Path:

Full text: Die Gropiusstadt / Pfeifer, Olaf

Olaf Pfeifer

Die Gropiusstadt

Neuinterpretation von Großsiedlungen der 60er Jahre am Beispiel der Gropiusstadt in Berlin

2

Die Gropiusstadt
Neuinterpretation von Großsiedlungen der 60er Jahre am Beispiel der Gropiusstadt in Berlin

Diplomarbeit
betreut von Prof. Kees Christiaanse Fachgebiet für Entwerfen einschließlich städtebaulichem Entwerfen Institut für Städtebau und Architektur FB Architektur TU Berlin

von Olaf Pfeifer
Matr.-Nr. 135979
3

4

Inhaltsverzeichnis

Inhalt Zu dieser Arbeit Einleitung Planungsphasen Der Alltag in der Gropiusstadt Diskussion des Planungsprozesses, seiner Hintergründe und seiner Ergebnisse Entwicklungsperspektiven Zielkonzept Literatur Anhang

5 11 13 23 79 129 169 193 209 215

Inhaltsverzeichnis

5

Zu dieser Arbeit Einleitung
Lage

11 13
14

Planungsphasen
Überblick Zur Quellenlage Ideengeschichte: die Planungen vor Baubeginn Die Aufschließungspläne des Senators für Bau- und Wohnungswesen vom Juni/Oktober 1959 1. TAC-Plan vom 15.5.1960 2. TAC-Plan vom 11.4.61 Prinzip-Plan vom 1. September 1961 / Wils Ebert Wettbewerbe für die Teilgebiete Phase der Gebäudeplanungen Die Nachbesserungsplanungen Mitte der 80er Jahre

23
23 25

27 29 39 45 53 60 65

6

Inhaltsverzeichnis

Der Alltag in der Gropiusstadt
Ist die Gropiusstadt typisch? Quellenlage Demographische Merkmale der Wohnbevölkerung Entstehung des Bevölkerungsmix Herkunft der Bewohner Haushaltsstruktur Überbelegung Altersaufbau Erwerbstätigkeit Fluktuation und Veränderung der Wohnbevölkerung Fluktuationsverteilung Eigene Untersuchungen Sozial-räumliche Gliederung Auffällige statistische Blöcke Lebenssituationen und Lebensformen in der Gropiusstadt Wer ist der Gropiusstädter? Rollenmuster Freiräume Rückzug ins Private Nutzung des öffentlichen Raumes: Konflikte Zeitdokument: Christiane F.: Wir Kinder vom Bahnhof Zoo Der Alltag der Gropiusstadt-Bewohner Zielgruppe Kleinfamilie Qualität der Wohnungen Keine Institutionelle Autonomie Probleme der Lage / Mobilität Wer ist wann in der Gropiusstadt? Tagesläufe Lokale Eigenständigkeit Lokale Öffentlichkeit Gemeinschaftseinrichtungen Das Gemeinschaftshaus Selbsthilfegruppen und Initiativen Vereine Haus der Mitte Zeitdokument: Drogenprobleme der 70er Jahre Rezeptionsgeschichte Die Wahrnehmung von außen Pressespiegel Das Bild in der Presse Die Wahrnehmung von innen Zur Aussagekraft von Bewohnerurteilen

79
79 81 82 83 83 84 84 85 86 87 88 92 95 99 100 100 101 102 103 109 109 109 110 112 113 114 114 115 116 116 116 117

119 122 126 Inhaltsverzeichnis 7

Diskussion des Planungsprozesses, seiner Hintergründe und seiner Ergebnisse

129

Die städtebaulichen Leitbilder, räumliche und funktionale Aspekte Die städtebaulichen Leitbilder 129 Hintergrund: Wohnungsbaupolitik 131 Das Wohnhochhaus als Bauform verdichteten Städtebaus 133 Das Dogma der Einheitlichkeit Das Ziel der Gehag 135 Die Interessen der Senatsverwaltung und der Berliner Architektenschaft 136 Gropius’ „Einheit in der Vielfalt“ 137 Sinn, Unsinn und Machbarkeit der Einheitlichkeit 139 Funktionstrennung versus Urbanität 141 Kompositonsprinzipien Nachbarschaften 145 Fraktale Ordnung 147 Sichtbezüge 148 Vielfalt des Außenraums 151 Erlebbarkeit 151 Räumliche und funktionale Verflechtung 153 Das Problem der Straße in der Stadtlandschaft 154 Methodische Aspekte Planung versus Wachstum oder deduktives versus induktives Verfahren155 Reduktion der Gesamtplanung auf technokratische Gesichtspunkte 158 Fehlende Bevölkerungsplanung 160 Fehlende politische Eigenständigkeit 161 Geschichtslosigkeit des Ortes 161 Für wen geplant? 162 Versuch einer Bewertung der Planung 165

8

Inhaltsverzeichnis

Entwicklungsperspektiven
Chancen Räumlicher Umstrukturierung Konzepte der Planungsbehörden Bebauungsplanung Beispiel der Umstrukturierung: die Gropiuspassagen Nachverdichtung Verkehr Straßenverkehr Flughafen ÖPNV Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn Grünplanung Grünzüge Deponie Großziethen

169
173 173 175 178 181 182 183 184 185 187

Zielkonzept
Zieldefinition: Was ist Urbanität Strategie: Neue Nutzungen Vorschläge der DIFU-Studie von 1977 Intensivierung und Konzentration Sicherung der Identität – Zulassen von Veränderungen (Regeln) Sanierungsverfahren Wirksamkeit Erste Überlegungen: Vorschläge für Maßnahmen

193
193 195 195 197 199 202 203 204

Literatur Anhang
Berechnungstabelle zur Bevölkerungsfortschreibung Zur Berechnungsmethode Abbildungsnachweis

209 215
216 219 220

Inhaltsverzeichnis

9

10

Zu dieser Arbeit

In dieser Untersuchung soll die Frage nach dem Umgang mit den Großsiedlungen der Nachkriegszeit, speziell der 60er Jahre, am Beispiel der Gropiusstadt gestellt werden. Dies umfaßt neben einer kritischen Analyse und Beurteilung der Qualitäten, die dieser Siedlungsbau unter heutigen Gesichtspunkten bietet, den Versuch, Strategien für eine Weiterentwicklung dieser Qualitäten anzubieten. Folgende – hier verkürzt wiedergegebene – Arbeitsthesen lagen dabei zugrunde: • Das Ziel der Weiterentwicklung der Siedlung ist die Entwicklung von Urbanität im Sinne eines städtischen, die heutigen Lebensweisen und Wünsche reflektierenden Wohnumfeldes. • Urbanität ist nicht mit einer bestimmten Baustruktur verknüpft, sondern läßt sich in verschiedenen Typologien realisieren. Der analytische Teil beginnt mit einer Darstellung der Planungsgeschichte der Gropiusstadt, bei der der Schwerpunkt auf der Ideengeschichte und den Faktoren, die die ursprüngliche Planung beeinflußten, liegt. Es schließt sich eine Beschreibung der demographischen Merkmale der Wohnbevölkerung sowie ihrer Lebenssituationen und Lebensformen an, der auf einer Zusammenfassung einer Untersuchung des DIFU von 1973 basiert, diese jedoch fortzuschreiben sucht. Hierzu gehört auch der Versuch eines Überblickes über die Rezeptionsgeschichte. Auf diesen Grundlagen aufbauend, werden die einzelnen Merkmale des Planungsprozesses und seiner Ergebnisse diskutiert, was einige eigene Analysen einschließt. Der folgende Teil ‘Entwicklungsperspektiven’ stellt die Teilaspekte der zukünftigen Entwicklung nebeneinander. Der Abschnitt ‘Zielkonzept’ schließlich versucht die Synthese der zusammengetragenen Anforderungen und Erkenntnisse in Form eines vorgeschlagenen Maßnahmenbündels. Dabei laufen einige Studien in Form von Planungsszenarien der entwurflichen Erprobung dieser Vorschläge voraus.

11

12

Einleitung

Einleitung
1

Die Gropiusstadt ist mit ca. 43.000 Einwohnern und 19.000 Wohnungen Berlins größtes Siedlungsvorhaben der Nachkriegszeit. Zusammen mit dem etwa gleichzeitig entstandenen Märkischen Viertel markiert sie den Höhepunkt und gleichzeitig das Ende der Ära groß angelegter, staatlich protegierter Wohnungsbauvorhaben in Berlin. Ihre Planung und Entstehung fällt mit einer Zeit des Paradigmenwechsels im Städtebau zusammen. Das Ideal der in den 50er Jahren noch propagierten „Gegliederten und Aufgelockerten Stadt”1, das im Grunde auf die Gartenstadt-Ideen der Jahrhundertwende und sozialhygienischen Bestrebungen der zwanziger Jahre zurückgeht, wird allmählich von der mehr dem Mythos Großstadt verpflichteten Idee der „Urbanität durch Dichte” abgelöst. In der Gropiusstadt findet sich beides wieder, und zwar in Form der Verschiedenheit des ersten und der letzten Bauabschnitte. Gleichzeitig dokumentiert ihre Planungsgeschichte die Unmöglichkeit einer gestalterischen Masterplanung unter den Bedingungen des Bauwirtschaftsfunktionalismus, der Aufsplittung der Kompetenzen der Planungsträgerschaft und einer Politik des Interessenausgleiches verschiedener Gruppen. Ihre Nutzungsphase zeigt deutlich die Schwächen ihrer Planung, nämlich die mangelnde Berücksichtigung des entstehenden Bevölkerungsprofils, die Orientierung am Mittelmaß, einer Ergebnis- statt Prozeßorientierten Planung, die hieraus resultierende scheinbare Unabänderlichkeit der einmal zementierten Situation, und vor allem des Primates des Wohnungsbaus gegenüber der Schaffung eines ‚Stadtorganismus‘.

vgl. Johannes GÖDERITZ, Roland RAINER, Hubert HOFFMANN: Die gegliederte und aufgelockerte Stadt, Tübingen 1957. Herausgegeben von der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung. Schon das Geleitwort erwähnt, daß die Untersuchung bereits im Zweiten Weltkrieg weitgehend abgeschlossen gewesen (!), aber trotz Abweichung von der Tagesmeinung im Grundsätzlichen durchaus aktuell sei. Ausgehend von einer Kritik an der westlichen Großstadt des beginnenden 20. Jahrhunderts, ihren hygienischen Zuständen, ihrer Zentrumsfixierung, ihrer Abhängigkeit von Verkehrsmitteln, ihrer „uferlosen Vergrößerung” durch „maßlose Zuwanderung”, und der „entarteten” (!!) Hausform des Hochhauses, wird eine Abkehr zu einem maßvollen Städtebau gefordert, die ‚dem Bedürfnis des Wohnens‘ nach Ruhe, Abgeschlossenheit und Naturnähe Rechnung trägt. Der Stadtbürger soll sich in seiner Freizeit der Gemüsezucht im eigenen Garten und der Pflege langlebiger Werte (des Einfamilien-Reihenhauses) widmen, anstatt sie rastlos auf dem Wege zu Vergnügungsstätten aller Art zu verbringen. ‚Elementare biologische Bedürfnisse des Menschen‘ erforderten die soziale und räumliche Gliederung in überschaubare Einheiten, sogenannte Zellen, oder Nachbarschaften, des Stadtorganismus. Im weiteren werden in technokratischer Manier Kriterien und Grenzwerte für idealtypische Siedlungen entwickelt, diese jedoch zusätzlich durch angeblich ‚biologisch‘ notwendige Forderungen ergänzt.

13

Lage
Die Siedlung liegt etwa 10km südlich des Zentrums an der verlängerten Karl-Marx-Allee, einer wichtigen Ausfallstraße in Richtung des 5km entfernten Flughafens und Autobahnkreuzes Schönefeld, unmittelbar an der Stadtgrenze zum Kreis Königswusterhausen, zwischen den ehemaligen Dörfern Britz, Buckow und Rudow. Sie wurde als Verlängerung eines Bandes von Wohnsiedlungen geplant, das sich heute in einer Länge von 5km von der Britzer Blaschkoallee bis Rudow erstreckt. Das 264 ha große Gelände war bis zum Baubeginn im November 1962 im wesentlichen unbebaut und wurde überwiegend landwirtschaftlich/gärtnerisch genutzt. Im Nordwesten grenzt die von der Gehag mit Bruno Taut und Martin Wagner 1925-32 errichtete Hufeisensiedlung bzw. 1954-60 vorgenommenen südlichen Erweiterungen an das Gebiet. 2
2

Zu diesen Siedlungen: Rave/Knöfel S.360/435ff

Lage der Gropiusstadt im Zusammenhang Berlins 14 Einleitung

aus der Bereichsentwicklungsplanung (BEP) 1 und 2 des Bezirksamts Neukölln von 1983

Lage

15

unten: Luftbild des Gebiets der späteren Gropiusstadt von 1959, M. ca. 1/10 000 rechts: der Wildmeisterdamm zwischen Buckow und Rudow um 1956 unten: der Wildmeisterdamm heute

Ansonsten wird das Gelände im Norden von zwischen den Weltkriegen parzellierten und vorwiegend mit Einfamilienhäusern bebauten Geländeflächen bzw. von der Rudower Straße (der Verlängerung der Karl-Marx-Allee) begrenzt. Im Süden und Osten bilden die Trasse der eingleisigen Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn, dahinter liegende Einfamilienhausgebiete und die Stadtgrenze zum Landkreis Königs Wusterhausen die Grenze. Westlich grenzt eine dauerhaft bewohnte Laubenkolonie an. Im Norden durchquert die Johannisthaler Chaussee das Gebiet. In der Mitte des Geländes, zwischen Johannisthaler Chaussee und Lipschitzallee, liegt ein flacher Höhenrücken (ca. +45,0 m ü. NN), nach beiden Seiten fällt das Gelände gleichmäßig auf eine Höhe von 40,0 m ü. NN ab. Der Wildmeisterdamm, die alte Landstraße zwischen den Dörfern Buckow und Rudow – wegen seiner Alleebäume Naturdenkmal – durchquert heute als Fußgängerdiagonale von West nach 0st das Gelände. Als einziges Waldstück lag an der Grenze zwischen Buckow II und Rudow das ‘Rudower Wäldchen’ – auch ‘Vogelschutzwäldchen’ genannt. Es wurde als Landschaftsschutzgebiet später zu einem zentralen Bestandteil des inneren Grünzuges. (s.a. Bandel/Machule 1974, S.5f)

16

Einleitung

Lage

17

18

Einleitung

Historische Karten des Gebiets der heutigen Gropiusstadt links: um 1820 rechts oben: um 1940 rechts unten: um 1960

Lage

19

20

Einleitung

oben: Luftbild der Gropisstadt von 1994 links: Kartenausschnitt mit Umgebung, M. ca. 1/35 000 Lage 21

22

Planungsphasen
links: Schwarzplan der heutigen Gropiusstadt mit Grünbereichen, M. 1/12 500 unten: Bebauungsplan der GEHAG-Planungsabteilung für das Gelände der heutigen Gropiusstadt vom 20.03.1958, M. 1/40 000

Überblick
Die 15-jährige Planungsgeschichte der Gropiusstadt ist laut Jan Rave (1970, S. 213) durch „Verfall und Entstellung des Konzeptes” gekennzeichnet. Diese Ansicht ist durchaus zu belegen; in der Tat weist die heutige Bebauung nur wenig Ähnlichkeiten mit der von Gropius und ‚The Architects Collaborative‘ vorgeschlagenen Anordnung auf. Nicht zuletzt Gropius selbst hat das Projekt BBR in einem Brief an den Senatsbaudirektor Düttmann vom 19.4.66 als „das enttäuschendste, mit dem ich je zu tun hatte” bezeichnet, „da der Kontakt mit den Siedlungsträgergesellschaften fast auf den Nullpunkt gesunken ist.” (Bandel/Machule S.112). Nachdem in einer ersten Phase die Gropius’schen Planungen zweimal überarbeitet worden waren, wobei nur noch einige Ihrer Prinzipien, nicht aber ihre gestalterischen Ideen übrig geblieben waren, wurde das gesamte Resultat zum ‘Flächennutzungsplan’ bzw. zur ideellen Richtschnur erklärt und damit (unversehens) ad acta gelegt. Gleichzeitig erfolgte eine Aufteilung des Gebietes auf mehrere Wohnungsbaugesellschaften als Planungsträger. Gerhard Fehl spricht in seiner ‘Legende vom Stadtbaukünstler’ (1978) von „zwei Phasen der Zersplitterung”, die daraufhin einsetzten: die weitere Aufteilung des Gebietes in Teilflächen im Rahmen der Architektenwettbewerbe, und die Vergabe teilweise einzelner Gebäude an unterschiedliche Architekten – die dadurch weder den Überblick noch das Interesse noch die Möglichkeit einer auf das große Ganze abgestimmten Planung hatten. Bei all diesen Planungsschritten gab es weder einen als wirklich verbindlich festgesetzten Gesamtplan noch eine wirkungsvolle, d.h. mit Entscheidungskompetenzen ausgestattete Koordination.

Überblick

23

Die Initiative zur Planung einer Großsiedlung begann ab März 1958, ausgehend von Dr. Peters, dem Direktor der Gemeinnützige Heimstätten AG (Gehag), einem 1924 gegründeten, gewerkschaftseigenen Wohnungsbauunternehmen. Die Gehag erteilte nach Vorgesprächen mit der Senats- und Bezirksverwaltung im September 1959 als federführender Planungsträger Gropius’ Büro, ‘The Architects Collaborative’, den Auftrag für die Anfertigung eines Bebauungsplanentwurfes. Die Senatsverwaltung beteiligte sich an den Honorarkosten, forderte jedoch, weitere Berliner Architekten und Wohnungsbaugesellschaften an der Planung zu beteiligen. Als Berliner Kontaktarchitekt wurde Wils Ebert, ein früherer Mitarbeiter Gropius’, benannt, der zunächst die Voruntersuchungen besorgte. Parallel dazu wurden von der Senatsverwaltung wesentliche Festlegungen in Bezug auf die Erschließung des Geländes getroffen. Gropius’ erste Planung lag im Mai 1960 vor und wurde von Senat und Gehag-Planungsabteilung stark kritisiert. Zum einen hatte er sich nicht in dem Maße an die Vorgaben der Verwaltung gehalten, wie diese es gehofft hatte, zum Anderen wich sein Vorschlag von der technokratischen Betrachtungsweise der Gehag-Planungsabteilung und auch des Berliner Kontaktarchitekten Wils Ebert etwas ab. Eine zweite, von Gropius im April 1961 vorgelegte Konzeption, die vor allem die bemängelte Erschließung abänderte und eine erste Stufe der Nachverdichtung darstellte, sollte anschließend von Ebert ‘an die Gepflogenheiten der Berliner Bauordnung angepaßt werden’. Bei der Überarbeitung wird „offensichtlich, daß der Berliner Kontaktarchitekt für The Architects Collaborative, Prof. Wils Ebert, engagiert die bei eigenen Berliner Bebauungsplanungen angestrebten städtebaulichen Ziele im Rahmen der TAC-Planung verwirklichen will. Zielsetzungen, die – wie Prof. Walter Gropius erst im Laufe des folgenden Planungsprozesses klarstellt – grundsätzlich mit den TAC-Vorstellungen nicht übereinstimmen.” (Bandel/Machule, S. 11) Das umstrittene Resultat der Überarbeitung, bei der u.a. alle Zeilenbauten in Nord-Süd- oder Ost-WestAusrichtung gedreht wurden, wurde letztendlich zum ‘Flächennutzungsplan’ und zur Grundlage weiterer Wettbewerbe erklärt, womit
24 Planungsphasen

auch Gropius’ Planungen plötzlich unverbindliche Vorüberlegungen und somit mehr oder minder ad acta gelegt waren. Zunächst wurde jedoch der erste Bauabschnitt nach den Ebert’schen Planungen von der Bauabteilung der Gehag allein verwirklicht. Die bei den Wettbewerben für die restlichen Gebiete eingereichten Vorschläge hatten wenig mit Gropius’ Idee, und erst recht nichts miteinander zu tun, was Gropius wiederholt zu mahnenden Worten ob der verlorengehenden Einheit veranlaßte – die indes ungehört verhallten, da weder Gropius, noch dem jeweiligen ‘Koordinator’ wirkliche Entscheidungsbefugnisse zugestanden waren. Lediglich einige seiner konkreten Vorschläge zur Modifikation bestimmter Gebäudehöhen und -stellungen wurden aufgenommen. Letztlich hatte zum Ende der Planung kein Beteiligter, nicht Gropius, und erst recht nicht die ausführenden Architekten, einen Überblick über das Gesamtgebiet. Hinzu kamen sukzessive Erhöhungen der angestrebten Dichte – bereits während der Ebert’schen Überarbeitung, noch stärker aber ab 1964 – , die Erkenntnis, daß vier zusätzliche Schulen untergebracht werden mußten, und die Auflage, für jede (statt zunächst für jede dritte) Wohnung einen PKW-Stellplatz nachweisen zu müssen. Die durch die Nachverdichtung geschrumpften Grünräume wurden durch letztere Maßnahme zusätzlich mit Parkhäusern vollgestellt. Eine planmäßige Kontrolle oder auch nur Erfassung der Zusammensetzung der Wohnbevölkerung hatte es nicht gegeben. Viele der Gebäude waren in einer die Maßstäbe stark vergröbernden Großtafelbauweise erstellt worden. Es mangelte an Einrichtungen zur Betreuung und Betätigung von Kindern und Jugendlichen. Der, wenn auch geschmälert, durchlaufende Grünzug, sowie die U-Bahn-Anbindung waren bereits Grundlage für die Gropius’schen Planungen gewesen.

Zur Quellenlage Die Chronologie der Planung ist in der ‘offiziellen’ Darstellung von Hans Bandel und Dittmar Machule (1974) genauestens dokumentiert. Eine pointiertere Darstellung der widerstreitenden Interessen findet sich in Gerhard Fehls 1978 in der Stadtbauwelt erschienener ‘Legende vom Stadtbaukünstler’. Kerstin Federbuschs 1997 an der GHK publizierte Diplomarbeit ‘GropiusStadt’ gibt einen sehr guten Über- und Rückblick aus heutiger Perspektive, der auch die Nachbesserung der 80er Jahre einschließt. Aus diesem Grunde beschränke ich mich hier darauf, die wesentlichen Aussagen anhand von Zitaten zusammenzustellen und zu diskutieren, um meine eigene Position kenntlich und operational zu machen. Dies schließt, im Unterschied zu Kerstin Federbuschs Arbeit, den Versuch einer Zukunftsprognose und -perspektive ein.

Überblick / Quellenlage

25

26

Planungsphasen

Ideengeschichte: die Planungen vor Baubeginn Die Aufschließungspläne des Senators für Bauund Wohnungswesen vom Juni/Oktober 1959
(vgl. Bandel/Machule S. 24-27) Die sogenannten Aufschließungspläne wurden vom Senator für Bau- und Wohnungswesen als bindende Vorgabe für den von Gropius zu liefernden Städtebaulichen Entwurf verstanden. „Es bestand Einmütigkeit zwischen dem Bezirk und der Hauptverwaltung, daß der örtliche Grünzug, daß Standorte für Schulen und Sportplätze, daß die Straßenführungen und die Führung der U-Bahn durch die Abteilung II und den Bezirk gemeinsam erarbeitet werden sollen, und daß es den Architekten gestattet werden soll, die Gestaltung durchzuführen und die vorgesehene strukturelle Gliederung zu variieren, aber daß sie den niedergelegten Prinzipien zu folgen haben.” (Vermerk Herr Fürlinger/Abt. II SenBauWohn 14.8.59, Bandel/Machule S.23) Demgegenüber bekommt Gropius am 21.9.59 von der Gehag den Gesamtplan des Geländes zur weiteren Vorarbeit „ohne Bindungen”. (Bandel /Machule S. 28) Gerhard Fehl (1979:1518) erklärt den Sinn der Aufschließungspläne und ihrer (von der Behörde angestrebten) Verbindlichkeit wie folgt: „Denn um die für die Großsiedlung erforderlichen Investitionen in den Haushaltsplan des Landes Berlin eintragen zu können, mußte ein Plan vorliegen; um aber die Investitionsprojekte zu tätigen, mußte sichergestellt sein, daß sie nicht lange brach liegen, sondern daß möglichst zügig mit dem Wohnungsbau gefolgt wurde. Kurz: Eile tat not! [...] Folglich wurde Druck auf die Erarbeitung des Gesamtsiedlungsplanes durch Walter Gropius ausgeübt und die Einhaltung des 2. Aufschließungsplanes verlangt.” Im Unterschied zum späteren Entwurf zeigen die Aufschließungspläne eine (zunächst aus entwässerungstechnischen Gründen angelegte3) durchlaufende Hauptverkehrsstraße sowie eine Kernzone mit einer vergleichsweise höheren GFZ (0,9) in der Mitte des Gebietes.
links: 2. Aufschließungsplan der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen vom Oktober 1959, M. 1/12 500 unten: Analyse der ‘inneren und äußeren Lagebeziehungen’ im Gebiet der geplanten Großsiedlung durch Prof. Wils Ebert, 10.12.1959

Ideengeschichte: Juni/Oktober 1959

27

Der Grünzug verläuft unabhängig von der U-Bahn und Straßenführung südlich der Kernzone. Im gesamten Gebiet sind nur Wohn- und Wohnfolgeeinrichtungen, wenige, der unmittelbaren Versorgung des Gebietes dienende Handwerksbetriebe, sowie Geschäfte des täglichen Bedarfs vorgesehen. Darunter versteht das Bezirksamt Neukölln damals 2500qm Einzelhandelsfläche (rund 50 Geschäfte á ca. 50qm) sowie ca. 1500qm Fläche für Kleingewerbe (S.28). Zum Vergleich: Nach einer Meldung der Berliner Zeitung vom 6.2.96 umfaßt 1998 allein das Einkaufszentrum Johannisthaler Chaussee 120 Geschäfte mit 46.000qm Verkaufsfläche (1996: 40 Geschäfte mit 19.000qm).

3

Bandel/Machule S. 23

Einkaufszentrum an der Wutzkyallee in den 70er Jahren

28

Planungsphasen

1. TAC-Plan vom 15.5.1960
Modellfoto des ersten Bebauungsplans von Walter Gropius/TAC (‚1. TAC-Plan‘) vom 19.05.1960, Ansicht von Nordwesten 16.400 WE für ca. 44.000 Personen. 1-2 4 8 14-17 Geschosse: 20,8% Geschosse: 53,4% Geschosse: 17,2% Geschosse: 3,4%

-

-

„Ziele: Eine ausgeglichene Gemeinde, welche die mannigfaltigen Elemente des herkömmlichen Stadtlebens, so wie Schulen, Parkanlagen, Wohnstätten, Erholungsflächen und Geschäfte, in sich verbindet. Günstige Eingliederung der Gemeinde in ihre Umgebung. Fußgängerverkehr, der für eine ruhige, sicherere und angenehmere Umgebung sorgen wird. Anerkennung des Menschen im Verhältnis zum Maßstab der Stadt.” (Erläuterungsbericht, Bandel/Machule S. 33)

Bereits die erste Planung von TAC versucht, eine räumliche Vielfalt herzustellen. Dazu bedient sie sich eines genau definierten (und als verbindliches, vereinheitlichendes Element verstandenen), fein abgestuften Kanons von Außenraumtypen:
Ideengeschichte: 1.TAC-Plan 29

Erläuterungsskizzen zum 1. TAC-Plan

30

Planungsphasen

•

das übergeordnete Grün

• •

der grüne Gürtel der große Hof

•

der kleine Hof

•

der Eingangshof

•

der Fußweg

•

die Fußwegkreuzung

•

der Laden-Fußweg

etwas formell, definiert durch deutliche Ränder, Fußwege, Straßen usw. Es ist ein organisierter Raum, dessen verschiedene Elemente eine oder mehrere sämtlicher Altersgruppen der Familie anziehen sollte. Der natürliche, Ruhe gewährende Schirm für Wohnungen und Spaziergänger (Baumpflanzung) ist ein formeller Raum, dessen Architektur, wie auch evtl. Baumgruppen, einen ruhigen Hintergrund für die Fußgänger-Aktivitäten bieten werden. (Niveauwechsel / Sitzgelegenheit / Baumgruppe) Dieser Raum wird von den umstehenden Gebäuden definiert. Seine Ausmaße werden ein gegenseitiges Gewahr-Werden erlauben, aber den gegenüberliegenden Einheiten immer noch die nötige Unabhängigkeit garantieren. (Eingang vom Parkplatz zur Wohnung) der gemeinsame Eintrittsraum für ein, zwei oder mehr Gebäude. Ein gesellschaftlicher Plan, der als ein Freiluft-Wohnraum, als Treff-Platz angesehen wird. stellt ein zentrales Thema dar, und sollte kräftig sein, um einen bestimmenden Entwurfscharakter zu etablieren. ein wichtiger Brennpunkt von geringem Ausmaß, welches das Zusammentreffen und die Unterhaltung fördern dürfte. ist vereint mit dem Charakter des Fußweges. Kraftwagen-Parkgelegenheiten außerhalb.

1.TAC-Plan

31

Der 1. TAC-Plan vom 19.05.1961, M. 1/12 500 32 Planungsphasen

In bewußter Abweichung von den Vorgaben wird versucht, durch lokale Konzentration und Verflechtung der Zentren mit dem Grünraum eine belebte Abfolge stark wechselnder Dichten zu erzeugen. Die Baumasse konzentriert sich nicht, wie im Senatsplan, in einem zentralen Bereich entlang der U-Bahn. Dadurch, so bemängelte die Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, werden die Fußwege für die ÖPNV-Benutzer verlängert, die zunächst den Grüngürtel durchqueren müssen (Bandel/Machule S.41f) Die drei Zentren „reiten” auf dem Grün (d.h. teilen es). Die Senatsverwaltung kritisiert die Ansätze einer Mischnutzung in den Zentren: „Allgemein kann gesagt werden, daß die ... ausgewiesenen Zentren etwas zu groß ausgelegt sind. ... d.h., daß die angesetzte Geschoßflächenzahl nur zu einem geringen Prozentsatz gewerblich genutzt wird.” (Bandel/Machule S.42) Der TAC-Plan sieht aber neben diesen Zentren und dem Typus des ‘Laden-Fußweges’ keine gemischt genutzten Bereiche vor. Dazu heißt es lapidar: „Industrie- und Arbeitszentren werden in verschiedenen Lokalitäten Groß-Berlins gefunden” (Einleitender Bericht, Bandel/Machule S.36). Gleichzeitig zu dem auf S.33 beschriebenen Kanon von Außenraumtypen benutzt TAC ein Vokabular von drei Bebauungstypen: • (geöffneter) Kreis, • ‘Rechteck’ (an den Ecken offenes U) • (lange) Zeile (meist als Doppelzeile, d.h. ‚Straße‘). Wils Ebert übt Kritik an dieser Gebäudetypologie des 1. TAC-Planes, die er offenbar für formalistisch und zu wenig an der Funktion orientiert hält: „Der Aufbau des Planes auf der Geometrie verhafteten Bebauungsformen ergibt eine vielfältige Raumfolge im Gesamtplan. Das Rechteck liegt – konsequent zur Sonne gesetzt – in der Nähe des früheren Zeilenprinzips. Die lineare Form wird ihren Sinn auch dann noch behalten, wenn die Einzelzeilen auf eine erträg-

Erläuterungsskizzen zum 1. TAC-Plan

Ideengeschichte: 1.TAC-Plan

33

liche und von der Gehag gestalterisch noch zu bewältigende Länge gekürzt werden. [...] Der Kreis, bzw. Kreisteile, ist von außen gesehen ein gutes Merkmal, ein Richtbau. [...] Was sollen sie sein: nachbarlicher Treffpunkt oder Kinderspielplätze mit einigen Ruhebänken? Zu beachten ist, daß Schallwellen hier stark reflektiert werden.” (S.43) Der Kreis ist eine symbolische Bezugnahme Gropius‘ auf das 2,8 km entfernte Hufeisen von Taut und Wagner, das aus der Umbauung eines landschaftstypischen Teiches entstand, aber (u.a. im Logo der Gehag) zum Symbol für den Genossenschaftsgedanken wurde. Der leitende Architekt der Gehag, Otto Scheibe, kritisiert ebenfalls diese Ringbauten: „ [daß] die starke Krümmung des Baukörpers sich schon ungünstig auf den Wohngrundriß auswirkt, außerdem an den ungünstigen Teilen unangenehme Verschattungen auftreten. [...] Die Häufung dieses Bebauungselementes sollte bei der jetzigen Planüberarbeitung entfallen.” (S. 45) Gropius gegenüber formuliert er im Januar 61 etwas vorsichtiger: „Wir bevorzugen hier ... die reine Ratiolösung, also ein Optimum an Besonnung und Zuschnitt der einzelnen Grundrisse. Wir würden es begrüßen, wenn es ihrer [Gropius] Kunst gelänge, ... auch mit freistehenden Blöcken Raumwirkung zu erzielen und Einheiten zu bilden, die in etwa einen Effekt ergeben wie im Hufeisen.” (Bandel/Machule S.49) Gerhard FEHL (1979:1518) sieht in der Abneigung Scheibes und Eberts gegen die Ringbauten die Angst, daß die Architekten späterer Bauabschnitte damit zu stark gebunden würden.4 Der Bogen des übergeordneten Grünzuges gibt im 1. TAC-Plan als formal dominantes Element die Ausrichtung aller Gebäude in der ganzen Siedlung vor: sie stehen entweder tangential oder radial zum Hauptgrünzug. Dieser übergeordnete Grünzug wird als ‚aktiviertes Grün‘ verstanden, d.h. mit Sport- und Freizeiteinrichtungen durchsetzt – damit allerdings auch funktional determiniert. Die Senatsverwaltung für Bauund Wohnungswesen ist der Auffassung, daß Sportanlagen nicht im öffentlichen Grünzug liegen sollten, da sie (in Berlin) weder grün, noch öffentlich zugänglich bzw. durchwegbar sind. Durch Doppelung
34 Planungsphasen

4

Fehl belegt diese Aussage aber nicht mit Quellen. Allerdings ist es möglich, Gropius’ Äußerungen Scheibe und Ebert gegenüber dahingehend auszulegen: „Aber es ist absolut möglich, daß gewisse grundlegende Dinge festgelegt werden, die jeder zu befolgen hat. Das ergibt nicht zu große Schwierigkeiten für die mitarbeitenden Architekten, da ist genügend individuelle Freiheit möglich innerhalb dieser Regeln. Die Folge der Materialien, aber auch die Größenverhältnisse und gewisse Maßstabsgrundlagen sind eine wichtige Sache, sonst kriegen wir wieder ein Ragout von vielen verschiedenen Dingen. Es muß eine gewisse Einheit durch das Ganze durchgehen.”

der Anlagen (an den Schulstandorten und im Grünzug) würde zuviel Fläche verbraucht (S. 42). Auch Ebert übt Kritik an der Integration der Erholungsanlagen in den Grüngürtel: „... bleibt jetzt eigentlich nur noch das Vogelwäldchen als Ruhepunkt.” (S.43) Das Fußwegesystem ist – zeit-gemäß – komplett vom Fahrverkehr getrennt: Jeweils parallel zur KFZ-Erschließung führt stets ein Fußweg mittig durch jedes Straßengeviert. Gleichzeitig befindet sich Gropius damit bereits deutlich auf dem Weg zum Konzept der ‚Urbanität durch Dichte‘, denn entlang dieser Fußwege und ihrer gelegentlichen Aufweitungen konzentriert sich die Bebauung. Senatsbaudirektor Werner Düttmann (Bauwelt 1/1962, S.7f) äußert sich etwa während einer Diskussionsveranstaltung im November 61: „Bei dem ... Plan ... für Britz-Buckow-Rudow ... ist Gropius in seinem Konzept von der Vorstellungswelt ‚Berliner Straße‘, also vom Genius loci, von der ‚Atmosphäre‘ ausgegangen. In dem dorthin Zielenden wird vieles von dem erstaunlich forsch überbaut, was in den zwanziger und zu Anfang der dreißiger Jahre einmal oberstes, geglaubtes Gesetz war und was wir auch glauben, nicht über Bord werfen zu dürfen.” (Gemeint ist hier u.a. die Orientierung der Zeilen zur Sonne.) „Gropius verfolgt eine Absicht, und diese Absicht heißt: erinnerbarer, erlebbarer Außenraum. [...] Er will wieder spürbar die Straße haben, den Straßenkorridor, aber mit den Vorteilen, die uns die Entwicklung im städtebaulichen Denken gebracht hat, nämlich frei vom Autoverkehr, frei vom Krach, nur für den Fußgänger. Er will den Platzraum haben, und er will auch den Kreis haben. Den hält er für eine der Grundformen räumlichen Erlebens.” (Kommentar Heinz Schudnagies: „Städtebaulicher Formalismus schlimmster Ausprägung. Wenn man nicht mehr weiter weiß...”) Wils Ebert kommentiert dieses Konzept im Rahmen seiner Kritik (Bandel/Machule S. 43) u.a.: „Eine Eigenheit der Planung ist es, Fußwege zwischen hohen Häusern mit Läden und Gemeinschaftseinrichtungen, ähnlich einer großstädtischen Straße, vorzuschlagen. [...] Dies ergibt trotz hoher Ausnutzung viel Freiraum, trotz viel Freiraums ein Wandeln in der Stadt, ebenso wie Fußwege im großen Grün das Gegenteil ermöglichen. Das ergibt gleichsam
Ideengeschichte: 1.TAC-Plan 35

eine Wechseldusche und ist ein Versuch, ‚Berliner Luft‘ architektonisch zu gestalten.” Diese Fußgängerstraßen sind in der Regel von viergeschossigen Bauten begrenzt. Die Haupterschließungsstraße wird in Abweichung von der Senatsvorgabe in stark betonter Form zusammen mit der U-Bahn (die zunächst oberirdisch geplant war) mittig im Grüngürtel geführt und durchschneidet die Siedlung. „Die Idee der Planung ist, die Hauptlärmerzeuger, die nordsüdliche Durchgangsstraße und die U-Bahn, zusammenzufassen und sie vorwiegend südlich dem vorgesehenen Großgrünstreifen verlaufen zu lassen.” (Wils Ebert, S.43) Die Ausprägung dieser – vermutlich um die Siedlung vom Auto aus erlebbar zu machen so betonten – Straße ruft die Kritik der Senatsstellen hervor: Sie wird als „zu zügig geführt” und „in Ihrer Funktion überbetont” angesehen; es bestehen Befürchtungen hinsichtlich daraus entstehender Gefahrenpunkte an Kreuzungen und der Verkehrsverstärkung im Wohngebiet (es ist keine überörtliche Funktion des Straßenzuges vorgesehen) (S.41) Zusätzlich heißt es: „Stadtwirtschaftliche Bedenken bestehen gegen die anbaufreie Straße entlang der U-Bahn”, denn dort können die Kosten des Straßenunterhalts nicht auf Anlieger umgelegt werden (S. 33). Die Verwaltung fordert am 28.10.60 zwei zusätzliche Wohnsammelstraßen parallel zum Grünzug. Wils Ebert kommentiert, daß „nach seiner Auffassung drei parallel geführte Erschließungsstraßen eine überzeugende Ordnung der Wohnanlage nach dem Prinzip der Verkehrsbefriedigung beinahe ausschließen.” (Bandel/Machule S. 45) An dieser Stelle zeigt sich bereits eine für die Planung der Gropiusstadt, aber auch für die meisten anderen Planungen der Nachkriegsmoderne typischer Widerspruch zwischen einer technokratischen, autogerechten Erschließungslösung mittels überdimensionierter und aus Sicherheitsgründen vom Fußgängerverkehr losgelöster Verkehrsschneisen und ihrer letztlich nicht lösbaren Integration in das räumliche Gefüge der Siedlung. Insbesondere dort, wo – infolge höherer Dichte – der Puffer eines breiten Abstandsgrüns nicht machbar war, zeigt sich die zerstörerische Wirkung der Verkehrsemissionen
36 Planungsphasen

auf zumindest die kleinräumlichen Qualitäten des fließenden Raumes. Trotz einiger Kritik wegen der Nichteinhaltung der Senatsvorgaben entschließt sich die Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen bis zum 13.9.60 immerhin, „daß an der von Gropius aufgestellten Grundkonzeption festgehalten werden sollte.” (Bandel/Machule S. 44) Jedoch wurde, wie Fehl (1978, 1514) anmerkt, bereits am 24.5.1960, nach der Präsentation des 1. TAC-Planes, Gropius‘ Aufgabe reduziert: „Der aufzustellende Plan soll so weit durchgearbeitet sein, daß er als Grundlage für die Aufstellung von Bebauungsplänen dienen kann.”5 (Bandel/Machule S.33) Da die Fertigstellung der Gropius’schen Planung binnen eines Monats verlangt wird, konkretisiert Otto Scheibe, leitender Architekt der Gehag, Gropius‘ Aufgabe im Februar 61 wie folgt: „Das bedingt in erster Linie Lage der Straßen, also des fließenden Verkehrs, Lage der Einstellplätze, also des ruhenden Verkehrs, Stellung der Blöcke, Anzahl der Geschosse. Aus, mehr nicht!” (Bandel/Machule S. 50) Anfang Februar zeigt sich Gropius nach Aussagen von Otto Scheibe „zwar nicht angenehm berührt von der geringen Annahme des ersten TAC-Planes; sagt aber, er sei nicht stur und wolle das Pro und Kontra für Mittelstraße oder zwei Außenstraßen arbeitsmäßig erforschen.” (S. 50)

5

Der auf zwei Jahre befristete Architektenvertrag vom 14.1.60 (Bandel/Machule S. 29) zwischen der Gehag und ‘The Architects Collaborative International, Ltd.’ umfaßte „die Anfertigung des Gesamtsiedlungsplanes auf der Grundlage der Wirtschaftspläne, ferner der Teilbebauungspläne als Unterlagen für die gesetzlichen Fluchtlinienpläne. Sie geben die Straßenführung, die Freiflächenverteilung, Blockaufteilung und Verteilung der öffentlichen Bauwerke sowie etwaiger Geschäftshäuser an.”

Ideengeschichte: 1.TAC-Plan

37

unten: Zweiter Bebauungsplan von Walter Gropius/TAC (‚2. TAC-Plan‘) rechts: Modellfoto des 2. TAC-Plans (von NW)

38

Planungsphasen

2. TAC-Plan vom 11.4.61

Die Änderungen vom 1. zum 2. TAC-Plan kommen vom Umfang her einem Neuentwurf mit leicht veränderten Prinzipien gleich und berücksichtigen die geäußerte Kritik. Aus dem Erläuterungsbericht, Bandel/Machule S. 52:
”Die einzelne Haupterschließungsstraße ist durch zwei Tangentenstraßen ersetzt worden. Diese sind nicht als Schnellstraßen mit Durchgangsverkehr gedacht. Das zentrale Grün ist auf die nördliche Seite der U-Bahn verlegt worden. [damit die nördliche Bebauung südlich den Freiraum an stelle der U-Bahn vor sich hat] Die Sportanlagen sind [wie gefordert] zu den großen Spielplätzen in der Nähe der Schulen verlegt worden. Das nördliche und südliche Zentrum sind an den Nord- bzw. Südrand des zentralen Grüns verlegt worden, um zu ermöglichen, daß das gesamte Gelände von fortlaufendem Grün durchzogen wird. Ideengeschichte: 2. TAC-Plan 39

Die hauptsächliche Änderung im Wohnungsbauprogramm bestand in der Umwandlung der zwei- und viergeschossigen Treppenhäuser in dreigeschossige Treppenhäuser, wie ursprünglich von Prof. Gropius vorgeschlagen [weniger Wohnungen ohne Lift]. Die Zahl der Einfamilien-Reihenhäuser ist erhöht worden. Die kreisförmigen Gebäude, die als Zentren der Nachbarschaften dienten, sind durch drei große, in das Grün hineingestellte Kreise ersetzt worden und dienen als die Siedlung kennzeichnende Symbole. Der überarbeitete Plan sieht jetzt Wohngebäude vor, die sich um Wohnplätze gruppieren. Achtgeschossige [anstelle viergeschossiger], nahe am zentralen Grün gelegene Gebäude mit Aufzug begrenzen die Fußgängerwege, die zu den Schulen, Zentren und U-Bahn-Stationen hinführen.”

unten: Schematischer Lageplan ‚Haupt Zentrum‘ zum 2. TAC-Plan, 10.04.1961 rechts: Erläuterungsskizzen zum 2. TAC-Plan

40

Planungsphasen

Die Verwaltung tut sich abermals schwer, sich mit den unvorhergesehenen Änderungen anzufreunden. Senatsbaudirektor Werner Düttmann trauert nun der Mittelstraße nach: „... die beiderseits angeordneten Erschließungsstraßen im neuen Plan bringen kein Fahrerlebnis, sie tangieren das neue Stadtgebiet nur, die zentrale Straße war besser.” (Besprechung am 12.4.61, Bandel/Machule S. 58) Prof. Gropius beharrt auf seinem Vorschlag und „hält es für wichtiger, für die Menschen zu bauen, die in der Siedlung leben sollen, Durchfahrende mögen aussteigen und die Stadt zu Fuß erleben. Er erkennt aus der Diskussion eine Überschätzung des ständigen Autofahrers; man muß aber für die Fußgänger bauen.” Letztlich entscheidet Bausenator Schwedler persönlich: „ ... daß wir uns seiner [Gropius] Meinung nicht voll anschließen können, aber die Entscheidung des Planverfassers respektieren werden.” Die Gehag versucht nach der Bestätigung des 2. TAC-Planes nun erstmals, die Planung in Salami-Taktik abzuwickeln:
„Nach Diskussionen, aus denen die Absicht des Herrn Scheibe (Gehag) erkennbar wurde, die einzelnen Bauabschnitte des Gehag-Bereiches gesondert und nacheinander zu bearbeiten, anschließend an den ersten Bauabschnitt, wurde von der Verwaltung gefordert, daß der Sinn des Auftrages an Prof. Gropius aufrecht erhalten bleiben und neben dem vordringlichen, ersten Bauabschnitt der Gehag sofort der gesamte Plan baureif bearbeitet werden muß, weil anders keine städtebauliche Beurteilung möglich ist. [...] Von Vertretern der Abt. IV, Baulenkung, wurde Herr Scheibe erinnert, daß es nicht der Vorstellung der Bauverwaltung entspricht, daß der gesamte Gehag-Teil (2/3), als Folge möglicherweise die gesamte Anlage, mit einheitlichen Grundrißtypen und in einförmiger Gestaltung als Gehag-Stadt und nicht – wie beabsichtigt – als Gropius-Stadt entsteht. [...] Es müßte auch ein künstlerischer Oberbauleiter verantwortlich tätig werden, der auch die Behördenbauten kritisiert. [...] Die Verwaltung vertritt die Auffassung, daß Amerika zu weit und Prof. Gropius zu stark engagiert sei, es soll ein Berliner

Ideengeschichte: 2. TAC-Plan

41

Architekt sein, der im Sinne von Prof. Gropius tätig wird, der koordiniert und die notwendigen Kontakte herstellt.” (25.4.61, Bandel/Machule S. 59)

Dagegen war noch nach der Präsentation des 1. TAC-Planes vereinbart worden, daß „die Gehag Herrn Prof. Gropius den Auftrag [erteilt], einen auf Gehag-Gelände gelegenen Teil des Gebietes nicht nur städtebaulich, sondern auch architektonisch [beispielgebend] baureif durchzuarbeiten.” (Vermerk Senatsbaudirektor Düttmann, 25.5.60, Bandel/Machule S. 33) Als nunmehr künstlerischer Oberbauleiter wird am 2.5.61 wiederum Prof. Wils Ebert bestimmt, nachdem er erklärt hat, nicht selbst für die Gehag in BBR bauen zu wollen. Ebert überarbeitet in der Folgezeit den zweiten TAC-Plan, insbesondere, um ihn „den Berliner Baugepflogenheiten anzupassen”. Ergebnis dieser Überarbeitung ist der ‚Prinzip-Plan‘ vom 1. September 1961. (S.59) Zwei Monate nach Eberts Benennung zum künstlerischen Oberbauleiter, am 11.7.61, wundert sich Gropius in einem Schreiben an Ebert (S.63): „Seit langem habe ich nichts mehr von Ihnen gehört. [...] Wie ist die ganze Situation, was die Buckow-Rudow-Siedlung betrifft? Mir liegt daran zu erfahren, welche Änderungen vorgenommen wurden, denn ich bin etwas in Sorge, daß Herr Scheibe zu sehr seine eigenen Wege geht. Ich wäre sehr dankbar, wenn Sie mich über die Situation informieren würden. Sie werden sich erinnern, daß ich Dr. Peters nahelegte, daß für eine so große Siedlungsplanung, an der verschiedene Architekten teilnehmen, ein Koordinator da sein muß und ich meinte, daß er mich als diesen Koordinator bestellt.” Was Gropius nicht weiß, ist, daß Prof. Ebert zu diesem Zeitpunkt offenbar begonnen hat, ‚seine eigenen Wege zu gehen‘ – oder daß er zumindest nicht in der Lage und willens ist, die Grundsätze der TAC-Gestaltung durch die Anfechtungen der Technokratie zu retten. Nach Bandel/Machule (S.11) „wird offensichtlich, daß [...] Prof. Wils Ebert engagiert die bei eigenen Berliner Bebauungsplanungen angestrebten städtebaulichen Ziele im Rahmen der TAC-Planung verwirklichen will. Zielsetzungen, die – wie Prof. Walter Gropius erst im Laufe des folgenden Planungsprozesses klarstellt – grundsätzlich mit den
42 Planungsphasen

TAC-Vorstellungen nicht übereinstimmen.” In einem Brief vom 21.6.66, (Bandel/Machule S. 114) schreibt Gropius an Bausenator Schwedler: ”Prof. Ebert z.B. hat den Grundgedanken meines Bebauungsplans, der in Anpassung an den radialen Verlauf der vorhandenen Straßen und den kreisförmigen Verlauf des Grüngürtels eine radiale Anordnung der Häuserblocks in seinem Sektor vorsieht, ignoriert. Unglücklicherweise bestand er darauf, sich bei seiner Arbeit mit der Gehag streng an die Nord-Süd-Ausrichtung seiner Häuserblocks zu halten – ein Verfahren, das in den 30er Jahren festgelegt wurde und jetzt überholt ist.”6

6

Ähnliche Auseinandersetzungen führt Gropius mit Prof. Ernst, vgl. Briefwechsel betr. HWS-Bauten v. 15.4.64 (Bandel/Machule S.102)

links: ‚Blick in den Grün-Gürtel‘: Erläuterungsskizze zum 2. TAC-Plan vom 10.04.1961

Ideengeschichte: 2. TAC-Plan

43

44

Planungsphasen

Prinzip-Plan vom 1. September 1961 / Prof. Wils Ebert
(Bandel/Machule S. 66) Wils Eberts ‚Prinzip-Plan‘ ändert den 2. TAC-Plan stark ab. Alles in allem ist der Unterschied zwischen ‚Prinzip-Plan‘ und 2. TAC-Plan gleich groß wie der zwischen 1. und 2. TAC-Plan – mit dem Unterschied, daß Wils Ebert an Stelle von TAC plant. Ebert erläutert den Plan im November 61 u.a. mit folgenden Worten (Bauwelt 1/62, S.7f): „Im letzten Plan [...] mußten wir von den 3geschossigen Häusern heruntergehen und in die 8- und 14geschossigen Häuser einsteigen, um durch höhere Bebauung größere Abstände zu bekommen, in denen dann die notwendigen Einrichtungen unterzubringen sind.” ”Dabei ist auch der Grünstreifen auf im Mittel 45m etwas sehr zusammengeschrumpft. Wir wünschten ihn uns selbst etwas breiter.” Sämtliche Gebäude werden in starre Nord-Süd- oder Ost-WestRichtung gedreht. Dies wird mit wirtschaftlichen Erwägungen in Bezug auf die Wohnungsgrundrisse begründet: „Eindeutiger und strenger in der Sonnenlage werden die Wohnungen, insbesondere die Abstände, der Berliner Bauordnung angepaßt. Ferner werden die vielen verschiedenen Schräglagen vermieden.” (Aktennotiz von Wils Ebert, Bandel/Machule S. 63) Die (Fußgänger-)Straßenräume bildenden, eng zusammenstehenden Zeilen des TAC-Planes werden – vermutlich u.a. wegen der Berliner Abstandsregeln und infolge der bei der Überarbeitung vorgenommenen Aufzonung – fast bis zur Unkenntlichkeit auseinandergezogen. Ebert selbst stellt dies allerdings anders dar: „Beibehalten und weiter ausgeführt werden die Fußgängerstraßen (gekürzt) zu einem geschlossenen System mit Zielen des täglichen Bedarfs (Zentren), der Schulen etc. an den Wendepunkten. Um ihre Wirkung nicht durch Ermüdung zu beeinträchtigen, werden sie in der Länge beschränkt. So ergibt sich eine lebendige Folge von wechselnden Richtungen, breiten und schmaleren Wegen und wechselnden räumlichen Eindrücken durch ihre verschiedenartige Ausstattung.” (Bandel/Machule S. 64) Von den zehn Rundbauten des 1. TAC-Planes ist über 3 im 2.
links: Bebauungsplan von Wils Ebert, sog. ‚Prinzip-Plan‘, vom 01.09.1961, M. 1/12 500

Ideengeschichte: Prinzip-Plan

45

TAC-Plan inzwischen nur noch ein letztes – das größte – Exemplar übrig. Ebert erläuterte weiterhin: „Daß die Geschoßflächenzahl im Laufe der Projektierung erhöht worden ist, bedeutet für die Planung eine große Schwierigkeit. Dazu kamen erhöhte Anforderungen für Erholung und Spiel.” (Bauwelt 1/62 S.8) Das Bezirksamt Neukölln hatte am 14.5.61 festgestellt, daß im 2. TAC-Plan vorgesehenen Schul- und Sportflächen zu klein sind, sowie daß Flächen für Jugendheime und ein Hallenschwimmbad völlig fehlen. (Bandel/Machule S.60) Der ‚Prinzip-Plan‘ ist immerhin so umstritten, daß er selbst vier Monate nach seiner Fertigstellung noch nicht zur Veröffentlichung in der Bauwelt freigegeben wird. Der Neuköllner Bezirksstadtrat Zerndt stellt ihn zwar am 11.10.61 der Bezirksverordnetenversammlung vor, die schon mehrfach verlangt hatte, über das Bauvorhaben informiert zu werden (Becker 1977, S.116), betont aber seine Vorläufigkeit: „Dieser Plan hat vor allen Dingen noch nicht [...] die Zustimmung des Senators für Bau- und Wohnungswesen. Es hat heute nach der Stadträtesitzung ein liebenswürdiges, ernstes Gespräch mit dem Bausena-

Das Schicksal der Rundbauten Von den zehn Rundbauten des 1. TAC-Planes ist über 3 im 2. TAC-Plan inzwischen nur noch ein letztes – das größte – Exemplar übrig. Dieses soll zudem von seiner exponierten Lage am Kopf des Vogelwäldchens auf das Grundeigentum der Gehag verschoben werden. Senatsbaudirektor Düttmann erklärt dazu während einer Diskussion im November 61 (Bauwelt 1/62, S.10): „Da der Kreis eine Hommage an Taut ist [...] und natürlich die unwirtschaftlichste Form der Nutzung des Geländes in sich darstellt, ist er der Gehag angelastet worden, mußte also auf deren Areal verschoben werden im Einvernehmen mit Gropius.” Dieser Rundbau wird schließlich 1972, drei Jahre nach Gropius‘ Tod, als einer der letzten Bauten unter dem Namen ‚Gropiushaus‘ auf etwa 1/8 der ursprünglich vorgesehenen Fläche von TAC und der Gehag-Planungsabteilung in Großtafelbauweise errichtet. Sein Radius hat sich halbiert, die Grundrißfigur ist nur noch ein Halbkreis mit

46

Planungsphasen

tor und dem Senatsbaudirektor gegeben, ob über den Plan heute gesprochen werden kann und in welchem Umfang.” Im Rahmen der schon mehrfach zitierten Diskussion zum Thema ‘Demokratisches Wohnen?’ im November 1961 (Bauwelt 1/62, S.7f), während der die TAC-Planungen und ihre Überarbeitung durch Ebert vorgestellt werden, wird deutliche Kritik laut. Unter anderem wird die Frage nach der fehlenden (ideellen) Mitte thematisiert: Professor Rudolf Steinbach, TH Aachen: „Auch die Siedlung ‚BBR‘ hatte zu Anfang ein von Gropius hineinerfundenes Firmament, den großen Freiraum, der den Ort durchzog, nicht nur deutliches Rückgrat, sondern zugleich erwartungsvolles Freihalten. Dann aber kamen die bearbeitenden Architekten und Fachleute, die Ämter und die Zeitthesen. Die Architekten sollen sich nicht mit der Baukunst befassen, sondern Funktionen nachgehen, Nützlichkeiten, Küchen, WCs, Installationen. Dann kommt die Baukunst schon von selbst. Die Ämter haben sich nicht mit Baukunst zu befassen, sondern mit Kanälen, Straßen, Laternen und ähnlichem, dann kommt die Baukunst schon von selbst. Die Fachleute haben sich natürlich nicht mit Baukunst zu befassen. Und nachdem alle Gropius bearbeitet hatten [...], nachdem

segmentweiser Mittelgangerschließung, dafür liegt seine Höhe inzwischen bei 18 Geschossen (ursprünglich: 8, später 14 Geschosse). Nur einer von fünf publizierten Wohnungsgrundrissen (Berlin und seine Bauten, Teil 4, S.772) ist beidseitig orientiert. Seine Errichtung am Kopf des Vogelwäldchens bedurfte der Gründung einer eigenen Baugesellschaft, der ‘Gropiushaus – Dr. Peters KG’.

von links nach rechts: - 18-Geschossiger Rundbau ‘Gropiushaus’ - vorgesehene Größe im 2. TAC-Plan - realisierte Fassung (sog. 3. TAC-Plan)

Ideengeschichte: Prinzip-Plan

47

der Entwurf des Herrn Gropius bearbeitet war, war das ‚Firmament‘ heraus, eben jener wichtige Beitrag, den Gropius geliefert hatte. Denn diese Allee, dieser Freiraum, war so groß wie sein Atemraum im idealen Sinne, hatte das Maß seiner Ideenkraft. Um seiner Ideen willen und um ihn, Gropius, zu ehren, hatte man ihn aufgefordert, die Siedlung zu planen. Nun aber ist es gelungen, die Idee (und somit wohl auch die Ehrung) herauszubringen. Man hat gewissermaßen mit Gropius Schluß gemacht. [...] Man hätte Gropius fördern müssen, statt ihn zu kanalisieren.” Senatsbaudirektor Werner Düttmann: „Was ist die Mitte? [...] Woraus besteht denn das Zentrum? In Lübeck waren es die Dome, da war es vielleicht eine Rathausspitze ... Das waren Dinge, die alle angingen und die alle brauchten. Es waren Inhalte, um die sich das Wohnen gruppierte. Das Zentrum heute, das wir jetzt also etwas dramatisch, romantisch oder, wenn Sie wollen, pathetisch über diesen Grünzug reiten lassen können, besteht auch aus zwei Kirchen, sicher, aus einem Shopping-Center, aber eigentlich aus lauter Dingen, die sich sinnvollerweise in der Ebene abwickeln. Wenn man das Zentrum jetzt also sichtbar machen will, muß man wohl oder übel auf Funktionsteile zurückgreifen, die eigentlich dem ganzen Gebiet eigen sind, nämlich Wohnungen. [...] Und diese Hochstapelei mit den 14geschossigen Wohnbauten gibt dann das Zentrum an, das aber keinen Aussagegehalt, keinen wirklichen Inhalt anbietet [...]. Dort gibt es also gewisse Konzentrationen, die zu einem Formalismus, wenn Sie wollen, benutzt werden. Aber ist nicht alles, was wir machen, Formalismus? Wir entscheiden uns doch immer für eine Art von Strukturierung. ...” Professor Steinbach: „Ich habe mir das falsch vorgestellt mit Berlin. [...] Sie haben nicht an der Porte des Lilas gewissermaßen eine neue große Wohngruppe zu bauen, die auch ihre eigene Kirmes feiern wird und ihre eigenen Feste, und in der man also sagen wird, später: ‚Wir sind die Bande von der Porte des Lilas‘, sondern offensichtlich ist es so, daß ihre Stadt – Berlin – sich ausdehnt, und Sie schaffen mit diesen Siedlungen nur Wohnungen. Wenn es aber nicht
48 Planungsphasen

darauf ankommt, daß sich eine Mitte anbahnt, wie an der Porte des Lilas die Kirmes z.B., dann braucht man natürlich nur das, was Sie sehr richtig bezeichnen: die Auffindbarkeit seiner Wohnung.” Dr. Ulrich Conrads (Chefredakteur der Bauwelt): „Da alle normalen Menschen normalerweise wohnen, wohnen müssen und wollen, läßt sich im Sinne des Prinzips [des Nutzens und der Zweckmäßigkeit] laut proklamieren: ‚Gute Wohnungen für alle!‘ Würde sich’s nicht so schlecht machen, müßte man rufen: ‚Durchschnittliche Wohnungen für den statistischen Durchschnitt.‘ Der außerhalb des Durchschnitts Stehende – der wenigstens mit einigen Körperteilen daraus Hervorragende – bekommt darum auch die Wohnung nicht, die ihm paßt, in die er paßt.” Rolf Gutmann, Basel, und Felix Schwarz, Zürich, äußern (bereits 1961!) eine in eine andere Richtung gehende, sehr grundsätzliche Kritik, die insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren häufig wieder auftauchen wird: „Es scheint uns eine Grundforderung der demokratischen Gesellschaft zu sein – eben aus der Wahlfreiheit heraus –, daß die Systeme offenbleiben und nicht geschlossen sind. Sie haben im Verlauf des Gesprächs einige Pläne gesehen, die bis zum Kindergarten eigentlich fertig waren. Wir möchten diese Projekte als geschlossene Systeme bezeichnen, weil sie keine Entwicklungsmöglichkeiten mehr offenlassen: es wird irgendwo ein Strich gezogen; da wird Schluß gemacht; die Siedlung bekommt ihre feste Form; sie ist auskristallisiert und damit erledigt, aus dem Leben herausgezogen.”

