Path:

Full text: 100 Jahre Internationaler Frauentag - 100 Jahre meine eigene Geschichte / Sever, Snežana [Hrsg.]

100 Jahre Internationaler Frauentag • 100 Jahre meine eigene Geschichte

Jahre Internationaler Frauentag
Jahre meine eigene Geschichte

10000 1

ISBN 978-3-00-034118-2 Schutzgebühr 5,00 €

P u b l i k at i o n z u m J u b i l ä u m

www.marzahn-hellersdorf.de

Unser Glückwunsch zum 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages! Es lebe der Weltfrauentag! • Avec nos compliments à l'occasion du 100ème anniversaire de la Journée internationale de la femme. Vive la Journée mondiale de la femme! • Мы поздравляем Вас со 100 лет-ним юбилеем Международного Женского Дня! Да здравствует Международный Женский День! • Lời chúc mừng nhân ngày Quốc tế phụ nữ lần thứ 100. Hoan ngênh ngày Quốc tế phụ nữ • Congratulations to the 100. anniversary of the International Women's Day! Long live the Women's Day! • Gratulujemy z okazji setnego jubileuszu międzynarodowego dnia kobiet! Niech żyje międzynarodowy dzień kobiet. • Yüzüncü uluslar arası kadınlar günü yıldönümü kutlu olsun.Yasasın dünya kadınlar günü! • Naše čestitke za 8. Mart - Živjeo Internacionalni Dan Žena! • Наше честитке поводом 8. Марта! Живео Интернационални Дан Жена! • Felicitaciones a la 100 aniversario del Día Internacional de la Mujer. ¡Viva el Día Internacional de la Mujer! • Unser Glückwunsch zum 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages! Es lebe der Weltfrauentag! • Avec nos compliments à l'occasion du 100ème anniversaire de la Journée internationale de la femme. Vive la Journée mondiale de la femme! • Мы поздравляем Вас со 100 лет-ним юбилеем Международного Женского Дня! Да здравствует Международный Женский День! • Lời chúc mừng nhân ngày Quốc tế phụ nữ lần thứ 10 0. Hoan ngênh ngày Quốc tế phụ nữ • Congratulations to the 100. anniversary of the International Women's Day!
.

Impressum
Herausgeberin: Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin Gleichstellungsbeauftragte Snežana Sever 12591 Berlin Tel.: +49 (0) 30 90 293 2050 Fax: +49 (0) 30 90 293 2055 E-Mail: snezana.sever@ba-mh.verwalt-berlin.de Konzept und Endredaktion: Snežana Sever Redaktionsteam: Katja Buch Janett Köber Dr. Renate Goldhahn Michaela Bröring Julia Brummert Tom Henkel Mitarbeit: Liane Borchert Lektorat: Barbara Paula Kunze Fotos falls nicht anders vermerkt: Tom Henkel Michaela Bröring Julia Brummert Janett Köber Gestaltung, Titelbild: Tom Henkel Druck: PUNKTE Conzept Druck und Werbemittelproduktion Bestellung: Snežana Sever, snezana.sever@ba-mh.verwalt-berlin.de
Nachdruck – auch auszugsweise – oder Fotokopien dürfen nur mit Quellenangaben und ausdrücklicher Genehmigung der Herausgeberin erfolgen. 1. Auflage Berlin, März 2011

ISBN 978-3-00-034118-2

Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin
Gleichstellungsbeauftragte Snežana Sever

1010 0 0

Jahre Internationaler Frauentag

Jahre meine eigene Geschichte

Inhalt
Dagmar Pohle | Geleitwort ............................................................................................................................................................................................... 6  Kathrin Schmidt | Wie alt soll er werden, der Frauentag? ................................................................................. 10  Petra Zacke | Vier Generationen – vier Lebenswege ................................................................................................... 52  Gabriele Hartmann | Ein Blick zurück und nach vorne ................................................................................... 54

Die Wanderausstellung, ihre Idee und die Frauen ............................................................................... 14
Janett Köber | Frauen verdienen mehr als sie oft verdienen ........................................................................ 16 Bärbel Holzheuer-Rothensteiner | …Roter Faden in meinem Leben 	���������������������������� 18 Margarete Hensel | Familientradition Zwillinge ........................................................................................................... 20 Tran Anh Thai | Wenn du anderen hilfst, helfen sie dir auch ....................................................................... 22  Jutta Menz | Meine kleine Geschichte ................................................................................................................................................... 24  Hannelore Brunn | 100 Jahre für Gleichberechtigung … ................................................................................ 26  Karla B. Hoffmann | Zweimal nicht vergessen… ............................................................................................................ 28  Christine Schuschke | Vier Generationen – Frauen ................................................................................................. 30  Ursula Schubert | Rudern zwei ein Boot .......................................................................................................................................... 32  Anita Stein | Großmütter – Mütter – Töchter ........................................................................................................................... 34 Rosemarie Berger | Eine Familie im Deutschland … ............................................................................................ 36  Monika Steffen | Vier Generationen meiner Familie .............................................................................................. 38  Jutta Schädler | Arbeitsleben im Wandel ...................................................................................................................................... 40  Marianne Stransky | Meine Familie ...................................................................................................................................................... 42  Olga Linker | Ich werde nicht alles, was ich hatte, verstecken .................................................................... 44  Margit Kretzschmar | Lebens- und Bildungswege ..................................................................................................... 46 Erika Schwarz | Spurensuche-ein Töchter-Mütter-Großmütter-Projekt 	������������������������������� 48 Dagmar Schulze | Lebenszug ............................................................................................................................................................................... 50 

Reverenzen & Glückwünsche

.................................................................................................................................................................

56

Petra Pau | Der Bundestag hat Clara Zetkin wieder! .................................................................................................... 58 Anja Kofbinger | 100 Jahre Frauentag - 25 Jahre grüne Frauenquote… 	������������������������������� 60 
´ Josip Juratovic | Brauchen wir einen Frauentag? ............................................................................................................... 62

Dr. Renate Goldhahn / Katja Buch | Rosen für Clara ....................................................................................... 63 Wilfried Nünthel | Anerkennung und Verantwortung, … .......................................................................... 64  Almuth Hartwig-Tiedt | Frauen, die nichts fordern, bekommen nichts 	������������������������ 66 Christian Gräff | Frauentag – gestern – heute –morgen .................................................................................... 68  Dr. Gabriele Schambach | Ein Zehntel Gender .............................................................................................................. 69 Dr. Sigrid Arnade | Von Rosa Luxemburg … ........................................................................................................................... 70 Petra Wermke | Muss der noch sein? ..................................................................................................................................................... 72  Stephan Richter | Herzlichste Glückwünsche zum 100! ..................................................................................... 74 Marion Böker | Gender Budgeting in Berlin nutzen … ......................................................................................... 75  Jasenka Villbrandt | 100 Jahre Internationaler Frauentag: … ................................................................ 76  Regina Schmidt | Rosen machen Mut ................................................................................................................................................... 78 Elena Marburg | »Zufällig bin ich verschont …« ............................................................................................................ 79  Bianka Käppler | 100 Jahre Weltfrauentag – Frauen als Agentinnen … 	����������������������������� 80 Christian Heller/Peter Pateisat | Frauen in der Vermessungswelt 	���������������������������������������� 82  Nurdan Kütük-Chung | Heiraten und Kinderkriegen?! .................................................................................... 84

Henning von Bargen | Abschaffen? ........................................................................................................................................................ 85 Heidemarie Gerstle | Der andere Blickwinkel ................................................................................................................... 86 Angela Besuch | Zwei verschiedene Leben .................................................................................................................................. 88  Norbert Lüdtke | Damit die Welt nicht so bleibt wie sie ist! ....................................................................... 90 Julia Brummert | 100 Jahre Weltfrauentag und noch immer viel zu tun 	���������������������������� 91 Erika Maier | Mein Internationaler Frauentag – Eine Zeitreise ............................................................... 92  Stefan Komoß | Chancengleichheit heute .................................................................................................................................... 94  Dr. Gabriele Hiller | Warum ich Frauenrechtlerin wurde ............................................................................... 96  Dr. Jochen Gollbach | Gleichstellung der Geschlechter … ........................................................................... 97 Petra Hecht | Ältere Frauen in unserer Gesellschaft .................................................................................................. 98  Edgar Meißner | Internationaler Frauentag - Weltgebetstag der Frauen 	��������������������������� 99 Simone Lau | Nutze Deinen Verstand! ............................................................................................................................................... 100  Christiane Droste | Ambivalenzen zum 8. März ........................................................................................................... 101 Dr. Manuela Schmidt | Chancengleichheit – noch ein weiter Weg .......................................... 102 Carl Chung | 100 Jahre Weltfrauentag – ein familiärer Rück- u. Ausblick 	���������������������� 103  Cornelia Großmann | 100 Jahre aktive Frauenbewegung … ............................................................... 104 Oleg Peters | Frauenpower - Powerfrauen in Marzahn-Hellersdorf ............................................ 106  Julia Witt | »Die Hälfte des Himmels« und »Ein Zimmer für mich« ........................................ 108  Michaela Bröring | Wir sind viele, jede einzelne von uns .......................................................................... 109  Anatol Wendler | Die Frauen sind magisch ............................................................................................................................ 110 Marlitt Köhnke/Andre´ Gaedecke | Die Sozialdemokratin … ..................................................... 112 Eva Gottwalles | Heile, heile Gänschen ............................................................................................................................................ 114 

Jutta Köber | Selbst ist die Frau ........................................................................................................................................................................ 116 Marion Winkelmann | 100 Jahre Familie ................................................................................................................................... 117  Doreen Siebernik | 100 Jahre Internationaler Frauentag … ................................................................... 118  Dagmar Poetzsch | Frauentag erlebt – gestern und heute .......................................................................... 120 Monika Schlesier | Impressionen beim Betrachten einer Ausstellung 	��������������������������������� 122 Beate Hohenberger | Angekommen ................................................................................................................................................. 124  Lydia Krenz | Zusammen schaffen wir alles ............................................................................................................................... 125 Dr. Renate Neumann | 8. März in dritter Generation ....................................................................................... 126 Tran Anh Thai | Meine Arbeit ist meine zweite Heimat ..................................................................................... 128 Martin Hunold | Ohne Frau ist Mann verloren ................................................................................................................ 129 Gabriele Mansfeld | 10 Jahre Girls’ Day - erste Schritte auf dem Weg …	���������������������� 130  Jennifer Hübner | … »Schlüssel« zum politischen Erfolg von Frauen? 	������������������������������� 131 Sabine Thonke | … jede Menge frauenpolitische Baustellen ................................................................... 132 Felix Nuss | Gleichberechtigung doppelt gedacht ........................................................................................................... 134

Snežana Sever | Nachbemerkung ................................................................................................................................................................. 135  Danksagung ............................................................................................................................................................................................................................................. 136 Anzeigen ............................................................................................................................................................................................................................................................ 138

6

100 Jahre Internationaler Frauentag

| Dagmar Pohle

7

Dagmar Pohle |

Bezirksbürgermeisterin Marzahn-Hellersdorf

Wanderausstellung „100 Jahre Internationaler Frauentag – 100 Jahre meine eigene Geschichte“, die von der Gleichstellungsbeauftragten des Bezirkes, Snežana Sever, im Zusammenwirken mit dem Frauenbeirat und dem FrauenNetz Marzahn-Hellersdorf, initiiert und realisiert wurde. Seite für Seite finden sich eine Reihe von Bildern, Collagen und Erzählungen von Frauen, kurze biographische Sequenzen über Frauenleben in einem umwölbenden Bogen von längst vergangenen Ereignissen, auch heute noch gültige Bestandsaufnahmen der eigenen Lebenssituation bis hin zu zukunftsweisenden Erkenntnissen, die vielfältig gedeutet werden können. Jede einzelne Collage und jede Bilddokumentation haben, wie ich weiß, viele Menschen emotional sehr berührt. Einerseits regen die biographischen Rückblicke und Einblicke in Lebenswelten von

Frauen dazu an, über Frauenleben und Geschlechtergerechtigkeit nachzudenken. Andererseits sind Statements zum 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages zu finden, die von Frauen und Männern aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen des Bezirkes und unserer Stadt stammen. So von Kathrin Schmidt, Schriftstellerin und Deutsche Buchpreisträgerin (2009), die anlässlich der Ausstellungseröffnung am 8. März 2010 eine Grußbotschaft an die Marzahn-Hellersdorferinnen aus Rom sandte. Dieser Tage - aus Italien zurückgekehrt – griff sie erneut zur Feder, um aktuell die Frage zu beantworten „Wie alt soll er werden, der Frauentag?“. Ihr Text bildet das Entré zu weiteren Beiträgen, die sowohl aus der bunten Welt der Politik und Kultur kommen, als auch Platz einräumen für Gender-Expertinnen und -Experten, sowie Frauen und Männer aus

Geleitwort
Nur Mut, wir werden es schon weiter mit dem Leben aufnehmen, wie es auch kommen mag. Rosa Luxemburg

Das Leben von Frauen wurde und wird aus unterschiedlichen Fachrichtungen betrachtet und von den jeweiligen Fachexpertinnen und Fachexperten entsprechend der jeweiligen Disziplin beschrieben. Dabei finden sich sowohl HistorikerInnen, SchrifstellerInnen, PolitologInnen, PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen als auch FrauenrechtlerInnen und BiographInnen sowie Frauen, die über sich selbst und andere Frauen erzählen, schreiben, malen oder bildhauerisch tätig werden, um einen besonderen Blick auf das

Leben von Frauen zu gewähren. Das haben in den vergangenen zwölf Monaten auch die Macherinnen der Marzahn-Hellersdorfer Wanderausstellung „100 Jahre Internationaler Frauentag – 100 Jahre meine eigene Geschichte“ getan, in welcher sie zu einer ganz persönlichen Begegnung – quer durch Berlin – mit Frauen aus unterschiedlichen Kulturen, verschiedenen Generationen und interessanten Lebenszusammenhängen einluden. Der gleichnamige Titel der vor Ihnen liegenden Publikation bezieht sich auf die

8

100 Jahre Internationaler Frauentag

| Dagmar Pohle

9

Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung. Wir lesen eine Fülle an erfrischenden, tiefsinnigen, verschmitzten Gedanken und Überlegungen von Bürgerinnen und Bürgern aus Marzahn-Hellersdorf, Berlin und darüber hinaus. Sie alle greifen auf die eine oder die andere Art und Weise - Themen auf, über die es sich lohnt, nachzudenken und nicht abzuwinken, wenn Frauenrechte angesprochen werden. Diese Sichtweisen und Auffassungen von Frauen und Männern aus unterschiedlichen Berufen und Positionen verdeutlichen, dass Frauen in den vergangenen 100 Jahren eine Menge erreicht haben. Ein Beispiel sind Frauen in der Kommunalpolitik in Berlin. Vier der zwölf Bezirke haben eine Bezirksbürgermeisterin. Deutschland hat eine Bundeskanzlerin und eine Reihe an Ministerinnen. Frauen führen Unternehmen und sind Konzernchefinnen. Andererseits darf nicht außer Acht gelassen

werden, dass wir immer noch einen equal pay day benötigen, um auf die bestehende Entgeltungleichheit in Deutschland aufmerksam zu machen: Durchschnittlich beträgt der Unterschied des Bruttoeinkommens zwischen Frauen und Männern über 23 %. Wenn wir von Gewalt und Gewaltanwendung sprechen, so wissen wir, dass 14,5 Prozent aller Frauen in Deutschland mindestens einmal im Leben Opfer eines sexuellen Übergriffs werden. Alles Themen, die von der Benachteiligung von Frauen handeln, hier bei uns in Deutschland. Schauen wir uns aber weiter um und werfen unseren Blick auf Menschenrechtsverletzungen und die unfassbare Rechtlosigkeit von Frauen in so mancher Region Südosteuropas, in Afrika, Asien oder Lateinamerika, so wissen wir, dass die einstigen Forderungen von Clara Zetkin, Rosa Luxemburg oder Alice Salomon immer noch ihre Gültigkeit haben. Denn immer

noch sind wir weltweit betrachtet erst auf dem Weg zu Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit. Solange Frauen weltweit 52 % der Arbeitsleistungen erbringen, aber nur 10 % des Welteinkommens erhalten und nur 1 % des Eigentums besitzen, kann von Gleichstellung und Geschlechtergerechtigkeit keine Rede sein. Die einzelnen Statements und Gedanken in der Ihnen vorliegenden Publikation machen Mut – dass unser Engagement weiter gehen wird, weiter gehen muss, um Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit in unserer Gesellschaft auf allen Ebenen und in allen gesellschaftspolitischen Lebensbereichen fest zu verankern. Die in dieser Publikation versammelten Frauen und Männer mit ihren Überlegungen zum 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages schrieben ihre Gedanken auf, indem sie eigene Erfahrungen und Erkenntnisse im privaten und beruflichen Leben Revue passieren

ließen. Damit offenbarten sie auch eigene biographische Bezüge und Erinnerungen. Sie spannen damit einen Bogen zu den Erzählungen der Marzahn-Hellersdorferinnen und deren Gedanken zum 100. Geburtstag des Internationalen Frauentages. Ich hoffe, dass wir auf allen Ebenen und in allen Bereichen Frauen und Männern begegnen, die mit uns gemeinsam in Politik, Wirtschaft, Kultur, Bildung und Zivilgesellschaft ihr Wissen, ihre Macht und ihr Engagement dazu nutzen, Frauen zu fördern; Menschen, die sich für eine bessere Zukunft einsetzen, bei uns in MarzahnHellersdorf, Berlin, Deutschland und in anderen Ländern der Erde.

10

100 Jahre Internationaler Frauentag

| Kathrin Schmidt

11

Kathrin Schmidt |
Foto: Wolfgang Gebhardt

Schriftstellerin

denn ich zum Beispiel wollte nie eine Frau in einer Führungsposition sein, es schien mir nicht erstrebenswert, mich auf einen 16-Stunden-Tag ohne tatsächliche soziale Bezüge einlassen zu sollen, wie es bei Managern der Fall ist. Sie kommen eben erst nach Hause, wenn die Frau die Kinder ins Bett gebracht hat. Insofern lese ich solche Meldungen unwillkürlich als Ausdruck einer Verweigerungshaltung von Frauen gegen männliche Hierarchiebildung. Zunächst. Ganz schnell verschwindet diese Lesart natürlich, wird mir mein Wunschdenken klar: Selbst wenn Frauen Führungspositionen anstrebten, hätten sie es ungleich schwerer als Männer, hineinzuschlüpfen, denn das machen diese Männer eben für gewöhnlich unter sich aus. Im Macholand Italien, dem Land der verklärt verehrten Mütterlichkeiten, kommt der Frau noch weniger eine öffentliche Rolle zu als weiter im Norden, und selbst der omnipotente Kick der dicken Matronen, sich an anderen vorbei im Supermarkt nach

vorn zu schieben, ist eben nur ein halböffentlicher Akt: Die dicken Matronen kaufen vorwiegend im Beisein von Geschlechtsgenossinnen ein, gegenüber denen sie sich den Vortritt herausnehmen. Aber am 8. März geht es in Italien wie auf einem Volksfest zu: Die zahlreichen Blumenstände überall bieten noch viel zahlreichere gelbe Mimosensträuße in allen Größen und damit in allen Preislagen feil, und vor allem Männer kaufen an diesem Tag ungezählte Gebinde und verschenken sie an Frauen. Die bedenken sich aber auch untereinander seit einigen Jahren gern mit gelben Mimosen am Frauentag, und das gefällt mir natürlich noch besser. Der Internationale Frauentag ist in Italien kein gesetzlicher Feiertag wie etwa in Angola, Madagaskar, Zypern oder Usbekistan. Auch in der DDR war er das nicht, und wenn ich mich recht erinnere, hatten die Frauen offiziell nicht einmal einen halben Tag frei wie heute zum Beispiel in der Volksrepublik China. Aber natürlich wurde die offizielle Arbeitszeit am

Wie alt soll er werden, der Frauentag?
Der Frauentag wird langsam alt. Schon hundert! Soll er noch lange leben? Wenn ich darüber nachdenke, was für eine Bedeutung er in meinem Leben bislang hatte, sehe ich mich zunächst als kleines Mädchen, das der Mutter zum Frauentag eine Überraschung bastelt. Eine Installation – wie soll ich es anders nennen? – aus Staubtüchern sehe ich vor mir, zusammengeheftet zu einem Schlafanzug. Aus einem Bastelbuch hatte ich die Idee, ich war stolz auf mich, Nadel und Faden mit meinen kleinen Händen einigermaßen zielsicher dazu bewegt zu haben, die Tücher zu fixieren. Darüber nachzudenken, warum ich der Mutter ausgerechnet Staubtücher schenke, die für ein paar sauer ersparte Pfennige im Haushaltswarenladen zu bekommen waren, war ich damals nicht in der Lage. Staubtücher gehörten zu Frauen, auch im sogenannten Sozialismus der DDR, und auch das hätte mir eigentlich später den Frauentag vergällen können. Jedoch änderten sich die Zeiten und mit ihnen die Verhältnisse. Oder umgekehrt? Früher war westliches Ausland für eine Ostdeutsche unbekanntes Terrain. Es hat also beinahe etwas von einem Wunder, dass ich im letzten Jahr in der Ewigen Stadt lebte, in Rom. Ich habe gelernt: Was Frauen in Führungspositionen angeht, so belegt Italien EU-weit den vorletzten Platz. Mir ist das erst einmal ganz recht,

12

100 Jahre Internationaler Frauentag

| Kathrin Schmidt

13

8. März nicht vollends verarbeitet, sondern auch verfeiert. Ich erinnere mich an Chefs in Schürze, die an diesem Tag den Frauen Kaffee und Kuchen kredenzten. Nicht alle lachten darüber. Mich zum Beispiel konnten nach solch einem Erlebnis nicht einmal mehr offensichtliche Vernunftgründe dazu bringen, eine Schürze zu tragen. Dabei wäre es doch durchaus andersherum denkbar gewesen - der Internationale Frauentag verhilft auch dem Mann auf Dauer zur Schürze , in der sich schließlich beide Geschlechter am Herd behaupten! Eigentlich kein schlechter Gedanke, dessen Mutter aber etwas Wichtiges vergessen hat: die Schürzenmänner waren zu klein, sich über die Tragweite ihrer Aktion Gedanken zu machen. Wie ich über die Staubtücher. Vielleicht waren sie auch zu sehr eingenommen von der Vorstellung, in der DDR die Gleichberechtigung der Frau installiert zu haben, innerhalb derer sie sich einen kleinen Scherz erlaubten, der doch wohl nicht misszuverstehen war.

Missverstanden musste allerdings die Idee von der Gleichberechtigung bleiben. Zum einen, weil der Wortteil „-berechtigung“ davon ausgeht, dass den Frauen dasselbe zustehen sollte wie den Männern, aus deren Sicht sozusagen und ohne dass man Frauen überhaupt hätte fragen brauchen. Zum anderen, weil „-berechtigung“ das „sich Herausnehmen von Rechten“, auch ungeahnten, ungedachten, verbietet, indem es das Recht als etwas Vorausgesetztes, Festes annimmt, denn über eine Berechtigung wacht immer jemand, der sie vergibt. Und das waren auch in der vergreisten DDR Männer. Nicht einmal die ökonomische Gleichstellung war garantiert: In Pflege- und Dienstleistungsberufen arbeiteten überwiegend Frauen, ihr Lohn war strukturell niedriger als in anderen Branchen. Dennoch: Es stand Frauen in der DDR einfach zu, zu arbeiten und ihre Kinder betreuen zu lassen, sie hatten bei Scheidungen keine Spätfolgen zu befürchten, es sei denn, sie waren haushaltende

Professorengattinnen, aber das waren die wenigsten. Ich denke schon, dass DDR-Frauen aufgrund ihrer ökonomischen Eigenständigkeit, auf welchem Niveau auch immer, über ein Selbstbewusstsein verfügten, das heute jungen Frauen oft mühsam eingetrichtert werden muss, weshalb nicht wenige sich in die Häuslichkeit, vielleicht sogar in Hartz IV, flüchten und unentdeckt zu überwintern trachten. Der Winter aber wird immer härter werden, trotz der globalen Erderwärmung. Insofern sollte der 8. März weiterleben und immer wieder an unsere Anliegen erinnern, dem Winter zu trotzen. Seit Ende Januar schon blühen in Rom die Mimosen. Vielleicht wären in Deutschland Frühblüher besser geeignet als Rosen, an diesen Aspekt des Frauentages zu gemahnen. Die Römerin geht samstags zum Friseur. Man trifft sich, selbst wenn man nur die Haare waschen und fönen lassen möchte, und man ist unter sich. Das ist mithin ein kommunikativer Akt, der nicht gering geschätzt werden sollte, auch wenn es

diese Tatsache in meinem Italienjahr unmöglich machte, am Sonnabend einen Termin zum Haareschneiden zu bekommen. Vielleicht aber, und daran möchte ich glauben, wollte ich mir ja auch gar nicht einfach die Haare schneiden lassen, sondern zum Beispiel am Frauentag mit einer möglichst verrückten Frisur anderen möglichst verrückten Frisuren begegnen? Eine schöne Vorstellung. Ausgelassen trotzt es sich am besten. Ich wünsche uns Ausgelassenheit bei feurigen Feiern des Frauentages. Ich weiß, was ich an meinen Geschlechtsgenossinnen habe. Wusste es auch, wenn ich in Rom die Straße überquerte. Das war nicht einfach, weil Autofahrer sich weder von Ampeln noch von Zebrastreifen aufhalten ließen. Saß aber eine Frau am Steuer, war die Wahrscheinlichkeit, als FußgängerIn heil hinüber zu kommen, größer. Auch das stimmt mich optimistisch. Der Frauentag lebe hoch – und er lebe lang.

14

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag 100 Jahre meine eigene Geschichte

Die Wanderausstellung, ihre Idee und die Frauen 8. März 2010 – 7. April 2011
Anlass zur Wanderausstellung im Jahr 2010 war das 100jährige Jubiläum der II. Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz, die am 27. August 1910 stattgefunden hatte. Clara Zetkin hatte dort die Forderung nach Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentages aufgestellt. Diese Forderung unterstützten die delegierten Frauen aus 17 Ländern, so dass in Folge im Jahr 1911 die Umsetzung des Beschlusses erfolgte. Im Jahre 2011 blicken wir auf eine über 100-jährige Tradition des Internationalen Frauentages zurück und auf ein Jahr Wanderausstellung der Marzahn-Hellersdorfer Frauen an zwölf Ausstellungsorten in Berlin. Die vielfältigen Begegnungen und der Gedankenaustausch mit unterschiedlichen Akteurinnen und Akteuren haben uns bewogen, diese Festschrift zum 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages im Frauenmärz 2011 zu veröffentlichen. Die im Buch abgebildeten Collagen und Fotografien sowie die dazu „erzählten“ Geschichten, lassen uns einen Einblick bekommen, wie die MarzahnHellersdorferinnen aus ihrer kritischweiblichen Sicht auf Gleichberechtigung, Gleichstellung und Geschlechterdemokratie schauen und was das Streben danach für Spuren bei den Frauen in ihren Familien hinterlassen hat – ein Lesevergnügen der ganz besonderen Art.

