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Periodical volume

Full text: Jahresbericht ... Issue 2005

HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG
JAHRESBERICHT 2005

INHALT
Vorwort - 3
Nachhaltige Entwicklung und Globalisierung - 7
Kunst, Kultur und Globalisierung - 19
Neue Weltordnung, Sicherheitspolitik und Krisenprävention - 26
Europäische Nachbarschaftspolitik - 38
Feminismus und Geschlechterdemokratie - 46
Wissenspolitik - 55
Nachwuchsförderung - 63
Wirtschaft, Arbeit und Soziales - 71
Zeitgeschichte - 74
Migration, Diversity und Interkulturelles Management - 80
Kommunalpolitik und Stadtentwicklung - 84
Heinrich-Böll-Haus Langenbroich - 86
Grüne Akademie - 90
Archiv Grünes Gedächtnis - 93
Preise - 95
Finanzen und Personal - 97
Gremien - 103
Adressen - 107
Internet und Magazin - 115
Fördern und Spenden - 117

2

VORWORT
In den vergangenen Jahrzehnten ist in Deutschland eine
ethnisch, religiös und kulturell vielfältige Gesellschaft
entstanden. Faktisch ist die Bundesrepublik längst eine
Einwanderungsgesellschaft; im öffentlichen Bewusstsein und
hinsichtlich der Integration von Migrantinnen und Migranten
über das Bildungssystem und den Arbeitsmarkt hängen wir dieser
sozialen
Realität
noch
hinterher.
Die
multikulturelle
Demokratie braucht zum Gelingen Weltoffenheit und Toleranz,
aber
auch
gemeinsame
Bezugspunkte
wie
die
in
unserer
Verfassung verankerten Grundwerte, unser Rechtssystem und eine
gemeinsame Sprache als Basis der Verständigung. Kulturelle
Vielfalt ist auf solcher Grundlage eine Bereicherung. Sie darf
jedoch nicht mit Werterelativismus verwechselt werden. In
diesem Spannungsfeld arbeitet die Heinrich-Böll-Stiftung im
Inund
Ausland.
Fragen
der
sozialen
und
politischen
Einbürgerung, eines produktiven Umgangs mit gesellschaftlicher
Vielfalt (Diversity) sowie der Dialog mit Muslimen gehören zu
den Schwerpunkten unserer Arbeit. Herausragende Projekte dazu
waren im Jahr 2005 der Kongress „Mythos Kreuzberg“, der Start
der Website www.migration-boell.de und die Transatlantische
Konferenz „Citizenship – Ethnos – Multiculturalism“.
Auch für unsere Auslandsarbeit ist die Auseinandersetzung mit
kultureller und religiöser Vielfalt grundlegend. Hier geht es
nahezu
täglich
darum,
den
„Dialog
der
Kulturen“
zu
organisieren und zugleich für universelle Menschenrechte
einzutreten.
Das
Zusammenspiel
unserer
Inlandsund
Auslandsaktivitäten ist gerade bei Fragen politischer Kultur
ein Gewinn. Das wurde zuletzt bei unseren Veranstaltungen und
Diskussionsbeiträgen zum Streit um die Mohammed-Karikaturen
deutlich.
Globalisierung ist ein widersprüchlicher Prozess. Er bringt
Neues hervor und Traditionen werden zerstört. Zugleich
entwickelt sich eine einzigartige Dynamik in der weltweiten
Kommunikation und Kooperation zwischen Menschen, Institutionen
und
Nationen.
Die
Heinrich-Böll-Stiftung
nimmt
an
der
Diskussion um die neuen globalen Herausforderungen teil und
versucht, Einfluss im Sinne einer ökologisch und sozial
gerechteren
Welt
zu
nehmen.
Wir
engagieren
uns
mit
Veranstaltungen
und
Publikationen
zu
den
Themen
Landwirtschaft, globale Geschlechtergerechtigkeit und Handel
3

sowie zur künftigen Entwicklung. Ein Beispiel hierfür ist der
EcoFair Trade Dialogue, ein mehrjähriges Projekt, in dem
Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft
und
Politik
Vorschläge
für
eine
Reform
der
globalen
Agrarhandelsordnung
entwickeln
sollen,
die
sich
an
nachhaltiger Landwirtschaft und der Sicherung kleinbäuerlicher
Existenzen orientieren.
Anlässlich des 10. Jahrestags der Ermordung von über 8000
bosnischen Jungen und Männern durch serbische Truppen in der
„UN-Schutzzone“ Srebrenica haben wir im vergangenen Jahr eines
der umfassendsten Kooperationsprojekte in der Geschichte der
Stiftung auf die Beine gestellt. Die in Zusammenarbeit mit
bosnischen Partnern erstellte Fotoausstellung „Srebrenica –
Erinnerung für die Zukunft“ wurde in mehreren europäischen
Städten und in Washington gezeigt. Flankiert wurde die
Ausstellung
durch
Diskussionsveranstaltungen
und
eine
Publikation mit international renommierten Autorinnen und
Autoren wie Vàclav Havel und Carla del Ponte. Während es in
Städten wie Berlin, Brüssel und Washington auf den Podien vor
allem um die Lehren und Perspektiven der internationalen
Politik ging, setzten sich die Veranstaltungen in Sarajevo und
Belgrad vorrangig mit den Fragen der Verantwortung für und der
Aufarbeitung von Krieg und Völkermord auseinander. Ebenso
brisant
war
unsere
Veranstaltung
„Die
Gegenwart
der
Vergangenheit“ anlässlich des 90. Jahrestags des Völkermords
an den Armeniern im Osmanischen Reich. Auch dort ging es um
die schwierige Aufarbeitung historischen Unrechts, ohne die
eine demokratische und offene Gesellschaft kaum entstehen
kann.
Die Gleichheit der Geschlechter ist für die Heinrich-BöllStiftung ein zentrales Demokratie- und Gerechtigkeitsthema.
Mit einem internationalen Kongress im September, den nahezu
1000 Frauen (und einige Männer) besucht haben, hat die
Stiftung einen Diskussions- und Streitort angeboten, bei dem
so wichtige politische Handlungsfelder wie Arbeitsmarkt und
Globalisierung,
Biound
Wissenspolitik,
Frieden
und
Sicherheit oder die Auswirkungen religiösen und politischen
Fundamentalismus`
aus
geschlechterpolitischer
Perspektive
diskutiert wurden. Besonders erfreulich war, dass wir viele
junge Frauen erreichen konnten, für die diese Themen noch neu
waren.
4

„Politische Personalentwicklung“ war schon immer eine
Stiftungsaufgabe.
Angesichts
des
anstehenden
Generationenwechsels in der Politik nimmt ihre strategische
Bedeutung aber noch zu. Dabei geht es uns sowohl um die
Vermittlung von handwerklichem Know-how an Ehrenamtliche und
Einsteiger
als
auch
um
professionelle
Beratungsund
Qualifizierungsangebote für hauptamtliche Politikerinnen und
Politiker und deren Mitarbeitende. Dieses Angebot richtet sich
ausdrücklich auch an politisch Aktive in Verbänden und
Initiativen. Zur Verbesserung unseres Angebots und zur
Erschließung neuer Teilnehmerkreise haben wir im vergangenen
Jahr gemeinsam mit unseren Landesstiftungen die Gründung einer
professionellen „Weiterbildungsakademie“ vereinbart. Sie soll
bereits in diesen Monaten ihre Arbeit aufnehmen.
Dieser Tage ist die vierte Nummer unseres Magazins
Böll.Thema „In Gottes Namen? Frauen und Fundamentalismus“
erschienen. Die dreimal im Jahr erscheinenden Hefte haben
einen Umfang von 34 Seiten und eine Auflage von 10.000
Exemplaren.
Das
Magazin
wendet
sich
primär
an
unser
politisches Umfeld und bietet jeweils zu einem aktuellen Thema
eine breit gefächerte Auswahl an Beiträgen internationaler
Autorinnen und Autoren. Wir können jede dieser Ausgaben nur
empfehlen!
Bis Ende 2007 soll auf einem bislang unbebauten Grundstück
in der Albrechtstraße, unweit des Deutschen Theaters, ein
neues Domizil der Heinrich-Böll-Stiftung entstehen. Rund 200
Büros haben im vergangenen Jahr am Architekturwettbewerb
teilgenommen. Die Wahl fiel schließlich auf das Modell von e2a
– eckert eckert architekten. Der Entwurf der jungen Schweizer
Baumeister
verbindet
das,
wofür
die
Stiftung
steht:
Transparenz, Ökologie und demokratische Kultur. Wir sind
sicher:
Der
kompromisslos
moderne
Entwurf
wird
eine
architektonische Landmarke in der Berliner Mitte.
Die Arbeit der Heinrich-Böll-Stiftung wäre nicht möglich,
ohne breite ehrenamtliche Unterstützung. Fachbeiräte und
Fachkommissionen erweitern unseren Blickwinkel und geben uns
kritischen Rat. Die Gelder des Förderkreises versetzen uns
u.a. in die Lage, Projekte zu fördern, die wir nicht aus
öffentlichen
Mitteln
finanzieren
könnten.
Auch
unser
Stipendienprogramm für Künstlerinnen und Künstler im früheren
Wohnhaus der Familie Böll in Langenbroich (Eifel) wird schon
heute durch private Patenschaften unterstützt. Wir würden dies
5

jedoch gerne ausbauen und das Programm mit Spenden langfristig
sichern. Neben dem Förderkreis unterstützen viele Menschen die
Stiftung
ehrenamtlich
durch
ihre
Mitarbeit
in
der
Mitgliederversammlung, im Aufsichtsrat, im Frauenrat, in
Fachbeiräten und -kommissionen. Bei ihnen allen bedanken wir
uns nachdrücklich und immer wieder gerne.
Ganz
besonderer
Dank
gilt
unseren
hauptamtlichen
Mitarbeiterinnen
und
Mitarbeitern.
Ihr
engagierter
und
kreativer Einsatz ist das Fundament für die positive Resonanz,
auf die wir mit unserer Arbeit weiterhin stoßen.
Berlin, im April 2006
Ralf Fücks
Barbara Unmüßig
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

6

[Nachhaltige Entwicklung und Globalisierung]
Globalisierung ist ein höchst widersprüchlicher Prozess. Sie
schafft einerseits Reichtum und Warenfülle, erzeugt aber
zugleich in hohem Maße Verarmung und Ungleichheit. Auch ihre
ökologischen Folgen sind groß - dazu zählen die globale
Erwärmung,
der
Verlust
der
biologischen
Vielfalt,
die
Verknappung der Süßwasserreserven und der dramatische Verlust
fruchtbarer Böden. Einer der thematischen Schwerpunkte der
Heinrich-Böll-Stiftung sind die vielfältigen Auswirkungen von
Globalisierungsprozessen. Die Stiftung arbeitet daher weltweit
mit Organisationen und Netzwerken zusammen, die sich für eine
gerechte und nachhaltige Entwicklung einsetzen. Sie stärkt
zivilgesellschaftliche Initiativen und entwickelt alternative
Konzepte, um soziale Spaltung, ökologische Zerstörung und
kulturelle „Einebnung“ infolge von Globalisierungsprozessen zu
verhindern.
Erneuerbare Energien: Internationale Konferenz und Dialog mit
China
Der Aufstieg Chinas zu einer Wirtschaftsmacht ersten Ranges
fasziniert und erschreckt im Westen Ökonomen, Geostrategen und
nicht zuletzt auch die Ökologen. Chinas Boom ist mit
durchschnittlichen Wachstumsraten von 9,4 Prozent über die
letzten Jahrzehnte ohne Beispiel in der Wirtschaftsgeschichte.
Der Energiebedarf des Landes ist infolge des ungebremsten
Wachstums enorm, und Chinas Nachfrage auf den Weltmärkten
trägt zu einem konstant hohen Ölpreis bei. Von besonderer
Bedeutung war daher, dass China im November 2005 eine
internationale Konferenz für erneuerbare Energien in Peking
ausrichtete. Anderthalb Jahre nach der Bonner Energiekonferenz
„Renewables 2004“ sollte in der Großen Halle des Volkes, am
Platz des Himmlischen Friedens, eine Zwischenbilanz gezogen
und die Verbreitung erneuerbarer Energien weiter forciert
werden. Die Konferenz wurde von der Bundesregierung, der
Europäischen
Kommission
und
den
Vereinten
Nationen
unterstützt. Auch die Heinrich-Böll-Stiftung, die bereits 2004
in
Bonn
eine
Schlüsselrolle
bei
der
Beteiligung
von
internationalen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) gespielt
hatte,
war
in
Peking
aktiv:
Sie
ermöglichte
einen
Vorbereitungsworkshop, an dem Vertreterinnen und Vertreter von
7

NGOs aus 52 Ländern teilnahmen. Aus diesem Workshop ging eine
Erklärung hervor, die in der offiziellen Konferenz verteilt
und verlesen wurde – in China keine Selbstverständlichkeit.
Mit der Erklärung setzten sich die Unterzeichner u.a. für ein
Ende der Subventionen für fossile und nukleare Energien und
eine verstärkte Investition multilateraler Entwicklungsbanken
in erneuerbare Energien ein (vollständiger Text auf www.curesnetwork.org). Darüber hinaus konnte der WWF China mit
Unterstützung
der
Heinrich-Böll-Stiftung
im
offiziellen
Konferenzprogramm
ein
Forum
zur
Süd-Süd-Kooperation
durchführen.
Einige
Tage
später
war
die
Heinrich-Böll-Stiftung
Mitveranstalterin eines hochrangigen chinesisch-europäischen
Dialogs zum Thema „China und Europa: Partner in der neuen
globalen Energiewirtschaft“. In einer außergewöhnlich offenen
Atmosphäre
diskutierten
Expertinnen
und
Experten
aus
Wissenschaft,
Wirtschaft,
Politik
und
NGOs
gemeinsame
Perspektiven
für
Energiesicherheit
und
Klimaschutz.
Tatsächlich bieten Energieeffizienz und erneuerbare Energien
ökonomische und ökologische Chancen für eine intensive
europäisch-chinesische Partnerschaft, wie sie auf dem 8. EUChina-Gipfel Anfang September 2005 in Peking vereinbart wurde.
In diesem Sinne will die Heinrich-Böll-Stiftung weiter
arbeiten
und
mit
Instituten
und
Akademien
in
China
kooperieren.

Mythos Atomkraft – Risiken und Aussichten der Atomenergie
Die Atomenergie ist wieder im Gespräch. Steigende Ölpreise und
ein galoppierender Klimawandel werden zu ihren Gunsten ins
Feld geführt. In Deutschland bereiten die großen Stromkonzerne
unverhohlen den „Ausstieg aus dem Ausstieg“ vor. In Südafrika,
wo das Büro der Stiftung in Johannesburg Partner in der
Auseinandersetzung um den Bau eines Kugelhaufenreaktors nach
deutschen Plänen unterstützt, ist die öffentliche Diskussion
besonders lebhaft. Auch in anderen Ländern wie Brasilien,
China, Russland oder den USA gibt es Überlegungen, die
nukleare Stromversorgung auszubauen.
Aus diesem Grund hat die Heinrich-Böll-Stiftung im Jahr 2005
eine Reihe internationaler Experten beauftragt, sich mit den
8

großen Streitfragen Reaktorsicherheit, Brennstoffkreislauf,
Proliferation,
Wirtschaftlichkeit
und
Klimaschutz
zu
beschäftigen. Das Ergebnis liegt nun als Buch mit dem Titel
„Mythos Atomkraft“ vor. Mit dieser umfangreichen Publikation
haben
Interessenten
aktuelles
und
verständliches
Informationsmaterial an der Hand, das ihnen die kritische
Auseinandersetzung mit der Atomenergie ermöglicht. Das Buch
gibt es auch in englischer Sprache, darüber hinaus sind
auszugsweise Übersetzungen ins Portugiesische, Russische,
Türkische und Ukrainische geplant.

Mythos

Atomkraft.

Ein

Wegweiser.

Hrsg.

von

der

Heinrich-Böll-Stiftung.

Berlin 2006, 384 Seiten, mit zahlreichen Photos, Abbildungen und Tabellen,
€ 6,00 ISBN 3-927760-51-X

Mythos Atomkraft. Über die Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken
Felix Chr. Matthes (mit Beate Kallenbach-Herbert). Hrsg. von der HeinrichBöll-Stiftung. Berlin 2006, 40 Seiten

Mythos Atomkraft. Über die Risiken und Aussichten der Atomenergie
Gerd Rosenkranz. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin 2006, 40 Seiten

Informationen und Downloads unter www.boell.de/atom

Mehr Energieeffizienz in Chile
Seit Jahren schon fordern ökologische Organisationen in Chile
mehr Energieeffizienz sowie den Einsatz erneuerbarer Energien.
Nunmehr gibt es erste Erfolge in Form des Gesetzes für
Erneuerbare Energien und des „Programa País de Eficienica
Energética“
(PPEE).
Dieses
Programm
„Land
der
Energieeffizienz“
wurde
vom
Wirtschaftsund
Energieministerium
u.a.
mit
Chile
Sustentable,
einem
Projektpartner der Heinrich-Böll-Stiftung, ins Leben gerufen.
Die große Herausforderung besteht darin, den Energiebedarf
Chiles zu geringen ökonomischen, sozialen und ökologischen
Kosten zu befriedigen. Eine erhöhte Energieeffizienz dürfte
dabei
von
zentraler
Bedeutung
sein.
Zu
diesem
Thema
9

veranstalteten
daher
Chile
Sustentable,
das
Wirtschaftsministerium und andere Organisationen im Juli 2005
in Santiago de Chile ein zweitägiges Seminar, das von der
Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt wurde. Darin ging es primär
um Vorschläge für Energieeffizienz im öffentlichen und
privaten
Raum
und
um
eine
bessere
Beteiligung
der
Zivilgesellschaft an Entscheidungen über Energiefragen.

Menschenrecht auf Wasser
Ein zentrales politisches Problem der Zukunft ist der sorgsame
Umgang mit Wasser. Viele Experten sehen in der immer knapper
werdenden Ressource bereits den Konfliktstoff für zukünftige
gewaltsame Auseinandersetzungen. Wasserpolitik ist auch ein
Themenschwerpunkt der Heinrich-Böll-Stiftung. Im Jahr 2005
konzentrierte
sie
sich
auf
die
Vorbereitungen
zum
4.
Weltwasserforum im März 2006 in Mexiko. Zwei Prioritäten hatte
sich
die
Stiftung
dabei
gesetzt:
die
Vernetzung
der
internationalen und regionalen zivilgesellschaftlichen Akteure
und die Förderung des Lateinamerikanischen Wassertribunals
(TLA), das parallel zum Weltwasserforum tagen und über
dreizehn Fälle „richten“ wird. Das TLA ist ein ethisches
Tribunal,
das
mangels
demokratischer
Kontrolle
und
ineffizienter Rechtssysteme in Lateinamerika eine alternative
„Rechtsprechung“ zu Wasserkonflikten gewährleisten will. Dabei
wird es um beispielhafte Fälle wie Staudämme, Privatisierung
der
Trinkwasserversorgung,
Verschmutzung
von
Gewässern,
mangelnde Wasserentsorgung etc. gehen. Das Büro der Stiftung
in Mexiko hatte zur Vorbereitung des „Tribunals“ zusammen mit
dem in Costa Rica ansässigen Wassertribunal verschiedene
Treffen mit mexikanischen und internationalen Organisationen
durchgeführt. Zudem unterstützte das Büro die Reisen des
Tribunals zur Kontaktaufnahme mit den Klägerorganisationen.
Das Tribunal ist jedoch nur eine von zahlreichen Aktivitäten
rund um das Weltwasserforum in Mexiko. Die im Jahr 2005
entstandene Koalition mexikanischer Organisationen für das
Recht auf Wasser (COMDA), an deren Zustandekommen die Stiftung
wesentlich beteiligt war, ist zum Beispiel Ansprechpartner für
das Alternativprogramm zum Weltwasserforum. Dieses soll der
Ausgangspunkt sein für die künftigen Stiftungsaktivitäten zum
Recht auf Wasser.
10

Nobelpreisträgerin Wangari Maathai auf Stippvisite in Berlin
Die
kenianische
Vizeumweltministerin
und
Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai kam Ende Mai 2005
auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung zu einem kurzen
Besuch nach Berlin. Die langjährige Partnerin der Stiftung und
Trägerin des Petra-Kelly-Preises traf unter anderem den
damaligen Außenminister Joschka Fischer und weitere grüne
Spitzenpolitikerinnen und -politiker. Auch eine Diskussion mit
Schülerinnen und Schülern eines Berliner Gymnasiums sowie ein
Treffen mit Nichtregierungsorganisationen wie Transfair und
Oxfam standen auf dem Programm. Wangari Maathai forderte zum
Auftakt ihres Besuchs ein stärkeres finanzielles Engagement
der
Industrienationen
bei
der
Umsetzung
der
UNMillenniumsziele zur Halbierung der weltweiten Armut. Die
Regierungen
der
Entwicklungsländer
müssten
ihrerseits
Entwicklungsziele
gegen
Armut
definieren,
massiv
die
Korruption bekämpfen, funktionierende öffentliche Sektoren
aufbauen, die Menschenrechte beachten und Prinzipien der
Rechtsstaatlichkeit
verankern,
so
Maathai.
Weltweite
Armutsbekämpfung und globaler Umwelt- und Ressourcenschutz
seien die effektivsten Strategien zur Vermeidung von Krisen
und
Konflikten.
Das
Besuchsprogramm
umfasste
zahlreiche
Veranstaltungen, bei denen u. a. die Reform der Vereinten
Nationen sowie Fragen zum Zusammenhang von Umweltzerstörung,
Armutsbekämpfung
und
Krisenund
Konfliktprävention
im
Mittelpunkt standen.

Menschenrechtsverletzungen in Amazonien – Der Mord an Dorothy
Stang
Anfang des Jahres 2005 sorgte die Gewalt in Amazonien
international für Schlagzeilen. Bezahlte Killer ermordeten
Dorothy Stang, eine Nonne US-amerikanischer Herkunft, die seit
über 30 Jahren in Brasilien lebte. Ihr Lebenswerk war die
Unterstützung der Kleinbauern im Gebiet um den Rio Xingu. Dort
versuchte die Militärregierung in den 70er Jahren ein
gewaltiges
Migrationsprojekt
zu
etablieren,
die
11

Transamazonica.
Arme
Kleinbauern
aus
anderen
Regionen
Brasiliens bekamen dort Land und sollten Teil einer groß
angelegten „Inwertsetzung“ Amazoniens werden. Bald scheiterten
die Pläne an den schwierigen Bedingungen. Doch die Kleinbauern
blieben. Und sie gründeten eines der wichtigsten sozialen
Bündnisse Amazoniens: die “Bewegung für das Überleben an der
Transamazonica”. Die “Überlebenden” lernten, dass nur eine
Anpassung an das Ökosystem des Regenwaldes eine nachhaltige
Landwirtschaft in der Region und das Überleben ermöglichte.
Auch Dorothy Stang setzte sich für die nachhaltige Entwicklung
der Region ein. Zur Zeit ihrer Ermordung arbeitete sie in
einem nationalen Programm, das die Ansiedlung von 600 Familien
vorsah, die ökologischen Landbau betreiben wollten. Denn
mittlerweile werden Initiativen nachhaltiger Nutzung auch
durch internationale Kooperationen und nationale Programme
unterstützt. Dorothy Stang arbeitete also nicht isoliert. Doch
dies hat die Mörder keineswegs abgeschreckt. Der Mord an
Dorothy Stang wirft ein Schlaglicht auf die Bedingungen, unter
denen sich Reformen in Amazonien behaupten müssen. Zum einen
gibt es durchaus bemerkenswerte Fortschritte in der nationalen
Umweltpolitik, zum anderen bleiben die lokalen und regionalen
Machtstrukturen
bestehen.
In
weiten
Teilen
Amazoniens
existiert ein formaler Rechtsstaat, jedoch kein staatliches
Gewaltmonopol, das ihn garantieren könnte. Im Gegenteil, de
facto liegt das Gewaltmonopol bei den Großgrundbesitzern und
dubiosen Gestalten, die insbesondere durch Bodenspekulation,
Abholzung und Drogenhandel ihr Geld verdienen.
Was kann angesichts einer solchen Situation die Heinrich-BöllStiftung bewirken? Im Jahr 2005 unterstützten wir unseren
Partner “Rede Social” bei der juristischen Begleitung des
Prozesses gegen die Mörder von Dorothy Stang und deren
Auftraggeber. Die nationale und internationale Aufmerksamkeit,
die der Mord erregte, bot zumindest eine Chance, den
Teufelskreis der Straflosigkeit zu durchbrechen. Tatsächlich
gelang im Dezember 2005 ein Teilerfolg: Die beiden geständigen
Mörder wurden zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt. Aber die
juristische
Auseinandersetzung
um
die
Verurteilung
der
Auftraggeber geht weiter.
Darüber hinaus unterstützte die Heinrich-Böll-Stiftung die
Erstellung eines Reports zur Lage der Menschenrechte im
Bundesstaat Pará durch Justiça Global, einem Projektpartner
der Stiftung. Der Bericht zeichnet ein umfassendes Bild der
12

dortigen Menschenrechtsverletzungen und rief in Brasilien ein
großes Presseecho hervor. Eine deutsche Ausgabe des Berichts
ist unter dem Titel “Menschenrechtsverletzungen im Amazonas”
im Verlag für Lusophonie erschienen.
Der
Kampf
gegen
die
Entwaldung
Amazoniens
ist
immer
unmittelbar mit dem Einsatz für Menschenrechte verbunden.
Nicht einzelne couragierte Umweltschützer werden den Regenwald
retten, sondern nur eine umfassende Koalition von Menschen,
die
sich
für
nachhaltige
Entwicklung
einsetzen.
Aber
Initiativen und Bewegungen brauchen Rechte, um agieren zu
können.
Deshalb
hat
sich
ein
breites
Bündnis
der
Zivilgesellschaft unter der Devise “Im Wald gibt es Rechte”
zusammengefunden,
das
von
der
Heinrich-Böll-Stiftung
unterstützt wird.

Wiederaufbauhilfe für die Opfer der Tsunami-Katastrophe
Der Tsunami am 26. Dezember 2004 in Südostasien forderte
Zehntausende
Menschenleben,
ganze
Dörfer
entlang
der
Küstenlinien wurden weggespült. Die Flutwelle zerstörte auch
die Lebensgrundlagen einiger langjähriger Projektpartner der
Heinrich-Böll-Stiftung in Thailand. Die Stiftung reagierte
umgehend: Finanzmittel wurden für sofortige erste Hilfe neu
zugeteilt.
Sie
flossen
in
die
Instandsetzung
lokaler
Infrastruktur im Fischereisektor; auch neue Boote und andere
Werkzeuge für den Lebenserwerb wurden damit finanziert.
Dringlichkeitshilfe gab es auch für birmanische Gastarbeiter,
die illegal und folglich ohne Rechte in den betroffenen
Provinzen arbeiteten. Sie erhielten Unterstützung bei der
Familienzusammenführung und der psychologischen Bewältigung
der Traumata. Das Büro Südostasien der Stiftung hat zudem mit
Tsunami Aid Watch (TAW) ein Monitoring-Programm eingeleitet,
das mindestens bis Dezember 2007 die weitere Entwicklung des
Tsunami-Wiederaufbaus beobachten wird.
Anlässlich des Jahrestages der Tsunami-Katastrophe im Dezember
2005 stellte eine von der Heinrich-Böll-Stiftung, medico
international und Brot für die Welt entsandte Kommission ihren
Bericht über die Verwendung und Auswirkung der internationalen
Hilfe in Sri Lanka vor. Teilnehmende der so genannten „Fact
Finding Mission“ (FFM) waren der Soziologe Dr. Norbert Bolz,
13

die Politikwissenschaftlerin und Entwicklungsexpertin Dr.
Claudia von Braunmühl, die britische Entwicklungsexpertin Kath
Noble,
die
Frauenrechtlerin
Shreen
Saroor
und
der
Gewerkschaftsaktivist Linus Jayatilake (beide Sri Lanka). Nach
einer 14-tägigen Erkundungsreise durch alle Landesteile und
zahlreichen Gesprächen mit Überlebenden, Dorfgemeinschaften
und internationalen sowie nationalen Hilfs- und anderen
Nichtregierungsorganisationen
zog
die
Kommission
eine
kritische Bilanz: Viele der Opfer werden im Zuge des
Wiederaufbaus an den Rand gedrängt oder mit „Almosen“
abgespeist;
große
internationale
Hilfsorganisationen
dominieren
den
Prozess
zum
Nachteil
von
lokalen
Organisationen;
und
nicht
zuletzt
verschärfen
Ungleichbehandlungen zwischen Tamilen, Singhalesen und Moslems
den
Konflikt
wieder
und
lassen
erneute
bewaffnete
Auseinandersetzungen befürchten.
Der vollständige Bericht der „Fact Finding Mission“ wird Ende
April 2006 veröffentlicht und kann unter www.boell.de herunter
geladen werden.
Journalistentraining in Umweltangelegenheiten
In palästinensischen Medien ist die Auseinandersetzung mit
Umweltfragen nicht sonderlich ausgeprägt. Zwar bietet eine
führende Tageszeitung seit einiger Zeit eine regelmäßige
Umwelt-Wochenendbeilage, dennoch spielt das Thema keine große
Rolle in den Redaktionen. Wenn überhaupt berichtet wird, dann
oft durch Fachleute oder Aktivistinnen und Aktivisten der
Umweltbewegung. Die Texte sind meist wenig kreativ und
leserfreundlich. Um die Qualität der Umweltberichterstattung
zu verbessern, entwickelte das MAAN Development Center, eine
Umweltorganisation
in
Ramallah
und
Projektpartnerin
der
Heinrich-Böll-Stiftung, im Jahr 2005 einen Fortbildungskurs
für Journalistinnen und Journalisten. Auf dem Programm standen
die Verbesserung der Ausdrucksfähigkeit, die Einführung in
Recherchetechniken und die Fortbildung in umweltrelevanten
Problemfeldern. In vier Podiumsdiskussionen mit Fachleuten
konnten die Teilnehmenden ihre erworbenen Kenntnisse und
Fähigkeiten erproben. Die journalistischen „Produkte“ wurden
anschließend von einem erfahrenen Journalisten begutachtet und
gemeinsam diskutiert. Das vom Stiftungsbüro in Ramallah
unterstützte
Fortbildungsprojekt
hat
Folgen:
Die
14

Auseinandersetzung
mit
den
drängenden
Umweltproblemen
Palästinas hat die Journalistinnen und Journalisten für
weitergehende Aktivitäten motiviert. Sie wollen nun Radiospots
produzieren,
Plakate
entwerfen,
pädagogische
Materialien
erstellen und Schulen besuchen, um für Umweltfragen zu
sensibilisieren.
WTO-Ministerkonferenz in Hongkong
Ohne einen entscheidenden Durchbruch ging im Dezember 2005 die
WTO-Ministerkonferenz in Hongkong zu Ende. Immerhin gelang im
letzten Moment ein längst überfälliger Teilerfolg: Die
Agrarexportsubventionen der Industrieländer, die für die
Entwicklungsländer besonders schädlich sind, sollen bis 2013
auslaufen und bis 2010 schon teilweise reduziert werden.
Politisch von Bedeutung ist, dass sich die Entwicklungsländer
in Hongkong nicht spalten ließen.
Die Heinrich-Böll-Stiftung präsentierte sich in Hongkong wie
schon auf der letzten WTO-Ministerkonferenz in Cancun mit
einem
eigenen
Forum
und
mehreren
„Dinner-Debatten“.
Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft und
Zivilgesellschaft diskutierten dort u.a. über Landwirtschaft
und Welthandel oder über die Auswirkungen der chinesischen
Textilexporte auf Mexiko.
Die
Debatte
um
die
Sonderund
Vorzugsbehandlung
von
Entwicklungsländern – also die Suspendierung von bestimmten
Handelsregeln – ist eines der heißen Eisen, das an die
Grundfeste der WTO rührt. Die Entwicklungsländer beharren
aufgrund der Historie auf dieser Sonderregelung, um die eigene
Wirtschaft zu schützen. Dem steht die Strategie der USA und EU
entgegen, Sonder- und Vorzugsbehandlung etwa im Agrarbereich
nur dann zuzulassen, wenn im Gegenzug die Märkte der
Entwicklungsländer für Industriegüter geöffnet werden. Neben
der Vermittlung und Präsentation von Fragen, Argumenten und
Verhandlungspositionen bot die Stiftung auch ein Blog-Tagebuch
mit täglich neuen Impressionen rund um das Hongkonger
Konferenzleben.
Zum
Nachlesen
auf
der
neuen
Globalisierungswebsite www.globalternative.org

15

„ECOFAIR TRADE DIALOGUE“ DER HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG
Obwohl die neoliberale Handelsagenda der WTO bei vielen
Gruppen auf Ablehnung stößt, gibt es bislang kein gemeinsames
Konzept, wie die Zukunft des Weltagrarhandels aussehen könnte.
Daher initiierte die Heinrich-Böll-Stiftung im Jahr 2005 in
Kooperation mit Misereor einen auf zwei Jahre angelegten
„EcoFair Trade Dialogue“, moderiert vom Wuppertal-Institut für
Klima,
Umwelt
und
Energie.
Dieser
internationale
Expertendialog
will
die
Diskussion
um
den
“richtigen”
Weltagrarhandel vorantreiben. Das Ergebnis soll ein in sich
stimmiges
Reformkonzept
sein,
das
die
sozialen
und
ökologischen Herausforderungen an die Landwirtschaft des 21.
Jahrhunderts
aufnimmt.
Durch
das
Projekt
sollen
den
Forderungen auch politische Instrumente zugeordnet werden, um
Politikprozesse zum Weltagrarhandel mittel- und langfristig zu
beeinflussen.
In
regelmäßigen
Treffen
werden
die
12
internationalen
Mitglieder
des
Experten-Panels
Forschungsfragen formulieren und Reformvorschläge entwickeln.
Anfang
2007
schließlich
ist
die
Vorstellung
des
Reformvorschlags in Berlin vorgesehen.
„McPlanet.com“ – Konsum. Globalisierung.Umwelt
Weniger Konzernmacht – mehr Konsumentenpower! Mit diesem
Aufruf endete in Hamburg „McPlanet.com“, der gemeinsame
Kongress von Attac, BUND und Greenpeace in Kooperation mit der
Heinrich-Böll-Stiftung und dem Wuppertal-Institut für Klima,
Umwelt
und
Energie.
1500
überwiegend
junge
Menschen
diskutierten vom 3.-5. Juni 2005 in sieben Panels und rund 80
Foren, Workshops und Philosophischen Salons über Konsum
zwischen Freiheit und Verführung sowie die Grenzen des
globalen
Handels.
Beim
Late-Night-Talk
im
vollbesetzten
Audimax der Universität Hamburg ging es z.B. darum: „Was wäre,
wenn alle Chinesen … - Gerechtigkeit auf einem begrenzten
Planeten“. Momentan ist der Ressourcenverbrauch pro Kopf in
Deutschland allerdings noch viermal, in den USA neunmal höher
als in China. Doch auch bei der geschätzten Anzahl von 140
Millionen
Chinesen,
die
momentan
zur
globalen
Konsumentenklasse gezählt werden, hat bisher ein Großteil der
Gesellschaft noch lange keinen westlichen Standard erreicht.
Sara Larrain (Chile), im Vorstand des International Forum on
16

Globalisation aktiv und langjährige Projektpartnerin der
Heinrich-Böll-Stiftung, sieht in China vor allem den Abnehmer
von Rohstoffen. Ob Holz, Soja oder Erze – die Exporte von
Lateinamerika nach China z.B. seien in den Jahren 2001-2004 um
163 % gestiegen. Die Rohstoffgewinnung habe gravierende
Auswirkungen auf die Bevölkerung in den Herkunftsregionen.
Harte Worte fand Wolfgang Sachs vom Wuppertal-Institut, der
die chinesische Wirtschaft als imperialistisch bezeichnete. Er
machte zwar deutlich, dass die aktuelle Zerstörung der
Biosphäre eine „Spätfolge des europäischen Kolonialismus“ sei,
dennoch wollte er die Länder des Südens nicht ausschließlich
als Opfer sehen. Ailun Yang von Greenpeace China betrachtete
ihr Land zwar auch mit kritischem Blick, doch zeige schon die
Existenz ihrer Organisation, dass es auch ein anderes China
gebe. Für die wirtschaftliche Entwicklung machte Yang vor
allem den Westen verantwortlich. Die „Was wäre, wenn…“-Frage
müsse auf der Nachfrageseite gestellt werden, nicht auf der
Produzentenseite. Zu guter letzt kam denn auch die Gegenfrage
auf: „Was wäre, wenn alle Europäer anders leben würden,
weniger ressourcenaufwendig als bisher?“. Zusammen mit den
Chinesen aktiv zu werden, egal ob bei der Förderung
erneuerbarer Energien, bei Bildungsprogrammen oder gar der
Organisation der Olympischen Spiele als „kritische und grüne
Olympiade“, das war schließlich das erklärte Ziel am Ende der
Veranstaltung.

