische Situation, die uns
sicherlich noch viele Jahre beschäftigen wird, erfordert gerade von der
Entwicklungszusammenarbeit besondere Anstrengungen. Denn nur eine
nachhaltig und langfristig angelegte
Entwicklungszusammenarbeit vermag
es, einen Beitrag zur Minderung von
strukturellen Fluchtursachen zu leisten.

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Aus diesem Grund wurde zu Beginn
dieser Legislaturperiode eine Sonderinitiative „Fluchtursachen bekämpfen –
Flüchtlinge (re)integrieren“ im Bundesentwicklungsministerium (BMZ)
gegründet. Weitere Sonderinitiativen
wie „EINEWELT ohne Hunger“, „Stabilisierung und Entwicklung in Nordafrika
und Nahost“ und ein spezielles Infrastrukturprogramm sind gefolgt. Die
Schwerpunktländer in diesem Bereich
sind Syrien und der Nahe Osten, das
Horn von Afrika, Nordafrika und Nigeria, Afghanistan und Pakistan sowie der
Westbalkan und die Ukraine. Wir haben
die Mittel konzentriert und werden im
Jahr 2016 ca. 3,1 Milliarden Euro für
Neuzusagen im Zusammenhang mit
der Flüchtlingskrise machen können –
das ist eine Steigerung von 78 Prozent
im Vergleich zum Jahr 2015.

Natürlich ist eine Steigerung der
Mittel richtig und wichtig, um
den Flüchtlingen vor Ort etwa
durch die Versorgung mit Wasser
und Nahrungsmitteln das sichere
Überleben zu ermöglichen.
Genauso wichtig ist es aber auch,
ihnen darüber hinaus eine mittelfristige Perspektive zu eröffnen.

Mädchen, das seine Eltern auf der Flucht verloren hat, 1945
© Gerhard Gronefeld

Jungen, die ihre Eltern auf der Flucht verloren haben, 1945
© Gerhard Gronefeld

Natürlich ist eine Steigerung der Mittel
richtig und wichtig, um den Flüchtlingen vor Ort etwa durch die Versorgung

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mit Wasser und Nahrungsmitteln das
sichere Überleben zu ermöglichen.
Genauso wichtig ist es aber auch, ihnen
darüber hinaus eine mittelfristige Perspektive zu eröffnen. Aus diesem Grund
setzen wir auf den Dreiklang Schulen
für Kinder, Ausbildung für Jugendliche
und Arbeit für Erwachsene. Denn diese
drei Bereiche tragen entscheidend dazu
bei, eine Aufgabe und ein Auskommen
zu finden. Gerade syrische Flüchtlinge,
die in den Nachbarländern Türkei, Libanon und Jordanien aufgenommen wurden, machen sich häufig auf die beschwerliche Weiterreise nach Europa,
weil sie für sich und ihre Kinder keine
Perspektiven für ein selbstbestimmtes
Leben sehen.

Die Flüchtlingskrise wird sich aber
nicht allein durch staatliche Maßnahmen lösen lassen. Vielmehr
sind wir auf Akteure auf allen
Ebenen angewiesen.

In der Frage des Zugangs zu Bildung
hat die internationale Syrienkonferenz
im Februar 2016 in London Großartiges
geleistet. Auf dieser Konferenz hat die
internationale Gemeinschaft zugesichert, dass bis zum Ende des Schuljahres 2016/17 alle syrischen Kinder in
der Türkei, im Libanon und in Jordanien
die Schule besuchen können. Durch

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wir vor allem Projekte, die in Entwicklungsländern über zivilgesellschaftliche
Träger durchgeführt werden.

die deutsche Entwicklungszusammenarbeit wurde bereits jetzt erreicht,
dass beispielsweise im Libanon 60.000
Kinder Schulbildung erhalten.
Ein ganz wichtiger Aspekt ist die Möglichkeit für Flüchtlinge, sich ein eigenes
Einkommen erwirtschaften zu können.
Deshalb hat das BMZ auf der Syrienkonferenz ein groß angelegtes Beschäftigungsprogramm für den Nahen Osten
angekündigt. Bis zum Ende des Jahres
2016 sollen 50.000 Menschen im Libanon, in Jordanien, der Türkei und im
Nordirak schnell Arbeitsmöglichkeiten
erhalten, die sofort entlohnt werden.
Erste Maßnahmen laufen bereits an. So
gibt es seit März erste Jobs zu Abfallbeseitigung und Recycling in Nord-Jordanien, zur Ausbesserung von Straßen,
Dächern und Abwasserkanälen in der
Provinz Dohuk im Nordirak und zur
Sanierung von 1.300 Wohnungen in der
Bekaa-Ebene im Libanon.
Die Flüchtlingskrise wird sich aber nicht
allein durch staatliche Maßnahmen
lösen lassen. Vielmehr sind wir auf Akteure auf allen Ebenen angewiesen. So
sind gerade in Syrien die Vereinten Nationen ein zentraler Akteur bei der Frage
von Waffenstillstand und humanitärer
Versorgung. Auf lokaler Ebene spielen
bei der Bekämpfung von Fluchtursachen
zivilgesellschaftliche Organisationen
eine wichtige Rolle. So bildet etwa der Zivile Friedensdienst mit Mitteln des BMZ
lokale zivile Partner in Methoden der

59

Rastende Flüchtlinge in Berlin-Tempelhof, 1945
© Gerhard Gronefeld

gewaltfreien Konfliktbearbeitung aus. In
der Sahelzone in Afrika, wo zunehmende
Dürren zu Wassermangel führen, kann
so gewaltsamen Konflikten zwischen
Ackerbauern und Viehzüchtern um natürliche Ressourcen vorgebeugt werden.
Deutsche zivilgesellschaftliche Organisationen sind oft besonders nahe an
den Menschen, und haben damit eine
wichtige Aufgabe für uns und unsere
Partnerländer. Das BMZ hat daher die
Förderung für private Träger, Sozialstrukturträger, Kirchen, politische Stiftungen und Freiwilligendienste im Jahr
2016 erneut deutlich aufgestockt und
wird insgesamt 920 Millionen Euro zur
Verfügung stellen. Damit unterstützen

Selbstverständlich sehen und begrüßen
wir, dass sich in Deutschland viele Menschen ehrenamtlich für Flüchtlinge engagieren bzw. engagieren wollen. Um ihnen
Informationen und eine erste Anlaufstelle
zu bieten, haben wir die Mitmachzentrale bei der Engagement Global gGmbH
gestärkt. Im Auftrag des BMZ berät die
Mitmachzentrale Interessierte rund um
entwicklungspolitisches Engagement im
In- und Ausland. Unter der kostenlosen
Rufnummer 0800-1887188 oder per
E-Mail an info@engagement-global.de
erhalten Bürgerinnen und Bürger hier
Auskunft über Möglichkeiten und Ansprechpartner für ihr Engagement.
Durch Flucht und Migration wird offenkundig: Wir leben in einer Welt, die immer stärker zusammenrückt – und die
nur dann zu einem lebenswerten Ort
für alle Menschen werden kann, wenn
wir gemeinsam und solidarisch die großen Herausforderungen anpacken.
Thomas Silberhorn, MdB
© Bundesregierung Bergmann

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Engagement für Flüchtlinge und die Weiterentwicklung der Engagementlandschaft
Von Dr. Thomas Röbke
Die große Bereitschaft zum bürgerschaftlichen Engagement in der Flüchtlingshilfe
hat vor Augen geführt, wozu eine gut aufgestellte Zivilgesellschaft imstande ist. In
politischen Respektsbekundungen und lobenden Medienberichten war immer wieder
davon die Rede, dass es ohne die ehrenamtliche Hilfe gar nicht möglich gewesen wäre,
diese Notsituation zu bewältigen und dazu noch eine freundliche Willkommenskultur
auf die Beine zu stellen.

In dieses Lob mischte sich die Befürchtung, dass die Ehrenamtlichen nicht
lange würden durchhalten können.
Sicher verstehen viele Menschen ihr
Engagement als begrenzte Nothilfe
oder fühlen sich nach einiger Zeit überfordert. Viele Aussagen der Ehrenamtlichen deuten aber darauf hin, dass sie
ihr Engagement dauerhaft aufrechterhalten wollen. Sie wünschen sich eine
größere professionelle Unterstützung,
vor allem in der Koordination der
Flüchtlingshilfe, die einen verlässlichen
Rahmen schafft und unnötige Suchbewegungen vermeiden hilft.
Umgekehrt wird von den professionellen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus
Kommunen und Rettungsdiensten
immer wieder Kritik laut, dass manch
gut gemeintes freiwilliges Engagement
verpufft, weil keine sachlich angemessene Rückbindung zu den Aufgaben-

ohne Umwege direkt an. Die Bürokratie
ist sehr gering im Vergleich zu anderen ehrenamtlichen Tätigkeitsfeldern.
Das ist gewissermaßen der Vorteil der
„chaotischen“ Verhältnisse. Der eigene
Gestaltungsspielraum scheint recht
groß. Es gibt viele unterschiedliche
Möglichkeiten, sich zu engagieren und
dadurch seine eigenen Stärken einzusetzen: Von der Essensausgabe über
den Deutschkurs, den Bastelnachmittag für Flüchtlingskinder bis zur Stadtführung für Neuankömmlinge.

... dass sich viele Menschen offenbar deswegen so spontan in der
Flüchtlingshilfe engagieren, weil
es ihren Vorstellungen eines
gelungenen Engagements sehr
nahe kommt: Die Hilfe kommt
ohne Umwege direkt an.

Kochstelle in einer Notunterkunft in Berlin, 1945 / 1948
© Puck Pressedienst

stellungen und vorschriftsmäßigen Prozeduren und Regeln stattfindet. Auch
hier wird eine bessere Koordination der
Hilfen angemahnt.
Bei diesen berechtigten Kritikpunkten
muss man allerdings berücksichtigen,
dass sich viele Menschen offenbar deswegen so spontan in der Flüchtlingshilfe engagieren, weil es ihren Vorstellungen eines gelungenen Engagements
sehr nahe kommt: Die Hilfe kommt

Von der Flüchtlingshilfe zur Integrationsbegleitung
Diesen Motor des Engagements am
Laufen zu halten und nicht abzuwürgen, erfordert eine sensible Balance
zwischen einer Regulierung einerseits,
die für Sicherheit und Effektivität sorgt,
ohne andererseits die Spontaneität
der Hilfemotive in den Hintergrund zu
drängen. Zudem sollten wir die Palette
der Hilfsangebote erweitern. Je länger
die Flüchtlinge bei uns bleiben und je
größer die Gruppe derer sein wird, die

61

Rotkreuzschwester betreut einen Flüchtlingstransport,
1945 / 1947 © Puck Pressedienst

eine gute Bleibeperspektive erhalten,
desto wichtiger wird der Ausbau der
Engagementangebote, von der Willkommenskultur zur dauerhaften Integration. Dabei ist zu berücksichtigen, dass
Flüchtlinge nicht nur Adressaten von
Hilfsangeboten sind, sondern selbst
etwas mitbringen: Talente, Berufsausbildungen, guten Willen etc. Um Engagement auf Augenhöhe zu ermöglichen,
muss Hilfe mit Empowerment verbunden sein, das eine aktive Mitgestaltung
der sozialen Beziehungen auch auf
Seiten der Flüchtlinge ermöglicht.
Zudem muss man der politischen Dimension des Engagements besondere
Aufmerksamkeit schenken. Mehr als
in anderen Bereichen wird die bürgerschaftliche Qualität, d.h. die gesellschaftspolitische Dimension des Engagements sichtbar. Wir erleben das
überall: Ehrenamtliche Helferkreise
zeigen der Nachbarschaft mit ihrer
Willkommenskultur und Hilfsbereitschaft ein tolerantes und offenes Verhältnis zu den Geflüchteten an.