Ideengeschichte: Prinzip-Plan

49

Am 13.6.61 (Bandel/Machule S.62) kommt eine Besprechung beim Senator für Bau- und Wohnungswesen unter Beteiligung der Gehag zu dem ‚Ergebnis‘: ”Nach Auffassung der Verwaltung sollten nur hochqualifizierte Architekten für die einzelnen Bauwerke herangezogen werden. Wünschenswert ist, daß nicht große Abschnitte von einer Hand gestaltet werden, sondern ein lebendiges Spiel architektonisch hochwertig und individuell gestalteter Bauten oder Baugruppen entstehen (Beispiel Hansaviertel). Es wird auf die beispielhafte Auswahl der Besten in den 20er Jahren verwiesen (Bartning, Salvisberg, Taut, Wagner, Gropius, Scharoun, Häring usw. ) Dr. Peters führt aus, daß die Gehag außer Prof. Ebert keine weiteren Architekten beauftragen und die Bauplanung durch ihr eigenes Büro betreiben wolle. Er begründet diese Absicht mit seinen Erfahrungen mit Architekten und der finanziellen Mehrbelastung.” Bereits am 17.5.61 hatte eine interne Runde des Senators für Bau- und Wohnungswesen (S.60) festgelegt: ”Die Einzelbearbeitung erfolgt mit Architekten” ”Über Wohnungsgrundrisse usw. soll ein Architektenwettbewerb stattfinden.”

Der Planungsbeirat des Senators für Bau- und Wohnungswesen empfiehlt am 18.12.61 nach einer Diskussion des Prinzip-Planes, diesen als Flächennutzungsplan zu betrachten und zur Ausgangsbasis zu erklären. Weiter wird vorgeschlagen, „Prof. Gropius nach Möglichkeit weiter für die Beurteilung der jetzt aufzustellenden Bebauungspläne heranzuziehen.” (Bandel/Machule S.68) Die Gehag unternimmt darauf hin, im Hinblick auf den von ihr angestrebten Baubeginn im Herbst 62, den Versuch, die Phase der für alle Bauträger verbindlichen, gemeinsamen Planungen abzubrechen: ”... schlagen wir [...] vor, mit der jetzt erarbeiteten Lösung unseren Auftrag zur städtebaulichen Planung des Gesamtgebietes BBR als abgeschlossen anzusehen. Diesen Abschluß halten wir für dringend
50 Planungsphasen

notwendig, damit nicht nur den übrigen Abteilungen Ihres Hauses, der Stadtentwässerung, der BEWAG, die dort dringend gebrauchten endgültigen Unterlagen [...] zur Verfügung gestellt werden können, sondern [...] auch den weiteren in Aussicht genommenen Bauträgern.” Dr. Peters schlägt vor, einen von Prof. Ebert ausgearbeiteten Flächennutzungsplan nach den gesetzlichen Vorschriften als Grundlage für alle Beteiligten festzusetzen und fährt dann fort: „Der ursprüngliche Gedanke, wie er in den von Herrn Prof. Gropius [...] vorgelegten Gesamtsiedlungsplänen verwirklicht werden sollte, nämlich schon jetzt auch die Bebauungspläne für das gesamte Gebiet in den Grundzügen festzulegen, ist angesichts der zutage getretenen sehr unterschiedlichen grundsätzlichen Auffassungen und der Notwendigkeit, selbst die von Herrn Prof. Gropius vorgelegten Grundgedanken flexibel zu gestalten, nicht zu verwirklichen, bzw. erscheint die Durchführung nicht mehr zweckmäßig. Dies beweist bereits die Diskussion des ersten Bauabschnittes. Es dürfte schon jetzt feststehen, daß die Einschaltung der weiteren Siedlungsträger deren Wunsch erkennen lassen wird, für ihre Bauabschnitte nicht in vollem Umfange vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Auch Ihr Wunsch und unsere Absprache, daß vom 2. Bauabschnitt an freischaffende Architekten zur Bearbeitung herangezogen werden, läßt es angezeigt erscheinen, sich mit der Festsetzung des Planes in dem angeführten Umfang zu begnügen.”

Ideengeschichte: Prinzip-Plan

51

Eigentumsverhältnisse in der Gropiusstadt

52

Planungsphasen

Wettbewerbe für die Teilgebiete

Gerhard Fehl (1978, S. 1514) schildert den weiteren Verlauf des Verfahrens wie folgt: ”Nachdem der Gropius’sche Gesamtsiedlungsplan auf diese Weise praktisch ad actas gelegt und der ‘Prinzip-Plan’ Wils Eberts zum unverbindlichen Flächennutzungsplan erklärt worden war, mangelte es an Ideen für die Bebauung der zunächst anstehenden Wohnungsgebiete. Die GEHAG beauftragte deshalb im Juni 1962 elf Berliner Architekten mit Gutachten für die Wohnbebauung in 5 ‘Nachbarschaften’ ihres Baugeländes. Aus urheberrechtlichen Gründen war es „erforderlich, die aufzufordernden Architekten an die Einhaltung der Grundkonzeption des Herrn Gropius zu binden ... Bei der Auswahl der Architekten ist wegen der Schwierigkeit der Koordination die Wahl auf diejenigen gefallen, bei denen mit Anpassungsschwierigkeiten von vornherein nicht zu rechnen ist” (Besprechungsvermerk Senat/GEHAG, 4. 6. 1962; Bandel/Machule S. 71) Die Gutachten gingen im November 1962 ein und wurden Walter Gropius als Preisrichter vorgelegt. Bei der Grundsteinlegung für den ersten, von der GEHAG entworfenen Bauabschnitt wurde Walter Gropius als der Städtebauer der neuen Großsiedlung gefeiert; er nutzte seine Rede zum Versuch, die Leitlinien der TAC-Planung noch einmal – diesmal verbal – zu fixieren: Städtebauliche und architektonische Ziele der B-B-R-Siedlung
Endziel ist es, die Gesamtsiedlung in einen organischen Zusammenhang zu bringen. Durch enge Zusammenarbeit der verschiedenen Architekten kann solche Einheit erreicht werden; trotz der Verschiedenheit des Vokabulars der einzelnen Architekten kann die Gruppe zu einem Generalnenner im Gesamteindruck der Siedlung gelangen. Dies setzt bewußte Teamhaltung voraus, die von jedem einzelnen teilnehmenden Architekten Mitverantwortung für das Ganze verlangt, ohne daß der einzelne seine Identität aufgibt. Ein übergeordneter Struktur- und Formcharakter muß die gesamte Siedlung durchdringen; das bedeutet, daß Rede Walter Gropius’ zur Grundsteinlegung am 12.11.62, Schriftliche Fassung nach Walter Gropius, aus: Bandel/Machule S. 76

Ideengeschichte: Wettbewerbe der Teilgebiete

53

1. die offenen Räume zwischen den Baublöcken nicht als Resträume, sondern ‘positiv’ behandelt werden. Das Resultat angenehmer Proportionen, insbesondere der Höfe, für den anliegenden Bewohner muß in jedem einzelnen Fall kontrolliert werden. 2. Der Maßstab der Bauteile – d.h. die Aufteilung der Baukörper- muß sich in allen Sektoren die Waage halten. Zu lange Baublöcke sollten vertikal gebrochen werden, um Stützpunkte für das Auge zu schaffen und um den menschlichen Maßstab zu halten. Diesbezüglich sind auch die Fenstergrößen durchweg zu beachten. 3. Die Dachformen sollten im ganzen einheitlich sein. 4. Um eine klare Hierarchie in der Architektur zu erhalten, erscheint es wichtig, daß Wohnbauten nicht überdramatisiert werden. Großes architektonisches Drama muß für Bauten wie Rathäuser, Kirchen etc. reserviert beiben. Also Maßhalten im architektonischen Ausdruck scheint für den Wohnungsbau geraten. 5. Um Abwechslug zu schaffen, sollten die Blockrichtungen nicht nur rigide Nord-Süd / Ost-West verlaufen. Leichte Abweichungen in der Richtung bereichern das räumliche Bild und schaffen besondere Identitäten für die einzelnen umbauten offenen Räume und Höfe; dies hilft Bewohnern und Besuchern zur Orientierung in der Siedlung. Anfänglich geometrisch konzipierte Aufteilung sollte darum im zweiten Schritt freier abgewandelt werden, um die Eintönigkeit in der Orientierung zu durchbrechen und günstige Kontrastwirkungen zu erreichen. 6. In der Grundkonzeption war die Verteilung der Punkthäuser entlang dem Grüngürtel vorgenommen, namentlich an seiner Südseite, um die langen Schatten auf unbebautes Land zu lenken. Dieses Grundprinzip sollte beibehalten werden, was nicht ausschließen soll, daß einzelne Punkthäuser aus visuellen Gründen an anderen strategischen Punkten errichtet werden können. 7. Die im Grundplan vorgeschlagenen 3 kreisförmigen Baugruppen sind ein Minimum, wenn dieses Thema überzeugend durchgeführt werden soll. Eine abweichende Möglichkeit wäre die Betonung nur eines solchen Kreisbaues im Schwergewicht der ganzen Siedlung, aber dann 14 Etagen hoch. 8. Die ursprüngliche Festlegung von 2-, 3-, 8- und 14-geschossigen Gebäuden muß als ausreichend beibehalten werden. 54 Planungsphasen

Die größte Vorsicht zur Erzielung einer Einheitlichkeit ist notwendig an den Nähten zwischen den verschiedenen Abschnitten und verschiedenen Architekten, denn hier stößt die Verschiedenheit persönlichen Ausdrucks aufeinander; wie Schinkel sagt: „Aus der Naht eine Tugend machen.“ Vom städtebaulichen Standpunkt aus ist es günstig, Punkthäuser in die Verkaufszentren hereinzuziehen, am besten an einen dominierenden, nicht zu großen Platz, an dessen kurzer Seite die Kaufstraße entlangführen kann. Den modernsten Forschungen entsprechend ist – wenn nötig – eine größere Verdichtung der Baumassen wünschenswert. Zu lange Häuserreihen und Horizontalwege wie z.B. in den New English Towns, haben sich nicht bewährt. Der Anlieger fühlt sich verloren in zu großen freien Räumen. Berlin, 12. November 1962

Der Direktor der Gehag, Peters, äußerte sich zum Ergebnis des Wettbewerbs wie folgt (Bandel/Machule S.78): „Es ist keiner von den Herren, ich sage Ihnen das ganz offen, aufgestanden und hat erklärt, ‘Nein, unter diesen Bedingungen spiele ich nicht mit’, so daß wir eigentlich in dem Wahn lebten, daß man sich an gewisse Grundlinien dieses Planes halten würde. Das Ergebnis ist nun so gewesen, daß sozusagen eine Explosion stattgefunden hat. Eine ganze Reihe von Arbeiten […] sind völlig aus der Sache herausgesprungen, einfach, haben sich in die Grundkonzeption gar nicht eingegliedert…” Bei Fehl heißt es weiter: „Unterdessen hatte auch die DeGeWo, größte Wohnungsbaugesellschaft auf dem im östlichen Teil gelegenen Gelände, für ihren Interessenbereich einen Gutachterwettbewerb unter 6 Architektengruppen ausgeschrieben. Ferner hatte Wils Ebert, ungeachtet der laufenden Gutachten, seine eigene Planung vor allem für den östlichen Teil weitergetrieben und sie im Januar 1963 vorgelegt. „Das Schema des TAC-Planes geht unter” (Walter Gropius, 6. 3. 1963; Bandel/Machule S.87), resignierte Walter Gropius. „Nachdem mir Prof. Ebert sämtliche Teilpläne der BBR-Siedlung in ihrem derzeitigen Stadium übersandt hat, ... erachte ich es als meine Pflicht, meine
Ideengeschichte: Wettbewerbe der Teilgebiete / Gropius’ Ziele 55

Stimme warnend zu erheben und aus fachlicher Sicht festzustellen, daß die jetzigen Pläne in ihrer Gesamtheit gesehen miteinander unvereinbar erscheinen. Sie verwirren und verundeutlichen die ursprüngliche Konzeption ... Ich bin mir gewiß der zahllosen urbanen und technischen Probleme dieser Großsiedlung bewußt, die aus den verschiedenen Standpunkten und den von Behörden, Eigentümern und beteiligten Architekten vorgeschlagenen Änderungen resultieren. Da ich mich jedoch für den Erfolg dieses großen Wohnungsbauvorhabens persönlich verantwortlich fühle, liegt mir daran, den Verlust der in den vorgelegten Plänen evidenten Einheitlichkeit beheben zu helfen. Der Grund für diesen Verlust liegt offensichtlich in dem Fehlen einer ausreichenden ... Koordinierung zwischen den vielen an der Organisation und dem Entwurf beteiligten Personen. Mein eigener Versuch, bei der Koordinierung zu helfen, indem ich grundlegende Richtlinien für alle Architekten aufgestellt habe, scheint angesichts der jetzigen zusammenhanglosen Resultate nicht ausreichend gewesen zu sein.” (Gropius an GEHAG, 6. 3. 1963; Bandel/Machule S.87)”

56

Planungsphasen

Städtebauliche Gutachten vom November 1962 links: Teilgebiet a Johannes Hildisch/Gerd Brand (oben) Jo Zimmermann (unten) rechts: Teilgebiet b Peter Pfankuch/Dieter Enke (Preisträger, oben) Hans Wolff-Gromann (Entwurf nach Abstandsflächen; unten) unten: Ausschnitt aus dem zweiten TAC-Plan zum Vergleich mit den unterschiedlichen Gutachten

b

a
Ideengeschichte: Wettbewerbe der Teilgebiete 57

58

Planungsphasen

Städtebauliche Gutachten vom Januar 1963 im Vergleich mit der 2. TAC-Planung Autoren: links unten: Rolf Gutbrod (Preisträger) rechts oben: Klaus Ernst/Günter Hönow rechts unten Willy Kreuer/Herbert Stranz

Ideengeschichte: Wettbewerbe der Teilgebiete

59

Phase der Gebäudeplanungen
Bei Gerhard Fehl (1978) wird die Phase der Hochbauplanungen wie folgt beschrieben:
”Von nun an verlief die Planung auf vielfältigen und verschlungenen Wegen: die einzelne Wohnungsbaugesellschaften erarbeiteten Bebauungsplanvorschläge, überarbeiteten sie wieder und wieder und ließen Wils Ebert so koordinieren, daß Walter Gropius anmerkte: ‘Ich weiß nicht, welche Befugnisse zur Koordination Prof. Ebert wirklich gegeben wurden.’ (Gropius an GEHAG, 27.3.1963; 94) Schließlich ließ man im Dezember 1963 unter dem Druck der Zeit den Stand der Einzelentwürfe und der inzwischen getroffenen Festlegungen in einem ‘Gesamtlageplan’ zusammenzeichnen und einen Terminplan aufstellen. Diesem zusammengezeichneten Gesamtlageplan konnte jedoch kein langes Leben beschieden sein, denn von der Baubehörde wurde aus wohnungspolitischen Gründen eine Erhöhung der Wohnungsanzahl und der Geschoßflächenzahl gefordert: ‘Bei den Planungen ist dem Wunsch des Senators Schwedler nach einer Erhöhung der Ausnutzung – ‘Verdichtung’ – dort Rechnung zu tragen, wo es ohne einschneidende Änderungen der Planung möglich ist. 500 bis 800 Wohnungen mehr sind noch zu verantworten; dabei ist es selbstverständlich, daß sich das Straßennetz nicht mehr verändern darf.’ (Protokoll SenBauWohn, 15.1.1964; Bandel/Machule 7 S.100) Damit waren für die weitere Entwicklung die Weichen gestellt; im Protokoll heißt es trocken: ‘In zahlreichen Besprechungen zwischen Architekten, Bauherren und . . . Vertretern des Senats für Bau- und Wohnungswesen wird in der Folgezeit bei verschiedenen Bauabschnitten die von Seiten des politischen Senats geforderte Erhöhung der ... Ausnutzung – durch Aufstockung und Verdichtung erarbeitet.’ (6. 2.1964; Bandel/Machule S.100) Ein Feilschen um die Höhe der Bebauung und Verdichtung setzte ein, und Stück für Stück wurden die Geschoßzah8 len hochgesetzt.
7

Man hatte in den zusammengezeichneten Gesamtlageplänen festgestellt, daß auf Grund verschiedener technischer Änderungen bei der anvisierten GFZ von 0,9 nur etwa 14 500 Wohnungen gebaut werden konnten. Die beabsichtigten Sanierungsmaßnahmen in den Innenstadt quartieren und der Druck der Bauindustrie forderten jedoch eine möglichst hohe Anzahl von Neubauwohnungen. [Fehl] 8 Die Verdichtung. d.h. die Erhöhung der GFZ wurde in der Folge auf 1,5 im Mittel (bei höheren Werten in einzelnen Bauabschnitten) gesteigert, so daß schließlich 18 531 Wohnungen gebaut wurden (100 bis 102). Eine weitere Erhöhung der Verdichtung scheiterte daran, daß die geforderten Stellplätze nicht mehr unterzubringen waren und daß das Erschließungssystem hätte geändert werden müssen. Da jedoch mit dem Bau der Straßen und Kanäle bereits begonnen war, war hierdurch eine Schranke gesetzt. [Fehl]

60

Planungsphasen

Wo Walter Gropius noch in seinem 1. TAC-Plan von höchstens 8 – 14geschossiger Bebauung ausgegangen war, pendelte sich die Bauhöhe schließlich bei 14 – 20 Geschossen ein, mit dem höchsten Bauwerk von 31 Geschossen. Walter Gropius, aus der Rolle des Koordinators in die des Kritikers und Mahners gedrängt, bemerkte zu dieser Verdichtung und Steigerung der Bauhöhen: ‘Von diesem Modell (der Gropiusstadt) ausgehend, habe ich die Sorge, daß der südöstliche Teil fast zu dicht behaut ist . . . Wissen Sie, ich befinde mich in einer merkwürdigen Lage. In den dreißiger Jahren habe ich in Berlin das Wohnhochhaus propagiert und wurde von der gesamten Presse und Martin Wagner [dem damals leitenden Stadtplaner von Berlin; G. F.] verhöhnt. Heute neige ich dazu, eine zu große Dichte zu bremsen, wo ich kann.’ (Gropius an Bandel, 25. 10. 1966, Bandel/Machule 9 S.111) Die zweite Phase der Zersplitterung hatte begonnen: die Wohnungsbaugesellschaften teilten ihre Bauflächen in immer kleinere Projektflächen auf und vergaben teilweise einzelne Gebäude an Architekten: der Drang der Berliner Architektenschaft zu den Futtertrögen hatte zugenommen und war nur so aufzufangen, ferner erhoffte man sich bei solch scheibchenweiser Planung und Realisierung genügend Flexibilität bei der Durchsetzung der Eigenen Interessen zu erhalten: Man mußte gleich etwas bauen können. Gut! Aber vielleicht konnte man morgen durch geschicktes Verhandeln über den nächsten Bau noch etwas an Geschoßzahl oder Verdichtung herausschachern. Ein endgültiger Plan für das gesamte Baugebiet einer Wohnungsbaugesellschaft wäre dabei hinderlich gewesen; besser war es. das gesamte Baugebiet in kleinere und kleinste Teilgebiete aufzuteilen, deren Bebauung man so weit wie irgend möglich offen hielt; man realisierte ohnehin in Abschnitten und wußte ja nie, was die Zukunft alles an Veränderung = Verdichtung bringen mochte. Für die mit kleinen Bauprojekten beauftragten Architekten bedeutete dies, daß sie sich unter dem Druck der Auftraggeber eigentlich nur auf die jeweils anstehenden Einzelbauten, auf Grundrisse und die Fassadengestaltung konzentrieren konnten. In seinem letzten Buch: ‘Apollo in der Demokratie’ bemerkte Walter Gropius 1966 zu dem mittlerweile weit fortgeschrittenen Stand der Zersplitterung: ‘Eine Gruppe von Architekten wurde beauftragt, Entwürfe für Wohnhäuser für die verschiedenen Sektoren dieser Großsiedlung vorzulegen. Sie wurden gebeten, bestimmte, von mir niedergeschriebene Entwurfsgrundsätze, auf die wir uns alle geeinigt hatten, einzuhalten. Als ich später eingeladen wurde, die Entwurfsvorschläge zu überprüfen, fand ich zu meiner

9

Daß gerade er es war, der zu dieser Zeit mit dem Bau des höchsten, 31-geschossigen Wohnhochhauses beauftragt war, ist eine besondere Ironie, in der sich das Wettrennen um die Höhe spiegelt: „Das Hochhaus ist zusammen mit dem Halbkreis als städtebauliche Mitte des gesamten Stadtteils gedacht. Weil die übrigen Hochhäuser infolge der Verdichtung erhöht wurden, 27- und 28-geschossig an den U Bahnhöfen Wutzkyallee und Zwickauer Damm, 20-gechossig in Nähe des U-Bahnhofes Lipschitzallee, bekam dieses zunächst 25-geschossige Hochhaus 31 Geschosse. [Fehl]

„Jorinde und Joringel“. Hochhaus-Ensemble von Rolf Gutbrod

Ideengeschichte: Gebäudeplanungen

61

Bestürzung, daß fast jeder der beteiligten Architekten seiner eigenen Phantasie gefolgt war, ohne sich um die Entwürfe für die benachbarten Gebiete zu kümmern und die Gesamtforderungen des Generalplans zu beachten. Es gab gute und weniger gute Entwürfe darunter, aber fast alle waren ohne Beziehungen zueinander. Ihre Nähte paßten nicht zusammen! Ich drückte deutlich mein Bedenken darüber aus, aber da wie immer Druck auf einem schnellen Baubeginn ausgeübt wurde, wird es nun gewaltige Anstrengungen und Kämpfe kosten, das Projekt davor zu bewahren, wieder einmal in ein Sammelsurium von beziehungslosen Einzelbeiträgen auszuarten.’ (Gropius, 1967, 43) Nun sollte dieses ‘Sammelsurium von Einzelbeiträgen’ wenigstens durch eine einheitliche Grünplanung zusammengehalten werden: ‘Da schon so viel fehlgelaufen ist, möchte ich vorschlagen, daß man zu diesem späten Zeitpunkt den Versuch machen sollte, die Geländegestaltung zu koordinieren, die landschaftsgärtnerische Gestaltung, Bänke, Beleuchtung etc., was dazu beitragen würde, die gesamte Umgebung zu einer Einheit zusammenzuziehen.’ (Gropius an Schwedler, 2.7. 1966: 114) Im Februar 1968 endlich konnte der Landschaftsplaner Walter Rossow nach langem Hin und Her einen Entwurf für die öffentlichen – nicht aber die privaten, zwischen den Häusern gelegenen – Grünflächen vorlegen. Auf Grund der Zersplitterung in viele kleine Teilprojekte und deren Einzelbearbeitung durch z.T. ehrgeizige Architekten und der 62 Planungsphasen

noch immer wieder laufenden Verhandlungen bei der Baubehörde war es eine Weile lang nur möglich, von einem eigens damit beauftragten ‘Koordinationsbüro’ Zusammenzeichnungen des jeweiligen Entwurfsstandes für das Gesamtgebiet anfertigen und pro forma von Walter Gropius absegnen zu lassen: so am 7. 7. 1964; am 15. 12. 1964; am 12. 1. 1965: am 23. 6. 1965 und am 10. 1. 1966, bis Walter Gropius sich nicht mehr zurechtfand im Gewimmel der einzelnen Teilprojekte und ihrer ständigen Wandlungen. Anläßlich der Übersendung des 10 jüngsten ‘Arbeitsplanes’ stellte Walter Gropius fest: ‘Als Urheber des Entwurfs für die Großsiedlung finde ich es äußerst schwierig mir vorzustellen, wie die Gesamtheit der Siedlung aussehen wird, und ich kann nicht recht verstehen, wieso kein geeigneter, lesbarer Plan der Gesamtsiedlung gemacht wird, so daß wir uns alle darüber klar werden können, ob das, was wir tun, richtig ist. ... Mir kommen wenn überhaupt, nur unzusammenhängende Teilinformationen zu und es fehlt mir der Überblick, welche Gebäude im Bau sind; auf meine an die GEHAG, (andere Siedlungsträgergesellschaften, G. Fehl) und den Bausenator gerichteten Briefe kommen keine Reaktionen... Ich bin schließlich der letztendlich Verantwortliche für die Gesamtsiedlung und mir ist sehr daran gelegen, zu guten Ergebnissen zu kommen; aber wie Sie (Bandel) schreiben, scheint eine wirksame Koordination in der gegebenen Lage mit den vielen am Brei beteiligten Köchen äußerst schwierig zu sein. Ich habe daher beschlossen, einen Präsentationsplan (mit Schlagschatten) der Gesamtsiedlung im Maßstab 1: 2000 und dem neuesten Stand der Teilplanungen anzufertigen, der hinsichtlich Dichte und Gebäudehöhe lesbar wäre...’ (Gropius an Bandel, 10. 1. 1966; Bandel/Machule S.112)

oben: Arbeitsmodell des Koordinationsbüros von 1964 links: von TAC gezeichneter Gesamtplan vom 19.04.1966

10

„Der beigefügte Plan im Maßstab 1: 2000 gibt leider keinen deutlichen Überblick über die verschiedenen Bebauungshöhen“ (Bandel, Nachfolger von Ebert, an Gropius. 7.1.1966, Bandel/Machule S.112)

Ideengeschichte: Gebäudeplanungen

63

Wir sind hier Zeugen der tiefsten Unterwerfung des Architekten unter die bestehenden Zwänge: Walter Gropius entwirft nicht mehr, sondern zeichnet eine Zusammenschau des über seiner ‘großen Gesamtvorstellung’ entstandenen Chaos; aus der Gropiusstadt waren endgültig Dutzende von kleinen Gropiusstädtchen der einzelnen Wohnungsbaugesellschaften geworden, und Walter Gropius versuchte verzweifelt, durch gezeichnete Schlagschatten eine optische Ordnung in den Wildwuchs zu bringen, der aus den Machenschaften von Baubehörde, Berliner Architekten, Koordinationsbüros und Wohnungsbaugesellschaften entstanden 11 war. In verzweifelter Hoffnung und in völliger Fehleinschätzung der Lage will er noch retten, was zu retten ist: ‘Selbst zu diesem späten Zeitpunkt würde ich mich bereit erklären, die Rolle des Koordinators für das ganze BBR-Projekt zu übernehmen – auch ohne Bezahlung.’ (Gropius an Schwedler, 21. 6. 1966; Bandel/Machule S.114) Aber bereits zuvor schon hatte Walter Gropius vollständig resigniert: ‘Ich muß gestehen, daß dieses Unternehmen das enttäuschendste ist, mit dem ich je zu tun hatte, da der Kontakt mit den Siedlungsträgergesellschaften fast auf den Nullpunkt gesunken ist’ (Gropius an Schwedler, 19. 4. 1966; Bandel/Machule S. 112) Am 5. 7. 1969 starb Walter Gropius; am 16.9.1972 wurde die Großsiedlung feierlich und offiziell ‘Gropiusstadt’ getauft.”

‘Der gute Wille, das Fundament einer fruchtbaren Zusammenarbeit ist offensichtlich vollkommen untergegangen. Ob es sich hierbei um menschliche Schwäche von Individualisten oder um administrativen Widerstand handelt, habe ich noch nicht herausgefunden’ (Gropius an Schwedler, 25.7.1966, Bandel/Machule S. 114)

11

Gropius als Galionsfigur „Die Planung wird personalisiert. Der renommierte Architekt gewährleistet gegenüber der Öffentlichkeit die Qualität des Entwurfs. Durch seine Persönlichkeit sind Planungsentscheidungen angeblich legitimiert. Damit dient er als Galionsfigur, die nach außen Entscheidungen zu vertreten hat, die ohne sie getroffen wurden, über die sie oft nicht einmal informiert ist. Praktisch bleiben dem Architekten Proteste und Appelle. Eingriffsmöglichkeiten hätte er nur kraft seiner eigenen Publizität. Seine Verantwortung als Schöpfer eines Siedlungsgebietes wird im Namen dokumentiert: Gropiusstadt.“ (Heidede Becker 1977, S. 124) 64 Planungsphasen

Die Nachbesserungsplanungen Mitte der 80er Jahre
Die Kostenexplosion im sozialen Wohnungsbau ließ die Mieten der Sozialwohnungen, nachdem die Förderung allmählich auslief, in unverhältnismäßige Höhen (bis zu 8,- DM/qm kalt12) schnellen. Die erhöhten Instandhaltungskosten besonders der technisch anfälligen Hochhäuser schlugen ebenfalls zu Buche. Viele Mieter mußten zusätzlich Fehlbelegungsabgaben (2,- DM/qm13, gezahlt von 70% der MieterInnen14) zahlen. Als Folge teilweise unerprobter und profitorientierter Bautechnologie kündigten sich die ersten Sanierungen an. Gleichzeitig entwerteten die Erfahrungen mit den Ende der 70er Jahre in fast allen Großsiedlungen verstärkt aufgetretenen sozialen Problemen (fehlende Infrastruktur für vor allem die inzwischen zu Jugendlichen herangewachsene Generation der ersten Kinder) die Großsiedlungen. Das Ende der durch die Kahlschlagsanierung künstlich erhaltenen quantitativen Wohnungsnot, sowie die Wiederentdeckung der Innenstädte und Altbau-Quartiere als Wohngebiete ließen plötzlich – selbst in Berlin – die massenhafte Fluktuation insbesondere der solventen und sozial unproblematischen Mieter möglich erscheinen. „Die Angst vor einer Abstimmung der Mieter mit den Füßen grassiert.” (Martin/Pächter/Wurtinger 1985, 952)
12 13

Nach Peter Boltz, 1985 Die Fehlbelegungsabgabe liegt 1998 wieder bei 1,50 bzw. 2,- DM/qm (1996: zw. 1,25 und 6,50 DM/qm), jedoch wurde beschlossen, ab 1999 die Einkommensgrenzen, ab der sie gezahlt werden muß um 50% anzuheben, sowie zusätzliche Kinderfreibeträge einzuführen. Siehe hierzu Berliner Morgenpost vom 8.5.98, 8.2.98, TAZ v. 16.12.97, Berliner Zeitung vom 6.11.97, MoPo v. 23.9.97, TAZ v. 27.8.97, Berliner Zeitung v. 23. u. 26.8.97 14 vgl. U. Lenssen/T. Kristan S. 32, zit. nach K. Federbusch, 1997, S.61

Nachbesserungsplanungen der 80er Jahre

65

Als Problempunkte an der Gropiusstadt wurden in der Revision der 80er Jahre vor allem die folgenden betrachtet: • Geschichtslosigkeit: „Ohne Rücksicht auf Ort und Geschichte sind der vorhandenen Stadt theoretische Stadtmodelle aufgesetzt worden, für die der ‘Abbruch der Historischen Kontinuität’ (Hanns Adrian) hingenommen worden ist.” (Autzen/Becker, 1987, S.38) • ‘Verplanung’ und Reglementierung des gesamten Wohnumfeldes: „Das Planungs- und Realisierungsverfahren ist als ganzheitlicher Wurf angelegt worden. Es ließ weder Zeit noch Raum für die schrittweise Weiterentwicklung und Modifizierung der Konzepte aufgrund der Erfahrungen aus den ersten Bauabschnitten. Die Siedlungen sind nicht ‘gewachsen’, sondern in kürzester Zeit nach einem einheitlichen Plan verwirklicht und folglich auch innerhalb kurzer Zeiträume belegt worden. Das bedeutete eine Gleichzeitigkeit von Haushalten in der schwierigen Einlebensphase, in der Regel in unfertigen Wohngebieten.” (Autzen/Becker, 1987, S.38) • Konsequenzen der erhöhten Bebauungsdichte: „Mit dem Schlagwort der ‘städtebaulichen Urbanität’ wurden die Wohnungszahlen rücksichtslos nach oben korrigiert; die erhöhte bauliche Dichte und die damit zusätzlich notwendigen Infrastrukturmaßnahmen für fehlende Schulen, Kindertagesstätten und Flächen für den ruhenden Verkehr wurden inkonsequent auf Kosten der zentralen Grün- und Freiflächen durchgesetzt. Der öffentliche Raum schrumpfte in wichtigen Bereichen zu bauaufsichtlich notwendigen Abstandsflächen – Schönheit und Brauchbarkeit spielten keine Rolle. Übrig blieben viel zu große Gebäudekomplexe, die mit quantitativ enormen Freiflächen ausgestattet wurden. Das jedoch waren Flächen, die entweder durch ihre sektorale Isolierung oder durch Form und Qualität als pflegeleichtes Restgrün unbenutzbar und unansehnlich waren.” (Martin/Pächter/Wurtinger 1985, S.954) „Die Gropiusstadt wurde durch immer stärkere Verdichtung zu einer bloßen Ansammlung von solitären Hochhäusern” (Martin/Pächter 1987, S. 28)
66 Planungsphasen Großer Freiraum im Grünzug zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen, Blick nach Westen, im Vordergrund die Pappelumrandung des ‘zentralen Spielfeldes’

• Verunklärte Raumidee: „Großformen erweisen sich in der alltäglichen Nutzung dann als planerische Konstrukte, wenn ihre Raumidee nicht durchschaubar und erlebbar ist.” (Autzen/Becker, 1987, S.38) • Trennung von Erschließung und Raumbildung: „... im Gegensatz zu Taut und Wagner war allerdings schon das Prinzip der Identität von Raumbildung und Erschließung zugunsten einer rigiden Funktionstrennung aufgegeben.” (Martin/Pächter/Wurtinger 1985, S. 952) • Fehlende räumliche Hierarchien: „Im Entwurf von Walter Gropius hatten Kategorien wie hoch und niedrig, eng und weit, zentral und dezentral wichtige Bedeutungen für die Gestaltung von Räumen. Deshalb müssen dem öffentlichen Raum, oder sagen wir es praktischer: den Flächen des Wohnumfeldes ästhetische und städtebauliche Kategorien überhaupt erst einmal zugeordnet werden, die auf eine räumliche Integration von natürlichen und benutzbaren Park- und Freiflächen, gestalteten Plätzen und erlebbaren Platzsituationen, gefaßten Straßen und Alleen abzielen und die das Nebeneinander von Aktivflächen und ungestörten Zonen ermöglichen.” (Martin/Pächter/Wurtinger 1985, S. 955) • Kommunikationsfeindlichkeit der Hochhausarchitektur (Boltz 1987, S.22): „Allein schon die Masse der Wohnungen in einem Hausaufgang erschwert den Bewohnern die Kontaktaufnahme.” • Mangelnde Soziale Kontrolle (Boltz 1987, S.22) • Freiflächendefizit: Bereits 1974 (Tagesspiegel vom 29.6.1974) war das generelle Freiflächendefizit der südöstlichen im Vergleich zu den übrigen Bezirken Westberlins bewußt geworden, und es wurden Planungen für den 1985 als Bundesgartenschau eröffneten Britzer Garten begonnen. Auch die Gropiusstadt selbst verfügt nur über 38% der in den Richtwerten der Bereichsentwicklungsplanung 1983 für diese Einwohnerzahl vorgesehenen wohnungsnahen Grünflächen.15

15

Nur 21ha anstelle des ‘Bedarfs’ von 55ha, bei Annahme von 13qm wohnungsnahen Grüns je Einwohner. (Vgl. Baatz 1986, S.35). Diese Festlegung erweist sich allerdings bei einem Vergleich von Innenstadtbezirken wie Kreuzberg (6qm Grün- und Freiflächen je Einwohner insgesamt) oder Schöneberg (10qm/EW) mit Flächenbezirken wie Neukölln (insgesamt 33qm Grün- und Freiflächen je EW), Spandau (150qm/EW) oder gar Zehlendorf (300qm/EW) als eher theoretisches Konstrukt. (Zahlen berechnet nach Angaben aus dem Statistischen Jahrbuch 1997, Statistisches Landesamt Berlin) Wesentlich aufschlußreicher ist m.E. das – freilich nicht in Zahlen auszudrückende – Verhältnis zwischen nutzbaren und tatsächlich genutzten Freiflächen. Davon ausgehend, ist in der Gropiusstadt, zumindest in den 90er Jahren, kein nennenswerter quantitativer Mangel an Grünflächen zu bemerken – allenfalls an nutzbaren Grünflächen. Die Bedeutung dieser Freiflächendefizite hat sich durch den Fall der Mauer teilweise relativiert, da sowohl die sehr großen Naherholungsgebiete Köpenicks als auch die unmittelbar südlich der Gropiusstadt angrenzenden Großziethener Felder inzwischen erreichbar sind. Nachbesserungsplanungen der 80er Jahre 67

• Bürokratie: „Die Verwaltung der riesigen Wohnkomplexe durch die Großorganisation weniger Trägerunternehmen führt zu anonymisierten und bürokratisierten Formen des Umgangs zwischen Vermieter und Mieter.” (Autzen/Becker 1987, S.39) • ”Was übrigblieb, war eine Großsiedlung ohne städtische, öffentliche Räume, ohne wirkliches Grün und ohne architektonische Qualität selbst des einzelnen Objektes.” (Martin/Pächter/Wurtinger 1985, S. 952) Martin und Pächter (1985, 952) bemerken allerdings auf der Suche nach den konzeptionellen Defiziten und städtebaulichen Mängeln der Gropiusstadt: „Die billig verantwortlich gemachte ‘serielle Monotonie’ kann es kaum sein, denn kennzeichnend für die Architektur der Gropiusstadt ist gerade ein chaotischer Formenreichtum, der schon auf den ersten Blick Desorientierung verrät.” Vor dem Hintergrund der drohenden Fluktuation fanden sich Wohnungsbaugesellschaften und Politiker plötzlich bereit, über Nachbesserungsmaßnahmen zu reden. Gerade dieses ‘Reden’ mit den Betroffenen, übernommen aus den behutsamen Sanierungskonzepten für innerstädtische Altbaubestände, ist kennzeichnend für die Ansätze der 80er Jahre. Im Januar 1986 wurde nach positiven Erfahrungen mit dem Märkischen Viertel, vom Senator für Bau- und Wohnungswesen ein ‘Modellvorhaben’ eingerichtet. (Martin/Pächter 1987, S.28) Zur Nachbesserung wurde ein Sanierungsbeirat, eingerichtet, der sich wie folgt zusammensetzte16: - Koordinatoren: Büro Martin + Pächter - 3 Vertreter Senatsverwaltungen - 3 Vertreter Bezirksverwaltung - 4 Vertreter Vermieter - 4 Vertreter Mieter, darunter 2 kirchlich - 1 Vertreter Gewerbetreibende - 2 Vertreter Fachleute - Gäste: BVV (CDU / SPD / AL), Gartenarchitekten, Hauptausschuß, Presse
68 Planungsphasen

16

nach Lenssen / Kristan o.J. S.49

Der Sinn des Beiratsverfahrens bestand nicht nur darin, die zur Verfügung stehenden Mittel möglichst effizient zu verteilen, sondern insbesondere darin, quasi als pädagogische Maßnahme einen Kommunikationsprozeß zwischen Mietern und Vermietern in Gang zu bringen17, von dem man sich den Grundstein für eine stärkere Aneignung der Gropiusstadt durch ihre Bewohner erhoffte. Es zeigte sich jedoch bald, daß die Fronten, sowohl auf Seiten der über lange Jahre hinweg von den unbeweglichen Wohnungsbaugesellschaften frustrierten Mieter, als auch auf Seiten der nun plötzlich zum Eingeständnis eigener Fehler genötigten Wohnungsverwaltungen, verhärtet waren. „Die vom Abgeordnetenhaus verordneten Mieterbeiräte werden von einzelnen Mitarbeitern in den Gesellschaften mit dem Ziel angegangen, deren Scheitern zu beweisen. [...] Die Mieter- und Vermietermentalität ist nirgends so ungut festgefahren.” (Peter Boltz18, 1985, S.5) Als ähnlich problematisch erwies sich der Dialog der Bürger mit den Verwaltungen, die meist in der Gropiusstadt noch nicht einmal eine Außenstelle haben. „Entscheidungen, die vor Ort getroffen werden müssen, werden bei uns meist in den Hauptverwaltungen – ohne jede Beteiligung der Betroffenen – gefällt. Dies erklärt auch die Unfähigkeit dieser Verwaltung zu lernen.”(Peter Boltz, 1985, S.5) Im Rahmen des Beiratsverfahrens erwies sich als problematisch, daß die Mietervertreter zum einen personell zu schwach vertreten waren, zum andern zu wenig fachliche Beratung und Unterstützung hatten, um dem Anspruch gerecht zu werden, einerseits die Interessen aller Mieter zu vertreten, andererseits als Multiplikatoren und Vermittler zwischen Beirat, Mietern und Vermietern zu fungieren.19 Im Resultat wurden die Mietervertreter zwischen den Fronten aufgerieben. „... das Konzept stand, zum Trost hat man uns mitreden lassen, und man lädt uns auch jedesmal zu einer Sitzung ein. Wir können auch was sagen, aber es wird eigentlich so gemacht, wie es gedacht war.”20

17

vgl. Erwin Zint, Vertreter des Bezirksamtes im Beirat, in: Martin/Pächter 1987, S.37 18 Peter Boltz war von 1973 an Gemeinwesenarbeiter der evangelischen Kirche im ‘Haus der Mitte’ und Mietervertreter im Beirat (vgl. Martin/Pächter 1987, Boltz 1985) 19 vgl. Lenssen / Kristan o.J. S.52; Zint 1987 S.37 20 Resümee einer Mietervertreterin nach dreijähriger Mieterbeiratsarbeit, zit. nach Sabine Flohr, in: IWOS 1990, S.25

Nachbesserungsplanungen der 80er Jahre

69

Die Ziele des Beiratsverfahrens, wie sie durch ein Kolloquium im Februar 1986 festgelegt wurden, waren, zit. nach Erwin Zint, Vertreter des Stadtplanungsamtes im Beiratsverfahren (in: Martin/Pächter 1987, S.36): • die gesamte Gropiusstadt ist Gegenstand des Verfahrens • landschaftsgestalterische Verbesserung auf privaten und öffentlichen Freiflächen (Landschaftspark Gropiusstadt) • städtebauliche Verbesserung, aufbauend auf ein Gesamtkonzept • bauliche Instandsetzung einschließlich Wohnwertverbesserung der Gebäude • qualitative Verbesserung der sozialen und kulturellen Versorgung • Verbesserung des Verhältnisses Vermieter in Bezug zu den Mietern • Ausdrücklich ausgeklammert wurde in diesem Zusammenhang das Thema Begrenzung der Mietenentwicklung. 21
„Die Auseinandersetzung und Diskussion in den Beiratssitzungen verlief überwiegend zu den Themen »Erarbeitung eines baulich-räumlichen Gesamtkonzeptes« sowie »gestalterische Teilkonzepte«: Der zeitliche Druck zur rechtzeitigen Inanspruchnahme der bereitgestellten Finanzmittel für 1986 machte diese thematische Konzentration scheinbar erforderlich. Somit war im wesentlichen der vom Senator für Bau- und Wohnungswesen eingestellte Finanzrahmen Grundlage der Diskussion und nicht die langfristigen Bedürfnisse und Erfordernisse zur Nachbesserung aus der jeweiligen Sicht der beteiligten Gruppen. Aufgrund schwieriger Abstimmungsprozesse in den zuständigen Verwaltungen konnte mit dem Bau der im Verfahren vereinbarten Sofortmaßnahmen erst Mitte 1987 begonnen werden. Der Zeitdruck und die Konzentration auf bauliche Themen sind im nachhinein unbegründet, da deswegen eine Diskussion über die weitergehenden Zielsetzungen, hier vor allem im sozial-kulturellen Bereich, unterbunden wurde.” (Erwin Zint in Martin/Pächter 1987, S. 37)

70

Planungsphasen

Eingangssituationen in der Gropiusstadt links o., m. problematische Originalsituation links u. bessere Lösung aus derselben Zeit diese Seite: Nachbesserung der 80er Jahre

Die Verbesserungen, die im Rahmen des Beiratsverfahrens schließlich erarbeitet und auch umgesetzt wurden, waren vor allem landschaftsgärtnerischer Art. Das Konzept sah „den Ausbau des landschaftlichen Grünzuges zu einem repräsentativen [!] öffentlichen Park und seine räumliche und funktionale Verknüpfung mit den zentralen Versorgungs- und Kultureinrichtungen” vor. Als konkrete Maßnahmen wurden vorgeschlagen: • Reduzierung des Versiegelungsgrades im privaten und öffentlichen Bereich • Schutz des Vogelwäldchens vor weiterer Zerstörung durch Trampelpfade u.ä. • Aufwertung des Grünzuges zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen durch bessere Fahrbahnquerungen, Vorplatz, neue oder verbesserte Fußwege im Grünzug sowie ein zentrales , von Pappeln gerahmtes ‘Spielfeld’ • Begrünung von Parkhäusern • Neugestaltung von Hauseingängen

21

Kerstin Federbusch erläutert hierzu: „1984 - 87 erfolgte in Berlin die Aussetzung des förderungsbedingten Mietanstieges (Degression der Kaltmieten) im sozialen Wohnungsbau. die Zuschüsse waren bis dahin zunächst alle 3 Jahre um 50 Pf. gekürzt worden, ab 1978 um 17 Pf./qm jährlich. Die Aussetzung wurde durchgesetzt, weil die MieterInnen die Subventionskürzungen infolge der stagnierenden Einkommen nicht mehr übernehmen können. Zur Mietenbegrenzung wurden damals folgende Systeme erarbeitet und erprobt: der sogenannte Mietenausgleich sah eine Zusatzförderung für einkommensschwache MieterInnen vor, die ‘Unternehmensmiete’ oder auch ‘Stadtteilmiete’ (die auch heute wieder im Gespräch ist, O.P.) bedeutete eine Umstellung der Mietenberechung bzw. deren Angleichung bei vergleichbaren Wohnungen. (was insbesondere die Mieter wartungsanfälliger Hochhäuser entlastet, O.P.) vgl. Reiner Baatz, ISR, 1986, S.19/20” hierzu auch: Tagesspiegel v. 19.11.85; neuere Entwicklungen s. Berliner Zeitung vom 8.3. und 3.5.95, TAZ vom 24.3.95, Berliner Morgenpost vom 10.1.98

Nachbesserungsplanungen der 80er Jahre

71

72

Planungsphasen

Sofortmaßnahmen

„Der Beirat hat in seiner 3.Sitzung am 16.07.1986 einstimmig empfohlen, bei der Wohnumfeldverbesserung der Gropiusstadt mit Umgestaltungsmaßnahmen im Freiraum zu beginnen, damit der deutliche Wille zur Veränderung und Verbesserung erkennbar wird.Damit wurde auch die Hoffnung verbunden, bei den Betroffenen eine stärkere Mitwirkung zu initiieren. Ausgewählt wurde der Grünzug zwischen Lipschitzplatz und Vogelwäldchen (Sollmannweg). Insbesondere der bedrohliche Zustand des Vogelwäldchens und Forderungen aktiver Bürger, die sich die Rettung des Waldes zum Ziel gesetzt hatten, waren Hintergrund dieses Beschlusses. Grundlage für die 1987 begonnenen Umbaumaßnahmen ist das Entwurfskonzept der Landschaftsplaner Müller/Knippschild/Wehberg, die exemplarisch den Gedanken des Landschaftsparks herausgearbeitet haben. Als sichtbare Ergebnisse werden folgende Sofortmaßnahmen im öffentlichen Raum noch in diesem Jahr [1987] abgeschlossen: 1 Übergang Lipschitzallee Der Übergang zwischen Bat-Yam-Platz zum Grünzug wird für den Fußgängerund Fahrradverkehr wesentlich verbreitert und mit einer geänderten Ampelanlage markiert. Brunnenplatz als Eingang in den Grünzug Durch die Neuanlage eines Platzrondells mit Fontänebrunnen soll der zentrale Grünraum schon am Überweg erkennbar werden. An den Platz, der von Bänken gesäumt wird, sollen Blumenbeete und kulissenartig abgestufte Hecken als Randbepflanzung anschließen. Die von hier ausgehenden Wege werden neu gestaltet und führen in den Grünzug mit zentraler Blickachse bis zum Vogelwäldchen. Neuer Hauptweg zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen, Anlage eines von Pappeln gefaßten zentralen ‘Spielfeldes’ Schutz des Vogelwäldchens Um das übergenutzte Waldstück zu entlasten, ist eineEinzäunung nötig, um Trampelpfade mit der dadurchverursachten Bodenverdichtung zu verhindern und neue Wachstumsmöglichkeiten für natürliches Unterholz und Kräuter zu schaffen. Zusätzlich wird ein neuerEntlastungsweg vom Wildmeisterdamm zum Grünzug angelegt. Parkhausbegrünung In Ergänzung dieser Maßnahmen hat die GEHAG die Anregungen des Beirates aufgenommen und Begrünungsmaßnahmen für die beiden Parkhäuser an der Lipschitzallee und am Wildmeisterdamm beauftragt. Neben der Anlage von Gründächern mit natürlichen Rasen- und Vegetationsflächen werden auch die Fassaden der Parkhäuser mit Bäumen und immergrünen Rankpflanzen ver sehen.“ (Martin/Pächter, S. 35)

2

3 4

oben: Weg durch das Vogelwäldchen links: Freiraumkonzept für die Neugestaltung Lipschitzplatz und Vogelwäldchen von Müller/Knippschild/Wehberg, 1986

5

Nachbesserungsplanungen der 80er Jahre

73

Die sichtbaren Ergebnisse der Wohnumfeldverbesserung sind (nach Kerstin Federbusch, 1997, S. 74-77): • ein Rosengarten mit Sitzmöglichkeiten hinter dem Gemeinschaftshaus, • die Neugestaltung eines Platzes an der Lipschitzallee als neuer Eingang zum Grünzug (mit Brunnen in Form einer flachen Schale und ringförmig angelegten Blumenbeeten bzw. Hecken und Baumpflanzungen darum, sowie mit einem Gartenpavillon22) • Fußgängerüberweg mit Ampelanlage, zusätzliche Bushaltestelle und Behindertenaufzug am U-Bahnhof Lipschitzallee • neuer Hauptweg und pappelumrandetes ‘Spielfeld’ im Grünzug zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen • Schutzmaßnahmen und Erweiterung des Vogelwäldchens, neuer Spielplatz dort • Neugestaltung des Rotraud-Richter-Platzes vor dem ‘Wutzky-Center’; Neugestaltung des Platzes hinter der Passage am Zwickauer Damm • Neupflasterung und bessere Beleuchtung von Fußwegen, Neugestaltung verschiedenster privater und halböffentlicher Freiflächen, Neuanpflanzung von Bäumen, Sträuchern und blühenden Pflanzen, Erneuerung und Verbesserung von Spielplätzen, • Neubau des Jugend- und Kulturzentrums Wutzkyallee, 1989 eröffnet23 • Neubau des Jugendclubs Lipschitzallee, 1998 fertiggestellt24 • Umbau des Einkaufszentrums Wutzkyallee durch die DeGeWo für ca. 10 Mio. DM25, 1991 eingeweiht • Umbau der Passage am Zwickauer Damm • Umbau der ehemaligen Waschhäuser im Bereich der Gehag zu einer Praxis für
74 Planungsphasen

oben: Inneres des bis 1991 für 10 Mio. DM umgebauten Wutzky-Center unten: der neugestaltete Rotraud-Richter-Platz am Wutzkycenter. Vor dem Umbau gab es keine Treppe aus dem Einkaufszentrum auf den Platz.

