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Periodical volume

Full text: Wilma Issue 2016,4

Wilhelmstädter Magazin Nr. 4, September/Oktober 2016

TA N JA SCHN I T Z LER

Erscheint sechsmal im Jahr kostenlos und werbefrei, Herausgeber: Bezirksamt Spandau von Berlin, Stadtentwicklungamt

Seite 5
Havelufer

Seite 9
Adamshof

Seiten 11–14
Markt: früher und heute

Was sich Bürger zwischen Schulenburg­
brücke und Burgwallsteg an Freizeit­
angeboten wünschen

Entwarnung für die Mieter: Sie müssen
doch nicht ausziehen. Doch die Sanierung
wird für die Eigentümer teuer.

60 Jahre lang gab es an der Földerich­
straße einen Markt. Heute trift man
den Bauern bei der »Food Assembly«.

Termine im Stadtteilladen Adamstraße 39

Sprechzeiten des Geschäftsstraßenmanagements: Di und Mi 10–13 Uhr
Sprechstunde des KoSP (Gebietsbeauftragte
für die Wilhelmstadt): Fr 9–14 Uhr
Öffentliche Sitzungen der Stadtteilvertretung:
jeden 1. Mittwoch im Monat, 19 Uhr
Stadtteilvertretung, AG Verkehr:
jeden 2. Mittwoch im Monat, 19–21 Uhr

TA N JA SCHN I T Z LER

Beratungsangebote des Sozialteams im
Stadtteilladen: siehe S. 15
AG »Geschichte und Geschichten«

Bilderrätsel: Gewinner gesucht! Wo wurde dieses Foto aufgenommen? Wer weiß,
welchen Ort in der Wilhelmstadt das Bild zeigt, schicke die Lösung – bitte mit genauer Absenderadresse! – an die Redaktion: »Wilma«, c/o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstr. 21, 10115 Berlin,
oder per Mail an: wilma@berliner-ecken.com. Einsendeschluss ist Montag, der 10. Oktober. Unter
den richtigen Einsendungen wird ausgelost, der Gewinner erhält einen 20-Euro-Büchergutschein
für die Dorotheenstädtische Buchhandlung. Unser letztes Bilderrätsel zeigte das bemalte
GASAG-Häuschen am Plathweg / Pichelsdorfer Straße. Gewonnen hat Hannelore Höhle – herzlichen Glückwunsch! Der Preis wird Ihnen per Post zugesandt.

Neues Angebot des Sozialteams
im Stadtteilladen
Seit Juli hat das ehrenamtlich tätige Sozialteam Wilhelmstadt im Stadtteilladen Adamstraße 39 Verstärkung. Frau Ewa Betz ist Entspannungspädagogin und Heilpraktikerin
für Psychotherapie und bietet jeden Montag
von 10 bis 12 Uhr im Stadtteilladen Beratung
zu Fragen der Stressbewältigung.
Am 20. Oktober hält sie außerdem um 16 Uhr
im Stadtteilladen einen Vortrag zum Thema
»Stressbewältigung durch Anwendung von
Entspannungsmethoden«.
Vieles dreht sich im Alltag um Stress. Er wird
aber nicht nur durch zu viel Arbeit, Beschäftigung oder Druck ausgelöst – auch ein »zu
wenig« kann stressen. Viele Menschen leiden
unter Arbeitslosigkeit, etliche müssen von
Hartz IV leben und können sich mit wenig Geld
kaum etwas erlauben. Nicht jeder kann damit
gut umgehen, viele sehen dann keine Perspektiven oder Möglichkeiten, diesem Zustand zu
entkommen. Ewa Betz: »Das kann ich den
Menschen nicht abnehmen, aber ich kann zeigen, wie man mit bestimmten Entspannungstechniken sich selbst besser wahrnimmt und
das eigene Selbstwertgefühl stärkt. Für diejenigen, die sich durch Anforderungen im Alltag,
in der Familie und dem sozialen Umfeld überfordert und gestresst fühlen, ist es wichtig zu
2

lernen sich zu entspannen, zu erholen, zu regenerieren und loszulassen. Durch progressive
Muskelrelaxation oder Autogenes Training ist
es möglich, den alltäglichen Stress abzubauen
bzw. ihm vorzubeugen.«

Die Arbeitsgruppe beschäftigt sich mit der
jüngeren Geschichte der Wilhelmstadt, baut
derzeit ein Archiv auf und trifft sich jeden
zweiten Montag und jeden vierten Donnerstag
im Monat um 17 Uhr im Stadtteilladen.
Die WILMA ...

... erscheint sechsmal im Jahr. Die nächste Ausgabe finden Sie ab Mitte Oktober in vielen
Wilhelmstädter Geschäften, öffentlichen
Einrichtungen sowie im Stadtteilladen Adamstraße 39.
... freut sich über Ihre Post, ihre Ideen und
Anregungen!
... findet man auch im Internet mit sämtlichen
Ausgaben als PDF unter: www.wilhelmstadtbewegt.de/was-bewegt-sich/wilma
Unser Titelbild

wurde auf dem Wilhelmstadtfest im Juli
aufgenommen.

Beratung montags 10–12 Uhr (weitere Beratungsangebote des Sozialteams siehe s. 15)
Vortrag am 20.10., 16 Uhr im Stadtteilladen

Kraftfahrer für Lebensmittelausgabestelle gesucht
Das Team der Lebensmittelausgabestelle »Herz
und Hand« in Spandau (Tiefwerderweg 5)
sucht für die ehrenamtliche Mitarbeit Kraftfahrer (Führerschein Klasse B). Zu den Aufgaben
gehören sowohl der Transport als auch das
Be- und Entladen der Lebensmittel. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an den Projektleiter,
Pastor Simon Rahner (Tel. 0160- 94819740).
Die Lebensmittelausgabestelle ist eine Einrichtung der Adventgemeinde Spandau und hat
dienstags und donnerstags geöffnet.
Advent-Wohlfahrtswerk e.V.
in Berlin-Brandenburg – Träger der Lebensmittelausgabestelle »Herz und Hand« Spandau

Impressum

Bezirksamt Spandau von
Berlin, Abt. Bauen, Planen, Umweltschutz und
Wirtschaftsförderung; Stadtentwicklungsamt
REDA K T ION Christof Schaffelder,
Ulrike Steglich
REDA K T IONS A DRE S SE »Wilma«,
c/o Ulrike Steglich, Elisabethkirchstr. 21,
10115 Berlin, Tel.: (030) 283 31 27,
mail: wilma@berliner-ecken.com
FOTOREDA K T ION Tanja Schnitzler,
fotografie@tanjaschnitzler.de
HER AUSGEBER

ENT WURF UND GE S TA LTUNG

Kai Dieterich, www.morgen-berlin.com
DRUCK BVZ Berliner Zeitungsdruck GmbH
www.berliner-zeitungsdruck.de
V. I . S .D.P. Ulrike Steglich / Für den Inhalt
der Zeitung zeichnet nicht der Herausgeber,
sondern die Redaktion verantwortlich.

Die Wilhelmstadt
feierte
TA N JA SCHN I T Z LER

Das jährliche »Wilhelmstadtfest«
ist ein echtes Highlight für den Kiez

städter Händler und Gewerbetreibende; Initiativen, sozi­
ale Einrichtungen und andere lokale Akteure stellen sich
vor. Großes Interesse galt auch in diesem Jahr den Infor­
mationstafeln, mit denen das Stadtplanungsamt und
das Büro KoSP die aktuellen Vorhaben im »Aktiven Zen­
trum Wilhelmstadt« vorstellten – hier suchten viele An­
wohner das Gespräch, ein deutliches Zeichen, dass ih­
nen die Entwicklung ihres Quartiers wichtig ist.
Allerdings war das Angebot in diesem Jahr merklich klei­
ner als im Vorjahr – weil das Fest am ersten Sonntag der
Sommerferien stattfand, waren einige Akteure schon im
Urlaub. Man vermisste u.a. die Freiwilligen vom THW,
die sonst interessante Angebote für Kinder bereithielten,
und auch den SJC Wildwuchs. Dafür konnte man u.a.
den Spandauer Verein »kreativmolkerei e.V.« kennenler­
nen, eine Gruppe junger Künstler, Musiker und Veran­
stalter, die den Bezirk kulturell bereichern wollen und
auch viel zum Kulturprogramm des Festes beitrugen.
Präsent waren auch die Stadtteilvertretung und die Ar­
beitsgruppe »Geschichte und Geschichten«, die sich re­
gelmäßig im Stadtteilladen trift, um ein Wilhelmstäd­
ter Archiv aufzubauen, und mit einem kleinen histori­
schen Bilderquiz aufwartete, bei dem man seine Orts­
kenntnis testen konnte.
Das Gelingen des Festes war maßgeblich den Organisato­
rinnen zu verdanken – Lucie Friede und Conny Ort, den
Betreiberinnen des Barly und Plan B, unterstützt vom
Geschäftsstraßenmanagement Wilhelmstadt. Sie haben
sich in den letzten Jahren enorm für das Fest engagiert,
nun machen die beiden Frauen aber auch deutlich, dass
sie damit allmählich an die Grenzen des Leistbaren sto­
ßen. So schön und erfolgreich das Fest ist, so kräftezeh­
rend und aufwändig ist auch dessen Organisation und
Vorbereitung. Auch das Geschäftsstraßenmanagement
hat viel Arbeit geleistet. Es wäre sicher gut, wenn sich
die Last künftig auf mehr Schultern verteilen würde. us

Neues vom Geschäftsstraßenmanagement

Ein nahezu perfekter Tag: schönstes Sommerwetter, gut
gelaunte Menschen, junge Bands spielten auf der Bühne,
vor der sich viel Publikum versammelt hatte. Man schlen­
derte an den aufgebauten Ständen entlang, auf Stroh­
ballen an der Ecke Brüder­ / Wilhelmstraße saßen Fest­
besucher und plauderten miteinander, Kinder hatten
großen Spaß mit den bunten Plastikblasen im Wasser­
becken (in dem am Ende Erwachsene und Kinder glei­
chermaßen tobten). Der Festbereich war phantasievoll
dekoriert, und natürlich mangelte es auch nicht an viel­
fältigen kulinarischen Köstlichkeiten.
Kurz: das diesjährige Wilhelmstadtfest, das am 24. Juli
stattfand, war wieder ein großer Erfolg. Binnen drei Jah­
ren hat sich das Fest zu einem echten kulturellen Höhe­
punkt für das Gebiet entwickelt. Das Publikum ist bunt
gemischt: Familien, ältere und in diesem Jahr auch auf­
fallend viele jüngere Besucher kommen. Ein wesentlicher
Grund für den Erfolg des Festes dürfte in seiner lokalen
Verwurzelung liegen: An den Ständen trift man Wilhelm­

Als Unterstützung für Gewerbetreibende bietet das Geschäftsstraßenmanagement Wilhelmstadt (GSM) Workshops und
Fortbildungsseminare an, in den vergangenen Jahren ging es
dabei beispielsweise um Schaufenstergestaltung und den
Online-Auftritt von Einzelhandelsgeschäften und Betrieben.
In diesem Herbst organisiert das GSM ein kostenfreies Weiterbildungsseminar zum Thema »Emotionales Verkaufen«.
Referentin ist die Unternehmensberaterin und Aus- und Weiterbildungsexpertin Trudelies Grigoletto (www.grigoletto.net).
Das ca. dreistündige Seminar findet am 12. Oktober im Stadtteilladen Adamstr. 39 statt, die genaue Uhrzeit bitte über das
GSM erfragen, hier kann man sich auch anmelden.
Kontakt: Ulrike Stock, Torsten Wiemken, Tel. 301246 97
(di+mi 10–13 Uhr im Stadtteilladen), bzw. 0178-352 38 01
Das nächste »Forum Geschäftsstraßenmanagement« – das
Treffen für alle Gewerbetreibenden, Händler und andere
Interessierte – findet dann am 8. November statt, der Ort wird
noch bekannt gegeben.