GLOBALE UNTERNEHMENSVERANTWORTUNG
Anlässlich des fünfjährigen Bestehens von „Global Compact“
veranstaltete die Heinrich-Böll-Stiftung am 13. Juni 2005
gemeinsam mit Oxfam eine Diskussion zur Frage der sozialen und
ökologischen Verantwortung von Unternehmen. Die damalige
Verbraucherschutzministerin Renate Künast forderte, Umwelt-,
Sozialund
Gesundheitsstandards
müssten
in
der
Welthandelsorganisation WTO als „harte“ Kriterien betrachtet
werden. Nur so werde „Corporate Social Responsibility“ auch
ins Kerngeschäft der Firmen vordringen. Zudem müssten sich
auch
die
Konsumentinnen
und
Konsumenten
bei
ihren
Kaufentscheidungen verantwortungsvoller zeigen.
Mit dem DGB und dem Berliner Büro der OECD bilanzierte die
Heinrich-Böll-Stiftung in einem eintägigen Workshop Ende Juni
die Erfahrungen mit den entsprechenden OECD-Richtlinien. Im
17

Kern ging es bei beiden Veranstaltungen darum, wie das
Verhalten internationaler Konzerne bezüglich der Anwendung von
Sozial- und Umweltstandards kontrolliert werden kann. Während
der
Global
Compact
der
UN
ein
Instrumentarium
der
Selbstverpflichtung und des Erfahrungsaustauschs anbietet,
sind die OECD-Richtlinien mit einem Sanktionsmechanismus
versehen, der allerdings selten zum Einsatz kommt. Bei der
Diskussion der Chancen und Grenzen der vorhandenen Instrumente
wurde deutlich, dass es zwar gute Ansätze gibt, diese aber
noch
nicht
ausreichen,
um
eine
wirksame
Kontrolle
durchzusetzen.
[Global Compact ist eine Initiative des UN-Generalsekretärs Kofi Annan, in
der internationale Firmen sich verpflichten, Sozial- und Umweltstandards
für ihre weltweiten Produktionsketten einzuhalten]

18

[Kunst, Kultur und Globalisierung]
Die Entstehung und Vermittlung literarischer und anderer
künstlerischer Werke zu fördern – auch das sieht die HeinrichBöll-Stiftung
als
einen
elementaren
Bestandteil
ihrer
politischen Bildungsarbeit an. Ein weiteres zentrales Thema
der
Stiftungsarbeit
sind
die
kulturellen
Folgen
der
Globalisierung:
Zerstört
der
Globalisierungsprozess
die
kulturelle
Vielfalt
oder
bringt
er
im
Gegenteil
neue
kulturelle Identitäten und Mischformen hervor, mit positiven
Auswirkungen
auf
die
Durchsetzung
von
Demokratie
und
Menschenrechten?

„Identität

vs.
Kulturkonferenz

Globalisierung?“

-

Internationale

Mit
der
internationalen
Konferenz
„Identität
vs.
Globalisierung?“ vom 20.-22. Januar 2005 in Berlin setzte die
Heinrich-Böll-Stiftung einen kulturpolitischen Impuls zum
Abschluss der gleichnamigen Ausstellung, die vom 22. Oktober
2004-30. Januar 2005 im Ethnologischen Museum in Berlin
gezeigt
wurde.
Die
Ausstellung
umfasste
Werke
von
Künstlerinnen und Künstlern aus 10 südostasiatischen Ländern
und zählte am Ende mehr als 17.000 Besucherinnen und Besucher.
Ein großer Erfolg für die Stiftung, die erstmalig eine
Kunstausstellung kuratierte. Ein umfassendes Begleitprogramm
bot
zudem
die
Gelegenheit,
sich
mit
den
vielfältigen
Dimensionen
der
kulturellen
Globalisierung
auseinanderzusetzen. Die Schlusskonferenz machte deutlich,
dass schlichte Zuordnungen die komplexen Zusammenhänge von
Wirtschaft, Politik, Religion und Alltagsleben nicht erklären
können. Kultur, Tradition und Religion werden allzu oft als
statisch und unveränderlich interpretiert. Jede Kultur ist
jedoch mehr oder minder dynamisch und passt sich an veränderte
Bedingungen an. Verschiedene Traditionen, Stile und Ästhetiken
verwandeln und vermischen sich zu neuen Formen. Diese
„Hybridisierung“ ist kein neues Phänomen, die Entwicklung von
Kultur ist ohne sie nicht denkbar. Die Konferenz beschäftigte
sich aber nicht nur abstrakt mit den verschiedenen Phänomenen
der Homogenisierung und Hybridisierung von Kultur; es gab auch

19

Filme, Dia-Shows, Lesungen und eine Ausstellung mit Fotos aus
dem Libanon.
Living Globality – ein deutsch-arabisches Kulturprojekt
Mit „Living Globality“, einem im Jahr 2005 initiierten Medienund
Kulturprojekt,
will
die
Heinrich-Böll-Stiftung
Journalisten, Wissenschaftler und Künstler aus Europa und den
arabischen Ländern rund ums Mittelmeer ins Gespräch bringen
und vernetzen. Dabei sollen – unter den Bedingungen einer
globalisierten
Welt
neue
Möglichkeiten
des
Gedankenaustauschs und der Kooperation an Schnittstellen von
Kunst, Medien und Zivilgesellschaft eröffnet werden. Das
Projekt
startete
im
Sommer
2005.
Vier
arabische
Kulturjournalisten aus Beirut, Ramallah, Kairo und Casablanca
hatten die Gelegenheit, einen Monat Deutschland kennen zu
lernen. Im Austausch besuchten vier deutsche Journalistinnen
und
Journalisten
im
Herbst
die
Herkunftsländer
ihrer
arabischen Kollegen. Der Gegenbesuch erfolgte in Kooperation
mit den Goethe-Instituten in den jeweiligen Ländern.
Der Aufenthalt in Deutschland vermittelte den Teilnehmenden
einen Einblick in die Rolle und Funktion von Medien und Kunst
in der Gesellschaft sowie in die Debatten in der deutschen
Öffentlichkeit. Darüber hinaus lernten die arabischen Gäste
viele Kolleginnen und Kollegen verschiedener Tageszeitungen,
Radio- und TV-Sender sowie aus kulturellen Einrichtungen
kennen. Teil des Programms waren zudem Besuche mehrerer
Gedenkstätten und Museen, ein Coaching zu den Anforderungen
interkultureller
Kommunikation
sowie,
als
Abschluss
des
einmonatigen Aufenthaltes, eine Fachtagung der Heinrich-BöllStiftung
zur
Rolle
von
„Kunst
und
Medien
in
einer
globalisierten
Welt“.
Die
während
des
Aufenthaltes
vermittelten
Gesprächstermine
boten
eine
erste
Kontaktmöglichkeit für künftige Kooperationen mit deutschen
Medien und Medien-Projekten, die arabischsprachige Programme
und Artikel produzieren und als Brücke zwischen Deutschland
und der arabischen Welt fungieren.
Kunst – Macht- Politik
Für die Heinrich-Böll-Stiftung war es so etwas wie ein
Experiment: Vom 23.-24. September 2005 veranstaltete sie in
20

der Berliner „Arena“ einen großen Kongress unter dem Titel
„Kunst
–
Macht
Politik.
Eine
Erkundung
des
Wirklichkeitsbezugs aktueller Künste“, um der angeblichen
Repolitisierung unterschiedlicher Kunstformen auf die Spur zu
kommen. Dabei wurde über Kunst nicht nur gesprochen. Sieben
namhafte Kuratorinnen und Kuratoren – Dirk Dotzert, Julia
Gerlach, Ulrike Kremeier, Olaf Kretschmar, Vera Tollmann,
Andreas Broeckmann und Dr. Thomas Wohlfahrt – sorgten für ein
vielseitiges Kunstprogramm, eine begleitende Ausstellung und
die Gestaltung einiger Panels.
Den Einstieg ins Programm verschaffte Dr. Wolfgang Ullrich mit
einem
Vortrag
über
die
politische
Instrumentalisierung
zeitgenössischer Kunstwerke. Er verwies auf Guido Westerwelles
Vorliebe für die gestählten Körper von Norbert Bisky und die
frühen Selbstdarstellungen von Andrea Nahles vor wilden roten
Rhomben ... Gleich, ob es Naivität oder die hohe Kunst der
Selbstinszenierung sei – auf jeden Fall schmücke man sich
gerne mit zeitgenössischer Kunst und Kennerschaft in der
Hoffnung, die der zeitgenössischen Kunst zugeschriebenen
Merkmale wie Offenheit, Unkonventionalität und Ideenreichtum
übertrügen sich auf die eigene Person.
Die
Diskussion
über
die
Kriterien
einer
zeitgemäßen
Kunstförderung bzw. Kulturpolitik konnte leider die alten
Gräben zwischen freier und etablierter Kunstszene nicht
überbrücken. Geht es ums Geld und um Konkurrenz bei der
Förderung, wird nicht mehr fein differenziert, sondern eher
grob
auf
vermeintliche
künstlerische
und
qualitative
Differenzen verwiesen.
Glanzpunkt des Kongresses aber war das Kunstprogramm. Das
Forum „Skandal und Aufmerksamkeit“ z.B. stellte künstlerische
Interventionen mit hohem Unterhaltungswert vor. Eine poetische
Arbeit von MxHz/Guy van Belle im Forum über künstlerische
Selbstorganisation hieß „Thoughts go by air“: ein Ballon,
gesteuert
durch
die
Bewegungen
der
Betrachtenden.
Den
Abschluss des Kongresses bildete eine Performance von „Two
Fish“,
die
unsere
alltäglichen
Überlebenskünste
und
Selbstillusionen dezent spiegelte.

Deutsch-israelische Literaturtage im März 2005

21

„Die Vergangenheit ignoriert dich nicht“ – mit dieser
Feststellung gab der israelische Schriftsteller Amos Oz den
Deutsch-Israelischen Literaturtagen in Berlin das Motto vor.
Die Heinrich-Böll-Stiftung und das Forum Goethe Institut
hatten im März 2005 im Anschluss an die Leipziger Buchmesse
israelische und deutsche Autorinnen und Autoren zur Begegnung
nach Berlin eingeladen, darunter Amos Oz, Amir Gutfreund,
Sayed Kashua, Marina Groslerner, Dorit Rabinyan, Etgar Keret,
Maxim Biller, Thomas Brussig, Katharina Hacker und Julia
Schoch. 40 Jahre nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen
zwischen Deutschland und Israel versuchten die Autoren auf der
Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung eine Bilanz der deutschisraelischen Beziehungen zu ziehen.
Amos Oz machte gleich zu Anfang klar, dass das deutschisraelische
Verhältnis
nicht
durch
Antisemitismus
beeinträchtigt
sei,
sondern
durch
die
unrealistische
“Sentimentalität der Deutschen, die davon ausgehen, dass
Menschen, die gelitten haben, automatisch zu Engeln“ würden.
Amir Gutfreund bedauerte hingegen, dass die Europäer und auch
die Deutschen oft mit Häme auf die besondere Situation Israels
reagierten:
„Was
aus
Europa
kommt,
ist
der
alte
Antisemitismus.“
Es ging aber auch um die Shoah in der Literatur der zweiten
und dritten Generation. Maxim Biller störte, dass sie nur in
der ernsten Literatur akzeptiert sei. Er las aus seinen
ironischen Kurzgeschichten und griff nicht nur anti-, sondern
auch philosemitische Klischees auf.
Katharina Hacker, die in ihrem Buch Eine Art Liebe die
Geschichte eines verfolgten Juden erzählt, plädierte für ihren
Versuch einer Art Einfühlung, um sich der Shoa zu nähern. Die
Geschichte sei ihr in Jerusalem von einem dort lebenden
Rechtsanwalt anvertraut worden: „Ich schenke Dir diese
Geschichte – schreib Du sie auf!“ hatte er gesagt. Auf diese
Weise, als Kunstwerk, kann Erinnerung lebendig bleiben, wenn
die Generation der Überlebenden verstorben ist.
Literatur ist Seismograph und Brennspiegel der Beziehungen,
betonte Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung.
Angesichts der Historisierung der Judenvernichtung durch die
Nazis, aber auch der wachsenden Kritik an der israelischen
Besatzungspolitik müsse der Austausch weiter befördert werden.
Die Comic-Produktion „Shoes“ der deutschen Zeichnerin Elke
Steiner und des israelischen Autoren Etgar Keret sowie der
22

Film „Walk
Programm.

on

Water“

von

Eytan

Fox

vervollständigten

das

Der Briefwechsel zwischen Heinrich Böll und Lew Kopelew

Heinrich Böll und der russische Literaturwissenschaftler und
Dissident Lew Kopelew waren eng befreundet. Sie trafen sich
vermutlich zum ersten Mal auf einer Reise Bölls in die
Sowjetunion
im
Jahre
1962.
Beide
waren
passionierte
Briefschreiber, und so gibt es eine Fülle von überlieferten
Briefen, Postkarten und Telegrammen (rund 300 Schriftstücke),
schwerpunktmäßig aus der Zeit von 1962 bis 1980, dem Jahr der
Ausreise Kopelews in die Bundesrepublik Deutschland. Die
Dokumente liegen vor allem im Kölner Heinrich-Böll-Archiv und
im
Archiv
der
Osteuropa-Forschungsstelle
der
Bremer
Universität.
Briefe ermöglichen ebenso wie Tagebücher die Innensicht auf
gesellschaftlich-kulturelle Entwicklungen und eröffnen neue
Betrachtungsmöglichkeiten der Zeitgeschichte. Die HeinrichBöll-Stiftung möchte mit der Herausgabe dieses Briefwechsels
einen Beitrag zur Erschließung zeitgeschichtlicher Quellen
leisten. Gerade der Korrespondenz Böll-Kopelew kommt ein ganz
besonderer Stellenwert zu: Heinrich Böll ist der Namensgeber
der Stiftung, dessen Werk und Ideen sie sich verpflichtet
fühlt, Lew Kopelew gehört zu den Initiatoren der Stiftung.
Der Briefwechsel gibt Aufschluss über die Rezeption von
Heinrich Böll in der Sowjetunion sowie über eine Vielzahl von
bedeutenden
zeitgeschichtlichen
Zusammenhängen.
Als
Quellenmaterial gerade zur sowjetischen Dissidenzgeschichte
ist das Material überaus bedeutsam. Vor allem die Beziehung
von Teilen der sowjetischen Dissidenten, für die Lew Kopelew
eine wichtige Integrationsfigur war, zu unabhängig denkenden
westlichen
Intellektuellen,
wie
Heinrich
Böll
sie
in
herausragender Weise verkörperte, ist äußerst interessant.
In Kooperation vor allem mit den Erben und dem Heinrich-BöllArchiv wird die Herausgabe der Briefe von Elsbeth Zylla
besorgt, Germanistin und unter anderem profunde Kennerin der
Freiheitsbewegungen in Mittel- und Osteuropa. Geplant ist eine
kommentierte Leseausgabe, die voraussichtlich 2008, möglichst
zeitgleich mit einer russischen Ausgabe, erscheinen soll.

23

HEINRICH
SHANGHAI

BÖLL

UND

CHINA

–

AUSSTELLUNG

UND

SYMPOSIUM

IN

Anlässlich des 20. Todestages von Heinrich Böll fanden Mitte
November 2005 eine Ausstellung zu Leben und Werk sowie ein
dreitägiges Symposium in Shanghai statt. Heinrich Bölls Werke
wurden besonders nach der Kulturrevolution zahlreich übersetzt
und gelesen, weil die „Trümmerliteratur“ der Nachkriegszeit in
Deutschland sehr große Assoziationsmöglichkeiten mit der in
China nach der Kulturrevolution verbreiteten „Narbenliteratur“
bot. Das Symposium widmete sich u.a. der Frage, in welcher
Hinsicht
Heinrich
Bölls
Werke
und
insbesondere
seine
sozialkritische
Haltung
für
die
heutige
chinesische
Gesellschaft von Bedeutung sind. Die Überwindung der „inneren
Diktatur“ (1981) des einzelnen und der Kampf gegen die
Bevormundung durch die Mächtigen prägte Heinrich Bölls Begriff
von Humanität und Sozialkritik. Heinrich Bölls „Frankfurter
Vorlesungen“ (1964) sind ein wichtiger programmatischer Text,
in dem er seine „Ästhetik des Humanen“ entwickelt hat. Mit
diesem Denken engagierte sich Heinrich Böll sein ganzes Leben
lang für gesellschaftliche Bewegungen gegen den Krieg, für den
Dialog zwischen Nord und Süd, für Frauen und die ökologische
Bewegung. Diese Themen besitzen auch heute insbesondere unter
dem Gesichtspunkt der Globalisierung Gültigkeit über die
Grenzen von Raum und Zeit hinaus. Nachdem Kultur in der
heutigen
chinesischen
Gesellschaft
vorwiegend
als
kommerzielles Produkt betrachtet und die Auseinandersetzung
mit gesellschaftlichen Problemen in diesem Zusammenhang eher
vernachlässigt werden, gelang es mit der Veranstaltung in
Shanghai, einige neue Sichtweisen zu ermöglichen.

Die Heinrich-Böll-Stiftung auf der Frankfurter Buchmesse
Im Oktober 2005 war die Heinrich-Böll-Stiftung zum ersten Mal
mit einem Stand auf der Frankfurter Buchmesse vertreten. Vor
allem an den Publikumstagen war der Andrang groß und die
Mitarbeiterinnen
und
Mitarbeiter
aus
Berlin,
Köln
und
Frankfurt bekamen viel Gelegenheit, die Stiftung den Besuchern
vorzustellen. Kompetente Unterstützung fanden sie dabei durch
einige Stipendiatinnen und Stipendiaten, die Interessenten
24

Auskunft über die Arbeit des Studienwerks geben konnten. Mit
am Stand war zeitweise auch Adania Shibli, Schriftstellerin
und Stipendiatin im Böll-Haus Langenbroich.
Auch im Herbst 2006 wird die Stiftung wieder mit einem Stand
auf der Buchmesse vertreten sein, diesmal zusätzlich mit
eigenen Veranstaltungen zum Schwerpunkt Indien.

25

[NEUE
WELTORDNUNG,
KRISENPRÄVENTION]

SICHERHEITSPOLITIK

UND

Die außen- und sicherheitspolitische Agenda hat sich seit dem
Ende der Block-Konfrontation stark verändert. Neue Konzepte
für eine weltweite Risikoprävention, Krisenintervention und
Ordnungspolitik
ersetzen
zunehmend
die
traditionellen
Parameter der Abschreckung und Eindämmung. Die Anschläge vom
11.
September
2001
haben
diese
Entwicklung
nochmals
beschleunigt. In diesem Zusammenhang spielt die Frage nach der
Zukunft des Völkerrechts weiterhin eine wichtige Rolle, ein
Thema, das die Heinrich-Böll-Stiftung auch im Jahr 2005
beschäftigte.
Die
Stiftung
setzte
sich
zudem
mit
den
Beitrittsambitionen
der
Türkei
und
dem
Völkermord
in
Geschichte und Gegenwart auseinander.

UN-Reform und Völkerrecht
Vom 14. bis 16. September 2005 trafen sich mehr als 150
Staats- und Regierungschefs auf einem Sondergipfel im Rahmen
der 60. Generalversammlung der Vereinten Nationen, um die
institutionelle
und
inhaltliche
Weiterentwicklung
der
Vereinten Nationen umfassend zu diskutieren. Die hohen
Erwartungen an den Gipfel wurden vom Ergebnis größtenteils
enttäuscht.
Das
Schlussdokument
wurde
als
„vage“
und
„verwässert“ bezeichnet. Generalsekretär Kofi Annan nannte es
sogar eine „echte Schande“, dass die Nichtverbreitung von
Atomwaffen nicht einmal erwähnt wurde. Eine umfassende Reform
der Vereinten Nationen bleibt also auf der Tagesordnung der
Weltpolitik.
Die Zukunft des Völkerrechts und die UN-Reform sind seit Mitte
2003 Arbeitsschwerpunkte der Heinrich-Böll-Stiftung. Das Büro
Istanbul führte im Juni 2005 eine Veranstaltung zum Thema „UNReform und Türkei“ durch, an der Ludger Vollmer als Mitglied
des Arbeitskreises Völkerrecht der Heinrich-Böll-Stiftung
teilnahm. Im September 2005 fand in Washington eine Diskussion
unter dem Titel „Sovereignity and Human Rights“ statt. Im
Oktober stellte Birgit Laubach als Mitautorin auf einer
Veranstaltung des Prager Büros das Völkerrechts-Memorandum der
Heinrich-Böll-Stiftung vor und diskutierte mit tschechischen
Experten. Das Memorandum unternimmt den Versuch zu skizzieren,
26

wie eine globale Ordnung aussehen könnte, in der Freiheit,
Sicherheit und Stabilität sich gegenseitig stützen und in der
neu aufkommende Konflikte bearbeitet werden können, ohne
erneut in eine globale Konfrontation zu führen.
Auf der gleichen Veranstaltung präsentierte Bardo Fassbender
seine Studie „UN-Reform und kollektive Sicherheit“ und
berichtete von seinen Eindrücken vom Verlauf und Scheitern des
Sondergipfels in New York. Er äußerte sich skeptisch, was die
Auseinandersetzungen um die Reform des UN-Sicherheitsrates
anging. Es sei nicht auszuschließen, so Fassbender, dass die
Auseinandersetzungen die Vereinten Nationen in eine ernsthafte
Krise führen und die Legitimität des Sicherheitsrates (weiter)
geschwächt werden könnten.
In Deutschland war die Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation
mit
der
European
Law
Student
Association
an
einer
Ringvorlesung
zum
Völkerstrafrecht
an
der
Universität
Göttingen beteiligt und organisierte gemeinsam mit der
Landesstiftung
Baden-Württemberg
Ende
Juni
2005
die
Veranstaltung „Auf dem Weg zu einer gerechteren Weltordnung“
in Heidelberg. Ein zentrales Projekt der Stiftung aber ist das
Webdossier „Völkerrecht“ (www.boell.de/voelkerrecht), das es
seit
Ende
2005
auch
in
einer
englischen
Version(www.boell.de/un)
gibt.
Es
soll
die
bisherigen
internationalen und regionalen Diskussionsprozesse, offizielle
UN-Berichte und von der Heinrich-Böll-Stiftung in Auftrag
gegebene Studien einer breiten internationalen Öffentlichkeit
zugänglich machen. Damit will die Stiftung auf regionaler
Ebene demokratische Strukturen stärken und die Partizipation
zivilgesellschaftlicher Akteure im UN-Reformprozess fördern.

UN-Reform und kollektive Sicherheit. Von Bardo Fassbender. Berlin 2005

UN-Reform und Millenniumsziele 2005. Von Jens Martens. Berlin 2005

Die Reform der UN – Chancen auf eine Erweiterung zivilgesellschaftlicher
Beteiligung. Von Julia Leininger. Berlin?? 2005.

Die Zukunft des Völkerrechts in einer globalisierten Welt
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung im Nomos Verlag

27

Baden-Baden 2006, 238 Seiten, € 19,90 ISBN 3-8329-1812-4

„SREBRENICA

–

ERINNERUNG

FÜR

DIE

ZUKUNFT“

-

EINE

FOTOAUSSTELLUNG

Im Juli 1995 wurden in der UN-Schutzzone in Srebrenica rund
8000 bosnische Jungen und Männer durch serbische Truppen
ermordet. Eine Vielzahl von Frauen wurden vergewaltigt und
25.000 Menschen gewaltsam deportiert. Srebrenica steht für das
dunkelste Kapitel europäischer Geschichte nach dem Zweiten
Weltkrieg und das bittere Versagen der Europäer wie der
Internationalen Staatengemeinschaft.
Mit der Fotoausstellung „Srebrenica – Erinnerung für die
Zukunft“ anlässlich des 10. Jahrestages des Massakers stellte
die Heinrich-Böll-Stiftung eines ihrer bislang umfassendsten
Kooperationsprojekte auf die Beine. Die Ausstellung wurde
mittlerweile in zahlreichen europäischen Städten, darunter
auch Sarajevo und Belgrad, sowie in Washington mit großer
öffentlicher Resonanz gezeigt. Allein in Belgrad nahmen etwa
400 Personen an der Ausstellungseröffnung teil, die von einem
Bündnis der wichtigsten Menschenrechtsgruppen in Serbien
getragen wurde. In Berlin gewann die Ausstellung zusätzlich
politische Brisanz, als zeitgleich ein Video publik wurde, das
Exekutionen von Gefangenen durch serbische Soldaten zeigte.
Flankiert wurde die Ausstellung von Podiumsdiskussionen,
Tagungen und einem gleichnamigen Buch, das in Englisch,
Französisch,
Deutsch,
Bosnisch,
Kroatisch
und
Serbisch
erschienen ist. Autorinnen und Autoren aus elf Ländern
reflektieren darin über die Ereignisse von damals und die
Lektionen
für
die
heutige
Politik.
Während
die
Begleitveranstaltungen in Berlin, Brüssel und Washington die
Ereignisse in Srebrenica vor allem aus der Perspektive der
internationalen
Politik
aufzeigten,
setzten
sich
die
Veranstaltungen in Sarajevo und Belgrad vorrangig mit der
Frage der gesellschaftlichen Verantwortung und der Bedeutung
der Aufarbeitung von Krieg und Genozid für die demokratische
und
rechtsstaatliche
Transformation
in
den
Nachkriegsgesellschaften
Südosteuropas
auseinander.
Bedauerlicherweise war die Heinrich-Böll-Stiftung aber an
vielen Orten die einzige Institution, die diesen Jahrestag zum
Anlass für einen Rückblick und eine Diskussion über die
heutige Lage im ehemaligen Jugoslawien nahm.
28

[Srebrenica - Erinnerung für die Zukunft.
Mit Beiträgen u.a. von Vaclav Havel, Madeleine Albright, Marieluise Beck,
Chris

Keulemans,

Slavenka

Draculic

und

Susan

Sontag.

Hrsg.

von

der

Heinrich-Böll-Stiftung. Berlin 2005, 192 Seiten, Broschur, € 6,00 ISBN 3927760-50-1]

Verbrechen gegen die Menschheit - Ursachen, Formen und
Prävention von Völkermord
Mit dem Thema Völkermord befasste sich vom 3.-5. November 2005
auch eine internationale Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung
im Abgeordnetenhaus von Berlin. 60 Jahre nach dem Ende des
Zweiten
Weltkriegs
gehören
Völkermord
und
gewaltsame
Auseinandersetzungen aus nationalen, ethnischen, rassischen
oder religiösen Gründen immer noch zur politischen Gegenwart.
Die Weltöffentlichkeit sieht zu, sei es in Ruanda oder Bosnien
oder bei der Zerstörung Grosnys durch die russische Armee. Die
Konferenz, in Kooperation mit der Peter-Weiss-Stiftung und dem
European
Network
of
Genocide
Scholars,
versuchte
die
Ursachenforschung, die juristischen Folgen und die Frage nach
Instrumenten und Methoden der Prävention zu verbinden. Mit
Zygmunt Bauman, emeritierter Professor der Soziologie aus
London, und Henry Huttenbach, Professor der Geschichte aus New
York, vereinte die Konferenz die beiden führenden Forscher
unserer Zeit zu diesem Thema. Die Frage nach ideologischen
Hintergründen und der Rolle von Welterklärungsmodellen, die zu
Vernichtungsideologien werden, war ebenso Gegenstand der
Erörterungen wie die Frage nach den nationalen und kollektiven
Erzählungen. Dabei zeichneten sich auch neue Strömungen der
Genozidforschung ab, die z.B. nach interkulturellen und
supranationalen Standards der juristischen Bearbeitung fragen.
Buchvorstellung mit Joschka Fischer: Bericht zur Lage der Welt
2005
Die Berichte zur Lage der Welt des renommierten Worldwatch
Institute sind seit fast 20 Jahren richtungsweisend in der
Diskussion um eine nachhaltige Entwicklung. Seit 2003 wird die
deutsche Ausgabe des Berichts vom Worldwatch Institute in
Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch
herausgeben. Joschka Fischer, Außenminister der rot-grünen
Bundesregierung, stellte das Buch am 27. April 2005 im
29

Auswärtigen

Amt

in

Berlin

vor.

Der

Bericht

kritisiert

den

vorherrschenden, militärisch verengten Sicherheitsbegriff nach dem
11. September 2001. Er stellt die Bedrohung durch terroristische
Anschläge in den Kontext anderer Bedrohungen globaler Sicherheit:
Klimawandel,

Bevölkerungsexplosion,

Umweltzerstörung.

Zudem

Kooperationsmechanismen

Waffenhandel

beschreibt
für

der

ein

und

Bericht

erweitertes

neue
globales

Sicherheitssystem.
Fischer sagte in seiner Rede, dass in Zeiten der Globalisierung
Demokratie,
Fragen“

Menschenrechte

mehr

Bodenschätze

und

seien.

Weil

die

dieser

Erde),

Ökologie

längst

Menschheit

seien

die

wachse
Staaten

keine
(aber
zur

„weichen
nicht

die

Kooperation

verurteilt.
„Sicherheit darf nicht exklusiv als Sicherheit der reichen Welt und
nicht vorrangig militärisch definiert werden“ meinte Ralf Fücks,
Vorstand

der

Heinrich-Böll-Stiftung.

Eine

vorausschauende

Sicherheitspolitik müsse sich um Bildung und Arbeit für Milliarden
junge Menschen in der „Dritten Welt“ kümmern, den Kampf gegen Hunger
und Epidemien aufnehmen und alles daran setzen, den Klimawandel zu
begrenzen.

