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Periodical volume

Full text: Engagement macht stark! Issue 2015,2

ISSN 2193-0570

Ausgabe 2 / 2015

engagement

www.engagement-macht-stark.de

Ausgabe 2 / 2015

engagement macht stark! Woche des bürgerschaftlichen Engagements 2015

m ac ht st ar k!

Woche des bürgerschaftlichen
Engagements 2015
11. bis 20. September 2015

Perspektiven der Engagementpolitik
International engagiert:
GRENZÜBERSCHREITENDES ENGAGEMENT
UND INTERNATIONALE ENGAGEMENT-THEMEN
Katastrophenhilfe
Freiwillige in der Entwicklungspolitik
Fluchtbewegungen und Engagement
in der Flüchtlingsarbeit
Bildstrecke: „We Refugees“
von Nora al-Badri und Jan Nikolai Nelles

Wir bedanken uns für die Förderung der Woche des bürgerschaftlichen
Engagements durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen
und Jugend und freuen uns über die Zusammenarbeit mit den Partnern und
Unterstützern.

Premium Partner:

Medienpartner:

Partner
und Unterstützer:

11.-25. September 2015
www.fairewoche.de

engagement macht stark!
Magazin des Bundesnetzwerkes Bürgerschaftliches Engagement (BBE)
5. Jahrgang, Ausgabe 2 / 2015

Bildunterschridt © Bildrechte

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Inhalt
Editorial
Seite 4 – 5
Vorwort
Prof. Dr. Thomas Olk
PD Dr. Ansgar Klein
Seite 6 – 9
Perspektiven der Engagementpolitik
Seite 10
Aktuelle Aufgaben der Engagementpolitik – ein Bericht aus dem BBE
Prof. Dr. Thomas Olk
PD Dr. Ansgar Klein
Seite 11 – 17 
International engagiert
Seite 18
Freiwilligkeit in der Bewältigung der
Folgen von Krieg, Krise, Katastrophe
Dr. Rudolf Seiters
Seite 19 – 24
Gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit
– Die ZukunftsTour kommt in alle
Bundesländer
Severin Caspari
Seite 26 – 28

Die Mitmachzentrale: ENTWICKLUNGSPOLITISCHES ENGAGEMENT FÖRDERN!
Dr. Jeannette Spenlen
Seite 29 – 32
Dorthin wo Milch und Honig fließen
Eine begehbare Theaterproduktion
Adelheid Schultze
Seite 33 – 34
Flucht nach Europa: wo zivilgesellschaftliches Engagement auf staatliche Verantwortungslosigkeit trifft
Alexandros Stathopoulos
Seite 35 – 39
Bedeutung der Internationalität des
Engagements zu globalen Themen
Dr. Dietmar Kress
Seite 40 – 43
Die Transition-Town-Bewegung
– Empowerment für die große Transformation?
Dipl. oec. troph. Gesa Maschkowski
Dipl.-Psych. Matthias Wanner
Seite 44 – 49
Das Dorf der Freundschaft in Vietnam: Engagierte aus sechs Ländern
von vier Kontinenten – eine Idee
Rainer Hub
Seite 50 – 53

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International engagiert:
Praxiseinblicke in Freiwilligendienste
Daniela Puhrsch
Seite 55 – 58
Professionelles Freiwilligen-Engagement weltweit
Suzanne Gentges
Seite 59 – 62
Von zu Hause für die Welt
Interview mit Melanie Haub
Seite 63 – 66
Deutsche Post DHL Group – weltweit
engagiert
Ralf Dürrwang
Christoph Selig
Seite 67 – 70
Freiwilligendienst – bloß gut für den
Lebenslauf? Über ein internationales
Engagement mit Nach-Wirkungen
Renate Tietz
Dr. Stephanie Himmel
Seite 71 – 74
Meine Stimme zählt! Eine starke
Gesellschaft braucht starke junge
Akteure
Kaija Landsberg
Seite 75 – 78

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Blick über den Tellerrand
– das internationale Engagement für
Inklusion
Dr. Serge Embacher
Seite 79 – 81
Flucht und Vertreibung – Erinnerung
und Zukunft
Dieter Rehwinkel
Seite 82 – 86
Zur Bildstrecke: „We Refugees“
und die Ausweitung der Kampfzone
Nora Al-Badri
Jan Nikolai Nelles
Seite 88 – 91
Petra Rietz – Salon Galerie
Petra Rietz
Seite 92 – 93
Autorinnen und Autoren
Seite 94 – 95
Impressum
Seite 96

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Editorial
Zur Bildstrecke: „We Refugees“
Das war wie schon öfters: Den Autorinnen und Autoren, die unser Magazin
nicht kennen, erklären wir meist schon
im Vorfeld unsere Praxis, die Hefte mit
einer eigenen Bildstrecke zu illustrieren.
Christoph Selig von der Deutsche
Post DHL Group, den wir um einen
Beitrag zur Engagement-Strategie
seines Unternehmens gebeten hatten,
berichtete uns von einer Ausstellung,
die er – ganz privat – in einer kleinen
Berliner Galerie gesehen und die ihn
sehr berührt habe. Ob das nicht vielleicht interessant für uns sein könnte?
Er schickte dann auch noch prompt
die Kontaktdaten der Galerie Salon
Petra Rietz – und die zeigte sich sehr
angetan von der Idee.
So kam ein von der Galeristin vermitteltes Gespräch mit Nora Al-Badri
zustande, das rasch zu der Vereinbarung für diese Bildstrecke führte. Ein
klassisches Projekt bürgerschaftlichen
Engagements. Es greift ein zentrales
internationales Thema auf, das die
europäischen Gesellschaften seit
einiger Zeit heftig beschäftigt: Die
terroristischen Aktivitäten und die kriegerischen Auseinandersetzungen – sie
„Bürgerkriege“ zu nennen wäre wohl
ein Euphemismus – im Maghreb, im
Nahen Osten, in Afrika vertreiben Hun-

derttausende von Menschen aus ihren
Heimatregionen. Selbst in Europa machen sich zunehmend Menschen auf
den Weg in Länder, von denen sie sich
– wenigstens für ihre Kinder – bessere
Lebensbedingungen erhoffen.
Das „Flüchtlingsthema“ ist ein „Engagement-Thema“ par excellence:
fremde Menschen, meist völlig besitzlos und hilfebedürftig, ob nun vertrieben, auf der Flucht vor Krieg und
Gewalt oder mit der Hoffnung, auswegloses Elend hinter sich zu lassen.
Sie aufzunehmen, gar zu integrieren,
ist eine Aufgabe, von der staatliche
Behörden – zumal jene, die darüber
entscheiden sollen, wer hereinkommen und bleiben darf und wer nicht
– wohl grundsätzlich überfordert sind.
Das „Flüchtlingsthema“ ist eines, mit
dem die Kultur der Zivilgesellschaft
sich beweist.
Deutlich gesagt: Wenn Deutschland
ein Einwanderungsland sein will, was
sich als politischer Mehrheitswille
abzeichnet, und ein sicherer Hafen
für Flüchtlinge, wird sich das ohne
bürgerschaftliches Engagement nicht
verwirklichen lassen.

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In Aleppo bei der Arbeit

Davon erzählen die Bilder von Nora
Al-Badri und Jan Nikolai Nelles.

Henning Fülle und Dieter Rehwinkel
für die Redaktion.

Kenntlich sind dabei nur diejenigen
Flüchtlinge, die nicht überlebt haben.

www.nora-al-badri.de
www.oszilat.com
www.petrarietz.com

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Vorwort
Dass wir mit dem „internationalen
Engagement“ – also dem Engagement
für internationale, globale Themen
ebenso wie der Organisierung von
grenzüberschreitendem Engagement
– ein besonders komplexes Feld der
Engagementpolitik und -praxis aufmachen würden, war uns und allen
Beteiligten wohl bewusst, als wir im
vergangenen Herbst diesen Vorschlag
für die Schwerpunktsetzung der elften
Woche des bürgerschaftlichen Engagements einbrachten.

Embacher in diesem Heft – scheiden
sich die Geister, wie wir schon beim
Heft 2 / 2014 gesehen haben.
„Die Widersprüche verschärfen sich“
– das klingt wie eine alte linke Theorie-Floskel, kann aber gleichwohl
aktuelle Entwicklungstendenzen beschreiben: Zentrale Stichworte sind
Klimawandel, Hunger, soziale Krisen,
Unterdrückung, die Verletzung von
Menschenrechten und das offensichtliche Unvermögen staatlicher Politik,
diese Widersprüche nachhaltig zu

Auch dass es sich dabei nicht um
einfache „Wohlfühlthemen“ handelt,
war klar: Zwar erscheint der Einsatz für
Frieden und Menschenrechte weltweit,
für die nachhaltige Bewältigung des
Klimawandels, für Entwicklungszusammenarbeit und die Überwindung
von Hunger und Katastrophen auf den
ersten Blick noch überwiegend und
unmittelbar konsensfähig. Doch wird
es ungemütlich, wenn all diese Themen
zusammenkommen: Wenn die ungleiche Verteilung von (Über-)Lebenschancen zu Gewalt führt, zu ideologisierten
und pauschalen Erklärungsmustern,
die Verursacher und Nutznießer identifizieren und zu Feinden stilisieren.
Schon beim Thema „Inklusion“ – über
die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention schreibt Dr. Serge

Auf dem Weg nach Europa

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Fussball-WM in Syrien

entschärfen. All dies lässt bürgerschaftliches Engagement nicht nur als
schöne Form „tätig sich begreifender
Menschlichkeit“ (Ernst Bloch) erscheinen, sondern als notwendige, ja geradezu zwingend notwendige Qualität
zivilisierter Gesellschaft.
„Engagement Global“ ist nicht
nur der Name der Agentur, die internationales zivilgesellschaftliches Engagement in Deutschland organisiert,
stützt und begleitet, sondern zuallererst eine Aufgabe, zumal in entwickelten Gesellschaften wie der unsrigen.

Die Engagement Global gGmbH
unterstützt als Premium-Partner die
diesjährige Woche des bürgerschaftlichen Engagements und ist auch in
diesem Heft wieder mit zwei Beiträgen
vertreten.
Katastrophenhilfe, Fairer Handel, entwicklungspolitische Einsätze für (nicht
nur) junge Menschen im Ausland und
im Inland – das sind internationale
Themen, die in dieser Ausgabe behandelt werden. Dass dabei inländische
und grenzüberschreitende Praxis,
Professionalität und Ehrenamt mitein-

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ander verbunden sein müssen, zeigen
die Beispiele des Deutschen Roten
Kreuzes, von Greenpeace, von der
Organisation des Fairen Handels oder
aus der Gesellschaft für Internationale
Zusammenarbeit (GIZ). Dieses Engagement reicht von der unmittelbaren
Nachbarschaft, wie der Kontext der
Bildstrecke in diesem Heft, bis in
weltumspannende Netzwerke – wie
die Praxis der DHL Group beispielhaft
zeigt.

Der Umgang mit den inzwischen weltweit anzutreffenden Flüchtlingsbewegungen ist dabei ein ganz besonderes
Engagement-Thema. Das zeigen die
beeindruckenden Fotos der jungen
Künstler, die das Heft illustrieren. Mit
dem Titel der dokumentierten Ausstellung lassen sie Hannah Arendts
berühmten Essay „We Refugees“
anklingen. Deutlich wird so, dass
auch die historischen Dimensionen
des Themas, das für unser Land von
besonderer Bedeutung ist, nicht verschollen sind.
Das BBE hat sich des Themas „internationales Engagement“ durch die
Konstituierung einer neuen (Unter-)
Arbeitsgruppe angenommen. Die dort
vorgetragene Analyse hat Alex Stathopoulos von pro Asyl für seinen
Beitrag in diesem Heft noch einmal
fokussiert.
Das BBE ist aktuell mit Partnern in
Vorbereitung der Gründung eines
bundesweiten Elternnetzwerks für
Menschen mit Migrationshintergrund,
um insbesondere der immer noch
sehr starken sozialen Selektivität
eines erfolgreichen Schulverlaufs entgegenwirken zu können. Sicherlich
wird dabei auch die Verbesserung der
Zugänge für Flüchtlinge in das Bildungssystem eine Rolle spielen.

Ein Zeitungsartikel als Erinnerung

Und wir haben diese Ausgabe des Magazins erneut zum Anlass genommen,

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Beim Musizieren mit Freundinnen in Syrien

die Veränderungen der Rahmenbedingungen und Perspektiven des bürgerschaftlichen Engagements zu bedenken
und damit die weitere Perspektivierung
und Strategiebildung anzuregen.
Wir bedanken uns bei allen Autorinnen
und Autoren für die Anregungen und
Anstöße, bürgerschaftliches Engagement in den Dimensionen zu denken,
zu konzipieren und zu praktizieren,
derer es angesichts der schwierigen

und komplizierten internationalen und
globalen Verhältnisse bedarf.
Wir wünschen in diesem Sinne, wie
immer, eine anregende und ertragreiche Lektüre.
Prof. Dr. Thomas Olk
Vorsitzender des BBE-Sprecherrats

PD Dr. Ansgar Klein
Geschäftsführer des BBE

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Perspektiven
der Engagementpolitik

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Aktuelle Aufgaben der Engagementpolitik – ein Bericht aus dem BBE
Von Prof. Dr. Thomas Olk und PD Dr. Ansgar Klein
Das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) versteht sich als
eine mitgliederbasierte und vernetzte Wissens- und Kompetenzplattform, die
dem Erfahrungsaustausch, der Wissensvermittlung und -vertiefung sowie der
Identifizierung gemeinsamer engagement- und demokratiepolitischer Handlungsbedarfe dient. Das BBE erhält Impulse von seinen Mitgliedsorganisationen
aus Zivilgesellschaft, Staat und Kommunen und aus der Wirtschaft (Unternehmen und Gewerkschaften). Wissenschaft und Medien beteiligen sich ebenfalls.
Das BBE ist der Ort für die Anbahnung von Kooperationen und es berät auf
Wunsch auch seine Mitglieder. Dafür werden kooperative und den jeweiligen
Themen angemessene Formate gewählt. Wir berichten hier über zentrale aktuelle
Themen des BBE und die sich stellenden Aufgaben der Engagementpolitik.
Derzeit berät sich das BBE mit dem
„Engagementministerium“ des Bundes
(dem Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend, BMFSFJ)
und mit dem Bündnis für Gemeinnützigkeit als Forum der zivilgesellschaftlichen Dachverbände. Gespräche mit
dem Mittelstand werden vorbereitet.
Das BBE moderiert den Austausch
zwischen den Trägern der Jugendfreiwilligendienste und den Gewerkschaften über die „Arbeitsmarktneutralität“
von Freiwilligendiensten und deren
Bedeutung als zivilgesellschaftliche
Lerndienste. Mit den kirchlichen Organisationen, aber auch mit den Verbänden der engagementfördernden
Infrastruktureinrichtungen, steht das
BBE in regem Erfahrungsaustausch.
Überfahrt nach Europa

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Das BBE ist ein auf Mitgliedschaft basierendes Netzwerk. Das heißt: In der
Mitgliederversammlung hat jedes bundesweit tätige Mitglied eine Stimme.
Für Entscheidungen von grundsätzlicher Bedeutung werden Mehrheiten
von 80 Prozent der Stimmen benötigt.
Es kommt in einem solchen Netzwerk
also nicht auf größeres Stimmgewicht (etwa nach der Anzahl eigener
Mitglieder zu vergeben), sondern auf
überzeugende Argumente an. In einem
nicht immer konfliktfreien, stets jedoch
dialogischen Gespräch kommt es im
Netzwerk zu deliberativen, auf Argumenten beruhenden Lernprozessen,
die sich im günstigsten Fall in den
jeweiligen Organisationen herumsprechen und fortsetzen. Ein Netzwerk
kann nur als Ort des fachlichen und
kommunikativen Vertrauens und nur
mit „weichen Bindungen“ seine Beiträge zur „assoziativen Demokratie“
leisten. So kommen allerdings wichtige
Impulse für die Engagementpolitik und
-förderung zustande.
Derzeit läuft im BBE eine Mitgliederbefragung, die die Grundlage für die
inhaltlichen Planungen der kommenden drei Jahre des Netzwerks bieten
wird. Die demokratischen Gremien
des Netzwerks entscheiden im Herbst,
welche Themen in welcher Form in
den kommenden Jahren prioritär bearbeitet werden sollen. Die Geschäftsstelle bereitet sich darauf vor, diese

Arbeiten mit verbesserten Arbeitsstrukturen zu begleiten. Die Entwicklung und Umsetzung einer optimierten
Kommunikationsstrategie wird aktuell
von den Mitgliedsunternehmen IBM
und Deutsche Telekom unterstützt.

„In einem nicht immer konfliktfreien, stets jedoch dialogischen Gespräch kommt
es im Netzwerk zu deliberativen, auf Argumenten beruhenden Lernprozessen,
die sich im günstigsten Fall
in den jeweiligen Organisationen herumsprechen und
fortsetzen.“

In aller Kürze – und ohne dabei alle
Themen unserer Arbeitsgruppen hier
berücksichtigen zu können – seien
einige aktuelle Diskussionen im BBE
vorgestellt:
Nachhaltige Infrastrukturen der Engagementförderung
Im BBE ist derzeit ein zentrales
Thema, wie in der Engagementförderung nachhaltige Infrastrukturen
geschaffen werden können. Dies gilt
zum einen für die wichtige Arbeit der

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Organisationen der Zivilgesellschaft,
in denen Engagagierte tätig sind (Vereine, Verbände, Kirchen, Stiftungen,
Initiativen), aber auch für die zumeist
kommunal tätigen Einrichtungen (des
Sozialen, der Jugend- und Altenarbeit,
der Bildung und Kultur, des Umweltschutzes, der Rettungs- und Katastrophendienste u.a.m). Zum anderen
bezieht sich das Thema Infrastruktur
auf die speziellen Einrichtungen der
Engagementförderung, die informieren, beraten, vermitteln, fortbilden
und vor Ort auch wichtige Funktionen
der Vernetzung wahrnehmen. Dazu
zählen die Freiwilligenagenturen und
-zentren, die Seniorenbüros und die
Selbsthilfekontaktstellen, aber auch
Bürgerstiftungen, lokale Anlaufstellen
und Mehrgenerationenhäuser.

Erinnerungen an einen ermordeten Freund aus Syrien

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Die Infrastrukturförderung ist ein erklärter engagementpolitischer Schwerpunkt des Bundes. Die bisherigen
Förderetats sind unzureichend und der
Entwicklungsbedarf wächst. Hier gibt
es zwei Ansätze: Das Engagementministerium arbeitet an einer „Deutschen
Engagementstiftung“, deren Budget
über den Bundeshaushalt abgesichert
ist und aufwachsen soll. Durch die Institutionen der neuen Stiftung, dies hatte das BBE gefordert, müsse sichergestellt werden, dass die fachlich im BBE
reflektierten Förderbedarfe der Praxis
auch als Gründe für Förderentscheide
zum Tragen kommen können. Ob eine
solche Stiftung errichtet werden kann,
entscheidet sich wohl bis Jahresende.
Und sofern dies gelingt, wird es vor
allem um gute Kooperation und deren
Förderung durch die Stiftung gehen.

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Ein ergänzender Förderansatz, der
auch den gezielten Förderhorizont in
der Fläche ermöglicht, ist eine Aufhebung des sog. „Kooperationsverbotes“.
Dies würde es auch dem Bund ermöglichen, die lokalen Engagementstrukturen zu fördern, wenn Kommune und
Land allein mit deren Unterstützung
überfordert sind: Da die Engagementförderung zu den freiwilligen Leistungen der Kommunen zählt, steht sie bei
Haushaltsdefiziten zur Disposition der
Sparpolitik – nachhaltige Strukturentwicklungen sind dann nicht möglich.
Bei Aufhebung des Kooperationsverbotes kann der Bund jenseits von
Modellprojekten auch und vor allem
Infrastrukturen der Zivilgesellschaft
fördern, und am besten dort, wo bottom up von Kommunen und Land der
Bedarf gesehen wird.
Im BBE wird derzeit auch diskutiert,
ob ein Engagementgesetz des Bundes, das eine „Legaldefinition“ des
Engagements enthält, die Förderkompetenz des Bundes stärken und missbräuchliche Formen der Einbindung
von Engagement begrenzen kann.
Der Beitrag des BBE besteht darin,
den fachlichen Erfahrungsaustausch
und die erforderlichen Entwicklungsschritte der Infrastruktureinrichtungen
ins Netzwerk hinein zu vermitteln und
zusammen mit ihnen das Gespräch
mit den Vertretern der organisierten
Zivilgesellschaft, von Staat, Kommunen und Wirtschaft über notwendige

Erinnerung an den verstorbenen Vater in Pakistan

Anforderungen an die Infrastruktureinrichtungen zu führen. Da die lokalen
Einrichtungen der Engagementförderung Kompetenzen nicht nur bei der
Förderung des Engagements, sondern
auch bei der Förderung von Partizipation, zivilem Handeln und Vernetzung
benötigen, müssten auf Basis nachhaltiger Finanzierung entsprechende
Fortbildungsangebote für die Fläche
vorbereitet werden. Auch hier kann
das BBE als Netzwerk tätig werden.
Zudem gilt es die Erfahrungen in den
das Engagement fördernden Netzwerken auf Ebene der Länder wie auch die
dort entstehenden Engagement- und

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Partizipationsstrategien im Rahmen
regelmäßiger Fachwerkstätten der Landesnetzwerke mit dem Bundesnetzwerk in die Diskussion einzubringen.
Engagement, Partizipation und politisches Lernen
Das BBE verdankt seine Gründung
einer Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages zur „Zukunft des
Bürgerschaftlichen Engagements“, die
2002 in ihren Empfehlungen auch die
Gründung eines Netzwerks zur Engagementförderung auf Bundesebene
empfohlen hatte. Im BBE kooperieren
Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft.