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TA N JA SCHN I T Z LER

Vergreiste Bäume an der Pichelsdorfer
Die Umgestaltung der Pichelsdorfer Straße ist
schon seit geraumer Zeit ein Thema in der Wilhelmstadt, zu dem es auch öffentliche Diskussionsveranstaltungen gab. Doch das Verfahren
gestaltet sich langwieriger als erwartet.
Nachdem sich im Zuge umfänglicher Un­
tersuchungen herausgestellt hatte, dass es
bei der Verkehrsführung und dem Straßen­
proil kaum grundsätzliche Eingrifsmög­
lichkeiten gibt, konzentrieren sich nun die
Umbaumaßnahmen im wesentlichen auf
die Verbesserung von Querungsmöglichkei­
ten (z.B. in Kreuzungsbereichen) sowie auf

die Gestaltung der Seitenbereiche (also Geh­
wege) der Pichelsdorfer. Ein ganz wesentli­
ches Element sind dabei die Straßenbäume.
Um den Zustand des derzeitigen Baumbe­
stands zu überprüfen, wurde ein entspre­
chendes Gutachten in Auftrag gegeben.
Der Gutachter kommt zu dem (Zwischen)
Ergebnis, dass ca. zehn Prozent des gesam­
ten Bestandes entlang der Pichelsdorfer
krank sind und entfernt werden müssen,
schon allein wegen des Gefährdungspoten­
zials für Passanten. Ansonsten sei der Be­
stand von »mittlerer bis guter Vitalität«.
Allerdings, so der Gutachter, seien die Bäu­

Umgestaltung Pichelsdorfer Straße:
Bürgerveranstaltung geplant
Die Entwurfsplanung für die Aufwertung der
Pichelsdorfer Straße liegt inzwischen weitgehend vor, muss aber noch vom Straßen- und
Grünflächenamt des Bezirks freigegeben werden.
In diesem Zusammenhang erwägt das Be­
zirksamt auch, den bislang schwierigen Kreu­
zungsbereich Pichelsdorfer Straße/Weißen­
burger Straße klarer und sicherer zu gestal­
ten, indem der Bereich der Weißenburger
westlich der Pichelsdorfer »abgehängt«
wird. Das heißt, dass dort die Zufahrt in
die Weißenburger (Richtung Wilhelmstraße)
bzw. Ausfahrt in die Pichelsdorfer unter­
bunden wird. Die westliche Weißenburger
würde dann über die Földerichstraße und
andere Nebenstraßen erschlossen.
4

Hierzu hat das mit der Verkehrsplanung
beauftragte Büro LK Argus drei Varianten
entworfen. Diese sollen im Herbst im Rah­
men einer Bürgerversammlung vorgestellt
und zusammen mit Anwohnern und Gewer­
betreibenden diskutiert werden.
Eine Abhängung bietet mehr Vorzüge als
Nachteile: Entfallen würden die Linksabbie­
gevorgänge, die jetzt durch den Fahrbahn­
versatz erschwert werden, die Kreuzung wür­
de übersichtlicher werden und könnte bes­
ser umgebaut werden. Sowohl Sicherheit als
auch die Leistungsfähigkeit des Abschnitts
würden erhöht. Das wäre vorteilhaft sowohl
für Fußgänger und Radfahrer als auch für
den PKW­ und Busverkehr. Die zahlreichen
Schutzgitter an der Kreuzung könnten ver­

me eben sehr alt und weitgehend »ver­
greist«. Wie bei allen Lebewesen ist auch
die Lebenszeit von Bäumen endlich. Bei
den meisten Bäumen in der Pichelsdorfer
geht der Gutachter von einer Reststandzeit
von 10 bis 15 Jahren aus.
Insbesondere im eng bebauten nördlichen
Abschnitt der Straße (zwischen Kloster­ und
Adamstraße) sind die Bäume in schlech­
tem Zustand. Aufgrund des Straßenproils
leiden sie teils unter Lichtmangel, sie wei­
sen Verwachsungen, Schräglagen der Stäm­
me und Schäden in den Baumkronen auf.
Aufällig ist auch der klägliche Zustand vie­
ler Baumscheiben – das über die Jahre
stark gewachsene Wurzelwerk drückt sich
heraus und sprengt teils auch die Gehweg­
plasterung; zudem sind manche Fahrrad­
bügel zu nah an Bäumen montiert.
Eine weitgehende Neuplanzung ist also
schon angesichts des hohen Alters des Be­
standes angeraten. Die Gutachter schlagen
vor, künftig eine einheitliche Baumsorte in
der Straße zu planzen, die auch den Gege­
benheiten der Straße entspricht, vorzugs­
weise eine schmalkronige Baumart. Zudem
machten sie auch Vorschläge zur Ausstat­
tung. So könnten begehbare Baumscheiben­
abdeckungen und Stammschutzgitter mon­
tiert werden: die Abdeckungen dienen neben
dem Baumschutz auch der besseren Nutz­
barkeit des Bürgersteigs, die Gitter ließen
sich gleichzeitig als Fahrradständer nutzen,
ohne dem Baum zu schaden.
Der Gutachter muss nun noch die von den
Bäumen ausgehenden Schäden am Geh­
wegbelag prüfen und die entsprechenden
Sanierungskosten ermitteln.
us

mutlich entfallen, die Kreuzung würde da­
mit auch attraktiver werden. Außerdem wür­
den auch Schleichverkehre durch die Wei­
ßenburger unterbunden.
Auch die Verkehrsplaner der übergeordne­
ten Senatsverwaltung, der Verkehrslenkung
Berlin (VLB) und die BVG befürworten an­
gesichts dieser Vorteile einen entsprechen­
den Umbau.
Wegfallen würden im Gegenzug etwa drei
bis fünf Stellplätze, und Anwohner einiger
Häuser sowie Lieferfahrzeuge müssten ei­
nen kleinen Umweg in Kauf nehmen. Ange­
sichts eines sehr feinmaschigen Straßen­
netzes erscheinen diese Einschränkungen
aber tolerierbar.
Die Bürgerversammlung wird voraussicht­
lich im November stattinden, Termin und
Ort werden rechtzeitig bekanntgegeben. us

Klettern, Schach oder einfach nur
am Ufer sitzen ...
Was sich Bürger am Havelufer zwischen Schulenburgbrücke
und Burgwallsteg wünschen

Dazu ist natürlich vor allem die Meinung
der Bürger gefragt: Was wünschen sich An­
wohner und Nutzer hier, was vermissen sie
bislang, welche Ideen haben sie?
Und weil der Uferabschnitt zwischen Schu­
lenburgbrücke und Burgwallsteg durch die
dahinter beindlichen Wohnbauten geprägt
ist, wurden zunächst in einer Bürgerver­
sammlung die Anwohner der Krowelstraße
6 und der Götelstraße 145 zu ihren Vorstel­
lungen befragt.
Doch die wenigen Mieter, die kamen, woll­
ten überwiegend – eigentlich gar keine An­
gebote und Freizeitnutzungen, weil sie be­
fürchteten, dass diese zu Lärm und ande­
ren Belästigungen führen würden.
Im Juli schließlich folgte eine Bürgerver­
sammlung für alle interessierten Wilhelm­
städter. Die war zwar nur mäßig besucht –
was letztlich aber auch dazu führte, dass
man wirklich miteinander ins ausführliche­
re Gespräch kam. Anwesend waren Vertre­
ter des Straßen­ und Grünlächenamts, des
Stadtplanungsamts, des Planungsbüros
bgmr sowie des Büros KoSP als Prozesssteu­
erer. Zunächst erläuterten Beatrix Mohren
vom Landschaftsplanungsbüro bgmr und
Andreas Wilke (KoSP) die Idee der Funk­
tionsteilung für die Angebotsinseln, näm­
lich das Grundkonzept, bestimmten Ufer­
abschnitten bestimmte Eigenschaften zu­
zuordnen: Wo es eine Wohnnutzung gibt,
sind eher leisere Aktivitäten angebracht, ei­
ne kommerzielle Nutzung wie ein Café wäre
beispielsweise eher in der Nähe von Sport­
plätzen denkbar; in der Nähe von Senioren­
einrichtungen böten sich generationenüber­
greifende Fitnessangebote an und Angebo­
te für die unter 25­Jährigen, vielleicht eher
in weniger ruhebedürftigen Bereichen wie
dem Tankerhafen usw.

Befürchtungen der Anwohner

Erneut wurden von den unmittelbaren An­
wohnern des diskutierten Abschnitts Be­
denken und Ängste vor Lärm, Vandalismus,
Vermüllung etc. vorgebracht, sie sorgten
sich um Ordnung und Sicherheit. Bänke
wolle man daher eher nicht, weil sich dort
dann eine Trinkerszene etablieren könnte
oder Jugendliche die ganze Nacht Party
machen würden. Doch Andreas Wilke gab
zu bedenken, dass bestimmte Nutzungsan­
gebote ja auch zu einer Belebung und damit
zu besserer sozialer Kontrolle führen kön­
nen. Der Vertreter des Straßen­ und Grün­
lächenamtes wiederum lehnte es rundweg
ab, Angebote zu realisieren, die »hinterher
nur zu Anwohnerbeschwerden führen« oder
in der Plege und Instandhaltung zu teuer
für den Bezirk werden, etwa, wenn sie oft
beschädigt werden.
Doch dann kamen doch nach und nach erste
Vorschläge, was man sich an diesem Ort
vorstellen oder wünschen könnte. Ein Klet­
ternetz mit kleiner Ausguck­Plattform et­
wa, für einen schönen Ausblick über die
Havel. Spieleboote seien bei Kindern sehr
beliebt, merkte jemand an. Eine kleine Wan­
der­ oder Wechselausstellung, ein histori­
sches Relief, das den Ursprung Spandaus
am Burgwall darstellt und auch für Blinde
und Sehbehinderte zu erschließen ist. Eine
Boulebahn, Balancierbalken, eine Kletter­
wand, Tischtennis, Geschicklichkeitsspiele,
Brettspieltische, an denen man z.B. Schach
spielen kann, Outdoor­Aktivitäten mit Pa­
tenschaften für notwendige Gerätschaften
wären denkbar.
Und so wurde es dann doch noch ein kon­
struktiver und produktiver Ideenaustausch,
auch Stefan Pasch vom Straßen­ und Grün­
lächenamt ließ sich für einige Ideen be­
geistern.
Sitzgelegenheiten – Pro und Contra

Und schließlich ging es doch nochmal um
Sitzgelegenheiten, denn natürlich – wo
Menschen spazieren gehen, wollen sie sich
eben auch mal irgendwo hinsetzen: zum
Ausruhen und Verschnaufen, zum Zeitung­
lesen, Plaudern oder einfach zum Aufs­Was­
ser­gucken. Und wer sich ab und an mal
mit älteren Menschen über Stadtgestaltung
unterhält, weiß, wie sehr gerade sie auf sol­
che Verweilmöglichkeiten angewiesen sind.