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Sie setzen wichtige Signale in einer
Zeit, in der die Besorgnis über Zuwanderung in Ablehnung, gar offenen Hass
umschlagen kann. Diese Rolle kann
eigentlich nur ein starkes zivilgesellschaftliches Engagement ausfüllen,
aber es ist auch auf die Rückendeckung
der öffentlichen Institutionen, der Unternehmen und der gewählten politischen Gremien angewiesen.
Engagementpolitik ist gefordert
Um die ungeheure gesellschaftliche
Aufgabe einer friedlichen, sozial und
politisch verträglichen Integration zu
bewältigen, braucht bürgerschaftliches
Engagement strukturelle und politische
Unterstützung, die auf Dauer angelegt
ist. Hierzu gibt es z.B. auf Länderebene
interessante Förderansätze:
Nordrhein-Westfalen hat eine Förderkonzeption „Ehrenamt in der Flüchtlingshilfe“ vorgelegt, die zunächst die
besondere Schnittmenge von Integrations- und Flüchtlingspolitik betont und
hier gezielte Übergänge schaffen will.
Sie ist bewusst breit in ihren Förderzielen aufgestellt, es werden Patenschaften, Sprach-, Lese- und Spielgruppen, lokale Informationsangebote und
einzelne ehrenamtliche Initiativen
gefördert.
NRW hat als Andockstellen die in den
letzten Jahren eingerichteten kommunalen Integrationszentren (KI) ausgemacht, die die Landesförderung auf

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kommunaler Ebene bündeln und die
Mittel an Dritte weiterleiten können.

Ehrenamtliche Helferkreise
zeigen der Nachbarschaft mit
ihrer Willkommenskultur und
Hilfsbereitschaft ein tolerantes
und offenes Verhältnis zu den
Geflüchteten an. Sie setzen wichtige Signale in einer Zeit, in der
die Besorgnis über Zuwanderung
in Ablehnung, gar offenen Hass
umschlagen kann.

Baden-Württemberg hat ein Förderprogramm „Flüchtlingshilfe durch Bürgerschaftliches Engagement“ verabschiedet,
das gezielt lokale Bündnisse der Flüchtlingshilfe fördert, die durch Fachberatungsstellen des Landes begleitet werden. Die Ausreichung der Mittel erfolgt
über die kommunalen Spitzenverbände
an Städte und Landkreise. Besonderheit
ist ein Kleinbudget, das Flüchtlinge selbstorganisiert für ihr eigenes Engagement
verwenden können. Begleitend wurde
eine Handreichung für ehrenamtliche
Flüchtlingshilfen entwickelt.
In Niedersachsen gibt es schon seit
einigen Jahren das Projekt „Integrationslotsen“, in dem mittlerweile tausende
Menschen eine fundierte Qualifizierung
für interkulturelle ehrenamtliche Arbeit
vor Ort erhalten haben.

Worauf es jetzt ankommen sollte
Auch wenn die jetzige Situation besonders akut ist, so sollte man deswegen die engagementpolitischen
Grundüberzeugungen nicht über Bord
werfen. Hierzu gehört auf der einen
Seite, verlässliche Infrastrukturen und
kommunale Netzwerke des bürgerschaftlichen Engagements zu schaffen
und zu stabilisieren, die nicht nur für
den Sonderzweck der Flüchtlingshilfe
zuständig sind, sondern als nachhaltige
Drehscheiben des Engagements vor
Ort ausgebaut werden müssen. Auf
der anderen Seite ein in Fachdiensten
und Facheinrichtungen zu implementierendes Freiwilligenmanagement,
das verlässliche Einsatzmöglichkeiten,
Wertschätzung und Begleitung für
Ehrenamtliche garantieren kann. In

63

besonderen Krisensituationen neigt
man dazu, sich nur auf das anstehende
Problem zu konzentrieren und sich dafür Lösungen auszudenken. Dies wäre
der falsche Ansatz, der letztlich wieder
zu der häufig kritisierten „Projektitis“
zurückführen würde.
Wir sollten uns deshalb nicht vom
aktuellen Krisenmodus beirren lassen,
sondern darüber nachdenken, wo wir in
fünf Jahren stehen könnten: Ich meine,
dass sich die Verhältnisse gegenüber
anderen Bereichen des bürgerschaftlichen Engagements angleichen werden.
Ehrenamtliche werden nämlich dort
sein, wo es um Integration geht: an den
Schulen, in den Kindergärten, in den
Kultureinrichtungen, in den Sportvereinen. Sie werden sich als Familien-

Flüchtlingsbaracke im Lager Laboe an der Kieler Förde, 1946 © Gerhard Gronefeld

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patinnen und -paten engagieren, als
Ämterlotsinnen und -lotsen agieren.
Je weiter Integration voranschreitet,
desto mehr werden sich die Formate
annähern. Aber auch die Schwierigkeiten werden ähnlich sein. Vielleicht wird
es bei Schulen oder in den sozialen Einrichtungen und Diensten eine größere
Bereitschaft geben – auch aus der Not
geboren – mit Ehrenamtlichen zusammenzuarbeiten. Aber Institutionen sind
hartleibig. Die INBAS-Studie zum Hauptund Ehrenamt1 zeigt, dass die größten
Vorbehalte gegenüber ehrenamtlicher
Mitarbeit bei jenen hauptamtlich
geführten Institutionen anzutreffen
sind, die bislang nicht mit Ehrenamtlichen arbeiten. Diese Anfangsscheu
zu überwinden wird eine Herausforderung bleiben. Dafür könnte der große
Respekt, der dem bürgerschaftlichen
Engagement derzeit entgegengebracht
wird, ein guter Türöffner sein. Aber
einfach wird es nicht.
Positiv könnte sich die nachhaltige
Implementierung eines professionellen
Freiwilligenmanagements entwickeln.
Wir sehen es gerade in Bayern: Das Sozialministerium fördert jetzt in jedem
Landkreis und in jeder kreisfreien Stadt
derartige feste Stellen. Es gibt Sondermittel für ehrenamtliche Integrationsarbeit in Freiwilligenagenturen, und
ein flächendeckendes Integrationslotsenprogramm ist im Entstehen. Davon
haben wir jahrelang geträumt, die

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Notsituation macht diese Investitionen
möglich. Wenn sich das verstetigen
ließe, wäre es ein Durchbruch zu einer
stabilen Infrastruktur des bürgerschaftlichen Engagements, die Fachleute seit
Jahren fordern.
1	 Jürgen Schumacher (INBAS Sozialforschung), Kooperation von Haupt- und Ehrenamtlichen in Pflege,
Sport und Kultur. Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
Frankfurt am Main 2015.

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Interview mit Dr. Joy Alemazung: In Deutschland angekommen
Von Adelheid Schultze
Dr. Joy Alemazung arbeitet seit März 2013 als Projektleiter bei Engagement Global
gGmbH – Service für Entwicklungsinitiativen in der Außenstelle in Stuttgart eng
mit zivilgesellschaftlichen Organisationen zusammen. Aktuell baut er die DeutschAfrikanische Jugendinitiative (DAJ) mit auf.
In Erlangen und Kiel studierte er Politische Wissenschaften und Soziologie. Seit 2015
ist er gewähltes Mitglied der Präsidialversammlung des Deutschen Evangelischen
Kirchentages. Des Weiteren ist er Herausgeber des Global Applied Sociology Journal,
Senior Analyst beim Global Governance Institute in Brüssel und Gastdozent an der
Bremer Hochschule sowie der Universität Gent (Belgien).

Dr. Thomas Röbke
© Susa Schneider

Sie wurden 2015 von dem in Europa
und Afrika erscheinenden Magazin „African Heritage“ auf Platz 1 der 100 einflussreichsten Afrikaner in Deutschland
gewählt. Worin besteht Ihr Einfluss?
Mich hat das gewundert, denn ich begegne ständig aus Afrika stammenden
Menschen, deren Engagement für ein
zukunftsfähiges Deutschland und eine
bessere Welt für alle ich sehr bewundere! Sie bringen sich wie ich in ganz
unterschiedlichen Bereichen ehrenamtlich ein. Ich habe bei Radio Z in
Nürnberg die Sendung „Afrika Panorama“
konzipiert und war damit fünf Jahre
lang auf Sendung. In Vereinen – national und international – bin ich aktiv
und habe Verantwortung übernommen
im Vorstand, beispielsweise schon wäh-

rend des Studiums bei den KamerunStudentenvereinen in Erlangen und in
Kiel, später beim African Good Governance Network e.V. und beim Verein
Afrika ist auch Bremen. Die Nominierung des African-Heritage-Magazins hat
mich überrascht. Vielleicht lag das an
der Tatsache, dass ich sowohl durch meine Ehrenämter als auch meinen Beruf in
Kontakt mit Migrantenorganisationen
(MOs) in ganz Deutschland komme
und sie berate oder bei ihren Projekten
hilfreich unterstütze.
Wie helfen Ehrenämter bei der Integration von Menschen, die in Deutschland
eine neue Heimat finden wollen?
Ehrenamtliche leisten einen wichtigen
Beitrag für die Anerkennung von Men-

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schen anderer Herkunft. Sie unterstützen
Neuankömmlinge, helfen beim Lernen
der deutschen Sprache, bei Behördengängen, Arztbesuchen, und so fort. Eine
Entwicklung, die mich glücklich macht,
ist das Engagement von einigen MOs in
der Betreuung von geflüchteten Menschen. Es gibt aber noch einen anderen
Aspekt bei dieser Frage. Ich selbst bin
engagiert in meiner Pfarrgemeinde, im
Elternbeirat der Kita und der Schule meiner Kinder und arbeite als Jugendtrainer
beim SV Werder Bremen. Gerade dieses
Engagement in „deutsch“ dominierten
Gremien finde ich wichtig, damit eine
Integration gelingen kann.

