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Full text: Jahresbericht ... Issue 2003

Jahresbericht 2003

Impressum
Herausgegeben von der Heinrich-Böll-Stiftung e.V.
Redaktion: Susanne Dittrich und Bernd Rheinberg

Dieser Bericht ist kostenlos erhältlich bei der Heinrich-Böll-Stiftung
Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40/41, 10178 Berlin
Telefon 030-28534-0, Fax 030-28534-109, E-mail: info@boell.de
Internet: www.boell.de

Inhalt

Vorwort des Vorstandes

3

Globalisierung und Nachhaltige Entwicklung

7

Europapolitik und Transatlantische Beziehungen

18

Außen- und Sicherheitspolitik und Krisenprävention

26

Demokratie und Menschenrechte

36

Migration und Interkulturelles Management

43

Geschlechterdemokratie

46

Feministisches Institut

52

Zukunft der Arbeit und des Sozialen

56

Bildung, Wissenschaft und Neue Medien

58

Kunst und Kultur

63

Die Stiftung im Netz

71

Studienwerk

73

Grüne Akademie

79

Archiv Grünes Gedächtnis

81

Preise

83

Aus der Stiftung

86

Gremien

90

Finanzen und Personal

93

Publikationen

102

Adressen

103

2

[Vorwort]

Neue Herausforderungen

Die Heinrich-Böll-Stiftung stellt sich mit ihrer Arbeit den neuen
Herausforderungen, die sich aus den globalen ökonomischen, sozialen
und sicherheitspolitischen Umbrüchen ergeben. So ist die außen- und
sicherheitspolitische Agenda seit dem Ende der Block-Konfrontation
in einem tiefgreifenden Wandel, der durch den 11.9.2001 und die politischen Verwerfungen wegen der Kriege in Afghanistan und im Irak
noch einmal beschleunigt wurde. Traditionelle sicherheitspolitische
Parameter der Abschreckung und Eindämmung werden ersetzt oder ergänzt durch neue Konzepte weltweiter Risikoprävention, Krisenintervention und Ordnungspolitik. Außen-, sicherheits- und entwicklungspolitische Fragen verschränken sich zunehmend. Gleichzeitig sind die
Spannungen zwischen den USA und Europa aufgrund unterschiedlicher
Risikowahrnehmungen und Handlungsstrategien nicht nur tagespolitischer Natur. Ein vertiefter transatlantischer Dialog über Gemeinsamkeiten und Differenzen hüben und drüben bleibt ein zentrales Anliegen der Stiftung.
Von wachsender praktischer Relevanz ist für uns die Frage, welchen
Beitrag die Heinrich-Böll-Stiftung bei der Krisenprävention und der
Stabilisierung zivilgesellschaftlicher und rechtsstaatlicher Strukturen in Krisenregionen leisten kann. Schon bisher engagiert sich
die Stiftung in Krisenregionen – z.B. auf dem Balkan und im Kaukasus, in Afghanistan und am Horn von Afrika. Mit diesen Erfahrungen
wollen wir handlungsorientierte Konzepte für Demokratisierungsprozesse und den Aufbau von Zivilgesellschaften entwickeln. Besonderen
Stellenwert genießen dabei die Perspektiven und Interessen von Frauen.
Eine weitere wichtige Achse in unserer Arbeit bildet die politische
Gestaltung von Globalisierungsprozessen. Ziel der Heinrich-BöllStiftung ist es, gemeinsam mit den Partnerinnen und Partnern Gestaltungsmöglichkeiten für eine sozial und ökologisch nachhaltige, geschlechtergerechte Globalisierung zu entwickeln. Entsprechende Anstöße bringen wir auch in multilaterale Handels- und Umweltverhandlungen ein. Als internationale Stiftung möchten wir besonders die

3

Analysen, Perspektiven und Anliegen emanzipatorischer gesellschaftlicher Kräfte aus Schwellen- und Entwicklungsländern in der Debatte
zur Gestaltung der Globalisierung zu Gehör bringen.
Im vergangenen Jahr hat sich die Stiftung besonders intensiv mit der
Politik der Welthandelsorganisation (WTO) auseinandergesetzt. Deren
Treffen im mexikanischen Cancún wurde von der Stiftung, ihren Auslandsbüros und ihren internationalen Partnerorganisationen kritisch
begleitet. Auf der englisch-spanischen Website www.cancun2003.org
informierte die Stiftung fortlaufend aktuell und lud im Herbst am
Tagungsort und in Deutschland zu verschiedenen Foren ein.
Mit insgesamt 22 Büros hat die Stiftung unter den gegenwärtigen finanziellen Bedingungen nun die Grenzen ihrer Präsenz im Ausland erreicht. Mit unseren thematischen Schwerpunkten – Krisenprävention,
Europäische Einigung, Demokratie und Menschenrechte, sozial und ökologisch nachhaltige Entwicklung sowie Geschlechter- und Frauenpolitik – leisten wir konkrete Beiträge zum Aufbau von Zivilgesellschaften, befördern Demokratisierungsprozesse und ermöglichen vielen Akteuren die politische Einmischung.
In unserer Inlandsarbeit dominieren inzwischen die Eigenprojekte der
Stiftung. Auch in der Auslandsarbeit nehmen sie neben der direkten
Förderung von Projektpartnern zu. Das bedeutet kein Ende von Kooperationen, sondern den Übergang zur „aktiven Kooperation“ mit NGOs,
wissenschaftlichen Institutionen, Verlagen anhand der von uns selbst
gesetzten Themen. Wir agieren dabei als Mittler zwischen sozialen
Bewegungen, Wissenschaft und institutioneller Politik ebenso wie als
Impulsgeber für gesellschaftliche Reformen. Unsere Tagungen, Publikationen wie die Kooperationen und Allianzen, die wir eingehen, zielen auf einen politischen Dialog über die traditionellen politischen
und gesellschaftlichen „Lager“ hinweg.
Wir haben strategische Themenschwerpunkte und Ziele definiert, die
wir langfristig verfolgen und jährlich aktualisieren. Mit dem Thema
„Globalisierung“, unseren europapolitischen Aktivitäten und dem
Schwerpunkt „Außen-und Sicherheitspolitik“ treiben wir die Verknüpfung unserer internationalen und innenpolitischen Arbeit weiter voran, so dass man von einer „Internationalisierung unserer Inlandsarbeit“ sprechen kann.
Wir wollen in den nächsten Jahren unsere Vernetzung mit anderen
grün-nahen Stiftungen, europäischen Think Tanks und Verbänden aus4

bauen. Ein besonderes Schwergewicht wird weiterhin auf der Stärkung
zivilgesellschaftlicher Strukturen und der Begleitung „grüner“ Organisationsansätze in Osteuropa liegen. Mittelfristig wollen wir die
klassische Projektarbeit stärker auf die krisenhaften Nachbarregionen der erweiterten EU verlagern (Balkan, Ukraine, Kaukasus). Im Inland wollen wir die Zusammenarbeit mit den „jungen“ europapolitischen Netzwerken fortsetzen, die für ein neues europäisches Selbstverständnis stehen.
Das Studienwerk nimmt in der Nachwuchsförderung eine besondere Rolle
ein. Mit der Einrichtung von Promotionskollegs, die sich an übergreifenden Schwerpunktthemen unserer Bildungsarbeit orientieren, sowie mit gemeinsamen Tagungen zu hochschul- und wissenschaftspolitischen Themen verbinden wir die bildungs-politischen Ziele der Stiftung und die Nachwuchsförderung.
In den letzten Jahren haben wir unsere Internet-Präsenz rasant ausgebaut. Pro Monat werden etwa 20.000 Texte und Dokumente von unserer
Website (www.boell.de) heruntergeladen. Das Internet ist zu einem
wesentlichen Instrument der politischen Bildung geworden, für das
wir uns weiter qualifizieren wollen. Mit diesem Medium können wir
rasch auf politische Ereignisse und aktuelle Debatten reagieren.
Über die Funktion als Textarchiv, Veranstaltungskalender und Medium
zur Selbstdarstellung der Stiftung hinaus nutzen wir das Internet
als Debattenplattform zu aktuellen Ereignissen (Irak-Krieg, WTOGipfel Cancún), für themen- oder länderspezifische Dossiers (z.B. zu
Globalisierung, Russland, Europa) und für thematische Websites wie
die „Kommunalpolitische Infothek“ und die virtuelle Präsenz des Feministischen Instituts www.glow-boell.de.
Eine besondere Herausforderung für die Stiftung ist die angespannte
Lage der öffentlichen Haushalte. Im Bund und in den Ländern gehen
die Zuwendungen an die politischen Stiftungen seit Jahren zurück.
Auch aus diesem Grund hat die Verbesserung der Qualität unserer Arbeit absolute Priorität vor einer weiteren Expansion von Themen und
Projekten. Gleichzeitig bemühen wir uns, andere als staatliche Einnahmequellen stärker zu erschließen.
Mit diesem Jahresbericht haben wir die Darstellung der Finanz- und
Personaldaten der Stiftung etwas verändert. Wir wollen sie für unsere Leserinnen und Leser noch transparenter und übersichtlicher gestalten. Von daher wird es neben der Veröffentlichung unseres Jah5

resabschlusses auch eine detaillierte Darstellung unserer Personalsituation und der Verwendung der Mittel geben.
Die Arbeit der Heinrich-Böll-Stiftung wäre nicht möglich ohne breite
ehrenamtliche Unterstützung mit Rat, Tat und Finanzmitteln. Die Gelder des Förderkreises versetzen uns in die Lage, die knappen Eigenmittel der Stiftung aufzubessern sowie Projekte zu fördern, die wir
nicht aus öffentlichen Mitteln finanzieren könnten. Nur durch private Patenschaften können wir unser Stipendienprogramm für Künstlerinnen und Künstler im früheren Wohnhaus der Familie Böll in Langenbroich (Eifel) langfristig sichern.
Neben dem Förderkreis unterstützen viele Menschen die Stiftung ehrenamtlich durch ihre Mitarbeit in der Mitgliederversammlung, im
Aufsichtsrat, im Frauenrat, in Fachbeiräten und -kommissionen oder
durch ihre engagierte Begleitung aus der Partei Bündnis 90/Die Grünen heraus. Dafür bedanken wir uns nachdrücklich.
Ganz besonderer Dank gilt allen unseren hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ihr engagierter und kreativer Einsatz unter
besonders im Ausland nicht immer einfachen Bedingungen ist das Fundament für die positive Resonanz, auf die wir mit unserer Arbeit
stoßen.

Berlin, im April 2004
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung

Ralf Fücks
Barbara Unmüßig

6

[Globalisierung und Nachhaltige Entwicklung]

„Globalisierung gestalten“

Wer einen Blick auf Asien, Lateinamerika, Afrika und den Nahen Osten
wirft, der weiß: Die Industriestaaten müssen sich ihrer Verantwortung für die weltweiten Folgen der heutigen Wirtschafts- und Finanzverhältnisse stellen. Und wer eine gerechte und ökologisch nachhaltige Weltwirtschaft anstrebt, der kommt um die Auseinandersetzung
mit der Politik Deutschlands und der Europäischen Union ebenso wenig
herum wie um eine Kritik der Welthandelsorganisation (WTO), des Internationalen Währungsfonds oder der Weltbank. Mit ihrem Schwerpunkt
„Globalisierung gestalten“ engagiert sich die Heinrich-Böll-Stiftung
in der nationalen und internationalen Diskussion über eine ökologische und sozial gerechte Gestaltung der Globalisierung. Ausgehend
von der Rio+10–Kampagne im Jahr 2002 und den vielfältigen regionalen
Aktivitäten der Stiftung stehen dabei die Themen Globalisierung und
Ökologie (mit den Schwerpunkten Energie- und Klimapolitik, Wasserpolitik sowie Ökologie und Gerechtigkeit), ökonomische Globalisierung
(mit den Schwerpunkten GATS, Agrarmärkte und Finanzmärkte) sowie
kulturelle Globalisierung im Vordergrund.

Kongress: McPlanet.com – Die Umwelt in der Globalisierungsfalle,
Berlin, 27.- 29. Juni 2003

„Eine andere Umwelt ist möglich!“ — dieses Fazit stand am Ende von
McPlanet.com, dem größten Umweltkongress, der in den letzten 15 Jahren in Deutschland stattgefunden hatte. Drei Tage lang diskutierten
in Berlin Umweltgruppen und Globalisierungskritiker mit Gästen aus
aller Welt die Folgen der Globalisierung. Getragen wurde die Veranstaltung von Attac, BUND und Greenpeace in Kooperation mit dem Wuppertal-Institut und der Heinrich-Böll-Stiftung sowie zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Mit mehr als hundert
Foren und Workshops war McPlanet.com ein Bildungskongress mit einer
Vielzahl von Themen und einem lebhaften Austausch zwischen Globalisierungskritikern und Anhängern der Umweltbewegung. Auf dem Podium
7

„Konzerne – Regeln – Globale Märkte“ stritt sich Peter Knödel von BP
Deutschland mit Oronto Douglas von Friends of the Earth Nigeria über
die Verantwortung von Unternehmen. Manfred Heller von BMW diskutierte mit Vandana Shiva von der Research Foundation for Science, Technology and Ecology (Indien) über die Frage: „Autos für alle?“. Ob
„global regulieren“ oder „lokal bestimmen“ die bessere Antwort auf
die Globalisierungsprozesse sei, war Thema eines weiteren Podiums.
Auch grüne Politiker stellten sich der Diskussion: Ein Höhepunkt war
sicher der „Late Night Talk“ über die scheinbare Unversöhnlichkeit
von sozialen Bewegungen und etablierter Politik mit Ricardo Navarro,
Präsident von Friends of the Earth, Vandana Shiva und Christian
Ströbele, MdB für Bündnis 90/Die Grünen. „Ökos, Attacis und DritteWelt-Bewegung gehören zusammen“, so lautete der Tenor der Abschlussveranstaltung „Where do we go from here? Eine Andere (Um-) Welt ist
möglich“. Nur in breiten Bündnissen sei es möglich, einen politischen und gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen, dazu gehöre aber
auch die Zusammenarbeit mit Institutionen, Parteien und Parlamenten,
so Barbara Unmüßig, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, auch an die
Adresse von Attac. Aus diesem Grund wird der kritische Dialog zwischen sozialen Bewegungen und institutionalisierter Politik auch zukünftig ein wichtiges Betätigungsfeld der Heinrich-Böll-Stiftung
bleiben.

Das Buch zum Kongress:
Die Umwelt in der Globalisierungsfalle
Hrsg. von M. Engelhardt und M. Steigenberger in Zusammenarbeit mit der
Heinrich-Böll-Stiftung
Hamburg 2003, 208 Seiten, € 12,80
ISBN 3-89965-029-8

Das Weltsozialforum in Porto Alegre

Vom 23. bis 28. Januar 2003 fand das 3. Weltsozialforum in Porto
Alegre statt. In den vorangegangenen Jahren hatte sich die HeinrichBöll-Stiftung darauf beschränkt, ihren Partnerinnen und Partnern aus
dem Süden die Teilnahme an dem wahrscheinlich wichtigsten weltweiten
Treffen der globalisierungskritischen Bewegung zu ermöglichen. Diesmal war sie mit mehreren eigenen Veranstaltungen vertreten. In einem
Workshop diskutierten z.B. Jeremy Hobbs von Oxfam International mit

8

Walden Bello von Focus on the Global South über die Forderung nach
mehr Marktzugang für die Länder des Südens. Während Jeremy Hobbs argumentierte, dem Süden entginge durch fehlende Marktzugangsmöglichkeiten ein Vielfaches der Summe, die sie an Entwicklungshilfe erhielten, lehnte Walden Bello die Öffnung der Märkte als reine Ausdehnung des alten Freihandelsmusters ab.
Auf einem weiteren Panel ging es um die Frage, wie eine nachhaltige
Energiestrategie aussehen könnte – die Heinrich-Böll-Stiftung hatte
hierzu eine Studie erarbeiten lassen. Und auch das Jo’burg Memo, das
von der Stiftung herausgegebene Memorandum zum Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg 2002, stand im Mittelpunkt einer
Diskussionsrunde. Schließlich nutzte die Stiftung das Weltsozialforum, um zwei Publikationen vorzustellen: Das Büro El Salvador präsentierte eine Studie zum Thema Patentrechte, das Büro Südafrika eine Publikation zum Thema zivilgesellschaftliches Engagement beim
Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung.

The World Comes to One Country – an Insider History of the World Summit on
Sustainable Development. By Victor Munnik and Jessica Wilson.
Published by the Heinrich Böll Foundation, Johannesburg 2003, 88 pages
ISBN 0-620-29923-1.
Download unter www.boell.org.za
La Vida en Venta: Transgénicos, Patentes y Biodiversidad
Compilado por Corinna Heineke
Ediciones Heinrich Böll
El Salvador, 2002, 296 páginas, ISBN 99923-35-04-1

Die GATS-Verhandlungen in der WTO und das „Recht zu regulieren“

Die Diskussion um die laufenden Verhandlungen im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) konzentrierte sich im Jahre 2003 in Deutschland vor allem auf das Dienstleistungsabkommen GATS (General Agreement on Trade in Services). Darin geht es um die weitere Liberalisierung zahlreicher Dienstleistungssektoren und um entsprechende
neue WTO-Regeln zur Beseitigung von globalen „Handelshemmnissen“.
Kritische Stimmen aus der Zivilgesellschaft und den Parlamenten befürchten eine Einschränkung des Handlungsspielraums regulativer Politik, während GATS-Befürworter immer wieder betonen, dass das
„Recht zu regulieren“ vom GATS unangetastet bliebe. Die HeinrichBöll-Stiftung hat diese Diskussion aufgegriffen und zwei Papiere er9

stellen lassen: Eines richtet sich insbesondere an politische Entscheidungsträger und zeigt Handlungsoptionen für den Umgang mit dem
Dienstleistungsabkommen auf. Das zweite ist als Hintergrundinformation insbesondere für die Projektpartner der Stiftung gedacht. Auf
einer Fachtagung im Mai 2003 diskutierten zahlreiche Gäste aus dem
Süden über das Spannungsverhältnis zwischen GATS und entwicklungsund umweltpolitischen Regulierungsmöglichkeiten, ferner die handelspolitischen Prozesse im Vorfeld der bevorstehenden WTOMinisterkonferenz in Cancún/Mexiko.

Dont’t trade on our Future
Die WTO-Ministerkonferenz in Cancún, Mexiko

Vom 10. bis 14. September 2003 fand im mexikanischen Ferienort Cancún auf der Halbinsel Yucatán die 5. Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) statt. Vertreter der über 140 WTOMitgliedstaaten verhandelten dort weitreichende globale Regelungen
des internationalen Handelsregimes. Absehbare Streitpunkte waren das
Agrarabkommen sowie die von den Industrieländern massiv eingebrachten so genannten Singapur-Themen (Investitionen, Wettbewerb, Öffentliches Beschaffungswesen und Handelserleichterungen). Viele Entwicklungsländer lehnten die Aufnahme neuer Themen zu diesem Zeitpunkt
der WTO-Verhandlungen ab und forderten stattdessen substanzielle Zugeständnisse bei ihren Schlüsselanliegen, wie beispielsweise Zugang
zu den Märkten der Industrienationen. Die Interessenskonflikte, der
Umgang mit der „Baumwollinitiative“ der westafrikanischen Staaten
und die sich in Cancún neu formierenden Allianzen von Entwicklungsund Schwellenländern haben zum plötzlichen Abbruch des offiziellen
Verhandlungsprozesses geführt.
Trotz des vorzeitigen Endes war die WTO-Ministerkonferenz für die
Heinrich-Böll-Stiftung ein Ort der Begegnung und des produktiven
Streits. Mit zwei zentralen Veranstaltungsformen, dem Böll-Forum und
den Böll-Dinner-Debates, hatte die Stiftung ein ambitioniertes Programm für Dialoge, Diskussionen und Streitgespräche bereitgestellt.
Ins Böll-Forum – Teil des bunten Spektrums an Parallelveranstaltungen des „Forums der Völker“ – waren Ministerinnen und Minister, Abgeordnete, Nichtregierungsorganisationen, Vertreterinnen und Vertre10

ter von multilateralen Institutionen, Bauernorganisationen sowie den
Medien geladen. In den Panels und offenen Gesprächsrunden ging es um
nahezu alle relevanten Themen der offiziellen Verhandlungsrunde: den
Handel mit Dienstleistungen, die Wasserproblematik, die Landwirtschaft bis hin zu Fragen der intellektuellen Eigentumsrechte und der
Reform der WTO. Weil viele Organisationen sich ausschließlich für
Veranstaltungen innerhalb der abgesperrten und für NichtAkkreditierte unzugänglichen Hotelzone entschieden hatten, war es
der Heinrich-Böll-Stiftung als einziger internationaler Organisation
gelungen, mit dem Böll-Forum parallel zu den offiziellen Verhandlungen einen gut sichtbaren und für alle offenen Diskussionsraum zu
schaffen.
Die Böll-Dinner-Debates hingegen waren nicht öffentlich und fanden
"drinnen" in der abgesperrten Hochsicherheitszone statt. Thematisch
in vielen Punkten auf das Böll-Forum abgestimmt, gelang es im Rahmen
der Böll-Dinner-Debates eine offene Gesprächsatmosphäre herzustellen, die an den Erfolg der Breakfast Briefings des Weltgipfels für
Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg im Jahr 2002 anknüpfen konnte. Komplementär zum Böll-Forum haben sich die Dinner-Debates als
Ort intensiven Dialogs „off the record“ und in Ergänzung großer öffentlicher Veranstaltungen bewährt.
Die Heinrich-Böll-Stiftung engagierte sich aber nicht nur in den genannten Veranstaltungsformaten, sondern ermöglichte auch einigen ihrer Projektpartnerinnen und -partnern die Reise nach Cancún und unterstützte zahlreiche Initiativen, so zum Beispiel das Internationale Frauenforum, das im unmittelbaren Vorfeld der offiziellen Konferenz stattfand.
Darüber hinaus sorgte die Stiftung für eine umfassende Presse- und
Öffentlichkeitsarbeit. Im Juli 2003 ging die einzige spanische und
englische Website zum Thema Cancún (www.cancun2003.org) an den
Start. Weltweit hatte keine andere Seite so konsequent auf Zweisprachigkeit in der Information rund um die WTO-Konferenz gesetzt. Unter
dem Motto „Don´t trade away our future / No comercien nuestro futuro“ finden sich dort Informationen, Beiträge und Link-Sammlungen zu
den Schwerpunktthemen Agrarliberalisierung, Gender & GATS, Wasser,
kulturelle Vielfalt und Reform der WTO. Auch die WTO-bezogenen GLOBAL ISSUE PAPERS zu Intellektuellen Eigentumsrechten (TRIPS), Landwirtschaft, Wasser und GATS können dort heruntergeladen werden. Die
11

Inhalte der Seite wurden Anfang 2004 in die neue LateinamerikaWebsite der Stiftung www.boell-latinoamerica.org aufgenommen.
Das abrupte Ende der WTO-Konferenz zeigt, wie konfliktreich, widersprüchlich und ungleich die internationale Handelsordnung geworden
ist. Die Heinrich-Böll-Stiftung wird systematisch und in enger Kooperation mit ihren Partnerinnen und Partnern die politischen Folgen
des Abbruchs der WTO-Verhandlungen sowie die neuen Verhandlungskonstellationen beobachten und bewerten müssen. Dies wird sowohl im
Rahmen der regionalen und bilateralen Freihandelsverhandlungen als
auch im Kontext internationaler Konferenzen geschehen.

Allies Or Antagonists? Investment, Sustainable Development and the WTO.
Authors Kevin Gallagher, Lyuba Zarsky, Monica Araya, Luke Peterson, Alice
Palmer, Luisa Bernal, Kavaljit Singh, Mariama Williams, Peter Hardstaff.
Published by the Heinrich Böll Foundation, Washington, DC, 2003, 110 pages

Feministische Antworten auf die Herausforderungen der Globalisierung
Summer School der Heinrich-Böll-Stiftung

Erstmalig fand im Juli 2003 in Berlin die internationale Summer
School der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Engendering Economic
Policy in a Globalizing World“ statt. Insgesamt 67 Teilnehmerinnen
und Teilnehmer aus 32 Ländern kamen nach Berlin, um sich mit den geschlechtsspezifischen Aspekten der Handelsliberalisierung im Rahmen
der Welthandelsorganisation (WTO) auseinanderzusetzen.
Die Summer School ist eines der „Highlights“ des dreijährigen internationalen Frauenprogramms der Heinrich-Böll-Stiftung zu Globalisierung und Gender. Ziel war es, insbesondere für Projektpartnerinnen
und Wissenschaftlerinnen aus dem Süden, ein Capacity Building im Bereich Gender und Wirtschaftspolitik anzubieten und zugleich den Raum
für internationale Vernetzung und gemeinsame Projekte bereitzustellen.
An der Konzipierung und Durchführung der Summer School war eine
fünfköpfige Konzeptgruppe aus Wissenschaftlerinnen und NGOAktivistinnen beteiligt, u.a. Prof. Dr. Brigitte Young, Universität
Münster, Dr. Christa Wichterich, NRO-Frauenforum und wissenschaftlicher Beirat von attac, sowie Gülay Caglar, Universität Kassel. Das
einwöchige Programm mit einer Mischung aus wissenschaftlichen Vorle12

sungen, Seminaren und Workshops vermittelte grundlegende Kenntnisse
in feministischer Ökonomie und der Funktionsweise der WTO und unterzog insbesondere die Dienstleistungsliberalisierung im Wasser-, Gesundheits- und Bildungssektor sowie deren mögliche Alternativen einer genauen Analyse. Die produktive Verbindung von theoretischen Zugängen und überregionalem politischem Erfahrungsaustausch ermöglichte neue Perspektiven auf Welthandelsfragen. Als Referentinnen und
Referenten waren u.a. Prof. Christoph Scherrer, Universität Kassel,
Prof. Laura Gonzalez, University of Texas, Mohau Pheko, International Gender and Trade Network (Südafrika), und Elisabeth Tuerk, Center for Environment Law, Genf, dabei. Das Angebot der Summer School
wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern durchweg positiv bewertet. Die Summer School soll 2005 fortgesetzt werden.

Globale Strategien für erneuerbare Energien

Fast 2 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu modernen Energiedienstleistungen. Doch der weltweite Energiebedarf wächst, insbesondere in den Schwellenländern steigt er steil an. Bereits auf jetzigem Niveau sind die Auswirkungen des globalen Energieverbrauchs auf
die natürliche Umwelt gravierend: Das fossile Energiesystem destabilisiert das Klima, die Atomenergie liefert strahlende Abfälle sowie
unkontrollierbare Proliferationsrisiken, und Großstaudämme vertreiben weltweit Millionen von Menschen. Ein Umdenken in der Energiepolitik ist dringend vonnöten. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat hierzu
eine Studie in Auftrag gegeben. Das Papier, vom unabhängigen ÖkoInstitut erstellt, enthält 14 Empfehlungen für die Umsetzung einer
nachhaltigen Energiepolitik mit einem besondern Augenmerk auf die
Entwicklungsländer. Dort wird im kommenden Jahrzehnt massiv in die
Energieinfrastruktur investiert und können jetzt die Weichen für einen Zugang zu Energiedienstleistungen für alle bei gleichzeitigem
Schutz der Umwelt gestellt werden. Schwerpunkt des Papiers ist die
umfassende Analyse der aktuellen Finanzierung des Energiesektors in
Entwicklungsländern sowie zukünftige Finanzierungsoptionen. Darauf
aufbauend entwickeln die Autoren, Uwe Fritsche und Felix Matthes,
ihre zentralen Empfehlungen für eine globale Energiestrategie.

13

Nachdem ein Entwurf des Papiers bereits 2002 auf dem Nachhaltigkeitsgipfel in Johannesburg diskutiert wurde, wurde es im März 2003
in Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt und seither weltweit präsentiert und zur Debatte gestellt. Auch auf der Internationalen Konferenz für Erneuerbaren Energien (Renewables 2004) vom 2.-4. Juni
2004 in Bonn wird die Diskussion über die Thesen von „Changing Course“ weitergehen.

Changing Course – a contribution to a Global Energy Strategy
World Summit Papers No. 22, Berlin, April 2003, 88 pages
Download unter: www.boell.de/downloads/rio+10/wsp22.pdf

Im Rahmen der Vorbereitungen auf die Internationale Konferenz für
erneuerbare Energien im Jahr 2004 veranstaltete das Stiftungsbüro in
Washington im Oktober 2003 ein Seminar über Initiativen für erneuerbare Energien der US-Bundesstaaten und der deutschen Bundesländer
und bot so Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und die Möglichkeiten einer transatlantischen Kooperation zur Förderung erneuerbarer Energien genauer zu bestimmen. Die Veranstaltung, an der unter
anderen die nordrhein-westfälische Umweltministerin Bärbel Höhn
teilnahm, wurde in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft und
der amerikanischen Umweltorganisation National Wildlife Federation
durchgeführt. Die Ergebnisse sind in der Publikation “Approaches —
Challenges — Potentials: Renewable Energy and Climate Change Policies in U.S. States and German Länder — Opportunities for Transatlantic Cooperation” zusammengefasst, erhältlich unter www.boell.org.