Janett Köber Bärbel Holzheuer-Rothensteiner Margarete Hensel Tran Anh Thai Jutta Menz Hannelore Brunn Karla B. Hoffmann Christine Schuschke Ursula Schubert Anita Stein Rosemarie Berger Monika Steffen Jutta Schädler Marianne Stransky Olga Linker Margit Kretzschmar Erika Schwarz Dagmar Schulze Petra Zacke Gabriele Hartmann

100 Jahre Internationaler Frauentag 100 Jahre meine eigene Geschichte

»Ausstellung«

16

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Janett Köber

17

Janett Köber |

Journalistin, Sozialarbeiterin

Frauen verdienen mehr als sie oft verdienen
Der Internationale Frauentag wird 100 und ich habe die Hälfte geschafft. Herzlichen Glückwunsch und Prost auf das, was in 100 Jahren für die Rechte der Frauen erreicht wurde. Prost auf die, die dafür mit all ihrem Mut und ihrer Überzeugung stritten. Dass es für mich selbstverständlich werden konnte, zu studieren, mein eigenes Konto zu haben und zwei Berufe auszuüben. Oder: unverheiratet mit Mann und Kindern zusammenzuleben. Meine Uroma musste ihr uneheliches Kind noch weggeben. Wie sich die Zeiten verändert haben, innerhalb von nur 100 Jahren. Und doch ist nicht alles Gold, was glänzt und Gleichberechtigung ein sehr relativer Begriff. Die Armen dieser Welt sind in der Mehrheit Frauen. Frauen verdienen immer noch weniger, als sie verdient hätten. Beispiele für Ungleichheit gibt es weltweit. Bleiben wir also wach. Die Frauen in diesem Buch erzählen aus ihrer Sicht. Ich habe einige porträtiert und erfahren, wie wertvoll diese seltenen Momente der ungeteilten Aufmerksamkeit für eine Biografie sind – wie lebendig Geschichte durch eine Lebensgeschichte werden kann. Auch meine Biografie ist reich: an Veränderungen, Brüchen, an Mühen, Freuden, an Unsicherheiten, Erlebnissen und Begegnungen. Was mich stützt? Meine Familie, meine vielen Freundinnen und Freunde und eine immer wieder spannende und abwechslungsreiche Arbeit.

18

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Bärbel Holzheuer-Rothensteiner

19

Bärbel Holzheuer-Rothensteiner

Betriebswirtin, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin*

Der Internationale Frauentag: »Roter Faden in meinem Leben«
Ich bin Politikerin. 1948 in Westberlin geboren und aufgewachsen, verheiratet, Diplom-Betriebswirtin. Als Feministin und Gewerkschafterin mit Westbiografie ist der Internationalen Frauentag für mich Sinnbild des Kampfes gegen Frauendiskriminierung und Sexismus und wie ein roter Faden, der sich auch durch mein Leben zieht. Mit aktiven Antifaschisten und Sozialisten als Eltern begann ich schon jung, mich einzumischen, zuerst in der Schülervertretung und in studentischen Gremien, später und bis heute in der Gewerkschaft, Friedensbewegung, in der Frauenbewegung und seit 1998 als direkt gewählte Abgeordnete des Wahlkreises Marzahn-Mitte für die Partei DIE LINKE im Berliner Abgeordnetenhaus. Das kämpferische Engagement für eine gerechtere Gesellschaft ist neben den liebevollen Mühen für die Familie und einer zielstrebigen beruflichen Laufbahn auch der „rote Faden“ im Leben der Frauen in meiner Familie, von der Großmutter über meine Mutter bis zu mir als Tochter. Die Kämpfe der Neuen Frauenbewegung waren und sind bis heute immer eng mit meiner eigenen Geschichte verknüpft: In den 50er und 60er Jahren, als „Frauen zurück an den Herd“ sollten, beim frechen Frauenaufbruch der 70er Jahre, dem Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218 und für „gleichen Lohn für gleiche Arbeit“ - bis zum bundesweiten Frauenstreiktag 1994 und dann vom Gender Mainstream zum Gender Budgeting. 100 Jahre Internationaler Frauentag heißt Kampf für die Rechte der Frauen - aktuell wie eh und je!

*Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft, Technologie und Frauen, DIE LINKE

20

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Margarete Hensel

21

Margarete Hensel |

Chemikerin

»Familientradition« Zwillinge
„Geboren wird nicht nur das Kind durch die Mutter, sondern auch die Mutter durch das Kind.“
Gertrud von Le Fort 1876-1971 Dt. Dichterin

Meine Oma Marie und ihre Zwillingsschwester Anne wurden am 13. August 1897 geboren. Meine Uroma brachte die beiden zu Hause zur Welt. Meine Oma hatte keinen Berufsausbildung, sie war angelernte Fabrikarbeiterin. Am 20. Juni 1920 kam meine Mutti Rosa zur Welt. Auch sie bekam wieder Zwillinge, Hans und Gretel. Die Geburt der Zwillinge im Krankenhaus war schwer und endete mit einer Überraschung, denn erst während der Geburt – und dies im Jahre 1956 – wurde von der Hebamme festgestellt, dass es Zwillinge waren, und ein Arzt musste hinzugezogen werden. Ich kam

in letzter Rettung als zweites Kind mit den Füßen zuerst heraus. Aber alles ging gut. Mutter lernte Facharbeiterin für Plastverarbeitung und arbeitete später als angelernte Kellnerin und Kantinenkraft. Ich bin die Tochter Gretel, geboren am 17. Mai 1956 und und auch ich bin Facharbeiterin für Plastverarbeitung und außerdem Meisterin der chemischen Industrie. Die Möglichkeiten für Frauen, einen Beruf zu erlernen, wurden im Laufe der Jahre größer. Meine Oma hatte Anfang des 20. Jahrhunderts nicht die Möglichkeit, eine Ausbildung zu machen und wurde nur angelernt, während schon meine Mutter und ich viel größere Chancen bekommen haben, und ich sogar die Meisterprüfung ablegen konnte.

22

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Tran Anh Thai

23

Tran Anh Thai |

Mathematiklehrerin

Wenn du anderen hilfst, helfen sie dir auch
Auf dem Foto seht ihr meine Mutter, Nam Kim Nam Le , sie ist in Vietnam gestorben, als ich in Deutschland war. Sie ist 83 Jahre alt geworden - eine sehr tapfere Frau. An sie denke ich, wenn ich Frauentag feiere. Sie ist mein Vorbild. In Vietnam war Krieg. Mein Vater kämpfte beim Militär, ich habe ihn in drei Jahren vielleicht eine Dreiviertelstunde gesehen. Meine Mutter hat alles alleine geregelt, ihren Beruf, sie war Mitarbeiterin im Vietnamesischen Außenministerium. Auch versorgte sie das Haus und übernahm alleine die Erziehung von uns drei Kindern. Sie hat Essen besorgt, am Haus gebaut, gehämmert, gesägt, genäht, das Stückchen Land bestellt. Sie hat mir alles gezeigt und ich habe mitgeholfen. Sie musste einfach alles können, weil der Vater nicht da war. So etwas wie Hobbys oder Freizeit gab es für meine Mutter nicht. Mir hat sie beigebracht: Sei höflich, sei fleißig, versuche zu lernen, damit du vieles kannst und dich immer zurechtfindest. Und sie sagte: Wenn du anderen hilfst, dann helfen sie dir auch. Oder: Wenn du etwas nicht weißt, dann sei still und höre erst einmal zu. Ich bin auch so wie meine Mutter, ich versuche, alles zu können, um allein klar zu kommen. Als ich nach Deutschland ging, war sie sehr traurig. Aber sie kannte Trennung durch den Krieg. Und Vietnam war ein sehr, sehr armes Land. Meine Familie, sechs Personen, wohnte auf 24 qm. Es war eine Chance für mich und die Familie. Meine Mutter habe ich immer vermisst. Sie war eine sehr gute Mutter. Was ich bin, hab ich von ihr.

24

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Jutta Menz

25

Jutta Menz |

Küchenhilfe

Meine »kleine Geschichte«
Ich bin Jutta Menz, geb. Hennicke. [...] Meine „kleine Geschichte“ beginnt 1961, da hatte ich das Glück, in Augsburg das Licht der Welt erblicken zu dürfen. Mein Vater (geb. 1927) war Straßenbahnfahrer und meine Mutter (geb. 1941) arbeitete in einer Tapetenfabrik, in der Reinigung und später beim Wachschutz. Als ich drei Jahre alt war, zogen wir in die Gartenstadt Falkenberg, da habe ich viele schöne Kinderjahre verbracht. Geliebt habe ich vor allem unsere vielen Tiere [...]. Diese Liebe zu Tieren ist bis heute erhalten geblieben[...]. Neben meiner Mutter war ich das einzige weibliche Wesen zwischen fünf Brüdern. Es war für mich nicht immer leicht, meinen Platz zu behaupten, aber ich habe mich nie unterkriegen lassen [...]. Das schönste und wichtigste Erlebnis in meinem Leben hatte ich am 6. März 1988, denn da habe ich meinen heutigen Mann kennen gelernt. Eine Freundin von mir, nahm mich zu einem ihrer Bekannten mit: meinem Uwe. Wir verbrachten einen schönen Nachmittag und Abend und eigentlich bin ich nie wieder so richtig gegangen. [...]1990 haben wir schließlich geheiratet und mein Mann ist immer noch das Wichtigste in meinem Leben. [...]Gemeinsam haben wir viele Hürden genommen und gemeistert. [...] Ich wünsche mir, dass wir noch viele schöne gemeinsame Jahre miteinander verbringen. Und, wenn ich mal Sorgen habe und jemanden zum Reden brauche, gehe ich übrigens ins nahe liegende Stadtteilzentrum Kiez-Treff West zu Frau Kramer, die hat immer ein offenes Ohr für mich.

26

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Hannelore Brunn

27

Hannelore Brunn |

Ingenieurin, Übersetzerin

100 Jahre für Gleichberechtigung & Chancengleichheit
Im 20. Jahrhundert erringen Frauen wesentliche Rechte für ihr selbstbestimmtes Leben. Erstmals dürfen sie an Unis studieren, frei über ihre Teilhabe am Erwerbsleben entscheiden. Berufsbilder und berufliche Laufbahnen wandeln sich, hängen für Frauen jedoch nach wie vor stark von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Vor allem dann, wenn zu ihrem erfüllten Leben eine erfolgreiche Berufstätigkeit und eine Familie mit Kindern gehören. Das lebten und leben die Frauen meiner Familie: Alle arbeiteten fleißig, zogen Kinder auf, nicht immer stand ihnen dabei ein Mann zur Seite. Meine Großmütter arbeiteten noch in reinen „Frauenberufen“. Meine Mutter war Erzieherin, wurde später Maschinenbauingenieurin. Ein Frauensonderstudium bot ihr Förderung und Zeitrahmen, die eine Mutter von 4 Kindern dafür benötigte. Als Technologieingenieurin arbeitete sie in der wissenschaftlichen Arbeitsorganisation. Mit einem Studentenzug besuchte sie mich in Moskau, wo ich ein Ingenieurstudium absolvierte. Dank der Unterstützung meiner Eltern (und fehlender Studiengebühren) schlossen auch meine Schwestern ein Studium ab. Als Ingenieurin programmierte ich für die Kraftwerksautomatisierung. Den politischen Veränderungen folgen wirtschaftliche und berufliche. Ich wurde EDV-Dozentin, arbeitete in diversen Projekten, begleitet vom Gefühl „steter Arbeitssuche“, berufliche Wünsche im Multimedia-Bereich ließen sich nicht verwirklichen. Meine Kinder sind mein Leben um mich herum, sie sind auf dem Weg in ihre Familien- und Berufswelten.

28

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Karla B. Hoffmann

29

Karla B. Hoffmann | Ökonomin, Autorin

»Zweimal nicht vergessen - Wir Frauen im Mittelpunkt unserer Männerwelt am 8. März«
Als ich auf das Projekt zum Frauentag im März 2010 angesprochen wurde, ahnte ich noch nicht, worauf ich mich eingelassen hatte. […] Nach der Einführung fasste ich das Thema zu sehr auf das Erleben an dem 08. März eines jeden Jahres, und wie dieser Internationale Frauentag in meinem Umfeld gewürdigt wird, anstatt auf die 100jährige Geschichte der Frauen in meiner Familie einzugehen. Das begriff ich erst, als ich die Anfangsideen zum dem Projekt meiner Mitaussteller sah und begleitete. Dabei kristallisierte sich eine Beobachtung sehr stark heraus: Alle erzählen tatsächlich auf die eine oder andere Weise von den Frauen in ihren Familien in den letzten 100 Jahren. Manches blieb nicht ohne Nachhall. Ich war stark beeindruckt. Plötzlich wandelte sich die enge Betrachtung der Erlebnisse zu den Frauentagen zu der Erkenntnis, dass in meinem Leben nur zwei Frauen prägend waren: Meine Mutter und meine Großtante […]. Ich stellte meinem Ausstellungsprojekt Bilder meiner Familie als Basis dieser Erkenntnisse zur Verfügung. Damit fügte es sich in die anderen Ausstellungsprojekte als ein Puzzlestück gut ein. Bei der Eröffnung der Wanderausstellung im Kulturforum Marzahn-Hellersdorf, Berlin am 08. März 2010 war ich begeistert von der Vielfalt der Projekte. Jede Tafel ist einzigartig, wie der Mensch und das Leben dahinter.

30

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Christine Schuschke

31

Christine Schuschke |

Buchhalterin

Vier Generationen – Frauen
An meine Omas kann ich mich nicht erinnern. Meine Mutter durfte als Jüngste von vier Geschwistern keinen Beruf erlernen, weil sie auf dem elterlichen Hof arbeiten musste. Deshalb hat sie mir als Mädchen immer ans Herz gelegt, wie wichtig eine Ausbildung ist. Meine Eltern als einfache Arbeiter ermöglichten allen drei Kindern ein Studium. Meine zwei Töchter erwarben das Abitur. Die Ältere promovierte nach dem Studium und die Jüngere studierte neben ihrer Berufstätigkeit. Ich bin in einer christlichen Familie geboren, getauft und konfirmiert worden. Meine Mutter beteiligte sich nach 1960 rege am Aufbau des Kindergartens, war aktiv im DFD, in Elternvertretungen der Schule [...]. Ich war Mitglied der Pionierorganisation, der FDJ und der SED. Mit Begeisterung nahm ich die rasante Entwicklung in der sozialistischen Landwirtschaft wahr und war stolz, daran beteiligt zu sein. Mein Blickwinkel wurde mit den Jahren kritischer. Ich bemerkte langsam, dass ich mich politisch manipulieren und beeinflussen ließ. Seit 1990 entziehe ich mich bewusst jeder Politik. Bereits 1991, in der Phase „Kurzarbeit – Null – Stunden“ meines letzten Arbeitgebers, begann ich eine Weiterbildung. Ein halbes Jahr arbeitete ich in einem Unternehmen, wurde dann arbeitslos. Während der Arbeitslosigkeit besuchte ich Veranstaltungen in Frauenprojekten und erhielt die Chance, mein erworbenes Wissen als Buchhalterin im Rahmen von geförderten Maßnahmen bei „Frieda“ und „Marie“ einzusetzen und mich weiterzuentwickeln

32

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Ursula Schubert

33

Ursula Schubert |

Sozialarbeiterin

Rudern zwei ein Boot
„Rudern zwei ein Boot, der eine kundig der Sterne, der andere kundig der Stürme. Wird der eine führen durch die Sterne, wird der andere führen durch die Stürme [...].“ Die Worte Rainer Kunzes könnten das Lebensmotto unserer Familie sein. Vor 64 Jahren bestiegen meine Eltern ihr Boot für die gemeinsame Lebensfahrt. Jetzt sollte ihr Boot endlich in Fahrt kommen, in einer Zeit da ein guter Steuermann und ein guter Navigator ganz besonders notwendig waren. Die Voraussetzungen waren nicht eben rosig. Meine Eltern, beide Jahrgang 1919, haben einen Grundschulabschluss. Während mein Vater einen Beruf lernen konnte, musste meine Mutter auf dem Feld und in der Hauswirtschaft der Eltern arbeiten. [...] Mühevoll wurde die Bootsfahrt, denn die Mannschaft vergrößerte sich rasch. Bald tummelten sich an Bord drei Mädchen. Doch keine Klippe oder Sandbank, und deren gab es viele, konnten dem kleinen Boot etwas anhaben. [...] Wir Mädchen waren herangewachsen und dachten schon an unser eigenes kleines Boot, mit dem wir unsere Lebensträume verwirklichen wollten. Startkapital hatten wir ausreichend mitbekommen, unsere Eltern hatten es uns vorgelebt. Das, was unserer Mutter verwehrt blieb, haben wir drei Mädchen verwirklichen können. Wir haben unsere Chancen genutzt, haben studiert und pädagogische Berufe ergriffen, worauf unsere Eltern sehr stolz sind. Das Familienboot legt nun ein gemächliches Tempo vor. [...] Den heftigsten Stürmen trotzten wir, die Familie rückte dichter zusammen.

34

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Anita Stein

35

Anita Stein |

Grafikdesignerin

Großmütter – Mütter – Töchter
1910 beginnt die Geschichte des 8. März. Meine Ur-Ur-Großmutter Anna ist 58 Jahre alt, zum zweiten Mal verwitwet und lebt bei dem ältesten ihrer elf Kinder. Ihr Leben als Frau eines Bergarbeiters ist hart, die Arbeit unter Tage hat auch die Männer hart gemacht. 1920 bringt meine Ur-Großmutter Frieda, ihre jüngste Tochter Ilse zur Welt. Nach ihrer Scheidung heiratet sie zum zweiten Mal. Ihr Arbeitstag als Hauswartsfrau ist lang und beginnt 4 Uhr früh mit dem Heizen des Kontors. Außerdem wäscht sie in Herrschaftshäusern. Sie muss die kleine Ilse oft mit zur Arbeit nehmen, obwohl dass nicht erlaubt ist. Mit 40 Jahren ist sie stark herzkrank. 1934 beendet meine Großmutter Ilse die 8. Klasse und tritt eine Stelle als Dienstmädchen an. Später, in der DDR, versuchte sie, engagiert Arbeit und Familie zu vereinbaren. Ihren Berufsabschluss als Fotolaborantin kann sie 1970 im Alter von 50 Jahren nachholen. 1953 geboren geht im Leben meiner Mutter Katja zunächst alles glatt – Kindergarten, Schule, Abitur, Studium, Beruf, Familie – bis 1989 erst die Scheidung und dann die „Wende“ kommt. Sie überdenkt Gelebtes, testet neue Möglichkeiten aus und geht an eigene Grenzen. 1995 mache ich als Frau selbstverständlich Abitur und studiere. Ich bin selbständige Computer-Designerin. Dank der Kita-Betreuung managen mein Mann und ich zusammen die Familie. Unserer Tochter Ida Marie sollen in einer friedlichen Welt alle Möglichkeiten offen stehen. Dies wünsche ich uns in Anbetracht der politischen Dimension eines jeden 8. Märzes!

36

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Rosemarie Berger

37

Rosemarie Berger |

Erzieherin

Eine Familie im Deutschland des vorigen Jahrhunderts Zwischen Jungpionier und Hartz IV
Meine Mutter, vertrieben aus Ostpreußen, gestrandet in Blankenheim, half beim Wiederaufbau des berühmten Sprenglermuseums. Als Trümmerfrau ausgezeichnet, lernte sie meinen Vater während einer Kur kennen. Er, gelernter Schreiner, überlebte im 2. Weltkrieg als Flieger in Italien zwei Abstürze. Die Liebe zu meiner Mutter ließ ihn die schlimmen Erlebnisse verdrängen. Nach meiner Geburt jedoch verfiel er in Depressionen und wurde psychisch krank, sodass er bis zum Tod im Heim leben musste. Meine beiden Schwestern, ein und zwei Jahre älter als ich, wuchsen vorerst wohlbehütet als Hauskinder auf. Doch eines Tages wollte der Staat, dass meine Mutter selbständig für unseren Unterhalt aufkommt. Drei Heimplätze und eine Arbeitsstelle waren schnell besorgt, grausam für uns Kinder und meine Mutter. Von da an war meine tanzende, Mundharmonika spielende, barfuß laufende Mutter nicht mehr wieder zu erkennen. Nie habe ich sie so erlebt, nur aus Erzählungen weiß ich davon. Endlich im Schulalter angelangt, waren wir vier wieder vereint zuhause. Ich ging gern in die Schule. Aber noch lieber hütete ich schon als Zehnjährige Kinder aus der Nachbarschaft. Diese Liebe machte ich zu meinem Beruf. Während der Wendezeit bekam ich mein drittes Kind, wechselte meinen Wohnsitz und gab meine Arbeit deshalb auf. In den Jahren 1989 – 2010 arbeitete ich hauptsächlich mit Kindern in verschiedenen Projekten. Zurzeit arbeite ich in einem bilingualen Kindergarten. Alle Arbeitsstellen waren und sind seit der Wende befristet.

38

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Monika Steffen

39

Monika Steffen |

Schulsekretärin, ehrenamtliche Grüninspektorin

Vier Generationen meiner Familie
Meine Großmutter wurde als Arbeiterkind in Berlin geboren. Ihr berufliches Leben begann früh als Näherin. Sie trat in einen Arbeitersportverein ein, in dem sie aktiv mitwirkte. Das Privileg der Organisation in einem Verein, war ein Ergebnis der proletarischen Frauenbewegung […]. Sie erlebte verschiedene historische Zeitabschnitte, das Kaiserreich, den 1. Weltkrieg, Hungersnot und Säuglingssterblichkeit, die schweren wirtschaftlichen Jahre, Massenstreiks, aber auch die goldenen 20er mit wirtschaftlichem Aufschwung und danach die verheerende Zeit des Nationalsozialismus, des 2. Weltkrieges, und den Wiederaufbaus Deutschlands. Meine Mutter, auch in Berlin geboren, lernte Näherin […]. Ich bin die jüngere der zwei Töchter und während des zweiten Weltkrieges geboren. Nach dem Abschluss der Schule begann ich gleich als Botin zu arbeiten und qualifizierte mich zur Maschinenschreiberin. Mein Arbeitsleben war vielfältig, aber überwiegend habe ich als Schulsekretärin gearbeitet. […] Ich war glücklich verheiratet und habe vier Kinder. Immer war ich gesellschaftlich interessiert und engagiert. Auch heute als Rentnerin bin ich ehrenamtlich als Grüninspektorin in Hellersdorf aktiv […], diese Arbeit liegt mir besonders am Herzen, weil eine saubere Umwelt für zukünftige Generationen lebenswichtig ist. Meine Tochter Barbara, die älteste meiner vier Kinder lernte Diätköchin […]. Nach der Wende studierte sie Sozialpädagogik. Meine Tochter Jeannette ist gelernte Familienhelferin und studiert zurzeit.

40

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Jutta Schädler

41

Jutta Schädler |

Schneiderin

Arbeitsleben im Wandel
Meine Mutter Charlotte wurde 1910 in Berlin geboren. Sie hatte sechs Geschwister. Als 16-Jährige fuhr sie bereits mit dem Pferdefuhrwerk der Firma „Bolle“ mit, um Milch auszutragen. Nach meiner Geburt 1948 half sie mit, den Wald in Berlin-Mahlsdorf aufzuforsten. Da sie keinen Beruf erlernt hatte, arbeitete sie später als Küchenhilfe, Kassiererin und Platzanweiserin im Kino. [...] Meine Mutter starb bereits 1983. Ich wurde 1948 geboren. Von 1954 bis 1964 besuchte ich die Polytechnische Oberschule in Berlin-Mahlsdorf. Mein Hobby machte ich zu meinem Beruf und wurde Herrenschneiderin und arbeitete nach meiner Ausbildung als Lehrausbilderin.. [...] Nach der Geburt meines Sohnes arbeitete ich wieder als Näherin. 1971 wurde meine Tochter Kerstin geboren. Nach knapp zwei Jahren Arbeitspause bekam ich einen Krippenplatz und konnte wieder als Näherin anfangen. Später übertrug man mir die Tätigkeit einer Gütekontrolleurin, dann als Meisterin und später als Bereichsleiterin. Kerstin besuchte [...]die Polytechnische Oberschule Berlin-Biesdorf. Danach begann sie eine Ausbildung als Schuhfachverkäuferin. Bis zur Geburt ihres ersten Sohnes arbeitete sie in Vollzeit. Danach wurde die Arbeitszeit[...] gekürzt. Nach 15-jähriger Firmenzugehörigkeit wurde sie dann im Sommer 2006 betriebsbedingt entlassen. In den darauf folgenden Jahren arbeitete sie als Schuhverkäuferin und bei einer Zeitarbeitsfirma in der Datenerfassung. Da es zunehmend schwieriger wurde, eine Arbeit zu finden, arbeitet sie nun seit 2009 als Zimmermädchen.

42

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Marianne Stransky

43

Marianne Stransky |

Kindergärtnerin

Meine Familie
1937 wurde ich in Riebnig im Sudetenland geboren, eine kleine Gemeinde mit etwa 1065 Einwohnern begrüßte mich. Wohl behütet wuchs ich auf. Meine Eltern besaßen ein Gasthaus mit Kolonialwarengeschäft. Ein Kindermädchen kümmerte sich um uns und half auch in der Hauswirtschaft mit. Nach 1940 wurden alle Männer […] eingezogen und übrig blieben die Frauen, Kinder und Alten. Nun lag die ganze Last auf den Schultern der Frauen. Sie mussten Männerarbeit leisten. […] Ein Jahr lang durfte ich die Dorfschule besuchen. Dann wurde sie geschlossen, wie so vieles, und 1945 begannen die schrecklichen Vertreibungen, 1946 die Aussiedlungen und wieder waren die Frauen mit der Situation allein. Unser großer Familienclan […] wurde in alle Himmelsrichtungen zerrissen. […] Wir landeten in Thüringen und die Großeltern in Mecklenburg. Wir waren nirgendwo gern gesehen. In den ländlichen Gebieten gab es wohl kaum einen Arbeitszweig ohne fleißige Frauenhände. […] Üblich war, dass Töchter und Frauen, meist selbst ohne Beruf, nach dem ihres Mannes benannt wurden […]. ich selber konnte den Beruf einer Kindergärtnerin erlernen und war über 40 Jahre mit Lust in diesem Beruf tätig. In den 100 Jahren seit dem ersten Frauentag gab es viele harte Zeiten für uns Frauen, vor allem im Krieg und in der Zeit danach mussten wir oft „unseren Mann stehen“ und beweisen, dass wir in der Lage sind, hart zu arbeiten und uns um alles zu kümmern, wenn wir allein sind.