22

Krankengymnastik (Wermuthweg), einem Frauencafé (Löwensteinring, seit 1983), der psychosozialen Kontakt- und Beratungsstelle ‘Treffpunkt Waschhaus’, der Diakonie (ebenfalls Löwensteinring), einem Selbsthilfezentrum (Lipschitzallee, seit 1995), • Neugestaltung von Hauseingängen am Sollmannweg 7-15 im Rahmen der Wohnumfeldverbesserung26 • Begrünung zweier Parkhäuser an der Lipschitzallee durch die Gehag • sowie zahlreiche regelmäßige und außerordentliche Renovierungen und Sanierungen der Gebäude durch die Baugesellschaften (Betonsanierungen, Erneuerung und Umbau von Balkonen, Dacherneuerungen, neue Fassadengestaltungen und -anstriche, wärmedämmende Fassadenverkleidungen, Renovierung der Treppenhäuser etc., sowie Umbau von Wohnungen zu Gemeinschaftsräumen27, Gästewohnungen etc.)

Kommentar des Neukölln Spiegel: „Es scheint jedoch, daß nur Grafitti-Sprayer am Pavillon ein gewisses Interesse haben” (Federbusch 1997, S.88) 23 mit Übungsräumen für junge MusikerInnen, Holz-, Schmuck-, Fahrrad- und Motorwerkstatt, Videoschneideplatz, und verschiedenen Gruppenangeboten; der Bau wurde direkt neben dem Abenteuerspielplatz errichtet, der dadurch zum wiederholten male verkleinert wurde. 24 Der Jugendclub Lipschitzallee ist gewissermaßen der Ersatzbau für die nunmehr seit 15 Jahren wegen Asbestverseuchung geschlossenen Jugendräume in der Clay-Oberschule 25 gefördert durch den Senat im Rahmen des Modellvorhabens zur Wohnumfeldverbesserung 26 teilweise auch an anderer Stelle und ohne Förderung 27 Gemeinschaftsräume hat es in der Gropiusstadt allerdings schon immer gegeben. Vgl. Peter Boltz, 1987, S.25

Nachbesserungsplanungen der 80er Jahre

75

Weiterhin sind seit den 80er Jahren folgende Neubauten errichtet worden: • Neubau einer 4-geschossigen Reihenhauszeile mit Mietergärten an der Wutzkyallee 1992/93 • Pavillon der Berliner Sparkasse an der Johannisthaler Chaussee • Umbau, Überdachung und Erweiterung des Einkaufszentrums an der Johannisthaler Chaussee zu den ‘Gropius-Passagen’ Der pädagogische Anspruch des Beiratsverfahrens erweist sich als ein nur sehr langfristig erreichbares Ziel (vgl. z.B. auch Zint, 1987, S.37). Um so problematischer erscheint der Abbruch des Verfahrens nach 1990, als sich die Schwerpunkte der Sanierungspolitik auf die Großsiedlungen Ostberlins verschoben. Dennoch haben sich zwei Nachfolgeorganisationen gegründet: Der 1989 gegründete ‘Stadtteilaus-

76

Planungsphasen

28

Als einer der größten Erfolge des Ausschusses wird nach Kerstin Federbusch, 1997, S.79, eine durch sein Engagement mitherbeigeführte Begrenzung von Mieterhöhungen von bis zu 2,50DM/qm auf maximal 1,50DM/qm durch die Senatoren für Bau- und Wohnungswesen bzw. Finanzen angesehen. Die Anfang 1995 durch Auslaufen von Förderprogrammen in zahlreichen Wohneinheiten der Gropiusstadt zustande gekommenen Mieterhöhungen wurden hierbei durch öffentliche Zuschüsse bis 1998 gemindert. Vgl. hierzu auch Berliner Zeitung vom 8.3. und 3.5.95, TAZ vom 24.3.95 29 Genauere Angaben zu den Strukturen finden sich in der 1998 an der FU, Fachbereich Geographie, eingereichten Diplomarbeit von Matthias Geyer, sowie zum Stadtteilausschuß und den 1996 bestehenden Mieterbeiräten bei Kerstin Federbusch, 1997, S.78 - 80

schuß’ Gropiusstadt, dessen Koordination einmal mehr vom ‘Haus der Mitte’ geleistet wird, ist eine Art offener Anlaufstelle für Probleme aller Art28. Er ist als offenes Gremium inzwischen fast ausschließlich mit Rentnern besetzt. Um den ‘Runden Tisch’ Gropiusstadt sind Vertreter der Wohnungsbaugesellschaften und des Stadtteilausschusses versammelt.29 Die Bezirksverwaltung nimmt jedoch am Nachbesserungsprozeß nicht mehr aktiv teil und verfolgt auch nach Angaben von Mitarbeitern des Stadtplanungsamtes keinerlei eigenes Konzept bezüglich der Gropiusstadt.

links: Axonometrie der Gropius-Passagen, zu denen das ehemalige Einkaufszentrum Johannisthaler Chaussee umgebaut wurde mitte links : der neue Hauptweg zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen mitte rechts: neu errichteter Gartenpavillon22 unten: umgestalteter Bereich an der Lipschitzallee, mit Brunnenplatz als Eingang zum Grünzug, Fußgängerüberweg, Behindertenaufzug, City-Toilette und neuen Bushaltestellen

Nachbesserungsplanungen der 80er Jahre

77

78

Alltag in der Gropiusstadt

Der Alltag in der Gropiusstadt

Ist die Gropiusstadt typisch?
Die Studie des DIFU (Becker, Keim, 1977, S.32) kommt zu dem Schluß, „daß die Gropiusstadt hinsichtlich ihrer Grundmerkmale weitgehend als typisch [für randstädtische Großsiedlungen in der BRD und Westberlin] angesehen werden kann. Abweichungen ergeben sich aufgrund der besonderen Situation in Berlin (West): Der Anteil des Sozialen Wohnungbaus liegt fast bei 100%; der Anteil an Eigentumswohnungen und Eigenheimen ist niedriger als in der Bundesrepublik. Das fehlende Umland wirkt sich auch auf die Ausnutzungsziffer aus; sie liegt bei den Berliner Siedlungen etwas höher; in diesem Zusammenhang ist auch die höhere Bebauung in der Gropiusstadt zu sehen.“ (Untersucht wurden statistisch vergleichbare Daten wie Größe, GFZ, Finanzierungs- und Mietform, Hochhausanteil und Wohnungsgrößen, Altersstruktur und Stellung im Beruf der Bewohner, Lage, Verkehrsanbindung und Distanz zur Kernstadt.)

rechts: der 1987 angelegte Brunnenplatz als Eingang des Grünzuges an der Lipschitzallee links: der in den 70er Jahren angelegte Rodelberg hinter dem Wutzky-Center

Ist die Gropiusstadt typisch?

79

In gestalterischer Hinsicht läßt sich bei näherem Hinsehen schwer von der ‘typischen’ Großsiedlung sprechen. Davon abgesehen, daß für alle Siedlungen einer bestimmten Ära natürlich die gleichen Leitbilder mehr oder minder verbindlich im Hintergrund stehen, hat doch jede ihre Besonderheiten. Die zu beobachtenden gestalterischen Übereinstimmungen kommen dabei eher durch die einheitlichen Bedingungen der Wohnungsbaupolitik und der Bauwirtschaft zustande, wie z.B. das Primat des Wohnungsbaus, die rationalisierten Fertigungsmethoden, die Tendenz zur Planung immer größerer Einheiten, usw. Dagegen ist beispielsweise bei der Art der Gruppierung der Bauten eine weite Spanne zu beobachten: vom eher seltenen fraktalen Cluster-Prinzip der Gropiusstadt über die Großwohnhöfe in HamburgSteilshoop, des ‘Polypen’ oder ‘Wohngebirges’ des Märkischen Viertels, die flottierenden Zeilen in Nünberg-Langwasser, die innerstädtischen Wohnparks Hamburg-Grindelberg (Scheiben) oder des Hansaviertels (Solitäre), der fraktalen oder ornamental-strukturalistischen Großformen Toulouse - Le Mirail’s oder den streng geometrisch-strukturalistischen Bijlmermeers, bis zur ebenfalls fraktalen, aber durch Feingliedrigkeit wieder bis zur Homogenität gelangten Anordnung in der Schwagenscheidt’schen ‘Raumstadt’ Frankfurt-Nordweststadt lassen sich sehr verschiedene Gestaltungsideen beobachten. Dabei spielt die Integration von Grünanlagen zwar immer eine Rolle, aber der Park steht nicht immer im Zentrum wie in der Gropiusstadt oder ähnlich in der Frankfurter Nordweststadt. Auch die Verbindlichkeit der Planung bzw. die vorgesehene Länge der Zeitspanne der Entstehung ist unterschiedlich: Nünberg-Langwasser oder Köln-Chorweiler sind als im Verhältnis zur Kernstadt sehr große Siedlungen immer langfristig angelegte Vorhaben gewesen, während die Berliner Großsiedlungen möglichst schnell ‘durchgezogen’ wurden. Dabei gelang im Märkischen Viertel aufgrund der anderen Eigentümerstruktur und der gegenüber den Anforderungen der Bauwirtschaft und der Verwaltung wesentlich elastischeren Gestaltungsidee die sehr viel direktere Umsetzung derselben, wohingegen die Gestaltungsidee der zur gleichen Zeit entstandenen Gropiusstadt unterging.
80 Alltag in der Gropiusstadt

oben: Wohnpark Hamburg-Grindelberg rechts: Hansaviertel Berlin unten: Nordweststadt Frankfurt

Auch die Annahme der Siedlungen durch die Wohnbevölkerung unterscheidet sich, geprägt von den sozialen ‘Randbedingungen’, erheblich. In der Gropiusstadt haben Zerstörungen und Vandalismus niemals ein wirklich kritisches Maß erreicht und spielen heute kaum eine Rolle; bei anderen, insbesondere kleineren Siedlungen (auch in Deutschland), wird noch immer über die angebliche ultima ratio des Totalabriß nachgedacht.30

30

vgl. z.B. Frankfurter Rundschau vom 5.6.98, S. 28, Überlegungen zum Abriß des Spessartviertels in Dietzenbach 31 Das StaLa führt zwar für ein Gebiet mit der Bezeichnung ‘Gropiusstadt’ Statistiken, die Definition der Gebietsgrenzen stimmt jedoch nicht mit der Definition der DIFU-Studie von 1973 überein, um deren Fortschreibung es mir ging. Darüber hinaus umfaßt die StaLa Definition einige statistische Blöcke, die mit Einfamilienhäusern bebaut sind, und die die Werte daher u.U. verfälschen. 32 Derzeit ist an der FU Berlin eine Diplomarbeit im Fach Geographie in Arbeit, in deren Rahmen in Zusammenarbeit mit dem Stadtteilausschuß Gropiusstadt eine neue Bewohnerbefragung durchgeführt wurde, welche aber noch nicht ausgewertet ist. Einige Zusammenfassungen von Zahlen des Statistischen Landesamtes und der Wohnungsbaugesellschaften wurden vorab aus dieser Arbeit übernommen: Matthias Geyer, [noch ohne Titel] , FU Berlin, Fachbereich Geographie, 1997

Quellenlage Seit 1973 wurde die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung der Gropiusstadt nicht mehr genauer untersucht. Die Wohnungsbaugesellschaften führen teilweise noch nicht einmal Statistiken über die Fluktuation in ihren Häusern, geschweige denn über die Zusammensetzung der Mieterschaft. Das Statistische Landesamt führt die Gropiusstadt nicht als eigenständiges statistisches Gebiet,31 so daß relevante Zahlen nur durch aufaddieren von Einzelwerten der statistischen Blöcke möglich ist. Diese Zahlen wurden jedoch in der Vergangenheit nicht aufbereitet und liegen heute z.T. nicht mehr vor. Eine Fortschreibung der Ergebnisse von Becker/Keim aufgrund der Analyse von 1973 erscheint somit schwierig. Dennoch wird hier der Versuch unternommen, die Fortentwicklung der Gropiusstadt auch anhand des greifbaren Zahlenmaterials zu interpretieren.32

Ist die Gropiusstadt typisch?

81

Demographische Merkmale der Wohnbevölkerung Entstehung des Bevölkerungsmix
Die Zusammensetzung der Bewohnerschaft der Gropiusstadt ist ursprünglich nahezu vollständig durch das Zusammenwirken öffentlicher Institutionen (Wohnungsbaugesellschaften, Wohnungsbaukreditanstalt, Senat, Bezirks- bzw. Landeswohnungsamt) bestimmt und damit auf lange Sicht festgelegt worden. (Schneider/Keim1977, S.150, 142-145)

Die Wohnungsschlüssel wurden entweder nach den Richtlinien der Wohnungsbaukreditanstalt, oder nach den gesellschaftsinternen Wartelisten der Genossenschaften festgelegt. Die DeGeWo errichtete im südlichen, dichter bebauten Bereich als landeseigene Gesellschaft auf Drängen des Senates einen höheren Anteil von großen Wohnungen für kinderreiche Familien. Zumindest die drei großen Wohnungsbaugesellschaften Gehag, DeGeWo und Hilfswerk bekamen Ihre Mieter überwiegend durch Bezirks- und Landeswohnungsamt zugewiesen; dabei kam es vor allem im Bereich der DeGeWo zu Konzentrationen von Sanierungsmietern (Käthe-Dorsch-Ring und Theodor-Loos-Weg, d.h. südöstliche Abschnitte 5 und 6). Das Hilfswerk bedauerte die Zuweisungspraxis, da sie soziale Integration von Problemgruppen erschwerte (Schneider/Keim 1977, S. 142-145).

Wohnungskontingente nach Eigentümern und Zimmeranzahl
Eigentümer
Berlin (West) 64-70 136327 WE Neukölln 64-70 23237 WE Gropiusstadt Ø 18892 WE Petrus-Werk 297 WE Hilfswerk ab 73 662 WE DeGeWo 4435 WE Gehag 1970-74 4288 WE 16 14 3 3 15 13 27 4 9 30 33 43 19 20 6 23 3 25 48 21 6 5 30 38 14 9 15 19 21 15

1 Zimmer
25

1 1/2 Zimmer

2 Zimmer
38 38 33

2 1/2 Zimmer

3 Zimmer
30 33 18

3 1/2 und mehr Zimmer
17 14 15 9 27 14 16 4 2 12

13

9

Gehag 1964 -69 3754 WE Eigentumswohnungen 719 WE

Kontingent 0 %

10%

20%

30%

40%

50%

60%

70%

80%

90%

100%

82

Alltag in der Gropiusstadt

Herkunft der Bewohner
Bis 1967 – als etwa ein Drittel der Wohnungen fertiggestellt war – stammten die Gropiusstadtbewohner vor allem aus Berliner Bezirken (Schwerpunkte: Kreuzberg, Wedding). 1973 waren 8,3% der Wohnungen von sogenannten Abrißmietern (Umsetzmietern aus Sanierungsgebieten) bezogen; 17% der Bewohner kamen, meist zwischen 1971 und 1973, aus der Bundesrepublik (angeworbene Arbeitskräfte); aus dem Bezirk Neukölln stammten 23,7% der ersten Mieter. (Schneider/Keim S.152)
33

Haushaltsstruktur
1973 waren 1/4 der Haushalte in der Gropiusstadt Ein-Personen-Haushalte, 80% bestanden aus ein bis drei Personen. Ein-Personen-Haushalte und Kleinfamilien waren somit stärker vertreten als in den anderen Großsiedlungen dieser Zeit in Berlin (25%/75%) und – besonders auffällig – dem restlichen Bundesgebiet (5%/52%) (Schneider/Keim S.156).

Die Zahl ergibt sich aus der Division der heutigen Bewohnerzahl (nach den Daten des Statistischen Landesamtes, aus: M. Geyer 1998) durch die Anzahl der Wohnungen nach Bandel/Machule 1974, S.143f; nicht enthalten sind darin ein um 1974 errichtetes Wohngebäude neben dem Verbrauchermarkt nördlich der Johannisthaler Chaussee, ein etwa 1980 auf der letzten privaten Parzelle entstandenes Gebäude an der Lipschitzallee/Hugo-Heimann-Straße sowie eine 1992 als Nachverdichtung gebaute Reihenhauszeile an der Wutzkyallee.

1973 bestand die Gropiusstadt aus 18.896 Wohnungen bei 42.585 Einwohnern, d.h. die durchschnittliche Haushaltsgröße lag bei 2.25 Personen; heute liegt sie bei etwa 1.96 Personen33. Genauere Daten liegen derzeit nicht vor. Die Verkleinerung der Haushalte korrespondiert mit dem Wegzug der erwachsenen Kinder und geschiedener Partner aus den Wohnungen von Familien sowie mit der zunehmenden Zahl aufgrund des Todes des Partner alleinstehender Älterer. Die statistische Relevanz dieses Alterungseffektes der Bewohnerschaft ist zusammen mit der Tatsache, daß die Bevölkerung seit etwa 1975 annähernd gleichmäßig abnimmt, ein Hinweis darauf, daß noch immer viele Erstmieter in der Gropiusstadt wohnen, bzw. daß der Prozeß der Veränderung sich gleichmäßig über die gesamte Zeit vollzogen hat.

Demographische Merkmale der Wohnbevölkerung

83

Überbelegung
1973 waren etwa 26% der Wohnungen überbelegt (mehr Personen als Zimmer), dabei insbesondere die Wohnungen von Haushalten mit mehr als 4 Personen (47 von 48 Haushalten der Stichprobe) (Keim S.223). In 7% der Wohnungen war mehr als ein Zimmer mit zwei Personen belegt. (Keim S.234) Über die heutige Belegungsdichte, insbesondere der großen Wohnungen, gibt es keine genauen Angaben.33b
33b

Von der Abnahme der Bewohnerdichte kann nicht auf die Aufhebung der Überbelegung einzelner Wohungen geschlossen werden, denn die Abnahme der Gesamtbewohnerzahl kann sich auch ausschließlich in einer Unterbelegung der Wohnungen älterer Bewohner niederschlagen, während die Wohnungen neu zugezogener ‘Groß’familien im südöstlichen Teil der Siedlung möglicherweise weiterhin überbelegt sind. Neuere Einblicke vermittelt hier eventuell die Befragung von Matthias GEYER.

Altersaufbau
Die Gropiusstadt zeigte in ihrer Anfangsphase das für Neubaugebiete typische Bild im Altersaufbau: starke Kleinkinderjahrgänge, viele jüngere Familien, unterdurchschnittliche Altenjahrgänge. (Schneider/Keim S.154) Dennoch wurden die Planer Anfang 1968 von dieser Tatsache überrascht und waren gezwungen, plötzlich eine höhere Anzahl von Schulstandorten vorzusehen. Becker und Keim stellen hierzu fest:
„Sowohl die jetzt auftretenden ‘Alterswellen’, die in den nächsten Jahren insbesondere zu wachsenden Jahrgängen bei den Jugendlichen und bei den alten Bewohnern führen werden, als auch die Geburtenraten nach dem Einzug hätten – in erster Linie durch das Wohnungsamt – gut vorhergesagt werden können. Diese Informationen sind aber offensichtlich für die weitere Planung nicht aufbereitet worden. Eine normativ und explizit festgelegte Sozialstruktur zählte nicht zu den Planungsinhalten; direkte Konsequenzen für die Wohnungsbelegung einerseits und die Infrastrukturplanung andererseits blieben daher aus.“ (S. 155)

84

Alltag in der Gropiusstadt

Erwerbstätigkeit
Die Zahl der Erwerbstätigen lag 1973 in der Gropiusstadt aufgrund der Altersstruktur höher als in Neukölln und in Berlin(West) insgesamt. Es bestand ein deutliches Übergewicht der Angestellten- und Beamtenberufe mit 54,4% der Erwerbstätigen und nur 41,9% Arbeitern gegenüber dem Arbeiterbezirk Neukölln (1973: 52,4%), aber auch gegenüber dem Märkischen Viertel (52,2% Arbeiter) oder West-Berlin (45% Arbeiter). (S.155)
34 35

Der heutige Arbeiter- und Angestelltenanteil Gesamtberlins hat sich stark zugunsten der Angestellten verschoben und liegt inzwischen bei 27,8% zu 61,5%34. Diese Verschiebung hat sich sicherlich auch in der Gropiusstadt ausgewirkt, genauere Angaben über die Gropiusstadt liegen aber leider nicht vor35. Es wird jedoch allgemein noch immer von einem im Verhältnis zum Durchschnitt hohen Angestellten- und insbesondere Beamtenanteil des Einzugsgebietes ausgegangen.36 Andererseits hat sich aufgrund dieser Verschiebungen und der Zunahme Scheinselbständiger und Angestellter in niedrig bezahlten Dienstleistungsbereichen sicherlich auch die Signifikanz des Kriteriums ‘Angestellter oder Arbeiter’ für die wirkliche soziale Stellung verringert. (Stichwort ‘falscher Mittelstand’)

Statistisches Jahrbuch 1997 auch die von M. Geyer durchgeführte, noch nicht ausgewertete Bewohnerbefragung des Stadtteilausschusses enthält außer der Haushaltszusammensetzung keine Fragen nach dem Beruf oder anderen sozialen Merkmalen der Bewohner. 36 vgl. u.a. TAZ vom 20.02.89. Ein Gespräch mit dem Geschäftsführer der Gropius-Passagen, Herrn Huth, ergab in Bezug auf in der Gropiusstadt vermutete Zielgruppe des Einkaufszentrums ähnliches.

Erwerbstätige 1970 nach der Stellung im Beruf
Gropiusstadt männlich abs. % Arbeiter 4140 46,7% Angestellte und Beamte 4355 49,1% Selbständige 373 4,2% Summe 8868 100,0% Stellung im Beruf weiblich abs. % 2196 35,1% 3863 61,8% 192 3,1% 6251 100,0% insgesamt abs. % 6336 41,9% 8218 54,4% 565 3,7% 15119 100,0% Märkisches Falkenhagener West-Berlin Viertel Feld % 52,2% 43,9% 3,9% 100,0% % 46,7% 48,5% 4,8% 100,0% % 45,0% 45,7% 9,3% 100,0%

Quelle: Volks- und Berufszählung 1970, nach BECKER/KEIM S.156

Demographische Merkmale der Wohnbevölkerung

85

Fluktuation und Veränderung der Wohnbevölkerung
Die Fluktuation lag 1968 bei 4,6%, stieg 1969 auf 7,5% und 1973 auf 8,1%. Die Fortgezogenen hatten damals am häufigsten eine Wohndauer zwischen zwei und vier Jahren angegeben. 28% der wegziehenden Haushalte zogen allerdings in die Bundesrepublik oder ins Ausland um; nur 24,6% blieben im Bezirk Neukölln (die normale Quote innerbezirklicher Umzüge lag damals bei 30,5%), und weniger als 1% zogen innerhalb der Gropiusstadt um. Demnach scheint ein Teil der Fluktuation auf die (regelmäßige) Rückkehr der ab 1971 verstärkt angeworbenen Arbeitskräfte aus dem Bundesgebiet zurückzugehen (für das Arbeitnehmerwohnheim wurde eine jährliche Fluktuation von 43% angegeben). Möglicherweise hat sich auch die förmliche Aufhebung der Wohnraumbewirtschaftung in Berlin (West) Ende 1968 auf die Wohnsitz-Mobilität ausgewirkt. (Zahlen aus Schneider/Keim S.154) Auch scheint der etwas höhere Anteil außerbezirklicher Umzüge darauf hinzuweisen, daß in den ersten Jahren viele Haushalte der Motivation nach eher an einen bestimmten (z.B. Arbeits-) Ort hindenn aus der Gropiusstadt weggezogen sind.

16,0% 14,0% 12,0% 1-1,5 Zi [%] 10,0% 8,0% 6,0% 2,5-3 Zi. [%] 4,0% 2,0% 0,0% 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 Jahr 3,5-4 Zi. [%] 2 Zi. [%]

Fluktuation IDEAL

Gesamt [%]

Freigew.

Wohnungen

86

Alltag in der Gropiusstadt

Heute liegt die Fluktuation nach Angaben der Wohnungsbaugesellschaften bei 8-10%37, mit steigender Tendenz seit Ende der 80er Jahre – insbesondere in den letzten zwei Jahren. Erstaunlich ist dabei, wie schwierig es ist, von den Wohnungsbauunternehmen genaue Zahlen zu diesem Komplex zu bekommen. Eine genau aufgeschlüsselte Aufstellung stellte mir die Wohnungsbaugesellschaft IDEAL zur Verfügung. Aufgrund der geringen Anzahl der Wohnungen der Ideal ist diese jedoch, insbesondere in Bezug auf die Kleinwohnungen, mit Vorsicht zu betrachten. Hinsichtlich einer groben Gliederung der Erwerbstätigen (Arbeiter, Angestellte/Beamte, Selbständige) gab es 1973 zwischen den Weggezogenen und der Bewohnerschaft keine signifikante Abweichung; immerhin lag aber der Arbeiteranteil der Weggezogenen um knapp 8% höher als der Arbeiteranteil in der Siedlung. Nicht auffällig unterschieden sich auch die Fortzügler nach der Gebäudeform; die Fluktuation in den Hochhäusern war nicht höher als in den anderen Bauten. Das gleiche gilt für die Differenzierung der Gebäude nach unterschiedlichen Besitzverhältnissen. (Statistische Angaben nach Schneider/Keim 1977, S. 139-161). Neuere Zahlen zu diesem Komplex liegen nicht vor, jedoch ist zu vermuten, daß die Fluktuation in den Hochhäusern in den 80er und 90er Jahren überdurchschnittlich war, weil insbesondere diese von Mietenanstieg infolge hoher Instandhaltungs- und Betriebskosten betroffen waren. Fluktuationsverteilung Die meisten Fluktuationen fanden bis 1973 in den Wohnungen am Löwensteinring (doppelt so viele wie im Durchschnitt) und in denen der DeGeWo (etwa 1/3 über dem Durchschnitt) statt. (Schneider/Keim 1977, S.154) Am Löwensteinring gab es, genau wie in den Wohnungen der DeGeWo in den südöstlichen Abschnitten, nach Schneider/Keim (S.143) ebenfalls eine Konzentration von Sanierungsmietern. Es scheint daher, daß in den ersten Jahren besonders die Umsetzmieter aus Sanierungsgebieten wieder fortgezogen sind.

37

laut einer kleinen Anfrage des Stadtteilausschusses Gropiusstadt in der Bezirksverordnetenversammlung Neukölln 1996, vgl. Matthias GEYER 1997

Demographische Merkmale der Wohnbevölkerung

87

Altersaufbau und Veränderung der Bevölkerung (Modellrechnung)

Jahr real 1973 Simulation 1976 Simulation 1979 Simulation 1982 Simulation 1985 Simulation 1988 Simulation 1991 Simulation 1994 Zielwert 1997 Prognose 2000 Prognose 2003 Prognose 2006 Prognose 2009 Prognose 2012

Einwohner 4000 3000 2000 1000
78 - unter 80 72 - unter 75 66 - unter 69 60 - unter 63 54 - unter 57 48 - unter 51 42 - unter 45 36 - unter 39 30 - unter 33 24 - unter 27 Altersgruppen 18 - unter 21 12 - unter 15 6 - unter 9 0 - unter 3

0

EW
45000 40000 35000 30000 25000 20000 73 15000 10000 5000 0
76 79

absolute Bevölkerungszahl

Angenommene Fluktuation
W(Wegzug) W(Zuzug)

82

85

88

91

94

97

0

3

6

9

12

Modell Stat. Landesamt

0 - unter 3

6 - unter 9

18 - unter 21

24 - unter 27

30 - unter 33

36 - unter 39

42 - unter 45

48 - unter 51

54 - unter 57

60 - unter 63

66 - unter 69

72 - unter 75

88

Alltag in der Gropiusstadt

12 - unter 15

78 - unter 80

Eigene Untersuchungen Auch nach 1973 wurden die Wanderungsbewegungen in der Gropiusstadt nicht (weiter) statistisch aufbereitet. Das langsame Absinken der Gesamteinwohnerzahl ab etwa 1975 ist durch Verkleinerung der Hauhalte infolge Auszuges von Kindern erklärlich. Um zu Überprüfen, inwiefern die 1973 entstandene Bevölkerungszusammensetzung noch auf die heutige durchschlägt, wurde ein eigenes Rechenmodell zur Simulation der Population benutzt.38 Besonders Interessant waren dabei folgende Ergebnisse: • Die ‘durchlaufenden Alterswellen’ von 1973 sind wahrscheinlich noch immer bestimmend. Aus den (wesentlich gröber in Altersgruppen kategorisierten) Daten des Statistischen Landesamtes lassen sie sich allerdings nicht ablesen.39 Unter Umständen befindet sich tatsächlich noch ein sehr großer Anteil von Einwohnern, die bereits seit Jahrzehnten dort wohnen, in der Gropiusstadt. Dieser Schluß deckt sich auch mit den Aussagen vieler anderer Beobachter, nach der noch rund 30% der Erstmieter im Gebiet wohnen. Wenn dies so ist, bedeutet das aber auch, daß die Fluktuation nicht gleichmäßig auf alle Mieter verteilt ist (da sonst nach 30 Jahren 8-10%iger Fluktuation die Bewohnerschaft mehrfach komplett ausgewechselt wäre), sondern daß bestimmte Mieter u.U. schneller wieder wegziehen, andere aber sehr lange bleiben.
„Entweder es setzte die Gewöhnung ein, oder es wurde mit einem Kraftakt nochmals umgezogen. Die Masse der Mieter gewöhnte sich an die kleinen und großen Mißlichkeiten“ (Peter BOLTZ, 1987, S.23)
38

Die Modellrechnung ist der Versuch einer rechnerischen Simulation, und vor allem einer grafischen Veranschaulichunge der Bevölkerungsentwicklung. Sie diente der Beantwortung der Frage, ob die verschiedenen Aussagen zur Fluktuation und zur Bevölkerungsentwicklung überhaupt zur Deckung zu bringen sind, und ob sich mittels einer rechnerischen Fortschreibung der Bevölkerungszahlen von 1973 und des Vergleiches mit den aktuellen Werten des Statistischen Landesamtes (StaLa) genauere Erkenntnisse über die Fluktuation machen lassen, als die Daten des StaLa zulassen. Als Ausgangsdaten werden berücksichtigt: - Die Zusammensetzung der Bevölkerung in 28 Altersgruppen von 1973, aus: Schneider/Keim 1977, S.152, Quelle: Statistisches Landesamt, als Ausgangspopulation - Die Zusammensetzung der Bevölkerung in 8 Altersgruppen von 1997 (nach Matthias Geyer, Quelle: Statistisches Landesamt), als Kontrolle der errechneten Zusammensetzung in 28 Altersgruppen für 1997 - Die Einwohnerzahlen der Jahre 1987, 89, 91, 93, 95, 96, 97 nach Matthias Geyer, Quelle: Statistisches Landesamt - Die Anzahl der Gestorbenen pro 1000 EW in Berlin 1996 nach Altersgruppen, Quelle: Stat. Landesamt, Stat. Jahrbuch 1997 Zusätzlich wurden folgende Annahmen getroffen: - Die Sterblichkeit entspricht im Mittel dem Berliner Durchschnitt von 1996 - Das Altersprofil der jährlich Zuziehenden entspricht dem Altersprofil von 1970 (viele Eltern mit kleinen Kindern) - Die Geburtenziffern zwischen 1976 und 1991 wurden geschätzt. - Es wird als Arbeitshypothese zwischen 1973 und 1997 eine gleichbleibende (lineare) Fluktuation angenommen. Die Rechnung liefert, neben der als Hypothese zu verstehenden grafischen Veranschaulichung des Transformationsvorganges der Bevölkerung, folgende ‘Neben’-Ergebnisse: - Ein Profil der Wegzugswahrscheinlichkeit für jede Altersgruppe (über das gesamte Intervall gemittelt) - Eine rechnerische, durchschnittliche, jährliche Mindest-

• Die 1973 ebenfalls starken Jahrgänge des 60er Babybooms, (der Generation von Christiane F.) sind heute auffällig schwach vertreten. Offenbar haben die ‘Kinder’ überwiegend mit Erreichen der Volljährigkeit (Ende der 70er bis Mitte der 80er Jahre) die Gropiusstadt verlassen. • Die 1973 sehr stark vertretene Generation der 27- bis 39-Jährigen (‘Elterngeneration’) ist zu einem großen Teil verschwunden. Entsprechend der berechneten Altersverteilung der Wegziehenden liegt der Schluß nahe, daß es innerhalb dieser Generation Ende

Fluktuation / Simulationsrechnung

89

der 70er bis Mitte der 80er Jahre eine hohe Fluktuation gegeben hat. Diese Annahme wird durch Aussagen des Gemeinwesenarbeiters Peter Boltz gestützt:
„Die meisten politisch oder in den Bürgerinitiativen aktiven Bewohner sind weggezogen. Oftmals war es die Ehekrise-Scheidung. Deshalb auch der ‘Frauenüberschuß’ in der Gropiusstadt. Manche zog es nach Westdeutschland. Das Eigentumsprogramm des Senats brachte den Familien mit 2 oder mehr Kindern ein Fertighäuschen. Neuere Sozialbaugebiete (Köllnische Heide, Pfarrlandsiedlung, Landhaussiedlung usw.) werden zum großen Teil von ehemaligen Gropiusstädtern bevölkert. Die Fehlbelegungsabgabe veranlaßte Anfang 1985 nochmals einen potentiell unzufriedenen Teil der Bewohner auszuziehen. Kurzfristig entstand damals in den höchsten und teuersten Häusern der Gropiusstadt Leerstand. Oftmals war diese Umzugsbereitschaft nach dem Auszug der eigenen Kinder gewachsen.“ (Peter Boltz, 1987, S.24)

fluktuation von 4,3% (bezogen auf die Einwohnerzahl, nicht auf die Zahl der Haushalte!) Fluktuation, Weg- und Zuzugswahrscheinlichkeiten ergeben zusammen einen Trend, den man (linear) in die Zukunft fortschreiben kann. Das Ergebnis dieses Trends sind die dargestellten Prognosen. Die zur Berechnung verwendeten Formeln und Tabellen sind im Anhang dokumentiert.
39

Die Modellrechnung wurde so angelegt, daß ihre Ergebnisse, wenngleich sie feinere Altersklassenunterscheidungen beinhalten, nicht im Widerspruch zu den gröber kategorisierten Daten des StaLa stehen. Dadurch ergibt sich eine Aussage darüber, welche Fluktuationen in der Bevölkerung mindestens stattgefunden haben müssen.

90

Alltag in der Gropiusstadt

• Demgegenüber leben heute überdurchschnittlich viele alte Menschen in der Gropiusstadt, und zwar sogar mehr, als sich aufgrund der ‘zu erwartenden’40 Alterswelle dort befinden dürften. Dafür kann es prinzipiell drei Erklärungen geben: Entweder sind Rentner in die Gropiusstadt zugezogen und haben Wohnungen jüngerer Wegziehender übernommen (unwahrscheinlich), die Rentnersterblichkeit ist dort ungewöhnlich niedrig, oder es zieht ab einem Alter von etwa 55 praktisch niemand mehr aus der Gropiusstadt weg (eher plausibel). In jedem Fall bedeutet dies, wenn dieser Trend weiter besteht (woran zumindest im zweiten und dritten Fall wenig Anlaß zu zweifeln besteht), daß die bereits begonnene ‘Überalterung’ der Gropiusstadt noch wesentlich weiter fortschreiten wird; zumal jetzt der verbliebene Rest der ‘Elterngeneration’ gerade den Wechsel ins ‘immobile’ Rentenalter vollzogen hat. • Wenn der Trend des Wegzuges der jungen Erwachsenen aus der Gropiusstadt wie bisher anhält, wird es in dieser Generation bald eine echte Lücke geben, denn der Wegzug wird offenbar durch den Zuzug junger Familien nur begrenzt ausgeglichen. • Gleichzeitig wächst gerade ein neuer, wenn auch kleinerer ‘Berg’ von Jugendlichen heran – der sicherlich mit der übermächtigen Rentnergeneration in Konflikt geraten wird, wie es auch schon der ‘Christiane-F.-Generation’ ergangen ist.

40

bei linearer Fortschreibung der Bevölkerung unter Einbeziehung der normalen Sterblichkeit und einer durchschnittlichen Fluktuation

Demographische Merkmale der Wohnbevölkerung

91

Berlin (1996)
473427 14% 173070 5% 336543 10%

Berlin (1996)
473427 14% 173070 5% 336543 10%

Summe (1973)
5711 13% 3446 8% 6385 15%

Summe (1997)
7385 20% 2031 5%3171 8%

03 R K
Gebiet 1 (1973)
990 15% 277 4%

2475723 71%

2475723 71%

26873 64%

24893 67%

+ -

R

+

3458763 EW

3458763 EW

42415 EW

37480 EW

44

AR A 07
+
Gebiet 2 (1973) Gebiet 2 (1997)
1804 20% 506 6% 799 9%

-

+

Gebiet 1 (1997)
1223 23% 248 5%349 6%

991 15%

1197 14%

781 9% 1336 15%

4167 66%

3557 66% 5548 62% 5857 65%

6425 EW

5377 EW 8862 EW 8966 EW

Gebiet 4 (1973)

Gebiet 4 (1997)
1311 19% 375 5% 569 8%

34 RK
Gebiet 3 (1973)
1272 16% 615 8% 784 10%

706 11%

594 9% 1007 15%

+

-

AKR 41 RKA
+ -

+

+

4266 65%

4627 68%

6573EW

6882 RW

19 36a A -R
+

Gebiet 3 (1997)
1502 24% 272 399 4% 7%

5223 66%

3965 65%

73 AR
+ -

7894EW

6183 EW

A

+

K 20

92

Alltag in der Gropiusstadt

56

Sozial-räumliche Gliederung
1970 war die Verteilung der Altersgruppen über das gesamte Gebiet „relativ gleichmäßig“, wie Schneider und Keim (1977, S.161) feststellten. Die Verteilung der Kinder unter 6 Jahren war 1973 unabhängig von den Haustypen; demnach lebten sie gleichmäßig verteilt auch in Hochhäusern, obwohl dies ursprünglich nicht geplant war (Vgl. Schneider/Keim S.121). Der erste Bauabschnitt (Gebiet 1) und das südwestlich des Grünzuges zwischen Johannisthaler Chaussee und Lipschitzallee gelegene Gebiet 3 wiesen den geringsten Kinderanteil auf (19% bzw. 18% gegenüber 23% im Durchschnitt. Der geringste Kinderanteil der Gropiusstadt zeichnet diese Gebiete auch heute noch aus, zusätzlich aber auch der höchste Rentner- (24% gegenüber 20%) und geringste Ausländeranteil (~10% gegenüber 13%). Der südöstliche Abschnitt (Gebiete 5 und 6) fiel 1973 mit hohen Anteilen von Schulkindern (26% bzw. 28% gegenüber 23,2%) auf. Im Gebiet 5 fand sich 1973 zusätzlich eine Konzentration von Senioren (dort gibt es ein Altenwohnheim), die heute aber nicht mehr überdurchschnittlich ist. Das im äußersten Südosten am Theodor-Loos-Weg liegenGebiet 5 (1973) Gebiet 5 (1997) de Gebiet 6 weist noch heute einen besonders hohen Kinderanteil auf (19% gegenüber 12%); gleichzeitig findet und fand sich dort auch der niedrigste Anteil von Rentnern (12% gegenüber 20%). In diesem Gebiet befinden sich be5420 EW 3957 EW sonders viele große Wohnungen für kinderreiche Familien (DeGeWo), die in starkem Maß für Familien aus Obdachlosenheimen bestimmt waren. (Schneider/Keim 1977, S.142) Die 1964 beschlossene Erhöhung der Geschoßflächenzahl von 0,8 auf 1,6 + Gebiet 6 (1973) Gebiet 6 (1997) führte zu einer dichteren Bauweise in den diesen beiden späteren (südlichen) Bau931 17% 392 7% 1031 19% 803 20% 214 5%340 9% 3066 57% 2600 66% 615 8% 787 11% 742 12% 416 7% 1236 17% 715 12% 4603 64%

Altersgruppe

besonders hoher | geringer Anteil an -

unter 6 Jahre 6 - 15 Jahre 15 - 65 Jahre 65 und älter Ausländer

K K R R A A
+ +

+

Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren

-

Rentnern (65+)
-

Ausländern

21 K R
+

-

+

AR
+

K

A 74

Sozial-räumliche Gliederung
4287 69%

93

7241 EW

6160 EW

abschnitten. Gleichzeitig war dort auch die Wohnfläche pro Person (BGF Wohnen/Bewohnerzahl) am niedrigsten. Der Ausländeranteil lag dort 1985 mit 9,5% und heute mit 18% (nur Gebiet 6) um 1/3 über dem Durchschnitt der Gropiusstadt. (Berlin(West) 1985: 12%41, 1997: 18%42) Ebenfalls fanden sich dort 1973 die höchsten Arbeiteranteile (53%). Demgegenüber sind im Gebiet Nr.2 (mit Ausnahme des nördlichen Teils der Hilfswerksiedlung), sowie in einigen Einzelhäusern des ersten Bauabschnittes die höchsten Anteile von Angestellten und Beamten (61%) zu finden. (Schneider/Keim S.161)

41 42

nach BAATZ [ISR] 1985, S.32 Statistisches Jahrbuch 1997

Bevölkerungsentwicklung und Ausländeranteil
120,00% Gropiusstadt 100,00% Modellrechnung

EW [in % von 1996]

80,00%

Neukölln

60,00%

Berlin(West)

40,00%

Ausländer Neukölln

20,00%

Ausländer Berlin(West) Ausländer Gropiusstadt

0,00%

1974

1980

1970

1971

1972

1973

1975

1976

1977

1978

1979

1981

1982

1983

1985

1986

1987

1988

1989

1991

1992

1993

1994

1995

1996

1984

Jahr

94

Alltag in der Gropiusstadt

1990

1997

Ausländeranteil nach statistischen Blöcken
26%

641 640 656 607 620 12,8% 674 673

Ausländeranteil

13%

610

619 636a

0%

Gebiet 1

Gebiet 2

Gebiet 3

Gebiet 4

Gebiet 5

Gebiet 6

Auffällige statistische Blöcke Betrachtet man die Abweichungen der Bevölkerungszusammensetzung auf der Ebene der statistischen Blöcke, die in der Gropiusstadt zwischen 3 und 30 Gebäuden umfassen, lassen sich die Wohnverhältnisse dort teilweise recht genau charakterisieren. Auffällig ist zunächst, daß ein hoher Rentneranteil in einem Gebiet stets mit einem niedrigen Kinder- und Ausländeranteil korreliert. Diese Beobachtung nährt (vor allem innerhalb der Gropiusstadt!) das Vorurteil, Ausländer hätten besonders viele Kinder; andererseits ist aber der Ausländeranteil in der Gropiusstadt erst mit den Jahren angestiegen, was kurz gesagt bedeutet, daß Ausländer ‘Zugezogene’ sind, und Zuziehende sind in der überalterten Gropiusstadt typischerweise kinderreich. Vor diesem Hintergrund wird auch deutlich, warum sich in der Gropiusstadt inzwischen Ressentiments der ‘Alteingesessenen’ gegenüber den ‘Zugewanderten’ breit machen: Es handelt sich tatsächlich um unterschiedliche soziale Gruppen.
Sozial-räumliche Gliederung 95

Kinder unter 15 nach statistischen Blöcken
28% 641 673 640

Kinderanteil

14%

608

13,9%

603

634 636a 621

672c

0%

Gebiet 1

Gebiet 2

Gebiet 3

Gebiet 4

Gebiet 5

Gebiet 6

15-18jährige nach statistischen Blöcken
6% 640 641 673

Jugendlichenanteil

3,0% 3%

603

635

634 636a 621

0%

Gebiet 1

Gebiet 2

Gebiet 3

Gebiet 4

Gebiet 5

Gebiet 6

18-27jährige nach statistischen Blöcken
18%

674

Anteil junger Erwachsener

641 608 9%

656

672c 8,8%

636a 610

0%

Gebiet 1

Gebiet 2

Gebiet 3

Gebiet 4

Gebiet 5

Gebiet 6

Rentneranteil nach statistischen Blöcken
39%

603

644

634 610 636a 619

621

Rentneranteil

19,7% 20%

96

640 641

673

656 0%

Gebiet 1

Gebiet 2

Gebiet 3

Gebiet 4

Gebiet 5

Gebiet 6

Die meisten Abweichungen vom Durchschnitt resultieren aus Besonderheiten der Wohngebäude, wie z.B. der hohe Ausländeranteil in einem Arbeitnehmerwohnheim43, ein geringer Anteil von Ausländern, Kindern, Jugendlichen und auch jungen Erwachsenen im Bereich von Eigentumswohnungen,44 oder ein geringer Kinderanteil in Gebieten mit vorwiegend Einzimmerwohnungen. Auffällig sind insofern Gebiete, in denen diese Erklärungen nicht greifen. Zu diesen zählt Block 082 607, ein stark dem Straßenlärm ausgesetzter Block westlich der Kreuzung Johannisthaler Chaussee / Fritz-Erler-Allee, in dem ein durchschnittlicher Anteil sämtlicher Altersgruppen mit einem um 1/3 überdurchschnittlichen Ausländeranteil zusammenfällt. Das nördlich derselben Kreuzung gelegene Quartier 082 051 war 1973 durch einen besonders hohen Arbeiter- und Sanierungsmieteranteil45 aufgefallen; es weist heute unterdurchschnittliche Anteile junger Erwachsener und Ausländer, also Zugezogener auf. In ähnlicher Weise fällt der Block 082 641 (ähnlich auch 640) westlich der zweiten großen Kreuzung Lipschitzallee / Fritz-Erler-Allee auf, wo ein hoher Anteil von Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen46 und Ausländern dem niedrigsten47 Rentneranteil der Gropiusstadt gegenübersteht. Vergegenwärtigt man sich nochmals, daß Rentner in der Gropiusstadt ‘länger dort Wohnende’ sind, wird klar, warum sie offenbar ein Indikator dafür sind, daß eine Wohnlage besondere Qualitäten bietet.48 Genau diese Erkenntnis erklärt auch die Situation im südlichen Block 082 636, einem aus drei Hochhäusern in privilegierter Lage am Grünzug bestehenden Block, die ausschließlich Einzimmerwohnungen mit großen Küchen beherbergen: Neben sehr wenigen Kindern und Jugendlichen finden sich dort auch nur sehr wenig Ausländer und trotz der Single-Wohnungen nur sehr wenig junge Erwachsene, dafür aber ein überdurchschnittlicher Rentneranteil. Höhere Anteile junger Erwachsener finden sich außer im oben genannten Block 082 641 und dem Arbeitnehmerwohnheim im Block 083 674, wo sie ebenfalls mit hohen Kinder- und Ausländeranteilen

43 44

Block 081 656 südlich der Bahnlinie Block 082 610, nördlich der Goldammerstraße, am nördlichen Rand der Hilfswerksiedlung 45 58,1%, Schneider/Keim 1977, S. 161 46 Bei den jungen Erwachsenen könnte es sich hier wegen der Korrelation zu den Jugendlichen um ‘noch-nicht-Ausgezogene’ handeln. 47 mit Ausnahme des Arbeitnehmerwohnheimes südlich der Bahnlinie 48 oder daß die dort Wohnenden keine Alternative haben

Sozial-räumliche Gliederung

97

korrelieren. Zu trauriger Berühmtheit brachte es 1989 der östliche Teil des Gebietes 5 (Teile des Blockes 083 671 und 672), indem er bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus mit dem berlinweit höchsten Anteil von Republikaner-Wählern erschreckte und damit wochenlang durch Presse und Fernsehen geisterte.
„In einem Stimmbezirk in Gropiusstadt-Ost erhielten sie mit 125 von 1.002 Stimmen 21 Prozent.“ (taz vom 31.1.89) „In der Agnes-Straub-Straße – sie besteht aus drei Hochhäusern und einem Parkdeck – haben von den 408 Wählern 21 Prozent bei den REPs ihr Kreuz gesetzt. Über die Hälfte der Anwohner faßt die Statistik unter die Kategorie ‘Arbeiter’. Nur 14 von 100 Erwachsenen verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung.“(taz vom 20.2.89)

Der Ausländeranteil in diesen Blöcken ist nicht signifikant höher als in der restlichen Gropiusstadt und war es vermutlich auch 1989 nicht, womit er immer noch um 1/3 bis die Hälfte unter dem Neuköllner Durchschnitt liegt. Ein weiteres Mal zeigt sich also, daß Ängste vor Fremden dort entstehen, wo man keine Fremden kennt. Darüber hinaus ist für die Wahrnehmung der Gropiusstädter selbstverständlich nicht der gesamtberliner oder neuköllner Ausländeranteil die Meßlatte, sondern die Verhältnisse in der Gropiusstadt – und an denen gemessen, schnellte der Anteil der [Zuziehenden=] Ausländer in den 80er Jahren natürlich hoch, nachdem in der ersten Elterngeneration nach Auszug ihrer Kinder die Fluktuation um sich griff und plötzlich großfamiliengerechte Sozialwohnungen frei wurden.

98

Alltag in der Gropiusstadt

Lebenssituationen und Lebensformen in der Gropiusstadt
„Hier ist es wunderschön wie im Paradies, nur immer so alleene.“
Ältere Bewohnerin einer Sozialwohnung, zit. n. Becker/Keim 1977, S.267

Wer ist der Gropiusstädter?
Karl Dieter Keim (1977, S. 232f) versucht die Beschreibung der Bewohnerstruktur mit Hilfe eines Modells sozialer „Lagen“. Als prägend für die Gropiusstadt sieht er dabei die ‘Mittellage’ mit den Merkmalen der sogenannten Dienstklasse: „Eingliederung der Berufstätigen in Bürokratie und Verwaltung, die Betonung von Statusfragen, die relativ gut situierten Haushalte mit sozial stabilen Positionen, die wichtige Rolle von Ordnungsvorstellungen, die starke Orientierung an Familie und Privatbereich.“ Dieser Typus des Bewohners korrespondiert offenbar mit der bürokratisierten Verwaltung der Siedlung. „Wo die Mittelage den Ton angibt, da läßt sich offenbar mit Bewohnern am ehesten en bloc verfahren.“ Von Henri Lefèbvre wird das als „bürokratische Gesellschaft des gelenkten Konsums“ bezeichnet. Als dazu konträre Gruppe sieht er die ‘Lage der Berufslosen’, zu der vor allem Kinder, Jugendliche, Hausfrauen und alte Menschen zählen. „Sie sind nicht eingegliedert in die Arbeitswelt; sie sind an das Wohngebiet gebunden; sie sind in ihrer Orientierung ambivalent. ... Kriterium ihrer Situation ist vor allem die Gebietsausstattung. ... Wir halten die soziale Lage der Berufslosen für einen entscheidenden Gradmesser zur Beurteilung neuer Wohngebiete.“
„Aus Situationen, in denen (gemessen an der Mittellage) abweichende Aspekte der sozialen Lage für Bewohnergruppen bedeutsam wurden, sind vereinzelt Konflikte aufgetreten. Allgemein nehmen wir an, daß für die Zukunft aus solchen Situationen dauerhafte Minoritätenprobleme entstehen werden.“ Leben in der Gropiusstadt 99

Rollenmuster
„Die Gropiusstadt-Bewohner verhalten sich deutlich gemäß den geschlechtsspezifischen Rollenmustern. Während bei den Männern Aktivitäten im Vordergrund stehen, wie berufliche Tätigkeit, Sport und Versammlungen, sind es bei den Frauen Kinder wegbringen, Kinder abholen und Lebensmittel einkaufen. (Daran ändert auch die Frauen-Berufstätigkeit nichts. Die berufstätigen Frauen übernehmen zusätzlich die rollentypischen Aktivitäten.) Geschlechtsspezifische Tätigkeitenfelder sind sicher kein Gropiusstadt-spezifischer Befund. Es ist aber zu vermuten, daß diese vorhandene Tendenz durch die Lebensbedingungen in der Gropiusstadt (z. B. ausgelagerte Arbeitsplätze, wenig wohnungsnahe Angebote für Aktivitäten, die nicht zu den Pflichten rechnen) begünstigt und verfestigt wird.“ (Heidede Becker 1977, S.263)

Freiräume Keim (S.229-232) schätzt 1977 die Chancen für eigenständiges Handeln in der Gropiusstadt sehr gering ein. Eine bürokratisierte Hausverwaltung entlastet die Mieter von den Angelegenheiten der Verwaltung und Pflege der Gebäude und Außenanlagen, entzieht ihnen aber auch jegliche Verantwortung und Mitbestimmungsmöglichkeit. Die scheinbar durch die gleichförmige Großwohnanlage erzwungene Gleichbehandlung aller beraubt den Einzelnen seiner Handlungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum.
„Denn die Konsequenz aus dem engen Beisammenwohnen vieler Menschen liegt nicht nur in der sozialen Distanz, sondern auch in der gezielten Ausschaltung möglichst aller denkbaren Konflikte. Deshalb sind den Mietern der Wohnungsbaugesellschaften keine eigenen Aufgabe überlassen; deshalb meiden sie auch Situationen, in denen es mit den anderen Hausbewohnern etwas zu klären gäbe; das macht, wenn überhaupt, der Hauswart. Insgesamt wird so ein individualistischer Rückzug auf den Privatbereich im wirklich engen Sinne gefördert, es sei denn, eine homogene Mieterstruktur in den einzelnen Gebäuden oder wenigstens in übereinanderliegenden Etagen eines Gebäudes ermögliche ein Gegengewicht dazu. Aber auch in diesen Fällen bedarf es sozialer Anlässe, gemeinsamer Tätigkeiten, wie etwa in der zentralen Waschanlage oder bei der Kinderaufsicht. 100 Alltag in der Gropiusstadt

Das Fehlen von Arbeitsstätten wirkt sich unter diesem Gesichtspunkt besonders nachhaltig aus.“

Rückzug ins Private
Deutlich zeigt sich bei den Bewohnern der Gropiusstadt die Tendenz, sich weitgehend in den Privatbereich zurückzuziehen. Besonders stark kommt das bei den Hausfrauen und Rentnern zum Ausdruck, die, ohnehin ausgeschlossen vom Berufsleben, ihr Dasein weitgehend auf die eigenen vier Wände und die alltäglichen Pflichttätigkeiten reduzieren. Diese allgemeine Privatisierungstendenz wird offenbar durch mehrere Faktoren begünstigt: das neue Wohngebiet führt – zumindest für die erste Zeit nach dem Zuzug – zu Verhaltensunsicherheiten, die in der eigenen Wohnung noch am ehesten zu bewältigen sind; vorhandene Angebote (organisatorische und räumliche) im Gebiet reichen qualitativ und quantitativ nicht aus, um die spezifischen Probleme und Konflikte zu lösen bzw. sie erst einmal aufzudecken; Angebote außerhalb der Gropiusstadt werden wegen aufwendiger Anmarschwege oder psychologischer Barrieren (Wohngeldstelle u. ä.) wenig wahrgenommen. Der Rückzug in den Privatbereich von Wohnung und Familie führt letztlich zu der passiven Alltagshaltung, die die Entwicklung von lokaler Eigenständigkeit erschwert. Gleiche Lebenssituationen, gleiche Probleme werden so kaum erfahrbar. Eine lokale Öffentlichkeit hat sich deshalb bisher in der Gropiusstadt noch nicht entwickeln können. Der starke Bezug zum Privatbereich stützt offenbar auch eine starre Auffassung von Familienleben und Rollenaufteilung. In vielen Familien sind die berufstätigen Frauen zusätzlich noch mit den rollentypischen Tätigkeiten belastet. (Becker/Keim 1977, S.300f)

Leben in der Gropiusstadt 101

Nutzung des öffentlichen Raumes: Konflikte
In der Nutzung der öffentlich zugänglichen Bereiche zeigt sich teilweise ein Widerspruch zwischen verfestigten Vorstellungen von Ordnung und Sauberkeit und Ansätzen zur Entwicklung eigenständig-produktiver Nutzungsformen. Diese beschränken sich bisher allerdings auf Überschreitungen von – ohnehin nicht sinnvollen – Verboten; teilweise führen solche ‘Zuwiderhandlungen’ zu Konflikten, bei denen ein Teil der Bewohner die Partei der Vermieter ergreift. Solche Überschreitungen werden vor allem von den Bewohnergruppen vorgenommen, die sich aufgrund geringerer Kenntnis konventioneller Regelungen und größerer Möglichkeiten zu spontanem, unangepaßtem Handeln noch am ehesten gegenüber einem Mangel an angemessenen Gelegenheiten zur Wehr setzen können: von Kindern und Jugendlichen. (Becker/Keim 1977, S.294)

Interessant erscheint in diesem Zusammenhang die Frage, inwiefern die Baustruktur zu dem oben beschriebenen Rückzug aus der Öffentlichkeit beiträgt, oder ob er lediglich die Folge der Verwaltungs- und Belegungspraxis ist. Dabei spielt sicherlich eine Rolle, daß für fast alle öffentlichen Bereiche der Siedlung ein erwünschter Ziel-Zustand definiert (bzw. den Bewohnern versprochen) ist, nämlich der vorher geplante. Die Erhaltung dieses Zustandes erfordert gewisse Verhaltensnormen, deren Einhaltung zu kontrollieren sich die Verwaltung (als Planungsträger) zu eigen macht. Wichtig ist dabei meines Erachtens, daß Planungen stets nur bestimmte äußere Erscheinungsbilder vorsehen (können), wie z.B. Blumenbeete, Rasenflächen oder Parkbänke, nicht aber glücklich spielende Kinder oder kommunizierende Bewohner; ergo sehen sich die Vermieter im Zwang, gepflegte Blumenbeete und pflegeleichte Treppenhäuser anzubieten – und diese vor Zugriff und Inbesitznahme zu schützen.