Förderung der Akzeptanz und Nutzung von erneuerbaren Energien
– am Beispiel Südamerika

Die Stromversorgung ist in vielen Ländern Lateinamerikas unzureichend – erinnert sei an die große Stromkrise 2001 in Brasilien –,
sie stützt sich im Wesentlichen auf konventionelle Energiequellen.
Zwar werden mit Wasserkraft und nachwachsenden Rohstoffen (vor allem
Zuckerrohr) durchaus regenerative Energien genutzt, doch die „neuen“
Energien (Solar-, Windenergie, Geothermie etc.) sind im Energiemix
dieser Länder kaum vertreten. Vielmehr setzen die Regierungen bei
14

der Deckung ihres steigenden Energiebedarfs auf den weiteren Bau von
thermischen, nuklearen und Wasserkraft-Großanlagen mit den entsprechenden Folgen für die Umwelt. Im Rahmen ihres Programms „Zukunftsfähiges Cono Sur“ unterstützt die Heinrich-Böll-Stiftung Projekte
und Initiativen, die sich für die Akzeptanz und Nutzung neuer regenerativer Energiequellen einsetzen. So hat beispielsweise die Partnerorganisation Chile Sustentable zusammen mit Parlamentariern einen
Gesetzentwurf zur Förderung regenerativer Energien erarbeitet und im
August 2003 der chilenischen Regierung vorgelegt. Dem vorausgegangen
war eine internationale Konferenz über effiziente Energienutzung und
erneuerbare Energiequellen im Jahr 2001 in Santiago de Chile, veranstaltet von der Heinrich-Böll-Stiftung und dem Programm für Energieforschung der Universität Chile. Dank intensiver Lobbyarbeit wurden
wesentliche Elemente des Entwurfes in die Reform der Stromgesetzgebung einbezogen und 2003 verabschiedet.
In Brasilien veranstaltete die Heinrich-Böll-Stiftung im August 2003
zusammen mit der brasilianischen Nichtregierungsorganisation Sapé
ein Seminar über erneuerbare Energien in Angra (Bundesstaat Rio),
dem Standort zweier Atomkraftwerke. Aktueller Anlass war die Ankündigung der Regierung, die Pläne für das Atomkraftwerk Angra 3 weiterzuverfolgen. Die große Resonanz des Seminars hat gezeigt, dass
die Energiefrage eine der Schlüsselfragen des Entwicklungsmodells
der neugewählten Regierung unter Präsident Lula ist. Bis zur Bonner
Energiekonferenz 2004 will die Stiftung zusammen mit den brasilianischen Partnern – insbesondere der Arbeitsgruppe Energie und Klima
des brasilianischen Forums der NGOs und sozialen Bewegungen sowie
Rios Vivos (International Rivers Network) – gemeinsame Perspektiven
zu nachhaltigen Energiestrategien entwickeln. Dem Dialog über regenerative Energien diente auch der Besuch brasilianischer Politiker
und NGO-Vertreter in Deutschland. Das Programm bestand aus einem Seminar zum Thema erneuerbare Energien, mit Referentinnen und Referenten aus Wirtschaft und Politik, sowie einer Rundreise durch Ostfriesland und Freiburg, um Windkraft- und Solaranlagen in der Praxis
kennenzulernen. Es entstanden wichtige Kontakte, die bereits zu einem weiteren brasilianisch-ostfriesischen Austausch geführt haben.
Zu erwähnen ist auch die Publikation „Desafíos para la sustentabilidad energética en el Cono Sur“ (Herausforderungen für eine nachhaltige Energiewirtschaft), eine umfassende Analyse der Energiematrix,
15

der aktuellen Tendenzen und der Bedingungen für eine nachhaltige
Energieproduktion und –nutzung in Argentinien, Brasilien, Chile, Paraguay und Uruguay. Die spanischsprachige Publikation ist demnächst
erhältlich unter www.boell-latinoamerica.org.

www.riovivos.org.br
brasilsustentavel.fase.org.br
www.chilesustentable.net
www.redes.org.uy

Widerstand gegen die „neue“ Atomindustrie – am Beispiel Südafrika

Der staatliche Energiekonzern ESKOM will in Südafrika eine neue Baureihe von Hochtemperaturreaktoren in Kugelhaufenreaktor-Technologie
entwickeln. Diese Technik war in den 70er Jahren in Deutschland entwickelt und erprobt worden, kam jedoch trotz riesiger Investitionen
nie zum Einsatz. Jetzt soll die neue Baureihe aus kleinen Reaktoren
gerade für den Einsatz in Entwicklungsländern entwickelt werden.
Aber auch in Südafrika fehlt ein Endlager-Konzept für hochradioaktiven Abfall. Die Debatte erfolgt derzeit fast unter Ausschluss der
Öffentlichkeit. Die Zivilgesellschaft ist geschwächt und zu viele
Aktivistinnen und Aktivisten der ersten Stunde sind heute selbst in
leitenden Regierungsämtern, in den Gewerkschaften und der Industrie.
Noch junge Gruppierungen wie Earthlife Africa oder das Environmental
Justice Networking Forum, nationale Umweltorganisationen der ersten
Stunde, sind dagegen noch schwach und wenig erfahren in den vielen
technischen Dingen, die bei Gesetzesvorhaben berücksichtigt werden
müssen. Daher unterstützt die Stiftung diese und andere Umweltschutzorganisationen bei der Bildungs- und Lobbyarbeit. Vor allem in den
schwarzen Gemeinden, die meist direkt von Industrieprojekten betroffen sind, fehlen alle Vorkenntnisse. Die Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt daher regionale Bildungsinitiativen, damit die Betroffenen
qualifiziert an der Debatte um Atom-Energie und alternative Energiekonzepte in der Region teilnehmen können. (www.earthlife-ct.org.za)

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Nachhalten – Berliner Gespräche zu Globalisierung und Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit in Zeiten der Globalisierung ist die große Herausforderung unserer Tage. Verschiedene Studien zeigen, dass die globalen
Ökosysteme an die Grenzen ihrer Belastbarkeit stoßen oder diese bereits überschritten haben. Ebenso wird immer deutlicher, dass es einen unbeschränkten Ressourcenverbrauch nicht geben kann; auch die
Gerechtigkeitsfrage stellt sich daher neu und verschärft. Die Globalisierung der Märkte spielt dabei eine doppelt problematische Rolle:
Zum einen wird bislang ein Entwicklungsmodell (und entsprechende
Konsummuster) verbreitet, das in ökologischer Hinsicht bereits überholt ist; zum anderen wird der Zugang zu den letzten Ressourcen der
Welt erleichtert. Vor dem Hintergrund dieses Spannungsfelds von Globalisierung und Nachhaltigkeit greift die 2003 neu etablierte Veranstaltungsreihe „Nachhalten“ aktuelle Herausforderungen auf. In den
insgesamt sieben Gesprächen mit deutschen und internationalen Gästen
auf der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung ging es u.a. um die Thesen von Paul Raskin, der in seinem Buch „Great Transition“ den Beginn eines globalen Übergangs in eine planetarische Gesellschaft
propagiert (mit Paul Raskin selbst; er ist Präsident des Tellus Institute und Direktor des Stockholm Environment Institute - Boston),
um den Globalen Handel und die Frage, inwieweit dieser dem Wohle der
Menschen dient (mit Kamal Malhotra, UNDP), sowie um die Macht und
Verantwortung global agierender Konzerne (mit Fritz Kuhn, MdB, Bündnis 90/Die Grünen, Walter Oswalt, Walter-Eucken-Archiv, und Sven
Giegold, Attac).

Zur Lage der Welt 2004
Worldwatch Institute (Hrsg.)
In Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung und Germanwatch, Verlag
Westfälisches Dampfboot, 1. Auflage, Münster 2004, 352 Seiten, € 19,90
ISBN 3-89691-570-3

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[Europapolitik und Transatlantische Beziehungen]

„Perspektive Europa 2004 – Dialog über die Verfassung Europas“
Projektgruppe der Heinrich-Böll-Stiftung

Die bevorstehende Erweiterung der Europäischen Union hat der Debatte
über die zukünftige Gestalt Europas neuen Schub verliehen. Bislang
wird die Diskussion jedoch weitgehend national geführt. Die Arbeitsgruppe „Perspektive Europa 2004 – Dialog über die Verfassung Europas“, von der Heinrich-Böll-Stiftung 2003 ins Leben gerufen, versucht, die Diskussion zu „europäisieren“ und Reformperspektiven über
die laufende Erweiterungsrunde und die aktuelle Verfassungsdebatte
hinaus zu entwickeln. Mit Blick auf die Beitrittsreferenden 2003,
die EU-Regierungskonferenz sowie die Europawahlen 2004 sollten auch
die innerhalb der europäischen Grünen kontroversen Grundfragen einer
europäischen Verfassung diskutiert werden. In Berlin, Brüssel und
Prag trafen auf Einladung der Stiftung Politiker der Grünen aus verschiedenen nationalen Parlamenten und dem Europaparlament sowie Europaexperten aus Wissenschaft und Medien zusammen, um intern, aber
auch öffentlich u.a. über die zukünftige europäische Außenpolitik
oder den Föderalismus in der EU zu diskutieren. Das EuropaMemorandum der Stiftung, „Beyond Constitution“, von einer internationalen Autorengruppe erarbeitet, will auf der anderen Seite Denkanstöße für die breite öffentliche Diskussion geben und zur Teilnahme an der europaweiten Debatte über die Zukunft Europas einladen.

Download unter: www.boell.de/downloads/europa/memo_gruene_eu.pdf

Die Zukunft Mitteleuropas und die Arbeit der Heinrich-Böll-Stiftung
in den Beitrittsländern

Mit der Erweiterung von 15 auf 25 Mitgliedstaaten wächst die Zahl
der EU-Bürgerinnen und Bürger von 370 auf 450 Millionen. Nicht nur
für die Beitrittsländer, auch für die jetzigen Mitgliedsstaaten wird
es grundlegende Veränderungen geben. Bislang gehen die laufenden
Prozesse und ihre Auswirkungen jedoch an vielen Menschen weitgehend
unbemerkt vorbei. Die Heinrich-Böll-Stiftung, in Ostmitteleuropa
18

derzeit mit Büros in Warschau und Prag vertreten, will mit ihrer Arbeit die öffentliche Debatte fördern und die Einflussnahme der Zivilgesellschaft und der Bevölkerung bei den Erweiterungsprozessen
erhöhen. Dazu gehört z.B. der Dialog mit den Bürgerbewegungen und
den neuen grünen Parteien, die in zahlreichen Ländern entstehen.
Die Entwicklung der europäischen Demokratie und die Förderung von
Zivilgesellschaft und Rechtsstaatlichkeit in den neuen Mitgliedstaaten wird in Zukunft noch stärkeres Gewicht erhalten. Hierzu gab es
bereits eine Reihe von Veranstaltungen, z.B. über die neuen östlichen Außengrenzen der EU und ihre Ausgestaltung. Zukünftig werden
auch Fragen der internationalen Rolle der EU in den Bereichen Globalisierung sowie globaler Sicherheitspolitik in die Programmarbeit
der Regionalbüros einfließen.

Internationale Tagung: Politische Korruption – Herausforderung für
die europäische Demokratie

Mit Silvio Berlusconis Kampagnen gegen die italienische Justiz wurde
das Problem politischer Korruption in der europäischen Öffentlichkeit in einer neuen Weise wahrgenommen. Allerdings werden alle westeuropäischen Länder von Zeit zu Zeit durch Fälle von Bestechung und
Vorteilsannahme in der Politik erschüttert. Und in den EUErweiterungsländern gehört politische Korruption gar zu den zentralen Problemen der Transformation. Selbst auf Ebene der Weltbank wird
heute der Zusammenhang zwischen politischer Korruption und sinkendem
Demokratie- und Institutionenvertrauen problematisiert. Diese Aspekte erläuterte der Politikwissenschaftler Roland Roth im Eröffnungsvortrag zur Tagung von Heinrich-Böll-Stiftung und Transparency International Germany, die am 14.-15.November 2003 im Berliner Abgeordnetenhaus stattfand. Hansjörg Elshorst, Sprecher von Transparency
International Germany, verwies aber auf die Erfahrung, dass sich Antikorruptions-Anstrengungen lohnen: „Reformen können greifen und die
Wirklichkeit verändern.“ Die Sensibilität gegenüber Korruption sei
auch deshalb gestiegen, weil die Abhängigkeit der nationalen Politik
von einer global agierenden Wirtschaft und Finanzwelt größer und
deutlicher geworden sei und weil Parteien und politische Eliten von
einer kritischen Öffentlichkeit für klare Regeln in Haftung genommen
19

werden. Während hinsichtlich der Parteienfinanzierung in (West-) Europa Verbesserungen erzielt werden konnten, müsse das Augenmerk
künftig verstärkt der Ämterpatronage gelten, die – verknüpft mit
Einfluss und viel Geld – im Zuge der Privatisierungspolitik an Raum
gewinnen dürfte.
Dass Deutschland nicht erst seit der Kohl-Affaire seine Unschuld
verloren hat, belegte der Erfahrungsaustausch zwischen dem grünen
Politiker Hans-Christian Ströbele und dem Journalisten und Buchautor
Bruno Schirra. Italien, das als junge Demokratie und wegen seiner
Tradition organisierter Kriminalität einen westeuropäischen Sonderfall bildet, hat seit den 80er Jahren einige Gesetze gegen organisierte Kriminalität verabschiedet, eine Justizreform steht noch aus.
Über die Wirksamkeit der EU-Integration im Antikorruptionsbereich
und über die Stop-Berlusconi-Kampagne debattierten der Rechtswissenschaftler Vincenzo Militello und der Publizist Guido Ambrosino.
Über die Entwicklungen in Polen berichtete Grazyna Kopinska (Batory
Foundation) und Jacek Kurczewski (Universität Warschau) sowie Andrej
Kutylowski (Universität Oslo). Sie konnten bestätigen, dass in den
nach-sozialistischen Reformen der Mangel von investierbarem Kapital
zur Haltung geführt habe, es sei nicht wichtig, wo das Geld
herkomme, sondern entscheidend sei, dass der Job getan werde. Dieser
Zusammenhang betrifft im Kern auch die Korruption in der
Politikfinanzierung, denn in den osteuropäuschen Transformationsgesellschaften starteten die neuen politischen Parteien ohne
nennenswerte finanzielle Basis. Staatliche Ausstattung reicht, wenn
sie denn gegeben ist, keinesfalls für die Finanzierung von
Wahlkämpfen. Private Finanzierung öffnet die Türen für den Einkauf
wirtschaftlicher und politischer Markt- und Rechtspositionen.
Sensibilisierungen bzw. Verbesserungen gab es infolge von Weltbankund EU-Monitoring sowie zivilgesellschaftlicher Mobilisierung u.a.
durch die National Chapters von Transparency International und die
polnische Batory-Stiftung mit ihrem Antikorruptionsprogramm. Auch
durch den Aufbau einer europäischen Antikorruptionsbehörde (OLAF)
als einem Instrument mit „interinstitutionellen Untersuchungskompetenzen zum Schutz der Finanzinteressen der Europäischen Gemeinschaft“ trägt die EU zur nationalen Korruptionsbekämpfung bei. Auch
wenn die nationalen Regierungen durch die Erfüllung der Brüsseler
Anforderungen gezwungen sind, Transparenz für die eigene nationale
20

Öffentlichkeit zu gewährleisten, bleiben doch die Stimmen der erstarkenden Zivilgesellschaft wichtig.

Tagung: Die Türkei auf dem Weg in die Europäische Union – ein Jahr
nach dem EU-Gipfel in Kopenhagen

Im Rahmen ihrer deutsch-türkischen Gesprächsreihen veranstaltete die
Heinrich-Böll-Stiftung am 6. November 2003 in Berlin eine hochrangig
besetzte Fachtagung. Wissenschaftler sowie Politikerinnen und Politiker aus Deutschland und der Türkei diskutierten u.a. die Gesetzesinitiativen zur Erfüllung der Kopenhagener Kriterien und die bereits von der türkischen Regierung verabschiedeten Reformvorhaben.
Trotz der bestehenden Schwächen und Mängel, insbesondere bei der Implementierung und der Umsetzung neuer Verordnungen und Gesetze, waren sich türkische wie deutsche Diskussionsteilnehmerinnen und teilnehmer einig, dass sich innerhalb eines Jahres in der Türkei ein
außerordentlich positiver Wandel im politischen und gesellschaftlichen Denken und Handeln vollzogen habe. Dies wurde vor allem auf einen konsequent EU-freundlichen Kurs der neuen Regierung, aber auch
auf eine neue Offenheit breiter Teile der türkischen Bürgerinnen und
Bürger zurückgeführt. Man war sich einig, dass die Einbeziehung der
Zivilgesellschaft in den Prozess der politischen Öffnung der Türkei
hilfreich wäre. Um den Prozess der gegenseitigen Annäherung und Verständigung auf allen Ebenen voranzutreiben, müsse die Förderung eines breiten offenen Dialogs und Austauschs zwischen politischen und
gesellschaftlichen Akteuren, zwischen Verbänden und Organisationen
in Deutschland und in der Türkei vorangetrieben werden. Die Heinrich-Böll-Stiftung wird diesem Austausch auch in Zukunft eine Plattform bieten.

Tagung: Deutsche Amerikabilder, vom 24.- 25. Januar 2003 in Leipzig

Die politische Debatte zur deutschen Haltung zum Irak-Krieg zeigt,
wie ideologisch aufgeladen die Positionen sind – zwischen „uneingeschränkter Solidarität“ mit den USA und dem Vorwurf des AntiAmerikanismus blieb kaum Platz. Wie lassen sich solche konträren
21

Haltungen erklären, welche Amerikabilder herrschen in Deutschland
vor, und wie sind sie entstanden? Mit der Tagung „Deutsche Amerikabilder“ versuchte die Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit
dem Bildungswerk Weiterdenken, dem Förderverein für Politikwissenschaft an der Universität Leipzig und der Volkshochschule Leipzig
diesen Fragen nachzugehen. Zum Auftakt führte der Historiker und Publizist Daniel Küchenmeister anhand deutscher Fernsehaufnahmen aus
den 50er und 60er Jahren vor, wie die Amerikabilder in Ost und West
vor allem der Legitimation des eigenen Staates dienen sollten. Wie
wenig man kulturelle und politische Amerikabilder trennen kann,
zeigte sich im Panel „Demokratie und Ungleichheit“. Dabei nannte
Christiane Lemke, Professorin für Politik an der Uni Hannover, die
amerikanische Zivilgesellschaft als wichtigen Bezugspunkt. Die Politisierung von unten, in den Vereinigten Staaten üblich, sei in der
Bundesrepublik erst verspätet nachgeholt worden. Als konstitutiv für
das Verständnis der USA nannte der Leipziger Amerikanist Hartmut
Keil den dortigen Patriotismus. Dieser sei in der Einwanderungsgesellschaft USA dahin ausgelegt, neue Menschen aufzunehmen und deshalb gerade nicht ausgrenzend. Das dies nicht immer konfliktfrei abläuft, illustrierte Christiane Lemke an den Problemen der Hispanics
und der Moslems in der Gegenwart.
Die Podiumsdiskussion am Ende der Tagung zeigte, wie brisant die
Frage „Krieg und Frieden – Amerikas Rolle in der Welt“ gerade heute
ist. Dan Diner, Professor in Leipzig und Jerusalem, stellte die unterschiedlichen Staatsvorstellungen in den USA und Europa dar. Die
derzeitige Politik, die Welt sicher für Amerika zu machen, sei zwar
ernstzunehmen, aber zu riskant. Diner bezeichnete diese Politik der
neokonservativen Eliten als „demokratischen Bolschewismus“. Joscha
Schmierer, Mitglied im Planungsstab des Auswärtigen Amtes, unterstellte, die USA sähen den Irak als Hauptkettenglied zur Demokratisierung des Mittleren Ostens. Der Konflikt mit Europa bestünde nun
darin, ob es dieses Hauptkettenglied überhaupt gebe. Dabei verwies
auch Schmierer auf das unterschiedliche Staats- und Souveränitätsverständnis in den USA und in Europa.

22

Kongress: Zivilisationsbilder, vom 2.– 3. Mai 2003 in Stuttgart

Ist die heutige Welt zu laut, zu schnell, zu bunt – eine einzige
Überforderung? Von jeher geht ein Riss durch die Gesellschaft, auf
der einen Seite die Fortschrittsgläubigen, auf der anderen Seite die
Skeptiker. Der zweitägige Kongress „Zivilisationsbilder – Positionen
zur kulturellen und technologischen Entwicklung der Moderne“ in
Stuttgart, veranstaltet von der Heinrich-Böll-Stiftung BadenWürttemberg und der Bundesstiftung, erfragte die aktuellen politischen Grundpositionen zu den Entwicklungstrends moderner Gesellschaften. Eröffnet wurde der Kongress mit der Frage, inwieweit die
aktuelle Kritik an den USA und der Begriff „altes Europa“ eine lang
gewachsene Zivilisationsskepsis oder gar -feindlichkeit zeigt. Während Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, die zivilisationskritische Volte gegen die angeblich wurzellose amerikanische
Zivilisation und ihre unterstellte Tendenz zu Oberflächlichkeit, Hedonismus und Verflachung scharf kritisierte, versuchte der Jenaer
Politikwissenschaftler Hartmut Rosa ein dialektisches Verständnis
der Moderne und ihrer Kritik zu entwickeln. Schließlich seien die
„Versprechen der Moderne“ (kollektive und individuelle Autonomie,
Emanzipation etc.) und ihre lebensweltlichen Verwirklichungen zunehmend auseinandergetreten: Der Einzelne erfahre die strukturelle Modernisierung wesentlich als Wachstums- und Beschleunigungsprozesse,
in denen kaum noch Raum zur individuellen und kollektiven Selbstbestimmung bleibe.
Carl Hegemann, Philosoph und Dramaturg an der Volksbühne Berlin,
spitzte diese Beobachtungen weiter zu: In der Entwicklung der modernen Zivilisation machte er einen zunehmenden Zwang zu Autonomie und
Freiheit aus. Dieser stürze den Einzelnen früher oder später in Depressionen, weil er sein Scheitern

nicht mehr an "das System" dele-

gieren kann. Hegemann wies außerdem darauf hin, dass die unilaterale
USA-Außenpolitik derzeit das politische Projekt der Moderne selbst
dementiere und den Menschen den Glauben an Rechtstaatspolitik und
Interessenausgleich nehme. Diese scharfe Kritik an der USamerikanischen Außenpolitik mochte Michael Werz, Sozialwissenschaftler an der Universität Hannover, nicht teilen. Der nach dem 11. September 2001 hervorgetretene Konflikt sei einer zwischen Homogenität
und Differenz, zwischen Fundamentalismus und Liberalismus.
23

In der „Late-Lounge“ ging es u.a. um Zukunftsorientierung und der
Kultur des Jetzt. Der Filmemacher Dominik Reding und der Autor Feridun Zaimoglu gaben Einblick in Jugendkultur und subkulturelle Lebenswelten. Merecedes Bunz, die Herausgeberin von de:bug, Zeitschrift für elektronische Lebensaspekte, berichtete von der Lebenssituation junger Selbstständiger nach dem Niedergang der NewEconomy.
Die Matinée am zweiten Veranstaltungstag stand im Zeichen individueller Selbstbilder. So vertrat u.a. Bernd Ulrich, stellvertretender
Chefredakteur der ZEIT, die These, dass die Gesellschaft heute nicht
mehr vor dem Problem von zu wenig, sondern vor dem Problem von zu
viel Freiheit stehe. Früher hätten die Kinder nicht gewusst, was sie
dürfen, heute wüssten sie nicht mehr, was sie wollen – so seine
Grunddiagnose. Carolin Emcke, Philosophin und Redakteurin beim Spiegel, widersprach dem vehement. Sie betonte, dass mit Blick auf die
soziale Lage in den armen Ländern die Emanzipationsherausforderung
noch lange nicht zu Ende sei. Aber auch in unserer Gesellschaft seien viele von einem Mangel an echter Entscheidungsfreiheit betroffen.
Während Winfried Kretschmann, Vorsitzender der grünen Landtagsfraktion in Baden-Württemberg, die Bedeutung der Religion als Wertefundament unserer Gesellschaft betonte, verwies Manuela Rottmann, Juristin und grüne Politikerin aus Frankfurt am Main, auf das uneingelöste Versprechen der Emanzipation an zahlreichen gesellschaftlichen
Punkten, etwa mit Blick auf die in Deutschland lebenden Migrantinnen
und Migranten.

Konferenz: Strange Bedfellows? in Washington

Sind die deutschen Grünen und die US-amerikanischen New Democrats
„seltsame Bettgenossen“ oder politisch progressive Reformkräfte mit
gleichlaufenden Interessen? Diese Frage beschäftigte rund zwanzig
Politikerinnen und Politiker sowie Sozial- und Politikexperten beider Länder während einer zweitägigen Konferenz in Washington Anfang
Oktober 2003. Das Treffen mit dem Titel „Economic Opportunity and
Social Justice“ wurde vom Büro Washington gemeinsam mit dem Progressive Policy Institute (PPI) organisiert und sollte helfen, gegenseitige Stereotypisierungen aufzuklären. Trotz aller Unterschiede in
24

politischer Kultur und Sozialsystem waren sich die Teilnehmer darin
einig, dass sozialpolitische Reformen in den USA und Deutschland angegangen werden müssen

- und zwar unter Berücksichtigung eines mit

Nachhaltigkeit zu vereinbarendem Wirtschaftwachstums, einer Neudefinierung der Generationengerechtigkeit sowie eines politischen
Selbstverständnisses als Einwanderungsnation, das über passiven Multikulturalismus hinausgeht. Der englischsprachige Konferenzbericht
liegt in Druckform vor und ist auch über www.boell.org erhältlich.

Strange Bedfellows or Like-Minded Modernizers? German Greens and New Democrats on Economic Opportunity and Social Justice
Authors: Ralf Fücks, Reinhard Bütikofer, Isabel Sawhill, Claus Offe, Fred
Siegel, Omid Nouripour, Robert Atkinson, Adam Smith, Fred Siegel. Published
by the Heinrich Böll Foundation, Washington, DC, 2003, 62 pages

25

[Außen- und Sicherheitspolitik und Krisenprävention]

Der Irakkonflikt und seine Folgen
Aktivitäten der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin und Washington

Als sich Anfang 2003 die Ereignisse im Irak zuspitzten und ein Krieg
zur Beseitigung der Regimes von Saddam Hussein immer wahrscheinlicher wurde, richtete die Heinrich-Böll-Stiftung eine interne Projektgruppe ein. Diese sollte die regionalen und internationalen Dimensionen des Konfliktes ausloten und entsprechende Hintergrundinformationen und Analysen liefern. Im Laufe der Jahres gab es zahlreiche Veranstaltungen mit internationalen Gästen zum Thema Irak,
zudem bot die Stiftung mit ihrem Irak-Dossier auf www.boell.de eine
laufend erweiterte Informationsplattform.
Die Frage nach den angemessenen Mitteln zur Etablierung von Demokratie, Menschenrechten und Stabilität im Irak stand z.B. im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion, für die das Büro Washington der Heinrich-Böll-Stiftung am 3. März 2003 den Fraktionsvorsitzenden der
Grünen im EU-Parlament, Daniel Cohn-Bendit, und Richard Perle, eine
der führenden neokonservativen Stimmen in Washington, zum Gespräch
eingeladen hatte. Vor dem Hintergrund des unmittelbar bevorstehenden
Irakkrieges plädierte Cohn-Bendit dafür, die Eindämmung des Irak mit
politischen Mitteln fortzusetzen, weil ein militärischer Einsatz zur
Demokratisierung und Stabilisierung der Region nicht geeignet sei.
Dagegen argumentierte Richard Perle, dass sich die gesamte Nahostproblematik am besten dann lösen lasse, wenn Saddam Hussein nicht
mehr an der Macht sei. Die Veranstaltung fand große Beachtung bei
der internationalen Presse, das eineinhalbstündige Gespräch wurde in
mehrere Sprachen übersetzt.

Auszüge der Debatte unter:
www.foreignpolicy.com/issue_mayjune_2003/debate.html

Unter den Berliner Veranstaltungen zum selben Thema fanden zwei
Fachkonferenzen besondere Beachtung: Vom 19. bis 20. Mai 2003 trafen
sich in Berlin erstmalig hochrangige Mitglieder der ehemaligen politischen Opposition im Irak mit deutschen Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, Stiftungen und Medien.
26

Nach einleitenden wissenschaftlichen Kurzvorträgen zur Entwicklung
des Irak durch Prof. Peter Sluglett, Oxford, und Dr. Faleh A. Jaber,
London, gab es eine Reihe Beiträge von Vertretern verschiedenster
politischer Kräfte aus dem Irak. Die Veranstaltung vermittelte wichtige Hintergrundinformationen zu den ökonomischen, politischen und
sozialen Voraussetzungen für eine demokratische Entwicklung im Irak
und ermöglichte einen direkten Dialog zwischen der irakischen und
der deutschen Seite.
Die zweite Tagung vom 30. Juni bis 1. Juli 2003 beschäftigte sich
mit der Partizipation von Frauen am Wiederaufbau und Demokratisierungsprozess im Irak. Die irakischen Referentinnen vermittelten ein
eindringliches Bild der politischen und humanitären Situation im
Irak. In der Diskussion wurden die unterschiedlichen Bedürfnisse und
Vorstellungen der Frauen deutlich: Während die besonders politisch
Denkenden ihre Schwerpunkte auf die internationale Zusammen- und
künftige Regierungsarbeit im Irak legten, betonten die humanitär und
sozialpolitisch Engagierten vor allem die Notwendigkeit der Zusammenarbeit auf der lokalen Ebene. Alle Teilnehmerinnen waren sich jedoch einig in der Forderung an die deutsche Öffentlichkeit und die
Politik, sich am politischen Aufbau und an humanitärer Hilfe zu beteiligen und dadurch die zivilgesellschaftlichen Kräfte im Irak zu
stärken.
Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen der Stasi, Marianne
Birthler, kam im Dezember 2003 auf Einladung des Büros Washington in
der US-Hauptstadt mit führenden Exil-Irakern zusammen. Ein Workshop
widmete sich der Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit in Diktaturen allgemein wie auch speziell der im Irak. Aus dem Kontakt mit den
irakischen Beauftragten für die Sicherung und den Umgang mit irakischen Geheimdienstunterlagen aus der Zeit des Hussein-Regimes ergaben sich Planungen für weitere Projekte in Zusammenarbeit mit dem
Auswärtigen Amt, der Birthler-Behörde und der Heinrich-BöllStiftung. Ziel ist es, deutsche Erfahrungen im Umgang mit der DDRHinterlassenschaft für die Anstrengungen bei der Aufarbeitung der
Vergangenheit im Irak nutzbar zu machen.