44

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Olga Linker

45

Olga Linker |

Lehrerin, Staatlich anerkannte Migrationsberaterin

Ich werde nicht alles, was ich hatte, verstecken
Ich komme aus zwei Kulturen, solche Leute sind ein bisschen reicher. Mit Kultur definiere ich, was ich erlebt habe, wie ich gelebt habe. In Deutschland gibt es Sicherheit. Und Geld..., also nicht in erster Linie waren das meine Gedanken, aber man kann Geld verdienen und ausgeben. Wir wurden von der Regierung eingeladen, aus Kasachstan zu kommen. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass die Leute so abweisend reagieren am Anfang. Heute ist das nicht mehr so. Die Menschen sind so, wie sie sind, das hat oft keinen nationalen Hintergrund, sondern hängt auch vom Charakter ab. Aber groß war die Ablehnung durch staatliche Stellen. Die Sprache ist entscheidend für die Integration. Dann braucht man Akzeptanz von den Leuten, die hier leben, und ein Stück Anpassung. Das muss nicht so sein, dass ich kulturell selbst so werde, wie die Einheimischen. Aber dazu zählt, deutsch zu sprechen und nach den Gesetzen zu leben. Für mich gilt, nicht zu fragen: „Wer ist das denn?“, sondern zu sagen „Hallo, wer bist du?“ Viele haben überhaupt keine Ahnung von Migration, aber sie urteilen. Sie wollen nichts wissen. Wenn der Mensch nichts wissen will, kann man auch nichts erklären. Und: der Mensch besitzt dann Würde, wenn er sein Geld selbst verdienen kann. Arbeit ist für die Integration entscheidend. Wo meine Heimat ist, darüber hab` ich noch nie nachgedacht. Da, wo ich mich wohl fühle. Wo meine Familie lebt. Das ist aber nicht an ein Land gebunden.

46

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Margit Kretzschmar

47

Margit Kretzschmar |

Teilkonstrukteurin , Personalleiterin

Lebens- und Bildungswege
Die Frauenkirche in Dresden ist das Sinnbild für unsere Lebenswege im Nachkriegsdeutschland und dem wieder vereinigtem Deutschland. Während der Luftangriffe auf Dresden in der Nacht vom 13. zum 14. Februar 1945 wurde sie schwer beschädigt, um am darauf folgenden Tag einzustürzen. Im geteilten Deutschland, in der DDR, diente sie als Mahnmal gegen den Krieg und Zerstörung. Nach der Wiedervereinigung begann 1994 der Wiederaufbau der Kirche, der im Jahre 2005 abgeschlossen werden konnte. Heute steht sie sowohl als Mahnmal gegen den Krieg und ist ebenso ein Symbol der Versöhnung. Ausgebrannt war damals auch unser Zuhause, es folgten viele Umzüge, bis wir uns dann endlich niederließen. Dabei haben wir unterschiedliche Wege beschreiten müssen. Meine Collage und die dazu ausgewählten Bilder, weisen auf ein Reihe typischer und untypischer Berufe hin, in welchen Frauen eines Jahrhunderts in meiner Familie gearbeitet haben: ein Mitglied meiner Familie übte den Beruf der Putzmacherin aus, heute Modistin genannt. Dieses Handwerk wird beinahe ausschließlich von Frauen ausgeübt und ist das Pendant zum Hutmacher. Das Arbeitsfeld einer Teilkonstrukteurin wiederum ist, unter anderem, in Unternehmen der Metallbranche sowie im Anlagen- und Maschinenbau oder in der Automobilindustrie angesiedelt, also einer der sogenannten MINT-Berufe, die durch den Girls’ Day den Mädchen vertrauter gemacht werden sollen. Es zeigt sich, dass Lebens- und Bildungswege von Frauen dem Zeitgeist unterworfen sind. Nicht selten werden sie politischen und wirtschaftlichen Interessen untergeordnet.

48

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Erika Schwarz

49

Erika Schwarz |

Leiterin Hella – Klub für Mädchen und junge Frauen

»Spurensuche« - ein Töchter - Mütter - Großmütter - Projekt
Jede Generation hat ihre eigenen Vorstellungen von Glück und was ihnen am wichtigsten in ihrem Leben ist. Welche Lebensideale hatten unsere Mütter und Großmütter damals oder haben sie heute? Dieses Spannungsfeld wollten wir […] genauer betrachten. Die Teilnehmerinnen des Projekts aus drei Generationen waren zur gemeinsamen Spurensuche eingeladen: Welche Lebensvorstellungen, Träume und Wünsche hatten sie selbst? Wie wurden diese von der Mutter oder Großmutter gelebt? […] Welches Frauenbild war zeitgemäß? Wie war das mit der Gleichberechtigung? Wie zufrieden ist Mutter/Großmutter heute mit ihrem Weg? Was wünsche ich mir als Tochter? Fragen über Fragen, die in vielen persönlichen Gesprächen erfragt, aufgeschrieben und/oder in Gesprächsrunden diskutiert wurden. Das Ergebnis waren sehr persönliche Kurzgeschichten und Porträts, die zeigen, dass unterschiedliche und doch ähnliche Erfahrungen unsere Müttern prägen. Manchmal fiel es den Beteiligten schwer, ihre Erlebnisse und Empfindungen in Worte zu fassen. Die beteiligten Frauen sind nicht nur intensiver ins Gespräch gekommen, erstaunlich war die große Neugier der Mädchen/jungen Frauen und die Offenheit der Mütter/ Großmütter. „Uns verbindet doch eine gegenseitige Lebensgeschichte und wir haben gespürt, wie eng unsere Entwicklung miteinander verwoben ist, erinnerten uns an viele Ereignisse auf unserem Weg… Das Erzählen von gelungenen Begebenheiten gibt uns allen doch auch ganz viel Kraft …“, so eine Großmutter.

50

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Dagmar Schulze

51

Dagmar Schulze |

Sekretärin, Mitarbeiterin Rezeption

»Lebenszug«
Ich bin Dagmar Schulze, Jahrgang ´59, mein Lebenszug beginnt - noch in der Weimarer Republik - als meine Mutter Liselotte Buchholz 1931 geboren wurde. Mein Großvater war Tischler und meine Großmutter Hausfrau. Meine Mutter kam 1938 in die Schule und 1940 erfolgte die Kommunion. Nach dem 2. Weltkrieg arbeitete sie, um nicht zu verhungern, bei einem Bauern als Magd. Ab 1951 war sie als Fabrikarbeiterin im VEB Secura Werk Berlin beschäftigt. Dieses Werk wurde 1949 gegründet, damit begann die Entwicklung und Produktion von Registrierkassen in der DDR. Einen großen Anteil der betrieblichen Belegschaft bildeten Frauen. Im Deutschen Bundesarchiv vom 25. Juli 1963 ist eine Fotodokumentation zu finden: Ilse Thiele, engagiert im Demokratischen Frauenbund Deutschlands (DFD), berichtete an diesem Tag den Frauen des VEB Secura von ihren Eindrücken vom VI. Weltfrauenkongress in Moskau. Dabei überbrachte sie der Frauenbelegschaft eine Grußbotschaft der ersten Kosmonautin Valentina Tereschkowa. 1953 heiratete meine Mutter und 1954 wurde mein Bruder Dieter geboren. Ich erblickte fünf Jahre später das Licht der Welt. 1963 wurde meine Mutter Briefträgerin bei der Deutschen Post. Mit dem Bau des Palastes der Republik, der einst am Marx-Engels-Platz - dem heutigen Schlossplatz - stand und am 23.04.1976 feierlich eröffnet wurde, bekam meine Mutter die Möglichkeit dort als „Einlasserin“ zu arbeiten. Nach der Wende ging sie im Alter von 59 Jahren in den Vorruhestand. Sie hat heute sechs Enkelkinder sowie Urenkel und Urenkelinnen.

52

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Petra Zacke

53

Petra Zacke |

Vorstand des HAFEN-Zentrums für Frauen und Mädchen e.V.

Vier Generationen – vier Lebenswege
Meine Mutter und mein Vater haben den 2. Weltkrieg erlebt, meine Großeltern auch den Ersten. Viel haben meine Eltern und Großeltern nicht über diese Zeit gesprochen, sie wollten ein neues Leben ohne Krieg und Leiden. Meine Großmutter bot nach dem Krieg einen Wäsche-Mangel-Service an [...], meine Mutter meldete sich als Neulehrerin. Erst sehr viel später konnte sie studieren. Es war nicht einfach, ein Abendstudium mit drei Kindern erfolgreich abzuschließen. Ich selber legte das Abitur ab und entschloss mich, nach einer Berufsausbildung ein Physikstudium anzuschließen. Als Diplom-Physikerin erhielt ich problemlos Arbeit in der Prozessautomatisierung. Erst mit der Wende gab es berufliche und private Einbrüche. Ich musste mich neu orientieren und wurde Dozentin und später IT-Ausbilderin, war zwischendurch auch arbeitslos. Meine Ehe hat die Wende nicht überstanden und ich wurde alleinerziehende Mutter. Meine Töchter entwickelten sich gut. Eine zog für ihre Ausbildung zur Mediengestalterin nach Hannover. Mit Abschluss und Berufserfahrung kam sie zurück und studiert jetzt in Berlin Drucktechnik. Sie konnte ein praktisches Semester in Chile absolvieren. Auch meine zweite Tochter studiert in Berlin und hat bereits einige große internationale sportliche Erfolge errungen. Der Jugend stehen heute spannende Wege offen, aber sie müssen erkämpft werde. Ich hoffe, dass meine Töchter beruflich Fuß fassen können und später eine Rente erhalten. Das sind Sorgen und Hoffnungen in dieser Zeit.

54

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre meine eigene Geschichte | Gabriele Hartmann

55

Gabriele Hartmann |

Medizinpädagogin

Ein Blick zurück und nach vorne
Meine Oma Auguste-Ernestine wurde 1892 geboren. Sie betreute ihre fünf Kinder und den Hof allein. Meine Mutter Gerda erblickte 1925 das Licht der Welt. Sie begann eine Ausbildung zur Stenotypistin und zog nach Berlin. Beim letzten Bombenangriff auf Berlin wurde sie verschüttet. Trotz einiger Operationen konnte ihr Augenlicht nicht gerettet werden, sie war für immer blind. Daraufhin lebte sie bei meiner Oma und ging an eine Blindenschule. Als sie heiratete, zog sie gemeinsam mit meinem Vater und Oma nach Chemnitz. Ich wurde 1953 in einem ehemaligen Lustschloss geboren. Meine Oma kümmerte sich sehr um mich. Ich legte das Abitur ab und wurde Krankenschwester. Anschließend studierte ich Medizinpädagogik in Berlin. Ich brachte meine Tochter zur Welt und begann an der medizinischen Fachschule in Berlin als Praxislehrerin zu arbeiten. Ich lernte meinen Mann kennen und wir bekamen unseren Sohn Marc David. Leider konnte meine Mutter nicht viel Zeit mit ihrer Enkelin verbringen, nach schwerer Krankheit starb sie 1987. Kurz darauf, 1988, verstarb auch meine Oma. Nach der Wende fand ich einen Bildungsträger, der eine Altenpflegeschule eröffnen wollte, für diesen schrieb ich die Konzeption. Meine Tochter war eine gute und ehrgeizige Schülerin. Sie musizierte gern, lernte Flöte, Gitarre und Klavier. In dem Verein Kiek in e.V. Berlin fand sie sich gut aufgehoben und ist schon seit vielen Jahren im Schulungsteam des Vereins tätig. Nach der Schule begann sie ein Lehramtsstudium, das sie 2011 beenden wird.

56

100 Jahre Internationaler Frauentag

Reverenzen & Glückwünsche

Frauen sind das Bindeglied der Gesellschaft!
In diesem kurzen Satz spiegeln sich die unterschiedlichen Erkenntnisse unserer Autorinnen und Autoren wider, die uns für das 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages ihre Gedanken aufgeschrieben haben. Auf die über 100 versandten Einladungen, einen Textbeitrag für unsere Publikation zum 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages zu schreiben, sind 75 Zusagen an uns zurückgekommen. Einerseits sind die aufgeschriebenen Gedanken unserer Autorinnen und Autoren in ihrer Vielfalt und Verschiedenheit ein Abbild unserer Gesellschaft und werfen aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln einen Fokus auf den 100. Geburtstag des Internationalen Frauentages. Andererseits berühren sie sich an der einen oder anderen Textstelle gedanklich. In der Tat hat der 100. Internationale Frauentag sehr gute Reverenzen. An dieser Stelle werden ihm Frauen und Männer ihre Reverenz erweisen.

Petra Pau Anja Kofbinger Josip Juratović Dr. Renate Goldhahn / Katja Buch Wilfried Nünthel Almuth Hartwig-Tiedt Christian Gräff Dr. Gabriele Schambach Dr. Sigrid Arnade Petra Wermke Stephan Richter Marion Böker Jasenka Villbrandt Regina Schmidt Elena Marburg Bianka Käppler Christian Heller/Peter Pateisat Nurdan Kütük-Chung Henning von Bargen Heidemarie Gerstle Angela Besuch Norbert Lüdtke Julia Brummert Erika Maier Stefan Komoß Dr. Gabriele Hiller Dr. Jochen Gollbach

Petra Hecht Edgar Meißner Simone Lau Christiane Droste Dr. Manuela Schmidt Carl Chung Cornelia Großmann Oleg Peters Julia Witt Michaela Bröring Anatol Wendler Marlitt Köhnke/André Gaedecke Eva Gottwalles Jutta Köber Marion Winkelmann Doreen Siebernik Dagmar Poetzsch Monika Schlesier Beate Hohenberger Lydia Krenz Dr. Renate Neumann Tran Anh Thai Martin Hunold Gabriele Mansfeld  Jennifer Hübner Sabine Thonke Felix Nuss

Reverenzen & Glückwünsche

58

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

59

Petra Pau |

Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages*

Der Bundestag hat Clara Zetkin wieder!
Sie gehörte zu den Namhaften, die sich Zeit ihres Lebens für die Gleichberechtigung von Frauen engagierten – Clara Zetkin (1857 – 1933). Dass sich in Deutschland ab 1918 Frauen an Wahlen beteiligen durften, ist auch ihr zu verdanken. Aber ihr ging es immer um mehr. Und sie wäre empört über deutsche Zustände anno 2011, da Frauen für die gleiche Arbeit noch immer 25 Prozent weniger Lohn erhalten als Männer. Deshalb will ich eine Episode erzählen. Sie begann nach 1990. Der Bundestag hatte mit knapper Mehrheit seinen eigenen Umzug von Bonn nach Berlin beschlossen. Das Reichstagsgebäude sollte saniert und modernisiert werden, als Herzstück des künftigen Parlaments-Viertels. Zur selben Zeit erging eine Order aus dem Bonner Bundeskanzleramt an das Land Berlin: Die Straße, die vom Osten her direkt an den künftigen Bundestag heranführt, dürfe nicht mehr „Clara Zetkin“ heißen. Das war rechtswidrig. Denn für Straßennamen sind in Berlin ausschließlich die Bezirke zuständig, nicht der Senat und schon gar nicht das Bundeskanzleramt. Sie heißt seit 1995 dennoch „DorotheenStraße“, benannt nach einer preußischen Kurfürstin. Clara Zetkin war Frauenrechtlerin, sie war Antifaschistin und Alterspräsidentin des letzten frei gewählten Reichstags, bevor das NS-Regime 1933 die Parlamente abschaffte und demokratische Anfänge erwürgte. Das alles galt im neuen, vereinigten Deutschland nichts. Clara Zetkin verstand sich als Kommunistin. Das überwog und deshalb musste ihr Name getilgt werden. Zeitsprung: 2005 wurde DIE LINKE als Fraktion in den Bundestag gewählt. Das war gut und hatte obendrein einen kleinen Nebeneffekt. Alle Fraktionen geben traditionell ihrem Beratungsraum einen Namen. Wie also sollte der Saal der Linken heißen? Der erste und naheliegende Vorschlag hieß „Rosa Luxemburg“. Entschieden haben wir uns letztlich für „Clara Zetkin“. Ich habe mich darüber sehr gefreut, auch über die listige Tücke dieser Geschichte. Vor dem Parlament durfte Clara Zetkin nicht mehr sein. Nun ist sie wieder drin. Zu recht und mahnend: Denn Frauen werden noch immer benachteiligt. Sie dürfen wählen und gelegentlich auch mitbestimmen. Mit Selbstbestimmung aber hat das noch lange nichts zu tun.

*Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf von Berlin, DIE LINKE

60

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

61

Anja Kofbinger |

Politikwissenschaftlerin, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin*

100 Jahre Frauentag – 25 Jahre grüne Frauenquote – 20 Jahre Berliner LGG
Als die deutsche Sozialistin Clara Zetkin vor 101 Jahren auf die Idee kam, einen weltweiten Tag der Frau auszurufen, lagen die Missstände und Repressalien auf der Hand. Das tun sie heute immer noch. Aber es ist natürlich auch wichtig seine Erfolge zu feiern, oder wie meine Lieblingsfeministin Emma Goldmann sagte: „Es ist nicht meine Revolution wenn ich nicht tanzen kann.“ Mit dem Internationalen Frauentag verknüpfe ich natürlich Erfolge, die sich direkt oder indirekt für die Gegenwart daraus ergeben haben. Vor 25 Jahren also zum 75 Geburtstag - beschlossen die Frauen und Männer der Grünen, dass von nun an alle Ämter und Mandate gerecht zwischen Frauen und Männern aufzuteilen sind. Geschlechtergerechtigkeit kommt nicht von allein, so wie es die derzeitige Regierung annimmt. Damit waren sie stilbildend, sogar die CSU
*Frauenpolitische Sprecherin, Bündnis 90/Die Grünen

hat inzwischen eine Frauenquote. Ein Jubiläum, das mich als Berliner Grüne ganz besonders freut, ist der zwanzigste Geburtstag des Landesgleichstellungsgesetzes (LGG). Es war das buchstäblich letzte große gemeinsame Projekt, das Rot-Grün 1990 noch verabschiedete. Es ist aus heutiger Sicht nicht besonders spektakulär, aber damals war es das erste seiner Art und richtungweisend. In den letzten Jahren ist es uns auch aus der Opposition heraus gelungen, das LGG immer wieder auf die parlamentarische Tagesordnung zu setzen und Verbesserungen und Klarstellungen zu erreichen. Viele dieser Erfolge wären ohne die Initialzündung des ersten Internationalen Frauentages so nicht möglich gewesen. Deshalb möchten wir auch mit einer besonderen Aktion an Clara Zetkin erinnern. Am 8. März werden wir die Dorotheenstraße in Mitte, da wo

sich u. a. das Jakob-Kaiser-Haus befindet und die Büros der Bundestagsabgeordneten, in einem symbolischen Akt in Clara-Zetkin-Straße umbenennen. So hieß sie vor der Wende schon einmal. Allerdings wollte der damalige Kanzler Kohl nicht, dass seine Abgeordneten eine solch merkwürdige Postanschrift bekommen und beschloss, die Straße soll ihren vorsozialistischen Namen zurück erhalten. Wir hoffen, dass unsere Aktion einen bleibenden Eindruck hinterlässt und der Auftakt ist zu einer realen UmUmbenennung. Clara hätte es verdient, wir finden nämlich, dass es eine ganz hervorragende Adresse für unsere Bundestagsabgeordneten wäre.

62

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

63

´ Josip Juratovic |

Mitglied des Deutschen Bundestages*

Dr.Renate Goldhahn |  Katja Buch
Sprecherin des FrauenNetzes MarzahnHellersdorf Sprecherin des Frauenbeirates MarzahnHellersdorf

Brauchen wir einen Frauentag?
Diese Frage taucht immer wieder um den 8. März herum auf, natürlich besonders beim 100jährigen Jubiläum des Frauentages. Mich ärgert diese Frage. Natürlich brauchen wir den Internationalen Frauentag. Er ist mehr als nur ein Gedenktag, doch leider wird das heute viel zu häufig vergessen. Einhundert Jahre, in denen sich streitbare Frauen das Wahlrecht erkämpft haben. In denen Frauen von ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter in die der gleichberechtigten Partnerin wechseln konnten. Eine Zeit, in der Frauen rechtlich und politisch gleichgestellt wurden. Eine Zeit, in der Frauen die gleichen Bildungsmöglichkeiten erhalten haben und ihre Arbeit und ihren Arbeitsplatz frei wählen können. Einhundert Jahre, in denen viele Ziele erreicht wurden. Doch es gibt noch viele offene Wünsche. In erster Linie steht da: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, und
*Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Heilbronn, SPD

Rosen für Clara
1910 wurde auf Initiative von Clara Zetkin während der Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz die alljährliche Durchführung eines internationalen Frauentages festgelegt. 1911 fand er erstmalig am 19. und ab 1921 am 8. März statt. Auch wenn verschiedene historische Ereignisse für die Festlegung des Internationalen Frauentages auf das Datum 8. März herangezogen oder auch widerlegt werden, unstrittig sind die Forderungen des historischen Frauenkampftages wie das Frauenwahlrecht und gerechte Entlohnung. „Rosen für Clara“ ist seit vielen Jahren die zentrale Aktion des MarzahnHellersdorfer Frauennetzes am 8. März. Zwei Frauennetze, 1993 in Marzahn und in Hellersdorf gegründet und nun als ein FrauenNetz vereint, tragen von Beginn an Berlins frauenpolitische Aktionen mit. So den Frauenstreiktag 1994 mit seinem frauenpolitischen Forderungskatalog oder die Frauenkette für eine soziale Gesellschaft 1997 am Brandenburger Tor. Mit der Bezirksfusion 2001 bündeln beide Frauennetze ihre Kräfte, bringen 2006 den Frauenbeirat als politisches Gremium des Bezirkes auf den Weg und mit ihm gemeinsam die Frauenkonferenz von Marzahn – Hellersdorf, die in diesem Jahr zum 3. Mal die Interessen von Frauen und Mädchen unseres Bezirkes in den öffentlichen Fokus rückt: Beschäftigungsmöglichkeiten für Frauen, Perspektiven für Mädchen, Frauenpolitik und Engagement für eine soziale, geschlechtergerechte Gesellschaft sind heute Arbeitsschwerpunkte. Das Frauenwahlrecht ist mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, gerechte Entlohnung noch nicht. Genug Arbeit für das nächste „Frauen-Jahrhundert“.

damit verbunden die gleichen Aufstiegschancen in unserer Gesellschaft! Oder auch die traurige Tatsache, dass in keinem europäischen Land Familie und Beruf für viele Mütter und Väter so schlecht vereinbar ist wie in Deutschland. Liegt das an den Müttern? An der Gesellschaft? Oder an unflexiblen Arbeitgebern, die eine Rückkehr in den Beruf erschweren? Nicht nur die Politik ist hier gefordert, auch die Wirtschaft sollte die Chance erkennen und flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten, insbesondere angesichts des viel zitierten Fachkräftemangels. Einhundert Jahre, in denen Frauen viel Kraft gezeigt und Kreativität bewiesen haben bei der Durchsetzung ihrer Rechte. Lassen Sie uns am Internationalen Frauentag kurz inne halten und über den Satz von Erhard Eppler nachdenken: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

64

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

65

Wilfried Nünthel |

Leiter des Sozialamtes Marzahn-Hellersdorf

Anerkennung und Verantwortung, nicht nur an einem Tag im Jahr
Ich gebe es ehrlich zu, in den letzten Jahren hatte ich den Internationalen Frauentag etwas aus den Augen verloren. Vielleicht lag es daran, dass ich seit vielen Jahren in Bereichen tätig bin, in denen Frauen, auch in Führungsfunktionen, eine verantwortungsvolle und erfolgreiche Arbeit leisten. Da ist es selbstverständlich, Respekt und Anerkennung zu zollen, wann immer es angebracht ist, und nicht nur in ritualisierter Form an einem Tag im Jahr. Jede Kollegin erhält in gleicher Weise wie die (wenigen) Kollegen die Chance, sich beruflich weiterzuentwickeln, Qualifizierungen zu absolvieren und Führungsaufgaben zu übernehmen. Mir ist schon klar, dass der öffentliche Dienst in der Frage der Chancengleichheit besser aufgestellt ist, als manch anderer Bereich. Aber unverkennbar ist auch, dass heute viel mehr Frauen in gleicher Weise wie Männer und mindestens genauso erfolgreich Verantwortung ausüben. Und das nicht nur in Tätigkeitsfeldern, die Frauen angeblich besser liegen – da werden ja gern Gesundheits- und Sozialwesen oder Bildung und Erziehung genannt. Es gibt viele Beispiele, die weit darüber hinausreichen und selbst die „Männerdomäne“ Politik wird mittlerweile von Frauen exzellent beherrscht. Viele der Ziele, welche die Menschen seit Beginn des vorigen Jahrhunderts im Zusammenhang mit der beruflichen, politischen und privaten Emanzipation der Frauen bewegten und deren Handeln bestimmten, scheinen heute in unserem Land erreicht. War es zunächst vor allem das Frauenwahlrecht, das diesen Tag prägte, und später Pazifismus und Friedensbewegung, verbanden sich mit dem Internationalen Frauentag in den letzten Jahren zahlreiche neue Inhalte, wie etwa das Eintreten für bessere Bildung für Mädchen oder gegen jede Diskriminierung von Frauen und Mädchen und verstärkt die Rolle der Frauen in politischen Entscheidungsprozessen. Sieht man in Deutschland genauer hin, zeigt sich, auch hier gibt es noch viel zu tun und der Internationale Frauentag ist ein guter Anlass, diese Defizite ins Blickfeld der Öffentlichkeit zu rücken. Man kann es natürlich ablehnen, diese Themen auf einen bestimmten Tag zu reduzieren, sind sie doch in der Tat tagtäglich aktuell. Aber wie die Erfahrung zeigt trägt häufig keiner die Verantwortung, wenn alle verantwortlich sind. Deshalb muss an diese Themen auch erinnert werden, sonst gehen sie zu schnell im Alltag verloren und verlieren an Kraft und Einfluss. Noch zu oft gilt der zynische Spruch: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt, es sei denn, sie sind weiblich“. Die Gleichberechtigung der Frau ist meines Erachtens erst dann hergestellt, wenn niemand mehr darüber sprechen wird.