„Eine

vorausschauende

konsequent

für

Menschenrechte

Armutsbekämpfung,

Umweltschutz,

Sicherheitspolitik
und

Demokratie

Demokratie
-

das

sind

muss

zudem

eintreten.
die

großen

Drei einer vorausschauenden Sicherheitspolitik“, betonte Fücks bei
der Vorstellung des Berichts.

Am Abend veranstaltete die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam
mit
Germanwatch
in
der
Reihe
"Nachhalten"
die
Podiumsdiskussion „Mars, Venus ... und die Erde - Ein
transatlantischer Dialog zum Bericht zur Lage der Welt 2005“ –
u.a.
mit
Christopher
Flavin,
Präsident
des
Worldwatch
Institutes, Washington, und Angelika Beer, MdEP Bündnis 90/Die
Grünen. Anfang Juni tourte schließlich Michael Renner,
Mitautor des Berichts, mit dem Buch quer durch Deutschland. In
Zusammenarbeit mit den Landesstiftungen der Heinrich-BöllStiftung stellte er es der Öffentlichkeit vor.
[Zur Lage der Welt 2005 – Globale Sicherheit neu denken
Hrsg. vom Worldwatch Institute in Zusammenarbeit mit der Heinrich-BöllStiftung und Germanwatch im Verlag Westfälisches Dampfboot
Münster 2005, 352 Seiten, € 19,90 ISBN 3-89691-614-9]

30

From Gaza to Nowhere – eine Tagung
Großes Interesse fand Ende Oktober 2005 die internationale
Tagung „From Gaza to Nowhere“ in Berlin, mit der die HeinrichBöll-Stiftung der Frage nach den Perspektiven des israelischpalästinensischen Friedensprozesses nachging. Im Vordergrund
der
Debatten
standen
sowohl
die
innergesellschaftlichen
Entwicklungen
in
Israel
und
Palästina
als
auch
das
internationale
Engagement
im
Rahmen
der
Road-Map
des
sogenannten „Nahost-Quartetts“; nicht zu vergessen die Chancen
alternativer zivilgesellschaftlicher Anstöße wie z.B. der
„Genfer Initiative“.
Die Analyse der innenpolitischen Entwicklungen zeigte, dass in
Israel die Akzeptanz für unilaterale Politik weiter gestiegen
ist, zumal politische Alternativentwürfe nicht zur Debatte
stehen, denn auch die politische Linke ist über die Frage des
weiteren Vorgehens tief gespalten. Die Siedlerbewegung, ein
Haupthindernis in der Friedensfrage, hat durch den Rückzug
eher Sympathien gewonnen, als verloren. Auf palästinensischer
Seite ist der Rückzug mit wenigen Hoffnungen verbunden, zumal
andere israelische Siedlungen ausgebaut werden. Andererseits
ist in den Palästinenser-Gebieten ein Ende von Korruption und
Misswirtschaft nicht in Sicht. Die zukünftige innenpolitische
wie außenpolitische Ausrichtung wusste niemand auf der Tagung
mit Sicherheit einzuschätzen. Gegenüber Israel habe die Hamas
jedenfalls
durch
ihre
Rhetorik
und
ihr
Handeln
nicht
unwesentlich zur Verschärfung des Konflikts beigetragen.
Hoffnung indes gibt immer noch die „Genfer Initiative“ und
ihre detaillierten Entwürfe zur Regelung des Konflikts. Sie
gilt
als
eines
der
viel
versprechendsten
zivilgesellschaftlichen israelisch-palästinensischen Projekte
und war vermutlich einer der Gründe, die die offizielle
israelische Politik überhaupt zum Handeln in der Frage des
Rückzugs bewegt hat. Allerdings ist ihre Bedeutung und
Unterstützung in beiden Gesellschaften wieder zurückgegangen.
Die
inhaltliche
Bedeutung
der
Genfer
Initiative
bei
zukünftigen Verhandlungen und Friedensregelungen bleibt jedoch
bestehen, deshalb ist es wichtig, weiter zu wirken und von
außen internationale Unterstützung zu leisten.
Das Fazit der Tagung war aber mit Blick auf die Vergangenheit
und auf die künftige Entwicklung des Nahost-Konflikts wenig
optimistisch. Es blieb jedoch die Hoffnung auf positive
31

Entwicklungen und auf die Wiederbelebung und Verstärkung
internationaler Initiativen zur Lösung des Konflikts und zur
Stabilisierung der gesamten Region.

[Von Gaza nach Genf
Die Genfer Friedensinitiative von Israelis und Palästinensern
Reiner

Bernstein

in

Zusammenarbeit

mit

der

Heinrich-Böll-Stiftung

im

Wochenschau Verlag. Schwalbach/Ts. 2005, 184 Seiten, Broschur, 19,80 Euro
ISBN 3-89974236-2]

Frauen als Schlichterinnen von Konflikten – Die International
Women Commission (IWC)

Seit 2002 unterstützt das Regionalbüro Brüssel der HeinrichBöll-Stiftung israelische und palästinensische Frauen bei
ihren Bemühungen zur Beilegung des Konflikts im Nahen Osten.
Es geht vor allem darum, Entscheidungsträger zu überzeugen,
dass Frauen in den Friedensprozess einbezogen werden müssen.
In
den
zurückliegenden
drei
Jahren
sind
verschiedene
Delegationen
in
Brüssel
mit
hohen
EU-Funktionären
zusammengekommen, u.a. mit Romano Prodi, dem damaligen
Präsidenten der Europäischen Kommission. Im Juli 2005 gelang
dann ein großer Sprung: Die International Women Commission
(IWC) wurde gegründet – initiiert und koordiniert vom
Regionalbüro Brüssel, mit finanzieller Unterstützung der
belgischen Regierung. Zuvor hatte der UN-Sicherheitsrat Frauen
empfangen, die über die Situation von Frauen und deren
Friedensaktivitäten im Nahost-Konflikt berichteten. Sie baten
den Sicherheitsrat, Instrumente bereitzustellen, mit denen
Frauen
zum
Friedensprozess
beitragen
können.
Die
Generaldirektorin von UNIFEM, Naoleen Heyzer, akzeptierte auf
Bitte des Brüsseler Regionalbüros die Initiative und lud im
Juli 2005 zur Bildung der IWC nach Istanbul ein. Die
Teilnehmerinnen einigten sich in zwei arbeitsintensiven Tagen
auf eine Grundcharta und gründeten die IWC. Im September 2005
wurde die Kommission in Israel und Palästina vorgestellt, im
November 2005 in Brüssel.
Wahlgesetzgebung in Palästina
32

Für die 2005 anvisierte Wahl eines neuen Parlaments benötigte
Palästina ein neues Wahlrecht. Muwatin, das palästinensische
Institut für Demokratiestudien, führte mit Unterstützung des
Büros der Heinrich-Böll-Stiftung in Ramallah bereits seit
mehreren Jahren vergleichende Studien über unterschiedliche
Wahlrechtssysteme durch. Aus vielen Diskussionen und Workshops
mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Wissenschaft
und Zivilgesellschaft entstand schließlich ein Gesetzentwurf,
der eine Kombination von Verhältnis- und Mehrheitswahlrecht
vorsah. Da die Wahlen im Sommer stattfinden sollten, spitzten
sich nach monatelangen Auseinandersetzungen im Parlament und
seinen Ausschüssen in der ersten Jahreshälfte die Debatten zu.
Das Stiftungsbüro in Ramallah wurde von Parlamentariern um
Unterstützung gebeten: Es mangele insbesondere an Kenntnissen
über
Funktionsweise
und
politische
Implikationen
eines
Verhältniswahlrechts sowie an gesetzgeberischen Erfahrungen.
Auf Einladung des Büros reiste ein deutscher Landeswahlleiter
nach
Palästina,
um
in
Workshops
für
unterschiedliche
Zielgruppen in Ramallah und Jerusalem über die deutschen
Erfahrungen mit einem gemischten Wahlsystem zu informieren.
Schnell wurde deutlich, dass ein Wahlsystem nicht nur ein
Zählsystem
für
Wählerstimmen
darstellt,
sondern
in
vielfältiger Weise die politische (Parteien)Landschaft und
Kultur prägt. Allerdings zeigten die Parlamentarierinnen und
Parlamentarier
erwartungsgemäß
weniger
Interesse
an
der
Demokratietheorie als an der Frage, welches System am besten
ihre Wiederwahlchancen verbessert. Intensiv diskutiert wurde
vor
allem
auch
der
Zusammenhang
zwischen
einem
Verhältniswahlrecht,
das
die
Aufstellung
einer
Liste
erfordert, und den Erfordernissen einer innerparteilichen
Demokratie.
Da
insbesondere
letztere
in
einem
Land
gewöhnungsbedürftig ist, in dem z.B. Yassir Arafat allein
entschied, wer als Vertreter seiner Fatah kandidieren durfte,
bot
die
Einführung
eines
Verhältniswahlsystems
viel
politischen
Zündstoff.
Ergebnis
der
Debatten
war
ein
klassischer Kompromiss: Zur Hälfte sollte das Parlament durch
ein
proportionales
Wahlrecht,
zur
anderen
Hälfte
per
Mehrheitswahlrecht gewählt werden – und sicherheitshalber
wurde die Parlamentswahl erst einmal verschoben. Sie fand
schließlich im Januar 2006 statt.
33

Iran nach den Wahlen - Zurück in die Zukunft?
Mit

großer

Mehrheit

Ahmadinedschad
gewählt.

im

Der

wurde

Juli

der

2005

international

Teheraner

zum

wenig

neuen

Bürgermeister
iranischen

bekannte

Mahmud

Präsidenten

konservativ-religiöse

Hardliner hatte sich im Iran einen Namen als Anwalt und Förderer
marginalisierter Bevölkerungsschichten gemacht und fand mit seinem
Programm vor allem in dieser Gruppe eine breite Zustimmung. Für die
Reformbewegung im Iran endeten die Wahlen mit einem Desaster, denn
ihr Kandidat Mostafa Moin landete auf einem der letzten Plätze. Die
nun

endgültig

beendete

Reformperiode

hat

zwar

Entfaltungsmöglichkeiten für die Zivilgesellschaft geschaffen, aber
nicht zu einer Demokratisierung der politischen Machtverhältnisse
oder zu einer grundlegenden Verbesserung der Lebensverhältnisse der
Bevölkerung geführt. Im Gegenteil: Die iranische Gesellschaft ist in
eine

kleine,

modern

Mittelschicht

und

denkende,

eine

von

sozial

wachsender

und

ökonomisch

aufstrebende

Arbeitslosigkeit

und

Armut

betroffene Masse gespalten.
Unmittelbar nach den Wahlen im Iran veranstaltete die Heinrich-BöllStiftung in ihrer Reihe „Debatten zur Internationalen Politik“ eine
Podiumsdiskussion über die politische und gesellschaftliche Dynamik
und

die

Perspektiven

Podiumsgäste

der

Farah

zukünftigen

Karimi,

Entwicklung

Abgeordnete

im

der

Iran.
Grünen

Die
im

niederländischen Parlament, der Publizist Bahman Nirumand und der
Journalist Rudolf Chimelli ließen wenig Zweifel daran, dass sich die
Politik Ahmadinedschads im wesentlichen auf ökonomische Reformen und
Umverteilung

sowie

gesellschaftliche
weiterhin

nicht

auf

eine

Entwicklung
davor

konservativ-religiöse
konzentrieren

zurückscheuen,

wird.

Wende
Er

außenpolitische

in

werde

der
auch

Streitpunkte

wie das umstrittene Atomprogramm für innenpolitische Rhetorik und
Propaganda

zu

benutzen.

Einigkeit

bestand

darin,

dass

die

Verhandlungen und Gespräche mit der internationalen Gemeinschaft, im
besonderen mit den USA und der EU, in Zukunft schwieriger werden
dürften.

[IRAN-REPORT.

Mit

dem

monatlich

erscheinenden

iran-report

von

Bahman

Nirumand stellt die Heinrich-Böll-Stiftung eine Zusammenfassung relevanter
Ereignisse im Iran zur Verfügung. Der iran-report wird auf Wunsch per E-

34

Mail

verschickt,

er

kann

aber

auch

unter

wwww.boell.de/presse

herunter

geladen werden.]

Auf dem Weg zu einem zivilgesellschaftlichen
Südasien – die „Dehli-Lahore-Talks“

Dialog

in

Südasien
zählt
noch
immer
zu
den
unsichersten
und
konfliktreichsten Regionen der Welt. Neben dem nicht enden
wollenden Tamilenkonflikt auf Sri Lanka, dem erstarkenden
Fundamentalismus
in
Bangladesch
und
den
subnationalen
Konflikten in Indien sind es vor allem Pakistan und
Afghanistan, die zum Sinnbild von „zerrissenen Nationen“ und
drohendem Staatsverfall geworden sind. Auch der indischpakistanische Konflikt um die Krisenregion Kaschmir dauert
mittlerweile seit mehr als einem halben Jahrhundert an und
zeugt
von
den
schwelenden
politischen
und
kulturellen
Gegensätzen der Region. Das Länderbüro Pakistan/Afghanistan
der
Heinrich-Böll-Stiftung
möchte
mit
diesem
neuen
Arbeitsschwerpunkt
der
Herausforderung
für
Frieden
und
Sicherheit in der Region gerecht werden. Den Auftakt für eine
Reihe von Veranstaltungen und Initiativen bildete ein „Runder
Tisch“ im August 2005 in Lahore, an dem Friedensaktivisten und
Wissenschaftler aus Pakistan, Afghanistan und Indien den Weg
zu einem gesellschaftlichen Dialog für Frieden und Sicherheit
ausloteten. Im Vordergrund der Vorträge und Diskussionen
standen die Rolle der Frauen, der Jugendlichen und der Medien
in den Konflikten, die historischen Wurzeln der Spannungen und
die bedrohlichen Auswirkungen des religiösen Fundamentalismus.
Der Runde Tisch lieferte so die Grundlage zur Identifizierung
der wichtigsten Anknüpfungspunkte, die in den so genannten
„Delhi-Lahore-Talks“ eine Fortsetzung finden sollen.

Statebuilding und Demokratieförderung in fragilen Staaten am
Beispiel Afghanistan
In Afghanistan engagiert sich die Heinrich-Böll-Stiftung vor
allem
für
die
Demokratie
in
den
„traditionellen“
Gesellschaften der paschtunischen Provinzen im Südosten des
Landes. Hier liegt die Macht weniger bei der Zentralregierung
in Kabul als bei den Stammesführern. Das von der Stiftung
35

geförderte
Tribal
Liaison
Office-Projekt
(TLO-Projekt)
versucht, dialogbereite Stammesführer in den demokratischen
Wiederaufbauprozess Afghanistans zu integrieren und ihre
jeweiligen Stammesgebiete für Reformen zu öffnen. Mit diesem
Projekt betrat die Stiftung in einem auch regionalpolitisch
höchst brisanten Gebiet Neuland. Eine ständige konzeptionelle
und selbstkritische Begleitung und Beratung des Projekts ist
daher erforderlich. Den Rahmen hierfür bietet seit Anfang 2005
die
stiftungsinterne
Projektgruppe
„Statebuilding
und
Demokratieförderung in fragilen Staaten“. Bereits etabliert
hat sich hingegen das Fachgespräch zur Demokratieentwicklung
in Afghanistan, das 2005 bereits zum 5. Mal auf der Galerie
der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand. Thema des diesjährigen
Gesprächs
war
die
Frage
der
Einbindung
traditioneller
Strukturen in den Demokratisierungsprozess in Afghanistan. Ist
es ein innovativer Weg der Demokratieförderung oder eine
Schwächung staatlicher Institutionen? Und kann und darf eine
Stiftung,
die
in
vielen
Ländern
ein
pluralistisches
Parteiensystem, die Partizipation von Frauen, unabhängige
Medien
und
zivilgesellschaftliche
Initiativen
fördert,
ausgerechnet
in
Afghanistan
mit
wertkonservativen,
traditionellen
und
patriarchalen
Stammesstrukturen
zusammenarbeiten? Verfestigt sie mit der damit einhergehenden
Aufwertung der dialogbereiten Stammesführer nicht gerade ihr
Patriarchat und unterminiert zudem die Entwicklung des für
Afghanistan notwendigen staatlichen Strukturaufbaus? Trotz
dieser Ambivalenzen wurde das TLO-Projekt insgesamt positiv
bewertet und die Stiftung ermuntert, das Projekt fortsetzen.
Die Stiftung wird das TLO-Projekt also auch in den nächsten
Jahren unterstützen und so wichtige Erfahrungen in der
Zusammenarbeit mit traditionellen und religiösen Führern in
fragilen Staaten sammeln.
Protokoll
des
Gesprächs
unter
http://www.boell.de/downloads/asien/afgh_protokoll6-3.pdf

Kenia auf der Suche nach einer neuen Verfassung
Mit einer Wahlniederlage endete im Dezember 2002 die 40jährige,
autoritäre
Regierungszeit
der
Partei
„Kenias
Afrikanische Nationalunion“ (KANU). Als Gewinner gingen die
36

unter
der
Nationalen
Regenbogen-Koalition
(NARC)
zusammengeschlossenen Oppositionsparteien hervor. NARC war mit
einem ambitionierten Reformprogramm an die Macht gekommen, das
u.a.
wirtschaftliche
und
soziale
Reformen,
Rechtsstaatlichkeit, Bekämpfung von Korruption und vor allem
einen
schnellen
Abschluss
des
Verfassungsreformprozesses
versprach. Dieser ist allerdings bislang noch nicht beendet.
Mit dem Regierungswechsel musste auch die künftige Rolle der
Zivilgesellschaft neu definiert werden. Viele Mitglieder der
neuen Regierung hatten ihr zuvor angehört. Die Herausforderung
für die Zivilgesellschaft Kenias bestand nun darin, ihre
Befangenheit
gegenüber
einstigen
Mitstreitern
in
der
Opposition zu überwinden und ihre Rolle als politisches
Korrektiv für eine verantwortungsbewusste Regierungsführung
einzunehmen. Eine Studie der Heinrich-Böll-Stiftung empfahl die
Bildung eines Think Tank zur politischen Beobachtung und zur
Entwicklung neuer Ideen. So entstand Sayari (Suaheli für
„Planet“), eine von der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützte
Initiative,
die
sich
mit
sozialen,
politischen
und
wirtschaftlichen Problemlagen befasst und hierzu alternative
Lösungsansätze entwickelt. Besondere Dringlichkeit kommt dabei
einem zügigen Abschluss des Verfassungsreformprozesses zu. Im
Jahr 2005 war Sayari mit Expertenanalysen, Runden Tischen und
öffentlichen Foren an einem Verfassungsentwurf beteiligt, in
den
sämtliche
Forderungen
der
Zivilgesellschaft
Eingang
fanden. Mit Unterstützung der Stiftung konnten sich auch
Frauenorganisationen wie FIDA Kenya und die Women Political
Alliance
of
Kenya
(WPAK)
an
der
Verfassungsdiskussion
beteiligen.
Jedoch
wurde
der
Verfassungsentwurf
beim
Referendum im November 2005 abgelehnt, u.a. wegen der
umstrittenen großen Machtfülle die dem Präsidenten eingeräumt
werden sollte. Angeführt wurde die Ablehnungsfront durch das
Orange Democratic Movement, ein Zusammenschluss der Liberal
Democratic Party (LDP) mit fortschrittlichen KANU-Mitgliedern
und Vertretern der Zivilgesellschaft. Die LPD, wichtigste
Partei innerhalb des Regierungsbündnisses, musste daraufhin
die Koalition verlassen, was der Koalitionsregierung praktisch
ein Ende setzte.
Angesichts der politischen Polarisierung nach dem Referendum
und
der
Notwendigkeit,
den
Verfassungsreformprozess
wiederaufzunehmen,
mobilisierte
Sayari
eine
Gruppe
unabhängiger Akteure, um neue Vorschläge zu erarbeiten.
37

[Europäische Nachbarschaftspolitik]

Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt der Heinrich-Böll-Stiftung ist
die europäische Integration und Verfassungsdiskussion. Durch
ihre Bildungsarbeit will die Stiftung eine informierte
Öffentlichkeit schaffen, die sich aktiv in die Diskussion um
die Zukunft Europas einmischt. Sie kooperiert dabei mit
Nichtregierungsorganisationen und politischen Akteuren, mit
Expertinnen und Experten aus „Think Tanks“, Universitäten und
grünen Netzwerken. Insbesondere das Stiftungsbüro in Brüssel
beobachtet die Arbeit der Europäischen Institutionen und
bietet selbst Veranstaltungen an.

Außenpolitische Jahrestagung der Heinrich-Böll-Stiftung

Mit der im letzten Jahr vollzogenen Ost- und Süderweiterung
stößt Europa geographisch und kulturell an neue Grenzen. Über
die unmittelbare Nachbarschaft hinaus wird die Erweiterung die
politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu anderen Teilen
der
Welt
verändern.
Die
gegenseitige
politische
und
wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen der EU und ihren
Nachbarn ist bereits Realität. Auch wenn noch weitere Staaten
der EU beitreten werden, so wird doch heute deutlich, dass das
Instrument des EU-Beitritts an seine Grenzen stößt. Die
Debatte
um
die
„Finalität“
Europas
bekommt
eine
neue
Aktualität; andere, abgestufte Formen der Integration und
Kooperation müssen die Erweiterung ergänzen.
Die neue EU-Nachbarschaftsstrategie war Thema der mittlerweile
6. Außenpolitischen Jahrestagung der Heinrich-Böll-Stiftung,
die vom 2.-3. Juni 2005 in der Berlin-Brandenburgischen
Akademie der Wissenschaften stattfand. Anhand einer Reihe von
Fragen
versuchten
Vertreterinnen
und
Vertreter
aus
Wissenschaft und Politik die europäischen Instrumente der
politischen und finanziellen Zusammenarbeit zu sichten. Dabei
ging
es
u.a.
um
mögliche
Alternativen
zu
einer
Vollmitgliedschaft: z.B. Beitritt zum Binnenmarkt oder zur
Wirtschaftsund
Währungsunion
oder
Teilhabe
an
der
Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Diskutiert wurde
38

auch die Frage, was die Kriterien für eine differenzierte
Nachbarschaftspolitik
sein
könnten.
Wer
kann
auf
eine
Vollmitgliedschaft hoffen und wer nicht? Auch der Umgang der
EU mit autoritären und korrupten Regimes in der Nachbarschaft,
z.B. mit Belarus oder entsprechenden Staaten jenseits des
Mittelmeers, war ein Thema.
Bei der Außen- und Sicherheitspolitik der EU stellt sich die
Frage, ob die bestehenden regionalen und transatlantischen
Sicherheitsarrangements ausreichend sind und inwieweit das
Instrumentarium der GASP weiterentwickelt werden muss.
Sowohl die Nachbarn im Süden als auch im Osten gehören zu den
wichtigsten Energieexporteuren in die EU. Eine strategische
Energiepartnerschaft
als
Kernstück
der
EUNachbarschaftspolitik muss neben Fragen der Versorgungssicherheit auch Belange von Umwelt, Natur- und Klimaschutz
berücksichtigen.
Unter den Referentinnen und Referenten, die die EU, ihre
Nachbarschaftsländer sowie USA und Russland repräsentierten,
waren
Jossi
Beilin,
israelischer
Minister
a.D.,
Klaus
Scharioth, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, und Oksana
Antonenko, International Institute for Strategic Studies,
London.
Mit dieser Veranstaltung knüpfte die Heinrich-Böll-Stiftung an
ihre 2. Außenpolitische Jahrestagung im Jahr 2000 an, die sich
mit den „Grenzen Europas“ beschäftigte, sowie an die Konferenz
„Jenseits von Irak“, die im Mai 2004 Reformvorschläge für die
Transformation des Nahen und Mittleren Ostens – darunter der
Nachbarn der EU im Mittelmeerraum – diskutierte.
Die
Außenpolitische
Jahrestagung
2005
„Die
Nachbarschaftspolitik der Europäischen Union“ wurde auf CD ROM
dokumentiert. Diese kann unter aussenpolitik@boell.de bestellt
werden.

EU-Projekt „Nachbarschaften in Europa“
Die Folgen der EU-Erweiterung und die neue Europäische
Nachbarschaftsstrategie standen auch im Zentrum des Projektes
„Nachbarschaften in Europa: In neuen Grenzen mit gemeinsamen
Perspektiven“. Auf über 23 Podiumsdiskussionen, Tagungen und
39

Kongressen
konnten
sich
Bürgerinnen
und
Bürger
aus
Deutschland, Österreich, Polen, Tschechien und der Slowakei
über die Folgen der Erweiterung der Europäischen Union
informieren, u.a. zu den Themen „Minderheitenpolitik in der EU
der 25“, „Zur Situation der Sinti und Roma in den VisegrádStaaten“,
„Perspektiven
demokratischer
Entwicklungen
in
Weißrussland“ und „Kroatien und die EU: Zukunftsmodell für den
Balkan?“
Das
Projekt
„Nachbarschaften
in
Europa“,
das
auf
dem
Stiftungsprojekt „Flüsse verbinden europäische Regionen“ aus
dem Jahr 2004 aufbaut, wird aus Mitteln der Europäischen
Kommission
gefördert
und
ist
Bestandteil
des
PRINCEInformationsprogramms der europäischen Bürger "Erweiterung
2004“. Getragen wird es von der Grünen Bildungswerkstatt
Österreich,
der
Heinrich-Böll-Stiftung
und
den
acht
Landesstiftungen in Hessen, NRW, Thüringen, Baden-Württemberg,
Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Brandenburg und Sachsen)
sowie den Auslandsbüros der Stiftung in Warschau und Prag.
[Eine Online-Präsentation des Projektes „Nachbarschaften in Europa“ findet
sich unter www.boell.de, auch die Dokumentation des Gesamtprojekts auf CDROM

sowie

Publikationen

zu

ausgewählten

Themen

sind

über

die

Stiftung

erhältlich.]

Die Ukraine nach der „orangenen“ Revolution
Kurz nach der so genannten „orangenen“ Revolution organisierte
die Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit dem German
Marshall Fund of the United States in Kiew eine Veranstaltung
zur europäischen Perspektive der Ukraine. Im informellen
Rahmen diskutierten Vertreterinnen und Vertreter der EU, der
NATO, westlicher Think Tanks und Stiftungen sowie der
demokratischen politischen Kräfte in der Ukraine darüber, wie
die
mittelfristige
europäische
Perspektive
der
Ukraine
aussehen
könnte
und
welche
Schritte
kurzfristig
dafür
notwendig wären. Einigkeit bestand darüber, dass sich die
Ukraine nach der orangenen Revolution stärker nach Westen
orientieren wird und dass das Instrumentarium der Europäischen
Nachbarschaftspolitik nur ein erstes Angebot zur Integration
der Ukraine in die euroatlantischen Strukturen sein kann.
Konsens gab es auch darüber, dass die inneren Reformen der
Ukraine unter der neuen demokratischen Regierung Vorrang haben
40

und sich an deren Erfolg die „EU-Fähigkeit“ des Landes messen
lassen muss.
Diese und eine frühere Veranstaltung aus dem Jahre 2004, noch
vor
dem
ersten
Durchgang
der
ukrainischen
Präsidentschaftswahlen, sind in dem Buch Ukraine after the
Orange
Revolution
dokumentiert.
Das
Buch
kann
unter
www.boell.de/de/05_world/3391.html kostenfrei herunter geladen
werden.

[Aktueller

Buchtitel:

Mykola

Rjabtschuk,

Die

reale

und

die

imaginierte

Ukraine. Erschienen im Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit der HeinrichBöll-Stiftung, Frankfurt a.M. 2005, 176 Seiten, € 9,-]

Internationale Konferenz: Russland und Europa – Russland in
Europa?
Die Auflösung des sowjetischen Imperiums und die Erweiterung
der Europäischen Union haben die politische Landkarte in
Europa radikal verändert. Heute besteht das politische Europa
fast nur noch aus der EU, einigen weiteren Staaten, die
erklärt haben, Mitglied der EU werden zu wollen, und eben
Russland, von dem nicht klar ist, wie weit es sich als
europäische Macht versteht. Wie kann dieses Verhältnis
dauerhaft friedlich gestaltet werden? Geht es um Partnerschaft
in einem „gemeinsamen europäischen Haus“ oder um eine
spannungsreiche Neuauflage der „friedlichen Koexistenz“?
Einen Tag nach dem EU-Russland-Gipfel in Moskau analysierten
Fachleute aus Deutschland, Polen, der Ukraine, Russland, den
USA und Georgien auf einer internationalen Konferenz der
Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin die Beziehungen Russlands zum
Westen und der EU. 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten
Weltkriegs und 15 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion ist
das Verhältnis Russlands zum Westen und im besonderen zur
Europäischen Union seltsam unbestimmt. Es schwanke, so die
Analyse,
zwischen
Zusammenarbeit
in
vielen
praktischen
politischen Fragen und teils untergründigem, teils heftigem
Dissens, wenn es um für die europäische Politik wichtige Werte
wie Demokratie, Menschenrechte und Freiheit gehe. Das brutale
russische Vorgehen in Tschetschenien stoße in Europa zwar auf
Kritik, bleibe aber folgenlos für die politischen Beziehungen.
Auch das Unbehagen über die Einschränkung grundlegender
41

Freiheitsrechte in Russland (Wahlen, Antiterrorgesetz, Gesetz
über Richterwahl, Abschaffung der Direktwahl der Gouverneure,
Kontrolle der Medien, Druck auf Nichtregierungsorganisationen)
wachse. Die staatlich inszenierte Zerschlagung des JukosKonzerns und der Prozess gegen Michail Chodorkowskij schürten
Irritationen über die mangelnde Rechtssicherheit und die
ökonomische Rolle staatlicher Akteure in Russland. Umgekehrt
würde in Russland das „Normative Imperium“ EU mit seinem
Engagement für eine demokratische Entwicklung in der Ukraine
von großen Teilen der politischen Elite als Bedrohung der
eigenen Interessen empfunden. Es falle daher schwer, die
widersprüchlichen
Entwicklungen
in
Russland
auf
einen
gemeinsamen Nenner zu bringen: Handelt es sich um den mühsamen
Weg zu Demokratie und Marktwirtschaft unter schwierigen
Bedingungen,
oder
sind
wir
Zeugen
einer
autoritären
Rückwendung? Die auf der Konferenz angestoßene Diskussion wird
im Jahr 2006 mit Veranstaltungen in Warschau und Moskau
fortgesetzt.

Die Gegenwart der Vergangenheit - Zum
Vertreibung und Vernichtung der Armenier

90.

Jahrestag

der

Geschichte ist ein Politikum: Mit Geschichte wird Politik
gemacht, und die Interpretation der Geschichte hat eine weit
reichende Bedeutung für das politische Selbstverständnis einer
Gesellschaft. Für kaum einen geschichtspolitischen Konflikt
gilt das heute so sehr wie für die Auseinandersetzung um die
Vertreibung und Ausrottung eines Großteils der armenischen
Bevölkerung im Osmanischen Reich im Schatten des Ersten
Weltkriegs. In der Forschung ist heute weitgehend anerkannt,
dass in den Jahren 1915 bis 1917 über eine Million Armenier in
der Türkei bei der planmäßigen Vertreibung und Vernichtung
durch nationaltürkische Kräfte ums Leben kamen. Die HeinrichBöll-Stiftung nahm den 90. Jahrestag der Vertreibung der
Armenier zum Anlass, um mit Vertreterinnen und Vertretern aus
Wissenschaft und Politik über die armenische Tragödie und
deren aktuelle politische Bedeutung zu diskutieren. Zum
Auftakt der Tagung gab es Ralph Giordanos bahnbrechenden Film
„Die armenische Frage existiert nicht mehr“. Der Filmtitel ist
ein Zitat des damaligen Innenministers und Drahtziehers Talaat
42

Pascha, der nach dem Ersten Weltkrieg von einem osmanischen
Sondergericht wegen seiner Rolle bei der „Ausrottung eines
ganzen Volkes“, wie es in der Anklageschrift hieß, zum Tode
verurteilt wurde. Er konnte mit Hilfe des deutschen Militärs
nach Deutschland fliehen und wurde 1921 in Berlin von einem
armenischen Studenten erschossen, dessen Familie in den
„Säuberungen“ umgekommen war. Der Film vermittelt eine Ahnung
von den Ausmaßen und der Brutalität dieser Ereignisse, die das
Vorspiel für die folgenden „ethnischen Säuberungen“ und
Genozide
im
Europa
des
20.
Jahrhunderts
waren.
Die
anschließende Diskussion befasste sich vor allem mit dem
aktuellen Bundestagsbeschluss zu diesem ersten „modernen
Völkermord“
auf
europäischem
Boden.
Bei
der
späteren
Diskussion um den Stand der historischen Aufarbeitung in
Armenien und in der Türkei ging es insbesondere um die Frage,
wie groß die Diskrepanz hinsichtlich des Forschungsstandes in
beiden Ländern noch immer ist. Was das türkisch-armenische
Verhältnis heute angehe, so stelle sich u.a. die Frage nach
den Aussichten auf eine Normalisierung des Verhältnisses
zwischen beiden Staaten. In der türkischen Öffentlichkeit sei
zwar in den letzten Jahren die Bereitschaft gewachsen, sich
mit diesem Kapitel der Geschichte auseinanderzusetzen. Es
werden Aufsätze und Bücher veröffentlicht, die sich der
historischen Wahrheit annähern. Gleichzeitig verweigere sich
jedoch die Türkei als Rechtsnachfolgerin des Osmanischen
Reiches bis heute einer angemessenen Aufarbeitung. Wer in der
Türkei die offiziellen Sprachregelungen durchbreche, müsse mit
einer Anklage wegen Verunglimpfung der Republik rechnen, wie
zuletzt Orhan Parmuk. Aber auch für Deutschland gebe es
Anlass,
sich
einer
Aufarbeitung
zu
stellen.
Neuere
Veröffentlichungen
haben
herausgearbeitet,
dass
die
Deportation und Vernichtung der Armenier unter den Augen
deutscher Offiziere stattgefunden hat, dass die politische und
militärische Führung des Deutschen Reiches von Anfang an über
die Verfolgung der Armenier informiert war und sie aus
strategischem Kalkül gedeckt hat.
Seit dem Beginn der Verhandlungen um den TürkeiBeitritt zur EU hat die Debatte eine neue Aktualität
erfahren. Mit der Tagung wollte die Heinrich-BöllStiftung einen kleinen Beitrag zur Versöhnung der
Völker in einem gemeinsamen Europa leisten, da der Weg
43

dahin nur über die offene Aufarbeitung der Geschichte
führt, die diese Völker heute noch trennt.