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Welche Möglichkeiten bietet aus Ihrer
Erfahrung die entwicklungspolitische
Bildungsarbeit für Migranten?
Migrantinnen und Migranten bringen
nicht nur ihre Herkunft, sondern auch
vielfältige Fachlichkeit mit. Ob als Vortragsredner oder Trainerin – ihre Einsätze
in unterschiedlichen Bereichen und auf
verschiedenen Bühnen sichern ihnen eine
wachsende Sichtbarkeit und Anerkennung. Ihr Anteil an den Referentinnen
des Programms „Bildung trifft Entwicklung“ (BtE) steigt, gut 25 Prozent kommen mittlerweile aus Ländern Afrikas,
Asiens oder Lateinamerikas und in den
mitteldeutschen Ländern führen sie sogar mehr als die Hälfte der Veranstaltun-

Schlafende Flüchtlinge im Bahnhofsbunker in Hannover, 1947 © Usula Litzmann

gen durch. Auch als SeminarleiterInnen
bei ENSA, dem Entwicklungspolitischen
Schulaustausch, oder dem ASA-Programm (Arbeits- und Studienaufenthalte in Afrika, Asien und Lateinamerika)
sind sie zunehmend gefragt.

für junge Menschen aus afrikanischen
Ländern erhöhen.
Die Fragen stellte Adelheid Schultze,
Engagement Global gGmbH

Wo sehen Sie in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit eine aktive Rolle
für Menschen, die aus ihrer Heimat
flüchten mussten?
Die Menschen hier wissen oft sehr wenig über die Situation in „Krisengebieten“. Menschen, die flüchten mussten,
können als Zeitzeugen authentisch
über ihre Erfahrungen berichten, wenn
sie diese verarbeitet haben. Einst
Geflohene, die sich etabliert haben in
Deutschland, können als Vorbilder die
neu Angekommenen motivieren.
Entwicklungspolitisches Engagement
hat viele Facetten, eine ist die DeutschAfrikanische Jugendinitiative (DAJ).
Können Sie das Projekt kurz beschreiben?
Die DAJ ist eine politische Schwerpunktsetzung des BMZ. Sie fördert den Ausbau
von Jugendaustausch zwischen Deutschland und afrikanischen Ländern. Dabei
baut sie auf Bestehendem auf und zielt
auf die Stärkung der Zivilgesellschaft.
Die DAJ arbeitet dialogorientiert, partizipativ und kooperativ. So möchte das
BMZ folgende Ziele mit der DAJ besser
erreichen: realistisches Bild von Deutschland und Afrika verbreiten; globale
Partnerschaften aus- und aufbauen;
global citizenship fördern und Chancen

Dr. Joy Alemazung
© Dr. Joy Alemazung

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Die Mitmachzentrale – zentrale Anlaufstelle für Fragen zum globalen
Engagement
Die Mitmachzentrale (MMZ) bei Engagement Global gGmbH ist die zentrale Anlaufstelle für
allgemeine Beratung rund um entwicklungspolitisches Engagement im Inland und Ausland.
Die MMZ berät Einzelpersonen, Kommunen, Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Stiftungen zu
entwicklungspolitischen Förder- und Freiwilligenprogrammen, vermittelt Ansprech- und
Kooperationspartner, erschließt Finanzierungsquellen und vernetzt fachlich.
Programme der Engagement Global
Die MMZ informiert zu den Förderprogrammen der Engagement Global – Bewerbungs- oder
Antragsvoraussetzungen sowie den inhaltlichen Ausrichtungen. Werden die grundlegenden
Kriterien für eine Förderung oder die Teilnahme an einem Programm erfüllt, findet – falls
gewünscht – eine Fachberatung in den Programmen der Engagement Global statt. Außerdem
ist die MMZ erste Anlaufstelle für Fragen und Information rund um die Deutsch-AfrikanischeJugendinitiative (DAJ).
Angebote außerhalb von Engagement Global
Zusätzlich verweist die MMZ auch auf Alternativen – wie Angebote aus Zivilgesellschaft und
Wirtschaft, des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
(BMZ) oder Programme, die in die Zuständigkeit anderer Ministerien fallen.
Vernetzung
Menschen mit guten Ideen werden Vernetzungsmöglichkeiten aufgezeigt, um mit und von
anderen zu lernen und gemeinsam Ideen zu konkretisieren und effizient umzusetzen. Die
MMZ kooperiert mit verschiedenen Netzwerken auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene wie zum Beispiel dem Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)
oder den Vertretungen der Europäischen Kommission in Deutschland, um die entwicklungspolitische Perspektive in die Engagement-Diskurse einzubringen.

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Rechtsruck in Europa?
Strategien gegen Rechtspopulismus in der Flüchtlingskrise
Von Mirko Schwärzel
Die Kräfte von Engagement und Zivilgesellschaft hängen auch von der staatlichen
Stützung und dem Zusammenspiel mit staatlichen Stellen ab. Wenn letztere dem
Druck populistischer Bewegungen nachgeben, wird auch das Engagement geschwächt.

Rechtsextremismus und Rechtspopulismus haben in allen europäischen
Ländern schon vor der sogenannten
„Flüchtlingskrise“ einen deutlichen
Aufschwung erlebt. Dieser Rechtsruck
zeigt sich an Wahlerfolgen rechter
Parteien ebenso wie am gestiegenen
Mobilisierungspotenzial rechtsradikaler
Gruppierungen. Islamistisch motivierte

Terroranschläge wie in Paris oder Brüssel und die latente Anschlagsgefahr
in Europa haben rechtspopulistischen
Stimmen und rechtsextremistisch motivierten Übergriffen auch in solchen
Gesellschaften Auftrieb gegeben, die
sich zuvor, wie beispielsweise die Niederlande, als liberale und ausgleichende Gesellschaften verstanden haben.

Seminare und Infoveranstaltungen
In Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Akteuren wie den entwicklungspolitischen
Landesnetzwerken bietet die MMZ Infoveranstaltungen und Einstiegsseminare für Personen aus entwicklungspolitisch engagierten Vereinen oder Organisationen, die bisher noch
keine oder wenig Erfahrung mit Förderungen und Antragstellung haben.
Stiftungen
Vertretungen von Stiftungen, die sich entwicklungspolitisch engagieren möchten und Kooperationspartner für die Durchführung ihrer Ideen suchen, sind ebenfalls richtig bei der MMZ.
Bei Bedarf stehen wir Ihnen mit fachlicher Expertise zu gesellschafts- und entwicklungspolitischen Themen, mit organisatorischer Beratung und finanzieller Förderung zur Seite.

Kontaktieren Sie uns!
Infotelefon: 0800 188 7 188 (kostenfrei, montags bis freitags 8-20 Uhr)
info@engagement-global.de | www.engagement-global.de
Rastende Flüchtlinge in Berlin-Tempelhof, 1945 © Gerhard Gronefeld

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Einig ist sich die rechte Bewegung
dabei in ihrer Ablehnung Europas: Die
Brüsseler Bürokratie schere sich nicht
um regionale Traditionen und betreibe
eine Politik der Gleichmacherei, die
zur Auflösung des gesellschaftlichen
Zusammenhalts in der lokalen Gemeinschaft führe. Der Zustrom von flüchtenden Menschen aus Kriegs- und Konfliktgebieten im vergangenen Jahr und die
mit dieser Herausforderung überfordert wirkende Politik und Verwaltung
haben rechten Bewegungen zu ihrer
weiteren Mobilisierung eine konkrete
Projektionsfläche geliefert. Uneinigkeit
und Orientierungslosigkeit der europäischen Regierungen in der Frage des
Umgangs mit den Flüchtenden wirkten
dabei wie ein Verstärker.

Im Hinblick auf eine langfristige,
strukturbildende Arbeit stößt das
oft ehrenamtliche und durch Idealismus geprägte bürgerschaftliche Engagement in den meisten
europäischen Ländern spürbar an
seine Grenzen.

Nationale Strategien gegen Rechtsextremismus
Unter diesem Eindruck sind in vielen
europäischen Ländern nationale Aktionspläne zur Extremismusprävention und -intervention verabschiedet

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worden. Diese beziehen sich allerdings
auf alle Formen von Radikalisierungen
und versuchen eine Balance zwischen
einer Abwehrstrategie gegen Terrorismus und einer Präventionsstrategie
gegen Rechtsextremismus herzustellen. Politische Maßnahmen reichen von
rechtlichen Sanktionen über Polizeifortbildungen und Sensibilisierungsprogrammen für Jugendliche bis hin zu
Aussteigerprojekten für Rechtsextreme.
Insbesondere von der demokratischen
Zivilgesellschaft und ihrem bürgerschaftlichen Engagement wird dabei
erwartet, dass sie mit ihrem Potenzial
zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts rechtsextremen Kräften
wirksam begegnen können. Nur selten
allerdings richten sich Förderprogramme der nationalen Aktionspläne an
zivilgesellschaftliche Organisationen,
zum großen Teil werden in staatlicher
Eigenregie bzw. mit den Sicherheitsdiensten oder Bildungsträgern umgesetzte Interventionsmaßnahmen finanziert. Im Hinblick auf eine langfristige,
strukturbildende Arbeit stößt das oft
ehrenamtliche und durch Idealismus
geprägte bürgerschaftliche Engagement in den meisten europäischen
Ländern spürbar an seine Grenzen.
Damit unterscheiden sich die meisten
europäischen Länder von der Situation
in Deutschland, wo es seit mehreren
Jahren aufeinander aufbauende Bundesprogramme zum Engagement ge-

gen Rechtsextremismus wie aktuell das
Programm „Demokratie leben!“ gibt,
die von zahlreichen Länderprogrammen flankiert werden. Hier allerdings
wirkt die Förderlandschaft insgesamt
eher diffus, was durch das Fehlen eines
strategischen Handlungsrahmens
erklärt werden kann. Zwar hat die Bundesregierung im Jahr 2008 einen Nationalen Aktionsplan zur Bekämpfung
von Rassismus vorgelegt. Dieser wurde
jedoch aufgrund struktureller Schwachpunkte, insbesondere im analytischen
Bereich und wegen mangelhafter Konsultations- und Abstimmungsverfahren
von Akteuren der Zivilgesellschaft zurückgewiesen. Der Aktionsplan wurde
seither nicht erneuert und hat kaum
politische Bedeutung.

Flüchtlinge in einer provisorischen Unterkunft, 1945 / 
1946 © Puck Pressedienst

Engagement der Europäischen Union
gegen Rechtsextremismus
Die Europäische Union selbst ist in den
vergangenen Jahren – insbesondere seit
den umstrittenen Boykottmaßnahmen

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gegen Österreich im Jahr 2000 – eher als
zögerlicher Akteur im Kampf gegen
Rechtsextremismus aufgefallen. Auch
wenn die Zuständigkeit in dieser Frage
im Bereich der Mitgliedstaaten liegt,
haben die Besorgnis erregenden Entwicklungen etwa in Griechenland,
Ungarn oder Rumänien die Stimmen
lauter werden lassen, die EU solle sich
dort mehr engagieren.
Der EU stehen dafür allerdings auch
nur begrenzte Mittel zur Verfügung.
Im Bereich des Monitoring wurde 2011
mit dem Radicalisation Awareness
Network (RAN) eine neue Struktur zur
Förderung des Fachaustauschs zur
Radikalisierungsbekämpfung zwischen
Mitgliedstaaten, begleitender Forschung und Zivilgesellschaft geschaffen. Dabei wird in erster Linie auf die
Abwehr terroristischer Gefahren aus
islamistischen Kreisen Bezug genommen („Stockholmer Programm“).
Unter den Förderprogrammen der
EU findet sich jedoch keines, das auf
europäischer Ebene in erster Linie zivilgesellschaftliche Arbeit gegen Rechtsextremismus unterstützt. Zur Stärkung
und Entwicklung demokratischer
Strukturen, europäischen Verständnisses und persönlicher Entwicklung sei
jedoch auf die beiden Förderprogramme „Europa für Bürgerinnen und Bürger“ und „Erasmus Plus“ verwiesen, mit
denen fortlaufend Maßnahmen gegen
rechts unterstützt werden.