66

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

67

Almuth Hartwig-Tiedt |

Staatssekretärin*

Frauen, die nichts fordern, bekommen nichts
„Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen. Sie bekommen nichts.“ (Simone de Beauvoir) Diese Erkenntnis der großen Feministin Simone de Beauvoir ist wie ein Programm, das die Zeit nicht überholt. Durch mein Leben begleiten mich Behauptungen wie: Frau muss sich nicht auflehnen, die Verhältnisse sind doch schon gut oder sie ändern sich von ganz allein oder sie lassen sich sowieso nicht verändern. Es hat einige Erfahrungen und Zeit gekostet, diese Versuche des Einlullens zu durchschauen. Zu DDR-Zeiten hatte der Internationale Frauentag seinen kämpferischen Charakter verloren. Wogegen sollte Frau sich auflehnen? Die Herrschenden hatten doch bereits dafür gesorgt, dass Frauen einer Existenz sichernden Arbeit nachgehen konnten. Ich blieb nach der Geburt des Kindes ein Jahr zu Hause,
*Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen

das nur gering abgesenkte Gehalt erhielt ich weiter. Dabei hätte es viele Gründe gegeben für Forderungen: die Belastungen von Beruf, Kindererziehung und Haushalt blieb bei den Frauen. Männer durften nur in seltenen Ausnahmen wegen der Kindererziehung zu Hause bleiben. Häusliche und sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen war ein strenges gesellschaftliches Tabu. Um eine gerechte Bezahlung ging es bereits den ersten amerikanischen Textilarbeiterinnen, die Mitte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal streikten. 150 Jahre später ist die Forderung nach gleicher Bezahlung für gleichwertige Arbeit für Frauen und Männer in unserer Gesellschaft immer noch nicht eingelöst. Der Ruf, diese schreiende Ungerechtigkeit endlich aus der Welt zu schaffen, ist immer wieder zu hören, mächtig schallt er nicht. Ich denke, es ist Zeit, ein breites Bündnis zu schmieden, sonst wird es

auch nach weiteren Jahrzehnten heißen: Sie bekommen nichts! Von Mini- und Midi-Jobs, von prekärer Beschäftigung, die die eigene Existenz nicht sichert, von Zweit- und Drittjobs sind vor allem Frauen betroffen. Alle nicken bei diesem Satz, auch Vertreter aus der Wirtschaft. Was folgt daraus? Flächendeckender Mindestlohn – das wäre eine Antwort, um diese bedrückende Realität zu verändern. Doch mit Schwarz und Gelb, mit den herrschenden Wirtschaftsverbänden wird es keinen Mindestlohn geben. Die Forderung nach dem flächendeckenden Mindestlohn ist auch eine frauenpolitische. Gesetzliche Vorgaben sind nicht notwendig, heißt es, die Wirtschaft handelt von allein. Nichts geht hier von allein, Frauen gelangen nicht in die Führungsetagen der deutschen Wirtschaft. Eine gesetzliche Quote scheuen die männlichen Vorstände und Aufsichtsräte und ihre politischen Verbündeten wie der Teufel das Weihwasser. Frauen werden sich mit ihrer Kompetenz und Sachkunde durchsetzen, lautet ein zentrales Argument gegen die Quote. Bisher sind nur etwa drei Prozent der Vorstände in DAX-Unternehmen weiblich. Ist dann der Umkehrschluss richtig, dass Frauen bisher nicht qualifiziert genug sind? Wenn tatsächlich nur die Kompetenz entscheiden würde, hätten Frauen heute mindestens die Hälfte an

Führungspositionen inne. Wer sich die Forderungen, die Kämpfe um Emanzipation von Frauen anschaut, stößt auf das Phänomen, dass sie verlacht wurden. So schreiben Textilarbeiterinnen aus Crimmitschau 1869 in einem Aufruf: „Lassen wir uns nicht einschüchtern durch böse Vorurteile. Kein Hohn und Spott in der Gesellschaft soll uns abschrecken…“ Sie wurden ignoriert. Die großen Medien nahmen die Vorbereitungen auf den ersten FrauenStreikTag in Deutschland am 8. März 1994 kaum zur Kenntnis. Erst als er tatsächlich in über 100 Städten und Gemeinden phantasievoll stattfand, widmeten sie den Frauenforderungen Platz. Aber Tage wie der Internationale Frauentag, Ausstellungen wie diese aus Marzahn-Hellersdorf, Auszeichnungsveranstaltungen wie zum Berliner Frauenpreis und zum Berliner Unternehmerinnenpreis, Parlamentsbeschlüsse zur Weiterentwicklung des Landesgleichstellungsgesetzes, die tägliche unermüdliche Arbeit von hunderten Frauenvertreterinnen und Gleichstellungsbeauftragten, Frauensalons, parlamentarische Frauenbündnisse, immer mehr emanzipierte Männer als Verbündete – das alles macht Mut und gibt Selbstvertrauen, zu fordern und Forderungen durchzusetzen.

68

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

69

Christian Gräff |

Bezirksstadtrat*

Dr. Gabriele Schambach |

Politikwissenschaftlerin, Genderexpertin

Frauentag – gestern – heute – morgen
Wenn ich aus dem Fenster meines Büros sehe, erblicke ich jene Fachhochschule für Sozialarbeit, die nach einer bedeutenden und sehr vorwärtsdenkenden Frau benannt wurde – Alice Salomon. Drei Jahre bevor der Internationale Frauentag ins Leben gerufen wurde, also 1908, schrieb sie ihre Dissertation. Damals waren weite Bereiche von Bildung und Arbeit für Frauen noch ein verbotenes Terrain. Viele Rechte, für die die Frauen damals eintraten, werden glücklicherweise in unserem Land, schon lange tagtäglich gelebt. So ist es ganz selbstverständlich, dass Frauen lernen, studieren und einem eigenständigen Beruf nachgehen können. Sie sind in allen Berufsgruppen vertreten, sind präsent in Medien, Institutionen, Firmen, Verwaltung und in der Politik. Für mich hat sich besonders in den letzten Jahren die Rolle der Frauen in der Gesellschaft gewandelt. Mehr als je zuvor erstreben sie jetzt höhere Positionen, nehmen Führungsrollen ein und preschen auch in sogenannte Männerdomänen vor. Ein besonders passendes Beispiel ist hier unsere Bundeskanzlerin, die schon lange von anderen Frauen in ihrem Kabinett umgeben ist. Trotz aller Fortschritte gibt es noch viel zu verändern. Wichtig ist weiterhin, konkrete Rahmenbedingungen zu schaffen, die den – besonders jungen – Frauen die Vereinbarung von Familie und Beruf erleichtern. Es muss ihnen möglich sein, ihre individuellen Lebensentwürfe zu verwirklichen und eigenverantwortlich zu gestalten.In diesem Sinne geht meine ganz besondere Gratulation an alle Frauen, die klug, fleißig, mutig, kreativ, selbstbewusst und mit Charme dieses Land mitgestalten.

Ein Zehntel Gender
Zu Feiern sind 100 Jahre Internationaler Frauentag und knapp mehr als 10 Jahre Gender-Mainstreaming-Beschluss des Bundeskabinetts – dieser aber hat keinen festen Jubiläumstag. Zum dreistelligen Geburtstag stelle ich mir eine große ehrenwerte alte Dame vor, die innerlich kunterbunt, quietschvergnügt und voller Tatendrang ist. Gender Mainstreaming hingegen denke ich als ein ungestümes Kind, das sich sowohl als Mädchen wie als Junge zeigt, große und wilde Pläne für die Zukunft hat, und doch immer mal wieder hinfällt und sich die Knie aufschlägt. Dann kommt die ehrenwerte Dame vorbei, hilft der jüngeren Person auf, tröstet sie und gemeinsam gehen sie weiter auf ihrem Weg. Das jüngere Pedant entstand auf dem Fundament und der jahrelangen Arbeit der Frauenbewegung. Den Blick und die Aktivitäten zu erweitern auf Frauen und Männer erscheint als logische Konsequenz, um beide Parts des Geschlechterverhältnisses einzubeziehen. Damit verbunden ist auch die Verantwortung zur Veränderung, die beide übernehmen – oder übernehmen sollen. Auf diesem Weg ist noch viel zu tun. Wie das Verhältnis der Geburtstagszahlen zueinander verhalten sich wahrscheinlich auch die Anzahl der Feiern und Aktionen zu den beiden Anlässen: es findet vermutlich kaum mehr als ein Zehntel Aktivitäten zu Gender und sogar weniger Einbezug und Engagement von Männern statt. Folglich wünsche ich mir für die Zukunft mindestens neun Zehntel mehr davon, auf dass wir – und alle in Gesellschaft, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft - in spätestens 90 Jahren Gender Mainstreaming auch als große ehrenwerte alte Person des 21. Jahrhunderts feiern.

*in Marzahn-Hellersdorf von Berlin, Abt. Wirtschaft, Tiefbau, Bürgerdienste und öffentliche Ordnung, CDU

70

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

71

Dr. Sigrid Arnade |

Vorstandsfrau im Netzwerk behinderter Frauen Berlin e. V.

Von Rosa Luxemburg, der Behindertenrechtskonvention und uns
Frauen mit Behinderungen gab es immer. Entweder spielte die jeweilige Beeinträchtigung für die Wahrnehmung der Frau und ihres Wirkens keine Rolle, wie bei Rosa Luxemburg, oder die Frauen wurden auf ihre Behinderung reduziert, abgewertet und nicht als Frauen wahrgenommen, so wie bei tausenden anderer behinderter Frauen. Verglichen mit 1911 und den Jahren der Weltkriege hat sich die Lebenssituation von Frauen mit Behinderungen erheblich verbessert. Die akute Bedrohung ihres Lebens endete 1945 mit der NS-Diktatur, es folgte die fürsorgliche Entmündigung. Seit rund 20 Jahren konnte nach und nach eine Gleichstellung, zumindest auf legislativer Ebene, erreicht werden, die ihren Höhepunkt in der Verankerung von Rechten behinderter Frauen in der UN-Behindertenrechtskonvention 1 fand. Ebenfalls seit rund 20 Jahren organisieren sich Frauen mit Behinderungen in Netzwerken. Dadurch ist es ihnen gelungen, Frauenpolitikerinnen und Frauenpolitiker auf ihre Situation aufmerksam zu machen, so dass behinderte Frauen inzwischen aus der Frauen- und Gleichstellungspolitik nicht mehr wegzudenken sind. Tatsächliche Gleichstellung von Mädchen und Frauen mit Behinderungen haben wir aber erst erreicht, •	 wenn alle behinderten Mädchen dieselben Schulen besuchen können wie ihre Freundinnen von nebenan; •	 wenn Frauen mit Behinderungen dieselben Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben wie alle anderen; •	 wenn behinderte Mütter die Unterstützung erhalten, die sie brauchen; •	 wenn Gewalt gegen Mädchen und Frauen mit Behinderungen effektiv bekämpft und somit spürbar reduziert wird;

•	 wenn behinderte Frauen in allen Lebensbereichen gleichberechtigt teilhaben können und dafür die notwendige Assistenz erhalten. Dafür arbeiten wir und dafür brauchen wir jede Unterstützung anderer Frauen und Frauenorganisationen.
1

Die UN-Behindertenrechtskonvention wurde im Dezember 2006 von der UN-Generalversammlung verabschiedet und ist seit dem 26. März 2009 geltendes Recht in Deutschland.

72

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

73

Petra Wermke |

Vorsteherin der Bezirksverordnetenversammlung Marzahn-Hellersdorf

Muss der noch sein?
Der Frauentag war immer lustig, soweit ich an meine Berufsausbildung denke. Die Männer überboten sich mit Huldigungen des „schönen Geschlechts (die Hässlichen inbegriffen)“. Wobei dieses Zitat von Karl Marx stammt. Trotzdem fand ich es unschön. Aber die Männer amüsierten sich köstlich. Ich habe im Reifenwerk Fürstenwalde gelernt. Gummifacharbeiterin. Da konnte man keine Schönheitspreise gewinnen. Aber den Kollegen ging es nicht um Schönheit, sondern vor allem um die Feier, allein deshalb durfte der Frauentag nicht sterben. Manchmal fragte ich mich: „Muss der denn noch sein?“ Sogar die großen Staatslenker wurden nicht müde zu behaupten, in der DDR sei sowieso jeder Tag ein Frauentag. Betrachte ich meine persönliche Entwicklung kann ich das kaum bestreiten. Mit dem Facharbeiterzeugnis erlangte ich zugleich das Abitur. In Moskau studierte ich Gummitechnologie. Ob ich weiblich oder männlich war, spielte weder bei der Immatrikulation noch bei Eintritt ins Erwerbsleben als Diplom-Ingenieurin eine Rolle. Und das Gehalt wurde nach Leistung, nicht nach Geschlecht festgelegt. „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, lautete die Regel. Nur als es an die Familiengründung ging, konnte (und wollte) ich das Kinderkriegen nicht delegieren. Unsere erste Wohnung bezogen wir 1987 im Stadtteil Marzahn-Nord, nicht weit weg vom frisch angelegten Clara-Zetkin-Park. Name und Frauentag sind untrennbar verbunden, denn ohne Clara Zetkin würde es diesen Tag nicht geben. Bereits 1910 hatte eine internationale Frauenkonferenz in Kopenhagen ihren Vorschlag angenommen, einen „Internationalen Frauentag“ einzuführen. Am 19. März 1911 fand er erstmals im Deutschen Reich, in Österreich, Dänemark und in der Schweiz statt. Im Clara-Zetkin-Park erinnert heute ein stattliches Denkmal an die Vorkämpferin für die Emanzipation der Frau. Und jedes Jahr zum Internationalen Frauentag legen u.a. auch die Verordneten unserer Bezirksverordnetenversammlung sowie Vertreterinnen vieler Frauenprojekte an dieser Stelle Blumen nieder. Aus gutem Grund: Vor 100 Jahren gingen mehr als eine Million Frauen auf die Straße, um das Frauenwahlrecht einzufordern. Und die sozialen Fragen, die sie damals bewegten, sind heute noch bzw. wieder aktuell und behindern die soziale Gleichstellung der Frauen wie vor hundert Jahren. Angesichts dessen kann ich nur sagen: Der Frauentag muss sein – als Feiertag heute allerdings nur bedingt.

74

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

75

Stephan Richter |

Bezirksstadtrat*

Marion Böker |

Beraterin für Menschenrechte und Genderfragen

Herzlichste Glückwünsche zum 100!
Als Clara Zetkin 1910 als Delegierte der Sozialdemokratischen Partei den Antrag auf Abhaltung eins jährlichen internationalen Frauentages auf der Frauenkonferenz der 2. sozialistischen Internationale stellte, musste sie dies als Einzelperson tun, da die Mehrheit der Genossen dem Antrag ablehnend gegenüberstanden. Sie hatte durchschlagenden Erfolg und ein Jahr später wurde der erste Internationale Frauentag begangen. Die zentralen Forderungen des ersten Frauentages 1911 waren: •	 •	 •	 •	 •	 •	 Wahl- und Stimmrecht für Frauen Arbeitsschutzgesetze ausreichender Mutter- und Kinderschutz der Achtstundentag gleicher Lohn bei gleicher Arbeit Festsetzung von Mindestlöhnen bleibt die Einforderung der Einhaltung dieser Regelungen tagtägliche Aufgabe für beide Geschlechter. Ebenso wie der Kampf um die Einführung des Mindestlohns und gleicher Entlohnung. Der Frauentag 2011 steht unter dem Motto: „Gleicher Zugang zu Bildung, Ausbildung, Wissenschaft und Technik: Weg zu menschenwürdiger Arbeit“. Auch wenn diese Forderungen heute wegen der zwischenzeitlich erkämpften gesellschaftlichen Veränderungen wesentlich differenzierter sind, stehen sie doch in direkter Tradition zum ersten Frauentag vor 100 Jahren. Über die Feier des ersten Frauentags in Deutschland schrieb Clara Zetkin in der Gleichheit: „Die wuchtigste Demonstration für die Gleichberechtigung der Frau, die die Welt bis jetzt gesehen hat.“ In diesem Sinne: meine herzlichsten Glückwünsche zum 100.!

Gender Budgeting in Berlin nutzen - Reden wir mit bei der gerechten Verteilung der Finanzen für Gleichstellung
Seit 2002 setzt Berlin Gender Budgeting um. Das geht auf die Lobbyarbeit der Berliner Initiative für einen geschlechtergerechten Haushalt in Berlin zurück. Sie begleitet seitdem den Prozess mit Empfehlungen. Die Initiative ist offen für Interessierte. Das Ziel von Gender Budgetings ist es, alle Ausgaben auf ihre Wirkung für die de facto Gleichstellung von Frauen in allen Bereichen zu prüfen und Umsteuerung umzusetzen. Der Haushalt muss das rechtliche Gebot der Gleichstellung aktiv umsetzen. Nicht nur Frauenförderung und –Projekte brauchen Finanzen, sondern alle Ausgaben und Einnahmen (Steuerpolitik!) müssen positiv für Geschlechtergerechtigkeit wirken. Ergebnisse der Gender Budgeting Analysen erscheinen nun im Haushalt, der besser lesbar und transparenter wird. Damit ist jetzt die Stunde der Beteiligung der Bürger und Bürgerinnen nähergerückt. Einige Bezirke und Senatsverwaltungen formulieren bereits konkrete Gender - Ziele und Messgrößen. Diese können jetzt in Anhörungen mit allen Bürgerinnen und Bürgern diskutiert werden: Frauen und Männer aller Altersgruppen und Minderheiten, Menschen mit Behinderungen, Migrantinnen wie Migranten sollten ebenso wie die Akteurinnen der Frauenverbände und –strukturen dazu beitragen. Das Verfahren muss ausgeweitet werden. Budgets wie die der öffentlichen Daseinsfürsorge, der Wirtschaftsförderung, der Arbeitsmarktpolitik, der Konjunkturförderung und Investitionen oder die Steuerpolitik: alles muss auf den Prüfstand. Das Verfahren ist da: Machen wir es lebendig!

Ein Großteil dieser Forderungen sind heute gesetzlich verankert. Gleichwohl

*in Marzahn-Hellersdorf von Berlin, Abt. Bildung, Kultur und Immobilien, SPD

76

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

77

Jasenka Villbrandt |

Sozialpädagogin, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin*

100 Jahre Internationaler Frauentag: Das nachdenkliche Jubiläum
Mit dem Internationalen Frauentag bin ich groß geworden. Meine damals „sozialistische Heimat“ Jugoslawien hat das sehr praktisch geregelt: Der 8. März war der Muttertag und damit wurde die private Würdigung des Tages gesichert. Die Medien schrieben zugleich über Verdienste der Frauen für die Gesellschaft, Betriebe organisierten kleine Festivitäten für Frauen und verteilten Ehrurkunden, auch die gesellschaftlichpolitische Würdigung wurde damit gesichert. Meine Mutter hat gearbeitet und berufsbegleitend studiert, sie war politisch aktiv. Sie war nicht die einzige, auch die Mütter meiner Freundinnen und Freunde waren berufstätig und hatten ihre Schulabschlüsse in Abendschulen nachgeholt. Dass diese gleiche Mutter aber außerdem den gesamten Haushalt schmiss, selbstverständlich wusch und bügelte, das ist mir damals
*Sozialpolitische Sprecherin, Bündnis 90/Die Grünen

genauso wenig aufgefallen wie die Tatsache, dass fast alle Direktoren in den ortsansässigen Firmen Männer waren. Heute achte ich besonders darauf, ob Frauenförderung ernst gemeint oder nur ein Aushängeschild ist. Es ist mir wichtig, dass die strukturellen Bedingungen für eine Gleichberechtigung der Geschlechter hergestellt werden. Aber Gleichberechtigung ist in hohem Maße sozial bedingt. Nach wie vor erfahren Frauen große Hindernisse, wenn sie eigene Wege gehen und dabei alleine für ihre Kinder die Verantwortung übernehmen. Alleinerziehende sind besonders armutsgefährdet. Die prekären Beschäftigungen treffen überproportional Frauen. Unsere Gesellschaft hat sich mit der unvollkommenen Situation in Sachen Gleichberechtigung eingerichtet und den Frauenprojekten das Feld überlassen. Dabei können die Projekte den

Frauen weder mehr Einkommen noch eine ausreichende Ausbildung ermöglichen. Beides ist aber Voraussetzung für Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Wir müssen Einkommen für Frauen erkämpfen, die ihnen ein selbständiges und eigenverantwortliches Leben ermöglichen und sie gegenüber den Männern nicht benachteiligen. Genauso wichtig ist eine bessere Annerkennung der pflegerischen und erzieherischen Arbeit in und mit der Familie, die Frauen überdurchschnittlich übernehmen. Das würde uns nach vorne bringen. Der Frauentag hat noch lange nicht ausgedient, aber er hat an Ausstrahlung eingebüßt. Viele junge Menschen verbinden mit dem Frauentag wenig, seriöse Diskussionen über Frauenrechte werden nur in wenigen Gesellschaftskreisen geführt. Mit einer Reihe von Ungleichheiten

und mit der Verlogenheit hat man sich beim Thema Gleichberechtigung wie im „Jugoslawischen Sozialismus“ irgendwie arrangiert. Wir sollten uns jedoch nicht demoralisieren lassen. Zum Jubiläum sollen wir uns über das Erreichte freuen ohne zu vergessen, dass noch viel zu tun ist.

78

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

79

Regina Schmidt |

Gleichstellungsbeauftragte in Berlin-Lichtenberg

Elena Marburg |

Integrationsbeauftragte Marzahn-Hellersdorf

Rosen machen Mut
Der Brauch, Frauen am 8. März rote Rosen zu schenken, geht auf das Jahr 1986 zurück. Das Motto des 75. Internationalen Frauentages lautete: Wir wollen Brot und Rosen! Brot stand für das Recht auf Arbeit, Rosen standen für familiengerechte Arbeitszeiten. Diese Ziele zu erreichen, ist seit einhundert Jahren Anliegen des Internationalen Frauentages. Wir müssen leider konstatieren: Auch heute noch sind Frauen nur selten da präsent, wo die wirtschaftliche und politische Macht ist; ihre Teilhabe bedeutet immer noch nicht Umverteilung von Ressourcen, Wohlstand und Macht. Im Gegenteil, es macht deutlich, dass es gut ist, einen Internationalen Frauentag zu feiern. Und dass es gut ist, wenn Frauen ihre Netzwerke stärken, sich gegenseitig beflügeln und Kraft geben. „Für mich soll’s rote Rosen regnen…“ sang einst Hildegard Knef und irgendjemand schrieb dazu, dabei lernen Frauen, von einem selbstbestimmten, aufregenden und erfülltem Leben zu träumen: von der Möglichkeit mit Kindern zu leben und berufstätig zu sein, von familiengerechten Arbeitszeiten, einer menschenwürdigen Wohn- und Lebensumwelt, der gleichberechtigten Teilhabe von Männern und Frauen an Hausarbeit und Kindererziehung, humanen Politikformen, Toleranz und Frieden und ich ergänze: geschlechtergerechten öffentlichen Haushalten. Und die Schlussfolgerung, so verstanden könnte das Lied das Motto des Internationalen Frauentages sein, hat mir immer sehr gefallen. Ich weiß nicht wer es schrieb, aber Rosen sind schön…

»Zufällig bin ich verschont …«
An diesem Satz Bert Brechts denke ich oft. Ich habe zufällig das Glück, hier und heute zu leben, musste keinen Krieg und keine Vertreibung erleben, nirgendwo fliehen und keine Ängste um meine Kinder haben. Ich gehöre zufällig gerade noch zu den Gewinnerinnen dieser Zeit, habe Arbeit und zumeist das Gefühl, einigen nützlich zu sein. Die meisten Frauen dieser Welt befassen sich mit anderen Dingen, dem nackten Überleben, Tag für Tag. Es ist für mich Vieles selbstverständlich, was unendlich viele unerschrockene Frauen in den vergangenen 100 Jahren in beharrlicher Gleichberechtigungsarbeit mit Mut, Durchsetzungsvermögen und gegenseitige Solidarität Stück für Stück erkämpft haben. Welches für den überwiegenden Teil der weiblichen Weltbevölkerung und auch für viele Frauen aus vermeintlich „anderen Kulturen“ unter uns doch keine Selbstverständlichkeiten sind. Das trübt mein Glück, da mir nicht das Weghören und Wegblenden vergönnt sind. „Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen: Sie bekommen nichts“. Das hat mal Simone de Beauvoir gesagt und dies hat nichts an Aktualität eingebüßt. Die Fronten des Kampfes um Gleichbehandlung von Menschen in all ihrer Vielfalt verlaufen heute zwar anders – kulturelle Veränderungsprozesse sind ja langsam und zäh. Manche sind aber immer noch die Gleichen wie vor 100 Jahren. Es gilt also weiter, liebe Frauen aller Herkünfte: Sich zusammen zu tun, laut zu werden und unablässig aufzumucken gegen alle Formen der Ungleichbehandlung.

