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Periodical volume

Full text: KEH Report Issue 3.2005

??? | KEH-Report Seite 1

Akademisches Lehrkrankenhaus der Charité

KEH REPORT
3 | November 2005

Junge, 11 Jahre

WENN KINDER IN DER SCHULE VERSAGEN
DIAGNOSTIK, THERAPIE UND PFLEGE Diagnostische Möglichkeiten bei Schulproblemen | Seite 3 Therapeutische Möglichkeiten | Seite 6

KEH-Report | Kontakt Seite 2

Haus Abteilung/Station T
Evangelisches Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge gGmbH Herzbergstraße 79 10365 Berlin Telefon (030) 54 72 - 0 Telefax (030) 54 72 - 20 00 www.keh-berlin.de keh@keh-berlin.de Geschäftsführung Vorsitzender Geschäftsführer: Dr. Rainer Norden Telefon 54 72 - 21 00 Telefax 54 72 - 21 26 r.norden@keh-berlin.de Theologischer Geschäftsführer: Pastor Dr. Johannes Feldmann Telefon 54 72 - 21 21 Telefax 54 72 - 21 26 j.feldmann@keh-berlin.de Krankenhaus-Betriebsleitung Prokurist und Kaufmännischer Direktor: Michael Mielke Telefon 54 72 - 25 00 Telefax 54 72 - 29 29 m.mielke@keh-berlin.de Ärztlicher Direktor: Prof. Dr. Karl-Ludwig Schulte Telefon 54 72 - 37 00 Telefax 54 72 - 37 03 k.schulte@keh-berlin.de Pflegedirektorin: Dipl.-Med. Päd. Birgit Richter Telefon 54 72 - 21 10 Telefax 54 72 - 21 15 b.richter@keh-berlin.de Leiter Stabsstelle Theologie und Seelsorge: Pfarrer Winfried Böttler Telefon 54 72 - 21 23 Telefax 54 72 - 21 26 w.boettler@keh-berlin.de Seelsorge Pfarrerin R. Schulz (Somatik) Telefon 54 72 - 50 54 Frau E. Krafft (Psychiatrie) Telefon 54 72 - 50 50 Erste Hilfe/Notaufnahme Zentrale Aufnahme 54 72 - 30 02 54 72 - 30 01 1 1 3 103 Gefäßzentrum Berlin Angiologie/Kardiologie CA: Prof. Dr. Karl-Ludwig Schulte Station IN 1/IN 2 Station ITS 2 Angiologie Gastroenterologie/Infektiologie/ Nephrologie CA: PD Dr. Walter Heise Station IN 1 Station IN 3 Station IN 4 Station Dialyse Endoskopie Gefäßchirurgie Chefarzt: PD Dr. Hans Scholz Station CHG 1 Neurologie CA: PD Dr. Hans-Christian Koennecke Station NE 1 Station NE 2 Anästhesiologie und Intensivmedizin CA: Dr. Reinhard Karrenberg Station ITS 1 Chirurgie CA: Dr. Georg Decker Station CH 1 Station CH 2 Urologie CA: Prof. Dr. Peter Althaus Station UR 1 Epilepsie-Zentrum Berlin-Brandenburg Epileptologie und Institut für Diagnostik der Epilepsien gGmbH CA: Prof. Dr. Heinz-Joachim Meencke Station EP 1 Station EP 2 Station EP 3 Ambulanz Psychiatrie u. Psychotherapie des Kindes- u. Jugendalters CÄ: Dr. Kamilla Körner-Köbele Station KP 1 Station KP 2/Tagesklinik Institutsambulanz Psychiatrie und Psychotherapie CA: Prof. Dr. Albert Diefenbacher Station P 1 Station P 2 Station P 5 Station P 6 Station P 9 Station P 10 Station P 7/P 8 Behandlungszentrum für psychisch kranke Menschen mit geistiger Behinderung Institutsambulanz Tagesklinik Herzbergstraße Tagesklinik Boxhagener Straße

elefon

54 72 - 37 01 54 72 - 37 50/60 54 72 -37 45 54 72 - 45 24

1 1 5 3 3 103 103 5 3 3 3 5 105 105 5 5 105 5

54 72 - 37 05 54 72 - 37 50 54 72 - 34 40 54 72 - 37 80 54 72 - 37 90 54 72 - 37 27 54 72 - 47 01 54 72 - 34 20 54 72 - 42 01 54 72 - 42 10 54 72 - 42 20 54 72 - 32 01 54 72 - 32 03 54 72 - 34 01 54 72 - 34 30 54 72 - 34 40 54 72 - 46 01 54 72 - 46 20

4 4 4 4 4

54 72 - 35 01 54 72 - 35 13 54 72 - 35 22 54 72 - 35 30 54 72 - 35 03

7 7 7 19 6 8 8 6 6 6 6 9 52 52 –

54 72- 38 01 54 72 - 38 40 54 72 - 38 50 54 72- 38 15 54 72- 48 01 54 72- 58 30 54 72- 58 50 54 72- 48 20 54 72- 48 30 54 72- 48 40 54 72- 48 50 54 72- 49 03/02 54 72- 49 16 55 49 - 04 85 55 49 - 04 25 29 66 - 84 85

Ambulantes Zentrum 54 72 - 30 20 (Ambulanzen, D-Arzt, vor- und nachstationäre Untersuchungen)
Impressum Herausgeber: Ev. Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge gGmbH Redaktion: Irene Hassel, Ev. Krankenhaus KEH, Telefon 54 72 - 21 32, Bettina Schaarschmidt, Baumgardt Consultants Gestaltung/Produktion: Baumgardt Consultants, Gesellschaft für Marketing & Kommunikation bR Auflage: 3000 Exemplare Bildnachweis: R. Elbracht, Bethel; PatientInnen der KJP, KEH V.i.S.d.P.: KEH, Dr. Rainer Norden

Editorial | KEH-Report Seite 3

Liebe Leserinnen und Leser,
ein ereignisreiches Jahr neigt sich langsam dem Ende zu, doch zuvor möchten wir Ihnen die dritte Ausgabe des KEHReports präsentieren. Das Hauptthema dieses KEH-Reports ist eines, das in den letzten Jahren mehr und mehr in das Interesse der Öffentlichk eit gerückt ist: »Wenn Kinder in der Schule versagen«. Die Gründe für ein Versagen in der Schule sind vielfältig und ebenso vielfältig sind mittlerweile die Möglichkeiten, diese Probleme zu behandeln. Das Team der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters (KJP) hier am KEH hat in dieser A usgabe das Wort. Die Exper tinnen und Exper ten unter der Leitung von Chefärztin Dr. Kamilla Körner-Köbele berichten über diagnostische und therapeutische Möglichkeiten bei Schulproblemen. Außerdem lesen Sie einen Beitrag über den »therapeutischen Alltag« und einen weiteren über den »Lichtenberger Förderverein für psychisch kranke Kinder und Jugendliche e. V .« Nicht zuletzt erzählen Kinder und Jugendliche über ihre Erwartungen an und Erfahrungen mit dem Aufenthalt in der KJP . Weiterhin finden Sie Informationen rund um die Arbeit des KEH, zurückliegende V eranstaltungen wie den Tag der offenen Tür, den BerlinMarathon – sowie einen Bericht über das 2. Bildhauersymposium am KEH: Unter dem Motto »Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, aber die Liebe ist die größte unter ihnen« (1. K orinther 13, 13) haben 6 Künstlerinnen und Künstler im Juli mehrere W oche auf unserem Gelände gearbeitet. Die Skulpturen können Sie bei uns im Park bewundern. Ich hoffe, Sie neugierig gemacht zu haben und wünsche Ihnen viel Vergnügen beim Lesen. Michael Mielke Kaufmännischer Direktor

Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud. O was hat für Herrlichkeiten unser Gott da ausgestreut.
Philipp Spitta, EG 510,1

Inhalt Kontakt Editorial Wenn Kinder in der Schule versagen 2 3 4/5

Therapeutische Möglichkeiten 6/7 bei Schulversagen Der therapeutische Alltag Der schulische Makel 8/9 10

Der Lichtenberger Förderverein 11 Arzt-Lehrer-Fortbildung 11 Veranstaltungen 12 2. Bildhauersymposium im KEH 13 Aktuell Rückblick 14 15

KEH-Report | Diagnostik und Therapie Seite 4

Wenn Kinder in der Schule versagen
Diagnostische Möglichkeiten bei Schulproblemen Dr. Kamilla KörnerKöbele, hier im Therapiegespräch, ist die Chefärztin der KJP

I

ch mache mir große Sorgen … mein Sohn/ meine Tochter hat solche Schwierigkeiten in der Schule…« So oder ähnlich beginnen häufig die Gespräche mit den Eltern bzw. ihren »Problemkindern« in unserer Institutsambulanz. Was ist passiert? Meist bestehen bereits seit längerer Zeit Auffälligkeiten im Schulalltag: die Leistungen sind schlechter als die der Mitschüler oder lassen seit einiger Zeit, mitunter auch ganz plötzlich, nach. Die Lehrer beklagen mangelnde Ausdauer, große Schwierigkeiten, Aufforderungen umsetzen zu können, Regelverstöße, starke Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, zunehmendes Stören des Unterrichts, Ablenkbarkeit, häufiges Dazwischenreden. Mitunter haben die Kinder und Jugendlichen auch Mühe mit der Herstellung dauerhafter und verlässlicher sozialer Bindungen, werden zu Außenseitern und Mobbingopfer n oder haben ein zu geringes Selbstwertgefühl. Große Probleme mit den Hausaufgaben und den vielen »Selbstverständlichkeiten« des Familienalltags gehören dazu. Oft haben Kinder auch erhebliche Probleme beim Erler nen von Lesen und Schreiben, die Lust am Lernen lässt ganz nach und V erhaltensstörungen mit Zappeligk eit und sozialen Einordnungsproblemen können die Folge sein. Wieder andere haben häufig Kopf- und Bauchschmerzen, ohne dass der Kinderarzt eine organische Ursache finden kann. Längere Fehlzeiten in der Schule, ein verpasster Anschluss sowohl an die Gleichaltrigengruppe als auch an den Ler nstoff führen zu Resignation und Rückzug bzw. verringertem Selbstver trauen. Computer und F ernseher werden zum wichtigsten Lebensinhalt. Neben diesen bisher genannten psychischen Auffälligkeiten und Problemen gibt es noch eine Reihe anderer, auf die hier nicht näher eingegangen werden soll. In der Regel ist jedoch die schulische Leistungsfähigkeit bzw. die Bewährung im sozialen Schulalltag deutlich eingeschränkt. Viele Kinder und Jugendliche haben in der Schule Leistungs- und Verhaltensprobleme, nicht Junge Patienten und ihre Gedanken zur Kinder- und Jugendpsychiatrie:
»Ich bin hierher gekommen, weil ich Probleme in der Schule hatte. Ich wollte meine Bauchschmerzen los werden, mein Selbstbewusstsein stärken und wieder zur Schule gehen. Ich bin hier wieder in die Schule* gegangen. Ich gehe anders mit den Menschen in meinem Umfeld um. Mein Selbstbewusstsein ist ein bisschen stärker geworden. Ich bin nicht mehr so aggressiv. Geholfen hat mir, dass die Leute aus der Gruppe auf mich zugegangen sind und ich mich mit der Gruppe gut verstanden habe.« (Mädchen, 15) * »Schule am Grünen Grund«, 5. Sonderschule Berlin-Lichtenberg, Schulleiterin: Marion Timmermann Tel.: (030) 5 43 67 90/
54 72 52 57

selten auch beides. Etwa jedes 5. Schulkind hat eine T eilleistungsstörung, wie z. B. Legasthenie oder Rechenschwäche, jedes 7. eine Lernbehinderung oder geistige Behinderung und mindestens jedes 10. Kind eine ADHS (A ufmerksamkeits-Defizit-Syndrom). Da diese Störungen oft lange unerkannt bleiben, kann es zu chronischer schulischer Überforderung und in der Folge zu emotionalen und sozialen Auffälligkeiten kommen. Ebenso können aber auch Konflikte mit einem Lehrer/Lehrerin, mit Mitschülern oder in der Familie zu erheblichen schulischen Problemen führen. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen. Was ist zu tun? Unbedingt zu empfehlen ist eine kinder - und jugendpsychiatrische Diagnostik, um festzustellen, ob ein Krankheitsbild ursächlich verantwor tlich für die bestehende schulische Problematik ist. Alle Kinder, die unaufmerksam, hyperaktiv oder impulsiv sind, in der Schule versagen oder stark verhaltensauffällig sind, sollten auf Vorliegen von ADHS abgeklärt werden. Nach neueren wissenschaf tlichen Erkenntnissen ist nachgewiesen, dass die Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung (ADHS) keine gutartige Kinderkrankheit ist, die sich spätestens in der P ubertät auswächst. Sowohl »Zappelphilipp« wie auch »Hans-Guck-in-die-Luf t« oder »Paulinchen«, wie sie schon der Kinderarzt Dr. Heinrich Hoffmann 1844 in »Der Str uwwelpeter« beschrieb, können bei Nichterkennen ihrer Problematik, fehlender Behandlung und durch ungünstige äußere Umstände ein Leben lang an ihrer Primärstörung mit eventuellen zusätzlichen schwer wiegenden Folgeerkrankungen stark leiden. Häufig sind schulische Einordnungs- und/oder Leistungsprobleme mit der Hyperaktivitätsstörung verbunden. Aber auch andere Erkrank ungen bzw. psychische Störungen können sich hinter schulischen Pro-