27

Die Rolle des Völkerrechts in einer globalisierten Welt

Die Auseinandersetzungen im UN-Sicherheitsrat während der Irakkrise
verdeutlichten noch einmal die Beschränkungen der Vereinten Nationen
in ihrer heutigen Verfasstheit. Während einige Beobachter bereits
das Ende der UN heraufbeschworen, sahen andere in dieser Krise eher
eine Chance zur notwendigen Reform. Immer offensichtlicher wird,
dass die Völkergemeinschaft sich in einer globalisierten Welt neu
verorten muss. Doch nicht nur die UN als Institution, auch das Völkerrecht als Fundament einer globalen Rechtsordnung steht vor neuen
Herausforderungen. Ob ethnische Kriege gegen die Zivilbevölkerung,
zerfallende Staaten, internationaler Terrorismus oder - positiv betrachtet - zunehmende Demokratisierungsprozesse und zivilgesellschaftliche Entwicklungen: in einer globalisierten Welt mit Staatengrenzen überschreitenden oder gar aufhebenden Phänomenen bedarf das
vormals rein staatszentrierte Völkerrecht einer neuen Ausrichtung.
Mit dem Vortrag „Die Zukunft des Völkerrechts" des Verfassungsrichters Brun-Otto Bryde stellte die Heinrich-Böll-Stiftung im November
2003 ihren Gesprächskreis „Die Rolle des Völkerrechts in einer globalisierten Welt“ vor. Rund 20 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Politik diskutieren einmal im Monat die verschiedenen
Aspekte des Völkerrechts angesichts von neuartigen Bedrohungen wie
der Proliferation von Massenvernichtungswaffen und den internationalen terroristischen Netzwerken. Die Runde soll zudem konkrete Vorschläge für eine verbesserte Entscheidungs- und Handlungsfähigkeit
der UN im Konfliktfall erarbeiten. Die monatlichen Treffen werden in
unregelmäßigen Abständen durch öffentliche Vortrags- und Diskussionsveranstaltungen ergänzt. Ein eigenes Internet-Dossier zum Thema
„Völkerrecht“ stellt Artikel, Aufsätze und Vorträge, die sich mit
der Zukunft des Völkerrechts befassen, zum Download zur Verfügung.
Eine Publikation zur Zukunft des Völkerrechts ist in Vorbereitung.

www.boell.de/voelkerrecht

28

Vierte Außenpolitische Jahrestagung der Heinrich-Böll-Stiftung

Europas Rolle in der Welt hat sich nach dem 9. November 1989 und dem
11. September 2001 grundlegend verändert. Mehr und mehr interveniert
Europa politisch – und in Einzelfällen militärisch – auch in regionalen Konflikten außerhalb des eigenen Kontinents. Die innereuropäischen Auseinandersetzungen über den Irakkrieg machten deutlich, wie
dringend gemeinsame Interessen definiert und Strategien gefunden
werden müssen. Die vierte Außenpolitische Jahrestagung der HeinrichBöll-Stiftung in Berlin stand im Zeichen einer künftigen „Europäischen Sicherheitsstrategie“. Vom 12. bis 13. November 2003 diskutierten Vertreterinnen und Vertreter von Politik und Think Tanks aus
Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Belgien, Polen, Tschechien,
Aserbeidschan und den USA die Frage nach den strategischen Zielen
der europäischen Außenpolitik, den dazu notwendigen Instrumenten und
institutionellen Rahmen.
Ob Europa überhaupt das Potenzial und die Berufung zu einer „Weltmacht“ hat, und wie zivil bzw. militärisch Europas Rolle in der Welt
zukünftig sein soll, diskutierten zum Auftakt der Europaabgeordnete
Daniel Cohn-Bendit, der ehemalige Clinton-Berater Ron Asmus, der
Journalist Marek Ostrowski von der polnischen Zeitschrift Polityka
und die Politikwissenschaftlerin Antje Wiener.
Auch das zukünftige Verhältnis Europas zu den USA spielte eine wichtige Rolle: Können Europa und die USA sich zu gleichberechtigten
Säulen innerhalb der NATO entwickeln? Wird die NATO auch in Zukunft
ein politisches Bündnis zur Herstellung von Sicherheit und Stabilität in Europa sein oder entwickelt sie sich zum Instrumentenkasten
für ihre Mitglieder? Können „Koalitionen der Willigen“ funktionieren?

Eine Dokumentation der 4. Außenpolitischen Jahrestagung kann als CD-ROM bei
sascha@boell.de bestellt werden.

„Europa soll und muss einen Gestaltungsanspruch in der Welt haben. Wir haben in den letzten Jahren gemerkt, dass es in dieser Welt, wie immer in der
Politik, nur zwei Möglichkeiten gibt. Da ich aber den jüdischen Witz mag:
‚Wenn du nur zwei Möglichkeiten siehst, dann wähle immer die Dritte‘, glaube ich, dass wir im Zusammenhang mit der Frage ‚zivile Macht oder Großmacht‘ uns überlegen sollten, wie wir die Welt am besten beeinflussen können.“ Dany Cohn-Bendit

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Die Zukunft der gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) – eine Veranstaltungsreihe des Regionalbüros Brüssel

Die Zerreißprobe durch den Irakkrieg und die Erweiterung der EU vor
allem mit Staaten, die lange zum Machtbereich der Sowjetunion gehört
haben, stellt die mühsam zustande gekommene gemeinschaftliche Außenund Sicherheitspolitik (GASP) vor neue Herausforderungen. In einer
Reihe von elf Veranstaltungen erörterten Expertinnen und Experten
aus Politik, NATO und anderen internationalen Organisationen, aus
Wissenschaft, Militär und Nichtregierungsorganisationen die sich
verändernde Rolle Europas als außen- und sicherheitspolitischer Akteur. Auf die Bedürfnisse der Zielgruppe zugeschnitten, fanden die
Veranstaltungen um die Mittagszeit und in der Nähe der europäischen
Institutionen statt. Die „Lunchdebatten“ entwickelten sich so zu einem populären Diskussionsforum. Die zentrale Frage war, auf welchen
(unterschiedlichen und gemeinsamen) historischen Erfahrungen Europa
aufbauen kann und welchen neuen Herausforderungen es sich stellen
muss. Wie im Vorjahr sind die Ergebnisse der Veranstaltungsreihe in
einer Druck- und Webpublikation erhältlich unter www.boell.be

Konfliktmanagement in Israel

Die Förderung einer politischen Kultur der Aushandlung ist für eine
lebendige, demokratische Gesellschaft in Zeiten des Krieges unerlässlich. Dazu bedarf es einer aktiven Zivilgesellschaft, die um ihre Rechte weiß. Seit 1998 unterstützt das Büro der Heinrich-BöllStiftung in Tel Aviv die zivilgesellschaftlichen Kräfte im Land, um
dem Ziel eines friedlichen Miteinanders näher zu kommen. Dabei ist
Konfliktbearbeitung Teil des täglichen Geschäftes. Der so genannte
„Sicherheitszaun“ zur Trennung Israels von den palästinensischen Gebieten hat international für Kritik gesorgt. In Berlin veranstaltete
die Heinrich-Böll-Stiftung im September 2003 ein Streitgespräch mit
Saleh Abdel Shafi, dem Direktor des Gaza Community Mental Health
Programme und der Labor-Abgeordneten Yuli Tamir zu diesem Thema. Von
der Weltöffentlichkeit eher unbemerkt blieben hingegen die innerhalb
Israels im Laufe des Jahres 2003 errichteten Zäune bzw. Wälle zwischen reichen und armen Stadtvierteln. Das Israeli Social Forum, ein
30

Zusammenschluss von Organisationen für soziale Gerechtigkeit aller
Bevölkerungsgruppen Israels und Partnerorganisation der HeinrichBöll-Stiftung, organisierte im 2003 mehrere Vortrags- und Diskussionsserien zum Problem der internen Zäune und arbeitete mit angrenzenden Nachbarschaften an alternativen Möglichkeiten, die dem Mitstatt dem Gegeneinander dienen sollen. Die Unterstützung der arabischen Nachbarschaften ist bei der Arbeit des Israeli Social Forums
genauso wichtig wie die fachliche Diskussion und Einbindung der Bewohner und Investoren der reichen Nachbarschaften.
Die Frage nach der Bedeutung und Rolle von Frauen in der Konfliktprävention, insbesondere im Nahostkonflikt, stand im Mittelpunkt einer Konferenz im März 2003 in Tel Aviv. Die Resolution 1325 des UNSicherheitsrates sieht die institutionelle Einbindung der Geschlechtergerechtigkeit auf allen Etappen von Friedensverhandlungen, Friedensbildungsmaßnahmen und in allen UN-Einsätzen vor. Dennoch lässt
der Einfluss von Frauenfriedensgruppen zu wünschen übrig. Die israelischen Frauenorganisationen Isha le Isha und Kayan koordinierten
die Teilnahme sowohl jüdisch-arabischer Organisationen wie Physicians for Human Rights und Bat Shalom als auch israelischer Politikerinnen wie Naomi Chazan und Organisationen aus den palästinensischen Gebieten. Am Ende waren sich die circa 150 Teilnehmerinnen und
Teilnehmer einig, dass eine breitere Öffentlichkeit für die Resolution 1325 geschaffen werden muss, um auch auf den Ebenen der alltäglichen Politik zu wirken.

Where are all the Women? Un Security Council Resolution 1325: Gender Perspectives of the Israeli-Palestinian Conflict. Documentation of conference
at Ramat Gan Law college in April 2003, Haifa 2004, 62 pages, erhältlich
unter hbstl@boell.org

Heinrich-Böll-Stiftung im Kaukasus

Im Juni 2003 eröffnete die Heinrich-Böll-Stiftung in der georgischen
Hauptstadt Tiflis ein Regionalbüro und baut damit ihre bereits 1995
begonnene Arbeit im südlichen Kaukasus aus. Zwölf Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist der demokratische Neuaufbau im Südlichen Kaukasus durch zahlreiche ungelöste territorial-ethnische
Konflikte, durch mangelnde Rechtsstaatlichkeit, Korruption und Verarmung der Bevölkerung bedroht. Die Stiftung will alle gesellschaft31

lichen Initiativen unterstützen, die diesen Zustand zu überwinden
versuchen. Sie fördert u.a. das politische und soziale Empowerment
von Frauen und engagiert sich in Bemühungen zur gewaltfreien Transformation der Konflikte in Berg-Karabach, Abchasien und Südossetien.
Zusammen mit dem Moskauer Büro der Stiftung organisiert sie eine georgisch-russische Dialogreihe auf nichtoffizieller Ebene und führt
regelmäßig öffentliche Debatten zu zentralen Reformfragen der georgischen Politik durch. In der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku
arbeitet die Stiftung eng mit der Föderation der Menschenrechtsorganisationen zusammen und organisiert regelmäßig runde Tische zur Menschenrechtssituation in diesem Land.
Ein besonderes Anliegen der Stiftung ist es, Anregungen für eine aktive und konsistente Politik der Europäischen Union gegenüber dem
Südkaukasus zu geben. Daher organisiert sie in Berlin, Brüssel und
in der Region regelmäßig Workshops und Fachgespräche, um die Rolle
einer gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik in Bezug auf den Kaukasus zu diskutieren und für den Einschluss der Region in das „Wider-Europe“-Konzept der EU zu werben.
Zukünftig bietet die Stiftung auch jungen Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern aus der Region Sur-place-Stipendien für Forschungen
zu historischen, soziologischen und ökologischen Themen an und entwickelt mit ihnen grenzüberschreitende Medien- und Bildungsprojekte.
Anlässlich der Büroeröffnung gab es eine Ausstellung zu Leben und
Werk Heinrich Bölls in der georgischen Nationalbibliothek. Ein eigenes Kapitel der Ausstellung war den zwei Aufenthalten Bölls in Georgien und den intensiven Kontakten, die er zu Freunden in diesem Land
unterhielt, gewidmet.

Fachtagung: Wie weiter in Burma/Myanmar?
Entwicklungshilfe vs. Sanktionen?

Wie kann man eine Militärdiktatur zum Abdanken bewegen? Seit der
blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung im Jahr 1988 dominiert diese Frage die politische Agenda in Burma/Myanmar. Zwar hat
die Nationale Liga für Demokratie (NLD), angeführt von der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi, in den freien Wahlen von 1990
einen eindeutigen Sieg errungen, doch ist ihr die Übernahme der Re32

gierungsverantwortung verweigert worden. Das Büro der Heinrich-BöllStiftung in Chiang Mai, unweit der thailändisch-burmesischen Grenze,
beobachtet seit Mitte 2000 die Entwicklungen in Burma. Ein Umstand,
der zunehmend beunruhigt, ist die drohende „humanitäre Katastrophe“,
die auf nationaler wie internationaler Ebene schnelle Entscheidungen
erfordert. Im Mai 2003 führte die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin
eine Fachtagung durch, bei der ein Beratungspapier vorgestellt wurde, das neben der Darstellung der Konfliktlage und Lösungsansätze
die Möglichkeiten für einen deutschen Beitrag zur Verbesserung der
Lebenssituation für die Menschen in Burma bei gleichzeitiger Förderung des politischen Reformprozesses erörterte. Zentraler Diskussionspunkt der Veranstaltung war die Sanktionspolitik und ihre bisherige Wirksamkeit. Die Meinungen hierzu waren äußerst konträr. So
wurde zum einen eine Verschärfung von Sanktionen gefordert, zum anderen die relative Wirkungslosigkeit der Sanktionen aufgrund des Engagements Chinas und der ASEAN-Staaten im Land herausgestellt und
betont, dass man sich mit der Isolierung des Regimes wichtiger Kommunikationskanäle und damit potenzieller Einflussmöglichkeiten beraubt habe. Eine Diskussion um die Aufhebung von Wirtschaftssanktionen durch die EU und die USA ohne substanzielle Zugeständnisse des
Regimes sei andererseits aber nicht möglich.
Wenige Tage nach dieser Veranstaltung, am 30. Mai 2003, wurde Aung
San Suu Kyi erneut verhaftet. Die Menschen im Land befinden sich somit nach wie vor in einer politischen Sackgasse. Aber die Frage des
friedlichen Übergangs in eine demokratische Gesellschaft hat mit der
so genannten „Bangkok Road Map“ eine neue Dynamik erfahren, die zu
vorsichtiger Hoffnung veranlasst.
Die Heinrich-Böll-Stiftung wird auch in Zukunft versuchen, mit kleinen Beiträgen dafür zu wirken, einen politischen Lösungsprozess voranzubringen und dabei den bereits vorhandenen Raum für vorsichtiges
Bürgerengagement im Land nutzen.

Die Herausforderungen für Frieden und Sicherheit
in Somalia und dem Sudan

Frieden, Sicherheit und Stabilität in Ostafrika zu schaffen, darum
bemüht sich die internationale Gemeinschaft seit Jahren erfolglos.
33

Angesichts der Schwere und der Auswirkungen dieser Konflikte haben
die Staaten Uganda, Äthiopien und vor allem Kenia der Suche nach
Friedensvereinbarungen in ihren Nachbarstaaten Somalia und Sudan eine hohe Priorität zugewiesen. Die Heinrich-Böll-Stiftung, seit Beginn der 90er Jahre in der Region aktiv und seit 2001 mit einem Regionalbüro in Nairobi vor Ort, nutzt den politischen Willen der kenianischen Regierung sowie ihre reiche Erfahrung in der Arbeit mit
Friedensaktivisten in der Region, um eine Zusammenarbeit zwischen
Zivilgesellschaft und Staat, kriegerischen Führern von Splittergruppen und anderen Stakeholdern in dem Friedensprozess voranzutreiben.
Die Stiftung weiß um die wichtige Rolle, die einzelnen Menschen zukommt, wenn es darum geht, Gemeinden zu mobilisieren und erbitterte
Gegner zur Verhandlung und Lösung ihrer Konflikte zu bewegen. Daher
gehört es zu ihren vorrangigen Zielen, diese Akteure der Zivilgesellschaft zu stärken und die Bildung von Netzwerken und Friedensallianzen zu unterstützen.
Der laufende Friedensprozess für Somalia legt besonderen Wert auf
Themen wie gute Regierungsführung, wirtschaftlichen Aufschwung oder
gemeindebasierte Konfliktlösungen und Versöhnungsmechanismen. Solche
Entwicklungen können teilweise dem Einfluss von engagierten Persönlichkeiten der Zivilgesellschaft zugeschrieben werden, die nach und
nach mehr Raum bei Aktivitäten eingefordert haben, die traditionell
dem Staat vorbehalten waren.
Die Heinrich-Böll-Stiftung unterstützt auch den Prozess des Gender
Mainstreaming in der nationalen somalischen Friedens- und Versöhnungskonferenz. Durch die Mitwirkung von Frauen am somalischen Friedensprozess soll die Geschlechtergerechtigkeit und –gleichstellung
bei der Schaffung der Institutionen und Verfahren für ein demokratisches Nachkriegs-Somalia sichergestellt werden.
Im Sudan änderte die Regierung auf Druck von außen ihre Haltung gegenüber der Opposition und der Zivilgesellschaft. Fragen von Frieden
und Menschenrechten gelangen nun auf die Tagesordnung. Die HeinrichBöll-Stiftung nutzte diese begrenzte Offenheit der Zentralregierung
und förderte das National Civic Forum in Khartoum, um den Dialog
fortzusetzen und die Zivilgesellschaft aktiv in alle Bereiche des
Friedensprozesses einzubeziehen. Der Dialog gipfelte in einer Publikation mit dem Titel „Civic Society Dialogue on Peace, Democracy and
Development“, einer Studie zu Staatsbürgerschaftsrechten, Minderhei34

tenrechten, Regierungsführung und Geschlechtergleichstellung im Sudan.
Die Herausforderungen in der Region hinsichtlich Frieden und Sicherheit sind zahlreich und schwierig. Da eine Demokratie und Frieden in
der Region nicht ohne die aktive Teilnahme der Menschen erreicht
werden können, wird die Heinrich-Böll-Stiftung auch weiterhin engagierte zivilgesellschaftliche Akteure unterstützen.

Publikation des Regionalbüros der Heinrich-Böll-Stiftung in Nairobi:
„We the Women... for Peace:
Peace could be the coulour that people choose to wear...“
Kenia 2003, ed. by A.Ghirmazion, Anne Nyabera and Binyavanga Wainaina

35

[Demokratie und Menschenrechte]

Die Stiftungsallianz „Bürgernaher Bundesstaat“

Mehr Bürgernähe, mehr Transparenz, eine gerechte Finanzaufteilung
zwischen Bund, Ländern und Kommunen, Europatauglichkeit und Anpassung an die Herausforderungen einer globalisierten Welt – dies sind
nur einige Forderungen, die an eine Reform des Föderalismus der Bundesrepublik Deutschland gestellt werden. Vorschläge zur Modernisierung erwarten Bundestag und Bundesrat von ihrer im Oktober 2003 eingesetzten „Kommission zur Modernisierung der bundesstaatlichen Ordnung“. Die Kommission soll bis zum Jahreswechsel 2004/2005 ihr Reformprogramm vorlegen, so dass die entsprechenden Grundgesetzänderungen noch vor den nächsten Bundestagswahlen in Kraft treten können. Eine Reihe renommierter deutscher Stiftungen, darunter auch die
Heinrich-Böll-Stiftung, sehen den Erfolg dieses jüngsten Anlaufs zur
deutschen Föderalismusreform als entscheidend für die Zukunft der
Bundesrepublik. Um ihre Aktivitäten zu bündeln und gemeinsam an die
Öffentlichkeit zu gehen, haben sich die Stiftungen im Herbst 2003
zur Stiftungsallianz „Bürgernaher Bundesstaat“ zusammengeschlossen.
Ziel dieser Initiative ist es, die politische Debatte als Impulsgeber und als zivilgesellschaftliches Forum zu begleiten und so Wege
zu einer grundlegenden Erneuerung unseres Bundesstaates zu weisen.
Ein erstes sichtbares Ergebnis der Stiftungsallianz ist eine prominent besetzte Veranstaltungsreihe unter dem Motto „Bürgernaher Bundesstaat. Leitbilder eines modernen Föderalismus“ und die Website
www.buergernaher-bundesstaat.de.

(In der Stiftungsallianz zusammengeschlossen sind: Heinrich-Böll-Stiftung,
Konrad-Adenauer-Stiftung, Bertelsmann Stiftung, Ludwig-Erhard-Stiftung,
Stiftung Marktwirtschaft, Friedrich-Naumann-Stiftung und die Hanns-SeidelStiftung)

Globalisierungskritik in Springerstiefeln?

Globalisierungskritik und Protest gegen Sozialabbau – das passt
nicht zum stereotypen Bild eines Rechtsradikalen: Glatze, Springerstiefel, dumm, arbeitslos... Wie die Zuschreibung „arbeitslos“ einer

36

Analyse nicht standhält, führt auch das Adjektiv „dumm“ in die Irre
und unterschätzt die Wirkungen rechtsextremen Denkens. Auf Einladung
der Heinrich-Böll-Stiftung analysierten im Januar 2003 Expertinnen
und Experten aus Medien, Bildung, Sozialarbeit und Polizei rechtsextreme Ideologien und Strategien. Wie nutzen beispielsweise rechtsextreme Organisationen ideologisch und organisatorisch die aktuellen
politischen Auseinandersetzungen um Globalisierung und Sozialabbau?
Wer ist die Neue Radikale Rechte? Der Politikwissenschaftler Wolfgang Gessenharter nannte als Bestandteile neu-rechten Denkens u.a.
die Absage an die NS-Ideologie, der Vorrang des Kollektivs vor dem
Individuum, Freund-Feind-Denken und Aussonderung des Heterogenen.
Was das neue Vorgehen anbelangt, so sollen mit einer „Querfrontstrategie“ Verbündete in anderen politischen Lagern gefunden werden. Zusammen mit dem „Drei-Säulen-Konzept“ der NPD („Kampf um die Straße,
um die Köpfe und um die Parlamente“) wird eine Erosion der politischen Abgrenzung angestrebt. Zeitungen wie die Junge Freiheit sind
solche Beispiele für politische Mimikry: „gezügelte Wortwahl zur Erlangung eines breiten Einverständnisses im demokratischen Spektrum",
so der Politikwissenschaftler Thomas Grumke. Oder man wendet sich
auf Demonstrationen an die vermeintlichen deutschen Opfer der Globalisierung und ist bei der Suche nach den Verantwortlichen sehr
schnell bei antisemitischen Hasstiraden. Bei aller Durchsichtigkeit
der Agitation müssen demokratische Initiativen diese Umarmungsversuche zurückweisen. Mit Fachgesprächen wie diesen will die HeinrichBöll-Stiftung Raum für Diskussionen bieten und ergänzt damit die Arbeit ihrer Landsstiftungen im Schwerpunkt Rechtsextremismus.

Handbuch Rechtsradikalismus, Personen-Organisationen-Netzwerke
vom Neonazismus bis in die Mitte der Gesellschaft
von Thomas Grumke, Bernd Wagner (Hrsg.)
Volksgemeinschaft gegen McWorld
Rechtsintellektuelle Diskurse zu Globalisierung, Nation und Kultur
Bulletin 3/2002, Zentrum Demokratische Kultur

Demokratie in Russland

Das Jahr 2003 war für die Demokratie in Russland kein gutes Jahr.
Mit dem überwältigenden Sieg der Putin-Partei „Einiges Russland“ bei
37

der Wahl zur Duma ist die Gewaltenteilung praktisch aufgehoben. Auch
das Parlament ist nun, wie zuvor schon der Föderationsrat, die Justiz und die elektronischen Massenmedien de facto zu einem Teil der
Exekutive geworden. Bereits die Festnahme von Michail Chodorkowskij,
Vorstandsvorsitzender und Mehrheitsaktionär des größten russischen
Ölkonzerns JUKOS, anderthalb Monate vor den Wahlen war ein Signal,
dass auch der Reichste und Stärkste sich beugen muss, wenn es der
Kreml denn will, und dass politische Unabhängigkeit nicht geduldet
wird. Chodorkowkij, das machten viele Nichtregierungsorganisationen
(NGOs) in einer Erklärung klar, war nicht wegen der vorgeblichen
Steuervergehen festgenommen worden, sondern weil er begann, seine
Geschäfte offenzulegen, und weil er zivilgesellschaftliche Initiativen und oppositionelle politische Parteien unterstützte.
Auch auf die Partnerorganisationen der Heinrich-Böll-Stiftung – NGOs
wie Memorial oder das Fraueninformationszentrum – kommt eine neue,
schwierige Rolle zu: Sie sind, neben einigen wenigen demokratischen
Politikerinnen und Politikern, die letzten unabhängig politisch Handelnden im Land. Noch gibt es Möglichkeiten, auch mit staatlichen
Stellen zusammenzuarbeiten – sechs Vertreterinnen und Vertreter von
Partnerorganisationen der Heinrich-Böll-Stiftung sind Mitglieder in
der Menschenrechtskommission beim Präsidenten. Putin selbst nannte
sie einen seiner „Informationskanäle zur Wirklichkeit im Land“. Wenn
es keine politische Opposition mehr gibt, dann braucht die Staatsführung andere „Fühler“ in die Gesellschaft, die zeigen, wann und wo
es Probleme gibt. Diese Position birgt für die NGOs Chancen und Gefahren zugleich – zum einen die Möglichkeit, über direkte Kanäle in
den Kreml konkrete Probleme anzugehen; zum anderen die Gefahr, der
Illusion zu erliegen, tatsächlich politischen Einfluss zu haben. Die
Heinrich-Böll-Stiftung wird ihre Partner weiter auf diesem schwierigen und verantwortungsvollen Weg unterstützen.
Ende Oktober, wenige Tage nach der Verhaftung Chodorkowskijs, konnten sich grüne Politikerinnen und Politiker aus Bundestagsfraktion
und Bundesvorstand in Begleitung von Ralf Fücks ein Bild von der
Stimmung in Russland

machen. Sie trafen Vertreterinnen und Vertre-

ter der Partnerorganisationen der Stiftung und anderer NGOs sowie
die Vorsitzenden der beiden demokratischen Parteien Jabloko, Grigorij Jawlinskij, und Union der Rechten Kräfte, Boris Nemzow. Das Moskauer Büro der Stiftung lud zudem zu einer öffentlichen Diskussion
38

über die „Neue Weltordnung – Konflikte und Gemeinsamkeiten zwischen
EU, Russland und den USA“ ein.

Informationen im Dossier zur Demokratiebewegung Russland unter:
www.demokratie-in-russland.de

Die Rolle der Zivilgesellschaft und der Beitrag der
Heinrich-Böll-Stiftung beim demokratischen Wandel in Kenia

Die Zivilgesellschaft spielte im Demokratisierungsprozess in Kenia
eine entscheidende Rolle. Über Jahre hinweg gehörte politische Unterdrückung und Verfolgung der Opposition in Kenia zum Alltag, verarmten die Menschen zusehends. Als Antwort auf das Versagen der Regierung gründeten sich zivilgesellschaftliche Initiativen auf praktisch allen Gebieten. So entstand eine der dynamischsten und vielfältigsten Zivilgesellschaften in Ostafrika. Die Heinrich-BöllStiftung unterstützt seit Jahren die zivilgesellschaftlichen Akteure
im Kampf um Demokratisierung, von denen viele mit dem Regimewechsel
Ende 2002 in die Regierung eintraten. Die versucht nun, Kenias führende Rolle in Ostafrika durch einen Beitrag zur Konfliktlösung in
der krisengeschüttelten Region zurückzugewinnen. Kenia war und ist
Gastgeber für Friedensgespräche für Somalia und den Sudan. Die Heinrich-Böll-Stiftung hat dafür gesorgt, dass Frauen an den Verhandlungen teilnehmen konnten, außerdem unterstützte sie Untersuchungen,
Debatten und Workshops verschiedener Gruppen in Somalia, Sudan,
Uganda und Eritrea (Diaspora). Schließlich fördert sie auch Künstlerinnen, um mit Ausstellungen dem Friedensprozess auch künstlerisch
Ausdruck zu verleihen.
Die Stiftung nutzte den vergrößerten politischen Spielraum zudem für
eine innovative Partnerschaft mit dem Fachbereich Politikwissenschaften und Öffentliche Verwaltung der University of Nairobi. In
öffentlichen Vorlesungen renommierter Wissenschaftler, Politiker und
Entwicklungsexperten wurden u.a. die Themen nachhaltige Entwicklung,
Politik des Übergangs und Globalisierung behandelt. Ein bemerkenswerter Beitrag zum politischen Wandel in Kenia ist ein im Jahr 2003
veröffentlichtes Buch mit dem Titel „Die Politik des Übergangs: von
KANU zu NARC“.

39

Um dabei zu helfen, dass die Zivilgesellschaft ihre Wächterrolle
auch nach dem Regimewechsel nicht vernachlässigt, hat die Stiftung
einen Thinktank zu sozialen, politischen und wirtschaftlichen Fragen
unter dem Namen Sayari (Planet) ins Leben gerufen.