80

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

81

Bianka Käppler |

Center-Managerin, EASTGATE BERLIN

100 Jahre Weltfrauentag – Frauen als Agentinnen des Wandels
Berufstätig zu sein und - ebenso wie Männer - führende Positionen zu übernehmen, gehört für meine Generation „junger Frauen“ ganz selbstverständlich zum Lebensentwurf. Schule, Abitur, Ausbildung und/oder Studium, Berufseinstieg und Karriereplanung – auf diesen Meilensteinen steht dabei weniger die Geschlechterfrage im Vordergrund, als die eigene Orientierung und Leistungsbereitschaft. Das Rollenbild der Frau in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft hat sich dahingehend in den letzten Jahrzehnten grundlegend gewandelt. Undenkbar für uns Frauen heute, und trotzdem nur eine Generation her, dass für eine Berufstätigkeit nach (west)deutschem Recht bis 1957 noch die Zustimmung des Ehemannes vorliegen musste. Selbstbestimmt und vor allem selbstbewusst entscheiden wir Frauen uns heute für eine persönliche und berufliche Entwicklung, wählen Karriere, Familie oder beides. Nie war die weibliche Lebenswelt bunter und die Entscheidungsvielfalt größer. Und doch sind noch in vielen Lebensbereichen Frauen und Männer nicht gleichermaßen vertreten, halten sich hartnäckig Geschlechterklischees und Karrierebarrieren und wichtige Entscheidungen werden von überwiegend männlichen Gremien getroffen. Trotz Kanzlerin an der Spitze, sitzen doppelt so viele männliche als weibliche Abgeordnete im Bundestag; mehr als die Hälfte aller Studienabschlüsse werden von Frauen erzielt, jedoch in oberen Führungspositionen und Hierachieebenen sind wir unterrepräsentiert; unsere Berufslaufbahnen sind im Vergleich langsamer, kürzer und geringer entlohnt. Und trotz der politischen Top-Themen von Elterngeld, Betreuungsoffensiven und Väterauszeiten sind es zumeist immer noch wir Frauen, die ihre Karrieren unterbrechen (müssen), um Beruf und Familie zu vereinbaren. Aber die „neue Frauenwelt“ setzt Zeichen: Arbeit, Karriere und Familie werden nicht mehr als Gegensatz betrachtet und Diskussionen um „Karriere-Rabenmütter“ und „treusorgende Hausfrau“ sind veraltete Themen. Frauen bauen sich eigene Netzwerke, weibliche Führungsqualitäten sind geschätzt und flexiblere Denk- und Arbeitsmodelle finden Eingang in die Unternehmen. 100 Jahre Internationaler Frauentag: meine Generation ist dabei die Erste, welche frei, selbstbestimmt und einflussreich entscheiden kann, wie sie ihr persönliches Lebensmodell und die Gesellschaft gestaltet – ein Fortschritt und Chance zugleich!

82

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

83

Christian Heller | Peter Pateisat
Vermessungstechniker, Unternehmer

Frauen in der Vermessungswelt
Unser Vermessungsbüro wurde 1990 gegründet. Ausgelöst durch den Boom in der Baubranche in den 90er Jahren, zeichnete sich bald ein großer Bedarf an fähigem Personal ab. Um diesen Bedarf zu decken, wurde vor allem auf viele gut ausgebildete Vermesser des ehemaligen Kombinats für Geodäsie und Kartographie zurückgegriffen. Dabei war es selbstverständlich, dass unter den ersten Einstellungen auch Frauen waren. Im Laufe der Jahre pegelte sich die Zahl der Mitarbeiterinnen auf etwa ein Drittel der Gesamtbelegschaft ein. Heute sind in allen Bereichen und Aufgabengebieten der Firma, mit Ausnahme der Geschäftsführung, Frauen jeglicher Qualifikation beschäftigt. Als Clara Zetkin vor hundert Jahren die Idee eines Internationalen Frauentags in die von Männern dominierte Welt setzte, war das Vermessungswesen, wie überhaupt fast alle komplexeren technischen Berufe, eine reine Männerangelegenheit. So ist es nicht verwunderlich, dass sich unter den rund neunzig bei Wikipedia aufgelisteten berühmten Geodäten keine einzige Frau findet. Die Rolle der Frau war in der Vergangenheit wesentlich auf die Familie reduziert. Erwerbsarbeit für Frauen war branchen- und altersabhängig. „Tätigkeiten, die feine, geschickte Finger, Geduld und Ausdauer erforderten, wurden als weiblich bezeichnet, während Muskelkraft, Geschwindigkeit und Qualifikation Männlichkeit signalisierten.“1 Mit Erstarken der Frauenbewegung, änderte sich mit dem gesellschaftlichen Anspruch auch die berufliche Perspektive der Frau. Und als sich zum Ende des 19. Jahrhunderts langsam die universitären Pforten auch für Frauen zu öffnen begannen, war für sie der Weg für höherqualifizierte Tätigkeiten gebahnt. Und obwohl es noch ein weiter Weg ist bis auch in den

Entscheidungsebenen in Wirtschaft und Politik ein repräsentatives Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern hergestellt ist, gibt es heute doch zumindest kaum noch Tätigkeiten im gesellschaftlichen Leben, die nicht auch von Frauen ausgeübt werden. Punktuell weisen immer mehr Frauen nach, dass sie den beruflichen und gesellschaftlichen Herausforderungen gewachsen sind. Ob im Bergbau, bei der Polizei oder in der Armee - überall sind Frauen anzutreffen. Im Gegensatz zu diesen traditionell „männlichen“ Berufsfeldern, ist das Vermessungswesen durchaus als frauenfreundlich zu bezeichnen. Voraussetzung für den Beruf des Vermessers sind im Wesentlichen gute mathematische und physikalische Kenntnisse. Und gerade diese Fächer werden heute in der Schule nicht mehr nur von Jungen bevorzugt. Gleichwohl wird in der öffentlichen Wahrnehmung die Vermessung weiterhin durch Männer ausgeübt. Denn in 95 Prozent der Fälle ist derjenige, der an der Straße steht und die Messlatte hält, männlich. So auch in unserem Unternehmen. Lediglich eine Frau ist im Außendienst eingesetzt. Doch an den Schreibtischen im Büro sieht das Geschlechterverhältnis ganz anders aus. Hier sind es hauptsächlich Mitarbeiterinnen, die sich bemühen, die im Außendienst erfassten Messdaten in eine sinnfällige Form zu wandeln.

Diese Arbeitsteilung hat sich in unserer Firma im Laufe der Jahre herausgebildet und bewährt. Prinzipiell wird jedoch jede Mitarbeiterin - wie auch jeder Mitarbeiter - entsprechend der Qualifikation und persönlichen Fähigkeit und Fertigkeit eingesetzt. Schon seit einigen Jahren präsentiert sich das Vermessungsbüro „Heller & Pateisat“ am jährlich stattfindenden „Girls`Day“. Bislang wurde diese Möglichkeit von den jungen Mädchen rege angenommen, das Tätigkeitsspektrum im gar nicht mehr so männerdominierten Vermessungswesen kennenzulernen. Und wer weiß - vielleicht steckt ja in dem einen oder anderen Mädchen eine zukünftige Vermessungstechnikerin bzw. Vermessungsingenieurin. Und auch im Bund der öffentlich bestellten Vermessungsingenieure (BdVI) ist durchaus noch Platz für die eine oder andere tatkräftige Frau.

1

Duby, G., Perrot M.: Geschichte der Frauen, Bd. 5, S. 465 f., Frankfurt/Main, New York 1994.

84

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

85

Nurdan Kütük-Chung |

LehramtsReferendarin

Henning von Bargen |

Gendertrainer, Erziehungswissenschaftler

Heiraten und Kinderkriegen?!
Ich bin Referendarin in Berlin-Neukölln. Neulich habe ich eine 6. Klasse gefragt, wie sich die Schülerinnen und Schüler so kurz vor dem Schulabschluss ihre Zukunft vorstellen. Viele Mädchen sagten: „Ich will mit Mann und Kindern in einem Haus mit Garten wohnen.“ oder etwas Ähnliches. Das Geld solle der Mann verdienen, der müsse einen guten Beruf haben. Auf Nachfrage „Und was, wenn deine Ehe nicht hält?“ kamen Achselzucken und der Hinweis auf das Job-Center. Ist das wirklich das Frauenbild dieser Mädchen? Ich glaube, sie trauen sich nur nicht, etwas anderes zu sagen, denn die Cousins und Nachbarssöhne in der Klasse fahren ihnen ja oft über den Mund. Ich kenne das, weil ich selbst einen Migrationshintergrund habe, nur hat meine Familie mich immer unterstützt. Die einzige Schülerin, die kein Kopftuch trägt, will Erzieherin oder Lehrerin werden – das tröstet mich nicht. Was tun? Ich organisierte ein Theaterprojekt für die Mädchen: Auf der Probebühne erlebte ich sie unter sich stark und selbstbewusst. Wir arbeiten an der Gleichstellung: Beim Putzen nach dem Unterricht müssen jetzt auch die Jungen mitmachen und bei jedem Fußballspiel auch die Mädchen, sonst fällt das Spiel aus. Zum 100jährigen Jubiläum des Frauentags wünsche ich mir mutige Mädchen! Sie alle sollen eine Berufsausbildung machen können – schließlich haben sie meist die besseren Schulabschlüsse. Heiraten und Kinder kriegen können sie dann immer noch. Wenn wir die Mädchen stärken, werden sie diese Stärke an ihre Kinder weitergeben!

Abschaffen?
Der „Internationale Frauentag“ war und ist immer wieder umstritten: „Schaffen wir ihn also endlich ab […]! Und machen wir aus dem einen Frauentag im Jahr 365 Tage für Menschen, Frauen wie Männer“ schrieb letztes Jahr Alice Schwarzer am 8. März in der Frankfurter Rundschau. Ähnlich hatte sich ein Jahr zuvor schon EU-Kommissarin Viviane Reding geäußert. Andere Frauen (und Männer) sehen den Frauentag nicht als Feigenblatt einer männlich dominierten Politik, sondern als ein wichtiges Symbol zur Erinnerung an nicht verwirklichte Gleichberechtigung. Ich habe Sympathie für Alice Schwarzers Position, gerade wenn ich mir die mangelnde politische Unterstützung der Regierung in Deutschland für die konsequente Umsetzung von Gender Mainstreaming anschaue. Denn rauschende Feste, mahnende Reden oder nette Empfänge am 8. März mit Sekt, Kanapees und Nelken ändern wenig an geschlechterbezogenen Benachteiligungen z.B. auf dem Arbeitsmarkt oder in Entscheidungsgremien von Unternehmen, Politik oder Wirtschaft. Wenn ich aber eine globalere Perspektive auf Geschlechterverhältnisse und insbesondere auf die Lebensverhältnisse und Situationen von Frauen z.B. in Afghanistan oder in Dafur/Sudan einnehme, dann wird schnell klar, dass es mit der Gleichberechtigung und Anerkennung von Frauenrechten als Menschenrechte nicht weit her ist: sexualisierte Gewalt gegen Frauen (und Männer), fehlende politische Partizipation, Unterdrückung von Homo- und Transsexuellen etc. sind in vielen Regionen der Erde nach wie vor Realität. Es ist wichtig, das immer wieder öffentlich zu machen und klar die Ursachen dafür zu benennen. Dafür können wir den Internationalen Frauentag allerdings gut nutzen!

86

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

87

Heidemarie Gerstle |

ver.di Landesbezirksfrauenrat Berlin

Der andere Blickwinkel
Zum Internationalen Frauentag fällt mir als erstes eine Geschichte aus der Anfangszeit meiner Arbeit beim ver.di-Landesbezirk Berlin ein. Vor rund zehn Jahren kam ich von München nach Berlin. Dort übernahm ich die Leitung des Landesbezirksfrauenrats und schon bald stand auch die Vorbereitung zum Internationalen Frauentag an. So setzten wir Frauen uns zusammen und überlegten, was wir in diesem Jahr tun könnten. Frauen aus Ost- und Westberlin, aus Brandenburg und Zugewanderte aus allen Teilen der Bundesrepublik. Ich hatte schon eine Idee und brachte eine von den ver.di Frauen aus NRW entworfene Postkarte mit. Mit Überzeugung präsentierte ich die satirische Karte, die fünf übertrieben herausgeputzte Frauen zeigte, die sich in einem Friseursalon angeregt unterhielten. Der Slogan lautete: „Außer schön sein … ist für uns Lohngleichheit von zentraler Bedeutung.“ Ich fand die Karte toll und meine Kolleginnen, die aus dem Westen stammten, amüsierten sich ebenfalls. Sie waren sofort bereit, diese Karte am Internationalen Frauentag zu verteilen. Anders die Kolleginnen aus den neuen Bundesländern. Sie wetterten, dies seien doch wieder typische Klischees, die sie nicht transportieren wollten. Als hätten Frauen nur Schönheit im Sinn, beschwerten sie sich. Im nächsten Jahr suchten die OstKolleginnen ein Motiv aus. Voller Stolz präsentierten sie eine Karte mit einem Schachbrettmuster auf dem Frauen und Männer als Schachfiguren abgebildet waren. Nein, wehrten sich die ver.di - Frauen aus dem Westen. Wir sind doch keine Schachfiguren, die man hin und her schieben kann. Verwundert schüttelten die Ost-Kolleginnen den Kopf. Schach sei ein strategisches Spiel und nur wer bestimmte Positionen besetze, könne auch etwas erreichen. Ich war sprachlos. Wie konnten zwei Bilder so unterschiedliche Gedanken hervorrufen? Was ich lernte: dass Bilder komplexe Themen darstellen können, aber auch viel mehr Spielraum für Interpretationen lassen. Für unsere Frauenarbeit war diese Erfahrung eine Bereicherung. Das bestätigte uns wieder einmal, wie wichtig es ist, über den Tellerrand zu schauen und nicht nur eindimensional zu denken. Wir sammeln unsere Erfahrungen, lernen voneinander und entwickeln daraus gemeinsame Stärken. Wie die Textilarbeiterinnen vor 100 Jahren, zu deren Ehren der Internationale Frauentag ausgerufen wurde, kämpfen wir auch im Jahr 2011 für gleiche Bezahlung bei gleichwertiger Arbeit und für den ungehinderten Zugang zu beruflichen (Führungs-)Positionen. Wann werden wir diese Ziele wohl erreichen?

88

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

89

Angela Besuch |

Vorsitzende des Beirates für Menschen mit Behinderung Marzahn-Hellersdorf

Zwei verschiedene Leben
Es gibt Tage, da braucht man die ganze Kraft, um nach vorne zu schauen, um die Hoffnung nicht zu verlieren. „Warum geschah mir das?“ Diese Frage stellt sich jeder, dem ein Schicksalsschlag widerfährt. Unsere Tochter Jana ist mittlerweile 24 Jahre alt und mehrfach schwerstbehindert. Unser Leben hatte sich nach der Geburt schlagartig geändert, nichts war mehr so wie vorher. Was ist, wenn das Leid eines Menschen, den wir lieben, uns bitter, neidisch, unfähig zum glücklich sein werden lässt. Die Wege aus dieser Krisensituation konnte ich nicht allein schaffen, ich brauchte Unterstützung. Was konnte ich in dieser Situation tun? Sich organisieren, gleichgesinnte Eltern finden. Diese Chance habe ich vor 21 Jahren genutzt, in dem ich Mitglied bei „Eltern helfen Eltern e.V.“ wurde. Inzwischen bin ich seit 15 Jahren Vorstandsmitglied. In dieser Gemeinschaft fühle ich mich verstanden, muß mich nicht rechtfertigen und kann meinen Gefühlen auch einmal freien Raum lassen – ich bin sehr „zu Hause“. Auch wenn die Arbeit im Verein sehr zeitintensiv ist, zählt zum Schluss immer das Ergebnis. Über das Erreichte – mitunter auch nur kleine Schritte - bin ich dann auch ein wenig stolz. Es lohnt sich, etwas zu bewegen. In der heutigen Zeit fällt es immer mehr Menschen schwer, den ganz normalen Alltag zu bewältigen - mit seinen vielschichtigen Anforderungen im Beruf, Privatleben, Krankheit und Tod. Aber dieses normale Leben führen wir auch und dazu das ganz andere „zweite“ Leben mit unserer Tochter. Außerdem gehöre ich dem Beirat für Menschen mit Behinderung des Bezirkes Marzahn-Hellersdorf an und bin seit 2003 dessen Vorsitzende. Beide Tätigkeiten geben mir die Kraft und die Anerkennung, die jeder Mensch braucht. Der Pflegeberuf hat leider immer noch nicht den Stellenwert, den er verdient. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass es qualifiziertes Pflegepersonal gibt und dass gute schwere Arbeit dementsprechend entlohnt wird. Alle Verbände, Vereine und vor allem die Politik müssen die Rahmenbedingungen dafür schaffen. Das trifft vor allem in Hinblick auf die Situation der Frauen in unserer Gesellschaft zu. Es findet immer noch keine Gleichbehandlung in der Entlohnung statt, ob mit oder ohne Behinderung.

90

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

91

Norbert Lüdtke |

Bezirksstadtradt*

Julia Brummert |
Foto: Saja Seus

Studentin Gender Studies, Humbold Universität zu Berlin*

Damit die Welt nicht so bleibt wie sie ist!
In meinen frühen Erinnerungen ist der Internationale Frauentag mit meiner Großmutter und dann mit Clara Zetkin verbunden. Meine Großmutter, 1905 geboren, hat ihre Kindheit und Jugend im 1. Weltkrieg und dessen Folgen erlebt. Sie machte eine Ausbildung zur Kaltmamsel, dann war sie Hauswirtschafterin beim Herrn Geheimrat. Als die Weltwirtschaftskrise vorbei war, heiratete sie. Die Familie hatte ein „Ein Mann“-Fuhrunternehmen in Szeczin. In der Mitte der 30er kamen die Kinder zur Welt. Die älteste der drei Mädchen ging schon zur Schule, da wurde der Vater zum Kriegsdienst eingezogen. Er kehrte erst lange nach dem Ende des 2. Weltkrieges aus Frankreich nach Deutschland, aber nicht mehr zur Familie zurück. Meine Großmutter schaffte es, ihre drei Mädchen unbeschadet durch die Kriegsgefahren zu bringen und den Tag der Befreiung vom deutschen Faschismus in der Uckermark erleben. Als Ende der 50er Jahre die Älteste ihre politische und berufliche Aufgabe mit ihrem Mann in Berlin fand, kam Großmutter mit. Sie blieb - lange nachdem die Enkel das Elternhaus verließen. Mit 65 Jahren trat Großmutter das erste Mal in ihrem Leben nur für sich eine Urlaubsreise an. Großmutter erzählte wenig, schon gar nicht über Politik. Erst, als sie die Neunzig überschritten hatte, erzählte sie mir ihre Familiengeschichte . Meine Fragen nach dem Warum und Wieso beantwortete sie stets mit „Jung, das war halt so“. Was aber von früherer Jugend an für sie wichtig war, das war Clara Zetkin und der Internationale Frauentag. Da ging es um Gleichberechtigung und um die Last, die sie als Frau und Mutter zu tragen hatte, um Chancengleichheit. Trotz alledem, trotz Wahlberechtigung, trotz Gleichstellungsgesetz, trotz Emanzipation: Der Internationale Frauentag wird immer noch gebraucht, damit die Welt nicht so bleibt wie sie ist.

100 Jahre Weltfrauentag und noch immer viel zu tun
Ich darf studieren. Es hat viel zu lange gedauert, bis auch in Deutschland Frauen an den Universitäten zugelassen wurden. Das haben wir nicht zuletzt der ersten Frauenbewegung zu verdanken. Trotzdem ist hier in Deutschland noch lange nicht alles perfekt. So lange Väter schief angeschaut werden, weil sie Elternzeit beanspruchen, so lange Frauen schlechter bezahlt werden und kaum Zugang zu Führungspositionen haben, so lange sollten wir nicht aufgeben, um Verbesserung zu kämpfen. So lange es Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der Sexualität gibt, so lange ist für mich der Kampf um Gleichheit nicht gewonnen und so lange ist der Weltfrauentag ein sinnvoller Feiertag. In den Gender Studies beschäftigen wir uns mit strukturellen Ungleichheiten, dabei geht es aber nicht nur um Mann und Frau, sondern auch um alle, auf die diese zweigeschlechtliche Norm nicht zutrifft. Auch weltweit betrachtet liegt noch eine Menge Arbeit vor uns. Wir können der ersten und zweiten Frauenbewegung dankbar sein für das, was sie für uns heute erreicht haben. 100 Jahre Weltfrauentag, das ist sicherlich ein Grund zu feiern, aber auch ein Anlass, zu reflektieren, was noch getan werden muss, damit nicht nur Frauen, sondern alle Mitglieder unserer Gesellschaft ihren Platz finden und die Chance bekommen, jenseits von eingefahrenen Stereotypen zufrieden und erfüllt leben zu können.

*in Marzahn-Hellersdorf von Berlin, Abt. Ökologische Stadtentwicklung, DIE LINKE

*Praktikantin im Bezirksamt Marzahn-Hellerdorf von Berlin, Gleichstellungsbeauftragte

92

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

93

Erika Maier |

Autorin

Mein Internationaler Frauentag – eine Zeitreise
60 Jahre ist es her, als mir der Internationale Frauentag zum ersten Mal bewusst wurde. Ich war 14 Jahre alt und hatte in Dresden meine Lehre als Bankkauffrau begonnen. Die Angriffe der amerikanischen und englischen Bomber auf Dresden lagen sechs Jahre zurück, und das Haus, in dem ich lernte, war eine Ruine. Rechts und links nur Trümmer und über der wie durch ein Wunder erhaltengebliebenen Bankfiliale, mehrere Stockwerke ausgebrannter Wohnungen. Ein Kollege hatte am 8. März Schneeglöckchen mitgebracht und jeder Frau ein Sträußchen auf den Schreibtisch gelegt. Auch mir, was mich damals sehr überraschte. Wieso ich? Kinder hatte ich nicht, berufliche Lorbeeren auch nicht, und außerdem - war der Internationale Frauentag nicht von der Zeit überholt? Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich als Mädchen, als Frau benachteiligt war und besondere Förderung brauchte. Wahrscheinlich ging es damals vielen Frauen so, denn sie waren es, die die Trümmer wegräumten, die für ihre Kinder sorgten. In dem fünfstöckigen Mietshaus, in dem meine Eltern wohnten, gab es nur zwei Männer, alle anderen Bewohner waren Frauen und Kinder. Die Deutsche Notenbank Dresden delegierte mich mit 17 Jahren zum Studium nach Berlin. Mein Vater hatte sich lange dagegen gewehrt, aber am Ende ließ er sich von meinem Lehrausbilder überzeugen. Mich musste niemand überzeugen, ich wollte lernen. Diese Lust an Neuem hat mich nie losgelassen und wurde auch immer wieder durch die Gesellschaft befördert. Staatsexamen, Hochzeit, das erste Kind, das zweite Kind, Promotion, Dozentin. Das dritte Kind, Habilitation, Professorin. Natürlich war es für mich als Frau schwieriger als für meine männlichen Kollegen. Aber die meisten hatten selbst

Frauen, die auch arbeiteten, Kinder bekamen, sich qualifizierten. Mein Pfund war ein Ehemann, mit dem ich gemeinsam studiert hatte, und der genauso wie ich Windeln wechseln und Frühstück machen konnte. Das wichtigste aber war, dass ich eine interessante Arbeit hatte und wusste, dass meine Kinder tagsüber im Kindergarten und in der Schule gut betreut wurden. In diesem Sinne war die Idee des Internationalen Frauentages in der DDR erfüllt. Aber warum gab es in Leitungsfunktionen viel mehr Männer als Frauen, obwohl an den Hochschulen mehr Mädchen als Jungen studierten? Und warum war der Frauenanteil bei gut bezahlten Stellen trotz jahraus, jahrein beschlossener Frauenförderpläne nicht größer? Dafür gab es viele Gründe. Teils lag es an den Männern, teils sogar an den Frauen selbst, an überkommenen Traditionen. Auf jeden Fall war der übliche Stress in den Leitungsetagen nicht frauen- und familienfördernd. Nach 1990 dann, ich war wenige Monate nach dem Tag der Deutschen Einheit wie alle Kolleginnen und Kollegen meines Instituts entlassen worden, bekam der Internationale Frauentag für mich einen neuen Inhalt. War er bisher eher ein Tag zur Ehrung der Frauen gewesen, ging es nun wieder um den Kampf für elementare Rechte der Frau. Als ich in Marzahn-Hellersdorf für die

linke Partei ins Kommunalparlament gewählt wurde, erinnerte ich mich an Rosa Luxemburg, deren 140. Geburtstag fast auf den Tag genau mit dem 100. Internationalen Frauentag zusammenfällt. Sie kämpfte vor allem für Arbeit, und zwar für Frauen und Männer, weil so die wichtigsten Voraussetzungen für Gleichberechtigung der Frauen geschaffen werden. An diese Idee habe ich mich in den vergangenen mehr als 15 Jahren gehalten und all das unterstützt, was Arbeitsplätze in unserer Region schafft, für Frauen und Männer: Auftragsvergabe an hiesige Unternehmen, regionale Wirtschaftskreisläufe, Auszeichnung von Ausbildungsbetrieben, Rückführung von Fachleuten in ihren erlernten Beruf. Das alles sind Themen, die bei Feiern zum Internationalen Frauentag auf den ersten Blick nicht auffallen, aber sind sie nicht besonders wichtig für gleichberechtigtes würdevolles Leben der Frauen?

94

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

95

Stefan Komoß |

Bezirksstadtrat*

Chancengleichheit heute
Die Geschichte des Internationalen Frauentages ist eine Erfolgsgeschichte. In Zeiten rechtlicher und tatsächlicher Benachteiligung mit dem Schwerpunkt der Teilnahme an Wahlen initiiert, sind die Ziele des Internationalen Frauentages erreicht. Frauen sind selbstverständlich wahlberechtigt, Männer und Frauen grundgesetzlich gleichgestellt und eine Reihe von Gesetzen, zuletzt das Allgemeine Gleichstellungsgesetz bekämpfen faktisch noch bestehende Ungleichbehandlungen. Es stellt sich somit die Frage, ob die Anliegen des Internationalen Frauentages bei diesem Befund obsolet geworden sind. Ich glaube dies nicht. Vielmehr bin ich der Auffassung, dass am Geschlecht anknüpfende Ungleichbehandlung auch in der gegenwärtigen Gesellschaft festgestellt werden kann und sich daraus ein politischer Handlungsbedarf ergibt. Allerdings erlaube ich mir die anlässlich des 100jährigen Jubiläums des Internationalen Frauentages provokante These, dass in für Lebens- und Karrierechancen entscheidenden Bereichen männliche Kinder und Jugendliche unter Benachteiligung leiden. Diese Benachteiligung wirkt umso schwerer, als ihr Vorhandensein bislang noch gar nicht politisch umfassend anerkannt wird, und damit Maßnahmen zum Ausgleich dieser Benachteiligung fehlen. Beispielhaft möchte ich die von mir behauptete Benachteiligung an der Bildungssituation von Kindern und Jugendlichen in Marzahn-Hellersdorf erläutern. Dabei kann vermutlich unstrittig davon ausgegangen werden, dass schulischer Erfolg und der Erwerb eines hochwertigen Schulabschlusses wichtige Voraussetzungen für künftige Lebensund Karrierechancen sind. Somit sind nach Geschlecht ungleich verteilte Abschlüsse und Abschlussergebnisse ein Hinweis für Benachteiligung. Auffällig ist bei der Betrachtung der schulischen Ergebnisse in Marzahn-Hellersdorf nach Geschlecht, dass es eine hohe Konzentration männlicher Schüler in den Sonderschulen des Bezirks gibt. Der bei weitem höchste Anteil von Sonderschülern besucht dabei die Form einer Sonderschule Lernen, d.h. hat einen Förderbedarf aufgrund einer nicht den Erwartungen und Anforderungen entsprechenden Leistung. In diesen Schulen sind rund 75 Prozent der Kinder Jungen. Damit ist ihr Anteil um 50 Prozent über ihrem Anteil an der Gesamtschülerschaft und eine deutliche Konzentration von Jungen in der für den Erwerb eines Schulabschlusses besonders ungünstigen Schulform zu verzeichnen, da mehr als die Hälfte der Absolventen einer Förderschule noch nicht einmal einen einfachen Hauptschulabschluss erwerben. Bei einer Betrachtung der noch bestehenden Schulformen Haupt-, Realund Gesamtschule und Gymnasium bestätigt sich die im Sonderschulbereich besonders ausgeprägte Entwicklung. Je höherwertiger eine Schulform ist, desto größer ist der Anteil der Mädchen; je formal niedriger eine Schulform ist, desto höher ist der Anteil der Jungen. An dieser Stelle sei darauf verwiesen, dass mittlerweile der Anteil Jungen an den Abiturienten nur 45 Prozent im Vergleich zu 55 Prozent Mädchen liegt. Mein Fazit: 100 Jahre nach Einführung des Internationalen Frauentages bestehen weiterhin Benachteiligungen von Frauen in der gesellschaftlichen Realität. Die Frauenfrage sollte aber um eine differenzierte Betrachtung geschlechterabhängigen Ungleichbehandlung ergänzt werden.