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Ausblick: Kooperationen stärken, Austausch fördern!
In der aktuellen Flüchtlingsdebatte
konnte die „Refugees Welcome“-Bewegung nur für kurze Zeit den öffentlichen Diskurs prägen und das Bild eines
wertegebundenen und offenen Europas
vermitteln. Mehr und mehr scheint es
seither, dass rechtspopulistische und
xenophobe Tendenzen überwiegen und
sich die Politik in repressiven Vorschlägen zur Begrenzung der Migration in Europa zu überbieten sucht. Es wird darauf
ankommen, welche Formen europaweit
gefunden werden, über ein starkes und
demokratisches Gemeinwesen rechtsextremen Positionen und Gruppen den
Aktionsraum zu entziehen.

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auch bei den jeweiligen Einschätzungen
der Erscheinungsformen und Ursachen
von Rechtsextremismus. Diese Defizite
erschweren eine kompetente Erarbeitung von umfassenden Strategien
gegen Rechtsextremismus wie auch
eine auf Kontinuität und Langfristigkeit
ausgerichtete Umsetzung von Gegenmaßnahmen.

Es wird darauf ankommen, welche Formen europaweit gefunden
werden, über ein starkes und
demokratisches Gemeinwesen
rechtsextremen Positionen und
Gruppen den Aktionsraum zu
entziehen.

Eine Schwierigkeit ergibt sich auf
europäischer wie auch auf nationaler
Ebene aus der oftmals noch schwach
ausgeprägten Zusammenarbeit und
Vernetzung zwischen staatlichen Stellen
und zivilgesellschaftlichen Akteuren.
Dies zeigt sich beim Austausch von
Daten, Informationen und Wissen, aber

Mirko Schwärzel
© Mirko Schwärzel

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Flucht und Engagement – eine politische Großbaustelle
Von Dr. Serge Embacher und PD Dr. Ansgar Klein
Der Konsens scheint so gut wie allgemeingültig und dementsprechend schon fast
banal: Der Staat und die öffentlichen Verwaltungen allein werden die Herausforderungen der Integration der Migrationsbewegungen nicht bewältigen können. Doch
was heißt das konkret? Die Autoren schlagen einige Eckpunkte vor.

Durch die starke Zuwanderung nach
Deutschland – allein 2015 kamen etwa
eine Million Flüchtlinge zu uns – ist der
Staat mit seinen Verwaltungsorganen
in eine veritable Krise geraten. Der Krise
steht jedoch die massive Hilfsbereitschaft aus der Mitte der Gesellschaft
gegenüber. Zehntausende von Freiwilligen engagieren sich in der Flüchtlingshilfe. Von Kleider- und Lebensmittelspenden über medizinische Versorgung,
Rechtsberatung und ehrenamtliche
Deutschlerninitiativen bis zu Unterbringung und Wohnen gibt es kein Thema,
bei dem nicht bürgerschaftlich Engagierte mitmischen. Die aktive Bürgergesellschaft erweist sich einmal mehr
als Stützpfeiler des Gemeinwesens!
Vielleicht entspannt sich die akute Lage
in den nächsten Wochen und Monaten
weiter – doch kann man nicht davon
ausgehen, dass die Probleme sich damit
erledigt hätten. Die öffentliche Hand
wird also gut beraten sein, wenn sie

den Beitrag der Zivilgesellschaft vorbehaltlos anerkennt und in eine Politik
für die Zivilgesellschaft münden lässt.
Dabei gilt der Satz: Flüchtlingspolitik ist
Zivilgesellschaftspolitik.

Die öffentliche Hand wird also
gut beraten sein, wenn sie den
Beitrag der Zivilgesellschaft vorbehaltlos anerkennt und in eine
Politik für die Zivilgesellschaft
münden lässt. Dabei gilt der Satz:
Flüchtlingspolitik ist Zivilgesellschaftspolitik.

Eine solche Flüchtlingspolitik der Zivilgesellschaft sollte auf drei Säulen aufgebaut sein: Vielfalt, Dialog, Management.
Vielfalt: Das bürgerschaftliche Engagement in der Flüchtlingshilfe ist sehr
vielfältig. Es gibt tausendundeine Ideen

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und Initiativen und verschieden ausgeprägte Bereitschaft zum Engagement.
Für ein effektives Zusammenspiel der
Engagierten sowohl untereinander als
auch mit den beteiligten staatlichen
Institutionen und engagierten Wirtschaftsunternehmen wäre die flächendeckende Einrichtung von Koordinierungsstellen wichtig. Und da man das
Rad nicht immer neu erfinden muss,
könnten hier insbesondere die existierenden Freiwilligenagenturen auf ihre
Eignung geprüft und entsprechend personell und materiell gestärkt werden.
Dialog: Alle beteiligten Stellen müssen
– über das aktuelle Krisenmanagement

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hinaus – zu einer neuen Dialog- und
Kooperationskultur finden. Das BBE hat
hierzu ein Konzept unter dem Titel „Integration und Engagement“ erarbeitet.
Dabei geht es um einen umfassenden
Dialogprozess zwischen staatlichen,
zivilgesellschaftlichen und wirtschaftlichen Akteuren, um zu einer gemeinsamen und koordinierten Handlungsweise zu gelangen.
Management: Das massenhaft auftretende freiwillige Engagement in der
Flüchtlingshilfe ist die Gelegenheit
für die Vermessung neuer Wege des
Freiwilligenmanagements. Über die
genannten Punkte hinaus gilt: Wer

Willy Brandt im Aufnahmelager Berlin-Marienfelde, 1961 © Jochen Clauss

künftig bürgerschaftliches Engagement
fördern und an sich binden will, der
wird viel stärker als bislang die Lebenssituation der Engagierten berücksichtigen müssen; zum Beispiel die Notwendigkeit, Erwerbsarbeit, Privatleben
und Engagement etwa durch zeitlich
begrenzte Engagementmöglichkeiten
in Einklang zu bringen.
Wie immer Engagementpolitik bzw.
-förderung in der Flüchtlingshilfe
ausgestaltet wird – am Anfang muss
eine Bedarfsanalyse stehen. Eine solche
Bedarfsanalyse, die auf jeden Fall im
Dialog erweitert und vertieft werden
müsste, sollte folgende Elemente
beinhalten, die sich nach Ebenen und
Zuständigkeiten unterteilen lassen:
•	 Engagementförderung für die Flüchtlingshilfe auf Bundesebene
	Noch fehlen Instrumente, um die
allseits große Unterstützungsbereitschaft in einer zwischen Bund,
Ländern und Kommunen und mit
Zivilgesellschaft und Wirtschaft gut
abgestimmten Engagementpolitik
zu bündeln. Dazu würde ein Bundesfonds für die Engagementförderung
ebenso gehören wie eine verbesserte Bund-Länder-Koordination, eine
Querschnittskoordination für die Bereiche Bildung, Wohnen, Gesundheit
usw., die Unterstützung von Lotsen,
Paten und Mentoren sowie eine intensive Kooperation mit Migrantenorganisationen.

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•	 Engagementförderung für die Flüchtlingshilfe auf Länderebene
	 Die Länder haben die Aufgabe, Kommunen und Landkreise zu koordinieren. Dabei sind Unterbringung,
Gesundheit, Bildung/Fortbildung
sowie Zugang zu Erwerbsarbeit
zentrale Aufgaben. Engagement ist
in diesen Bereichen überall zu finden,
und es bedarf hier einer eigenen
Querschnittskoordinierung. Das
betrifft u.a. Strategien für Personal
und Ressourcen, Fördermittelvergabe, Schnittstellen-Management und
Konflikte zwischen Ehrenamtlichen
und Hauptamtlichen.
•	 Engagementförderung für die Flüchtlingshilfe der Kommunen
	 In den Kommunen stellen sich die Anforderungen einer gut koordinierten
und vernetzten Engagementförderung in besonderem Maße. Daher gilt
es, eine gute kommunale Koordination der Engagementförderung – ob
direkt bei der Verwaltung angesiedelt
oder aber durch zivilgesellschaftliche Infrastruktureinrichtungen
erbracht – zu gewährleisten. Es gilt
u.a. die spontane Hilfsbereitschaft
aufzugreifen und mit langfristigem
Engagement für Flüchtlinge zu
verbinden, die Koordinationsstrukturen energisch auszubauen sowie
den Infrastruktureinrichtungen für
Engagement ein professionelles Profil
zu geben.

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•	 Engagementförderung im strukturschwachen ländlichen Raum
	 Eine zentrale Herausforderung im
strukturschwachen ländlichen Raum
ist die Aktivierung und Koordination
von Engagement. Ähnlich wie in den
Städten besteht auch auf dem Land
eine große Hilfsbereitschaft. Damit
dieses langfristig für Willkommensund Integrationsinitiativen erhalten werden kann, bedarf es jedoch
deutlich verbesserter Rahmenbedingungen. Dabei kommt Netzwerken,
Knotenpunkten und Infrastrukturen
der Engagementförderung eine besondere Bedeutung zu.
Wie auch immer Politik und Gesellschaft mit diesen hier nur andeutungsweise skizzierten Anforderungen an
Engagementpolitik im Zeichen der
Flüchtlingskrise umgehen werden: Sie
tragen damit zugleich Verantwortung
dafür, dass sich rechter Populismus und
Xenophobie nicht als gesellschaftsfähige Verhaltensmuster gegenüber
Fremden durchsetzen können.

Dr. Serge Embacher
© David Ausserhofer

PD Dr. Ansgar Klein
© PD Dr. Ansgar Klein

Bundeskanzler Konrad Adenauer besucht ein Flüchtlingslager
in Berlin-Lichterfelde, 1958 © Pressebild-Agentur Schirner

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Thementag: Unternehmensengagement für Arbeit und Integration

Unternehmensengagement
für Arbeit und Integration

Neben dem Spracherwerb und einer
akzeptablen Unterbringung ist die
Integration in das Erwerbsleben eine
wesentliche Herausforderung für die
gesellschaftliche Eingliederung von
Flüchtlingen und Migranten. Auf diesem Feld der Integration kommt den
Unternehmen als „Arbeitgebern“ eine
zentrale Funktion zu.
Da die Integrationsaufgabe eine Schicksalsfrage der demokratischen Gesellschaft ist, sollten alle verfügbaren
Instrumente im Sinne einer entsprechenden strategischen Orientierung
kooperativ eingesetzt werden.
Die Organisation von Unternehmensengagement für Arbeit ist dabei eine
Aufgabe nicht nur für die einzelnen
Betriebe und Arbeitgeber, sondern
auch für die entsprechenden Verbände,

Netzwerke und Stakeholder des Wirtschaftslebens.
Unternehmensengagement für Integration kann darüber hinaus in Partnerschaft und Kooperation mit Akteuren
der Zivilgesellschaft umgesetzt werden.
Das Engagement der Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter ermöglicht dabei zivilgesellschaftliche Entwicklungen und
Erfahrungen.
Mit dem Thementag „Unternehmensengagement für Arbeit und Integration“
in der Woche des bürgerschaftlichen
Engagements 2016 soll die Vielfalt
unternehmerischer Initiativen sichtbar
werden. Dies schafft Anknüpfungsmöglichkeiten für Kooperationen mit den
vielen neu entstandenen zivilgesellschaftlichen Initiativen.