Diagnostik und Therapie | KEH-Report Seite 5

blemen verbergen. Deshalb sollte bei länger als einem halben Jahr bestehenden Schulproblemen eine diagnostische Abklärung psychiatrischer Erkrankungen bzw. Störungen wie z. B. einer möglichen Angststörung, depresssiven Erkrank ung, Stör ung des Sozialverhaltens u. ä. vorgenommen werden. Mitunter liegen auch Entwicklungsverzögerungen, z. B. Störungen der Sprachentwicklung, Rechenstörungen oder Lese-Rechtschreibstörungen vor, die eine Ursache für ein Schulversagen bilden können. Diagnostische Möglichkeiten Es gibt keine spezifischen Testverfahren oder Untersuchungen, die es ermöglichen, eine gestellte Diagnose eindeutig abzusichern. Es handelt sich in der Regel vielmehr um eine sogenannte mehrdimensionale Diagnostik, wobei das Ausmaß der jeweiligen Stör ung manchmal von »noch nor mal« oder von mit anderen Störungsbildern einhergehenden Verhalten nur schwer abgrenzbar ist. Von kinder- und jugendpsychiatrischen Fachverbänden wird deshalb empfohlen: • Eine gründliche Befragung sowohl des Kindes/ Jugendlichen als auch der Eltern. Eine eingehende Er fassung der Anamnese (Lebensgeschichte). • Informationen aus dem Kindergarten bzw. der Schule sowie die Verhaltensbeobachtung des Kindes während der körperlichen und psychologischen Untersuchung bzw. im sozialen Alltag des Kindes (z. B. während einer stationären oder tagesstationären Behandlung), stellen weitere wichtige Untersuchungsinstrumente dar. • Organische Ursachen sollten immer ausgeschlossen werden. So können z. B. bestimmte Kernsymptome der ADHS F olge von Arzneimittelnebenwirkungen sein. Epilepsie, Migräne, Entzündungen u. a. müssen als Ursache ausgeschlossen werden. Ebenso anderere organische Erkrankungen wie z. B. Schilddrüsenstörungen. • Häufigkeit, Intensität und situative Abhängigkeit der Symptome sollten überprüft werden. Hier können Fragebögen eingesetzt werden. • Zur Klärung der Frage, ob eine schulische Leistungsüberforderung vorliegt, sollten psychologische T estverfahren zur Intelligenzdiagnostik sowie der so genannten kog-

»Ich hatte Angst, dass ich mich mit den Jugendlichen nicht verstehen würde. Ich habe befürchtet, dass man mich hier mit Tabletten voll stopfen würde.« (Mädchen, 14)

nitiven Basisvoraussetzungen und schulischer Teilleistungen eingesetzt werden (wie z. B. Konzentrationsfähigkeit, Merkfähigkeit, optischer Wahrnehmungsfähigkeit, Reiz-Reaktionstempo, Lese- und Schreibfertigkeiten). An wen kan man sich wenden? • Bei deutlichen Leistungsproblemen in der Schule, die durch Förderunterricht und elterliche Unterstützung nicht ausreichend in den Griff zu bekommen sind, können sich die betroffenen F amilien an den Schulpsychologischen Dienst des Stadtbezirkes wenden. Dieser kann die psychologische Untersuchung und die Verhaltensbeobachtung in der Klasse durchführen. Je nach Ergebnis dieser Untersuchung erfolgt im Anschluss eine Beratung der Elter n und der Lehrkräf te. Individuelle Förder maßnahmen, z. B. eine Legasthenie-Therapie, aber auch eine Umschulung oder die Empfehlung einer kinder- und jugendpsychiatrischen Untersuchung können nun eingeleitet werden. • Stehen Verhaltensprobleme im V ordergrund können sich Eltern auch direkt an einen niedergelassenen Facharzt für Kinder - und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie wenden oder auch den kinder - und jugendpsychiatrischen Dienst des Stadtbezirkes. Dort werden Verhaltensbeobachtungen, psychologische Tests und weitere spezielle Untersuchungen durchgeführt, um die Familie und – soweit die Elter n damit einverstanden sind – die Schule hinsichtlich geeigneter Maßnahmen wie z. B. W ahrnehmungstraining, Psychotherapie oder auch medikamentöser Therapie (z. B. bei Aufmerksamkeitsstörungen) zu beraten. • Erweisen sich ambulante Maßnahmen als nicht ausreichend bzw. ist die Störung so ausgeprägt, dass die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen bei Verbleib im bisherigen Milieu gefährdet erscheint, kann eine tages- oder vollstationäre Diagnostik und Komplexbehandlung sinnvoll sein. Häufig sind in diesem Falle auch für die Zeit nach der (tages-)stationären Behandlung weiterführende Hilfen in Form von Einzeloder Gruppentherapie oder auch als Jugendhilfemaßnahmen (z. B. Einzelfallhilfe, sozialpädagogische Gruppenarbeit) erforderlich. Andrea Mathe, Psychologin der Institutsambulanz für Kinder- und Jugendliche (PIA)

»Es war hier ganz anders, als ich mit vorgestellt hatte. Ich fand sehr hilfreich, mit den Erwachsenen zu reden. Es hat mir geholfen, mit Paul zu reden. Mir hat gefallen, dass wir immer zusammen gegessen haben. Die Wochenziele fand ich hilfreich, um meine Ziele zu erreichen. Ich fand nicht gut, dass die Betreuer gleich rumgemeckert haben, wenn ich Ausdrücke gesagt habe!« (Junge, 13)

»Ich würde mir wünschen, dass die Jugendlichen und die Erwachsenen netter zueinander sind. Ich fand es gut, dass wir uns jeden Morgen hingesetzt haben und für jeden die Therapien vorgelesen wurden.« (Junge, 15)

KEH-Report | Diagnostik und Therapie Seite 6

Therapeutische Möglichkeiten
bei Schulproblemen

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erden die Kinder und Jugendlichen in unserer Abteilung voll- oder teilstationär aufgenommen, lässt sich in der Regel bereits im Aufnahmegespräch und aus den Vorbefunden ersehen, welcher »Kategorie« von Schulproblemen ein Kind/Jugendlicher am ehesten zuzuordnen ist. Es kann unterschieden werden zwischen Schulangst (Schule an sich ist angstauslösend, wobei traumatisierende Erfahrungen mit Mitschülern und/oder Lehrern aber auch Leistungsüberforderung eine Rolle spielen können), Schulphobie (Angst vor der Trennung von den Eltern steht im Vordergrund), und Schulschwänzen (unerlaubtes F ernbleiben vom Unter richt, ohne dass die Schule Angst auslöst). Ein schnellstmöglicher Schulbesuch hat immer oberste Priorität, um die meist chronifizierte Symptomatik zu unterbrechen. In der Regel gehen einer teilstationären oder stationären Therapie Wochen oder Monate ohne Schulbesuch voraus und die Kinder/Jugendlichen versuchen entsprechend, sich mit ihren »bewähr ten« Muster n zu entziehen. In Absprache mit der »Schule am Grünen Grund« werden daher individuelle Beschulungsmöglichkeiten (verkürzter Unter richt, kleine Ler ngruppen, evt. Einzelbeschulung) organisiert. So kann die Schwellenangst der Kinder/Jugendlichen reduziert werden und sie können Er folge im schulischen K ontext erfahren. Wichtig hierbei ist auch die Einbeziehung der Eltern. Der Schulbesuch als sozial er wünschte und notwendige Norm muss von allen Erwachsenen getragen werden. In einem zu Beginn des Aufenthaltes erarbeiteten Therapieplan werden auch die hinter der Symptomatik liegenden Probleme bearbeitet. Hierbei ergeben sich je nach zugrunde liegender Störung unterschiedliche Akzentsetzungen.