*in Marzahn-Hellersdorf von Berlin, Abt. Schule, Sport und Finanzen, SPD

96

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

97

Dr. Gabriele Hiller |

Lehrerin, Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin*

Dr. Jochen Gollbach |

Leiter der Freiwilligen Agentur Marzahn-Hellersdorf

Warum ich Frauenrechtlerin wurde
Als ich 1990 im Alter von 30 Jahren kommunalpolitisch für die PDS aktiv wurde, war ich keine Feministin. Hatte doch alles gut geklappt in der DDR, ich war (in Schule, Universität, Beruf) gefördert worden, hatte Stipendien bekommen, mit 27 promoviert, nebenher zwei Kinder bekommen, die in den Kindergarten gingen. Einer weiteren akademischen Entwicklung stand nichts im Wege. Selbstverständlich hatte ich den Mangel an Frauen in führenden wirtschaftlichen und politischen Funktionen registriert, diesen jedoch eher für ein Problem der Zeit gesehen, gehofft, dass die nächste Frauengeneration - meine - dem Abhilfe schaffen würde. Dann kam die Wende und mit ihr sehr schnell die Befürchtung, dass Frauen die Verliererinnen der deutschen Einheit würden. Die Sorge, dass Kita- und Hortplätze abgeschafft oder unbezahlbar würden, sich Bildungschancen für
*Medien- und sportpolitische Sprecherin, DIE LINKE

Gleichstellung der Geschlechter – Auch im Ehrenamt!
Das Ehrenamt – oder moderner – die Freiwilligenarbeit wurde seit ihrer „Erfindung“ von Frauen geprägt. Zu den Wurzeln des Ehrenamtes führen die Geschichten, die sich um die im Mittelalter lebende Elisabeth von Thüringen ranken, die den Armen Brot gegeben und später unter ihnen gelebt haben soll. [...] Dass es mit der Gleichstellung von Männern und Frauen allerdings auch im Ehrenamt nicht besonders schnell ging, zeigte sich beispielsweise 1954, als in Zeiten großen Personalmangels in den pflegerischen und sozialen Einrichtungen die Idee zu einem Freiwilligendienst entstand. Seinerzeit rief der Rektor der Diakonissenanstalt Neuendettelsau, Hermann Dietzfelbinger, unter dem Slogan „Gib ein Jahr“, allein die weibliche Jugend auf, ein Jahr ihres Lebens auf die berufliche Karriere zu verzichten und stattdessen ehrenamtlich tätig zu werden. Ehrenämter in sozialen Einrichtungen sind heute noch überwiegend „weiblich“ geprägt. Andere Bereiche wie Kultur und Sport sowie die Vorstandsebenen aller Engagementbereiche werden dahingegen noch immer von Männern besetzt. Insofern spiegelt sich im Ehrenamt das tradierte und überholte Rollenverständnis von Männern und Frauen oftmals auf deutliche Art und Weise wider: Frauen in die Suppenküche und Männer an den Fußballplatz und in die Vorstände! Für mich ganz persönlich stellt die Gleichstellung der Geschlechter auch im Ehrenamt eine der wichtigen Aufgaben für Politik und Gesellschaft dar. Zum 100. Geburtstag des Frauentages wünsche ich mir, dass der Ansatz des Gender Mainstreaming deutlicher in das Politikfeld „Ehrenamt / Freiwilligenarbeit“ Einzug erhält. Die FreiwilligenAgentur Marzahn-Hellersdorf wird gerne ihren Teil dazu beitragen!

Mädchen verschlechtern. Dies war für mich, als Elternsprecherin und Lehrerin, Motivation genug, politisch aktiv zu werden. Ich wurde Mitglied in der BVV - und denke schon, dass sich die Arbeit engagierter Frauen in unserem Bezirk gelohnt hat. Nicht zuletzt zeigen eine BVV-Vorsteherin und Bürgermeisterin auch nach außen, dass Frauen erfolgreich sind. Gerade in unserem Bezirk ist es wichtig, dass „Frau“ sich einmischt - es gibt viele Alleinerziehende, viele berufstätige Mütter, und auch Seniorinnen prägen mittlerweile unseren Bezirk. Die Bundesrepublik hat im Gleichstellungsbereich die Entwicklung verschlafen. Ministerin von der Leyen fordert 30 % Frauen in führenden Positionen der Wirtschaft, wie lächerlich. Neidvoll schauen wir nach Skandinavien und wissen - es bleibt viel zu tun, hier, in unserer Stadt, auch 100 Jahre nach dem 1. Frauentag! Dafür will ich mich auch weiterhin engagieren.

98

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

99

Petra Hecht |

Qualitätsmanagement Senioren-Domizile Berlin Tempelhof

Edgar Meißner |

Theologe*

Ältere Frauen in unserer Gesellschaft
Als Mitglied des Frauenbeirates Marzahn-Hellersdorf hat es mich besonders gefreut, dass wir die Wanderausstellung „100 Jahre internationaler Frauentag – 100 Jahre meine eigene Geschichte“ in unseren Einrichtungen zeigen durften. Sowohl die Bewohnerinnen und Bewohner, als auch Angehörige, Gäste und Mitarbeiterinnen wie Mitarbeiter schauten interessiert die Bilder und eindrucksvoll geschilderten Geschichten an. Wir betreiben seit über 30 Jahren Pflegeeinrichtungen und als Familienunternehmen ist es uns ein besonderes Anliegen, dass die Bewohnerinnen und Bewohner bei uns individuell gepflegt und versorgt werden. Da wir selbst täglich in unseren Einrichtungen unterwegs sind, kennen wir viele Lebensgeschichten. Die meisten Bewohner unserer Häuser sind weiblich und haben in ihrer eigenen Jugend einschneidende Erlebnisse mitgemacht. Um von diesen Erlebnissen berichten zu können und das frühere Leben wider zu spiegeln, arbeiten wir oft mit Fotos. Auch Lieder, Gerüche oder Kleintiere können helfen, Erlebtes zu verarbeiten. Aber nicht nur die vergangenen Lebensumstände sollen reflektiert werden. Ebenso wichtig ist die Beziehung in der Gegenwart. Deshalb organisieren wir regelmäßige Treffen mit Gruppen und Vereinen aus der Nachbarschaft. Ich würde mir wünschen, dass ältere Menschen in unserer Gesellschaft endlich einen gerechten Stellenwert einnehmen und dass auch Behinderungen und Gebrechlichkeit die notwendige Akzeptanz finden - nicht nur auf Grund unserer überalternden Gesellschaft. Jedem steht das Recht zu, in Würde den letzten Lebensabschnitt zu begehen. Es wäre erstrebenswert, wenn auch von Seiten der Politik mehr auf die Bedürfnisse älterer Menschen eingegangen wird.

Internationalen Frauentag – Weltgebetstag der Frauen
In meiner Tätigkeit als Pfarrer in einer ländlichen evangelischen Gemeinde, habe ich politische Bewegungen von Frauen unterschiedlich erfahren. In der Zeit der DDR erinnere ich mich, wenn ich an die Feier des Internationalen Frauentags denke, an rote Nelken und Frauen in ausgelassener Stimmung. Leider hat der Frauentag in dieser Zeit in unseren Dörfern gesellschaftlich keine große Wertschätzung in Bezug auf Veränderung des Rollenverständnisses und Anerkennung der Frauen erfahren. In meinen Kirchengemeinden treffen sich am ersten Freitag im März Frauen, die den „Weltgebetstag der Frauen“ gestalten. Unter dem Motto „Informiert Beten– Betend Handeln“ entwerfen Frauen aus einem jeweils anderen Land die Gebetstagsliturgie. Sie stellen ihr Land mit den Schönheiten, den Ängsten und Nöten dar und rufen zur solidarischen Gemeinschaft im Gebet auf. Ich finde es
*Pfarrer zu Lütte

großartig, jedes Jahr ein Land aus der Sicht von Frauen kennen zu lernen. Die Frauen verbinden gesellschaftliche Kritik mit großer Lebensfreude. Ich erfahre, dass das Interesse am Weltgebetstag von Frauen aus dem ländlichen Raum weiter anhält und zunimmt. Ich denke, der Frauenweltgebetstag birgt eine starke politische Kraft, da gesellschaftliche Zustände über die Landesgrenzen hinweg von Frauen wahrgenommen werden. Die eigenen Äußerungen der Erfahrungen von Frauen im aktuellen Land sind ansteckend und wecken Energien für Frauenrechte einzustehen. Für mich ist es kein Zufall, dass der Weltfrauentag und der Frauenweltgebetstag dicht beieinander liegen.

100

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

101

Simone Lau |

Ingenieurin für Wasserwirtschaft

Christiane Droste |

Sozialwissenschaftlerin Genderexpertin

Nutze Deinen Verstand!
Ich stamme aus der Prignitz, im Osten Deutschlands. Ich kam 1963 zur Welt und zähle damit zu der Generation, die in Friedenszeiten geboren wurde und weder Hunger noch Not kennt - anders als meine Großmutter väterlicherseits. Sie war eine von hunderten von Menschen, die im Januar 1945 aus Königsberg flüchten mussten, bei eisiger Kälte. Sie hat es dann in die Prignitz verschlagen. Meine Mutter wurde als Neugeborenes, in den Wirren des Krieges, im Januar 1940 ausgesetzt. Sie wurde von einem Rentnerehepaar gefunden, die sie aufnahm und ihr Liebe, Wärme, Essen und ein Nest gaben, nicht alltäglich in dieser schweren Zeit. In der DDR habe ich meinen Abschluss an der Polytechnischen Oberschule gemacht, den Beruf der Bauzeichnerin erlernt und dann studiert. Ich habe mich der Technik verschrieben, da diese bestimmter Logik und Gesetzmäßigkeiten folgt. Ich bin mit Leidenschaft Diplom-Ingenieurin (FH) für Wasserwirtschaft. Dass ich, als Frau, selbst entscheiden kann, ob, wann und wie viele Kinder ich haben möchte, dass ich arbeiten gehen kann, und nicht meinen Mann um Erlaubnis fragen muss, dass ich ein eigenes Konto habe, über das ich selbst bestimme, und das ich selbst entscheiden kann, was ich in meinem Leben machen oder lieber lassen möchte – das ist heute selbstverständlich, aber noch vor 100 Jahren haben starke Frauen dies erst erkämpfen müssen. Ich bin stolz auf meine Kinder, dass sie selbstbewusst ihren Weg gehen. Ich wünsche allen Mädchen und jungen Frauen, das Erreichte nicht als selbstverständlich hinzunehmen, etwas dafür zu tun, dieses zu bewahren und ihren Verstand zu nutzen, für sich, die Gesellschaft und kommenden Generationen. Wichtig dabei sind Vorbilder. Für mich ist es meine Oma Hertha Luise Frieda Bartz.

Ambivalenzen zum 8. März
Drei Jahrzehnte, wechselnde Schauplätze, ambivalente Gefühle zum 8.März. Das Positive: Symbolisches Handeln stärkt, macht politischen Anspruch und Veränderung sichtbar. Ende der 1970er bis Ende der 1980er Jahre, an einem Mädchengymnasium, an der TU München, an einem Theater in NRW: Das Frauenpolitische bleibt eher privat, der Frauentag „irgendwie exotisch“. Anfang bis Ende der 1990er Jahre, an einer Berliner Hochschule, inzwischen alleinerziehend: das Private wird (frauen-)politisch. 2001: Nun tätig an einem Institut, hervorgegangen aus einem ehemaligen DDR-Forschungsinstitut. Am 8. März gibt es für alle Kolleginnen eine rote Rose vom Abteilungsleiter. So direkt berührt hat mich der Frauentag selten. Es muss das vorletzte Jahr der roten Rosen gewesen sein. Die Erinnerung an die Gespräche mit den Kolleginnen zum „damals“ und „heute“ weiblichen Berufs- und Familienalltags blieb. Manches, was damals eher als ironisch gesehen wurde, wie z.B. der Frauenruheraum, bewerten wir heute positiver – allerdings für Männer wie Frauen. In den Folgejahren nimmt das (inzwischen geschlechter-)politische Handeln im Beruf zu. Trotzdem: zu Jahresbeginn überrascht mich regelmäßig die Frage, „ob ich schon etwas vorhabe am 8. März“. Da ist sie wieder, die Ambivalenz: Wer feiert denn da inzwischen wen? Was feiere ich: privat, beruflich? Zum Frauentag 2010: eine Männer-taz-Beilage. Es geht um die echte Emanzipation der Männer, die erst echte Gleichberechtigung ermöglicht. Gendern, denke ich mir, ist doch in. Ich hoffe auf ein nächstes Jahrzehnt kreativer Denkräume und Dialoge und last but not least für die Gleichberechtigung einer Vielfalt von Kulturen. Vielleicht im Sinne der Generation „Ü20“ zu feiern, mit einem Tag der Chancengleichheit.

102

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

103

Dr. Manuela Schmidt |

Bezirksstadträtin*

Carl Chung |

Politologe SPI Berlin

Chancengleichheit – noch ein weiter Weg
100 Jahre Internationaler Frauentag sind für mich das Ergebnis mutiger, engagiert handelnder Frauen der ganzen Welt. Es ist ein Zeugnis von Wahrnehmung der unterschiedlichsten Lebenslagen von Frauen, ist Ausdruck eines historisch betrachtet kurzen Augenblicks, in dem die Gesellschaft einen „Rahmen“ gefunden hat, die besonderen Leistungen und Anstrengungen von Frauen anzuerkennen, zu würdigen. Mein eigenes Leben reflektierend, konnte ich mit Selbstverständlichkeit zur Schule gehen, studieren und auch noch nach der Geburt meiner Tochter, einen / meinen Beruf ausüben. Gemessen am Schicksal von Millionen Mädchen auf unserer Erde ist das grandios! Gleichstellung der Geschlechter, Chancengleichheit ist in unserem Grundgesetz verankert. Es assoziiert, daß Mädchen und Frauen in Deutschland chancengleich aufwachsen. Betrachte ich die Einzelfälle und Schicksale von Mädchen und Frauen, die ich in meiner Arbeit täglich kennenlerne, ob im Gespräch oder in Briefen und Hilfeplänen, dann frage ich mich oft, ob wir, gesellschaftlich betrachtet, gerade rückwärts gehen. Es scheint, dass es Frauen besonders schwer gemacht wird, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Beim Blick auf Einkommensstatistiken drängt sich die Frage auf, ob gleicher Lohn für gleiche Arbeit noch Absicht ist. Betrachtet man das Geschlechterverhältnis in Führungspositionen gibt es in den meisten Fachrichtungen und Branchen großen Nachholbedarf. Das macht deutlich, dass wir von Chancengleichheit im Alltag oft noch weit entfernt sind.100 Jahre Internationaler Frauentag wecken in mir den Wunsch, diesen Prozess weiter voran zu treiben und besonders die Mädchen und Frauen in meinem Umfeld zu ermutigen, neue Herausforderungen selbstbewusst anzunehmen.

100 Jahre Weltfrauentag – ein familiärer Rück- und Ausblick
Am 8. März 1911 war meine Mutter ein Jahr alt. Meine Großmutter wuchs als Arzttochter in Ostpreußen auf und war zehn Jahre alt, als mit Gründung der ersten deutschen Republik das Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Sie begann ein Studium, brach es aber, da sie heiratete, ab. Zur „Frau Doktor“ wurde sie durch die Promotion meines Großvaters. Meine Mutter wurde sieben Monate vor den Nürnberger „Rasse“Gesetzen im Schwarzwald geboren. Sie gehörte zur zweiten Frauengeneration mit Wahlrecht, konnte als Bildungsbürgertochter schon selbstverständlicher als etwa ein Arbeiter- oder Bauernsohn studieren und durfte nach Abschluss ihres Studiums auch ohne Zustimmung des Ehemannes ihren Beruf ausüben. Diskriminierung erfuhr sie als Frau dennoch, z. B. da ihre Kinder erst seit Anfang der 1970er Jahre den Kindern deutscher Väter als Deutsche gleichgestellt wurden. Prägender war aber wohl die rassistische Diskriminierung, die sie als Frau eines Nichtweißen und Mutter von „Mischlingen“ erfuhr. Allen Gleichstellungsgesetzen der letzten 30 Jahre zum Trotz erlebte meine Frau als türkeistämmige „Gastarbeiter“-Tochter Diskriminierung – von Seiten der alteingesessenen Mehrheitsbevölkerung wie in traditionsverwurzelten Migrantenmilieus. Dennoch hat sie als Erste ihrer Herkunftsfamilie studiert und einen selbstbestimmten Lebensweg eingeschlagen. Am 125. Weltfrauentag wird unsere Tochter 30 Jahre alt sein. Wie frei wird sie sich als deutsche Bildungsbürger/innentochter multiethnischer Herkunft mit deutscher Herkunftssprache entfalten können? Und werden ihre gesellschaftlichen Teilhabechancen noch immer ein Vorrecht sein, das wesentlich von Merkmalen wie Geschlecht, Abstammung, ethnischer und/oder sozialer Herkunft abhängt?

*in Marzahn Hellersdorf von Berlin, Abt. Jugend und Familie, DIE LINKE

104

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

105

Cornelia Großmann |

Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt*

100 Jahre aktive Frauenbewegung – und immer noch »gläserne Decken«
Jubiläen sind immer auch ein Anlass, Bilanz zu ziehen. So ist es auch klar, dass wir resümieren, was in 100 Jahren aktiver Frauenbewegung erreicht wurde und warum es noch immer notwendig ist, dafür zu kämpfen, was doch so selbstverständlich scheint. Nämlich dass Frauen in allen Lebensbereichen gleichberechtigte Teilhabe erleben. Vor 100 Jahren kämpften die Aktivistinnen der Frauenbewegung in aller Welt noch um ein freies und gleiches aktives und passives Wahlrecht für Frauen. Seit erst 60 Jahren haben wir den im Grundgesetz festgeschriebenen Gleichstellungsartikel, erst 50 Jahre ist es her, dass in Deutschland das Gleichberechtigungsgesetz verabschiedet wurde. Wesentliche Grundlagen also, um eine tatsächliche Gleichberechtigung, Gleichbehandlung in allen Lebensbereichen durchsetzen zu
*Agentur für Arbeit Berlin Mitte

können. Aber seit nunmehr drei Jahren werden wir regelmäßig daran erinnert, dass offensichtlich der Wert der Arbeit von Frauen niedriger angesetzt wird als der von Männern für gleiche und gleichwertige Arbeit. Der Equal Pay Day ruft diese Tatsache sehr deutlich ins Bewusstsein der Frauen, der Gesellschaft insgesamt. Und es handelt sich nicht um nur ein paar Cent Differenz. Nein, es handelt sich immerhin um ein gutes Fünftel. Die Mehrheit der Frauen war in den letzten 100 Jahren nie so gut qualifiziert wie heute, die erreichten Bildungs- und Berufsabschlüsse von Frauen sind in vielen Bereichen deutlich besser als die der Männer. Dennoch müssen die Frauen von heute um echte Gleichstellung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft kämpfen – in Fragen der Chancengleichheit am Arbeitsmarkt ebenso

wie um die gleichberechtigte Teilhabe im Erwerbsleben, an gesellschaftlichen Ressourcen genauso wie an politischen Entscheidungsprozessen. So, stoßen sie an „gläserne Decken“, wenn es um Karrierechancen geht. Angesichts des sehr realen Fachkräftemangels können wir es uns nicht leisten, die Potenziale der Frauen weiter nur teilweise und häufig unterhalb ihrer Qualifikation zu nutzen, aber auch allzu oft ganz brach liegen zu lassen. Die Ausstellung „100 Jahre Frauen in Marzahn-Hellersdorf “ gibt in sehr eindrucksvoller Weise Auskunft darüber, über welche Kraft und welchen Mut Frauen verfügen, sie erinnert uns aber auch daran, dass die Frauen heute noch immer um die Durchsetzung des Ziels von vor 100 Jahren kämpfen müssen – nämlich die tatsächliche Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen. Der 100. Jahrestag der Begehung des

Internationalen Frauentages ist das laute Signal für die Frauen, sich intensiver denn je eigener Stärken bewusst zu sein und mit diesem Selbstbewusstsein auch Selbstverständlichkeiten einzufordern.

106

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

107

Oleg Peters |

Marzahn-HellersdorferWirtschaftskreis e. V.

Frauenpower - Powerfrauen in Marzahn-Hellersdorf
Gerne nehme ich das 100jährige Jubiläum des Internationalen Frauentages zum Anlass, um die Verdienste der Frauen in der Wirtschaft und für die Wirtschaft aus der Sicht eines Unternehmervereins mehr in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Unser Verein feiert in diesem Jahr sein 20jähriges Bestehen, und Frauen waren und sind maßgeblich an seiner Entwicklung beteiligt Im Februar 1991 regte die damalige Marzahner Stadträtin für Wirtschaft Ines Saager die Bildung eines regionalen Interessenverbandes klein- und mittelständischer Unternehmen an. Ein halbes Jahr später erfolgte die Gründung des Marzahner Wirtschaftskreises (MWK). Dem ersten ehrenamtlichen Vorstand gehörte noch keine Frau an, doch das sollte sich bald ändern. Mit Christa Bertag, Gisa Drescher, Sigrid Höpfner, Simone Weinert und Karen Friedel prägten erfolgreiche Unternehmerinnen die Vorstands- und Vereinsarbeit. Seit 1997 stellt Beate Hohenberger in der Geschäftsstelle des MHWK ihr Organisationstalent für die Umsetzung unseres Mottos „Gemeinsam zum Erfolg“ unter Beweis. In unserem Bezirk spielen seit Jahren Frauen eine tragende Rolle, wenn es darum geht, die Leistungsfähigkeit des Wirtschaftsstandortes MarzahnHellersdorf zu stärken. In vielen unserer Unternehmen bekleiden Frauen Top-Führungspositionen und prägen erfolgreich die wirtschaftliche Entwicklung der Region. So vermittelt Centermanagerin Bianka Käppler »Shopping mit Lebensgefühl« in einem der größten Einkaufs- und Erlebniszentren in Berlin und Brandenburg. Parkleiterin Beate Reuber präsentiert jährlich mehr als einer halben Million Besuchern die schönsten „Gärten der Welt“. Die Geschäftführerin der Menütaxi GmbH

Gudrun Eildermann beliefert mit ihren 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern täglich Firmen, Schulen und Kitas mit frisch gekochtem heißen Mittagessen. Die Geschäftsführerin der Akademie für Berufsförderung und Umschulung gGmbH Elke Schünemann und ihre ca. 100 festangestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bieten als gemeinnütziger privater Bildungsdienstleister Beratungs-, Qualifizierungs- und Vermittlungskompetenz. Margrid Wünsch leitet ein Familienunternehmen, das ein kompetenter Partner in Sachen Sonnenwärme- und CO2-Reduzierung ist. Auch in der Politik und Verwaltung gibt es diese Beispiele. So ist die z.B. die Wirtschaftsförderung fest in weiblicher Hand. Die bezirkliche Wirtschaftsberaterin Kathrin Rüdiger und ihre vier Kolleginnen unterstützen Unternehmerinnen und Unternehmer sowie Existenzgründerinnen und Existenzgründer mit Informationen und Beratungsleistungen.

Seit April 2009 führt unser Verein regelmäßig Unternehmerinnentreffs durch, initiiert durch Manuela Paetsch, die eine Allianz Generalvertretung an der Marzahner Promenade leitet. An den bisherigen acht Veranstaltungen nahmen durchschnittlich 25 Frauen teil, die sich die Förderung und Beratung der Unternehmerinnen und Existenzgründerinnen zur Aufgabe gemacht haben. Marzahn-Hellersdorf braucht erfolgreiche Unternehmerinnen mit Mut, Durchsetzungskraft und Leidenschaft, die die wirtschaftliche Entwicklung unseres Bezirks stärken. Ich hoffe, dass diese guten Vorbilder anderen Frauen weiter Ansporn und Ermutigung bieten.