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Flüchtlingsengagement der Charta der Vielfalt unterstützt durch EY
Von Laura Aimee Lasswell und Benjamin Boldt
Die Ernst & Young GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft (EY) ist Teil der globalen
EY-Organisation und zählt zu den Marktführern in der Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Transaktionsberatung und Managementberatung. Neben dem Ziel „Building
a better working world“, möchte EY soziale Verantwortung (Corporate Social Responsibility CSR) übernehmen. Darum wurde Ende 2015 ein EY-internes Projektteam ins
Leben gerufen, um Geflüchteten den Einstieg ins Berufsleben und die Integration in
die deutsche Gesellschaft zu erleichtern.

Es begann mit einem Treffen im
Bundeskanzleramt, entstanden ist ein
starkes Netzwerk der Wirtschaft für
Flüchtlinge. Auf Einladung der Bundesbeauftragten für Migration, Flüchtlinge
und Integration, Aydan Özoguz, berieten im September 2015 die Mitglieder
der Charta der Vielfalt e.V. die Herausforderungen der Flüchtlingsthematik.
Die Charta der Vielfalt, deren Schirm-

Essensausgabe für Flüchtlinge, 1945 / 1946 © H. Dreyer

herrin die Bundeskanzlerin Angela Merkel ist, ist eine Unternehmensinitiative
von mehr als 2.300 Unternehmen und
Institutionen, die die Anerkennung,
Wertschätzung und Einbeziehung von
Vielfalt in der Arbeitskultur in Deutschland zum Ziel hat. Nach dem Treffen
bildete EY ein Projektteam, das die
Charta der Vielfalt dabei unterstützt,
Flüchtlingshilfe besser in der Wirtschaft
zu koordinieren.
Das Ziel von EY und der Charta der
Vielfalt ist es, Transparenz durch Bündelung der Nachfrage, Koordinierung
der Hilfsleistungen und Sammlung
von Erfahrungen und Best Practices an
einem „Runden Tisch der Charta der
Vielfalt“ zu schaffen. Ein besonderer
Schwerpunkt ist dabei die Integration
von Geflüchteten in den deutschen
Arbeitsmarkt.

Ein Netzwerk aus Wirtschaft, Politik
und Gesellschaft
Für einen regen Austausch am Runden
Tisch werden Veranstaltungen durch das
EY-Projektteam organisiert, auf denen
VertreterInnen aus Politik, Wirtschaft –
darunter zahlreiche DAX-Unternehmen
– und der Wohlfahrtsverbände ihre
gesammelten Erfahrungen miteinander
teilen können. Dabei werden unterschiedliche Integrationsansätze in den
deutschen Arbeitsmarkt diskutiert, in
Zusammenarbeit mit Geflüchteten die
Erwartungen und Möglichkeiten erörtert,
sowie zukünftig notwendige Informationen für Geflüchtete bereitgestellt.

Das Ziel von EY und der Charta
der Vielfalt ist es, Transparenz
durch Bündelung der Nachfrage,
Koordinierung der Hilfsleistungen
und Sammlung von Erfahrungen und Best Practices an einem
„Runden Tisch der Charta der
Vielfalt“ zu schaffen. Ein besonderer Schwerpunkt ist dabei die
Integration von Geflüchteten in
den deutschen Arbeitsmarkt.

In einer ersten Veranstaltung Ende 2015
haben sich 40 Organisationen getroffen.
Bei der Folgeveranstaltung des Runden
Tisches im Februar 2016 nahmen bereits
über 60 Organisationen teil, um gemeinschaftlich Lösungen zu erarbeiten.

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Für einen längerfristigen, erfolgreichen
Austausch des weiter wachsenden
Netzwerkes, bei dem die erarbeiteten
Lösungsansätze konkretisiert werden,
stimmen sich die Teilnehmenden bei
virtuellen Treffen über die Erfahrungen
und gesammelten Ergebnisse ab.
Erarbeitete Integrationsansätze
Der Runde Tisch erarbeitet gemeinschaftlich konkrete Lösungsansätze,
welche in drei Workstreams unterteilt
werden. Zum einen beschäftigt sich
eine Arbeitsgruppe damit, eine interne
Plattform für die Mitglieder des Runden
Tisches zu entwickeln, damit gesammelte Erfahrungen und Best Practices
unkompliziert ausgetauscht werden
können.
Der zweite Workstream entwickelt eine
zentrale Informationsplattform für
Geflüchtete und Helfende. Diese soll
alle aktuellen Nachrichten und Alltagsinformationen bündeln und somit Geflüchteten als zentraler Zugangspunkt
die komplizierte und oft langwierige
Informationssuche an vielen verschiedenen Orten erleichtern. Die Plattform
soll mit anderen Informationen verknüpft werden, Dialogfunktionalitäten
anbieten und in verschiedene Sprachen
übersetzt werden.
Der dritte Workstream thematisiert
die Integration der Geflüchteten in den
deutschen Arbeitsmarkt. Eine wichtige
Komponente sind hierbei Trainings, in

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Verfügung zu stellen. Für eine erfolgreiche Umsetzung all dieser Ideen und
Konzepte bedarf es daher einer übergeordneten Steuerung aller Aktivitäten
und einer genauen Zeitplanung. Diese
Aufgaben übernimmt das EY-Projektteam.
Ausblick
EY plant, neben internen Events, das
Netzwerk in regelmäßigen Abständen
zusammenzubringen. Je mehr Organisationen sich aktiv am Runden Tisch
der Charta der Vielfalt beteiligen, desto
effektiver können wir die Flüchtlingshilfe in Deutschland bereitstellen und den
Betroffenen schnellstmöglich helfen.

Notunterkunft für Flüchtlinge, 1945 © Gerhard Gronefeld

denen sowohl allgemeine Informationen über den typischen Arbeitsalltag in
Deutschland als auch konkrete arbeitgeberbezogene Inhalte weitergegeben
werden. Diese sollen den Geflüchteten
den Einstieg in eine Berufsausbildung,
einen Praktikumsplatz oder auch
den Direkteinstieg vereinfachen. Die
Trainingskonzepte richten sich an alle
Geflüchteten – über fachspezifische
Trainings auch an die, die sich bereits in
einer Anstellung befinden.
Es ist das gemeinschaftliche Ziel des
Runden Tisches, die gesammelten
Erfahrungen und die daraus abgeleiteten Lösungen schnellstmöglich den
Geflüchteten und Arbeitgebern zur

Laura Aimee Lasswell
© Laura Aimee Lasswell

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Aktiv für eine nachhaltige Gesellschaft
Von Gabriele Kotulla
Die Telekom übernimmt sozial, gesellschaftlich und ökologisch Verantwortung. Das
Ziel ist, neue Maßstäbe zu setzen und so die nachhaltige Entwicklung von Umwelt
und Gesellschaft voranzutreiben. Auch in der Flüchtlingshilfe prägen die Leitlinien
des Unternehmens die praktischen Maßnahmen.

Klimawandel, Globalisierung sowie Chancengleichheit in Zeiten zunehmender
Digitalisierung stellen die moderne Gesellschaft vor große Herausforderungen.
Neue Informations- und Kommunikations-Techniken können helfen, kommende Aufgaben und Probleme zu lösen.

Benjamin Boldt
© Benjamin Boldt

Aufnahmeverfahren im Flüchtlingslager Uelzen, 1947
© Ursula Litzmann

Um dem Vertrauen von Kunden und
Partnern auch in Zukunft gerecht zu
werden, ist nachhaltiges Handeln in
der CR-Strategie der Telekom verankert.
Im Mittelpunkt der CR-Strategie stehen
drei Handlungsfelder mit aktuellen
gesellschaftlichen Herausforderungen,
an denen sich die konkreten Ziele und
Maßnahmen orientieren: „Vernetzung
von Leben und Arbeit“, „Anschluss an
die Informations- und Wissensgesellschaft“ und neue „Wege zu einer klimaschonenden Gesellschaft“. Von Produkten und Diensten über Infrastruktur
und Logistik bis hin zu den Mitarbeitern – die CR-Strategie reicht bis in die
kleinsten Bereiche der täglichen Arbeit.
Denn nur wenn alle Beschäftigten für
Nachhaltigkeit sensibilisiert werden,
kann die Telekom ihr Ziel erreichen
und auch international Maßstäbe im
Bereich CR setzen.
Die aktuelle Situation der starken
Zuwanderung nach Deutschland stellt

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Gesellschaft und Wirtschaft gleichermaßen vor große Herausforderungen.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs
haben sich nicht mehr so viele Menschen gewünscht, in Deutschland eine
neue Heimat zu finden. Der Vorstand
der Telekom hat sich deshalb bereits
Ende August 2015 entschlossen eine
unternehmensinterne Task-Force zu bilden, um mit den besonderen Stärken in
unterschiedlichen Unternehmensbereichen Hilfsmaßnahmen für Geflüchtete
anbieten zu können. Auch in der Flüchtlingshilfe prägen die Leitlinien unseres
Unternehmens die Maßnahmen.

Der Vorstand der Telekom hat
sich deshalb bereits Ende August
2015 entschlossen eine unternehmensinterne Task-Force zu bilden,
um mit den besonderen Stärken in
unterschiedlichen Unternehmensbereichen Hilfsmaßnahmen für
Geflüchtete anbieten zu können.