»Ich dachte, dass (hier) nur Psychologen auf mich immer einreden und mich fragen: Hast du Probleme?« (Junge, 12) »Ich dachte, dass man (hier) ausgequetscht wird über die Familie, ob der Vater Drogen nimmt usw., aber ohne dass man’s merkt – hinterlistig.« (Junge, 14)

Schulangst Der Angstauslöser liegt im System Schule, seinen Anforderungen, seinen Personen, seinem Umfeld. Therapeutisch besteht der Fokus in einem ressourcenorientierten Vorgehen, das den P atientInnen eine Korrektur ihrer durch Misser folge und/oder Traumatisierungen geprägten negativen Selbstsicht ermöglicht. In der therapeutischen Arbeit hat dabei das Konzept der Selbstwirksamkeit, also die Erwartungen bezüglich der eigenen K ompetenz, einen zentralen Stellenwert. Fehlt die Überzeugung der eigenen W irksamkeit, über wiegt das Gefühl der Hilflosigkeit. Häufig haben die P atientInnen mit Schulangst die Überzeugung verinnerlicht, den für sie nicht zu bewältigenden leistungsorientierten oder sozialen Anforderungen ausgeliefert zu sein. Einen bedeutenden Teil der therapeutischen Arbeit bilden daher die kreativen Therapien (Kunst-, Musik-, Bewegungs- und Ergotherapie). Hier können die Kinder und Jugendlichen in einem nicht leistungsorientierten Setting die sinnlich nachvollziehbare Erfahrung machen, etwas »bewirken« zu können. Auch Belastendes kann kreativ »verarbeitet« und ausgedrückt werden. Ein anderer wichtiger Aspekt ist der Umgang mit den stressauslösenden Situationen, beispielsweise durch die Einübung von Entspannungsver fahren. Das T rainieren von konkreten Verhaltensweisen (Konfliktvermeidung und Konfliktlösung) in Rollenspielen kann dazu beitragen, dass die Kinder- und Jugendlichen ihre Handlungskompetenz zurück erlangen und sich selbstsicherer mit schwierigen Situationen auseinandersetzen können. Dies gilt vor allem für Kinder und Jugendliche mit stark en Belastungen durch negative Beziehungserfahrungen. Schulphobie Der Schulphobie liegen meist kindliche T rennungsängste zugrunde. Sie spiegeln oft Ängste vor dem Verlust des im familiären Kontext funktionierenden, aber im schulischen K ontext bedrohten Selbstwerts. Dabei können Selbstwer tängste des Kindes und seiner Eltern eng verflochten sein. Deshalb liegt der Akzent neben der beschriebenen Selbstwertstärkung in einer intensiven Familienarbeit. Es geht primär dar um, die Ängste und Befürchtungen, die meist bei Eltern und Kindern mit

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dem Schulbesuch verbunden sind, zu ergründen. Häufig bestehen Beziehungsmuster , die eine selbstständige Entwicklung des Kindes verhindern. Darüber hinaus gibt es Ängste des Kindes oder Jugendlichen, die Eltern allein zu lassen. Meist fordert dies eine weitreichende V eränderung familiärer Beziehungsmuster und hängt maßgeblich von der Fähigkeit und Bereitschaft der Eltern ab, sich mit ihrer – oftmals die Schulvermeidung fördernden – inneren Haltung zu ihren Kindern auseinanderzusetzen (z. B. eigene Ängste). Die Fähigk eit, »loszulassen« und die Unabhängigk eit und A utonomie der Familienmitglieder zu förder n, ist bei Schulphobie Grundlage für eine positive Entwicklung. Schulschwänzen Schulschwänzen hat nicht viel mit Schulangst und Schulphobie zu tun – auch wenn das Phänomen, das Fernbleiben von der Schule, dasselbe ist. Oft ist es Teil einer »Störung des Sozialverhaltens«. Das Verweigern von Anstrengungsbereitschaft kann verschiedene Ursachen haben. Auch hier können Misserfolgserlebnisse, falsche Lernstrategien und mangelnde Bestätigung im Umfeld Schule eine wichtige Rolle spielen. Häufig k ommen schwierige familiäre Rahmenbedingungen und mangelnde positive Identifikationsfiguren hinzu. Schule ist wenig prestigebesetzt. Schuleschwänzen, Herumstreunen und dissoziale Verhaltensweisen sind meist T des eil Rollenbildes, über das die Jugendlichen von der Peergroup Anerkennung und Bestätigung er fahren. Daher ist es häufig besonders schwierig, den circulus vitiosus zu durchbrechen. Über positive Selbstaspekte Anerkennung zu bekommen, ist den Jugendlichen meistens fremd und sie haben in der Regel k eine ausreichenden Ler nstrategien entwickelt, um schulische Erfolge zu erzielen, d. h. sie verfügen über wenig Anstrengungsbereitschaft, Konzentrationsfähigkeit und Ausdauer. Neben positiver Bestärkung sozial anerkannter Verhaltensweisen geht es hier insbesondere um die Einhaltung verbindlicher Regeln und Nor men, die von den Betreuern vorgelebt und durchgesetzt werden. Die Regeln des Stationsalltages sind klar , ebenso die Konsequenzen für Verstöße. Hieraus können die Jugendlichen eine gewisse Sicherheit entwickeln, sozial anerkanntes V erhalten wird »transparent« und sie können positive Bestärkung erhalten. Therapeutisch steht neben der Entwicklung von adäquaten Problemlösungen die Arbeit am Selbstbild und dem eigenen Ich-Ideal im V ordergrund. Ein weiterer Aspekt ist die Entwicklung von Zukunfts-