„Unsere Probleme sind: 1. Die Unsauberkeit – die von Kindern und Jugendlichen mit Mutwillen verursacht wird. 2. Alles schön angelegte, wie Grünanlagen am Haus, wird zerstört. Hielte ein jeder unsere ‘Stadt’ in Ordnung und hielte seine Kinder dazu an, so wär’ die Gropiusstadt eine Mustersiedlung, keine Schlafstadt...“ (Ehepaar, beide 1929 geb./ 44Jahre alt; zit. nach Becker/Keim S. 287)

102

Alltag in der Gropiusstadt

Zeitdokument
Das Buch ‘Wir Kinder vom Bahnhof Zoo’, in dem die 15-Jährige Christiane F. von Ihren Erfahrungen als Kind in der Gropiusstadt und von ihrem Leben als Heroinabhängige auf dem Drogenstrich berichtete, entstand im Frühjahr 1978. Christiane F. war mit 5 oder 6 Jahren in die Gropiusstadt gekommen und kam als Zwölfjährige im „Haus der Mitte“ mit Haschisch in Berührung; mit 13 begann sie Heroin zu konsumieren.

Christiane F. 103

„Gropiusstadt, das sind Hochhäuser für 45.000 Menschen, dazwischen Rasen und Einkaufszentren. Von weitem sah alles neu und sehr gepflegt aus. Doch wenn man zwischen den Hochhäusern war, stank es überall nach Pisse und Kacke. Das kam von den vielen Hunden und von den vielen Kindern, die in Gropiusstadt lebten. Am meisten stank es im Treppenhaus. Meine Eltern schimpften auf die Proletenkinder, die das Treppenhaus verunreinigten. Aber die Proletenkinder konnten meist nichts dafür. Das merkte ich schon, als ich das erste mal draußen spielte und plötzlich mußte. Bis endlich der Fahrstuhl kam und ich im 11. Stockwerk war, hatte ich in die Hose gemacht. Mein Vater verprügelte mich. Als ich es ein paarmal nicht geschafft hatte, von unten rechtzeitig in unser Badezimmer zu kommen, und Prügel bekam, hockte ich mich auch irgendwo hin, wo mich niemand sah. Da man aus den Hochhäusern fast in jede Ecke sehen kann, war das Treppenhaus der sicherste Platz. [...] Man lernte in Gropiusstadt einfach automatisch zu tun, was verboten war. Verboten zum Beispiel war, irgend etwas zu spielen, was Spaß machte. Es war überhaupt eigentlich alles verboten. An jeder Ecke steht ein Schild in der Gropiusstadt. Die sogenannten Parkanlagen zwischen den Hochhäusern, das sind Schilderparks. Die meisten Schilder verbieten natürlich Kindern irgend etwas. Ich habe die Sprüche auf den Schildern später mal für mein Tagebuch abgeschrieben. Das erste Schild stand schon an unserer Eingangstür. Im Treppenhaus und in der Umgebung unseres Hochhauses durften Kinder eigentlich nur auf Zehenspitzen rumschleichen. Spielen, toben, Rollschuh- oder Fahrradfahren – verboten. Dann kam Rasen und an jeder Ecke das Schild: »Den Rasen nicht betreten«. Die Schilder standen vor jedem bißchen Grün. Nicht einmal mit unseren Puppen durften wir uns auf den Rasen setzen. Dann gab es da ein mickriges Rosenbeet und wieder ein großes Schild davor: »Geschützte Grünanlagen«. Unter diesem Hinweis war gleich ein Paragraph aufgeführt, nach dem man bestraft wurde, wenn man den mickrigen Rosen zu nahe kam. Wir durften also nur auf den Spielplatz. Zu ein paar Hochhäusern gehörte immer ein Spielplatz. Der bestand aus verpißtem Sand und ein paar kaputten Klettergeräten und natürlich einem Riesenschild. Das Schild steckte in einem richtigen eisernen Kasten drin, unter Glas, und vor dem Glas waren Gitter, damit wir den Quatsch nicht kaputtschmeißen konnten. Auf dem Schild stand also »Spielplatzordnung« und darunter, daß die Kinder ihn zur »Freude und Erholung benutzen« sollten. Wir durften uns allerdings nicht »erholen«, wann wir gerade Lust hatten. Denn was dann kam, war dick unterstrichen: »... in der Zeit von 8 bis I3 Uhr und I5 bis I9 Uhr.« Wenn wir also aus der Schule kamen, war nichts mit Erholung. Meine Schwester und ich hätten eigentlich gar nicht auf den Spielplatz gedurft, weil man dort laut Schild »nur mit Zustimmung und unter Aufsicht des Erziehungsberechtigten« spielen durfte. Und das auch nur ganz leise: »Das Ruhebedürfnis 104 Alltag in der Gropiusstadt

der Hausgemeinschaft ist durch besondere Rücksichtnahme zu wahren.« Einen Gummiball durfte man sich da gerade noch artig zuwerfen. Ansonsten: »Ballspiele sportlicher Art sind nicht gestattet.« Kein Völkerball, kein Fußball. Für die Jungens war das besonders schlimm. Die ließen ihre überschüssige Kraft an den Spielgeräten und Sitzbänken und natürlich an den Verbotsschildern aus. Es muß einige Kohle gekostet haben, die kaputten Schilder immer wieder zu erneuern. Über die Einhaltung der Verbote wachten die Hauswarte. Ich hatte schon ziemlich schnell bei unserem Hauswart verschissen. Nach unserem Umzug in die Gropiusstadt langweilte mich der Spielplatz aus Beton und Sand mit der kleinen Blechrutsche schon wahnsinnig. Da fand ich dann doch noch etwas Interessantes. Die Gullys im Beton, durch die das Regenwasser abfließen sollte. Damals konnte man das Gitter über dem Abfluß noch abheben. Später machten sie es dann fest. Ich hob also das Gitter ab und warf mit meiner Schwester allen möglichen Mist in den Gully. Dann kam der Hauswart, griff uns und zerrte uns in das Büro der Hausverwaltung. Da mußten wir beide, sechs und fünf Jahre alt, unsere Personalien angeben. So gut wir das schon konnten. Meine Eltern wurden benachrichtigt, und mein Vater hatte einen guten Grund zum Prügeln. Ich begriff noch nicht so ganz, warum das so schlimm war, den Abfluß zu verstopfen. In unserem Dorf am Bach hatten wir ja ganz andere Sachen gemacht, ohne daß je ein Erwachsener gemeckert hätte. Ich begriff aber so ungefähr, daß man in Gropiusstadt nur spielen durfte, was von den Erwachsenen vorgesehen war. Also rutschen und im Sand buddeln. Daß es gefährlich war, eigene Ideen beim Spielen zu haben. Das nächste Zusammentreffen mit dem Hauswart, das ich erinnere, war schon ernster. Das kam so. Ich ging mit Ajax, meiner Dogge, spazieren und kam auf die Idee, für meine Mutter Blumen zu pflücken. Wie ich es in unserem Dorf früher fast auf jedem Spaziergang gemacht hatte. Es gab aber zwischen den Hochhäusern nur die mickrigen Rosen. Ich machte mir die Finger blutig, um ein paar Blumen von den Strauchrosen abzuknicken. Das Schild ‘Geschützte Gartenanlage’ konnte ich noch nicht lesen, oder habe es auch nur nicht kapiert. Ich verstand aber sofort, als ich den Hauswart schreiend und fuchtelnd über den nicht zu betretenden Rasen rennen sah. Ich bekam panische Angst vor dem Typen und rief: »Ajax, paß auf!« Mein Ajax spitzte natürlich gleich die Ohren, ein paar Nackenhaare gingen hoch, Ajax wurde steif und sah den Kerl mit den bösesten Augen an, die er machen konnte. Der Typ ging sofort rückwärts über den Rasen und wagte erst wieder zu schreien, als er vor dem Hauseingang war. Ich war froh, versteckte die Blumen aber, denn ich ahnte ja, daß ich wieder mal was Verbotenes getan hatte. Als ich zu Hause ankam, hatte die Hausverwaltung schon angerufen. Ich hätte den Hauswart mit einem Hund bedroht, hatten sie gesagt. Statt des Küßchens von meiner Mutti, das ich mir mit den Blumen hatte einhandeln wollen, gab es den Hintern voll von Vati. Im Sommer war

die Hitze bei uns manchmal unerträglich. Die Hitze wurde regelrecht von Beton, Asphalt und Steinen gespeichert und zurückgestrahlt. Die paar mickrigen Bäume gaben keinen Schatten. Und der Wind wurde von den Hochhäusern abgehalten. Es gab weder ein Schwimmbad noch ein Planschbecken. Nur einen Springbrunnen mitten auf unserem Betonplatz. Da planschten und spritzten wir manchmal. War natürlich verboten, und wir wurden auch immer schnell weggejagt. Dann kam die Zeit, da wollten wir Murmeln spielen. Aber wo findest du einen Platz in Gropiusstadt, auf dem man murmeln kann. Auf Beton, Asphalt oder Rasen Marke »Betreten verboten« kann man eben nicht murmeln. In der Sandkiste auch nicht. Denn zum Murmeln braucht man einen einigermaßen festen Untergrund, in den man kleine Löcher buddeln kann. Wir fanden eine beinah ideale Murmelbahn. Unter den Ahornbäumen, die sie bei uns gepflanzt hatten. Damit die Bäumchen nicht unter all dem Asphalt erstickten, hatte man für sie eine kreisrunde Öffnung im Asphalt gelassen. Der Kreis um den Stamm war aus fester, sauber und glatt geharkter Erde. Einfach ideal zum Murmeln. Nun hatten wir aber, wenn wir dort unsere kleinen Kuhlen zum Murmeln buddelten, nicht nur die Hauswarte, sondern auch noch die Gärtner auf dem Hals. Wir wurden immer wieder unter wüsten Drohungen vertrieben. Eines Tages hatten die Vertreiber aber leider eine gute Idee. Sie harkten die Erde nicht mehr glatt, sondern gruben sie um. Aus war es mit dem Murmeln. Bei Regen waren die Eingangshallen der Häuser eine phantastische Rollschuhbahn. Diese großen Hausflure wären jedenfalls phantastisch gewesen. Da unten keine Wohnungen waren, störte nicht einmal der Krach jemanden. Als wir es ein paarmal versuchten, beschwerte sich tatsächlich auch niemand. Bis auf die Hauswartsfrau. Die sagte, das Rollschuhlaufen mache Striemen auf dem Fußboden. War also auch nichts. Bis auf das Arschvoll von meinem Vater. Bei schlechtem Wetter war es echt beschissen in der Gropiusstadt für uns Kinder. Freunde durfte eigentlich niemand von uns mit in die Wohnung nehmen. Dazu waren die Kinderzimmer auch viel zu klein. Fast alle Kinder hatten wie wir das halbe Zimmer bekommen. Bei Regen saß ich manch mal am Fenster und habe daran gedacht, was wir früher bei Regen machten. Geschnitzt haben wir zum Beispiel. Wir waren richtig auf Regenwetter vorbereitet. Wir hatten uns im Wald dicke Stücke Eichenrinde geholt, und daraus schnitzten wir bei schlechtem Wetter kleine Boote. Und wenn es zu lange regnete, hielten wir es nicht mehr aus. Dann zogen wir Regenzeug an und gingen runter zum Bach, um unsere Boote auszuprobieren. Wir bauten Häfen und machten richtige Wettfahrten mit unseren Booten aus Eichenrinde. Bei Regen zwischen den Hochhäusern rumzuhängen, machte echt keinen Spaß. Wir mußten uns schon etwas einfallen lassen. Etwas, was wahnsinnig verboten war. Das gab es auch: mit den Fahrstühlen spielen. Zunächst mal ging es natürlich darum, andere

Kinder zu ärgern. Da griffen wir uns ein Kind, sperrten es in einen Fahrstuhl und drückten alle Knöpfe. Den anderen Fahrstuhl hielten wir fest. Dann mußte der bis zum obersten Stock hochjuckeln mit einem Halt in jedem Stockwerk. Mit mir haben sie das auch oft gemacht. Gerade wenn ich mit meinem Hund zurückkam und rechtzeitig zum Abendbrot zu Hause sein mußte. Dann haben die alle Knöpfe gedrückt, und es dauerte eine elend lange Zeit, bis ich im elften Stock war, und Ajax wurde dabei wahnsinnig nervös. Gemein war es, jemandem alle Knöpfe zu drücken, der hoch wollte, weil er mußte. Der pullerte am Ende in den Fahrstuhl. Noch gemeiner allerdings war es, einem Kind den Kochlöffel wegzunehmen. Alle kleinen Kinder gingen nur mit einem Kochlöffel nach draußen. Denn nur mit einem langen hölzernen Kochlöffel kamen wir an die Fahrstuhlknöpfe ran. Ohne Kochlöffel war man also total aufgeschmissen. Wenn man ihn verloren hatte oder andere Kinder ihn weggenommen hatten, konnte man elf Stockwerke zu Fuß hochlatschen. Denn die anderen Kinder halfen einem natürlich nicht, und die Erwachsenen dachten, man wolle nur im Fahrstuhl spielen und ihn kaputt machen. Die Fahrstühle waren oft kaputt, und daran waren wir nicht schuldlos. Wir machten nämlich auch richtige Wettfahrten mit den Fahrstühlen. Die fuhren zwar gleich schnell, aber es gab einige Tricks, mit denen man ein paar Sekunden einsparen konnte. Die äußere Tür mußte man schnell, aber mit viel Gefühl zumachen. Denn wenn man sie zu heftig zuschlug, ging sie noch einmal wieder ein Stück auf. Die Sicherheitstür ging automatisch zu, aber wenn man mit den Händen nachhalf, schloß sie sich schneller. Oder ging auch mal kaputt. Ich war ziemlich gut im Fahrstuhl-Wettfahren. Unsere I3 Stockwerke reichten uns schon bald nicht mehr. Außerdem war uns der Hauswart natürlich ständig auf den Fersen. Das Pflaster wurde also immer heißer in unserem Haus. Das Betreten anderer Häuser war aber für Kinder streng verboten. Wir kamen da auch nicht rein, weil wir keinen Hausschlüssel hatten. Aber es gab immer einen zweiten Eingang. Für Möbel und irgendwelche großen Gegen stände. Der war mit einem Gitter abgesperrt. Ich fand heraus, wie man durch das Gitter kam. Mit dem Kopf zuerst. Es war richtig trickreich, wie man den Kopf drehen mußte, um durchzukommen. Den Körper quetschten wir dann irgendwie durch. Nur die Dicken konnten nicht mit. Ich habe uns so den Weg in ein richtiges Fahrstuhl-Paradies geöffnet. In ein Haus mit 32 Stockwerken und unheimlich raffinierten Fahrstühlen. Da entdeckten wir dann erst, was man mit Fahrstühlen alles machen kann. Besonders gern haben wir Hopsen gespielt. Wenn alle zusammen während der Fahrt hochsprangen, blieb das Ding stehen. Die Sicherheitstür ging auf. Oder die Sicherheitstür ging erst gar nicht zu. So eine Hopse-Fahrt war jedenfalls eine ziemlich spannende Sache. Christiane F. 105

Dann ein sensationeller Trick: Wenn man den Schalter für die Notbremse nicht nach unten, sondern zur Seite drückte, dann blieb die Sicherheitstür auch während der Fahrt auf. Da merkte man erst, wie schnell die Dinger fuhren. In einem irren Tempo sausten Beton und Fahrstuhltüren an uns vorbei. Die schärfste Mutprobe war es, den Alarmknopf zu drücken. Dann ging eine Klingel los, und die Stimme des Haus warts kam durch einen Lautsprecher. Dann hieß es türmen. In einem Haus mit 32 Stockwerken hat man eine gute Chance, dem Hauswart zu entkommen. Der lag sowieso immer auf der Lauer, erwischte uns aber selten. Das spannendste Spiel bei schlechtem Wetter war das KellerSpiel. Das war auch das verbotenste. Wir haben irgendwie einen Weg in den Hochhauskeller gefunden. Da hatte jeder Mieter eine Box aus Maschendrahtgitter. Die Gitter gingen nicht bis zur Decke. Man konnte also oben rüberklettern. Da haben wir dann verstecken gespielt. ‘Verstecken mit alles’ hieß das. Man konnte also überall reinklettern, um sich zu verstecken. Das war wahnsinnig gruselig. Es war an und für sich schon unheimlich zwischen all dem fremden Kram in ziemlich schummrigem Licht. Dazu kam die Angst, daß jemand kommen könnte. Wir ahnten ja, daß wir so ungefähr das Verbotenste überhaupt machten. Dann haben wir auch gespielt, wer die tollsten Sachen in den Verschlägen fand. Spielsachen, Trödelkram oder Kleider, die wir uns anzogen. Nachher wußten wir natürlich nicht mehr so genau, wo wir den Kram her hatten, und schmissen ihn einfach irgendwo rein. Manchmal ließen wir auch was ganz Tolles mitgehen. Natürlich kam es raus, daß da unten jemand ‘eingebrochen’ war. Aber uns schnappten sie nie. So lernte man also ganz automatisch, daß alles, was erlaubt ist, unheimlich fade ist, und daß das Verbotene Spaß bringt. Das Einkaufszentrum, das unserem Haus gegenüber lag, war für uns auch mehr oder weniger verbotenes Viertel. Da war ein ganz wilder Hauswart, der uns immer scheuchte. Am wildesten war er, wenn ich mit meinem Hund in die Nähe kam. Er sagte, wir machten den ganzen Dreck im Einkaufszentrum. Es war wirklich stinkig da, wenn man genau hinsah und hinroch. Die Läden taten einer feiner und vornehmer und moderner als der andere. Aber die Müllkisten dahinter quollen ständig über und stanken. Man trat überall in geschmolzenes Speiseeis oder Hundescheiße und trat gegen Bierdosen und Coladosen. Der Hauswart da sollte das abends alles sauber machen. Kein Wunder, daß er den ganzen Tag lauerte, um jemanden zu erwischen, der Dreck machte. Aber gegen die Geschäftsleute, die den Müll neben die Kästen warfen, konnte er nichts machen. An die betrunkenen Halbstarken, die mit den Bierdosen rumwarfen, traute er sich nicht ran. Und die Omas mit ihren Hunden gaben ihm auch nur patzige Antworten. Da hielt er sich in seiner urischen Wut eben an die Kinder. In den Läden mochte man uns auch nicht. Wenn einer von uns mal Taschengeld bekommen 106 Alltag in der Gropiusstadt

hatte oder sich sonst Geld ergaunert hatte, dann ist er in den Kaffeeladen, wo es auch Süßigkeiten gab. Und die anderen natürlich hinterher, weil das ein kleines Ereignis war. Die Verkäuferinnen hat das unheimlich genervt, wenn da ein halbes Dutzend Kinder in den Laden kam und dann das Palaver anfing, was für die paar Groschen gekauft werden sollte. Wir bekamen irgendwie einen Haß auf die Ladenbesitzer und fanden es gut, wenn jemand von uns sie beklaut hatte. Im Ladenzentrum gab es auch ein Reisebüro, da haben wir uns oft die Nasen an der Scheibe plattgedrückt, bis wir verscheucht wurden. Im Schaufenster standen herrliche Bilder mit Palmen, Strand, Negern und wilden Tieren. Dazwischen hing ein Flugzeugmodell. Und wir haben rumgesponnen, wir säßen in dem Flugzeug und flögen an diesen Strand da und kletterten auf die Palmen, von denen aus Nashörner und Löwen zu sehen waren. Neben dem Reisebüro war die »Bank für Handel und Industrie«. Damals haben wir uns noch nicht gewundert, was eine Bank für Handel und Industrie ausgerechnet in der Gropiusstadt macht, wo doch Menschen wohnen, die allenfalls von Handel und Industrie ihren Lohn bekommen. Wir mochten die Bank. Die feinen Herren in den schnieken Anzügen waren nie unfreundlich zu uns. Sie hatten auch nicht so viel zu tun wie die Frauen im Kaffeeladen. Bei ihnen konnte ich die Pfennige in Groschen eintauschen, die ich meiner Mutter aus der Pfennig-Flasche geklaut hatte. Denn im Kaffeeladen rasteten die aus, wenn man mit Pfennigen bezahlte. Und wir bekamen, wenn wir artig bitte sagten, immer wieder irgendein Spartier. Vielleicht dachten die netten Herren ja, wir brauchten so viele Spartiere, weil wir so fleißig sparten. Ich habe allerdings nie einen Pfennig da reingesteckt. Wir haben mit den Sparelefanten und Schweinen im Sandkasten Zoo gespielt. Als es immer doller wurde mit den Streichen bei uns, haben sie einen sogenannten Abenteuerspielplatz gebaut. Ich weiß nicht, was die Leute, die so was planen, unter Abenteuer verstehen. Aber wahrscheinlich heißen diese Dinger ja auch nicht so, weil Kinder da wirklich Abenteuerliches machen dürfen, sondern, weil die Erwachsenen glauben sollen, ihre Kinder könnten da ganz tolle Sachen erleben. Eine Menge Kohle hatte das Ding sicherlich gekostet. Die haben jedenfalls ziemlich lange daran rumgebaut. Und als wir endlich drauf durften, da empfingen uns freundliche Sozialarbeiter: »Na, was möchtet ihr denn gern machen« und so. Das Abenteuer bestand darin, daß man auf diesem Spielplatz ständig beaufsichtigt wurde. Es gab richtiges Werkzeug und fein gehobelte Bretter und Nägel. Da durfte man also was bauen. Und ein Sozialarbeiter paßte auf, daß man sich nicht mit dem Hammer auf die Finger kloppte. Wenn ein Nagel drin war, dann war er drin. Dann konnte man nichts mehr verändern. Dabei wollte man doch, noch ehe etwas fertig war, daß es ganz anders aussehen sollte. Ich habe so einem Sozialarbeiter mal erzählt, wie wir früher etwas gebaut hatten, Höhlen und richtige Baumhütten. Ohne Hammer und ohne einen

einzigen Nagel. Aus irgendwelchen Brettern und Ästen, die wir fanden. Und jeden Tag, wenn wir wieder hinkamen, haben wir wieder daran rumgebastelt und alles verändert. Und das hat den Spaß gemacht. Der Sozialarbeiter hat mich sicherlich verstanden. Aber er hatte ja seine Verantwortung und seine Vorschriften. Im Anfang hatten wir noch eigene Ideen, was man auf dem Abenteuerspielplatz machen könnte. So wollten wir einmal Steinzeitfamilie spielen und über einem Feuer eine richtige Erbsensuppe kochen. Der Sozialarbeiter fand die Idee prima. Aber leider, sagte er, Erbsensuppe kochen, das ginge nicht. Ob wir nicht eine Hütte bauen wollten. Mit Hammer und Nägeln – in der Steinzeit. Bald wurde der Spielplatz wieder geschlossen. Sie sagten uns, sie wollten ihn umbauen, damit wir auch bei schlechtem Wetter spielen könnten. Dann wurden Eisenträger abgeladen, Betonmischmaschinen kamen und ein Bautrupp. Sie bauten einen Betonbunker mit Fenstern. Ernsthaft, so einen richtigen Betonsilo. Keine Blockhütte oder so etwas, sondern einen Betonklotz. Die Fenster waren schon nach ein paar Tagen eingeschmissen. Ich weiß nicht, ob die Fenster von den Jungen alle eingeschmissen wurden, weil das Betonding sie so aggressiv machte. Oder ob man unser Spielhaus gleich als Bunker baute, weil in Gropiusstadt alles kaputt ging, was nicht aus Eisen oder Beton war. Der dicke Betonsilo nahm nun schon einen großen Teil des Abenteuerspielplatzes ein. Dann haben sie da noch eine Schule direkt drangebaut, und die bekam ihren eigenen Spielplatz, den mit Blechrutsche, Klettergerüst und ein paar senkrecht eingegrabenen Holzbohlen, hinter denen man ganz gut pinkeln konnte. Der Schulspielplatz wurde in den Abenteuerspielplatz reingebaut und mit Maschendraht abgeteilt. Da gab es dann nicht mehr viel Abenteuerspielplatz. Auf dem bißchen Abenteuerspielplatz, das dann noch war, machten sich immer mehr die älteren Jungen breit, die wir Rocker nannten. Sie kamen nachmittags schon besoffen da an, terrorisierten die Kinder und machten einfach kaputt. Kaputt machen war so ungefähr ihre einzige Beschäftigung. Die Sozialarbeiter kamen gegen sie nicht an. Da war dann der Abenteuerspielplatz sowieso meistens geschlossen. Dafür bekamen wir Kinder eine richtige Attraktion. Sie bauten einen Rodelberg. Im ersten Winter war das schon toll. Wir konnten uns unsere Pisten vom Berg selber wählen. Wir hatten eine Todesbahn und leichte Strecken. Die Jungs, die wir Rocker nannten, machten es gefährlich. Sie bildeten Ketten mit den Schlitten und legten es regelrecht darauf an, uns umzufahren. Aber man konnte ihnen auf andere Pisten ausweichen. Die Tage mit Schnee gehörten zu meinen schönsten Tagen in Gropiusstadt. Im Frühling machte es dann auf dem Rodelberg beinah ebensoviel Spaß. Wir tobten da mit unseren Hunden rum und kugelten uns die Abhänge runter. Das Tollste war, mit dem Fahrrad da rumzugurken. Die Abfahrten waren irre. Es sah gefährlicher aus, als es

war. Denn wenn man mal stürzte, fiel man auf dem Gras ja weich. Das Spielen auf dem Rodelberg haben sie uns bald verboten. Sie haben gesagt, daß sei ein Rodelberg und kein Tobeplatz und schon gar keine Radrennbahn. Die Grasnarbe müsse sich erholen und so weiter. Wir waren nun schon so alt, daß wir uns aus Verboten überhaupt nichts mehr machten, und gingen weiter auf den Rodelberg. Da kamen eines Tages die Männer vom Gartenbauamt und legten einen richtigen Stacheldrahtverhau um den Rodelberg. Wir gaben uns nur für ein paar Tage geschlagen. Dann besorgte jemand eine Drahtschere, und wir schnitten ein Loch in den Stacheldraht, das groß genug war, um mit Hunden und Fahrrädern durchzukommen. Wenn sie das Loch wieder flickten, schnitten wir es wieder auf. Ein paar Wochen später rückten wieder Bautrupps an. Die begannen, unseren Rodelberg zuzumauern, zuzuzementieren, zuzuasphaltieren. Aus unserer Todesbahn wurde eine Treppe. Asphaltierte Wege durchschnitten fast alle Pisten. Auf die Plattform oben kamen Betonplatten. Ein Streifen Rasen blieb als Rodelbahn. Im Sommer war auf dem Berg nichts mehr anzufangen. Im Winter war es auf der einen Bahn lebensgefährlich. Das schlimmste aber war das Raufgehen. Da mußte man jetzt über Steinplatten und Treppen. Die waren ständig vereist. Wir holten uns aufgeschlagene Knie, Beulen am Kopf und, wenn es böse kam, eine Gehirnerschütterung. Es wurde eben alles immer perfekter mit der Zeit in Gropiusstadt. Als wir hinzogen, war die großartige Modellsiedlung noch nicht fertig. Vor allem außerhalb des Hochhausviertels war vieles noch gar nicht perfekt. In kleinen Ausflügen, die auch wir jüngeren Kinder schon alleine machen konnten, erreichte man richtig paradiesische Spielplätze. Der schönste war an der Mauer, die ja nicht weit von Gropiusstadt ist. Da gab es einen Streifen, den nannten wir Wäldchen oder Niemandsland. Der war kaum 20 Meter breit und wenigstens anderthalb Kilometer lang. Bäume, Büsche, Gras so hoch wie wir, alte Bretter, Wasserlöcher. Da kletterten wir, spielten Verstecken, fühlten uns wie Forscher, die jeden Tag wieder einen uns bis dahin unbekannten Teil des Urwäldchens entdeckten. Wir konnten da sogar Lagerfeuer machen und Kartoffeln braten und Rauchzeichen geben. Irgendwann haben sie dann gemerkt, daß da Kinder aus Gropiusstadt spielten und Spaß hatten. Da sind wieder die Trupps angerückt und haben Ordnung gemacht. Dann haben sie Verbotsschilder aufgestellt. Nichts durfte man mehr, wirklich alles war verboten: Radfahren, auf Bäume klettern, Hunde frei laufen lassen. Die Polizisten, die wegen der Mauer da ständig rumlungerten, kontrollierten die Einhaltung der Verbotstafeln. Angeblich war unser Niemandsland jetzt ein Vogelschutzgebiet. Wenig später haben sie es zur Müllkippe gemacht.“

Christiane F. 107

108

Alltag in der Gropiusstadt

Der Alltag der Gropiusstadt-Bewohner
Zielgruppe Kleinfamilie
Die Gestaltung der Wohnungen und die Ausstattung des Wohnumfeldes sind ganz überwiegend orientiert am Bedarf jüngerer Kleinfamilien (mit 1 oder 2 Kindern). Auf spezielle Bedarfe anderer Bewohnergruppen ist zur Zeit das Angebot in der Gropiusstadt ebensowenig eingestellt wie auf veränderte Bedarfe durch Altersverschiebungen (zumindest bei Kindern und Jugendlichen). Ihre Situation weist am deutlichsten auf Probleme und Mängel im Gebiet hin. Das Defizit an Jugendeinrichtungen und Konzepten für Jugendarbeit – einen wichtigen Beitrag leistet hier das ‘Haus der Mitte’ – wird inzwischen zwar vom Bezirk erkannt; aber es gibt noch zu wenig Lösungsansätze. Kinderreiche Haushalte sind besonders stark von Überbelegungen der Wohnungen bzw. von generell nicht vorhandenen preisgünstigen Großwohnungen betroffen. Entgegen den ursprünglichen Belegungsabsichten haben viele Haushalte mit Kleinkindern und alte Menschen in den oberen Etagen von Hochhäusern Wohnungen zugewiesen bekommen. Für beide Gruppen ist das Leben in Hochhäusern mit stärkeren Belastungen verbunden als z. B. für junge Erwachsene. (Becker/Keim 1977, S.300f)

Qualität der Wohnungen
Über die Wohnungen und das Wohnen selber sind die wenigsten Kritikpunkte geäußert worden. Für viele Bewohner gilt, daß sie ihre neue Wohnung und auch die neue Umgebung im Vergleich zur früheren Wohnsituation positiver einschätzen. Das Image der Gropiusstadt und ihre Wohnungen entsprechen offenbar in vielen Fällen den eigenen Vorstellungen von angemessenem Wohnen. (Becker/Keim 1977, S.300f)

Keine Institutionelle Autonomie
Dagegen bringt die überlokale Zuordnung der Gropiusstadt zu außerhalb liegenden Institutionen Nachteile für die Bewohner mit sich. Wichtige Verhandlungspartner sind nicht direkt ansprechbar: Wohnungseigentümer, Politiker, Arbeitgeber, Geschäftsinhaber, Verwaltungsbeamte usw. Auseinandersetzungen um lokale Belange sind somit nach außen verlagert. Es gibt bisher kein Konzept für eine Weiterentwicklung der Gropiusstadt, d. h. keine lokale Planung. Die Bezirksverwaltung handelt meist reaktiv, entweder auf Druck von Bewohnergruppen oder beim Auftreten schwerwiegender Engpässe. Es gibt auch keine lokale Verwaltung; viele Sachbearbeiter der Ämter sind mit den lokalen Zuständen und den Problemen in der Gropiusstadt wenig vertraut. Sie übernehmen die Siedlung routinemäßig und können insoweit den besonderen Situationen und Bedürfnissen der Neubewohner kaum gerecht werden. (Becker/Keim 1977, S.300f)

Bewohneralltag 109

Probleme der Lage / Mobilität
Die randstädtische Lage der Gropiusstadt und die außerhalb des Gebiets liegenden Arbeitsplätze verursachen für viele Bewohner soziale Folgekosten: aufwendige Arbeitswege, wenig zeitlichen Spielraum, Einschränkungen von Aktivitäten, für die in der Siedlung keine Angebote vorhanden sind. Solche ausgelagerten Angebote können ohnehin nur von mobileren Bevölkerungsgruppen wahrgenommen werden. Die unbeweglicheren Bewohner – Kinder, Hausfrauen, alte Menschen – sind auf die Gelegenheiten in der Gropiusstadt angewiesen. Sie kommen – abgesehen von den Einkaufs- und Dienstleistungsstätten – mit der Arbeitswelt nicht in Berührung. (Becker/Keim 1977, S.300f) „Je nach der aktuellen Lebenssituation unterscheiden sich Bewohnergruppen hinsichtlich ihrer Beweglichkeit gemessen an der Häufigkeit und Dauer von Aktivitäten außer Haus. Die berufstätigen Männer bilden die beweglichste Gruppe vor der der berufstätigen Frauen. Hausfrauen und besonders alte Menschen gehören zu den unbeweglicheren Bewohnergruppen. Sie verbringen den Hauptteil des Tages – zwangsläufig – in der Gropiusstadt (überwiegend zu Hause) und sind deshalb besonders auf wohnungsnahe Angebote in der Gropiusstadt für Aktivitäten außerhalb des täglichen Pflichtenrahmens angewiesen.“ (Heidede Becker 1977, S.263)

Auch der seit den Anfängen der Gropiusstadt bestehende, sehr gute U-Bahn-Anschluß an das Zentrum kann nichts daran ändern, daß die Anfahrtswege zu allen Zielen jenseits des Neuköllner Zentrums (Karl-Marx-Straße) lang und, insbesondere abends und nachts, teilweise kompliziert sind. Demgegenüber ist die Gropiusstadt, besonders auf dem Freizeit- und kulturellen Sektor, keineswegs eigenständig, zumindest dann nicht, wenn man die Maßstäbe der InnenstadtbewohnerInnen anlegt. Beispielsweise gibt es erst seit dem Ausbau der Gropiuspassagen dort ein Kino, und selbst nach den sonst in Berlin allgegenwärtigen ‘Eckkneipen’ muß man suchen.

Karte rechts: Öffentliche Einrichtungen im Bezirk Neukölln (Gropiusstadt grau hinterlegt) 110 Alltag in der Gropiusstadt

Bewohneralltag 111

Wer ist wann in der Gropiusstadt?
Stadtrandsiedlungen haben aufgrund typischer Merkmale und deren Auswirkungen das Image von Schlafstädten bekommen. Entsprechende Eigenschaften kennzeichnen auch das tägliche Leben in der Gropiusstadt: An den Werktagen verlassen bis zu 60% der erwachsenen Bevölkerung das Gebiet. In der Gropiusstadt bleiben vor allem Hausfrauen, Rentner und Kleinkinder. Im Gebiet stattfindende Aktivitäten gehören überwiegend zum täglichen Pflichtenkreis (Kinder wegbringen und abholen, Lebensmittel einkaufen, waschen usw.) und zum Aufgabenbereich der Frauen, die 2/3 der tagsüber anwesenden erwachsenen Bewohnerschaft ausmachen. Der beruflichen Tätigkeit wird zu 93% außerhalb der Gropiusstadt nachgegangen. Spaziergänge werden zu 63% im Gebiet der Gropiusstadt unternommen. Für andere „Freizeit“-Aktivitäten (Restaurantbesuch, Teilnahme an Fortbildungskursen, Besuch kultureller Veranstaltungen u.ä.) spielt die Gropiusstadt keine Rolle als Zielort; sie finden größtenteils außerhalb statt. (Heidede Becker 1977, S.263)

links: Tätigkeitenprofile der Gropiusstadt-BewohnerInnen, nach einer Untersuchung von Becker/Keim 1973. rechts: Aufenthaltsorte der Gropiusstadt-BewohnerInnen 1973, nach Becker/Keim 1977, 263ff 112

% 100

Frauen:

Montag-Freitag

% 100

Männer:

Montag-Freitag
Anteil der jeweiligen Personengruppe, der sich in der Gropiusstadt aufhält.

50

50

10 6 % 100 12 24

10 Uhr 6 % 100 12 24

Personenanteil, der außer Haus - innerhalb der Gropiusstadt - aktiv ist.
Uhr

Frauen:

Samstag

Männer:

Samstag

50

50

Tagesläufe
10 6 % 100 12 24 10 Uhr 6 % 100 12 24 Uhr

Frauen:

Sonntag

Frauen:

Sonntag

50

50

10 6 12 24

10 Uhr 6 12 24 Uhr

„Die Tagesläufe der einzelnen Haushalte über die Woche verlaufen relativ gleichförmig. Der Alltag der Berufstätigen ist fast ausschließlich geprägt durch die berufliche Tätigkeit und die Arbeitswege, der der Nicht-Berufstätigen durch das Einkaufen und andere Pflichtbelastungen wie Kinder wegbringen und abholen, Erledigungen usw. Für zusätzliche Betätigungen (Fortbildung, politische Aktivitäten, Besuch kultureller Veranstaltungen u. ä.) bleibt demnach wenig Spielraum, was nicht zuletzt auf die meist aufwendigen Anfahrtswege zurückzuführen ist. Offenbar besteht insgesamt wenig Anreiz, der der Tendenz des Rückzugs in die eigenen vier Wände entgegenwirken könnte.“ (Heidede Becker 1977, S.263)

Bewohneralltag 113

Lokale Eigenständigkeit
Lokale Öffentlichkeit
Lokale Öffentlichkeit ist in der Gropiusstadt nur ansatzweise entwickelt. Dafür gibt es drei Erklärungen: Die derzeit praktizierten Formen der bürgerlichen RestÖffentlichkeit werden von den meisten Bewohnern gebilligt. Der gesellschaftliche Charakter des eigenen Rollenverhaltens ist so wenig erkannt, daß deshalb nicht mehr aktive Veröffentlichung stattfindet. In der Gropiusstadt fehlen wichtige Bereiche der Rollenausübung (zumindestens hinsichtlich beruflicher und politischer Rollen). (Becker/Keim 1977, S.293)

Gemeinschaftseinrichtungen
Als positive Aspekte der Ausstattung sind die Ansätze zum Betrieb von Gemeinschaftseinrichtungen im Gebiet, die Vielzahl von eingestreuten Kleinkinderspielplätzen sowie die zentralen Standorte der Alteneinrichtungen (jeweils in den Zentren) zu nennen. (Becker/Keim 1977, S.300f)

Ein Teil der Gemeinschaftseinrichtungen, die Waschhäuser, sind inzwischen fast alle für andere, aber wiederum Gemeinschaftszwecke, umgenutzt und umgebaut worden. Dort fanden Selbsthilfegruppen, Mieterinitiativen, Kitas und Cafés ihren Raum. Die Jugendeinrichtungen dagegen wurden, wie auch vier Schulen, erst nachträglich eingeplant und waren viel zu spät fertig. Der Ersatzbau für die seit fünfzehn Jahren wegen Asbestverseuchung geschlossene Jugenräume in der Clay-Oberschule wurde erst 1998 fertig. Von einer Bedarfsdeckung, insbesondere auf dem Gebiet der Freizeitgestaltung, kann noch immer nicht die Rede sein.

114

Alltag in der Gropiusstadt

Das Gemeinschaftshaus
„Das Gemeinschaftshaus befriedigt ohne Zweifel Wünsche vieler Bewohner: nach repräsentativer Architektur, gediegenen Räumen für Veranstaltungen, ordentlich geführten Hobby-, Arbeits- und Clubräumen. Mit seinen überwiegend organisierten und geplanten Angeboten entspricht es den konsumorientierten Benutzungsmustern mittelständisch-bildungsinteressierter Bewohner in erster Linie. Die eigene Zielsetzung, mit zur sozialen Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen beizutragen, hat das Gemeinschaftshaus noch nicht verwirklichen können. Bisher ist noch kein Konzept für die Bewältigung dieser Aufgabe entwickelt worden. Aufgrund unterschiedlicher Interessenlagen, räumlicher Fehlplanungen und fehlenden Personals sind die Jugendlichen als Benutzergruppe weitgehend hinausgedrängt worden. Unter Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten, insbesondere unter Berücksichtigung der immensen Investitionen für die Errichtung einerseits und fehlender Einrichtungen sowie notwendiger Problemhilfe für einige Bevölkerungsgruppen der Gropiusstadt (Jugendliche, alleinstehende Mütter mit Kindern, Kinderreiche) andererseits, muß der Betrieb des Gemeinschaftshauses als recht fragwürdig angesehen werden. Die aufwendige und festgelegte Ausstattung erzeugt Zwänge, die offenere Arbeit verhindern (»Einen so wertvollen Bau kann man allerdings nicht wie einen Abenteuerspielplatz nutzen.« – ehem. Baustadtrat Zerndt). Damit wird der Schwerpunkt auf die repräsentativen Funktionen des Hauses verschoben.“ (Becker/Keim 1977, S.294)

Innenhof des Gemeinschaftshauses 1998

Das Gemeinschaftshaus hat sich ein seiner inzwischen 30-jährigen Geschichte stets als beliebter, gut ausgelasteter Ort für Veranstaltungen aller Art erwiesen. „Die Angebote reichen heute vom Kinderclub bis zur Seniorenfreizeitstätte, von Veranstaltungen der Volkshochschule und Musikschule bis zu den verschie-

Bewohneralltag 115

densten Aufführungen und Veranstaltungen im großen Saal. Darüber hinaus existieren verschiedene Werkstätten. Generell kann das Hus auch für private Initiativen und Veranstaltungen genutzt werden, was jedoch nur spärlich geschieht.“ [Kerstin Federbusch, 1996, S.55] Seine – höherschwelligen – Angebote zur Freizeitgestaltung ziehen zu einem nicht unbeträchtlichen Teil auch Teilnehmer von außerhalb der Gropiusstadt an, wie sich anläßlich der Fragebogenaktion des Stadtteilausschusses herausstellte, als ausgerechnet im Gemeinschaftshaus nur sehr wenige Fragebögen verteilt werden konnten. Selbsthilfegruppen und Initiativen
„An Selbsthilfegruppen und Initiativen aus den ersten Jahren der Gropiusstadt sind vor allem die Mieterinitiativen, welche sich gegen Mieterhöhungen und verschiedenste Probleme mit den Vermietern wendeten, sowie Elterninitiativen zu nennen, welche zusätzliche Kindergruppen gründeten oder den Bau der Abenteuerspielplätze anregten. Allen gemeinsam war ihr relativ kurzer Bestand bzw. ein schnell nachlassendes Interesse, wenn der Anlaß ihrer Gründung beseitigt oder die Situation zumindest verbessert war.“ [Kerstin Federbusch 1996, S.55]

Vereine
In der Gropiusstadt bestehen außerdem die Verschiedensten Vereine, welche z.T. schon vor dem Bau der Siedlung gegründet worden waren: Der ‘1. FC Concordia Gropiusstadt’, drittgrößter Fußballverein Neuköllns, 1957 gegründet, der ‘Turnsportclub Berlin 1893’, dessen Mitglieder zu 75% GropiusstädterInnen sind, der Leichtathletik-Club ‘Stolpertruppe’, 1967 gegründet, und der ‘Berliner Tennisclub Gropiusstadt’, 1973 gegründet. Als nicht-sportliche Gruppen sind z.B. der ‘Gropiuschor’ und die ‘Gropiuslerchen’ der Musikschule Neukölln sowie die ‘Gropiusstädter Sonntagsmaler’ zu nennen. [Kerstin Federbusch 1996, S.55]

Haus der Mitte
Das „Haus der Mitte“ hat durch seine unkonventionelle und koordinierende Tätigkeit eine wichtige lokalpolitische Funktion. Es profitiert konzeptionell von seiner relativen Unabhängigkeit, muß dafür immer wieder Engpässe in finanzieller, personeller oder räumlicher Hinsicht bewältigen. (Becker/Keim 1977, S.293) 116 Alltag in der Gropiusstadt

Die auf Elterninitiativen hin gegründeten Abenteuerspielplätze sind inzwischen durch Baumaßnahmen in der Nachbarschaft mehrfach verkleinert und auch in ihren Öffnungszeiten stark eingeschränkt worden.

Das Haus der Mitte mußte 1998 alle Angebote außer dem Jugendkeller wegen finanzieller Probleme des Kirchenkreises einstellen. Zeitdokument: Drogenprobleme der 70er Jahre Jürgen Quandt, Kreisjugendpfarrer und Geschäftsführender Pfarrer des Evangelischen Zentrums ‘Haus der Mitte’, erhielt im Rahmen des Stern-Buches ‘Wir Kinder vom Bahnhof Zoo’ Gelegenheit zur Darstellung der Situation der jugendlichen Gropiusstädter Mitte bis Ende der 70er Jahre.
„Der Jugendkeller im Evangelischen Zentrum – Haus der Mitte – war jahrelang der zentrale Treffpunkt von JugendIichen aus der Gropiusstadt und aus Neukölln. Jeden Abend kamen bis zu 500 jugendliche Besucher in den Keller, bis wir im Dezember 1976 wegen des rapiden Anstiegs von Heroingebrauch unter Jugendlichen den Keller schlossen, um dadurch auf die katastrophale Situation öffentlich aufmerksam zu machen. Was uns als Pädagogen überraschte, die wir zur Zeit der Studentenbewegung den Gebrauch sogenannter weicher Drogen hauptsächlich unter dem Aspekt ihrer bewußtseinsmäßigen Auswirkungen diskutiert hatten, war die Schnelligkeit, in der in Gropiusstadt eine Scene für harte Drogen entstand. Innerhalb weniger Monate waren 30-50 Jugendliche aus unserem Einzugsbereich auf Heroin umgestiegen. Unsere bis dahin unternommenen Versuche, die Jugendlichen mit Argumenten und nicht mit disziplinierenden Maßnahmen von der Gefährlichkeit des Drogengebrauchs zu überzeugen, mußten auf die Jugendlichen geradezu als Einladung zum Weitermachen und als Eingeständnis unserer Unfähigkeit im Kampf gegen die Droge wirken. In der Offenen Jugendarbeit des Hauses der Mitte trat zutage, was von den staatlichen Behörden noch standhaft geleugnet wurde: daß nämlich von einem Abflauen der sogenannten Drogenwelle gar nicht die Rede sein konnte. Im Gegenteil, das Drogenproblem hatte quantitative und qualitative Ausmaße mit amerikanischen Dimensionen erreicht. Den Markt dafür bildeten nun arbeits- und ausbildungslose Arbeiterjugendliche. Was uns als Pädagogen blieb, war der öffentliche Protest gegen die behördliche Ignoranz. Die Schließung des Jugendkellers 49 sollte ans Licht bringen, was viele sicher lieber im Dunkeln gelassen hätten. Das ist geschehen: Heute gibt es in West-Berlin eine intensive Auseinandersetzung um

49

nach Becker/Keim S. 280 stand hinter der Schließung des Jugendkellers allerdings auch Druck von Seiten der Presse, in der „der Jugendkeller als Ausgangspunkt krimineller Handlungen von Jugendlichen dargestellt“ wurde. vgl. auch ‘25 Jahre Gropiusstadt’, Neukölln-Spiegel, Kleindienst Lokalpresse 1987

117

die Drogenprobleme und behördliche Zugeständnisse. Inzwischen ist der Jugendkeller wieder geöffnet. Einige der an eine Wiedereröffnung geknüpften Forderungen sind erfüllt. Es gibt in Neukölln eine staatlich finanzierte Drogenberatungsstelle, in der Gropiusstadt einen Clean-Bus als Treffpunkt für drogengefährdete Jugendliche und ein erweitertes Therapie-Angebot. Die Drogenprobleme sind nach zwei Jahren nicht geringer geworden, auch wenn wir es jetzt mit einer bereits nachgewachsenen Generation von Jugendlichen zu tun haben. Einige der Jugendlichen aus Gropiusstadt, die vor zwei Jahren mit Heroin angefangen hatten, leben nicht mehr. Die Lebensverhältnisse der Jugendlichen sind inzwischen nicht besser geworden. Neben die alten Probleme treten offensichtlich neue: immer mehr Jugendliche in Gropiusstadt tragen Waffen und sind im Zweifelsfall bereit, davon auch Gebrauch zu machen. Vielfach mischt sich das bereits mit entsprechendem nationalistischem Zubehör und der Bereitschaft, sich auf faschistisches Gedankengut einzulassen. Die meisten Jugendlichen, mit denen wir es im Haus der Mitte zu tun haben, kommen aus Arbeiterfamilien. Ihre Situation ist trotz scheinbar steigenden Wohlstands durch eine in den letzten Jahren ständig steigende Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen gekennzeichnet: wachsende Leistungsanforderungen und Streß in der Schule, überfüllte Klassen, Lehrstellenmangel, Arbeitslosigkeit und familiäre Konflikte sind der konkrete Ausdruck dieser Verschlechterung. In einer Neubausiedlung wie der Gropiusstadt, wo etwa 45000 Menschen wohnen, kommt hinzu, daß jede Problematik aufgrund der Zusammenballung von Menschen sogleich massenhaft auftritt: also viele arbeitslose Jugendliche, viele familiäre Konflikte, häufiges Schulversagen usw. Außerdem bietet die ‘natürliche Umgebung’ nur noch wenig Natur und damit wenig Entfaltungsmöglichkeiten. Die schwächsten Gruppen in der Gesellschaft, die Kinder, die Jugendlichen und die Alten sind solchen zerstörerischen Lebensbedingungen am unmittelbarsten ausgeliefert. Es fehlt in Gropiusstadt nach Abschluß der Bebauung – und das heißt nach Ausnutzung jeglichen Baugrundes – an geeigneten Spielmöglichkeiten für Kinder, an Freizeiteinrichtungen für Jugendliche und Erwachsene und vor allem an Erholungsflächen. Es gibt hier keine großen Park118 Alltag in der Gropiusstadt

anlagen, keine Wiesen, keine Wälder; einfach nichts, wo Kinder sich auf legale Weise austoben oder Erwachsene spazierengehen können. Die Logik solcher Städte wie der Gropiusstadt beruht auf der Rentabilität des Kapitals und orientiert sich nicht an den Bedürfnissen und Lebensnotwendigkeiten der Menschen. Immer deutlicher treten die bisher nur vermuteten Folgen der vorfabrizierten Lebensweise zutage. Materielle Not ist noch immer die Ursache vieler Konflikte und Probleme. Hohe Mieten und ständig steigende Lebenshaltungskosten erzwingen eine immer größere Arbeitsbelastung und das gemeinsame Verdienen von Mann und Frau. Und so unterliegt das Leben der Menschen hier einem scheinbar unauflöslichen Zwang, nämlich dem Zwang, immer mehr Lebenskraft für die tägliche Arbeit aufzubringen, ohne dafür wirklich glücklich und wohlhabend zu werden. Die Droge ist von jeher eines der übelsten Mittel gewesen, den Menschen das Bewußtsein dafür zu rauben, daß sie zu den Opfern der gesellschaftlichen Entwicklung gehören. Alkohol hat in der Arbeiterschaft schon lange genau diese Funktion. Nun sind in den letzten Jahrzehnten andere Suchtmittel dazugekommen: Psychopharmaka, ein legales, einträgliches Geschäft, und Rauschgifte wie Heroin und Kokain, zwar illegal, aber nicht weniger einträglich. Erstaunlich ist eigentlich nicht so sehr, wie viele davon Gebrauch machen, sondern wie viele trotz massiver Existenzprobleme davon nicht Gebrauch machen. Das gilt auch und gerade für Jugendliche. Im Hinblick auf ihre Situation sollten eigentlich steigender Drogenmißbrauch, wachsende Kriminalität, zunehmende Brutalisierung und Verbreitung faschistoiden Gedankengutes unter Arbeiterjugendlichen nicht verwundern. Es kann gar nicht ernsthaft bestritten werden, daß zwischen der Zunahme von Drogenmißbrauch unter Arbeiterjugendlichen und massiver Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen ein unmittelbarer, inzwischen kommerziell perfekt genutzter Zusammenhang besteht.“