Um den Geflüchteten nach der Ankunft
in Deutschland den Kontakt zu Angehörigen und Orientierung zu ermöglichen, hat die Telekom bundesweit
bislang 70 Erstaufnahmeeinrichtungen
mit kostenlosem WLAN ausgestattet.
Davon profitieren rund 90.000 Geflüchtete. Die Telekom unterstützt zudem
die Arbeit des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vor Ort: Über

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500 Mitarbeiter der Telekom haben
bereits ihren Arbeitsplatz gewechselt
und helfen bei der Bearbeitung und
Prüfung von Asylanträgen. Mittlerweile
arbeiten an jedem zweiten Außenstandort des BAMF auch Mitarbeiter der
Telekom.
In allen Erstaufnahmen und zahlreichen weiteren Flüchtlingsunterkünften
ist unser Portal refugees.telekom.de
als Startseite installiert. Es bietet Informationen für Geflüchtete und Helfer in
acht Sprachen. Die meisten Zugriffe erfolgen jedoch auf Englisch und Arabisch.
Die Geflüchteten finden Informationen
zum Leben und Arbeiten in Deutschland, zum Asylverfahren, zu Sprachlernangeboten und tagesaktuelle Nachrichten dank Kooperationen mit dem ZDF
und der Deutschen Welle. Für viele Standorte gibt es zudem Informationen zu
Hilfsangeboten vor Ort. So können sich
auch Helfer untereinander vernetzen.
Seit dem Start des Portals Anfang November 2015 hat sich die Nutzung stetig
nach oben entwickelt; aktuell greifen
rund 250.000 Personen im Monat auf
die Website zu.
Ende März hat die Telekom zusammen
mit den Partnern Jobstairs und Jobware
mit careers4refugees.de ein weiteres
Portal gestartet. Ausgangspunkt für diese Entwicklung waren die Erfahrungen in
den letzten Monaten, die gezeigt haben,
dass es vielfach gar nicht so leicht ist,
potenzielle Arbeitgeber und Geflüchtete
zusammenzubringen.

Auf diesem offenen Jobportal können
Unternehmen ihre Stellenangebote
kostenlos einstellen und die Zielgruppe Flüchtlinge explizit ansprechen.
Denn auf careers4refugees.de sind
ausschließlich Jobangebote eingestellt,
die Arbeitgeber auch mit Geflüchteten
besetzen möchten – davon profitieren
Arbeitgeber und Geflüchtete gleichermaßen. Ein Vorteil für die Unternehmen ist das unkomplizierte Stellenposting im eigenen Corporate Design
und die Möglichkeit der Anbindung
an eigene Recruitingsysteme. Dadurch
werden Ausschreibungsverfahren deutlich vereinfacht. Außerdem ist das Portal für die Nutzung mit Smartphones
optimiert, so dass die Bewerber über
die leicht zugängliche Plattform nach
aktuellen Angeboten suchen können.
Einen knappen Monat nach dem Start
von careers4refugees.de wurde das
Jobportal bereits mit einem Preis ausgezeichnet: Es erhielt den Queb Special
Award. Das Employer Branding-Netzwerk lobt die Plattform als „schnelle und
unbürokratische Hilfe“ für Geflüchtete,
um auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
Außerdem engagieren sich viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bundesweit ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe. Über 100 Freiwilligentage und
Projekte haben sie bereits durchgeführt
beziehungsweise gestartet. Darunter
zum Beispiel einen Sponsorenlauf der
Telekom Ausbildungszentren zugunsten

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Schlafende Flüchtlinge im Bahnhofsbunker in Hannover,
1947 © Ursula Litzmann

des Aktionsbündnisses „Deutschland
hilft“. Bundesweit nahmen über 1.100
Azubis und Mitarbeiter teil. Sie liefen
insgesamt knapp 7.000 Kilometer.
Ein Teilnehmer lief sogar spontan die
Marathondistanz. So kam eine Spendensumme von 50.000 € zusammen. Über
das Aktionsbündnis „Deutschland hilft“
konnte so traumatisierten Kindern in
den Flüchtlingslagern von Bersive im
Nordirak geholfen werden.
Aktuell unterstützen zahlreiche Mitarbeiter der Telekom Sprachlernkurse
für Flüchtlinge, z.B. „Ich will Deutsch
lernen“ in Zusammenarbeit mit VHS und
DVV sowie Bewerbertrainings, in denen
Multiplikatoren geschult werden, um Geflüchteten bei Bewerbungen zu helfen.

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Schaffen wir was.
Eine Chronologie. Eine Provokation. Ein Plädoyer.
Von Peter Kusterer

Frauen und Kinder im Flüchtlingslager Segeberg, 1946 / 1947 © Ursula Litzmann

Das Interesse für Unterstützungsmaßnahmen in der Flüchtlingshilfe ist im
Augenblick sehr groß. Bereits seit vielen
Jahren bietet die Telekom in Ergänzung
zu den Maßnahmen des Sozialstaats
Unterstützung für Menschen in besonderen Lebenssituationen an. Dazu
zählen nebem dem Sozialtarif Maßnahmen sowohl von Seiten der Telekom als
auch ihrer Mitarbeiter für die Lebenshilfe und DKMS, die Telefonseelsorge
und die Nummer gegen Kummer. Über
unsere Website www.telekom.com/
verantwortung können gemeinnützige
Organisationen Hilfegesuche einstellen,
für die sie Unterstützung durch freiwillige Helfer gebrauchen können.
Verantwortungsvolles Handeln und
gesellschaftliches Engagement haben
für die Telekom einen hohen Stellenwert.

Wir sind fest davon überzeugt, dass eine
nachhaltige Ausrichtung der Telekom große Chancen eröffnet. Wir bieten für viele
gesellschaftliche Herausforderungen bereits Produkte und Lösungen an. Auch in
Zukunft wollen wir unser CR-Engagement
weiterentwickeln, indem wir sowohl mit
unseren Stärken aus dem Kerngeschäft
als auch mit unserem gesellschaftlichen
Engagement wertvolle Beiträge zugunsten von Umwelt und Gesellschaft setzen.
Gabriele Kotulla
© Gabriele Kotulla

„Wir schaffen das.“ Drei Worte, jeder kennt sie, jeder kennt ihre Urheberin. Im Spätsommer 2015 gefallen, hat sie jeder wohl für sich interpretiert. Die einen als schon
überfällig und lobend, dass Kanzlerin Angela Merkel nach langem Schweigen in
Sachen Flüchtlingswelle eindeutig Position bezogen hat, aber selbst doch sorgfältig
beobachtend, wie es sich weiterentwickeln wird. Die anderen als Ausdruck des Glaubens in die Kraft des Landes und seiner Bevölkerung, aber auch als Ansage: Es ist kein
Selbstläufer, wir alle müssen anpacken, damit es Realität wird, aber ohne Zweifel
an dem Machbaren, ja der Chance, die sich für Deutschland hier eröffnet. Aufbruchstimmung. Und wieder andere als Beruhigungspille: „Wunderbar, Mutti macht das
schon, ich muss mich nicht kümmern ...“.

Wirtschaft war und ist von Anfang an
Unterstützer, sieht Chancen, die großen
Herausforderungen der Demografie mit
neuen Bürgerinnen und Bürgern und
auch jungen Arbeitskräften zu adressieren. Wohlfahrtsorganisationen stehen
da nicht hintan. Teils aus Mission, teils
aber auch aus den gleichen Gründen
wie die Wirtschaft – Pflege ist hier das
Stichwort.
Im Herbst dann die Ernüchterung.
„Wir schaffen das [doch] nicht“ macht
die Runde – und einzelne Politiker
machen es sich zu eigen. Darf man
die Frage stellen: Was habt ihr denn
bisher versucht? Die Talkshows im
öffentlich-rechtlichen (!) Fernsehen,
das Fieberthermometer der deutschen

Ministerpräsident Meyers besucht das Hauptdurchgangslager für Flüchtlinge in Wesel, 1958 © PressebildVerlag Schirner

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Gesellschaft, drehen vom Engagement
der Deutschen, dem „Sommermärchen“ 2015, zur Selbstzerfleischung
der Politiker – passend zum Herbst mit
leicht depressiven Anflügen. Bedeutungsschwer inszeniert und dramatisch, der bekannte „Faktencheck“
zeigt ein düsteres Bild. Faktencheck?
Vieles, was doch präsentiert wird, sind
eher anekdotische Schnipsel, die dazu
dienen, die jeweils gewollte Stimmung
anzuheizen. Soziale Medien sind da
eine unermüdlich sprudelnde Quelle.
Es findet sich für jeden etwas. Medien
sind eben auch Unternehmen – das
Geschäft mit der Einschaltquote oder
Auflage muss brummen. Und dann
Schengen. Schengen darf nicht fallen!
Wirtschaft rechnet Milliardenkosten
vor und redet von der Unmöglichkeit in
einer globalisierten Wertschöpfungskette überhaupt noch in Deutschland
produzieren zu können. Darf man da
fragen, wie wir vor Schengen existieren
konnten? Und was auch heute noch
mit dem Rest der Welt, insbesondere
allen fernöstlichen Ländern ist ...?
Derweil lassen sich engagierte Bürgerinnen und Bürger nicht beirren. Die Asylkreise wachsen, in manchen Gemeinden
übersteigt die Zahl der Engagierten auch
schon mal die Zahl der eintreffenden
Geflüchteten. Die Kleiderkammern
laufen voll. Immer noch aber Not bei
den Ankommenden. Aber auch die ewig
Skeptischen fühlen sich durch so viel
Medienpräsenz und Politikergerangel

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bestätigt. „German Angst“ kehrt zurück,
das Sommermärchen bekommt einen
schalen Beigeschmack. Rechtspopulistische Bewegungen und Parteien wittern
ihre Chance.

Haben wir wirklich ernsthaft
einen Versuch unternommen, die
Krise in eine Chance zu wandeln?
Ich bezweifele es.

Mahnende Worte. Aber Landtagswahlen stehen vor der Türe. Da werden
mahnende Worte auch mit politischem Kalkül gesprochen. Ist das nicht
auch Zündelei? Nein, Merkel ist schuld!
Wie konnte sie nur alle einladen! Das
machen sich auch die Gründer der
AfD zu eigen. „Wir haben ein Monster
geschaffen“, sagt Hans-Olaf Henkel im
Januar 2016 in der Aargauer Zeitung (!)
– um gleich zu erklären, dass, als er mit
60.000 anderen die AfD verlassen hat,
sie schon „klinisch tot war“ und nur
Merkels Politik sie hat wieder erstarken
lassen.
Europa soll es richten, der neue Ausweis löst alle Registrierungsprobleme.
Merkel kämpft für das Abkommen mit
der Türkei. Erfolgreich? „Abwarten“
sagt Ministerpräsident Horst Seehofer. Präsident Erdogan quittiert es mit
Einschränkungen der Pressefreiheit und
bestellt gleich mehrfach den deutschen

Bundeskanzler Adenauer nimmt in Berlin an einem Notaufnahmeverfahren für Flüchtlinge aus der DDR teil, 1953
© Pressebild-Verlag Schirner

Botschafter ein. Wie immer – alles
begleitet von alternativlosen Plänen.
Europa darf nicht fallen! Die Wertegemeinschaft! Welche Werte? Jeder die
seinen? Die Balkanländer und Österreich machen derweil die Grenzen zu.
Nicht wegen der Flüchtenden. Nein,
„um Europa zu helfen, eine Antwort zu
finden“. Bilder nicht mehr von heimischen Bahnhöfen, sondern von fernen
Grenzen. Idomeni. Lesbos. Dikili. Am
Vorabend der konkreten Umsetzung
des Abkommens mit der Türkei stehen
in Dikili zwei Zelte und zwei Toilettenhäuschen für 400 zurückzuführende
Flüchtende, die Griechenland bringen
wird. Diese wollen aber nicht zurück.
Demonstrationen, Widerstand.
Einem griechischen Beamten steht der
Schweiss auf der Stirn – vier Wochen

nachdem sein Ministerpräsident das
EU-Abkommen mitunterzeichnet hat.
In den Werbepausen zwischen den Berichten laufen die Spots „WIRTSCHAFT
ZUSAMMEN“.
Haben wir wirklich ernsthaft einen Versuch unternommen, die Krise in eine
Chance zu wandeln? Ich bezweifele es.
Nicht die Weltmächte, nicht Europa,
nicht Deutschland. Sicher, das Problem
muss an der Wurzel gelöst werden. Aber
solange das nicht passiert, können
wir die Flüchtlinge doch nicht einfach
ihrem Schicksal überlassen. Ein „humanitärer Akt“ für die Gestrandeten am
Budapester Bahnhof, aber nicht für die
am Grenzzaun in Idomeni? Strafe für
die Zuspätgekommenen?