Quelle: • Höring, H (2001): Schulvermeidendes Verhalten bei Kindern in: Lauth, Brack, Lindenkamp 2001 (Hrsg), Verhaltenstherapie mit Kindern und Jugendlichen. • Lehmkuhl, G., Henning F. und Lehmkuhl, U. (2003). Kognitivverhaltenstherapeutische Behandlungsansätze nicht dissozialer Schulverweigerung: Schulphobie und Schulangst in: Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 52: Vandenhoeck & Ruprecht. • Lehmkuhl, G., Henning F. und Lehmkuhl, U. (2003): Schulverweigerung: Klassifikation, Entwicklungspsychopathologie, Prognose und therapeutische Ansätze in: Prax. Kinderpsychol. Kinderpsychiat. 52: Vandenhoeck & Ruprecht. • Knölker, U., Mattejat, F. und Schulte-Markwort, M. (2000): Kinder- und Jugendpsychiatrie systematisch, S. 291ff, UNI-MED- Verlag AG. • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie (2003). Leitlinien zu Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. Deutscher ÄrzteVerlag.

plänen und -perspektiven. Die Zukunftsprojektion »Ich in 10 Jahren« kann z. B. dazu beitragen, realistische, motivationsfördernde Ziele zu erarbeiten und in einem kleinschrittigen Vorgehen der Realisierung der eigenen Zukunftspläne näher zu kommen. Eine enge Zusammenarbeit mit den Eltern, der Schule und Institutionen der Jugendhilfe ist hier besonders wichtig, da diese Jugendlichen stark gefährdet sind, aus dem sozialen Netz zu fallen und sich dauerhaft dissozial zu entwickeln. Im Rahmen der Komplexbehandlung in unserer Abteilung kann auch eine medikamentöse Behandlung sinnvoll sein, beispielsweise zur V erbesserung der Aufmerksamkeit und Konzentration bei hyperaktiven Kindern und Jugendlichen, die oftmals aufgrund neurobiologischer Beeinträchtigungen die geforderte angepasste und aufmerksame Lernhaltung nicht entwickeln können. Ähnliches gilt bei einer stark depressiven oder ängstlichen Symptomatik, die in der Regel ebenfalls mit einer deutlichen Beeinträchtigung der Konzentrationsfähigkeit einhergeht. Allerdings sind Medikamente nur ein Teil in einem Therapiekonzept, das die psychische, emotionale und soziale Befindlichkeit der PatientInnen berücksichtigt. Unabhängig von den Hintergründen für Schulverweigerung ist es dringend notwendig, schon während des Aufenthaltes an der Entwicklung eines Hilfesystems für die PatientInnen und deren Eltern zu arbeiten. Hierbei erfolgt die Einbeziehung von den Schulen und von weiteren Institutionen (Schulpsychologischer Dienst, KJPD, Jugendamt). Vorrangig geht es hierbei darum, die Kinder und Jugendlichen so zu unterstützen, dass sie die Therapieerfolge in den Alltag übertragen können. Maßnahmen können u. a. folgende sein: Integration in einen adäquaten Schulzweig, kleine Klassen, Maßnahmen der Jugendhilfe oder auch Psychotherapie. Darüber hinaus können ambulante Therapien bei Teilleistungsstörungen (Lese-Rechtschreibschwäche, Rechenschwäche, Störung motorischer Fertigkeiten) vermittelt werden, um längerfristig Defizite zu verringern und somit die Hemmnisse vor einem Schulbesuch abzubauen. Die möglichst schnelle Inanspruchnahme einer Hilfe ist dringend notwendig, um einer weiteren Chronifizierung und damit einhergehend einer psychosozialen F ehlentwicklung entgegen zu wirken. Katrin Schumann, Psychologin im tagesklinischen Bereich (KP 2)

KEH-Report | Pflege und Erziehung Seite 8

Der therapeutische Alltag

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ach dem Prinzip der Gr uppenund Bezugspflege schaffen die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Pflege- und Erziehungsdienstes die Rahmenbedingungen, die für Therapien von Kindern und Jugendlichen in einer Fachklinik erforderlich sind. Milieutherapeutische Aspekte finden u. a. ihren Ausdruck in der Stationsordnung und der Gestaltung des Stationslebens. Konzeptionell wird dem lebhaften Entwicklungsprozess, in dem sich Kinder und Jugendliche befinden, auch dadurch Rechnung getragen, dass Therapie und Erziehung eng aufeinander abgestimmt werden, um dem Bedürfnis nach Halt und Orientierung gerecht zu werden. Nach dem Erstgespräch in der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) besichtigen die Eltern (Sorgeberechtigten) mit ihren Kinder n oder Jugendlichen die Station. Sie erhalten wichtige organisatorische Hinweise zum Ablauf bzw. den Modalitäten der Station. Bis zum Aufnahmetag bleibt die Stationsleitung im wöchentlichen telefonischen Kontakt mit den Sorgeberechtigten. Im Vorfeld der Aufnahme werden die jeweilige Gr uppe und der/die Bezugsbetreuer/-in festgelegt. Am Aufnahmetag findet ein Aufnahmegespräch mit dem Gruppentherapeuten, dem/der Bezugsbetreuer/-in, den Sorgeberechtigten und dem/der Patienten/-in statt. Im Einzelgespräch erhebt der/die Betreuer/-in die Pflegeanamnese. Assistenz bei körperlicher Erstuntersuchung, Erhebung der Vitalwerte des Patienten gehören zu den Aufgaben des Pflege- und Erziehungsdienstes.
Claudia Weichold, Pflegedienstleiterin im tagesklinischen Bereich (KP 2)

Das Team der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
Ein Beispiel aus dem Alltag Ein Junge, wir nennen ihn Max, 8 Jahre: Im sozialen Umfeld werden brutale, tätliche Übergriffe auf Kinder und Erwachsene beschrieben. Den Lehrern in der Schule gegenüber zeigt Max respektloses und ruppiges Verhalten, hält sich nicht an Regeln und Normen. Diagnose: Kombinierte Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen. Max wird am Morgen durch die Mutter auf die Station gebracht, tobt, brüllt, zappelt an der Hand der Mutter. Die Kindesmutter fühlt sich sehr hilflos und überfordert. Nach dem Frühstück besucht Max für zwei Unterrichtsstunden die 2. Klasse der Schule. Während das Kind den Unterricht besucht, nimmt die Krankenschwester/Erzieher/-in an den Visiten teil: CÄVisiten, OÄ-Visiten, Therapiebesprechungen, Sozio-Besprechungen, Supervisionen. Wieder auf der Station, steht Gestalten in der Gruppe auf dem Therapieplan. Die Kinder wollen gemeinsam mit ihren Betreuern eine alte Gartenbank mittels Fliesen in neuem Glanz erstrahlen lassen. (Fortsetzung nächste Seite)

Bei der Übergabe in die Gruppe sucht die Betreuerin den Blickkontakt zum Kind. Klare, einfühlsame Worte, kein Zögern, veranlassen das Kind, sich von der Mutter zu verabschieden und in die Gruppe zu kommen. Die Kindesmutter ist zögerlich, kann die Station kaum verlassen, sucht stete Erklärungen, »warum reagiert mein Kind in fremder Umgebung so ›lieb‹, was macht die Erzieherin so anders«. – Gefahr – Konkurrenz zur Mutter.