KOSP

Ein neuer Fuß- und Radweg, ein Ufergeländer,
neue Bänke, junge Bäume und Rasenflächen:
Der Haveluferabschnitt zwischen Schulenburgbrücke und Burgwallsteg wurde bereits im Frühjahr als Teil des Havel-Radweges fertiggestellt.
Nun gibt es die Möglichkeit, ihn zusätzlich
mit Freizeit-, Spiel- und Erholungsangeboten
auszustatten, denn die Freiflächen bieten Potenziale für vielfältige Nutzungen. So entstand
die Idee der »Angebotsinseln«, die – je nach Lage und Umfeld – ganz unterschiedlich gestaltet werden können.

Demgegenüber steht die Sorge von Anwoh­
nern, dass sich auf Bänken Trinker oder
Wohnungslose niederlassen und gar dort
schlafen oder Jugendliche, die dort nachts
trinken, sich lautstark unterhalten und wo­
möglich noch auf der Lehne sitzen und die
Füße auf die Sitzläche stellen.
Diese Debatte ist altbekannt, weshalb es
seit vielen Jahren stadtweit ein munteres
Bänkerücken gab (hinstellen, wegnehmen,
woanders hinstellen, wieder wegnehmen),
um dann doch festzustellen, dass die ei­
gentlichen Probleme nicht in den Sitzgele­
genheiten bestehen und damit auch nicht
zu lösen sind.
So plädierten im Laufe der Veranstaltung
mehrere Bürger dann doch für Sitzgelegen­
heiten, von Liegestühlen bis zu höhenge­
stafelten Sitzebenen reichte die Palette der
Ideen. »Es sind ja schließlich nicht alle
Spandauer Säufer«, besänftigte eine Frau
die Skeptiker. Und nicht alle Jugendlichen,
könnte man in diesem Sinn ergänzen, terro­
risieren ihre Umgebung, saufen und neh­
men Drogen. Aber der Mensch kommt nun
mal nicht als 30­Jähriger auf die Welt, und
bis dahin kann man ihn auch nicht in die
Besenkammer sperren. In der Wilhelmstadt
gibt es sowohl sehr viele ältere Menschen
als auch sehr viele junge und noch jüngere.
Auch ihnen gehört der öfentliche Raum.
Umso besser, wenn es dort auch Freizeit­
angebote für sie gibt.
Die auf der Veranstaltung geäußerten Vor­
schläge werden in eine konkrete Entwurfs­
planung einließen. Natürlich können nicht
alle Ideen realisiert werden, deshalb darf
man gespannt sein, wie die beauftragten
Landschaftsplaner die Anregungen umset­
zen. Sobald der Entwurf vorliegt, wird er
vier Wochen lang im Stadtteilladen Adam­
straße ausgestellt und auch in dieser Zei­
tung vorgestellt.
Ulrike Steglich
5

Seit 47 Jahren macht die Hundefriseuse Christiana Mücke mit ihren tierischen Kunden in
ihrem Hundesalon in der Pichelsdorfer Straße
141 all das, was Herrchen oder Frauchen nicht
gerne tun: Waschen, trocknen, Haare und Krallen schneiden. Die Hunde gehen nicht immer
gerne in ihren Salon. Wenn sie Mücke aber auf
der Straße treffen, freuen sie sich und lassen
sich von ihr knuddeln.
Der vordere Bereich des Hundesalons ist leer.
Auf dem Regal an der linken Wand sitzen
Stoftiere, an der Hauptwand beindet sich
der Bezahltresen, an der Wand daneben hän­
gen ein paar Dankeskarten und Erinnerungs­
fotos. Aus dem hinteren Ladenraum ruft ei­
ne dunkle Stimme: »Einfach reinkommen!«
Christiana Mücke steht vor einem überdimen­
sional großen Strand­Wandbild an einem
Operationstisch und frisiert einen an Nacken
und Hintern angeleinten Bologneser im
Nackenbereich.
Der Operationsraum wirkt ein wenig aus der
Zeit gefallen: Auf dem Boden liegen Hunde­
haare, es riecht nach nassem Hund und
kaltem Rauch. Auf der linken Seite des Rau­
mes stehen ein Regal mit Kafeemaschine
und Computerspielen, dahinter beinden
sich eine große Badewanne und ein Kühl­
schrank, an der rechten Wand zwei so ge­
nannte Trockner, an Mikrowellen erinnern­
de Maschinen zum Trocknen kleiner Hunde.
Die Friseuse deutet auf den Bologneser vor
ihr: »Das ist der 9 Uhr­Termin. Den habe
ich erst gebadet, dann war er in der Trok­
kenbox, dann wurde er geschoren, jetzt
schneide ich noch die Feinheiten. Frauchen
und er fühlen sich wohler, wenn er im Som­
mer ganz kahl ist. Im Winter wird er dann
nur mit der Schere geschnitten.« Es ist
zehn Uhr. Christiana Mücke blickt auf die
große Wanduhr gegenüber dem Operations­
tisch und sagt: „Der 10­Uhr­Termin scheint
nicht zu kommen.« Sie kämmt den Bolo­
gneser langsam an den Ohren und schnei­
det vorsichtig letzte störende Gesichtshaa­
re weg. Als er sich einmal kurz nervös weg­
dreht, redet sie ihm gut zu: »So, jetzt ha­
ben wir es gleich geschaft. Das sitzt doch
jetzt alles auch schon viel besser, oder?«
6

TA N JA SCHN I T Z LER

Des Hundes
liebster Feind

Eine Bekannte kommt herein. »Die kommt
immer, wenn ihr Zuhause die Decke auf
den Kopf fällt«, sagt Mücke und drückt ihr
einen Besen in die Hand. Die Bekannte be­
ginnt die Hundehaare wegzufegen, nimmt
Christiana Mücke den fertig frisierten Hund
ab und leint ihn vorne am Schaufenster an.
Derweil holt die Friseuse ihren 11 Uhr­Ter­
min ab: einen Chitsou, einen chinesischen
Tempelhund, dessen verilztes Haar ent­
knotet und geschoren werden soll.
Die Hunde, die in den Salon kommen, sind
nicht immer begeistert. »Ich bin der Hunde
liebster Feind, weil ich in kürzester Zeit all
das mache, was sie nicht mögen: baden
und bürsten. Und das lange Stehen muss
natürlich auch nicht sein. Ganz oft ducken
sich die Hunde schon, wenn sie in den La­
den kommen. Draußen sieht das dann ganz
anders aus: Wenn ich sie da trefe, habe ich
keine Schere und keinen Kamm – nur Hän­
de zum Knuddeln.«
Seit 1969 arbeitet sie hier in ihrem eigenen
Hundesalon. »Ich kam zu dem Beruf wie die
Jungfrau zum Kind: Nach der Schule habe
ich Drogistin gelernt, aber ich kam mit
meiner Chein nicht klar und wollte da weg.
Meine Mutter hat damals neben einem
Hundesalon gearbeitet und meinte: ›Wär‘
das nicht auch was für dich?‹. Mücke hat
ihre Entscheidung für ihren Salon nie be­
reut. Auch wenn das Geschäft schon lange
nicht mehr so gut geht wie noch vor ein
paar Jahren.
»Damals waren Pudel in Mode. Die mussten
alle sechs bis acht Wochen zum Friseur.
Jetzt sind Kurzhaarhunde eher der Trend,
da kommen die Leute weniger.« Und auch
die Nachfrage nach Hundeprodukten im
Einzelhandel hat abgenommen. »Früher ha­
be ich vorne Hundekörbe und Plegezube­
hör verkauft. Dann ist Fressnapf gekommen

und die Kunden dachten irgendwie, da ist
das günstiger. Dabei stimmt das nicht un­
bedingt.«
Für Mücke ist die Arbeit kein Job, sondern
eine Berufung: »Wenn ich hier abends die
Tür zuschließe, bin ich vollkommen zufrie­
den.» Nur am Verdienst hapert es: »Ich sag
mal so: Scheiden lassen könnt‘ ich mich
nicht.« Sie lacht. An Scheidung ist ohnehin
nicht zu denken: Mit ihrem Mann ist sie
seit 46 Jahren glücklich verheiratet und freut
sich schon auf den gemeinsamen Ruhe­
stand.
Die Arbeit fällt ihr zunehmend schwerer:
»Ich bin 65, da schleichen sich Zipperlein
ein. Lange kann ich nicht mehr machen. Es
ist ein körperlich sehr anstrengender Beruf.
Stellen Sie sich mal vor, wie es ist, so einen
großen Bobtail vor sich zu haben, der noch
nie gekämmt wurde. Da alle Knoten raus­
zukriegen, kostet echt Kraft.« Seit ein paar
Jahren arbeitet Christiana Mücke allein.
»Nur wenn ich einen großen Hund wie eine
Dogge habe, dann rufe ich meinen Mann
an und bitte um Hilfe.«
Ihr Mann hilft gerne aus, sonst aber hat es
der verrentete Busfahrer nicht so mit Hun­
den. »Ich sag mal so: Mein Beruf ist nicht
der Beruf meines Mannes.« Sie selbst liebt
Hunde, hatte aber noch nie einen und
möchte auch keinen mehr: »Der müsste ja
entweder 10 Stunden alleine bleiben oder
hierhin mitkommen. Und dann knuddele
ich hier den ganzen Tag andere Hunde und
schicke meinen aufs Plätzchen. Und wenn
ich in Rente gehe, freue ich mich, nur noch
Verantwortung für mich selbst zu haben.«
Eva-Lena Lörzer

Hundesalon Christiana Mücke, Pichelsdorfer
Str. 141, 13595 Berlin , Tel. 030-361 6749

TA N JA SCHN I T Z LER

Duft nach Wunsch
Der Deutsch-Libanese Mohammed Aziz verkauft in seiner
Duftmanufaktur ›Le Parfum‹ in der Pichelsdorfer Straße 146
Räucherstäbchen, Naturschwämme, Seifen, Essenzen und selbst
gemischte Parfums. Er mischt für seine Kunden herkömmliche Düfte nach oder kreiert auf Wunsch persönliche Noten.
»Wir machen deinen Duft – nur zehn Euro« steht auf dem
kleinen Aufsteller der »Le Parfum Duftmanufaktur Berlin«,
einem schmalen Laden mit 5­Milliliter­Flakons und Räu­
cherstäbchen im Schaufenster. Eigentümer Mohammed
Aziz kommt hinter der selbstgebauten hölzernen Laden­
theke hervor, nimmt paar Essenzen von den kleinen
schwarzen Wandregalen und baut sie vor dem Laden in
der Sonne auf einem kleinen Tischchen auf. »Das hier
zum Beispiel ist Moschus, die Grundlage der meisten
Parfums«, sagt er und reicht das Fünf­Milliliter­Fläsch­
chen zum Riechen rüber. »Das verkauft sich bei uns sehr
gut.«
Mohammed Aziz redet von seinem Geschäft immer in
der Wir­Form, dabei hat er bislang noch keine Angestell­
ten und ist selbst Großhändler, Inhaber, Geschäftsführer
und Verkäufer in einem. Seit Mitte Mai des letzten Jahres
kreiert der dreißigjährige Deutsch­Libanese in seinem
kleinen Laden in der Pichelsdorfer Straße auf Kunden­
wunsch Parfums und verkauft Räucherstäbchen, Essen­
zen, Lufa­Naturschwämme sowie letzte Lagerbestände
der in der arabischen Welt berühmten Aleppo­Seife, einer
Olivenseife aus einer mittlerweile zerstörten Seifenmanu­
faktur im syrischen Aleppo.
Nach der Eröfnung des Ladens im Mai 2011, erzählt er lä­
chelnd, hätten die Menschen auf sein Angebot sehr neu­
gierig reagiert. »Ist ja auch klar. Duftmanufakturen kennt
man hier nicht.« In den arabischen Ländern, erzählt er,
ist der Beruf des Duftmischers ein etablierter Beruf. Aziz’
Vater kommt aus dem Libanon, er selbst kam bereits mit
sechs Monaten nach Deutschland, ist hier aufgewach­
sen und zur Schule gegangen und mit einer gebürtigen
Spandauerin verheiratet.