Rezeptionsgeschichte Die Wahrnehmung von außen
Pressespiegel der Berliner Tagespresse zum Thema ‘Gropiusstadt’
Diese Auflistung ist großenteils das Ergebnis elektronischer Recherchen und enthält eine Auswahl an Zeitungsartikeln. Aufgenommen wurden Artikel, die konkrete Aussagen über die Gropiusstadt enthalten; nicht aufgenommen wurden die zahlreichen Artikel, in denen ‘Gropiusstadt’ lediglich als Träger einer (i.d.R. negativen) Konnotation auftaucht. Die Beschränkung der analysierten auf bestimmte Medien und Zeiträume ist ein Ergebnis der Recherchierbarkeit, die beispielsweise bei der taz ab 1986 gegeben ist, beim Tagesspiegel erst ab 1996. •/••/••• Rating nach Bezug zur Gropiusstadt / Informationsgehalt des Artikels: mäßig/hoch/sehr hoch TSP MoPo taz Berl. Ztg 25.06.1974 19.11.1985 18.04.86 10.09.1987 02.08.1988 31.01.1989 •• •• ••• •• • •• Tagesspiegel Berliner Morgenpost die tageszeitung Berliner Zeitung (Verlag Gruner+Jahr) Gropiusstadt erscheint nun als Aberwitz der Stadtplanung – [Grünflächendefizite in den Südostbezirken Westberlins – erste BuGa-Planungen] Bericht / TSP Kaltmiete im Sozialen Wohnungsbau soll zwei Jahre konstant bleiben – Förderungsbedingter Anstieg gestoppt— Aus dem Hauptausschuß [Kaltmiete im soz. Wohungsbau auf 2Jahre eingefroren] Meldung / TSP Nachbesserung der ‘Moderne’ – Die Gropiusstadt soll doch noch eine grüne ‘Stadtlandschaft’ werden – Mieterinteresse vorerst minimal [Bericht über die Nachbesserungsplanungen] Bericht / taz Wir haben hier viel Grün, und unser Haus ist gepflegt – was Bewohner der Gropiusstadt über ihre Siedlung denken – Grundsteinlegung war vor 25 Jahren – erste Wohnumfeldverbesserungsmaßnahmen [Reportage anläßlich des 25jährigen Jubiläums] Reportage/Bericht / TSP Was wird bei der Neuköllner Jungfernmühle saniert - der Bau oder der Architekt? – Ein Sanierungsfall [Bericht über die Pläne zur Sanierung der Jungernmühle] Bericht S. 20; 91 Zeilen / b.schröder / taz Das vorläufige amtliche Ergebnis der Abgeordnetenhauswahl ist raus / – Der Parlamentskuchen ist verteilt WählerInnenrotation in den einzelnen Wahlkreisen CDU-SenatorInnen Kewenig, Laurien, Fink und Wittwer verloren ihre Direktmandate [Berichterstattung über die 21% Reps bei der Wahl in einemStimmbezirk der Gropiusstadt] Bericht S. 20 121 Zeilen / rihe / taz Fernsehmagazin Kontraste : Berlin-Gropiusstadt nach der Wahl – 21.00 Uhr. - der Stimmbezirk mit den meisten Republikaner-Stimmen; [Fernsehbericht über die Wahlerfolge der REPs in der Gropiusstadt] Fernsehreportage / ARD Zwischen Rudis Reste Rampe und dem Südpol von Neukölln – Im „grauen Bezirk“ Neukölln holten die „Republikaner“ die meisten Berliner Stimmen / Purer Zufall, daß nur in einem Stimmbezirk jeder Fünfte die REPs wählte / „Parteien machen hier seit Jahren keine Politik“ / Auch jetzt streiten sie erstmal um Posten / Keine billigen Wohnungen, zu wenig Kitas und Schulen, „zuviele Aussiedler“ und jede Menge Romanhefte [Ausführliche Milieustudie zu den Gründen des Wahlerfolges der Republikaner in der Gropiusstadt] Hintergrundreportage / petra bornhöft / taz Menschen sollen zugunsten der Natur zusammenrücken – Verbände der Grünplaner sehen in Kleinraum- und Trabantensiedlungen an den Stadträndern noch großes Wohnungsbaupotential / Vorschläge für Freiflächenschonendes Flächenrecycling / Bestehende Wohnsiedlungen sollen verdichtet werden, um Grün zu schonen Bericht S. 20 92 Zeilen / thok / taz „Wir können diese Angst auf Dauer nicht aushalten“ – Unlängst wurde dem 19jährigen Türken Ogün P. in Gropiusstadt von einem deutschen Familienvater mit einer Hundeleine aus Metall ins Gesicht geschlagen/Die Polizei ermittelt gegen... Bericht S. 24 0 Zeilen / andre zalbertrus / taz

14.02.1989 20.02.1989

? •••

13.06.1989

••

26.06.1989

••

Rezeptionsgeschichte 119

22.08.1989 29.08.1989 02.01.1990 17.02.1990 25.09.1990

•• • ••• • •••

24.06.1991 27.06.1991 24.04.1992 26.05.1992 14.05.1994 08.03.1995 24.03.1995 03.05.1995 13.05.1995 16.02.1996 17.02.1996 13.07.1996 16.07.1996 06.11.1996 21.06.1997 10.08.1997 23.08.1997

• ? • • • ••• •• ••• • ••

••• ••• •• •• •• ••

„Was ganz normal Menschliches“ – Schüler engagieren sich gegen Ausländerfeindlichkeit und Neonazismus in Neukölln: „Die Rechten arbeiten mit Emotionen, wir mit sachlichem Kalkül“ / Sie mobilisieren 500 Leute zum Konzert gegen rechts am Bat-Yam-Platz in der Gropiusstadt Bericht S. 20 197 Zeilen / andrea böhm / taz „Heavies“ überfallen Schülerinnen – Zwei Mädchen auf dem U-Bahnhof Zwickauer Damm in der Gropiusstadt zusammengeschlagen / Die beiden Mädchen trugen Abzeichen der Falken auf ihren Jacken [Meldung über Rechtsradikale Übergriffe in der Gropiusstadt] Bericht S. 20 60 Zeilen / anb / taz Fernsehmagazin Kontraste: Noch immer rechts liegengelassen: Berlin-Gropiusstadt - Hochburg der Republikaner. – 2.1.1990 21.10 - 21.45 Uhr. ARD. Fernsehbericht / ARD [Bei der Video-Dokumentation „Zu Hause in der Gropiusstadt“, auszuleihen bei der Landesbildstelle Berlin, handelt es sich vermutlich um eine Aufzeichnung dieses Beitrages.] „Die wahren Skins in Verruf gebracht“ – Skinheads wehren sich gegen ihr „Nazi“-Image / Jugendsenatorin Klein sprach mit sechs von ihnen [Jugendsenatorin trifft sich mit Gropiusstädter Skins] Bericht S. 34 104 Zeilen / jörg o.riss / taz Passen noch mehr Menschen in Trabantenstädte? – Gutachter des Bausenators: In die Gropiusstadt können allenfalls noch150 neue Wohnungen gebaut werden/ Planer halten Verdichtung von Trabantenstädten für kein Thema mehr/ Reduzierte Pläne im Märkischen Viertel und in Spandau [Gutachten zur Nachverdichtung] Bericht S. 23 142 Zeilen / thomas knauf / taz Die Zukunft der Großssiedlungen – Auf dem Stadtforum waren sich alle einig: Die Politik darf sich nicht den Zwängen des Marktes unterwerfen/ Dezentralisierung für Großsiedlungen/ Wird die Stadtkultur an den Rand gedrängt? [Bericht über Diskussion über die Großsiedlungen im Stadtforum] Bericht S. 22 119 Zeilen / dirk wildt / taz Ein Abenteurer muß Scheiben einschmeißen – Jugendliche in Gropiusstadt treiben sich lieber auf den Straßen herum als in bestehenden Jugend-Einrichtungen/ Projekt soll Jugendarbeit verstärken [Jugendarbeit in der Gropiusstadt] Bericht S. 23 179 Zeilen / jgo / taz Die rote Laterne am Schluß – Berlin vor den Kommunalwahlen (Teil 17): Der Arbeiterbezirk Neukölln ringt um Ausgleich zwischen der höchsten Einwohnerzahl Berlins und seiner kläglichen kulturellen Infrastruktur [Bericht über die Probleme Neuköllns] Bericht S. 23 164 Zeilen / jeannette goddar / taz Rep-Stadtrat zieht in Neukölln ein – SPD-Bürgermeister wird vermutlich dem CDUler Hans-Dieter Mey weichen müssen [12% für die Republikaner in Neukölln, jedoch keine Zunahme in der Gropiusstadt] Bericht S. 22 45 Zeilen / jgo / taz Das größte Glück der Erde liegt nicht allein auf dem Rücken der Pferde – Bürgerinitiative feiert auf ihrer Farm [Eltern-Kinder-Kreis Gropiusstadt Nord betreibt Ponyhof in Großziethen] Lokalreportage / Boris Hermel / Berl. Ztg. In der Gropiusstadt geht es ans Eingemachte – Mieter müssen jetzt bis zur Hälfte ihres Einkommens für die Wohnung ausgeben [Drastische Mieterhöhungen infolge Wegfall der Förderung] Reportage / Michael Fischer / Berl. Ztg. Nagel will Mieten- explosion [in der Gropiusstadt] eingrenzen – Agentur meldung S. 23 Berlin 17 Zeilen / taz Gropiusstadt: Förderung bis 1998 – [Nachsubvention der Mieten bis 98 beschlossen] Meldung / gs / Berl. Ztg. Die Kleinen von damals haben heute Kinder – Berlins älteste Elterninitiative betreibt jetzt Bauernhof [EKT aus Gropiusstadt betreibt Ponyhof in Großziethen] Lokalreportage / Gudrun Sonntag / Berl. Ztg. Die Kunden müssen nicht mehr zum „ Speckgürtel“ – Die Gropius-Passagen werden zu Berlins größtem Einkaufszentrum / Kino mit 6 Säälen [Umbau der Gropiuspassagen] Bericht / Claudia Fuchs / Berl. Ztg. „Ich bin so süchtig“Christiane F. vom Bahnhof Zoo wohnt in Neukölln. – Sie hat jetzt einen Hund, der Junkies am Schweiß erkennt [Christiane F heute] ausführliches Portrait / Ute Sturmhoebel / Berl. Ztg. Warnung vor zu hoher Fehlbelegungabgabe – Wohnungsunternehmen fürchten Wegzug gutverdienender Mieter und Ghettobildung im sozialen Wohnungsbau [Wohnungsbaugesellschaften warnen vor Fehlbelegungsabgabe von 7,DM/qm] Bericht S. 25 Berlin Aktuell 90 Zeilen / Uwe Rada / taz Verband warnt vor sozialer Schieflage in Großsiedlungen – Neue Diskussion um Fehlbelegungsabgabe [s.o.; Fehlbelegungsabgabe soll von 5,- auf 7,- DM/qm hochgesetzt werden] Bericht / Ulrich Paul / Berl. Ztg. Einkaufszentrum mit Altstadt-Charakter – Ladenbummel durch zwölf kleine Straßen: In den Gropius-Passagen ist jetzt der dritte Bauabschnitt fertig [Gropiuspassagen: Fertigstellung des 3.Bauabschnittes] Lokalbericht / Claudia Fuchs / Berl. Ztg. Heimatgefühl im Schatten der Vorstadt-Hochhäuser – Kiez-Tour (Serie) [‘Kiez-Tour’:] Milieustudie / Gabi Zylla / MoPo Gropius-Passagen: Wie ein privater Investor ein ganzes Viertel aufpoliert – Der H.F.S. Immobilienfonds und sein Einkaufszentrum in Neuköllns Süden [Gropius-Passagen: Eröffnung im September 97] Bericht / Gabi Zylla / Berl. Ztg. „Besserverdienende“ fliehen aus Sozialbauten – Nach Bausenator Klemann (CDU) jetzt auch SPD-Fraktionsvize Borghorst für niedrige Fehlbelegungsabgabe [Nach ersten Auszugswellen soll Fehlbelegungsabgabe gesenkt werden] Bericht / Berl. Ztg.

120

Alltag in der Gropiusstadt

26.08.1997 27.08.1997 27.08.1997 23.09.1997 06.11.1997 18.11.1997 05.12.1997 16.12.1997

••• •••

•• •• •• ••• ••

10.01.1998 27.01.1998 08.02.1998 25.03.1998 07.05.1998 08.05.1998 04.05.1998 06.05.1998 10.05.1998 25.05.1998 06.06.1998

••• • •• • •• •• • • • • •

Senat kürzt 1998 die Fehlbelegungsabgabe. – 21 Siedlungen in neun Bezirken betroffen / Entscheidung der Koalition stößt überwiegend auf Zustimmung [Fehlbelegungsabgabe soll halbiert werden / Sozialbindung soll teilweise aufgehoben werden] Bericht / Berl. Ztg. Bausenator gegen Verslumung – Fehlbelegungsabgabe und Einkommensbegrenzung sollen in 21 untersuchten Sozialwohnungssiedlungen sinken oder ganz wegfallen. Mieterverein skeptisch [s.o.] Bericht S. 18 Berlin Aktuell 70 Zeilen / Uwe Rada / taz Nur herumgedoktert – Kommentar [kommentar zur Halbierung der Fehlbelegungsabgabe] Kommentar S. 17 Berlin Aktuell 30 Zeilen / Uwe Rada / taz Fehlbelegung von Sozialbauten: Entscheidung des Senats steht aus – Soziale Mischung in Siedlungen gefährdet [Noch immer kene Entscheidung zur senktung der Fehlbelegungsabg] Bericht / Gabi Zylla / MoPo Sozialwohnungen in elf Siedlungen werden ab April 1998 billiger – SPD und CDU einig: Fehlbelegungsabgabe soll wegfallen [Fehlbelegungsabgabe soll für die Gropiusstadt von zw. 1,25-6,50 DM halbiert werden] Bericht / Christine Richter / Berl. Ztg. Neuköllner Kreissynode zwischen Hoffen und Bangen – Weitreichende Sparzwänge durch Kirchenaustritte [Haus der Mitte schließt (bis auf den Jugendkeller)] Bericht / Gabi Zylla / Berl. Ztg. Die Flucht führt nicht ins Umland. – 40 000 Mieter zogen aus Großsiedlungen aus - meist wegen hoher Mieten und Fehlbelegungsabgabe [Gut 8 100 von 86 000 Bewohnern zogen aus den beiden zur Gropiusstadt zählenden Erhebungsgebieten./ Erhebung des StaLa] Bericht / Ulrich Paul / Berl. Ztg. Die soziale Stabilität des Fragilen – SPD-Fraktion plant „Konzept zur Zukunftssicherung der Großsiedlungen“: Neuregelung der Fehlbelegungsabgabe, Eigentumsförderprogramm, Senkung der Bindungsquote. Mieterverein sieht „Liquidierung des sozialen Wohnungsbaus“ [SPD berät neues Konzept zur ‘Sicherung der Großsiedlungen’] Bericht S. 23 Berlin 112 Zeilen / Rolf Lautenschläger / taz Großsiedlungen brauchen sozialen Halt – Neues Mietenkonzept - Kongreß spricht über Sicherheit und Lebensgefühl [Neues Förderungs- und Mietenkonzept für künftige Siedlungen / neue Wohnumfeldverbesserungen für 5 Mio DM in MV und Gropiusstadt] Kongreßbericht / Rainer Stache / MoPo Gehag-Verkauf: 823 Millionen Mark geboten – Bankhaus rät, den Zeitplan aufzugeben [Drei Angebote zum 50%igen Kauf der Gehag] Bericht / Ulrich Paul / Berl. Ztg. Fehlbelegung: Konsens nur für elf Problem-Gebiete – SPD fordert, Abgabe für alle Sozialwohnungen zu senken - Kompromiß mit CDU noch für Februar versprochen [Senkung der Fehlbelegungsabgabe für die Gropiusstadtum 50% diskuterit] Bericht / Gabi Zylla / MoPo Klemann-Vorstoß zur Fehlbelegung – Bausenator Jürgen Klemann (CDU) will die Fehlbelegungsabgabe für 60 000 Berliner Sozialwohnungen im Alleingang halbieren. Außerdem soll dort der Zuzug Besserverdienender erlaubt sein. / bre / MoPo Fehlbelegungsabgabe wird drastisch gesenkt – Große Koalition legt Streit über Mietenpolitik bei [Koalitionsvereinbarung zur Berlinweiten Senkung der Fehlbelegungsabgabe ab 1.1.99 / Zusätzliche Kinderfreibeträge / Seit Mai 98 keine Sozialbindung mehr in der Gropiusstadt] Bericht / Christine Richter / Berliner Kurier Normalverdiener werden in Sozialwohnungen begrüßt – CDU/SPD-Koalitionsspitze erarbeitete neue Richtlinien [Koalitionsvereinbarung zur Berlinweiten Senkung der Fehlbelegungsabgabe ab 1.1.99 / Zusätzliche Kinderfreibeträge / Seit Mai 98 keine Sozialbindung mehr in der Gropiusstadt] Bericht / Christian Bahr / MoPo Volksbegehren gegen SPD – CDU-Liepelt will Fehlbelegung kippen [Volksbegehren gegen Fehlbelegungsabgabe gefordert] Agenturmeldung / taz Diepgens Machtwort beendet Senatskrise – Kein Volksbegehren zur Fehlbelegung / MoPo Berliner Finanzsenatorin sperrt alle öffentlichen Mittel – Bau von Sozialwohnungen gestoppt [Finanzsenatorin stoppt infolge der Senkung der Fehlbelegungsabgabe sozialen Wohnungsbau zugunsten Nachbesserungen] / Joachim Riecker / 30 Jahre Bücherbus: Nun wird eine große Party gefeiert – Lokalbericht / Gabi Zylla / MoPo Das katastrophale Stadtmassaker – Häuser als unheimliche Erzieher: Wie man aus den Verfehlungen des modernen Wohnungsbaus für die Weiterentwicklung der Städte lernen kann [Kritik an den Sozialen WohnungsbauSiedlungen der Moderne] Essay / Dieter Hoffmann-Axthelm / Berliner Zeitung

Rezeptionsgeschichte 121

Das Bild in der Presse Während der Planungsphase der Gropiusstadt ist die Berichterstattung über das Vorhaben zunächst neutral bis unkritisch. Besonders die Fachpresse hält sich mit Wertungen zunächst auffällig zurück; noch der ‘Rundgang’ der Bauwelt 1968 durch BBR (Bauwelt Heft 16/1968, S.463ff) enthält sich jeglicher Kritik. Sogar noch der 1976 in der AIZ erschienene Beitrag Horst Beckers gibt sich zwar mit dem Titel ‘Wohnen in der Stadt?’ relativ kritisch, enthält aber neben Informationen über die Dimensionen des Projektes keine wirklich kritische Analyse, und kommt letztlich zu dem Schluß, es handle sich um ‘Wohnen in der Stadt’. Dabei war bereits auf der oben erwähnten Tagung im November 61 der ‘Prinzip-Plan’ Wils Eberts eben im Hinblick auf den fehlenden städtischen Charakter äußerst kritisch beurteilt worden, worüber die Bauwelt auch ausführlich berichtet hatte. Offenbar erwartete man sich von den nunmehr isoliert entstandenen Einzelentwürfen der ‘Auswahl der Besten’ der Berliner Architektenschaft ein gutes Resultat – so hatte ja beispielsweise die Senatsbauverwaltung zur Vermeidung von Uniformität besonders auf die Beauftragung verschiedener Architekten gedrungen.50 In der 1970 erschienenen Darstellung der Gropiusstadt in ‘Berlin und seine Bauten’ beurteilt Jan Rave (S.216) die Qualität der Entwürfe für die Teilgebiete im Südlichen Teil der Gropiusstadt trotz seiner Diagnose, daß die Gropiusstadt „Verfall und Entstellung des Konzeptes“ aufweise, durchaus positiv:
„In den Gebieten zweier anderer ... Wohnungsbaugesellschaften konnte durch die Einschaltung freier Architekten die drohende Uniformität verhindert werden. [...] Durch die Beteiligung freier Architekten am Planungsprozeß sollte an Stelle des Entwurfs durch die weisungsgebundene Planungsabteilung des Bauträ51 gers der schöpferische Dialog zwischen Bauherrn, Architekten und Senat treten, damit auf diese Weise wenigstens ein Minimum an Öffentlichkeit hergestellt wür52 de. Unter der Koordination von Hans Bandel entstand dadurch in BBR-Ost ein Wohnviertel, das sich von dem Siedlungsteil der Gehag erfreulich unterscheidet. Die Einzelabschnitte der Architekten Gutbrod, Kleihues und Moldenschardt, Bandel, Hinrichs, Ernst und Hönow verbanden sich zu einem dichten, durch die Beto122 Alltag in der Gropiusstadt

nung horizontaler und vertikaler Baumassen dynamisch wirkenden Komplex. Mit der Fußgängerstraße, dem Horst-Caspar-Steig, und ihrer dreigeschossigen Randbebauung von Kleihues und Moldenschardt wurde der Leitgedanke von Gropius wenigstens an einer Stelle verwirklicht. Mit dem Kammtyp derselben Architekten sowie mit der mehrfach wiederholten freien Bauform ‘Jorinde und Joringel’ entsagte man dem üblichen Zeilenschema, und durch die Verbindung von Appartementhaus (Hinrichs) und Geschäftszentrum mit Parkpalette (Bandel) wurden Ansätze zur baulichen Integration sichtbar.“

53

50

Im weiteren wird im Grunde über die architektonische Qualität der Einzelbauten zunächst nichts mehr geschrieben. Die ‘offizielle’ Darstellung der Planungsbeteiligten Hans Bandel und Dittmar Machule von 1974 spricht in der Kurzdarstellung die Probleme der Absprachen zwischen den zahlreichen Trägern der verschiedenen Planungskompetenzen an und verweist auch auf grundsätzliche Interessenkonflikte zwischen Gehag und Senatsverwaltung sowie Gropius und Ebert, bemüht sich dabei aber nicht um eine wirklich pointierte Herausarbeitung oder gar Kommentierung dieser Probleme. Die Rahmenbedingungen der Planung wurden hingegen bereits 1974 kritischer gesehen: Der Senatsverwaltung war aufgefallen, daß der Bau der Gropiusstadt das Grünflächendefizit Neuköllns nicht eben verkleinert hatte.54 Gerhard Fehl gibt 1978 in seinem oben bereits ausführlich zitierten Aufsatz in der Stadtbauwelt als erster Vertreter der Fachöffentlichkeit ein vernichtendes Urteil über den Ablauf des Planungsprozesses und seiner Resultate ab:
„Beim Hindurchgehen oder -fahren ist eine vielleicht vorhandene Gesamtkonzeption aus der Perspektive des Fußgängers an keiner Stelle mehr nachzuvollziehen; keinerlei Ordnungsprinzip baulich-räumlicher Art ist für Fußgänger und Autofahrer ablesbar; eine einprägsame, Orientierung verleihende, sinngebende Struktur ist nicht zu erkennen; ein städtisches Kontinuum von Bauten, Räumen und Funktionen fehlt; vielmehr ist Bau um Bau in einen undifferenzierten, alles von allem trennenden und somit bedeutungslosen ‘Grün-Raum’ hineingesetzt; jeder Bau zeigt, daß er für sich und nur für sich gestaltet ist, er ignoriert den Zu-

„Von Vertretern der Abt. IV, Baulenkung, wurde Herr Scheibe erinnert, daß es nicht der Vorstellung der Bauverwaltung entspricht, daß der gesamte Gehag-Teil (2/3), als Folge möglicherweise die gesamte Anlage, mit einheitlichen Grundrißtypen und in einförmiger Gestaltung als GehagStadt und nicht – wie beabsichtigt – als Gropius-Stadt entsteht.“ (25.4.61, Bandel/Machule S. 59), vgl. a. 13.6.61 (Bandel/Machule S.62) 51 Wer würde heute noch ein Genehmigungs- bzw. Bebauungsplanverfahren als ‘Schöpferischen Dialog’ bezeichnen? 52 Rave verwechselt offenbar den Berliner Architektenfilz mit Öffentlichkeit 53 Die Koordinatoren des Nachbesserungsverfahrens, Martin und Pächter, bezeichnen dies 1985 als „bloße Ansammlung von solitären Hochhäusern auf Feldern vor der Stadt – ein räumliches Gewitter am Stadthorizont“ (Stadtbauwelt 86, 1985, S. 156) 54 Bericht des Tagesspiegels vom 24.6.74

links: BBR Ost vom Hochhaus am Zwickauer Damm gesehen, 1997 Rezeptionsgeschichte 123

sammenhang mit anderen Bauten: Abstände, Zwischenräume bestimmen die Erscheinung. Die Flächen zwischen den Bauten scheinen in der Regel ungestaltet, d.h. ohne Bezug zum Bauwerk, das auf ihnen steht; sie nehmen bezugslos irgendwelche hingeworfenen Funktionen auf: Müllcontainer, Spielplätze, eine Sitzgruppe, Verkehrsflächen, Parkplätze u.a.. Trotz Trennung von Fuß- und Fahrverkehr fällt das private Auto an jeder Stelle dominierend ins Auge, sei es nur durch die beziehungslos zwischen die Wohnhäuser gestellten Parksilos; die Einrichtungen der sozialen Infrastruktur (Schulen, Kindertagesstätten, Altenheime) sind ohne erkennbaren Sinnzusammenhang in die Freiflächen hineingepflanzt, wirken als Fremdkörper und zugleich als unbedeutende Zwerge neben den Hochhausriesen. [...]“

Fehls eigene, mehr nach einfachen, ‘erfaßbaren’, Ordnungsprinzipien strebende Position dokumentiert sich dabei als eine bereits dem Gedankengut der Postmoderne zuzuordnende. Den Bildern der Gropiusstadt wird ein Projekt Leon Kriers gegenübergestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings die Großsiedlungen der 60er Jahre bereits seit längerem mit Negativschlagzeilen aufgefallen. Wenige Jahre nach ihrem Bezug waren die funktionalen Mängel, wie sie das Gutachten des DIFU von 1973-77 (Becker/Keim 1977) bereits deutlich offenbart (fehlende Infrastruktur, Massierung sozialer Problemfälle, zuwenig Freiräume für die Bewohner), ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten. Zwar stand in Berlin aufgrund der lauteren Proteste im ‘Arbeiterviertel’ Märkisches Viertel die Gropiusstadt immer etwas in dessen Schatten, ihr Ruf scheint aber nur wenig besser gewesen zu sein. Bedingt durch die Altersstruktur ihrer Bevölkerung häuften sich in den Neubaugebieten auch die teilweise zeittypischen Probleme Jugendlicher. Das 1978 erschienene Buch ‘Wir Kinder vom Bahnhof Zoo’ dokumentiert die Situation in der Gropiusstadt Mitte der siebziger Jahre und rüttelte die Öffentlichkeit auf das unsanfteste wach. Die Kritik an den fortschrittsgläubigen Ideologien und technokratischen Planungsvorstellungen der 60er Jahre holte die Prestigeprojekte dieser Zeit ein. Mitte der 80er Jahre beginnen sich die Meldungen über den pro124 Alltag in der Gropiusstadt

blematischen Mietanstieg infolge der Degression staatlicher Förderung zu häufen. Es wird eine erneute Subvention beschlossen, womit das Thema wieder für die Laufzeit der Maßnahme verschoben wird. Mit Beginn der Nachbesserungsmaßnahmen, deren Notwendigkeit unter Fachleuten und Baugesellschaften unumstritten ist, häufen sich in Milieustudien die Aussagen der ‘Betroffenen’, die den von oben aufgesetzten Nachbesserungsmaßnahmen skeptisch gegenüberstehen, weil sie als diejenigen Bewohner, die nicht weggezogen sind, sich inzwischen mit den Dingen abgefunden haben, Veränderungen eher fürchten und weil sie die Stigmatisierung leid sind. Zum Verständnis der Äußerungen dieses Teils der Bewohnerschaft, dessen Aussagen besonders in den neunziger Jahren wieder gerne dazu benutzt werden, die Kritik der Postmoderne zu revidieren, ist m.E. der unten zitierte Hinweis zur Entstehung von Bewohnerurteilen von K. Dieter Keim durchaus hilfreich. Nach den Wahlen zum Abgeordnetenhaus 1989, bei denen in einem Wahlbezirk der südöstlichen Gropiusstadt die Republikaner auf 21% der Stimmen kamen, häuften sich in der Presse die Berichte und Analysen über die rechtsradikale und ausländerfeindliche Grundstimmung von Teilen der Bevölkerung, die überwiegend mit der sozialen Struktur und den Abstiegsängsten des kleinbürgerlichen Milieus in Verbindung gebracht werden.55 Nach 1991 verschwinden zumindest die Meldungen über rechtsradikale Übergriffe. Ob dies eine Veränderung der Situation oder lediglich eine Verschiebung des medialen Interesses auf den Osten widerspiegelt, ist schwer auszumachen, bei den nächsten Wahlen legten die Republikaner jedoch an anderen Stellen Neuköllns zu. 1995 wird erneut der Mietanstieg zum Thema, eine Nachsubvention bis 1998 wird beschlossen. 1996 beschließt der Senat zunächst eine Erhöhung der Fehlbelegungsabgabe auf 7,- DM/qm, die aber wenig später wieder auf 6,50 zurückgenommen werden muß; die folgenden Auszugswellen Besserverdienender aus dem sozialen Wohnungsbau verstärken Ängste vor der Verslumung der Großsiedlungen. Seit 1996 tauchen periodisch Meldungen über Pläne verschiedener

55

vgl. hierzu das im Abschnitt ‘Wer ist der Gropiusstädter’ zitierte , von K. Dieter Keim verwendete ‘Lagenmodell’ (Becker/Keim 1977, S. 232f)

Rezeptionsgeschichte 125

Politischer Gruppen und Gremien auf, die Fehlbelegungsabgabe zu senken. Parallel dazu soll die Aufhebung der Sozialbindung den Einzug Besserverdienender ermöglichen, wobei der Anreiz, aus dem diese Besserverdienenden in die Siedlungen ziehen sollen, unklar bleibt. Die Gropiusstadt zählt bei der Senkung der Fehlbelegungsabgabe zu den ‘Prophylaxegebieten’ nachgeordneter Dringlichkeit, für die diese Maßnahme erst 1998 letztendlich beschlossen wird. Als Reaktion auf den Einnahmenausfall sperrt daraufhin die Finanzsenatorin prompt sämtliche Mittel für den Neubau von Sozialwohnungen.

Die Wahrnehmung von innen
Zur Aussagekraft von Bewohnerurteilen Zur Aussagekraft von erfragten Bewohnerurteilen schreibt K. Dieter Keim (1977, S.67):
Wo nach der ‘Zufriedenheit’ mit der Wohnung, mit der Nachbarschaft oder mit der Siedlung gefragt wird, lassen sich hinter Fragestellungen und Dateninterpretationen einige Theorieansätze aus der empirischen Sozialpsychologie vermuten: a) Wie Bewohner während einer ersten Phase des Einlebens sich äußern, kann zum einen unter Rekurs auf die Theorie der kognitiven Dissonanz erklärt werden. Erfährt jemand, der eine Entscheidung getroffen hat (hier: Zuzug in eine Neubauwohnung), anschließend die negativen Konsequenzen dieser Entscheidung bzw. die negativen Eigenschaften der gewählten Alternative, so entsteht gedanklich eine Diskrepanz zwischen erhofftem Ziel und erlebtem Ergebnis. Ist nun die getroffene Entscheidung schwer oder gar nicht rückgängig zu machen, wird der Betreffende durch selektive Informationsaufnahme verstärkt positive Eigenschaften seiner Alternative suchen bzw. weitere negative Eindrücke vermeiden. Das heißt: Er bestätigt sich seine Entscheidung nochmals und wird sich ‘zufrieden’ dazu äußern. Weitere Urteile gegenüber sozial-räumlichen Sachverhalten in der neuen Wohnumgebung können mit der Assimilations-Kontrast-Theorie erklärt werden. 126 Alltag in der Gropiusstadt

Urteile sind danach immer Ergebnisse von Vergleichen; dazu bedient sich die urteilende Person bestimmter Bezugsgrößen (Standards), die häufig auf die eigenen Erfahrungen zurückzuführen sind. So ließe sich annehmen, daß die neuen Erfahrungen die ursprüngliche Urteilsposition verändern, allerdings nur dann, wenn der Abstand zwischen dem eigenen Standard und demjenigen, der den neuen Erfahrungen entsprechen würde, nicht zu groß ist; zudem sind neue Urteilspositionen um so unwahrscheinlicher, je stärker die Person an dem Urteilsobjekt hängt. b) Generell sind dauerhafte Urteile mit den verschiedenen Theorieansätzen der Attitüden-Bildung zu erklären. So wird z. B. in der Kongruitäts-Theorie aufgrund experimenteller Erkenntnisse davon ausgegangen, daß Attitüden tendenziell in stark vereinfachter Form ausgebildet werden (Alles-oder-Nichts-Urteile, Pround-Contra-Urteile usw.). Wenn nun zu einem Objekt A ein klar positives Urteil abgegeben wird, zum Objekt B ein ebenso klar negatives, und wenn die betreffende Person erfährt, daß zwischen A und B eine Beziehung besteht, dann wird sie – dieser Theorie zufolge – die Bewertungen dieser beiden Objekte derart ändern, daß die beiden Attitüden miteinander übereinstimmen.

Becker und Keim (S. 72) zitieren außerdem eine Untersuchung über München-Fürstenried-West mit folgendem Ergebnis:
„Im Neubaugebiet hielten nur 67% der Befragten ihre Mitbewohner für zugänglich (gegenüber 83% im Altbauquartier). Dagegen gaben immerhin 35% an, bisweilen neue Menschen kennenzulernen (gegenüber 25% im Altbauviertel).“

Rezeptionsgeschichte 127

128

Diskussion des Planungsprozesses

Diskussion des Planungsprozesses, seiner Hintergründe und seiner Ergebnisse

Die städtebaulichen Leitbilder, räumliche und funktionale Aspekte Die städtebaulichen Leitbilder
Heidede Becker faßt 1977 (S.19) die städtebaulichen Leitbilder der Gropiusstadt-Planungen wie folgt zusammen:
Zwei Konzepte waren für die städtebaulichen Zielsetzungen des Wiederaufbaus entscheidend: die Gartenstadt und die Charta von Athen. Mit dem Aufgreifen des Gartenstadtgedankens wurde an die Städtebautradition der Jahrhundertwende angeknüpft, ohne daß die konzeptionellen Weiterentwicklungen der zwanziger und dreißiger Jahre ausreichend berücksichtigt worden sind. Zum ausschließlichen Leitbild wurde die gegliederte und aufgelockerte Stadt erklärt. Damit standen im Vordergrund der Planungen das Primat der Funktionstrennung und das der Durchgrünung, wobei das städtebauliche Grün sich weitgehend auf die Dekoration der notwendigen Abstandsflächen zwischen den Gebäuden beschränkte. Mitte der sechziger Jahre, nachdem viele der geplanten Großsiedlungen am Stadtrand bereits teilweise realisiert waren und erste Kritik an den eintönigen, ausschließlich auf Wohnen ausgerichteten Gebieten aufkam, wurde (im Zusammenhang mit bodenpolitischen Maßnahmen) das Leitbild ‘Urbanität’ in die Städtebau-Debatten einbezogen. (Bereits 1960 hatte Edgar Salin den Begriff ‘Urbanität’ in seinem Einführungsvortrag zur 11. Hauptversammlung des Deutschen 56 Städtetages zum Motto gemacht. ) Es entstanden langsam neue Vorstellungen von einer verdichteten und verflochtenen Stadtstruktur.

links: Titelillustration aus: Johannes GÖDERITZ, Roland RAINER, Hubert HOFFMANN: Die gegliederte und aufgelockerte Stadt, Tübingen 1957.

56

Erneuerung unserer Städte, Stuttgart und Köln 1960, S. 9-34 (Neue Schriften des Deutschen Städtetages, Heft 6)

Städtebauliche Leitbilder 129

Als wesentliche, der Planung zugrunde liegende Aspekte zählt Becker (1977, S.108-111) auf: • das Prinzip der Funktionstrennung, • das Konzept der gegliederten und aufgelockerten Stadt, • das Wohnhochhaus als Bauform verdichteten Städtebaus. Bei der Untersuchung dieser Leitbilder kommt Heidede Becker (1977, S. 124) zu dem Schluß:
„Die der Planung zugrundegelegten städtebaulichen Leitbilder können im nachhinein nicht als modische Zeiterscheinungen erklärt werden. Zum Prinzip der Funktionstrennung gab es bereits Kritik und Gegenkonzepte (Verflochtene Stadtstruktur); die Vorteile des Baus von Hochhäusern zur Flächenersparnis wurden ebenfalls problematisiert.“ Das 32-geschossige Ideal-Hochhaus von Gropius’ Büro ‘The Architects Collaborative’ und Alexander Civjanovic

130

Diskussion des Planungsprozesses

57

Hintergrund: Wohnungsbaupolitik

Die Situation der Wohnungsversorgung in Berlin (West) zum Zeitraum, in dem die Gropiusstadt geplant und realisiert wurde, kann zusammenfassend wie folgt beschrieben werden:
Gegenüber den späten fünfziger Jahren, in denen ein genereller Wohnungsmangel zu verzeichnen ist, also eine eher quantitative Wohnungsnot besteht, tritt in den späten sechziger Jahren eine Verschiebung auf zu einer qualitativ begründeten Wohnungsnot. Nach Zahlenwerten (Wohnungen zu Haushalten) ist zwar 57 eine vermeintliche Bedarfsdeckung erreicht ; aber das ‘Angebot’ entspricht hin58 sichtlich der Miethöhen und der Wohnungsgrößen nicht der ‘Nachfrage’ . Diese Tendenz hat sich in den letzten Jahren noch verschärft. [...] Mit dem 13. August 1961, der Befestigung der Grenze zwischen Berlin (West) und der DDR wurden die Baulandbeschränkung und das fehlende Umland endgültig bestätigt. Für die Bundesregierung und den Berliner Senat entstand der Zwang, die Standortnachteile durch eine künstliche Attraktivität aufzufangen. Das Ausbleiben der Arbeitskräfte aus der DDR sollte durch das Anwerben von Arbeitskräften aus der Bundesrepublik ausgeglichen werden. „Als Antwort auf die politischen Vorgänge wurde die Bauwirtschaft angekurbelt und das Bautempo drastisch erhöht, um u. a. die Konjunktur der übrigen Berliner Wirtschaft zu stimulie59 ren.“ In diesem Zusammenhang wurde Anfang der sechziger Jahre mit dem 60 Bau der drei großen Berliner Neubaugebiete begonnen; sie waren gewissermaßen „Produkt einer seit der Wiederaufbauzeit stark entwickelten Bauindustrie, 61 für die billiges Bauland nur in den Vororten zu beschaffen war“ ; 1963 begannen mit dem ersten Stadterneuerungsprogramm Sanierungsvorhaben in 6 innerstädtischen Bezirken mit etwa 56 000 als sanierungsbedürftig erklärten Wohnun62 gen . Durch den damit verbundenen Althausabriß - nach der sogenannten „Frei63 machung“ - entstand eine neue Gruppe von Wohnungssuchenden. 1964 erfolgten so nachträgliche Verdichtungen bereits im Bau befindlicher Vorhaben, so 64 z.B. bei der Gropiusstadt-Planung . Zu den Maßnahmen der expansiven Baupoli-

Dieses Verhältnis als Indikator für »Bedarfsdeckung« wird auch bei der Umwandlung in ‘weiße Kreise’ zugrunde gelegt - vgl. Becker/Keim 1977, S. 93 f. 58 Vgl. Brede/Kohaupt/Kujath: „Die Mietpreise haben eine Höhe erreicht, die, zur Zahlungsfähigkeit der Mieter ins Verhältnis gesetzt, dazu zwingt, die Situation auf dem Wohnungsmarkt als Wohnungsnot weiter Teile der Bevölkerung zu bezeichnen“ (S. 11). Der Marktmechanismus ist blind für soziale Erfordernisse.“ Hans K Schneider, Das Abbaugesetz: Ziele, Maßnahmen, Prämissen, in: Der Abbau der Wohnungszwangswirtschaft, Köln-Braunsfeld 1964, S. 10 ff., zitiert nach ebenda, S. 50. 59 Dittmar Machule, Mehrfamilienhäuser 1945-1972, in: Berlin und seine Bauten, Teil IV: Wohnungsbau, Band B: Die Wohngebäude - Mehrfamilienhäuser, Berlin, 1974, S. 79 60 Vgl. Becker/Keim 1977, Kapitel 1, S. 33 ff 61 Jan Rave, Die Wohngebiete- 1945-1967, in: Berlin und seine Bauten Teil IV: Wohnungsbau, Band A: Die Voraussetzungen. Die Entwicklung der Wohngebiete, hrsg. vom Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin, Berlin, München und Düsseldorf l970, S. 218. 62 Von diesen Sanierungsvorhaben wurden 140 000 Einwohner und 7600 Arbeitsstätten mit insgesamt 58000 Beschäftigten mittelbar oder unmittelbar betroffen. Vgl. Hans-Joachim Knipp, Stadterneuerung in Berlin, in: Bau-Handbuch, Berlin 1970 S. 20 Vgl. dazu auch Schneevoigt, S. 22, der diese Maßnahmen bereits 1960 in Aussicht stellte: „Die Notwendigkeit der Vollbeschäftigung der Bauwirtschaft gerade in Berlin aus arbeitsmarktpolitischen Gründen wird auch im Bund von allen maßgebenden Stellen anerkannt.... Wir dürfen hoffen, daß bei Absinken der Wohnungsbauprogramme großzügige Sanierungsmaßnahmen Verwirklichung finden.“ 63 Knipp, Hans-Joachim: Stadterneuerung in Berlin, in: BauHandbuch, Berlin 1970, S. 21. 64 Dazu Bausenator Schwedler vor dem Berliner Abgeordnetenhaus 1964 (zitiert bei Machule, Mehrfamilienhäuser, S. 79, mit Anmerkungen des Verfassers): „Nach dem 13.August 1961 haben wir, Senat und Abgeordnetenhaus, die Gewichte anders gesetzt, so daß für das 62er Programm 19000 (vorher 17000, Anm. d. Verf.) Wohnungen finanziert worden sind, für das 63er Programm 19 000 (vorher 15 000, Anm. d. Verf.) Wohnungen.... Für 1964 werden wir ein Programm von 20000 Wohnungen vorsehen, da wir noch immer Grenzgängerfamilien und Familien der westdeutschen Facharbeiter unterbringen müssen. Der laufende Bedarf ist nach wie vor sehr groß. Dazu kommt die Aufgabe der zusätzlichen Wohnungsversorgung für die Menschen, 131 die in den Sanierungsgebieten ihre Wohnungen aufgeben müssen.“

tik ist weiterhin die Verwendung von Fertigbau- und Halbfertigbauweisen, die 65 auch bei der Erstellung von Wohnungen in der Gropiusstadt eingesetzt wurden , zu rechnen. „Die erfolgreiche Entwicklung der Bauwirtschaft wurde nicht zuletzt durch eine ständig fortschreitende Rationalisierung ermöglicht (verbesserte Ausstattung mit Baumaschinen, Förderung des Fertigteilbaus). Mit etwa 75 000 Beschäftigten 66 spielt die Bauwirtschaft eine bedeutende Rolle im Berliner Wirtschaftsleben.“ (aus: Becker 1977, S.99)

65

Vgl. Bandel/Machule, S. 72 und S. 97 sowie Gerhard Achterberg u. a., Berlin-Buckow-Rudow (Gropiusstadt). Bauabschnitt VI A, in: Montagebauverfahren mit großformatigen schweren Betonfertigteilen, Untersuchungen im Auftrage des Bundesministers für Städtebau und Wohnungswesen, Bonn - Bad Godesberg 1972, S. 11-74 (Informationen aus der Praxis - für die Praxis, Nr. 34). 66 Berliner Baubilanz 2, hrsg. vom Senator für Bau- und Wohnungswesen, 2. Aufl. Berlin 1971 (1970), S. 7.

Wohnhochhausgruppe am Anna-Nemitz-Weg, Gehag-Planungsabteilung 1967-71, nach einem städtebaulichen Gutachten von Peter Pfankuch und Dieter Enke

132

Diskussion des Planungsprozesses

Das Wohnhochhaus als Bauform verdichteten Städtebaus
Bestrebungen, die wenigen zusammenhängenden Baulandreserveflächen in 67 Berlin (West) ‘aufzuzonen’ , das heißt relativ dicht zu bebauen, entsprachen dem Konzept der aufgelockerten Bebauung nur zum Teil. In diesem Zusammenhang wurden Überlegungen zum Wohnhochhaus aktuell. Walter Gropius, der das Wohnhochhaus schon in den dreißiger Jahren propagiert hatte, vertrat diese Bauform vor allem als Möglichkeit zur Entwicklung neuer Wohn- und Lebensformen im Gegensatz zum damals geforderten Einfamilienh68 ausbau mit Garten. Nach dem Kriege sagte man dem Wohnhochhaus wenig Zukunft voraus: „Nur an einzelnen markanten Punkten kann der Bau eines Hochhauses gebilligt 69 werden.“ Diese Skepsis -schlägt später - wegen der (angeblichen) Flächenersparnis - in vorsichtige Befürwortung um. 1957 heißt es in einer Broschüre des Senators für Bau und Wohnungswesen: „Je mehr ein Haus in die Höhe gebaut wird, desto größer ist der Anteil des Grundstücks, der frei bleiben

67 68

127 Bandel/Machule, S. 14. 128 „Die Vergesellschaftung der städtischen Familie schreitet eben fort. Ihr entspricht die Kollektivform des Großhauses und des Großhaushaltes mit gemeinsamen Zentralanlagen. .. Und nur das Großhaus kann dem einzelnen Bewohner einen großen Teil der mühseligsten und zeitraubendsten Hausarbeiten abnehmen durch zentrale Bewirtschaftungsanla-

gen.“ Vgl. Walter Gropius, Architektur. Wege zu einer optischen Kultur, Frankfurt/M. und Hamburg 1956 (New York 1955), S. 95 und S. 103. 69 129 Mast, S. 8, vgl. auch Fürlinger, S. 179.

Das Wohnhochhaus 133

muß. Man gewinnt also Raum für Grünflächen. Natürlich würde aber niemand deswegen auf den Gedanken kommen, ein ganzes Viertel nur mit Hochhäusern zu bebauen, um mehr Grünflächen schaffen zu können. Aber einzelne Hochhäuser mit dem sie umgebenden freien Raum beleben die Stadtlandschaft und verhindern, daß eine moderne Siedlung bei größerer Ausdehnung ein eintöniges Bild 70 bietet.“ Tatsächlich ist allerdings schon 1957 nachgewiesen worden, daß die gewonnene Freifläche nach ihrer Größe nur Bedeutung bis zum 5. Geschoß hat. Bei 71 höherer Bebauung spielt der Flächengewinn praktisch keine Rolle mehr. Insgesamt zeigt die damalige Planungsdiskussion, daß sich die „Gegliederte und aufgelockerte Stadt“ als Leitbild durchgesetzt hat, aber überschattet wird von Überlegungen, die noch vorhandenen Freiflächen verdichteter zu bebauen. Das Prinzip der Funktionstrennung ist umstritten; der angebliche Vorteil (Flächenersparnis) von Wohnhochhäusern wurde widerlegt. [Becker, 1977, S.108-111]

70 71

130 Auf halbem Weg..., S. 25. 131 Vgl. Johannes Göderitz, Roland Rainer und Hubert Hoffmann, Die gegliederte und aufgelockerte Stadt, Tübingen 1957 S. 42 f.; Jörg Aellig u. a., Problem Hochhaus, Niederteufen 1974, S. 24 f., sowie Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Bd.III,Sp.3150f.

134

Das Dogma der Einheitlichkeit
Das Ziel der Gehag Die Initiative zur Planung einer der Großsiedlung begann ab März 1958, ausgehend von Dr. Peters, dem Direktor der Gemeinnützige Heimstätten AG (Gehag), einem 1924 gegründeten, gewerkschaftseigenen Wohnungsbauunternehmen, das in den Jahren nach 1925 bereits mit Bruno Taut die nördlich des Planungsgebietes gelegene Hufeisensiedlung erbaut hatte. Peters ist es auch, der im Dezember 1958 die Idee aufbringt, Walter Gropius mit der Planung zu beauftragen. (Bandel/Machule S.14) Im Aufforderungsschreiben an Prof. Gropius (10.3.59, Bandel/Machule S. 16) heißt es: „Da es sich um einen der letzten großen zusammenhängenden Geländeabschnitte handelt, streben wir entsprechend der Tradition der Gehag an, noch einmal unseren Willen zu beweisen, neben der Schaffung von Wohnungen auch gelungene städtebauliche Lösungen zu bringen.“ Anfänglich ging die Gehag davon aus, das Projekt als alleinige Baugesellschaft in Abschnitten verwirklichen zu können: „... auf der anderen Seite legen wir angesichts der Absicht, uns dann auch ganz auf diese Sache zu konzentrieren, großen Wert darauf, daß auch wirklich diese Siedlung nur als Gehag- und Gropius-Siedlung entsteht.“ (Brief Peters an Senatsbaudirektor Stephan v. 12.12.58, Bandel/Machule S. 16) In einem Interview des Tagesspiegels vom 6. 3.1960 (Bandel/Machule S.29) mit Peters heißt es u.a. „Eines scheint Dr. Peters [...] besonders wichtig: [...] die offensichtlichen Fehler des neuentstandenen Stadtviertels Charlottenburg-Nord, eines Konglomerates nach dem Plan verschiedener Architekten, nicht zu wiederholen72. Die künftige ‚Gropius-Town‘ in Berlin soll eine ‚Handschrift‘ tragen.“ Die Absichten der Gehag zielen also nicht nur auf die Existenz einer Gesamtplanung, sondern auch auf eine formale Einheitlichkeit der einzelnen Bauten, wie sie in den nördlich anschließenden GehagSiedlungen besteht. Die Auseinandersetzung darüber, welches Maß und welche Art von ’Einheitlichkeit’ gemeint und angestrebt ist, wird während des

72

Gerhard Fehl (1978 S. 1518) verwechselt an dieser Stelle Charlottenburg-Nord mit dem Hansaviertel

links: Lageplan der Siedlung CharlottenburgNord, Architekt Hans Scharoun Das Dogma der Einheitlichkeit 135

gesamten Planungsprozesses nie offen thematisiert. Für die Gehag, bzw. ihre Planungsabteilung unter Leitung des Architekten Scheibe, bedeutet Einheitlichkeit die Reduktion auf wenige Gebäudetypen, die, in einheitlicher Weise organisiert, die Trägerschaft eines großen, leistungsfähigen Bauträgers signalisieren. Ebenso strebt die Gehag mit dem Vorhaben eines ‘Wohnbandes’ selbstverständlich nicht nur die Demonstration einer städtebaulichen, sondern auch einer gestalterischen Kontinuität von Britz bis Rudow an. Der Städtebau wird dabei, in Anlehnung an die politischen Ziele der Genossenschaftsbewegung, zum Symbol des Einheitswillens und der Kraft des Gewerkschaft/Genossenschaft und ihrer Mitglieder. Für Heidede Becker (1977, S.107) stellt auch die Beauftragung von Walter Gropius einen Versuch dar, personell an die Wohnungsreform-Bewegung der zwanziger Jahre anzuknüpfen. Die Kreisform als Referenz an das Taut’sche Hufeisen und Symbol des Zusammenschlusses und der Einheit wird daher nicht von ungefähr verwendet. Hinter diesen ideologischen Begründungszusammenhängen stehen aber auch handfeste wirtschaftliche Interessen eines Bauträgers, der seine Expansion über einen längeren Zeitraum hin absichern will. „Um zwar einen aufgelockerten, aber gewissen einheitlichen Charakter zu wahren, will sich die Gehag bemühen, das Projekt – was die reine Wohnbebauung betrifft – wenn möglich selbst, kontinuierlich aufeinander abgestimmt, zu verwirklichen.“ (TSP vom 6.3.60, Bandel/Machule S.29) Die Interessen der Senatsverwaltung und der Berliner Architektenschaft Diese Vorstellungen stehen von Anfang an im Widerspruch zu der Zielsetzung der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, die – der zunehmenden allgemeinen Kritik an den bereits als eintönig empfundenen Siedlungen der 50er Jahre folgend – beabsichtigt, weitere Berliner Baugesellschaften und Architekten hinzuzuziehen, bzw. mit Projekten und Aufträgen zu versorgen.