Publikationen des Büros in Kenia:
The Politics of Transition in Kenya: From KANU to NARC
Nairobi 2003, edited by Walter O. Oyugi; Peter Wanyande and C. Odhiambo
Mbai
Perspectives on Gender Discourse:
Women in Politics: Challenges of democratic transition in Kenya
Nairobi 2003, edited by Maria Nzomo

Publikation des Büros in Nigera:
Shari‘a Implementation in Nigeria. Issues & Challenges on Women's Rights
and Access to Justice
edited by Joy Ngozi Ezeilo, Muhammed Tawfiq Ladan & Abiola Afolabi-Akiyode,
Enugu: Women's Aid Collective (WACOL) / Lagos: Women's Advocates Research
and Documentation Centre (WARDC) 2003, 278 pages, ISBN 978-36242-4-5

Download unter:
www.boellnigeria.org/documents/Sharia%20Implementation%20in%20Nigeria.pdf

weitere Publikationen des Büros in Nigeria unter:
www.boellnigeria.org/publications.html

Menschenrechte, Partizipation und Demokratisierung in Peru
In Peru unterstützt die Heinrich-Böll-Stiftung u.a. Organisationen,
die an der Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen während des
Bürgerkriegs arbeiten. Nach Schätzungen der peruanischen Wahrheitsund Versöhnungskommission fielen zwischen 1980 und 2000 nahezu
70.000 Menschen dem bewaffneten Konflikt zum Opfer. Die Aufarbeitung
der Verbrechen der Vergangenheit ist eine wichtige Voraussetzung für
die nationale Aussöhnung und die Stärkung der Zivilgesellschaft. So
hat die Asociación Pro-Derechos Humanos in ihrem Radioprogramm Acción Urgente im Rahmen der Kampagne „Für Wahrheit und Gerechtigkeit“
ausführlich über alle Phasen und Ergebnisse des Untersuchungsprozesses der peruanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission berichtet.
Ausschnitte des Radioprogramms werden über 23 Sendeanstalten in den
Provinzen gesendet.

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Zukunftsfähigkeit, sub-regionale Integrationsprozesse und das Freihandelsabkommen sind die Arbeitsschwerpunkte des Centro de Asesoría
Laboral del Perú. Die Partnerorganisation bietet Führungskräften
Workshops zur Einführung in die Grundlagen für eine zukunftsfähige
Entwicklung, erstellt Analysen für ausgewählte Sektoren wie z.B.
Landwirtschaft, Bergbau und Energie und erarbeitet gemeinsam mit sozialen Organisationen Vorschläge für die Umsetzung der Menschenrechte in diesen Bereichen. Im Jahr 2003 stand insbesondere der Staatshaushalt und die Dezentralisierung bzw. Regionalisierung in Peru im
Mittelpunkt der Arbeit.
Für die Rechte der Frauen setzt sich das Centro de la Mujer Peruana
Flora Tristán ein. In Tagungen und Konferenzen werden z.B. die Ergebnisse der Wahrheitskommission über die Gewalt gegen Frauen im
Bürgerkrieg in die Öffentlichkeit getragen. Themen der Workshops für
Studentinnen „Feministischer Dialog zwischen den Generationen“ waren
z.B. die Geschichte der feministischen Bewegung sowie Gender und Demokratie in einer globalisierten Welt.

Zwangsverheiratung in Afghanistan – 1. Forschungsbericht der Women
and Children Legal Research Foundation

Seit Sommer 2003 fördert die Heinrich-Böll-Stiftung in Afghanistan
die Women and Children Legal Research Foundation (WCLRF), ein von
afghanischen Juristinnen ins Leben gerufenes FrauenForschungsprojekt, das sich mit traditionellem Recht und dessen Auswirkungen auf die Lebenssituation von Frauen beschäftigt. Inzwischen
ist der erste Forschungsbericht erschienen – er behandelt das bislang tabuisierte Thema Bad, die Zwangsverheiratung von Frauen als
Wiedergutmachung bzw. Entschädigung bei Familien- oder Stammeskonflikten. Der Bericht dokumentiert zahlreiche Fälle von Mädchen und
Frauen, die als Friedenspfand zwischen verfeindeten Familien, als
Wiedergutmachung für einen verletzten oder ermordeten Sohn, eine
nicht bezahlbare Schuld, einen Verstoß gegen die Familienehre etc.
zwangsverheiratet werden. Er schildert die psychischen und sozialen
Auswirkungen und verdeutlicht, wie ein Verbrechen mit einem weiteren
kompensiert wird und die betroffenen Frauen, ihre Kinder und das gesamte familiäre Umfeld belastet. Zahlreiche Fälle aus Kabul widerle41

gen das weit verbreitete und relativierende Argument, die Zwangsverheiratung sei ein Problem der „rückständigen“ paschtunischen Gebiete. Der Bericht zeigt, dass über die Verankerung von Frauenrechten
in der Verfassung hinaus weiterer Handlungsbedarf zum Schutz von
Frauen im Zivil- und Strafrecht besteht. Die Frauen von WCLRF fordern daher neben zivil- und strafrechtlichen Reformen einen Rechtsschutz für Frauen sowie breit angelegte gesellschaftliche Aufklärungsprogramme unter Einbeziehung religiöser Führer und traditioneller Strukturen, um der Praxis von Bad ein Ende zu setzen. Zur Zeit
setzt die WCLRF mit Mitteln der Heinrich-Böll-Stiftung ihre Forschungs- und Aufklärungsarbeit in weiteren Provinzen , u.a. der
paschtunischen Provinz Paktia, fort.

42

[Migration und Interkulturelles Management]

„Dialogforum Diversity“ und „Zukunftswerkstätten“

Die Gestaltung der Einwanderungsgesellschaft ist eine der zentralen
politischen Aufgaben der Zukunft. Im Laufe des vergangenen Jahrhunderts haben Flucht und Auswanderung stark zugenommen; die Gründe
liegen in politischer Verfolgung, Krieg und wirtschaftlichen Krisen.
Dies führt Menschen unterschiedlicher Herkunft, Identität oder Kultur zusammen. Fremde Sprachen, ungewohntes Verhalten und überraschende Weltanschauungen rufen in den Aufnahmeländern jedoch häufig
Ablehnung und Spannungen hervor, die Menschen fürchten um ihre Traditionen und Werte. Doch wird eine Gesellschaft durch Vielfalt nicht
bereichert? Regt nicht ein weltoffenes Lebens- und Arbeitsumfeld zu
Innovationen an? Aber wie lässt sich eine offene Einwanderungsgesellschaft verwirklichen? Mit diesen Fragen setzt sich die HeinrichBöll-Stiftung in ihrem Schwerpunkt „Migration/Interkulturelles Management“ auseinander. In der Reihe „Dialogforum Diversity“ diskutieren z.B. Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik,
Wirtschaft und den Gewerkschaften über Praktiken und Politikansätze
zu „Diversity Management“ und Chancengleichheit. Auch in den „Zukunftswerkstätten“ geht es um die Frage von Integration von Minderheiten und Migrantinnen und Migranten. Durch einen Verständigungsprozess zwischen allen gesellschaftlichen Akteuren sollen mittelund langfristige Perspektiven für eine offene Einwanderungsgesellschaft entwickelt werden. Eine überregional ausgerichtete Werkstatt
mit anschließender Fachkonferenz im Juli 2003 in Freiburg beschäftigte sich z.B. mit dem Thema „MigrantInnen und Medien". Die Veranstaltung war eine Kooperation mit mehreren Freiburger Medieninstitutionen (Badische Zeitung, SWR, Radio Dreyeckland, Informationszentrum 3. Welt), der Stadt Freiburg, zivilgesellschaftlichen Gruppen
sowie europäischen Kooperationspartnern. Die Schirmherrschaft hatte
der grüne Oberbürgermeister Dieter Salomon übernommen.

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Das Kopftuch - viel Wirbel um ein Stück Stoff

Mit der Klage einer muslimischen Lehrerin vor dem Bundesverfassungsgerichts im sogenannten „Kopftuchstreit“ entbrannte auch in Deutschland die Diskussion um den Umgang mit religiöser Vielfalt und die
Grenzen der Toleranz angesichts einer politischen Instrumentalisierung von Religion. In Kooperation mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Marieluise Beck,
veranstaltete die Heinrich-Böll-Stiftung im September 2003 eine öffentliche Podiumsdiskussion über das „Stück Stoff zwischen Religion,
Politik und Kultur“. So bunt und vielfältig wie das ausschließlich
von Frauen besetzte Podium war, so kontrovers waren auch die Meinungen. Zu den prominenten Teilnehmerinnen der Streitgesprächs gehörten
Marieluise Beck und die vom Schuldienst suspendierte Fereshta Ludin,
Grund- und Hauptschullehrerin, z.Zt. an der Islamischen Grundschule
in Berlin.

„Migration – Citizenship – Ethnos“ – eine Konferenz in Toronto

Für die Deutschen, aber auch für andere europäische Länder lohnt
sich in Fragen zu einer Einwanderungsgesellschaft der Blick nach
Nordamerika. Aus der dortigen Variante des „Multikulturalismus“ kann
einiges für die Debatte um Migration und Integration im eigenen Land
gelernt werden. Obgleich die Vereinigten Staaten und Kanada auf Immigration begründet wurden, sehen sie sich ähnlichen Schwierigkeiten
gegenüber wie die Europäer. Vor diesem Hintergrund organisierte die
Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit der University of Toronto
im Oktober 2003 einen Wissenschaftskongress zum Thema „Migration –
Citizenship – Ethnos. Incorporation Regimes in Germany, Western Europe and North America“ in Toronto. Nach einem Rückblick auf die Migrationsgeschichte Deutschlands und Europas seit 1945 und einem Vergleich mit Nordamerika ging es um die neuesten Entwicklungen im Hinblick auf Gesetze, Staatsbürgerschaft und politische Partizipation.
Zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland,
Niederlande, Großbritannien, Kanada, USA und Israel, Journalisten
sowie Politikerinnen und Politiker, die in der bundesdeutschen Zuwanderungs- und Integrationsdebatte eine Rolle spielen, nahmen an
44

der Konferenz teil. Unter ihnen waren auch Marieluise Beck, Rita
Süssmuth, Vorsitzende des Sachverständigenrats für Zuwanderung und
Integration, und Cem Özdemir, Bündnis 90/Die Grünen.

Reihe: Deutsche Geschichtsbilder – Kolonialgeschichte

Nicht unerheblich für die Debatte um Einwanderungsgesellschaften ist
die europäische Kolonialgeschichte. Diese hat gerade auch in
Deutschland dazu beigetragen, dass bestimmte ethnische und rassistische Menschenbilder entstehen konnten und sich verfestigten. Zum
Themenkomplex „Deutsche Geschichtsbilder – Kolonialgeschichte“ veranstaltete die Heinrich-Böll-Stiftung im vergangenen Jahr mehrere
Podiumsdiskussionen sowie eine internationale Konferenz. Eröffnet
wurde die Reihe mit einer Veranstaltung zur Analyse von rassistischen Menschenbildern und ihrer Entstehung. Die Konferenz „Koloniales Erbe, koloniales Trauma und Reparationen“ im Juni 2003 in Berlin
beschäftigte sich mit der historisch-politischen Analyse der Einwanderungsbedingungen unter den Aspekten kolonialer Vergangenheit. Nach
der Eröffnungsrede des renommierten Historikers Toyin Falola, Professor an der University of Texas, wurde gleich in der ersten Paneldiskussion deutlich, dass die bisherige Praxis kritisch revidierender Entwicklungspolitik von einer Reihe der Teilnehmerinnen und
Teilnehmer in Konkurrenz zu der Forderung nach Reparationen gesehen
wird. Diese Forderung wird nicht nur als materielle Kompensation des
Unrechts der Sklaverei gesehen, sondern auch als Anerkennung staatlich verübten Unrechts durch den Kolonialismus. Zahlreiche Workshops
boten Gelegenheit zur intensiven Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Aspekten des Kolonialismus und seinen Auswirkungen bis
zum heutigen Tag. Dabei zeigte sich auch hier eine starke Polarisierung: zwischen den Befürwortern einer afrozentristischen Position
und denen, die auf eine Zusammenarbeit mit den ehemaligen Kolonialländern nicht verzichten wollen. Die Konferenz war die erste,
die das Thema der Reparationsforderungen im Kontext der Kolonialgeschichte überhaupt auf die Agenda gesetzt hatte.

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[Geschlechterdemokratie]

Der Begriff „Gender“ ist auf dem besten Weg ins Guiness-Buch der Rekorde. Immer mehr öffentliche Verwaltungen und Organisationen, aber
auch Unternehmen springen auf einen von der Europäischen Union ins
Rollen gebrachten Zug namens „Gender Mainstreaming“ auf. Mit dieser
organisationsbezogenen Strategie sollen nachhaltige Veränderungen in
der Geschlechter- und Gleichstellungspolitik erreicht werden. Das
„Gendern“ von politischen Entscheidungsprozessen, politischem Handeln sowie Projekten und Maßnahmen jeglicher Art soll auf allen Ebenen und von Anfang an selbstverständlich werden. Sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen durch „Gender-Trainings“ „Gender-Kompetenz“ erwerben, „Gender-Analysen“ und
„Genderorientierte Projektplanung“ sollen die frühzeitige Integration der „Gender-Perspektive“ absichern und mit „Gender-Controlling“
gesteuert werden. Die benötigten Finanzen werden durch eine „genderorientierte“ Haushaltsplanung bereitgestellt, der wiederum eine
„Gender-Budget-Analyse“ zu Grunde liegt.
Die Heinrich-Böll-Stiftung hat sich, schon lange bevor „Gender Mainstreaming“ in Mode kam, dem politischen Ziel „Geschlechterdemokratie“ verschrieben und es als Gemeinschaftsaufgabe zum Organisationsleitbild erhoben. Demokratie wird hier in einem erweiterten Sinne
gebraucht und bedeutet, zumindest als Möglichkeit, die Anerkennung
von gleichen Rechten und Chancen für Verschiedene. Es geht dabei vor
allem um die gerechte Verteilung der politischen Partizipationschancen von Frauen und Männern, um eine gerechte Verteilung der gesellschaftlichen Ressourcen und um die Kritik an autoritärhierarchischen Strukturen in den privaten Verhältnissen sowie an explizit gewaltsamer Herrschaftsausübung von Männern über Frauen.
Sich als Organisation das Ziel Geschlechterdemokratie zu setzen und
nach außen zu propagieren ist das eine. Die Heinrich-Böll-Stiftung
hat dafür in den letzten Jahren viel publiziert, zahlreiche Veranstaltungen der politischen Bildung durchgeführt und so zu einer Verbreitung und Etablierung des Begriffs Geschlechterdemokratie beigetragen. Die Idee „Geschlechterdemokratie“ aber in der täglichen beruflichen Arbeit umzusetzen ist etwas anderes: eine viel größere
Herausforderung, als es auf den ersten Blick scheint. Der Anspruch,
46

alle Aktivitäten mit Blick auf deren Auswirkungen auf die Lebenswirklichkeiten von Männern und Frauen zu gestalten sowie möglichst
zu geschlechtergerechten und geschlechterdemokratischen Verhältnissen in allen Lebensbereichen beizutragen, ist nicht einfach und
nicht von heute auf morgen zu realisieren. Er benötigt auf Seiten
der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine hohe Gender-Kompetenz und
die volle Unterstützung der Führungs- bzw. Leitungsebene. Daran arbeitet die Heinrich-Böll-Stiftung auch in Zukunft weiter.

Informationen über das Konzept der Gemeinschaftsaufgabe Geschlechterdemokratie in der Broschüre „Gemeinschaftsaufgabe Geschlechterdemokratie in der
Heinrich-Böll-Stiftung“, auch zum Download unter: www.boell.de
Weg zu Gender-Kompetenz – Mit Gender-Training Gender Mainstreaming umsetzen
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung , 52 Seiten, zahlreiche Abbildungen
Beispiele zur Umsetzung von Geschlechterdemokratie und Gender Mainstreaming
in Organisationen
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung mit ihren Landesstiftungen.
Schriften zur Geschlechterdemokratie der Heinrich-Böll-Stiftung Nr. 3
Berlin 2003 (2. leicht veränderte Auflage), 48 Seiten

Geschlechterdemokratie wagen
Eine ‚Femmage’ an Gunda Werner

Geschlechterdemokratie – ein Wagnis? Sind wir nicht inzwischen so
weit, dass Frauen und Männer gleichberechtigt sind, ja mehr: dass
Frauen von staatlicher Seite so intensiv gefördert werden, dass eigentlich kein Rest an Diskriminierung mehr bestehen kann? Können wir
uns den Luxus Geschlechterdemokratie überhaupt leisten, angesichts
von Arbeitslosigkeit, staatlicher Verschuldung, Kriegsgefahren? Stehen nicht inzwischen weit wichtigere Themen auf der Tagesordnung?
Und: Wie ernst meint es die Geschlechterdemokratie mit den Männern?
Sollen sie wirklich damit auch angesprochen werden oder ist Geschlechterdemokratie nur neues Wort für Frauenförderung? Anlässlich
der Veröffentlichung von Geschlechterdemokratie wagen, einer ‚Femmage’ an Gunda Werner, lud die Stiftung im März 2003 Frauen und Männer ein, mit Autoren und Autorinnen des Buches diese Fragen zu diskutieren. Neben der Auseinandersetzung mit den Chancen und Risiken
des Konzepts Geschlechterdemokratie ging es dabei auch um den Aus-

47

tausch von Erfahrungen aus dem „geschlechterdemokratischen“ Alltag
in Arbeit, Politik und Partnerschaft.

Gunda Werner, bis zu ihrem Tod im Januar 2000 Referentin für Geschlechterdemokratie in der Heinrich-Böll-Stiftung, war als Vordenkerin wesentlich an
der Entwicklung des Konzeptes Geschlechterdemokratie beteiligt und trug
maßgeblich dazu bei, eine geschlechterdemokratische Praxis innerhalb und
außerhalb der Heinrich-Böll-Stiftung zu etablieren.

Geschlechterdemokratie wagen
Mit Beiträgen u.a. von Werner Sauerborn, Mechthild Bereswill, Peter Döge,
Barbara Holland-Cunz, Dörthe Jung, Ralf Lange, Claudia Neusüß, Gabriele
Schambach, Henning von Bargen. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung im Ulrike Helmer Verlag, Königstein/Ts. 2003, 296 Seiten, € 15,ISBN 3-89741-113-X

„Gender-Kompetenz durch Gender-Training“ – Weiterbildungsreihe

Die Einführung und Umsetzung von geschlechterpolitischen Strategien
in Organisationen erfordert von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein hohes Maß an „Gender-Kompetenz“. Um diese zu entwickeln und
zu fördern bietet die Heinrich-Böll-Stiftung „Gender-Trainings“ an.
In diesen Fortbildungsseminaren setzen sich die Teilnehmenden mit
eigenen und gesellschaftlich zugeschriebenen Geschlechterrollen(bildern) auseinander. Sie erlernen verschiedene Umsetzungsstrategien
von Geschlechterpolitik und die dazu notwendigen Instrumente und Methoden. Die berufsbegleitende Qualifizierungsmaßnahme befähigt die
Teilnehmenden am Ende zur kompetenten Beratung bei genderspezifischen Fragestellungen in ihrem beruflichen Umfeld und zur Durchführung von Gender-Trainings. Mit diesem Weiterbildungsangebot wirkt
die Heinrich-Böll-Stiftung auch federführend an der Festlegung von
bundesweiten Qualitätsstandards mit. Seit 2001 wurden in Zusammenarbeit mit den Landesstiftungen Hamburg, Niedersachsen und NordrheinWestfalen bereits drei Weiterbildungsreihen durchgeführt. Die nächste beginnt im Mai 2004 in Potsdam, weitere Angebote sind für 2005
in Mecklenburg-Vorpommern und Bayern geplant.

Information unter: gender@boell.de, www.gendertraining.de

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Gender Dialog Sozialer Mainstream – Europäische Fachtagung zu Geschlechterdemokratie im Sozialen Dialog

Die Europäische Kommission hat Vollbeschäftigung und die Stärkung
der Solidarität zu einem Hauptziel der Beschäftigungspolitik erklärt. Der Soziale Dialog, also die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, steht dabei im Zentrum. Nur wenn in den Gesellschaften ein breiter Konsens besteht, können wirtschaftliche und
soziale Reformen erfolgreich zur Modernisierung und zum Wandel der
EU beitragen. Seitdem Gender Mainstreaming im Amsterdamer Vertrag
von 1997 für alle EU-Staaten verbindlich festgelegt wurde, zeigen
sich positive Veränderungen. Da die Entwicklung innerhalb der EU jedoch sehr unterschiedlich verläuft, ist ein Austausch über Maßnahmen
und Strategien der Anwendung von Gender Mainstreaming erforderlich.
Die Fachtagung der Heinrich-Böll-Stiftung „Gender Dialog Sozialer
Mainstream“ im September 2003 leistete dazu einen wichtigen Beitrag.
Neben Informationen zu Nutzen, Vorteilen und Grenzen von Gender
Mainstreaming standen die gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen
und die Veränderung von Politikinhalten durch konsequentes Gender
Mainstreaming im Mittelpunkt des Austausches. Expertinnen und Experten präsentierten Instrumente, Maßnahmen und Strategien zur Umsetzung von Gender Mainstreaming.

Gender Dialog Sozialer Mainstream
Dokumentation einer Fachtagung der Heinrich-Böll-Stiftung am 5./6. September 2003 in Berlin. Schriften zur Geschlechterdemokratie, erscheint voraussichtlich im Herbst 2004, download unter: www.boell.de

„Männer und Sex(ualität)“ und „Männlichkeit und Krieg“
zwei Fachtagungen des Forum Männer in Theorie und Praxis
der Geschlechterverhältnisse

Sex ist in vielerlei Hinsicht zu etwas Öffentlichem geworden: Tausende von Zeitschriften, Filme und Bücher besprechen das Thema auf
unterschiedliche Weise. Tabus werden gebrochen, Sex wird veröffentlicht. Auch männliche Körper werden inzwischen als Sex-Objekte dargestellt, verbunden mit Zuschreibungen, die eingeschränkte Männlichkeits- und Körperbilder vermitteln: „Waschbrett“-Bauch, sexuell omnipotent und immer bereit, stark und gefühlvoll etc.
49

Wenn es stimmt, dass Männer es auf Grund ihrer Sozialisation schwerer haben, ihre Gefühle wahrzunehmen, zu zeigen und über sie zu
sprechen, dann trifft dies umso mehr auf das Thema Sexualität zu.
Mit der Berliner Fachtagung „Männer und Sex(ualität) – Erotik im Geschlechterverhältnis“ im Juni 2003 bot die Heinrich-Böll-Stiftung
Raum für einen kreativen Umgang mit der (vermeintlichen) Sprachlosigkeit. Die Annahme, der Umgang mit Sexualität sei ein Spiegelbild
für den Umgang von Männern und Frauen mit ihren Körpern, Gefühlen
und mit dem Geschlechterverhältnis insgesamt, wurde im Laufe der
Veranstaltung vielfach bestätigt. So machten der Schriftsteller und
Soziologe Rainer Neutzling und der Autor Thomas Gesterkamp in ihren
Beiträgen deutlich, wie sehr auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts
noch grobmaschige Klischees die sexuellen Beziehungen zwischen den
Geschlechtern bestimmen. Welche Zugänge und Räume Männerarbeit bieten kann, eigenen Wünschen, Bedürfnissen, Gefühlen und Erfahrungen
nachzuspüren und ein positives Gefühl zur eigenen Sexualität zu entwickeln und zu leben, erläuterte Andreas Goosses aus seiner Praxis
als Männergruppenleiter und Trainer. In einem vertiefenden Workshop
konnten die Teilnehmenden Methoden und Konzepte aus der Männerarbeit
kennenlernen.

Andreas Goosses: „Mir berichten oft Männer, dass sie mit ihrer sexuellen
Situation nicht zufrieden sind. Sie leben phasenweise oder fast immer mit
Mangelgefühlen, Sehnsüchten, haben Hemmungen und Ängste, verdrängen ihre
Wünsche und Bedürfnisse. Zusätzlich sind manche verunsichert, weil sie
nicht den vermittelten Männerbildern entsprechen. Die sexuelle Freiheit
oder die Befreiung der Lust sind für sie nicht Realität.“

Männer und Sex(ualität) – Erotik im Geschlechterverhältnis – Dokumentation
einer Fachtagung der Heinrich-Böll-Stiftung mit dem „Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse“ am 6./7. Juni 2003 in Berlin.
Schriften zur Geschlechterdemokratie Nr. 8, Berlin 2003, 64 Seiten, Download unter: www.boell.de

Die Tagung im Herbst befasste sich mit dem Thema „Männlichkeit und
Krieg“. Die wenigsten bewaffneten Konflikte der letzten Jahre waren
„traditionelle“ Kriege, also militärische Konflikte zwischen souveränen Staaten. Überwiegend handelte es sich um regionale Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Macht- und Interessengruppen. Männer werden in diesen Konflikten in der Regel als Hauptakteure und Nutznießer wahrgenommen, als Opfer hingegen werden sie kaum
50

thematisiert. Hier spiegeln sich Konstruktionen von „Männlichkeit“
und „Weiblichkeit“ wider, die zum einen konstituierend für Konfliktformen und -verläufe sein können und zum anderen selbst durch
diese reproduziert werden. Im Vordergrund der Tagung stand daher die
Frage, wie sich – aus sozialwissenschaftlicher und psychoanalytischer Sicht – Krieg und Männlichkeitskonstruktionen bzw. Geschlechterkonstruktionen gegenseitig formen. Neben den einführenden Beiträgen zu Militär und Geschlechterverhältnissen von Dr. Christine Eifler, Sozialwissenschaftlerin, und Willi Walter, Männer-, Geschlechter- und Gewaltforscher, boten Foren und Workshops die Gelegenheit,
das Thema zu vertiefen. Den Blick auch auf Männer als Opfer von
Krieg zu richten gelang insbesondere durch ein Zeitzeugengespräch,
das der Männerforscher Hans-Joachim Lenz mit Günter Hans Schmidt
führte, der als Junge den Bombenkrieg in Nürnberg erlebte.

Männlichkeit und Krieg – Dokumentation einer Fachtagung der Heinrich-BöllStiftung mit dem „Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse“ am 7./8. November 2003 in Berlin. Schriften zur Geschlechterdemokratie, erscheint voraussichtlich im Herbst 2004, download unter:
www.boell.de

Das Forum Männer in Theorie und Praxis der Geschlechterverhältnisse wird
von der Stabsstelle Gemeinschaftsaufgabe Geschlechterdemokratie koordiniert
sowie finanziell und ideell unterstützt. Es ist ein Netzwerk von Männern
aus den Bereichen Forschung, Bildung, Beratung und Politik, das seit drei
Jahren halbjährliche Fachtagungen auf der Galerie der Heinrich-BöllStiftung in Berlin veranstaltet.