„Beim neuen Bundesfreiwilligendienst wird die Beschreibung als „Ersatz des Ersatzdienstes“ weder dem Prinzip
der Freiwilligkeit noch der Zielsetzung als zivilgesellschaftlicher Lerndienst gerecht.“

Mit dem Begriff des „bürgerschaftlichen Engagements“, der auch den
Namen des Netzwerks prägt, war von
Beginn an ein Verständnis verbunden,
das Engagement und Partizipation im
Zusammenhang begreift. Dies richtet
sich zentral gegen ein immer wieder

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sichtbar werdendes instrumentelles
Verständnis von Engagement als Lückenbüßer für schlecht ausgestattete
öffentliche Kassen oder unterfinanzierte Einrichtungen. Beim neuen Bundesfreiwilligendienst wird die Beschreibung als „Ersatz des Ersatzdienstes“
weder dem Prinzip der Freiwilligkeit
noch der Zielsetzung als zivilgesellschaftlicher Lerndienst gerecht.
Im BBE sind derzeit mehrere intensive
Fachdiskussionen im Schwange, die
hier ansetzen. Zum einen wird der
Zusammenhang von Engagement
und Partizipation ausgeleuchtet, zum
anderen der Frage nachgegangen,
welche politischen Lernprozesse im
Feld des Engagements stattfinden.
Für Freiwilligendienste gilt es deren
Bedeutung als zivilgesellschaftliche
Lerndienste zu klären und in entsprechenden Tätigkeitsprofilen und
pädagogischen Begleit- und Fortbildungsprogrammen die informellen und
non-formalen Lernimpulse der Praxis
zu reflektieren und für das eigene
Lernen anschaulich zu machen.
Engagement und Erwerbstätigkeit
Im BBE werden derzeit mehrere
Vorhaben vorbereitet, um die Diskussionen um das Verhältnis von Erwerbstätigkeit und Engagement zu
vertiefen und um instrumentelle Zugriffe auf Engagement als Ressource
zu vermeiden. Dazu braucht es gute
Kriterien, um Übergänge von Enga-

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Auffanglager in Mazedonien

gement und Erwerbstätigkeit besser
zu erkennen und zu bestimmen. In
Freiwilligendiensten gehören zu den
Lernangeboten sowohl Impulse der
Berufsorientierung wie der Engagement-Selbstwirksamkeit. Können auch
Menschen, die schon länger von Erwerbslosigkeit betroffen sind, freiwillig
die Lernhorizonte des Engagements
für sich entdecken und auch nutzen?
Braucht es für die Koproduktionen, bei
denen Engagement eine Rolle spielt
(vom Dorfladen bis zum Bürgerbus)
bessere regionale Abstimmungsforen
und eine stärkere Rückbesinnung auf
Gemeinwohl und öffentliche Güter?

Besonders wichtig ist es auch, kleine
und mittlere Betriebe bei ihren Möglichkeiten, das Engagement ihrer
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu
fördern, im fachlichen Austausch zu
begleiten. Es wäre zudem hilfreich,
die Schnittpunkte der Engagementdebatten mit den Debatten der Verbraucherbewegung genauer zu identifizieren und für die künftige Arbeit des
BBE fruchtbar zu machen.
Europa und internationales Engagement
Die Krise in Griechenland macht
deutlich, dass zivilgesellschaftliche

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Selbstorganisation in Zeiten der
Not – sei es im Bereich des Gesundheitswesens, der Ernährung, der
Landwirtschaft, oder auch der Kultur und Bildung – aktiviert wird. Für
notwendige Strukturentwicklungen
in Griechenland braucht es nicht nur
eine Staatsmodernisierung, sondern
auch Ansätze, die Engagement und
Selbstorganisation stabilisieren, Infrastrukturen schaffen und Perspektiven
der Verberuflichung ermöglichen.
Kooperationen von Staat, Markt und
Zivilgesellschaft könnten gerade in
solchen Entwicklungen eine wichtige
Rolle spielen. Zudem sollte die Bedeutung sozialer Bürgerrechte für die
Zivilgesellschaft in Europa, aber auch
hierzulande noch einmal geklärt werden: Wer über Monetarisierungen des
Engagements kritisch spricht, darf
etwa über eine wachsende Altersarmut nicht schweigen.

„Wer über Monetarisierungen
des Engagements kritisch
spricht, darf etwa über eine
wachsende Altersarmut nicht
schweigen.“

Das Engagement in Entwicklungspolitik, humanitärer Hilfe, zivilen
Friedensdiensten oder internatio-

17

nal tätigen Freiwilligendiensten gilt
es fachlich stärker in den Blick zu
nehmen. Die Herausforderungen von
Flucht und Vertreibung stellen sich
für das Engagement in wachsendem
Maße. Zivilgesellschaftliche Willkommensbündnisse müssen in ihrer guten
Arbeit unterstützt werden und auch in
ihrem Engagement gegen Gewalt und
Rassismus.
Wir haben hier nur einige wichtige
Diskussionen im Netzwerk skizziert –
daneben laufen in größerer Arbeitsteilung zahlreiche weitere Fachdiskurse
vor allem in den zehn Arbeitsgruppen
des BBE. Deutlich wird: Das BBE als
Wissens- und Kompetenzplattform
gewinnt an Bedeutung. Es wird darauf
ankommen, diesen Bedarf gut umzusetzen und in der Geschäftsstelle
die erforderlichen Strukturen dafür zu
schaffen und im Lichte der Ansprüche
aus dem Netzwerk fortzuentwickeln.

Prof. Dr. Thomas Olk
© Prof. Dr. Thomas Olk

PD Dr. Ansgar Klein
© PD Dr. Ansgar Klein

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International engagiert

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Freiwilligkeit in der Bewältigung der Folgen von Krieg, Krise,
Katastrophe
Von Dr. Rudolf Seiters
In der Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung sind in mehr als
185 nationalen Rotkreuzorganisationen ca. 17 Millionen Freiwillige, in aller Regel
ehrenamtlich tätig. Ihr humanitäres Engagement gilt sowohl den Betroffenen von
Kriegen, Krisen und Naturkatastrophen als auch Hilfebedürftigen aufgrund sozialer oder sonstiger Missstände. Oftmals sind die Freiwilligen des Roten Kreuzes
die Einzigen, die hier tätig werden können. Einige Beispiele aus der DRK-Auslandshilfe, aber auch die nationale Perspektive im Zusammenhang der nationalen Flüchtlingssituation zeigen die Einzigartigkeit der Rotkreuz-Bewegung.
Freiwilliges Engagement weltweit
Die rechtliche Basis, selbst in kriegerischen Auseinandersetzungen,
als private Hilfsorganisation tätig zu
werden, findet sich im humanitären
Völkerrecht, welches den Rotkreuzbzw. den Rothalbmond-Gesellschaften
gestattet, humanitäre Hilfe zu leisten.
Dabei legen wir für unsere internationale Zusammenarbeit großen Wert
darauf, die Widerstandsfähigkeit
(Resilienz) der jeweiligen Zielgruppen
und der Nationalen Rotkreuz- und
Rothalbmondgesellschaften so zu
stärken, dass sie in die Lage versetzt
werden, akute Notlagen infolge von
Krisen, gewaltsamen Konflikten oder
Naturkatastrophen selbst zu bewältigen und sich rasch wieder zu erholen,
ohne langfristige Entwicklungsperspektiven zu gefährden. Das DRK
arbeitet dabei sowohl in der Phase
der Nothilfe nach Katastrophen und in
Krisen als auch in der Phase des Wie-

deraufbaus und in der langfristigen
Entwicklungszusammenarbeit, die im
DRK immer an humanitären Prinzipien
ausgerichtet wird.

„Es ist für das DRK dabei
besonders relevant, die vor
Ort bereits vorhandenen
Selbstschutz- und Selbsthilfefähigkeiten seiner Zielgruppen gezielt einzubeziehen und weiter zu stärken.“

Es ist für das DRK dabei besonders
relevant, die vor Ort bereits vorhandenen Selbstschutz- und Selbsthilfefähigkeiten seiner Zielgruppen gezielt
einzubeziehen und weiter zu stärken.

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Engagement im Zusammenhang mit
Kriegen am Beispiel Syrien und Sudan
Die Krise in Syrien trifft mittlerweile
alle SyrerInnen in vielerlei Hinsicht. Die
steigende Zahl von Todesopfern zeigt
die Intensivierung des Konfliktes, aber
die zerstörte Infrastruktur, zerstörte
Familienhäuser, Industrieanlagen
und Landwirtschaft bringen ebenfalls
erhebliche Beeinträchtigungen des
Alltags der Menschen. Der Zugang
zu medizinischen Dienstleistungen
und Material wird aufgrund mangelnder Sicherheit für das medizinische
Personal immer schwieriger. Weitere
Auswirkungen sind rasant ansteigen-

Die Eltern in Syrien

de Preise von Nahrungsmitteln, Medizin und Treibstoff. Die Lage der intern
in Syrien vertriebenen Menschen wird
immer dramatischer, da viele von ihnen bereits mehrfach fliehen mussten
und mit neuen oder wieder aufgenommenen Kampfhandlungen erneut
Zuflucht suchen müssen. Durch das
Anhalten und die Zunahme der Kampfhandlungen wird der humanitäre
Zugang zu den Bedürftigen weiter
erschwert. Eine wirksame Nothilfe in
Syrien stellt aufgrund der Komplexität
des Kontextes und der wechselnden
politischen und sozialen Dynamik eine
große Herausforderung dar.

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In diesem Umfeld agieren die Freiwilligen unserer Schwestergesellschaft
des Syrisch-Arabischen Roten Halbmonds (SARC). In Syrien koordiniert
SARC, mit dem das DRK eng zusammenarbeitet, die gesamte eingehende
Hilfe, einschließlich aller Hilfslieferungen der Vereinten Nationen.
Tausende ausgebildete Freiwillige und
auch die Hauptamtlichen des SARC
riskieren täglich ihr Leben, um die eingehenden Hilfsgüter dorthin zu bringen,
wo die Not der Menschen am größten
ist. Um in die entlegenen Landesteile
zu gelangen, sind dabei oftmals hunderte von Kilometern zurückzulegen
und unzählige und ständig wechselnde Checkpoints zu passieren. Zwar
versuchen die HelferInnen bereits vor
einem Transport von Hilfsgütern in
umkämpfte Landesteile sämtliche
Konfliktparteien zu kontaktieren, um
sie über den anstehenden Transport
zu informieren. Gleichwohl muss
immer wieder auch direkt vor Ort –
an den errichteten Straßensperren –
erklärt werden, dass das Rote Kreuz
bzw. der Rote Halbmond auf weißem
Grund völkerrechtlich vereinbarte
Schutzzeichen sind und dass derart gekennzeichnete Personen oder
Fahrzeuge nicht angegriffen werden
dürfen; oder, dass humanitäre Hilfslieferungen und medizinische Versorgung der Zivilbevölkerung besonders
geschützt und zu respektieren sind.

Überfahrt nach Europa

Die HelferInnen, die selbst als Teil
der syrischen Bevölkerung vom Krieg
betroffen sind, die vielleicht Angehörige und Freunde oder ihr Hab und Gut
verloren haben, setzen sich also bei
jedem Transport, bei jeder Verteilung,
bei jedem Einsatz einem immensen
Risiko aus, um anderen Menschen zu
helfen. Sie alle sind überaus erleichtert, wenn sie von einer Fahrt lebend
und unversehrt zurückkehren. Dies
ist durchaus nicht selbstverständlich:
Bislang kamen 43 freiwillige HelferInnen des SARC im Einsatz ums Leben.
Einige der freiwilligen HelferInnen
wurden im Einsatz verhaftet. Die
Arbeit der Freiwilligen auf Grundlage

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der humanitären Prinzipien verdient
höchsten Respekt.

„In den Projekten im Darfur
spielen die Freiwilligen des
SRCS eine ganz entscheidende Rolle. Sie kommen
aus den Dörfern, in denen die
Projekte durchgeführt werden, und tragen dadurch zu
einer besonderen Akzeptanz
der Projektmaßnahmen bei
der Zielbevölkerung bei.“

Das DRK ist seit über zehn Jahren
durchgängig im Darfur, im Süden des
Sudan tätig und präsent, trotz schwieriger Sicherheitslage. Wir arbeiten
dort gemeinsam mit unserer Schwesterorganisation, dem Sudanesischen
Roten Halbmond im Nord-Darfur.
Insgesamt geht es darum, Hilfe zu
leisten für die vom Konflikt betroffene
ländliche Bevölkerung im Nord-Darfur.
Infrastruktur, Felder und Lebensgrundlagen sind vielerorts zerstört, es fehlt an
medizinischem und anderem Fachpersonal. Mangel- und Unterernährung sowie inadäquate Sanitärversorgung und
mangelnde Hygieneaufklärung stellen
erhebliche Gesundheitsrisiken dar.

In den Projekten im Darfur spielen
die Freiwilligen des SRCS eine ganz
entscheidende Rolle. Sie kommen aus
den Dörfern, in denen die Projekte
durchgeführt werden, und tragen dadurch zu einer besonderen Akzeptanz
der Projektmaßnahmen bei der Zielbevölkerung bei. Sie sind der Bevölkerung bekannt, die so schneller Vertrauen in die Aktivitäten fasst und leichter
mobilisiert werden kann, an den Aktivitäten teilzunehmen. Neben Akzeptanz
sorgen die Freiwilligen oft auch für
leichteren Zugang zum Projektgebiet,
da die Bevölkerung ihnen vertraut.
In Zeiten, in denen sich der Konflikt
im Projektgebiet verschärft und sich
die Sicherheitslage verschlechtert, so
dass die ProjektmitarbeiterInnen nicht
in die Projektdörfer fahren können,
sind es oftmals die Freiwilligen, die sowieso in den Dörfern vor Ort sind und
so einige Aktivitäten am Laufen halten
und den Projektteams einen Überblick
über die Situation geben können. Die
Freiwilligen erhalten in den Projekten
Weiterbildungen und Trainings (z.B. in
Reparatur von Wasserstellen, Monitoring von Unterernährung, korrektem
Hygieneverhalten …) und erwerben
so ein Wissen, das sie auch nach
Projektende besitzen und weitergeben
können. Dies kann einen Beitrag zum
nachhaltigen Erfolg der Projekte leisten.
Generell achten wir sehr auf die
Sicherheit der Freiwilligen und machen
viel Verbreitungsarbeit in den Gemeinden des Projektgebiets, um die

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Türkei am Bosporus

Rolle des SRCS und des Freiwilligennetzwerks zu verdeutlichen. Auch die
Freiwilligen sensibilisieren wir dafür,
dass sie sich im Sinne der RotkreuzGrundsätze neutral verhalten und im
Konflikt keine Partei ergreifen.
Begegnung und gegenseitiges
Kennenlernen – ehrenamtliche soziale
Arbeit mit Flüchtlingen in Deutschland
Neben der Herrichtung und Trägerschaft von Gemeinschaftsunterkünften
oder der medizinischen Versorgung
engagieren sich langjährige aber auch
besonders viele neue Ehrenamtliche im

DRK für Flüchtlinge. Sie organisieren
konkrete alltags- und lebenspraktische
Unterstützung und helfen so mit, eine
Willkommenskultur aufzubauen. Denn
Menschen, die alles verloren haben,
ihre Heimat verlassen mussten und oft
eine beschwerliche Flucht oder traumatische Erlebnisse erfahren haben, benötigen nach ihrer Ankunft in Deutschland mehr als Essen und ein Dach über
dem Kopf. Es geht auch darum, ihnen
das Ankommen und Einleben in einem
für sie fremden Land mit fremder Kultur
und Sprache zu erleichtern.

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Im gesamten Bundesgebiet organisieren die ehrenamtlich Engagierten unterschiedlichste Aktivitäten:
Sie ermöglichen etwa Sprach- und
Sportkurse, bieten Fahrradunterricht
für Kinder an, veranstalten Nachbarschaftsfeste oder engagieren sich als
Paten für Flüchtlinge und Flüchtlingsfamilien, die bei Behördengängen,
Arztbesuchen oder Schulproblemen
zur Seite stehen. Alle diese Begegnungen und gemeinsamen Aktivitäten ermöglichen gegenseitiges
Kennenlernen und helfen, sich in der
fremden Umgebung einzugewöhnen.
Hier leisten die Engagierten mit einer
respektvollen Haltung, ihrem Einfühlungsvermögen und ihrer Bereitschaft, sich auf Menschen mit einer
anderen kulturellen Prägung als ihrer
eigenen einzulassen, einen wichtigen
Beitrag zur Integration. Andererseits
sind Flüchtlinge nicht nur Opfer, sie
bringen ihre Erfahrungen, Kenntnisse
und Ausbildungen mit. Flüchtlinge
zu unterstützen heißt deshalb auch,
ihnen zu ermöglichen, diese Potenziale auszuschöpfen und einzusetzen,
z.B. sie aktiv in die Ausgestaltung der
Angebote miteinzubeziehen.
Den Menschen, die bereit sind, sich
ehrenamtlich für Flüchtlinge zu engagieren, bietet das DRK verschiedene
Qualifizierungsmöglichkeiten an, die
ihre Handlungssicherheit in diesem
manchmal schwierigen und konfliktträchtigen Tätigkeitsfeld erhöhen.

Inhalte sind z.B. Interkulturelle Sensibilisierung, Informationen über Fluchtursachen oder rechtliche Grundlagen.

„Flüchtlinge zu unterstützen
heißt deshalb auch, ihnen
zu ermöglichen, diese Potenziale auszuschöpfen und
einzusetzen, z.B. sie aktiv in
die Ausgestaltung der Angebote miteinzubeziehen.“

Diese ausgewählten Beispiele zeigen:
Engagement macht stark, ich bin stolz
auf unsere weltweite humanitäre Bewegung, die von sehr vielen Engagierten getragen wird.

Dr. Rudolf Seiters
© Moritz Vennewald

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„ICH KANN WAS!” - INITIATIVE
DAMIT KINDER UND JUGENDLICHE FAIRE CHANCEN
FÜR EINE GUTE ZUKUNFT HABEN
Kinder stark machen: Seit 6 Jahren unterstützt die „Ich kann was!“-Initiative junge Menschen dabei,
ihre Potenziale zu entdecken, zu entfalten und selbstbewusster durchs Leben zu gehen. Über 60.000
Mädchen und Jungen zwischen 9 und 14 Jahren hat der von Mitarbeitern der Deutschen Telekom
gegründete Verein mittlerweile erreicht. „Ich kann was!“: Wenn Kinder und Jugendliche dies voller
Überzeugung sagen können – genau dann hat die Initiative ihr Ziel erreicht.
Unterstützen auch Sie die Arbeit von „Ich kann was!“ mit einer Spende.
„Ich kann was!-Initiative für Kinder und Jugendliche e. V.“
Postbank Dortmund, IBAN: DE82440100460190019465, BIC: PBNKDEFF440
Verwendungszweck: Kinder stark machen!
Näheres unter
www.initiative-ich-kann-was.de
www.telekom.com/verantwortung

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Gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit – Die ZukunftsTour kommt in
alle Bundesländer
Von Severin Caspari
Bundesentwicklungsminister Dr. Gerd Müller eröffnete am 25. Juni in Hannover
und Bremen die ZukunftsTour, die ab 2015 Station in allen Bundesländern macht.
Die Botschaft: Entwicklungspolitik beginnt in Deutschland und vieles kann ein
Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit sein.
Auf dem Boden des Bremer Tagungshauses KWADRAT ist eine große
Weltkarte ausgebreitet. Schülerinnen
und Schüler werfen neugierige Blicke
darauf. Monika und Johanna überlegen gemeinsam: Wie verteilen sich
Ressourcenverbrauch und Einkommen über die Kontinente der Erde?