136

Diskussion des Planungsprozesses

„Zur Beauftragung von Herrn Prof. Gropius gibt Herr Fürlinger zu bedenken, daß es möglicherweise von den freischaffenden Berliner Architekten nicht verstanden wird, eine so große Bauaufgabe nach auswärts zu vergeben.“ (Bandel/Machule S.16, Gespräch zw. Abt.II SenBauWohn 24.2.59) „Herr Senator Schwedler weist darauf hin, daß das nur noch gering vorhandene Vorratsgelände Berlins für Organe der staatlichen Wohnungspolitik vorbehalten werden muß.“ (S. 23, Vermerk der Abt. II SenBauWohn vom 21.9.59) Mit dieser Entscheidung ist bereits die alleinige Bebauung durch die Gehag, die ja kein staatliches Unternehmen ist, ausgeschlossen. „Es [entspricht] nicht der Vorstellung der Bauverwaltung [...], daß der gesamte Gehag-Teil (2/3), als Folge möglicherweise die gesamte Anlage, mit einheitlichen Grundrißtypen und in einförmiger Gestaltung als Gehag-Stadt und nicht – wie beabsichtigt – als Gropius-Stadt entsteht.“ (25.4.61, Bandel/Machule S.59)

Gropius’ „Einheit in der Vielfalt“ Gropius’ Position zum Thema ‘Einheitlichkeit’ wiederum spiegeln sich in seinen Äußerungen zum Problem der Gesamtkoordination. „Das Wesentliche ist, gute Grundlinien zu ziehen, die so gefaßt werden, daß sie nicht eine Zwangsjacke für den Architekten werden, aber eine gewisse Einheit durch das Ganze erhalten bleibt.“ (Gropius, Januar 61, Bandel/Machule S. 49) Wie sich Gropius das vorstellt, ist einem Blatt der ersten TAC-Planung, auf dem einige Räumliche Grundelemente definiert werden, zu entnehmen (Bandel/Machule S.40):
„Einer gemeinsamen Auffassung der Behandlung des Raumes Entgegen: Wenn der Charakter und das Leben dieser [im Folgenden beschriebenen] Räume definiert werden kann, können sie ein vereinheitlichendes Thema-Element darstellen. Da die Gebäude von verschiedenen Architekten entworfen werden, und deren Errichtung über eine Periode von mehreren Jahren verteilt wird, müßten einige Entwurfs-Ideen gefunden werden, um die Elemente der Gemeinschaft, unabhängig von der Architektur, untereinander zu verbinden.“

Das Dogma der Einheitlichkeit 137

Weiterhin definiert der 1.TAC-Plan drei grundlegende formale Raumbildungen zu Grundelementen des Entwurfs, nämlich Kreis, Rechteck und lineare Struktur. Nach Gropius’ Überzeugung sollte also eine gemeinsame Grundidee, von allen Beteiligten gleichermaßen verfolgt, die Grundlage einer gestalterischen Einheit, die ohne gestalterische Zwänge zustande kommt, sein. Gropius geht in seiner Aufsatzsammlung ‘Apollo in der Demokratie’ von 1967 mehrfach ausführlich auf die Probleme der Zusammenarbeit gestaltender Individuen ein. Gerhard Fehl führt hieraus einige griffige Schlagworte an: „eine große Gesamtvorstellung ... die klar und unzweideutig zutage träte“ (Gropius, 1967, 41); „eine ‘Totalarchitektur’, die die Gesamtentwicklung im Auge hat“ (Gropius, 1967, 40); „Einheit in der Vielfalt“ (Gropius, 1967, 39) „Harmonie ohne Monotonie, Ordnung ohne Reglementierung“ (Gropius, 1967, 19); kurz: „ein organisches Gerüst, in dem das Leben sich in Schönheit entfalten kann“. (Gropius, 1967, 16) Weiter heißt es bei Gerhard Fehl:
„An anderer Stelle prägte Walter Gropius das Wort vom ‘schöpferischen Koordinator’: ‘Keine klare organische Stadtform kann entstehen ohne den ständigen Einfluß eines schöpferischen Dirigenten, der fortlaufend verantwortlich die Durchführung einer umfassenden Gestaltungsidee überwacht. Der Gestaltungsidee gehört das Primat; ihr muß alles Organisatorische und Spezialisierte untergeordnet werden’ (Walter Gropius, 1964, 81). Aber genau dieses ‘Primat’ wurde der ‘Gestaltungsidee’ von seiten der Baubehörde und der GEHAG nicht eingeräumt; hinfällig war damit auch Walter Gropius’ Anspruch auf die Rolle eines ‘schöpferischen Koordinators’, von dem er selbst wußte, daß er unbequem sein mußte: ‘... Sicherlich ist der schöpferische Koordinator seinem Wesen nach unbequem, denn Idee und Verwaltung kommen bei der Durchführung leicht in Konflikt’ (Walter Gropius, 1946, Bandel/Machule S. 81). D.h., er hätte die vielfältigen und z.T. widersprüchlichen Einzelinteressen unter den Hut seiner ‘Gestaltungsidee’ zu bringen versucht; hätte auf dem denkbar höchsten gemeinsamen Nenner, alle Beteiligten auf Zugeständnisse an gestalterische Fragen hin koordiniert, wo es Baubehörde und GEHAG in erster Linie um Quantitäten und die harten materiellen Fragen des Massenwohnungsbaues ging. 138 Diskussion des Planungsprozesses

Für Baubehörde und GEHAG bestand also das Problem darin, wie man die widersprüchlichen Einzelinteressen auf dem denkbar niedrigsten gemeinsamen Nenner koordinieren, wie man mit möglichst wenig gegenseitigen Zugeständnissen und unter dem Druck der Zeit mit möglichst wenig Konflikten zu einem gemeinsamen Handlungsrahmen finden könne, der es gestattete, in Teilbereichen mit dem Bau zu beginnen, ohne daß alle Fragen, die das Gesamtgebiet betreffen, schon völlig geklärt sind. Wesentliche Anforderung an einen solchen Koordinationsmechanismus war, daß er über den Lauf der Gesamtentwicklung hin flexibel gehandhabt werden könnte. Ein weiteres Problem bestand darin, wie man sich Luft verschafft gegenüber jenem anspruchsvollen Korsett das den Trägern der Großsiedlung in Gestalt des auf städtebaulich-gestalterische Einheit abzielenden ‘Gesamtsiedlungsplanes’ ins Haus stand. Das letztere Problem löste man, indem man Gropius Schritt für Schritt isolierte.“ (Gerhard Fehl, 1978, S.1519)

Ich erlaube mir, hierzu Heidede Becker (1977, S. 124) zu zitieren:
„Städtebauliche Leitbilder erweisen sich bei genauerer Betrachtung als unverbindliche Ziele mit ideologischem Gehalt. Ihre konkrete Bedeutung (z. B. Nachbarschaft, aufgelockerte Bebauung) erlangen sie erst im Stadium der Maßnahmenplanung.“

Sinn, Unsinn und Machbarkeit der Einheitlichkeit Offenbar war eine Einheitlichkeit der Siedlung im Sinne einer Gesamtvorstellung also gar nicht gewünscht, da der dazu erforderliche Koordinationsstil den Interessen der Bauträger und Architekten widersprach. Gerhard Fehl (1987, S. 1522) verwendet zur Erklärung einen Theorieansatz Henri Lefèbvres, der zwischen dem ‘kapitalistischen’, gestalterisch durch Einzelinteressen bestimmten, und dem ‘perspektivischen’, einer gestalterischen Gesamtvorstellung unterworfenen Raum unterscheidet. Die scheinbare Ignoranz Gropius gegenüber diesen materiellen Ursachen des schleichenden Widerstandes, die seine Planungen letztlich scheitern ließen, bezeichnet Fehl als „völlige Fehleinschätzung der Lage“ (Fehl, 1978, S. 1521) Auffällig wenig diskutiert wird in diesem Zusammenhang meines
Das Dogma der Einheitlichkeit 139

Erachtens nach die Tatsache, daß im Laufe der Planungen das Thema ‘Einheitlichkeit’ für diejenigen, die den Planungsprozeß koordinieren wollen, mehr und mehr zum Hauptaspekt wird, der andere Anliegen der ursprünglichen Planungen in den Hintergrund drängt und schließlich ebenso untergehen läßt, wie die Einheitlichkeit des Ganzen – allerdings ohne Debatte. Insbesondere Gropius selbst beschränkt seine Kritik im Laufe der Planungen zunehmend darauf, die Beteiligten zu stärkerer Koordination zu mahnen, damit die ‘Einheitlichkeit nicht verloren gehe’.73 Dagegen hält sich Gropius trotz der ihm als Planverfasser immerhin zugestandenen Autorität (wenngleich ohne wirkliche Entscheidungskompetenz) mit Kritik an den tatsächlich vorgeschlagenen Konzepten und Bauten auffällig zurück. So beziehen sich die von ihm vorgebrachten gestalterischen Kritikpunkte immer nur darauf, daß ein Vorschlag nicht mit der Nachbarbebauung harmoniert, sich nicht an dem durch den Grünzug vorgegebenen Bezugssystem der Hauptrichtungen orientiert,74 oder zu dominant ist. Alle Kritikpunkte dieser Art legitimieren sich letztlich über das Ziel der Einheitlichkeit, nicht aber über andere gestalterische Kriterien – die Gropius anzulegen sicher ebenso in der Lage gewesen wäre. Selbst in der Rückschau der späten 70er, der 80er und 90er Jahre konzentriert sich die Debatte um den Untergang der ursprünglichen Planungen hauptsächlich auf die verloren gegangene Einheitlichkeit, weniger auf die eigentlichen Qualitäten der ursprünglich geplanten oder der letztendlich gebauten Räume. Wesentlich ist dabei insbesondere die Frage, ob ‘Einheitlichkeit’, für sich allein genommen, einen Wert darstellt. Gropius’ Idee von der „großen Gesamtvorstellung“ verweist auf den Hintergrund einer sozialen oder politischen Übereinstimmung eines Gemeinwesens, die sich in einer Einheitlichkeit des architektonischen Ausdruckes artikuliert. Diese Vorstellung, die insbesondere mit der Hufeisensiedlung assoziiert wird, war aber dem Baugeschehen der 60er Jahre ganz offensichtlich längst nicht mehr angemessen – und wäre es einem heutigen Baugeschehen noch viel weniger. Das heutige Bild der Gropiusstadt – eines fragmentierten, in Cluster verschiedener Größe und
140 Diskussion des Planungsprozesses

73

Darüber hinaus widmet er seine Aufmerksamkeit lediglich dem technischen Standard der Gebäude, der in seinen Augen zu stark erhöhten Dichte, sowie der Stellungen einiger Hochhäuser. 74 vgl. beispielsweise den Briefwechsel v. 15.4.64 mit Prof. Ernst anläßlich der Bauten der Hilfswerksiedlung (Bandel/Machule S.102)

Machart aufgebrochenen Gebietes, das sich aber dennoch (!) von seiner Nachbarschaft absetzt, korrespondiert viel eher mit den Bedingungen ihrer Entstehung. Inwieweit es auch ‘heimatbildend’ ist, ist wohl eher eine der Spekulation überlassene Frage, denn es läßt sich schwerlich zwischen den Auswirkungen der räumlichen und denen der sozialen Konstellation bzw. des sozialen Stigmas unterscheiden.

Funktionstrennung versus Urbanität
Die 1933 verfaßten Leitsätze der Charta von Athen sind in der Planungspraxis unterschiedlich interpretiert und eingesetzt worden. Während nach 1945 die in der Charta formulierten Daseinsgrundfunktionen Wohnen, Arbeiten, Erholung und Verkehr als Elemente zur Gliederung der Stadt bei strikter Zuordnung der einzelnen Stadtbereiche angesehen wurden, setzte sich Anfang der fünfziger Jah75 re eine eher puristische Vorstellung durch, die die einzelnen Stadtgebiete isoliert betrachtet und ihnen eine Funktion zuschreibt. In letzter Konsequenz lieferte sie für die bodenpreisbedingten Entwicklungen (Dienstleistungseinrichtungen, Luxuswohnungen und andere profitable Nutzungen in den Innenstädten drängen weniger profitable Nutzungen wie den Sozialen Wohnungsbau an die Peripherie) das Alibi, mit städtebaulichen Zielsetzungen im Einklang zu stehen. Auch für das Siedlungsgebiet BBR wurde eine reine Wohnbebauung vorgesehen. (Becker 1977, S. 108)

Die Funktionstrennung ist eines der in der Debatte um die Einheitlichkeit an den Rand gedrängten Themen. So enthält etwa die Dokumentation des Planungsprozesses keine Hinweise darauf, daß das in den TAC-Planungen enthaltene Konzept der Fußgängerstraßen („Laden-Fußweg“) außerhalb der oben erwähnten Tagung im November 1961 (Bauwelt 1/62, S.7ff) jemals seinem formalen und funktionalen Gehalt nach debattiert worden wäre. Es existiert lediglich ein Hinweis auf Kritik der Senatsverwaltung an der Funktionsmischung, die das Konzept der „Laden-Fußwege“ im 1. TAC-Plan im Grunde beinhaltete: „Die in den Wohnbereichen vorgesehenen Läden sollten nicht zu sehr gestreut werden. Empfohlen wird eine Lage, wo sich Fußgänger-

75

„Es wird Jahrzehnte dauern, bis die als Wohngebiete ausgewiesenen Flächen wirklich reine Wohngebiete geworden sind, denn noch gibt es keine gesetzliche Möglichkeit, genehmigte Gewerbebetriebe zum Verlassen ihres Standortes gegen ihren Willen zu zwingen.“ Rolf Schwedler, Der Wiederaufbau in West-Berlin, in: Die unzerstörbare Stadt. Die raumpolitische Bedeutung Berlins, hrsg. vom Institut für Raumforschung Bonn, Köln und Berlin 1953, S. 182. Funktionstrennung versus Urbanität 141

weg und Fahrstraße begegnen. Bei der Zahl der Läden wird eine Beschränkung empfohlen, um die Zentren nicht zu entwerten.“ (Bandel/Machule S.44) Dennoch greift nur eines der annähernd 50 beauftragten Architektenteams,76 nämlich Kleihues/Moldenschardt, dieses Konzept letztlich in Teilen77 auf. Größere Flächen für Gewerbe oder Verwaltung wurden ebenfalls bereits von den Vorüberlegungen der Senatsverwaltung ausgeschlossen: „Hervorzuheben ist, daß strukturell eine eingestreute Arbeitsfläche in das Wohnband Neukölln-Rudow keine glückliche Lösung darstellt und nur unter besonderen Voraussetzungen vertretbar erscheint.“78 Die Vorteile einer solchen Wohnbebauung sollten u.a. in der Ruhe und Ungestörtheit liegen. So wird im Tagesspiegel vom 16.1.1962 eine Äußerung des Gehag-Direktors Dr. Peters zitiert: „Die aufgelockerte Bauweise mit ihren großen Grünflächen zwinge beim Einkaufen notwendigerweise zu Unbequemlichkeiten und längeren Wegen. Die neue Siedlung soll das Musterbeispiel einer - wie es die Fachleute nennen - ,Schlafstadt’ werden. Ein ganz ruhiges Wohngebiet, in dem kein Platz ist für Gewerbetreibende irgendwelcher Art. Ein Laden bringt, wie Dr. Peters feststellte, für die Anwohner immer ein gewisses Maß an Belästigung mit sich.“79 Dementsprechend wurde in der Gropiusstadt zu Beginn der Planungen nur etwa 6% der schließlich gebauten, und nur 4% der heute vorhandenen Einzelhandelsflächen vorgesehen.80 Obwohl schon 1962 an der Einseitigkeit solcher Stadtgebiete Kritik geübt und dieser ‘Vorstellung sozusagen chemisch reiner Nutzungsarten’ das Konzept der ‘verflochtenen Stadtstruktur’ entgegengestellt wurde,81 ist die Gropiusstadt als reine Wohnsiedlung verwirklicht worden. Gewisse Probleme der Funktionsballung an wenigen Punkten in der Schlafstadt waren den Planenden dabei durchaus bewußt, wie ein Vermerk der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen vom 20.7.60 zeigt: „Trotz verstärkter Motorisierung wird der überwiegende Teil der Bewohner das öffentliche Verkehrsmittel für den
142 Diskussion des Planungsprozesses

76

Quelle: Architektenliste in Bandel/Machule 1974, S. 139/140 77 in Form der von dreigeschossigen, stark gegliederten Zeilen und Häusern gefaßten Fußgängerstraße Horst-CasparSteig, die allerdings eine reine Wohnstraße ist, und im übrigen eine Art von Enklave in der umliegenden Bebauung darstellt, da sie als mehr oder minder beziehungsloses Fragment einer anderen Welt wirkt. 78 Vermerk Abt. II des Senators für Bau- und Wohnungswesen (Mai 1959), vgl. Bandel/Machule, S. 18. Ursprünglich war vom Bezirk Neukölln beabsichtigt, ein Zweigwerk des Volkswagenwerkes anzusiedeln, um Arbeitsplätze für die Neuköllner Bevölkerung zu schaffen. Nachdem diese Pläne gescheitert waren, wurden jedoch weitere Versuche anderer Betriebe, sich dort anzusiedeln, abgeblockt. 79 Bericht von einer Verbraucherausschußsitzung, Der Tagesspiegel vom 16.1.1962: Beginn des Zitates: „Für die Gemeinnützige Heimstätten AG (Gehag) beteiligte sich Direktor Dr. Peters an der Diskussion mit dem Verbraucherausschuß. Aber in seinen Plänen ist für Konzessionen wenig Platz. ...“ Zit. nach Becker/Keim 1977, S. 109 80 Nach Bandel/Machule S.162f. haben die Ladenzentren 1974 folgende Bruttogeschoßflächen: Zwickauer Damm: 2.000qm; Wutzkyallee: 8.400qm; Lipschitzplatz: 4.500qm; Johannisthaler Chaussee: 27.000qm. Gesamtnutzfläche in der Gropiusstadt: 52.000qm, davon 44.000qm in den vier Zentren. Mit der Vergrößerung der Gropiuspassagen an der Johannisthaler Chaussee auf 46.000qm liegt die Gesamtfläche demnach bei 63.000qm. Das Bezirksamt Neukölln hatte ursprünglich 2500qm Ladenfläche vorgesehen (Bandel/Machule S. 28), d. h. 4% des heutigen, bzw. 6% des 1974 vorhandenen Angebotes. 81 Moest, Zur Neufassung, S. 36.

Arbeitsweg benutzen. Wichtige Einkäufe werden dabei auf dem Weg zwischen U-Bahn und Wohnung erledigt82. Der Weg mit dem Gepäck des soeben getätigten Einkaufs sollte so kurz wie möglich sein. ...“ (Bandel/Machule S. 42) Diese Überlegungen resultieren aber nur in weitergehenden technokratischen Vorschlägen – die zitierte Textstelle dient lediglich als Begründung der Forderung nach der Verdichtung entlang der U-Bahn, um die kürzest möglichen Fußwege zu erzielen. Weitergehende Überlegungen dazu, was ein Zentrum eigentlich außer dem Ort des Einkaufens ist, werden von der Verwaltung selbstverständlich nicht angestellt. Die Radikalität der Funktionstrennung muß wiederum vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Vorteile betrachtet werden, die sie den Beteiligten brachte. Senatsverwaltungen und Wohnungsbaugesellschaften waren im Rahmen ihrer ehrgeizigen Wohnungsbauprogramme daran interessiert, möglichst viele Wohnungen in möglichst kurzer Zeit und mit dem geringsten Mitteleinsatz zu verwirklichen.83 Einige der gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften waren satzungsgemäß gar nicht dazu angelegt, mehr als der unmittelbaren Versorgung dienende Gewerbeeinrichtungen zu projektieren. Darüber hinaus war der Gewerbebau nicht, wie der soziale Wohnungsbau, subventioniert und hätte im Einzelfall womöglich sogar höhere Kosten durch eine individuell anzupassende Planung erfordert. Insbesondere die teilweise angewandte Großtafelbauweise erschwert die Unterbringung anderer als Wohn- und Lagernutzungen in den unteren Geschossen erheblich. An diesen Schwierigkeiten scheiterten auch die mehrfachen Bemühungen verschiedener Planungsbeteiligter, ein Studentenwohnheim (z.B. am mittleren Zentrum oder im Bereich der Gehag) zu verwirklichen. Zuletzt wurden sogar die ursprünglich für gewerbliche Zwecke vorgesehenen Flächen zwischen Lipschitz- und Wutzkyalle an der Rudower Straße für zusätzliche Schulbauten (Clay-Oberschule) benötigt.84

82

Faktisch, so zeigen die Untersuchungen des DIFU (Becker/Keim 1977, S. 164-210 und S. 236-262), werden die Einkäufe bereits auf dem Nachhauseweg in die Gropiusstadt erledigt. 83 Auch Gerhard Fehl, 1978, S.1514, weist darauf hin, daß die Kritik an der Gropiusstadt sich erweitern müsse auf Kritik „an den harten materiellen Interessen, die diesen Leitbildern unterlegt waren: nämlich das Interesse von Wohnungsbaugesellschaften und Baubehörde, möglichst schnell möglichst viel Sozialen Wohnungsbau in möglichst hoher Verdichtung hinzustellen, ohne sich dabei über das Allernotwendigste hinaus noch weiter um die sozialen und kulturellen Belange der künftigen Bewohner zu kümmern.“ 84 vgl. Bandel/Machule S. 120

Funktionstrennung versus Urbanität 143

Folgen der Funktionstrennung sind u.a.: • Sämtliche Aktivitäten außerhalb der eigenen Wohnung außer Einkaufen und Spazierengehen müssen außerhalb der Gropiusstadt erledigt werden. Dies verursacht Zeit- Verkehrs- und Kostenaufwand und fegt die Binnenräume der Gropiusstadt von allen Leuten leer, die gerade ein anderes Ziel verfolgen. • Bewohnergruppen, die aufgrund fehlender Mobilität an die Gropiusstadt gebunden sind, kommen mit der Arbeitswelt nicht in Kontakt, z.B. Kinder, Hausfrauen und Ältere. • Da alle Räume funktionsdeterminiert sind, ergeben sich kaum unvorhergesehene Ereignisse im öffentlichen Raum Als besonderes Problem der nicht vorhandenen Durchmischung mit anderen als Wohnnutzungen zeigt sich im Nachhinein, daß gerade die Wohngebäude sowohl baukonstruktiv als auch nach den Bedingungen ihrer Nutzung (Mieterschutz, Zweckentfremdung...) am wenigsten flexibel gegenüber veränderten Gebrauchsansprüchen sind, und daß somit der einmal zugunsten des Wohnens festgelegte Nutzungsmix besonders unabänderlich erscheint.

rechts: Nachbarschafts-Schema von Hans Bernhard Reichow, 1947 144 Diskussion des Planungsprozesses

Kompositonsprinzipien
Nachbarschaften Den Gedanken der Nachbarschaft haben in der Planung der Gropiusstadt die unterschiedlichen Planungsbeteiligten mit verschiedenen Bedeutungen verwendet. Das Konzept der Nachbarschaft bezeichnet ursprünglich ein Konzept der sozialen Gliederung von Siedlungen, das im Rahmen der Forderung nach einer ‘wesenhaften Gestaltung’ (vgl. Hugo Häring) zum wesentlichen Gliederungs- und damit Gestaltungsprinzip der ‘gegliederten und aufgelockerten Stadt’ erhoben wurde. Wesentliche Vertreter eines solchen Nachbarschaftsgedankens sind Hans Bernhard Reichow, aber auch Hans Scharoun.
Für den Wohnungsbau [in Berlin] galt weiterhin der ‘Grundsatz der Auflocke85 rung und Durchgrünung’. Auch die räumliche Gliederung in Nachbarschaften wurde beibehalten. Gropius und TAC erläutern in ihrem ersten Planvorschlag für BBR: „Im Bestreben, einen bestimmten Nachbarschaftscharakter zu sichern, sind mehrere Formen von Gebäude-Gruppierungen entwickelt und in verschiedenen 86 Kombinationen angewendet worden.“ Hierin enthalten ist noch der Versuch, durch räumliche Angebote soziale Kontakte zu unterstützen. Nach einigen Planüberarbeitungen wird dieser Ansatz auf einen „sogenannten Nachbarschaftsplan“ reduziert, in dem ‘Nachbarschaften’ nur noch stehen für (rechnerische) Einheiten von 10000 bis 12000 Einwohnern mit ei87 ner Grundschule als Mittelpunkt. (Becker 1977, S. 109)

85

In Schneevoigt, S. 19- 1957 formuliert Bausenator Schwedler als Aufgabe: Es "wird eine Gliederung und Auflockerung des Stadtgebietes und eine Verbesserung der Wohnbedinungen angestrebt. Schulen, Kindertagesstätten, Sportplätze und ähnliche Einrichtungen werden an geeigneten Stellen in diesen Grünzügen untergebracht; an die Stelle des ,repräsentativen Grün’ muß das ,soziale Grün’ im Zusammenhang mit den aufgelockerten Wohngebieten treten“. Schwedler, Berlin, S. 8. 86 Als „charakteristische Außenräume“ werden vorgeschlagen: Der große Hof - für den öffentlichen Gebrauch, der kleine Hof - als kleines Freiluftzentrum, der Eingangshof ein gesellschaftlicher Platz mit Sitzmöglichkeiten; Bandel/Machule, S.37 87 Wils Ebert auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Berlin im November 1961, vgl. Demokratisches Wohnen?, S. 7.

Der letztere Nachbarschaftsbegriff, nämlich der des Grundschul-Einzugsgebietes, wird von den Planungsbehörden eingeführt. Beide Begriffe sind nicht zur Deckung zu bringen, da die Grundschuleinzugsbereiche bereits sehr große Einheiten sind und außerdem jeweils zur Hälfte außerhalb des Planungsgebietes (im Bestand also) liegen, was eine räumliche Gestaltung der Nachbarschaft ausschließt.

Kompositionsprinzipien 145

146

Diskussion des Planungsprozesses

In der architektonischen Praxis der Gropiusstadt entwickelt sich ein weiterer Nachbarschaftsbegriff: Die kleinste einheitlich zu planende Einheit wird als ‘Nachbarschaft’ bezeichnet. Dies meint, daß Gebäude bewußt um einen Mittelpunkt gruppiert werden. Da aber hinter dieser räumlichen Ordnung keine soziale Gemeinschaft steht, bleibt diese Nachbarschaft letztlich ein rein formales Kompositionsprinzip. Dabei wiederum lassen sich unterschiedliche Arten von Gebäudegruppierungen erkennen, zwischen denen es selbstverständlich Mischtypen gibt: • Cluster: Mehrere gleichartige Gebäude sind ahierarchisch, seriell oder nach einem ihrer inneren Struktur folgenden Prinzip, zu einem Cluster gruppiert. Beispiel: Einfamilienhäuser, L-förmige Bauten (Pfankuch/Enke) im südwestlichen Teilabschnitt. gleiche oder unterschiedliche, meist zeilenförmige Bauten gruppieren sich um einen zentralen Raum, der dadurch teilweise räumlich gefaßt wird. Beispiel: ‘Jorinde, Joringel und Lindwurm’ (Dreiergruppe im südöstlichen Bereich) Teile der Zeilenbauten. Gleiche Gebäudetypen schließen sich aufgrund ihrer gestalterischen Gleichartigkeit und Ausrichtung zu einer Gruppe zusammen, ohne daß sie in einer bestimmten Beziehung zueinander stehen. Beispiel: Teile der Zeilenbauten.

links: Nachbarschaften in der Gropiusstadt

•

Hofbildung:

•

Häufung

Fraktale Ordnung Die Gropiusstadt läßt sich gestalterisch teilweise in Kriterien gewachsener Strukturen denn als geplantes Objekt beschreiben; sie enthält Gestaltungselemente beider generativer Konzepte. Die Planung der verschiedenen Teilgebiete verlief nach ähnlichen Bedingungen, aber großenteils unabhängig voneinander. Jedes Teilgebiet wurde wiederum in kleinere Einheiten aufgesplittet, die wiederum in sich gegliedert sind usw. Dieses generative Prinzip entspricht einer Baum- oder Fraktalstrukur. Dabei wurden häufig auch Hierarchien geschaffen, in dem ein Gebäude, ein zentraler Freiraum, oder eine Gebäudegruppe für eine andere Gruppe (gestalterisch!) zentrale Bedeutung einnimmt. Oberste Hierarchiestufe ist dabei der Grünzug; nachgeordnet folgen die Zentren, um die sich jeweils etwa 6 Teilgebiete gruppieren, die wiederum in aus mehreren verschiedenen Gebäudegruppen à 3 bis 30 Häusern bestehen.

Kompositionsprinzipien 147

Sichtbezüge
Beschreibt man die Gropiusstadt als Resultat einer Gesamtplanung, so ist ein wesentliches Kompositionsprinzip das der geplanten Sichtbeziehungen. Als Grundidee dieses Konzeptes könnte man die Erlebbarkeit des Raumes bezeichnen. Dabei wird räumliche Tiefe und Dimension durch hintereinander gestaffelte Baukörper dramatisiert; weite Ausblicke ermöglichen die Orientierung. In der Idealvorstellung ergibt sich von jedem Standpunkt aus ein sorgsam komponiertes Bild verschiedener Tiefenschichtungen. Dies setzt eine bewußte Planung zumindest der wesentlichen Blickwinkel voraus. Eine besondere Rolle spielen dabei die vertikalen Akzente in Form der Hochhäuser, die zum einen sehr weit sichtbar sind, zum anderen als Orientierungspunkte für besonders wichtige Orte dienen.

148

Diskussion des Planungsprozesses

Aus diesem Grund erscheint eine Analyse der Sichtbeziehungen interessant. Dazu wurde in einem dreidimensionalen Computermodell jeweils eine Lichtquelle auf der Spitze jedes Hochhauses gesetzt. Die entstehenden unverschatteten Bereiche markieren Flächen, von denen aus Blickkontakt zu mindestens einem Hochhaus besteht. Dabei zeigt sich erwartungsgemäß, daß insbesondere vom Grünzug aus stets mehrere Orientierungspunkte sichtbar sind. Eine zweite Analyse mit der gleichen Methode zeigt die aus der Fußgängerperspektive erlebten Räume und Raumkanten. Erneut wird der zentrale Grünzug deutlich erkennbar.

Kompositionsprinzipien 149

150

Diskussion des Planungsprozesses

Vielfalt des Außenraumes Ein positives Ergebnis der Zersplitterung der Planung in der Gropiusstadt ist die Schaffung sehr vieler, unterschiedlicher Raumqualitäten. Der Plan stellt einen Versuch der Kartierung dieser Raumqualitäten dar. Ein Außenraum ist um so dunkler dargestellt, je klarer er gefaßt ist. Erlebbarkeit Wesentliches Kriterium dafür, ob die Anwendung eines Kompositionsprinzips im Städtebau überhaupt Sinn ergibt, ist, daß es von den Bewohnern erlebt werden kann. Dies setzt neben einer gewissen Deutlichkeit seiner Artikulation und einer verständlichen Raumidee bei den den fließenden Raum thematisierenden Konzepten die Möglichkeit voraus, die Komposition in der Bewegung zu erfahren. Daher sind Durchwegungen und freie Zugänglichkeit der größten Teile der Siedlung notwendige Voraussetzungen für den Sinn eines Gestaltungskonzeptes.

Wege- und Fußwegenetz der Gropiusstadt: Die Außenerschließung durch die Verkehrsstraßen trennt die Siedlung vom Umland, die fußläufige Innenerschließung sichert aber die Erlebbarkeit der Gropiusstadt.

Kompositionsprinzipien 151

152

Diskussion des Planungsprozesses

Räumliche und funktionale Verflechtung
Ein Nachteil der vom ersten zum zweiten TAC-Plan abgeänderten Straßenführung war, wie auch z.B. Jan Rave (1970, S. 214) bemerkt, daß die beiden Tangentialstraßen die Gropiusstadt von den umliegenden Einfamilienhausgebieten abschneiden. Angesichts der bekannten, stark trennenden Wirkung befahrener Straßenzüge ist somit wenig verwunderlich, wenn zwischen den umliegenden Gebieten und der Gropiusstadt wenig Beziehungen bestehen, zumal die Gropiusstadt auch funktional als Überzentrum für den Raum Britz-BuckowRudow ausfällt,88 was zumindest von Gropius ursprünglich nicht geplant war.89 Auch die die Gropiusstadt südwestlich begrenzende Eisenbahnlinie hat eine trennende Wirkung. Hinzu kommt, daß die im 2. TAC-Plan auf die Forderung der Senatsverwaltung hin aus dem Grünzug ausgegliederten Sportflächen den Schulgrundstücken angegliedert wurden. „Sportanlagen in diesem Grün [schließen] die Durchwegung praktisch aus, da bei uns die Sportanlagen an Vereine verpachtet, durch Zäune umschlossen, die freie Begehbarkeit blockieren“ hatte bereits die Senatsverwaltung festgestellt. Diese Barrieren bilden also nunmehr die durch die Sportanlagen vergrößerten Schulflächen, die, um auch die umliegende Bebauung zu versorgen, an der Peripherie der Gropiusstadt angeordnet sind – und damit gleichzeitig die Siedlung von ihrem Umland trennen. Ein Versuch, diese berlin-typische Einzäunung der Gemeinbedarfsflächen einzuschränken, oder sie zumindest besser zu durchwegen, ist nie gemacht worden, obwohl das gestalterische Konzept der Siedlung, immerhin vor dem gedanklichen Hintergrund des fließenden Raumes entstanden, es im Grunde erfordert hätte. Hinzu gesellten sich weitere Barrieren, wie z.B. relativ sinnlose Einzäunungen und Einfriedungen einzelner Gebäude etc., die die Durchwegung und damit Erlebbarkeit der Siedlung beschränken.
„Großformen erweisen sich in der alltäglichen Nutzung dann als planerische Konstrukte, wenn ihre Raumidee nicht durchschaubar und erlebbar ist.“ (Autzen/Becker, 1987, S.38)

88

vgl. Apel S. 174: „Ebenso fällt die Gropiusstadt als zentraler Ort hinsichtlich des Arbeitsstättenangebotes für den Bereich Britz/Buckow/Rudow aus. Im übrigen Britz, Buckow und Rudow waren 1970 absolut und relativ mehr Arbeitsplätze vorhanden als in der Gropiusstadt.“ 89 Ziele des 1. TAC-Planes u.a.: „Eine ausgeglichene Gemeinde, welche die mannigfaltigen Elemente des herkömmlichen Stadtlebens, so wie Schulen, Parkanlagen, Wohnstätten, Erholungsflächen und Geschäfte, in sich verbindet. Günstige Eingliederung der Gemeinde in ihre Umgebung.“ (Bandel/Machule S. 36) links: Flächennutzung in der Umgebung der Gropiusstadt Betrachtet man die Umgebung der Gropiusstadt nach ihrer Nutzung, so stellt sie sich als ein Patchwork unterschiedlicher Flächen dar. Legende:
Einfamilienhäuser Kleinhaussiedlung Siedlung (flach) Siedlung (Hochhäuser) Gemeinbedarf (geringe Dichte) Gemeinbedarf (höhere Dichte) Mischnutzung (histor. Ortskerne) Zentren Industrie Gärtnerei / Baumschule Kleingärten Friedhof Park

Räumliche und funktionale Verflechtung 153

Das Problem der Straße in der Stadtlandschaft
Eines der Hauptprobleme funktionalistischen Städtebaus ist die mangelhafte Integration der Straße in die Siedlung. Dies ist in ihrer Funktionsdetermination als Träger des motorisierten Verkehrs begründet. Als solcher hat die Straße im Grunde innerhalb der Siedlung nichts zu suchen; wo sie doch auftritt, ist sie ein notwendiges Übel, zerschneidet Wohnbereiche und zerstört die Aufenthaltsqualität der angrenzenden Freiräume. Die Optimierung der Transportfunktion der Straße erzwingt scheinbar die Loslösung von allen weiteren Funktionen: Begegnungs- Lern- und Handelsort, öffentlicher Raum und Lebensmittelpunkt der Gemeinschaft ihrer Anwohner. So ist die Straße im funktionalistischen Städtebau eine anbaufreie Verkehrsschneise, die im besten Fall in 100m Abstandsgrün eingebettet ist. Eine Kritik der 80er Jahre an den Siedlungen der 60er Jahre ist, daß „das Prinzip der Identität von Raumbildung und Erschließung zugunsten einer rigiden Funktionstrennung aufgegeben“ wurde (Martin/Pächter/Wurtinger 1985, S. 952). Davon abgesehen, daß die funktionalistische Moderne das Problem der Integration der Erschließung keinesfalls befriedigend gelöst hat, stellt sich die Frage, ob nicht angesichts der Verkehrsströme, die periphere Wohnlagen erzeugen, jeder Versuch, Verkehr und Korridorstraße miteinander zu verbinden, auf eine genauso unwirtliche Umgebung hinausläuft. Dennoch stellt sich in der Gropiusstadt das Problem der Urbanisierung von Räumen, die durch Straßenverkehr geprägt sind, wie z.B. die der Randstraßen (Fritz-Erler-Allee, Zwickauer Damm, Rudower Straße) und der das Gebiet durchquerenden Straßen (Johannisthaler Chaussee, Wutzky- und Lipschitzallee). Ein vielversprechender Ansatz hierzu ist die Besetzung der Straßenränder mit Nutzungen, die den Kontakt zur Straße und zur Öffentlichkeit suchen und brauchen, anstatt solcher, für die die Straße lediglich ein unangenehmer, Lärm emittierender Nachbar ist, von dem sie sich abschotten.

154

Diskussion des Planungsprozesses

Methodische Aspekte Planung versus Wachstum oder induktives versus deduktives Verfahren
Gerhard Fehl (1978, S.1520f) stellt in seiner ‘Legende vom Stadtbaukünstler’ zwei grundsätzliche methodische Ansätze von Planung dar. • Das deduktive Verfahren versucht mit Hilfe der Planung, ein vorher festgesetztes Ergebnis zu erreichen. • Das induktive Verfahren, bei dem am Anfang keine Vorstellung vom Endergebnis besteht, sondern sich das Endergebnis erst im Prozeß des Werdens herausschält aus den widersprüchlichen Einzelhandlungen – Baumaßnahmen – der vielen, die mit der Realisierung ihrer partikulären Projekte befaßt sind.
Die Vorstellung von der ‘Stadt als Gesamtkunstwerk’ ist eng gebunden an das Klischee vom Verfahren, wie herkömmlicherweise ein Kunstwerk – sei es ein einzelnes Objekt, ein Gebäude oder eine Stadt – zustande zu bringen sei: an das ‘deduktive Planungsverfahren’ (Grauhan, 1972, 194), das von allgemeinen Vorstellungen, Ideen des zukünftigen Kunstwerks oder auch von abstrakten Zielvorstellungen ableitend – d. h. deduzierend – schrittweise zur Konkretisierung vordringt; dabei muß gelten, daß der jeweils vorhergehende Schritt zur Fixierung von Prinzipien führt – d. h. zu ‘Entscheidungen’ – , die für alle folgenden Schritte verbindlich und nicht reversibel sind. So wird beim Städtebau von einer anfänglichen „großen Gesamtvorstellung“ ausgehend eine erste Konkretisierung im großmaßstäblichen Lageplan – z. B. dem 1. TAC-Plan – gesehen; dieser Lageplan ist dann verbindliches Prinzip für die weitere Konkretisierung in den Teilbebauungsplänen, die ihrerseits konkretisiert werden durch Pläne für einzelne Gebäude und so fort bis zu den letzten Details eines auszuführenden Baues. Allein durch diese fortlaufende Deduktion ist sichergestellt, daß stets das konkrete Einzelteil sich einfügt in den Gesamtzusammenhang, integraler Bestandteil eben eines Kunstwerks wird. Ein Verfahren, das vom individuellen ‘Meister’ gehandhabt werden mag und uns bedeutende Schöpfungen der Baukunst beschert hat; das unter den Bedingungen arbeitsteiliger Planbearbeitung schon den problematischen ‘GesamtkoorMethodische Aspekte: Planung versus Wachstum 155

dinator’, jenen schöpferischen und zugleich unbequemen ‘Hüter der Idee’ (Gropius 1961, 81) erfordert; das schließlich aber unter den Bedingungen harter Interessenkonflikte und partikularistischer Realisierung überfordert ist: aber genau diese Situation ist es, die wir in der Gropiusstadt vorfinden: Baubehörde, Wohnungsbaugesellschaften in zunehmender Anzahl, Architekten Träger öffentlicher Belange – sie alle wollen ein Wort mitreden und ihren Teil vom Kuchen abbekommen. In einer solchen Situation erweist sich das ‘deduktive Planungsverfahren’ u. a. deshalb als so hinderlich, weil eine Diskussion unter den Beteiligten eigentlich nur am Beginn des Planungsprozesses möglich ist, dann, wenn die Grundprinzipien festgelegt und die „große Gesamtidee“ geboren wird; genau an dieser Stelle ist aber die Unkenntnis über den ‘Teufel im Detail’ noch am allergrößten. Diese Situation spiegelt sich in jener ‘trügerischen Konfliktlosigkeit’ (Grauhan, 1972, 195), die wir bis zur Abgabe des 1. und in gewisser Weise auch des 2. TAC-Planes beobachten konnten und die ..im Verlauf der deduktiv unausweichlich voranschreitenden Konkretisierung damit unsanft auf die Riffe der ‘harten Anforderungen (Grauhan, 1972, 195) aller jener führte, die durch den vorgelegten Plan in ihren Interessen negativ berührt wurden; der 2. TAC-Plan konnte angesichts bevorstehender Interessenkonflikte nur als Ganzes abgelehnt werden: Zeit für einen, die Interessenkonflikte berücksichtigenden weiteren Gesamtplan schien nicht vorhanden, und beim Beharren des ‘Meisters’ auf ‘seinen Prinzipien’ war eine höhere Interessenberücksichtigung auch nicht zu erwarten. Wo der ‘Meister’ am Werk ist und die Grundprinzipien aus seiner Weltsicht festlegt, dort wird der Anzweifler, der Partizipierer, als Störenfried betrachtet und ihm können stets die auf den vorhergehenden Stufen festgelegten und als irreversibel angesehenen Grundprinzipien als Sachzwänge entgegengehalten werden. Folglich wurde in der Gropiusstadt ab der ‘ersten Phase der Zersplitterung das ‘deduktive’ durch das ‘induktive’ Planungsverfahren ersetzt; ein Planungsverfahren, das kongenial ist mit der ‘Produktion des kapitalistischen Raumes’, beinhaltet es doch, daß am Anfang keine Vorstellung vom Endergebnis besteht, sondern daß sich das Endergebnis erst im Prozeß des Werdens herausschält aus den widersprüchlichen Einzelhandlungen – Baumaßnahmen – der vielen, die mit der Realisierung ihrer partikulären Projekte befaßt sind. Das Endergebnis kann mit den traditionellen Kriterien der Stadtbaukunst nicht gemessen werden; d. h. aber nicht. daß dabei nicht auch ein Kunstwerk nach anderen Kriterien herauskommen kann – eben nur kein a priori ge156 Diskussion des Planungsprozesses

wolltes. Daß in der Gropiusstadt keines herausgekommen ist, wird kaum bezweifelt werden. Zur Vermeidung von Chaos ist Planung auch hier erforderlich nämlich die Erstellung jenes ‘gemeinsamen Handlungsrahmens’, auf den sich alle einigen können und der die Funktionalität des neuen Stadtteils sicherstellt; abhängig vom Grad des Konsens kann dieser gemeinsame Handlungsrahmen umfassender oder sparsamer sein; entscheidend ist, daß auch er ‘induktiv’ erstellt wird – d. h. aus der Berücksichtigung jener vielen Einzelinteressen heraus, die alle auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden können. Auf seiner Grundlage realisieren dann ebenfalls ‘induktiv’ die einzelnen Interessenträger ihre Projekte. Weil es keine am Anfang geborene ‘Gesamtvorstellung’ gibt, kann der in Aushandlungen zustande gekommene, ‘gemeinsame Handlungsrahmen’ auch flexibel über den Ablauf des Projektes hin gehandhabt werden, können Interessenänderungen oder neue Anforderungen berücksichtigt werden. Unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen bietet das ‘induktive Planungsverfahren’ eine höhere Chance zur Mitwirkung und Interessenberücksichtigung – wenn auch diese Chance nicht überwältigend ist. Entscheidend ist, wer es sich anzueignen versteht, wer seine Macht ins Spiel bringen kann. Bei der Gropiusstadt ist zu kritisieren, daß es alleine die Bauverwaltung, die Architekten und die Wohnungsbaugesellschaften waren, die ihr Spiel gespielt haben.

Methodische Aspekte: Planung versus Wachstum 157

Reduktion der Gesamtplanung auf technokratische Gesichtspunkte
Heidede Becker (1977, S. 124) kommt bei ihrer Analyse des Planungsprozesses u.a. zu dem folgenden Schluß:
„Im Planungsablauf überwiegen Diskussionen um städtebaulich/technische 90 (Verkehrserschließung, Fernheizung, Entwässerung) [...] Fragen.“
90

Von fast allen Planungsbeteiligten wird die Diskussion um die Qualitäten der gemachten Vorschläge stets auf einer sehr technokratischen Ebene geführt. Dies ist selbstverständlich eine zeittypisches Phänomen der 60er Jahre, in der sich Planer aller Disziplinen stets als aufgeklärte Technokraten begriffen, die sich jedem Anschein der Willkür oder Voreingenommenheit durch eine Art der ‘Versachlichung’ ihres Abwägungsprozesses zu entziehen versuchten, die letztlich alles, was nicht durch Sachzwänge oder andere harte Fakten belegt war, aus der Diskussion drängte. So klingt es nach heutigen Maßstäben geradezu rührend, wie ausgerechnet Gropius sich wieder und wieder gezwungen sieht, mit ‘psychologischen Erkenntnissen’ zu begründen, warum nicht alle Gebäude ausschließlich nord-süd- oder ost-west-ausgerichtet sein sollten. Äußerungen wie die von Heinz Schudnagies, der solches als „städtebaulichen Formalismus schlimmster Ausprägung“91 geißelte, machen jedoch deutlich, welch geringe Bedeutung formal-gestalterische Aspekte gegenüber angeblich funktionalen hatten. Die Art und Weise, in der die Kompetenzen der Planung auf viele verschiedene Beteiligte und Fachplanungsbehörden aufgesplittet waren, die zum großen Teil ihrerseits nur für technische Teilaspekte zuständig waren, und auch nur auf dieser Ebene diskutieren konnten und wollten, trug dazu bei, meß- oder bezifferbare Kriterien in den Vordergrund zu stellen, wie beispielsweise die Länge des Fußweges vom Auto oder der U-Bahn-Station zur Haustür92, die Anzahl der in einem Ensemble möglichen x-Zimmerwohnungen mit Südlage93, die Höhe der Treppenhäuser ohne Lift, und schließlich natürlich sämtliche Wirtschaftlichkeitsaspekte.

vollständiges Zitat: „...und baukünstlerische (Zuordnung der Gebäudekörper, Gestaltung der Übergänge zwischen Baubereichen verschiedener Architekten) Fragen“. Die hier als ‘baukünstlerisch’ aufgezählten Fragen sind allerdings solche, die ausschließlich mit dem oben diskutierten Komplex ‘Einheitlichkeit’ zusammenhängen. 91 während der Tagung „Demokratisches Wohnen“ der evangelischen Akademie im November 61 (Bauwelt 1/62, S.10) 92 Vermerk der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen vom 20.7.60: „Trotz verstärkter Motorisierung wird der überwiegende Teil der Bewohner das öffentliche Verkehrsmittel für den Arbeitsweg benutzen. Wichtige Einkäufe werden dabei auf dem Weg zwischen U-Bahn und Wohnung erledigt. Der Weg mit dem Gepäck des soeben getätigten Einkaufs sollte so kurz wie möglich sein. ...“ (Bandel/Machule S. 42) 93 vgl. Wils Eberts Erläuterungen zu seinen ‘Anpassungen’ des 2. TAC-Planes, Bandel/Machule S. 63: „Da die 8geschossigen Häuser vorwiegend kleine Wohnungen enthalten, die bei Südlage keine Nordschlafzimmer haben sollten, und bei Ost/Westlage (vorwiegend), um wirtschaftliche Grundrisse zu erhalten, als 4-Spänner geplant sind, dürften sie deshalb ebenfalls keine unbesonnte Nord- oder Halbnord-Seite haben.“

158

Diskussion des Planungsprozesses

Nicht zuletzt Gropius selbst stellt Ausstattungsfragen (und ein weiteres Mal die Einheitlichkeit!) stark in den Vordergrund, indem er in einer Erklärung gegenüber der BZ vom 19.7.67 (Bandel/Machule S.116) anführt:
„Als Aktivposten der BBR-Siedlung in ihrem heutigen Zustand erkenne ich die folgenden an: • Reichliche Begrünung berücksichtigt den Fußgänger • Fortfall aller Schornsteine verbannt Rauchbelästigung (Zentralheizwerk). • Fortfall viergeschossiger Baublöcke erlaubt bequemeren Aufstieg. • Nicht zu große, begrünte Höfe zwischen den Hausblöcken bieten Intimität für die Bewohner. • Durchweg flache Dächer haben eine vereinheitlichende Wirkung. Trotz der Verschiedenheit des individuellen architektonischen Ausdrucks hat die Gesamtsiedlung einen einheitlichen Charakter.“

Die einzigen explizit gestalterischen Punkte in dieser Aufzählung sind neben der Begrünung die Einheitlichkeit und (ausgerechnet) die flachen Dächer! Im Anschluß an die Erläuterung des 1. TAC-Planes am 19.5.1960 (Bandel/Machule S.32) fügt Gropius an:
„Er gab zu bedenken, daß sowohl in England als auch in Amerika die 4-geschossige Bauweise, die ihm von uns vorgeschrieben war, nicht mehr als tragbar angesehen wird. Eine Bebauung mit mehrgeschossigen Häusern ohne Fahrstuhl würde in fast allen Ländern nur noch bis zu 3 Geschossen durchgeführt werden. Weiterhin sei zu bedenken, ob das Verhältnis der Einstellplätze zu den Wohnungen von 1:3 für die Zukunft als ausreichen würde. In Amerika wird, auch für eine Bebauung mit Geschoßhäusern, heute in jedem Falle das Verhältnis 1:1 gewählt. Außerdem ist es wohl kaum vertretbar, Wohnungen in dem Umfange und in einer nach den vorgetragenen Gesichtspunkten geordneten Bebauung als Ofenheizungswohnungen auszubilden, auch wenn sie für minderbemittelte Bevölkerungskreise bestimmt sind.“ Methodische Aspekte: Reduktion auf Technokratie 159

Der Fortfall viergeschossiger Gebäude (die im Gegensatz zu höheren ohne Aufzug gebaut werden können) ist ein besonderes Steckenpferd Gropius’, das er sehr hartnäckig94 betreibt. Er begründet dies mit den Nachteilen des aufzugslosen Wohnens für Schwangere und Eltern mit Kinderwagen. Meiner Ansicht nach wird diese Wertschätzung des Aufzuges aber auch aus der Sicht eines 78jährigen verständlich. Leider erwiesen sich insbesondere die Aufzüge der echten Hochhäuser als einer der anfälligsten Punkte in der Konzeption der Großsiedlungen der 60er Jahre. Seine Anregungen bezüglich der Stellplätze (und selbstredend auch der Ofenheizungen) wurden letztendlich befolgt, allerdings sehr zum Nachteil des Konzeptes, da die Erhöhung des Stellplatznachweises den Bau von zuvor nicht geplanten Parkhäusern auf Kosten der Grünräume zwischen den Gebäuden mit sich brachte, die heute großenteils leerstehen.95

94

„Von besonderer Bedeutung ist für mich das Problem, viergeschossige Gebäude auszuschalten, was eines der Grundprinzipien für die Gesamtsiedlung war und vom Sozialen Standpunkt aus als Fortschritt gesehen wurde, da uns die Schwierigkeiten schwangerer Frauen und solcher mit Kinderwagen in einem viergeschossigen Gebäude ohne Fahrstuhl bekannt sind.“ (Brief von Gropius an Senatsbaudirektor Düttmann v. 11.5.64, Bandel/Machule S. 105). Vgl. auch Gropius’ Korrekturen an den Höhen und Stellung der Gebäude, ebd. 95 Ihre Benutzung erscheint unpraktisch und besonders nachts eher eine Angelegenheit für tapfere Autofahrer. Immerhin gibt es durch sie aber nur wenige den Autos vorbehaltene Flächen außerhalb des Straßenlandes.

Fehlende Bevölkerungsplanung
Heidede Becker (S.124) stellt 1977 fest:
„Es gibt keine differenzierten Angaben zur Zielgruppe der Planung. So bleibt die Bevölkerung im Planungsstadium eine abstrakte Größe. Das erschwert die Einschätzung des Bedarfs an Einrichtungen der sozialen Infrastruktur ebenso wie die Festlegung eines bedarfsorientierten Wohnungsschlüssels. Zwangsläufig richtet sich daher die Planung der sozialen Infrastruktur in erster Linie aus an den städtebaulichen Orientierungswerten. Diese werden dann auch normativ angewandt, obwohl sie nur pauschale Größenangaben (Orientierungshilfen) leisten können. So ist die Planung der notwendigen Zusatzeinrichtungen von vornherein beschränkt auf quantitative Aspekte.“

Die Konsequenzen dieser fehlenden Bevölkerungsplanung und -vorhersage sind u.a. der während der Realisierungsphase auftretende Zwang, zusätzliche Schulstandorte auszuweisen, aber auch die Massierung sozial Schwacher Mieter aus beispielsweise Obdachlosenwohnheimen an wenigen Stellen in der Siedlung.
160 Diskussion des Planungsprozesses

Fehlende politische Eigenständigkeit
Die Gropiusstadt ist keine eigenständige politische Einheit.
Kommunalpolitik – Gibt es nicht! Die politischen Strukturen in Berlin sind zentralistisch. Der Bezirk hat schon kaum eine Bedeutung, der Stadtteil erst recht nicht. Alle Parteien betreiben seit Jahren keine Stadtteilpolitik. Das Bezirksamt hat sich nie bemüht, in der Gropiusstadt ein ‘eigenes Rathaus’ zu installieren. Durch diese Dezentralisierung würde Verwaltung mit der Wirklichkeit vor Ort konfrontiert. Es könnte bei Bewohnern und Verwaltung leichter Stadtteilbezug entstehen. Vergleiche mit westdeutschen kleineren Neubaugebieten, in denen mehr soziale Einrichtungen existieren, sind für die Gro piusstadt niederschmetternd. Es gibt nicht einmal eine Polizeistation direkt in der Gropiusstadt. Die Verwaltung sitzt und bleibt in der Karl-Marx-Straße. (Peter Boltz, 1987, S. 24)

Geschichtslosigkeit des Ortes
Der Abbruch der historischen Kontinuität wird insbesondere in den 80er Jahren als deutliches Manko der Großsiedlungen der 60er betrachtet. Folge davon ist ein Mangel an historischer Komplexität und vor allem an Traditionen des Ortes, die eine gewisse bindende und integrative Kraft entfalten. So weiß zum Beispiel ein Bewohner, der in ein Gebiet mit einer bestimmten und allgemein bekannten Identität, die aus der Geschichte des Ortes resultiert, zuzieht, an welche Normen des Alltages er sich dort anpassen muß, und welche Dinge er dort erwarten kann. In der vom Reißbrett geplanten Stadt dagegen werden in Ermangelung eines Traditionellen Verhaltenskodex plötzlich die Idealbilder der Planer zur Verhaltensnorm, die sich womöglich bald als unerfüllbar oder wenig zweckmäßig herausstellt.

links: nachträglich in die Planung aufgenommene Parkhäuser Methodische Aspekte 161

Für wen wurde geplant?
Der ehemals wohnungsreformerische Ansatz der Gehag kommt im Planungsprozeß der Gropiusstadt nicht zum Ausdruck. Die Tradition der Baugesellschaft wird ausschließlich in formal/baukünstlerischen Zusammenhängen (Rundbau als „Hommage a Taut“, Befürwortung der dreigeschossigen Bauweise) in die Diskussion gebracht. Auch der Anspruch auf die Verwirklichung einer ‘guten städtebaulichen Lösung’ wird überlagert von unternehmerischen Interessen: Die Gehag drängt auf Baubeginn zu einem Zeitpunkt, zu dem noch viele städtebauliche Probleme nicht gelöst sind. (Becker 1977, S. 124) „Der Wohnungsschlüssel ist nicht durch Wohnungsbedarfsanalysen fundiert. Er ignoriert mit seinem kleinen Anteil an Großwohnungen den Mangel an Wohnungen für größere Haushalte bzw. nimmt für diese Überbelegungen in Kauf. Das Wohnungsangebot bevorzugt die ‘normale Kleinfamilie’ mit 1 bis 2 Kindern.“

Wohnungskontingente nach Eigentümern und Zimmeranzahl
Eigentümer
Berlin (West) 64-70 136327 WE Neukölln 64-70 23237 WE Gropiusstadt Ø 18892 WE Petrus-Werk 297 WE Hilfswerk ab 73 662 WE DeGeWo 4435 WE Gehag 1970-74 4288 WE 16 14 3 3 15 13 27 4 9 30 33 43 19 20 6 23 3 25 48 21 6 5 30 38 14 9 15 19 21 15

1 Zimmer
25

1 1/2 Zimmer

2 Zimmer
38 38 33

2 1/2 Zimmer

3 Zimmer
30 33 18

3 1/2 und mehr Zimmer
17 14 15 9 27 14 16 4 2 12

13

9

Gehag 1964 -69 3754 WE Eigentumswohnungen 719 WE

Kontingent 0 %

10%

20%

30%

40%

50%

60%

70%

80%

90%

100%

162

Diskussion des Planungsprozesses

„Politische Entscheidungen dominieren das Planungsgeschehen. Begründungen - soweit sie überhaupt gegeben werden - beziehen sich auf schon vorher bekannte Sachzwänge (Baulandknappheit). Offenbar stimmen sie mit den Interessen der Bauträger überein: Das ursprüngliche Konzept der Planung (niedrige Bebauung für Familien mit Kindern und alte Menschen) wird kommentarlos aufgegeben.“(Becker 1977, S. 124) „Grundsätzliche Festlegungen sind: der Standort des Gebiets am Stadtrand, die verwaltungsmäßige Zuordnung zum Bezirk Neukölln und die Anlage als Wohngebiet ohne Produktionsstätten. Die Entscheidungen, Arbeitsplätze nur in den Einkaufszentren anzusiedeln und das Maß der baulichen Nutzung nachträglich zu erhöhen, zeigen, daß die Schaffung von Wohnungen (und damit die Ankurbelung der Bauwirtschaft) wesentlicher Motor der Planung war.“(Becker 1977, S. 124)

Methodische Aspekte: Für wen wurde geplant? 163

Walter und Ise Gropius 1967, bei der Einweihung der von TAC entworfenen Walter-GropiusGesamtschule 164 Diskussion des Planungsprozesses

Versuch einer Bewertung der Planung

Heidede Becker und Dieter Keim kommen in der difu-Studie 1977 zu folgendem Schluß [S. 300f]:
Die Gropiusstadt erfüllt im wesentlichen Standardansprüche. Hier haben die politisch-administrativen Stellen versucht, ihre Aufgaben „flächendeckend“ wahrzunehmen. Die Bauträger verfügen aufgrund ihrer Investitionen auch lokale Nutzungsweisen. Die Bewohner kommen im allgemeinen in ihrer Einstellung und ihren aktuellen Wünschen diesem vorgegebenen Standardangebot entgegen. Vorstellungen von einer offenen, entwicklungsbetonten städtischen Siedlung sind jedoch offenbar nicht in den Planungsansprüchen der beteiligten Instanzen enthalten. Es wurde kein Raum gelassen, aus dem sich andersartige Wohnwünsche und Wohnformen erst entwickeln und produktive Tätigkeitenfelder aufbauen könnten. Die Gropiusstadt erscheint so als vorgefertigte Dienstleistung auf gegenwärtig üblichem Versorgungsniveau, nicht als Ort dynamischer gesellschaftlicher Entwicklung.