51

[Feministisches Institut]

Das Jahr 2003 war für das Feministische Institut (FI) ein Jahr der
Veränderungen und der Neuorientierung. Als Ergebnis einer externen
Wirkungsanalyse wurde für das FI eine thematische Schwerpunktsetzung
und eine Veränderung seiner ehrenamtlichen Strukturen vorgenommen.
Damit soll zum einen das Profil geschärft, zum anderen eine stärkere
Integration feministischer Perspektiven in die Stiftung erreicht
werden. An den programmatischen Zielen des FI – der Transfer innovativer feministischer Ansätze und Forschungsperspektiven in die politische Praxis, internationale Vernetzung und Nachwuchsförderung –
hat sich jedoch nichts geändert. Entsprechend führte es die anerkannten und eingeführten Formate „Green Ladies Lunch“ und das „Gunda-Werner-Promotionskolleg“ fort.
Angesichts der internationalen Krisen und Problemlagen und in Anknüpfung an seine bisherigen Aktivitäten im Bereich Frauen- und Menschenrechte wird sich das FI in den nächsten zwei Jahren auf den
Themenschwerpunkt „Sicherheits-, Friedenspolitik und zivile Konfliktprävention aus feministischer Perspektive“ konzentrieren. Zu
diesem Thema fanden 2002/3 bereits zahlreiche Veranstaltungen statt.
In einem Workshop im Januar 2003 z.B. formulierten Expertinnen aus
der feministischen Friedens- und Sicherheitspolitik Forderungen an
die Bundesregierung zur Umsetzung der UN-Resolution 1325. Die Ergebnisse konnten im Anschluss bei einem „Green Ladies Lunch“ u.a. mit
Kerstin Müller, der Staatsministerin im Auswärtigen Amt, diskutiert
werden. Infolge dieser (und anderer) Veranstaltungen gründete sich
im März der „Frauensicherheitsrat“, ein Zusammenschluss engagierter
Expertinnen aus Wissenschaft und Forschung, aus Frauen-, Menschenrechts- und Entwicklungshilfeorganisationen sowie aus Friedensgruppen und politischen Stiftungen. Der Rat soll die Bundesregierung
während ihrer 2-jährigen Beteiligung im UN-Sicherheitsrat mit Initiativen und Vorlagen zur Umsetzung der UN-Resolution 1325 unterstützen und zugleich deren Aktivitäten kritisch überwachen. Die Geschäftsführerin des FI, Gitti Hentschel, wurde in die 10-köpfige
Steuerungsgruppe des Frauensicherheitsrates gewählt.
Im Oktober veranstaltete das FI in Zusammenarbeit mit der FriedrichEbert-Stiftung die internationale Tagung „Human Security = Women’s
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Security? – Keine nachhaltige Sicherheit ohne Geschlechterperspektive“, die grundlegende Erkenntnisse für ein geschlechterpolitisches
Verständnis von Sicherheit und Sicherheitspolitik lieferte.
Um die Entstehung von Geschlechterkonstruktionen und deren Auswirkungen auf Prozesse der Demilitarisierung und Friedenspolitik differenziert zu betrachten, führte das FI im Mai das interdisziplinäre
Colloquium „Pazifistinnen/Pazifismus – Friedens- und Konfliktforschung als Geschlechterforschung“ in Kooperation u.a. mit dem Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung der TU
Berlin durch. Das Colloquium erwies sich als gelungenes Experiment
für den schwierigen Diskurs zwischen historischer und sozial- und
politikwissenschaftlicher (Geschlechter)forschung. Weitere Kooperationsveranstaltungen gab es zu „Frauen im Iran und in der Türkei“
und „Kriegsgewalt gegen Frauen – Beispiel Bosnien“.
Das 2. Gunda-Werner-Promotionskolleg zu „Genderdynamiken in gewaltförmigen Konflikten“ begann im vergangenen Jahr in Kooperation mit
der Universität Bremen (PD Dr. Christine Eifler), assoziiert mit der
Fachhochschule Regensburg (Prof. Dr. Ruth Seifert) und dem Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung. Das 1. Gunda-WernerPromotionskolleg zum Thema „Organisationsreform und Geschlechterdemokratie im globalen Kontext“ wurde 2003 mit einem Auswertungsworkshop und einer Podiumsdiskussion beendet. Insgesamt sieben Stipendiatinnen konnten gefördert werden, zwei Stipendiatinnen schlossen
ihre Promotion inzwischen erfolgreich ab, die anderen Abschlüsse
sind absehbar.
Weiterhin große Resonanz erfuhr das „Green Ladies Lunch“ (mit Claudia Roth als Schirmfrau), das der politischen Meinungsbildung, der
Vernetzung und dem Informationsaustausch zwischen engagierten Frauen
aus grünen und anderen frauenpolitischen Zusammenhängen dient und
inzwischen zunehmend jüngere Frauen anzieht. Zwei der drei Termine
konzentrierten sich aus aktuellem Anlass auf europapolitische Fragestellungen: feministische und migrationspolitische Anforderungen an
den EU-Konvent; und Möglichkeiten der Gleichstellungspolitik im europäischen Vergleich am Beispiel von Versicherungen. Erfolgreich
fortgeführt wurde auch der in Anlehnung an das Berliner Konzept entwickelte „Ladies Lunch on Tour“, an dem bislang neun Landesstiftungen beteiligt sind – vorwiegend mit arbeitsmarkt- und wirtschaftspolitischer Themenstellung.
53

Zur bedarfsgerechten perspektivischen Weiterentwicklung ließ das FI
im Jahr 2003 sein virtuelles Institut GLOW evaluieren. Nachdem die
Nachfrage nach Online-Seminaren und die Beteiligung am GLOW-CampusNetzwerk durch die Hochschulen zurückgegangen war, weil eigene Kommunikationsplattformen an bundesdeutschen Hochschulen inzwischen Online-Seminare ermöglichen, hatte das FI bereits Anfang 2003 seine
Aktivitäten im Bereich GLOW-Campus eingeschränkt. Die Evaluationsergebnisse zeigen, dass GLOW insgesamt die inhaltlichen Ansprüche und
Informationsbedürfnisse der Userinnen weitgehend erfüllt. Sie wünschen sich jedoch eine bessere Übersichtlichkeit und schnellere Auffindbarkeit der Angebote. Das Ergebnis ist von besonderer Bedeutung,
da die GLOW-Userinnen zu einer außergewöhnlich qualifizierten Gruppe
von Internet-Nutzerinnen gehören, die außerdem politisch besonders
engagiert sind und vorwiegend in den Bereichen Genderstudies, Frauenarbeit und Frauenpolitik arbeiten. Allerdings ist GLOW insgesamt
noch zu wenig bei den anderen Zielgruppen des Feministischen Instituts bekannt.
Im Interesse der Kontinuität und Netzwerkpflege ging das FI auch
2003 weitere Kooperationen ein bzw. setzte bestehende fort. Mit der
Universität Münster, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung
und dem Studienwerk der Heinrich-Böll-Stiftung veranstaltete das FI
einen Workshop zur Präsentation von Forschungsergebnissen über Frauen in der Wissenschaft: „Simply the Best“. Mit der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen kooperierte das FI für
eine internationale Fachtagung „Eingreifen bei häuslicher Gewalt Europäische Erfahrungen bei der Verbesserung von Hilfeangeboten für
Frauen – Bilanz und Perspektiven“, die am 25. November durchgeführt
wurde, dem internationalen Tag gegen Gewalt gegen Frauen.
Für den Bereich der ehrenamtlichen Arbeit entwickelte das FI auf
Empfehlung seines Kuratoriums ein Konzept fachlicher Begleitung und
Unterstützung seiner Arbeit: Zum einen soll dies durch eine externe
Arbeitsgruppe zu einem jeweiligen Schwerpunktthema erfolgen, zum anderen – als Experiment zunächst zeitlich begrenzt - durch eine „Zukunftswerkstatt Feminismus“, die einen Brückenschlag zwischen feministischen gendergeleiteten Theorien und verschiedenen politischen
Praxen darstellen und die zukunftsweisenden Themen für das FI identifizieren soll. Das bisherige Kuratorium geht auf eigenen Beschluss
in diesen beiden Gremien auf.
54

UN-Resolution 1325: Frauen müssen „in den nationalen, regionalen und internationalen Institutionen und Mechanismen zur Verhütung, Bewältigung und
Beilegung von Konflikten auf allen Entscheidungsebenen“ stärker vertreten
sein. Die deutschsprachige Dokumentation der Resolution ist beim FI erhältlich

Die zentralen Beiträge dieser Veranstaltung sind nachzulesen in der Dokumentation:
„Feministische Theorieansätze in der Friedens- und Sicherheitspolitik.
Perspektiven der Einflussnahme auf den UN-Sicherheitsrat“
Schriften des Feministischen Instituts Nr. 6
Berlin 2003, 92 Seiten, € 5,-

Weitere Informationen unter www.glow-boell.de

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[Zukunft der Arbeit und des Sozialen]

„Small is beautiful – Politik für kleine und mittlere Unternehmen“
Tagung der Reihe „Zukunft der Arbeit“

Es sind vor allem die Klein- und Kleinstunternehmen, die selbst in
schwierigen Zeiten noch Arbeits- und Ausbildungsplätze schaffen. Die
Förderung des Mittelstandes findet sich demnach regelmäßig in Sonntagsreden und Parteiprogrammen wieder. Dass ein kleiner Betrieb andere Anforderungen an die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen
stellt als ein „Mittelständler“ mit 500 Mitarbeitern, wird in der
politischen Praxis allerdings noch nicht ausreichend berücksichtigt.
Die Besonderheiten und Perspektiven von kleinen Unternehmen standen
im Mittelpunkt einer gemeinsamen Tagung von UnternehmensGrün und der
Heinrich-Böll-Stiftung im November 2003. Mit dem Tagungsort Leipzig
wagte man ganz bewusst „den Sprung in den Osten“, so Ralf Fücks,
Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung, in seinem Grußwort. Die „Fusionitis“ und Scheinblüte der New Economy hätten verdeckt, dass eine
wirtschaftliche Erholung gerade auch in den neuen Ländern nur von
unten erfolgen könne. Es sei Zeit, die Probleme der kleinen Unternehmen wie niedrige Eigenkapital-Quote, fehlender Zugang zu Krediten
oder zu Forschungsergebnissen auf die politische Tagesordnung zu
setzen. Ines Wrusch von UnternehmensGrün kam in ihren einleitenden
Worten auf die mittelbaren Folgen staatlicher Überregulierung zu
sprechen. So seien etwa die Verwaltungskosten pro Mitarbeiter in
kleinen Unternehmen über zwanzig Mal höher als bei Beschäftigten in
Großunternehmen. Ihr bitteres Fazit: „Die Kleinunternehmen fallen in
der Politik durch den Rost, obwohl sie die Mehrheit stellen.“
In fünf parallelen Foren konnten einzelne Aspekte der betrieblichen
Praxis kleiner Unternehmen diskutiert werden. Die praktischen Beispiele für den Erfolg kleiner Unternehmen lieferten dabei die Firmenvertreterinnen und -vertreter selbst. In der abschließenden Podiumsdiskussion, u.a. mit Fritz Kuhn, Sprecher der Arbeitsgruppe „Arbeit und Wirtschaft“, Bündnis 90/Die Grünen, und Martina Hübner,
Erzgebirgische Backwaren GmbH, Unternehmerin des Jahres 2001, ging
es um die „optimalen Rahmenbedingungen“ für kleine Unternehmen. Eine
Dokumentation der Tagung erscheint im Sommer 2004.
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Bürgerversicherung – Eine für Alle: Ein Modell für die Reform der
Sozialsysteme? — Veranstaltungsreihe

Mit der „Bürgerversicherung“ als zentralem Reformmodell hat die grüne Partei scheinbar eine Antwort auf die aktuellen und zu erwartenden Probleme der sozialen Sicherung gefunden. Die Heinrich-BöllStiftung wollte es mit ihrer Veranstaltungsreihe zur Bürgerversicherung aber noch genauer wissen: Ist die „Bürgerversicherung“ wirklich
die richtige Antwort auf den Reformbedarf in Kranken- und Rentenversicherung? Welche Fragen beantwortet sie, welche lässt sie ungelöst?
Wie steht sie im Verhältnis zur Grundsicherung, dem bisherigen Leitbild grüner Sozialpolitik? Und vor allem: Wie verhält sich die „Bürgerversicherung“ zu den verschiedenen Dimensionen des grünen Gerechtigkeitsbegriffs, die im Grundsatzprogramm festgehalten wurden – zur
Generationengerechtigkeit, zur Geschlechtergerechtigkeit, zur sozialen Gerechtigkeit zwischen reich und arm, zur Teilhabegerechtigkeit?
In vier Abendveranstaltungen gaben Politikerinnen und Politiker sowie Wissenschaftler, u.a. auch Mitglieder der Rürup-Kommission, Antworten auf diese Fragen. Debattiert wurde auch die nachhaltige Finanzierung der Sozialpolitik. Am Ende stand die Überzeugung, dass es
wichtig sein wird, im Wahlkampf 2006 um die Bürgerversicherung zu
streiten. Denn bei den Reformen von Kranken- und Rentenversicherungen handelt es sich um Entscheidungen von weitreichender Wirkung für
die Gesellschaft – und nicht um technische Feinjustierungen, wie
z.B. der Begriff „Gesundheitsmodernisierungsgesetz“ vermuten lässt.

Es geht auch anders – Impulse zur Modernisierung des Arbeitsmarkts
Dokumentation einer Tagung der Heinrich-Böll-Stiftung in Kooperation mit
UnternehmensGrün am 8.November 2003 in Leipzig
Neu-Ulm/München 2003
Niedersachsen: Musterland für soziale Bürgergesellschaft
Eine Studie von Judith Polerauer
erstellt im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung, Referat Arbeit, Soziales
und Wirtschaftspolitik, Berlin 2004, 68 Seiten
download unter www.boell.de/arbeit
Eine für Alle: Ein Modell für die Reform der Sozialsysteme?
Eine Textsammlung zur Veranstaltungsreihe Bürgerversicherung von Dezember
2003 bis Januar 2004 in Berlin, Berlin 2004
download unter www.boell.de/arbeit

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[Bildung, Wissenschaft und Neue Medien]

Die bildungs- und wissenschaftspolitische Arbeit der Heinrich-BöllStiftung orientierte sich auch im Jahr 2003 am aktuellen Wandel der
Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft. Wissen, insbesondere
wissenschaftliches Wissen, wird zur Schlüsselressource, Bildung zur
Bedingung für die Teilhabe am sozialen Leben.
www.wissensgesellschaft.org

Die Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung stellte 2003 zwei
Empfehlungen zur Schulreform vor. Die Empfehlung „Lernkonzepte für
eine zukunftsfähige Schule“ plädiert für eine Umorientierung weg von
den überfüllten Lehrplänen hin zu Lernprozessen, die zum Handeln befähigen. Mit der Empfehlung „Schule und Migration“ wendet sich die
Bildungskommission einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen zu, deren Lernerfolge, wie die Befunde der PISA–Studie erneut drastisch
verdeutlichten, an deutschen Schulen besonders gefährdet sind.

Selbstständig lernen - Bildung stärkt Zivilgesellschaft
Sechs Empfehlungen der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung im Beltz Verlag, Weinheim 2004, 240
Seiten, € 16,90, ISBN 3-407-25354-0

Die „Berliner Hochschuldebatten“ beschäftigten sich mit den Auswirkungen des Handelsabkommens GATS auf die Hochschulen und mit der
Rolle der wissenschaftlichen Politikberatung, die nicht zuletzt
durch die Expertenkommissionen – von Hartz über Rürup bis hin zum
nationalen Ethikrat – zum Thema geworden ist.
www.hochschuldebatten.de

Mit zunehmender Brisanz stellt sich in der Diskussion über die Richtung und die Grenzen des wissenschaftlichen und technologischen
Fortschritts die Frage nach den Möglichkeiten der Kontrolle bzw. Regulierung der Biotechnologien. Diesem Thema widmeten sich die Veranstaltung „Menschenwürde und Lebensschutz: Biowissenschaften – quo
vadis?“, die die Heinrich-Böll-Stiftung zusammen mit der KonradAdenauer-Stiftung durchführte, sowie die nachstehende internationale
Arbeitskonferenz: „Within and beyond the Limits of Human Nature“.
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„Within and beyond the Limits of Human Nature“
Internationale Konferenz zur Biopolitik

Vom 12. bis 15. Oktober 2003 kamen über 100 Vertreterinnen und Vertreter zivilgesellschaftlicher Organisationen aus 30 Ländern in Berlin zusammen, um in Diskussionsrunden, Arbeitsgruppen und informellen Gesprächen über die sozialen Folgen der humangenetischen und reproduktionsmedizinischen Technologien und ihre politische Regulierung zu beraten. Im Kontext der UN-Verhandlungen über eine internationale Konvention zum Verbot menschlichen Klonens war die Konferenz
ein erster Schritt, um ein internationales Netzwerk als Basis für
eine effektive zivilgesellschaftliche Einmischung in die Regulierung
der humangenetischen Technologien zu schaffen. Die Debatte über die
Grenzen, die der biotechnologischen Überschreitung der menschlichen
Natur gezogen werden müssen, soll nicht länger der Ethik des wissenschaftlichen Establishments überlassen bleiben. Organisiert wurde
die Konferenz von der Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit
dem Berliner Institut Mensch, Ethik, Wissenschaft und dem amerikanischen Center for Genetics and Society. Die Themen der Konferenz erstreckten sich von der „Genetifizierung“ der biomedizinischen Forschung, den Tendenzen der Reproduktionsmedizin in Richtung einer
konsumorientierten neuen Eugenik, über Biopiraterie bzw. Bioprivatisierung, Biobanken, Patente auf Leben und Strategien der BiotechIndustrie bis hin zum militärischen Gebrauch der humangenetischen
Technologien.
Besondere Aufmerksamkeit erhielten strategische Fragen: Wie können
wir, vor dem Hintergrund unterschiedlicher Interessenfelder wie Umwelt, Menschenrechte oder Frauen effektive Netzwerke aufbauen und
die Sichtweisen der NGOs aus dem Norden und aus dem Süden zusammenführen? Wie lassen sich die Fragen um die Reproduktionstechnologien,
ihre Erforschung und Vermarktung mit einer Kritik an der globalen
Ungleichheit der Gesundheitsversorgung verknüpfen? Wie können wir
produktiv mit der Spannung umgehen, die sich aus der Kritik an den
pränatalen Diagnosetechniken, der Embryonenforschung und der Verteidigung des Abtreibungsrechts ergeben? Wo sind Brücken zwischen liberal-säkularen Argumenten gegen die „Technoeugenik“ und dem religiöskonservativen Engagement für den Lebensschutz?

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Es stellte sich heraus, wie wichtig es ist, die gesellschaftlichen
Folgen der Anwendung der neuen humangenetischen Technologien nicht
isoliert zu betrachten. Erst vor dem Hintergrund der Vermarktlichung
der Gesundheitssysteme, im Kontext der Frage nach sozialer Gerechtigkeit und im Rahmen globaler Regime des geistigen Eigentums zeigen
sich die Konsequenzen der neuen Technologien, der Bedarf und die Ansatzpunkte ihrer gesellschaftlichen Regulation. Trotz unterschiedlicher Positionen zu einzelnen Themen wurden bereits während der Veranstaltung erste gemeinsame Aktionen geplant: Regionale Konferenzen
im Nahen Osten, in Afrika, Mittel- und Südamerika und Asien, biopolitische Workshops auf dem Weltsozialforum in Bombay und dem 7.
Weltkongress für Bioethik in Sydney.
Das Engagement der Heinrich-Böll-Stiftung als Moderatorin eines globalen zivilgesellschaftlichen Prozesses wurde von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern sehr begrüßt und die Fortsetzung der begonnenen
Arbeit eingefordert. Dem möchte die Heinrich-Böll-Stiftung auch in
Zukunft nachkommen.

Der Weltgipfel zur Informationsgesellschaft

Die digitale Revolution und die Entwicklung des Internet zu einem
Massenmedium verändern weltweit das politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben. Unter dem Eindruck der Hoffnungen und
Befürchtungen, die mit diesen Veränderungen verbunden werden, initiierten die Vereinten Nationen den „Weltgipfel zur Informationsgesellschaft“ (WSIS) und beauftragten die International Telecommunication Union (ITU) mit der Ausrichtung in zwei Phasen. Im Dezember
2003 fand die erste Gipfelkonferenz in Genf statt, die zweite ist
für November 2005 in Tunis geplant.
Mit diesem UN-Gipfel ist ein neues globales Forum entstanden, das in
der Tradition der UN-Weltgipfel von Rio (1992) bis Johannesburg
(2002) ein Novum in zweierlei Hinsicht darstellt: Der Auftrag der
UN-Generalversammlung an den WSIS, eine Verständigung der Weltgemeinschaft über eine Vision von der Informationsgesellschaft sowie
über Wege und Strategien für ihre Verwirklichung herbeizuführen, dokumentiert ein verändertes globales Problembewusstsein: Nicht nur
nachsorgend sollen Lösungen für existierende Probleme gefunden wer60

den; vielmehr soll sich die Weltgemeinschaft vorsorgend auf gemeinsame Ziele und Wege einigen, die für eine gerechte und nachhaltige
Verfassung der vernetzten Welt beschritten werden sollen.
Auch der Verhandlungsprozess stellt ein Novum dar: Die Einladung der
UN-Generalversammlung zum Weltgipfel richtete sich nicht nur an die
Regierungen der Mitgliedsländer, sondern auch an die Privatwirtschaft und die Zivilgesellschaft, als deren Teil sich auch die Heinrich-Böll-Stiftung versteht. Sie haben sich im Rahmen eines sog.
Multistakeholder-Prozesses an den Diskussionen zur Vorbereitung des
Gipfels beteiligt und ihren Einfluss auf die Entscheidungen der Regierungen geltend gemacht.
Auch wenn die hohen Erwartungen während der zweijährigen ersten Gipfelphase nicht eingelöst wurden, sind die Impulse nicht zu unterschätzen, die durch diesen Prozess freigesetzt wurden: Die Vision
einer inklusiven Informationsgesellschaft ist nur durch Einschluss
und aktive Beteiligung aller gesellschaftlichen

Akteure – Politik,

Wirtschaft, Zivilgesellschaft – zu verwirklichen. Dieses Bekenntnis
der Regierungen gilt es nun ernst zu nehmen und über den Weltgipfel
hinaus die demokratische Partizipation auf allen Ebenen – lokal, national und auf der Ebene der „Global Governance“ – zu erweitern und
zu verfestigen.

Nach dem zweijährigen Verhandlungsmarathon haben sich die 176 Regierungsdelegationen erst in der Nacht vor Beginn der Gipfelkonferenz
auf die beiden offiziellen Abschlussdokumente einigen können. Dass
überhaupt eine Einigung zustande kam, wurde von allen Beteiligten
mit Erleichterung, aber ohne Euphorie aufgenommen. Die Abschlussdokumente sind zu vage und widersprüchlich geblieben, der Konsens auf
niedrigem Niveau. Der politische Wille hat gefehlt, den Blick „visionär“ in die Zukunft zu richten und sich auf Ziele und Wege zur
Steuerung der konfliktbeladenen globalisierten Welt zu verständigen.
Den unterschiedlichen zivilgesellschaftlichen Gruppen gelang es
eher, sich am Ende auf eine eigenständige Deklaration zu verständigen: die „Charta der Bürgerrechte für eine nachhaltige Wissensgesellschaft“. So markieren die Regierungsbeschlüsse das unter den gegebenen Bedingungen der Globalisierung politisch Machbare, die Charta der Zivilgesellschaft dagegen die aus der Perspektive einer ge-

61

rechten, inklusiven und nachhaltigen Wissensgesellschaft Wünschenswerte.
Im Kern der „Charta” geht es um den Entwurf einer globalen Wissensgesellschaft, die die Kommunikationsrechte der Menschen gewährleistet und somit sicherstellt, dass ihre für Kreativität und Innovation entscheidenden Wissensressourcen allen Menschen zugänglich sind
und nicht durch Privatisierung und Kommerzialisierung verknappt werden. Die „Charta“ hat eine „identitätsstiftende“ Plattform für die
Interventionen unterschiedlicher zivilgesellschaftlicher Gruppen geboten, die sich im WSIS-Prozess engagieren und u.a. in Deutschland
in einem Koordinierungskreis zusammengeschlossen haben. Mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung hat sich dieses Netzwerk, gut
vorbereitetet und ausgestattet mit überzeugenden Argumenten, in die
kritische Auseinandersetzung mit der Bundesregierung begeben und Anerkennung und manchmal auch Gehör verschafft. Gute Voraussetzungen
für die Weiterführung der Arbeit in der zweiten WSIS-Phase.

WSIS Declaration of Principles
„Building the Information Society: a Global Change in the new Millenium”:
“We, the representatives of the peoples of the world, assembled in Geneva
from 10-12 December 2003 for the first phase of the World Summit on the Information Society declare our common desire and commitment to build a
people-centred, inclusive and development-oriented Information Society,
where everyone can create, access, utilize and share information and knowledge, enabling individuals, communities and peoples to achieve their full
potential in promoting their sustainable development and improving their
quality of life, premised on the purposes and principles of the Charter of
the United Nations and respecting fully and upholding the Universal Declaration of Human Rights.“

Hintergrundinformationen, Dokumente, Berichte zum WSIS und die Aktivitäten
der deutschen und internationalen Zivilgesellschaft unter:
www.worldsummit2003.de (deutschsprachig) und
www.worldsummit2003.org (englischsprachig)

Visions in Process
World Summit on the Information Society Geneva 2003 - Tunis 2005
Berlin 2004, 64 Seiten, englischsprachige Aufsatzsammlung, in der im WSISProzess aktive Vertreter der deutschen und internationalen Zivilgesellschaft Konfliktfelder des Gipfels analysieren und bewerten.

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[Kunst und Kultur]

Heinrich-Böll-Haus Langenbroich

Seit der Gründung des Vereins „Heinrich-Böll-Haus Langenbroich e.V.“
im Jahr 1989 konnten inzwischen 107 Schriftstellerinnen und Schriftsteller, bildende Künstlerinnen und Künstler, Komponistinnen und
Komponisten aus 29 Ländern in das ehemalige Wohnhaus der Familie
Böll in der Eifel eingeladen werden. Die bewährte Zusammenarbeit
zwischen der Heinrich-Böll-Stiftung, der Stadt Düren und dem Land
Nordrhein-Westfalen ermöglichte den aus vielfach bedrängten Situationen kommenden Gästen, für einige Zeit finanziell abgesichert und
frei von staatlicher Kontrolle oder Verfolgung kreativ und ungestört
arbeiten zu können. Zusätzlich konnte 2003 die Zusammenarbeit in einem europaweit entstandenen Netzwerk von Institutionen, die politisch verfolgten Autorinnen und Autoren Hilfe anbieten, erfolgreich
fortgesetzt werden.
Neben Lesungen und Kunstausstellungen einzelner Gäste in der Region
gab es im vergangenen Jahr noch einige größere Veranstaltungen und
Projekte:
- im Februar 2003 zwei Lesungen des indonesischen Lyrikers und
Schriftstellers Agus R. Sarjono im Literaturhaus Köln und in Berlin
auf der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung;
- im Juni 2003 das Sommerfest des Vereins „Heinrich-Böll-Haus Langenbroich e.V.“, zu dem auch der Förderkreis der Heinrich-BöllStiftung eingeladen hatte,
- im Juli 2003 ein Lyrik-Abend mit Ales Rasanau und Norbert Hummelt
in Köln.

Stipendiatinnen und Stipendiaten im Jahr 2003

Mildred Ngesa, Schriftstellerin und Journalistin aus Nairobi/Kenia
(Jahrgang 1975). Sie arbeitete für die „Kenya Times“, den „Sunday
Standard“ und das „Life“-Magazine, seit 1996 ist sie beim „East
African Standard“ beschäftigt. Im Jahr 1998 wurde sie für ihre Reportage über das Leben von Frauen (Kinderarbeit, frühe erzwungene
63

Heirat, Beschneidung, sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen) mit
dem „Female Award for Media Excellence (FAME)“ des „Forum for African Women Educationlists (FAWE)“ ausgezeichnet. Im selben Jahr wurde
sie, ebenfalls von FAWE, zur vielversprechendsten Nachwuchsjournalistin des Jahres gekürt. Im Dezember 1999 initiierte Mildred Ngesa
eine Kampagne im „Life“-Magazine, um auf die prekäre Rechtslage von
vergewaltigten Mädchen in Kenia hinzuweisen. Die Veröffentlichung
der Geschichte eines 6 Jahre alten Mädchens führte zu einer Unterschriftenaktion und zur Vorlage einer Gesetzesänderung im kenianischen Parlament.

Toni Kan, Schriftsteller und Lyriker aus Lagos/Nigeria (Jahrgang
1971). Er studierte Englische Literatur und veröffentlicht seit 1997
Gedichte, Romane, Kurzgeschichten und Essays in verschiedenen Verlagen und Zeitschriften. Zuletzt erschien 2002 in Nigeria eine Sammlung von Gedichten unter dem Titel „When a Dream Lingers Too Long“.
Bereits vor seinem literarischen Debüt in Nigeria gewann Toni Kan
Essay-Wettbewerbe von „British Council“ und „Swiss Radio“, verbunden
mit Reisen nach Schottland und in die Schweiz. Zuletzt bekam er im
Jahr 2000 den 3. Preis des nigerianischen Poesie-Wettbewerbs „Muson
Poetry Competition“.

Agron Tufa, Schriftsteller und Journalist aus Tirana/Albanien (Jahrgang 1967). Er studierte Literatur und Geschichte an der Universität
Tirana, anschließend am Maxim-Gorki-Institut und dem Institut für
europäische Kultur in Moskau. Tufa veröffentlichte bislang zwei Gedichtbände und einen Roman. Weitere lyrische Texte sowie Essays,
Kritiken und publizistische Arbeiten erschienen in diversen albanischen Zeitschriften. Er gewann bereits mehrere Auszeichnungen, zuletzt im Jahr 2002 den 1. Preis des Nationalen Poesie-Wettbewerbes
„Lulet e Veres“ (Albanien). Tufa ist auch als Übersetzter tätig – er
übersetzte u.a. Gedichte von Josef Brodsky, Osip Mandelstam und Paul
Celan sowie Prosa von Sacher-Masoch und Michael Bulgakov. Ferner ist
er Herausgeber der Literaturzeitschrift „Aleph“, einer Zeitschrift
für junge und neue albanische Literatur.

Anna Sidorenko, Bildende Künstlerin aus Lviv/Ukraine (Jahrgang
1958). Sie studierte Malerei an der Kunstschule in Lukansk und wech64

selte nach ihrem Abschluss an die Hochschule für Gestaltung in Charkow, Fachrichtung Graphik. Es folgte eine Lehrtätigkeit an der
Kunstschule in Donezk. Anna Sidorenkos künstlerische Schwerpunkte
sind Graphik, Installationen, Land Art, Photographie und Video. Mit
ihren Arbeiten war sie bislang auf zahlreichen Gruppen- wie Einzelausstellungen vertreten. Ihre bevorzugten Materialien sind Wasser,
Stein, Sand, Luft und Feuer. Mit diesen „Urquellen“ der Natur begibt
sie sich – oftmals zusammen mit ihrem künstlerischen Partner Sergej
Jakunin – auf die Suche nach Licht, Form, Ton, Bewegung, Zeit und
Raum.

Sergej Jakunin, Bildender Künstler aus Lviv/Ukraine (Jahrgang 1954).
Er studierte am Staatlichen Institut für Angewandte und Dekorative
Kunst in Lwow und beschäftigt sich überwiegend mit Installationen,
Photographie, Video, Land Art und Skulpturen. Seit 1976 nimmt Jakunin an internationalen Symposien und Ausstellungen teil. Stipendien führten ihn, zusammen mit Anna Sidorenko, u.a. ans Headland Center for the Arts nach Kalifornien.