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Es gibt viel gut Gemeintes, viele erfolgreiche Einzelinitiativen, aber – ganz untypisch für Deutschland – Koordination
haben wir keine. Viel Engagement und
Geld verpufft, statt dauerhaft Wirkung
zu entwickeln. Peter Altmaier ist Flüchtlingsbeauftrager der Bundeskanzlerin,
aber wo spürt man das „politische
Schwergewicht“? Jeder Sektor agiert für
sich, es gibt bis heute keine konzertierte
Aktion. Kommunen und Länder schreien
nach dem Bund – oder genauer: nach
Geld vom Bund. Föderalismus! Möge
jeder selbst sich seine Lösung bauen!
Dass da nur keiner mitredet – zahlen
aber müssen schon alle.

Es gibt viel gut Gemeintes,
viele erfolgreiche Einzelinitiativen, aber – ganz untypisch für
Deutschland – Koordination
haben wir keine.

Sind wir im Land wirklich so viel anders
aufgestellt als in Europa?
Mit der Entfernung der Schreie der
Flüchtlinge schwindet der Leidensdruck.
Auch wenn wir die Grenzschließungen
tadeln – sie nehmen doch auch gehörig
Druck aus dem Kessel.
Und doch: Der überwiegende Teil der
Bevölkerung ist gewillt, die Herausforderung zu stemmen. Trotz aller Negativschlagzeilen – die Asylkreise wachsen eher weiter, als dass sie Mitglieder

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verlieren. Wirtschaft steht bereit und
bringt sich ein. Wohlfahrtsverbände
stemmen die Arbeit in Erstaufnahmeeinrichtungen und vorläufigen Unterbringungen. Sozialarbeiter nehmen
sich der Fälle an, das BAMF baut tapfer
den Rückstau ab.
Aber all das ist nicht genug. Es braucht
eine gemeinsame Systematik – nur so
finden alle ihren „Andockpunkt“ und
können selbstständige Einzelaktionen
doch ineinandergreifen. Wir müssen
gesamtheitlich die Herausforderung
adressieren und nicht auf Einzelthemen, wie zum Beispiel Patenschaften
für Integration – so wichtig auch
diese sind – verkürzen. Wir müssen in
gegenseitigen Stärken denken – und
nicht nur nach Finanzierung fragen. Wir
müssen den Föderalismus auch hier in
Frage stellen, ohne ihn über Bord zu
werfen. Wie kann man Selbstorganisation und Koordination ermöglichen?
Wie nutzen wir die Kreativität und
Energie der Vielen, schaffen aber einen
gemeinsamen Rahmen, um deren Wirkung zu erhöhen? Macht es beispielsweise wirklich Sinn, dass jedes Land, ja
jede Kommune, ihre eigene informationelle Insellösung baut? Wie stellen wir
Datenschutz sicher, vermeiden aber,
dass die traumatisierte Geflüchtete bei
einem Wechsel des Wohnortes nicht
einer unvorbereiteten Sozialarbeiterin
gegenüber sitzt, die die ganze Fallhistorie erst wieder neu erarbeiten muss?
Der Sturm ist nicht vorbei – wir sind

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vielmehr im Auge des Sturms. Jetzt
haben wir Gelegenheit, Strukturen zu
schaffen und die Basis für gemeinsames

Handeln zu legen. Nutzen wir sie!
Schaffen wir was – dann schaffen wir das.

Genese einer Flüchtlingsinitiative.
Viel Arbeit, viel erreicht, aber doch nur
ein Tropfen auf den heißen Stein.

Peter Kusterer, Manager für Corporate
Citzenship und Corporate Affairs bei
IBM Deutschland, dokumentiert anhand
seiner Agenda vom 22. August 2015 bis
zum 31. März 2016 und deren Umsetzung in eine MindMap den komplizierten Entwicklungsvorgang des Flüchtlingsengagements bei IBM.

Die MindMap zur flüchtingspolitischen Agenda des Autors
Peter Kusterer
© Peter Kusterer

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Die Bedeutung des Engagements von kleinen und mittleren Unternehmen bei
der Integration von Flüchtlingen
Von Tina Weber und Katharina Hock
Das vergangene Jahr war geprägt durch die Flüchtlingskrise: Etwa 1,1 Mio. Menschen kamen nach Deutschland, auf der Suche nach Schutz und einer Zukunftsperspektive. Der unerwartet hohe Zuzug stellt unsere Gesellschaft vor Herausforderungen, angefangen bei der Bereitstellung von Unterkünften über das Angebot
von Integrations- und Sprachkursen bis hin zur Vermittlung von Ausbildungs- und
Arbeitsplätzen. Zivilgesellschaftliche und private Akteure sowie viele engagierte
UnternehmerInnen haben schnell reagiert und auf lokaler, regionaler und nationaler
Ebene eng zusammengearbeitet und aktive Unterstützung geleistet.

Besonders haben sich auch kleine und
mittlere Unternehmen (KMU) mit einer
starken Verankerung in ihrer Region und
einem unmittelbaren Draht zu den Menschen vor Ort und den lokalen Entscheidungsträgern bei der Integration von
Flüchtlingen eingebracht – sei es durch
die Bereitstellung von Räumlichkeiten,
Sachleistungen oder die Freistellung von
Arbeitnehmern für ehrenamtliches Engagement. Neben der intrinsischen Motivation, Flüchtlinge zu unterstützen und
sie zu integrieren, sehen Unternehmen
auch die Chancen von Zuwanderung
für unsere Gesellschaft, die durch den
demografischen Wandel einen immer
größer werdenden Bedarf an Fachkräften hat. Speziell KMU, die oftmals in
ländlichen Gebieten ansässig sind und
bereits jetzt neue Wege beschreiten
müssen, um Auszubildende zu gewin-

nen, haben ein vitales Interesse an der
Integration der meist jungen Flüchtlinge
in den Arbeitsmarkt.

Um Planungssicherheit zu
schaffen, damit asylberechtigte
Flüchtlinge über ihre Ausbildung
hinaus für eine bestimmte Zeit
im Unternehmen bleiben dürfen,
müssen noch einige politische
Rahmenbedingungen geschaffen
und bürokratische Hürden abgebaut werden.

Um Planungssicherheit zu schaffen,
damit asylberechtigte Flüchtlinge über
ihre Ausbildung hinaus für eine bestimmte Zeit im Unternehmen bleiben

Mitarbeiter der Sowjetischen Militärverwaltung beschenken zu Weihnachten Flüchtlingskinder, 1946 © Edmund Thiele

dürfen, müssen noch einige politische
Rahmenbedingungen geschaffen
und bürokratische Hürden abgebaut
werden. Die im Juli 2015 beschlossene
Reform des Bleiberechts sieht vor, dass
jugendliche Geduldete für die Dauer
ihrer Berufsausbildung nicht abgeschoben werden dürfen. Die Forderungen
der Wirtschaft gehen noch darüber
hinaus: So hat z.B. die bayerische IHK
das „3+2-Modell“ entwickelt, nach dem
Asylbewerber auch in den zwei Jahren
nach ihrer Ausbildung nicht abgeschoben werden dürfen.
Das gesellschaftliche Engagement mittelständischer und familiengeführter
Unternehmen hat eine lange Tradition, denn diese Unternehmen wissen:
Wer in die Region investiert, investiert
auch in die Grundlage des eigenen
Erfolgs. Das Engagement für Flücht-

linge hervorzuheben, den Austausch
zu diesem Thema voranzutreiben und
die Anliegen von KMU an politische
Entscheidungsträger weiterzugeben,
sind wesentliche Aufgaben des gemeinnützigen Vereins „Unternehmen
für die Region e.V.“ (UfdR), der auf einer
Initiative von Liz Mohn aus dem Jahr
2007 basiert.
UfdR ist es ein Anliegen zu zeigen, dass
es eine Vielzahl von UnternehmerInnen
gibt, die sich auf unterschiedliche Weise engagieren und so die Gesellschaft
aktiv mitgestalten. Der Verein bietet
eine Plattform, um Unternehmen und
weitere regionale Akteure bundesweit
zu vernetzen, Wissensaustausch und
Lernprozesse zu Themen wie z.B. demografischer Wandel, sozialer Zusammenhalt und Globalisierung voranzutreiben
und gemeinschaftliche Konzepte zu

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entwickeln. Vorrangiges Ziel ist es,
Engagement sichtbar zu machen.
Dies gewährleistet der Verein durch
die Landkarte des Engagements, die
Kampagne „Regional engagiert“ und
den Wettbewerb „Mein Gutes Beispiel“,
der in diesem Jahr bereits zum fünften
Mal gemeinsam mit der Bertelsmann
Stiftung und in Kooperation mit dem
Zentralverband des Deutschen Handwerks verliehen wurde.
Der Wettbewerb zeichnet kleine und
mittelständische sowie familiengeführte Unternehmen aus, die sich auf
vielfältige Weise engagieren und damit
in die Zukunftsfähigkeit ihrer Region
investieren. In diesem Jahr wurde
erstmals zusätzlich ein Sonderpreis
„Engagement für Flüchtlinge“ ausgelobt, für den 120 Bewerbungen (aus
insgesamt 238) eingegangen sind. Die
Jury identifizierte anhand der Auswahlkriterien Übertragbarkeit, Langfristigkeit, Arbeiten mit Partnern und Unternehmenskompetenz drei Finalisten
unterschiedlicher Größe und Branchen,
die alle auf vorbildliche Weise die Integration von Flüchtlingen fördern. Die
Wollbody GmbH aus Berlin zeigt mit
der Schaffung zweier Stellen für Flüchtlinge und ihrer beruflichen und persönlichen Begleitung, dass auch kleine
Unternehmen sich aktiv engagieren
können. Das Unternehmen Babbel aus
Berlin nutzt seine Kernkompetenz und
stellt seine Sprachlern-App kostenfrei
Flüchtlingsprojekten zur Verfügung

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und bildet zudem ehrenamtliche Helfer
für Sprachkurse aus.