Bereits als Kind hat er sich mehr für Gerüche interessiert
als andere. Mit vierzehn entdeckte er dann seine Leiden­
schaft für Essenzen: Da hatte sein Vater ihm von einer
Reise eine kleine Flasche Adlerholz mitgebracht, eine
Duftnote, die im Libanon traditionell in jedem Haushalt
zu inden ist und für besondere Gelegenheiten wie zur
Begrüßung von Gästen verwendet wird. Anschließend
habe er seinen Vater bei jeder Reise gebeten, ihm weitere
neue Essenzen mitzubringen, und sich damit autodidak­
tisch die Grundlagen des Parfumwesens beigebracht.
»So lange, bis mein Vater gesagt hat, das wird zu teuer,
und ich ihm selber Geld dafür mitgegeben habe.«
Nach seinem Schulabgang nach der zehnten Klasse
machte sich Aziz als Großhändler selbstständig und be­
gann, sich intensiver und auch theoretisch mit dem Mi­
schen von Düften auseinanderzusetzen und sich ein
großes Netzwerk an internationalen Kontakten zu Par­
fümerien und Händlern von Essenzen aufzubauen. Zu
seinen Vertragspartnern gehören mittlerweile zwei der
größten französischen Parfümerien, einer seiner selbst
gemischten Düfte ist auch im Einzelhandel erhältlich.
Viele von Aziz’ Kunden sind Flüchtlinge, die die Aleppo­
Seife, Lufa­Schwämme oder eine arabische Duschseife
in Flüssigform kaufen, die auf Arabisch Brautseife heißt,
weil sie traditionell von der Braut vor der Hochzeit zum
Duschen benutzt wird. Es kommen aber auch viele Ju­
gendliche, die Designerdüfte haben wollen und sich das
Original nicht leisten können. »Die Pichelsdorfer Straße
ist quasi der perfekte Standort für meinen Laden«, sagt
er lächelnd. »Die Menschen haben hier nicht so viel Geld.«
Bei Neukunden macht er zuerst ein Beratungsgespräch,
in dem er sie nach Charaktereigenschaften und persönli­
chen Vorlieben, Wünschen und Vorstellungen befragt
und ihnen ein paar Essenzen zum Riechen gibt, um ih­
nen anschließend im Ausschlussverfahren einen auf sie
zugeschnittenen Duft zusammenzustellen. Ȇber das
Riechen kommen die Menschen oft ins Erzählen«, sagt
Aziz. »Gerüche sind immer sehr erinnerungsbehaftet und
lösen oft unterbewusst Gefühle aus. Deswegen mögen
die Kunden oft einen Duft lieber, wenn man ihnen nicht
sagt, wie er heißt.«
Oft lassen sich seine Kunden einen eigenen Duft mi­
schen. Es gibt aber auch Kunden mit außergewöhnliche­
ren Wünschen. »Das Speziellste bislang war eine Frau,
die eine aus der Drüse von Perserkatzen gewonnene Es­
senz in Reinform wollte, um sie wegen ihrer geburtser­
leichternden Wirkung in eine Suppe zu geben.«
Aziz redet mit großer Leidenschaft über seinen Beruf
und ist ein guter Erzähler. »Meine Kunden kaufen 80
Prozent Geschichte und 20 Prozent Duft.« Sobald er mehr
Kapital hat, möchte er den Laden noch traditioneller ein­
richten: mit typischen arabischen Stofverkleidungen an
den Wänden und einer gemütlichen Sitzecke für die Be­
ratungsgespräche. »Ich habe mit 80 Essenzen auf zwei
Regalen begonnen. Mittlerweile sind es 400 und ich ha­
be das meiste im Lager. Bald muss ich auch neue Regale
bauen.«
Eva-Lena Lörzer
Le Parfum, Pichelsdorfer Str. 146, 13595 Berlin, Tel. 85 76 36 07

7

TA N JA SCHN I T Z LER

Glosse

Doppelt verhext
Eigentlich sollte die »Hexenwiese«, jenes zugewachsene Areal in der Götelstraße nah bei der
Kinder- und Jugendeinrichtung »Wildwuchs«,
als öffentliche Grünfläche wiedergewonnen werden, deshalb war sie auch in der Finanzplanung des Aktiven Zentrums vorgesehen. Doch
vor dem Umbau stehen die obligatorischen Untersuchungen zum Artenschutz und zur Altlastenproblematik.
Nun gab es gleich zwei verblüfende Ergeb­
nisse: Die beauftragten Gutachter befanden,
die Fläche sei erheblich belastet. Jedoch
wurden weder Planzen noch Tiere gefun­
den, die dem Artenschutz unterliegen. Das
bezirkliche Amt für Umwelt und Natur­
schutz kam jedoch seinerseits zu einer ganz
eigenen Sicht: Es stuft die Fläche nämlich
überraschend als Biotop ein, das im jetzi­
gen Status quo zu erhalten sei.
Darauhin machten die Gutachter den Vor­
schlag, man könne ja erhöhte Stege durch
das Areal ziehen, auf denen man dann wie
durch einen Dschungel spazieren würde.
Diese Idee wiederum lehnte das Straßen­
und Grünlächenamt des Bezirks rundweg
ab: weil dann bauliche Unterhalts­ und Fol­
gekosten drohen, die das notorisch unteri­
nanzierte Amt nicht übernehmen will, und
wegen der »Verkehrssicherungsplicht«.
Wir fassen zusammen: Wir haben also eine
Fläche mit erheblichen Altlasten, die zwar
nicht über schützenswerte Flora und Fauna
verfügt, dennoch aber ein im jetzigen Zu­
stand zu erhaltendes Biotop darstellt, das
keinesfalls betreten werden darf. Mithin ein
umzäuntes, geschütztes Altlastenbiotop.
8

Man kann dann vor dem Zaun darüber
nachsinnen, ob das Biotop nun vor den
Menschen geschützt wird oder die Men­
schen vor den Altlasten oder das SGA vor
möglichen Schadensfällen.
Darauhin kamen die AZ­Verantwortlichen
nicht umhin festzustellen, dass ein um­
zäuntes, geschütztes Altlastenbiotop nicht
eben den Zielen des Förderprogramms ent­
spricht, und nahmen folgerichtig das Vor­
haben aus der Finanzierungsplanung – was
bleibt auch anderes übrig. (Davon sind je­
doch die angrenzenden Jugendfreizeit­Vor­
haben wie Bolzplatz, Streetball­ und Ska­
teranlage nicht betrofen.)
Allerdings ist es wohl nicht ganz unrealis­
tisch anzunehmen, dass Jugendliche der be­
nachbarten Freizeiteinrichtung auch künf­
tig nicht wirklich böse über einen kaum
einsehbaren Rückzugsraum sind, Altlasten
und Biotop hin oder her. Da sind die Zäune
des Straßen­ und Grünlächenamts besten­
falls eine sportliche Herausforderung, wenn
überhaupt.
Überlegenswert wäre jedoch, ob man die
mehrfach verhexte Hexenwiese nicht in die
Liste touristischer Attraktionen in Spandau
aufnehmen könnte. Wenn man eine winzig­
kleine Seilbahn baut, könnte man das Bio­
top sogar von oben bewundern. Zur Not
täten es auch Kamera­Drohnen. Damit das
Ganze netter aussieht, könnten die AZ­Mit­
tel dann in einen kunstvoll geschmiedeten,
drei Meter hohen Zaun drumrum investiert
werden. Das hat dann nur Spandau!
us

Wohin mit zu vielen Äpfeln?
Ins Schulumweltzentrum!
Über 400 Spandauer Kita- und Schulkinder werden im September und Oktober an der Apfelwerkstatt im Schulumweltzentrum Spandau
(SUZ), Standort »Gartenarbeitsschule – An der
Kappe« ( Borkzeile 34, 13583 Berlin-Spandau)
teilnehmen. Dort verarbeiten sie Äpfel zu Apfelsaft und Apfelgelee, verkosten unterschiedliche
Apfelsorten und backen Apfelkuchen.
Hierzu werden ca. 400 kg Äpfel benötigt. Diese
sollen möglichst unbehandelt sein, damit sie
mit der Schale verarbeitet werden können.
Deshalb sammelt das SUZ Äpfel möglichst aus
Privatgärten. Die Kinder sollen auch erfahren,
dass man den Apfel durchaus mit einem Wurm
teilen kann und man auch Fallobst zu leckeren
Sachen verarbeiten kann.
Wer Äpfel abgeben möchte, statt die Überschüsse
auf dem Kompost zu entsorgen, melde sich
bitte beim SUZ (Tel. 26305345, Fax 26340118,
E-Mail: gas-borkzeile@gmx.de). Das SUZ kann
die Äpfel auch abholen.
Am Samstag, dem 15. Oktober, findet darüber
hinaus von 13 bis 18 Uhr im SUZ für alle Interessierten das »Apfelfest« statt. Dort werden
gemeinsam gesammelte Äpfel verkostet und zu
Saft, Gelee, Kompott und Kuchen verarbeitet.
Außerdem gibt es ein Apfelcafé und Informationen rund ums Thema. Ernteüberschüsse
können bis zum 15. Oktober für das Apfelfest
direkt in der Gartenarbeitsschule vorbeigebracht werden; um vorherige telefonische Anmeldung unter der Nr. 3979 8669 wird gebeten.
Mehr Informationen zur Sammelaktion und
zur Veranstaltung unter
www.klimawerkstatt-spandau.de

Infoflyer zum Spiel- und Freizeitangebot im Südpark
In der Freizeitsportanlage Südpark hat sich in
diesem Jahr einiges getan. Aus Mitteln des
Kinderspielplatzprogramms und des Förderprogramms »Aktive Zentren« wurden eine große
Wasserspiellandschaft hergestellt und die beiden Plansch- und Erfrischungsbecken nach fast
zehn Jahren wieder saniert. Im Bereich des Seniorenklubs Südpark wurden zudem fünf generationenübergreifende Spiel- und Trimmgeräte
aufgestellt, so können neben den Kindern auch
die Eltern und Großeltern aktiv werden.
Dank der finanziellen Unterstützung aus dem
Förderprogramm konnte jetzt die gesamte
Angebotspalette des Südparks in einem anschaulichen und übersichtlichen Infoflyer veröffentlicht werden. Der Flyer liegt in den beiden
Bürgerämtern des Bezirks, in der Stadtbibliothek und deren Außenstellen, im Gotischen
Haus, im Kulturhaus Spandau und beim
zuständigen Fachbereich Sport im Rathaus
Spandau aus.