Die Cousins in Afghanistan vor dem Heimatdorf

Wo ist der Konsum am höchsten, wo
die Einkommen am niedrigsten? Ihre
Ergebnisse stellen sie symbolisch
dar: Kochtöpfe stehen für Konsum,
hölzerne Sohlen für den ökologischen
Fußabdruck. Monika (17) erkennt: „Wir
in Europa verursachen viel Schmutz
auf der Welt – obwohl wir viel weniger

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Menschen sind als zum Beispiel in
Asien.“ Ihre Lösung: „Wir könnten weniger einkaufen oder keine Dinge mehr
kaufen, die in Kinderarbeit hergestellt
wurden.“ Johanna (14) ist überzeugt:
„Es würde auch helfen, wenn es Siegel
gäbe, die die Herkunft der Kleidung
anzeigen. Dann würden bestimmt
auch mehr Leute darauf achten.“
Wie fairer Handel in Deutschland und
weltweit gefördert werden kann, war
auch Gegenstand der anschließenden
Podiumsdiskussion im Bremer Rathaus. Entwicklungsminister Müller
erinnerte daran, dass beim Kauf einer
Jeans schon ein Euro mehr die Existenz von Familien in Entwicklungsländern sichern könne. Die ZukunftsTour
geht ab 2015 in alle Bundesländer und
möchte auch bei anderen Themen
dazu anregen, das eigene Handeln zu
hinterfragen: Woher kommen unsere
Lebensmittel, Kleidungsstücke oder
Computer und unter welchen Bedingungen werden sie hergestellt? Wie
oft werfen wir etwas weg, was eigentlich noch gut ist? Gleichzeitig werden
konkrete Lösungsansätze für globale
Herausforderungen vom Klimaschutz,
über Hunger und Armut, bis hin zu
Flucht und Migration diskutiert.
Ab September wird die ZukunftsTour
in Magdeburg, Hamburg, Potsdam
und München fortgesetzt. Im Oktober macht sie Station in Stuttgart.
Auf jeder Veranstaltung erwartet die

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Besucherinnen und Besucher ein
vielfältiges Programm. In Workshops
und Lernstationen vermitteln lokale
Initiativen und Vereine Themen wie
fairer Handel, Flucht oder Klimawandel spielerisch und praxisnah. In der
Politikarena diskutiert Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik,
Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Je
nach Stadt geben die Angebote des
Rahmenprogramms wie Poetry-Slam
oder Kino Global neue Perspektiven
auf globale Zukunftsfragen.

„Auf der ZukunftsTour im
Herbst steht deshalb die Frage im Mittelpunkt, welchen
Beitrag zur Umsetzung der
neuen Nachhaltigkeitsziele
die Bundesländer, Kommunen und wir als Bürgerinnen
und Bürger leisten können.“

Das Jahr 2015 steht ganz im Zeichen
der Entwicklungspolitik: Im September wird die Staatengemeinschaft
beim Gipfel der Vereinten Nationen
die globalen Ziele für nachhaltige Entwicklung beschließen. In Paris findet
im Dezember die UN-Klimakonferenz
statt, bei der ein verbindliches Nach-

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folgeabkommen zum Kyoto-Protokoll
verabschiedet werden soll. Auf der
ZukunftsTour im Herbst steht deshalb
die Frage im Mittelpunkt, welchen
Beitrag zur Umsetzung der neuen
Nachhaltigkeitsziele die Bundesländer,
Kommunen und wir als Bürgerinnen
und Bürger leisten können.
Die ZukunftsTour ist Teil des Zukunftscharta-Prozesses, den Entwicklungsminister Gerd Müller 2014 gestartet
hat. Die Zukunftscharta wurde in
einem offenen Dialog-Prozess erarbeitet und benennt acht Handlungsfelder
für eine nachhaltige und gerechte
Welt. Die Charta bündelt das Wissen
und die Erfahrung unterschiedlichster
Akteure aus allen Bereichen der Gesellschaft: Expertinnen und Experten
aus Politik, Zivilgesellschaft inklusive
Kirchen und Stiftungen, Wirtschaft
und Wissenschaft haben hierzu ebenso einen Beitrag geleistet wie Bürgerinnen und Bürger. Im Rahmen der
ZukunftsTour werden die Ergebnisse
in die breite Öffentlichkeit getragen.
Severin Caspari
© Severin Caspari

Die Mutter im Garten bei der Granatapfelernte

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Die Mitmachzentrale:
ENTWICKLUNGSPOLITISCHES ENGAGEMENT FÖRDERN!
Von Dr. Jeannette Spenlen
Die Mitmachzentrale (MMZ) ist die zentrale Anlaufstelle bei Engagement
Global für Einzelpersonen, Kommunen, Unternehmen und Stiftungen, die sich
bereits entwicklungspolitisch engagieren oder ein Engagement planen. Wer Fragen zur Förderung von Inlands- oder Auslandsprojekten oder zu Möglichkeiten
des entwicklungspolitischen Engagements hat, kann sich bei der Mitmachzentrale beraten lassen.
„In meiner Stadt gibt es vier Flüchtlingsheime. Wir, eine Initiative von
ehemaligen Flüchtlingen und Unterstützern, möchten den Flüchtlingen
helfen. Wir planen Nachhilfeangebote
für die jungen Flüchtlinge. Außerdem
möchten wir die erwachsenen Flüchtlinge über Ausbildungen und den
Arbeitsmarkt informieren und ihnen
bei der Erstellung der Lebensläufe
helfen. Wir schicken gern eine Skizze
des Vorhabens. Können wir für dieses
Projekt eine Unterstützung erhalten?“
Seit einigen Monaten erhalten wir
häufiger Anfragen wie diese. Da sich
die internationalen Fluchtbewegungen
ganz konkret auf Deutschland und die
hiesigen Kommunen auswirken, ist
der Beratungsbedarf rund um Flucht
und Migration angestiegen. Unter den
Ehrenamtlichen, die sich für Flüchtlinge engagieren, sind auch viele aktive
Menschen mit Migrationsgeschichte,
die ihre Erfahrungen und (Sprach-)
Kompetenzen einsetzen, um den Neu-

angekommenen den Einstieg in die
deutsche Gesellschaft zu erleichtern.
Der geschilderte Fall zeigt, wie schwer
es vielen Engagierten oft fällt, „ent-

Die zurückgelassene Tochter

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wicklungspolitisches Engagement“,
das durch die Programme der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit
gefördert werden kann, von „Integration“ und „Flucht“, die durch andere
Förderquellen unterstützt werden, zu
trennen. Entwicklungspolitisches Engagement orientiert sich „am Leitbild
der global nachhaltigen Entwicklung,
der Verantwortung in der globalisierten
Welt und den allgemeinen Menschenrechten. Es setzt sich für die Verbesserung der Situation der Menschen in
sog. Entwicklungsländern sowie für
Veränderungen in Industrieländern
ein.“ 1 Diese Definition verständlich zu

Die Mutter bei der Arbeit in Syrien

machen und gemeinsam zu überlegen,
welche Fördermöglichkeiten innerhalb
und außerhalb von Engagement
Global existieren, gehört zu den
Aufgaben der Mitmachzentrale.
Beratung durch die Mitmachzentrale
Die Mitmachzentrale (MMZ) ist die
zentrale Informationsstelle in der
Engagement Global gGmbH,
an die sich Einzelpersonen, Vereine,
Initiativen, Schulen, Lehrkräfte, Kommunen, Unternehmen und Stiftungen,
also „die Zivilgesellschaft“ wenden
können. Die MMZ informiert und berät
Menschen, die sich bereits entwick-

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lungspolitisch engagieren oder ein
Engagement planen. Die Zuständigkeit der Mitmachzentrale liegt in den
Erstkontakten, deren Bearbeitung
und der Einbindung in die weiteren
Programme des Hauses. Interessierte, Vereine, aber auch Unternehmen
und Stiftungen erhalten telefonisch,
schriftlich oder auch persönlich
Beratungen über Möglichkeiten, sich
entwicklungspolitisch zu engagieren
•	innerhalb einer Organisation, in Projekten oder in der Bildungsarbeit,
•	zeitlich begrenzt oder langfristig,
•	im In- oder Ausland.

„Die Mitmachzentrale erläutert nicht nur die Programme
von ENGAGEMENT GLOBAL,
sondern verschafft Interessierten eine Orientierung über
weitere Förderquellen oder
Vernetzungsmöglichkeiten für
das entwicklungspolitische
Engagement.“

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit der
Mitmachzentrale ist die Recherche zu
Förderprogrammen und die Erstellung
einer internen Informationsbasis. Von
der Ideenfindung über Antragsforma-

Kurz vor Europa

litäten bis hin zur Durchführung und
Evaluierung eines Projektes werden
Interessierte von der Mitmachzentrale
zu inhaltlichen, formalen und organisatorischen Gesichtspunkten beraten.
Außerdem wird über Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten sowie die
Beschaffung von Finanzmitteln für die
Durchführung von Projekten informiert.
Das Besondere dabei: Die Mitmachzentrale erläutert nicht nur die Programme von ENGAGEMENT GLOBAL,
sondern verschafft Interessierten eine
Orientierung über weitere Förderquellen
oder Vernetzungsmöglichkeiten für das
entwicklungspolitische Engagement.

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Was kann konkret getan werden?
Da in dem beschriebenen Fall das
Vorhaben nicht aus entwicklungspolitischen Fördertöpfen unterstützt
werden kann, wird auf weitere Förderquellen verwiesen, um das Engagement des Interessierten nicht zu demotivieren. Zudem wird auf regionale
Vernetzungsmöglichkeiten hingewiesen. Wenn Vereine das Thema Flucht
durch Ausstellungen, Seminare oder
Kampagnen einer breiten Öffentlichkeit nahebringen, ergeben sich
Chancen, dies durch entwicklungspolitische Förderquellen zu unterstützen.

genommen, um das Engagement zu
stärken. Es wird versucht, Lösungswege für die konkreten Vorhaben aufzuzeigen und darüber hinaus für globale
Zusammenhänge und für Perspektiven
der nachhaltigen Entwicklung in der
hiesigen Gesellschaft zu sensibilisieren.
Weitere Informationen über Bedarf,
Förderprogramme, Finanzierungsmöglichkeiten von Engagement:
www.engagement-global.de
Info-Telefon: 0800 188 7 188
(werktags 8-20 Uhr)
info@engagement-global.de

1

	 Definition s. Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ)
(Hrsg.), Gemeinsam Viele(s) bewegen, Strategiepapier 6/2015, S. 6

Familie in Pakistan

In einem anderen Fall plant eine Studierendengruppe eine Veranstaltung
zu entwicklungspolitischen Themen.
Hier wird zu Förderprogrammen von
ENGAGEMENT GLOBAL beraten.
Ebenfalls wird die Vernetzung mit dem
landesweiten „Eine-Welt-Netz“ empfohlen, um Kontakte und Austausch
zu fördern. Die Ziele der Erstberatung
sind klar: Alle Anliegen werden ernst

Dr. Jeannette Spenlen
© Dr. Jeannette Spenlen

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Dorthin wo Milch und Honig fließen
Eine begehbare Theaterproduktion
Von Adelheid Schultze
„Man kennt zweifellos vieles von dem, was dieser ‚Theater-Abend‘ vermittelt –
und hat es doch nie so erfahren wie bei diesem inszenierten Gang durch Düsseldorf-Oberbilk: brutal direkt und gewinnend poetisch.“ (WDR 3, 11. Juni 2015)
In den Schuhen eines Flüchtlings werden wir hoffentlich nie gehen müssen.
Doch zu empfinden, wie es sein kann,
wenn man Heimat, Familie und Freunde verlassen muss – diese Möglichkeit
bietet die Theaterproduktion „Dorthin
wo Milch und Honig fließen“. Im Juni
2015 fanden die ersten Aufführungen

in Düsseldorf statt. Die Resonanz auf
diese ungewöhnliche Art, Begegnungen mit Menschen zu schaffen, die
ihre Heimat verlassen mussten, war
überwältigend: Es nahmen so viele
Menschen an den Theatergängen teil,
dass im September weitere Termine
angeboten werden.

Eine Station des Audiowalk: das Boxstudio © ENGAGEMENT GLOBAL, Foto: Samera Zagala

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Die Theatermacherinnen Charlott
Dahmen und Karin Frommhagen
haben das Projekt mit Engagement
Global entwickelt. Die Bühne dafür
ist ein ganzer Stadtteil in Düsseldorf:
Oberbilk, der zweitgrößte maghrebinisch geprägte Stadtteil Deutschlands.
Neben professionellen Schauspielern,
die in verschiedene Rollen schlüpfen
und an verschiedenen Orten Teil der
Geschichte werden, sind Bewohner
und Geschäftsleute aus dem Stadtteil
wichtige Protagonisten. Die Hauptrolle
spielen dabei die Flüchtlinge, die man
nicht sieht, aber deren Erinnerungen in
Form eines Audiowalks erzählt werden.
Vier Geschichten von vier Menschen,
die aus Syrien, Afghanistan, dem Irak
und Somalia geflohen sind. Burhan,
Halima, Rajana und Sami erzählen aus
ihrem Leben, von ihren Wünschen,
Hoffnungen, Sehnsüchten. Von Ängsten, Schicksalsschlägen, den Fluchtgründen und schließlich auch vom
Ankommen in Deutschland. Jeder ist
alleine unterwegs auf einem Weg, der
zu ganz unterschiedlichen Schauplätzen führt. Erst am Ende der etwa
zweistündigen Reise treffen sich alle
Theater-„Gänger“ in einem orientalischen Café, wo sie ihre Eindrücke und
Erfahrungen austauschen können.
„Dorthin wo Milch und Honig fließen“
wird gefördert von Engagement
Global gGmbH – Service für Entwicklungsinitiativen in Kooperation

mit dem Eine Welt Forum Düsseldorf,
dem Eine Welt Netz NRW und EXILE.
www.engagement-global.de/theater
Aufführungen im September 2015:
Mittwoch, 9. September 2015,
17:30 Uhr
Mittwoch, 16. September 2015,
17:30 Uhr
Donnerstag, 17. September 2015,
17:30 Uhr
Samstag, 12. September 2015,
12:00 Uhr
Startpunkt:
Parkhaus Düsseldorf Hauptbahnhof,
Oberstes Parkdeck
Eingang Bertha-von-Suttner-Platz,
Hinterausgang Hauptbahnhof
Eintritt:
15 Euro / ermäßigt 10 Euro
Der Eintritt geht als Spende an die
Flüchtlingsinitiative STAY!
Karten-VVK:
D-TICKET-HOTLINE
0211 237 001 237
www2.dticket.de
Pressekontakt / Rückfragen:
Thomas Klein,
Telefon: 0211 175 257 13
milchundhonig@engagement-global.de

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Flucht nach Europa: wo zivilgesellschaftliches Engagement auf staatliche Verantwortungslosigkeit trifft
Von Alexandros Stathopoulos
Die Europäische Union versteht sich als ein Raum der Freiheit, der Sicherheit
und des Rechts. Auch das Menschenrecht auf Asyl, auf Schutz vor Gewalt und
Verfolgung wird von ihr theoretisch anerkannt. In der Praxis zeigt sie jedoch seit
Jahren ein anderes Gesicht: ein gigantisches Grenzregime hält Flüchtlinge davon
ab, das Territorium der EU zu erreichen und Schutz zu suchen. Die Abschottung
der Grenzen führt zu immer mehr Grenztoten. Mehr als 29.000 Menschen haben
seit dem Jahr 2000 ihr Leben an Europas Außengrenzen verloren. Europa schützt
sich vor Flüchtlingen, statt sie zu schützen. Angesichts der größten globalen
Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg macht Europa kaum Anstalten,
sich dieser Aufgabe zu stellen und Verantwortung zu übernehmen. Stattdessen
werden Flüchtlinge als Bedrohung für den Wohlstand auf unserer Insel der
Glückseligkeit stigmatisiert. Wenn sie Europa erreichen, werden sie immer wieder
Opfer neuer Menschenrechtsverletzungen, rassistischer Übergriffe und Schikanen. Dieser inhumanen Abschottungs- und Abschreckungspolitik muss sich eine
europäische Zivilgesellschaft, die sich auf die Ideale der Menschenrechte beruft,
entgegenstellen.
Mehr als 59,5 Millionen Menschen
sind laut UNHCR weltweit auf der
Flucht. Die meisten von ihnen, etwa
50 Millionen, sind Vertriebene innerhalb
ihres eigenen Herkunftsstaates. Von
den 19,5 Millionen Schutzsuchenden,
die ihr Land verlassen haben, bleiben
mehr als 80 Prozent in der Herkunftsregion und hoffen auf eine Rückkehr.
In Europa kommen zwei Prozent der
Flüchtenden an. Populisten sprechen
von einem „Flüchtlingsstrom“, dem
Europa nicht gewachsen sei. Und das,
während ein kleines Land wie der Libanon mit über 1,5 Millionen syrischen
Flüchtlingen mehr Menschen Schutz

Türkei mit einem Markthändler

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gewährt, als die gesamte Europäische
Union. Auch in der Türkei haben 1,75
Millionen Menschen aus Syrien Schutz
gefunden. Die Regierungschefs und
Außenminister der EU würdigen diese
Leistungen immer wieder und versichern ihre Solidarität mit den Nachbarstaaten Syriens. Doch die Grenzen
bleiben dicht, die Flüchtlinge sitzen
seit Jahren in Lagern fest.
Nicht nur aus Syrien und dem Irak,
auch aus Afghanistan, aus Eritrea und
Somalia begeben sich Flüchtlinge auf
den lebensgefährlichen Weg nach
Europa. Allein im April 2015 starben im

Im Flieger nach Europa mit gefälschten Papieren

Mittelmeer über 1.300 Menschen, Männer, Frauen und Kinder. Sie starben,
weil die Europäische Union eine Seenotrettungsmission als „Brücke nach
Europa“ betrachtete und deswegen
beendete. Ganz im Sinne der Abschreckung wird damit signalisiert: „Versucht
es gar nicht erst!“ Dennoch begaben
sich alleine im ersten Halbjahr 2015
mehr als 67.500 Flüchtende auf die
Route über das zentrale Mittelmeer und
erreichten so Italien. 68.000 Menschen
flohen über die Ägäis nach Griechenland. Die meisten von ihnen werden in
Europa mit hoher Wahrscheinlichkeit
als Flüchtlinge anerkannt.

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Der Mut der Verzweiflung lässt sich
nicht abschrecken. Wer nichts zu
verlieren hat, nimmt für die Chance
auf ein menschenwürdiges Leben
auch den Tod in Kauf. Es ist naheliegend, die Bekämpfung der Fluchtursachen wie Krieg, Hunger und Armut
zu fordern. Europa muss sich aber
eingestehen, dass es keine kurzfristigen Lösungsansätze dafür gibt, mit
der Gewalt im Nahen Osten oder den
zerfallenen Staaten und Diktaturen in
Afrika umzugehen.
Wer diese Realitäten anerkennt und
die menschenrechtlichen Werte Europas realisieren und bewahren will,
muss sichere und legale Fluchtwege
nach Europa öffnen, eine solidarische Verantwortungsteilung und eine
menschenwürdige Aufnahme von
Schutzsuchenden innerhalb der EU
gewährleisten. Die jüngsten Verhandlungen und Beschlüsse der EU-Mitgliedstaaten zeigen jedoch erneut,
dass Europa sich nicht einmal auf eine
minimale Aufnahme und Verteilung von
Flüchtlingen einigen kann. Stattdessen
ist man schnell dabei, weitere Abwehrmaßnahmen – bis hin zu einem Militäreinsatz gegen Schlepper – zu beschließen. Damit lässt die EU Flüchtlinge im
Stich. Dieser Nexus der gewollten und
organisierten staatlichen Taten- und
Verantwortungslosigkeit führt dazu,
dass in ganz Europa zivilgesellschaftliche Akteure in die Bresche springen,
um Katastrophen zu verhindern.

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Aktuell werden viele Rettungseinsätze
über zivilgesellschaftliches Engagement und private Rettungsinitiativen
sichergestellt. Initiativen wie die SeaWatch, Médecins Sans Frontières oder
MOAS, die jeweils mit Rettungsschiffen
im Einsatz sind, wie auch das Alarmphone für Bootsflüchtlinge in Seenot,
leisten dort unschätzbare Hilfe, wo
europäische Staaten ihren humanitären
Verpflichtungen nicht nachkommen.
Seenotrettung kann jedoch nicht die
Aufgabe zivilgesellschaftlicher Akteure
sein – eine zivile europäische Seenotrettung muss installiert werden. Erst
legale und gefahrenfreie Wege für
Flüchtlinge können das Sterben an
Europas Grenzen beenden.

„Dieser Nexus der gewollten
und organisierten staatlichen
Taten- und Verantwortungslosigkeit führt dazu, dass
in ganz Europa zivilgesellschaftliche Akteure in die
Bresche springen, um Katastrophen zu verhindern.“

Auch bei der Aufnahme von Flüchtlingen versäumen es Europas Staaten, Verantwortung zu übernehmen.
So befinden sich zum Beispiel die

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Der frühere Arbeitsplatz als Journalist in Pakistan

Ägäischen Inseln, mittlerweile der
Hauptzugang für Schutzsuchende
nach Europa, seit Wochen im Ausnahmezustand. 68.000 Menschen sind
hier in der ersten Hälfte des Jahres
gelandet, überwiegend Geflüchtete
aus Syrien. Für die Europäische Union
mit über 500 Millionen Einwohnern
ist das eine verschwindend geringe
Zahl. Im krisengeschüttelten Griechenland bedeuten diese Ankunftszahlen, fehlende Aufnahmestrukturen
und leere Staatskassen jedoch eine
Katastrophe. Die wenigen Aufnahmeeinrichtungen sind längst überfüllt,
die Flüchtlinge campieren in Zelten
oder unter freiem Himmel, meist ohne
sanitäre Einrichtungen, ohne medizi-

nische Versorgung, ohne Verpflegung.
Es sind bislang vor allem Freiwillige,
Solidaritätsinitiativen und zivilgesellschaftliche Organisationen, die versuchen, dem humanitären Notstand zu
begegnen und den Schutzsuchenden
zu helfen. Sie organisieren Lebensmittel, Medikamente, Hygienemittel,
Zelte auf eigene Kosten. Dass es in
Europa – einer der reichsten Regionen der Welt – nicht möglich ist, eine
vergleichsweise kleine Zahl Schutzsuchender menschenwürdig aufzunehmen, ist nicht nachzuvollziehen und
inakzeptabel.
Deutschland bleibt ebenfalls weit
hinter seinen Möglichkeiten zurück.