Die Entwicklung des ländlichen Raums in der Türkei

In
der
Türkei
arbeiten
heute
rund
ein
Drittel
der
Beschäftigten
in
der
Landwirtschaft,
viele
davon
in
Familienbetrieben
ohne
eigenes
Einkommen.
Die
Arbeitsintensität im Agrarsektor ist hoch, die Betriebe sind
überwiegend klein und weit verstreut. Landwirtschaftliche
Institutionen sind nur unzureichend vorhanden. Im Zuge des EUBeitrittsprozesses
wird
der
Agrarsektor
mit
enormen
Veränderungen konfrontiert sein. Die Türkei muss sich gut auf
die erforderlichen Strukturreformen vorbereiten, nicht zuletzt
um hohe soziale und wirtschaftliche Folgekosten zu vermeiden.
Bislang löst die Unsicherheit hinsichtlich der Zukunft des
landwirtschaftlichen Sektors bei der Bevölkerung große Ängste
aus und die Skepsis gegenüber dem EU-Beitritt ist mit dem
Beginn der Beitrittsverhandlungen im Oktober 2005 eher
gewachsen. Umgekehrt muss auch die Agrarpolitik der EU
reformiert werden. Der Beitritt einiger neuer Mitgliedsstaaten
mit
einem
hohen
Anteil
des
primären
Sektors
am
Bruttosozialprodukt war für die EU mit enormen Kosten
verbunden. Gleichzeitig forderte die letzte Erweiterungsrunde,
längst
überfällige
Reformen
endlich
anzugehen.
Die
Beitrittsperspektive der Türkei wird daher in der EU nicht nur
als potentielle Belastung, sondern auch als Motor für weitere,
dringend
erforderliche
Reformen
der
europäischen
Landwirtschaftspolitik
gewertet.
Vor
diesem
Hintergrund
organisierte das Landesbüro der Heinrich-Böll-Stiftung im
November
2005
die
Konferenz
„Türkei
–
EU
–
Landwirtschaftspolitik“ in Istanbul. Die Teilnahme von rund
200 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft, Politik,
Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie
die Intensität der Debatte zeugten von einem starken Interesse
an diesem Thema. Während der Konferenz wurde mit Blick auf die
Erfahrungen in Polen deutlich, dass eine Agrarreform, um die
Belange
der
Bevölkerung
zu
berücksichtigen,
eine
gut
organisierte und informierte Zivilgesellschaft erfordert. Auch
44

könnten europäische Förderinstrumente nur dann genutzt werden,
wenn
sich
lokale
Initiativen
mit
eigenen
Projekten
herausbilden. Immer wieder wurde von den Teilnehmenden betont,
dass die Türkei eigene Vorstellungen über die Zukunft einer
kohärenten
Landwirtschaftspolitik
entwickeln
und
auch
gegenüber der Europäischen Union einfordern müsse. Damit
verbindet sich für manchen auch die Hoffnung, die Türkei
könnte möglicherweise sogar eine Lokomotivfunktion übernehmen,
wenn es um die Durchsetzung einer sinnvollen europäischen
Landwirtschaftspolitik,
basierend
auf
einem
Konzept
für
ländliche Entwicklung, geht. Der gegenseitige Austausch von
Informationen und Ansätzen ist hierfür unabdingbar, das
Istanbuler Büro der Stiftung will dafür auch weiterhin ein
Forum schaffen.

45

[Feminismus und Geschlechterdemokratie]
Die

gleichberechtigte

Teilhabe

von

Frauen

in

Politik

und

Gesellschaft sind zentrale Anliegen der Heinrich-Böll-Stiftung. Über

ihre Auslandbüros unterstützt sie weltweit frauenpolitische
Netzwerke und Organisationen. Zudem berät sie Organisationen
und Institutionen bei der Umsetzung von Gender Mainstreaming
und Geschlechterdemokratie. Geschlechterdemokratie ist bereits
seit vielen Jahren ein zentrales Leitbild der Heinrich-BöllStiftung – schon bei der Planung von Projekten und Programmen
wird die Geschlechterperspektive berücksichtigt.
Femme Globale – Geschlechterperspektiven im 21. Jahrhundert
Globale Geschlechtergerechtigkeit – ist das reine Utopie? Vor
über einem Jahrzehnt wurde auf der UN-Frauenkonferenz in
Peking
ein
umfassender
Handlungskatalog
für
die
internationalen Frauenrechte vorgelegt. Die Plattform von
Peking galt als ein Meilenstein in der Geschichte der
Frauenbewegung. Doch die Bilanz zehn Jahre nach Peking ist
alles andere als zufrieden stellend. Politisch-religiöse
Fundamentalismen und die Beschneidung von Frauenrechten lassen
gar einen Rückschlag fürchten. Die Heinrich-Böll-Stiftung nahm
dies zum Anlass, in Kooperation mit dem Zentrum für
Transdisziplinäre Geschlechterstudien der Humboldt-Universität
zu Berlin den internationalen Kongress “Femme Globale –
Geschlechterperspektiven im 21. Jahrhundert” im September 2005
in Berlin zu veranstalten, um die neuen frauenpolitischen
Themen und Herausforderungen zu diskutieren. Insgesamt nahmen
rund 1.000 Frauen und Männer aus ca. 30 Ländern an den acht
Plenarveranstaltungen und 36 Workshops teil.
Das Themenspektrum reichte von “Gender Mainstreaming” über
„Fundamentalismen und Frauenrechte“ bis zu „Biopolitik“, die
Reform
der
Vereinten
Nationen
oder
die
Zukunft
der
Wasserversorgung.
Auch
das
Feministische
Institut
der
Heinrich-Böll-Stiftung war mit zwei Workshops und einem
Plenarvortrag am Kongress beteiligt, die sich mit einem der
aktuellen
Schwerpunkte
des
Instituts
beschäftigten:
die
Friedensund
Sicherheitspolitik
aus
feministischer
Perspektive sowie die Umsetzung der UN-Resolution 1325. (Diese
Resolution regelt verbindlich, dass Frauen u.a. in UNMissionen,
bei
Verhandlungen
und
Übereinkünften
zur
46

Herstellung
oder
Sicherung
von
Frieden
angemessen
zu
beteiligen sind.)
Bei der Auftaktdebatte zu Gender Mainstreaming waren sich die
meisten
Teilnehmerinnen
und
Teilnehmer
trotz
großer
Ernüchterung über die in den letzten zehn Jahren erzielten
Fortschritte in der Frauenpolitik einig, dass es nicht um ein
Entweder-Oder von Gender Mainstreaming gehe, sondern um eine
strategisch orientierte Nutzung und Mischung institutioneller
und gesellschaftspolitischer Prozesse.
Auf die größten Widerstände treffen Frauenrechtlerinnen nach
wie vor in islamischen Ländern. Diese hatten auch schon in
Peking
angekündigt,
verschiedene
Forderungspunkte
nicht
umzusetzen. “In diesen Ländern”, so Barbara Unmüßig von der
Heinrich-Böll-Stiftung,
“ist
die
Bearbeitung
der
Geschlechterfrage auf einem ganz anderen Niveau. Da geht es
zunächst darum, überhaupt erst die politische Teilhabe von
Frauen zu erstreiten.”
Der Workshop zum Thema „Reproduktive Rechte – reproduktive
Freiheit” machte deutlich, wie unterschiedlich die Probleme
schwarzer Frauen in Brasilien sind, die ihre reproduktive
Freiheit durch Sterilisierungsprogramme beschränkt sehen, und
die
indischer
Frauen,
die
gegen
die
vorgeburtliche
Geschlechtsauswahl kämpfen.
Zahlreiche unabhängige Organisationen nutzten den Kongress, um
Workshops und ein kulturelles Rahmenprogramm anzubieten, so
z.B. die Straßentheatergruppe “Piquets” aus Berlin. Darüber
hinaus zeigte die Organisation Brot für die Welt eine
interaktive Ausstellung zu häuslicher Gewalt.
Mit diesem internationalen Kongress hat sich die Frauen- und
Genderbewegung auf jeden Fall zurückgemeldet – auch wenn
weiterhin viel zu tun bleibt.
[“Geschlechterpolitik
und
Geschlechtergerechtigkeit
können
unter den heutigen Bedingungen ökonomischer und kultureller
Globalisierung
nur
noch
transnational
verstanden
und
analysiert werden" Barbara Unmüßig, Vorstand der HeinrichBöll-Stiftung bei der Eröffnungsrede zum Kongress.]
[Ende Mai 2006 erscheint ein Positionspapier des Feministischen Instituts:
„Frieden

und

Sicherheit

für

alle!

Eine

feministische

Kritik

der

neuen

Sicherheitspolitik“]

47

Gendersensible Haushalte und Politik im öffentlichen Sektor

In Zeiten knapper Kassen werden allerorts auch die Budgets für
öffentliche
Ausgaben
gesenkt.
Die
Auswirkungen
der
Einsparungen auf Frauen und Männer können – direkt oder
indirekt
–
sehr
unterschiedlich
sein.
Um
geschlechtsspezifische
Nachteile
auszuschließen,
müssen
politische
Entscheidungen
auf
ihre
Wirkungen
für
die
Gleichstellung der Geschlechter hin überprüft werden. Seit
Jahren beschäftigen sich weltweit bereits viele Initiativen
und Einrichtungen mit der Analyse öffentlicher Haushalte unter
Genderaspekten, in Deutschland ist das so genannte “Gender
Budgeting” ein vergleichsweise junges Politikfeld. So hatte
z.B.
die
rot-grüne
Bundesregierung
in
ihrer
Koalitionsvereinbarung
Gender
Budgeting
als
Teil
der
Haushaltspolitik festgeschrieben und eine interministerielle
Arbeitsgruppe
eingesetzt.
Für
einen
nationalen
und
internationalen Erfahrungsaustausch zu Fragen des Gender
Budgeting veranstaltete die Heinrich-Böll-Stiftung vom 7.-8.
April 2005 in Köln die Tagung “Geld Macht Politik”. Es ging um
das Veränderungspotential und die Erfolge von Gender Budgeting
bzw. gendersensibler Politik in der öffentlichen Verwaltung
und darum, Rahmenbedingungen zu identifizieren, die weitere
Impulse für Gender Mainstreaming und Gender Budgeting in
Deutschland geben können. Es zeigte sich, dass gerade die
Länder
des
Südens
hier
sehr
fortschrittliche
Ansätze
verfolgen.
Ein Beispiel: die geschlechtergerechte Umstrukturierung der
Stadtverwaltung von San Salvador. Das Büro der Heinrich-BöllStiftung in Mexiko startete zusammen mit der Stadtregierung
von San Salvador dieses Pilotprojekt im Jahr 2002. Anfangs war
nur geplant, den Frauenanteil in der Verwaltung drastisch zu
erhöhen. Inzwischen werden Genderkriterien aber sogar in die
Ausschreibungen
und
Arbeitsplatzbeschreibungen
der
Stadtverwaltung aufgenommen und individuelle Haltungen und
Ansprüche der Beschäftigten offen diskutiert. Auch eine
Normierung zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz wurde
eingeführt,
und
–
der
wohl
wichtigste
Aspekt
die
Stadtregierung ist inzwischen davon überzeugt, dass eine
geschlechtersensible Politik nicht nur den Frauen, sondern
48

auch der Stadtverwaltung selbst zugute kommt. Mittlerweile ist
in vier Jahren der Frauenanteil in leitenden Positionen von 12
auf 48 % gestiegen. Auch der Frauenanteil in den so genannten
klassischen Männerberufen (z.B. Städtisches Sicherheitskorps,
Bau und Dienstleistungen) hat sich um 25 bis 35 % erhöht.
Geschlechterspezifische Aspekte sind nunmehr in 90 %(!) der
operativen Planungsunterlagen der Stadtregierung zu finden.
Für Julia Evelyn Martínez, Genderbeauftragte des United
Nations Development Program (UNDP) ist das Projekt „schlicht
das, was wir im UN-Jargon ’best practice’ nennen”. Sie bot
ihre
Unterstützung
zur
nationalen
und
internationalen
Verbreitung des Projektansatzes an.
Nicht nur die UN-Vertreterin ist vom Erfolg der Maßnahme
überzeugt, inzwischen arbeiten auch viele Organisationen wie
z.B.
das
Verbraucherschutzzentrum
in
El
Salvador,
die
renommierte Menschenrechtsorganisation Centro PRO Derechos
Humanos Augustín Juarez in Mexiko oder kubanische NGOs nach
dem von der Heinrich-Böll-Stiftung entwickelten partizipativen
Ansatz
der
Organisationsentwicklung
aus
geschlechterdemokratischer Perspektive.

Die Arbeit
Stiftung

des

Feministischen

Instituts

der

Heinrich-Böll-

Das Feministische Institut (FI) versteht sich als Brücke
zwischen
feministischer
Theorie
und
Praxis.
Es
greift
Alltagserfahrungen von Frauen und feministische Erkenntnisse
auf, stellt sie öffentlich zur Diskussion und fördert den
Austausch zwischen feministischer Forschung und praktischer
Politik. Eine der größeren Veranstaltungen im Jahr 2005 war
die „Werkstatt zur Zukunft feministischer Politiken im 21.
Jahrhundert“ im Februar. Über 40 Expertinnen und Experten aus
Wissenschaft
und
Politik
diskutierten
u.a.
über
Gesellschaftsentwürfe,
Männerpolitiken,
geschlechtsbezogene
Arbeitsteilungen und neue Geschlechterverträge. Der 20. Green
Ladies Lunch im Juni vertiefte die Fragestellungen und
Ergebnisse
mit
Anregungen
von
Prof.
Tina
Thürmer-Rohr
(Berlin), Prof. Fatou Sow (Senegal), Dr. Nada Sofronic
(Bosnien-Herzegowina) und Jutta Sommerbauer (Österreich). Es
sei angesichts der „globalisierten Welt“ wichtig – so der
Tenor –, das Trennende anzuerkennen und die besonderen
49

regionalen
Fragestellungen
und
Handlungskonzepte
zu
akzeptieren. Im Vergleich könne man voneinander lernen und
allgemeingültige
Bedrohungen
und
Herausforderungen
identifizieren
und
den
gemeinsamen
Aktionsspielraum
neu
vermessen.
Zentrale
Anknüpfungspunkte
müssten
aber
die
ökonomischen Bedingungen und die daraus abgeleiteten Fragen
von Teilhabe- und Verteilungsgerechtigkeit sein.
Auf zwei weiteren Ladies Lunchs ging es um „Prostitution in
Europa – Nationale Gesetze und europapolitische Perspektiven“
und „Grüne in der Opposition - Was heißt das für die
Frauenpolitik? - Ein Blick zurück nach vorn“.
Das Feministische Institut (FI) setzte auch die Arbeit am
Schwerpunktthema „Friedens-, Sicherheitspolitik und zivile
Konfliktprävention
aus
feministischer
Perspektive“
fort.
Gemeinsam
mit
der
ehrenamtlichen
interdisziplinären
Arbeitsgruppe „Gender in der Friedens- und Sicherheitspolitik“
führte das FI Fachgespräche zu den geschlechterpolitischen
Erfordernissen
der
UN-Reform
und
der
Europäischen
Sicherheitsstrategie
durch.
Die
umfangreichen
Diskussionsprozesse fanden ihren Niederschlag in dem gemeinsam
erarbeiteten
Positionspapier
„Sicherheit
für
alle!
Eine
feministische Kritik der neuen Sicherheitspolitik“, das auf
der Konferenz „Femme Globale“ im September 2005 vorgestellt
wurde.
Das FI und der Frauensicherheitsrat (FSR) luden im Herbst 2005
in
Kooperation
mit
dem
NRO-Frauenforum
zum
„Ersten
Europäischen
Vernetzungstreffen
zur
Umsetzung
der
UNResolution 1325“ ein, das vom Bundesministerium für Frauen
gefördert wurde. Der Zusammenschluss von über 30 Frauen in
einem europäischen Netzwerk zielt auf eine Zusammenarbeit zur
Entwicklung von Konzepten für eine gendersensible europäische
Sicherheitspolitik.
GLOW, das zweisprachige Internetportal des Feministischen
Instituts, hat sich als virtueller Ort der Kommunikation,
Vernetzung und Informationsbeschaffung für Feministinnen und
geschlechterpolitisch Interessierte etabliert. Es dokumentiert
umfassend die Arbeit des Institut und bietet aktuelle
Veranstaltungshinweise sowie einen Rückblick auf bereits
Vergangenes.
50

[www.glow-boell.de]

Interaktiv
Democracy“

lernen

in

Palästina

–

Online-Kurs

„Gender

In
den
palästinensischen
Gebieten,
wo
aufgrund
der
Reisebeschränkungen durch die israelische Besatzungsmacht der
regelmäßige Besuch einer Universität oft schwierig ist, sind
interaktive Online-Kurse ein populäres Medium. Das Büro
Ramallah der Heinrich-Böll-Stiftung unterstützte im Jahr 2005
das
Institute
for
Development
Studies
(Institut
für
Entwicklungsstudien) in Gaza bei der Konzeption zweier OnlineKurse
im
Rahmen
eines
Postgraduierten-Studienganges
der
Mediterranean Virtual University (MVU). Während es beim ersten
Kurs um das Thema „Entwicklung und Nachhaltigkeit“ geht,
widmet sich der zweite – zum ersten Mal in dieser Form und in
arabischer Sprache – dem Thema „Gender und Entwicklung in der
komplexen politischen Realität Palästinas“. Aus sozial- und
politikwissenschaftlicher Sicht können die Studierenden, aber
auch
interessierte
Laien
aus
zivilgesellschaftlichen
Organisationen, analytische und konzeptionelle Fähigkeiten
entwickeln, um sich mit geschlechterdemokratischen Ansätzen in
Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auseinandersetzen zu
können – und letztlich diese Ansätze auch anzuwenden.
Zur Zeit läuft eine viermonatige Erprobungsphase, die der
kritischen
Prüfung
und
eventuellen
Veränderung
des
Lehrangebots dienen soll. Danach können die Studierenden bei
erfolgreicher Absolvierung des Kurses auch die begehrten
„Credits“ erwerben.

Die Gemeinschaftsaufgabe Geschlechterdemokratie
Die Heinrich-Böll-Stiftung hat sich seit vielen Jahren dem
politischen Ziel der „Geschlechterdemokratie“ verschrieben.
Als
„Gemeinschaftsaufgabe“
ist
sie
Teil
des
Organisationsleitbildes der Stiftung und damit Aufgabe aller
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Demokratie wird hier in
einem erweiterten Sinne verstanden und bedeutet das Eintreten
für und die Anerkennung von gleichen Rechten und Chancen für
51

alle Menschen, gleich welchen Geschlechts und gleich welcher
sexuellen Orientierung. Im Vordergrund stehen die gerechte
Verteilung der politischen Partizipationschancen zwischen
allen
Geschlechtern
sowie
der
gleiche
Zugang
zu
und
geschlechtergerechte
Verteilung
von
gesellschaftlichen
Ressourcen.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden bei der Umsetzung
der
Gemeinschaftsaufgabe
durch
Gender-Training,
gezielte
Gender-Beratung
sowie
gender-orientierte
Projektplanung
unterstützt. Das Trainings- und Beratungsteam der Stiftung
bietet auch extern seine Dienste an.
Im August 2005 z.B. endete die in Kooperation mit den
Länderstiftungen durchgeführte 5. Weiterbildungsreihe „GenderKompetenz
durch
Gender-Training
und
Gender-Beratung“
in
Mecklenburg-Vorpommern. Die Teilnehmenden lernten in insgesamt
17 arbeitsintensiven Tagen die Methoden und Instrumente von
Gender-Training und Gender-Beratung kennen. Anfang 2007 wird
die Weiterbildungsreihe in einer modifizierten Form wieder
angeboten. Diesmal mit dem Blick auf Gender Mainstreaming in
der beruflichen Praxis, abgestimmt auf die jeweiligen Berufe
und Themen der Teilnehmenden.
In der Beratung und Begleitung von anderen Organisationen bei
der Einführung von Gender Mainstreaming konzentriert sich die
Stiftung zunehmend auf die Konzeption und Durchführung von
sogenannten
„Inhouse-Qualifizierungsmaßnahmen“
für
Führungskräfte und Multiplikatorinnen und Multiplikatoren.
Hier
hat
die
Stiftung
bereits
im
Rahmen
der
Weiterbildungsreihe „Gender-Kompetenz durch Gender-Training
und Gender-Beratung“ viel Know-how entwickeln und Erfahrungen
sammeln
können.
Im
Jahr
2005
führte
sie
z.B.
ein
Qualifizierungsprojekt mit einer großen Krankenkasse durch. In
einer berufsbegleitenden Schulung lernten Lehrkräfte, genderorientiert in ihrem Fachgebiet zu unterrichten und GenderProjekte qualifiziert zu beraten.
Seit
Oktober
2005
begleitet
die
Stabsstelle
Geschlechterdemokratie zudem ein Projekt zur Umsetzung von
Gender Mainstreaming an der Universität Bremen. Zum Thema
„Vereinbarkeit von Arbeit und Kind(ern) bei wissenschaftlichen
Mitarbeiterinnen
und
Mitarbeitern“
werden
in
drei
Pilotbereichen
durch
Workshops
sowie
Gruppenund
Einzelgespräche Probleme identifiziert und Lösungsvorschläge
erarbeitet.
Die
Universität
Bremen
sieht
in
der
52

„Vereinbarkeit“ eine wichtige Vorraussetzung für die Förderung
und Gewinnung von exzellentem wissenschaftlichen Nachwuchs und
damit eine Möglichkeit, die Position der Universität im
Wettbewerb als Forschungsuniversität zu stärken.
[Mehr Qualität durch Gender-Kompetenz
Ein Wegweiser für Training und Beratung im Gender Mainstreaming
Von Angelika Blickhäuser und Henning von Bargen. Hrsg. von der HeinrichBöll-Stiftung im Ulrike Helmer Verlag
Königstein/Ts. 2006, 200 Seiten, € 15,00]

[Gender-Mainstreaming-Praxis
Arbeitshilfen

zur

Anwendung

der

Analysekategorie

„Gender“

in

Gender-

Praxis

der

Mainstreaming-Prozessen
Von Angelika Blickhäuser und Henning von Bargen
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin 2005, 80 Seiten
Schriften zur Geschlechterdemokratie Nr. 12]

Forum
Männer
in
Theorie
Geschlechterverhältnisse

und

Fachtagungen der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit dem
Netzwerk
Forum
Männer
beleuchten
seit
vielen
Jahren
geschlechterpolitisch
relevante
Themen
aus
einem
männerspezifischen Blickwinkel. Oft sind es „Tabu“-Themen, die
später im politischen Raum aufgegriffen werden. Die Stiftung
ist mit diesem Angebot eine der ganz wenigen Anlaufstellen für
Männer, die sich für Geschlechterdemokratie engagieren wollen.
Im Mai 2005 widmete sich die Stiftung mit der Tagung
„Geschlecht oder gesund? Männer und Gesundheit“ einem Thema,
das im Gegensatz zu anderen Ländern bei uns erst langsam zum
Gegenstand der Forschung wird. Dabei ging es nicht nur um
medizinische Unterschiede zwischen Männern und Frauen, um so
genannte „Männerkrankheiten“ oder „Frauenkrankheiten“, denn
oft genug erschöpfen sich die Diskussionen auf einige
medizinische Fakten und die Annahme, Männer gingen seltener
zum
Arzt.
Die
Tagung
hinterfragte
Gemeinplätze
und
thematisierte
die
derzeitige
Forschung
zum
53

Gesundheitsverhalten von Männern. Die zentrale Frage lautete,
welche Angebote das Gesundheitssystem für Männer bereit hält
und wie sie sich dort aufgehoben fühlen. Der Diplom-Psychologe
Matthias Weikert hob hervor, dass viele Männer sich irrtümlich
für gesundheitlich hielten, weil sie sich eine körperliche
Stärke
und
Widerstandskraft
zuschrieben,
die
sie
vor
gesundheitlichen Beeinträchtigungen schütze. Doch eigentlich
seien sie das schwache Geschlecht, fand der Mediziner
Professor Dr. Günther Jacobi, denn: sie sind häufiger krank,
arbeitsunfähig und suchtgefährdet. Außerdem ernährten sie sich
schlechter. Eine Bewusstseinsänderung stehe erst am Anfang, so
die einhellige Meinung. Positive Beispiele zeigten, dass es
(meist
in
anderen
Ländern)
bereits
eine
Praxis
der
Männergesundheitsförderung gibt, die Nachahmung und Ausbau
verdient.
Leider wird die Bedeutung von Migration und Männlichkeiten in
öffentlichen Debatten bislang kaum wahrgenommen, höchstens im
Rahmen
negativer
Medienberichte
über
Ehrenmorde,
Jugendkriminalität oder Parallelgesellschaften. Die Tagung
„Migration und Männlichkeiten“ im Dezember 2005 hatte sich zur
Aufgabe
gestellt,
die
Migration
einmal
mit
der
Geschlechterfrage zu verbinden. Ümit Gürkan Buyurucu beschrieb
die türkische patriarchale Gesellschaft als ein System, in der
der Mann die Zukunft der Gesellschaft darstelle. Mit seinen
Privilegien sei er der Herr des Systems, mit seiner Kühnheit
und Tapferkeit gar die Ehre der Familie.
Margret Spohn von der Münchner Stelle für interkulturelle
Zusammenarbeit beschrieb den Zwiespalt, in den viele Männer
gerieten: Mit der Migration nach Deutschland sähen sich die
Männer mit den hier geltenden Werten und Normen konfrontiert,
gleichzeitig wirkten aber auch noch die Werte und Normen aus
der Türkei. Die Migration führe bei ihnen auf die Dauer zu
einer nicht weiter reflektierten Anpassung der eigenen
Verhaltensweisen an das Umfeld und die Ansprüche der Kinder.
Die Dokumentation der Tagung erscheint Anfang Juni 2006.

[ Männer und Arbeit. Dokumentation einer Fachtagung des Forum Männer in
Theorie

und

Praxis

der

Geschlechterverhältnisse

und

der

Heinrich-Böll-

Stiftung am 12./13. November 2004. Berlin 2005, 82 Seiten. Schriften zur
Geschlechterdemokratie Nr. 11]

54

[Wissenspolitik]

Die Arbeit der Heinrich-Böll-Stiftung zur Wissenspolitik
orientiert sich am aktuellen Wandel der Industrie- zur
Wissensgesellschaft. Wissen, insbesondere wissenschaftliches
Wissen, wird zur Schlüsselressource für ökonomischen Erfolg,
Bildung zur Bedingung für die Teilhabe am sozialen Leben. Mit
zunehmender Brisanz stellt sich auch die Frage nach den
Grenzen
des
wissenschaftlichen
und
technologischen
Fortschritts, insbesondere die Frage nach den Möglichkeiten
der Kontrolle bzw. Regulierung der Biotechnologien.

Der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft II
Im
November
2005
ging
nach
vier
Jahren
intensiver
Verhandlungen der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft
(WSIS) in Tunis zu Ende. Der erste Teil des Gipfels hatte
bereits im Dezember 2003 in Genf stattgefunden. Die HeinrichBöll-Stiftung
hatte
sich
von
Anfang
an
mit
ihren
Partnerorganisationen aus arabischen und afrikanischen Ländern
wie auch aus Deutschland an diesem mehrjährigen Prozess
beteiligt. Die besondere Faszination des WSIS lag zum einen im
Gegenstand
der
Verhandlungen:
den
Normen,
Werten
und
Prinzipien des Informationszeitalters; zum anderen in der
Neuartigkeit
und
Kreativität
des
Verhandlungsprozesses.
Erstmalig waren offiziell auch nicht-staatliche Akteure aus
Zivilgesellschaft und Wirtschaft eingebunden. Tatsächlich war
der WSIS ein Experimentierfeld für neue Politikkonzepte, ein
Bazar für neue Ideen und kreative Projekte: Am Rand der
Gipfelkonferenzen fanden unzählige Seminare, Vorträge und
Präsentationen
wissenschaftlicher,
kommerzieller
und
zivilgesellschaftlicher Projekte und Anwendungen statt.
Die Heinrich-Böll-Stiftung hatte schon in der ersten Phase des
WSIS mit der Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige
Wissensgesellschaft (übersetzt in 4 Sprachen) eine Grundlage
für die Auseinandersetzung mit den Gipfelthemen geschaffen. In
der zweiten Phase unterstützte sie Projektpartner durch
Vernetzung
und
Qualifizierung.
In
Ramallah
und
Beirut
initiierten die Stiftungsbüros z.B. in enger Kooperation mit
dem Arab NGO Network for Development (ANND) und Sisterhood is
55

Global (SIGI/Jordan) den „Arab Caucus“, einen Zusammenschluss
von 39 Nichtregierungsorganisationen aus der Region Naher und
Mittlerer Osten und Nordafrika (MENA. Der Arab Caucus wurde
aufgrund der Ereignisse auf dem Tunis-Gipfel besonders
herausgefordert. Massive Polizeieinsätze und politische Zensur
durch
das
tunesische
Regime
hatten
die
Arbeit
der
internationalen Zivilgesellschaft erheblich behindert. Auch
die Heinrich-Böll-Stiftung und ihre Partnerorganisationen
wurden
Opfer
und
Zeugen
der
Repressionen,
indem
ihre
Veranstaltung (außerhalb des Gipfelgeländes) massiv durch
Polizeikräfte beeinträchtigt wurde. Der erste Workshop der
Stiftung, der sich mit Zensur, rechtlichen Einschränkungen der
Meinungsfreiheit und der Privatsphäre im arabischen Raum
befassen sollte, musste aus Protest abgesagt werden, weil
Referenten an der Teilnahme gehindert wurden. Ein zweiter
Workshop stellte der internationalen Öffentlichkeit mehrere
Projekte
vor,
in
denen
Informationsund
Kommunikationstechnologien erheblich zur Verbesserung der
Arbeit von Nichtregierungsorganisationen beigetragen haben.
Interessante
Diskussionen
fanden
auch
auf
den
beiden
international besetzten Panels der Veranstaltung “Towards a
sustainable and inclusive Knowledge Society – How to get there
from WSIS?” statt, auf der die neue Publikation Visions in
Process II – The World Summit on the Information Society der
Heinrich-Böll-Stiftung vorgestellt wurde.
[„Es ist unabdingbar, allen Menschen den Zugang zu alten und
neuen Medien zu ermöglichen. Öffentliche Orte und die
Vermittlung von Medienkompetenz tragen dazu bei, dass alle
Menschen in die Lage versetzt werden, sich in der Vielfalt
medialer Angebote zu orientieren, ihre Inhalte zu bewerten,
eigene Inhalte zu produzieren und für die persönliche
Lebensführung sinnvoll zu nutzen.“ Aus der Charta der
Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft]
[Visions in Process II
World Summit on the Information Society Geneva 2003 – Tunis 2005. Heinrich
Böll Foundation (ed.)Berlin 2005, 128 pages
Ausführliche Informationen zum WSIS: www.worldsummit2005.org ]