Pflege und Erziehung | KEH-Report Seite 9

Stellen Sie sich sechs Kinder im Alter von 4 – 8 Jahren vor, alle wollen den Hammer, das Schleifpapier, die Fliesen und den Kleber zur selben Zeit haben... Durch professionelle Anleitung und Steuerung bekommt jedes Kind eine bestimmte Aufgabe. Voller Eifer beginnt Max zunächst mit einer Drahtbürste die alte Farbe von der Gartenbank zu schleifen. Sehr konzentriert werkelt Max an seinem Arbeitsplatz, bald verlässt ihn der Mut und er sucht die Auseinandersetzung mit anderen Patienten. Durch sein aggressives Verhalten stellt es sich ins Zentrum der Aufmerksamkeit und sucht dadurch die Nähe der Betreuerin. Mit Hilfestellung und liebevoller Konsequenz seitens der Betreuerin kann Max weiter arbeiten. Stolz beendet er seine Arbeit.

Claudia Weichold mit der Therapiegruppe

Beim MIttagessen wird deutlich: Tischsitten sind kaum trainiert. Max ist nicht in der Lage, mit dem Besteck umzugehen, immer wieder fällt das Essen von der Gabel. Die Betreuer üben mit ihm mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen. Sein Körper strafft sich, er sitzt gerade, die Augen strahlen. Nach der stillen Stunde, in der die Kinder sich ruhig für sich beschäftigen, wird Max nach seinem individuellen Therapieplan in die Einzel-, Gruppen-, Ergo-, Musik-, Kunst- oder Bewegungstherapie gehen. Am Nachmittag geht die Gruppe in den Therapiegarten, Sport und Spiel ist für die Kinder ein wichtiger Bestandteil der therapeutischen Förderung des Körpererlebens. Am späten Nachmittag wird Max von der Mutter wieder abgeholt.

Sehr selbstsicher berichtet er über die Erlebnisse seines Tages, von seinen Erfolgen, sucht Lob und Anerkennung. Nachdem Max und die anderen Kinder die Station verlassen haben, erfolgt die ausführliche Dokumentation des Tages in Form eines Beobachtungsberichtes, in dem Verhalten und Interaktion des Kindes festgehalten wird: Insgesamt gestaltete sich der Tag mit Max sehr konfliktgeladen, ständige Präsenz des Pflegeund Erziehungsdienstes war nötig, keine Abweichungen von Grenzen und Regeln. Gute Kommunikation zwischen Therapie und Pflege sind wichtiger Bestandteil unserer Arbeit.

KEH-Report | Jugendliche erzählen ... Seite 10

Der schulische Makel
Aus der gleichnamigen Reportage über zwei 15 jährige Hauptschülerinnen in Hamburg. (Von Kerstin Kohlenberg in DIE ZEIT vom 5. August 2004)

W

er hat Schuld daran, wenn die Kinder nicht ler nen, wenn die Schule k eine Freude macht? Wenn Jugendliche immer weiter zurückfallen und aus Langeweile den Unterricht stören? Die Lehrer sagen zuerst einmal, früher sei das alles nicht so gewesen. Schuld daran, dass es jetzt so ist, seien die Eltern, die sich nicht darum kümmern, dass ihre Kinder Hausaufgaben machen, dass sie Respekt vor A utoritäten haben und sich an Regeln halten. Und die Eltern sagen, falsch, die Lehrer sind schuld, weil sie nicht hart oder zu hart durchgreifen, weil sie die Kinder über- oder unterfordern und weil sie die Kinder nicht mögen. Und die Kinder? Die wursteln sich so durch, immer auf der Seite dessen, der ihnen die Schuld am deutlichsten nimmt. Das Selbstwer tgefühl steht in diesem Alter (14, 15, Anm. der Red.) auf vier, meist wackeligen Beinen, sagt der Psychologe Ulrich Trautwein: der Schule, dem A ussehen, den Elter n und den Gleichaltrigen. W enn ander thalb Beine einknicken, weil das Kind dor t ständig schlechte Erfahrungen macht, kann es das noch verkraften, wenn es jedoch mehr werden, fängt das Kind an, sich als ganzen Menschen abzuwerten.

Im November schikken Annikas Elter n ihre Tochter vier W ochen lang zur K ur nach Sylt. Sie ist zwölf Jahre alt und wiegt 95 Kilo. A uf Sylt macht sie lange Spaziergänge, zusammen mit Kindern, die dringend zunehmen müssen. Das Mittagessen wird gemeinsam eingenommen, und die Dicken tauschen ihre kleinen Rationen gegen die großen der Dünnen. Annika kann tausend Gründe aufzählen, warum das alles nicht funktionierte, Gründe, von denen sie glaubt, dass sie sie nicht beeinflussen kann. Nach innen wird sie immer passiver, nach außen immer aggressiver. Sie gibt das Schwimmen auf und lässt ihre Kaninchen schlachten. Gab es nicht auch interessante Schulstunden oder Dinge, für die du gelobt wurdest, Erfolge, wie beim Schwimmen? Annika schiebt den Unterkiefer vor und schüttelt den K opf. Die W elt ist gegen sie, durch diese Stahlwand, die sie umgibt, dringt kein Lob, auch wenn es geschrien würde. (...)

Aktuelles aus der KJP| KEH-Report Seite 11

Der Lichtenberger Förderverein
für psychisch kranke Kinder und Jugendliche e.V.

D

er Förder verein wurde im Jahr 2002 gegründet. Der Zweck des Vereins ist insbesondere die ideelle und finanzielle Unterstützung der Arbeit der Abteilung für P sychiatrie und P sychotherapie des Kindes- und Jugendalters (KJP) im KEH. Der Förder verein wird vertreten durch die Mitglieder des Vorstands Oberärztin Dr. Rita May, Dr. Roland Scheil und Claudia Haubold. Die zentralen Anliegen des Vereins sind • die Darstellung der Ziele, K onzepte und Arbeitsschwerpunkte der Abteilung KJP in der Öffentlichkeit, • die Intensivier ung der Zusammenarbeit mit Trägern und Organisationen der psychosozialen Hilfe für Kinder und Jugendliche, • die Akquise von Mitteln für die Durchführ ung von Projekten in den Bereichen der präventiven, diagnostischen, therapeutischen und rehabilitativen Arbeit mit Kinder n und Jugendlichen, die Patienten der KJP sind oder waren. Der Verein finanziert sich über Spenden.