Nicolae Coande, Schriftsteller aus Craiova/Rumänien (Jahrgang 1962).
Er studierte an der Philologischen Fakultät in Craiova. Seit 1995
hat er in Rumänien drei Gedichtbände veröffentlicht, seine lyrischen
Texte erschienen darüber hinaus in zahlreichen Anthologien, darunter
auch in „Gefährliche Serpentinen, Rumänische Lyrik der Gegenwart“
der Edition Druckhaus, Berlin.
Zudem arbeitet Coande bei verschiedenen Kulturzeitschriften wie Calende, Ramuri, Vatra, Romania Literara, Convorbiri Literare. Für
seinen ersten Gedichtband On the Brink wurde er 1995 mit dem „Romanian Writers Union Debut Award“, dem Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes für das beste Debüt, ausgezeichnet; für seinen
zweiten Gedichtband Fincler bekam er 1997 den Preis des Craiovaer
Schriftstellervereinigung.

Neben den Stipendiaten der Heinrich-Böll-Stiftung waren im Haus Langenbroich auch Künstlerinnen und Künstler zu Gast, die durch den
Böll-Fonds des Landes Nordrhein-Westfalen gefördert wurden:

65

Ales Rasanau, Dichter aus Sjalez/Weißrussland (Jahrgang 1947). Nach
seinem Studium in Brest arbeitete er zunächst als Dorfschullehrer,
dann als Mitarbeiter und Redakteur in verschiedenen Verlagen und
Zeitschriften. Er beschäftigte sich mit der Aufarbeitung der älteren
weißrussischen Literatur, gab zahlreiche Werke neu heraus und machte
sich auch als Übersetzer einen Namen. Seine ersten Gedichte datieren
auf das Jahr 1961, er schreibt in Weißrussisch, einer Sprache, die
in sowjetischer Zeit unterdrückt wurde. Sein Texte konnten damals
nur in stark zensierter Form erscheinen. 1990 allerdings, in der
Zeit des Aufbruchs, bekam er den Janka-Kupala-Preis, den Staatspreis
für weißrussische Literatur. Mitte der 90er Jahre, unter Präsident
Lukasenko, fiel Rasanau erneut die Rolle des Regimegegners zu. Seine
Werke wurden zensiert oder gar nicht erst publiziert. 1999 verließ
er aus politischen Gründen die Redaktion der Monatszeitschrift Krynica und folgte Einladungen ins Ausland. Im Mai 2003 wurde er mit
dem renommierten Herder-Preis ausgezeichnet. Seine Texte erschienen
bislang in zahlreichen deutschsprachigen Literaturzeitschriften, sowie im Agora-Verlag, Berlin (Zeichen vertikaler Zeit, 1995; Tanz mit
Schlangen, 2002), und im Revonnah Verlag, Hannover.

Zeynel Kizilyaprak, Journalist aus der Türkei (Jahrgang 1960). Im
Jahr 1980 wurde er zum ersten Mal aufgrund seiner politischen Aktivitäten für fünfeinhalb Jahre inhaftiert. Seit den späten 80er Jahren arbeitet er als Herausgeber und Journalist bei verschiedenen Magazinen wie Emek Dünyas, Newroz, Demokrasie und Özgür Bakyp. 1992
gründete er sein eigenes Verlagshaus Pele Sor Yayynlary, das zwei
Jahre später geschlossen wurde. Grund war die Anklage, gegen Artikel
8 des Anti-Terror-Gesetzes der Türkei verstoßen zu haben. Er wurde
daraufhin für 6 Monate inhaftiert. Zeynel Kizilyaprak war bis 1996
Mitglied der kurdischen Demokratischen Partei (DEP) und der Demokratischen Volkspartei (HADEP). 1996 gründete er die Kürt.Kav, die Kurdische Stiftung für Kultur und Wissenschaft. Zudem ist er Mitglied
der unabhängigen Initiative Democratic Conciliation and Solution of
the Kurdish Problem und des Kurdischen Instituts Istanbul. Zur Zeit
arbeitet Zeynel Kizilyaprak an seinen Memoiren Memories on the run
und einem weiteren Buch über kurdische Intellektuelle. Er schreibt
auch Kurzgeschichten.

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Weitere Gäste im Jahr 2003 – bereits im Jahresbericht 2002 vorgestellt – waren: Agus R. Sarjono, Dichter und Publizist aus Indonesien; Leisola Jalal Habibi, Schriftsteller und Lyriker aus dem Iran;
Sarita Jenamani, Schriftstellerin und Lyrikerin aus Indien; Aftab
Hussain, Schriftsteller, Lyriker, Literaturwissenschaftler und Journalist aus Pakistan.

Im Herbst 2003 erschien eine Auswahl von Arbeiten der Gäste im HeinrichBöll-Haus unter dem Titel: „Um etwas Zeit zu retten. Literatur und Kunst im
Heinrich-Böll-Haus Langenbroich“. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung
1. Auflage, Berlin 2003, 88 Seiten, € 5,ISBN 3-927760-45-5

Heinrich Böll – Kölner Werkausgabe

Nachdem im Oktober 2002 die ersten Bände der von der Heinrich-BöllStiftung unterstützten Neuedition der Werke Heinrich Bölls erschienen, liegen nun drei weitere der auf insgesamt 27 Bände angelegten
Kölner Ausgabe vor. Entsprechend der chronologischen und gattungsübergreifenden Anordnung der Texte, d.h. Erzählungen, offene Briefe,
Glossen, Theaterstücke u.a. gemäß dem Zeitpunkt ihres Erscheinens
(bzw. bei bislang unveröffentlichten Texten deren Entstehung), lässt
sich damit Bölls Schaffensperiode der Jahre 1947 bis 1950 (Bände 3
und 4) sowie die Produktion der Jahre 1972-1974 (Band 18) geschlossen überblicken. Wer also an Bölls schriftstellerischen Anfängen interessiert ist, der wird mit den nun vorliegenden Bänden 3 und 4
(und dem bereits erschienen Band 2) nicht nur dem „Erwachen des literarischen Gewissens“ der unmittelbaren Nachkriegszeit nachgehen
können, sondern auch jene Korrespondenzen entdecken, die zwischen
diesen ersten Texten und den ihnen wie eine Ouvertüre vorausliegenden Schilderungen und Bekenntnissen der Briefe aus dem Krieg aufscheinen.
Mit einem gehörigen Zeitsprung präsentiert Band 18 für die Jahre
1972 bis 1974 einen gleichsam poetischen wie auch politisch engagierten Schriftsteller Heinrich Böll, der, so einhellig seine Befürworter und Gegner, wie kein anderer Schriftsteller die Geschichte
der Bundesrepublik und ihre Literatur begleitet und mitgeprägt hat.

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Probleme und Perspektiven deutscher Stadttheater

Die öffentlich finanzierten Stadt- und Staatstheater und mit ihnen
das deutsche Mehrspartensystem gelten als Inbegriff der besonderen
„deutschen Kulturlandschaft“. Doch längst haben gravierende Mittelkürzungen zu einer existenziellen Gefährdung dieses Theatersystems
geführt. Es folgten heftige Debatten um die Zukunft der deutschen
Theater, die mit radikalen Strukturänderungen konfrontiert werden.
Am 9. September 2003 bot die Heinrich-Böll-Stiftung dieser Debatte
ein Diskussionsforum. Prof. Ulrich Khuon (Intendant Thalia Theater
Hamburg), Stephan Märki (Intendant Deutsches Nationaltheater Weimar)
und Amélie Niermeyer (Intendantin Theater Freiburg) sowie die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags und kulturpolitische Sprecherin
der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, Dr. Antje Vollmer, diskutierten
u.a. die Frage, inwiefern das so genannte „Weimarer Modell“ (die Umwandlung des Nationaltheaters Weimar in eine gemeinnützige TheaterGmbH) auch für andere kommunale Theatereinrichtungen eine Lösung gegen den drohenden Verlust der Vielfalt der deutschen Kulturlandschaft bieten kann.

Kunst und Globalisierung

„Globalisierung“ ist zum Schlagwort geworden, vereinnahmt von Verteidigern neoliberaler Ökonomie ebenso wie von deren Gegnern. In
diesem Spannungsfeld interessiert die Zunahme politisch ausgerichteter Kunstereignisse. Internationale Großausstellungen wie Biennalen,
die Documenta und Manifesta-Ausstellungen begleiten die internationalen Globalisierungsdebatten. Der Blick auf eine mittlerweile global vernetzte Kunst, die mit jeder Ausstellung an wiederum lokale
Bedingungen gebunden ist, war Ausgangspunkt der Gesprächsrunde „Global lokal – Transitraum Kunst. Neue Territorien für Kunst und Politik“ am 21. November 2003 auf der Galerie der Heinrich-BöllStiftung. Internationale Kuratorinnen und Kuratoren diskutierten das
ambivalente Verhältnis der Verortung und Entgrenzung von Kunst und
Kultur sowie die unterschiedlichen Positionierungen Kunstschaffender
innerhalb des internationalen Kunstkontextes. Dabei ging es zum einen um Strategien der Selbstinszenierung und Selbstbehauptung auf
68

dem globalen Kunstmarkt; zum anderen um die Institutionen, die den
Kunstmarkt regulieren: Wer hat Macht über die Bild- und Bedeutungsproduktion? Wie kann auf den Globalisierungsprozess gestaltend Einfluss genommen werden, ohne dass künstlerische Arbeiten instrumentalisiert und widerständige Potenziale in die Legitimationsspirale von
Politik und Wirtschaft geraten? Wenn es der Kunst heute vor allem
darum geht, diskursive Räume und Orte des Engagements zu schaffen,
was sind dann die Formen und Foren, in und mit denen die heutige internationale Kunstszene agiert?

Aktivitäten der Heinrich-Böll-Stiftung
im Rahmen der Asien-Pazifik-Wochen 2003

Im Herbst fanden in Berlin die Asien-Pazifik-Wochen 2003 mit dem
Länderschwerpunkt Indien statt. Ursprünglich diente die im zweijährlichen Turnus durchgeführte Veranstaltungsreihe als Forum wirtschaftlicher Vernetzung zwischen Deutschland und dem Asien-PazifikRaum. Die inhaltliche Ausrichtung wurde in den vergangenen Jahren
ausgedehnt und vor allem durch zahlreiche kulturelle Angebote ergänzt. Für die Heinrich-Böll-Stiftung waren die Asien-Pazifik-Wochen
ein Anlass, ihrerseits eine Veranstaltungsreihe zu den weniger bekannten sozialen und kulturellen Facetten Indiens anzubieten. Die
Reihe unter dem Titel „Das andere Indien“ stellte die in Deutschland
nahezu unbekannte Kultur der Adivasi (Ureinwohner des zentralindischen Bundesstaates Jharkhand) und der Dalits (Kaste der Unberührbaren) vor, deren Jahrtausende alte Tradition durch die rücksichtslose
Ausbeutung von Naturschätzen in ihrem Fortbestand bedroht ist. Eine
Ausstellung auf der Galerie der Heinrich-Böll-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Tribal Women Artists Cooperative und der Journalistin
Susanne Gupta zeigte 30 Unikate der nahezu unbekannten Adivasi-Kunst
aus dem indischen Hazaribagh. In einem umfangreichen Begleitprogramm
wurden mehrere Videofilme sowie Fotodokumentationen gezeigt, außerdem gab es die Möglichkeit, den Künstlerinnen und Künstlern bei der
Arbeit über die Schulter zu sehen. Außerdem diskutierten Ethnologen,
Kunstwissenschaftler und Menschenrechtler die Folgen zunehmender Industrialisierung und Alternativen zum Schutz indigener Identität und
Rechte. Der vom Länderbüro Delhi der Heinrich-Böll-Stiftung konzi69

pierte Workshop „Dalit Voices and Visions“ bot verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern der Dalit-Bewegungen, Wissenschaftlern und
Politikern sowie einem interessierten Publikum in Deutschland die
Möglichkeit zum Austausch. Die geladenen Experten boten eine einmalige Gelegenheit die Vielfalt und Komplexität des Dalit-Themas kennenzulernen.

In Anknüpfung an bereits bestehende Kooperationen zu den Themen
Stadtentwicklung und Architektur in China unterstützte die Stiftung
eine Ausstellung der Galerie Aedes zur städtischen und wirtschaftlichen Entwicklung der chinesischen Hafenstadt Ningbo mit dem Titel
„Ningbo – Metamorphose einer chinesischen Stadt“. Die Ausstellung
dokumentierte den Wandel dieser alten Hafenstadt zu einem modernen
Industriestandort und den durch den wirtschaftlichen Aufschwung hervorgerufenen enormen städtebaulichen Umwälzungsprozess und Expansionsdruck.
Anlässlich dieser Ausstellung wurde mit Unterstützung der HeinrichBöll-Stiftung eine Delegation von Stadtplanern, Architekten und
Journalisten aus Ningbo und Umgebung zu einem Fachseminar nach Berlin eingeladen. Teilnehmer waren Mitarbeiter der Stadtverwaltung und
staatlicher Designinstitute, einer Fachhochschule und eines Shanghaier Verlags. Gegenstand des Seminars waren die deutschen Erfahrungen mit einer nachhaltigen ökologischen Stadt- und Siedlungsentwicklung und der Austausch über die unterschiedlichen Vorgehensweisen in
Deutschland und China. Der Austausch zwischen deutschen und chinesischen Experten zu den sozialen Aspekten und Folgen des Bauens und
der Stadtentwicklung erwies sich auch diesmal als ein Gewinn, da
diese immer noch am Rande des Betrachtungsfeldes chinesischer Stadtplaner stehen.

70

[Die Stiftung im Netz]

Die globale Stiftung im World Wide Web

Längst sind politische Bildungsarbeit und interne Kommunikation der
auf vier Kontinenten aktiven Stiftung kaum noch ohne Internet vorstellbar. Allein oder in Kooperation mit anderen betreibt sie etwa
vierzig Internet-Seiten unterschiedlichen Typs. Bekannt und stark
nachgefragt sind vor allem das umfangreiche, vielfältige Informationsangebot auf www.boell.de und der Kommunalpolitischen Infothek
(www.kommunale-info.de), die Präsenz des Feministischen Instituts
(www.glow-boell.de) sowie mehrsprachige internationale Kampagnenwebsites wie zur WTO-Konferenz in Cancún und zum World Summit
on the Information Society 2003. Hinzu kommt eine Vielzahl kleiner
Auftritte einzelner Projekte (Hochschuldebatten etc.), der Auslandsbüros und Landesstiftungen. Die Nachfrage nach Informationen ist
groß, besonders hohe Download-Zahlen belegen dies. Der vorliegende
Jahresbericht wird voraussichtlich wie seine Vorläufer erheblich öfter im Internet abgerufen als gedruckt verbreitet. Damit hat sich
für die politische Bildungsarbeit ein neuer, kostengünstiger Vertriebsweg aufgetan, den die Heinrich-Böll-Stiftung konsequent nutzt.
Mit monatlichen E-Mail-Newslettern, einem komfortablen Pressebereich
und einer stets aktuellen Startseite mit Veranstaltungstipps kommt
sie den Nutzerinnen und Nutzern entgegen.

Wichtigster Bestandteil der Kommunalpolitischen Infothek ist eine
öffentliche Datenbank mit Fachtexten zu über 30 Sachgebieten der
Kommunalpolitik, Literaturhinweisen, Rezensionen sowie Internetadressen. Ziel ist, die oft komplizierten fachlichen Hintergründe
der Politik verständlich zu machen und damit mehr Beteiligung und
Einmischung von unten zu ermöglichen.

Glow - das Global Center for Women's Studies and Politics - steht
für globale Information, globale Diskussion und gemeinsames Lernen
von Frauen aus aller Welt. Es ist ein virtuelles Zentrum für Frauenstudien und Frauenpolitik, eingerichtet vom Feministischen Institut
der Heinrich Böll Stiftung. Seine Ziele sind es, Frauen internatio71

nal zu vernetzen, politisches Empowerment von Frauen in unterschiedlichen Regionen zu unterstützen und gemeinsam über globale und regionale Anliegen von Frauen und über feministische Perspektiven zu
lernen.

Nach und nach wichtiger wird für die Heinrich-Böll-Stiftung das
passwortgeschützte Intranet boellcity.org. Es wurde 2003 als „Organisationshandbuch online“ gestartet und wird in den nächsten Jahren
zum Planungs-, Vernetzungs- und Steuerungsinstrument ausgebaut. Die
deutschen Studienförderwerke haben bereits ein aufwendiges Intranet
für ihre Stipendiatinnen und Stipendiaten entwickelt, woran sich die
Heinrich-Böll-Stiftung beteiligt.
Im vergangenen Jahr nahm eine Internet-Strategiegruppe ihre Arbeit
auf, die den weiteren Um- und Ausbau der Internet-Aktivitäten steuern und begleiten wird. Sie wird eine stärkere Dezentralisierung in
der Eingabe von Inhalten betreiben, die vollständiger und aktueller
präsentiert werden sollen. Durch die konsequente Nutzung des einheitlichen Redaktionssystems sollen zugleich Synergieeffekte geschaffen werden.
Neue Herausforderungen ergeben sich durch das Internet für die Archivierung von Inhalten. Das Archiv Grünes Gedächtnis stellt sich
dieser Herausforderung und beteiligt sich an entsprechenden Arbeitsgruppen auf Bundesebene.
Einen Einblick in die mögliche Zukunft der Internet-Anwendung bot
2003 die intensive Vor- und Nachbereitung der Biopolitik-Konferenz.
Für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren bereits vor der Konferenz Online-Diskussionen möglich; nach der Konferenz wurden die Ergebnisse öffentlich zugänglich gemacht. Die klassischen Formate der
Begegnung und der politischen Bildung werden keineswegs überflüssig,
ihre Verschränkung mit virtuellen Optionen erweitert und bereichert
sie vielmehr.

72

[Studienwerk]

Nachwuchsförderung

Die Heinrich-Böll-Stiftung fördert Studierende und Graduierte aller
Fachrichtungen und Nationalitäten, die neben überdurchschnittlichen
wissenschaftlichen Leistungen Verantwortung übernehmen und sich gesellschaftspolitisch engagieren. Die Stipendiatinnen und Stipendiaten setzen sich aktiv mit den Zielen der Heinrich-Böll-Stiftung auseinander.
Die Heinrich-Böll-Stiftung ist einem Bildungsbegriff verpflichtet,
der Studium und Promotion sowohl als Bildungs- wie auch als Ausbildungsphase auffasst, wissenschaftliche Qualifizierung ermöglicht und
gleichzeitig gesellschaftspolitische Auseinandersetzung fördert.

Die Heinrich Böll-Stiftung will:
- Studierende und Promovierende fördern, deren innovative Themen und
Fragestellungen die Themenschwerpunkte der Stiftung ergänzen und die
aus unterschiedlichen Perspektiven und vor dem Hintergrund verschiedener Fachrichtungen die Stiftungsarbeit bereichern;
- Themenstellungen und Studienschwerpunkte fördern, die zur fachübergreifenden Diskussion zwischen Technik- bzw. Naturwissenschaften
und Sozial- bzw. Geisteswissenschaften beitragen;
- wissenschaftliche Arbeit in politische und gesellschaftliche Praxis integrieren sowie politische Fragestellungen in Wissenschaft und
Forschung aufgreifen;
- Foren initiieren, die den Dialog zwischen Wissenschaft und Politik
vorantreiben;
- die Repräsentanz von Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund
in wissenschaftlichen und anderen Berufsfeldern stärken;
- insbesondere auch Nachwuchswissenschaftlerinnen aus naturwissenschaftlichen, technischen und ökonomischen Fachrichtungen gewinnen;
- interdisziplinären, internationalen und inter- bzw. transkulturellen Austausch fördern und Diversity-Management-Strategien in der materiellen und ideellen Förderung einsetzen;
- Arbeitszusammenhänge schaffen, in denen sich Individualität, Begabung und soziale Kompetenz entfalten und verbinden;
73

- Vernetzungen und Kooperationen zwischen Stipendiat/innen, alumni/ae und Heinrich-Böll-Stiftung unterstützen;
- zur Internationalisierung der Hochschullandschaft beitragen.

Im Jahr 2003 konnten insgesamt 559 Stipendiatinnen und Stipendiaten
gefördert werden. 431 Stipendien wurden aus den Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung und 128 aus den Mitteln des
Auswärtigen Amtes (Internationales Programm) finanziert. Die Stipendien im Internationalen Programm werden an Studierende aus aller
Welt vergeben, die in Deutschland ihr Studium aufgenommen haben oder
promovieren wollen. In Rußland unterstützt die Heinrich-BöllStiftung zudem seit mehreren Jahren zusammen mit ihrem Moskauer Büro
und russischen Partnerorganisationen ein Sur-PlaceStipendienprogramm zur Förderung junger Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler. 28 Stipendien werden aus den Mitteln des Auswärtigen Amts jeweils für anderthalb Jahre vor Ort vergeben und ebenfalls
durch ein wissenschaftliches und kulturelles Austauschprogramm begleitet.
Neu in die Förderung aufgenommen wurden im Jahr 2003 insgesamt 106
Studierende und 45 Promovierende. Die Dauer der Förderung variiert
im Regelfall zwischen ein und drei Jahren.

Ideelle Förderung

Neben den materiellen Zuwendungen fördert das Studienwerk seine Stipendiatinnen und Stipendiaten auch „ideell“: Sie haben zum einen die
Möglichkeit, an zahlreichen Veranstaltungen der Heinrich-BöllStiftung im In- und Ausland, an Projekten und Besuchsprogrammen, an
Workshops und Seminaren in Berlin oder an den Bildungsangeboten der
Landesstiftungen aktiv teilzunehmen. Zum anderen bietet das Studienwerk ein eigens für die Stipendiatinnen und Stipendiaten konzipiertes umfangreiches Veranstaltungsprogramm an. Eigene Gestaltungsund Partizipationsmöglichkeiten aufzuzeigen, neue Denkräume zu eröffnen und über Politik zu streiten, Vernetzung voranzutreiben und
internationalen Austausch zu fördern, Diversity-Management mit unterschiedlichen Gruppen-Identitäten in Einklang zu bringen – dies

74

sind zentrale Anliegen der ideellen Nachwuchsförderung in der Heinrich-Böll-Stiftung.

Promotionsförderung

Ein besonderer Schwerpunkt der Promotionsförderung lag auch im vergangenen Jahr im Ausbau bestehender Promotionskollegs und Themenschwerpunkte in der Promotionsförderung. Das erste Gunda-WernerPromotionskolleg zum Thema „Geschlechterdemokratie und Organisationsreform im globalen Kontext“ konnte mit einer Präsen-tation der
Forschungsarbeiten erfolgreich abgeschlossen werden. Gleichzeitig
begann das zweite Gunda-Werner-Promotionskolleg in Kooperation mit
Hochschullehrerinnen der Universität Bremen sowie dem Feministischen
Institut der Heinrich-Böll-Stiftung: „Genderdynamiken in gewaltförmigen Konflikten“. In der Zusammenarbeit mit der Grünen Akademie
ging es um die „Verfasstheit der Wissensgesellschaft“.
Erstmals wandte sich das Studienwerk zudem mit zwei öffentlichen
Veranstaltungen an ein breiteres wissenschafts- und hochschulpolitisch interessiertes Publikum. Eine Fachtagung zur „Zukunft der
Graduiertenausbildung“ erörterte die zentralen Aspekte zukünftiger
Promovierendenausbildung: Wie werden Graduiertenzentren und Promotionskollegs konzipiert, welche Qualifikationsanforderungen werden
heute an Promovend/innen gestellt, welche Qualitätskriterien erfordert eine international wettbewerbsfähige Promotionsausbildung?
Das Studienwerk unterstützt die Initiativen an den Hochschulen, die
Qualität der Ausbildung für Promovenden zu erhöhen. Während der Tagung „Leistung - Exzellenz - Ambition - Kompetenz? Zugangsregeln,
Karriereverläufe und Instrumente zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses“ diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer
aus Wissenschaft, Politik und Studium engagiert Kriterien zukünftiger Eliten sowie Kriterien für deren Förderung und Auswahl aus Sicht
der Förderorganisation: Welche Faktoren beeinflussen Karriereverläufe und berufliche Optionen von Nachwuchswissen-schaftlern? Welche
Rolle spielt der soziale Habitus, welche Leistung, Qualifikation und
Kompetenz für den beruflichen Aufstieg? Wie müsste ein alternatives
Elitenverständnis im Sinne von guten Leistungen einerseits, aber
auch von Verantwortungsbewusstsein und gesellschaftspolitischem En75

gagement andererseits beschrieben werden? Diese Fragen werden das
Studienwerk im Rahmen seiner förder-politischen Strategieentwicklung
auch zukünftig beschäftigen.

Internationale Austauschprogramme

Internationale Begegnungsräume zu schaffen und den wissenschaftlichen Austausch zu fördern ist ein vorrangiges Ziel der Stiftung.
So hatten auch im Jahr 2003 deutsche Stipendiatinnen und Stipendiaten die Gelegenheit, an der Frühjahrstagung in Moskau teilzunehmen,
wo russische Sur-Place-Stipendiaten ihre Forschungsarbeiten zu Menschenrechtsfragen, Repressionsgeschichte und neueren soziologischen
Fragestellungen vorstellten und diskutierten. Eine Sommersprachschule in St.Petersburg bot zudem einen dreiwöchigen Russisch-Sprachkurs
in Verbindung mit einem umfangreichen Begleit-programm, das Einblick
in das politische und kulturelle Leben des modernen Russlands gewährt. Zudem gab es für einige Stipendiatinnen und Stipendiaten die
Möglichkeit, an der Jahreskonferenz der zentralamerikanischen SurPlace-Stipendiaten teilzunehmen, die zu den Ergebnissen der WTOKonferenz in Mexiko-City stattfand.

Der wissenschaftlich-politischen Netzwerkbildung dient ferner das
Internationale Bundestagspraktikanten-Programm, das das

Studienwerk

in Kooperation mit der Grünen Akademie und gemeinsam mit wechselnden
Landesstiftungen der Heinrich-Böll-Stiftung durchführt. Vorzugsweise
Graduierte aus aller Welt, die eine internationale Karriere auf Regierungsebene bzw. im öffentlichen Sektor anstreben, arbeiten in
diesem „Internship-Programm“ einige Zeit lang im Büro eines bzw. einer deutschen Bundestagsabgeordneten. Das Einführungs- und Begleitprogramm umfasst auch Seminare anderer politischer Stiftungen. Ziel
ist es, einen breiten Einblick in das politische System in der Bundesrepublik zu gewähren sowie Kontakte zur grünen Politik zu ermöglichen.

Einen Überblick über Probleme, Handlungsfelder und Perspektiven
deutscher Entwicklungszusammenarbeit gaben die Referentinnen und Referenten unterschiedlicher Fachdisziplinen und Institutionen auf den
76

Entwicklungspolitischen Diskussionstagen, die das Studienwerk in Kooperation mit dem Seminar für Ländliche Entwicklung der Humboldt
Universität im April 2003 zu den Themen Armutsbekämpfung, Menschenrechte und Entwicklungszusammenarbeit, Konfliktprävention, Aids und
Tourismus in Entwicklungsländern veranstaltete.

Stipendiatische Arbeitsgruppen und Initiativen

Der „SommerCampus“ des Studienwerks in Bad Bevensen stellt den jährlichen Höhepunkt in der ideellen Förderung dar. Auch der mittlerweile sechste Campus bot wieder eine Vielzahl von Seminaren und Qualifikationsveranstaltungen an. Das Studienwerk setzt hier insbesondere
auf die Mitwirkung und Partizipation seiner Stipen-diatinnen und
Stipendiaten. Während des „SommerCampus“ und auch während der zweimal jährlich stattfindenden Grundseminare für die neu in die Förderung aufgenommenen Stipendiatinnen und Stipendiaten werden diese
aufgefordert, eigene Seminarideen zu präsentieren und umzusetzen.
Stipendiatische Gruppen arbeiteten auch im Jahr 2003 kontinuierlich
und in Eigenregie zu Themen wie „Identität und Nation“, „Politische
Ökologie“, „Kunst und Realität“, „Internationale Zusammenarbeit“
oder „Empowerment“. Arbeitsgruppen sind ein wesentlicher Bestandteil
des Begleitprogramms, in denen Stipendiatinnen und Stipendiaten sich
mit den

Schwerpunktthemen der Heinrich-Böll-Stiftung auseinander-

setzen. Die Arbeitsgruppen nehmen sich in der Regel ein konkretes
über ein bis zwei Jahre dauerndes Arbeitsprogramm vor. Ihr Ergebnis
kann ein Buch, ein Beitrag auf einer Tagung, ein Seminar auf dem
Campus, ein Artikel in dem Online-Magazin Diskus oder ein Film sein
- der eigenen Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ein im
Jahr 2003 erstmals angebotener vorbereitender Workshop zum Projektmanagement unterstützte die Arbeitsgruppen in der Planung und Durchführung ihrer Projekte.

Vernetzung und alumni-Arbeit

Das Studienwerk befördert den Ausbau eines internationalen Kooperationsnetzwerks. Dazu gehört die Zusammenarbeit mit Landesstiftungen
77

und Auslandsbüros sowie mit Hochschulen, Vertrauensdozenten, anderen
Förderwerken und der Austausch von Praktikantinnen und Praktikanten.
Im Jahr 2003 startete das Ehemaligenprogramm mit einer aufwändigen
Verbleibsrecherche. Rund 700 ehemalige Stipendiatinnen und Stipendiaten, die seit 1997 aus der Förderung ausgeschieden sind, wurden
mit einem Fragebogen zu ihren beruflichen Tätigkeitsfeldern, ihrem
ehrenamtlichen Engagement, den bisherigen Kontakten zur Stiftung und
ihren Vorschlägen für eine Alumni-Arbeit befragt. Von den 220 Alumnae/i, die sich bis dato zurückgemeldet haben, sind mehr als die
Hälfte in Wissenschaft und Forschung bzw. Bildung und Erziehung tätig. In den Berufssparten, die sich den Bereichen „Kunst, Kultur und
Medien“ zuordnen lassen, fanden mehr als ein Fünftel eine Beschäftigung. Erstmals im Jahr 2003 fand zudem ein sog. „alumni-salon“ in
Berlin statt, an dem rund 100 Ehemalige aus dem In- und Ausland
teilgenommen haben.