56

Das Programm „Wissenspolitik“ der Heinrich-Böll-Stiftung
Die Einsicht in die strategische Bedeutung und die Tragweite
der
Auseinandersetzungen
um
Patente
und
Urheberrechte
verbindet
mittlerweile
Protestund
Basisbewegungen,
Hochschulen und Forschungseinrichtungen sowie wirtschaftliche
Interessenverbände
im
weltweiten
Kampf
gegen
die
Privatisierung- und Kommerzialisierung öffentlicher Güter.
Auch die Heinrich-Böll-Stiftung hat ein Programm entwickelt,
das sich in enger Zusammenarbeit mit den Büros in Moskau,
Johannesburg, Mexiko, Rio und, ab 2006, auch Peking und Neu
Delhi mit globaler Wissenspolitik beschäftigt. Denn derzeit
werden die Weichen für die zukünftige Entwicklung gestellt.
Dazu gehören auch weltweite menschenrechtliche und bioethische
Standards, die selbst von global agierenden Unternehmen
eingefordert werden.
Das Stiftungsbüro in Mexiko zum Beispiel veröffentlichte 2005
mit „Un Mundo Patentado?“ (Eine Patentierte Welt?) einen
Sammelband zum Thema Patente. Die Konzeption des Buches geht
zurück auf eine Konferenz im Oktober 2005 in Mexiko, mit der
das internationale Programm Wissenspolitik außerhalb Europas
gestartet wurde. Die 17 Autorinnen und Autoren – darunter der
alternative Nobelpreisträger Pat Mooney, James Boyle, einer
der führenden Theoretiker der Debatte über die Commons und
Mitgründer der Creative Commons, oder Richard Stallman,
“Vater” der Freien Software-Bewegung – begaben sich auf die
Suche nach einem gemeinsamen strategischen Nenner für die
gesellschaftlichen Debatten um Gentechnik in Landwirtschaft
und Humanmedizin sowie den Zugang zu Wissen und Informationen.
Sie verwiesen unter anderem auf die Notwendigkeit der
Verteidigung
der
Commons,
der
Gemeingüter,
und
des
öffentlichen Zugangs zu Ressourcen und Wissensallmenden. Das
Buch leitete in Lateinamerika eine öffentliche Debatte ein,
die – gerade wegen ihrer globalen Dimension - vor allem eines
zeigte: wie wichtig es ist, verschiedene soziale Bewegungen
und relativ isolierte Fachdebatten zusammenzuführen.
“Eine
Patentierte
Welt”
wurde
bislang
in
15
Städten
Lateinamerikas vorgestellt. Die Heinrich-Böll-Stiftung fand
dabei Unterstützung durch zahlreichen Organisationen und
Netzwerke aus El Salvador, Nicaragua, Costa Rica, Mexiko,
Uruguay, Argentinien, Venezuela, der Dominikanischen Republik
und Kuba.
57

Die erste Auflage war bald vergriffen. Inzwischen liegt die
Gesamtauflage bei 4500 Exemplaren. Aber das Buch ist auch im
Internet als Download zu haben. Mittlerweile hat das Büro
Johannesburg mit „A Patented World?“ auch eine englische
Version des Buches produziert, die um einige Beiträge mit
spezifischem Bezug zu Afrika ergänzt wurde. Damit kann das
Programm
Wissenspolitik
sich
nun
auch
an
der
gerade
entstehenden Debatte über die Africa Commons und vielleicht
auch über die Asia Commons beteiligen.
Die spanische Ausgabe zirkuliert inzwischen frei im Netz. Dies
entspricht genau dem Geist der Fachdebatte, die vor über einem
Jahr begann und von der Stiftung weiter gefördert wird: “Las
ideas crecen compartiéndolas y no patentándolas – Patente
lassen Ideen nicht wachsen, freier Austausch schon.“
[Un Mundo Patentado? La Privacion
Conocimiento, 236p., El Salvador 2005]

de

la

Vida

y

del

"Das Buch zu lesen heißt, in einen erhellenden, informativen,
bildenden, ermutigenden – wenn auch manchmal entmutigenden doch in jedem Fall inspirierenden Prozess einzutreten. Es
steckt voller diskutierenswerter Thesen ... und es ist
irgendwie erdrückend ... denn es beschreibt uns exakt, dass
die Analyse dieser Prozesse keine abstrakte akademische Übung
ist. Die Autorinnen und Autoren vertreten vielmehr die These,
dass es um eine Frage der Souveränität des Lebens geht. Wenn
wir diese Fragen nicht aufgreifen, werden wir uns allmählich
aber unvermeidlich unserer kollektiven und individuellen
Rechte beraubt sehen, wenn wir sie hingegen aufgreifen, gibt
es eine Chance zu lernen, wie wir die Entscheidungshoheit über
jeden einzelnen unserer alltäglichen Lebensbereiche gewinnen.“
Ernesto Sutter, Leiter des Masterstudiengangs für Öffentliche
Gesundheit an der Zentralamerikanischen Universität in El
Salvador zum Buch

58

Fachtagung: Patented New World? - Geistiges Eigentum versus
Entwicklung und Menschenrechte im Nord-Süd-Konflikt

Mit der Privatisierung öffentlichen Wissens und den Folgen für
die Beziehungen zwischen den Ländern des Nordens und des
Südens setzte sich auch die internationale Fachtagung der
Heinrich-Böll-Stiftung
und
des
Forschungsund
Dokumentationszentrums Chile-Lateinamerika (FDCL) Anfang Juni
2005
auseinander.
Wer
verfolgt
in
den
vielfältigen
internationalen bilateralen und multilateralen Verhandlungen
zum Thema „Geistiges Eigentum“ welche Interessen? Inwieweit
kollidieren “Geistige Eigentumsrechte” mit dem Schutz der
Menschenrechte? Das gegenwärtige System sieht vor, Forschung
und Innovation mittels Patenten zu refinanzieren und damit
u.a. zu neuen Medikamenten zu kommen. Im Verlauf der
Fachtagung blieben jedoch erhebliche Zweifel, inwiefern durch
Patente der eigentliche Zweck von Forschung und Entwicklung –
nämlich die Steigerung der allgemeinen Wohlfahrt – zu
erreichen ist. Dass akuter Handlungs- und Reformbedarf
besteht, blieb am Ende unbestritten.
SCHULE UND HOCHSCHULE: DEMOKRATIE LERNEN DURCH HANDELN – EINE
VERANSTALTUNG ÜBER UND MIT JUGENDBETEILIGUNG
In
den
letzten
Jahren
ist
viel
von
Staatsund
Parteienverdrossenheit die Rede. Besonders Jungendlichen wird
ein
Desinteresse
am
Staat
und
seinen
demokratischen
Institutionen unterstellt. Über die Frage, wie Demokratie denn
gelernt werden kann, wird hingegen kaum diskutiert. Das 10.
Gespräch über Bildung der Heinrich-Böll-Stiftung im November
2005 wollte dem abhelfen. Es ging der Frage nach, wie Kinder
und Jugendliche zu Partizipation ermutigt werden können. Denn
– das zeigten die Beiträge der Konferenz deutlich – das bloße
Erlernen der demokratischen Institutionen hilft ebenso wenig
weiter wie die Simulation demokratischer Verfahren. Nur wenn
Schule den Raum dafür bietet, im Kleinen real zu erfahren, was
im Großen das Leben bestimmt, können Kinder und Jugendliche
einen Bezug zu Demokratie entwickeln.
Die Bildungsforscher Wolfgang Edelstein und Gerd de Haan
stellten
das
Programm
der
Bund-Länder-Kommission
für
Bildungsplanung und Forschungsförderung „Demokratie lernen und
59

leben“ vor, das sich als Antwort auf die Entwicklung rechter
Strukturen in Deutschland versteht. Anders als es die
öffentliche
Meinung
vermuten
lässt,
seien
Kinder
und
Jugendliche keine „Egotaktiker“, sondern durchaus interessiert
an ihrem gesellschaftlichen Umfeld. Sie engagierten sich,
sofern sie es als sinnstiftend erfahren.
Wie so ein Engagement aussehen kann, zeigten die Ergebnisse
eines Projektes dreier Berliner Schulen, bei dem es um
konsensuale Ideenentwicklung und Konfliktlösung ging. Stolz
und selbstsicher präsentierten die Schülerinnen und Schüler
ihre Projekte. Sie hatten gelernt, ihre Meinungen und Wünsche
vor den Lehrkräften zu vertreten. Sie schufen sich u.a. ein
Traumhaus, schrieben oder inszenierten ein Theaterstück und
gaben sich selbst verbindliche Umgangsregeln. Deutlich zeigten
sie: Die grundlegende Motivation für ihre Beteiligung war
neben dem Spaß die Erfahrung, ernst genommen zu werden und
mitgestalten zu können. Das zeigte sich auch bei der
Präsentation
kommunaler
Kinderund
Jugendbeteiligungsprojekte.
So war die Leitfrage des abschließenden Podiums „Kann man
Demokratie
lernen?“
nur
noch
rein
rhetorischer
Natur.
Abschließend ging es noch um die Frage nach günstigen
Rahmenbedingungen.
Dabei
bestand
Konsens
darin,
dass
Demokratiepädagogik an der Alltagskultur und Lebenswelt der
Jugendlichen
ansetzen
müsse,
um
erfolgreich
zu
sein.
Jugendliche müssten demokratische Verfahren erleben können,
dafür seien entsprechende Angebote von Verbänden und Vereinen
eine gute Möglichkeit.
[Die Konferenz ist auf
ausführlich dokumentiert]

www.boell.de/de/04_thema/3811.html

Studien- und Hochschulfinanzierung in der Wissensgesellschaft
Als
im
Januar
2005
die
Entscheidung
des
Bundesverfassungsgerichts den Weg für die Einführung von
Studiengebühren
freimachte,
gewann
die
Debatte
um
die
Finanzierung von Studium und Hochschule an Schwung. Die
Heinrich-Böll-Stiftung war gut präpariert, hatte sie doch
bereits
2004
ihr
Konzept
für
die
„Studienund
60

Hochschulfinanzierung
in
der
Wissensgesellschaft“
der
Öffentlichkeit
vorgestellt.
Unmittelbar
nach
der
Gerichtsentscheidung lud die Heinrich-Böll-Stiftung zu einer
Diskussionsveranstaltung in die Humboldt-Universität ein. Der
rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner, die
Fraktionsvorsitzende der Grünen, Krista Sager, und Reinhard
Bütikofer, der Parteichef der Grünen, diskutierten darüber,
wie unter den neuen Bedingungen ein fairer Wettbewerb zwischen
den Hochschulen und den Bundesländern ermöglicht werden kann,
ohne die Mobilität der Studierenden zu gefährden. Zöllner
plädierte
für
ein
Studienkontenmodell
und
einen
Vorteilsausgleich zwischen den Ländern. Auch Sager und
Bütikofer setzten auf Studienkonten und Gutscheine, so wie es
auch das Konzept der Heinrich-Böll-Stiftung vorsieht. Danach
werden Steuermittel nicht mehr den Hochschulen anvertraut,
sondern den Studierenden, die sie in Form von Gutscheinen an
die Hochschulen bringen. Der Vorteil beider Vorschläge: sie
kommen ohne Studiengebühren aus, halten am Prinzip der
staatlich finanzierten Hochschulen und am privat finanzierten
Lebensunterhalt fest und setzen auf marktähnliche Anreize,
deren
Steuerungswirkung
auch
von
den
Befürwortern
von
Studiengebühren sehr hoch erachtet wird. Darüber hinaus liegt
der Vorteil des Gutscheinmodells darin, dass es für die Länder
einen Anreiz schafft, Studienplätze aus- statt wie heute
üblich abzubauen. Denn diejenigen Länder, an deren Hochschulen
Studienplätze über den eigenen Bedarf hinaus angeboten werden,
erhalten dafür von jenen einen Ausgleich, die Studienplätze
abbauen
und
ihre
Abiturienten
in
andere
Bundesländer
„exportieren“. Damit lohnt es sich für die Länder wieder,
Studienplätze auszubauen.
In den Wochen nach dem Urteil des Verfassungsgerichts zeigte
sich, dass sich die Einführung von Gebühren schwieriger
gestaltet, als in vielen Ländern gedacht. Problematisch wird
insbesondere
die
Finanzierung
des
Lebensunterhalts.
Die
Stiftung
widmete
diesem
Thema
eine
Beilage
in
der
tageszeitung: „Lohnt sich studieren noch?“ Die Autoren kamen
zu dem Schluss: ja, es lohnt sich – individuell und für die
Gesellschaft. Denn Fundamente für den künftigen Wohlstand
würden im Bildungssystem gelegt. Bildung sei zugleich der
Schlüssel für soziale Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Der
Zugang zu den Hochschulen sollte daher möglichst weit offen
stehen.
61

Einen
weiteren
Impuls
erhielt
die
Debatte
um
die
Studienfinanzierung durch Angebote der Kreditanstalt für
Wiederaufbau (KfW) und von Privatbanken, Studierenden zur
Finanzierung ihres Lebensunterhalts Kredite zu gewähren – und
zwar ohne Risikoprüfung und zu vergleichsweise günstigen
Konditionen. Diese Kredite entzündeten eine Diskussion über
Verschuldungsrisiken
und
ihre
abschreckende
Wirkung
auf
Studierwillige. Sie eröffnete aber auch die Perspektive einer
elternunabhängigen Finanzierung für Studierende. Denn wenn
allen Studierenden die Finanzierung durch Kredite offen
stünde,
so
könnte
das
langfristig
dazu
führen,
die
Unterhaltspflicht ihrer Eltern abzulösen. In eine ähnliche
Richtung weisen auch die Überlegungen der Heinrich-BöllStiftung: Studierende sollen als Erwachsene ernst genommen und
nicht – wie auch beim BAföG – in Abhängigkeit vom Einkommen
ihrer Eltern alimentiert werden. Für die Zukunft stellt sich
die Stiftung die Aufgabe, Finanzierungsmodelle für Bildung und
Weiterbildung zu entwickeln, die allen offen stehen – nicht
nur Studierenden.
[Studien- und Hochschulfinanzierung in der Wissensgesellschaft. Von Herbert
Hönigsberger

und

Bernd

Kuckert.

Hrsg.

von

der

Heinrich-Böll-Stiftung,

Berlin 2004, 64 Seiten. Download unter www.boell.de/de/04_thema/2432.html]

Die Artikel der taz-Beilage „Lohnt sich studieren noch?“ finden sich unter
www.boell.de/de/04_thema/3666.html ]

62

[Nachwuchsförderung]
STUDIENWERK
Die
Heinrich-Böll-Stiftung
fördert
Studierende
und
Promovierende aller Fachrichtungen und Nationalitäten, die
hervorragende
wissenschaftliche
Leistungen
erbringen,
Verantwortung
übernehmen
und
sich
gesellschaftspolitisch
engagieren. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat 2005 ein Leitbild
zur Nachwuchsförderung entwickelt und das Auswahlverfahren
entsprechend angepasst. Neu eingeführt wurden Einzelgespräche
und Gruppendiskussionen mit den Bewerberinnen und Bewerbern.
Das Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung bietet neben der
materiellen Förderung seinen Stipendiatinnen und Stipendiaten
vor
allem
ideelle
Unterstützung,
Begleitung
sowie
Vernetzungsmöglichkeiten.
Es
fördert
ihre
gesellschaftspolitische Auseinandersetzung ebenso wie ihre
wissenschaftliche Qualifizierung und unterstützt sie bei der
Vorbereitung auf den späteren Beruf. Ziel der Förderung ist
neben
der
wissenschaftlichen
Qualifizierung
vor
allem
zukünftige Multiplikatorinnen und Multiplikatoren zu gewinnen,
die sich aktiv für Demokratie, Ökologie, Solidarität und
Gewaltfreiheit einsetzen und Verantwortung übernehmen. Die
Stiftung ermuntert ihre Stipendiatinnen und Stipendiaten, sich
auch nach Beendigung ihrer Förderung in Wissenschaft, Politik,
Medien,
Wirtschaft
und
Gesellschaft
entsprechend
zu
engagieren.
Förderschwerpunkte 2005 und Finanzierung
Im Jahr 2005 konnten insgesamt 616 Stipendiatinnen und
Stipendiaten gefördert werden. 474 Stipendien wurden aus den
Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, 139
aus den Mitteln des Auswärtigen Amtes (Internationales
Programm)
und
3
aus
Drittmitteln
(Britta-LohanGedächtnisstiftung und Geschwister-Weck-Stiftung) finanziert.
Die Dauer der Förderung variiert im Regelfall zwischen 1 ½ und
3 Jahren. Neben den Förderschwerpunkten in den Geistes- und
Sozialwissenschaften sowie Kunst- und Kulturwissenschaften
baut
die
Stiftung
ihre
Förderung
in
bisher
unterrepräsentierten Fachdisziplinen wie Wirtschafts-, Rechts, Technik-, Medien- und Naturwissenschaften weiter aus.
Besondere Zielgruppen der Förderung sind Frauen und Männer mit
63

Migrationshintergrund. Das Studienwerk fördert zudem auch
ausländische Studierende und Graduierte aus aller Welt, die in
Deutschland ihr Studium aufgenommen haben oder promovieren
wollen; der regionale Schwerpunkt ist Osteuropa. In Russland
führt das Studienwerk gemeinsam mit dem Moskauer Büro und
russischen
Partnerorganisationen
ein
SurplaceStipendienprogramm zur Förderung junger Wissenschaftlerinnen
und Wissenschaftler vor Ort durch.
Fächerverteilung
1
2
3
4
5
6
7
8
9

Kunst, Kunstwissenschaften
Sprachund
Kulturwissenschaften
Rechtswissenschaften
Wirtschaftswissenschaften
Sozialwissenschaften
Mathematik,
Naturwissenschaften
Medizin
Agrar-,
Forstund
Ernährungswissenschaften
Ingenieurwissenschaften

Prozent
9
20
8
2
39
7
4
3
8

Ideelle Förderung
Im Rahmen der ideellen Förderung bietet das Studienwerk seinen
Stipendiatinnen
und
Stipendiaten
ein
umfangreiches
Veranstaltungsprogramm.
Eigene
Gestaltungsmöglichkeiten
auszuloten, neue Denkräume zu öffnen, über Politik zu streiten
und internationalen Austausch zu fördern – dies sind die
zentralen Anliegen der ideellen Nachwuchsförderung in der
Heinrich-Böll-Stiftung.
Die
jährlich
stattfindende
Sommerakademie – der Campus – in Bad Bevensen trägt diesem
Anspruch besonders Rechnung. „Globalisierung“ lautete das
diesjährige Rahmenthema der einwöchigen Veranstaltung, an der
120 Stipendiatinnen und Stipendiaten teilnahmen. Den Höhepunkt
der Debatte bildete eine von Teilnehmenden moderierte FishBowl-Diskussion mit Stiftungsvorstand Barbara Unmüßig und
Manfred Treber von GermanWatch zu „KYOTO plus: Klimaschutz
heute“, in der Fragen zu den Erfolgen bzw. Misserfolgen der
Klimaschutzpolitik, der besonderen Rolle der USA, aber auch zu
64

den Einflussmöglichkeiten von Nichtregierungsorganisationen
diskutiert wurden. Auch der musische Teil darf während des
Campus
nicht
fehlen:
Zur
Eröffnung
präsentierte
die
Stipendiatin Agnes Krumwiede am Klavier Werke von Clementi,
Hindemith, Debussy und Liszt in der Klosterkirche von Bad
Bevensen.
Insgesamt
sieben
von
Stipendiaten
selbst
organisierte
Arbeitsgruppen haben auch im Jahr 2005 zu den Schwerpunkten
der
Stiftung
gearbeitet.
Die
AG
„Politische
Ökologie“
beschäftigte sich während des Campus mit rechtlichen und
politischen Fragen bei globalen Auseinandersetzungen um Wasser
und Ernährung. Ein anderes Beispiel: Die AG „Internationale
Zusammenarbeit“ unternahm eine Studienreise nach Genf, um dort
Gespräche
mit
Vertretern
verschiedener
internationaler
Organisationen (WHO, UNAIDS, EHAIA) zum Thema AIDS zu führen.
Im April und Oktober 2005 fanden jeweils Einführungsseminare
für die neu in die Förderung aufgenommenen Stipendiatinnen und
Stipendiaten in Werftpfuhl bei Berlin statt. Dort konnten die
„Neuen“ Tuchfühlung mit der Stiftung aufnehmen und die anderen
Mitstipendiatinnen und -stipendiaten kennen lernen.
Eine Kooperation zwischen Studienwerk und Landesstiftungen
ermöglicht Stipendiatinnen und Stipendiaten der Heinrich-BöllStiftung seit 2005 die Teilnahme an Workshops der Reihe
„PolitikManagement“. Die Reihe bietet praxiserprobte Konzepte
für jene an, die ihre politische Arbeit professionalisieren
wollen. Aufgebaut im Modulsystem vermitteln die Workshops das
notwendige Know-how, um erfolgreich Politik zu gestalten.

Promotionsförderung
Das Studienwerk fördert derzeit fünf Promotionskollegs. Neu im
Jahr 2005 hinzugekommen sind die Kollegs zu „Exklusionsrisiken
und Inklusionsstrategien im erweiterten Europa“, „Ökologie und
Fairness
im
Welthandelsregime“
sowie
„Überwindung
von
Diktaturen und Aufbau von Zivilgesellschaften im Ost-WestVergleich“ in Zusammenarbeit mit der Universität Bremen, dem
Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie, der RuprechtKarls-Universität Heidelberg und der Universität Wien. Die
Promotionskollegs greifen innovative wissenschaftliche Fragen
auf
und
verbinden
diese
mit
gesellschaftspolitischen
65

Problemstellungen. Sie bieten den Promovierenden Qualifikation
in der Promotionsphase und tragen dazu bei, diese zu
verkürzen.
Das
jährlich
stattfindende
Promovierendenforum
bietet
Doktorandinnen und Doktoranden die Chance, ein kommunikatives
Netzwerk untereinander zu entwickeln und sich gegenseitig ihre
Forschungsergebnisse
zu
präsentieren.
In
der
Reihe
„Wissenschaft in Diskussion“ stellten herausragende, von der
Stiftung
geförderte
Promovierende
und
Ehemalige
ihre
ethnographischen Forschungsarbeiten zu „Aids in Afrika“ vor.
Internationaler Austausch
Internationale
Begegnungsräume
zu
schaffen
und
den
wissenschaftlichen Austausch zu fördern ist ein vorrangiges
Ziel der Stiftung. Das Studienwerk unterstützt Stipendiatinnen
und Stipendiaten, die im Ausland studieren, forschen oder ein
Praktikum absolvieren wollen, oder lädt Studierende aus den
Surplace-Programmen nach Deutschland ein. Besonders beliebt
sind mehrmonatige Praktika in den Auslandsbüros der Stiftung.
Für insgesamt 148 Stipendiatinnen und Stipendiaten konnte 2005
ein Auslandsaufenthalt ermöglicht werden; die beliebtesten
Länder sind nach wie vor Großbritannien, Frankreich und USA,
gefolgt von Mittel-/Osteuropa bzw. den GUS-Staaten.
Nicht mehr fehlen dürfen im Programm des Studienwerks die
Studienreisen. Die Teilnehmenden zweier Reisen nach Brüssel
besuchten
EU-Institutionen,
trafen
sich
mit
EuropaAbgeordneten und Kommissionsmitgliedern und nahmen an einer
Parlamentssitzung
teil.
Auch
Treffen
mit
Nichtregierungsorganisationen und Lobbygruppen standen auf dem
Programm. Neu im Angebot war eine von den Stipendiaten Alphan
Tuncer und Mieste Hotopp-Riecke vorbereitete und geleitete
Studienreise nach Istanbul mit dem Themenschwerpunkt EUTürkei-Beziehungen. Ein dreitägiges Seminar zur politischen
Geschichte und zum sozio-kulturellen und ökonomischen System
der Türkei bereitete die Teilnehmenden auf ihre Reise vor.
Das Studienwerk koordinierte auch im Jahr 2005 wieder das
Internationale Bundestagspraktikanten-Programm gemeinsam mit
wechselnden
Landesstiftungen
der
Heinrich-Böll-Stiftung.
Graduierte aus aller Welt, die eine internationale Karriere
auf Regierungsebene bzw. im öffentlichen Sektor anstreben,

66

arbeiten in diesem „Internship-Programm“ für einige Zeit im
Büro eines bzw. einer deutschen Bundestagsabgeordneten.
[MS: Foto Stutterheim
BU:
Prof.
Dr.
Kerstin
Stutterheim,
ehemalige
Promotionsstipendiatin, ist seit 2002 Vertrauensdozentin der
Heinrich-Böll-Stiftung.
Sie
promovierte
über
"Okkulte
Weltvorstellungen im Hintergrund dokumentarischer Filme des
,Dritten Reichs'" und ist seit Oktober 2001 Professorin an der
Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt.
Vernetzung und Alumni-Arbeit
Das
Studienwerk
befördert
den
Ausbau
eines
internationalen Kooperationsnetzwerks und sucht den
regelmäßigen
Kontakt
zu
seinen
1400
ehemaligen
Stipendiatinnen und Stipendiaten. Seit 2005 können sich
die
Ehemaligen
auch
über
den
Zugang
zum
studienwerksinternen
Intranet
miteinander
vernetzen.
Zwei Alumni-Treffen fanden 2005 statt, eines davon
Anfang Juli in Köln, wo sich die Teilnehmenden auf einer
Podiumsdiskussion – unter ihnen die drei Ehemaligen Dr.
Alexandra Lübcke, Dragoslav Dedovic und Dr. Gisela
Holfter – mit der Frage „Bücher verändern die Welt?“
auseinandersetzten.
Weitere
Programmpunkte
der
zweitägigen Veranstaltung waren der gemeinsame Besuch im
Verlag Kiepenheuer und Witsch, die Lesungen von zwei
Gästen aus dem Haus Langenbroich – Adania Shibli und
Francisco
Diáz
Solar
–
sowie
ein
Konzert
mit
peruanischer
Charango-Musik,
präsentiert
von
Julio
Mendívil, ebenfalls ein ehemaliger Promotionsstipendiat
des Studienwerks. Das zweite Treffen fand im November
2005 in Berlin zum Thema „Neue Demokratiebewegungen“
statt. Der Vertrauensdozent Timm Beichelt, Professor für
Europa-Studien an der Europa-Universität Viadrina in
Frankfurt/O., führte in das Thema ein und referierte
über die ‚fünfte‘ Welle der Demokratisierung am Beispiel
von Serbien, Georgien und der Ukraine. Der Leiter des
Büros in Indien, Clemens Spieß, schloss sich mit seinem
Vortrag
an
und
zeigte
die
Schwierigkeiten
und
Besonderheiten von Demokratisierungsprozessen im Kontext
ethnisch-kultureller Heterogenität auf, die für Länder
Südasiens typisch ist. Musikalischer Höhepunkt des
67

Abends war ein Violoncello-Konzert mit Martin Seemann,
der zwischen 1993 und 1995 mit einem Stipendium
gefördert worden war. Seemann bewies, dass er nicht nur
die klassischen Werke spielen kann – er präsentierte ein
Stück für Cello von Bach auf einem historischen
Instrument aus dem 18. Jahrhundert –, sondern auch
moderne Stücke wie jenes des japanischen Komponisten
Toshiro Mayuzumi zu interpretieren weiß.
Insgesamt engagieren sich etwa 250 Vertrauensdozentinnen
und -dozenten sowie Mitglieder der Auswahlkommissionen
für
das
Studienwerk,
führen
Gespräche
mit
den
Bewerberinnen
und
Bewerbern,
schreiben
Gutachten,
initiieren Treffen mit Stipendiatinnen und Stipendiaten
und stehen für Fachreferate zur Verfügung, darunter
viele Ehemalige. Sehr gut besucht war die Tagung der
Vertrauensdozentinnen und –dozenten im September 2005.
Die Tagung beschäftigte sich u.a. mit Instrumenten der
Nachwuchsförderung im internationalen Vergleich und mit
Bewertungskriterien von „Leistung“ und Spitzenförderung.
Verhältnis Studierende/Promovierende:
Studierende insgesamt: 390
(davon 138 Neuaufnahmen in 2005)
Promovierende insgesamt: 226
(davon 48 Neuaufnahmen 2005)
Verhältnis Männer
Stipendiaten
204
Männer 33 %
412
Frauen 67 %

/

Frauen
und

unter

den

2005 geförderten
Stipendiatinnen:

Stipendienprogramme der Heinrich-Böll-Stiftung im Ausland
Südkaukasus
Die südkaukasischen Gesellschaften leiden massiv unter der
Abwanderung gut ausgebildeter junger Leute. Insbesondere der
akademische
Nachwuchs
findet
unter
den
schwierigen
postsowjetischen
Bedingungen
keine
angemessenen
68

Arbeitsmöglichkeiten. An den Universitäten dominieren die
alten Autoritäten, die in den 90er Jahren vielfach bruchlos
vom
Marxismus-Leninismus
zum
Nationalismus
wechselten.
Historiker sehen oft ihre „patriotische Aufgabe“ darin, in den
südkaukasischen Territorialkonflikten jeweils den Standpunkt
der eigenen Seite historisch zu untermauern. Soziologie als
kritische Gesellschaftswissenschaft ist neu; interdisziplinäre
Ansätze und qualitative Methoden sind erst in Ansätzen
vertreten. Zudem führen die fortdauernden Konflikte um BergKarabach, um Abchasien und Südossetien dazu, dass jüngere
Wissenschaftlerinnen
und
Wissenschaftler
über
keinerlei
Kontakte zu ihren Kollegen aus den verfeindeten Nachbarländern
verfügen. Gerade von den Ideen und dem Engagement dieser
jungen Nachwuchskräfte hängt jedoch die Modernisierung der
südkaukasischen Gesellschaften ab.
Seit 2003 führt das Büro Südkaukasus der Heinrich-BöllStiftung
in
Tiflis
(Georgien)
ein
regionales
SurplaceStipendienprogramm
für
jährlich
25
junge
Sozialwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler aus allen
südkaukasischen Regionen durch. In ihren Forschungsprojekten
beschäftigen sie sich mit Zeitgeschichte, Soziologie und
Urbanistik. Das Büro Südkaukasus und ein internationales
Netzwerk von Mentorinnen und Mentoren unterstützen sie dabei,
trotz der widrigen Bedingungen ein trägfähiges Netzwerk
untereinander aufzubauen und Beiträge zur inhaltlichen und
methodischen Erneuerung der Sozialwissenschaften zu leisten.
Jährlich werden vier Arbeitstagungen organisiert, darunter
eine einwöchige Sommerschule. Besonderes Gewicht wird auf die
Entwicklung von grenzüberschreitenden „Follow-up-Projekten“
gelegt:
so
z.B.
ein
Forschungsprojekt
armenischer
und
aserbaidschanischer
ehemaliger
Stipendiatinnen
und
Stipendiaten
über
tabuisierte
Bereiche
der
gemeinsamen
Geschichte, um daraus Vorschläge für Unterrichtsmaterialien an
Schulen zu erarbeiten.
Die besten Forschungsarbeiten werden jährlich
Sammelband in russischer Sprache publiziert.

in

einem

Stipendienprogramm für in Mittelamerika

69

Auch das Regionalbüro in Mexiko schreibt jährlich Stipendien
für den akademischen Nachwuchs in der Region aus. So konnten
2005 dreizehn Studierende aus Guatemala, Nicaragua, El
Salvador und der Dominikanischen Republik aufgenommen werden.
Die Qualität der Ausbildung in Mittelamerika ist zumeist
gering, durch ein Stipendium bekommen die Studierenden die
Möglichkeit, an renommierten Forschungseinrichtungen Mexikos
ihren Master zu absolvieren. Zu den Angeboten zählen u.a.
Sozial-,
Kommunikationsund
Wirtschaftswissenschaften,
Anthropologie, Umwelt, Internationale Beziehungen oder Studien
für ländliche und städtische Entwicklung an öffentlichen und
privaten Universitäten Mexikos.
Seit 1997 existiert dieses kleine, aber äußerst erfolgreiche
Programm. Insgesamt 71 Personen (45 Frauen, 26 Männer) nutzten
bislang die Chance und nahezu 100 Prozent von ihnen schlossen
ihr Studium erfolgreich ab – mit im Schnitt 9,2 von 10 zu
erreichenden Punkten.
Im vergangenen Jahr hat das Programm vor allem durch die
Kooperation mit dem Internationalen Bildungsinstitut der FordStiftung
und
mit
LaSUR,
einem
internationalen
Forschungsprojekt der Schweizer Regierung, an Attraktivität
gewonnen. Die Kooperation mit LaSUR ermöglichte es einigen
Stipendiatinnen und Stipendiaten, neben ihrer individuellen
Forschungstätigkeit
in
ein
internationales
Nord-SüdForschungsprogramm eingebunden zu sein. In der Regel kehren
die
Stipendiatinnen
und
Stipendiaten
zurück
in
ihre
Heimatländer,
wo
kritisch-konstruktives
Denken
dringend
gebraucht wird.

70

[Wirtschaft, Arbeit und Soziales]
Es sind vor allem zwei tief greifende Veränderungen, die das
bisherige Sozialgefüge untergraben: der globale Wettbewerb und
der
demographische
Wandel.
Wenn
sich
aber
die
gesellschaftlichen und ökonomischen Fundamente verschieben,
muss auch der Sozialstaat umgebaut werden. Dabei werden Fragen
der Generationen- wie der Chancengerechtigkeit und der
sozialen Teilhabe einen neuen Stellenwert bekommen. Mit ihnen
befasst sich die Heinrich-Böll-Stiftung in einer Reihe von
Projekten und Veranstaltungen.
Den Anfang machte im Februar eine Veranstaltung zum Thema
„Demographischer
Wandel“.
Die
Journalistin
und
Autorin
Elisabeth Niejahr stellte ihr neues Buch Alt sind nur die
anderen. So werden wir leben, lieben und arbeiten vor. In der
anschließenden
Podiumsdiskussion
gelang
es,
von
Katastrophenszenarien Abstand zu nehmen und stattdessen eine
dringend
notwendige
positive
Sichtweise
auf
die
Herausforderungen des demographischen Wandels zu vermitteln.
Eine Veranstaltung im März beschäftigte sich mit Überlegungen
zur Kinderbetreuung und zu sozialen Dienstleistungen, die in
Deutschland nicht ausreichend angeboten werden. Im Juni kam
auf
einer
Kooperationsveranstaltung
mit
dem
Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) die Idee der Langzeitkonten
auf den Prüfstand. Langzeitkonten sind Arbeitszeitkonten, die
nicht innerhalb eines Kalenderjahres abgerechnet werden,
sondern auf denen mehrjährig Arbeitszeitguthaben angesammelt
werden. Die Konten können neben der „Währung“ Zeit auch über
Geld geführt werden. Für eine moderne und zukunftsweisende
Arbeitsmarktpolitik ist der Vorschlag von großer Relevanz,
lassen sich doch mit dem angesammelten Guthaben spätere Phasen
der
Erwerbslosigkeit
sinnvoll
überbrücken,
z.B.
mit
Qualifizierung.
Die Arbeit der von der Heinrich-Böll-Stiftung eingesetzten
Fachkommission
Wirtschaftspolitik
fand
zu
einem
Teil
Niederschlag in den beiden Publikationen Ressourcenleichter
Wirtschaften, Materialeffizienz steigern – Triebkräfte für den
Wirtschaftsaufschwung
und
Werteorientierung
und
Unternehmertum.
Überlegungen
zu
einer
grünen
Wirtschaftspolitik.
71

[Werteorientierung und Unternehmertum
Überlegungen zu einer grünen Wirtschaftspolitik
Gerhard Schick und Elmar Sing. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung. Berlin
2005, 28 Seiten

Ressourcenleichter wirtschaften, Materialeffizienz steigern – Triebkräfte
für den Wirtschaftsaufschwung
Studie von Christoph Erdmenger, Hartmut Fischer und Götz von Stumpfeldt.
Hrsg.

von

der

Heinrich-Böll-Stiftung.