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Auch hier sind die Aufnahmekapazitäten ausgelastet, werden Flüchtlinge in
Zelten untergebracht. Man hat es einfach über Jahre hinweg verpasst, sich
auf die Folgen der Krisen vor Europas
Türen vorzubereiten. Auch hier ist es
die Zivilgesellschaft, die das Fehlen
einer angemessenen Aufnahmestruktur versucht auszugleichen. Freiwillige
organisieren sich in Freundes- und
Helferkreisen, geben ehrenamtlich
Deutschunterricht, begleiten Schutzsuchende zu Behörden und in Krankenhäuser, schaffen Begegnungsorte
für Geflüchtete und Eingesessene,
helfen bei der Wohnungssuche und
setzen sich für ihre Rechte ein.

überlassen. Viele der Probleme, mit
denen Schutzsuchende in Deutschland und Europa zu kämpfen haben,
sind gesetzlicher Natur und müssen
auf politischer Ebene gelöst werden.
Aufgaben wie psychologische Betreuung, medizinische Versorgung
und rechtliche Beratung können nur
von Fachkräften geleistet werden. Es
bleibt die Verantwortung des Staates,
eine menschenwürdige Aufnahme von
Flüchtlingen zu gewährleisten, eine
Tatsache auf der die Zivilgesellschaft
konsequent bestehen muss.

„Doch dieses bewundernswerte Engagement darf von
der öffentlichen Hand nicht
als Vorwand genutzt werden,
sich immer weiter aus der
Flüchtlingshilfe zurückzuziehen und sie ehrenamtlichen
Helfern zu überlassen.“
Alexandros Stathopoulos
© Shirin Shahidi, Pro Asyl

Doch dieses bewundernswerte
Engagement darf von der öffentlichen Hand nicht als Vorwand genutzt werden, sich immer weiter aus
der Flüchtlingshilfe zurückzuziehen
und sie ehrenamtlichen Helfern zu

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Bedeutung der Internationalität des Engagements zu globalen
Themen
Von Dr. Dietmar Kress
Es liegt auf der Hand, dass globale Themen von international agierenden Organisationen wie Greenpeace behandelt werden.
Wer aber bestimmt, wann Themen „global“ sind? Und wie können Menschen
sich beteiligen, wenn sie nur mittelbar betroffen sind?
Ein Thema zu globalisieren, ist eine
Herausforderung. Zunächst ist es ein
regionales Thema, wenn multinationale
Ölkonzerne wie Shell mit der Genehmigung amerikanischer und russischer
Behörden in der Arktis nach Öl und
Gas bohren. Aber die Auswirkungen
der Industrialisierung vormals geschützter Gebiete sind nicht regional.
Kommt es zu Ölkatastrophen oder zu
einem weiteren Anstieg der weltweiten Temperaturen, haben regionale
Einzelentscheidungen gleich internationale Auswirkungen. Genauso
verhält es sich mit der Überfischung
der Meere durch fahrende Fischfabriken auf Kosten der kleinen Fischer
etwa in den afrikanischen Ländern.
Deren Überleben mit ihren Familien
hängt ursächlich mit immer geringer
werdendem Fang und deshalb weniger Einkommen mit ausbleibenden
landnahen Fischfangchancen zusammen. Dadurch erhöht sich wieder die
Landflucht weg aus angestammten
Regionen hin in die Fremde und hinein
in den größten Flüchtlingsstrom weltweit, der sich in Afrika selbst befindet.

So wird aus regionalen Problemen ein
globales Thema.

Unterwegs in einem Hostel

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Diese und viele andere Themen
müssen vermittelt werden. Das ist das
Schwierigste am ganzen NGO-Business. Wie werden Menschen interessiert und im besten Falle betroffen,
wenn sie mit den ganzen Problemen
vermeintlich nichts zu tun haben? Und
wie kann sich daraus Druck entwickeln, damit sich etwas ändert?
Es geht um mehr, als die technischen
Lösungen für erneuerbare Energien
und Elektroautos zu entwickeln. Das
ist vergleichsweise leicht durchzusetzen, denn schließlich verdient jemand
gut damit. Verständnis und Mitgefühl, den Wert des Erhalts natürlicher
Lebensgrundlagen anzuerkennen
und die allgemeingültige Logik des
Wachstums durch Gerechtigkeit zu er-

Noch nicht getrennt von Eltern und Schwester in Syrien

41

setzen sind Ansätze, die sich bei der
Mehrheit der Menschen, aus welchen
Gründen auch immer, wieder durchzusetzen scheinen.
Wenn die Ursachen der Klimaerwärmung Jahrzehnte zurückliegen und
die gewaltigen Auswirkungen erst in
Jahrzehnten massiv zu spüren sind,
ist es nicht einfach, sich auch für die
Verringerung der Treibhausgase hier
und jetzt einzusetzen. Und trotzdem
hat sich das Thema erst über das
millionenfache Engagement auf die
Agenden der internationalen Politik
gesetzt. Dieses Engagement wird
umso wichtiger, wenn es dazu nutzt,
den persönlichen, regionalen und
nationalen Konsum und Ressourcenverbrauch zu verringern, da sich auf

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natürliche Weise entwickelnde Gesellschaften in ärmeren Regionen unabhängiger machen können.
Natürlich ist eine solche humanistische und naturphilosophisch begründete Politik der gerechten Verteilung
und balancierter Entwicklungschancen nicht im Interesse multinationaler
Konzerne und autokratischer Eliten.
Deren Macht und Reichtum hängt von
der grenzenlosen und hemmungslosen Ausbeutung von Menschen, Natur
und Ressourcen ab. Sie bestimmen
die Preise genauso wie die Länge der
Gefängnisaufenthalte.

„Ohne einen Ausweg, ja
geradezu eine Hoffnung auf
eine Lösung zu vermitteln,
gibt es keine positive emotionale Aufladung sich zu engagieren. Gleichzeitig gibt es
in den Zeiten des globalen
Internets eigentlich keine gute
Ausrede mehr, sich nicht zu
engagieren.“

Es wird oft gefragt, warum sich nicht
mehr Leute zu globalen Themen
engagieren. Manchmal ist die Antwort
einfach: Sie wurden nicht gefragt. Es

ist überraschend, aber auf die Frage
„Warum engagieren Sie sich nicht für
xyz?“, antworten erstaunlich viele mit
eben beschriebener Antwort. Des Weiteren ist es inzwischen allgemein
anerkannt, dass es geradezu „deemotionalisiert“, je mehr krasse Beispiele zu einem bestimmten Thema
berichtet werden. Die Leute stumpfen
nicht ab, sondern sie ziehen sich
gleichsam einen Schutzmantel gegen
die immer wiederkehrende furchtbare
nächste Nachricht über. Ohne einen
Ausweg, ja geradezu eine Hoffnung
auf eine Lösung zu vermitteln, gibt es
keine positive emotionale Aufladung
sich zu engagieren (wenn man nicht
direkt persönlich betroffen ist). Gleichzeitig gibt es in den Zeiten des globalen Internets eigentlich keine gute Ausrede mehr, sich nicht zu engagieren.
Die Leiter des Engagements beginnt
mit der einfachen Unterschrift auf der
nächsten E-Mail-Petition, womöglich
einer Spende, geht über in eine Postkarte und persönliche Briefe an Entscheidungsträger. Dann schon ein
bisschen schwerer über die Änderung
des eigenen Lebenswandels, die Mitgliedschaft in gesellschaftlichen Institutionen und Vereinen oder aktives
Mitmachen in deren Gruppierungen,
um dann auch anderen von den eigenen Überzeugungen zu berichten.
Keine dieser Aktionen ist zu gering
oder klein, auch die großen Institutionen und Vereine sind nur aus der
Summe des Engagements vieler

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Die Familie auf einem Ausflug im berühmten Amphitheater von Bosra in Syrien

Einzelner überhaupt denkbar. In den
neuen Parteienbewegungen Podemos
in Spanien und Syriza in Griechenland
lässt sich aufzeigen, dass selbst finanzkritische Bewegungen inzwischen
Mehrheiten organisieren können.
Internationales Engagement gibt es
allerdings nicht nur von Nicht-Regierungsorganisationen. Bürgerinitiativen,
Schülergruppen, Studenten und Gewerkschafter engagieren sich genauso
wie Millionen Einzelner in der Nachbarschaftshilfe. Eine immer wichtigere
Rolle bei der Übernahme von Verantwortung hin zu globalen Lösungen
kommt den Wissenschaften zu. Sie
müssen den Elfenbeinturm der Analyse verlassen und sich noch aktiver an

der Umsetzung alternativer Lösungen
im Sinne der „common goods“ einbringen. Und nicht zuletzt politische
Entscheidungsträger lassen sich vom
Engagement der Menschen beeindrucken und lassen sich, im besten Falle
demokratisch legitimiert, zu alternativen Entscheidungen bewegen.
Dr. Dietmar Kress
© Holde Schneider,
Greenpeace

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Die Transition-Town-Bewegung
– Empowerment für die große Transformation?
Von Dipl. oec. troph. Gesa Maschkowski und Dipl.-Psych. Matthias Wanner
Die Transition-Town-Bewegung versteht sich als eine BürgerInnenbewegung,
die den Wandel hin zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft „von unten“ vorantreibt. Sie setzt auf das Veränderungspotenzial von gemeinschaftlichem Handeln
und verfolgt einen ganzheitlichen Bildungsansatz, der psychologische Aspekte
des Wandels integriert. Die AutorInnen geben einen Einblick in das Konzept,
präsentieren erste empirische Daten zur deutschen Bewegung und diskutieren
ihre Potenziale und Grenzen.
Ursprung, Verbreitung und Definition
Die Geschichte der Transition Towns,
der „Städte im Wandel“, begann 2004
an einer Hochschule im irischen Städtchen Kinsale. Der britische Permakulturdozent Rob Hopkins erarbeitete mit
seinen Studierenden einen Projektplan
zur Entwöhnung der Stadt von der
Erdölabhängigkeit mit dem Titel: „Kinsale 2021: Ein Energie-Absenkungsplan“ (Hopkins 2005). Der Zuspruch,
den dieser Zukunftsplan sowohl beim
Stadtrat von Kinsale als auch im Internet hervorrief, motivierte Hopkins zum
Ausbau der Idee. Im Jahr 2005 gründete er in Totnes, seiner neuen Heimatstadt in Südwest-England, mit
FreundInnen die BürgerInneninitiative
„Transition Town Totnes“. Auch diese
Unternehmung stieß auf viel positives
Echo, so dass sich die Ideen aus Totnes in wenigen Jahren über Großbritannien, Europa, Australien und
Nordamerika bis nach Japan, Südamerika, den indischen Subkontinent

und Südafrika ausbreiteten. Heute
zählt die Bewegung über 1.100 registrierte Initiativen in mehr als 40 Ländern, die Zahl der „inoffiziellen“ Initiativen dürfte weit darüber liegen. Auf
der Internetseite des deutschen Netzwerks finden sich 81 aktive TransitionInitiativen, an weiteren 42 Orten sind
erste Transition-Aktivitäten verzeichnet.
Der weltanschauliche Hintergrund
der Transition-Bewegung entstammt
der „Permakultur“, einem Konzept
zur Gestaltung von dauerhaft nachhaltigen Lebensformen und Lebensräumen (Hopkins 2010, S. 137).
Die Permakultur beruft sich auf drei
ethische Leitprinzipien: „Care for the
earth, care for the people, fair share“.
Auf dieser Grundlage formuliert das
Transition Network seine Zukunftsvision, in der Menschen gemeinsam
versuchen, Wege zu finden, deutlich
weniger abhängig zu sein von fossilen
Rohstoffen und Ressourcen, ihre CO2-

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Emissionen stark zu reduzieren, das
Wohlbefinden zu verbessern und die
lokale Wirtschaft zu stärken“ (Transition Network 2014, S. 1).
Bei der Formulierung der Ziele hat
sich über die Jahre eine deutliche
Schwerpunktverschiebung ergeben. Projekte zur Neugestaltung der
Wirtschaft, wie beispielsweise das
REconomy Projekt, stehen seit gut
zwei Jahren besonders im Fokus der
Bewegung (Hopkins 2014). Gemeinsam ist den Zielen der Transition-Bewegung, dass sie die Defizitperspektive verlassen. Sie formulieren keine
Feindbilder, es geht nicht um den

Nachtlager für mehrere Tage in Albanien

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Kampf gegen Missstände, Umweltcampaigning oder um das Kurieren
von negativen Auswirkungen des
Klimawandels. Die Bewegung bezieht
ihre Kraft für Veränderung durch die
Fokussierung auf positive Zukunftsbilder und Gestaltungsmöglichkeiten.
AdressatInnen der Bewegung sind
auch nicht Wirtschaftskonzerne oder
„die Politik“, sondern die BürgerInnen
selbst, die „Communities“ oder Gemeinschaften – in welcher Ausprägung auch immer, ob als TransitionGruppe, Nachbarschaft, Gemeinde
oder Kommune. Sie werden – neben
Staat und Individuum – als die dritte

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Kraft der gesellschaftlichen Veränderung gesehen, deren Potenzial häufig
übersehen oder unterschätzt werde
(Hopkins 2010, S. 142). Die Publikationen, Unterstützungsangebote,
Materialien und Trainings sollen BürgerInnen Mut machen, den Wandel
selbst in die Hand zu nehmen und sie
dabei unterstützen, handlungsfähige
Gruppen, erfolgreiche Projekte und
Netzwerke aufzubauen. Erst zu einem
späteren Zeitpunkt, wenn die Gruppen die ersten Phasen der Zielfindung
und Konsolidierung durchlaufen
haben, wird auch eine Vernetzung mit
Politik und Verwaltungen empfohlen.
Der Prozess des Wandels wird als
kontinuierlicher Lernprozess eingestuft, als soziales Experiment, das
parallel an vielen Orten stattfindet
(Transition Network 2014; Hopkins
2011, S. 36). Neue Medien und globale Vernetzungsmöglichkeiten spielen
nach Einschätzung des Transition-Trainers Naresh Giangrande eine wichtige
Rolle: „Vor zehn Jahren hätte es die
Bewegung in dieser Form nicht gegeben.“ (Giangrande 2011, S. 285). Ein
besonderes Merkmal des TransitionKonzepts ist, dass es die psychische
Dimensionen des Wandels berücksichtigt. Die GründerInnen grenzen
sich ausdrücklich von Umweltschutzkampagnen ab, in denen es in erster
Linie um Belehrung und Aufklärung
geht. Stattdessen stellen sie die Frage:
Was brauchen Menschen, damit sie

sich in der Lage fühlen etwas verändern zu können? „Dieses Gefühl, es
schaffen zu können, müssen wir vermitteln, wenn wir eine so weitreichende gesellschaftliche Veränderung (...)
bewirken wollen.“ (Hopkins 2010, S.
95). In dieser positiven Grundhaltung
untergliedert sich das erste Handbuch
in die Kapitel „Kopf, Herz und Hand“,
ein Bildungsprinzip, das sich auf Ideen
der Elementarbildung nach Johann
Heinrich Pestalozzi zurückführen lässt.
Diese drei Ebenen dienen im Folgenden dazu, die Vorgehensweise der
Bewegung genauer zu beschreiben.
• Kopf – Verstehen und Erklären
Im Laufe der Jahre hat das Transition
Network viele Kommunikationswege
beschritten, um die komplexe und
schwer wahrnehmbare Mensch-Umweltproblematik versteh- und erklärbar
zu machen. So finden sich auf der
Website bunte Comics zu Peak Oil,
Klimawandel und Grenzen des Wirtschaftswachstums. In den TransitionFilmen werden Animationen eingesetzt und ein kleiner Junge erklärt mit
einfachen Worten, was in westlichen
Gesellschaftssystemen schiefläuft.
• Herz – von der Psychologie des
Wandels
Die Beschäftigung mit Peak Oil und
Klimawandel kann Ängste auslösen,
aber auch zu Reaktanz oder optimistischen Fehlschlüssen führen, stellt
Hopkins fest. Er fasst diese Symp-

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Bestandteil der Transition-Strategie
ist die Umwandlung von Schreckensszenarien in Gestaltungsräume. „Der
Wunsch nach Veränderung muss von
einer Vision dessen, was wir erreichen
wollen, getragen werden (...).“ (Hopkins 2010, S. 15). Die Methode der
Wahl ist das Backcasting, die Entwicklung von positiven Zukunftsvisionen, die im zweiten Schritt verbunden
werden mit einer Rückschau auf die
Gegenwart. Diese Methode erlaubt
die Identifikation von Maßnahmen,
die heute ergriffen werden müssen,
um die wünschenswerte Zukunft zu
erreichen.

Ankunft in Europa

tome unter dem Begriff „Post-ErdölBelastungsstörung“ zusammen: Wenn
Menschen erkennen, dass alles, was
sie bislang für dauerhaft und real hielten, in Wahrheit von einem nie versiegenden Strom preiswerten Erdöls
abhänge, könne das bestürzend und
erschütternd sein (Hopkins 2010, S. 82).
Die Suche nach Unterstützungsfaktoren für diesen Veränderungsprozess
führt ihn zu Theorien und Methoden
aus den Bereichen der Gesundheitspsychologie, Suchttherapie und der
Tiefenökologie. Ein wesentlicher

• Hand – von der Idee zur Umsetzung
Der dritte Ansatzpunkt der TransitionBewegung ist das praktische Tun.
„The Power of Just Doing Stuff“ bzw.
„Einfach. Jetzt. Machen!“ lauten der
englische bzw. deutsche Titel des dritten Buches. Das Handeln als solches,
so Sophie Banks, Mitgründerin der
Bewegung im Film „In Transition 1.0“,
habe eine transformative Kraft. Positive Beispiele von anderen Initiativen
sollen Mut machen, selbst die Initiative zu ergreifen und positive Veränderungserfahrungen zu machen. „(This
book) is rich with stories of ordinary
people doing extra-ordinary things, of
tried and tested tools, as well as some
more experimental ones, and offers
many of the ingredients you may find
you need to create this process where
you live.“ (Hopkins 2011, S. 15).

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Vor der Abreise von „zu Hause“ in Damaskus

Transition konkret – Umsetzungsbeispiele aus Großbritannien
Vier Beispiele aus Großbritannien,
die auf den verschiedenen Ebenen
ansetzen – Individuum in einer Nachbarschaft, Kleinstadt und Umgebung,
Großstadt und Landesebene – sollen
im Folgenden verdeutlichen, in welcher Form und Vielfalt die TransitionBewegung grundsätzlich in der Lage
ist, sichtbar und wirksam zu werden.
Das Projekt „Transition Streets“ setzt
an der untersten Ebene an: Eine
Gruppe von sechs bis zehn NachbarInnen trifft sich zu sieben festen
Terminen und entwickelt – anfangs mit
Hilfe, später alleine – Ideen und Pläne
zur Reduktion von Energiekosten

und Ressourcenverbräuchen in ihren
Haushalten und ihrer Nachbarschaft.
Eine Begleitstudie mit knapp 470
Haushalten konnte zeigen, dass jeder
teilnehmende Haushalt im Schnitt
ca. 700 Euro pro Jahr an Energie- und
Wasserkosten, sowie 1,3 t an CO2Emissionen einsparen konnte. 44
Prozent der Fördermittel wurden an
sozial schwache Haushalte ausgereicht. Der größte „Gewinn“ war aus
Sicht vieler Teilnehmenden jedoch
nicht die Kostenreduktion, sondern
die verbesserten sozialen Kontakte in
der Nachbarschaft (Ward et al. 2011).
Im Jahr 2013 wurde auf Ebene der
Kleinstadt Totnes eine umfangreiche
Studie durchgeführt: der „Local Economic Blueprint“ (Ward et al. 2013).
Der Bericht wurde unter Leitung der
Transition-Initiative Totnes und mit
Beteiligung des Stadtrates, der Handelskammer, einer Regionalverwaltung
und verschiedener ansässiger Bildungs- und Forschungseinrichtungen
verfasst. Ein Ergebnis der Studie war,
dass ein Großteil der Erlöse, die lokal
erwirtschaftet werden, an überregionale
Unternehmen abfließt und dadurch
der lokalen Wirtschaft und Politik
verloren geht. Auf dieser Basis wurden Szenarien zur Steigerung lokaler
Produkt- und Dienstleistungsangebote
in den Sektoren Ernährung, Gebäudesanierung, erneuerbare Energien sowie Gesundheit und Pflege entwickelt.
Diese, so der Bericht, könnten sich
in öffentlicher Hand befinden, einer

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nachhaltigen Entwicklung verpflichtet
sein und sowohl die Wirtschaft in der
Region als auch auf sozialer Ebene
das Gemeinwohl fördern. Auf dem
Niveau einer Großstadt brachte die
Stadt Bristol 2012 ein außergewöhnliches Projekt auf den Weg: ihre eigene
Regionalwährung, das Bristol-Pfund.
Die Pfundnoten sind nicht nur von
BürgerInnen selbst gestaltet, sondern
können in jedem teilnehmenden Geschäft gegen Britische Pfund getauscht werden. Neben diesem analogen Zahlungsmittel können registrierte
BürgerInnen auch über Mobilfunk per
SMS bezahlen. Beteiligte Unternehmen
können einen Teil der Kommunalsteuern in Bristol-Pfund abführen
(Hopkins 2014, S. 69). Zudem können
sie ihren MitarbeiterInnen einen Teil
des Lohns in der Regionalwährung
auszahlen.