Dem ist wenig hinzuzufügen. Kerstin Federbusch (1997, S.97 ff) kommt in Ihrer Arbeit demgegenüber dennoch zu einem insgesamt positiven Urteil über die Gropiusstadt im Vergleich zu anderen Großsiedlungen. So sei die ÖPNVAnbindung sei von Beginn an „bestmöglich“ gewesen, die Gropiusstadt mache aufgrund der inzwischen üppigen Vegetation einen sehr „grünen und dadurch angenehmen Eindruck“, und „das soziale Leben in der Gropiusstadt [sei] in den vergangenen dreißig Jahren gewachsen“. So richtig diese Feststellungen sind, bleibt die Gropiusstadt dennoch in Bezug auf die Urbanität und die Vielfalt des gesellschaftlichen Lebens unzweifelhaft hinter den innerstädtischen Bezirken Berlins zurück. Dies läßt sich wiederum teilweise auf die Bewohnerstruktur selbst (bzw. auf die Häufung sozialer Probleme in Ihr) zurückführen, doch selbst wenn die Bewohnerstruktur unabhängig von der Baustruktur wäre, so ist doch die Belegungspolitik ein Bestandteil der Planung gewesen – oder besser: hätte eines sein können. Wesentlicher noch sind die bereits mehrfach angesprochenen Folgen der fehlenden Arbeitsstätten im Gebiet.
Versuch einer Bewertung 165

enseits dieser wesentlichsten Fehler der Planung kann nun der Frage nachgegangen werden, inwiefern die ‘Architektur’ besser oder schlechter hätte sein können. Es kann kein Zweifel daran bestehen, daß die Gropiusstadt im Resultat nicht viel mit den Vorschlägen zu tun hat, die Walter Gropius gemacht hat. Fraglich erscheint allerdings, ob die Gropius’sche Planung, umgesetzt, zu wesentlich besseren Resultaten geführt hätte. Davon abgesehen, daß solch fiktive Fragestellungen immer recht müßig sind, läßt sich feststellen: • Die Kritikpunkte an den Fehlern des Planungsprozesses (keine Bevölkerungsplanung, Planung für das Mittelmaß, keine Wohnungsbedarfsanalyse, keine vorgesehenen Veränderungsmöglichkeiten, ...) lassen sich sämtlich auch auf die TAC-Planungen bzw. Gestaltungsvorschläge übertragen. • Auch die Gropius’sche Planung enthielt, bedingt durch die Vorgaben, nur wenig andere Nutzungen als Wohnungen. Allerdings scheinen die zunächst vorgesehenen ‘Laden-Fußwege’ zumindest ein Denkanstoß in Richtung einer urbanen Funktionsmischung gewesen zu sein, die allerdings nie offensiv verteidigt wurden. • Gerade Gropius war sicherlich in den 60er Jahren kein Garant für wohnreformerische Ideen, die über die funktionalistischen Ansätze der Weimarer Zeit hinausging. Die Grundrisse der von TAC errichteten Wohnungsbauten sind keinesfalls besser als die der übrigen; beim ‘Gropiushaus’ tritt ein deutlicher Wiederspruch zwischen der Form des Gebäudes und seiner Erschließung als Fünfspänner mit Mittelgang und nur zwei durchgesteckten Wohnungen auf. • Die vorgesehene ‘Einheitlichkeit’ des Ganzen stellt für sich genommen nicht zwangsläufig einen Wert dar. Insbesondere bei Großsiedlungen wird im Zusammenhang mit einheitlichen Bautypen heute inaller Regel von Monotonie gesprochen. Dieser Vorwurf prallt an der Gropiusstadt allerdings ab. Andererseits wurde gerade in den 80er Jahren formale Vielfältigkeit gerne als ‘spannungsloses Einerlei’ tituliert. Die Rezeption solcher Phänomene unterliegt offenbar – insbesondere bei den Bewohnern – variablen
166 Diskussion des Planungsprozesses

Bewertungskriterien, und ist vermutlich mehr von den Begleiterscheinungen der Architektur geprägt als von ihrer formalen Erscheinung. Das Resultat, die Gropiusstadt, läßt sich auf formaler Ebene tatsächlich eher in den Termini einer gewachsenen Struktur erklären, als in denen einer geplanten. Allerdings sind die Parameter und Regeln, die dieses Wachstum steuerten, recht eigenwillig, da sie aus den Bedingungen des staatlich gesteuerten Baugeschehens der 60er Jahre resultieren. Die Heterogenität, die sich als Resultat des Scheiterns der ‘deduktiven Planung’ eingestellt hat, ist zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich beurteilt worden. Fest steht, daß die Gropiusstadt aufgrund ihrer isolierten Insellage in andersartigen Wohngebieten durchaus als geschlossene Einheit erkannt werden kann, und daß einheitliche Siedlungen von dieser Größe tatsächlich die Gefahr der Monotonie heraufbeschwören. Die offene Baustruktur, die ihrerseits wiederum die verschiedensten, ‘fließenden’ oder gefaßten Außenräume zu bieten vermag, hat mit den sozialen und infrastrukurellen Problemen der Siedlung wenig zu tun. Sie hat aber sicherlich wesentlichen Anteil daran, daß die Siedlung heute tatsächlich als ‘grün’ empfunden wird, genauso, wie auch das ungelöste Problem des Straßenraumes mit ihr zusammenhängt. Ganz ähnlich hat auch die Bebauung mit Hochhäusern Stärken (Aussicht, Möglichkeit einer park-artigen oder landschaftlichen Gestaltung der Stadt) wie Schwächen (technische Anfälligkeit, fehlender Bodenbezug der Wohnungen, Gefahr der Überbeanspruchung und des Kontrollverlustes in Gemeinschaftsbereichen...). Sowohl Hochhäuser als auch offene Baustrukturen sind als Gestaltungsmittel dazu geeignet, räumliche Identitäten zu schaffen – sie sind aber, genau wie die Mietskaserne der Jahrhundertwende, kein Garant dafür. Die Annahme der Siedlungen durch die Bevölkerung hat offensichtlich nicht immer etwas mit ihren gestalterischen Qualitäten zu tun. Beobachtungen solcher Art dürfen indes nicht dazu verleiten, den Einfluß der Gestaltung auf die Gesamtqualität einer Siedlung völVersuch einer Bewertung 167

lig zu negieren. Vielmehr ist es notwendig, im Rahmen der ‘architektonischen’ Planung einer Siedlung niemals die ‘Randbedingungen’ der Bevölkerungs- und Infrastrukturplanung aus den Augen zu lassen. Eine solch umfassende, ‘totale’ Planung ist heute eher denn je im Bereich des Möglichen. Eine Kunst ist es jedoch, die Planung dabei elastisch und offen für Veränderungen zu belassen.

Einfamilienhäuser an der Lipschitzallee (Hilfswerksiedlung) 1972 und 1998

168

Diskussion des Planungsprozesses

Entwicklungsperspektiven

Seit Beginn der Debatte über die Großsiedlungen der 60er Jahre zieht sich die Frage, wie den erkannten Problemen abgeholfen werden kann, durch die Diskussion. Dabei taucht zwar immer wieder das Wort vom Total- oder Teilabriß als ultima ratio auf, ist aber meist recht leicht als populistisches Geschwätz zu entlarven. Tatsächlich wäre der Abriß einer solchen Siedlung, zumindest solange dort noch Menschen wohnen, ein Unterfangen, dessen Aufwand dem ihrer Errichtung nur um weniges nachstünde – und gehört damit, angesichts der schwindenden finanziellen Potentiale sozialstaatlicher Wohnungsbaupolitik, ins Reich der Utopien. Aus diesem Grund zielen seriösere Überlegungen bereits seit den 80er Jahren auf Umbau. Was aber läßt sich umbauen, aus welchem Grund, mit welcher Zielsetzung und: wer baut eigentlich um? Die Kritik der 70er Jahre an den Großsiedlungen bezog sich vorwiegend auf die Umstände ihrer Entstehung und auf die mangelnde Berücksichtigung derjenigen, für die angeblich gebaut worden war. Dementsprechend liefen die Forderungen letztlich auf – von staatlicher Seite zu leistende – Errichtung von Wohnfolgeeinrichtungen, Verbesserung der Freizeitangebote und ähnliches hinaus.
Entwicklungsperspektiven 169

In den 80er Jahren hatten sich bereits die Erwartungen an das Aussehen des öffentlichen Raumes völlig gewandelt. Dementsprechend versuchte man, die nun als zu weit empfundenen, nur sparsam und meist ambivalent definierten Freiräume nunmehr verbindlicher zu fassen. Dies galt – und gilt – besonders für die Straßen. Dennoch wurde in den 80er Jahren zumindest in der Gropiusstadt niemals der Versuch gemacht, mit den Grundprinzipien der Raumbildung der 60er Jahre völlig zu brechen, das Konzept sozusagen ‘gegen den Strich zu bürsten’. Statt dessen wird versucht, die vorhandenen (räumlichen) Qualitäten der Siedlungen zu aktivieren, was vor allem bedeutet, sie für die Bevölkerung aufzubereiten, ‘wahrnehmbar’ zu machen. Der besonderen Aufmerksamkeit, die dem öffentlichen Raum der bürgerlichen Stadt in den 80er Jahren zuteil wurde, entspricht die Kritik am Fehlen dieser Traditionen in den Großsiedlungen, und der Versuch, die Insignien dieses ‘öffentlichen Raumes’ (und damit einer Kultur des Umganges damit) in die Vorstadt zu transportieren. Es entstehen großzügigere Hauseingänge, repräsentative Brunnenplätze und Gartenpavillons. „Warum dieser Etikettenschwindel? Wenn von Eigentümer- und Planerseite keine Bereitschaft besteht, sich auf etwas Neues einzulassen? Warum das Nachbesserungsverfahren nicht als das bezeichnen, was es ist: nicht mehr – aber ja auch nicht weniger – als baukonstruktive und ein paar nette grünplanerische Maßnahmen.“ kommentiert Sabine Flohr (IWOS 1990, S. 26). Mit dem Versiegen der öffentlichen Mittel und dem (vorläufigen) Abflauen der Abwanderungswellen nach erneuter Nachsubvention endeten die Nachbesserungsmaßnahmen so plötzlich, wie sie begonnen hatten – obwohl von Seiten aller Beteiligter insbesondere auf den Beginn eines langfristigen Diskussionsprozesses gedrungen worden war. Daher scheint ein Kriterium für die Wirksamkeit eines Umgestaltungsprozesses zu sein, daß sich der Prozeß selbst am laufen hält und nicht von schwankenden tagespolitischen Mittelzuwendungen abhängig ist. Dies setzt ökonomische Hintergründe voraus, wie sie zum Beispiel durch die Angst der Wohnungsbaugesellschaften vor der Fluktuation, aber auch durch mögliche höhere Ausnutzungsziffern
170 Entwicklungsperspektiven

bei der Umwandlung von Abstands- und Straßenbegleitflächen denkbar erscheinen. Diese Erwägung zeigt sofort den unangenehmen Begleiteffekt solcher neo-liberaler Ideen: Plötzlich kann man nicht mehr planen, was man für richtig hält, sondern nur noch, was sich finanziell trägt. Trotz des staatlichen Engagements ist es in den achtziger Jahren versäumt worden, die durchaus als Problem erkannten funktionalen Mängel der Schlafstadt anzugehen. Zwar wurde das Konzept des ‘Wohnens im Park’ wieder aufgegriffen und in die Postmoderne übersetzt, jedoch fand keine Auseinandersetzung darüber statt, wie mit der Monofunktionalität der Gropiusstadt umgegangen werden kann. Anfang der 90er Jahre wurden vor dem Hintergrund der nun auch in Berlin möglichen Zersiedelung des Umlandes Gutachten über die Nachverdichtung der Gropiusstadt erstellt. Das Ergebnis war allerdings, daß die Potentiale verschwindend gering seien96: allenfalls 150 Wohnungen glaubte man unterbringen zu können – angesichts der 19.000 bereits vorhanden nicht der Rede wert. Die Beschränkung der Nachverdichtungsuntersuchungen auf den Neubau von Wohnungen zeigt abermals das Primat der Wohnungsbaues gegenüber den städtebaulichen Zielen.

96

Gutachten von Martin + Pächter, s. auch taz vom 25.9.1990, S. 24

Entwicklungsperspektiven 171

172

Entwicklungsperspektiven

Chancen räumlicher Umstrukturierung Konzepte der Planungsbehörden
Das Stadtplanungsamt Neukölln hat nach eigener Aussage kein Konzept für die Gropiusstadt.

Bebauungsplanung
An den Bebauungsplänen der Gropiusstadt manifestiert sich deutlich das Prinzip der unveränderlichen ‘Masterplanung’. Die Pläne weisen größtenteils exakt die Umrisse der vorhandenen Baukörper aus. Sollte also eines der Häuser in der Gropiusstadt abgerissen werden müssen, so müßte theoretisch auf dem gleichen Grundriß ein neues entstehen, wenn nicht ein Bebauungsplanverfahren aufgerollt werden soll. Und das kann sich lang hinziehen: Etwa die Hälfte der B-Pläne der Gropiusstadt sind (nach 35 Jahren!) noch immer nicht rechtskräftig festgesetzt. Im Grunde besteht also zudem in der Gropiusstadt ein Baustopp – wegen schwebender B-Plan-Verfahren. Diese Absurdität zeigt die enge Verflechtung von Behörden und Planenden bei der Entstehung der Gropiusstadt auf: die Gebäude wurden im Vorgriff auf einen Plan genehmigt, der ohnehin nach den Vorgaben der Architekten angefertigt wurde. Die heutige Planungspraxis unterscheidet sich den Verfahren nach aber offenbar nicht wesentlich davon: so wäre beispielsweise die kräftige Aufstockung der ‘Gropiuspassagen’ nach dem (rechtskräftigen) Bebauungsplan im Grunde nicht möglich gewesen. Das Projekt konnte aber wegen der Unterstützung der politisch Verantwortlichen dennoch problemlos genehmigt werden. Die Genehmigungspraxis erweist sich also als willkürlich bzw. politischen Setzungen unterworfen.

Chancen räumlicher Umstrukturierung 173

174

Entwicklungsperspektiven

Beispiel der Umstrukturierung: die Gropiuspassagen

Ein Beispiel für eine Umstrukturierung, die stattgefunden hat, ist das Einkaufszentrum an der Johannisthaler Chaussee, heute ‘Gropiuspassagen’. Bereits während der Planungsphase handelte der US-Finanzier Georg R. Dobbs, der in Berlin auch noch weitere Einkaufszentren errichtete, der Gehag das Gelände des nördlichen Zentrums ab. Ursprünglich waren das mittlere Zentrum an der heutigen Lipschitzallee als das größte der drei vorgesehen gewesen, weshalb auch die sozialen Einrichtungen hier konzentriert wurden. Dobbs erkannte aber den strategischen Vorteil der Lage an der einzigen Durchgangsstraße, der Johannisthaler Chaussee, und ließ von Wils Ebert 1964-73 ein Einkaufszentrum errichten, das sich nur wenig von den in den späten 50ern in den Vereinigten Staaten eingeführten ‘Regional Shopping Malls’ unterschied, mit dem Unterschied, daß die Ausgänge des Komplexes nicht alle auf einen der üblichen riesigen Parkplätze, sondern teilweise unvermittelt in die Wohnwege der Gropiusstadt mündeten. Die Integration des Zentrums in seine Umgebung soll aber auch schon in seiner ersten Form lückenhaft gelöst gewesen sein – was nicht verwundert, weil das Konzept der Shopping Mall gerade darauf aufbaut, daß ein Binnenraum geschaffen wird, der möglichst ohne Bezug zur äußeren Welt den ungestörten Konsum ermöglicht. Dieses Vokabular hatte sich in den USA allerdings aufgrund der Lage der großen Centers ergeben, die zwangsläufig an den Ausfallstraßen großer Städte bzw. in den Übergangszonen verschiedener Agglomerationen entstanden waren.

oben: Shoppers World, 1951, Framingham, Mass., USA unten: Modell der Gropiuspassagen

Umstrukturierung: Die Gropiuspassagen 175

Das Einkaufszentrum an der Johannisthaler Chaussee war für deutsche Verhältnisse damals hochmodern, denn es verfügte über die für US-Verhältnisse typische unterirdische Anlieferung. Es wurde in den folgenden Jahren schrittweise erweitert. Ungewöhnlich für den Typ der Mall war die Anordnung der Verkaufspavillons in einem Raster und nicht entlang nur einer einzigen Mall. Diese Anordnung hat nach Aussage des Managers, Herrn Huth, durchaus Nachteile, da sich die Kundschaft in den gleich aussehenden Gängen nur schlecht orientieren kann, weshalb für heutige Zentren in jedem Fall ein einziger, dominanter räumlicher Höhepunkt angestrebt wird, wie er in den Gropiuspassagen in Gestalt der Rotunde hinzukam. Zeittypisch war die Ausstattung des Centers mit nur einem ‘Anchor store’, dem Kauf-

haus Woolworth. Nach dem Mauerfall erlebte das Zentrum zunächst einen Boom, der aber einige Jahre später abflaute, nachdem die Ostler etwas anspruchsvoller geworden waren. Bei der Projektierung von Shopping Centers geht man üblicherweise davon aus, daß nach einer gewissen Zeit eine Renovierung des Images eines Zentrums stattfinden muß. Im Falle der Gropiuspassagen war diese damit überfällig. Die Gropiuspassagen wurden innerhalb mehrerer Jahre bei laufendem Betrieb umgebaut. Die Anzahl der Geschäfte wurde von ca. 40 auf 120 verdreifacht, die Nutzfläche, die 1974 33.000 qm betrug, beläuft sich inzwischen auf 46.000qm. Dabei wird derzeit der U-

Bahnhof, der von der Betreibergesellschaft gekauft wurde, komplett in das Zentrum einbezogen. Der alte Grundriß der Verkaufspavillons wurde wegen der vorhandenen unterirdischen Infrastruktur beibehal176 Entwicklungsperspektiven

ten. Es wurden jedoch noch mehrere ‘Magneten’ oder ‘Anchor-Stores’, das heißt großflächiger Einzelhandel wie z.B. ProMarkt, SpieleMax, Baumarkt, Großtextiler usw. sowie ein großes Parkhaus an den Rändern hinzugefügt. Dabei verschlechterte sich die Integration der Passagen in das Gebiet allerdings noch weiter. Zudem wurden die inneren ‘Straßen’ überdacht, wenn auch mit aufschiebbaren Dächern. Diese bewachte Indoor-World mit Diskothek, Multiplex-Kino und Fitneßstudio bildet heute einen starken Kontrast zu dem ruhigen Umfeld der Mall, dem Grünzug und der Siedlung. Dennoch hat sich die Lebensqualität des durchschnittlichen Gropiusstädters durch die Passagen sicherlich erhöht. Neben einer größeren Verkehrsbelastung bringen sie auch Konsummöglichkeiten mit

oben: Einkaufszentrum Johannisthaler Chaussee vor dem Umbau unten: Rotunde im Inneren der Gropius-Passagen

sich, die denen der Karl-Marx-Straße oder der Schloßstraße kaum nachstehen. Da ritueller Konsum einen Großteil der Freizeitgestaltung insbesondere auch eines großen Teils der in der Gropiusstadt vorgefundenen Bevölkerung ausmacht, treffen sich hier Angebot und Nachfrage. Ganz ähnlich wie die Bewohner endloser amerikanischer Teppichsiedlungen suchen offenbar auch die Gropiusstädter das mundgerecht kommerzialisierte Erlebnis innerstädtischer Dichte als Gegenstück zur Ereignislosigkeit der Vorstadt.

Umstrukturierung: Die Gropiuspassagen 177

Nachverdichtung
Anfang der 90er Jahre wurden vor dem Hintergrund der nun auch in Berlin möglichen Zersiedelung des Umlandes Gutachten über die Nachverdichtung der Gropiusstadt erstellt. Das Ergebnis war allerdings, daß die Potentiale verschwindend gering seien97: allenfalls 150 Wohnungen glaubte man unterbringen zu können – angesichts der 19.000 bereits vorhanden nicht der Rede wert. Die Beschränkung der Nachverdichtungsuntersuchungen auf den Neubau von Wohnungen zeigt abermals das Primat der Wohnungsbaues gegenüber den städtebaulichen Zielen, denn die Nachverdichtung mit anderen Nutzungen als Wohnungsbauten wurde offenbar nicht geprüft, obwohl die Monofunktionalität der Siedlung bereits seit 1973 kritisiert wurde. Selbstverständlich hängt die Beurteilung der Frage, ob Nachverdichtung vertretbar ist, nicht nur von der Nutzung ab, die hinzugefügt werden soll, sondern auch von den räumlichen und städtebaulichen Leitvorstellungen, die verfolgt werden. Geht man allerdings umgekehrt von der These aus, daß Veränderungen der Baustruktur prinzipiell erwünscht sind, und daß diese nach dem Gesetz des ‘higher use’ nur dann eintreten, wenn sie sich rentieren, so wird man zunächst versuchen, bislang gering ausgenutzte Bereiche für eine (Neu-) Bebauung zur Verfügung zu stellen. An solchen, nicht überbauten, aber auch nicht als Freiraum genutzten Abstandsflächen herrscht in der Gropiusstadt kein Mangel; allerdings ist nicht denkbar, ALLE diese Bereiche zu überbauuen, ohne dabei den Charakter des offenen, fließenden Raumes in der Siedlung völlig zu zerstören. Dennoch sollte man andererseits nicht davon ausgehen, daß JEDER Freiraum der Gropiusstadt gewollt oder gar gestalterisch vorgesehen worden sei; dies konnte die damalige Planung gerade NICHT leisten. Da es aus u.a. aus Gründen der Beibehaltung der historischen und räumlichen Identität der Gropiusstadt sicherlich unerwünscht ist, die räumlichen Kompositionsprinzipien ihrer Entstehung über Bord zu werfen, steht man vor der Frage, wie diese zu erhalten sind. Eine besondere Schwierigkeit dabei ist, daß diese Prinzipien niemals genau genug definiert waren – was schon 1964 ermöglichte, unter dem Emblem Gropius’scher Planungen eigene Süppchen zu kochen.
178 Entwicklungsperspektiven
97

Gutachten von Martin + Pächter, s. auch taz vom 25.9.1990, S. 24

Einen anderen Ansatz für Nachverdichtung bilden die bestehenden Parkhäuser, die zu großen Teilen leerstehen und aus diesem Grund bereits teilweise (extensiv) begrünt wurden. Da diese Parkhäuser sämtlich an Straßen liegen, sind die meisten von Ihnen sehr gut erschlossen und auch als Standorte für publikumsintensive Nutzungen geeignet. Der späte Zeitpunkt iherer Planung verhinderte eine echte Integration der Parkhäuser ins Entwurfskonzept: sie stehen als Fremdkörper zwischen den Wohnscheiben und versperren teilweise die Beziehungen zwischen den umgebenden Freiräumen.

Parkhäuser in der Gropiusstadt

Nachverdichtung 179

180

Entwicklungsperspektiven

Verkehr Straßenverkehr
Die Verkehrsplanung des Berliner Senates sieht noch immer vor, den (West-)Berliner Autobahn-Innenstadtring mit dem Kreuz Schönefeld auf dem Außenring zu verbinden. Diese Verbindung war bereits in Prof. Wils Eberts „Darstellung der inneren und äußeren Lagebeziehungen“ vom 10.12.1959 eingetragen, ist jedoch nie verwirklicht worden, da die Trasse östlich des Teltowkanales auf dem Mauerstreifen entlang führt. Diese Autobahn würde insbesondere der Autoverkehr aus Steglitz, Schöneberg und Wilmersdorf nach Südosten erleichtern, eventuell die Rudower Straße entlasten und - sollte der innere Autobahnring jemals bis zur Frankfurter Allee reichen - u. U. den Verkehr der Ausfallstraße Puschkinalle/Adlergestell aufnehmen. Hierdurch würde die Johannisthaler Chaussee (und nach FNP ‘94 auch der Zwickauer Damm) zum Autobahnzubringer. Unter heutigen Bedingungen ist allerdings fraglich, ob das „Nadelöhr“ der Johannisthaler Chaussee nordöstlich der Rudower Straße jemals auf die Breite der restlichen Trasse aufgeweitet wird. Dieses und der nur mittelbare Anschluß an den Straßenzug Sterndamm/Treskowallee unterbrechen auch den etwa halb Berlin umfassenden, durchgehenden Straßenzug des südlichsten Straßenringes der Stadt, dessen Bestandteil die Johannisthaler Chaussee eigentlich ist. Aus diesem Grund übernehmen die Rudower Straße und die Fritz-Erler-Allee auf dem Abschnitt zwischen Johannisthaler Chaussee und Zwickauer Damm neben dem Nord-Süd- auch noch den Ost-West-Verkehr. Ebenfalls ist noch immer geplant, die völlig überdimensionierte südliche Randstraße der Gropiusstadt, den Kölner Damm, mit der Zittauer Straße zu verbinden. Der Weiterbau des Kölner Dammes bis zum Zwickauer Damm scheiterte in den 60er Jahren an einem bis zum Vogelwäldchen vorstoßenden Zipfel des DDR-Grenzstreifens, der auch einen Umgehungsbogen der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn notwendig machte. Angesichts der geringen Breite der Zittauer Straße und dem unvermittelten Ende des Kölner Dammes nördlich der Johannisthaler Chaussee kann diese Verbindung höchstens lokale Wichtigkeit haben; u.U. entsteht dabei aber eine ‘Abkürzung’ für bisVerkehr 181

her über Johannisthaler Chaussee und Fritz-Erler-Alle von dem o. g. Ost-West-Straßenzug nach Schönefeld hin abbiegenden Verkehr. Der U-Bahnhof Johannisthaler Allee ist in der Planung des Senates prinzipiell als Park-and-Ride Knoten vorgesehen, der nächste bestehende solche Knoten ist der U-Bahnhof Rudow. (Verkehrsplanung für Berlin, 1995, S. V17)

Flughafen
Der Ausbau des Flughafens Schönefeld bewirkt eine Veränderung der Lagebeziehungen der Gropiusstadt. Ähnlich wie nach der Maueröffnung die Bedeutung der Ost-West-Verbindung Johannisthaler Chaussee und damit des Einkaufszentrums dort zunahm, wird der zunehmende Verkehr zum Flughafen die an den tangierenden Straßen (Rudower Straße, Fritz-Erler-Allee, evtl. Kölner Damm) angrenzenden Lagen der Gropiusstadt für Dienstleistungsnutzungen aller Art interessanter machen. Die Hauptverbindung bleibt dabei zweifelsohne die Rudower Straße bzw. der künftige Autobahnanschluß; aber aus den südlichen Gebieten Westberlins werden vermutlich einige Verkehrsströme ihren Weg durch die Gropiusstadt wählen. Darüberhinaus enstehen im Umfeld des Flughafens bereits jetzt zahlreiche neue Verdichtungsräume, die ihrerseits mit den randstädtischen Bereichen Berlins in Beziehung treten (werden). Insbesondere deshalb macht es keinen Sinn, lediglich die Hauptverbindung Flughafen-Innenstadt als Schlagader zu betrachten und den Rest als quasi unbebaut anzusehen; auch die nicht unmittelbar an der Rudower Straße gelegenen Bereiche werden u.U. von einer stärkeren Verdichtung im Südosten Berlins profitieren.

182

Entwicklungsperspektiven

ÖPNV
Der 3,5km lange Weiterbau der U7 um 3 Stationen von der Endstation Rudow bis zum Flughafen und Regionalbahnhof Schönefeld ist im FNP ‘94 und im Stadtentwicklungsplan Verkehr ‘95 zwar vorgesehen, wird aber derzeit nicht wirklich in Angriff genommen, da es sich nur um „weiteren“ Bedarf handelt (im Gegensatz zu „vordringlichem Bedarf“, wie bei der Teilstrecke der U5 Alexanderplatz - Lehrter Bahnhof - Turmstraße). „Die verkehrliche Bedeutung dieser Verlängerung ergibt sich [...] hauptsächlich aus geplanten Wohn- und Gewerbeansiedlungen auf dem Gebiet der Rudower Felder und im Raum Schönefeld Nord.“ (Verkehrsplanung für Berlin, 1995, S. Ö44) Weiterhin ist die Frage der genauen Lage und des Umfanges des Flughafenausbaus von Bedeutung. Daraus läßt sich ablesen, daß, falls die U7 einmal weitergebaut wird, Pendlerströme zwischen Schönefeld und der Innenstadt unter der Gropiusstadt durchgehen werden, so daß die Lagen um die U-Bahnhöfe, speziell an den Gropiuspassagen, für Stopover-Nutzungen, aber auch für andere Dienstleistungen und Büros interessant werden. Weiterhin ist die Verlängerung der Straßenbahn von Schöneweide bis zum U-Bahnhof Zwickauer Damm, mit Erweiterungsoption in Richtung Westen, als Ost-West-Tangente geplant (Verkehrsplanung für Berlin, 1995, S. Ö15/Ö23). Zwischen Teltowkanal und Zwickauer Damm, und insbesondere auf der potentiellen Erweiterungsstrecke nach Westen, liegt diese Trasse allerdings auf den (einspurigen) Gleisen der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn.

Verkehr 183

Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn
Die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn wurde 1900 mit einer Streckenlänge von 27km zwischen dem heutigen S-Bahnhof Neukölln und Mittenwalde eröffnet. Bis 1933 wurden diverse Anschlußgleise, u.a. zum Flughafen Tempelhof und Schönefeld, in Betrieb genommen. 1955 wurde (nach dem Abbau der in der DDR gelegenen Teile der Strecke ab 1948) der Personenverkehr eingestellt. 1963 wurde am Vogelwäldchen ein Umgehungsgleis um den DDR-Grenzstreifen gebaut. Seither befördert die Güterbahn hauptsächlich Kohle, Gips und Kalk zwischen dem Hafen Britz-West am Teltowkanal und dem ebenfalls am Teltowkanal für die Gropiusstadt gebauten Heizkraftwerk Rudow. Sie gilt als eine der wirtschaftlich gesundesten Kleinbahnen Berlins. 1991 bestanden noch 16 Privatgleisanschlüsse bei einer Streckenlänge von 17,2km. 1997 wurde ein 2km langes temporäres Anschlußgleis zur ehemaligen Mülldeponie Großziethen gebaut, auf dem in einem Zeitraum von etwa 5 Jahren ca. 6 Mio. Tonnen Erdaushub und Bauschutt zur Sicherung der Deponie dorthin gebracht werden. Der FNP ‘94 und das Güterverkehrskonzept des Senates von 1995 sehen die Güterbahn weiterhin vor; im FNP ist selbst der nicht mehr existierende Teil der Trasse noch eingetragen, allerdings nicht die wichtige Verbindung zum Heizkraftwerk und Industriegebiet Rudow. Die Verkehrsbelastung auf der Strecke entlang der Gropiusstadt liegt zwischen zwei und sechs Zügen pro Tag. Die Gleisanlagen der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn bilden gemeinsam mit dem parallel laufenden Kölner Damm ein breites Band, das die Gropiusstadt von den südwestlich angrenzenden Einfamilienhausgebieten trennt. Umgekehrt ließe sich dieses Band bei einem Rückbau des Kölner Dammes und einer Überbauung der Bahntrasse eventuell als verbindendes Glied aktivieren.

oben: Streckennetz der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn (NME, grün) unten: Bahnhof Buckow, 1937

184

Entwicklungsperspektiven

Grünplanung Grünzüge
Der von Britz bis Rudow durchlaufende Grünzug war bereits Bestandteil der allerersten Planungen für die Gropiusstadt. Zu diesem Hauptgrünzug gesellten sich sogenannte ‘Nebengrünzüge’, die allerdings heute nur mit Mühe auszumachen sind. Weiteres wesentliches Element ist der die Gropiusstadt von Ost nach West durchquerende Wildmeisterdamm, der als üppige Allee und Fußgängerdiagonale eine wichtige Funktion einnimmt, zumal die Verbindung in östlicher Richtung durch Kleingärten und Friedhöfe hindurch in vorbildlicher Weise zum Britzer Garten (BuGa-Gelände) weitergeführt ist. Ein weiteres wesentliches Element der Parklandschaft der Gropiusstadt ist das Rudower Vogelwäldchen. Dieses Landschaftsschutzgebiet verbindet Wildmeisterdamm und Grünzug mit der Stadtgrenze, dem ehemaligen Mauerstreifen, und den sich südlich davon erstreckenden Großziethener Feldern. Im Südosten der Gropiusstadt verliert sich der Grünzug allerdings zwischen der Bebauung, obwohl eine Verbindung zu der südöstlich aus Berlin herausführenden und bereits derzeit als Grünzug ausgebildeten ehemaligen Trasse der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn nach Schönefeld möglich wäre. Eine solche Verbindung ist Bestandteil des von mir vorgeschlagenen Maßnahmenbündels; sie wird durch die Verlagerung der Polizeiwache und die Anlage weiterer Bahnübergänge möglich. Um diese Verbindung auch räumlich wirksam werden zu lassen, bedarf es allerdings des Abrisses von ein bis zwei Wohnungsbauten in diesem dichtesten, südöstlichen Teil der Gropiusstadt. Als eine Art von Ausgleich hierfür lassen sich dann allerdings die Randbereiche des neugeschaffenen, attraktiven Grünzuges umso besser durch Anlagerung von Nutzungen, wie z.B. Cafés, Freizeitstätten, Bürogebäuden, und durch Umbau der Erdgeschoßzonen von nunmehr in erster Reihe stehender Wohngebäude aktivieren. Eine solche Maßnaheme ist allerdings nur im Rahmen eines förmlichen Sanierungsverfahrens, unter Abschöpfung und Umverteilung der Bodenwertzuwächse denkbar.

Studie zur Weiterführung des Grünzuges im südöstlichen Abschnitt der Gropiusstadt Grünzug Vorschläge zur baulichen Ergänzung Vorschläge zum Rückbau von Gebäuden (Polizeiwache, zwei Wohngebäude)

Grünplanung 185

Deponie Großziethen

Zwischen 1972 und 1977 wurde über einen speziellen Grenzübergang am Kölner Damm westberliner Haus- und Industrieabfall in eine ehemalige Kiesgrube nördlich von Großziethen geschafft. Nachdem die Grube verfüllt war, wurde zusätzlich noch eine etwa 2m mächtige Schicht Müll auf das gesamte Gelände geschichtet, bevor dieses mit Erde abgedeckt wurde. Die Hinterlassenschaft dieses Mülltourismus ist eine Methan ausgasende, angeblich trockene, also nicht das Grundwasser gefährdende Altlast, die derzeit ‘gesichert’ wird. Dabei wird ein Leitungsnetz verlegt, das das gefährliche Methan absaugt und der Verstromung zuführt, und die Deponie von oben abgedichtet, damit kein Regenwasser eindringen kann, was zu einer Grundwasserkontamination und eventuell zu unkontrollierten Zerfallsprodukten führen würde. Es wird davon ausgegangen, daß der Grundwasserstand in Berlin nicht so stark ansteigen wird, daß der Müllkörper davon berührt wird; in diesem Falle wäre die finanziell ruinöse98
186 Entwicklungsperspektiven

oben:

Schautafel zum Endzustand der Deponiesanierung

98

eine Hausmülldeponie ist, wenn sie entsorgt wird, Sondermüll

Beseitigung der Altlast erforderlich. Damit die Abdichtung funktioniert, ist ein Mindestgefälle (5%) erforderlich. Dazu wird ein flacher Hügel auf dem Gelände aufgeschüttet, dessen Mächtigkeit doppelt so groß ist wie die eigentliche Müllmenge. Das aufgeschüttete Material ist Bodenaushub aus Berliner Baustellen; somit fungiert die Deponie also für sechs Jahre als Erdbzw. Bauschuttdeponie. Mit den Einnahmen aus den Deponiegebühren kann die Sanierung komplett finanziert werden; würde ein höherer Hügel aufgeschüttet, entstünde sogar ein Gewinn; dies ist aber offenbar verboten. Wegen der möglichen Methanentwicklung, der notwendigen Dichtigkeit der Deckschicht, dem unverdichteten Baugrund und dem Risiko der Ultima Ratio ‘Entsorgung’ der Deponie wird dort vermutlich niemals gebaut werden können. Die derzeitigen Pläne sehen vor, den Hügel zu begrünen, d.h., einen Park anzulegen, dessen Fläche annähernd dem als BuGa-Park angelegten Teil des Britzer Gartens, beziehungsweise etwa der zehnfachen Fläche des Vogelwäldchens entspricht. Die Potentiale einer solchen Fläche werden derzeit offenbar nicht gesehen: weder gibt es wirkliche Gestaltungsbestrebungen für den zukünftigen Park, noch Planungen, die angrenzenden Gebiete als Baugebiete weiterzuentwickeln – dabei war einer der Anlässe zur Sicherung der Deponie, daß die Wohnbebauung der sogenannten ‘Gartenstadt Großziethen’, einer typischen Nach-Wende-Siedlung, bereits bis auf 30m an die Deponiefläche heranreicht.
Die Straße zur Deponie Großziethen wurde vom Betreiber aus Sicherheitsgründen auf eigene Kosten auf 2 km Länge eingezäunt, damit Unfälle der etwa einmal täglich verkehrenden Schuttzüge und der LKW mit spielenden Kindern ausgeschlossen sind. Da durch diese Maßnahme die Spazierwege der Bevölkerung durchschnitten werden, wurde zusätzlich beidseitig der Einzäunung und rund um das Deponiegelände eine Art Patroullienweg angelegt, auf dem nun die Gropiusstäder Hunde gassi geführt werden können.

Grünplanung: Mülldeponie 187

Begreift man die Deponie als den zukünftigen Park, so kann man für die zukünftige Planung im Verflechtungsraum folgende Ziele ableiten: • Eine Verbindung des Parks Großziethen mit dem Grünzug Britz – Vogelwäldchen – Mauerstreifen ist anzustreben. Der Grünzug muß dabei weiterhin südlich aus dem Verdichtungsraum Berlin hinausgeführt werden. • Eine künftige Siedlungsentwicklung muß den Park als zentrales Element beinhalten und entsprechend von ihm profitieren • Die Erschließung des Parks könnte beispielsweise über eine Verlängerung der Lipschitzallee nach Südwesten, die im leichten Bogen nach Südosten abschwenkt und den Park östlich tangiert, erfolgen. Dies bedeutet langfristig eine erhebliche Aufwertung der Lipschitzallee und des daran gelegenen Zentrums der Gropiusstadt. Die den künftigen Park tangierende Verlängerung der Lipschitzalle könnte dabei durchaus auch Richtung Schönefeld weitergeführt werden, und würde eine weitere Vernetzung des Berliner Stadtgebietes mit dem Wachstumsbereich um den Flughafen herum ergeben.

Deponie Großziethen, überregionale Grünzüge und mögliche künftige Anbindung und Erschließung 188 Entwicklungsperspektiven

Soziale Entwicklung
Die Bevölkerungsentwicklung ist im Abschnitt ‘Der Alltag in der Gropiusstadt’ ausführlich behandelt. An dieser Stelle soll nur eine zusammenfassende Darstellung ihren Platz finden.

Mietenentwicklung
Die Entwicklung der Mieten in der Gropiusstadt hing in der Vergangenheit von der in der Finanzierung des sozialen Wohnungsbau angelegten ‘Zeitbombe’ der Degression staatlicher Subvention, und von den jeweils getroffenen politischen Entscheidungen, zusätzliche Subventionen zur Milderung aufzuwenden, ab. Letzteres stößt inzwischen zunehmend an die Grenzen des Landeshaushaltes an. Eine neue Explosion der Mieten ist also nicht auszuschließen. Gleichzeitig wurde die Fehlbelegungsabgabe inzwischen halbiert und auch die entsprechenden Freibeträge wurden erhöht. Um auch Besserverdienende nicht davon abzuhalten, in die Ghettos des sozialen Wohnungsbaus umzuziehen, hat man außerdem die Sozialbindung der Wohnungen aufgehoben. Dabei bleibt etwas unklar, was die Besserverdienenden zu diesem Schritt bewegen soll.

Überalterung
Die Studien der Bevölkerungsentwicklung zeigen eindeutig den hohen Anteil älterer Menschen in der Gropiusstadt, der in der nächsten Zeit auch noch weiter zunehmen wird. Wie schon die Studie des DIFU festgestellt hat, gehören die Rentner tendenziell zu den immobilen, d.h. an das Gebiet gebundenen Bevölkerungsgruppen. Der Bedarf an Freizeitangeboten für diese Menschen in der Gropiusstadt wird in Zukunft steigen. Gleichzeitig bietet sich aber auch in der Gropiusstadt die Chance, mit einem sich wandelnden Selbstverständnis der älteren Generation, die von Marketingstrategen schon längst als Konsumentengruppe der Zukunft gesehen wird, zu experimentieren.

Soziale Entwicklung 189

Segregation
Seit der durch Mietanstiege und Familienverkleinerung verursachten Auszugswelle Mitte der achtziger Jahre sind verstärkt neue Mietergruppen in der Gropiusstadt aufgetaucht. Da dort von Beginn an der Ausländeranteil sehr niedrig war, führte die Zuwanderung junger Familien insbesondere im südöstlichen Teil und in den schlechteren Wohnlagen (Verkehrslärm, wenig Außenraumqualität) zu einem Anstieg des Ausländeranteils, der sich zwischen 1985 und 1997 in einigen Bereichen der Gropiusstadt verdoppelt hat. Daß er damit noch immer weit unter dem Berliner oder Neuköllner Durchschnitt liegt, fällt bei der Betrachtung ‘von innen’, also mit den Maßstäben der Alteingesessenen, hierbei nicht auf. Aber auch die übrigen zuziehenden Familien entstammen großenteils einer anderen Bevölkerungsgruppe als die typischerweise dem Angestelltenstand entstammenden Gropiusstädter, da die Schwelle für die Wohnberechtigung in Sozialwohnungen sich beständig nach unten verschoben hat. Diese Unterschiede fördern bestimmte Ressentiments der Alteingesessenen gegenüber den Neubürgern, insbesondere in Zusammenhang mit dem gerade im Kleinbürgertum in den letzten Jahren wieder verstärkt umgehenden Ängsten vor dem sozialen Abstieg. Wie die Wahlen zum Abgeordnetenhaus 1989 zeigten, steckt in dieser Problematik durchaus Sprengstoff. Besonders auffällig zeigen sich solche Phänomene offenbar in den öffentlichen Bereichen, wie auch eine Anmerkung von Kerstin Federbusch (1997, S.92) zeigt:
„Bereits seit längerem läßt sich ein Trend, die Gropiusstadt zu verlassen (d.h. in andere Stadtteile zu ziehen) vor allem bei den jugendlichen und jungen Erwachsenen erkennen. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die ungewöhnliche Attraktivität der Gropiusstadt für ausländische Jugendliche aus ganz Neukölln, welche großenteils hierher kommen, um das Haus der Mitte aufzusuchen (der dortige Jugendkeller wird laut Angaben von Herrn Helm von bis zu 90% AusländerInnen besucht). Die in den Einkaufszentren häufig anzutreffende große Anzahl junger SüdosteuropäerInnen wohnt folglich nur zu einem sehr geringen Prozentsatz in der Gropiusstadt, die meisten verbringen ‘nur’ ihre Freizeit hier.“ 190 Entwicklungsperspektiven

Bei der 1998 durchgeführten Mieterbefragung des Stadtteilausschusses99 zeigte sich unversehens, daß das Gemeinschaftshaus Gropiusstadt tatsächlich nur zu einem geringen Teil von GropiusstädterInnen genutzt wird. Offenbar übt also auch in Sachen Kultur die Gropiusstadt durchaus einen Anziehungseffekt auf die Bewohner umliegender Gebiete aus. Der Jugendkeller im Haus der Mitte hat sich, wie in einem Gespräch mit dem dortigen Gemeinwesenarbeiter zu erfahren ist, inzwischen allerdings von seinen älteren Stammkunden „trennen müssen“ (d.h. Hausverbot), da die Situation infolge der Machtkämpfe verschiedener Jugendgangs außer Kontrolle zu geraten drohte. Dadurch besteht die Besuchergruppe im Augenblick wieder eher jüngeren, d.h. aus Anwohnern aus dem direkten Umfeld.100

vgl. Matthias Geyer derartige Wanderungstendenzen verschiedener, insbesondere der problematischen Jugendcliquen oder -gangs von Jugendzentrum zu Jugendzentrum sind allerdings kein Gropiusstadt-spezifisches, sondern eher ein für die Probleme der offenen Jugenarbeit typisches Merkmal.
100

99

Fluktuation
Berichte wie der vom 12.5.97 in der Berliner Zeitung über eine angebliche Flucht der Mieter aus den Vierteln des Sozialen Wohnungsbaus legen die Vermutung nahe, daß die Fluktuation in den Großsiedlungen stark zunimmt. Tatsächlich sind den dort abgedruckten Zahlen aber keine Vergleichswerte aus früheren Jahren zur Seite gestellt, so daß vermutlich noch immer niemand sagen kann, ob, und wenn ja, in welchem Maße die Fluktuation wirklich zunimmt. Die Zahlen der Wohnungsbaugesellschaft IDEAL (vgl. S.84) legen allerdings den Schluß eines starken Fluktuationsanstieges für 1997 nahe, auch wenn der Wohnungsbestand der Ideal nur sehr klein und wenig repräsentativ ist. Diese Fluktuation hat aber vermutlich mehr mit dem seit 1997 deutlich entspannten Berliner Wohnungsmarkt zu tun, denn auch wenn die Gropiusstädter in andere Bezirke umziehen, so ziehen sie dort u.U. in durch die Stadtflucht anderer freigewordene Wohnungen ein.

Soziale Entwicklung 191

Entwurfsstudie zum Straßenraum der Johannisthaler Chaussee

192

Zielkonzept

Zielkonzept
Zieldefinition: Was bedeutet Urbanität?
Ein für die Gropiusstadt angestrebter Entwicklungsprozeß sollte zum Ziel haben, die Nachteile der Gropiusstadt gegenüber den innerstädtischen Quartieren zumindest teilweise auszugleichen, dabei aber die Qualitäten, die sie bietet, zu nutzen. Die Vorteile der Gropiusstadt gegenüber innerstädtischen Quartieren liegen unzweifelhaft in der Durchgrünung, in der Ruhe, die zumindest die von den Randstraßen abgewandten Wohnlagen durchaus bieten, in den immerhin vorhandenen, wenn auch nicht ganz einfach zu nutzenden Freiflächen, in der Nähe zum Stadtrand und zum Britzer Garten, aber auch zum Flughafen Schönefeld und zur Autobahn, in der Qualität vieler Wohnungen und der augenblicklich guten Ausstattung mit Schulen, Kindertagesstätten und Sportflächen. Für die Vorteile, die innerstädtische Wohnlagen gegenüber der Gropiusstadt bieten, die aber auch die Gropiusstadt als ‘Randstädtische’ Siedlung, also als ein Stück Stadt, gegenüber den Wohnlagen des Umlandes und des Einfamilienhausteppiches bieten könnte (und sollte!), verwende ich das oft gebrauchte, aber im Grunde nicht genau definierte Schlagwort der ‘Urbanität’. Urbanität ist eine Eigenschaft einer (unmittelbaren?) Lebensumgebung, die nicht nur die materiellen Grundbedürfnisse des Menschen zu befriedigen in der Lage ist, sondern darüber hinaus auch die Bedürfnisse nach Kommunikation, Konsum, Selbstverwirklichung, individuellem Ausdruck, Anregung usw. Da diese Bedürfnisse häufig kein klar artikulierbares Ziel haben (wie dies das Essen bei Hunger ist), ist ihre Befriedigung an Gelegenheiten gebunden. Eine urbane Umgebung bietet eine Fülle solcher Gelegenheiten, auch und gerade dann, wenn man nicht auf der Suche nach Ihnen ist. Urban in diesem Sinne sind Orte, an denen eine Überlagerung, Überschneidung oder Gleichzeitigkeit verschiedener Ereignisse und Tätigkeiten eintritt. Dies ist in einer monofunktional strukturierten Umgebung naturgemäß seltener der Fall als in einer Umgebung, die völlig verschiedenen Funktionen Rechnung trägt. Aus diesem Grund hängt Urbanität meines Erachtens nach direkt mit der Nutzungsvielfalt an einem Ort zusammen. Diese ist natürlich bei höherer Dichte leichter zu erreichen, hängt aber nicht zwingend mit ihr zusammen. Insbesondere die hohe Dichte einer reinen Wohnbebauung bietet tendenziell nur gleichartige Ereignisse.

Was bedeutet Urbanität? 193

Analyse der Problemfelder und Entwicklungspotentiale der Gropiusstadt

¿¡S

tra

ße

nra

um

!?

tr ¿¡S

aß

en

rau

? m!

¿¡ St ra ße nr au !? m

¿¡Straßenraum!?

¿¡St

raße

nrau

m!?

+

194

Zielkonzept

Strategie: Neue Nutzungen
Urbanität kann begriffen werden als eine Art von Dichte der Nutzungen und Ereignisse im öffentlichen Raum. Eine Strategie, deren Ziel es ist, ‘Urbanität’ auch in der Gropiusstadt zu ermöglichen, läuft daher darauf hinaus, die verschiedenen Orte der Stadt mit verschiedenen Ereignissen und Nutzungen anzureichern, d.h. neue Nutzungen hinzuzufügen, und neue – wie auch bestehende – Nutzungen zu konzentrieren. Nutzungsmischung in der Gropiusstadt zu verwirklichen, bedeutet vor allem, Arbeitsstätten und Freizeitnutzungen zu integrieren. Der Vorteil der Integration von Arbeitsstätten liegt dabei nicht nur in dem damit gemachten Schritt in Richtung der ‘Urbanität’, sondern auch darin, daß für die Bewohner selbst ein besseres Angebot an wohnortnahen Arbeitsplätzen bzw. Arbeitsstätten (für (Teil-)Selbständige) geboten wird. Da reine Wohngebäude nach ihrem Bautypus und ihren Trägerformen (Wohnungsbaugesellschaften oder Eigentümergenossenschaften) normalerweise per se unflexibel, also nicht auf Nutzungsänderungen hin angelegt sind, wird jedes andere, für eine neue Nutzung errichtetes Gebäude gleichzeitig auch das Maß der Flexibilität der Gesamtstruktur ‘Gropiusstadt’ erhöhen. Die Ansiedlung neuer Nutzungen ist daran gebunden, daß diese Nutzungen an dem jeweiligen Ort Vorteile finden, die andere Orte nicht bieten. Hierfür kommen zum einen Dienstleistungen in Frage, die nicht unmittelbar an die Lage in der City gebunden sind, wie zum Beispiel Zentren für Telearbeit, bestimmte Verwaltungen etc., zum anderen aber auch Dienstleistungen, die sinnvoll auf halbem Wege zwischen City und Flughafen bzw. Autobahn bzw. Umland liegen, wie z.B. Tagungshotels, Handelsniederlassungen etc. Im Bereich der Freizeitnutzungen ist natürlich vor allem der Bedarf der unterversorgten Gropiusstädter selbst zu berücksichtigen. In diesem Bereich scheint ein sinnvolles Konzept zu sein, vor allem ‘Gelegenheiten’, also umnutzbare Freiräume, zu schaffen. Diese können, müssen aber nicht, durchaus auch kommerziell besetzt werden. Vorschläge der der DIFU-Studie (Becker/Keim 1977) zur Weiterentwicklung der Gropiusstadt
Zulassen von Nutzungsänderungen Sowohl in einzelnen Häusern als auch auf Freiflächen sollten Nutzungsänderungen zugelassen, besser noch: gefördert werden. Ein nachträglicher Umbau von Wohnungen in Gemeinschaftsräume, kleine Läden oder Werkstätten ist technisch auf jeden Fall möglich. Ein Teil der repräsentativen, nicht betretbaren Grünflächen könnte z. B. zu Spielbereichen für ältere Kinder und im Zusammenhang mit Erdgeschoßräumen der Wohngebäude zu Treffpunkten der Jugendlichen umgenutzt werden. Flexibilität für eine sich wandelnde Altersstruktur Die Veränderungen bei der Altersstruktur der Bevölkerung (weniger Kleinkinder, mehr ältere Kinder und Jugendliche, mehr Erwachsene im Rentenalter) wird für künftige Investitionen und Nutzungsänderungen eine wesentliche Rolle spielen. Es ist anzustreben, vorhandene Einrichtungen möglichst flexibel den verschiedenen Nutzergruppen und Nutzungsinteressen anzupassen. Dabei sollten zusammen mit den Nutzern Organisationsformen zum Betrieb der Einrichtungen entwickelt werden. Vorgegebene starre Benutzungsregeln und enge Öffnungszeiten wirken sich dabei nachteilig aus. Investitionen für die Errichtung räumlicher Angebote sind zugunsten finanzieller Mittel für Organisation, Konzepterarbeitung und

Strategie: Neue Nutzungen 195

Option ‘Band’ : Vorstudie zur räumlichen Vorstudie Ver teilung von Eingriffen in der Gr opius Eingriffen stadt. (Bei den her vor gehobenen Gebäuden handelt es sich um Parkhäuser)

196

Zielkonzept

Intensivierung und Konzentration
Orte, für die eine Anreicherung mit Ereignissen und Nutzungen Personalkapazität einzuschränken (z. B. durch wünschenswert erscheint, sind neben den die Siedlung durchschneiAufstellen mobiler provisorischer Gebäude, wenidenden und umgrenzenden Straßen insbesondere das Netz der ger aufwendige Inneneinrichtungen usw.). Fußwege und der Binnenerschließungen der Gropiusstadt. Sie stellen eine besondere, weder in innerstädtischen Quartieren, noch im vor- Entwicklung eines eigenen Nebenzentrums städtischen Einfamilienhausteppich vorhandene Qualität und daher Die Bevölkerung der Gropiusstadt und die der einen Ansatzpunkt zur Weiterentwicklung dar. An besonderen Punkumliegenden Gebiete bilden einen Einzugsbeten entlang ihrer Rändern erscheint die Anlagerung neuer Nutzung reich mit ca. 110.000 Bewohnern. Diese Größenvielversprechend. Auch der Park, das Grün und die Ruhe sind, insbeordnung reicht aus, um die Gropiusstadt zu eisondere im Hinblick auf die ältere Generation, selbstverständlich ein nem vollwertigen Nebenzentrum auszubauen Wert und in der heutigen Zeit auch in gewisser Weise ein Ereignis. und sie so zu einem Anziehungspunkt werden zu Dennoch kann der Versuch unternommen werden, die Nutzung der lassen. Einzelne Angebote fehlen bis jetzt noch Freiflächen der Gropiusstadt zu intensivieren, und zwar insbesondere völlig (z. B. Buchläden). unter der Woche, tagsüber, und punktuell auch abends. Einen anderen Ansatz für Nachverdichtung bilden die bestehen- Funktionale Durchmischung den Parkhäuser, die zu großen Teilen leer stehen und aus diesem Eine prinzipielle Durchmischung von Wohn- und Grund bereits teilweise (extensiv) begrünt wurden. Da diese ParkhäuArbeitswelt ist nach der gegenwärtigen Entwickser sämtlich an Straßen liegen, sind die meisten von Ihnen sehr gut lung für die Gropiusstadt nicht möglich. Für eine erschlossen und auch als Standorte für publikumsintensive Nutzunstufenweise Reaktivierung örtlicher Produktionsgen geeignet. Der späte Zeitpunkt ihrer Planung verhinderte eine stätten fehlen die wirtschaftlichen und strukturechte Integration der Parkhäuser ins Entwurfskonzept: sie stehen als politischen Voraussetzungen. Eine Ausweitung Fremdkörper zwischen den Wohnscheiben und versperren teilweise der Dienstleistungsbetriebe bildet nur einen die Beziehungen zwischen den umgebenden Freiräumen. schwachen Ausgleich. Dennoch halten wir es für Andererseits bedarf das Leitbild der Urbanität durchaus der Kondringend erforderlich, daß für Frauen, insbesonzentration der Ereignisse auf bestimmte Teilräume; diese sollten neu dere Mütter, mehr Arbeitsplätze in der näheren definiert werden, wenn den bestehenden Nutzungen neue hinzugeUmgebung ihrer Wohnungen geschaffen werden fügt werden. Gemeint ist hier aber nicht eine Konzentration auf in und daß integrierte Arbeits- und Ausbildungsmosich abgeschlossene ‘Indoor worlds’, wie z.B. die Shopping Mall ‘Grodelle für Jugendliche entwickelt und erprobt werpiuspassagen’, sondern eine Konzentration entlang von Entwickden, möglicherweise in Verbindung mit dem gelungsachsen, als die ich die ‘Straßenräume’101 Johannisthaler Chausplanten berufsorientierten Oberstufenzentrum. see und die Lipschitzallee vorschlage.
(Becker/Keim 1977, S. 303)

Strategie: Intensivierung und Konzentration 197

198

Zielkonzept

Sicherung der Identität – Zulassen von Veränderungen (Regeln)
Geht man von der These aus, daß Veränderungen der Baustruktur prinzipiell erwünscht sind, und daß diese nach dem Gesetz des ‘higher use’ nur dann eintreten, wenn sie sich rentieren, so wird man zunächst versuchen, bislang gering ausgenutzte Bereiche für eine (Neu-) Bebauung zur Verfügung zu stellen. An nicht überbauten, aber auch nicht als Freiraum genutzten Abstandsflächen herrscht in der Gropiusstadt kein Mangel; allerdings ist nicht denkbar, ALLE diese Bereiche zu überbauen, ohne dabei den Charakter des offenen, fließenden Raumes in der Siedlung völlig zu zerstören. Dennoch sollte man andererseits nicht davon ausgehen, daß JEDER Freiraum der Gropiusstadt gewollt oder gar gestalterisch vorgesehen worden sei; dies konnte die damalige Planung gerade NICHT leisten. Da es aus u.a. aus Gründen der Beibehaltung der historischen und räumlichen Identität der Gropiusstadt sicherlich unerwünscht ist, die räumlichen Kompositionsprinzipien ihrer Entstehung über Bord zu werfen, steht man vor der Frage, wie diese zu erhalten sind. Eine besondere Schwierigkeit dabei ist, daß diese Prinzipien niemals genau genug definiert waren – was schon 1964 ermöglichte, unter dem Emblem Gropius’scher Planungen eigene Süppchen zu kochen.102 Eine Art kritische Rekonstruktion und allgemeinverbindliche Festsetzung gestalterischer Leitlinien für die Gropiusstadt erscheint zwar mühsam und nach 35 Jahren einigermaßen anachronistisch, aber zumindest in einigen wesentlichen Bereichen unumgänglich, da die bisherige Form der Sicherung der alten Planungen, der Bebauungsplan, offenbar überhaupt keine kontrollierten Veränderungen zuläßt, sondern nur solche, die sich ihren Weg durch den Dschungel der Kompetenzen mit Macht bahnen.103 Gleichzeitig wird man vermeiden müssen, neuerlich ‘Masterplanungen’ aufzustellen, die schon 1962 nicht mehr durchsetzbar waren. Eine Festsetzung jeder einzelnen Sichtbeziehung und jedes einzelnen Raumcharakters erscheint nicht leistbar. Vielmehr muß die Planung selbst flexibel gegenüber dem sein, was zu beliebigen, nicht vorhersehbaren Zeitpunkten machbar scheint – darf aber dennoch nicht Ihre Ziele vollständig preisgeben, denn sonst wäre sie überflüssig.
hiermit ist nicht ‘Korridorstraße’ gemeint vgl. die Wettbewerbe für die Teilgebiete 1962, S.53 103 vgl. das Genehmigungsverfahren für den Umbau des Einkaufszentrums Johannisthaler Chaussee zu den ‘Gropiuspassagen’, S. 169 ff
102 101

links: Option ‘Band’ Vorstudie zur räumlichen Verteilung von Eingriffen in der Gropiusstadt. Die Idee eines verbindenden Bandes zur Neustrukturierung der zerrissenen Gropiusstadt erwies sich jedoch in der weiteren Untersuchung als zu formal und, bezogen auf die Umsetzbarkeit als wenig realistisch.