Berlin

2005,

20

Seiten,

mit

Abbildungen und Tabellen]

Im Oktober hatte die Stiftung zu einer Veranstaltung mit dem
Titel „Antworten auf die Krise der Erwerbsarbeit“ mit Prof.
Frithjof Bergmann (MIT), Prof. Götz Werner (DM-Markt) und
Prof. Günter Faltin (FU Berlin) geladen. Sie diskutierten über
das Modell eines Grundeinkommens, das eine adäquate Antwort
auf die schwierige Einkommenssituation der Unterschichten sein
könnte. Und was ist mit Lohnsubventionsmodellen? Ein Workshop
mit Fachleuten diskutierte und prüfte dieses Modell auf seine
Möglichkeiten hin. Doch nach Meinung der Teilnehmenden sind
sie aus arbeitsmarktpolitischer Perspektive kaum sinnvoll, da
die Kosten pro zusätzlich geschaffenem Arbeitsplatz zu hoch
seien.
Allerdings
wäre
es
aus
sozialpolitischer
Sicht
vorteilhaft,
wenn
eine
partielle
Steuerfinanzierung
der
Sozialversicherungen
vorgesehen
wäre
und
so
zu
einer
gerechteren
Finanzierung
der
Sozialversicherungen
führen
würde.
Ein
solches
Modell
ist
das
von
der
grünen
Bundestagsfraktion entwickelte „Progressionsmodell“. Es sieht
die
Einführung
von
progressiv
ansteigenden
Sozialversicherungsbeiträgen
–
ähnlich
wie
bei
der
Einkommensteuer
–
vor.
Damit
würden
die
unteren
Einkommensgruppen deutlich entlastet werden.
Ein weiterer Workshop widmete sich den Überlegungen zur
Teilhabegesellschaft der amerikanischen Professoren Bruce
Ackermann und Anne Alstott. Ihr Modell sieht vor, dass der
Staat für alle Jugendlichen ein Konto einrichtet und jährlich
einen bestimmten Betrag auf dieses Konto einzahlt. Mit
Abschluss der Berufsausbildung oder des Abiturs sollen die
Jugendlichen dann frei über den angesparten Betrag verfügen
können. Die Heinrich-Böll-Stiftung gab bei Claus Offe, Gerd
Grözinger und Michael Maschke eine Studie in Auftrag, um die
Umsetzungsmöglichkeiten
dieses
Konzepts
unter
hiesigen
72

Verhältnissen zu untersuchen. Alle Jugendlichen würden demnach
60.000 Euro Startkapital erhalten, mit dem sie z.B. ein
Studium oder eine Ausbildung zum Handwerksmeister finanzieren
könnten. Allerdings scheint Kritikern dieses Modells der
Finanzbedarf viel zu hoch. Ihrer Meinung nach könnte die
benötigte Summe viel sinnvoller zur Bekämpfung der sozialen
Ausgrenzung eingesetzt werden.
Die Jahrestagung von Unternehmensgrün fand am 12. November
2005 in Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung statt.
Dabei ging es um Fragen rund um die „grüne Wirtschaft“. Wie
unterscheidet sie sich vom klassischen Wirtschaften? Welche
Kriterien sollten ökologisch orientierte Unternehmen erfüllen?
Und wie weit zahlt sich ökologisches Wirtschaften aus? Es
stellte sich heraus, dass die „grüne Wirtschaft“ kaum mehr
durch die Ökolandwirtschaft und Ökoläden definiert werden
kann. In nahezu allen Bereichen fänden sich mittlerweile
Ansätze grüner Ideen: von der Abfallwirtschaft bis hin zur
Windkraftbranche.
Mit
einer
Podiumsdiskussion
zur
Frage
„Nie
wieder
Vollbeschäftigung?“ blickte die Stiftung zum Jahresende noch
einmal auf die Krise der Erwerbsgesellschaft. Der Soziologe
und
Autor
Wolfgang
Engler
vertrat
die
These,
dass
Vollbeschäftigung nicht mehr erreichbar wäre und sich die
Politik deswegen primär um die Sicherung der Einkommen kümmern
müsse.
Das
stieß
auf
Widerspruch.
Markus
Kurth,
Sozialpolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion,
plädierte für eine umfassende Beschäftigungspolitik, die
makroökonomische Erfordernisse unbedingt mitberücksichtigen
müsse. Karoline Beck vom Bundesverband Junger Unternehmer
vertrat die Auffassung, dass das Ziel der Vollbeschäftigung
auch heute möglich sei und keinesfalls aufgegeben werden
dürfe.
Die
Debatte
zur
Krise
der
Erwerbsgesellschaft
wird
fortgesetzt.

73

[Zeitgeschichte]
Die Art der Interpretation historischer Ereignisse kann für
die politische Auseinandersetzung von großer Bedeutung sein.
Gerade kollektive bzw. nationale Identitäten gründen auf
solchen Geschichtsdeutungen. Diese kritisch zu hinterfragen,
darum bemüht sich die Heinrich-Böll-Stiftung regelmäßig in
Veranstaltungen und Publikationen zur Erinnerungskultur und
Gedächtnispolitik. Dazu gehört auch die Beschäftigung mit der
NS-Vergangenheit und den Folgen anderer totalitärer Systeme.
Reihe „Zeitgeschichte auf der Galerie“
Die Reihe „Zeitgeschichte auf der Galerie“ der Heinrich-BöllStiftung beschäftigte sich im Jahr 2005 mit einigen Aspekten
der NS-Forschung, die auch in der Medienöffentlichkeit einige
Aufmerksamkeit erfahren haben. So stellte der Politologe und
Historiker Götz Aly sein Buch Hitlers Volksstaat. Raub,
Rassenkrieg und nationaler Sozialismus vor. Im anschließenden
Podiumsgespräch verteidigte er vehement seine These einer
sozialpolitischen Bestechungs- und Gefälligkeitsdiktatur gegen
den Vorwurf eines verengten Ökonomismus. Seine Aussage, der
Nationalsozialismus
habe
sich
durch
einen
rassistischen
Wohlfahrtsstaat konsolidiert, genoss an diesem Abend jedoch
große Zustimmung.
Mit der Diskussion zu dem viel besprochenen Dokumentarfilm „2
oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ von Malte Ludin versuchte
die Reihe einen neuen Zugang zur Aufarbeitung der NSVergangenheit. Ludins Film über seinen Vater Hanns Elard
Ludin, der wegen seiner Beteiligung an der Ermordung der
slowakischen Juden 1947 in der Tschechoslowakei hingerichtet
wurde, seziert die Verdrängungen innerhalb der Familie. In der
Gesprächsrunde ging es in Anwesenheit des Regisseurs um die
Funktion des kollektiven und individuellen Gedächtnisses und
um die Frage, wie generationelle und Milieuprägungen die
Bearbeitung
der
nationalsozialistischen
Vergangenheit
beeinflussen.
Ein weiterer aktueller Beitrag zur Täterforschung war die
Präsentation des Buches von Harald Welzer: Täter. Wie aus
normalen Menschen Massenmörder werden. Darin untersucht er
Täter unterschiedlicher Genozide in ihren jeweiligen sozialen
und situativen Kontexten. Mit seiner richtungsweisenden Studie
eröffnet Welzer eine Perspektive auf die Täter, die auf
74

beunruhigende Weise erhellt, wie wenig Vertrauen in
Stabilität moralischer Überzeugungen gesetzt werden kann.

die

Die Brückenfunktion der in Deutschland lebenden Juden im
Verhältnis zwischen Deutschland und Israel
Bei den Feierlichkeiten zu 40 Jahre deutsch-israelischer
Beziehungen im vergangenen Jahr wurde stets die gegenseitige
Annäherung und ein wachsendes Vertrauen Israels gegenüber der
Bundesrepublik betont. Die Rolle der jüdischen Gemeinde in
Deutschland blieb dabei nahezu unbeachtet. Eine Tagung der
Heinrich-Böll-Stiftung, in Kooperation mit dem Zentralrat der
Juden in Deutschland, wollte dem Abhilfe schaffen. Die Idee
ging zurück auf einen Zeitungsartikel von Salomon Korn, dem
Stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats, in dem er eine
Neudefinition des Selbstverständnisses der in Deutschland
lebenden
Juden
forderte.
Bisher
kam
den
Juden
im
Nachkriegsdeutschland eine diffuse Brückenfunktion im deutschisraelischen Verhältnis zu. Während das offizielle Israel bis
in die 90er Jahre hinein eine nicht unumstrittene Position zu
den jüdischen Gemeinden hatte, war Israel für die in
Deutschland lebenden Juden ein zentraler Bezugspunkt ihrer
Identität. Der Zuwachs der jüdischen Gemeinden in Deutschland
durch die Zuwanderungen aus der ehemaligen Sowjetunion hat
nicht nur das Gewicht, sondern auch die Bedingungen jüdischen
Lebens in Deutschland verändert. Die Tagung im November
versuchte eine Antwort auf die gegenseitigen Einschätzungen,
Erwartungen, Hoffnungen und Missverständnisse im deutschjüdisch-israelischen
Verhältnis
zu
finden.
Eine
erste
Bestandsaufnahme
zeigte,
dass
die
zugeschriebene
Brückenfunktion offenbar eine von allen Seiten gepflegte
Illusion war. Weder bei der Aufnahme der deutsch-israelischen
Beziehungen noch in den späteren Jahren kam den deutschen
Juden eine entscheidende Rolle zu. Dies zumindest legte der
Publizist Micha Brumlik anhand zeitgeschichtlicher Fakten dar.
Auch die Lebensbeschreibungen der ersten Nachkriegsgeneration
stützten diese These.
Auf dem Abschlusspodium diskutierten Kiv Kaufmann, als
Repräsentant der eingewanderten Juden, Charlotte Knobloch, als
Überlebende
des
Holocaust,
und
Micha
Brumlik,
als
Nachkriegskind, über ihre individuellen Wahrnehmungen Israels.
Allesamt betonten sie, dass sie sich als deutsche Staatsbürger
verstünden, die – in unterschiedlicher Ausprägung – ein eher
75

distanziertes
Verhältnis
zu
Israel
politischen Loyalität, versteht sich.

hätten,

bei

aller

Religion und Politik im öffentlichen Raum: Deutschland und die
USA im Vergleich
In den USA ist ein Streit um religiös argumentierende Politik
und das Verhältnis von Politik und Religion entbrannt. Die
liberale Öffentlichkeit fühlt sich herausgefordert durch die
zunehmenden
politischen
Interventionen
der
„religiösen
Rechten“. In Deutschland treten die christlichen Kirchen
wieder verstärkt als Träger gesellschaftlicher Werte und als
Maßstab für ethisches Handeln in das gesellschaftliche und
politische
Bewusstsein.
Die
Träger
anderer
religiöser
Gemeinschaften fordern die strukturelle Gleichbehandlung ihrer
Organisationen mit den christlichen Großkirchen. Der bisher
funktionierende Kompromiss zwischen Staat und Religion wird
dadurch erneut öffentlich verhandelt. Sowohl die USA als auch
Deutschland
stehen
vor
der
Herausforderung,
mit
einer
wachsenden Vielfalt von Überzeugungen und Lebensstilen sowie
mit Migrantinnen und Migranten unterschiedlicher kultureller
Prägung
umzugehen.
Wie
wird
das
Dilemma
zwischen
dem
demokratischen Anspruch auf kulturelle Vielfalt, ethischreligiösem
Pluralismus
und
einem
kirchlich-religiösen
„Alleinvertretungsanspruch“ in moralischen Fragen in beiden
Nationen gelöst? Welche Rolle kann und soll Politik dabei
spielen? Die Tagung „Religion und Politik im öffentlichen
Raum: Deutschland und die USA im Vergleich“ versuchte diesen
Fragen nachzugehen. Die Teilnehmer warfen einen Blick auf den
besonderen Einfluss der christlichen Rechten in den USA. Clyde
Wilcox von der Georgetown University vertrat die Ansicht, die
Neokonservativen benutzten zwar die Rhetoriken und die
Interventionen der Evangelisten, um ihre politischen Ziele
durchzusetzen, die religiöse Rechte selbst sei aber von der
politischen Macht noch weit entfernt. Josef Braml, Stiftung
Wissenschaft und Politik, hingegen sieht einen vermehrten
Einfluss christlicher Organisationen auf die politische Agenda
in den USA; deshalb sei mit ihnen als politische Kraft zu
rechnen. Die Frage nach der Integration und der Wahrnehmung
religiöser Minderheiten in beiden Gesellschaften stellte sich
am Beispiel der Muslime und der jüdischen Gemeinden. Die USA,
die Integration als identitätsstiftendes Element ihrer Nation
sehen,
haben
religiöse
Minderheiten
mehr
oder
weniger
76

problemlos integriert und auch Raum für Wandlungsprozesse
gelassen. Dies gilt auch für die Muslime. Währenddessen
versucht man nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen
(west)europäischen Ländern, eine neue Grundlage für das
Zusammenleben von islamischen Gemeinden und christlichen
Mehrheitsgesellschaften zu schaffen. Eine Sonderrolle haben
dabei die jüdischen Gemeinden in Deutschland, die aufgrund des
Holocaust erst in letzter Zeit den Status einer Minderheit für
sich selbst akzeptiert haben. Diese sehen sich nicht nur
bewusst als Teil der deutschen Gesellschaft, sondern auch die
Diversität
in
den
eigenen
Reihen
wird
programmatisch
gefördert. Dazu gehört auch die Ablehnung einer idealisierten
Symbiose des deutsch-jüdischen Verhältnisses vor dem Holocaust
und die Forderung an die deutsche Gesellschaft, eine wirkliche
Partizipation von Minderheitengruppen zuzulassen.
Ein Ziel der Veranstaltung war eine Differenzierung in der
gegenseitigen Wahrnehmung. Dies ist, wie die Diskussion
bewies, gelungen, wozu besonders die amerikanischen Gäste
beitrugen. Sowohl, was die Rolle des Staates angeht, wie auch,
was die Durchschlagskraft extrem religiöser Positionen angeht,
können beide Kulturen viel voneinander lernen.
Politik und Religion – Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung in
Kooperation mit der deutschen Vereinigung für Politische
Wissenschaft und der Konrad-Adenauer-Stiftung vom 21.-23.
Januar 2005
Heinrich Bölls Haltung zur katholischen Kirche und zu
Parteien, die sich mit dem großen C schmücken, war bekanntlich
ambivalent. Doch auf die Frage, was er vom Christentum halte,
antwortete
er,
dass
die
Vorstellung
einer
Welt
ohne
Christentum für ihn gespenstisch sei, „weil es in der
christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische
Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache“.
Gibt es vielleicht sogar Verbindungslinien zwischen dem
Christentum und der Demokratie, in der ja die Menschenwürde
einen besonderen Schutz genießt? Dieser Frage widmeten sich im
Januar des vergangenen Jahres rund vierzig Wissenschaftler und
Politiker auf der Fachtagung „Christentum und demokratischer
Verfassungsstaat”. Eröffnet wurde die Veranstaltung, die in
Schloss Eichholz bei Brühl stattfand, mit einem Vortrag von
Prof. Dr. Hans Maier, früherer bayerischer Kultusminister und
ehemaliger Präsident des Zentralkomitees der Katholiken. Maier
77

machte deutlich, wie sehr die Trennung von Politik und
Religion als einer Trennung von Herrschaft und Heil sich dem
Christentum verdankt, ebenso wie die Sichtweise auf den
Einzelnen als Menschen, der in seiner Würde unbedingt
anzuerkennen ist und dem die Gemeinschaft Fürsorgepflicht
schuldet. Dieser Sichtweise wurde in der Grundaussage nicht
prinzipiell
widersprochen,
aber
es
gab
erhebliche
Relativierungen bzgl. der These, wonach der demokratische
Verfassungsstaat wesentlich ein Erbe des Christentums sei. So
betonte Henning Ottmann, Professor für Politikwissenschaft in
München, den Beitrag, den die griechische Philosophie und die
Praxis antiker Stadtstaaten für die Demokratie geleistet
haben. Andere warfen die Frage auf, wieso es so lange gedauert
habe, bis die Impulse des Christentums politisch wirkmächtig
geworden seien. Welche Bedeutung dem Christentum heute für die
Politik zukommt, machte u.a. eine Kontroverse über die Frage
der Verfügbarkeit menschlichen Lebens deutlich. Während der
Rechtswissenschaftler Gerd Roellecke unter den säkularen
Vorzeichen der Moderne für ein Entscheidungsrecht der Politik
plädierte, Anfang und Ende menschlichen Lebens bestimmen zu
können (mit entsprechenden Folgerungen für die Biopolitik),
sah die Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Tine Stein im
Schutz
auch
des
ungeborenen
menschlichen
Lebens
eine
Konsequenz
aus
dem
Prinzip
der
Unantastbarkeit
der
Menschenwürde, das sie als säkularisierte Vorstellung der
Gottebenbildlichkeit
des
Menschen
ausmachte.
Auch
die
zusehends multireligiöse Wirklichkeit in Europa war Gegenstand
einer
Diskussion,
auf
der
Katajun
Amirpur,
Islamwissenschaftlerin aus Köln, an die islamischen Wurzeln
Europas erinnerte. Ohnehin könne und dürfe, so Ralf Fücks,
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, unter den Vorzeichen der
Religionsfreiheit eine tragfähige politische Gemeinschaft sich
nicht auf eine gemeinsame religiöse Identität stützen müssen,
vielmehr erwachse das einigende Band neben der geteilten
Erfahrung
von
Totalitarismus
und
Krieg
auch
aus
der
europäischen Praxis – quasi im Wege einer Selbsterschaffung
Europas.
Blick zurück nach vorn: 25 Jahre Grün
Nicht ohne Melancholie, nicht ohne Erinnerung an die gute alte
Gründerzeit sei es den Grünen gelungen, das 25jährige Jubiläum
ihrer Gründung zu begehen. Das attestierte der Berliner
78

Tagesspiegel dem Kongress, den die Heinrich-Böll-Stiftung in
Kooperation mit ihrer Landesstiftung Baden-Württemberg Ende
Januar 2005 in der Berliner Kulturbrauerei ausgerichtet hatte.
Eine Gedenkfeier sollte es nicht werden, vielmehr ein Anlass,
die Wandlungen grüner Politik in diesem Vierteljahrhundert zu
reflektieren und über Perspektiven der Grünen in den kommenden
Jahren zu diskutieren. Dazu waren nicht nur Vertreterinnen und
Vertreter
der
Grünen
eingeladen,
man
hörte
auch
sehr
aufmerksam alten Wegbegleitern wie dem inzwischen verstorbenen
Carl Amery oder Wilhelm Knabe zu. Auch ausländische Gäste und
Kritiker anderer Parteien kamen zu Wort, und die Grüne Jugend
konnte eine „neue Generation der Grünen“ beschwören.
Die Abschlussdiskussion zur Frage „Wohin zeigt der grüne
Kompass – wie links, wie liberal, wie konservativ, wie
revolutionär sind die Grünen?“ bestritten Krista Sager, Jürgen
Trittin, Winfried Kretschmann, Manuela Rottmann und Ralf Fücks
unter der Leitung von Vera Gaserow. Winfried Kretschmann,
Fraktionsvorsitzender von Bündnis 90/Die Grünen im badenwürttembergischen Landtag, erinnerte noch einmal an die
Leistung der jungen Partei:
„Wir
wollten
als
Anti-AKW-,
als
Friedensund
Antiwettrüstungspartei in den Bundestag, um dieses inhaltliche
Kartell der anderen drei Parteien aufzuknacken. Und dass wir
das aufgeknackt haben, das war das eigentlich historisch
Neue.“ Die Bundestagsabgeordnete Krista Sager betonte den
Lernprozess der grünen Partei: „In unserem Programm von 1980
lief Migration unter ‚soziale Randgruppen’. In unserem neuen
Programm ist Migration unter ‚Demokratie’, denn die Gestaltung
einer anderen, einer gemeinsamen Gesellschaft wird auch in
Zukunft ein Thema für uns sein.“ Für eine Kritik an der
bedenkenlosen Fortschrittsgläubigkeit damals wie heute – dafür
stünden alle Flügel der Partei. Doch wofür müssten die Grünen
in der Zukunft stehen? Für eine „reflexive Modernisierung“,
empfahl Ralf Fücks, Vorstand der Stiftung, und die Bejahung
„nachhaltigen Wachstums“.

79

[Migration, Diversity und Interkulturelle Demokratie]
Mehr
oder
weniger
alle
europäischen
Einwanderungsgesellschaften sind mit den Herausforderungen der
Integration, mit Konflikten und Problemen, die im Gefolge des
raschen Anstiegs der Zuwanderung seit den 60er Jahren
entstanden sind, konfrontiert. Vielfalt birgt viele Chancen,
erzeugt
aber
auch
häufig
Missverständnisse
und
Auseinandersetzungen. Die Heinrich-Böll-Stiftung setzt sich
für eine demokratische Einwanderungsgesellschaft ein. Sie
beschäftigt sich mit Fragen der Integration von Migrantinnen
und Migranten, der gesellschaftlichen Vielfalt (Diversity) und
des Multikulturalimus als gesellschaftliche Realität.
Mythos Kreuzberg – Bilanz eines Multikulturellen Experiments
Ob als Hochburg der links-alternativen Szene oder als KleinIstanbul – der Berliner Stadtteil Kreuzberg ist weit über die
Grenzen Deutschlands bekannt. Er gilt als Ort besonderer
Vitalität und soziokultureller Vielfalt; manche sehen in
Kreuzberg aber auch ein Beispiel für das „Scheitern der
multikulturellen
Illusion“.
Mit
dem
Kongress
„Mythos
Kreuzberg“ vom 26.–28. Mai 2005 in Berlin wollte die HeinrichBöll-Stiftung
genauer
hinsehen
und
die
Bilanz
eines
multikulturellen
Experiments
ziehen.
Martin
Düspohl
vom
Kreuzberg-Museum klärte darüber auf, dass es ein solches
Experiment gar nicht gegeben habe. Die Vielfalt sei ein
Ergebnis städtebaulichen Irrtums: Zum Abbruch bestimmte Häuser
seien zur Zwischennutzung freigegeben worden. Die, die neu
zuzogen,
waren
Gastarbeiter
und
junge
Leute
aus
Westdeutschland, die das antiautoritäre Lebensgefühl der
Mauerstadt
genießen
wollten.
Die
Diskussionen
gingen
allerdings schnell über die Stadtteilgrenzen hinaus. Einigkeit
bestand darüber, dass in Deutschland ein klares Bekenntnis zum
Einwanderungsland fehle. Und auch, dass es klar formulierte
Bedingungen geben müsse, die an eine Zuwanderung geknüpft
werden. Die Einwanderer müssten dann wiederum auch das Gefühl
vermittelt bekommen, willkommen zu sein. In dieser Hinsicht
sei allerdings bislang viel versäumt worden – auch in Sachen
Sprache,
einer
wichtigen
Vorraussetzung
für
die
Chancengleichheit von Migrantinnen und Migranten. Thomas
Kessler, Migrationsdelegierter des Schweizer Kantons Basel,
sah den Staat in der Pflicht zu helfen, Probleme bei der
80

Eingliederung
zu
beheben.
Schließlich
würden
sich
die
Investitionen in den schnellen Spracherwerb zum Beispiel
binnen
kürzester
Zeit
über
höhere
Steuereinnahmen
und
niedrigere Sozialausgaben amortisieren.
["Eine

positive

Einstellung

gegenüber

kultureller

Vielfalt

und

eine

verbindliche Haltung gegenüber den Grundwerten und Regeln der Demokratie
sind für uns kein Gegensatz. Sie bilden gemeinsam das Fundament einer
multikulturellen
politische,

Republik.

ökonomische

Gesellschaft.

Wie

gut

Es

geht

um

und

soziale

das

gelingt,

Chancengleichheit
Teilhabe
ist

aller

und

um

die

Mitglieder

der

mitentscheidend

für

die

Zukunftsfähigkeit der Bundesrepublik." Ralf Fücks, Vorstand der HeinrichBöll-Stiftung]

www.migration-boell.de
Die neue Website zu Migration, Integration und Diversity ging
Anfang September 2005 kurz vor den Bundestagswahlen online.
Sie präsentiert ein vielfältiges Angebot an Informationen,
Analysen und Meinungen zu den Themen Zuwanderung, soziale und
politische Integration sowie zu einem produktiven Umgang mit
kultureller Vielfalt in Institutionen und Bildung. Prominente
internationale Fachleute und Institutionen wie der British
Council oder das Bündnis für Demokratie und Toleranz konnten
für Beiträge und Kooperationen gewonnen werden. Natürlich
kommen auch Migrantinnen und Migranten selbst zu Wort. Zu
aktuellen politischen Ereignissen – wie im Jahr 2005 z.B. der
Anschlag auf die Londoner Busse und U-Bahn, die Unruhen in
französischen Vorstädten oder aktuell der Karikaturenstreit –
bietet
die
Website
Themenpakete
an,
die
verschiedene
Perspektiven bündeln. Die Website soll Hintergrundwissen
vermitteln und Forum für einen konstruktiven Austausch sein.
Alle auf diesem Gebiet engagierten Menschen sind eingeladen,
daran mitzuwirken und diese Plattform aktiv mitzugestalten.
„Grün trifft Grün“
Die 2004 gestartete Dialogreihe „Grün trifft Grün“ setzte sich
im Jahr 2005 fort. Eine Veranstaltung im März befasste sich
mit
der
„Muslimischen
Selbstorganisation“
und
stellte
hinsichtlich
des
notwendigen
Dialogs
über
Fragen
des
Zusammenlebens und der Integration den Ruf nach einem
muslimischen „Ansprechpartner“ in den Vordergrund. Eine zweite
Veranstaltung
im
Herbst
beschäftigte
sich
mit
dem
81

Selbstverständnis muslimischer Organisationen in Deutschland.
Mit dieser Dialogreihe möchte die Stiftung in Kooperation mit
dem Büro der Beauftragten der Bundesregierung für Migration,
Flüchtlinge
und
Integration
und
der
neu
gegründeten
Muslimischen Akademie in Deutschland einen Beitrag zum
politischen Dialog mit Musliminnen und Muslimen in Deutschland
leisten. Dabei geht es um Themen wie politische Partizipation,
demokratische
Repräsentanz
oder
Geschlechterverhältnisse.
Gäste bzw. Teilnehmer und Teilnehmerinnen kommen aus der
muslimischen
„Community“,
zivilgesellschaftlichen
Gruppen,
Wissenschaft und (grüner) Politik.
„Citizenship – Ethnos – Multiculturalism“
Anfang November veranstaltete die Heinrich-Böll-Stiftung in
Kooperation mit der University of Toronto und der kanadischen
Botschaft
die
Konferenz
“Citizenship
–
Ethnos
–
Multiculturalism“ in Berlin. Die Konferenz war die Fortführung
eines gleichnamigen Kongresses im Jahr 2003 in Toronto.
Während
in
Toronto
die
europäischen
Migrationsund
Integrationsmodelle im Mittelpunkt der Debatte standen, wurden
auf der Berliner Konferenz die nordamerikanischen Modelle zu
„Citizenship“ und „Multiculturalism“ vorgestellt. Neben einer
Reihe renommierter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler
wie Aristide Zolberg, Himani Bannerji, Peggy Levitt, Catherine
Audard,
Jytte
Klausen,
Jocelyne
Cesari
waren
auch
Vertreterinnen
und
Vertreter
zivilgesellschaftlicher
Institutionen wie dem National Council of La Raza oder UK New
Citizen an der Konferenz beteiligt. Die Eröffnung bestritt
Marieluise Beck als Migrationsbeauftragte der Bundesregierung.
„Vielfalt in der Einheit“ – Vortrag von Amitai Etzioni
„Diversity Within Unity“ lautete der Titel einer Veranstaltung
mit dem amerikanischen Philosophen Amitai Etzioni, die im
August 2005 stattfand. In seinem Vortrag setzte sich Etzioni
mit der Frage auseinander, wie sich die Anerkennung von
Vielfalt mit dem notwendigen Zusammenhalt der Gesellschaft
vereinbaren lässt. Etzioni: „Es gibt bestimmte elementare
Werte in jeder Gesellschaft, und jeder, der Teil dieser
Gemeinschaft werden will, muss ihre Grundwerte akzeptieren.
Diese Grundwerte müssen sich nicht ändern. Auf der anderen
Seite, wenn Leute sich unseren Gemeinschaften anschließen und
bereit sind, unseren Respekt vor den demokratischen Rechten
82

und unsere Achtung vor den Gesetzen (auch davor, dass sie
veränderbar sind) zu teilen, dann sollte es uns nichts
ausmachen, dass sie manchmal andere Eßgewohnheiten haben,
andere Lieder singen, zu anderen Göttern beten und sich noch
einem anderen Land, dem Herkunftsland, nah und verpflichtet
fühlen. So kommt die Mischung zustande. Es gibt trotzdem eine
Einheit, und die ist unverzichtbar für jede Gemeinschaft. Und
ich denke, es versteht sich von selbst, dass praktisch jeder
eine Nation als eine Gemeinschaft versteht, die sich zu einem
Staat zusammenschließt und darin investiert. Es handelt sich
nicht
einfach
bloß
um
eine
Bürokratie
oder
eine
Verwaltungsstruktur. Es handelt sich um ein bestimmtes
Ensemble von Werten und Loyalitäten, die wir herausbilden. Es
ist im Endeffekt eine Form einer sehr ausgedehnten Familie.
Wir hoffen ja auf Veränderungen, und eines Tages mag es eine
europäische Gemeinschaft, einen europäischen Staat geben; ich
hoffe sogar auf einen Weltstaat. Zur Zeit aber ist ein Teil
unserer Loyalitäten, sind Engagement und Identität in unsere
jeweiligen nationalen Gemeinschaften eingeschlossen. Ich weiß,
dass uns das manchmal Unbehagen bereitet, aber das schafft
keine einzige Tatsache aus der Welt. Deshalb: Wenn Menschen zu
uns kommen, müssen wir sie und uns fragen, ob sie herkommen,
um ein besseres Leben zu führen, und ob wir sie für unsere
Wirtschaft brauchen und ob sie bereit sind, die Tatsache zu
akzeptieren, dass wir von jedem auf der Welt die Anerkennung
der Menschenrechte erwarten.
Um es ganz klar zu sagen: Ich finde es sehr merkwürdig, wenn
Menschen im allgemeinen auf den Menschenrechten beharren, wenn
es aber um Afghanistan oder den Iran geht, dann relativieren
sie diese Rechte. Zwangsehen zum Beispiel sollten nirgendwo
toleriert werden.
Ich glaube wirklich fest an die Menschenrechte, den
demokratischen Lebensstil, den Respekt vor dem Gesetz – dies
sind elementare Werte, an denen sich jeder zu orientieren hat.
Und wer das nicht tut, nicht tun will, der muss nicht zu uns
kommen. Wenn wir diesen Grundsatz formuliert haben, dann
können
wir
auch
sagen:
Wir
werden
eure
besonderen
Gemeinschaften respektieren.“
[Dokumentationen

der

einzelnen

Veranstaltungen

sowie

Vortragsmanuskripte

sind auf der Website www.migration-boell.de zu finden.]