Eine Torflinse
bittet zur Kasse

TA N JA SCHN I T Z LER

Die betroffenen Eigentümer müssen die Sanierung
des Adamshof bezahlen

Die Medien berichten nicht mehr wie noch im Juli, die Geschichte des Adamshofs ist aber noch nicht zu Ende. Die Bewohner der Weverstraße 36 sowie der Melanchthonstraße 61
und 62 müssen ihre Wohnungen zwar nicht mehr verlassen,
wie es die Bauaufsicht des Bezirks Spandau ursprünglich angeordnet hatte – ausgestanden haben sie das Problem damit
aber noch nicht.
Denn nach wie vor senkt sich der Boden unter dem Ge­
bäude, treten Risse im Mauerwerk auf und neigen sich
Fußböden zur Seite. Erst wenn die notwendigen Sanie­
rungsarbeiten erfolgreich abgeschlossen sind, kann von
Entwarnung die Rede sein.
Die denkmalgeschützte Wohnanlage zwischen Adam­,
Melanchthon­, Wever­ und Konkordiastraße wurde 1925
fertig gestellt. Architekt war Richard Ermisch, der wenig
später auch die Siedlung »Birkenwäldchen« an der Pichels­
dorfer zwischen Genfenbergstraße und Grimnitzseeweg
errichten ließ. Auch das Strandbad Wannsee, die Messe­
hallen unter dem Funkturm und das Rathaus Tiergarten
gehören zu seinen Werken. Grundlegend saniert wurde
der Adamshof zuletzt in den Jahren 2002 und 2003, da­
nach wurden die Wohnungen zu Eigentumswohnungen
umgewandelt und veräußert. Auf die 22 Eigentümer der
drei betrofenen Aufgänge, die zum Teil selbst in den
Wohnungen leben, sie zum Teil aber auch vermietet ha­
ben, kommen jetzt größere inanzielle Belastungen zu.
»Wir können die Kosten noch nicht bezifern«, erklärt
Karin Menzel von der Hausverwaltung Inhouse, »denn

die Ausschreibungen für die Sanierungsarbeiten laufen
noch. Sobald ein Ergebnis vorliegt, werden wir es der Ei­
gentümerversammlung mitteilen.« Für einige werde es
voraussichtlich zu echten Härten kommen: »Die Elemen­
tarversicherung tritt nicht für die Schäden ein und die
inzwischen gebildeten Instandhaltungsrücklagen reichen
bei weitem nicht aus. Viele Eigentümer haben ihre Alters­
rücklage in die Wohnungen investiert, da ist eine solche
Nachschussplicht natürlich eine bittere Neuigkeit. Wir
helfen, wo wir nur können, zum Beispiel, indem wir den
Kontakt zu Banken vermitteln, die entsprechende Kredi­
te gewähren.« Da die Preise für Eigentumswohnungen
in Berlin in den letzten Jahren stark angestiegen sind,
haben die Banken natürlich auch größere Spielräume zur
Kreditgewährung, auch die zur Zeit extrem niedrigen
Zinsen mildern das Problem etwas.
Ein Baufehler ist laut Karin Menzel die Ursache für die
Setzungsrisse. Der betrofene Gebäudeteil steht auf einer
Torlinse, wie sie in den Urstromtälern Norddeutschlands
häuig vorkommt und auch in den trockengelegten
Sümpfen an Havel und Spree beileibe keine Seltenheit
ist. Er hätte deshalb auf längere Holzpfähle gegründet
werden müssen, wie die Untersuchung des von der In­
house beauftragten Baustatikers ergeben hatte. Dabei
könnte man jedoch darüber streiten, ob man nach gut
90 Jahren noch von einem Baufehler sprechen sollte –
immerhin hat das Gebäude, in ökonomisch sehr turbu­
lenten Zeiten zu Beginn der 1920er Jahre errichtet, ein
langes Menschenleben auf zu kurzen Gründungspfählen
problemlos gehalten.
Die Risse wurden 2014 erstmals begutachtet, seitdem
haben sie sich erweitert. Im Juni hatte die Spandauer
Bauaufsicht noch von einer Verrottung der tragenden
Holzpfähle ausgehen müssen und deshalb eine unmit­
telbare Gefahr für die Standsicherheit des Gebäudes und
damit für Leib und Leben der Bewohner gesehen. Des­
halb hatte es die Nutzung des Gebäudeteils ab Anfang
August untersagt, dies aber am 25. Juli aufgrund des
neuen Gutachtens wieder zurückgenommen. Einige Mie­
ter waren da aber schon ausgezogen.
Senkungen an Neubauten sind keine Seltenheit, an Alt­
bauten treten sie aber meistens dann auf, wenn in der
unmittelbaren Nachbarschaft gebaut wird und sich des­
halb der Untergrund verschiebt – prominentes Beispiel
ist aktuell die Friedrichswerdersche Kirche von Karl Fried­
rich Schinkel, die nach dem Ausheben tiefer Baugruben
in der Nachbarschaft einsturzgefährdet ist. Auch ständige
Erschütterungen im unmittelbaren Umfeld, etwa durch
Schwerlastverkehr, können unter Umständen ähnliche
Auswirkungen haben – an der Parkseite des Adamshofs
war aber ofensichtlich weder das eine noch das andere
der Fall.
Möglichst zügig sollen jetzt die Sanierungsarbeiten be­
ginnen, die Hausverwaltung jedenfalls bemüht sich um
schnelle Resultate. Im Untergrund muss der betrofene
Teil des Adamshofs stabilisiert werden, auch die ande­
ren Aufgänge wurden sorgfältig überprüft, sie sind gar
nicht oder nur unwesentlich betrofen.
cs

9

TA N JA SCHN I T Z LER

Waltraud Müller lebt in der Seniorenresidenz Havelgarten. Sie ist 93 Jahre alt und
seit 71 Jahren Wilhelmstädterin. Als junge Frau kam sie gegen Kriegsende als Flüchtling vom heutigen polnischen Gebiet in das stark zerstörte Spandau.
Über alles liebt sie ihr kleines Elektromobil, das es ihr erlaubt, sich trotz Gehbehinderung in der Umgebung zu bewegen und draußen unterwegs zu sein. Diese Teilhabe
am gesellschaftlichen Leben ist der hellwachen Dame sehr wichtig.

Kandidaten für die Wahl
der Spandauer Seniorenvertretung
gesucht!
In der Wilhelmstadt leben viele ältere Menschen, aber nicht alle wissen, dass es
auch auf Bezirks- und Landesebene demokratisch gewählte Interessenvertretungen für Senioren gibt. Die nächste Wahl zur Seniorenvertretung Spandau findet im
kommenden Frühjahr, in der Zeit vom 27. bis zum 31. März 2017 statt. Grundlage
für die Wahl ist das Berliner Seniorenmitwirkungsgesetz.
Was ist eine Seniorenvertretung? Sie nimmt die Interessen der Spandauer
Bürgerinnen und Bürger wahr und stärkt die gesellschaftliche Teilhabe und
die Einbindung und Mitwirkung älterer Menschen in allen Lebensbereichen,
beschreibt das Bezirksamt die Rolle des Gremiums. Sie ist Mittler zwischen
älteren Bürgerinnen und Bürgern, dem Bezirksamt sowie anderen Behörden,
Institutionen und Einrichtungen. Auch angesichts des demographischen
Wandels wird eine aktive Mitwirkung der älteren Bevölkerung immer wichti­
ger, interessanter und bedeutungsvoller.
Für die Seniorenvertretung werden jetzt Kandidatinnen und Kandidaten ge­
sucht, der öfentliche Aufruf erfolgt ab 26. September. Interessierte Ältere
können sich selbst als Kandidat bewerben oder Wunschkandidaten vorschla­
gen. Bis zum 24. Oktober können Vorschläge oder Bewerbungen im Bezirk­
samt abgegeben werden.
Mitglieder der Seniorenvertretung sollten Interesse an einer aktiven Teilhabe
und Teilnahme der älteren Generation am gesellschaftlichen, politischen,
wirtschaftlichen, kulturellen und sportlichen Leben haben; die Seniorenver­
tretung informiert, berät und unterstützt die älteren Bürgerinnen und Bür­
ger in allen individuellen Lebenslagen.
Die Mitglieder der Seniorenvertretung werden für die Dauer von fünf Jahren
durch den zuständigen Bezirksstadtrat berufen. Wahlberechtigt ist, wer 60
Jahre alt ist und seinen Wohnsitz in Spandau hat. Für Fragen steht der Fach­
bereich 2 des Bezirksamtes Spandau gerne zur Verfügung.
(Frau Dienel, Galenstraße 14, 13597 Berlin, Tel. 90279­6110).
us
10

Broschüre
»Das gesunde und soziale Spandau«
Die vom Bezirksamt herausgegebene Broschüre »Das gesunde
und soziale Spandau« für 2016/2017 ist erschienen. Sie listet
zahlreiche Beratungs- und Versorgungsangebote mit wichtigen
Ansprechpartnern auf. Dazu gehören die Fachbereiche des
bezirklichen Sozialamtes und des Gesundheitsamtes sowie der
Planungs- und Koordinierungsstelle mit umfassenden Beratungsangeboten ebenso wie niedergelassene Ärzte, Zahnärzte
und Krankenhäuser, ambulante und stationäre Pflegeangebote, Apotheken und Physiotherapeuten. Darüber hinaus gibt
die Broschüre Auskunft über Selbsthilfe- und Nachbarschaftseinrichtungen im Bezirk, über Familienzentren und über
Vereine und Verbände, die gesundheitliche und psychosoziale
Beratungen anbieten. Ergänzt werden die Hinweise und Angebote durch einen umfangreichen Veranstaltungskalender.
Die Broschüre ist kostenlos in der Planungs- und Koordinierungsstelle der Abteilung Soziales und Gesundheit (Galenstraße 14, 13597 Berlin, Tel. 90 279 4035, Fax: 90 279 4075,
E-Mail: pk@ba-spandau.berlin.de), beim Referat für Presseund Öffentlichkeitsarbeit, im Bürgeramt Rathaus Spandau
und der Stadtbibliothek erhältlich.