Um einen Eindr uck der aktuellen Arbeit zu ver mitteln, laden die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindesund Jugendalters am KEH gemeinsam mit dem Förderverein für psychisch krank e Kinder und Jugendliche e.V zu einer Vernissage: . Am 22. November 2005 wird die A usstellung »Einblicke in die inneren Bilderwelten von Kindern und Jugendlichen« mit Bildern und Objekten, die im Rahmen der Kunsttherapie entstanden sind, eröffnet. Ort und Zeit: Museum Kesselhaus, auf dem Gelände des KEH um 15 Uhr. Interessierte sind herzlich willkommen. Weitere Informationen über den Förderverein und seine Arbeit: Telefon (030) 54 72 - 38 01, www.keh-berlin.de

Arzt-LehrerFortbildung am 18. November »Kinder- und Jugendliche mit ADHS – ein medizinisches, psychologisches oder ein pädagogisches Problem?« – das ist das Thema einer Arzt-Lehrer-Fortbildung, die am Freitag, dem 18. November 2005, 13 –16 Uhr, Festsaal, Haus 22 im KEH stattfindet. Nach einer Begrüßung durch die Chefärztin der KJP, Dr. Kamilla KörnerKöbele und Vorträgen (»ADHS im Lebenslauf – vom Wonneproppen zum Sorgenkind« von Dr. Skrodzki, Forchheim und »Kinder und Jugendliche mit ADHS im schulischen Alltag – wie kann die Schule unterstützen?« von Dr. Berek, Hannover) wird es ausreichend Zeit für Diskussionen mit den Referenten geben.

KEH-Report | Veranstaltungen Seite 12

Termin

Ort

Veranstaltungen Gottesdienst Buß- und Bettag, Pfarrer Winfried Böttler Gottesdienst jeden Sonntag Gottesdienst zum Heiligabend Weihnachtsgottesdienst Altjahrabend 25 Jahre Camerata musica »Jean Baptiste Loeillet«: Barockmusik Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- u. Jugendalters Vernissage: Bilder u. Projekte unserer Patienten im Rahmen der Kunsttherapie Kino im KEH »Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran« Epilepsie-Zentrum Berlin-Brandenburg Yehudi Menuhin »live music now«: Klavierduo Mona und Rica Bard Mozart »Andante mit 5 Variationen in G KV 501, Bizet »Jeux d´enfants opus 22«, Debussy »Petite Suite« Schumann »Bilder aus dem Osten op.66«, Brahms »Ungarische Tänze« (Auswahl) Orgelkonzert an der Turley-Orgel: Dr. Joachim Frisius Musikkreis Morgenstern Lieder aus 6 Jahrhunderten: Instrumental- und Vokalmusik von Bach bis zu den Beatles Epilepsie-Zentrum Berlin-Brandenburg Yehudi Menuhin »live music now«: Nicolas Altstaedt/Violoncello, Sarah Tysman/Klavier Beethoven »12 Variationen für Cello u. Klavier über »Judas Maccabäus«, Marais »La Folia Variationen«, Fauré »Sérénade h-moll«, Mendelssohn-Bartholdy »Sonate Nr.1 B-Dur op. 45«, Martinu »Variationen über ein slowakisches Thema« Weihnachtliches Chorkonzert: Chorgemeinschaft »Bella Musica« Ärztliche Fortbildungen Epilepsie-Kolloquium des Epilepsie-Zentrums Berlin-Brandenburg 09.11. EEG-Kurs (17 bis 18 Uhr) »Welchen Beitrag kann die Epilepsiechirurgie zur Grundlagenforschung leisten?« (18 bis 19.30 Uhr) anschließend Diskussion Vortrag: Prof. Dr. Uwe Heinemann (Charité, Zentrum 2 für Grundlagenmedizin, Institut für Neurophysiologie, Berlin) Neurologisch-algesiologische Fortbildung 23.11. »Mechanismen-orientierte Schmerztherapie am Beispiel häufiger neuropathischer Schmerzsyndrome« Referent: Prof. Dr. R. Baron (Neurologische Klinik, Christian-Albrechts-Universität, Kiel) Epilepsie-Kolloquium des Epilepsie-Zentrums Berlin-Brandenburg EEG-Kurs (17 bis 18 Uhr) »Brauchen wir eine Sozialberatung für Epilepsiepatienten? – Das Beispiel München« (18 bis 19.30 Uhr) anschließend Diskussion Vortrag: Dipl. Päd. Peter Brodisch (Epilepsie-Beratung, Innere Mission München) 14.12. 17 bis 19.30 Uhr Hotel Steigenberger, Los-Angeles Platz 1, 10789 Berlin 16.11. 24.12. 25.12. 31.12. 19.11. 22.11. 23.11. 25.11. 13 Uhr 10 Uhr 16 Uhr 10 Uhr 16 Uhr 16 Uhr 15 Uhr 16 Uhr 20 Uhr Haus 22, Alte Kapelle Haus 22, Alte Kapelle Haus 22, Alte Kapelle Haus 22, Alte Kapelle Haus 22, Alte Kapelle Haus 22, Alte Kapelle Kesselhaus Haus 22, Festsaal Haus 22, Festsaal

06.12. 11.12. 16.12.

16 Uhr 11 Uhr 20 Uhr

Haus 22, Alte Kapelle Haus 22, 1. Etage Haus 22, Festsaal

21.12.

16 Uhr

Haus 22, Alte Kapelle

17.30 Uhr

Haus 22, Clubraum

17 bis 19.30 Uhr

Hotel Steigenberger, Los-Angeles Platz 1, 10789 Berlin

2. Bildhauersymposium| KEH-Report Seite 13

v.li.n.re.: Uli Mathes, Elfi Müller, Max Kowalewski, Franziska Partzsch, Birgit Knappe, Hans-Dieter Schmidt

»Hausgott« Sandstein Elfi Müller

»... aber die Liebe ist die größte unter ihnen«
2. Bildhauersymposium im KEH
»Begegnung« Robinie, Uli Mathes

N

Gemeinschaftsarbeit von Franziska Partzsch und Max Kowalewski, Robinie, Kettensägenarbeit

un aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei, aber die Liebe ist die größte unter ihnen.« (1. K orinther 13, 13) war das Motto des 2. Bildhauersymposiums, zu dem das Ev. Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge im Juli 2005 eingeladen hatte. Sechs Künstlerinnen und Künstler (Birgit Knappe, Franziska Partzsch, Elfi Müller , Uli Mathes, HansDieter Schmidt und Max K owalewski) arbeiteten mehrere Wochen mit den Materialien Holz und Sandstein öffentlich auf dem Gelände. Herausgekommen sind sehr unterschiedliche, beeindruckende Skulpturen. Manche sprechen durch ihre F igürlichkeit, wie die Gruppe der Frauen und Männer, die auf dem Weg erfahren, wie man zueinander kommen kann, aber auch mit T rennungen umgehen muss: Hoffnung und Glauben sind da manchmal unentbehrlich. Andere Arbeiten zeigen abstrakt, wie sich unterschiedliche Menschen und Lebenseinstellungen zueinander verhalten, was verbindet oder auseinander strebt. Die Arbeiten regen zum Nachdenken an, sie provozieren Einsichten und verdeutlichen, dass nicht alles fassbar ist, was unser Leben prägt. Sie geben Anstöße, sich über eigene Hoffnungen klar werden, Glauben zu suchen, um der Vielschichtigk eit des Lebens gerecht zu werden.