83

[Kommunalpolitik und Stadtentwicklung]
Unsere Zukunft hängt entscheidend von der Entwicklung
der Städte ab. Sie sind Motor der Wirtschaft, der
sozialen Integration und des geistigen und kulturellen
Fortschritts. Allerdings stehen im Moment einigen
wenigen prosperierenden Städten viele wirtschaftlich
instabile und schrumpfende Städte gegenüber. In fast
allen Politikfeldern müssen daher neue Ansätze gefunden
werden, die den veränderten Herausforderungen gerecht
werden.
Stadtentwicklung und Kulturelle Vielfalt in den Städten
Die
Heinrich-Böll-Stiftung
hat
im
Jahr
2003
eine
Fachkommission Stadtentwicklung eingerichtet, um die Chancen
und die Probleme der deutschen Städte zu identifizieren und
Lösungen zu formulieren. In der Reihe „ZukunftsWerkStadt“
stellte die Fachkommission Ergebnisse ihrer Arbeit vor und
diskutierte sie mit einer interessierten Öffentlichkeit. Die
„ZukunftsWerkStadt2“ befasste sich am 22. April 2005 aus
aktuellem Anlass – der Mord an Theo van Gogh und die
anschließende Debatte um die Zukunft der multikulturellen
Gesellschaft – mit der „Stadt der kulturellen Vielfalt“. Prof.
Hartmut Häußermann und Prof. Detlev Ipsen, beide Mitglieder
der Fachkommission, erläuterten hierzu ihre Vorstellungen. Die
multikulturelle Gesellschaft werde in den Städten gelebt, ja,
die Stadt brauche die Zuwanderer, wenn sie ökonomisch und
kulturell
produktiv
bleiben
wolle,
und
die
Zuwanderer
brauchten die Stadt, um ankommen zu können. Aber dieser
Prozess
verlaufe
nicht
konfliktfrei:
Menschen
mit
Migrationshintergrund werden ausgegrenzt und grenzen sich ab.
Die Selbstabgrenzung könne produktive Differenz ausdrücken,
aber auch eine schwer zu überbrückende Barriere in der
Mehrheitsgesellschaft sein. Als Vorbild eines funktionierenden
multikulturellen Gemeinwesens stellte Ipsen die kanadische
Stadt Toronto vor. Marieluise Beck beschrieb in ihrem darauf
folgenden Beitrag die derzeitigen Grenzen der multikulturellen
Gesellschaft. Dr. Helmuth Schweitzer, Leiter des Büros für
interkulturelle Arbeit Essen, betonte, wie wichtig es sei,
eine
interkulturelle
Orientierung
in
Institutionen
zu
verankern.
84

Die Kommunalpolitische Infothek
Die Kommunalpolitische Infothek (www.kommunale-info.de) der
Heinrich-Böll-Stiftung ist eine Online-Fachzeitschrift und ein
Wegweiser durch die Welt der Kommunalpolitik. Sie wurde 1998
ins Leben gerufen, um kommunalpolitisch Aktive bundesweit in
ihrer Arbeit zu unterstützen und Interessierte zu politischem
Engagement zu ermuntern. Themen des Jahres 2005 waren u.a. die
demographische Entwicklung in Deutschland, die FeinstaubProblematik und Luftreinhaltepläne, Integrationspolitik, erste
Erfahrungen mit Hartz IV sowie kommunale Strategien „Weg vom
Öl“.
Neben den vielen Fachtexten aus diversen Sachgebieten der
Kommunalpolitik bietet die Infothek auch Literaturhinweise,
Rezensionen, Internetadressen und ein umfangreiches Glossar.
Abonnenten des regelmäßigen Infothek-Newsletter werden zudem
per E-Mail über die Neuigkeiten in der Kommunalpolitischen
Infothek informiert.

[Das neue Gesicht der Stadt. Strategien für die urbane Zukunft
im 21. Jahrhundert. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung.
Berlin, April 2006, 208 Seiten, 8,- Euro. Mit zahlreichen
Photos, Abbildungen und Tabellen, ISBN 3-927760-52-8]

85

[Heinrich-Böll-Haus Langenbroich]
In vielen Ländern der Welt sind Schriftstellerinnen und
Schriftsteller politischen Repressionen ausgesetzt - die
Freiheit des Wortes gilt nicht viel. Auch ökonomische Zwänge
setzen dem künstlerischen Schaffen vielerorts enge Grenzen.
Hier setzt die Arbeit der Heinrich-Böll-Stiftung an. Das
Stipendienprogramm im Heinrich-Böll-Haus Langenbroich bietet
Künstlerinnen und Künstlern die Möglichkeit, für eine kurze
Zeit
ungestört,
finanziell
abgesichert
und
frei
von
staatlicher Kontrolle oder Verfolgung zu arbeiten.
Seit Gründung des Vereins Heinrich-Böll-Haus Langenbroich e.V.
im Jahr 1989 waren zahlreiche Künstlerinnen und Künstler zu
Gast
im
Heinrich-Böll-Haus
Langenbroich,
dem
ehemaligen
Wohnsitz der Familie Böll in der Eifel. Sie kamen aus Ländern,
in denen die Arbeitsbedingungen politisch und ökonomisch
erschwert sind und nutzten ihren Aufenthalt in Deutschland, um
kreativ und ungestört zu arbeiten. Das Stipendienprogramm der
Stiftung stützt sich auf die bewährte Zusammenarbeit mit dem
Verein Heinrich-Böll-Haus Langenbroich und dem Land NordrheinWestfalen sowie einem über Jahre entstandenen Netzwerk von
Initiativen,
die
verfolgte
Autorinnen
und
Autoren
unterstützen. Das Heinrich-Böll-Haus Langenbroich ist aber
nicht nur ein Refugium für Künstlerinnen und Künstler, es ist
auch ein Ort internationaler Begegnungen und Veranstaltungen.
Bereits Tradition ist das Sommerfest mit Lesungen der Gäste
des Hauses und musikalischem Begleitprogramm, das alle zwei
Jahre stattfindet. Darüber hinaus bereichern die Stipendiaten
die
lokale
und
überregionale
Kulturszene,
so
gab
die
estländische Autorin Reet Kudu im Mai 2005 auf Schloss Burgau
in Düren Einblicke in ihr literarisches Werk, im Juni erfreute
der algerische Sänger Ali Ait Ferhat das Dürener Publikum mit
Auszügen aus seinem künstlerischen Repertoire und im Oktober
stellte Adania Shibli im Stadtkunstverein urban dialogues e.V.
in Berlin ihre Texte vor.

Stipendiatinnen und Stipendiaten im Jahr 2005
Reet Kudu, Schriftstellerin, Choreographin und Dramaturgin aus
Tallinn/Estland
(Jahrgang
1949).
Nach
ihrem
86

Philologieabschluss an der Universität Tartu arbeitete sie als
Redakteurin beim Estnischen Rundfunk. Aufgrund kritischer
Äußerungen zur Kulturpolitik der Sowjetunion verlor sie in den
80er Jahren zeitweilig ihre Anstellung. Seit 1984 ist sie als
Choreographin, Ballett- und Theaterdramaturgin tätig, zudem
verfasste sie zahlreiche Kinder- und Jugendbücher, Novellen
und
Romane.
In
ihren
Texten
thematisiert
sie
die
postkommunistische Ära und deren gesellschaftliche Folgen.
Im deutschsprachigen Raum bislang erschienen: „Erster Sommer
mit eigenem Freund“ (Erzählung, veröffentlicht in der Sammlung
„Roter Stern zerplatzt“, Ravensburg 1993), "Vollmond und
Laterne" (Roman, Vierviertelverlag, Wien 2006) sowie Essays,
Novellen und Romanauszüge in diversen Kulturzeitschriften.

Giselher W. Hoffmann, Schriftsteller aus Windhoek/Namibia
(Jahrgang
1958).
Hoffmann,
Enkel
deutscher
Einwanderer,
arbeitete mehrere Jahre als Berufsjäger in der Kalahari,
gründete einen Verlag und leitete ein Safari-Unternehmen.
Heute lebt er als freier Schriftsteller in Swakobmund/Namibia.
Mit seinen Romanen - er schreibt auf Deutsch - schlägt er
Brücken zwischen den Völkern. Er erzählt von den Gwi und der
Besiedlung
Namibias
durch
die
weißen
Siedler
(„Die
Erstgeborenen“, Unionsverlag 2002), vom Massaker an den Herero
durch die deutschen Soldaten („Die schweigenden Feuer“, Hammer
Verlag 1994), von der Geschichte der deutschen Siedler während
des 2. Weltkriegs („Die Verlorenen Jahre“, Edition Köln 2003)
und von der Kultur der Himba („Schattenjäger“, Scherz Verlag
2003). Im Jahr 2000 erhielt Hoffmann den BertelsmannRomanpreis.

Adania
Shibli,
Schriftstellerin
und
Filmemacherin
aus
Ramallah/Palästina (Jahrgang 1974). Sie studierte Publizistik
und Filmregie in Jerusalem und lebt zur Zeit in London, wo sie
im Fachbereich Medien und Kulturwissenschaften promoviert.
Shibli
gehört
zur
jungen
Generation
palästinensischer
Autorinnen
und
Autoren,
die
das
Alltägliche
und
das
menschliche Innenleben ins Zentrum ihres Schaffens stellen.
Lange Zeit war die palästinensische Literatur aufgrund der
Erfahrung
von
Vertreibung
und
Besatzung
von
der
Auseinandersetzung mit politischen Themen dominiert worden. Im
87

Jahr 2000 wurde Shibli für ihre Kurzgeschichte „ar-Riyadiyyat,
wa-tahtuha al-hubb wa-tahtuhu al-lugha“ (Mathematik, darunter
die Liebe und unter ihr die Sprache) von der Qattan-Stiftung
für palästinensische Nachwuchskünstler mit dem ersten Preis
ausgezeichnet. 2001 erhielt sie den ersten Preis für ihre
Erzählung „Masas“ (Fühlungen) und 2003 für ihren Roman
„Kulluna ba’id bi-dhat al-miqdar ’an al-hubb“ (Wir sind alle
im gleichen Maße von der Liebe entfernt.

László Végel, Schriftsteller und Essayist aus Novi Sad/
Serbien-Montenegro (Jahrgang 1941). László Végel gehört der
ungarischen Minderheit in Serbien an. Nach dem Studium der
ungarischen Literatur und Philosophie in Ùjvidék/Novi Sad und
Belgrad arbeitete er als Kulturredakteur bei verschiedenen
Zeitschriften und als Dramaturg beim Fernsehsender von Novi
Sad, bis er 1991 im Rahmen der politischen Säuberungen des
Milosevic-Regimes entlassen wurde. Von 1994 bis zu dessen
Schließung im Jahr 2000 arbeitete er als Geschäftsführer des
Büros der Soros-Gesellschaft in Novi Sad. Seinen ersten Roman
veröffentlichte László Végel 1968 („Memoiren eines Makros“),
seitdem erschienen auf ungarisch und serbisch 6 Romane, 7
Essaybände sowie mehrere Theaterstücke. Im Zentrum seiner
literarischen
Arbeit
stehen
der
mitteleuropäische
Nationalismus, die Xenophobie und deren spezifisch serbische
Varianten.
Végel
war
Gründungsmitglied
verschiedener
Menschenrechtskomitees in Belgrad. Er schloss sich der
Sarajevoer Gruppe „Krug 99“ an. Seit 2002 lebt er als freier
Schriftsteller in Ùjvidék/Novi Sad. Für sein literarisches
Schaffen erhielt Lászlò Végel zahlreiche Auszeichnungen,
zuletzt den Ungarischen Staatspreis.
In deutscher Sprache sind bislang verschiedene Essays in der
Zeitschrift Sinn und Form erschienen.

Neben den Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung waren im
Haus Langenbroich auch Künstlerinnen und Künstler zu Gast, die
durch den Böll-Fonds des Landes NRW gefördert wurden:
Ali
Ait
Ferhat, Poet, Komponist und Sänger aus
Ouzou/Algerien
(Jahrgang
1957).
Sein
Künstlername
„Ideflawen“, ein kabylisches Wort für „Der Schnee“.

Tizi
ist
Seit
88

beinahe 40 Jahren schreibt, komponiert und singt Ali Ait
Ferhat auf Französisch und Kabylisch Lieder über das Volk der
Berber, dem er selbst angehört. Bereits während seiner
Ausbildung zum Techniker an der Universität in Algier hatte er
sich der kulturellen Bewegung der Berber angeschlossen. In
seinen Liedern kämpft er gegen das Militärregime in Algier und
gegen
die
muslimischen
Fanatiker.
Er
singt
für
die
Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, die Trennung von
Staat und Religion, die Anerkennung von Sprache und Identität
der Minderheiten, für die Freiheit und gegen die Gewalt.

Francisco Díaz Solar, Übersetzer, Lyriker und Essayist aus
Havanna/Kuba (Jahrgang 1946). Francisco Diáz Solar arbeitete
als
Buchhändler,
Straßenverkäufer
und
Redakteur
für
Übersetzungen.
Seine
eigene
Lyrik
und
Kurzprosa
ist
scharfsinnig
analytisch,
mit
überraschend
heiteren
oder
satirisch-sarkastischen Pointen. Als Übersetzer vorwiegend
deutschsprachiger Autoren wagte er sich auch an die scheinbar
unübersetzbare radikale Lyrik von Ernst Jandl. Zahlreiche
Essays,
Aufsätze
und
Vorträge
u.a.
über
deutsche,
österreichische
und
kubanische
Lyriker
sind
in
Kuba,
Argentinien und Österreich erschienen.
Bereits im Jahresbericht 2004 vorgestellt wurde
Patrica Suarez, Schriftstellerin aus Bogota/Kolumbien]

89

[Grüne Akademie]
Die Grüne Akademie ist ein unabhängiges Forum zur Erörterung
aktueller wie grundlegender politischer Fragen. Ihre rund 60
ehrenamtlichen
Mitglieder
treffen
sich
im
zweibis
dreimonatigen Turnus in „Werkstattgesprächen“ mit Fachleuten
aus Wissenschaft und Politik, um über politisch relevante
Themen zu diskutieren.

Im
März
2005
veranstaltete
die
Grüne
Akademie
ein
Werkstattgespräch zum Thema „Arbeit der Zukunft – Wie weiter
nach Hartz?“. Damit wandte sich die Akademie wohl einem der
drängendsten gesellschaftlichen Themen der Gegenwart zu.
Volker Wittke, Professor am Soziologischen Forschungsinstitut
Göttingen, sah die Bedeutung der Arbeit für den Einzelnen
weiter steigen. Als Hintergrund seiner These führte er die
veränderten Organisations- und Personalnutzungsstrategien an,
die verstärkt auf die Fähigkeiten und Eigeninitiative der
Beschäftigten setzten und autonomes Handeln förderten. Sie
böten daher Spielräume für Selbstentfaltung in und durch
Arbeit. Die Debatte um die „Entgrenzung von Arbeit“ verweist
zugleich auf die Zweischneidigkeit dieses Prozesses. Peter
Siller, damaliges Mitglied des Planungsstabes im Auswärtigen
Amt, beschrieb den Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit,
neuer Armut und sozialer Ausgrenzung. Er plädierte u.a. für
die
gezielte
Senkung
der
Lohnnebenkosten
im
unteren
Einkommensbereich,
eine
duale
Einkommenssteuer
zur
Gegenfinanzierung dieser Umschichtung und einen neuen Anlauf
in
der
Bildungspolitik.
Arne
Baumann,
Referent
für
Arbeitsmarktpolitik der grünen Bundestagsfraktion, berichtete
schließlich
aus
der
Arbeitsmarktdiskussion
der
grünen
Bundestagsfraktion
und
erläuterte
mögliche
weitere
Reformschritte.
Ein
Werkstattgespräch
im
April
beschäftigte
sich
mit
„Rechtsextremismus in Deutschland und Europa“. In Deutschland
häufen sich – regional und zeitlich begrenzt – die Wahlerfolge
rechtsextremer und rechtspopulistischer Parteien. Auch in
einer Reihe von Nachbarländern hat sich eine neue Familie
rechter Parteien herausgebildet, die bis weit in die Mitte der
Gesellschaft vorstoßen. Claudia Schmid, Leiterin des Amtes für
90

Verfassungsschutz des Landes Berlin, ging in ihrem Beitrag den
Erfolgsbedingungen
für
Rechtsextremismus
bei
gesellschaftlichen Debatten nach. Am Beispiel der Asyldebatte
Anfang der 90er Jahre zeigte sie auf, wie Rechtsextremisten
jeglicher Prägung sich dem gesellschaftlichen Konsens näher
denn je fühlten, nach dem Motto: „Die reden, wir handeln“.
Speziell
in
Ostdeutschland
sah
Dierk
Borstel,
DiplomPolitologe und Mitarbeiter im „Zentrum Demokratische Kultur“,
das Problem weniger im starken Rechtsextremismus als in der
schwächelnden
demokratischen
Kultur.
Politische
Ansätze
müssten daher auf eine Stärkung der demokratischen Kultur
ausgerichtet werden, die Bekämpfung des Rechtsextremismus
mittels Repression oder täterorientierten Maßnahmen greife
hier zu kurz.
Ende 2005 startete die Reihe „Grenzgänge“, eine Kooperation
mit dem Menschenrechtszentrum Potsdam, in der eine Verzahnung
von geistes- und naturwissenschaftlichen Themen versucht wird.
Den Auftakt machte das Thema „Das Ende der Endlichkeit?“. Die
Auseinandersetzung mit Leben und Sterben wird in den modernen
säkularen Gesellschaften durch einen Kult um Jugend, Schönheit
und Alterslosigkeit ersetzt, der seine Entsprechung in der
Lifestylemedizin
findet.
Der
Lebenszyklus
erscheint
als
veränderbare Größe, das Sterben wird ausgeblendet. Gegenstand
der Diskussion war u.a. das ethische Problem der menschlichen
Autonomie
bis
in
den
Tod
hinein.
Muss,
wer
an
ein
individuelles
Recht
auf
Selbstbestimmung
glaubt,
nicht
notwendig dafür plädieren, dass jeder Mensch den eigenen
Todeszeitpunkt, und zwar notfalls durch Bitte um Sterbehilfe,
autonom bestimmen darf? Damit war ein Grundsatzstreit über die
Frage entfacht, was genau unter einem menschenwürdigen Sterben
zu verstehen sei.

[Die

neue

rechte

Herausforderung.

Rechtsextremismus

in

Deutschland

und

Europa. Schriften der Grünen Akademie Bd. 5.Berlin, 2005, 72 Seiten

Arbeit der Zukunft. Wie weiter nach Hartz?
Schriften der Grünen Akademie Bd. 4. Berlin 2005, 80 Seiten

91

Die Verfasstheit der Wissensgesellschaft
Hrsg. von der Grünen Akademie im Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster
2005, 376 Seiten, € 20,50, ISBN 3-89691-619-X
Eine

Dokumentation

der

Veranstaltungen

der

Grünen

Akademie

zum

Thema

„Wissensgesellschaft“.

www.gruene-akademie.de

92

[Archiv Grünes Gedächtnis]
Das Archiv Grünes Gedächtnis hat die Aufgabe, die Quellen zur
Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen und der Partei
Bündnis 90/Die Grünen zu sammeln, zu erschließen, zu bewahren
und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Neuerwerbungen. Im Zusammenhang mit der Bundestagswahl am 18.
September
2005
wurden
dem
Archiv
Grünes
Gedächtnis
umfangreiche
Unterlagen
von
Abgeordnetenbüros
und
Arbeitsbereichen der Bundestagsfraktion übergeben, nicht nur
aus der abgelaufenen, sondern auch aus früheren Wahlperioden.
Die archivische Verzeichnung der Akten der 13. Wahlperiode
(1994-1998) kann demnach beginnen.
Findbücher. Archive stehen und fallen mit der Erschließung
ihrer Bestände. Die Serie grün eingebundener Findbücher des
Archiv Grünes Gedächtnis ist im letzten Jahr durch acht
Findbücher zu den Nachlässen von Petra Kelly und Kristin
Heyne, zu den Deposita der Bundestagsabgeordneten Uschi Eid,
Angelika Köster-Loßack und Christian Simmert, von Peter
Bartelheimer und Gina Düllmann sowie zu dem Aktenbestand des
Vereins
für
gesellschaftskritische
Sozialwissenschaft
gewachsen.
Außerdem
wurden
zwei
Findbücher
zu
den
Fotosammlungen des Archivs erarbeitet.
Zeitschriftendatenbank. Die Bibliothek des Archiv Grünes
Gedächtnis
besitzt
Hunderte
von
grünen
Zeitschriften,
Zeitschriften der Anti-Atom-Bewegung, der Dritte-Welt-Bewegung
und anderen, die einzig in dieser Bibliothek nachgewiesen
sind. Um diese Schätze besser nutzbar zu machen, wird unsere
gesamte Zeitschriftensammlung in die Zeitschriftendatenbank
(ZDB) eingegeben und dadurch online recherchierbar. Diese
Arbeit konnte inzwischen zu zwei Dritteln abgeschlossen
werden.
Internet-Archivierung. Im Rahmen des im September 2004
begonnenen Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur
Archivierung der Internetauftritte der Grünen hat das Archiv
Grünes Gedächtnis nicht nur über 200 verschiedene grüne
Internetauftritte
„gespiegelt“,
sondern
auch
den
Bundestagswahlkampf, soweit er im Internet stattgefunden hat,
archiviert. Ein zweiter Schwerpunkt des genannten Projekts ist
die
Archivierung
des
Content-Management-Systems
der
Bundestagsfraktion.
Archive von unten. Das Archiv Grünes Gedächtnis hat in den
letzten Jahren eine aktive Rolle in der Vernetzung der Archive
sozialer Bewegungen übernommen. Dazu zählen Kooperationen mit
93

einzelnen Archiven und die Organisation eines zweijährig
stattfindenden bundesweiten Workshops „Archive von unten“.
Beim Archivtreffen im Juni 2005 ging es unter dem Oberbegriff
„Produkte von Archivarbeit“ über fachliche und strategische
Fragen. Das Archiv Grünes Gedächtnis stellte in diesem Rahmen
seine Ausstellungen der Jahre 2003 und 2004 vor: „20 Jahre
Bundestagsfraktion 1983-2003“ und „25 Jahre Grün 1979-2004“
sowie die in den Fluren der Heinrich-Böll-Stiftung gezeigte
Ausstellung zur Bildersprache der Grünen.

94

[Preise]
Friedensfilmpreis
Ghobadi

2005

für

„Turtles

can

fly“

von

Bahman

Am Ende stürzt sie sich von den Klippen, Agrin, die 14-jährige
Hauptheldin des Films „Turtles can fly“. Sie glaubt, sie hat
ihr Leben gelebt: mit Krieg, Vergewaltigung und einem Kind
ihres Vergewaltigers. Zusammen mit anderen Kindern ist sie in
einem von der UNO eingerichteten Flüchtlingslager an der
irakisch-iranischen Grenze gestrandet. Die Menschen dort leben
in großer Armut, die Felder sind vermint – eine ständige
Bedrohung für Kinder und Erwachsene. Die Mädchen und Jungen
verdienen sich ein paar Groschen beim Minenräumen, viele sind
für ihr Leben verstümmelt. Der Film zeigt Kinder, ist

aber kein Kinderfilm. Er ist eine Anklage und ein
„Film des Schmerzes und der Verstörung“, wie es in der
Begründung
der
Jury
hieß,
die
dem
Werk
den
20.
Friedensfilmpreis der Internationalen Filmfestspiele in Berlin
verlieh. Der kurdische Regisseur Bahman Ghobadi, der selbst in
einem solchen Flüchtlingslager aufgewachsen ist, hat an
Originalschauplätzen und mit Laiendarstellern gedreht. Ihm
gelang es, die Lebenswirklichkeit der Kinder auf eine Weise
einzufangen, die tief unter die Haut geht und an das Gewissen
der Welt rührt.
Das Preisgeld in Höhe von 5.000 Euro stellte die HeinrichBöll-Stiftung. Bahman Ghobadi hat es den Kindern in dem Lager
gespendet.

Hannah-Arendt-Preis 2005 an Vaira Vīķe Freiberga
Der
mit
7.500
Euro
dotierte
Hannah-Arendt-Preis
für
politisches Denken ging im Jahr 2005 an die lettische
Staatspräsidentin Vaira Vīķe Freiberga. Mit ihrer Entscheidung
würdigte die internationale Jury die Rolle, die Vaira VīķeFreiberga als engagierte Vertreterin ihres Landes in der
Europäischen Union spielt. Als Frau und Präsidentin eines der
kleinen Länder Europas repräsentiere sie eine Stimme und
Position, die oft genug im Chor der dominierenden Mächte
Europas untergehe. Dies gelte sowohl für ihre dezidierte
Kritik an Putins Russland als auch für ihren unerschrockenen
Umgang
mit
der
Diktatur
im
benachbarten
Weißrussland.
Gleichzeitig
habe
sie
sich
immer
wieder
gegen
die
Diskriminierung
der
russischen
Minderheit
in
Lettland
ausgesprochen und damit auch Reibungen im eigenen Land
provoziert. Wichtige Impulse habe Vaira Vīķe-Freiberga auch
der Diskussion über das Verhältnis von Integration und
Föderation in der Europäischen Union gegeben.
Der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken wird seit 1995
vergeben und vom Senator für Bildung und Wissenschaft der
95

Freien
Hansestadt
Bremen
und
der
Heinrich-Böll-Stiftung
finanziert.
Weitere, von den Landesstiftungen der Heinrich-Böll-Stiftung
finanziell unterstützte Preise:
Big Brother Awards – Die Oskars für Datenkraken. Die Preise
werden
vom
Bielefelder
FoeBuD
e.V.
vergeben
www.bigbrotherawards.de
„Knastgeflüster“ - der Literatur-Wettbewerb für Gefangene in
Schleswig-Holstein. Der Preis wird seit 1997 jährlich von
anderes lernen e.V., der Landesstiftung Schleswig-Holstein der
Heinrich-Böll-Stiftung und dem Verein „Hilfe für Gefährdete
e.V.“ vergeben.
Medienpreis für die "Kritische Sozialreportage in und über
Mecklenburg-Vorpommern". Der Preis wird seit 1997 jährlich von
der
Heinrich-Böll-Stiftung
Mecklenburg-Vorpommern,
dem
Deutschen Gewerkschaftsbund, dem Landesbezirk Nord und dem
KulturRat Mecklenburg-Vorpommern vergeben.

96

[Finanzen und Personal]
Für die Förderung und Durchführung von Projekten im In- und
Ausland hat die Heinrich-Böll-Stiftung im Jahr 2005 Mittel in
Höhe von 24.452.757 € verausgabt. Um sinkende Einnahmen aus
Bundesmitteln auszugleichen, verstärkte die Stiftung ihre
Aktivitäten bei der Einwerbung von Drittmitteln. So wurden im
Jahr 2005 durch die EU-Kommission weitere 820.000 € für die
Durchführung
von
Projekten
bewilligt.
Insgesamt
bewirtschaftete die Heinrich-Böll-Stiftung im Zeitraum von
2003 bis 2005 rund 2,6 Mio. € EU-Mittel.
Die Einführung der Bilanzierung nach den handelsrechtlichen
Grundsätzen (Jahresabschluss und Lagebericht) systematisiert
die Erfassung von wirtschaftlichen Risiken. Damit erhöht sich
die finanzielle Transparenz der Stiftung und die Wertigkeit
des
Testats
des
Wirtschaftsprüfers.
Zugleich
ist
die
Bilanzierung
ein
wichtiger
Baustein
einer
umfassenden
Korruptionsvorsorge.
Die Wirtschaftsprüfung konzentrierte sich auch 2005 auf das
interne Kontrollsystem. Verwendungsnachweise und der Bericht
des
Wirtschaftsprüfers
wurden
fristgerecht
bei
den
Zuwendungsgebern eingereicht. Positive Ergebnisse in den
Prüfungsberichten zeichnen das wirtschaftliche und sparsame
Handeln der Stiftung aus.
Engagement, Erfahrung und Kompetenzen der Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter sind für den Erfolg der Stiftung entscheidend.
Neben einer gezielten Personalauswahl legt die Stiftung daher
großen Wert auf die Schaffung von motivationsförderlichen
Arbeitsbedingungen.
Dazu
zählen
die
ausdrückliche
Unterstützung von Work-Life-Balance, die Erweiterung von
Gestaltungsspielräumen sowohl für eigenständiges Arbeiten als
auch für partizipative Arbeitsformen und die in der Stiftung
gelebte offene Diskussionskultur.
In den nächsten beiden Jahren entsteht in Berlin-Mitte,
Albrechtstraße 1, das neue Domizil der Stiftung mit rund 185
Arbeitsplätzen und einem Konferenz- und Veranstaltungsbereich.
Im Jahr 2005 erwarb die Stiftung das 2.106 qm große unbebaute
Grundstück.
Im
Architekturwettbewerb
siegte
das
junge
Schweizer
Architektenbüro
e2a
eckert/eckert
mit
einem
ambitionierten
Entwurf,
der
den
Werkstattcharakter
des
Bürogebäudes
mit
einer
schwebenden
„Beletage“
als
Veranstaltungsbereich kombiniert.

Jahresabschluss zum 31. Dezember 2005
Bestätigungsvermerk des Abschlussprüfers
Ich habe den Jahresabschluss unter Einbeziehung der Buchführung und den
Lagebericht des Heinrich-Böll-Stiftung e. V. für das Geschäftsjahr vom 1.
Januar bis zum 31. Dezember 2004 geprüft. Die Buchführung und die
Aufstellung von Jahresabschluss und Lagebericht nach den deutschen
handelsrechtlichen Vorschriften und den ergänzenden Regelungen in der
Satzung liegen in der Verantwortung der gesetzlichen Vertreter des Vereins.
Meine Aufgabe ist es, auf der Grundlage der von mir durchgeführten Prüfung

97

eine
Beurteilung
über
den
Jahresabschluss
unter
Einbeziehung
der
Buchführung und über den Lagebericht abzugeben.
Ich habe meine Jahresabschlussprüfung nach § 317 HGB unter Beachtung der
vom
Institut
der
Wirtschaftsprüfer
(IDW)
festgestellten
deutschen
Grundsätze ordnungsmäßiger Abschlussprüfung vorgenommen. Danach ist die
Prüfung so zu planen und durchzuführen, dass Unrichtigkeiten und Verstöße,
die sich auf die Darstellung des durch den Jahresabschluss unter Beachtung
der Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung und durch den Lagebericht
vermittelten Bildes der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage wesentlich
auswirken, mit hinreichender Sicherheit erkannt werden. Bei der Festlegung
der Prüfungshandlungen werden die Kenntnisse über die Geschäftstätigkeit
und über das wirtschaftliche und rechtliche Umfeld des Vereins sowie die
Erwartungen über mögliche Fehler berücksichtigt. Im Rahmen der Prüfung
werden
die
Wirksamkeit
des
rechnungslegungsbezogenen
internen
Kontrollsystems
sowie
Nachweise
für
die
Angaben
in
Buchführung,
Jahresabschluss und Lagebericht überwiegend auf der Basis von Stichproben
beurteilt.
Die
Prüfung
umfasst
die
Beurteilung
der
angewandten
Bilanzierungsgrundsätze
und
der
wesentlichen
Einschätzungen
der
gesetzlichen Vertreter sowie die Würdigung der Gesamtdarstellung des
Jahresabschlusses und des Lageberichts. Ich bin der Auffassung, dass meine
Prüfung eine hinreichend sichere Grundlage für meine Beurteilung bildet.
Meine Prüfung hat mit Ausnahme der folgenden Einschränkungen zu keinen
Einwendungen geführt:
Vermögenswerte und Schulden der unselbständigen Auslandsbüros des HeinrichBöll-Stiftung e.V. werden nicht bilanziert.
Mit dieser Einschränkung vermittelt der Jahresabschluss unter Beachtung der
Grundsätze ordnungsmäßiger Buchführung ein den tatsächlichen Verhältnissen
entsprechendes Bild der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Vereins.
Der Lagebericht gibt insgesamt eine zutreffende Vorstellung von der Lage
des Vereins und stellt die Risiken der künftigen Entwicklung zutreffend
dar.
Bernhard Hoffmann, Wirtschaftsprüfer

Einnahmen und Ausgaben 2005
Die
Heinrich-Böll-Stiftung
e.V.
finanziert
sich
fast
ausschließlich aus öffentlichen Zuwendungen. Im Berichtsjahr
2005 haben sich die Erträge gegenüber dem Vorjahr geringfügig
um rd. 0,8 Mio. € (entspricht 2,3%) auf 36,2 Mio. € gemindert.
Kürzungen im Zuwendungsbereich konnten durch erhöhte Zuschüsse
der Europäischen Union und anderer Mittelgeber zum Teil
kompensiert
werden.
Hier
wird
weiterhin
der
Akquisitionsschwerpunkt der Stiftung liegen.
Auf
der
Ausgabenseite
zeigt
sich,
dass
das
moderate,
mittelfristig angelegte Sparprogramm der Stiftung weiterhin
Früchte trägt. So konnten die Personalkosten um 423 T€
(entspricht 5%) gemindert werden. Die Sachausgaben und die
Ausgaben für Investitionen konnten gegenüber dem Vorjahr um
286 T€ (entspricht 11%) reduziert werden. Ein Teil dieser
Kosteneinsparungen (203 T€ bzw. 17%) wurde für die Ausweitung
der politischen Bildungsarbeit im Inland verwendet.

98

Dem Vereinsvermögen konnte wie im Vorjahr ein kleiner
Überschuss (rd. 17 T€) zugeführt werden. Das Vereinsvermögen
stellt aber weiterhin nur einen marginalen Anteil von etwa
1,7% am Gesamtvermögen dar. Die Bemühungen, durch Fundraising
und
Aktivitäten
im
Rahmen
eines
wirtschaftlichen
Geschäftsbetriebs
,
z.B.
durch
die
Gründung
einer
wirtschaftlich
selbständigen
Weiterbildungsakademie,
das
Vermögen zur Risikoabsicherung aufzustocken, werden verstärkt
fortgesetzt.
Eine
ausreichende
Liquidität
war
im
Jahr
2005
immer
sichergestellt.