Sicherung der Identität – Zulassen von Veränderungen 199

Denkmodelle zur Analyse der räumlichen Verteilung von Eingriffen über die Gropiusstadt Ein Versuch, die verschiedenen Eingriffe in einem Band anzuordnen, das die in Teilgebiete zersplitterte Gropiusstadt überspannt

200

Zielkonzept

Insofern erscheint eine zweigleisige Strategie vonnöten: • Einerseits müssen bestimmte, grundlegende Dinge allgemeinverbindlich festgelegt werden, wie z.B. wesentliche Sichtbeziehungen, absolut unantastbare Freiräume (z.B. Teile des Grünzuges), aber auch die Aufhebung der Verbindlichkeit der bisherigen Bebauungspläne und Abstandsregeln. • Andererseits müssen im Einzelfall flexible, anwendbare Regeln eine Neubebauung ermöglichen, aber andererseits die Ziele der Planung sichern, wozu die Bebauungspläne offenbar nicht ausreichend waren. Ein Beispiel hierfür wäre der Ersatz der Berliner Abstandsregeln (Prinzip: ‘Ein Gebäude muß umfallen können’) im Bereich der Gropiusstadt durch Mindestbesonnungsregeln, wie sie andernorts üblich sind. Hierdurch würden ggf. Abstandsgrünflächen zu Bauland. Insbesondere würde es dadurch möglich, das Verhältnis angrenzender Gebäude zu den das Gebiet durchschneidenden Straßen neu zu definieren, ohne diese dabei abreißen zu müssen, indem besondere, flache Gebäude als ‘Puffer’ dazwischengeschoben werden könnten.
links: Option ‘Band’ Vorstudie zur räumlichen Verteilung von Eingriffen in der Gropiusstadt. Überlegungen zur Anordnung von größeren Baukörpern im Gefüge der Gropiusstadt zur Findung einer Palette unterschiedlicher, voneinander unabhängiger, aber vernetzungsfähiger Standorte Zusätzlich wurde in dieser Option die Variante einer Verbindung der Eingriffe durch eine hochgelegte Erschließung, um die trennende Wirkung der Verkehrsstraßen aufzuheben, untersucht. Die Funktionalität einer solchen two-Level-City darf allerdings bezweifelt werden, zumal sie tendenziell eine weitere inflationäre Vergrößerung des öffentlichen Raumes bedeutet. Sanierungsverfahren 201

Sanierungsverfahren
Die Veränderung der Bebauungsregeln der Gropiusstadt, also die teilweise Aufhebung oder Änderung der Bebauungspläne, die Schaffung von Ausnahmeregelungen zum Abstandsrecht und die Einführung neuer Regeln zur Erhaltung der Gestaltungsideen, aber auch die bewußte Tolerierung und Förderung von Nutzungsänderungen / Zweckentfremdungen, bedürfen eines gesellschaftlichen Konsenses. Daher setzt jede wirkliche Veränderung in diese Richtung eine politische Entscheidung sowie eine Einbeziehung aller Eigentümer, das heißt ein förmliches Sanierungsverfahren, voraus. Ein solches Verfahren liegt vor allem im Interesse der Wohnungsbaugesellschaften und sonstigen Eigentümer der Gropiusstadt, die derzeit allen Grund haben, ein Absacken des sozialen Milieus der Siedlung zu fürchten und dies auch tun. Das erhoffte Ziel einer stärkeren Durchmischung der Mieter- bzw. Nutzerschaft kann jedoch unter den gegenwärtigen Bedingungen nur erzielt werden, wenn Anreize für die Zuwanderung anderer Mieter und Nutzer geschaffen bzw. ausgeschöpft werden. Dementsprechend sollte ein Planungsträger (freier Sanierungsträger oder bezirkliche Planungsbehörde) Vorschläge zur Umnutzung und Weiterentwicklung Erarbeiten, diese für entsprechende Bebauungsplanverfahren vorbereiten sowie nach Investoren für Teilprojekte suchen. Für kleinere Arrondierungen, Umbau von bestehenden Gebäuden sowie Veränderungen bestehender Nutzungsverhältnisse kämen zunächst die Grundeigentümer, die Wohnungsbaugesellschaften in Frage. Für größere, oder komplexere Projekte, wie den Lipschitzplatz, den Rückbau des Kölner Dammes und die Überbauung der parallelen Eisenbahnlinie oder die Neubebauung des Schulgrundstückes, müssen Investoren als Planungsträger gefunden werden auch hier erscheint mir aber eine Beteiligung Berlins oder der Wohnungsbaugesellschaften durchaus denkbar. Nicht zuletzt muß auch nach Möglichkeiten gesucht werden, wie eine Art von Infrastruktur von frei anmietbaren und flexibel Nutzbaren Flächen für Kleingewerbetreibende, Kleindienstleister und Selbständige geschaffen werden kann, die in der Gropiusstadt selbst großenteils fehlt. Hier besteht
202 Zielkonzept

auch ein Bedarf für neue Träger- und Bauformen (Gründerzentrum, Zentrum für Telearbeit, ...) Wirksamkeit Wesentlich für die Wirksamkeit eines solchen Verfahrens ist sicherlich, daß es sowohl aus einem Bündel konkreter Einzelmaßnahmen, wie auch aus bestimmten Randbedingungen besteht, die andere, ungeplante Entwicklungen begünstigen. Die konkreten Maßnahmen übernehmen dabei die Rolle der Initialzündung bzw. des greifbaren und betreibbaren Projektes, während es sich bei den ‘Randbedingungen’, wie z.B. Flexibilität der Nutzung, Unabhängigkeit von Subventionen, Aneignbarkeit der öffentlichen Räume etc. eher um Kriterien handelt, von deren Einhaltung das Gelingen der Projekte abhängt, und die daher sorgfältig zu beachten sind. Dabei müssen die einzelnen ‘Projekt’-Teile unbedingt auch unabhängig voneinander zu verwirklichen sein. Ein Gesamtkonzept kann daher zwar mehr sein als die Addition seiner Teile, darf aber nicht am Fehlen eines Puzzlestückes scheitern.

Vorgeschlagene Maßnahmen 203

Erste Überlegungen: Vorschläge für Maßnahmen
1. Stärkung dezentraler Infrastruktur • kommerzielle Infrastruktur: ‘Frühstücksecke’, Copyshop, Kneipe, Lebensmittel, Getränke, ... = täglicher Bedarf für gehobene Ansprüche • Schaffung räumlicher Kommunikationsangebote • Freiräume: nutzbare / aneigenbare Flächen und Räume Ziel: - Stärkung und Schaffung dezentraler Infrastruktur, - Anreicherung des öffentlichen Raumes mit ‘Ereignissen’ Maßnahmen: - Ausweisen eines Netzes von Orten (Erdgeschosse bestehender Gebäude, günstige Punkte in öffentlichen Freiräumen, ...), - Neugestaltung einzelner Plätze/Orte als Anreiz weiterer Entwicklungen Randbedingungen: - Erleichterung der Umnutzung/Zweckentfremdung von Wohnungen in Erdgeschoßzonen; - Genehmigung von flachen Gebäuden in den Abstandsflächen bestehender, sofern sie öffentlich, und ihre Dachflächen mindestens privat zugänglich sind und. - die Aufenthaltsqualität des öffentlichen Raumes sollte in irgend einer Weise zum wesentlichen Kriterium erhoben werden.

2. Zentren der Infrastruktur: Entwicklungsachsen entlang der Straßen a) Johannisthaler Chaussee – Mariendorf – Lichterfelde b) Lipschitzallee – Großziethen – Schönefeld
204 Zielkonzept

Ziele: - Konzentration des öffentlichen Lebens, und damit auch größerer Investitionen und Umgestaltungen auf definierte Bereiche, um die Entstehung einerseits ruhiger, andererseits belebter Zonen innerhalb der Gropiusstadt zu fördern. - Neudefinition des Verhältnisses zwischen Straßen und den angrenzenden Grundstücken: Die an Straßen angrenzenden Flächen und Gebäude sollten von der Straße profitieren, anstelle sie zu ignorieren. Verkehrsunverträgliche Nutzungen (Erholungsflächen, Wohngebäude, ...) werden sukzessive durch Nutzungen ersetzt, die von direkter Erschließung und Verkehrsströmen profitieren (Läden, Büros, Gewerbe, stark belebte Freiräume) - Verknüpfung der einzelnen Zentrumsbereiche zu Bändern: hebt die Isolation einzelner Nutzungen auf und verbessert die Integration von Bereichen hoher Konzentration in die Umgebung Maßnahmen / vorgeschlagene Projekte: Umgestaltung des Schwerpunktes sozialer Infrastruktur an der Lipschitzallee in ein erlebbares Zentrum mit verschiedenen Nutzungen • Interpretation des Grünzuges zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen als ‘central park’ der Gropiusstadt • Umorientierung des Platzensembles Lipschitzplatz/Bat-Yam-Platz auf diesen Grünraum hin (als dessen ‘hartes’ Pendant) • Konzentration von publikumsorientierten Nutzungen im Bereich des Platzes Anlagern von weiteren Nutzungen an die Lipschitzallee: • Großer Bereich gewerblicher oder Dienstleistungsnutzungen auf dem Gelände der ehemaligen Clay-Oberschule.104 Lipschitzallee / Rudower Straße (Verwaltungssitz, Tagungshotel o.ä. Nutzungen, die von der Lage zwischen Flughafen und Innenstadt profitieren) • Anlagern von straßenverträglichen Dienstleistungsnutzungen an

104

Das Gebäude ist seit 15 Jahren wegen Asbestverseuchung geschlossen.

Vorgeschlagene Maßnahmen 205

•

•

die Ränder des Sportplatz- und Schwimmbadgeländes Lipschitzallee / Fritz-Erler-Allee, sowie in die breiten Abstandsflächen der Wohngebäude Lipschitzallee 24-36 und gegenüber Nachverdichtung mit Büros im Bereich der Parkhäuser südlich des großen Grünraumes zur Belebung des Bereiches während der Arbeitszeiten Betonung des südlichen Eingangs in die Gropiusstadt durch ein Hochhaus mit Büronutzungen gegenüber dem Wohnhochhaus am Sollmannweg

3. Ränder: Verknüpfung mit den umliegenden Gebieten Abbau von Barrieren in den peripheren Bereichen der Gropiusstadt (bessere Durchwegung von Schul- und Sportflächen etc. ) • Rückbau des Kölner Dammes und Anlagerung neuer Nutzungen entlang des Bandes Kölner Damm / Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn; brückenartige Überbauung des Bahngeländes
•

4. Umnutzung, Umbau oder Abriß und Überbauung einiger der bestehenden Parkhäuser Ziele: Verbesserung der dezentralen Infrastruktur / Mobilisierung von Flächenreserven an den Entwicklungsachsen Nutzungen: Läden (Einbau), Freizeitstätten (Skate-Bahnen, Diskotheken, ...), Büros (Überbauung / Teilabriß) 5. Grünplanung: Weiterentwicklung des Grünzuges Stärkung der lokalen Charaktere räumlicher Abschnitte des Grünzuges – abgestimmt auf die Charakteristika und strukturellen Besonderheiten der angrenzenden Wohngebiete und übrigen Nutzungen – • weit / grün / ruhig im Bereich des ersten Bauabschnittes • breites Band intimer, vielfältiger, aber ruhiger Teilräume im Bereich
206 Zielkonzept

• •

zwischen Johannisthaler Chaussee und Lipschitzallee groß – zentral – grün – aktivierbarer Freiraum im zentralen Bereich zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen robustes, aktives Wohn- und Spielgrün im kinderreichen südöstlichen Bereich der Gropiusstadt

Kreuzungspunkte der Zentrumsbänder mit dem Grünzug werden besonders betont • Beispiel Lipschitzplatz: Ausbildung eines dem Grünzug zugewandten, belebten Platzes als Erweiterung der Lipschitzallee Weiterführung des südöstlichen, toten Endes des Grünzuges • Rückbau zweier Gebäude, Schaffung eines Überganges über die Bahngleise, Verlagerung der Polizeistation. Anlagerung von SpielSport- und Konsumnutzungen an den neuen Grünzug Die vorgeschlagenen, zunächst nicht profitablen Abrisse zur Vervollständigung des Grünzuges sind sicherlich am schwierigsten umzusetzen. Hier muß ein Ausgleich in Form von Nutzungsrechten an anliegenden Grundstücken, die durch den Grünzug aufgewertet werden, gewährleistet sein, was am ehesten im Rahmen eines Sanierungsverfahrens denkbar erscheint. Stärkung des Fußwegenetzes • durch Anlagerung weiterer Funktionen der täglichen Versorgung, aber auch der Erholung und Freizeitgestaltung an zentralen Punkten. Beispiel: Zwei Bereiche am Wildmeisterdamm, eventuell auch östlicher und mittlerer Teil des Grünzuges

Vorgeschlagene Maßnahmen 207

208

Literatur

Literatur
Apel, Dieter: Beziehungen zwischen Gropiusstadt, Neukölln und Gesamtstadt; Schriften des Deutschen Instituts für Urbanistik; Bd. 59 aus: Gropiusstadt, soziale Verhältnisse am Stadtrand: soziologische Untersuchung einer Berliner Großsiedlung. / Becker, Heidede; Keim, K. Dieter [Hsg] S. 164-210; Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1977 Stadterneuerung in Grosssiedlungen der 50er bis 70er Jahre - Probleme und Lösungsansätze. [Vortrag im 205. Kurs desInstituts für Städtebau der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung Berlin, 13. bis 15. November 1985.] / Hans Arendt, / Institut für Städtebau der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung; Berlin, 1985

Arendt, Hans:

Autzen, Rainer; Becker, Heidede: Moderne Zeiten: Aufwertung, Rückbau oder was sonst? aus: Stadtbauwelt 86 S. 930-938; Berlin, 1985 Autzen, Rainer; Becker, Heidede: Zukunftsorientierte Strategien aus: Martin/Pächter (1987): 25 Jahre Gropiusstadt S. 3841; Berlin, 1987 Baatz, Rainer (Red.): Nachbesserung von Gross-Siedlungen in Berlin (West): Gropiusstadt; ISR-Studienprojekte 5 / Inst. für Stadt-und Regionalplanung; Berlin, 1986 Bandel, Hans; Machule, Dittmar: Die Gropiusstadt. Der städtebauliche Planungs- und Entscheidungsvorgang. Eine Untersuchung im Auftrage des Senators für Bau- und Wohnungswesen Berlin; Berlin, 1974

Literatur 209

Becker, Heidede; Keim, K. Dieter [Hsg.]: Gropiusstadt, soziale Verhältnisse am Stadtrand: soziologische Untersuchung einer Berliner Großsiedlung. Autoren der Beiträge u.a. Dieter Apel, Heidede Becker, K. Dieter Keim, Wolfram Schneider; Schriften des Deutschen Instituts für Urbanistik; Bd. 59; Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1977 Becker, Horst: Berlin-Buckow-Rudow: Wohnen in der Stadt? aus: Architekten- und Ingenieur-Zeitschrift; 1967 Stadterneuerung: Aneignung der Siedlung durch die Mieter/Bewohner aus: Stadterneuerung in Grosssiedlungen der 50er bis 70er Jahre - Probleme und Lösungsansätze. [Vortrag im 205. Kurs desInstituts für Städtebau der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung Berlin, 13. bis 15. November 1985.] / Hans Arendt, / Institut für Städtebau der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung; Berlin, 1985 Stichworte zum Thema Gropiusstadt heute aus: 25 Jahre Gropiusstadt / Martin, Volker; Pächter, Klaus [Hsg] S. 22-25; Berlin, 1987

Boltz, Peter:

Boltz, Peter:

Brüggemann, R; Kleine-Rüschkamp, U.; Sommer, I: BBR, Versuch einer Rekonstruktion des Planungs- und Bauablaufes der Großraumsiedlung BerlinBuckow-Rudow (Gropiusstadt); Diplomarbeit am Fachbereich Architektur der TU Berlin; Berlin, 1971 Demokratisches Wohnen? Ausschnitte aus einer Tagung der Ev. Akademie Berlin, November 1961 aus: Bauwelt 1962, Heft 1, S. 7ff; 1962

210

Literatur

Federbusch, Kerstin: GropiusStadt; Entstehung und Entwicklung der Berliner Großsiedlung. Diplomarbeit am Fachbereich 12/13 der Uni GH Kassel; Kassel, 1997 Fehl, Gerhard: Die Legende vom Stadtbaukünstler aus: Stadtbauwelt 63 S. 1513-1523; Berlin, 1979

25 [Fünfundzwanzig] Jahre Gropiusstadt: Sonderheft zur 25. Wiederkehr der Grundsteinlegung für die Gropiusstadt in Berlin-Neukölln am 7.Nov. 1962; Kleindienst Lokalpresse / Hanicke, Reginald [Red.]; Berlin, 1987 Geyer, Matthias: Gropiusstadt (Arbeitstitel). Derzeit im Entstehen begriffene Diplomarbeit am Fachbereich Geographie der FU Berlin. Enthält die Ergebnisse einer Bewohnerbefragung des Stadtteilausschusses Gropiusstadt 1998; Berlin, 1998 (?) Goederitz, Johannes; Rainer, Roland; Hoffmann, Hubert: Die Gegliederte und aufgelockerte Stadt; Archiv fuer Städtebau und Landesplanung. 4; Tuebingen, 1957 Gropius, Walter: Apollo in der Demokratie; Cambridge/Mass., 1967 Die Gropiusstadt. Ein neuer Stadtteil in Kommentaren, Plänen und Bildern aus: Berliner Forum, Heft 4; Berlin, 1972 Grundrisse der Wohngebäude der Gropiusstadt aus: Berlin und seine Bauten, Teil IV: Wohnungsbau, Band B - Die Wohngebäude. Mehrfamilienhäuser. S.764-801 867 S.; Berlin, 1974
Literatur 211

IWOS (Institut für Wohnungsbau und Stadtteilplanung): Großsiedlungen als neues Handlungsfeld der Stadterneuerung Fallbeispiel Gropiusstadt; Staedtebauseminar am IWOS, TU Berlin, Fachbereich 8 Leitung: Mattias Frinken...; Iwos-Studien 6 / Frinken, Matthias (Red.); Berlin, 1990 Keim, K. Dieter: Die soziale Lage der Bewohner; Schriften des Deutschen Instituts für Urbanistik; Bd. 59 aus: Gropiusstadt, soziale Verhältnisse am Stadtrand: soziologische Untersuchung einer Berliner Großsiedlung. / Becker, Heidede; Keim, K. Dieter [Hsg] S. 215-232; Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1977

Kolland, Dorothea (Red.): Buckow - Rudow; das Heimatmuseum zu Gast in der Gropiusstadt; Ausstellung vom 28.8. bis 3.10. 1987 im Gemeinschaftshaus in der Gropiusstadt; VorOrt Berlin / Heimatmuseum (Neukoelln); Berlin, 1987 Lenssen, Ute; Kristan, Thomas: Freiraumplanung von Bewohnern städtischer Quartiere – ein Exkursionsbericht; unveröffentlichte Studien- und BPS-Arbeit am FB 12/13 der Gesamthochschule Universität Kassel; Kassel, ohne Jahr (1986) Martin, Volker; Pächter, Karl; Wurtinger, Hermann: Mehr Stadt, mehr Landschaft. Gedanken zur Erneuerung der Gropiusstadt aus: Stadtbauwelt 86 S. 952-955; Berlin, 1985

212

Literatur

Martin, Volker; Pächter, Karl [Hrsg.]: 25 [Fünfundzwanzig] Jahre Gropiusstadt: Geschichte und Zukunft der Berliner Großsiedlung / Bezirksamt Neukölln; Berlin, 1987 Peters, Andrea: Frauen und Wohnumfeld - räumliche und soziale Lebensbedingungen am Beispiel der Gropiusstadt. (enthölt eine Beschreibung des FrauencafeProjektes am Löwensteinring); Diplomarbeit im Fach Geographie, FU Berlin; Berlin, 1988 Die Wohngebiete 1946-1967, Liste der Wohngebiete 1946-1967 aus: Berlin und seine Bauten, Teil IV Wohnungsbau, Band A.; Berlin, 1970 aus: Bauwelt 1968 Heft 16/17, S. 451 ff;

Rave, Jan u.a.:

Rundgang durch BBR 1968

Schneider, Wolfram; Keim, K. Dieter: Wohnungsbau und Belegungspolitik; Schriften des Deutschen Instituts für Urbanistik; Bd. 59 aus: Gropiusstadt, soziale Verhältnisse am Stadtrand: soziologische Untersuchung einer Berliner Großsiedlung. / Becker, Heidede; Keim, K. Dieter [Hsg] S. 130 - 161; Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz, 1977 Schönknecht, Anneliese: Die Fassadengestaltung der modernen Architektur: empirische Untersuchungen zur Wahrnehmungsmotivation d. Bewohner im Märkischen Viertel u. in d. Gropiusstadt; Inaugural - Diss. zur Erlangung des Grades e. Doktors der Wirtschafts- u. Sozialwissenschaften der FU;

Literatur 213

Verkehrsplanung für Berlin. Materialien zum Stadtentwicklungsplan Verkehr / Senatsverwaltung für Verkehr und Betriebe Berlin; Berlin, 1995 Wir sind im Aufbau [Ton-Dia]; auszuleihen in der Landesbildstelle Berlin, Berlin, 1976 Zu Hause in der Gropiusstadt; Ein Familienporträt [Video] / Aufzeichnung eines Fernsehbeitrages; auszuleihen in der Landesbildstelle Berlin; Berlin, 1990

214

Literatur

Anhang

Anhang 215

Berechnungstabelle zur Bevölkerungsfortschreibung (Simulationsrechnung) [S. 86 - 89]
Altersgruppe 0 3 6 9 12 15 18 21 24 27 30 33 36 39 42 45 48 51 54 57 60 63 66 69 72 75 78 80 - unter 3 - unter 6 - unter 9 unter 12 unter 15 unter 18 unter 21 unter 24 unter 27 unter 30 unter 33 unter 36 unter 39 unter 42 unter 45 unter 48 unter 51 unter 54 unter 57 unter 60 unter 63 unter 66 unter 69 unter 72 unter 75 unter 78 unter 80 und älter W(Tod) 5,3 0,3 0,1 0,2 0,2 0,2 0,2 0,7 0,7 0,7 1,3 1,3 1,3 3,1 3,1 3,1 3,1 7,5 7,5 7,5 16,9 16,9 16,9 39,2 39,2 39,2 39,2 124

generell: 13,0%

generell: 13,0%

W(Wegzug) 59,6% 82,2% 69,4% 66,1% 42,0% 99,1% 198,9% 462,9% 319,7% 123,1% 110,4% 76,9% 69,6% 73,7% 9,8% 74,8% 169,9% 136,7% 42,5% 19,2% 11,9% 8,8% 9,7% 6,9% 7,3% 4,2% 4,3% 4,5%

W(Wegzug, Produkt) 7,7% 10,7% 9,0% 8,6% 5,5% 12,9% 25,9% 60,2% 41,6% 16,0% 14,4% 10,0% 9,1% 9,6% 1,3% 9,7% 22,1% 17,8% 5,5% 2,5% 1,5% 1,1% 1,3% 0,9% 1,0% 0,5% 0,6% 0,6% 307,3%

W(Zuzug) 5,0% 6,2% 5,3% 3,8% 2,7% 2,1% 2,9% 4,7% 5,9% 8,7% 7,4% 5,8% 3,8% 2,9% 2,8% 2,2% 2,4% 1,6% 2,2% 3,1% 3,3% 3,5% 3,0% 2,3% 1,8% 0,8% 2,0% 1,8% 100,0%

Männer [%] 3,4% 5,5% 6,9% 5,9% 4,2% 3,0% 2,3% 2,6% 4,3% 6,1% 9,6% 8,3% 6,6% 4,2% 3,3% 2,9% 2,1% 2,0% 1,4% 1,8% 2,3% 2,3% 2,6% 2,2% 1,7% 1,1% 0,4% 1,0% 100,0%

Frauen [%] Männer 2,8% 4,4% 5,6% 4,8% 3,4% 2,4% 1,9% 3,2% 5,1% 5,8% 8,0% 6,6% 5,2% 3,5% 2,6% 2,7% 2,3% 2,8% 1,7% 2,5% 3,6% 3,8% 4,0% 3,4% 2,4% 2,1% 1,0% 2,4% 100,0% 665 1076 1350 1154 822 587 450 509 841 1193 1878 1623 1291 822 645 567 411 391 274 352 450 450 509 430 333 215 78 196 19560

Frauen 645 1013 1289 1105 783 553 437 737 1174 1335 1842 1520 1197 806 599 622 530 645 391 576 829 875 921 783 553 484 230 553 23025 real: Differenz:

real 1973 1310 2089 2639 2259 1604 1139 887 1245 2015 2529 3720 3143 2488 1627 1244 1189 940 1036 665 928 1279 1325 1430 1213 885 699 308 748 42585 42585

Summe Mittelwert Summenprodukt

84,4% 103,5%

13,5%

Angenommene
500,0% 450,0% 400,0% 350,0% 300,0% 250,0% 200,0% 150,0% 100,0% 50,0% 0,0%

Fluktuation

/

Lebensalter
W(Wegzug) W(Zuzug) 9,0% 8,0% 7,0% 6,0% 5,0% 4,0% 3,0% 2,0% 1,0% 0,0%

0 unter 3

12 unter 15

24 unter 27

36 unter 39

48 unter 51

60 unter 63

72 unter 75

EW 43000 42000 41000 40000 39000 38000 37000 36000 35000 34000
real

Wegzug

Lebensalter

216

Anhang

Zuzug

n

real 1973 1310 2089 2639 2259 1604 1139 887 1245 2015 2529 3720 3143 2488 1627 1244 1189 940 1036 665 928 1279 1325 1430 1213 885 699 308 748 42585 42585

Simula tion 1976 600 1530 2157 2608 2212 1631 1153 919 822 1657 2527 3495 3028 2416 1612 1340 1198 812 951 783 1064 1389 1408 1467 1161 817 721 367 41845

Simula tion 1979 400 886 1658 2169 2530 2205 1581 1116 692 961 1797 2478 3344 2905 2317 1699 1333 1010 772 1047 926 1188 1468 1447 1383 1058 825 729 41926

Simula tion 1982 350 705 1084 1716 2130 2506 2081 1433 770 886 1214 1856 2433 3191 2755 2390 1654 1114 931 882 1178 1060 1280 1503 1365 1252 1036 820 41571

Simula tion 1985 400 660 922 1194 1715 2127 2343 1803 896 932 1151 1359 1875 2366 3011 2818 2271 1361 1014 1028 1020 1294 1159 1327 1414 1236 1206 1005 40905

Simula tion 1988 425 705 881 1046 1238 1735 2013 1997 1043 1005 1189 1305 1430 1860 2272 3067 2653 1836 1212 1104 1160 1147 1379 1214 1260 1279 1192 1154 39804 39700 104

Simula tion 1991 500 728 922 1010 1104 1285 1672 1753 1120 1090 1251 1338 1381 1457 1820 2345 2876 2130 1591 1287 1232 1277 1241 1420 1161 1145 1230 1142 38509 38709 200

Simula tion 1994 742 796 942 1046 1070 1158 1280 1501 1023 1135 1322 1390 1410 1414 1460 1903 2231 2302 1827 1637 1406 1346 1363 1291 1341 1058 1112 1175 37681 37881 200

Ziel w e r t Prognos Prognos Prognos Prognos Prognos 1 9 9 7 e 2000 e 2003 e 2006 e 2009 e 2012 1016 1015 1003 1065 1104 1126 1169 1210 923 1079 1360 1451 1457 1440 1420 1550 1836 1806 1964 1854 1740 1508 1427 1405 1229 1216 1036 1072 37480 37480 0 0 900 1263 1198 1120 1120 1158 1142 1128 808 1020 1313 1483 1512 1482 1444 1512 1521 1501 1567 1981 1947 1819 1579 1465 1329 1117 1174 1006 37610 800 1158 1420 1298 1171 1174 1169 1108 775 953 1264 1443 1541 1532 1482 1535 1487 1259 1324 1615 2067 2012 1872 1608 1381 1204 1088 1127 37865 700 1068 1326 1500 1333 1221 1183 1128 767 934 1208 1401 1505 1558 1526 1572 1507 1233 1130 1390 1718 2125 2053 1881 1505 1250 1164 1051 37938 700 977 1245 1414 1518 1375 1225 1138 775 930 1192 1353 1467 1525 1550 1616 1540 1248 1109 1211 1505 1799 2158 2051 1744 1359 1204 1118 38047 700 977 1164 1341 1440 1549 1358 1169 779 934 1188 1340 1424 1491 1520 1638 1579 1274 1121 1192 1334 1600 1853 2150 1893 1567 1300 1153 38029

Legende Ausgangszahl Schätzung Parameter Zielwert

:

EW 43000 42000 41000 40000 39000 38000 37000 36000 35000 34000
real 1973 Simula tion 1976

absolute

Bevölkerungszahl

Modellrechnung Stat. Landesamt

Simula tion 1979

Simula tion 1982

Simula tion 1985

Simula tion 1988

Simula tion 1991

Simula tion 1994

Ziel wert 1997

Prognose 2000

Prognose 2003

Prognose 2006

Prognose 2009

Prognose 2012

Jah

Berechnungstabelle zur Bevölkerungsentwicklung 217

Zielwert 1997 1016 342 293 208 148 115 161 262 328 483 409 324 212 163 155 123 135 88 123 169 180 195 165 128 101 45 108 97 6277

Simulation 1997, gemittelt 1015 1015 1057 1057 1057 1126 1101 1101 1101 1368 1368 1368 1368 1368 1368 1731 1731 1731 1766 1766 1766 1766 1231 1231 1231 1231 1231 1231 37480

real 1997

real 1997, gemittelt 1016 1016 1057 1057 1057 1126 1101 1101 1101 1368 1368 1368 1368 1368 1368 1731 1731 1731 1767 1767 1767 1767 1231 1231 1231 1231 1231 1231 37480

Betrag der Abweichung 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0 0

EW 1

0

500

1000

1500

2000

2031

3 5 7 9 A l t e r s g r u p p e 11 13 15 17 19 21 23 25 27 29

rot: berechnete Verteilung der Bevölkerung auf Altersgruppen blau: Verteilung nach den gröberen Kategorien des Statistischen Landesamtes

3171 1126

3302

8207

5192

7066

7385 37480

Umverteilung StaLa–Mittel/Simulation

Ziel wert 1997

real 1997, gemittelt

Die Modellrechnung wurde so angelegt, daß ihre Ergebnisse, wenngleich sie feinere Altersklassenunterscheidungen (rot) beinhalten, nicht im Widerspruch zu den gröber kategorisierten Daten des StaLa (blau) stehen. Dadurch ergibt sich eine Aussage darüber, welche Fluktuationen in der Bevölkerung mindestens stattgefunden haben müssen.

218

Anhang

Zur Berechnungsmethode
Der Altersaufbau der Einwohner von 1973 lag in Form von 28 Altersgruppen à 3 Jahren vor. Als Berechnungsintervall wurde daher ebenfalls 3 Jahre gewält.

Formel:

xn+1, t+1 = xn,t - (xn,t*Wtod(n)) + (Σ (x1..28,t) * WZuzug(n) * WZuzug, gesamt) - (xn,t* WWegzug(n) * WWegzug, gesamt)
EW neu = EW alt Sterbeziffer
: : : : : : :

+

Zugezogene

-

Weggezogene

dabei ist: xn,t xn+1,t+1 Wtod(n) WZuzug(n) WWegzug(n) * WWegzug, gesamt WZuzug, gesamt WWegzug, gesamt

die Zahl der Einwohner in der Altersgruppe n (28 Altersgruppen à 3 Jahre) zum Zeitpunkt t (zwischen 1973 und 2012, Intervall 3 Jahre) die Zahl der Einwohner in der Altersgruppe n nach 3 Jahren = die Zahl der EW der Altersgruppe n+1 zum Zeitpunkt t+1 die Sterbewahrscheinlichkeit eines Einwohners in der Altersgruppe n innerhalb v. 3 Jahren [0..100%] die Wahrscheinlichkeit, daß ein neuer Einwohner in der Altersgruppe n ist [0..8%; Summe 100%] die Wahrscheinlichkeit, daß ein Einwohner in der Altersgruppe n innerhalb v. 3 Jahren wegzieht [0..60%; gewichtetes Mittel 13,5%] Parameter zur Spiegelung der ‘Fluktuation’ in 3 Jahren Parameter zur Spiegelung der ‘Fluktuation’ in 3 Jahren

Die Modellrechnung ist der Versuch einer rechnerischen Simulation, und vor allem einer grafischen Veranschaulichunge der Bevölkerungsentwicklung. Sie diente der Beantwortung der Frage, ob die verschiedenen Aussagen zur Fluktuation und zur Bevölkerungsentwicklung überhaupt zur Deckung zu bringen sind, und ob sich mittels einer rechnerischen Fortschreibung der Bevölkerungszahlen von 1973 und des Vergleiches mit den aktuellen Werten des Statistischen Landesamtes (StaLa) genauere Erkenntnisse über die Fluktuation machen lassen, als die Daten des StaLa zulassen. Als Ausgangsdaten werden berücksichtigt: - Die Zusammensetzung der Bevölkerung in 28 Altersgruppen von 1973, aus: Schneider/Keim 1977, S.152, Quelle: Statistisches Landesamt, als Ausgangspopulation - Die Zusammensetzung der Bevölkerung in 8 Altersgruppen von 1997 (nach Matthias Geyer, Quelle: Statistisches Landesamt), als Kontrolle der errechneten Zusammensetzung in 28 Altersgruppen für 1997 - Die Einwohnerzahlen der Jahre 1987, 89, 91, 93, 95, 96, 97 nach Matthias Geyer, Quelle: Statistisches Landesamt - Die Anzahl der Gestorbenen pro 1000 EW in Berlin 1996 nach Altersgruppen, Quelle: Stat. Landesamt, Stat. Jahrbuch 1997 Zusätzlich wurden folgende Annahmen getroffen: - Die Sterblichkeit entspricht im Mittel dem Berliner Durchschnitt von 1996 - Das Altersprofil der jährlich Zuziehenden entspricht dem Altersprofil von 1970 (viele Eltern mit kleinen Kindern) - Die Geburtenziffern zwischen 1976 und 1991 wurden geschätzt.

- Es wird als Arbeitshypothese zwischen 1973 und 1997 eine gleichbleibende (lineare) Fluktuation angenommen. Die Rechnung liefert, neben der als Hypothese zu verstehenden grafischen Veranschaulichung des Transformationsvorganges der Bevölkerung, folgende ‘Neben’-Ergebnisse: - Ein Profil der Wegzugswahrscheinlichkeit für jede Altersgruppe (über das gesamte Intervall gemittelt) - Eine rechnerische, durchschnittliche, jährliche Mindestfluktuation von 4,3% (bezogen auf die Einwohnerzahl, nicht auf die Zahl der Haushalte!) Geht man von einer höheren Fluktuation aus, so sind gleichmäßigere Verteilungen der Weg- und Zuzugswahrscheinlichkeiten über die Altersgruppen das Resultat und andersherum. Um eine realistischere, nicht-lineare Fluktuation berechnen zu können, benötigt man mehr Randdaten, also z.B. die Geburtenziffern und die Einwohnerzahlen der Jahre 1976 - 87, die aber beim statistischen Landesamt offenbar nicht mehr recherchierbar sind. Da es zudem in der Vergangenheit unterschiedliche Interpretationen der Gebietsabgrenzung „Gropiusstadt“ gegeben hat, sind Zahlen aus der Literatur u.U. nicht vergleichbar. Fluktuation, Weg- und Zuzugswahrscheinlichkeiten ergeben zusammen einen Trend, den man (linear) in die Zukunft fortschreiben kann. Das Ergebnis dieses Trends sind die dargestellten Prognosen.

Berechnungstabelle zur Bevölkerungsfortschreibung 219

220

Anhang

Abbildungsnachweis

Umschlag Frontispiz 2/3 4

Blick vom Ideal-Hochhaus (TAC) nach Südosten Walter Gropius (Portrait) Blick vom Ideal-Hochhaus (TAC) nach Nordwesten und Norden CAD-Modell der Gropiusstadt mit farbkotierten Gebäudehöhen

eigene Aufnahme, September 97 Walter Gropius, Apollo in der Demokratie, 1967 eigene Aufnahme, September 97 eigenes Rendering, Oktober 97

11
11

Zu dieser Arbeit
Blick vom Hochhaus am Zwickauer Damm 25 Jahre Gropiusstadt / Kleindienst Lokalpresse

13
12 14 15 16 17 17 18 19 oben 19 unten 20

Einleitung
Blick vom Hochhaus Sollmannweg nach Nordosten Lage der Gropiusstadt im Zusammenhang Berlins Ausschnitt aus der Bereichsentwicklungsplanung (BEP) 1983 Der Wildmeisterdamm Der Wildmeisterdamm, 1959 Luftbild des Gebietes der späteren Gropiusstadt von 1959, ca 1/10.000 ‘Übersichts-Plan von einem Theile der Gemarkung Buckow, Kreis Teltow’ (Historische Karte des Gebietes der späteren Gropiusstadt, um 1820) Topographische Karte des Geländes der heutigen Gropiusstadt um 1940 Topographische Karte des Geländes der heutigen Gropiusstadt um 1957 Umgebung der Gropiusstadt, ca. 1/35.000, um 1992 eigene Aufnahme, Dezember 97 Bandel/Machule 1974, S. 3 Martin/Pächter1987 eigene Aufnahme, Oktober 1997 Bandel/Machule 1974, S. 10 Bandel/Machule 1974, S. 8 Bandel/Machule 1974, S. 4 Bandel/Machule 1974, S. 5 Bandel/Machule 1974, S. 6 Karte von Berlin 1/5000, Blätter 302A, 302B, 303B, 402A, 402B, 402C, 402D, 403B, 403D, Stand 1992/93/94 Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen, Abt. V Luftbildkarte 1/5000, Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen eigene Zeichnung, 1997

21 22

Luftbild der Gropiusstadt von 1994 Schwarzplan der heutigen Gropiusstadt mit Grünzügen und Straßen 1/12.500

Abbildungsnachweis 221

23
23 26 27 28 29 30 32 33 38 39 40 41 42/43 44 48 49 52 56 57

Planungsphasen
Bebauungsplan der GEHAG-Planungsabteilung für das Gelände der heutigen Gropiusstadt v. 20.3.1958, 1/40.0000 (orig. 1/2.000) 2. Aufschließungsplan der Senatsverwaltung für Bau- und Wohnungswesen vom Oktober 1959, 1/12.500 Analyse der ‘inneren und äußeren Lagebeziehungen’ im Gebiet der geplanten Großsiedlung durch Prof. Wils Ebert, 10.12.1959 Einkaufszentrum an der Wutzkyallee in den 70er Jahren Modellfoto des 1. TAC-Planes vom 19.5.1960 Erläuterungsskizzen zum 1. TAC-Plan (‘Der Raum’) 1. TAC-Plan vom 19.5.61 Erläuterungsskizzen zum 1. TAC-Plan (Entwurfselemente) 2. TAC-Plan vom 10.4.61 Modellfoto des 2. TAC-Planes vom10.4.61 Schematischer Lageplan ‘Haupt-Zentrum’ (2. TAC-Plan vom10.4.61) Illustrationen zum 2. TAC-Plan vom10.4.61 Illustration zum 2. TAC-Plan vom10.4.61 ‘Prinzip-Plan’, Bebauungsplanvorlage von Wils Ebert, 1.9.61 18-Geschossiger Rundbau ‘Gropiushaus’ vorgesehene Größe im 2. TAC-Plan realisierte Fassung (sog. 3. TAC-Plan) realisierte Fassung, größerer Maßstab Grundbesitzverhältnisse in der Gropiusstadt 1974 Städtebauliches Gutachten J. Hildisch / G. Brandt, Nov. 62 Städtebauliches Gutachten Jo Zimmermann, Nov. 62 Städtebauliches Gutachten P. Pfankuch / D. Enke, Nov. 62 Städtebauliches Gutachten H.-W. Grohmann, Nov. 62 Ausschnitt aus dem 2. TAC-Plan vom 10.4.61 Städtebauliches Gutachten Rolf Gutbrod, Januar 63 Städtebauliches Gutachten K. Ernst / G. Hönow, Januar 63 Städtebauliches Gutachten W. Kreuer / H. Stranz, Januar 63 Entwicklung der Bebauungshöhen in den verschiedenen Planungsphasen von TAC gezeichneter Gesamtlageplan des Planungsstandes mit Schattendarstellungvom 19.4.66, sog. ‘3. TAC-Plan’ Arbeitsmodell des Koordinationsbüros von 1964 Portrait Walter Gropius Kinder auf der Freifläche südöstlich des Wutzky-Centers Bandel/Machule 1974, S.17 Bandel/Machule 1974, S. 26 Bandel/Machule 1974, S.30 Die Gropiusstadt. Berliner Forum, Heft 4; Berlin, 1972 Bandel/Machule 1974, S.38 Bandel/Machule 1974, S.40 Bauwelt 1/62, S. 8; s.a. Bandel/Machule 1974, S.35 Bandel/Machule 1974, S.40 Martin/Pächter 1987; s.a. Bandel/Machule 1974, S.51 (schwarzweiß) Bandel/Machule 1974, S.57 Bandel/Machule 1974, S.56 Bandel/Machule 1974, S.53 Bandel/Machule 1974, S.53 Bandel/Machule 1974, S.64 eigene Aufnahme, Juni 1998 Bandel/Machule 1974, S.51 (Ausschnitt) Bandel/Machule 1974, S.113 (Ausschnitt) Berlin und seine Bauten, Teil IV, Band B, 1974 Bandel/Machule 1974, S.128 Bandel/Machule 1974, S.79 Bandel/Machule 1974, S.80 Bandel/Machule 1974, S.85 Bandel/Machule 1974, S.83 Bandel/Machule 1974, S.51 Bandel/Machule 1974, S.90 Bandel/Machule 1974, S.91 Bandel/Machule 1974, S.89 Grafik aus Becker/Keim 1977 Bandel/Machule 1974, S.113 Martin/Pächter 1987 Die Gropiusstadt. Berliner Forum, Heft 4; Berlin, 1972 Die Gropiusstadt. Berliner Forum, Heft 4; Berlin, 1972

58 59 60 62 63 64 65 222 Anhang

66 67 70 oben 70 mitte 70 unten 71 72

Großer Freiraum im Grünzug zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen Blick vom Hochhaus am Sollmannweg nach Osten Hauseingang (Originalsituation) Hugo-Heimann-Straße (?) Hauseingang Käthe-Dorsch-Ring (DeGeWo-Planungsabteilg) Hauseingang Sollmannweg 2 (Klaus Müller-Rehm) Nachgebesserter Hauseingang Schmiedigenpfad 7-15 Freiraumkonzept für die Neugestaltung des Bereiches um den Lipschitzplatz, Müller/Knippschild/Wehberg 1986 73 Nord-Süd Weg durch das Vogelwäldchen 74/75 Inneres des bis 1991 umgebauten Wutzky-Center der neugestaltete Rotraud-Richter-Platz am Wutzkycenter 76 Axonometrie der Gropius-Passagen Neuer Hauptweg zwischen Lipschitzallee und Vogelwäldchen 77 1987 neu errichteter Gartenpavillon 76/77 unten 1987 umgestalteter Bereich an der Lipschitzallee

eigene Aufnahme, Dezember 97 Martin/Pächter 1987 Martin/Pächter 1987 eigene Aufnahme September 97 eigene Aufhahme November 97 eigene Aufnahme November 97 Martin/Pächter 1987 eigene Aufnahme, Juni 98 eigene Aufnahme, Juni 98 eigene Aufnahme, September 97 entnommen aus einer Informationsbroschüre der Gropius-Passagen eigene Aufnahme, September 97 eigene Aufnahme, Juni 98 eigene Aufnahme, Juni 98

79
78 79 80 81 82 85 86 88 92 94 95, 96 102 103 108

Der Alltag in der Gropiusstadt
der in den 70er Jahren angelegte Rodelberg hinter dem Wutzky-Center der 1987 angelegte Brunnenplatz an der Lipschitzallee Wohnpark Hamburg-Grindelberg, Schrägluftbild, Grundriß Nordweststadt Frankfurt, Lageplan Hansaviertel Berlin, Schrägluftbild, Lageplan Wohnungskontingente nach Eigentümern und Zimmeranzahl Erwerbstätige 1970 nach der Stellung im Beruf Fluktuation im Wohnungsbestand der IDEAL 1988-1997 Altersaufbau der Bevölkerung (Modellrechnung) Demographische Zusammensetzung der Bevölkerung in den Teilgebieten der Gropiusstadt 1973 und 1997 Bevölkerungsentwicklung und Ausländeranteil in der Gropiusstadt Die Gropiusstadt. Berliner Forum, Heft 4; Berlin, 1972 eigene Aufnahme, September 97 Dietmar Reinborn: Städtebau im 19. und 20. Jahrhundert. Stuttgart, Berlin, Köln 1996 Internationale Bauausstellung 1957 (Katalog), Berlin 1957 eigene Grafik nach Zahlen aus Becker/Keim 1977 nach Becker/Keim 1977, S.156 eigene Grafik nach Zahlen der Ideal eigene Grafik; vgl. Anhang hierzu eigene Grafik unter Verwendung von Zahlen des Statistischen Landesamtes Berlin sowie aus Becker/Keim 1977 eigene Grafik nach Zahlen des Statistischen Landesamtes, übernommen von Matthias Geyer (1998) Anteile spezieller Bevölkerungsgruppen eigene Auswertung von Zahlen des Statistischen Landesamtes, in den einzelnen statistischen Gebieten der Gropiusstadt übernommen von Matthias Geyer östlicher Teil des Horst-Caspar-Steiges Die Gropiusstadt. Berliner Forum, Heft 4; Berlin, 1972 Postkartenansicht der Gropiusstadt, östlicher Abschnitt des Hauptgrünzuges, © Ute und Bernd Eickmeyer / Berlin Blick nach Süden / Osten, Anfang/Mitte der 70er Jahre Marktnutzung auf dem Rotraud-Richter Platz Die Gropiusstadt. Berliner Forum, Heft 4; Berlin, 1972

Abbildungsnachweis 223

111 112 113 114/115 116 122

Lage der Gropiusstadt in Bezug auf öffentliche Einrichtungen im Bezirk Neukölln Tätigkeitenprofile von Bewohnergruppen der Gropiusstadt Tagesläufe der Aufenthaltsorte der Gropiusstädter Innenhof des Gemeinschaftshauses Gropiusstadt Kind auf dem Abenteuerspielplatz Wutzkyallee Gropiusstadt Ost vom Hochhaus am Zwickauer Damm gesehen

Becker/Keim 1977, Karte 10 Becker/Keim 1977, Tagebuchdaten von 1973 eigene Grafik nach Vorlage aus Becker/Keim 1977, Tagebuchdaten 1973 eigene Aufnahme, Juni 1998 25 Jahre Gropiusstadt, Kleindienst Lokalpresse 1987 eigene Aufnahme, Dezember 1997

129
128 130 132/133 134 138 141 145 146 148/149 150 151 152 154 160 162 164

Diskussion des Planungsprozesses, seiner Hintergründe und seiner Ergebnisse
Illustration des Gedankens der ‘gegliederten und aufgelockerten Stadt’ Das 32-geschossige Ideal-Hochhaus von TAC Wohnhochhausgruppe am Anna-Nemitz-Weg, Gehag-Planungsabteilung Lageplan der Siedlung Charlottenburg-Nord, Entwurf Hans Scharoun Entwurfselemente des 1.TAC-Planes Karikatur zur Ideologie der Funktionstrennung Nachbarschafts-Schema von Hans Bernhard Reichow, 1947 Nachbarschaften / Gebäudegruppen in der Gropiusstadt Sichtbezüge in der Gropiusstadt Außenräume in der Gropiusstadt Wege- und Fußwegenetz der Gropiusstadt Flächennutzung in der Umgebung der Gropiusstadt Abschnitt der Lipschitzallee (Hs.Nr. 30-48), Blick nach Nordosten Parkhäuser in der Gropiusstadt (Sollmannweg 14, Fritz-Erler-Allee 180) Wohnungskontingente nach Eigentümern und Zimmeranzahl Walter und Ise Gropius 1967, Einweihung der Walter-Gropius-Schule Göderitz/Rainer/Hoffmann, 1957 (Frontispiz) eigene Aufnahme, Dezember 1997 eigene Aufnahme, Oktober 1997 Berlin und seine Bauten, Rave/Knöfel 1970 Bandel/Machule 1974, S.40 Dietmar Reinborn: Städtebau im 19. und 20. Jahrhundert. Stuttgart, Berlin, Köln 1996 Werner Durth, Niels Gutschow: Träume in Trümmern. Bd. 1, Konzepte Braunschweig 1988 eigene Analyse, 1998 eigene Analysen, 1998 eigene Analyse, 1998 eigene Analyse, 1998 eigene Analyse, 1998, Kartengrundlage: Karte von Berlin 1/5000 eigene Aufnahmen, Juni 1998 eigene Aufnahmen, Dezember 1997 eigene Grafik nach Zahlen aus Becker/Keim 1977 Martin/Pächter 1987

224

Anhang

169
168 174 175 oben 175 unten 179 180 184 oben 184 unten 185 186 187 188

Entwicklungsperspektiven
Einfamilienhäuser an der Lipschitzallee 1972 und 1997 Axonometrie und Logo der Gropiuspassagen, Stand 1998 Shoppers World, 1951, Framingham, Mass., USA Modellfoto der Gropiuspassagen, Planungsstand 1994 Parkhäuser in der Gropiusstadt (Lipschitzallee 69, Sollmannweg 14) Lage der Gropiusstadt in Bezug auf die Verkehrssysteme und Grünräume Streckennetz der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn Bahnhof Buckow, 1937 Studie zur Weiterführung des Grünzuges im südöstlichen Abschnitt der GS Schautafel zum Endzustand der Deponie Großziethen Straße zur Deponie Deponie Großziethen im Überregionalen Kontext Gropiusstadt. Berliner Forum, Heft 4; Berlin, 1972; eigene Aufnahme 1997 entnommen aus einer Informationsbroschüre der Gropiuspassagen Victor Gruen: Shopping Towns USA. New York 1960 aus einer ganzseitigen Anzeige in der Berliner Morgenpost vom 8.11.94 eigene Aufnahmen, Dezember 1997 eigene Zeichnung, Kartengrunglage: Karte von Berlin 1/50000, FNP 1994 Verkehrsplanung für Berlin,1995 Eisenbahnstadt Berlin (CD-Rom), Berlin 1996. s .auch: www.epilog.de eigene Darstellung eigene Aufnahme, Dezember 1997 (Baustellenschild) eigene Aufnahmen, Dezember 1997 eigene Darstellung, Kartengrundlage: Karte von Berlin 1/5000, Blatt 302A und 402C eigenes Rendering, 1998 eigene Analyse, 1998 eigene Analyse, 1998

193
192 194 196, 198, 200

Zielkonzept
Entwurfsstudie zum Straßenraum der Johannisthaler Chaussee Analyse der Problemfelder und Entwicklungspotentiale der Gropiusstadt Option ‘Band’, Entwurfsstudie zur Verteilung von Eingriffen über die Gropiusstadt

Abbildungsverzeichnis 225

210 mm

Olaf Pfeifer / TU Berlin Wrangelstraße 105 10997 Berlin

fon 314-218-64 /-25 /-89 fon priv. 618 35 92 fax 314-218 65

ES B

M EN ZU M – KU TE DO EI S S E KO D N N LA IDE B E N H C
Broschüre Ringbindung Metallspirale (silber) Format A4, allseitig zu beschneiden auf b:210mm h:190mm je 224 Seiten 164 Seiten (492 Drucke) nur s/w

ES T

190 mm HIER BINDUNG

3 Exemplare Anlieferung als Postscript-Datei (~160 MB) Doppelseitiger Druck aus DOKUCOLOR 40 o.ä. auf CLC-Papier 120g, seidenmatt

davon: 60 Seiten (180 Drucke) mit farbigen Abbildungen

Testseite 227

210 mm

BITTE EXAKT AUF DIESER LINIE SCHNEIDEN

Olaf Pfeifer / TU Berlin Wrangelstraße 105 10997 Berlin

fon 314-218-64 /-25 /-89 fon priv. 618 35 92 fax 314-218 65

ES B
228 Testseite

M EN ZU M – KU TE DO EI S S E O D K N N LA IDE B E N H C
Broschüre Ringbindung Metallspirale (silber) Format A4, allseitig zu beschneiden auf b:210mm h:190mm je 224 Seiten 164 Seiten (492 Drucke) nur s/w

ES T
190 mm HIER BINDUNG

3 Exemplare Anlieferung als Postscript-Datei (~160 MB) Doppelseitiger Druck aus DOKUCOLOR 40 o.ä. auf CLC-Papier 120g, seidenmatt

davon: 60 Seiten (180 Drucke) mit farbigen Abbildungen

BITTE EXAKT AUF DIESER LINIE SCHNEIDEN
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.