Vorrangiges Ziel ist es, Engagement sichtbar zu machen. Dies
gewährleistet der Verein durch
die Landkarte des Engagements,
die Kampagne „Regional engagiert“ und den Wettbewerb
„Mein Gutes Beispiel.“

Der Gewinner des Sonderpreises „Engagement für Flüchtlinge“, die familiengeführte Adolf Würth GmbH & Co. KG,
wurde für ihr Integrationszentrum und
Flüchtlingsheim ausgezeichnet, welche
das Unternehmen an seinem Sitz im
baden-württembergischen Künzelsau
zusammen mit dem Landkreis Hohenlohe geschaffen hat. Durch aktive Integrationsarbeit gelingt es dem Unternehmen
Flüchtlingen die deutsche Sprache rasch
zu vermitteln und sie fit für den Arbeitsmarkt zu machen. Die nötigen Räumlichkeiten stellt Würth dem Landkreis
mit seiner Weiterbildungs-Akademie
zur Verfügung. Ergänzend wurde ein
ehemaliges Autohaus umgebaut, das
für die kostenlose Unterbringung von 50
Flüchtlingen genutzt wird. Die Koordination der einzelnen Maßnahmen wird
durch ein gemeinsames Gremium wahrgenommen, das sich neben der Adolf
Würth GmbH aus weiteren sozialen und
kommunalen Trägern zusammensetzt.

Unterkunft im Flüchtlingslager Segeberg, 1946 / 1947 © Ursula Litzmann

Diese guten Beispiele, die anderen
Unternehmen zur Anregung dienen
sollen, zeigen, dass besonders KMU
und familiengeführte Unternehmen
eine Schlüsselrolle bei der Integration
von Flüchtlingen einnehmen. Oder,
wie es der Vorstandsvorsitzende von
„Unternehmen für die Region e.V.“, Dirk
Stocksmeier, ausdrückte: „Die Unternehmen sind der Politik ein gutes Stück
voraus.“
http://unternehmen-fuer-die-region.de/
mein-gutes-beispiel

Tina Weber
© Tina Weber

Katharina Hock
© Katharina Hock

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Bildstrecke
Kurze Blicke auf die Geschichte der Migration in Europa
„Drei, sieben, fünf, machten sich die
Völker auf die Strümpf“, haben Sie auch
noch so „Geschichte“ gelernt?
„Völkerwanderung“, Goten (Ost- und
West-), Vandalen, Langobarden,“ und wie
sie alle hießen, die „Völker“, deren Namen
sich bis in unsere Zeit als Metaphern für
verheerende, „barbarische“ Kulturzerstörung – „Ein Kampf um Rom“ – gehalten
haben. Ja, die „Mauren“, die als Krieger
des Islam über Nordafrika, den Maghreb
nach Spanien wanderten – und auch die
arabische Hochkultur mitbrachten, deren
bauliche Zeugnisse vor allem in Spanien
noch zu bewundern sind ...
Die „Gegenbewegung“ der Kreuzzüge
hatte dann wohl eher den Charakter
von Beutezügen in den Nahen Osten,
auch wenn es vordergründung um
den Besitz der „Heiligen Stätten“ des
Christentums ging. Dagegen war die
christianisierende Besiedelung des
europäischen Nordostens mit der
Unterwerfung der Sachsen und slawischen Völker Polens und Litauens schon
deutlich eine Migrationsbewegung, wie
auch die Auswanderung der Schwaben
die Donau stromabwärts. Aber so richtig
geht es dann erst im 16. Jahrhundert los,

als die eine katholische Kirche sich
spaltet und die europäische Welt neu
aufgeteilt wird: Die Vertreibung der
jeweils Andersgläubigen und die Verfolgung von „Heiden“ setzen massive
Migrationsbewegungen in Gang. Und
im 18. und 19. Jahrhundert folgen
ihnen die Ströme expropriierter Landloser, die in die entstehenden Industrien
wandern. Mal abgesehen von den Auswanderern, die aus ganz Europa über
die Ozeane schwimmen.
Und dann sind wir schon in der Moderne: Die Aufteilung der Welt durch
Kolonialismus und Imperialismus, der
Sklavenhandel von Afrika nach Amerika – bei näherem Hinsehen scheint die
europäische Geschichte eine Geschichte
der Migrationen zu sein? Insofern ist
„Volk ohne Raum“ durchaus im Sinne
einer Zeitgeist-Logik und nicht nur eine
„deutsche“ babarische Marotte. „Bevölkerungspolitik“ galt ja bis zur Mitte des
vorigen Jahrhundert als durchaus ernst
zu nehmende wissenschaftliche Disziplin,
ebenso wie Rassenkunde übrigens ...
Und insofern hatten die „Wanderungsbewegungen“ nach dem Zweiten Weltkrieg auch noch einen anderen Kontext
als den, mit dem wir sie heute als Ver-

treibung und Verbrechen gegen die
Menschlichkeit verstehen und beurteilen. Auch jenseits der moralischen
Bewertung – Vertreibung von unschuldigen Menschen aus ihrer Heimat und
ihre Expropriierung als Buße für die
Schuld des Krieges – lagen die Völkerverschiebungen entlang der auf Generalstabskarten gezogenen Linien durchaus
im Mainstream mitteleuropäischen Politikverständnisses – dem so etwas wie
das Wilsonsche „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ (und der Völkerbund)
durchaus fremd geblieben waren.
An diese Migrationsbewegungen in
Europa, von denen deutsche „Volksgenossen“ besonders, aber keineswegs
ausschließlich betroffen waren, erinnern
die Bilder, mit denen wir – „aus gegebenem Anlass“ – diese Ausgabe des Magazins illustriert haben. Fast 12 Millionen
„Volksdeutsche“ mussten zwischen 1944
und 1948 ihre Heimatgebiete verlassen
und sammelten sich im „Reich“, das
nach 1949 nur noch bis zur Oder-NeißeLinie reichte: Ostpreußen, Westpreußen,
Pommern, Schlesien, das Sudentenland
gehörten nicht mehr dazu, sondern die
Deutschen dort wurden gezwungen, das
Land in Richtung Westen zu verlassen.
12 Millionen in vier Jahren – das macht
arithmetisch 3 Millionen pro Jahr, die
aufgenommen und integriert werden
mussten. In einem Land, das vom Krieg
verwüstet war und dessen Wirtschaft
darnieder lag. Und sage niemand: Das
waren doch aber Deutsche, die „unsere“

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Sprache sprachen, nach den Regeln und
Ideen „unserer“ Kultur gelebt hatten, so
erzogen waren; nein, es waren Fremde, Besitzlose, die im Zweifel auch in
die falsche Kirche gingen und Dialekte
sprachen, die man kaum verstand und
befremdliche Sitten und Gebräuche
mitbrachten. Und die vor allem: VIELE
waren, viel zu viele, die Wohnraum,
Arbeitsgelegenheit, Nahrung beanspruchten, ärztliche Versorgung und
Schule – alles ohnehin schon knappe
Güter und in einer Lage, die durch die
Abgabe von Reparationen an die Sieger
des Krieges verschärft wurde, die jetzt
Besatzer und Garanten einer halbwegs
zivilen Ordnung waren.
An diese Zusammenhänge erinnern die
Bilder, die uns das Deutsche Historische
Museum zur Verfügung gestellt hat.
Dr. Henning Fülle
Redakteur

Dr. Henning Fülle
© David Baltzer,
Bildbuehne.de

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Autorinnen
und Autoren
Prof. Dr. Gisela JaKob Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und Soziale
Arbeit, Hochschule Darmstadt
Dr. Joy ALEMAZUNG Projektleiter, Engagement Global gGmbH,
Außenstelle Stuttgart

Ina Kammermeier Verwaltungswissenschaftlerin M.A., Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung / SEKIS, Berlin

Benjamin Boldt Consultant Advisory Services, Ernst&Young, Berlin
PD Dr. Ansgar Klein Geschäftsführer des BBE, Berlin
Dr. Serge Embacher Projektleiter, Forum Inklusive Gesellschaft beim BBE, Berlin
GABRIELE KOTULLA Leiterin Group Corporate Responsibility, Deutsche Telekom AG, Bonn
Stefanie Emmert-Olschar Pflegewissenschaftlerin M.Sc.N., Projektleitung Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung / SEKIS, Berlin

Peter Kusterer Corporate Citizenship & Corporate Affairs, IBM Deutschland,
Ehningen

Prof. Dr. Adalbert Evers Centrum für soziale Investitionen und Innovationen,
Universität Heidelberg

Laura Aimee Lasswell Consultant Advisory Services, Ernst&Young, Berlin

Dr. Henning Fülle Redakteur, Woche des bürgerschaftlichen Engagements, BBE,
Berlin

Dr. Thomas Röbke Vorsitzender des SprecherInnenrates des BBE und des Landesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement Bayern, Nürnberg

PETRA FUHRMANN Referentin im Stabsbereich Gesundheitspolitik / Gesundheitsökonomie, AOK Rheinland / Hamburg, Düsseldorf

CHRISTOPH J. RUPPRECHT Stabsbereichsleiter Gesundheitspolitik / Gesundheitsökonomie, AOK Rheinland / Hamburg, Düsseldorf

Prof. Dr. Raimund Geene Professor für Kindergesundheit an der Hochschule
Magdeburg-Stendal und 2007 – 2012 Vorstand der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen, Stendal

Ulla Schmidt MdB, Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Bundesministerin für Gesundheit a.D., Berlin
Adelheid Schultze Öffentlichkeitsarbeit, Engagement Global gGmbH, Bonn

Dr. med. Katharina Graffmann-Weschke MPH, Leiterin AOK Pflege Akademie,
Berlin

Mirko Schwärzel Referent für Europafragen beim BBE, Berlin

Birger HartnuSS Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, Leitstelle Ehrenamt und Bürgerbeteiligung, Mainz

Thomas Silberhorn MdB, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Berlin

Katharina Hock Unternehmen in der Region, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh

Tina Weber Unternehmen in der Region, Bertelsmann Stiftung, Gütersloh

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IMPRESSUM
Herausgeber

BBE Geschäftsstelle gGmbH
Michaelkirchstraße 17 / 18
10179 Berlin
Tel.:	 030 62980-120
Fax:	 030 62980-9183
E-Mail: aktionswoche@b-b-e.de
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Diese Ausgabe des Magazins wird im Rahmen
der Woche des bürgerschaftlichen Engagements gefördert durch:

Redaktion: Dieter Rehwinkel, Dr. Henning Fülle
Schlusslektorat: Hannah Melder
Praktikant: Lukas Schulte-Vennbur
Auf die Durchsetzung von geschlechtsneutralen Schreibweisen haben wir verzichtet.
Die Textrechte liegen bei den Autoren. Die Bildrechte liegen, soweit nicht anders
angegeben, beim Deutschen Historischen Museum (DHM) und können nur mit
deren schriftlicher Genehmigung erworben werden. Nachdruck und Übernahme in
elektronische Medien und Datenbanken nur mit schriftlicher Genehmigung durch
den Herausgeber.
Gestaltung: eye-solution GmbH, Anita Jordan, Berlin
Druck: Das Druckteam Berlin
V.i.S.d.P.: PD Dr. Ansgar Klein
ISSN 2193-0570
        
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