Im Jahr 2003 ist es zudem gelungen, dem Intranet www.boellstudynet.de Leben einzuhauchen: Ob Selbstdarstellungen von Forschungsprojekten, Diskussionsforen zu Arbeitsgruppenthemen, ob regelmäßige Informationen aus dem Studienwerk der Heinrich-BöllStiftung, ob Tagungsberichte, Präsentationen neuer Studiengänge,
Preisausschreiben, Bibliographien etc. – das Intranet bietet Stipendiatinnen und Stipendiaten eine Fülle von Informationen und Austauschmöglichkeiten.

Verhältnisse Studierende/Promovierende:
Studierende insgesamt:
327, davon 106 Neuaufnahmen in 2003
Promovierende insgesamt:
232, davon 45 Neuaufnahmen in 2003
Verhältnis Männer/Frauen unter den im Jahr 2003 geförderten Stipendiaten
und Stipendiatinnen:
163 Männer (29%)
396 Frauen (71%)
Verhältnis der Studienstipendiaten an einer deutschen Universität/Hochschule oder Fachhochschule:
287 Universität/Hochschule
23 Fachhochschule

78

[Grüne Akademie]

Die Grüne Akademie der Heinrich-Böll-Stiftung gab sich im Jahr 2003
mit dem Thema „Verfasstheit der Wissensgesellschaft“ einen neuen
Schwerpunkt für ihre Arbeit. Einen besonderen Blick auf die Herausforderungen, die sich den Bildungsinstitutionen in der Wissensgesellschaft stellen, gab die Maitagung der Akademie. Sie diskutierte
anhand von Beiträgen der Professoren Manfred Fuhrmann, Wolfgang
Edelstein und Gerd de Haan die grundsätzliche Frage, ob sich Schule
auf die Vermittlung von Kompetenzen oder eines Bildungskanons konzentrieren solle.

Auf einer Tagung zu „Irritationen. Abweichendes Wissen in der Wissensgesellschaft“ ging es darum, potenziell irritierenden und verunsichernden Wissensformen nachzudenken und zu fragen, ob die Wissensgesellschaft die Differenz zwischen Norm und Abweichung, Mehrheitswissen und Minderheitenmeinung, Trivialem und Besonderem nivelliert.
Schließlich: Was könne uns wirklich noch aufrütteln, wie könnten
tradierte Vorstellungs- und Deutungswelten aufgebrochen werden?
Prof. Kurt Imhof aus Zürich sprach in diesem Zusammenhang über den
Zwang der Politik zur Skandalisierung und die „öffentliche Empörungsbewirtschaftung“, Prof. Christoph Türcke über Möglichkeiten,
gesellschaftliche Aufmerksamkeit zu erhalten, Prof. Sighard Neckel
über die Rolle der Kritik im kulturellen Kapitalismus. Prof. Frank
Nullmeier, Mitglied der Rürup-Kommission, stellte seine Beobachtungen betreffs „Strategien politischer Wirksamkeit in der Wissensgesellschaft“ zur Diskussion.
Die folgende Tagung setzte sich mit dem „Geist des Empire“ auseinander. Martin Saar von der Uni Frankfurt und Prof. Heinz Dieter Kittsteiner untersuchten die Begriffsbildung des zum Kulttext gewordenen
Buches Empire von Antonio Negri und Michael Hardt. Prof. Micha Brumlik, Dr. Richard Herzinger und Mercedes Bunz, Mitglied der Grünen
Akademie, fragten auf einer öffentlichen Abendveranstaltung nach dem
neuen politischen Subjekt des „Wissensarbeiters“ und der politischen
Funktion von Wissensnetzwerken für eine kritische Theorie der Globalisierung.

79

Mit ihrer Sommerakademie war die Grüne Akademie zum zweiten Mal Gast
im Kloster Neustift bei Brixen in Südtirol. Ausgehend von Vorträgen
u.a. von Professor Michael Daxner und Dr. Georg Krücken widmeten
sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Fragen geistigen Eigentums, den Wissensformen der Biowissenschaften, den Bildungsmöglichkeiten in Nicht-Zivilgesellschaften sowie den Thesen von Manuel
Castells über die Wissens- bzw. Netzwerkgesellschaft. Georg Krücken,
Soziologe aus Bielefeld, warnte vor zu großen Erwartungen in virtuellen Bildungsangeboten: „Die von vielen erhoffte und von vielen befürchtete Durchtechnisierung der Gesellschaft auf der Grundlage des
Internet bleibt eine unrealistische Vorstellung.“ Michael Daxner,
Mitglied der Grünen Akademie, konnte bei seinem Vortrag über die
„Bildung und Erziehung unter den Bedingungen von ethischen Konflikten, Nachkriegssituationen und internationalen Interventionen“ auf
seine besonderen Erfahrungen beim Wiederaufbau der Universität von
Prishtina zurückgreifen. Daxner betonte den besonderen Stellenwert
der Lehrerausbildung in Konfliktgebieten. Man müsse aber auch auf
die Lehrpläne achten, die oft der Selbstherrlichkeit paternalistischer Führungen ausgesetzt seien.

„Wenn realistischerweise so genannte europäische Standards die Zukunft der
Bildungssysteme auf dem Balkan bestimmen werden (müssen?), dann sind doch
die anthropologischen, soziologischen und psychologischen Voraussetzungen
für deren Implementation völlig anders als im westeuropäischen Nach-PISAGemurmel.“ Prof. Michael Daxner

Die Vorträge wie die entstandenen Thesenpapiere können auf
www.gruene-akademie.de nachgelesen werden.

Im vergangenen Jahr hat die Akademie fünf neue Stipendiatinnen und
Stipendiaten der Stiftung unter ihre Fittiche genommen. Auf einem
„Arbeitswochenende“ stellten sie ihre Arbeitsbereiche vor und diskutierten mit dem Philosophen Frieder O. Wolf seine Thesen zur Wissensgesellschaft. Zudem gründeten sie eine eigene Arbeitsgruppe, die
sich mit dem Wissensbegriff und mit Wissensformen beschäftigt. Die
Themen ihrer Dissertationsprojekte stehen alle im Zusammenhang mit
dem Thema „Wissensgesellschaft“, und daher kann die Grüne Akademie
vom Wissen der Stipendiatinnen und Stipendiaten bei all ihren Erörterungen nicht eben wenig profitieren.
80

[Archiv Grünes Gedächtnis]

Die Arbeit im Archiv stand im Jahr 2003 unter dem Eindruck einiger
„runder Geburtstage“ von Bündnis 90/Die Grünen. Am 6. März jährte
sich zum zwanzigsten Mal der erste Einzug der Grünen in den Bundestag, und am 17. Mai konnte in Leipzig der 10. Geburtstag von Bündnis
90/Die Grünen gefeiert werden. Außerdem warf der 25. Geburtstag der
Grünen im kommenden Jahr seine Schatten voraus.

Für das Jubiläum „20 Jahre Grüne im Bundestag“ bestand der Beitrag
des Archivs u.a. in Recherchen zur betreffenden Ausstellung und vor
allem darin, 20 Jahre grüne Politik in den Politikfeldern Energie,
Frieden & Menschenrechte, Asyl & Einwanderung und Grundrechte inhaltlich zu rekonstruieren und durch einschlägige Archivmaterialien
anschaulich zu machen. Die Ausstellung wurde am 29. März eröffnet
und ist seitdem verschiedentlich im Rahmen von Veranstaltungen gezeigt worden.

Die Ausstellung ist auch im Internet präsent:
www.gruene-fraktion.de/rsvgn/rs_rubrik/0,,3233,00.htm

Für die Räume der Heinrich-Böll-Stiftung stellte das Archiv Grünes
Gedächtnis die Ausstellung „Grüne Anschläge - 25 Jahre grüne Plakatkunst“ zusammen, die anhand von Kampagnen-, Themen- und Wahlplakaten
zu einer Auseinandersetzung mit grüner Bildsprache anregen soll. Und
wie so oft, wenn es um Bilder geht, streiten sich auch hier die Geister. Denn die grüne Bilderwelt der 80er Jahre setzt sich deutlich
von derjenigen ab, die von großen Werbeagenturen ab Mitte der 90er
Jahre für Bündnis 90/Die Grünen produziert wird. Die Ausstellung ist
noch bis zum September 2004 in den Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung
zu sehen.

Die vom Archiv veranstaltete Diskussion „Die Bundestagsgruppe Bündnis 90/Die Grünen von 1990-1994: Die Bedeutung der Parlamentsarbeit
der Bürgerbewegung für das bündnisgrüne Projekt“ mit Elisabeth Weber, Reinhard Weißhuhn, Anne Ulrich, Steffi Rönnefarth und Christoph

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Becker-Schaum thematisierte die politischen Voraussetzungen und das
Selbstverständnis der Bürgerbewegungen und ihr Engagement für die
Erhaltung und die Zugänglichkeit der Stasi-Unterlagen sowie für eine
demokratische Verfassung. Ein Film aus den Archivbeständen mit einer
Rede von Ingrid Köppe, in der sie die ambivalente Haltung der Bundesregierung gegenüber der DDR und der DDR-Opposition attackierte,
gab viel Stoff für die Diskussion.

Filme sind eine archivische Herausforderung. Unterschiedliche Filmformate, zu denen oft keine Abspielgeräte mehr vorhanden sind, erschweren die Nutzung. Hinzu kommt die hohe Nutzungsrate, die in
krassem Widerspruch zu den konservatorischen Gesichtspunkten steht.
Jedes Abspielen und Umkopieren eines Videobandes mindert dessen Qualität. Aufgrund der großen Nachfrage zur Benutzung unser Film- und
Videobestände haben wir uns der Herausforderung gestellt, eine nutzerfreundliche und zugleich konservatorisch verträgliche Lösung zu
finden. Sämtliche Wahlspots, die auf verschiedenen Trägermedien wie
Filmrollen, Studio- und Videobändern vorlagen, wurden digitalisiert.
So dass diese jetzt sowohl auf einer Nutzungs-DVD als auch in unkomprimierter Form vorliegen. Die digitalisierten Daten, die regelmäßig
auf neue Medien umkopiert werden müssen, unterliegen so keinem Qualitätsverlust mehr.

Die fortlaufenden Verzeichnungsprojekte haben Findbücher zu sieben
Beständen erbracht. Die neuen Findbücher beziehen sich im Einzelnen
auf den Petra-Kelly-Nachlass, die Deposita von Christa Nickels und
Manfred Such, die Bestände der Bundestagsgruppe Bündnis 90/Die Grünen 1990-1994, des Landesverbandes Brandenburg, des Kuratoriums für
einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder und der Initiative „Journalisten warnen vor dem Atomkrieg“. Die drei zuletzt genannten Findbücher konnten mit Hilfe der Praktikanten Katrin Busch
und Fabian Theurer erstellt werden.

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[Preise]

Friedensfilmpreis 2003 für „In this World“ von Michael Winterbottom

Der Friedensfilmpreis wurde erstmalig 1986 im UNO-Jahr des Friedens
ausgelobt und wird seitdem jährlich im Rahmen der Internationalen
Filmfestspiele Berlin verliehen. Es werden Filme ausgezeichnet, die
ästhetische Qualität mit humanem Denken, demokratischer Grundhaltung
und sozialem Engagement verbinden. Der mittlerweile 18. Friedensfilmpreis ging im Jahre 2003 an den britischen Regisseur Michael
Winterbottom für seinen Film „In this World“. Der Film schildert das
Schicksal zweier Migranten, die dem Elend der Flüchtlingslager im
Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan entfliehen und sich nach
Westeuropa durchschlagen. Winterbottom zeigt die entwürdigenden, gefährlichen und oft auch tragisch endenden Etappen ihres Weges und
erreicht dabei eine Eindringlichkeit und Authentizität, die bisher
im internationalen Kino ihresgleichen sucht. „Der Film rührt uns,
ohne sich anzubiedern, er informiert uns, ohne jemals didaktisch zu
werden. Wenn im Film Zeichen von Menschlichkeit gesetzt werden, geschieht das mit einer intensiven, aber auch immer nüchtern distanzierten Aufmerksamkeit. Wo viele in unserem Land Grenzen errichten
oder ausweiten wollen, da fordert dieser Film dazu auf, Ablehnung
und Angst zu überwinden. Anstatt sie als Wirtschaftflüchtlinge zu
stigmatisieren, werden Flüchtlinge als das angesehen, was sie gerade
heute allzu oft sind: Opfer des Krieges, die ihr Recht auf ein menschenwürdiges Leben wahrnehmen wollen. Wer diesen Film gesehen hat,
wird Migranten mit anderen Augen sehen“, begründete die Jury ihre
Entscheidung. Gestiftet wird der Friedensfilmpreis von der HeinrichBöll-Stiftung und den Internationalen Ärzten für die Verhütung des
Atomkriegs (IPPNW) in Zusammenarbeit mit der Initiative Friedensfilmpreis. Er wird in Form einer Bronzeplastik verliehen und ist mit
5.000 Euro dotiert.

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Hannah-Arendt-Preis für Poltisches Denken 2003 an Michael Ignatieff

Der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken wurde 1994 von Publizisten, Politikern und Wissenschaftlern in Bremen ins Leben gerufen.
Er ist mit 7.500 Euro dotiert und wird vom Senator für Bildung und
Wissenschaft der Freien Hansestadt Bremen und der Heinrich-BöllStiftung Bremen zu gleichen Teilen finanziert. Mit der jährlichen
Vergabe des Preises wollen die Initiatoren nicht nur an die Rolle
Hannah Arendts als eine der prägenden Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts erinnern, sondern auch auf ihre Bedeutung für eine Erneuerung des politischen Denkens hinweisen. Im Jahr 2003 ging der Preis
an den Direktor des Carr Center für Menschenrechtspolitik an der
Harvard University (USA), Michael Ignatieff. Damit zeichnete die international besetzte Jury einen Intellektuellen aus, der als Journalist, Wissenschaftler, Essayist und politischer Denker seit mehr als
zwanzig Jahren einen bedeutenden Beitrag zur Verteidigung und Entwicklung der Idee und Praxis der Menschenrechte leistet. Die Jury
würdigte insbesondere die Qualität seiner politisch, ethisch und geschichtlich sensiblen Zeitanalysen, die sich vor allem auf die Krisenherde unserer Zeit (Ruanda, Kosovo, Afghanistan, Irak) konzentrieren. Ignatieffs Publikationen und politisch intervenierenden Essays können als exemplarische Versuche gelten, das Verständnis der
Menschenrechte mit dem Verständnis der Krisenhaftigkeit unserer politischen Geschichte nach dem Ende des „Kalten Kriegs“ und mit der
neuen Verantwortung des Westens zu verbinden.
Am 27. November 2003, dem Vorabend der Preisverleihung, hielt Prof.
Michael Ignatieff auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung einen
Gastvortrag an der Berliner Humboldt Universität zum Thema „Politik
der Menschenrechte. Sind Menschenrechte eine
brauchbare Leitlinie für politisches Handeln?“. Diskutiert wurde
u.a. die Frage, wem dient und wem nutzt die Berufung auf Menschenrechte? Wie können sie politisch-praktische Wirksamkeit entfalten?
Oder lassen sie sich, wie Ignatieff meint, vor jeden Karren spannen?

„Es besteht die erhebliche Gefahr, dass die Sprache der Menschenrechte zu
einer ungenauen Sprache politischer Sehnsüchte degradiert wird, wenn wir
nicht die Rolle analysieren, die die Rechte bei der Entfachung und dem Ausbau spezieller Formen der ökonomischen Entwicklung haben können.“
Michael Ignatieff in der Humboldt Universität

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Weitere Preise, die von der Heinrich-Böll-Stiftung oder ihren Landesstiftungen finanziell unterstützt werden:

Big-Brother-Awards
„die Oscars für die Datenkraken“ (seit 1998, FoeBud e.V.)

„Knastgeflüster“
Literatur-Wettbewerb für Gefangene in Schleswig-Holstein (seit 1997,
Landesstiftung Schleswig-Holstein)

Medienpreis für die "Kritische Sozialreportage in und über Mecklenburg-Vorpommern" (seit 1997, Landesstiftung Mecklenburg-Vorpommern
u.a.)

Christa-Brandt-Preis für globale Partnerschaft und nachhaltige Entwicklung (seit 2000, Landesstiftung Schleswig-Holstein u.a.)

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[Aus der Stiftung]

Neue Auslandsbüros in Beirut und Mexiko-City

Die Heinrich-Böll-Stiftung eröffnet im Laufe des Jahres 2004 ein Büro in Mexiko City. Das Büro dort wird sich vor allem auf die Freihandelsabkommen (NAFTA, TLC’s, ALCA) sowie das Globalabkommen zwischen der EU und Mexiko und deren Auswirkungen auf soziale, ökologische und wirtschaftliche Belange der Bevölkerung konzentrieren. Weitere Themen sind Geschlechterdemokratie und Ökologie.
Das Büro San Salvador soll mit einer Ortskraft für mindestens drei
weitere Jahre beibehalten werden, um die Kontinuität und Glaubwürdigkeit der Programmarbeit in Mittelamerika zu gewährleisten.

Im Herbst 2004 öffnet ein Büro der Stiftung in Beirut (Libanon). Der
israelisch-palästinensische Konflikt sowie die Frage der Demokratisierung in der Region sind die zentralen Herausforderungen für die
Arbeit der Stiftung im Nahen Osten. Das Büro in Ramallah wird auch
weiterhin die Arbeit in Palästina, in Jordanien und Ägypten koordinieren. Das Büro in Beirut dient vor allem dem friedlichen Dialog in
der Region und zwischen den dortigen Ländern sowie Europa.

10 Jahre Heinrich-Böll-Stiftung in Lahore/Pakistan

Nach zehn Jahren engagierter Arbeit für Frauenrechte, Frieden, Kulturaustausch und Verständigung unter den religiösen Gemeinschaften
in Asien gab es allen Grund, das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in
Lahore gebührend zu feiern. Die Leiterin des Büros, Angelika KösterLossack, stellte anlässlich der Feierlichkeiten im Oktober 2003 vor
allem die grenzüberschreitenden Bemühungen um Aussöhnung in den Mittelpunkt der zukünftigen Arbeit. Im kulturellen Rahmenprogramm kam
das Theaterstück Dukhini zur Aufführung, das den Frauenhandel zwischen Bangladesh und Pakistan thematisiert. Dies war nach dem Krieg
zwischen dem damaligen West-Pakistan und Ost-Pakistan die erste Aufführung, an der pakistanische Theaterleute mit Kollegen aus Bangla-

86

desh zusammenarbeiteten. Beide Theatergruppen sind langjährige Partner der Stiftung.
Ebenfalls zu erleben war die Premiere des Films Mujahid, geschrieben
und gedreht von Shahid Nadeem, einem der führenden Theaterautoren
Pakistans. Sein Thema: die Rekrutierung von orientierungslosen jungen Männern für den Djihad in Afghanistan. Der Film entstand mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung.
Unter den Gästen der Feier waren auch der Gesandte der deutschen
Botschaft in Islamabad, der Kulturminister der Regierung des Punjab
sowie Freunde und Partner der Stiftung in Pakistan.

20 Jahre Stiftung Leben und Umwelt Niedersachsen

Im Mai 2003 konnte die niedersächsische Landesstiftung „Leben und
Umwelt“ ihr 20-jähriges Bestehen feiern. Als echte Vorreiterin auf
dem langen Weg von den ersten Landesstiftungen bis zum stolzen grünen Stiftungsverbund von heute startete das Unternehmen damals als
„Bewegungsstiftung“ mit betonter Parteienferne – schließlich hatten
damals die „neuen sozialen Bewegungen“ Hochkonjunktur. Und Niedersachsen war ein Brennpunkt dieser Bewegungen. „Auch wenn diese heroische Phase der Alternativbewegung Geschichte ist, bleibt es eine
richtige Idee, dass das Grüne Projekt nicht nur in den Parlamenten,
sondern in der Lebenswelt verankert sein muss. Es geht nicht nur um
eine andere Politik, sondern um andere Werte, einen anderen Begriff
vom „guten Leben“ und einen neuen Lebensstil“, so Ralf Fücks in seiner Festrede. Und die grünen Stiftungen seien Teil dieser Lebenswelt
wie auch der Politik – wenn auch in immer neuer Gestalt: als Zukunftswerkstatt, internationale Kooperationsplattform für Bürgerinitiativen und Projekte oder ideenpolitischer Akteur.

87

Die Heinrich-Böll-Stiftung auf den Buchmessen
in Frankfurt und Havanna

Mit einem umfangreichen Programm und der Buchpräsentation Der Krieg
im Schatten - Russland und Tschetschenien präsentierte sich die
Heinrich-Böll-Stiftung beim Russland-Schwerpunkt der Frankfurter
Buchmesse 2003. Florian Hassel, der Herausgeber des Bandes, sah in
dem Tschetschenien-Krieg ein Brennglas für die gegenwärtigen Probleme Russlands. Und Jens Siegert, Büroleiter der Stiftung in Moskau,
betonte das Missverhältnis zwischen der Kriegsmüdigkeit der russischen Bevölkerung und ihrer Gleichgültigkeit gegenüber dem Geschehen.
Neben der Buchvorstellung (in Kooperation mit dem Suhrkamp-Verlag)
und verschiedenen Diskussionsrunden ermöglichte die Stiftung in Zusammenarbeit mit der von Andrej Sacharow gegründeten Menschenrechtsorganisation Memorial (www.memo.ru) eine Ausstellung zu Russlands
Vergangenheit. Damit konnte der Schwerpunkt der Buchmesse um eine
kritische Bewertung aktueller politischer Entwicklungen in Russland
ergänzt werden. Memorial, seit 1990 Partnerorganisation der Heinrich-Böll-Stiftung, war bereits zu Zeiten der Sowjetunion in der umfassenden Aufarbeitung der totalitären Vergangenheit des Landes aktiv. Darüber hinaus machte sich die Organisation in den letzten Jahren im schwierigen Demokratisierungsprozess Russlands als unbeugsame
Kritikerin der Regierungspolitik einen Namen.

Infos zur Ausstellung: www.memorial.de/lang_doku_dt.htm

Auf der VII. Internationalen Buchmesse in Havanna präsentierte die
Heinrich-Böll-Stiftung erstmalig mit einem eigenen Stand ihre spanischsprachigen Publikationen. Als neuesten Band der Reihe
ediciones boell des Regionalbüros El Salvadors wurde der für kubanische Ohren provokanten Titel Leer nos hace rebeldes (Lesen macht rebellisch) vorgestellt – eine spanischsprachige Anthologie Heinrich
Bölls. Zusätzlich zur Buchpräsentation war auch eine Ausstellung zu
Leben und Werk Heinrich Bölls zu sehen. Da ausländische Bücher in
Kuba eher eine Rarität darstellen, sind besonders die internationalen Aussteller umlagert und verzeichnen eine starke Nachfrage. Man
kann annehmen, dass in Kuba ein verkauftes Buch von zehn Personen
88

gelesen wird. Heinrich Böll selbst ist in Kuba hauptsächlich durch
seine beiden Romane Ansichten eines Clowns und Billard um halb zehn
bekannt.

Kirchentag – ihr sollt ein Segen sein!

Die Heinrich-Böll-Stiftung auf einem Kirchentag? „Ihr sollt ein Segen sein“ – das war das Motto des ersten Ökumenischen Kirchentags,
der im Jahr 2003 in Berlin stattfand. Zusammen mit über eintausend
Initiativen und Organisationen informierte die Stiftung über ihre
Arbeit. Viele Jugendliche nutzten die Gelegenheit, sich über die
Stiftung zu informieren. So lautete die meistgestellte Frage am Info-Stand dann auch: „Wie bekomme ich ein Stipendium?“

89

[Gremien] (Stand: April 2004)

Mitgliederversammlung
Margarete Bause, Lukas Beckmann, Kambiz Behbahani, Birgitt Bender,
Dr. Mechthild Bereswill, Maren Bock, Viktor Böll, Dr. Barbara
Böttger, Reinhard Bütikofer, Gisela Erler, Dr. Gernot Folkers,
Jürgen Gneiting, Winfried Hammann, Monika Hantschick, Dr. Cilja
Harders, Annette Hecker, Antje Hermenau, Peter Hettlich, Dorothea
Höck, Georg Hörnschemeyer, Christiane Howe, Michaele Hustedt,
Irmgard Jochum, Ali Kuhlmann, Uta Leichsenring, Kordula Leites,
Reinhold Mau, Christoph Meertens, Brigitte Moritz, Christiane
Overkamp, Dr. Pino Olbrich, Dr. Lothar Probst, Gabriele Rosenbaum,
Heide Rühle, Jörg Sauskat, Dirk Scheelje, M. Max Schön, Kristina
Steenbock, Dr. Tine Stein, Edda Stelck, Gerda Stuchlik, Malti
Taneja, Elisabeth von Thadden, Alena Wagnerova-Köhler, Henriette
Wägerle, Dr. Elisabeth Weber, Reinhard Weißhuhn, Dr. Christine von
Weizsäcker, Volker Wiedersberg

Aufsichtsrat
Maren Bock, Reinhard Bütikofer, Gregor Enste, Jürgen Gneiting, Antje
Hermenau, Christoph Meertens, Kristina Steenbock, Edda Stelck, Gabriele Tellenbach

Frauenrat
Gisela Breil, Maria Brosch, Gülay Gaglar,, Dr. Cilja Harders, Dagmar
Hirdes, Christiane Howe, Irene Reifenhäuser, Alena Wagnerova-Köhler

Koordinationsgremium des Förderkreises
Christian Holtgreve, Mechtild M. Jansen, Helga Metzner, Eva
Quistorp, Edda Stelck

Mitglieder Grüne Akademie
Dr. Gabriele Abels, Prof. Dr. Marie-Theres Albert, Prof. Dr. Joan
Martinez Alier, Biggi Bender, Dr. Mechthild Bereswill, Marianne
Birthler, Prof. Dr. Angelo Bolaffi, Prof. Dr. Christina von Braun,

90

Prof. Dr. Claudia von Braunmühl, Prof. Dr. Hubertus Buchstein, Mercedes Bunz, Prof. Dr. Thomas Christaller, Prof. Dr. Wolfgang Coy,
Prof. Dr. Dr. Michael Daxner, Prof. Dr. Simone Dietz, Rainer Emschermann, Anke Erdmann, Prof. Dr. Gisela Färber, Andrea Fischer,
Dr. Rainer Forst, Ralf Fücks, Karsten Gerlof, Prof. Dr. Arnim von
Gleich, Adrienne Göhler, Cristina Gómez Barrio, Dr. Sigrid Graumann,
Prof. Dr. L. Horst Grimme, Prof. Dr. Boris Groys, Prof. Dr. Hariolf
Grupp, Rebecca Harms, Dr. Jeanette Hofmann, Dr. Otto Kallscheuer,
Dr. Cornelia Klinger, Prof. Dr. Rainer Kuhlen, Dr. Rainer Land, Dr.
Reinhard Loske, Dr. Willfried Maier, Dr. Hendrik Milting, Johannes
Moes, Prof. Dr. Frank Nullmeier, Prof. Dr. U. K. Preuß, Prof. Dr.
Dr. F. J. Radermacher, Dr. Shalini Randeria, Prof. Dr. Jens Reich,
Ulrike Riedel, Prof. Dr. Raúl Rojas, Prof. Dr. Arno Rolf, Krista Sager, Prof. Dr. Thomas Saretzki, Prof. Dr. Birgit Sauer, Joscha
Schmierer, Peter Siller, Dr. Tine Stein, Rena Tangens, Dr. Beatrix
Tappeser, Wolfgang Templin, Ellen Ueberschär, Sybille Volkholz,
Prof. Dr. Harald Wagner, Dr. Frieder Otto Wolf.