Neues Beratungsangebot zur Vermeidung
von Obdachlosigkeit
Gemeinsam mit der Immanuel Diakonie hat das Bezirksamt
Spandau seit Anfang des Jahres ein zusätzliches Angebot für
die Beratung von Menschen mit Miet- und Energieschulden
geschaffen. Dass neue Beratungsangebot soll helfen, Obdachlosigkeit zu verhindern.
Das Projekt »Spandau wohnt« berät bei Miet-und Energieschulden, bei einer fristlosen Kündigung des Mietvertrages, bei
drohendem Wohnraumverlust durch Räumungsklagen sowie
bei drohender oder erfolgter Sperrung der Energieversorgung.
Das Bezirksamt finanziert die Beratungsstelle mit 80.000
Euro im Jahr (1,25 Stellen).
Das kostenlose Angebot richtet sich an Menschen, die von
Wohnungslosigkeit bedroht oder bereits wohnungslos geworden
sind. Es fungiert als Clearingstelle, die den Hilfebedarf der
Betroffenen klärt, gesetzliche Ansprüche prüft, bei Antragstellungen Hilfestellung gibt und darüber hinaus weitere Unterstützung anbietet. Als erste Priorität soll Wohnraumverlust
vermieden werden und, wo dieser bereits eingetreten ist, soll
die Wiedererlangung von Wohnraum erreicht werden. Das
Angebot soll auch dazu beitragen, kostenintensive Hilfen bei
Wohnungslosigkeit bereits im Vorfeld zu vermeiden.
»Spandau wohnt« arbeitet eng mit der Sozialen Wohnhilfe des
Sozialamtes zusammen. In den ersten acht Monaten des Jahres
wurden bereits 291 Personen in 222 Haushalten beraten. Von
einem möglichen Wohnungsverlust wären 110 Haushalte mit
205 darin lebenden Kindern betroffen gewesen, davon 67
Haushalte von Alleinerziehenden.
Das Beratungsangebot hat seinen Standort im Hasenmark 3
in 13585 Berlin. Sprechzeit ist Dienstag von 9.00 bis 12.00 Uhr
und nach vorheriger Vereinbarung. Tel. 030 / 3313-021

Anna Haas organisiert in der
Wilhelmstadt eine »Food Assembly«

Noch bis in die 70er Jahre hinein, so erinnern
sich ältere Wilhelmstädter, holte man Milch z.B.
beim Bauern Feldbinder, der mitten im Kiez, in
der Jägerstraße, einen Hof mit Kühen hatte.
Oder auf dem Markt an der Földerich-/Zimmerstraße, wo die Wilhelmstädter Brot, Käse, Obst,
Gemüse, Fleisch, Kartoffeln und Eier kauften
(siehe S. 12–14). Gerade in Spandau und der unmittelbaren Umgebung gab es etliche Bauernhöfe, dazu kleine Geschäfte und Tante-EmmaLäden; »regional« und »saisonal« waren keine
Werbevokabeln, sondern selbstverständlich.
Seitdem hat sich die Handelslandschaft stark
verändert. Metzgereien, Bäcker, die noch
selbst backen, oder kleine Lebensmittelge­
schäfte gibt es kaum noch, sie wurden von
Supermärkten und Discountern abgelöst.
– Doch immer mehr Menschen hätten gern
Alternativen zu der Flut von Verpackungs­
müll, zu standardisierten, aus Neuseeland
eingelogenen Apfelsorten, geschmacksfrei­
en Treibhaustomaten und Industriebrot, zu
Fleisch aus Massentierhaltung und Eiern
aus Legebatterien, und sie inden es beschä­
mend, wie viele Supermarkt­Lebensmittel
auf den Müll wandern, nur weil sie nicht
mehr ganz makellos sind. Aber es ist nicht
so leicht, Alternativen zu inden.
Auch Anna Haas, eine junge Frau, die vor
sechs Jahren in die Wilhelmstadt zog (»der
Liebe wegen«), suchte danach – und stieß
irgendwann auf die »Food Assembly«­Bewe­
gung. Die entstand 2010 in Frankreich, wei­
tete sich dann auf Spanien, Belgien, Groß­
britannien, Italien aus, seit zwei Jahren gibt
es auch ein Netzwerk in Deutschland.
Das Motto der Food Assemblys lautet: »Gib
deinem Bauern die Hand!« Es geht darum,
Landwirte und handwerklich arbeitende
Erzeuger aus der Region wieder direkt mit
den Käufern zusammenzubringen.
Das Prinzip ist denkbar einfach, eine Art mo­
derner Bauernmarkt, der allerdings einen
Internetzugang voraussetzt: Die Kunden be­
stellen und bezahlen über die Website des
jeweiligen Food­Assembly­Standorts. Dort
sind alle Angebote der teilnehmenden Pro­
duzenten aufgelistet. Einmal pro Woche in­
det dann die Übergabe der Waren von den
Erzeugern an die Käufer statt, bei einem ca.
zweistündigen Trefen möglichst an einem
zentralen Ort im jeweiligen Kiez. Das ist

gleichzeitig die Möglichkeit, sich direkt ken­
nenzulernen und miteinander ins Gespräch
zu kommen. Für die Erzeuger bietet das
Prinzip den Vorteil, dass sie tatsächlich nur
die Mengen bereitstellen und transportie­
ren, die auch wirklich abgenommen werden,
und dass sie sich bekannt machen können.
Den Preis ihrer Waren bestimmen sie
selbst, zahlen aber eine Servicegebühr von
16,7 Prozent, die je zur Hälfte an die »Food
assembly«­Zentrale (Equanum GmbH) und
den jeweiligen »Gastgeber« gehen – eine
Art Aufwandsgebühr für Organisation und
Infrastruktur (Plege der Website, Werbung
etc.). Für die Käufer ist die Teilnahme ge­
bührenfrei, man kauft nur dann, wenn man
etwas braucht und was man braucht, und
sie erfahren genau, wie und von wem die
Lebensmittel produziert werden.
In Berlin gibt es inzwischen ca. 20 Food As­
semblys in unterschiedlichen Bezirken, ei­
ne der »Gastgeber/innen«, die das vor Ort
organisieren, ist Anna Haas. Eigentlich, so
erzählt sie, schreibt sie Drehbücher für Zei­
chentrickserien, interessierte sich aber auch
für regionale Landwirtschaft. Deshalb stu­
dierte sie zusätzlich Landschaftsnutzung
und Naturschutz und arbeitet auch als Do­
zentin in der Erwachsenenbildung zu The­
men wie Umwelt und regionaler Versor­
gung. Über ein halbes Jahr arbeitete sie
daran, in der Wilhelmstadt eine »Food as­
sembly« zu organisieren, kontaktierte Bau­
ernhöfe, Erzeuger und Händler in der Um­
gebung, machte das Anliegen publik, such­
te einen Raum. Die »Premiere« fand dann
Ende August statt – von der Resonanz war
sie selbst überrascht. Mehr als 220 Men­
schen sind inzwischen Mitglied geworden,
zur Eröfnungsveranstaltung im Stadtteil­
laden kamen viele Interessierte aller Alters­
klassen, »von ganz jungen Pärchen um die
20 über Menschen mittleren Alters bis hin
zu den Älteren«, erzählt sie. Bislang konn­
te sie neun Erzeuger für das Unternehmen
gewinnen: dazu gehören u.a. der Gemüse­
anbaubetrieb »Speisegut«, die Imkerei an
der Probstheide, die Bäckerei Vollkern, die
Braunsberger Höfe & Ruppiner Lamm GbR,
der Reuterhof und die Berliner Getränke­
manufaktur. Sie ist noch auf der Suche nach
einem geeigneten Anbieter für Milch und
Käse, denn davon gibt es nicht mehr allzu
viele in der Region; wegen der berüchtigten
Milch­Dumpingpreise und der Konzerndo­
minanz mussten viele kleine Milchprodu­
zenten aufgeben.
Auf der Angebotsliste der Food Assembly
für die Wilhelmstadt inden sich vielfältig­
ste Brotsorten und Backwaren, Honig, Obst
und Gemüse, in Berlin gebrautes Bier sowie
Fleisch und Wurst, beispielsweise vom Sat­
telschwein, eine Nutztierart, die grotesker­

TA N JA SCHN I T Z LER

Bauernmarkt,
neuzeitlich

weise selbst inzwischen vom Aussterben
bedroht ist, weil Massentierzucht billiger
ist. Und weil die »Braunberger Höfe« das
ganze Tier bei der Schlachtung verwerten,
gibt es hier eben nicht nur Steak, Gulasch
und Schinken – angeboten wird auch, was
man in den SB­Kühltruhen der Supermärk­
te kaum noch indet: Nieren, Herz, Leber,
Zunge, die ja auch zum Tier gehören.
Angeboten werden aber auch einige Waren,
die nicht im Umfeld produziert werden kön­
nen – Berlin oder Brandenburg sind nun mal
nicht die klassischen Oliven­ und Weinan­
baugebiete. Aber Manufakturen oder re­
gionale Händler solcher Produkte können
trotzdem teilnehmen, jedoch nur einmal
im Monat.
Anne Haas sieht natürlich auch die Hürden.
Insbesondere für ältere Leute sei es zwar ei­
ne Barriere, online zu kaufen und zu bezah­
len – dabei kann man sich jedoch auch von
Vertrauenspersonen aus der Familie und
dem Freundeskreis helfen lassen. Wichtig
indet sie es, den Kontakt zwischen kleinen
Produzenten und Händlern der Region und
den Konsumenten herzustellen. Denn Kom­
munikation ist der beste Nebenefekt des
Konzepts. »Bei den wöchentlichen Überga­
ben trift sich ja auch die Nachbarschaft
und kommt ins Gespräch. Und sei es dar­
über, was man alles aus Zucchini machen
kann.« Eben wie auf einem Markt.
us
Kontakt: Anna Haas, www.foodassembly.de
Verkauf (bzw. einfach zum Kennenlernen) jeden
Dienstag 17.30–19.30 Uhr im Stadtteilladen
Adamstraße 39
11

A RCH I V BA DERSCHNE I DER / AG GE SCH ICHT E UND GE SCH ICHT EN (2)

Wilhelmstädter
Geschichte und
Geschichten

Von der Wilhelmstadt
nach Pichelswerder

Ein Markt
mit Tradition
Fast 60 Jahre, von 1926 bis 1983, gab es an der Földerich­
straße/Zimmerstraße einen Markt unter freiem Himmel.
Das ca. 2000 Quadratmeter große Areal, auf dem sich spä­
ter der Markt ansiedelte, war schon auf einem Plan der
Wilhelmstadt von 1900/1901 als Freiläche mit einem
Durchgang zur Wilhelmstraße 149 ausgewiesen.
Auch ein Foto aus dieser Zeit lässt eine Baulücke zwi­
schen der Wilhelmstraße Nr. 148 und Nr. 150 erkennen.
Die damalige Nutzung ist nicht ersichtlich, möglicherwei­
se diente die Brache als Baustof­Lagerplatz.
Ab 1926 wurde sie dann als Markt genutzt, der auch nach
dem Krieg weiter bestand und noch bis 1983 existierte.
1976 wurde sein 50­jähriges Bestehen gefeiert. Geöfnet
war der Markt ganzjährig.
Die nördliche Begrenzung bildeten die Seitenlügel und
Hinterhäuser der Metzer Straße. Das Haus Zimmerstr. 11/
Wilhelmstr. 148 bildete den nordwestlichen Eckpunkt.
Wie kann man sich den Markt, etwa in den 1970er Jahren,
vorstellen? Die Verkaufsstände waren feste Holzkonstruk­
tionen, dazwischen waren auf dem Boden Holzroste aus­
gelegt. Die Stände waren überdacht, aber ofen – ledig­
lich der Fleischer hatte einen festen vollverglasten Stand
mit zwei Türen. Der Stand daneben, an dem Bücher und
Hefte verkauft wurden, war vorn mit einer Holzplatte zu
verschließen – die Bücher blieben dort. An diesem Stand
gab es nur gebrauchte Ware. Man konnte z.B. gelesene
12

Seit fast vier Jahren trifft sich zweimal im Monat im Stadtteilladen Adamstraße die Gruppe »Geschichte und Geschichten«.
Es sind ältere Wilhelmstädterinnen und Wilhelmstädter, die
ihre persönlichen Erinnerungen und Bilder zusammentragen,
um die jüngere Geschichte der Wilhelmstadt seit Kriegsende
aus subjektiver Sicht und unterschiedlichen Perspektiven zu
erzählen. Daraus entstand bereits die vielbeachtete Ausstellung »Meine Kindheit in der Wilhelmstadt«, weitere Publikationen sind geplant. Inzwischen ist ein kleines Archiv mit
fast 1000 Fotos, Texten, Dokumenten, Exponaten entstanden,
das beständig weiter wächst. Denn immer wieder melden sich
weitere Bewohner und steuern neues Material bei. Diesmal
veröffentlichen wir zwei Berichte, die sich dem früheren Markt
an der Földerich-/Zimmerstraße widmen.