108

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

109

Julia Witt |

Kulturwissenschaftlerin*

Michaela Bröring |
Foto: Hendrick Hunold

Sozialpädagogin*

»Die Hälfte des Himmels« und »Ein Zimmer für mich«
Neulich berichtete mir eine Freundin am Telefon, zu einem Treffen bei einem Glas Wein habe sie keine Zeit. Sie müsse noch einen Text für eine Publikation schreiben, die Tochter mache gerade Abi, der Mann müsse für seine Baupläne Hilfe bekommen und gegen 22 Uhr fahre sie immer noch zu ihrem Vater, der dann zu Bett gebracht werden muss. Zu unserem Frauentreffen würde sie schon gerne kommen, aber die vielen Verpflichtungen ließen ihr keine Sekunde auch nur für sich. Schon lange wolle sie mal wieder zum Friseur, an Sport sei nicht zu denken, schließlich ist sie auch noch politisch aktiv und was für Zeit frau in all den Ausschüssen verbringe, dass könne sich niemand vorstellen. Ich konnte durch den Hörer hindurch spüren, wie intensiv ihr Alltag war, wie vielfach die Verpflichtungen und Zwänge und wie wenig Platz es gab für Innehalten, Analyse, Erinnerung und Utopie. Meine Freundin ist, dessen kann man sich im globalen Vergleich vergewissern, eine gestandene Frau. Sie gilt als gleichberechtigt und schon damit privilegiert. Sie ist berufstätig und hat somit eine bessere Existenzgrundlage als viele andere. Sie fährt ein eigenes Auto, ist Herrin ihrer eigenen Wege und gewählte demokratische Vertreterin - ihr Alltag ist durchaus typisch für unsere Stadt. Genauso typisch ist aber auch jenes Lebensgefühl, dass wir zu wenig Zeit und Raum für uns selbst haben und ihn auch zu wenig einfordern. Gerade der Frauentag, den wir zwischen Quotendebatte und Kaffeekränzchen, zwischen Feminismus und Frauenfete platziert haben, ist für mich der richtige Tag, um innezuhalten, gemeinsam Alternativen zu überdenken und Pläne zu schmieden. Es lohnt sich, einen Tag lang all die Fragen zu stellen, warum es mit der Stellung der Frau noch hängt, was frau selbst tun müsste und wie wir uns selbst ermächtigen können – es lohnt das Vordenken und auch das Glas Wein.

Wir sind viele, jede einzelne von uns
Zu Beginn der Frauenbewegung in Deutschland forderten die Frauen vor allem ein Recht auf Bildung und Erwerb. Sie diskutierten im Zusammenhang mit Mädchenbildung über eine neue weibliche Identität. Bildung ist, damals wie heute, emanzipatorisches Potential, befähigt zur Selbst- und Mitbestimmung und ermöglicht Intersubjektivität, Reflexivität und Differenziertheit in der Wahrnehmung und Deutung von sich, den Mitmenschen sowie der Welt in ihrer Gesamtheit. Außerdem stiftet Bildung Selbstwertgefühl, arrangiert soziale Verständigung und konstruktive Lebensgestaltung. Das Recht auf Bildung und Erwerb ist erkämpft, und unsere Verantwortung, nehmen wir, das heißt meine Generation, in der konstruktiv-kreativen Umsetzung dieser Rechte wahr: Wir nutzen das gerade beschriebene Potential von Bildung, machen immer höhere Abschlüsse, studieren, promovieren und habilitieren; geebnete Wege, von Frauen früherer Generationen, werden zu Ende gegangen und ausgebaut; Berufliches mit Privatem vereint. Wir engagieren und solidarisieren uns international, mit neuen Mitteln, dank neuer Positionen, wenn diese auch bisher noch rar besetzt sind und es Nachholbedarf gibt, sind wir doch dabei und dies muss sicherlich eine geschlechterumfassende Aufgabe sein, nach und nach Denkbegrenzungen, Pessimismus und altmodische Strukturen, Normalitätsvorstellungen und Rollenmuster zu verändern. Vorwürfe über eine nicht mehr existierende Frauenbewegung können diesen Argumenten nicht standhalten. Dies schließt an die Diskussion der Anfänge über eine neue weibliche Identität an …

*Leiterin des Büros des Senators Harald Wolf, Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen

*Praktikantin im Bezirksamt Marzahn-Hellerdorf von Berlin, Gleichstellungsbeauftragte

110

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

111

Anatol Wendler |

Choreograf und Tanzlehrer

Die Frauen sind magisch
Ich war nicht besonders überrascht, als ich gebeten wurde, einen Beitrag zum Thema 100 Jahre Internationaler Frauentag zu schreiben: Erstens bin ich ein Tanzlehrer und es hat sich so ergeben, dass die meisten meiner Tanzschüler Frauen sind - obwohl mich das, natürlich, nicht zu einem Frauenkenner macht (ich bezweifle, dass es so etwas wie Frauenkenner überhaupt gibt!). Und zweitens haben die Frauen selbst - so glaube ich - wie immer alle Hände voll zu tun und, klardenkend und realistisch wie sie sind, haben sie die Aussage von Margaret Thatcher (dass wenn etwas getan werden muss- frag eine Frau: wenn etwas gesagt werden muss- frag einen Mann) zu Herzen genommen und lassen uns Männer über den Frauentag reden oder schreiben. Also - ich bringe Frauen Tanzen bei, aber auch ich lerne sehr viel von meinen Tanzschülerinnen. Ich sehe, wie wahr der Spruch ist: „Männer sind wichtig, aber Frauen sind magisch” - die Frauen, die jede Tanzstunde zu etwas mehr machen, als nur Tanzschritte zu lernen - dank ihnen lernt man sich selbst besser kennen, man lernt, offener den Anderen gegenüber zu sein, man schöpft Mut und Lebensenergie von ihnen. Deshalb freue ich mich sehr, dass es einen Frauentag gibt. Übrigens: Dort, wo ich herkomme, war das sogar ein offizieller Feiertag, und zwar einer der schönsten des Jahres - immer mit dem Gefühl von Frühling, mit Wärme und Schönheit verbunden. Und genau diese Gefühle hatte ich, als ich die Ausstellung “100 Jahre Internationaler Frauentag - 100 Jahre meine eigene Geschichte” gesehen habe. Ich war fasziniert von der Lebendigkeit und Stärke der Frauen auf den Fotos, von dem, was diese Frauen erlebt haben und wie sie über ihre (teils traurigen) Lebenserfahrungen erzählten. Diese Ausstellung hat mir bewusst gemacht, dass jede Frau das Gewicht der Welt auf ihren Schultern zu tragen scheint, und sich trotzdem unerschrocken und gefasst ihren Weg durchs Leben bahnt. Und ich, mit meinen Tänzen, wünsche mir nur, dass sie dabei auch lässig und elegant bleibt. Es gibt viele Sprüche, die ich gerne beim Tanzunterricht benutze. Der wohl unpopulärste bei den Frauen ist: “Lassen Sie sich führen!”. Der für mich wichtigste ist aber: Bleiben Sie bei Fehlern bitte nicht einfach stehen, tanzen Sie einfach weiter, fließender und entspannter!

112

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

113

Marlitt Köhnke | André Gaedecke

Philosophin

Historiker

Die Sozialdemokratin Marie Juchacz – Mutter der Arbeiterwohlfahrt (AWO)
Als am 13. Dezember 1919 der Zentrale Ausschuss der SPD, das damalige oberste Führungsgremium dieser Partei tagte, hatte Marie Juchacz, SPDFrauensekretärin und Mitglied der Nationalversammlung der Weimarer Republik, (die erste Frau, die jemals das Wort vor der obersten deutschen Volksvertretung ergriff), einen Organisationsvorschlag gemacht. In ihrem anschließenden Beitrag konnte sie die anderen Vorstandsmitglieder von dem Gedanken überzeugen, „eine Wohlfahrtsorganisation auf der Basis von Selbsthilfe zu gründen“, so in den Akten der Sitzung nachzulesen. Der Antrag wurde beschlossen und die Gründung der Arbeiterwohlfahrt (AWO) war damit auf den Weg gebracht. Wer war Marie Juchacz? Geboren 1879 als Tochter eines Zimmermanns in Landsberg an der Warthe, arbeitete sie nach dem Abschluss der Volksschule drei Jahre als Dienstmädchen in verschiedenen Haushalten, war Arbeiterin in einer Netzfabrik, leistete sich vom ersparten Geld Kurse in Weißnähen und in der Schneiderei und heiratete 1903 den Schneidermeister Bernhard Juchacz, in dessen Werkstatt sie tätig war. Seit 1906 lebte Marie Juchacz, die sich inzwischen auch für die Politik der SPD interessierte, nach der Trennung von ihrem Ehemann, mit ihren beiden Kindern und der Schwester Elisabeth in Berlin. Die Kontaktaufnahme zur SPD war zunächst nicht leicht, das preußische Vereinsgesetz verbot die politische Betätigung von Frauen und so tarnten die Sozialdemokratinnen ihre politische Tätigkeit als Bildungsarbeit. Später ermöglichte ein neues Reichsgesetz die politische Arbeit, doch Marie Juchacz missfiel, dass gerade die sozialdemokratischen Frauen zu wenig untereinander diskutierten und gründete deshalb eine Arbeitsgemeinschaft, in der vor allem programmatische Texte studiert wurden. Mit ihrer Schwester unternahm sie viele Vortragsreisen, wurde so auch in anderen Regionen schnell bekannt und bekam 1913 das Angebot, in Köln als bezahlte Frauensekretärin zu arbeiten. Während des 1. Weltkrieges arbeitete Marie Juchacz auch mit bürgerlichen Frauenverbänden zusammen, um die schlimmste Not betroffener Familien, deren Männer und Väter im Krieg gefallen oder schwer verwundet worden waren, lindern zu helfen. Aus diesem sozialen Engagement erwuchsen auch bald politische Forderungen nach Mitsprache von Frauen bei der Entscheidung in öffentlichen Angelegenheiten. Vor allem lernten Marie Juchacz und ihre Mitstreiterinnen die ganze Facette sozialer Fürsorge kennen. Als Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung der Weimarer Republik kämpfte Marie Juchacz vor allem für die verfassungsrechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen. Diese ist inzwischen erreicht und es gilt sie zu bewahren. Auch ist es nötig in vielen anderen gesellschaftspolitischen Bereichen entscheidende Fortschritte zu machen: die Förderung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder auch die Lohnentgeltgleichheit - Equal Pay!

114

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

115

Eva Gottwalles |

Sozialwissenschaftlerin, Genderexpertin

Heile, heile Gänschen …
Das Lied vom Mausespeck, das verspricht, dass in hundert Jahren aller Schmerz vergangen sei, sang mir meine Mutter vor, um mich zu trösten und sie hörte es von ihrer Mutter. Die Frauen, die vor 100 Jahren dafür eintraten, dass Frauen die gleichen Rechte wie Männer in einer Gesellschaft erhalten, haben das Lied sicherlich schon von ihren Müttern gehört und es ihren Kindern vorgesungen. Der Internationale Frauentag war in seinen Anfängen die Rahmung für frauenpolitische Organisations- und Versammlungsformen. Selbstverständlichkeiten für uns, wie das Stimm- und Wahlrecht für Frauen waren noch mühevoll zu erstreiten. Die Möglichkeit zu studieren oder eine freie Berufswahl zu treffen, haben wir dem Engagement jener Frauen zu verdanken, die immer wieder frauenpolitische Forderungen in den Fokus rückten. Dass Frauen heute eine eigenständige ökonomische Existenzsicherung möglich ist, dass sie nicht auf einen männlichen Ernährer und rechtlichen und politischen Vertreter angewiesen sind, dass sie ein erwachsenes Leben auch ohne Ehemann führen können, dass sie sich gegen Gewalt und Unrecht auch mit rechtlichen Mitteln zur Wehr setzen können, all das sind Errungenschaften, die für uns heute zum Glück selbstverständlich geworden sind. Der 8. März erinnert an den Weg der Umsetzung von Frauenrechten, er ist ein Tag der Reflexion und der Visionen. „Die konkrete Utopie, die in diesem Tag steckt: eine von Ausbeutung, Kriegsdrohung und Kriegen freie Gesellschaft, in der Frauen wirtschaftlich und psychisch vom Mann unabhängig, selbstbestimmt leben.“1 Heute sind die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern nicht mehr so offensichtlich wie noch vor hundert Jahren. Heute wollen viele junge Frauen mit dem Gedanken der inzwischen etwas altbacken daherkommenden Frauenemanzipation nichts mehr zu tun haben. Sie erleben sich als frei und gleichberechtigt, glauben nicht daran, dass subjektive Diskriminierungserfahrungen möglicherweise in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext einzuordnen wären. Die Tatsache, dass die Vereinbarkeit von Kind und Karriere auch ganz aktuell noch überwiegend eine Schwierigkeit für Frauen darstellt, die Tatsache, dass Frauen, auch hundert Jahre nachdem erstmals die Forderung nach Lohngleichheit gestellt wurde, noch immer weniger verdienen als Männer, sowie die Tatsache, dass alleinerziehende und von Armut betroffene Menschen in Deutschland überwiegend weiblichen Geschlechts sind, verdeutlichen, dass der Internationale Frauentag auch nach hundert Jahren keineswegs obsolet ist. Was wird im Jahr 2111 erreicht sein? Wird der Internationale Frauentag sein zweihundertstes Jubiläum feiern oder wird er in Vergessenheit geraten? „Heile, heile Mausespeck, in hundert Jahren ist alles weg.“ Heute beruhige ich meine Tochter mit diesem Gesang, und möglicherweise wird sie sich später daran erinnern und ihn ihren Kindern vorsingen.

1

(Annemarie Auer, DDR – Literaturkritikerin, 1979)

116

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

117

Jutta Köber |

Mitarbeiterin im Handel, Rentnerin

Marion Winkelmann |

Leiterin Kulturgut Alt-Marzahn

Selbst ist die Frau
Der Internationale Frauentag liegt mir näher als der Muttertag – das vorweg. Jetzt bin ich 75, oh Gott! Aber ich verlege noch Fliesen. Für’s Handwerkliche bin ich zu Hause zuständig, weil mein Mann zwei linke Hände besaß. Selbst ist die Frau. Ich bewirtschafte einen Garten und fahre mit 120 über die Autobahn. Bin ich eine moderne Oma? Ich hör` das Wort Oma nicht so gerne, weil ich mich nicht so fühle. Mein Vater kam aus kleinen Verhältnissen und wollte es zu etwas bringen. Als einer der wenigen „Kleinkapitalisten“ im Sozialismus hatte er einen mittelständigen Betrieb, von der Pike auf erarbeitet. Von meinem Vater hab ich den Ehrgeiz. Meine Mutter hatte nichts gelernt. Ich war Apothekenassistentin, Dolmetscherin für Spanisch und zuletzt zuständig für die Aus- und Weiterbildung der Werktätigen. Mein Ziel war es, Menschen ohne Beruf dazu zu bringen, noch einen zu erlernen oder sie zum Studium zu überreden. Das hab` ich bei jedem geschafft und bin stolz darauf. Nur eins habe ich gehasst: lügen und schwafeln. Kinder, Familie, Haushalt, Arbeit, das war schon ein gewaltiger Spagat, aber ich hätte mir nie vorstellen können, als Hausfrau zu leben. Meine Kinder sollten die höchstmögliche Bildung erhalten, hilfsbereit und ehrlich sein: Nicht Wein trinken und Wasser predigen. Heute geht mir die ganze Verlogenheit ebenso auf den Geist wie damals. Ich sage nur: „Bankenskandal und Gammelfleisch.“

100 Jahre Familie
Als meine Urgroßmutter 1910 das Mädchen, das meine Großmutter war, zur Welt brachte, war es das siebente ihrer 13 Kinder. Sie wusste nichts von den Aktivitäten und Forderungen der Frauen, die ein Jahr später in Kopenhagen den Internationalen Frauentag begründeten, um für ihr Wahlrecht, gegen soziale Ungleichheit und gleiche Bildungschancen zu kämpfen. Sie hatte sich den Mann selbst gewählt und nahm in Kauf, dass ihre Familie sie verstieß. Der Urgroßvater verdiente kaum Geld als Bauarbeiter und ersoff den Kummer, bis er sich 1915 zu Tode trank. Meine Oma war eine gute Schülerin und träumte von einer Ausbildung als Lehrerin. Doch zu arm, erlernte sie keinen Beruf, sondern ging in „Stellung“. Flüchtend erreichte sie 1945 mit drei kleinen Kindern ein sächsisches Dorf. Gedemütigt, mittellos und immer hungrig ging das Leben weiter. Hier wuchs meine Mutter heran. Bescheiden, lebensfroh und klug lernte sie einen Beruf, brachte sich Fremdsprachen bei und lernte ein Leben lang. Sie wurde früh Witwe und zog uns drei Kinder neben Beruf und Studium groß. Sie arbeitete ehrenamtlich, in der Volkssolidarität, in der Familienhilfe. In unserer Familie gab es keine starken Männer. Meine Emanzipation fand durch die starken Frauen meiner Familie statt. Die Achtung vor Bildung und Wissen, vor Selbstständigkeit und Unabhängigkeit wird in unserer Familie jedem mit auf den Weg gegeben. Wenn am Internationale Frauentag die männlichen Kollegen mit Schürzen Kaffee ausschenkten, befremdete mich das. Gleiche Rechte für alle! Gleiche Pflichten für alle? Es gibt noch viel zu tun, in den nächsten 100 Jahren?!

118

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

119

Doreen Siebernik |

Gesamtfrauenvertreterin*

100 Jahre Internationaler Frauentag - auch meine Geschichte
Ich bin heute 42 Jahre alt. Ich bin in der ehemaligen DDR groß geworden, und somit auch ganz bewusst mit dem Internationalen Frauentag. In meiner Schule haben wir immer kleine Geschenke für unsere Mütter gebastelt. Gemeinsam mit meinen Brüdern und meinem Vater haben wir meiner Mutter einen schönen Tag bereitet. Wir haben sie verwöhnt, aber sie hat uns immer wissen lassen, dass es falsch sei, sie nur dieses eine Mal im Jahr so besonders zu würdigen. Auch heute schenkt mein Vater ihr am 8. März einen Strauß Blumen. Und auch für mich hält er schon seit vielen Jahren einen Strauß bereit. Wann oder wodurch bin ich wirklich selbst politisch geworden, setze mich bewusst ein für die Rechte von Frauen, für unser Recht an gleicher Teilhabe in der Gesellschaft, im Beruf oder
*Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung

in politischen Ämtern? Geprägt hat mich insbesondere mein Engagement in der Gewerkschaft. Ich fand nicht nur den Raum und die Möglichkeit, mich einzubringen. Vielmehr fand ich Menschen, die wie ich entschlossen sind, sich einzumischen. Wir wollen aktiv mitgestalten und das große Wörtchen „Demokratie« lebendig werden lassen. Gewerkschaftliche Frauenpolitik will die Arbeits- und Lebensbedingungen von Frauen im Alltag verbessern. Nicht irgendwann, sondern jetzt! Die Arbeitsbedingungen müssen den Frauen und deren Bedürfnissen angepasst werden, nicht umgekehrt. Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, wird nach wie vor all zu oft den Frauen überlassen und damit gehen oft negative Begleiterscheinungen einher, wie Überlastung, Hektik und das schlechte Gewissen. So werden

wir keine Gleichstellung erreichen, die beiden Geschlechtern erlaubt, berufliche Perspektiven zu entwickeln. Dieses Land braucht keine neuen Männer. Aber es braucht Männer, die bereit sind, Fürsorgepflichten zu übernehmen, und Unternehmen, die beiden Geschlechtern familienfreundliche Angebote machen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist weit mehr als die Zeit, die am Ende eines Tages - oder der Schicht - übrig bleibt. Arbeitszeiten und -bedingungen können und müssen so gestaltet werden, dass „Gute Arbeit« das Ergebnis ist. Dafür lohnt es sich, aktiv zu sein. Dafür braucht es nach wie vor aktive Frauen. Frauen macht mit, wir bewegen Politik!

120

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

121

Dagmar Poetzsch |

Vorsitzende des DGB Bezirksfrauenausschusses Berlin-Brandenburg

Frauentag erlebt – gestern und heute
In der DDR war der Internationale Frauentag für mich eher ein „Feiertag“ mit Anerkennung der Leistung und Glückwünschen meiner Kinder. Der Tag war Anlass, um mit meinen Kolleginnen und Kollegen angenehme Stunden zu verbringen. Ich machte mir wenig Gedanken um den politischen Stellenwert des Tages. Dann kam die Wende 1989. Ich war aktiv an der Umgestaltung der gewerkschaftlichen Strukturen der GEW in Berlin beteiligt. Es gab erste Treffen mit engagierten Frauen aus Westberlin. Ich machte die Erfahrung, dass wir um positive „Errungenschaften“, wie z.B. dem monatlichen Hausarbeitstag bei voller Bezahlung, verkürzte Arbeitszeit mit mehreren Kindern ohne Gehaltsabzug, Gewerkschaftsarbeit auch innerhalb der Arbeitszeit und vieles mehr, beneidet wurden. Frauen (West) erwarteten von uns, dass wir ihren Kampf um § 218 unterstützen oder die geschlechterbewusste Bildung und Erziehung. Es gab viele kontroverse Diskussionen und es gab viele Vorhaltungen und viel Unverständnis. Ich vermisste den Willen, aus unseren unterschiedlichen Sozialisationen Erfahrungen schöpfen zu wollen. Ein kleines Beispiel bezogen auf die geschlechtergerechte Sprache: „Ich bin Erzieher/Lehrer…“ „NEIN, du bist Erzieherin/Lehrerin!!“ - so bei der Vorstellung der Teilnehmerinnen in einer Gesprächsrunde. Für mich war das nicht wichtig nach der Wende, auch der § 218 nicht! Wir Frauen (Ost) hatten Ängste um unsere Existenz, um die Arbeitsplätze und um unsere Berufsabschlüsse. Viele Familien litten unter den extremen Veränderungen, denn Arbeitslosigkeit gab es bis dahin in der Regel nicht, weder für Frauen noch für Männer. Aber mein Interesse, mein Verständnis und mein Engagement für Frauenpolitik, die Forderung nach Gleichstellung und auch nach geschlechtergerechter Sprache wuchs. Jetzt - 20 Jahre später – habe ich u.a. durch meine gewerkschaftlichen Funktionen einen anderen Blick auf die Themen und sehe Vergangenes kritischer und hinterfrage vieles. Auch im 21. Jahrhundert müssen wir Frauen um unsere Rechte kämpfen. Gleichstellung und Chancengleichheit sind immer noch keine Selbstverständlichkeit. Die Gesellschaft muss sich Themen wie Gender Mainstreaming, Diversity oder der Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellen. Wir brauchen nachhaltige politische Strukturen und verbindliche Gesetzgebungen. Und wir brauchen aktive Frauen.

122

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

123

Monika Schlesier |

Pädagogin, Projektleiterin, Mittendrin in Hellersdorf e. V.

Impressionen beim Betrachten einer Ausstellung
Im August und im Dezember 2010 wurde die Wanderausstellung „100 Jahre Internationaler Frauentag-100 Jahre meine eigene Geschichte“ in zwei sehr unterschiedlichen Einrichtungen des Vereins „Mittendrin in Hellersdorf – Verein zur Integration Behinderter“ e.V. gezeigt. Zunächst im Stadtteilzentrum Hellersdorf, später im Kaulsdorfer „Haus der Möglichkeiten“. Das Stadtteilzentrum bietet eine breitgefächerte Palette von Angeboten für Menschen aus allen sozialen Schichten und Altersgruppen, mit und ohne Behinderung, Familien, Migrantinnen und Migranten. Und hierher kam dann die Ausstellung: Unsere Klienten und Klientinnen, Gäste, Teilnehmer und Teilnehmerinnen an den verschiedensten Kursen und Veranstaltungen haben sie dann auch auf ihre ganz spezifische Art und Weise wahrgenommen. Höhepunkt war die Feier am 31.August 2010 zum 17. Jahrestag des Vereins. Hier kamen viele Gäste und sie sahen nicht nur eine Ausstellung, in der man ein Bild betrachtet und dann weitergeht. Diese Bilder hatten etwas Besonderes, man schaute, man las und manchmal standen die auf dem Foto abgebildeten Personen auch tatsächlich neben dem Bild. Auf Fragen gab es Antworten und anregenden Gedankenaustausch. Es gab viele Gespräche! Und da war noch etwas anders an dieser Art der Ausstellung: Einhundert Jahre Geschichte von Frauen – generationenübergreifend - führte fast zwangsläufig zu der Frage, wie sieht eigentlich meine eigene Geschichte aus? Worauf kann ich besonders stolz sein, wie haben meine Großmutter, meine Mutter gelebt? Was habe ich eigentlich schon alles erreicht, was für die Frauen meiner Familie nicht möglich war? Viele spontane Antworten, aber noch viel mehr Fragen. Im Dezember war die Ausstellung dann im „Haus der Möglichkeiten“ in Kaulsdorf zu sehen. Hier leben Menschen, die für eine Wohngemeinschaft zu eigenständig sind, jedoch für eine eigene Wohnung zu unselbständig. Hauptziel der Betreuung ist es, den Bewohnern und Bewohnerinnen die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben wieder zu ermöglichen. Zum „Tag der offenen Tür“ im Dezember 2009 - anlässlich des 5. Jahrestages dieses Hauses - kamen viele Besucher und Besucherinnen. Gespräche haben gezeigt, wie beeindruckt viele waren: 100 Jahre Frauenbewegung – ein stolzes Ergebnis , wenn man bedenkt, was schon alles erreicht wurde! Aber es gibt noch viel für Frauen zu tun! Für seelisch benachteiligte Frauen, die gelernt haben, ihre Krankheit zu akzeptieren und mit ihr umzugehen, erhoffen wir uns eine gleichberechtigte Stellung in allen Bereichen des öffentlichen Lebens, vielfältige Möglichkeiten, die ihnen helfen, ein erfülltes Leben zu führen, und eine Anlaufstelle zu haben, wo sie mit allen Problemen, Fragen, Nöten kommen können und Antworten und Wege finden. Dafür arbeiten wir, damit die Zukunft besser wird!