»Zeichen – Hoffnung« Robinie, Hans-Dieter Schmidt

»... und hätte der Liebe nicht« Sandstein, Birgit Knappe

KEH-Report | Aktuell Seite 14

Ernest Kipyego, Richard Mutai, Elijah Sang, Kathrin Steinkamp, Kerstin Hinz, Joseph Ngolepus – Sieger 2001, Christopher Kandie – Tempomacher der Olympiasiegerin Mizuki Noguchi, Richard Ngolepus (v.l.n.r.) KEH strebt Zertifizierung nach KTQ an Die Big Band der v. Bodelschwinghschule bei ihrem umjubelten Auftritt am Brandenburger Tor Qualitätsbericht 2004 liegt vor
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des KEH werden sich im Frühjahr 2006 auf den Prüfstand stellen lassen. Ziel ist es, ein Qualitätszertifikat zu erhalten, welches für das deutsche Krankenhauswesen entwickelt wurde. Träger dieses Zertifikates ist die Gesellschaft »Kooperation für Transparenz und Qualität im Krankenhaus«, kurz KTQ. Kernelement der Zertifizierung ist die Selbst- und Fremdbewertung des Krankenhauses anhand eines umfangreichen Kriterienkatalogs. Das Qualitätsmanagement dient dazu, kontinuierliche Verbesserungsprozesse bei den Betriebsabläufen zu erzeugen und die Patienten- und Mitarbeiterzufriedenheit zu erhöhen.

KEH ist Charity-Partner beim Berlin-Marathon
wischen dem SCC Running und den v. Bodelschwingschen Anstalten Bethel sowie der Berliner Tochtergesellschaft KEH wurde im Frühjahr 2005 eine Charity -Partnerschaft begründet. Der Veranstalter von Deutschlands größtem Marathon-Ereignis und Europas größte diakonische Einrichtung wollen sich gemeinsam für die Integration von Menschen mit Behinder ungen einsetzen. Bethel wird zukünftig insbesondere mit seinen Einrichtungen in Berlin-Brandenburg nicht nur beim traditionellen Berlin-Marathon an der Seite des S CC Running, sondern auch bei Jens Garlichs (Bethel, re.) allen anderen Laufverim Gespräch mit dem Regieanstaltungen. renden Bürgermeister Klaus Wowereit (li.) und Am Rande der Laufdem Geschäftsführer des veranstaltungen wird SCC Running Rüdiger Otto über die Arbeit des KEH und Bethels informiert. Die Teilnehmer/innen können direkt über die Homepage des SCC Running für die Arbeit der v. Bodelschwingschen Anstalten in Berlin spenden. Die Einnahmen des Jahres 2005 k ommen dem Berliner Standort des Epilepsie-Zentrums BerlinBrandenburg zugute; im KEH wird ein Bewegungs- und Erlebnisgar ten für epilepsiekrank e Menschen errichtet. Hier sollen für Menschen mit Epilepsie neue Erfahrungswelten eröffnet werden.

Z

Der Qualitätsbericht des KEH ist Ende August erschienen. Er enthält allgemeine und fachspezifische Leitungsund Strukturdaten unseres Hauses sowie Informationen über besondere Schwerpunkte und ambulante Behandlungsmöglichkeiten. Die Krankenhäuser sind gesetztlich verpflichtet, erstmals für das Jahr 2004 einen Qualitätsbericht vorzulegen. Er soll für Versicherte und Patienten Information und Entscheidungshilfe im Vorfeld der Krankenhausbehandlung sein. Der Bericht im Web: www.keh-berlin.de

Rückblick | KEH-Report Seite 15

Ein Sportplatz für das KEH
5. Berliner-Freiwilligen-Tag am 10. September 2005 Geschäftsführer im Gespräch: Dr. Rainer Norden (li.), Pastor Dr. Johannes Feldmann

B

ei strahlendem Sonnenschein fanden sich 35 Freiwillige – unter ihnen die Bezirksbürgermeisterin von Lichtenberg, Christina Emmerich – im KEH ein, um ein paar Stunden Ihrer Zeit und ihr Engagement in den Dienst einer guten Sache zu stellen. Ein Platz, auf dem bis vor k urzem eine Baracke gestanden hatte, ver wandelte sich binnen k urzer Zeit in einen Spor tplatz. Nach getaner Arbeit wurde ein erstes F ußballspiel ausgetragen – natürlich endete es unentschieden! Nach gemeinsamen Mittagessen verabschiedeten sich die fleißigen Helferinnen und Helfer. Der Berliner-Freiwilligen-Tag stützt sich auf das seit Jahren erfolgreiche US-Vorbild des »Day of Caring«. Freiwillige engagieren sich an einem Tag im Jahr gemeinsam für einen guten Zweck. Beim Berliner-Freiwilligen-Tag können alle Bürgerinnen und Bürger für einige Stunden freiwillig aktiv sein und entdecken, wie viel Freude Helfen machen kann. Weitere Infos: www.berliner-freiwilligen-tag.de

Tag der offenen Tür Am Sonntag, dem 4. September, strahlte die Sonne von einem makellos blauen Himmel. Unter dem Motto »In Bewegung« infomierten die Mitarbeiter des KEH über das medizinische Leistungsspektrum des Hauses sowie über Wissenswertes rund um die Gesundheit. Ein Info-Schwerpunkt war die Innere Medizin: Die Besucher hatten u. a. die Möglichkeit, sich an einer Gesundheitsrallye mit Herz-Kreislauf-Check zu beteiligen oder sich

einen Vortrag von Chefarzt PD Dr. Heise zum Thema »Keine Angst vor Darmkrebs – welche Vorsorge ist sinnvoll?« anzuhören. Das Rahmenprogramm bot eine bunte Mischung an Unterhaltung – von Musik, Nostalgiekarrussel über Kletterwand bis zum Obst-, Gemüse-, und Pflanzenverkauf aus Lobetal.

Internist Dr. HansPeter Thomas informiert über einen Gesundheitscheck-up

Klaus Wowereit informiert sich
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit besuchte am 15. Juni beim Hauptstadtkongress »Medizin und Gesundheit« im ICC den Stand des KEH und des EpilepsieZentrums Berlin-Brandenburg (EZBB). Dr. Hans-Beatus Straub

Das Freiwilligen-Team

(Foto re.), Chefarzt der Epilepsieklinik Tabor in Bernau, informierte den Politiker über die Arbeit des EZBB: Das KEH und das EZBB präsentierten sich erstmals beim »Schaufenster der Berliner Gesundheitswirtschaft«, bei dem Berliner Unternehmen den Wachstumsmarkt »Gesundheit« vorstellten.
        
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