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Nachweise:
Giangrande, N. (2011). A learning network. In:
Hopkins, R. (2011), S. 285-286
Hopkins, R. (2005). Kinsale 2021. An energy
descent action plan. Kinsale: Kinsale Further
Education College.
http://transitionculture.org./wp-content/uploads/
members/KinsaleEnergyDescentActionPlan.pdf
Hopkins, R. (2010). Energiewende – Das Handbuch, Frankfurt am Main
Hopkins, R. (2011). The transition companion,
Totnes
Hopkins, R. (2014). Einfach. Jetzt. Machen!,
München
Transition Network (2014). Transition Network’s
Draft Strategy 2014/2017.
www.transition-network.org/resources/transitionnetwork-strategy
Ward.F., Porter, A., Popham, M. (2011). Transition Streets. Final. Report. September 2011.
www.transitiontogether.org.uk/wp-content/
uploads/2012/07/transitionstreets-finalreport-

www.bristol-pound.org
www.reconomy.org
Gekürzter Auszug aus:
pnd|online II|2014
www.planung-neu-denken.de
Der vollständige Text, der auch die
Ergebnisse einer Studie zur Verbreitung der Transition-Town-Bewegung
in Deutschland enthält, findet sich
online unter:
www.planung-neu-denken.de/
images/stories/pnd/dokumente/
2_2014/maschkowski_wanner.pdf

27sep2011.pdf

Dipl. oec. troph. Gesa
Maschkowski © Dipl. oec.
troph. Gesa Maschkowski

Dipl.-Psych. Matthias
Wanner © Dominic Sehak

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Das Dorf der Freundschaft in Vietnam:
Engagierte aus sechs Ländern von vier Kontinenten – eine Idee
Von Rainer Hub
Stell Dir vor: Es war Krieg. Menschen verschiedener Länder bekämpften sich.
Die Überlebenden sind verwundet und traumatisiert. 20 Jahre später, lange
bevor das Wirtschaftsembargo gegen Vietnam aufgehoben und das Land für
Konzerne und Touristen interessant wurde, kamen Einzelne mit der Idee zurück
„Wir müssen in dem Land am südchinesischen Meer zusammen mit den
einstigen Gegnern noch etwas Sinnvolles tun!“: Eine Idee war geboren.
Engagierte machten den Anfang! So
entstand ein Friedens- und Versöhnungsprojekt, aus dem das „Dorf der
Freundschaft“ in Vietnam wurde. Aus
einer zunächst kleiner gedachten Idee
wurde etwas Großes: Im Mittelpunkt
sollte das Gedenken an die Toten des
Krieges stehen. Bis heute, im 21. Jahrhundert, womöglich darüber hinaus,
leiden Menschen an körperlichen
und seelischen Wunden sowie an
Spätfolgen des Krieges aufgrund des
Einsatzes biochemischer Substanzen. Die bekannteste: Agent Orange.
Dessen Spätfolgen zeigen sich nicht
nur bei den im Krieg direkt betroffenen
Menschen verschiedener Nationalitäten (Vietnam, USA, Kanda, Japan und
andere), sondern die Nahrungsmittelund Grundwasserverseuchung führt bei
der ersten, zweiten und dritten Generation Nachgeborener zu körperlichen,
geistigen und seelischen Schädigungen.
Für sie ist 1998 das Dorf der Freundschaft bei Hanoi gegründet worden.

Es bietet ca. 140 Kindern und Jugendlichen Schul- und Berufsbildungsmöglichkeiten, Krankengymnastik, medizinische Versorgung

Posieren als Bettler aus Langeweile in der Türkei

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einschließlich Physio- und Wassertherapie und eine dezentrale Nachsorge,
die sich noch im Aufbau befindet.
40 bis 50 Personen bietet es darüber
hinaus Rehabilitationsmöglichkeiten.
Es ist eine Vorzeigeinrichtung für Menschen mit Behinderungen in Vietnam
geworden. Der Beigeschmack: Die
Nachfrage und der Bedarf übersteigen
die Kapazitäten um ein Vielfaches.
Neben den im Dorf der Freundschaft
hauptamtlich arbeitenden hauptsächlich vietnamesischen Menschen unterschiedlichster Profession engagieren

Die zurückgelassenen Kinder

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sich jedes Jahr Dutzende Volunteers
aus unterschiedlichen Ländern. Gemeinsam mit VietnamesInnen wird
das Dorf von freiwillig Engagierten aus
den USA, Kanada, Frankreich, Japan
und Deutschland gestaltet.
Sie planen und organisieren die
inhaltliche, bauliche und qualitative
Weiterentwicklung und stellen Förderanträge. Bei internationalen Meetings
treffen sie sich vor Ort, analysieren die
zurückliegenden Weiterentwicklungen
in Relation zu den Planungen und
identifizieren die Ziele des vor ihnen

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liegenden Zeitraums. Ein anstrengendes aber spannendes Unterfangen.

der Welt geschieht und uns bis heute
etwas angeht.

Stell Dir vor: Engagierte aus sechs
Ländern. Sie setzen sich für die gleiche Sache ein, sprechen aber nicht
die gleiche Sprache. Da erklärt die
Deutsche dem Amerikaner, was der
Franzose sagte, der Japaner verstand
und der Vietnamese meinte. Ist das
geklärt, bleiben kulturelle Eigenheiten
wie: Man verständigt sich, das Meeting
am nächsten Morgen um 9:00 Uhr
fortzusetzen. Die VietnamesInnen sind
um 8:30 Uhr da, wundern sich, dass
sie alleine sind, bis um 8:45 Uhr die
Ja-panerInnen und die Deutschen kurz
vor 9:00 Uhr kommen, um bald mit
den Augen zu rollen, da die AmerikanerInnen mal wieder zu spät kommen
– um dann gemeinsam festzustellen,
dass sie immer noch fünf bis zehn
Minuten auf die französische Delegation warten müssen. Aber alle waren
pünktlich. Dennoch stellen die VietnamesInnen interessanterweise fest:
Langnasen haben Uhren, AsiatInnen
Zeit. Engagement – auch als interkulturelles Lernfeld!

Warum ist dieses Engagement in
Deutschland so wichtig? Zwar war
es Deutschland in den 1950er- bis
1970er-Jahren aufgrund der weltpolitischen Situation nicht möglich,
Truppen nach Vietnam zu entsenden,
jedoch war die biochemische Industrie in der Lage, dioxinhaltige Stoffe zu
produzieren, ohne die Agent Orange
nicht möglich gewesen wäre und – in
Westdeutschland – bereits marktwirtschaftlich so aufgestellt, damit viele
Millionen DM zu verdienen.

All diese Menschen aus den oben
genannten Ländern führen in ihrer
jeweiligen Heimat Veranstaltungen im
Bereich der Öffentlichkeits- und insbesondere im Bereich der Bildungsarbeit durch, sensibilisieren dafür, was
seit Jahrzehnten am anderen Ende

Eine Freundin in Pakistan

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Neben den Zeitspenden, die freiwillig
Engagierte einbringen, sind es zwar
nicht Millionen, aber doch mehrere
zehntausend Dollar und Euro, die
unzählige Menschen weltweit durch
Geldspenden zusammenbringen und
die Idee des Dorfs der Freundschaft
tagtäglich neu ermöglichen.

heute und auch noch morgen und
übermorgen. Denn: „Only the dead
have seen the end of war.” (Santayana)
www.dorfderfreundschaft.de

„Ohne Engagierte würde es
das Dorf der Freundschaft
nicht geben. Neben der
Gestaltung des Alltags und
des Lebens ist es den Engagierten wichtig, dass der bei
der Gründung grundlegende
Gedanke von Frieden und
Versöhnung leitend bleibt.“
Ohne Engagierte würde es das Dorf
der Freundschaft nicht geben. Neben der Gestaltung des Alltags und
des Lebens ist es den Engagierten
wichtig, dass der bei der Gründung
grundlegende Gedanke von Frieden
und Versöhnung leitend bleibt.
Zwar sind das Ende des Zweiten Vietnamkrieges und der Friedensvertrag
von Paris 1975 mittlerweile 40 Jahre
her, die Wunden aber schmerzen bis

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Rainer Hub
© Studioline

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Termine
•
•
•
•
•
•

Magdeburg 3. September 2015
Hamburg 4. September 2015
Potsdam 16. September 2015
Rostock 21. September 2015
München 28. September 2015
Stuttgart 27. Oktober 2015
Weitere Termine folgen.

BRING
DICH EIN.

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International engagiert: Praxiseinblicke in Freiwilligendienste
Von Daniela Puhrsch
Die Trägergruppe „Evangelische Freiwilligendienste“ mit ihren 63 angeschlossenen Organisationen und Institutionen bietet seit vielen Jahren an, sich in diakonischen, kirchlichen und entwicklungspolitischen Einrichtungen im Globalen
Norden und Süden zu engagieren.
Jedes Jahr absolvieren unter dem
Dach der Gruppe ca. 820 Freiwillige im Rahmen des Internationalen
Jugendfreiwilligendienstes (IJFD), des
Europäischen Freiwilligendienstes
(EFD), über das weltwärts-Programm
oder ungeregelt ihren Freiwilligendienst. Einige Träger mit einem eigenen Entsendeprogramm, andere über
das gemeinsame Auslandsprogramm,
das „Diakonische Jahr im Ausland“.

wie das Ecumenical Diaconal Year
Network (EDYN), über ökumenische
Kontakte oder Partnerschaften in den
Herkunftsländern. Die Kooperation
mit Partnern im Ausland hat Tradition:
Sie engagieren sich für Gerechtigkeit,
Frieden und Versöhnung sowie die Bewahrung der Schöpfung und arbeiten
im engen, gleichberechtigten Dialog.

Internationale Freiwilligendienste sind
kein Einbahnstraßenverkehr: Bereits
seit vielen Jahrzehnten werden Freiwillige aus dem Ausland aufgenommen:
sogenannte Incoming-Programme.
Aktuell absolvieren ca. 220 Frauen
und Männer im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ), des Bundesfreiwilligendienstes (BFD), des
Europäischen Freiwilligendienstes
(EFD), der Süd-Nord-Komponente des
weltwärts-Programms oder auch ungeregelt einen Freiwilligendienst.
Oft kommen die Freiwilligen über
Partnerorganisationen und -netzwerke

Der Vater, ein pensionierter Lehrer, mit seinen Tieren

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Ob ein Einsatz im Ausland oder in
Deutschland – viele Freiwillige kommen mit ähnlichen Hoffnungen und
Wünschen: „Nach der Schule erst
mal etwas anderes machen, etwas
Soziales für die Allgemeinheit leisten,
Unbekanntes wagen, die Welt ein
Stück weiter entdecken (…).“ (Sophia
G., Freiwilligendienst in Frankreich).

„Manche ausländische
Freiwillige engagieren sich
Hand in Hand mit deutschen
Freiwilligen, leben in einer
Wohngemeinschaft und teilen ihren Alltag und tauschen
Erfahrungen während der
Bildungstage mit ihrer Seminargruppe aus.“

Dass der Freiwilligendienst für viele
Freiwillige vor allem ein Lerndienst
ist, der individuelle Kompetenzen
fördert und Bildungsprozesse initiiert,
wird manchen erst nach und nach
bewusst: „Bei den zwischenzeitlich
aufgetretenen Problemen konnte ich
mich in Geduld und Diplomatie üben.
Ich würde sogar sagen, sie haben
mich letztlich in meiner Entwicklung
stärker gefördert als all die schönen

Dinge, die ich hier schon erleben
durfte, und für die Erfahrung bin ich
dankbar (…). Gerade auch die Fehler,
die mir selbst unterlaufen, lassen mich
reflektieren und daran wachsen.“ (Rahel B., Freiwilligendienst in Spanien).
Ein Einsatz von Freiwilligen ermöglicht
nicht nur ihnen Lernerfahrungen: Freiwillige begegnen den „Klienten“, der
Mitspielerin beim Fußball, den Mitarbeitenden, dem Obstverkäufer oder
der Busfahrerin auf dem Weg. Manche ausländische Freiwillige engagieren sich Hand in Hand mit deutschen
Freiwilligen, leben in einer Wohngemeinschaft und teilen ihren Alltag und
tauschen Erfahrungen während der
Bildungstage mit ihrer Seminargruppe
aus. Die Auseinandersetzung mit dem
Gegenüber kann Verständnis fördern,
sich auf das Miteinander in der Gesellschaft auswirken, die Perspektive
weiten und vieles mehr. „Umuntu ngumuntu ngabutu“ lautet ein Sprichwort
der Zulu: Ein Mensch wird Mensch
durch Menschen.
„Es ist wert, in eine andere Kultur
hineinzugehen, um sich fremd und
gleichzeitig heimisch zu fühlen. Es ist
wert, außerhalb der Heimat zu sein,
um Sehnsucht nach ihr zu haben.
Hier habe ich mich als Pole und Europäer empfunden. (…) Ich denke, wichtiger als das Erlernen der Sprache ist
das Verbessern der Fähigkeit, sich
mitzuteilen. Bei der Arbeit und durch

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das Zusammenleben mit Menschen
anderer Nationalität sind Kommunikation und Empathie wichtig: Man fragt
mehr, erklärt, baut Vorurteile ab, man
versucht das, was der Gesprächspartner meint, aus dem Kontext und
seiner Körpersprache zu verstehen,
man versucht, sich in den anderen
hineinzuversetzen.“ (Adrian F., Freiwilligendienst in Deutschland).
Die jungen Frauen und Männer während ihres Freiwilligendienstes gut zu
begleiten, ist das Ziel der Träger und
Einsatzstellen. Die Träger nehmen
ihre Verantwortung sehr ernst: Sie
orientieren sich dabei an den individuellen Bedürfnissen und Interessen der
Freiwilligen sowie an ihrer Lebenssituation. Bei der Gestaltung und Konzeption des Begleitprogramms stehen

Kurden verlassen Syrien

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die Freiwilligen mit ihren Wünschen
und Bedarfen im Zentrum. Themen
und Methoden werden auf die Teilnehmenden abgestimmt. Dabei bewähren
sich konstante Seminargruppen mit
Freiwilligen unterschiedlicher Herkunftsregionen und -länder.

„ ‚Umuntu ngumuntu ngabutu‘ lautet ein Sprichwort
der Zulu: Ein Mensch wird
Mensch durch Menschen.“

Um die Begleitung und Konzepte für
Freiwillige aus dem Ausland qualitativ
hochwertig stetig weiterzuentwickeln

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und eine bessere Planungssicherheit
bei der Durchführung zu erhalten,
haben diese Freiwilligendienste einen
besonderen Förderbedarf, der weitere Ressourcen in den bestehenden
Formaten benötigt. Gut, dass seitens
der Politik die Spuren, die ausländische Freiwillige in der deutschen
Gesellschaft hinterlassen können, und
die Chancen, die in der Aufnahme von
ausländischen Freiwilligen bestehen,
stärker wahrgenommen werden.
Erinnerungen an einen ermordeten Freund aus Syrien

www.ev-freiwilligendienste.de
www.djia.de
www.edyn.org

Daniela Puhrsch
© Daniela Puhrsch

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Professionelles Freiwilligen-Engagement weltweit
Von Suzanne Gentges
Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) entsendet Entwicklungshelferinnen und -helfer in Entwicklungs- und Schwellenländer weltweit.
Freiwilliges Engagement und Professionalität – geht das überhaupt?
Im deutschen Beitrag zur globalen
Entwicklungsagenda klappt das sehr
gut: Entwicklungshelferinnen und
-helfer stellen seit mehr als 50 Jahren
ihre Berufserfahrung und Fachkenntnisse in den Dienst globaler, nachhaltiger Entwicklung. Dies erfolgt zeitlich
befristet und ohne Erwerbsabsichten,
aber basisnah und in partnerschaftlicher
Zusammenarbeit mit den Akteuren im
Partnerland. Die GIZ ist dabei eine von
sieben deutschen Organisationen, die
Entwicklungshelferinnen und -helfer
auf Basis des Entwicklungshelfergesetzes in 52 Länder entsendet. Für weitere
Länder sind Programme in Vorbereitung.
Professionelles Engagement bedeutet, dass für genau definierte Aufgaben berufserfahrene Fachkräfte
mit passenden Fachkenntnissen aus
Deutschland, der EU und der Schweiz
angeworben werden, die bei entsprechender Eignung für den Aufenthalt in
fremden Kulturen in einem Schwellenoder Entwicklungsland arbeiten. Durch
ihren fachlichen Beitrag und den „Blick
von außen“ unterstützen derzeit

785 EntwicklungshelferInnen Partnerorganisationen bei der Überwindung
von Entwicklungshemmnissen oder
der Verbesserung bestehender Strukturen. Sie beraten dezentrale staatliche
Organisationen und Organisationen der
Zivilgesellschaft im Rahmen von Programmen, welche die GIZ im Auftrag
des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) durchführt. Die Bandbreite

Die Mutter in Pakistan

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der Themen reicht von Wirtschaftsund Beschäftigungsförderung über Demokratieförderung, Bildung, ländliche
Entwicklung und saubere Trinkwasserversorgung bis zu effizienten Gesundheitssystemen und ziviler Konfliktbearbeitung. Entwicklungshelfer sind
überwiegend beratend tätig, betreiben
Organisationsentwicklung, Netzwerkarbeit, Fach- und Methodenberatung,
Projektmanagement und Schulung.
Im Sinne der nachhaltigen Hilfe zur
Selbsthilfe werden EntwicklungshelferInnen grundsätzlich auf Anfrage der
Partnerorga-nisation aktiv und unterstützen die Partner vor Ort dabei,
eigene, neue Wege zu gehen oder
bestehende zu verbessern.
Dieses professionelle Engagement

„Im Sinne der nachhaltigen
Hilfe zur Selbsthilfe werden
EntwicklungshelferInnen
grundsätzlich auf Anfrage
der Partnerorganisation aktiv
und unterstützen die Partner
vor Ort dabei, eigene, neue
Wege zu gehen oder bestehende zu verbessern.“

wird getragen durch die feste Verankerung in Programmen der GIZ. Dadurch sind EntwicklungshelferInnen,

die in der Regel an der Basis arbeiten,
mit vielen Akteuren der Programme
der deutschen Entwicklungspolitik auf
nationaler und regionaler Ebene im
Kooperationsland vernetzt. So kann
ein Wir-Gefühl entstehen, weil die
Akteure im gleichen oder ähnlichen
Themenbereich an einer selbstbestimmten Entwicklung für das jeweilige
Land arbeiten.
Professionalität heißt aber auch, dass
EntwicklungshelferInnen der GIZ erst
tätig werden, wenn eine Vereinbarung
zwischen der deutschen Regierung
und der Regierung eines Kooperationslands darüber getroffen wurde,
welche Entwicklungsmaßnahmen
erfolgen sollen. Der so geschaffene
vertragliche Rahmen gibt das Feld
konkreter Betätigung für die Verwirklichung von Entwicklungsprojekten frei.
Er zeigt aber auch die Grenzen auf, die
die Regierung des jeweiligen Aufnahmelandes respektiert sehen möchte.
Der Engagement-Charakter liegt bei
EntwicklungshelferInnen insbesondere
in der Bereitschaft, für mehrere Jahre
ohne Erwerbsabsicht in einem kulturell
und sprachlich ungewohnten Lebensund Arbeitsumfeld im Rahmen der
Entwicklungszusammenarbeit zu wirken. Viele Rückkehrer möchten sich
zudem gesellschaftlich oder sozial,
aber auch in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit in Deutschland
einbringen und einen Beitrag für eine

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Fußmarsch in Griechenland

weltoffene und tolerante Gesellschaft
leisten. Darüber hinaus besteht im
Einzelfall auch die Möglichkeit, den
eingeschlagenen Weg in einer Organisation der deutschen Entwicklungszusammenarbeit zum Beruf zu machen.
Eine Stärke von EntwicklungshelferInnen der GIZ liegt in der Kooperationsfähigkeit mit internationalen
Organisationen – etwa indem EntwicklungshelferInnen lokale Partnerorganisationen von Transparency International unterstützen. Positiv zu bewerten
ist auch die Kooperation mit dem
United Nations Volunteers-Programm
(UNV). Die GIZ ist zudem Mitglied des

„Forum for Volunteering in Development“ (Forum) – einem weltweiten
Netzwerk aus Organisationen, die freiwillige Fachkräfte in Projekte der Entwicklungszusammenarbeit entsenden.
Neben der GIZ gehören auch UNV und
das amerikanische Friedenscorps zu
den über 30 Mitgliedsorganisationen
des Forums. Das Netzwerk dient unter
anderem dem gegenseitigen Informationsaustausch, der Durchführung
gemeinsamer Forschungsvorhaben
und der Entwicklung von Good-Practice-Beispielen.
Der Freiwilligendienst – und hier
insbesondere die Entsendung von Ent-

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wicklungshelferInnen – ist ein fester
Bestandteil des deutschen Beitrags
zur internationalen Zusammenarbeit.