Internationale Zusammenarbeit

Die Projektmittel für die internationale Zusammenarbeit sind
im Jahr 2005 gegenüber dem Vorjahr insgesamt leicht gestiegen
(um 350 T €). Dabei stieg der Anteil der EU-Mittel an den
Gesamtmitteln von 3 % auf 4 %. Bei den Sondermitteln des
Auswärtigen Amtes hingegen war ein leichter Rückgang von 2 %
auf 1 % festzustellen.
Fachmittel Inland
Fachausgaben Inland

2003

2004
2005

1.203.852
€
1.209.706
€
1.412.892
€.

Die
Fachmittel
für
Inlandsprojekte
der
politischen
Bildungsarbeit konnten in den letzten Jahren sukzessive von
1.215 T€ in 2002 auf 1.413 T€ im Berichtsjahr (also um rd. 200
T€) erhöht werden. Die Hauptfinanzierung erfolgt hierbei aus
den Globalmitteln des Bundes, allerdings konnte der Anteil der
Drittmittelfinanzierung (Sponsoring, Fundraising u.ä.) von 49
T€ in 2002 auf 143 T€ in 2005 deutlich erhöht werden. Die
Akquisitionsbemühungen
der
Stiftung
sind
hier
weiter
systematisiert worden und zielen auf erhöhte Einnahmen in den
Folgejahren.
Für die politische Bildungsarbeit auf Länderebene werden
jährlich
rd.
2,1
Mio.
€
an
die
16
Landesstiftungen
weitergeleitet.

99

Studienwerk
Finanzierung
Euro
Bmbf
AA
BMI
Drittmittel*
Beiträge
Deutscher
Bundestag

3.157.539
750.230
298.695
16.688
14.417
29.100

Summe

4.266.669

* Britta Lohan Gedächtnisstiftung: 12.768 €
Geschwister-Weck-Stiftung: 3.920 €

Im Jahr 2005 vergab das Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung
186 Stipendien neu an begabte deutsche und ausländische
Studierende sowie Promovierende aller Fachrichtungen. Es
erhält dafür überwiegend Zuwendungen vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung (BMBF) und vom Auswärtigen Amt (AA).
Darüber
hinaus
beteiligt
sich
die
Stiftung
am
PraktikantInnenprogramm des Deutschen Bundestages und erhält
Drittmittel in geringem Umfang.
Entwicklung der in der Heinrich-Böll-Stiftung Beschäftigten
Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der Beschäftigten
leicht
zurückgegangen.
Am
31.12.2005
waren
173
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Inland beschäftigt, das
sind 5 weniger als im Vorjahr. Die Zahl der ins Ausland
entsandten Beschäftigten hat sich ebenfalls um eine Person
verringert.
2005: 173 Inland, 22 Ausland
Anteil von Migrantinnen und Migranten
2005: 13%

Der Anteil von Migrantinnen und Migranten übertraf mit 13 %
auch im Jahr 2005 die in der Satzung festgelegte Quote von 10
%.

100

Fortbildung in der Heinrich-Böll-Stiftung
Zuwendungsrecht
EDV
Gender- und Diversity-Training
Genderorientierte
Veranstaltungsund
Projektplanung
Personalführung/Teamentwicklung
Zeitplanung/Stressbewältigung
Projektaktenführung
sonstige Themen
Total

2005
61
137
53

42
22
23
20
79
437

Fortbildung hat in der Heinrich-Böll-Stiftung einen hohen
Stellenwert. Das Angebot an internen Schulungsmaßnahmen hat
sich im Vergleich zum Vorjahr von 292 auf 437 erhöht. Hinzu
kamen 101 individuelle Fortbildungen. Die Teilnahme von
Männern und Frauen ist ausgewogen und entspricht ihrem
jeweiligen Anteil an den Beschäftigten.
Verteilung der Personalkosten
Verteilung
der
Personalkosten
Vorstandsund
Geschäftsführungsbereich
Finanzen
Personalabteilung
EDV/Technische Dienste
Öffentlichkeitsarbeit
Inlandsabteilung,
inkl.
Archiv
Studienwerk
Internationale
Zusammenarbeit

2005 (%)
7%
9%
5%
4%
10%
26%
8%
31%

Rund 57% der Personalkosten fließen in unsere Projekte der
politischen Bildung und der internationalen Zusammenarbeit.
Projektbezogen arbeitet auch das Studienwerk mit einem
Personalkostenanteil
von
insgesamt
8%.
Etwa
18%
der
Personalkosten werden für administrative Aufgaben aufgewandt.
Die Personalkosten der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit sind
überwiegend
der
politischen
Bildungsarbeit
(z.B.
Internetauftritt,
Lektorat)
und
der
projektbezogenen
Auslandsarbeit zuzurechnen.

101

Anteil Frauen und Männer in den
Tarifgruppen
2005
Frauen
AT
55%
II a
65%
Vb-III
79%
bis Vc
100%

Männer
45%
35%
21%
0%

Text: Am 31.12.2005 waren in der
Heinrich-Böll-Stiftung
26
%
der
Beschäftigten Männer und 74 % Frauen.
Wie bereits in den Vorjahren ist der
Frauenanteil
in
den
oberen
und
mittleren
Fachund
Führungspositionen deutlich höher als
in vergleichbaren Institutionen.

Anteil
Teilzeitbeschäftigung

der

2005: 47%
Vereinbarkeit
von
Berufund
Privatleben hat nach wie vor einen
hohen Stellenwert in der Stiftung.
Dies wird u.a. an dem hohen Anteil
von Teilzeitbeschäftigten deutlich.

Entwicklung der in der Heinrich-BöllStiftung Beschäftigten
2005: 173 Inland, 22 Ausland

102

[Gremien]
Stand: März 2006
Mitgliederversammlung
Lukas Beckmann, Kambiz Behbahani, Birgitt Bender, Dr. Maritta
Bieberstein von Koch-Weser, Viktor Böll, Dr. Barbara Böttger,
Reinhard Bütikofer, Volker Bulla, Gisela Erler, Dr. Gernot
Folkers, Jürgen Gneiting, Martin Grimm, Dr. Gasan Gusejnov,
Anja Hajduk, Winfried Hammann, Dr. Cilja Harders, Britta
Haßelmann,
Annette
Hecker,
Dr.
Gudrun
Heinrich,
Peter
Hettlich, Dorothea Höck, Georg Hörnschemeyer, Christiane Howe,
Michaele Hustedt, Mechtild M. Jansen, Irmgard Jochum, Ali
Kuhlmann, Dr. Hermann Kuhn, Uta Leichsenring, Dr. Matias
Mieth, Brigitte Moritz, Edith Müller, Christiane Overkamp,
Astrid Rothe, Heide Rühle, Dirk Scheelje, M. Max Schön,
Kristina Steenbock, Prof. Dr. Tine Stein, Edda Stelck, Malti
Taneja, Dr. Ellen Ueberschär, Dr. Elisabeth von Thadden, Alena
Wagnerova-Köhler, Henriette Wägerle, Dr. Elisabeth Weber, Dr.
Yfaat Weiss, Reinhard Weißhuhn, Volker Wiedersberg

Aufsichtsrat
Barbara Assheuer, Reinhard Bütikofer, Jürgen Gneiting,
Anja Hajduk, Christiane Howe, Dr. Andreas Poltermann,
Kristina Steenbock, Edda Stelck, Prof. Dr. Tine Stein

Frauenrat
Maren Bock, Gisela Breil, Maria Brosch, Gülay Gaglar, Dagmar
Hirdes, Irene Reifenhäuser, Alena Wagnerova-Köhler

Koordinationsgremium des Förderkreises
Christian Holtgreve, Mechtild M. Jansen, Helga Metzner, Eva
Quistorp, Edda Stelck

Mitglieder Grüne Akademie
Dr. Gabriele Abels, Tarek Al-Wazir, Biggi Bender, Dr.
Mechthild Bereswill, Marianne Birthler, Prof. Dr. Angelo
Bolaffi, Prof. Dr. Christina von Braun, Prof. Dr. Claudia von
103

Braunmühl, Prof. Dr. Hubertus Buchstein, Mercedes Bunz, Prof.
Dr. Thomas Christaller, Prof. Dr. Wolfgang Coy, Prof. Dr. Dr.
Michael Daxner, Prof. Dr. Simone Dietz, Thea Dückert, Rainer
Emschermann, Anke Erdmann, Andrea Fischer, Prof. Dr. Rainer
Forst, Ralf Fücks, Karsten Gerlof, Prof. Dr. Arnim von Gleich,
Adrienne Göhler, Cristina Gómez Barrio, Prof. Dr. Stefan
Gosepath, Dr. Sigrid Graumann, Prof. Dr. L. Horst Grimme,
Prof. Dr. Hariolf Grupp, Rebecca Harms, Dr. Dietrich Hermann,
Dr. Jeanette Hofmann, Dr. Rahel Jaeggi, Pico Jordan, Dr. Otto
Kallscheuer, Bertram Keller, Dr. Cornelia Klinger, Dr. Regina
Kreide, PD Dr. Georg Krücken, Prof. Dr. Rainer Kuhlen, Dr.
Reinhard Loske, Dr. Willfried Maier, Prof. Dr. Joan Martinez
Alier, Christoph Meertens, Johannes Moes, Prof. Dr. Frank
Nullmeier, Ralph Obermauer, Prof. Dr. U. K. Preuß, Prof. Dr.
Lothar Probst, Prof. Dr. Dr. F. J. Radermacher, Prof. Dr.
Shalini Randeria, Prof. Dr. Jens Reich, Ulrike Riedel, Manuela
Rottmann, Krista Sager, Prof. Dr. Thomas Saretzki, Prof. Dr.
Birgit Sauer, Joscha Schmierer, Thomas Schramme, Dr. Christine
Schwarz, Peter Siller, Prof. Dr. Tine Stein, Rena Tangens, Dr.
Beatrix Tappeser, Dr. Ellen Ueberschär, Sybille Volkholz,
Prof. Dr. Harald Wagner, Matthias Wagner, Prof. Dr. Helmut
Wiesenthal, Dr. Frieder Otto Wolf

AG Zukunftswerkstatt Feminismus
Prof. Dr. Mechthild Bereswill, Juliane Freifrau von Friesen,
Gitti Hentschel, Dr. Claudia Neusüß, Prof. Dr. Hildegard Maria
Nickel, Renate Künast, Swantje Helbing, Barbara Unmüßig,
Ulrike Allroggen, Daniela Setton

AG
Gender
in
Krisenprävention

der

Friedens,-

Sicherheitspolitik

und

Dr. Christine Eifler, Dr. Cilja Harders, Jutta Kühl,
Prof. Dr. Ilse Lenz, Daphné Lucas, Dr. Regine Mehl, Ute
Scheub, Dr. Cornelia Ulbert, Barbara Unger, Barbara
Unmüßig, Gitti Hentschel, Ulrike Allroggen, Johanna
Bussemer, Magdalena Freudenschuß
Fachbeirat Nord-Süd

104

Dr. Muriel Asseburg, Prof. Dr. Marianne Braig, Dr.
Achim Brunnengräber, Dr. Tobias Debiel, Ulf Engel,
Ingrid Hoven, Lotte Leicht, Sabine Meyer, Roger
Peltzer, Dr. Shalini Randeria, Wolfgang Schmitt, Dr.
Imme Scholz, Dr. Karl-Heinz Stecher, Dr. Roland WöhrleChon
Fachbeirat Europa/ Transatlantik
Juan Behrend, Prof. Thomas Bremer, Nika Greger, Ulrike Guérot,
Dan Hamilton, Milan Horáček, Jost Lagendijk, Helmut Lippelt,
Brigitte Luggin, Ulrike Lunacek, Ludwig Mehlhorn, Edith
Müller,
Winfried
Nachtwei,
Marc
Oliver
Pahl,
Stefanie
Schiffer,
Frithjof
Schmidt,
Joscha
Schmierer,
Michaele
Schreyer, Prof. Klaus Segbers, Jan Seifert, Peter Skerry,
Jaroslav Šonka, Rainder Steenblock, Elisabeth Weber

Fachbeirat Studienwerk
Theresia Bauer, MdL; Prof. Dr. Timm Beichelt; Prof. Dr.
Gudrun Ehlert; Dr. Gernot Folkers; Prof. Dr. Gert
Jannsen; Prof. Dr. Gerhard Kockläuner; Prof. Dr.
Andreas Lob-Hüdepohl (Sprecher); Christine M. Merkel
(Sprecherin); Prof. Dr. Birgit Menzel; Dr. Simone
Schwanitz;
Dr.
Karin
Widmeyer;
Stipendiatische
VertreterInnen: Anna Kutschkau, Eva Johach, Volkan
Cidam
Fachkommission Stadtentwicklung
Franziska
Eichstädt-Bohlig,
Rainer
Bohne,
Dr.
Brigitte
Dahlbender, Andreas Feldtkeller, Dr. Klaus-Martin Groth, Klaus
Habermann-Nieße, Winfried Hammann, Dr. Christine Hannemann,
Prof. Dr. Hartmut Häußermann, Prof. Dr. Ilse Helbrecht, Prof.
Dr. Detlef Ipsen, Prof. Dr. Martin Junkernheinrich, Brigitte
Karhoff, Prof. Dr. Dieter Läpple, Maxi Malzahn, Carsten Meyer,
Philipp Oswalt, Dr. Thomas Rommelspacher, Carola Scholz,
Joachim Stein

Fachkommission Wirtschaftspolitik
Helmut Breiderhoff, Ute Brümmer, Helmut Deeke, Christoph
Erdmenger, Günter Faltin, Gisela Färber, Hartmut Fischer,
Dagmer Geffken, Gerd Grözinger, Albrecht Graf von Hardenberg,
105

Jörg Haas, Hannah Hempell, Konrad Kingenburg, Dr. Fred Luks,
Dr. Andreas Renner, Dr. Gerhard Schick, Max Schön, Elmar Sing,
Klaus Stähle, Marcus Stewen, Götz von Stumpfeldt, Franziska
Wolff

106

[Adressen]
Heinrich-Böll-Stiftung
Rosenthaler Straße 40/41
10178 Berlin
Tel.: 030-285340
Fax: 030-28534109
E-mail: info@boell.de
Internet: www.boell.de
Archiv Grünes Gedächtnis
Eldenaer Straße 35
10247 Berlin
Tel.: 030-28534260
Fax: 030-28534-5260
E-mail: archiv@boell.de
Landesstiftungen
Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg e.V.
Rieckestraße 26, 70190 Stuttgart
Fon: 0711-26339410 Fax: 0711-26339419
E-Mail: info@boell-ba-wue.de
Internet: www.boell-ba-wue.de
Petra-Kelly-Stiftung
Bildungswerk für Demokratie und Ökologie in Bayern e.V.
Reichenbachstraße 3a, 80469 München
Fon: 089-24226730 Fax: 089-24226747
E-Mail: info@petra-kelly-stiftung.de
Internet: www.petra-kelly-stiftung.de
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung e.V.
Kottbusser Damm 72, 10967 Berlin
Fon: 030-6126074 Fax: 030-6183011
E-Mail: info@bildungswerk-boell.de
Internet: www.bildungswerk-boell.de
Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg
Werkstatt für politische Bildung e.V.
Charlottenstraße 30, 14467 Potsdam
Fon: 0331-2800786 Fax: 0331-292092
E-Mail: info@boell-brandenburg.de
Internet: www.boell-brandenburg.de
Bildungswerk Umwelt und Kultur in der Heinrich-Böll-Stiftung
Plantage 13, 28215 Bremen
Fon: 0421-352368 Fax: 0421-352389
E-Mail: ruedel.boell@t-online.de
Internet: www.boell-bremen.de

107

umdenken - Politisches Bildungswerk
Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg
Max-Brauer-Allee 116, 22765 Hamburg
Fon: 040-3895270 Fax: 040-3809362
E-Mail: info@umdenken-boell.de
Internet: www.umdenken-boell.de
Heinrich-Böll-Stiftung Hessen
Niddastraße 64, 60329 Frankfurt a. M.
Fon: 069-231090 Fax: 069-239478
E-Mail: info@hbs-hessen.de
Internet: www.hbs-hessen.de
Bildungswerk Mecklenburg-Vorpommern in der
Heinrich-Böll-Stiftung
Mühlenstraße 9, 18055 Rostock
Fon: 0381-4922184 Fax: 0381-4922156
E-Mail: post@boell-mv.de
Internet: www.boell-mv.de
Stiftung Leben und Umwelt Niedersachsen
Warmbüchenstraße 17, 30159 Hannover
Fon: 0511-3018570 Fax: 0511-30185714
E-Mail: info@slu-boell.de
Internet: www.slu-boell.de
Heinrich-Böll-Stiftung Nordrhein-Westfalen
Huckarder Straße 12, 44147 Dortmund
Fon: 0231-9144040 Fax: 0231-91440444
E-Mail: info@boell-nrw.de
Internet: www.boell-nrw.de
Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz
Martinstr. 2, 55116 Mainz
Fon: 06131-905260 Fax: 06131-905269
Hauptstraße 21, 67280 Ebertsheim
Fon: 06359-961800 Fax: 06359-807355
E-Mail: mainz@boell-rlp.de, ebertsheim@boell-rlp.de
Internet: www.boell-rlp.de
Heinrich-Böll-Stiftung Saar e.V.
Talstraße 56, 66119 Saarbrücken
Fon: 0681-583560 Fax: 0681-583536
E-Mail: boell.stiftung@t-online.de
Bildungswerk Weiterdenken in der Heinrich-Böll-Stiftung
Schützengasse 18, 01067 Dresden
Fon: 0351-4943311 Fax: 0351-4943411
E-Mail: info@weiterdenken.de
Internet: www.weiterdenken.de

108

Mitwelt - Heinrich-Böll-Stiftung in Sachsen-Anhalt e.V.
Leipziger Straße 36 (Eingang Martinstraße)
06108 Halle (Saale)
Fon: 0345-2023927 Fax: 0345-2023928
E-Mail: info@boell-sachsen-anhalt.de
Internet: http://www.boell-sachsen-anhalt.de
Bildungswerk „anderes lernen“ - Heinrich-Böll-Stiftung
Schleswig-Holstein
Medusastraße. 16, 24143 Kiel
Fon: 0431-9066130 Fax: 0431-9066134
E-Mail: boell.s-h@t-online.de
Internet: www.boell-sh.de
Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen
Trommsdorffstraße 5, 99084 Erfurt
Fon: 0361-5553257 Fax: 0361-5553253
E-Mail: info@boell-thueringen.de
Internet: www.boell-thueringen.de

Die Büros der Heinrich-Böll-Stiftung im Ausland
AFRIKA
Regionalbüro Ostafrika/ Horn von Afrika
Heinrich Böll Foundation
Forest Road
P.O. Box 10799-00100 GPO
Nairobi, Kenya
Fon: +254-20-3744227/3750329
Fax: +254-20-3749132
E-Mail: nairobi@hbfha.com
Internet: www.hbfha.com
Landesbüro Nigeria
Heinrich Böll Foundation
9b, Omo Osagie St.
off Okotie Eboh St.
S.W. Ikoyi, Lagos
Fon: +234-1-47214 65
E-Mail: info@boellnigeria.org
Internet: www.boellnigeria.org
Regionalbüro Südliches Afrika
Postanschrift:
Heinrich-Böll-Stiftung
Regional Office Southern Africa
PO Box 2472
Saxonwold, 2132
South Africa

109

Besucheranschrift:
43 Tyrwhitt Avenue
Melrose, 2196
Johannesburg, South Africa
Fon: +27-11-447 8500
Fax: +27-11-447 4418
E-Mail: info@boell.org.za
Internet: http://www.boell.org.za
ASIEN
Büro Südostasien
Chiang Mai
Heinrich Böll Foundation
Thailand and Southeast
Asia Regional Office
Heike Löschmann
91/9 Umong Soi 5,
Tambon Suthep, Muang
Chiang Mai 50200
Thailand
Mailing Address:
P.O. Box 119
Chiang Mai University
Post Office
Chiang Mai 50202
Thailand
Fon: +66-53-810430-2
Fax: +66-53-810124
E-Mail: heike@hbfasia.org
Homepage: http://www.hbfasia.org/
Büro Pakistan
Lahore
Heinrich Böll Foundation
House 76-B, Nisar Road
Lahore (Cantt.)
Pakistan
Fon: +92-42-666 86 40 +92-42-666 63 22
Fax: +92-42-666 48 99
E-Mail: mailto:info@hbsasia.org
Homepage: http://www.hbfasia.org/
Büro Indien
New Delhi
Heinrich Böll Foundation
C - 4/5, Second Floor
Safdarjung Development Area
New Delhi 110016, India
Fon: +91-11-26854405
Fax: +91-11-26516695
E-Mail: clemens@hbfasia.org
110

Büro Afghanistan
Kabul
Qalai Fathullah
Street 1st (right)
House Number 25
Kabul, Afghanistan
Fon: ( ) 93 70 295 972
E-Mail: jawed@hbfasia.org
Büro Kambodscha
Phnom Penh
c/o Buddhistisches Institut
Unnalom Pagoda
Sothearos Street
P.O. Box 1436
Phnom Penh - Cambodia
Fon: +855-23-210 535
Fax: +855-23-216 482
E-Mail: hbf@camnet.com.kh
Homepage http://www.hbfasia.org/
EUROPA
Büro Türkei
Istanbul
Heinrich-Böll-Vakfi
Ulrike Dufner
Inönü Cad., Hacý Haným Sk. 10/12
80090 Gümüþsuyu-Istanbul
Türkei
Fon: +90-212 249 15 54
Fax: +90-212 245 04 30
E-Mail: mailto:minfo@hbstr.org
Büro Sarajevo
Sarajevo
Fondacija Heinrich Böll
Dr. Azra Dzajic
Cekalusa 42
71000 Sarajewo
Bosnia i Herzegovina
Fon: +387-33-260 450
Fax: +387-33-260 460
E-Mail: h.boell@bih.net.ba
Büro Mittel-Osteuropa
Prag
Nadace Heinricha Bölla
Eva van de Rakt
Spálená 23
(zadní trakt, vchod Spálená 21)
CZ-11000 Praha 1
111

Fon: +420-2-51 81 41 73
Fax: +420-2-51 81 41 74
E-Mail: boell@mbox.vol.cz
Büro Mittel-Osteuropa
Warschau
Fundacja Heinricha Bölla
Agnieszka Rochon
ul. Podwale Nr. 13
00-252 Warszawa
Polska
Fon: 0048-22-831 6356
Fax: 0048-22-635 7923
E-Mail: hbs@boell.pl
Homepage: http://www.boell.pl/
Büro Russland
Moskau
Jens Siegert
Grusinskij per. 3-231
RU-123056 Moskau
Fon: +7-495-254 14 53
Fax: +7-495-935 80 16
E-Mail: siegert@online.ru
Homepage: http://www.boell.ru/
Büro Europa
Brüssel
Heinrich-Böll-Stiftung
Büro Brüssel
Claude Weinber
Rue d' Arlon 15
B-1050 Bruxelles
Fon : + 32 2 743 41 00
Fax : + 32 2 743 41 09
E-Mail: brussels@boell.be
Homepage: http://www.boell.be/
Büro Südkaukasus
Tbilisi
Heinrich Böll Foundation
Walter Kaufmann
Tbilisi, Georgia 380079
Radiani St. 5
Fon: +995-32-227705
Fax: +995-32-912897
E-Mail: kaufmann@boell.ge
Homepage: http://www.boell.ge/

112

LATEINAMERIKA
Büro Brasilien
Rio de Janeiro
Heinrich-Böll-Stiftung
Büro Brasilien
Rua da Gloria 190, ap. 701
2024 1180 Rio de Janeiro-Gloria
Fon: +55-21-385 211 04
Fax: +55-21-385 211 04
E-Mail: boell@boell.org.br
Homepage: http://www.boell-latinoamerica.org/
Büro Mexiko
Silke Helfrich
Calle José Alvarado 12
Colonia Roma Norte
Código Postal 06700
México D.F.
Delegación Cuauhtémoc
Teléfono y fax:(52)(55) 52 642454
E-Mail: direccion@boell-latinoamerica.org.mx
Homepage: http://www.boell-latinoamerica.org/
Büro Mittelamerika
San Salvador
Fundación Heinrich Böll
Residencial Zanzíbar
Pasaje A-Oriente No. 24
San Salvador
El Salvador
Fon: +503 - 274 6812
Fax: +503 - 274 6932
E-Mail: boell.programas@telesal.net
Homepage: http://www.boell-latinoamerica.org/
NORDAMERIKA
Büro Nordamerika
Washington
Heinrich Böll Foundation
Washington Office
Helga Flores Trejo
Chelsea Gardens
1638 R Street, NW
Suite 120
Washington, DC 20009, USA
Fon: +1 - 202-462 75-12
Fax: +1 - 202-462 5230
E-Mail: info@boell.org
Homepage: http://www.boell.org/

113

NAHOST
Büro Israel
Tel Aviv
Heinrich Böll Foundation
Tel Aviv Office
Jörn Böhme
Nahalat Binyamin 24
Tel Aviv 65162, Israel
Fon: +03-5167734/35
Fax: +03-5167689
E-Mail: hbstl@boell.org
Homepage: www.boell.org.il/
Büro arabischer naher Osten
Ramallah
Heinrich Böll Foundation
Arab Middle East Office
Christian Sterzing
Tel az-Zaatar St. 6
Ramallah
Postanschrift:
PO Box 38570, Jerusalem 91385
Fon: 972-2-2961121
Fax: 972-2-2961122
E-Mail: boell@palnet.com

Büro mittlerer Osten
Beirut
Heinrich Böll Foundation
Middle East Office
Kirsten Maas
266, Rue Gouraud
Gemmayze, Beirut, Lebanon
Postanschrift:
POBox 175510
Gemmayze, Beirut, Lebanon
Fon: 00961-1-562926
Fon/Fax.: 00961-1-562978
E-Mail: boell@terra.net.lb

114

[Internet und Magazin]

Politische Bildungsarbeit ist ohne Internet kaum noch
denkbar. Auch die Heinrich-Böll-Stiftung baut ihr
Angebot im Netz kontinuierlich aus. Auf www.boell.de
– der Homepage der Stiftung – waren im Jahr 2005
neben tagesaktuellen Informationen wieder zahlreiche
Hintergrundmaterialien zu finden. Für manche Themen
wurden umfangreiche Textsammlungen erstellt, darunter
Dossiers
zum
Beschäftigungs-,
Außenund
Sicherheitspolitik, zur Atomenergie oder zum Thema
Demokratie
in
Russland.
Da
insbesondere
die
englischen Seiten zunehmend Besucher verzeichnen,
wird die Stiftung ihr englischsprachiges Angebot
weiter ausbauen und so ihr internationale Profil
stärken.
Anlässlich der vorgezogenen Bundestagswahlen startete
die
Heinrich-Böll-Stiftung
im
August
2005
ein
Autorenforum
im
Netz.
Unter
www.wahltagebuch.de
präsentierte sie pointierte Kommentare, Analysen,
Polemiken und Glossen zur Bundestagswahl aus der
Perspektive
von
Autorinnen
und
Autoren
aus
Wissenschaft und Kunst, darunter Andrea Fischer,
Claus Leggewie, Nathan Sznaider, Juli Zeh, Claus Offe
und Annett Gröschner. So entstand ein fortlaufendes
politisches
Feuilleton
im
Netz
und
ein
zivilgesellschaftlicher
Spiegel
zum
Parteienwahlkampf.
Das
Projekt
endet
am
23.
September, wenige Tage nach der Bundestagswahl, um
noch Gelegenheit für eine Reflexion des Ergebnisses
und seiner politischen Folgen zu geben.
Der erste „Weblog“ der Stiftung war gut besucht.
Grund genug, zum Ende des Jahres anlässlich der WTOMinisterkonferenz in Hongkong wieder ein ähnliches
Projekt
aufzulegen,
mit
tagesaktueller
Berichterstattung rund um das Konferenzgeschehen.
Böll-Thema – das Magazin der Heinrich-Böll-Stiftung
Böll.Thema - das politisch-kulturelle Magazin der HeinrichBöll-Stiftung – erscheint dreimal im Jahr. Jedes Heft bietet
zu einem aktuellen Schwerpunkt eine Auswahl an Texten
bekannter internationaler Autorinnen und Autoren. Die Stiftung
will damit Debatten anregen und Denkanstöße liefern, auch über
das grüne Spektrum hinaus.
115

Bisher erschienen:
Böll.Thema – In Gottes Namen? Frauen und Fundamentalismus
Das Magazin der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin 2006, 34 Seiten, € 4,-

Böll.Thema – Gezeitenwechsel? Was war, was bleibt, was wird
Das Magazin der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin 2005, 34 Seiten, € 4,Böll.Thema – Alles eins? Globale Zukunft
Demokratie
Das Magazin der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin 2005, 34 Seiten, € 4,-

für

Kultur

und

Böll.Thema - Wer kriegt was? Die Zukunft der Gerechtigkeit
Das Magazin der Heinrich-Böll-Stiftung.
Berlin 2005, 34 Seiten, € 4,Sie können das Magazin abonnieren (3 Ausgaben pro Jahr zu
insgesamt 12 Euro)
Ihre Ansprechpartnerin: Evelyn Hartig, thema@boell.de

116

[FÖRDERN UND SPENDEN]
WIR DANKEN UNSEREN FÖRDER/INNEN UND SPENDER/INNEN

Viele Menschen unterstützen die Heinrich-Böll-Stiftung durch
Mitgliedsbeiträge im Förderkreis oder durch Spenden. Auch
durch
ehrenamtliche
Tätigkeiten
als
Referent/innen,
als
Vertrauensdozent/innen
oder
als
Mitglied
eines
Beratungsgremiums helfen sie, unsere Ziele zu verwirklichen.
Nur so können wir unsere Bildungs- und Projektarbeit im Inund
Ausland
trotz
der
Kürzungen
öffentlicher
Mittel
qualifiziert fortsetzen und weiterentwickeln.
SCHRIFTSTELLERINNEN UND KÜNSTLERINNEN FÖRDERN

Dem Aufruf der beiden Literaturnobelpreisträger Günter Grass
und Imre Kertész, das Stipendienprogramm im Heinrich-Böll-Haus
in Langenbroich zu unterstützen, sind viele Menschen gefolgt.
Wir hoffen auch weiterhin auf Unterstützung. Denn mit Ihrer
Spende
können
wir
internationalen
Autor/innen
und
Künstler/innen für einige Monate einen Aufenthalt im HeinrichBöll-Haus,
dem
früheren
Domizil
des
Schriftstellers,
ermöglichen. Dort können sie ungestört arbeiten, denn oft sind
ihre
heimatlichen
Arbeitsbedingungen
prekär,
vielfach
herrschen politische Zensur und Verfolgung. Mit Ihren Spenden
und
Patenschaften
wollen
wir
auch
in
Zukunft
das
Stipendienprogramm auf sichere Beine stellen.
SO KÖNNEN SIE DIE HEINRICH-BÖLL-STIFTUNG UNTERSTÜTZEN

In der Broschüre Spuren hinterlassen geben wir sachliche
Informationen rund um die Themen „Erben, Vererben, Stiften“.
Wir zeigen, wie Sie Partner oder Partnerin der Heinrich-BöllStiftung werden können. Gemeinsam mit uns können Sie Ihre
demokratischen Ideale und Ihr politisches Engagement dauerhaft
weiterführen und an die nächste Generation weiterreichen.
Gerne schicken wir Ihnen die Broschüre zu und beantworten Ihre
Fragen.
Ihre Ansprechpartnerin:
Regine Walch, Tel: 030-285 34-112, Fax:-119, walch@boell.de,
www.boell.de/spenden

Förderkreis
Wie in jedem Jahr, gab es für unsere Fördermitglieder auch
2005 besondere Gelegenheiten, sich zu treffen. So zum Beispiel
bei
Veranstaltungen
der
Reihe
„Galeriegespräche:
Der
Förderkreis
lädt
ein“,
in
der
Fördermitglieder
als
Referent/innen ihre vielfältige Fachkompetenz zur Verfügung
stellen. Im Jahr 2005 waren es: György Dalos, Tom Koenigs,
Jens Siegert und Dr. Elisabeth Weber. Weitere Höhepunkte waren
117

die Jahresversammlung am 27. August 2005 im Foyer des Kölner
Schauspielhauses zum Thema „Wahl 2005“ mit Kerstin Müller,
Anne Lütkes und Barbara Unmüßig sowie die Begegnungsreisen
nach Brüssel und Südafrika.
Der Förderkreis unterstützt die Ziele der Heinrich-BöllStiftung und hilft bei Projekten, die nicht mit öffentlichen
Mitteln finanziert werden dürfen. Er fördert schnell und
unbürokratisch kulturelle Projekte und Künstler/innen und
unterstützt politisch bedrängte Menschenrechtsaktivist/innen.
Die Mitglieder zahlen einen Jahresbeitrag von 92 Euro,
ermäßigt 46 Euro und Schüler/Studierende 25 Euro. Sie erhalten
den
„Info-Brief“
mit
aktuellen
Informationen
zu
den
Aktivitäten
der
Stiftung
und
des
Förderkreises,
zudem
Einladungen zu besonderen Veranstaltungen, wie der PetraKelly-Preisverleihung. Und jedes Jahr gibt es für unsere
Fördermitglieder die Möglichkeit, an einer Begegnungsreise zu
unseren Projektpartnern ins Ausland teilzunehmen.

118
        
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