Hefte verkaufen oder auch kaufen, lesen und wieder ver­
kaufen. Die Mehrzahl der Stände war fest vermietet, eini­
ge wurden wechselnd genutzt. Die Warenanlieferung er­
folgte über die Földerichstraße.
An der nördlichen Platzseite waren das Büro des Markt­
leiters, das WC und die Kantine in festen Räumen unter­
gebracht. Die Rückseite der Kantine grenzte an den Kuh­
stall des Molkereibetriebes Brüning aus der Metzer Straße
13. Der Kantinenbetreiber nahm auch Bestellungen an
den Ständen auf und lieferte Essen an die Verkäufer aus.
Um 1976, im 50. Jahr des Marktes, waren folgende Ange­
bote bzw. Spandauer Händler vertreten: Fische (Grebert),
Kartofeln (Kartofelhandlung Schories), Blumen (Lüttge),
Süßwaren, Eier (Gutsche), eingelegte Gurken und Sauer­
kohl, Dutschkes Bratwurststand, zwei Obststände (Hage­
meister und Leonhard), Fleischer, zwei Bäcker, Käse und
Quark (Raddatz), Butter und Käse, Kräuter (Frau Müller),
außerdem gebrauchte Bücher, Pullover und Strümpfe,
Modewaren Kolberg, Hosen und Pullover (Groß). Zur Jä­
gerstraße hin schloss der Markt mit einem Bonbon­ und
einem Würstchenstand ab.
Die Familie Baderschneider war mit zwei Blumenständen
auf dem Markt. Schon die Großeltern verkauften hier
Blumen. Die Eltern von Frau Baderschneider (die die Fo­
tos zur Verfügung stellte und viele Informationen zum
Markt gab) waren ab 1961 zunächst mit einem, ab 1976
dann mit zwei Ständen vor Ort. Im Winter wurden die
Blumenstände mit Gasheizern vorgewärmt, die Blumen
mit Decken belegt und schnell transportiert.
Peter Blöser

Das Paradies
in Tüten
Von Bernd Oertwig

Wirtshaus Wuppke, Schlüterstraße, fast Ecke Kantstraße.
Raucherkneipe mit sattem Bierdunst. Eine Berliner Legende.
Ganz nach hinten durch. Auf einer Fensterbank ein altes Radio.
Eines mit dem grünen Auge. Daneben ein hässlicher Leuchtturm. Der es in sich hat. Erzählen jedenfalls Wuppkes Stammgäste, wenn die Nacht lang ist. Im Leuchtturm soll, sagen sie,
die Asche von Heinz Werner Höber stecken. Was eine andere
Geschichte ist.
Heinz Werner Höber. Der Mann, dessenthalben ich ein
paar Jahre lang kaum die Markttage in der Földerichstra­
ße abwarten konnte. Damals war ich zehn, vielleicht
zwölf. Heinz Werner Höber war der Mann, der die Jerry­
Cotton­Romane schrieb. Von Heinz Werner Höber hörte
ich erst Jahrzehnte später. Jerry Cotton kannte ich von
unserem Markt. Irgendwann hatte ich den Stand mit
den Groschenheften entdeckt. In meiner Erinnerung von
einer dicklichen Frau und ihrem Mann betrieben. Sie wa­
ren beide nicht besonders freundlich zu Kindern. Jeden­
falls nicht zu mir. Ein kühl geschäftliches Paar. Groschen
gegen Groschenhefte. Immer kaufte ich gleich drei oder
vier, nahm sie mit nach Hause und verschlang sie. Der
Clou für mich war, dass ich die Hefte am nächsten Markt­
tag wieder zurückbringen konnte. Dafür gab’s dann die

Hälfte des Kaufpreises zurück. Das Geld legte ich sofort
in neue Romane an. Der Nebenefekt dieses seltsamen
Handels: Jeder Leser behandelte die dünnen Bände sehr
sorgsam. Eingerissene Titelseiten, Eselsohren oder ver­
klebte Hefte wurden nicht zurück genommen.
Natürlich hatten die Hefte­Händler nicht nur Jerry Cot­
ton im Angebot. Andere Krimis, wie Kommissar X, inter­
essierten mich nicht mehr, nachdem ich zwei oder drei
gelesen hatte. Die Handlung war nicht so ausgebuft wie
bei Jerry Cotton. Den Bergen an Liebesromanen auf dem
Stand schenkte ich nicht einmal einen Blick. Liebesro­
mane – wer liest denn solchen Schund! Kein Vergleich
zu Jerry Cotton.
Zu Hause – wir wohnten Földerichstraße 59, in den neu­
en Häusern zwischen Brüderstraße und Weißenburger
Straße, Aubauprogramm 1956 – waren meine Eltern von
meinem Geschmack nicht unbedingt begeistert, ahnten
aber, dass sich die Lesewut irgendwann in andere Bah­
nen lenken ließ. Deshalb lagen zu Weihnachten selbst­
verständlich nie Jerry­Cotton­Hefte unter dem Baum.
Dafür »Der Ruhm des Kämpfers« von Jack London, »Und
ewig singen die Wälder« von Trygve Gulbranssen, Karl
May, versteht sich. Hemingway wurde schnell erklärter
Liebling. Meine Eltern waren Mitglieder in der Büchergil­
de Gutenberg.
Jerry Cotton aber in seinem roten Jaguar E und sein
Freund Phil Decker waren die Helden meiner frühen
Markt­Tage in der Földerichstraße. Das erste Heft las ich
jedes Mal schon während des Gehens auf dem Weg nach
Hause, die anderen unter den Arm geklemmt. Vorbei an
der Drogerie an der Ecke Zimmerstraße und mit keinem
Blick für den Friseur auf der anderen Straßenseite, rüber
über die Brüderstraße mit der Kneipe an der einen Ecke
und den beiden Lebensmittelgeschäften, die an der Kreu­
zung diagonal gegenüber lagen. Dann unser Torbogen,
der damals noch ofen stand, auf unseren riesigen Hof
mit den Garagen an der Rückfront der Häuser Brüder­
straße. Rechts, der erste Aufgang, das war die Földerich­
straße 59. Unser Zuhause, zweieinhalb Zimmer im ers­
ten Stock. Hier verschwand ich an den Markttagen sofort
mit meiner Heft­Beute im Zimmer, das ich mir mit mei­
nem Bruder teilte, warf mich aufs Bett und las. Als der
erste Jerry­Cotton­Film mit George Nader in der Haupt­
rolle in die Kinos kam – Mitte der Sechziger – tauschte
ich schon längst keine Heft­Krimis mehr auf dem Markt.
Die Markttage waren für meinen Bruder, zwei Jahre jün­
ger als ich, und mich immer ein wenig besonders. Jedes
Mal schlenderten wir durch die Reihen, genossen die ge­
schäftige Wuseligkeit. Oft begleiteten wir unsere Mutter,
damit sie die fünf Pfund Kartofeln, ein bisschen Gemü­
se und etwas Obst nicht alleine nach Hause schleppen
musste. Sie ließ sich die Kartofeln immer in ihr dunkel­
grünes, engmaschiges Netz mit den abgegrifenen Leder­
schlaufen schütten. Für ihre Kartofeln hatte sie einen
Lieblingsstand. Wenn man den Markt von der Földerich­
straße aus betrat, ganz nach hinten durch, die Reihe mit
den Ständen vor der Hauswand, irgendwo in der Mitte.
Die Mutter zu begleiten hatte natürlich auch einen ge­
witzten Hintergrund. Meist konnten wir sie überreden,
am Wurststand zu halten. Für eine Curry. Oder eine Wie­
ner aus der silbernen Wanne mit den beiden Deckeln.
13

A RCH I V BA DERSCHNE I DER / AG GE SCH ICHT E UND GE SCH ICHT EN

Unter einem schwappten die langen Wiener im warmen
Wasser, unter dem anderen die prallen Bockwürste. Der
Wurststand unseres Vertrauens war in der ersten Reihe,
wenn man aus Richtung Metzer Straße auf den Markt
kam. Hier standen die Wagen der Marktleitung. Vielleicht
war es auch nur ein einziger. Wäre der Wurststand dort
nicht gewesen, vermutlich hätte ich um die Reihe im­
mer einen großen Bogen gemacht. Aus Angst, aus reiner
Angst.
Auf dem Markt half damals ein Mann, der, wie ich heute
weiß, auch jung gewesen sein muss. Er hieß Detlef. Det­
lef war ein bedauernswertes Geschöpf. Ein Spastiker. Mit
einem großen Kopf, einem unfassbar hässlich verzoge­
nem Gesicht, verkrümmten Armen und Händen. Auf
Beinen, die nach innen gedreht waren. Er konnte kaum
einen Satz sprechen. In den Winkeln seines schiefen
Mundes sammelten sich Spuckeblasen, die zu dünnen
Fäden wurden und zum Kinn hinab liefen. Für meine
Kinderseele ein entsetzlicher Anblick.
Niemand hatte mir jemals erklärt, was mit diesem Mann
passiert war. Dass er vermutlich bei der Geburt zu wenig
Sauerstof bekommen hatte. Wir Kinder nannten ihn
den Verrückten. Vermutlich, weil wir das von Erwachse­
nen auf dem Markt aufgeschnappt hatten. Der Verrückte
kommt. Und schon bin ich gelaufen. Voller Angst vor ei­
nem Mann, der doch unser Mitleid verdient gehabt hät­
te. Er war nicht verrückt, natürlich nicht. Was ich aber
nicht wusste und mich deshalb vor Detlef fürchtete.
Detlef half den Händlern, früh am Morgen ihre Kisten
aus den Autos zu tragen, und er half ihnen spätnachmit­
tags nach Marktende. Die Autos waren oft dreirädrige
»Goliaths«, die hämmernden Zweitakter des Wirtschafts­
wunder­Berlins im Wirtschaftswunder­Deutschland. Die
Händler parkten ihre Kleinlaster immer quer zur Fahrt­
richtung in der Földerichstraße. Was kein Problem war.

14

Die Straße war immer noch breit genug für die im Ver­
gleich zu heute wenigen Autos. Fette SUVs waren noch
kein Thema.
Mein Vater mochte besonders gerne Leinöl. Er kaufte es
an einem Stand, der mir noch heute als besonders weiß
in Erinnerung ist und an dem Käse in breiten Laiben auf
Glasplatten lagen und Butter aus einem Fass mit einer
gerippten Holzkelle gekratzt wurde. Zu Hause kippte
mein Vater eine gelbe Pfütze auf eine Untertasse, ließ
ein wenig Salz darüber rieseln und stippte das Leinöl
mit frischem Brot auf. Er nannte es eine Delikatesse.
Mein Bruder und ich fanden es eher mittel.
Dafür standen wir oft vor einem anderen Stand, kramten
tief in den Taschen der Hosen und hoften, vielleicht
doch noch den einen oder anderen Groschen zu inden.
Dieser Stand bot für mich das Paradies in Tüten. Buch­
stäblich. Hier verkauften sie die wunderbarsten Süßig­
keiten der Welt. Zumindest für mich. Es waren dunkel­
blaue Bonbons, die wie eine satte Traube geformt waren.
Sie warteten in Gläsern auf mich, die nicht aufrecht
standen, sondern auf einer Schmalseite lagen. Die Ver­
käuferin schraubte einen silbernen Deckel von der Öf­
nung, schob eine Schaufel in meine blauen Träume und
ließ sie in eine spitze Tüte gleiten. Schon bei diesem Ge­
räusch lief mir das Wasser im Mund zusammen. Norma­
lerweise zerkaute ich Bonbons schon nach ein paar halb­
herzigen Lutschversuchen. Die blauen aber konnte ich
tatsächlich voller Genuss auf der Zunge zergehen lassen.
Mein Bruder mochte lieber die dicken roten Bonbons,
die wie Himbeeren geformt waren. Gut so, wir kamen
uns also bei den Süßigkeiten nie in die Quere.
Ein blauer Bonbon im Mund und neue Jerry Cotton un­
term Arm: Meine Seligkeit an den Markttagen in der Föl­
derichstraße.