„Eine Stärke von EntwicklungshelferInnen der GIZ liegt
in der Kooperationsfähigkeit
mit internationalen Organisationen – etwa indem EntwicklungshelferInnen lokale
Partnerorganisationen von
Transparency International
unterstützen.“

Aber er hat sein Potenzial noch nicht
ausgeschöpft. Im Hinblick auf eine
neue, globale und nachhaltige Entwicklungsagenda, die den Menschen
in den Mittelpunkt stellt, können Freiwillige nach Überzeugung der Vereinten Nationen und der GIZ einen sehr
wichtigen Beitrag leisten, indem sie
diejenigen unterstützen, deren Stimmen bei Entwicklungsentscheidungen
kaum gehört werden, aber auch, wenn
es darum geht, Regierungen in der
ganzen Welt ihren BürgerInnen gegenüber rechenschaftspflichtiger und
reaktionsbereiter zu machen. Darum
beteiligt sich die GIZ zusammen mit
den anderen anerkannten Entsendeorganisationen in Deutschland intensiv

an der Diskussion um den Beitrag, den
EntwicklungshelferInnen im Rahmen
der professionellen Freiwilligkeit zur
Erreichung der nachhaltigen globalen
Entwicklungsziele leisten können.

Suzanne Gentges
© GIZ

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Von zu Hause für die Welt
Interview mit Melanie Haub
Melanie Haub aus einem Weltladen in Freiburg im Breisgau berichtet, wie und
warum sie sich im Fairen Handel engagiert. International kann man sich in vielen
Bereichen engagieren – freiwillige Arbeit in Hilfsprojekten, bei Sport- und Workcamps, aber man kann sich auch von zu Hause aus international engagieren! Der
Faire Handel ist die größte entwicklungspolitische Bewegung deutschlandweit. Egal
ob Jung oder Alt, Mann oder Frau, erfahren oder unerfahren, die Mitarbeit im Weltladen bietet für jede und jeden eine gute Möglichkeit sich praktisch einzubringen,
Erfahrungen zu sammeln, sich weiterzubilden und fürs Leben zu lernen.

Melanie, wie sieht Dein Engagement
für den Fairen Handel aus?

Wie bist Du dazu gekommen und wie
lange bist Du schon dabei?

Ich arbeite ehrenamtlich im Weltladen
Gerberau in Freiburg mit. Zudem binde ich die Ideen und Werte des Fairen
Handels in meinem eigenen Kindergarten der Kulturen in Freiburg ein.
Dies geschieht sowohl im Team, mit
den Kindern, als auch mit den Eltern.

Seit 2011 bin ich im Weltladen Gerberau aktiv. Mich haben die Kooperativen interessiert, die hinter den
Produkten stecken und für welche
Partnerprojekte in Ländern des
globalen Südens sich der Weltladen
einsetzt.
Wieso engagierst Du Dich für den
Fairen Handel? Was ist Deine Motivation und was ist Dir an Deinem
Engagement wichtig?

Kindheitserinnerung des Vaters in Syrien

Ich engagiere mich im Fairen Handel, weil ich damit im kleinen und mir
möglichen Rahmen etwas bewirken
kann. Durch Bildungsarbeit kann ich
auf den Fairen Handel aufmerksam
machen und bei jedem Kauf fairer
Produkte kann ich direkt die Koope-

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rative vor Ort unterstützen. Es freut
mich zu wissen, dass mein Geld gut
ankommt und nicht in die Kassen der
großen Ketten fließt, deren Gewinne
auf Kosten von Umwelt- und Sozialstandards gemacht werden.
Es ist mir wichtig, dass etwas bei den
Menschen ankommt und ich nicht
meine Energie in Ideen stecke, die gut
gemeint sind, aber nicht viel bewirken.
Mit dem Einkauf im Weltladen und bei
den Bildungsangeboten habe ich das
Gefühl, dass es etwas bewirkt und
Sinn macht. Denn jeder Einkauf eines
fairen Produktes, der Kleinbauern zu
einem sicheren Einkommen verhilft, ist
schon ein Gewinn. Außerdem freue
ich mich immer wieder, wenn mein
Engagement sich positiv auf andere
auswirkt, diese sich dann ebenfalls
mit globalen Themen beschäftigen
und vielleicht das ein oder andere
Produkt aus Fairem Handel kaufen.
Was sind Deine Aufgaben im Weltladen?
Im Weltladen bin ich sowohl Vorstandsmitglied als auch Kassenwart,
bei Veranstaltungen und in der Arbeitsgruppe Bildung aktiv. Im Kindergarten der Kulturen bin ich Geschäftsführerin eines Kindergartens für Kinder
von drei bis sechs Jahren mit den
Schwerpunkten interkulturelle Bildung,
vorurteilsbewusste Erziehung und
Globales Lernen.

Das Heim in Damaskus – in Trümmern

Was ist seit dem Beginn Deines Engagements im Fairen Handel daraus
gewachsen?
Das Engagement im Weltladen hat
mich auf die Idee gebracht, das Konzept für den Kindergarten der Kulturen
– interkulturelle Erziehung – zu ergänzen mit Globalem Lernen und dem
Fairen Handel. So lernen die Kinder
bereits von klein an spielerisch nachhaltiges Denken und Handeln. Dadurch bekommen sie schon früh ein
Verständnis für die Zusammenhänge
in unserer Welt.

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Was war Dein schönstes Erlebnis?
Die Erkenntnis, dass Schokolade für
mich wieder etwas Besonderes geworden ist und ich damit auch einen
Geschmack für gute Schokolade entwickelt habe – also eine Schokolade,
in der nicht nur gute Zutaten stecken,
sondern auch faire Bedingungen für
ein menschenwürdiges Leben.
Und ich freue mich jedes Mal, wenn
mir jemand aus dem Familien- oder
Bekanntenkreis erzählt, „ich habe
heute etwas aus Fairem Handel gekauft“.
Was ist schwierig? Welche Herausforderungen siehst Du?
Ich sehe es als Herausforderung den
Unterschied zwischen Fair-TradeProdukten von konventionellen Unternehmen aus dem Supermarkt und

65

Produkten von anerkannten Fair-Handels-Organisationen transparent zu
machen. Gleichzeitig ist es eine große
Aufgabe, dem Argument entgegenzutreten, dass Produkte aus Fairem
Handel zu teuer sind. Bei genauerem
Hinschauen kann, wer denn möchte,
das ein oder andere faire Produkt zu
einem geringen Mehrpreis kaufen
oder dafür an der einen oder anderen
Stelle einfach weniger konsumieren.
Pralinen sind im konventionellen
Handel nicht unbedingt günstiger als
faire und auch im Weltladen gibt es
Schokoriegel aus Fairem Handel für
weniger als einen Euro.
Es ist schwierig den Menschen zu
vermitteln, dass die Produkte nicht
„teuer“ sind, sondern der Preis dem
wahren Wert des Produkts näherkommt. Die Tafel Schokolade für 39
Cent ist schlichtweg zu billig – das
kann gar nicht gerecht sein. Das
schmeckt schon nach ausbeuterischer Herstellung.
Gibt es Unterschiede zwischen der
Freiwilligenarbeit heute und von
vor ein paar Jahren? Zum Beispiel
aufgrund der neuen Strukturen des
Studiums?

Erinnerungen an einen ermordeten Freund aus Syrien

Ich habe den Eindruck, dass die
Bachelor-Studiengänge zu straff organisiert sind, dass einfach nicht mehr
so viel Zeit für die Freiwilligenarbeit
bleibt. Ich hatte in meinem Studium

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sehr viel Zeit für persönliche Interessen. Das ist eine intensive Zeit, in der
man sich selbst entwickelt. Deshalb ist
es sehr schade, wenn die Strukturen
von Bachelor und Master den heutigen
Studenten diese Möglichkeit nehmen.
Wie viele Freiwillige helfen bei Euch
mit? Aus welchem Altersspektrum?
Im Weltladen Gerberau sind wir ein
Team mit ca. 50 Ehrenamtlichen zwischen Anfang zwanzig und über 60
Jahren und vier Hauptamtlichen.
Inwiefern bringst Du das Thema Fairen Handel in Deinen Freundeskreis
ein? Wirbst Du für neue Unterstützerinnen und Unterstützer?
Ich werbe eigentlich nicht. Meist warte
ich ab, ob sich von sich aus jemand
für das Thema interessiert. Das ist das
einfachste. Manchmal erzähle ich über
Reportagen, die ich gesehen habe.
Meist geht der Einstieg über das Einkaufen und den Konsum. Es ist besser
die Informationen nur anzubieten und
nicht aufzuzwängen.
Was wünschst Du Dir für Dein weiteres Engagement im Fairen Handel?
Mehr Wirkung im großen Stil. Zum
Beispiel, dass Unterschriftenaktionen
und Kampagnenarbeit wirklich gute
und keine verwässerten Gesetze bewirken, dass nach Deutschland nur

Waren, die bestimmte Kriterien erfüllen, wie ohne Kinderarbeit und ohne
Giftstoffe produziert, importiert werden dürfen. Und das müsste natürlich
auch wirksam kontrolliert werden.
Wenn Sie nun Lust bekommen haben
mehr über den Fairen Handel zu erfahren und seine Akteure persönlich
kennenzulernen, dann haben Sie während der Fairen Woche vom 11. bis
25. September dazu Gelegenheit.
Schauen Sie in unserem Kalender
oder auch im Engagement-Kalender
der „Woche des bürgerschaftlichen
Engagements“ nach, wo in Ihrer Nähe
eine Veranstaltung stattfindet.
www.faire-woche.de
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Melanie Haub
© Melanie Haub

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Deutsche Post DHL Group – weltweit engagiert
Von Ralf Dürrwang und Christoph Selig
Deutsche Post DHL Group verfolgt ein Corporate-Citizenship-Programm, das
im Konzern fest verankert ist. Mit finanziellen Mitteln, logistischer Unterstützung
und der Möglichkeit, überall auf der Welt viele freiwillige Helfer mit den unterschiedlichsten Kompetenzen mobilisieren zu können, ist der Konzern imstande,
vieles zu verändern und wirkungsvoll zu helfen. Das Programm ist langfristig
angelegt und eingebettet in „Living Responsibility“, die Strategie der Unternehmensverantwortung.
Drei strategische Programme
Den ersten Vorstoß in das weite
Feld der Unternehmensverantwortung machte Deutsche Post DHL im
Jahr 2004 mit einem Umweltschutzprogramm. Es zielte darauf ab, die
Umweltauswirkungen – insbesondere
die CO2-Emissionen – zu senken und

Sie verewigen sich auf einem Stein in der Türkei

den Kunden grüne Logistiklösungen
anbieten zu können. Heute verfolgt
Deutsche Post DHL unter dem Dach
von „Living Responsibility“ mit „GoHelp“, „GoTeach“ und „GoGreen“ drei
strategische Programme zum Schutz
der Umwelt und zur Verbesserung gesellschaftlicher Rahmenbedingungen.

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In „GoHelp“ und „GoTeach“ arbeitet das Unternehmen dabei eng mit
Nichtregierungsorganisationen (NRO)
und den Vereinten Nationen als globalen Partnern zusammen.
Gemeinsam Hilfe leisten
Mit „GoHelp“ leistet Deutsche Post
DHL logistische Unterstützung bei
Naturkatastrophen. Dies umfasst Präventionsmaßnahmen, die logistische
Soforthilfe im Katastrophenfall und die
Unterstützung beim Wiederaufbau.
Dabei stellen die Mitarbeiter unentgeltlich ihre Logistikkompetenzen zur
Verfügung und bringen sich mit ihrer
Arbeitskraft und ihrer Erfahrung ein.
Der Prävention dient das gemeinsam
mit dem Entwicklungsprogramm der
Vereinten Nationen (United Nations
Development Programme, UNDP)
entwickelte Programm GARD (Get
Airports Ready for Disaster). Dabei bereiten Luftfahrtexperten des
Konzerns das Flughafenpersonal
und Mitarbeiter von Katastrophenschutzbehörden auf die logistischen
Herausforderungen nach einer Naturkatastrophe vor. In einer zweiten
Partnerschaft arbeiten Deutsche Post
DHL und das Amt für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten
der Vereinten Nationen (UN Office
for the Coordination of Humanitarian
Affairs, OCHA) eng bei der Soforthilfe
nach Naturkatastrophen zusammen.
Dazu hat Deutsche Post DHL ein Netz
aus über 400 trainierten Mitarbeitern

aufgebaut, die sich freiwillig in den sogenannten Disaster Response Teams
(DRT) engagieren. Ihre Aufgabe ist es,
im Katastrophenfall für eine möglichst
effiziente Abwicklung der Hilfsgüter
am Flughafen zu sorgen.

„Mitarbeiter von Deutsche
Post DHL begleiten junge
Menschen beim Übergang
von der Schule ins Berufsleben und versuchen,
ihnen das nötige Selbstbewusstsein zu vermitteln.“

Bildungschancen für junge Menschen
Das dritte Element der CorporateCitizenship-Strategie von Deutsche
Post DHL ist das Programm „GoTeach“.
Es zielt darauf ab, die Bildungs- und
Berufschancen junger Menschen aus
benachteiligten Verhältnissen zu verbessern.
In immer mehr Ländern bringen sich
Mitarbeiter von Deutsche Post DHL in
GoTeach-Initiativen zur Unterstützung
von SOS-Kinderdörfern ein. Mitarbeiter von Deutsche Post DHL begleiten
junge Menschen beim Übergang
von der Schule ins Berufsleben und

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versuchen, ihnen das nötige Selbstbewusstsein zu vermitteln. Die Mitarbeiter von Deutsche Post DHL dienen
dabei den jungen Menschen auch als
glaubwürdige Rollenvorbilder.

den konzerneigenen Living Responsibility Fund herausragende gemeinnützige
Projekte auf lokaler Ebene auch eine
finanzielle Förderung erfahren.

Parallel zur Kooperation mit SOSKinderdorf arbeitet Deutsche Post
DHL mit „Teach For All“ zusammen.
Dieses weltweite Netzwerk aus unabhängigen Einzelinitiativen hat sich
zum Ziel gesetzt, die Bildungschancen junger Menschen zu verbessern.
„Teach For All“ verfolgt einen langfristig angelegten Ansatz. Deutsche Post
DHL unterstützt „Teach For All“ und
ausgewählte Netzwerkpartner in einer
steigenden Anzahl von Ländern mit
vielfältigen Aktivitäten wie MentoringProgrammen oder Karriere-Coaching
für Fellows. So leistet das Unternehmen einen Beitrag zur fachlichen
und persönlichen Weiterentwicklung
herausragender Hochschulabsolventen und unterstützt sie darin, die
Zukunftsperspektiven von Schülern
aus einkommensschwachen und bildungsfernen Familien zu verbessern.

„So leistet das Unternehmen einen Beitrag zur fachlichen und persönlichen
Weiterentwicklung herausragender Hochschulabsolventen und unterstützt sie
darin, die Zukunftsperspektiven von Schülern aus
einkommensschwachen
und bildungsfernen Familien zu verbessern.“

Engagement fördern
Mit dem Global Volunteer Day (GVD)
hat sich eine Infrastruktur zur Mobilisierung ehrenamtlichen Engagements
der Mitarbeiter etabliert. Dabei bringen
sich Kollegen überall auf der Welt in
lokale Projekte ein, die sich „GoGreen“,
„GoHelp“ oder „GoTeach“ zuordnen
lassen. Darüber hinaus können über

Wir sind davon überzeugt, dass gutes
Corporate Citizenship auch einen Beitrag zum ökonomischen Erfolg unseres Unternehmens leistet. Die Ergebnisse unserer Mitarbeiterbefragungen
zeigen, dass ein gutes Engagement
in den richtigen Themen einen signifikanten Einfluss auf das Engagement
der Mitarbeiter hat. Dieser Indikator
ist nichts anderes als der psychologische Vertrag, den der Mitarbeiter mit
seinem Unternehmen
schließt, der sich unmittelbar auf die
Produktivität des Unternehmens aus-

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Erinnerungen an einen ermordeten Freund aus Syrien

wirkt. Das heißt konkret inwieweit er
bereit ist, auch „die extra Meile“ zu
gehen. Dies wirkt unmittelbar.
Deutsche Post DHL Group schlägt mit
der Corporate-Citizenship-Strategie
viele verschiedene Wege ein. Das Ziel
ist aber stets dasselbe: Es geht darum, Unterstützung dorthin zu bringen, wo sie nötig und wirkungsvoll ist.

Ralf Dürrwang
© Ralf Dürrwang

Christoph Selig
© GoTeach Team

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Freiwilligendienst – bloß gut für den Lebenslauf?
Über ein internationales Engagement mit Nach-Wirkungen
Von Renate Tietz und Dr. Stephanie Himmel
Nach zwölf Jahren Schulzeit fragen sich viele junge Deutsche, was ihnen das
Lernen auf der Schulbank gebracht hat. Wissen haben sie gesammelt, Erfahrung
fehlt. Sie wollen über den Tellerrand blicken, dabei etwas Sinnvolles tun. Sich auf
einen Freiwilligendienst einzulassen, scheint ihnen für ein „gapyear“ der richtige
Weg zu sein. Nicht wenige, die einen solchen Erfahrungszeitraum in den Ländern
des globalen Südens verbracht haben, setzen ihr Engagement auch nach ihrer
Rückkehr fort. Mit großem persönlichen Einsatz geben sie der Gesellschaft etwas
von dem zurück, was sie in ihrem Gastland erlebt und erfahren haben.
„Karriere- und Lebenslauf-Tuning“,
„Hilflose Helfer“, „Die Freiwillige ist
Königin“ oder „Egotrips ins Elend“
– das Image, das die Medien von
internationalen Freiwilligendiensten
spiegeln, ist vielfach negativ besetzt.
Journalisten, Wissenschaftler und
ehemalige Freiwillige selbst stellen
Sinn und Zweck solcher „Auszeiten“
in Frage. Bereits die Herkunft der
meisten Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus gut situierten, bildungsnahen
Familien lässt Freiwilligendienste
als elitäres Angebot erscheinen. Zu
Recht stellen einige Medienberichte
heraus, dass nicht alle Einsatzplätze
dazu geeignet seien, die motivierten
jungen Deutschen adäquat einzubinden. Kritisch hinterfragt werden auch
die Freiwilligen-Programme selbst,
weil sie eher auf die Bedürfnisse
der Deutschen als auf die der Menschen im Einsatzland ausgerichtet
seien. Freiwilligendienste, die mit

öffentlichen Geldern gefördert werden, müssen sich den Vorwurf eines
„Abenteuerurlaubs auf Staatskosten“
gefallen lassen. Die ursprüngliche
Intention von freiwilligem Engagement
wird durch einige der kommerziellen
Anbieter im Wachstumsmarkt des
„Voluntourismus“ konterkariert. Offerten wie „Last-Minute-Freiwilligenarbeit“ stehen dem Verständnis von
Entsendeorganisationen entgegen, die
in der intensiven Vor- und Nachbereitung ihrer Teilnehmenden sowie deren
Begleitung vor Ort die Qualität des
Einsatzes als „entwicklungspolitischer
Lerndienst“ gewährleisten wollen.
Die Entsendeorganisationen selbst
erleben ihre Rückkehrerinnen und
Rückkehrer meist als motivierte,
differenziert denkende junge Menschen, die eine überdurchschnittlich
hohe Bereitschaft mitbringen, die
Gesellschaft mitzugestalten. Dies

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belegt auch der im Jahr 2011 erschienene Evaluierungsbericht des BMZ
zum Freiwilligendienst „weltwärts“:
64 Prozent der Befragten gaben an,
dass sie sich nach der Rückkehr in
Deutschland entweder allgemeingesellschaftlich oder entwicklungspolitisch engagieren wollen.
Der Aufenthalt in den Ländern des
globalen Südens verändert junge
Menschen und prägt sie nachhaltig:
„Mein Praktikum bei den Schwestern
der Society of the Helpers of Mary in
der Nähe von Bombay war für meinen
Lebensweg absolut entscheidend. Ich
habe Freunde sowie Erfahrungen für
das ganze Leben gewonnen. Nach
meiner Rückkehr stand mein Studienund Berufsziel fest“, berichtet Prof.
Dr. Claudia Warning, Mitglied des
Vorstands des Evangelischen Werkes

„Die Entsendeorganisationen
selbst erleben ihre Rückkehrerinnen und Rückkehrer
meist als motivierte, differenziert denkende junge Menschen, die eine überdurchschnittlich hohe Bereitschaft
mitbringen, die Gesellschaft
mitzugestalten.“

für Diakonie und Entwicklung e.V.,
besser bekannt als „Brot für die Welt“,
die seit ihrem ersten Indien-Aufenthalt
in den Jahren 1984/1985 in engem
Kontakt mit den Schwestern und ihren
Schützlingen steht.
Wie viele andere Biographien ehemaliger Freiwilliger zeigt die Vita von Frau
Warning: Nicht der „Dienst im Ausland“, sondern seine Nach-Wirkungen
sind das wahre „Lebenslauf-Tuning“:
das Brückenbauen für die Länder
des globalen Südens, die Initiativen,
die die Rückkehrenden in die unterschiedlichsten Gesellschaftsbereiche
hineintragen. Das Spektrum reicht
von konsumkritischen Denkanstößen
für Familie und Freunde bis hin zu
weitreichenden Konzepten für bewusstes ökologisches Handeln im
Unternehmen. Die zurückgekehrten
jungen Menschen nehmen in unserer
Gesellschaft vor allem eine Bildungsfunktion wahr, wobei ihre Vermittlung
von globalem Wissen eine besondere
Qualität hat: Hier spricht jemand aus
seiner persönlichen Erfahrung heraus
über ein Problem wie soziale Benachteiligung – wie auch die „Bildungsagenten“ (ein deutschlandweites Netzwerk ehemaliger Freiwilliger), die ihre
Erfahrungen in Workshops zu Themen
wie „Menschenrechte“, „Welthandel“ oder „Ernährung“ direkt in die
(Berufs-)Schulen bringen. Mit Flashmobs, Straßentheater oder Bastelanleitungen fürs Recycling holen sie

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ihre Erkenntnisse in den Lebensalltag
hinein und schaffen auf kreative Weise
konkrete Anwendungsbezüge für
global reflektiertes Handeln. Andere
RückkehrerInnen haben mit „Masala“ ein innovatives Magazin-Format
entwickelt, in dem sie ein differenziertes Bild ihres ehemaligen Gastlandes
Indien vermitteln können. Es wäre
sicher wünschenswert, wenn man den
gesellschaftlichen Mehrwert solcher
Initiativen mit Hilfe eines Social Return
on Investment (SROI)-Ansatzes transparent belegen und entsprechend
kommunizieren könnte.