Mitglieder der Kuratoriums des Feministischen Instituts
Delal Atmaca, Dr. Mechthild Bereswill, Juliane Freifrau von Friesen,
Adrienne Goehler, Christiane Howe, Renate Künast, Dr. Claudia
Neusüß, Prof. Dr. Hildegard Maria Nickel, Margery Resnick, Viola
Roggenkamp, Claudia Roth, Alena Wagnerova, Gitti Hentschel
(Koordinatorin)

Fachbeirat Nord-Süd
Dr. Muriel Asseburg, Prof. Dr. Marianne Braig, Dr. Achim
Brunnengräber, Ulf Engel, Dr. Tobias Debiel, Ingrid Hoven, Lotte
Leicht, Sabine Meyer, Roger Peltzer, Dr. Shalini Randeria, Wolfgang
Schmitt, Dr. Imme Scholz, Dr. Karl-Heinz Stecher, Klaus Wardenbach,
Dr. Roland Wöhrle-Chon

Fachbeirat Europa/ Transatlantik
Juan Behrend, Prof. Dr. Thomas Bremer, Nika Greger, Dan Hamilton,
Brigitte Luggin, Ludwig Mehlhorn, Jost Langendijk, Helmut Lippelt,
Ulrike Lunacek, Edith Müller, Marc Oliver Pahl, Stefanie Schiffer,
Joscha Schmierer, Frithjof Schmidt, Michaele Schreyer,
91

Prof. Dr. Klaus Segbers, Jan Seifert, Peter Skerry, Jaroslav Sonka,
Rainder Steenblock, Christian Sterzing, Elisabeth Weber

Fachbeirat Studienwerk
Theresia Bauer, Grietje Bettin, Marc Buggeln, Prof. Dr. Gudrun
Ehlert, Dr. Gernot Folkers, Prof. Dr. Gert Jannsen, Dr. Jan Hans,
Charlotte Karibuhoye, Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl, Porf. Dr.
Gerhard Kockläuner, Christine M. Merkel, Prof. Dr. Birgit Menzel,
Susanne Öttl, Prof. Dr. Chirly Santos-Stubbe, Dr. Karin Widmeyer

Fachkommission Bildung
Prof. Dr. Gerd de Haan, Prof. Dr. Wolfgang Edelstein, Reinhard Kahl,
Undine Kurth, Dr. Andreas Poltermann, Dr. Anne Sliwka, Dr. Simone
Schwanitz, Cornelia Stern, Volkmar Strauch, Dr. Dieter Wunder,
Sybille Volkholz (Koordinatorin)

Fachkommission Stadtentwicklung
Franziska Eichstädt-Bohlig, Prof. Dr. Hartmut Häußermann, Dr.
Christine Hannemann, Philipp Oswalt, Maxi Malzahn, Carsten Meyer,
Dr. Klaus-Martin Groth, Joachim Stein, Prof. Dr. Dieter Läpple,
Carola Scholz, Prof. Dr. Detlef Ipsen,Brigitte Karhoff, Winfried
Hammann, Dr. Thomas Rommelspacher, Klaus Habermann-Nieße, Andreas
Feldtkeller, Prof. Dr. Ilse Helbrecht, Rainer Bohne, Dr. Brigitte
Dahlbender, Prof. Dr. Martin Junkernheinrich

Fachkommission Wirtschaftspolitik
Helmut Breiderhoff, Ute Brümmer, Helmut Deeke, Christoph Erdmenger,
Günter Faltin, Gisela Färber, Hartmut Fischer, Dagmer Geffken, Gerd
Grözinger, Albrecht Graf von Hardenberg, Jörg Haas, Hannah Hempell,
Konrad Kingenburg, Dr. Fred Luks, Dr. Eva Mädje, Dr. Andreas Renner,
Dr. Gerhard Schick, Max Schön, Daniela Setton, Elmar Sing, Klaus
Stähle, Marcus Stewen, Martin Stuber, Götz von Stumpfeldt, Susanne
Weis, Franziska Wolff

92

[Finanzen und Personal]

Die Heinrich-Böll-Stiftung hat sich in ihrer Satzung verpflichtet,
den eigenen Verwaltungsaufwand so gering wir möglich zu halten und
alle Mittel sparsam und wirtschaftlich zu verwenden. Gleichzeitig
wirkt sich die allgemeine schwierige Lage im Bundeshaushalt auch auf
die Finanzsituation der Stiftung aus: Die Mittel für die politischen
Stiftungen wurden im Berichtsjahr 2003 gekürzt; und weitere Kürzungen sind abzusehen. Vorstand und Geschäftsführung sind sich darüber
einig, dass diese Kürzungen nicht zu Lasten der Bildungsarbeit der
Stiftung gehen dürfen. Einsparungen sollen vor allem im Verwaltungsbereich erbracht werden. Dies bedeutet, dass die Stiftung noch stärker als bisher ihre Kosten optimieren muss.

Die Stiftung hat damit begonnen, verstärkt Projektmittel bei der Europäischen Kommission zu beantragen, da erfolgreiche Kooperationen
in Europa der stiftungspolitischen Zielsetzung und Schwerpunktbildung entsprechen – und dazu gehört auch eine engagierte Projektarbeit in den europäischen Beitrittsstaaten.

Die Wirtschaftsprüfung für das Jahr 2002 hat von April bis August
2003 in der Heinrich-Böll-Stiftung und ihren 16 Landesstiftungen
stattgefunden. Die Einreichung der Verwendungsnachweise bei den Zuwendungsgebern und der Bericht des Wirtschaftsprüfers erfolgte
fristgerecht. Die Prüfungsberichte – Prüfung der Wirtschafts- und
Finanzführung 2002, sowie des Jahresabschlusses zum 31.12.2002 –
fielen durchweg positiv aus.

Seit dem Jahr 2003 kann die Stiftung die vom Bundesministerium des
Innern zugebilligten Mittel im Verfahren der Selbstbewirtschaftung
verwenden, d.h. es können nicht verausgabte Mittel in das folgende
Geschäftsjahr transferiert werden. Mit der Selbstbewirtschaftung
verfolgt der Zuwendungsgeber vorrangig das Ziel, dass mit den öffentlichen Mitteln sparsamer und effizienter umgegangen wird. Das
sogenannte „Dezemberfieber“ soll hierdurch vermieden werden. Zudem
erhöhen sich durch die Selbstbewirtschaftung die finanziellen Gestaltungsmöglichkeiten der Stiftung, z.B. was die zeitliche Konzentration von bestimmten Projekten und Maßnahmen oder die Bündelung
93

von Beschaffungen angeht. Das Verfahren der Selbstbewirtschaftung
ermöglicht somit eine längerfristige Planung und Steuerung.

Eine besonders erfreuliche Nachricht des Berichtsjahres betrifft die
Räumlichkeiten der Stiftung: Ab dem Jahr 2008 wird sie – wie die anderen politischen Stiftungen auch – über ein eigenes Domizil verfügen. Auch dies soll – gut erreichbar – im Herzen Berlins liegen,
aber verbesserte Arbeitsbedingungen bieten. Darüber hinaus wird es
all das ausstrahlen, wofür die Stiftung steht: nämlich Transparenz,
Ökologie und Demokratie.

VORLÄUFIGE GEWINN- UND VERLUSTRECHNUNG
VOM 1. JANUAR BIS 31. DEZEMBER 2003
2003

2002

Veränderung

Euro

Euro

Euro

in %

Erträge Globalmittelhaushalt *

14.037.880

13.762.428

275.452

2

Erträge anderer Zuwendungsbereiche **

23.969.362

23.434.560

534.802

2

Summe der Erträge

38.007.242

37.196.988

810.254

2

Personalaufwand

7.615.639

7.374.187

241.452

3

Sächliche Verwaltungskosten ***

2.998.983

3.020.346

-21.363

-1

108.459

120.806

-12.347

-10

1.215.032

1.125.118

89.914

8

2.099.767

2.121.980

-22.213

-1

Investitionen (< 5.100 €)
Fachausgaben bezogen auf die
Globalmittel des BMI
Weiterleitung von Zuwendungen
aus dem Globalmittelhaushalt
Fachausgaben bezogen auf die
anderen Zuwendungen
Weiterleitung von BMZ Projektmitteln

5.470.672

4.804.697

665.975

14

18.498.690

18.629.864

-131.174

-1

Summe der Aufwendungen

38.007.242

37.196.998

810.244

2

0

-10

10

Vereinserträge

480.355

693.938

-213.583

-31

Vereinsaufwendungen

471.877

696.800

-224.923

-32

Vereinsergebnis

8.478

-2.862

11.340

Jahresfehlbetrag / Überschuss

8.478

-2.872

11.350

Zwischenergebnis

* enthält die Erträge aus Globalmitteln des BMI, Verwaltungskostenzuschüsse anderer
Zuwendungsgeber und die sonstigen Einnahmen
** enthält Projektmittel des BMZ, des AA, der EU sowie die Mittel für die Studienförderung des BMBF und AA
*** einschl. der Rückstellungen für Risiken

94

Die Heinrich-Böll-Stiftung e.V. finanziert sich fast ausschließlich
aus öffentlichen Zuwendungen. Die Erträge haben sich gegenüber dem
Vorjahr insgesamt um rd. 2% auf 38,0 Mio. € erhöht, doch ist dies
einmaligen Sonderförderungen für Krisengebiete zu verdanken.
Im Jahr 2003 ist es erstmals gelungen, in nennenswertem Umfang Mittel von der Europäischen Union zu erhalten (rd. 625 T€ für 2003,
weitere rd. 1,9 Mio € für die Folgejahre). Hier wird weiterhin ein
Akquisitionsschwerpunkt der Stiftung liegen.
Auf der Ausgabenseite zeigt sich, dass das eingeführte Sparprogramm
der Stiftung bereits Früchte getragen hat. Die Kosten für die laufenden sächlichen Aufwendungen und die Investitionen konnten gemindert werden.
Erfreulich ist des Weiteren, dass der Rückgang des Vereinsvermögens
gestoppt und ein kleiner Überschuss von. rd. 8 T € realisiert werden
konnte. Das Vereinsvermögen stellt allerdings weiterhin nur einen
marginalen Anteil von etwa 1% am Gesamtvermögen dar. Hier wird angestrebt, durch Fundraising, Sponsoring und durch Aktivitäten im Rahmen eines zu erweiternden wirtschaftlichen Geschäftsbetriebs als Risikoabsicherung den Vermögensbestand aufzustocken.

95

Eine ausreichende Liquidität war im Jahr 2003 immer sichergestellt.
Dies bestätigen auch die Bilanzzahlen, die eine Deckung der kurzfristigen Verbindlichkeiten durch die kurzfristig verfügbaren liquiden
Mittel ausweist.

Vorläufige Bilanz vom 1. Januar bis 31. Dezember 2003

AKTIVA
EURO

VORJAHR EURO

173.923

243.193

928

–

1.816.099

1.963.028

828.152

867.018

2.035

2.909

ANLAGEVERMÖGEN
IMMATERIELLE VERMÖGENSGEGENSTÄNDE
Konzessionen, gewerbliche Schutzrechte und ähnliche Rechte und Werte sowie Lizenzen an solchen Rechten und Werten, zuwendungsfinanziert
geleistete Anzahlungen, zuwendungsfinanziert

SACHANLAGEN
Grundstücke, einschließl. der Bauten auf fremden Grundstücken, zuwendungsfinanziert
Betriebs- und Geschäftsausstattung, zuwendungsfinanziert
Betriebs- und Geschäftsausstattung, Verein
geleistete Anzahlungen und Anlagen im Bau, zuwendungsfi-

2.069

nanziert

FINANZANLAGEN
Kautionen

1.333

1.333

56.432

101.519

2.023.240

2.073.357

4.451

19.918

4.906.593

5.274.344

UMLAUFVERMÖGEN
Forderungen und sonstige Vermögensgegenstände
Kassenbestand und Guthaben bei Kreditinstituten

RECHNUNGSABGRENZUNGSPOSTEN

SUMME

96

PASSIVA
EURO VORJAHR EURO
VEREINSVERMÖGEN
Vereinsvermögen zum 01.01.2003

53.903

56.775

8.478

-2.872

2.539.949

2.797.031

1.333

1.333

585.000

−

821.700

851.848

−

715.630

1.331

106.474

gegenüber der EU

19.697

407

gegenüber dem BMZ

42.367

65.550

gegenüber dem AA

42.112

56.048

−

−

464.633

393.183

149.484

26.363

6.653

127.696

-

78.878

169.953

−

4.906.593

5.274.344

Jahresergebnis

SONDERPOSTEN MIT RÜCKLAGEANTEIL
Sonderposten aus Zuwendungen zum Anlagevermögen
Sonderposten aus Zuwendungen zu Kautionen

RÜCKSTELLUNGEN

VERBINDLICHKEITEN
Verbindlichkeiten aus Lieferungen und Leistungen
VERBINDLICHKEITEN GEGENÜBER PROJEKTPARTNERN
aus BMZ-Mitteln
aus AA-Mitteln
VERBINDLICHKEITEN GEGENÜBER ZUWENDUNGSGEBERN

gegenüber dem BVA
SONSTIGE VERBINDLICHKEITEN

RECHNUNGSABGRENZUNGSPOSTEN
gegenüber der EU
gegenüber dem BMBF
gegenüber dem BMZ
gegenüber dem AA

SUMME

97

Die Gesamtmittel für die Internationale Zusammenarbeit sind in etwa
konstant geblieben. Die seit Anfang der 90er Jahre kontinuierlich
zurückgehenden AA-Mittel konnten durch Steigerungen im BMZ-Bereich
und durch verstärkte Einwerbung von EU-Mitteln kompensiert werden.
Im Jahr 2003 erreichte die Einnahmeseite bei allen Stiftungen einen
Höchststand, der vor allem auf einen Anstieg der BMZ-Mittel, und
hier insbesondere einiger Sonderprogramme (Anti-Terror, Armutsbekämpfung), zurückzuführen ist. Die Verteilung der BMZ-Mittel auf die
Regionen ist weitgehend konstant geblieben. Der historisch bedingte
Überhang in Lateinamerika wurde in den vergangenen Jahren abgebaut,
zugleich stiegen die Mittel für Asien. Die erhöhten Mittel für die
Region Nahost ist auf die sehr erfolgreiche Akquise und Bewirtschaftung von EU-Mitteln zurückzuführen. Der Anstieg im Bereich Europa
ist bedingt durch die Verlagerung der Türkeiarbeit vom NahostReferat in das Europa-Referat.

Die Fachmittel für Inlandsprojekte aus BMI-Globalmitteln wurden
in den letzten Jahren sukzessive
erhöht. Für die politische Bildungsarbeit auf Länderebene leitet die Stiftung jährlich etwa
2,1 Mio. € an die 16 Landesstiftungen weiter.

98

Das Studienwerk der HeinrichBöll-Stiftung vergibt jährlich
rund 80 bis 100 Stipendien für
begabte deutsche und ausländische
Studierende sowie Promovierende
aller Fachrichtungen an Universitäten und Fachhochschulen und erhält dafür hauptsächlich Zuwendungen vom Bundesministerium für
Bildung und Forschung (ca. 79%)
und vom Auswärtigen Amt (ca.
20%). Darüber hinaus beteiligt
sich die Stiftung am PraktikantInnenprogramm des Deutschen Bundestags und erhält Drittmittel in
geringem Umfang.

Die Zahl der Beschäftigten hat
sich in den letzten Jahren durch
den weiteren Aufbau der Stiftung
kontinuierlich erhöht. Am
31.12.1999 waren 168 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Inland
beschäftigt, am 31.12.2003 waren
es hingegen 189. Die Zahl der ins
Ausland entsandten Beschäftigten
stieg in diesem Zeitraum von 16
auf 22.

Der Anteil der Migrantinnen und
Migranten, der in der Satzung der
Heinrich-Böll-Stiftung mit 10%
festgelegt ist, ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Stiftung strebt an, diesen Anteil
auch in den oberen Tarifgruppen
zu erhöhen.

99

Der Anteil der in der Stiftung
beschäftigten Männer und Frauen
blieb über die letzten 5 Jahre
nahezu konstant bei ca. 70% Frauen und ca. 30% Männern.

Im Gegensatz zu vielen anderen
Institutionen ist in der Heinrich-Böll-Stiftung der hohe Frauenanteil auf alle Ebenen gleichmäßig verteilt. Auch bei den außertariflichen Vergütungen sind
Frauen mit 46% präsent.

Der konstant hohe Anteil an Teilzeitbeschäftigung zeigt, dass die
Stiftung die Vereinbarkeit von
Beruf- und Privatleben aktiv unterstützt.

100

Rund 54% der Personalkosten fließen in unsere Projekte der politischen Bildung und der internationalen Zusammenarbeit. Projektbezogen arbeiten auch das Studienwerk und das Archiv Grünes
Gedächtnis mit einem Personalkostenanteil von zusammen 11%. Etwa
20% der Personalkosten werden für
administrative Aufgaben aufgewandt. Die Personalkosten der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
sind überwiegend der politischen
Bildungsarbeit zuzurechnen (z.B.
Internetauftritt, Lektorat).
1 inkl. Stiftungsbüro
2 inkl. Grüne Akademie, FI und Gemeinschaftsaufgaben
3 ohne Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Auslandsbüros

101

[Publikationen der Heinrich-Böll-Stiftung: Eine Auswahl]

Globalisierung und Nachhaltige Entwicklung
Zur Lage der Welt 2004 – Die Welt des Konsums
Hrsg. vom Worldwatch Institute in Zusammenarbeit mit Heinrich-Böll-Stiftung
und GERMANWATCH im Verlag Westfälisches Dampfboot
Münster 2004, 324 Seiten, € 19,90
ISBN 3-89691-570-3
Die Umwelt in der Globalisierungsfalle
Hrsg. von M. Engelhardt und M. Steigenberger in Zusammenarbeit mit der
Heinrich-Böll-Stiftung, Hamburg 2003, 208 Seiten, € 12,80
ISBN 3-89965-029-8

Demokratie und Menschenrechte
Der Krieg im Schatten – Rußland und Tschetschenien
Hrsg. von Florian Hassel im Suhrkamp Verlag in Zusammenarbeit mit der Heinrich-Böll-Stiftung, 3. Auflage, Frankfurt a.M. 2003, 258 Seiten, € 11,ISBN 3-518-12326-2
Fiktion einer Verschwörung
Von Djamileh Kadivar. Mit einem Vorwort von Wolfgang Thierse und einer Einleitung von Sonia Seddighi. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin 2003, 192 Seiten, € 6,ISBN 3-927760-46-3

Zeitgeschichte
Gedächnispolitik. Eine kritische Zwischenbilanz
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin 2003, 192 Seiten,
ISBN 3-927760-44-7

€ 8,-

Geschlechterdemokratie und Feminismus
Gender und Militär. Internationale Erfahrungen und Probleme
Hrsg. von Ruth Seifert, Christine Eifler und der Heinrich-Böll-Stiftung im
Ulrike Helmer Verlag, Königstein 2003, 316 Seiten, € 24,95
ISBN 3-89741-131-8

Bildung und Wissenschaft
Selbstständig lernen - Bildung stärkt Zivilgesellschaft
Sechs Empfehlungen der Bildungskommission der Heinrich-Böll-Stiftung
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung im Beltz Verlag,
Weinheim 2004, 240 Seiten, € 16,90
ISBN 3-407-25354-0

Kunst und Kultur
Um etwas Zeit zu retten.
Literatur und Kunst im Heinrich-Böll-Haus Langenbroich
Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung
Berlin 2003, 88 Seiten, € 5,ISBN 3-927760-45-5

102

[Adressen]

Heinrich-Böll-Stiftung
Rosenthaler Str. 40/41
10178 Berlin
Tel.: 030-285340
Fax: 030-28534109
E-mail: info@boell.de
Internet: www.boell.de
Archiv Grünes Gedächtnis
Eldenaer Str. 35
10247 Berlin
Tel.: 030-28534260
Fax: 030-28534-5260
E-mail: archiv@boell.de

Landesstiftungen der Heinrich-Böll-Stiftung

Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg e.V.
Rieckestr. 26, 70190 Stuttgart
Tel.: 0711-26339410 Fax: 0711-26339419
E-Mail: info@boell-ba-wue.de
Internet: www.boell-ba-wue.de
Petra-Kelly-Stiftung
Bildungswerk für Demokratie und Ökologie in Bayern e.V.
Reichenbachstr. 3a, 80469 München
Tel.: 089-24226730 Fax: 089-24226747
E-Mail: info@petra-kelly-stiftung.de
Internet: www.petra-kelly-stiftung.de
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung e.V.
Kottbusser Damm 72, 10967 Berlin
Tel.: 030-6126074 Fax: 030-6183011
E-Mail: info@bildungswerk-boell.de
Internet: www.bildungswerk-boell.de
Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg
Werkstatt für politische Bildung e.V.
Charlottenstr. 30, 14467 Potsdam
Tel.: 0331-2800786
Fax: 0331-292092
E-Mail: info@boell-brandenburg.de
Internet: www.boell-brandenburg.de
Bildungswerk Umwelt und Kultur in der Heinrich-Böll-Stiftung
Plantage 13, 28215 Bremen
Tel.: 0421-352368 Fax: 0421-352389
E-Mail: ruedel.boell@t-online.de
Internet: www.boell-bremen.de

103

Heinrich-Böll-Stiftung Hamburg
umdenken - Politisches Bildungswerk
Max-Brauer-Allee 116, 22765 Hamburg
Tel.: 040-3895270 Fax: 040-3809362
E-Mail: umdenken@t-online.de
Internet: www.umdenken-boell.de
Heinrich-Böll-Stiftung Hessen
Landesstiftung der Heinrich-Böll-Stiftung
Niddastr. 64, 60329 Frankfurt a. M.
Tel.: 069-231090 Fax: 069-239478
E-Mail: info@hgdoe.de
Internet: www.hgdoe.de
Bildungswerk Mecklenburg-Vorpommern in der Heinrich-Böll-Stiftung
Mühlenstraße 9, 18055 Rostock
Tel.: 0381-4922184 Fax: 0381-4922156
E-Mail: boell.m-v@flix.de
Internet: www.boell-mv.de
Stiftung Leben und Umwelt Niedersachsen
Schuhstr. 4, 30159 Hannover
Tel.: 0511-30185711/12 Fax: 0511-30185714
E-Mail: info@slu.de
Internet: www.slu.de
Heinrich-Böll-Stiftung Nordrhein-Westfalen
Huckarder Str. 12, 44147 Dortmund
Tel.: 0231-9144040 Fax: 0231-91440444
E-Mail: info@boell-nrw.de
Internet: www.boell-nrw.de
Heinrich-Böll-Stiftung Rheinland-Pfalz
Rhein-Allee 3D, 55116 Mainz
Tel.: 06131-905260 Fax: 06131-905269
Hauptstaße 21, 67280 Ebertsheim
Tel.: 06359-961800 Fax: 06359-961427
E-Mail: mainz@boell-rlp.de
Internet: www.boell-rlp.de
Heinrich-Böll-Stiftung Saar e.V.
Talstr. 56, 66119 Saarbrücken
Tel.: 0681-583560 Fax: 0681-583536
E-Mail: boell.stiftung@t-online.de
Bildungswerk Weiterdenken in der Heinrich-Böll-Stiftung
Schützengasse 18, 01067 Dresden
Tel.: 0351-4943311 Fax: 0351-4943411
E-Mail: info@weiterdenken.de
Internet: www.weiterdenken.de
Mitwelt - Heinrich-Böll-Stiftung in Sachsen-Anhalt e.V.
Neumarktstr. 9, 06108 Halle
Tel.: 0345-2023927 Fax: 0345-2023928
E-Mail: hbs.sachsen-anhalt@t-online.de
Internet: www.hbs-sachsen-anhalt.de

104

Bildungswerk „anderes lernen“
Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein
Medusastr. 16, 24143 Kiel
Tel.: 0431-9066130 Fax: 0431-9066134
E-Mail: boell.s-h@t-online.de
Internet: www.boell-sh.de
Heinrich-Böll-Stiftung Thüringen
Trommsdorffstr. 5, 99084 Erfurt
Tel.: 0361-5553257
Fax: 0361-5553253
E-Mail: info@boell-thueringen.de
Internet: www.boell-thueringen.de

Auslandsbüros der Heinrich-Böll-Stiftung (Stand Mai 2004)
Afrika
Regionalbüro Ostafrika/ Horn von Afrika
Heinrich Böll Foundation
Forest Road, P.O. Box 10799-00100
GPO Nairobi
Tel: +254-20-3744227/3750329
Fax: +254-20-3749132
E-mail: nairobi@hbfha.com
Internet: www.hbfha.com
Landesbüro Nigeria
Heinrich Böll Foundation
9b, Omo Osagie St.
S.W. Ikoyi, Lagos
Tel: +234-1-47214 65
E-mail: info@boellnigeria.org
Internet: www.boellnigeria.org
Regionalbüro Südliches Afrika
Postanschrift:
Heinrich-Böll-Stiftung
Regional Office Southern Africa
PO Box 2472
Saxonwold, 2132
South Africa
Besucheranschrift:
43 Tyrwhitt Avenue
Melrose, 2196
Johannesburg, South Africa
Tel: +27-11-447 8500
Fax: +27-11-447 4418
eMail: info@boell.org.za
Internet: www.boell.org.za

105

Asien
Regionalbüro Südasien
Heinrich Böll Foundation
76-B, Nisar Road
Lahore Cantt-54800, Pakistan
Tel: +92-42-6666322
Fax: +92-42-6664899
E-Mail: sa@hbfasia.org
Internet: www.hbfasia.org
Regionalbüro Südostasien
Heinrich Böll Foundation
91/9 Umong Soi 5
Tambon Suthep, Muang
50200 Chiang Mai
Tel: +66-53-810430
Fax: +66-53-810124
E-Mail: sea@hbfasia.org
Internet: www.hbfasia.org
Landesbüro Kambodscha*
Heinrich Böll Foundation
#224, 184 Street
Daun Penh (off Monivong Blvd.)
Phnom Penh
Tel: +855 23 210 535
Fax: +855 23 216 482
E-Mail: hbf@camnet.com.kh
Landesbüro Indien*
Heinrich Böll Foundation
C – 4/5, Second Floor
Safdarjung Development Area,
New Delhi 110016
Tel: +91-11-26854405
Fax: +91-11-26516695
E-Mail: india@hbfasia.org
Landesbüro Afghanistan*
Heinrich Böll Foundation
Shahrara Wot. Nr. 45
Across Malalai Maternity Hospital
Kabul
Tel: +93-70-295 972
E-Mail: jawed@hbfasia.org
Projektberater China
No. 18, Bei San Huan Zhong Lu,
Beijing 100011
People's Republic of China
Klaus@hbfasia.org

106

Europa
Regionalbüro Europäische Union
Heinrich Böll Foundation
Rue d’Arlon 15
B–1050 Bruxelles
Tel: +32-2-743 41 00
Fax: +32-2-743 41 09
E-mail: brussels@boell.be
Internet: www.boell.be
Regionalbüro Ost-/ Mitteleuropa (Warschau)
Fundacja Heinricha Bölla
ul. Podwale 13
00-252 Warszawa
Tel: +48-22-831 6356
Fax: +48-22-635 2379
E-mail: hbs@boell.pl
Internet: www.boell.pl
Regionalbüro Ost-/ Mitteleuropa (Prag)
Nadace Heinricha Bölla
Barrandovska 1
CZ-15200 Praha 5
Tel: +420-25181 4173
Fax: +420-25181 4174
E-mail: boell@mbox.vol.cz
Landesbüro Türkei
Heinrich-Böll-Vakfi
Inönü Cad. Haci
Hanim Sok. No. 10/12
Keresteci Apt.
Gümüssuyu - Taksim
TR - 34439 Istanbul
Tel: +90-212-249 15 54
Fax: +90-212-252 31 36
E-mail: info@hbstr.org
Landesbüro Russland
Heinrich Böll Foundation
Grusinskij Pereulok 3-231
RU 123056 Moskau
Tel: +7-095-2541453
Fax: +7-095-9358014
E-mail: info@boell.ru
Internet: www.boell.ru
Regionalbüro Südkaukasus
Heinrich Böll Foundation
South Caucasus Regional Office
Tbilisi, Georgia 380079
Radiani Str. 5
Tel: +995-32- 227705
Fax: +995-32-912897
E-mail: info@boell.ge
Internet: www.boell.ge
107

Regionalbüro Südosteuropa
Fondacija Heinrich Böll
Cekalusa 42
BIH-71000 Sarajevo
Tel: +387-33-260 450
Fax: +387-33-260 460
E-mail: h.boell@bih.net.ba
Landesbüro Kroatien*
Fondacija Heinrich Böll
Berislaviceva 20, HR-10000 Zagreb
Tel: +385 (0)1 4812530
Fax: +385 (0)1 4818977
E-mail: hbs-hr@zamir.net
Landesbüro Serbien/ Montenegro*
Fondacija Heinrich Böll
Resavska 14
11 000 Belgrad
Tel/Fax: + 381 11 30 34 371
E-mail: hbs-bgd@eunet.yu

Lateinamerika
Regionalbüro Brasilien/ Cono Sur
Fundação Heinrich Böll
Rua da Gloria 190, ap. 701
2024 1180 Rio de Janeiro – Gloria
Tel/Fax: +55-21-3852 1104
E-mail: boell@boell.org.br
Internet: www.boell-latinoamerica.org
Regionalbüro Mittelamerika/ Mexiko/ Karibik
Fundación Heinrich Böll
calle José Alvarado 12
Colonia Roma,
Delegación Cuauthémoc
CP 06700
México, D.F.
Tel: +52 55 52642894
E-mail: boell.direccion@integra.com.sv
Internet: www.boell-latinoamerica.org
Landesbüro El Salvador*
Fundación Heinrich Böll
Residencial Zanzibar
Pasaje A-Oriente, No. 24
San Salvador
Tel: +503-274 6812
Fax: +503-274 6932
E-mail: boell.programas@telesal.net
Internet: www.boell-latinoamerica.org

108

Naher Osten
Landesbüro Israel
Heinrich Böll Foundation
Nahalat Binyamin 24
IL-65162 Tel Aviv
Tel: +972-3-516 77 34/ 35
Fax: +972-3-516 76 89
E-mail: hbstl@boell.org
Internet: www.boell.org.il
Regionalbüro Arabischer Naher Osten
Heinrich Böll Foundation
Tal az-Zaatar St. 6, Ramallah
Palestine
P.O. Box 2018 Ramallah, Palestine Authority
Tel: +972-2-296 1121
Fax: +972-2-296 1122
E-mail: boell@palnet.com
Internet: www.boell.de
Regionalbüro Mittlerer Osten
Beirut (im Aufbau)

Nordamerika
Regionalbüro Nordamerika
Heinrich Böll Foundation
Chelsea Gardens
1638 R Street, NW, Suite 120
Washington, DC 20009
USA
Tel: +1-202-462 75 12
Fax: +1-202-462 52 30
E-mail: info@boell.org
Internet: www.boell.org

*Ortskraftbüros

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