TA N JA SCHN I T Z LER

Adressen
Prozesssteuerung und
Sanierungsbeauftragter
Koordinationsbüro für Stadtentwicklung
und Projektmanagement (KoSP)
Schwedter Straße 34A, 10435 Berlin
www.kosp­berlin.de
Andreas Wilke, Tel. 030 ­330028 ­ 36
wilke@kosp­berlin.de
Linda Tennert­Guhr, Tel. 030 ­ 330028 ­ 30
tennert­guhr@kosp­berlin.de
Geschäftsstraßenmanagement
Ulrike Stock / Torsten Wiemken,
Tel. 030 ­ 30 12 46 97 bzw. 0178 ­ 352 38 01
gsm@wilhelmstadt­bewegt.de
Öfnungszeiten Büro Adamstraße 39
(Stadtteilladen) Di und Mi 10–13 Uhr
die raumplaner / LOKATION:S
Kaiser­Friedrich­Straße 90, 10585 Berlin
www.die­raumplaner.de
Stadtteilvertretung Wilhelmstadt
Sprecher: Friedrich­Karl Berndt, Michael
Henkel, Elmas Wieczorek
Öfentliche Sitzung:
jeder 1. Mittwoch im Monat, 19 Uhr
Stadtteilladen Adamstraße 39
www.stv­wilhelmstadt.de

Bezirksstadtrat für Bauen, Planen,
Umweltschutz und Wirtschaftsförderung
Carsten­M. Röding
Bezirksamt Spandau von Berlin
Carl­Schurz­Straße 2/6, 13597 Berlin
Tel. 030 ­ 90 279 ­ 22 60
baustadtrat@ba­spandau.berlin.de
Stadtentwicklungsamt, Fachbereich
Stadtplanung
Carl­Schurz­Straße 2/6, 13597 Berlin
Sprechzeiten: dienstags und freitags 9–12
Uhr und nach telefonischer Vereinbarung
Amtsleiter:
Markus Schulte, Tel. 030 ­ 90 279 ­ 35 72
markus.schulte@ba­spandau.berlin.de
Gruppenleitung Sanierung/
Planungsrechtliche Beurteilung:
Doris Brandl, Tel. 030 ­ 90 279 ­ 31 64
doris.brandl@ba­spandau.berlin.de
Bearbeiterinnen und Bearbeiter für das
Förderprogramm »Aktive Zentren Berlin«
Kerstin Schröder, Tel. 030 ­ 90 279 ­ 35 73
kerstin.schroeder@ba­spandau.berlin.de
Jörg Rinke, Tel. 030 ­ 90 279 ­ 3568
joerg.rinke@ba­spandau.berlin.de
Katharina Lange, Tel. 030 ­ 90 279 ­ 2280
katharina.lange@ba­spandau.berlin.de

Sozialteam Wilhelmstadt
Bürgerberatungsangebote im
Stadtteilladen Adamstraße 39

Kontakt: Volkmar Tietz, Tel. 30 12 46 97, oder
Mob. 0176-24981761,
Montag, 10–12 Uhr: Ewa Betz berät zu Fragen
der Stressbewältigung
Montag, 16–18 Uhr
Schiedsmann Dietmar Zacher berät bei
Konflikten und Streitigkeiten
Jeden dritten Dienstag im Monat, 15–18 Uhr:
Mieterberatung (auch zu Betriebskosten) mit
Herrn Hinze
Mittwoch, 15–18 Uhr (nicht am 1. Mittwoch
im Monat!): Volkmar Tietz zu Renten- und
Mietangelegenheiten, Betreuungsrecht; Hilfe
zu Antragsstellung und Behördengängen
Donnerstag, 14.30–16.30 Uhr: Basteln
– Handarbeiten für Jung und Alt mit
Heidemarie Koch
Donnerstag, 16–18 Uhr: Kiezsprechstunde
mit Volkmar Tietz
Jeden 2. Donnerstag im Monat, 17–20 Uhr:
RepairCafé: Hilfe zur Selbsthilfe, Reparatur
von Elektro- und Haushaltsgeräten unter
Anleitung
Freitags 10–12 Uhr: Hartz IV & mehr: Wolfgang
Schumann berät zu Hartz IV, Jobcenter,
Existenzgründung, Deutschunterricht

15

Ladekran auf dem Gelände
von Plaths Sägewerk

Rhabarberwein
aus der Zündbude
Spandaus Industrierevier im Süden (Teil V)
Spandau hatte es wirklich nicht leicht, als vor
rund 150 Jahren die industrielle Revolution und
das rasante Bevölkerungswachstum auch alle
Dörfer und kleinen Städte rund um Berlin erfassten: von Schöneberg bis Lichtenberg, von Rixdorf
bis Wilmersdorf.
Als Garnisons­ und Festungsstadt konnte
Spandau aber wegen der strikten Rayon­Be­
stimmungen davon kaum proitieren – zu­
mal die innerhalb der Festungsmauern ge­
duldete Industrie überwiegend preußisch­
staatliche Rüstungsbetriebe waren, die kei­
nen Heller an Steuergeldern ins Stadtsäckel
brachten.
Damit der Boom aber nicht völlig an der
Havelstadt vorbei ging, sollten wenigstens
der havelländische Landkreis und die mit
Spandow über die Gerichts­ und Aufsichts­
funktion verbundenen Gemeinden auf die
Gewinnerseite bei der Industrie­ und Ge­
werbeansiedlung kommen. So siedelten sich
Industrien außerhalb der vom Militär auf­
lagenbelegten Zonen auch in Pichelsdorf
an. Doch kaum waren 1903 die Rayon­Be­
stimmungen gefallen, nutzte Spandau sei­
nen Einluss: Der Landkreis besann sich auf
die Naturschönheiten von Pichelsdorf und
Pichelswerder und verbot dort die Neuan­
siedlung von Fabriken. Denn in Spandau
gab es bereits Pläne für den Südhafen und
Industrie beiderseits der Havel, auf den Gö­
telwiesen und auf Tiefwerder.

Entlang der Götelstraße (so hieß damals
auch das Areal nördlich der Schulenburg­
Brücke) begann schon 1898 ein Run auf be­
baubare und freie Grundstücke zur weiteren
Gewerbe­Ansiedlung. Denn mit der grossen
»Holzablage«, mit Zimmerei­ und Baubetrie­
ben, Conrads Kohlelagern und den Anlagen
der Plath‘schen Sägemühlen, gab es schon
seit Mitte des 19. Jahrhunderts etwas, das
man heute wohl Gewerbepark an der Unter­
havel nennen würde (siehe Wilma 3/2013).
Das Adressbuch von 1898 verrät, dass nur
wenige Grundstücke zwischen Havel und
Götelstraße nicht im Besitz der von F.W.
Plath begründeten Holzdynastie waren. Um­
so begehrter waren die noch freien Areale.
Im »Anzeiger für das Havelland« vom Juni
1898 wird berichtet, dass der Berliner Ban­
kier Hafer ein Grundstück an der Götel­
straße für 75.000 Mark erstanden und es
binnen weniger Monate für den mehr als
dreifachen Preis weiterverkauft hatte. Ein
halbes Jahr zuvor war bekannt gemacht
worden, dass Joseph Kurtz – der Inhaber der
Westfälischen Zündwarenfabrik in Ahaus –
beabsichtigte, an der Götelstraße 72/73 eine
Sicherheitszündholz­Fabrik zu errichten.
Über jenen Bankier Hafer wurde auch ge­
schrieben, dass er als Grundstücksnachbar
»einen hartnäckigen Einspruch gegen die
an der Unterhavel projektierte Fabrik« erho­
ben habe. Sein Einspruch wird abgewiesen,
nachdem bekannt wird, dass »er selbst an

den Fabrikanten Kurtz verkaufen wollte«
und erst nachträglich behauptete, »er wolle
auf seinem Grund ein Lager für hochwerti­
ge ausländische Hölzer anlegen«, weswegen
ihm angesichts der zu erwartenden hohen
»Feuerkassengelder« eine solche Nachbar­
schaft unzumutbar wäre. Die Argumente des
schon »mehrfach als Spekulant« aufgefalle­
nen Bankiers wurden schnell widerlegt, da
auch sein Grundstück nur deshalb für die
Zündwarenfabrik nicht infrage kam, weil
es über keinen Wasserzugang verfügte.
Denn für die Zündwarenfabrik auf dem
24.000 qm großen Gelände mit fast 200 Me­
tern Uferfront wurde sogar ein kleiner Ha­
fen angelegt. Wie sehr Spandau die Ansied­
lung der Fabrik forcierte, kann man wie­
derum im »Anzeiger für das Havelland« im
Januar 1898 lesen: Der Spandauer Magistrat
signalisierte dem westfälischen Investor
sein »möglichstes Entgegenkommen« bei
der Beseitigung »der Schwierigkeiten hin­
sichtlich der Plasterung der Götelstraße
und der Abtretung des Straßenlandes«, da­
mit »der Wunsch der ganzen Bürgerschaft,
in Spandau möge sich Privatindustrie nie­
derlassen, endlich mal in Erfüllung gehe.«
Das Geschäft lief lange gut, mit über 300
Mitarbeitern in der »Zündbude«. Doch als
sich der steinreiche schwedische Industriel­
le Ivar Kreuger mit einem dreistelligen Mil­
lionenkredit das Zündholzmonopol bei der
von Reparationszahlungen und Weltwirt­
schaftskrise gebeutelten Reichsregierung
sicherte, war für die Wilhelmstädter Zünd­
waren kein Platz mehr. Anfangs noch mit
festen Kontingenten als Zulieferer für die
Monopolgesellschaft tätig, verschwand die
»Zündbude« 1932 aus dem Spandauer Ad­
ressbuch. Kreugers Monopol (»Welthölzer«)
dauerte dagegen bis 1983 an.
Dennoch hielt sich der Name »Zündbude«
bei den Wilhelmstädtern noch bis nach der
Sprengung des markanten, 30 Meter hohen
Schornsteins am 25. Juli 1959.
Nur kurz wurden auf dem Gelände Seifen
und Laugen hergestellt, ehe dann dort die
WeKa­Marmeladenfabrik von Wilhelm Kauf­
mann ihre Produktion aufnahm. Vor allem
aus den schweren letzten Kriegs­ und ers­
ten Nachkriegsjahren sind viele Geschichten
bekannt von eher leicht zugänglichen Fäs­
sern mit Rübensirup, die so manchen Hun­
ger stillten. Aber auch vom Nachkriegs­
Rhabarberwein, den WeKa bis zur Geschäfts­
aufgabe 1953 produzierte und bei dessen
saurem Genuss sich viele eine Kelle aus
dem Sirupfass zum Nachsüßen herbeige­
wünscht hätten.
Thomas Streicher
        
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