„Nicht der ‚Dienst im Ausland‘,
sondern seine Nach-Wirkungen sind das wahre ‚Lebenslauf-Tuning‘.“

Die beschriebenen Nach-Wirkungen
eines Auslandsaufenthalts sind Samenkörner, die in der deutschen Gesellschaft aufgehen. Bisher gehen diese kleinen, aber wirksamen Initiativen
junger Menschen eher bescheiden
und unauffällig ihren Weg. Ein Instrument, um Rückkehr-Engagement und
seinen positiven gesellschaftlichen
Wertbeitrag in der Öffentlichkeit weithin sichtbar zu machen, ist der derzeit
von der Karl Kübel Stiftung gemein-

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sam mit anderen NGOs konzipierte
„Preis für junges entwicklungspolitisches Engagement“. Diese Initiative
will Rückkehr-Engagement aus dem
Schatten des „Volunteer-Bashings“
holen und weiter voranbringen.
Für die Preisträger ist eine attraktive
finanzielle und kompetente fachliche
Unterstützung vorgesehen. Der Wettbewerb soll den vielfältigen Formen
und der Kreativität, mit der sich Ehemalige freiwillig in die Gesellschaft
einbringen, eine öffentliche Plattform
bieten. Die Botschaft lautet: Ein Erfahrungszeitraum im Ausland kann weit
mehr sein als ein Stück Selbstverwirklichung oder Karriere-Baustein.

Ein schöner Moment in Italien

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Er gibt der (Welt-)Gesellschaft junges
Potenzial zurück, das zu mehr globaler Gerechtigkeit, Nachhaltigkeit und
sozialer Verantwortung bereit ist.
www.bildungsagenten.org
www.masalamagazin.wordpress.com

„Last-Minute-Freiwilligenarbeit mit BestpreisGarantie“, unter: http://www.volunation.com/
volunteer/kurzfristig/ (16.07.2015).
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, „Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst ,weltwärts‘“,
Band III: Entwicklungspolitische Inlands- und
Bildungsarbeit durch die Rückkehrerarbeit von
„weltwärts“-Freiwilligen, BMZ-Evaluierungsberichte, Bonn, S. 23.

Für weitere Informationen zum neuen
„Preis für junges entwicklungspolitisches Engagement“ wenden Sie sich
bitte an die Projektverantwortliche in
der Karl Kübel Stiftung:
Dr. Stephanie Himmel
E-Mail: s.himmel@kkstiftung.de
Nachweise:
Franziska Englert, „Franzie weltwärts in Brasilien“, unter: http://franzie-brasilien.blogspot.
de/p/was-macht-ihr-da-eigentlich-unsinn.html
(16.07.2015).
Sebastian Kempkens, „Hilflose Helfer“, in: Der
Spiegel 10 (2015), S. 42.
Sebastian Erb, „Freiwillige Helfer. Abenteuerurlaub auf Staatskosten?“, unter: http://www.
spiegel.de/schulspiegel/ausland/freiwilligehelfer-abenteuerurlaub-auf-staatskostena-726593.html (16.07.2015).
Kristina Kontzi, „Die Freiwillige ist Königin. Ein
machtkritischer Blick auf das Freiwilligenprogramm weltwärts“, in: Berliner Entwicklungspolitischer Ratschlag (Hg.), Developmental turn.
Neue Beiträge zu einer rassismuskritischen
entwicklungspolitischen Bildungs- und Projektarbeit, Berlin, S. 86-88.
Florian Töpfel, „Egotrips ins Elend“, unter:
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/24384/Egotrips-ins-Elend (16.07.2015).

Renate Tietz
© Tino Lindenberg

Dr. Stephanie Himmel
© Andreas Renz

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Meine Stimme zählt!
Eine starke Gesellschaft braucht starke junge Akteure
Von Kaija Landsberg
Verantwortung zu übernehmen ist die Grundlage einer aktiven Bürgergesellschaft
und damit unseres demokratischen Gemeinwesens. Durch die Beteiligung von
Kindern und Jugendlichen werden beste Voraussetzungen geschaffen, die Zukunftsfähigkeit von zivilem Engagement zu sichern.
Würden Sie Kindern zwischen sieben
und achtzehn Jahren 60.000 Euro anvertrauen? Wir tun das jedes Jahr und
sind begeistert von den kompetenten
und verantwortungsvollen Entscheidungen, die von unseren Kinderbei-

Gemeinsames Lernen für die Schule in Syrien

räten bei der Mittelvergabe getroffen
werden. Es gibt viele gemeinnützige
Organisationen, die ihr Engagement
und ihre Förderung auf Kinder und Jugendliche ausrichten. Nur wenige von
ihnen berücksichtigen bisher jedoch

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die Mitsprache von Kindern und Jugendlichen in Förderentscheidungen
bzw. in Entscheidungsprozessen oder
gar bei der Konzeption ihrer Angebote. Dabei ist das Recht von Kindern
auf Beteiligung bereits seit dem 20.
November 1989 in der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen
verankert.

„Wir als erwachsene Engagierte sehen uns nicht nur in der
Pflicht als Fürsorger zu agieren. Für uns ist es wesentlich,
einen Teil unserer Macht an
junge Menschen abzugeben
und ihnen zu vertrauen, gute
Entscheidungen treffen zu
können.“

Kinder haben einen frischen, wenig
komplizierten Blick und fördern damit
die Entstehung kreativer Lösungsansätze. Wir profitieren durch verjüngte
Strukturen und Raum für Innovation
in der Kultur des Gebens. Der CHILDREN Kinderbeirat wurde bereits zur
Gründung unserer Organisation fest
verankert. Unser Leitgedanke „Mit
Kindern. Für Kinder!“ ist geprägt von
der Vorstellung, dass sich unser Engagement durch einen „Mit-Kindern“-

Förderansatz auszeichnet. Wir als
erwachsene Engagierte sehen uns
nicht nur in der Pflicht als Fürsorger
zu agieren. Für uns ist es wesentlich,
einen Teil unserer Macht an junge
Menschen abzugeben und ihnen zu
vertrauen, gute Entscheidungen treffen zu können.
Im Rahmen der bundesweit aktiven
CHILDREN Kinderbeiräte haben wir
langjährige Erfahrungen in gelebter
Partizipation sammeln können. Zum
Teil in Kooperation mit Stiftungen oder
Unternehmen umgesetzt, treffen sich
zweimal im Jahr über 100 Kinderbeiratsmitglieder, um innerhalb ihrer

Nach dem Freitagsgebet in Pakistan

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lokalen Gruppen einstimmig über die
Vergabe von insgesamt 60.000 Euro
an gemeinnützige Projekte für Kinder und Jugendliche zu entscheiden.
Die verhandelten Anträge werden an
CHILDREN gestellt und dort intern
vorbereitet, um kindgerechte Formulierungen und eine gute Strukturierung
zu garantieren. Zwei Wochen vor
der Sitzung werden die Projektanträge samt Finanzplänen und anderen Dokumenten an die CHILDREN
Kinderbeiräte verschickt. So können
die Mitglieder gut informiert über die
Vergabe entscheiden.
Nach 20 Jahren Praxiserfahrung sind
wir von der Entscheidungskompetenz
unserer jungen Aktiven überzeugt. Ob
Finanzierung für Clowns in der Kinderklinik, ein Skateboardkurs zur Reduktion der Ritalindosis für ADHS-Kinder
oder Solarlampen für ein afrikanisches
Waisenhaus, die Diskussionen um
die Mittelvergabe sind intensiv und
am Ende gewinnen die besten Argumente. Dabei legen die Kinderbeiräte
besonderen Wert auf die Nachhaltigkeit der Projekte.
„Zwei der wichtigsten Gründe, die für
mich für ein Engagement im Kinderbeirat sprechen, sind zum einen die
Möglichkeit, mit seiner eigenen Stimme etwas zu bewegen. Zum anderen
die Gelegenheit, anderen wirklich zu
helfen. Gerade wenn in diesen (Dank-)
Schreiben (der unterstützten Projekte)

Ein Gruß von Mutter und Bruder via Handy geschickt
aus dem syrischen Winter

Bilder von Veränderungen zu sehen
waren und man direkt sehen konnte,
was seine eigene Stimme bewirkt
hatte (fühlt man sich zufrieden).“ Til,
ehemaliger Kinderbeirat Hanau.
Nicht nur eine von uns initiierte Studie
erfasst die positive Wirkung von
Kinderbeiräten. Die Beiratsmitglieder
können als Persönlichkeiten wachsen
– durch die Stärkung von Führungsqualitäten wie Verhandlungsgeschick,
Konfliktlösungsfähigkeiten und die
Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Charakteren und Kulturen; aber
auch die Gesellschaft gewinnt un-

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mittelbar und auf lange Sicht, da die
jungen Engagierten in der Regel auch
als Erwachsene aktiv gesellschaftliche
Verantwortung übernehmen.

„Die Beiratsmitglieder können als Persönlichkeiten
wachsen – durch die Stärkung von Führungsqualitäten
wie Verhandlungsgeschick,
Konfliktlösungsfähigkeiten
und die Zusammenarbeit mit
unterschiedlichen Charakteren und Kulturen.“

Wir selbst können mittlerweile beeindruckende Engagementportraits dokumentieren. Von der Gründung und
Durchführung eigener sozialer Projekte zur aktiven Mitarbeit in Projekten,
die durch den Kinderbeirat vorgestellt
wurden, hin zu Funktionen als UNICEFJunior-Botschafter oder DeutschlandRepräsentant beim Youth Community
Philanthropy Summit in Chicago.
Einzelne Kinderbeiräte der ersten
Generation gehören bis heute zum
CHILDREN Freundeskreis.
Genau diese Erfahrungen haben uns
bewogen, die aktive Partizipation von

Kindern und Jugendlichen im Dritten
Sektor zu bewerben. Mit unserer Kinderbeiratskampagne „Hier entscheiden Kinder mit!“ haben wir seit 2013
die Initiative ergriffen und ermutigen
Stiftungen, Bürgerstiftungen und andere gemeinnützige Organisationen,
Kinder (mit)entscheiden zu lassen. Wir
vertrauen in die Stärke unserer jungen
Generation, uns sowohl im Hier und
Jetzt zu unterstützen, als auch gute
Entscheidungen für unsere Zukunft zu
treffen. Uns freut es, wenn sich viele
weitere Akteure unserer Überzeugung
anschließen.
Fortbildung:
„Von der Idee zum Kinderbeirat“
Donnerstag, 3. Dezember 2015 und
Freitag, 4. Dezember 2015
				
Infos und Anmeldung:
Jasmin Primsch
E-Mail: primsch@children.de
www.children.de/kinderbeirat
Anmeldung bis 31. Oktober 2015
Kaija Landsberg
© Patrick Meroth

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Blick über den Tellerrand – das internationale Engagement für
Inklusion
Von Dr. Serge Embacher
Seit 2009 läuft hierzulande die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention
(UN-BRK). Bei aller Kritik des (zu langsamen) Tempos oder der (bei nicht allen
Akteuren gleichermaßen zu erkennenden) Ernsthaftigkeit, mit der das Ziel verfolgt
wird, lässt sich doch mittlerweile ein Prozess erkennen, der in den kommenden
Jahren weiter an Dynamik gewinnen wird. Das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) beteiligt sich daran mit dem Projekt „Forum Inklusive
Gesellschaft“, das bis Juni 2016 in zentralen Handlungsfeldern (u. a. Barrierefreiheit, Gesundheit und Pflege, Bildung) die Rolle des bürgerschaftlichen Engagements bei der Umsetzung der UN-BRK herausarbeiten soll (und wird!).
Es lohnt sich aber auch, den Blick
über den nationalen Tellerrand zu werfen und zu schauen, wie die Umsetzung der UN-BRK weltweit vonstatten
geht. Schließlich ist ihre Übersetzung
in konkrete Politik ein wichtiger Beitrag zu einer von Minderheitenschutz,
Anti-Diskriminierung und Inklusion
getragenen Gesellschaftspolitik.
Allgemein kann man sagen, dass die
Wege zu einer Politik für die Belange
von Menschen mit Beeinträchtigungen so verschieden sind wie die 143
Staaten, in denen die UN-BRK bislang
ratifiziert wurde. Überall gleich zu bewerten ist hingegen der Umstand, dass
die Umsetzung ohne das Engagement
der Zivilgesellschaft nicht denkbar
wäre. So wie es in Deutschland ganz
wesentlich von den Aktivitäten der
BRK-Allianz – einem Bündnis von etwa
80 Organisationen von Menschen mit

Die beiden Schwestern im Elternhaus in Syrien

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Beeinträchtigungen – abhing, dass die
Umsetzung der UN-BRK überhaupt
auf einem geeigneten Niveau angegangen wurde, so ist es auch in anderen Ländern. Staatliche Politik benötigt
den Druck der öffentlichen Debatte,
damit sie sich bewegt. Dieses „Naturgesetz“ der Politik gilt nicht nur für die
Behindertenpolitik in Deutschland.

„Staatliche Politik benötigt
den Druck der öffentlichen
Debatte, damit sie sich bewegt. Dieses ‚Naturgesetz‘
der Politik gilt nicht nur für
die Behindertenpolitik in
Deutschland.“

Dazu kommt, dass die Situation von
Menschen mit Beeinträchtigungen in
vielen Ländern der Welt viel schlechter
ist als in Deutschland. Dabei sprechen
wir nicht von einer Randgruppe. Ca.
eine Milliarde (!) Menschen weltweit
sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO (World
Health Organization) von einer Behinderung betroffen. Das sind ca. 15 Prozent der Weltbevölkerung.1 Etwa
20 Prozent der ärmsten Menschen
sind körperlich, geistig oder psychisch
beeinträchtigt. In den sogenannten

Entwicklungsländern erhalten ungefähr
90 Prozent aller Kinder keine Schulbildung, und nur etwa ein Prozent aller
Menschen mit Beeinträchtigungen
kann lesen und schreiben.
Das Engagement für diese Menschen
haben sich zahlreiche global operierende zivilgesellschaftliche Organisationen zu eigen gemacht. Dazu
gehört zum Beispiel die International
Disability Alliance (IDA), die insgesamt
elf international ausgerichtete Verbände unter ihrem Dach zusammenbringt
(z.B. World Blind Union, World Deaf
Federation, Down Syndrom International, World Network of Users and
Survivors of Psychiatry) und sich zum
Ziel gesetzt hat, Menschenrechte auch
für Menschen mit Beeinträchtigungen
überall auf der Welt durchzusetzen.2
Dabei geht es vor allem um Vernetzung
und Information, z.B. über den Stand
der Umsetzung der UN-BRK in allen
Ländern, in denen sie ratifiziert wurde.
Ein anderes Beispiel ist die in Deutschland gegründete Organisation Africa
Action, die bereits 1983 unter dem
Namen „Ghana Action“ begonnen hat,
Brillen für sehbehinderte Menschen zu
sammeln und zu verteilen und die sich
heute in 14 Ländern vor allem in der
Sahel-Zone für Bildung, Gesundheit
und gesellschaftliche Inklusion von
Menschen mit Beeinträchtigungen
einsetzt. Der besondere Schwerpunkt
liegt hier in der Selbsthilfe, das heißt

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es werden vor Ort entsprechende Projekte von lokalen Initiativen und NGOs
unterstützt.

„Wenn die Vision einer inklusiven Weltgesellschaft eines
Tages Wirklichkeit werden
sollte – dann nur aufgrund
des weltweiten bürgerschaftlichen Engagements für und
von Menschen mit Beeinträchtigungen.“
Schließlich sei noch Handicap International genannt, eine Organisation, die
1982 von zwei Ärzten aus Frankreich
ins Leben gerufen wurde, um Kriegsverletzten in Kambodscha zu helfen.
Heute ist Handicap International in
etwa 60 Ländern tätig und kümmert
sich um alle Belange, die der Inklusion
dienen (u.a. Rehabilitationszentren für
Menschen mit Beeinträchtigungen,
soziale Integration, Unterstützung von
Selbsthilfeprojekten). Auch hier geht
es um Kooperation mit selbstorganisierten Initiativen vor Ort und ihren oft
selbst von Behinderung betroffenen
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
(www.handicap-international.de).
Die meisten Organisationen, die sich
auf der internationalen Ebene für

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Inklusion und die Anerkennung der
Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen einsetzen, operieren unabhängig von der UN-BRK und oft auch
schon sehr lange. Dennoch ist es nicht
unangemessen zu behaupten, dass
die Arbeit dieser NGOs durch die Konvention wichtige Unterstützung erfahren hat. Trotz aller Skepsis angesichts
der Weltlage: Wenn die Vision einer
inklusiven Weltgesellschaft eines Tages Wirklichkeit werden sollte – dann
nur aufgrund des weltweiten bürgerschaftlichen Engagements für und von
Menschen mit Beeinträchtigungen.
www.inclusion-international.org
www.africa-action.de
www.handicap-international.de
1

	 Diese und die folgenden Zahlen (Stand: März
2014) stammen von Klaus Lachmann, Präsident von Inclusion International – The international organisation of people with intellectual
disabilities and their families
	www.inclusion-international.org
2
	 Die IDA ist im Netz zu finden unter:
	www.internationaldisabilityalliance.org

Dr. Serge Embacher
© David Ausserhofer

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Flucht und Vertreibung – Erinnerung und Zukunft
Von Dieter Rehwinkel
Früher
Lebend in dem Land, in dem ich geboren war
Gebrauchte auch ich meine Ellbogen in dem Gewühl
Wünschte abgefertigt zu werden nach der Reihe
Setzte mich, wenn die anderen saßen und verlangte
Dass mir gehalten wurde, was mir unterschrieben war.
Jetzt
Lebe ich in fremdem Land, verjagt aus meiner Heimat
Stehe vor Sitzenden, mache Platz den nach mir Gekommenen
Und schweige, wenn ich angeschrien werde.
Seitdem wünschte ich: Es gäbe
Kein Recht, das der Mangel erzeugt.
Keine Abfertigung nach der Reihe, aber
Auch keinen Mangel an Zeit. Keine
Unterschiede der Person, aber auch
Keine Aufgaben, die nicht gelöst sind. Kein
Platzanbieten noch Platzfordern, sondern
Genügend Stühle.
Vor mehr als 80 Jahren, als Bertolt
Brecht dies schrieb, konnte noch
kaum jemand wissen, wie viele
Millionen Menschen wie er würden
fliehen müssen. Wir später Geborenen
wissen es. Wir sollten es wissen. Wir
sollten wissen, dass kaum jemand
freiwillig seinem Land, seiner Heimat,
seinen Angehörigen und Freunden
den Rücken kehrt, um für längere Zeit
unter schwierigen Bedingungen in
anderen Kulturkreisen zu leben.