124

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

125

Beate Hohenberger |

Kaufmännische Mitarbeiterin

Lydia Krenz |

Buchhalterin

Angekommen
Emanzipation – ich bin angekommen. Obwohl ich meine persönliche Entwicklung vom Abitur über Studium bis hin zu meiner heutigen Tätigkeit nicht als Karriere bezeichnen würde, so hatte ich doch alle Möglichkeiten der individuellen Entwicklung. Sicher wägt man als Mutter von drei Kindern ab, welchen Weg man in der jeweiligen Lebenssituation einschlägt: Bin ich jetzt nur für meine Kinder da? Strebe ich einen höheren Posten an? Wie vereinbare ich Familie und Beruf? Seit meinem 22. Lebensjahr bin ich berufstätig, unterbrochen von Monaten, die den Kindern gehörten und doch immer mit der Freiheit, volles Engagement in den Beruf zu legen. Familie ist Teamarbeit! Und in einem gut funktionierenden Team haben alle die gleichen Chancen. Heute gehe ich jeden neuen Tag voller Freude an meinen Arbeitsplatz beim MarzahnHellersdorfer Wirtschaftskreis. Die enge Zusammenarbeit dort mit Unternehmerinnen und Unternehmern zeigt mir immer wieder, mit welchem Engagement Frauen ihre Chancen auch wahrnehmen, erfolgreich sind, wie sie ihre beruflichen Träume zielstrebig umsetzen und trotzdem Frauen bleiben. Ein Zeichen, dass der vor 100 Jahren begonnene Weg lohnenswert ist und wir selbst daraus unsere Erfolgsgeschichte machen können. Wie werde ich dieses Jubiläum feiern? Vielleicht mache ich meinen Mann mal einen Verwöhntag als Dankeschön…

Zusammen schaffen wir alles
Ob wir den 8. März heute noch feiern, na klar. Den feiern wir sogar zu Hause. Das war in der Sowjetunion so, da war das nicht nur Staatsfeiertag. Frauen in der Sowjetunion, die waren sehr tapfer. Alle haben gearbeitet, das Leben war schwer. Sie haben nach der Arbeit gekocht, ohne Waschmaschine gewaschen, die Tiere versorgt auf dem Land, Gurken eingelegt und alles für den Winter vorbereitet. Sie hatten immer zwei bis vier Kinder. Meine Familie heute - das sind mein Mann, meine drei Töchter und zwei Enkeltöchter. Wir sind 1992 nach Deutschland gekommen, das war eine schlimme Zeit. Die Geschäfte waren leer in Russland. Niemand wusste, wie es weiter geht. Meine Töchter haben entschieden, wir gehen. Ich war 42 und wollte gar nicht. Ich wusste, dass es schwer werden würde, aber die Jugend hatte keine Angst. Die Zukunft lag vor ihnen. Wir hatten immer ein Motto: Zusammen schaffen wir alles. Was ich meinen Töchtern mit auf den Weg gegeben habe? Zielstrebig, freundlich und hilfsbereit zu sein. Ich habe gehofft, dass sie glücklich werden und alles Gute von uns übernehmen. Wir haben heute ein besseres Leben. Ich muss nicht mehr nachdenken, ob die Wohnung warm ist, ob es etwas zu kaufen gibt. Nach so vielen Jahren kann ich sagen: Deutschland ist meine Heimat. Ich bin jetzt 62 Jahre alt, aber ich muss immer auf Trab bleiben. Wenn ich nicht arbeite, fühle ich mich nicht gleichwertig. Mein größter Wunsch? Gesund bleiben und einander helfen. Wer soll uns sonst helfen?

126

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

127

Dr. Renate Neumann |

Chronistin des Bezirksverbandes der Gartenfreunde Berlin-Marzahn

8. März in dritter Generation
Ruft man diesen Begriff im Internet auf, dann erscheinen in weniger als einer Sekunde 51 200 Ergebnisse. Sehr viele Menschen haben sich also bereits mit diesem Ereignis gesellschaftlicher Dimension beschäftigt. Wenn ich darüber nachdenke, dann komme ich zu der Erkenntnis: der internationale Frauentag hat bisher das Leben von drei Generationen Frauen in meiner Familie berührt. Da ist meine Oma Rosa, die 1877 in einer keineswegs begüterten Familie in der Rhön geboren wurde und sehr jung in “Stellung” gehen musste als Dienstmädchen. Vom Dienstherren geschwängert, konnte sie von Glück reden, dass sie dann einen Mann fand, der sie heiratete und dem Kind seinen Namen gab. Meine Mutter Luise, die als drittes Kind kurz vor dem Ende des 1. Weltkrieges 1918 geboren wurde. Beide hatten sicherlich zu diesem Zeitpunkt noch keinen Bezug zu den Kämpfen um das Wahlrecht und die Gleichstellung der Frauen in der Gesellschaft. Ich bin mir aber ganz sicher, dass meine Großmutter bereits an der Wahl zur deutschen Nationalversammlung teilgenommen hat, nachdem am 12. November 1918 das allgemeine Wahlrecht für Männer und Frauen über 20 Jahre eingeführt worden war. Das ergab sich folgerichtig aus ihren Lebens- und Kriegserfahrungen. Auch meine Mutter musste als junge Frau mit 21 Jahren Kriegserfahrungen machen. Sie brachte während des Krieges zwei Kinder zur Welt und musste für sie und die kranke Mutter arbeiten. Frühzeitig war sie in der Gewerkschaft in einem großen Betrieb organisiert. Nach 1945 räumte sie wie viele andere Frauen ihren Arbeitsplatz für die Kriegsheimkehrer. Sie hat mir immer die Gedanken vermittelt: Es darf keinen Krieg wieder geben, Frauen müssen ökonomisch selbständig und in der Gesellschaft gleichberechtigt anerkannt sein. Ich bin 1942 geboren und hatte, obwohl nur Arbeiterkind, die Möglichkeit das Abitur abzulegen und dann die Handelshochschule zu besuchen. Als junge alleinstehende Frau mit Kind gelang es mir auf Grund meiner Ausbildung relativ schnell, in die Leitungsebene eines Handelsbetriebes aufzusteigen. In meiner Erinnerung gibt es einen 8. März 1968, an dem ich als “Vorzeigefrau” vor Bäuerinnen einer LPG über meinen Werdegang sprechen musste. Ja, es war so bis in die 70er Jahre, dass die Feiern am 8. März im Wesentlichen mit politischen Diskussionen ausgefüllt wurden, bevor es zur Prämierung hervorragender Leistungen von Frauen und zu Kaffee und Kuchen kam. Der Kampf um das Wahlrecht, für gleichen Lohn für gleiche Arbeit, die Eröffnung eines Gehaltskontos ohne die Zustimmung des Ehemannes, die Entscheidung über eine Schwangerschaft usw. das alles war am 8. März im Osten Deutschlands in den 80er Jahren kein Kampfziel mehr. Stattdessen erinnere ich mich an Nachmittage, an denen wir mit unseren Kollegen zusammen feierten oder sogar von ihnen bedient wurden. [...] Das Motto der UNO für den 8. März 2011 lautet: Heute für Morgen. Zeichen setzen. Ich möchte es persönlich ergänzen um die Erkenntnis des französischen utopischen Sozialisten Francois Fourier von 1821: „Die Harmonie entsteht nicht, wenn wir die Dummheit begehen, die Frauen auf Küche und Kochtopf zu beschränken…. Die Erweiterung der Vorrechte der Frauen ist die Grundvoraussetzung für den gesellschaftlichen Fortschritt.”

128

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

129

Tran Anh Thai |

Mathematiklehrerin

Martin Hunold |
Foto: Hendrick Hunold

Sozialpädagoge*

Meine Arbeit ist meine zweite Heimat
Ich bin Thai aus Hanoi im Norden Vietnams, habe eine Tochter, die in den USA studiert, und Toni, der auf das Gymnasium geht. Ich bin 1988 von Hanoi nach Berlin gekommen, mit 30 Jahren. Ich war eine Vertragsarbeiterin, habe in Ostberlin bei Sternradio am Fließband gearbeitet. In Vietnam wurde ich zur Grundschullehrerin für Mathematik und Physik ausgebildet, von der Regierung in die DDR geschickt. Ich kam ganz plötzlich von einer Kultur in die andere. Die Leute in der DDR waren höflich. Aber sie durften nicht in das Wohnheim und so hatten wir keinen Kontakt. Wir durften uns auch nicht verlieben in einen Ostdeutschen oder ein Kind bekommen. Geschah das, ging es zurück nach Vietnam. Wir waren isoliert und hatten kaum die Möglichkeit, Deutsch zu lernen. Nach der Wende änderte sich mein Leben sehr. Ich bin die meiste Zeit arbeitslos gewesen, auch Sozialhilfeempfängerin. Mein Glück habe ich erst in einem sozialen Projekt gefunden - im Mädchenzentrum Marzahn. Dort kann ich arbeiten, es besuchen uns viele Vietnamesinnen mit ihren Kindern. Die deutschen Frauen helfen mir, meine Probleme zu lösen, mit den Angestellten der Ämter zu sprechen. Das schaffe ich oft nicht allein. Ich habe Magenschmerzen, besonders, wenn ich unfreundlich behandelt werde. Jetzt bin ich sehr krank. Trotzdem versuche ich immer, unter Menschen zu sein. Ich möchte bleiben, wo ich bin, auf meiner Arbeit. Das ist meine zweite Heimat. Dort werde ich respektiert. Vietnam bleibt immer in meinem Herzen.

Ohne Frau ist Mann verloren
Im zurückliegenden Jahrhundert erkämpften die Frauen einen tiefgreifenden Wandel hinsichtlich ihrer Positionierung innerhalb der männlich dominierten Gesellschaften. Auf der Suche nach einer spezifischen kulturellen Aufgabe im öffentlichen Raum eroberten die unterschiedlichen Selbstbestimmungsbewegungen der Frauen zunehmend mehr gesellschaftlich anerkannte Felder. Das weibliche Streben nach Emanzipation und Partizipation verwirklichte sich insbesondere über aufstiegsorientierte Bildungsaspirationen und ermöglichte die Erneuerung und Demokratisierung des menschlichen Daseins. Ich bin beeindruckt von dieser Erfolgsgeschichte. Und im 21. Jahrhundert? Es gibt noch sehr viel zu tun. Der reale Zugang zu den zentralen Ressourcen-, Befähigungsund Anerkennungsstrukturen sowie den Aufstiegs- und Anschlusskanälen unserer Gesellschaft muss deshalb endlich für alle Frauen und Männer verwirklicht werden. Dazu gehört auch, dass Gleichstellungsprozesse in die kulturellen und sozialen Praxen des Alltäglichen eingelassen sind. Es geht demnach nicht nur darum, mehr Frauen in Führungspositionen zu bekommen, sondern um ein gendersensibles und gemeinschaftliches Denken und Handeln in allen Lebenswirklichkeiten der Menschen, die Dekonstruktion der habituellen Selbstwirksamkeitsüberzeugungen und die Reflexion obsoleter Verhaltensmuster von Weiblichkeit und Männlichkeit. Außerdem: Überall auf der Welt werden Frauen immer noch aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt, diffamiert oder gar bedroht und getötet. Wenn wir diese Ungerechtigkeit nicht vollends überwinden, dann ist Mann verloren.

*Student im Master Bildungswissenschaft an der Freien Universität Berlin

130

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

131

Gabriele Mansfeld |

Referentin für Schule, Jugend, Sport und Soziales*

Jennifer Hübner |

Sozialpädagogin*

10 Jahre Girls’ Day - erste Schritte auf dem Weg in die Zukunft
Wir sind weit davon entfernt, dass Frauen selbstverständlich einen Beruf im MINTBereich wählen, Führungsfunktionen übernehmen oder ein Unternehmen gründen. Durch den demografischen und gesellschaftlichen Wandel gewinnt die Erwerbstätigkeit von Frauen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen und Männer immer mehr an Bedeutung. Frauen bedenken viel stärker als in der Vergangenheit Einkommens- und Karrieremöglichkeiten bei ihrer Berufswahl. MINT-Berufe bieten sehr gute Zukunftschancen. Manche Unternehmen locken mit technischen Ausbildungsgängen nur für junge Frauen, finden aber nicht genügend Bewerberinnen. Was müssen wir tun? Wir dürfen auf keinen Fall mit unseren Bemühungen zur Erweiterung des Berufswahlspektrums von Mädchen aufhören. Im Gegenteil, wir sind gefordert, über den Girls’ Day hinaus
*Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen

Halten Männer immer noch den »Schlüssel« zum politischen Erfolg von Frauen?
Das Substantiv Gleichberechtigung schmückt inzwischen viele aktuelle gesellschaftliche Debatten. Jedoch bleibt oft verborgen, welche Anstrengungen damit verbunden sind. Politische Strukturen sind davon nicht frei. Viele Parteien tun sich in der Förderung von Frauen schwer. Zwar nehmen Quotenregelungen und andere frauenfördernde Instrumente zu. Doch weder in weiblicher Mitgliederstärke noch in Führungspositionen schlagen sich die Maßnahmen nieder. Wo liegt der Ursprung eines solchen Ungleichverhältnisses? Das oft genannte Desinteresse von Frauen ist es Zahlen zufolge nicht. Ganz im Gegenteil. Dennoch bespielen Männer das Politikfeld seit Jahrhunderten, konstruierten die Regeln für eine maskuline Politik maßgeblich und wollen auch bestimmen, wie sich Frauen politisch zu bewegen haben. Frauen stehen in der Folge oft
*engagiert in der SPD Marzahn-Hellersdorf

nachhaltige Strukturen zu schaffen. Die Verankerung einer geschlechterbewussten Pädagogik und Genderkompetenz in den Schulen ist nötig. Auch sind Arbeitsagenturen, Unternehmen und Medien in Bezug auf eine geschlechtersensible Beratung, Personalpolitik und Präsentation von Berufsbildern und deren Verknüpfung mit fortschrittlichen Rollenbildern gefordert, mitzuwirken. In den letzten 10 Jahren Girls’ Day haben viele Unternehmen, Hochschulen und Behörden die Gelegenheit genutzt, mit interessanten Veranstaltungen am Girls‘ Day teilzunehmen. Ihre Angebote stoßen auf wachsende Resonanz. Mädchen machen sich mit Ausbildungen und Studiengängen in Mathematik, Ingenieurwissenschaft, Naturwissenschaft, Technik und Handwerk vertraut. Dieser Erfolg benötigt Maßnahmen und Strukturen zur Verstetigung. Es gibt noch viel zu tun!

vor Mauern, die es zu durchbrechen gilt. Es ist eine Kunst, Politik für Frauen attraktiver zu gestalten. Nicht nur in ihren Inhalten, sondern in der Gestaltung ihrer Struktur. Frauen, die den Schritt wagen, sollten nicht von den stark männerbesetzten unteren Ebenen wieder abgeschreckt werden. Wie andere auch, benötigen Frauen Unterstützung bei ihrem Engagement, um Einfluss nehmen zu können. Frauen, die keinen Kinderwunsch besitzen, dürfen nicht marginalisiert werden. Und Frauen, die Kinder bekommen, dürfen nicht gleich abgeschoben werden. Der Schlüssel zum politischen Erfolg darf nicht von der Kategorie Geschlecht, die primär männlich besetzt ist, abhängen, sondern zunächst von Persönlichkeit und Kompetenz.

132

100 Jahre Internationaler Frauentag

100 Jahre Internationaler Frauentag

133

Sabine Thonke |

Architektin, Gesamtfrauenvertreterin*

Auch heute gibt es noch jede Menge frauenpolitische Baustellen
Als der internationale Frauentag von Frauen wie Clara Zetkin aus der Taufe gehoben wurde, ging es vor allem um das Wahlrecht für Frauen. Das war damals für Gesellschaft und Politik eine Sensation, für viele eine Provokation. Heute ist das damalige Ziel - und vieles andere mehr – in weiten Teilen unserer Erde gelebte Selbstverständlichkeit, was einige Mitmenschen meinen lässt, dass die Gleichstellung der Geschlechter inzwischen doch gegeben sei und das Thema nun endlich ad acta gelegt werden könne. Doch auch heute gibt es noch jede Menge frauenpolitische Baustellen: was damals das Frauenwahlrecht war, ist in unserer Zeit z.B. die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Berufsleben. Von entsprechenden politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die dies ermöglichen, sind wir
*Planungs- und Baubereich bei den Berliner Wasserbetrieben

auch im 21.Jahrhundert leider noch weit entfernt. Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Ebenso die ausgewogene Besetzung von Führungsund Entscheidungspositionen. Direkte, offene Diskriminierung gibt es heute kaum mehr – Mann gibt sich gerne politisch korrekt. Versteckte, mittelbare Diskriminierungen jedoch bestimmen den Arbeitsalltag von Frauen heute mehr denn je. Das sind Felder von Chancengleichheit, auf denen auch wir Frauenvertreterinnen in den Berliner Betrieben und Verwaltungen Tag für Tag für unsere Kolleginnen unterwegs sind. Der Internationale Frauentag ist von ungebrochener Aktualität. Er ist mir alljährlich ein willkommener Gedenktag, um Rückschau auf Erreichtes zu halten und respektvoll mit dem umzugehen, was viele mutige und unangepasste

Frauen gegen endlosen Widerstand hart erkämpft haben. Diesen starken und engagierten Frauen verdanken wir so selbst bestimmt leben zu können, wie wir es heute tun. Und er ermahnt mich, dass wir es unseren Vorgängerinnen schuldig sind, dafür zu sorgen, dass dies auch so bleibt. Erreichtes zu sichern, bislang nicht umgesetzte Forderungen immer wieder zu erheben, neue Räume einzunehmen und um eine gleichberechtigte Teilhabe an unserer Gesellschaft zu kämpfen – das ist der Auftrag an uns Frauen heute. Wichtig ist mir dabei, dass wir Frauen in diesem Zuge nicht die männlichen Werte 1:1 adaptieren, sondern die Werte platzieren, die wir für wegweisend für unsere Gesellschaft erachten! Bestehende Verhältnisse in Frage stellen und verändern, das haben die Frauengenerationen vor uns getan und das ist es, was auch von uns zu leisten

ist. Sich zu vergegenwärtigen, was in einhundert Jahren Frauenbewegung alles erreicht wurde gibt Mut und Kraft. Und es zeigt, dass sich auch unser Engagement durchaus lohnt, den Kampf um die Gleichstellung weiterzuführen.

134

100 Jahre Internationaler Frauentag

Nachbemerkung

135

Felix Nuss |

Sozialpädagoge*

Snežana Sever |

Gleichstellungsbeauftragte Marzahn-Hellersdorf

Gleichberechtigung doppelt gedacht
Der 8. März mit seinen Aktionen für die Rechte der Frauen ist, wie es mir scheint, nicht nur im Gedächtnis von breiten Teilen der Bevölkerung in Deutschland als Tag für die Verbesserung der Lebenssituation für Frauen und Mädchen angekommen, sondern hat auch in nicht unerheblichem Maße eine Entwicklung mit angestoßen, die das Thema Gleichberechtigung „gesellschaftstauglich“ gemacht hat. In der deutschen Gleichstellungspolitik hat sich in den letzten Jahren ein Paradigmenwechsel vollzogen. Neben gleichstellungspolitschen Maßnahmen, die auf die Chancengleichheit von Frauen abzielen, rücken auch zunehmend Männer und Jungen mit in den Fokus. Neue Perspektiven jenseits traditioneller Rollenverständnisse können als Chance für Frauen, wie auch für Männer verstanden werden. So versucht der „Girls’ Day“ und mittlerweile parallel auch der „Boys’ Day“, tradierte Rollenmuster in der Berufswahl von Mädchen und Jungen zu erweitern. Dies sind Perspektiven, die für mich und für viele junge Menschen in meiner Generation als selbstverständlich gelten, aber einer Entwicklung und eines Prozesses bedurften, indem mit hoher Aktivität, viel Kraft und Aufwand gegen die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern vorgegangen wurde. Der Weltfrauentag hat als Ausdruck für diese Aktivitäten mit Sicherheit seinen Beitrag dazu geleistet und den Weg mitgeebnet, dass ich heute als studentischer Mitarbeiter in der Koordinationsstelle für „Männer in Kitas“ mitarbeiten kann, Männern neue Perspektiven jenseits traditioneller und einengender Männlichkeits- und Lebensentwürfe zu eröffnen.

Nachbemerkung Der Weltfrauentag – eine Erfolgsgeschichte?
Das 100. Jubiläum des Internationalen Frauentages hat die kritische Auseinandersetzung über die gesellschaftlich-politische Aufgabe „Gleichstellung“ wieder in den Fokus des Interesses von Politik und Gesellschaft gerückt. Was ist erreicht worden in den vergangenen 100 Jahren, wo stehen Frauen heute, was ist noch zu tun? Das Erkämpfte - Frauenwahlrecht, Errungenschaften in der Mädchenund Frauenbildung, Gleichstellung von Mann und Frau im Grundgesetz - wissen wir zu schätzen und zu schützen! Denn in der Tat, das sind Meilensteine auf dem Weg zur Geschlechtergerechtigkeit. Heute sind Frauenrechte gesetzlich verankert. Dennoch ist es laut des Ersten Gleichstellungsberichtes der Bundesregierung vom Januar 2011 „bis zur echten Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern noch ein weiter Weg.“ So ist es nicht verwunderlich, dass nach der provokanten Fragestellung „Wie alt soll er werden, der Frauentag?“ die Erkenntnis folgt: „[...] der 8. März [sollte] weiterleben und immer wieder an unsere Anliegen erinnern[...]“ (Kathrin Schmidt, Schriftstellerin).

*Student im Master Soziale Arbeit an der Katholischen Hochschule Berlin

136

100 Jahre Internationaler Frauentag

Danksagung

137

Danksagung

Ohne die Unterstützung vieler Frauen tion in dieser Form nicht zustande gekommen. In erster Linie danken wir den Frauen aus Marzahn-Hellersdorf, die uns ihre

Wir bedanken uns ganz besonders für a & d Schulungszentrum GmbH in Berlin-Marzahn allod Immobilien- & Vermögensver-

Danken möchten wir auch unseren Übersetzerinnen, die den Glückwunsch zum 100. Jubiläum in folgende Sprachen übertragen haben: Russisch: Katharina Klein Vietnamesisch: Tamara Hentschel Polnisch: Martyna Zydlewski Türkisch: Pelin Ince Englisch: Julia Brummert Französisch: Martine Tarrieux Spanisch: Christina Bröring

und Männer wäre unsere Publika- die freundliche Unterstützung bei:

Bilder, Collagen und Texte für die Ver- waltungsgesellschaft, Kerstin Karasch, öffentlichung zur Verfügung gestellt Stadteilmanagerin Marzahn haben. Damit gewährten sie uns einen Bärbel Holzheuer-Rothensteiner, Einblick in ihre Familien- und Lebens- MdA, DIE LINKE geschichte. Unser herzlicher Dank an Christian Heller und Peter Pateisat alle unsere Autorinnen und Autoren, von Heller & Pateisat die unsere Publikation zu einer echten Vermessungstechnik Festschrift gemacht haben. Zu Dank sind wir insbesondere dem DIE LINKE, Landesverband FrauenNetz und dem Frauenbeirat Marzahn-Hellersdorf verpflichtet, die uns von Anfang an mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben. Reistrommel e.V.

Snežana Sever Gleichstellungsbeauftragte Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin

138

Anzeigen

Anzeigen

139

Senioren - Domizile Berlin

Am Alexanderplatz Britz Invalidenstraße Lichtenberg Prenzlauer Berg Tempelhof

Am Alexanderplatz

Unsere Pflegeeinrichtungen werden familiär geführt und bieten liebevolle Pflege für Menschen in allen Pflegestufen. Magazinstr. 6 - 7 • 10179 Berlin • Tel. 0 30 / 24 07 4 - 0 Buschkrugallee 139 • 12359 Berlin • Tel. 0 30 / 67 06 661 - 0 Invalidenstr. 120 - 121 • 10115 Berlin • Tel. 0 30 / 28 88 68 - 0 Rhinst. 105 • 10315 Berlin • Tel. 0 30 / 3 19 89 17 - 0 Danzigerstr. 245 • 10407 Berlin • Tel. 0 30 / 42 84 26 - 0 Götzstr. 20 A • 12099 Berlin • Tel. 0 30 / 75 77 48 - 0

www.senioren-domizile.de

Lassen Sie sich in Ihrer Arbeit preisgünstig helfen, durch unsere Studentinnen und Studenten.

140

Anzeigen

Anzeigen

141

Auch im Wahljahr 2011 sind wir in unserem Bezirk ... Ihr Ansprechpartner vor Ort.
Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung Marzahn-Hellersdorf von Berlin

Wir sind für Sie da Fraktion DIE LINKE in der BVV Helene-Weigel-Platz 8, 12681 Berlin Tel.:	 030 54431890 Fax:	 030 54431891 E-Mail:	fraktion@dielinke-marzahn-hellersdorf.de

SPD-Fraktion in der BVV Marzahn-Hellersdorf Helene-Weigel-Platz 8, 12681 Berlin Tel.: 90 293-5823 Fax: 90 293-5825 E-Mail: info@spd-fraktion.net www.spd-fraktion.net

Vertrauen in unseren Bezirk.

Marzahn-Hellersdorfer Wirtschaftskreis e. V.

Engagement für und mit Unternehmen

Georg-Knorr-Straße 4, Haus 1, F2 12681 Berlin Tel. 030-54703650 Fax: 030-54703657 E-Mail: info@mhwk.de www.mhwk.de + http://blog.mhwk.de

Bündnis 90/Die Grünen BVV Fraktion Marzahn-Hellersdorf Helene-Weigel-Platz 8, Zi. 1058 12591 Berlin Tel.:	030/902935817 Fax:	030/902935816 fraktion@gruenemarzahnhellersdorf.de www.gruenemarzahnhellersdorf.de

142

Anzeigen

Notizen

FrauenNetz – Marzahn-Hellersdorf – Berlin
Sprecherinnen: Dr. Renate Goldhahn Telefon: (030) 998 93 09 E-Mail: renate.goldhahn@verein-kiekin.de Katja Buch Telefon: (030) 932 81 52 E-Mail: kiezhaus@googlemail.com www.frauennetz-marzahn-hellersdorf.de

Frauenbeirat – Marzahn-Hellersdorf – Berlin
Geschäftsleitung: Snežana Sever Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf von Berlin | Gleichstellungsbeauftragte Alice-Salomon-Platz 3, R. 4.54 | 12627 Berlin Telefon: (030) 90293-2050 /Fax: (030) 90293-2055 E-Mail: snezana.sever@ba-mh.verwalt-berlin.de Sprecherin des Frauenbeirates: Katja Buch Telefon: (030) 932 81 52 E-Mail: frauenbeirat.mh@googlemail.com www.berlin.de/ba-marzahn-hellersdorf/verwaltung/haushalt/gleich_frbeirat.html

Praktikum bei der Gleichstellungsbeauftragten in Marzahn-Hellersdorf
Haben Sie Interesse daran, Ihre theoretischen Kenntnisse im GenderBereich von der Uni oder Hochschule in der Praxis auszuprobieren, um dabei zu prüfen welche Chancen Gender Mainstreaming und Gender Budgeting in der Verwaltung einer Kommune haben? Gender Mainstreaming ist eine Vorgabe der Europäischen Union. Das Ziel ist es, Ungleichheiten zu beseitigen und die Gleichstellung von Männern und Frauen zu fördern. Dann bewerben Sie sich bei der Gleichstellungsbeauftragten im Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf: snezana.sever@ba-mh.verwalt-berlin.de

Praktikantinnen 2011 Michaela Bröring | Julia Brummert

Notizen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.