Wir müssen uns erinnern. An die
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948), an den Artikel 16 des
Grundgesetzes „Politisch Verfolgte
genießen Asylrecht.“ (1949), an die
Unterzeichnung der Genfer Flüchtlingskonvention (1951), in der als
Flüchtlinge diejenigen Personen
bezeichnet sind, „die aus begründeter Furcht vor Verfolgung wegen ihrer
Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe oder

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wegen ihrer politischen Überzeugung
nicht in ihr Heimatland zurückkehren
können oder wollen“. Das sind unsere
Grundlagen für ziviles und politisches
Handeln.
Vergessen wir auch nicht: Flüchtlinge
gab es schon immer. Doch es gibt neben den enorm gewachsenen Zahlen
einen Unterschied zu früher: Wer noch
vor 100 Jahren gezwungen war, seine
Heimat zu verlassen, fand bei allem
persönlichen Unglück immer noch
Länder, die ihm nicht nur Schutz,
sondern auch die Möglichkeit boten,
ein neues Leben aufzubauen. Heute
jedoch sind Fluchtwege entweder ver-

In Aleppo bei der Arbeit

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sperrt, oder die benachbarten Aufnahmeländer, insbesondere im globalen
Süden, können ohne Hilfe von außen
die Versorgung der Flüchtlinge nicht
gewährleisten. Und erinnern wir uns
auch: Europa produzierte noch in der
ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die meisten Flüchtlinge. „Das
Herzasthma des Exils, die Entwurzelung, die nervösen Schrecken der Heimatlosigkeit.“, so beschrieb Thomas
Mann 1950 seine Fluchterfahrung,
trotz seiner privilegierten Exilsituation.
Flucht und Vertreibung sind kein Thema von gestern. Wir haben jetzt und
auf unbestimmte Zeit hinaus damit zu

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tun. Wir müssen auf der Basis unserer
humanistischen, rechtsstaatlichen und
wirtschaftlichen Grundlagen Lösungen für das Weltflüchtlingsproblem
anstreben. Und hier in Deutschland
gilt es, einer „Ablehnungskultur“ entgegenzutreten. Dabei müssen wir
ehrlich, sachlich und öffentlich argumentieren. Und nach Fritjof Nansens
Maxime agieren: „Beeilt euch zu handeln, ehe es zu spät ist, zu bereuen.“

„Flucht und Vertreibung sind
kein Thema von gestern. Wir
haben jetzt und auf unbestimmte Zeit hinaus damit zu
tun.“

In Deutschland gibt es bereits viele,
die handeln. Flucht und Vertreibung
sind zu bestimmenden Themen
unserer von Kriegen und politischer
Instabilität geprägten Gegenwart
geworden. Fast täglich erreichen uns
Meldungen von menschlichen Tragödien im Mittelmeer und in den betroffenen Ländern Afrikas und des Nahen
Ostens. Europa und die Europäische
Union tun sich schwer mit der Frage,
wie man mit den vielen geflüchteten
Menschen umgehen soll, ob man
sie aufnehmen soll und wie man

Flüchtlinge nach ihrer Ankunft in das
gesellschaftliche Geschehen vor Ort
integrieren kann.
Darüber hat in Deutschland in den
letzten Monaten eine intensive Debatte begonnen. Neben skeptischen und
angstgetriebenen Kommentaren nach
dem zweifelhaften Motto „Das Boot
ist voll!“ gibt es vor allem eine große
Welle der Unterstützung für Flüchtlinge und ihre Familien, die bei uns
angekommen sind. Aus der Mitte der
aktiven Bürgergesellschaft hat sich
an vielen Orten eine breite Bewegung
formiert, die von Hilfsbereitschaft und
Empathie getragen wird. Vor dem Hintergrund der Geschichte erinnert sich
die deutsche Öffentlichkeit zunehmend an die Fähigkeit unserer Gesellschaft, auf große Fluchtbewegungen
vor allem positiv zu reagieren.

Posieren als Obdachlose in der Türkei

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Wir benötigen eine konsensuierte
innovative Perspektive, die Menschen
mitnimmt und sie zu Teilhabenden
einer neuen Flüchtlingspolitik werden
lässt. Integratives und dauerhaftes
bürgerschaftliches Engagement kann
Strukturen verändern, das ist die Erfahrung aus allen Bereichen der aktiven Bürgergesellschaft in Deutschland
(Hospizbewegung, Selbsthilfe u.v.a.).
Hier liegt viel Kraft, die bislang noch
nicht voll ausgeschöpft wird.

„Aus der Mitte der aktiven
Bürgergesellschaft hat sich
an vielen Orten eine breite
Bewegung formiert, die von
Hilfsbereitschaft und Empathie getragen wird.“

In Syrien war er Florist

Durch eine geschickte Kombination
von staatlichem bzw. kommunalem
Handeln mit bürgerschaftlichem Engagement vor Ort besteht die Chance,
eine angemessene, verantwortliche
Kultur des Umgangs mit Flüchtlingen
zu entwickeln und zu etablieren. Dazu
gibt es jedoch bislang kaum integrierte Konzepte. Der Bedarf an nachhaltigen Instrumenten und Strukturen,
die vor Ort wirken können, ist groß
und vergrößert sich mit jeder Flüchtlingsfamilie, die neu bei uns ankommt.

Das bürgerschaftliche Engagement
in der Flüchtlingshilfe wächst sehr
schnell. Hier gibt es mittlerweile von
der Förderung von Schulkindern,
von kulturellen Aktivitäten bis hin zur
Arbeitsberatung und Hilfe bei der
Unterbringung oder Erlangung eines
gesicherten Aufenthaltsstatus sehr
viel Aktivität. Tendenziell sind dafür
auch die etablierten Strukturen geeignet (Wirtschaft, Verwaltung, Kommune). Doch es herrscht ein großer
Orientierungsbedarf und festzustellen

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ist auch der Trend zur Überforderung
von Freiwilligen. Schließlich besteht die
Aufgabe – die „Gemeinschaftsaufgabe“ – nicht in bloßer Aufnahme, sondern in der Integration Geflüchteter. Es
bedarf dringend einer Vernetzung und
Aktivierung der regionalen Angebote
und Möglichkeitsstrukturen. Bis zu
40 Prozent aller Engagierten in der
Fluchthilfe sind nicht institutionell angebunden. Sie gilt es unter Bewahrung
ihrer Eigenständigkeit und unter Einbeziehung gemeinnütziger Organisationen zu fördern und zu unterstützen.
Ein Themenschwerpunkt der „Woche
des bürgerschaftlichen Engagements
2015“ heißt „International engagiert“.
Ein Fokus ist dabei das zivilgesellschaftliche Engagement für Flüchtlinge. Wir hoffen, damit einen Beitrag zur
Unterstützung, zur Sichtbarmachung
und zur Würdigung von Menschen zu
leisten, die sich erinnern und zugleich
wertvolle zivile Arbeit für ein auch in
Zukunft lebenswertes Gemeinwesen
einbringen.
Dieter Rehwinkel
© Amelie Losier

Die Wohnung (der Familie in Damaskus) – oder was
davon noch übrig ist.

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Zur Bildstrecke
„We Refugees“ und die Ausweitung der Kampfzone
Von Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles
„Wir wurden geschlagen und nachdem man uns im Gefängnis alle Habseligkeiten
(es waren nicht viele) abgenommen hatte, ging es noch in derselben schlaflosen
Nacht weiter. Alle mussten raus und wurden abgeholt von maskierten Polizisten.
Wieder schlugen sie uns. Jetzt zogen sie uns Säcke über den Kopf, die Hände auf
dem Rücken in Handschellen. Dann mussten wir in ein Boot einsteigen. Der Boden
unter uns bewegte sich. Wir sollten niederknien. Ich dachte, jetzt werfen sie uns in
den Fluss. Wir waren ewig auf dem Wasser. Nach etwa vier Stunden Todesangst
ließen sie uns auf der anderen Seite des Flusses gehen. Jetzt waren wir nicht mehr
auf griechischem Boden, sondern wieder in der Türkei. Ich bin glücklich heute in
Berlin zu sein.“ (Amer aus Syrien)
Die Bildstrecke dieser Ausgabe des
Magazins dokumentiert die künstlerische Arbeit „We Refugees“ von
Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles
mit Ajmal, Ali, Amer, Daniel, Hassan,
Husam, Mohamed, Muhammad, Noor,
Omar, Rami und Rawia.
„We Refugees“ versammelt fotografische Fragmente individueller Fluchtgeschichten, deren Wege sich in Berlin
kreuzen. Sie haben sich aus Syrien,
Pakistan oder Afghanistan auf den
Weg gemacht. Der Titel der Ausstellung ist an den gleichnamigen Essay
von Hannah Arendt aus dem Jahr
1943 angelehnt. Flüchtlinge werden

darin als die „Avantgarde ihrer Völker“
bezeichnet.
Fotografien, die von Flüchtlingen mitgebracht oder auf ihrer Flucht aufgenommen wurden, sind von den Künstlern Nora Al-Badri und Jan Nikolai
Nelles zu einem Narrativ arrangiert
worden. Die konkrete Bedrohung der
sogenannten erweiterten Kampfzone,
die für einige Flüchtlinge auch in
Deutschland besteht, schlägt sich
visuell in der Ausstellung nieder. Um
die Flüchtlinge und deren Familien
vor weiterer Verfolgung zu schützen,
wurden die noch lebenden abgebildeten Personen auf den Fotografien

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Posieren vor einer zerstörten Kirche in Damaskus

anonymisiert und visuelle Überlagerungen gebildet. Die Gesichter, in die
man blickt, da sie nicht anonymisiert
wurden, gehören Toten. Sie waren
Freunde oder Bekannte der Flüchtlinge. Die Ausstellung erzählt von
Unaussprechlichkeiten des Erlebten.
Die Familienbilder und Fluchttagebuch-Handybilder zeugen von Verlust

und Tod, ebenso wie von Glück und
Hoffnung. Es ist eine Annäherung an
die Brechtschen Flüchtlingsgespräche
und seinen Begriff der „Inzwischenzeit“. Übertragen handelt es sich um
„Inzwischenfotografie“: Durch Fragmentarismus, Brüchigkeit, ironische
Kommentierung werden Impulse zum
widerständigen Denken gegeben.

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Zum Hintergrund: Anlässlich des
Gallery Weekends im Mai 2015 wurde
von den Künstlern im wohlhabenden
Berliner Galerienviertel in Mitte eine
Ausstellung als Nachbarschaftsprojekt konzipiert. Die Flüchtlingsunterkunft der Caritas, das Elisabeth-Haus
mit 100 Bewohnern, liegt nur wenige
Meter entfernt von der Galerie „Petra
Rietz Salon Galerie“. Die Galeristin
öffnete dem Projekt ihre Räume und
so war es auch möglich, dass sich die
Flüchtlinge und die Künstler im Vorfeld außerhalb des Heims treffen und
über die Fotos und ihre Geschichten
austauschen konnten. Da es sich bei
dem Elisabeth-Haus um eine Erstaufnahmeunterkunft handelt, in der die
Bewohner gleich nach der Ankunft
in Deutschland unterkommen und
nur drei Monate bleiben, spricht dort
kaum einer Deutsch und nur wenige
Englisch. Es fand deswegen so gut
wie kein Austausch mit den Nachbarn
statt. Vor der Eröffnung der Unterkunft gab es auch dort Widerstände
in der Nachbarschaft. Die Arbeit an
der Ausstellung wurde hingegen unterstützt durch Offenheit und Pragmatismus des inzwischen erstaunlich
großen Netzwerks der ehrenamtlichen
Helfer aus der Nachbarschaft und
besonders von dem Koordinator der
Kulturaktivitäten, Frank Alva-Bücheler. All das Engagement hat sicherlich
auch großen Anteil daran, dass die
Bewohner sich mittlerweile in dem
Bezirk wohlfühlen.

Das lange Warten in Albanien auf den Schlepper, der
nie zurück kam

Die Resonanz auf die Ausstellung
selber war sehr positiv und bei der
Eröffnung waren viele Bewohner aus
der Unterkunft, Nachbarn und Kunstliebhaber zugegen und konnten sich
durch die Bilder über die persönlichen
Geschichten austauschen. Die Einnahmen aus der Ausstellung kamen
ausschließlich den Flüchtlingen zu
gute und finanzieren zum Beispiel ihre
Sprachkurse. Die rund 80 Fotografien
– gerahmt oder aufgezogen – werden
auch als Wanderausstellung genutzt.
So wurden sie inzwischen auch
schon in Hamburg im Rahmen einer
großen Ausstellung in der Millerntor

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Gallery gezeigt. Zudem können die
Fotografien weiterhin käuflich erworben und damit das Weitertragen
dieser Fragmente und Geschichten
unterstützt werden.
Mehr Informationen zu den Künstlern:
www.oszilat.com
www.nora-al-badri.de
Mehr Informationen zur Galerie:
www.petrarietz.com

NORA AL-BADRI lebt und arbeitet
in Berlin. Sie studierte Politikwissenschaft und Kunst in Frankfurt am Main
und an der Hochschule für Gestaltung
Offenbach. Sie hat deutsch-irakische
Wurzeln und beschäftigt sich in ihren
Arbeiten häufig mit Fragen von Migration, Identität und neokolonialen
Machtstrukturen. Im Irak sind Krieg,
Gewalt und Chaos auch heute allgegenwärtig. Diese Themen schlagen
sich auch in ihrer Arbeit nieder.
Sie arbeitet mit verschiedenen Medien
wie Fotografie (vor allem found footage), Skulptur, Video und Performance.
Ihre Arbeiten wurden vom IFA-Institut,
Goethe-Institut und dem Auswärtigen
Amt gefördert und waren in Berlin,
Frankfurt, Kairo und Thessaloniki zu
sehen. 2015 findet ihre erste Einzelausstellung in Kairo in dem Ausstellungsort „Darb1718“ statt.

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Jan Nikolai Nelles studierte Kunst
an der Hochschule für Gestaltung
Offenbach und Volkswirtschaft in
Frankfurt am Main. 2010 begründete
er mit drei Mitstreitern das Fotomagazin „Album“. Seitdem Teilnahmen an
Fotografie-Festivals wie den „Darmstädter Tagen der Fotografie“ und dem
Fotografie Forum Frankfurt. Seine Arbeiten wurden im Auswärtigen Amt in
Berlin und der Diamantenbörse Frankfurt/Main gezeigt. Er konzeptionierte
Ausstellungen im Bereich „politischer
Kommunikation“ für die Gesellschaft
für Internationale Zusammenarbeit
(GIZ). Künstlerische Interventionen in
Ägypten und Griechenland wurden gefördert durch das IFA-Institut, sowie im
„Artivists for Change-Program“ durch
das Goethe-Institut.
In seinen Arbeiten stehen meist Fragen
nach Machtstrukturen und deren Repräsentation und Manifestation durch BildMedien im neokolonialen Zusammenhang. Wie die Arbeit zur Unsichtbarkeit
des syrischen Überwachungsstaats (vor
Ausbruch des Krieges in Syrien) oder
die Dokumentation über den zerstörten
Sitz der Mubarak-Regierung in Kairo
oder der Versuch, die Reststrahlung
uranummantelter Munition (depleted
uranium – DU) fotografisch einzufangen
an Orten im ehemaligen Jugoslawien.
Die beiden Künstler arbeiten seit mehr
als fünf Jahren auch als Kollektiv
zusammen.

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Petra Rietz
Salon Galerie

Der Petra Rietz Salon ist ein privater
Ort der Inspiration und des Austauschs über zeitgenössische Kunst,
an dem Künstler, Sammler, Publizisten, Kulturschaffende und Kunstinteressierte zusammenkommen.

Der Salon hat einen programmatischen Schwerpunkt: Die Fotografie
als Medium der Erinnerung und der
transformative Umgang mit dem
Medium und dem Thema. Dabei geht
es um die lebendige, kommunikative

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Auseinandersetzung mit künstlerischen Projekten. Der Salon versteht
sich als Schnittstelle zwischen privat
und öffentlich, traditionell eben die
Besonderheit eines Salons. Hier
spricht man über Projekte, lange bevor sie der Öffentlichkeit vorgestellt
werden. Der Salon ist genau der richtige Ort, um auch an das Private anrührende Projekte zu entwickeln und
vorzustellen. Ein Künstler brachte es
einmal auf den Punkt: „Hier präsentiert man seine Kunst nicht nur, hier
denkt man sie weiter im Gespräch.“
Dazu lädt Petra Rietz einige Male im
Jahr ausgewählte Künstler – darunter renommierte, aber auch (noch)
unbekannte Namen – ein, von denen
jeweils eine Auswahl von Arbeiten
unter einem bestimmten Thema
gezeigt wird. Die meisten Arbeiten
entstehen exklusiv für den Salon.
Petra Rietz studierte Fotografie und
Kunstgeschichte und rief den Salon
2006 ins Leben. Aus ihrem persönlichen Werdegang leitet sich nicht nur
die programmatische Ausrichtung des
Salons, sondern auch der konzeptionelle Ansatz her: Petra Rietz versteht
den Salon selbst und alle seine Aktivitäten als Work in Progress.

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Im Frühjahr 2015 waren die Künstler
Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles
eingeladen, ein Projekt im Salon zu
verwirklichen. Nur wenige Meter vom
Salon entfernt lag eine Flüchtlingsunterkunft der Caritas mit ca.100 Bewohnern. Dies nahmen die beiden
Künstler zum Anlass und konzipierten
als Nachbarschaftsprojekt eine Ausstellung zum Flüchtlingsthema.
Der Salon öffnete dem Projekt seine
Türen, so dass sich Flüchtlinge und
Künstler außerhalb des Heims begegnen und gemeinsam die Ausstellung
„WE REFUGEES“ erarbeiten konnten.

Kontakt:
Petra Rietz Salon Galerie
Koppenplatz 11a | 10115 Berlin
Telefon: + 49 (0) 172 6491599
www.petrarietz.com

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AUTORINNEN
UND AUTOREN
Nora al-Badri | Künstlerin, Berlin
Severin Caspari | Ansprechpartner Presse, ZukunftsTour 2015 / 2016,
ENGAGEMENT GLOBAL gGmbH, Bonn
Ralf Dürrwang | Vice President Corporate Citizenship, Deutsche Post
DHL Group, Bonn
Dr. Serge Embacher | Projektleiter, Forum Inklusive Gesellschaft, BBE, Berlin
Suzanne Gentges | Gruppe Grundsätze der Entsendung von Entwicklungshelferinnen und -helfern, Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Bonn, Eschborn
Melanie Haub | Vorstand, Weltladen Gerberau, Freiburg im Breisgau
Dr. Stephanie Himmel | Referentin für Entwicklungszusammenarbeit,
Karl Kübel Stiftung, Bensheim
RAINER HUB | Stellvertretender Vorsitzender, Deutscher Unterstützerverein
„Dorf der Freundschaft in Vietnam e. V.“, Berlin, Bönnigheim
PD Dr. Ansgar Klein | Geschäftsführer, BBE, Berlin
Dr. Dietmar Kress | Bereichsleiter AktionsNetz, Greenpeace Deutschland,
Hamburg
Kaija Landsberg | Geschäftsführerin, Children for a Better World e. V., München
Gesa Maschkowski | Dipl. oec. troph., Transition-Trainerin, Doktorandin
Universität Bonn

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Jan Nikolai Nelles | Künstler, Berlin
Prof. Dr. Thomas Olk | Vorsitzender, BBE-Sprecherrat, Halle
Daniela Puhrsch | Referentin, Bundestutorat Ausland der Evangelischen
Freiwilligendienste, Hannover
Dieter Rehwinkel | Projektleiter, Woche des bürgerschaftlichen Engagements, BBE, Berlin
Petra Rietz | Galeristin, Berlin
Adelheid Schultze | Redakteurin, Abteilung Kommunikation,
ENGAGEMENT GLOBAL gGmbH, Bonn
Dr. Rudolf Seiters | Präsident, Deutsches Rotes Kreuz, Berlin
Christoph Selig | Head of GoTeach Team; Corporate Communications
and Responsibility, Deutsche Post DHL Group, Bonn
DR. Jeannette Spenlen | Referentin, Mitmachzentrale,
ENGAGEMENT GLOBAL gGmbH, Bonn
Alexandros Stathopoulos | Mitarbeiter, Internationale Projektkooperationen, Pro Asyl, Frankfurt / Main
Renate Tietz | Referentin, Karl Kübel Stiftung, Bensheim
Matthias Wanner | Dipl.-Psych. Wissenschaftlicher Assistent, Wuppertal
Institut für Klima, Umwelt, Energie, Wuppertal

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Impressum
Herausgeber
BBE Geschäftsstelle gGmbH
Michaelkirchstraße 17 / 18
10179 Berlin
Tel.:	 030 62980-120
Fax:	 030 62980-9183
E-Mail: aktionswoche@b-b-e.de
www.engagement-macht-stark.de | www.b-b-e.de

Diese Ausgabe des Magazins wird im Rahmen
der Woche des bürgerschaftlichen Engagements gefördert durch:

Redaktion: Dieter Rehwinkel, Henning Fülle
Schlusslektorat: Hannah Melder
Auf die Durchsetzung von geschlechtsneutralen Schreibweisen haben wir verzichtet.
Die Textrechte liegen bei den Autoren. Die Bildrechte liegen, soweit nicht anders angegeben,
bei Nora Al-Badri und Jan Nikolai Nelles und können nur mit deren schriftlicher Genehmigung
erworben werden. Nachdruck und Übernahme in elektronische Datenbanken nur mit schriftlicher Genehmigung durch den Herausgeber.
Gestaltung: eye-solution GmbH, Anita Jordan, Berlin
Druck: Das Druckteam Berlin
V.i.S.d.P.: PD Dr. Ansgar Klein
ISSN 2193-0570
        
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