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Periodical volume

Full text: Infobrief Issue 28.2016

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Nr. 28

Juni 2016
Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung

TOP-Thema
Diskriminierungsschutz in der Schule – Berliner Initiativen beleben die Diskussion
mit neuen Impulsen
Kinder sind in Bezug auf Diskriminierung
ganz besonders verletzlich. Für eine positive Identitätsentwicklung benötigen sie
festen Boden unter ihren Füßen: ein
grundlegendes Gefühl, dass sie als Person
anerkannt und wertgeschätzt werden.
Genau das Gegenteil davon ist Abwertung, Ausgrenzung und Diskriminierung.
Aus diesem Grund sind Antidiskriminierungs-Beratungsangebote wichtig, die
sich ganz speziell an Kinder und ihre Bezugspersonen richten. Bisher klaffte hier
eine Lücke, doch in den zurück liegenden
Jahren hat sich in Berlin um das Thema „Diskriminierungsschutz in der schulischen wie außerschulischen Bildung“ eine lebhafte Debatte entwickelt. Bereits vor Jahren wurden in Studien und Expertisen verschiedene Missstände herausgearbeitet: so etwa das Fehlen verbindlicher gesetzlicher
Regelungen oder das Problem unzureichender Anlauf-, Beratungs- und Beschwerdestrukturen.
Verschiedene zivilgesellschaftliche Initiativen greifen nun gemeinsam mit engagierten Schüler_innen, Eltern und Lehrer_innen diese Analysen auf und initiieren einen neuen Berliner Diskurs
zum Diskriminierungsschutz in der Bildungslandschaft. Unterdessen erproben zwei Berliner Vereine neue und praktische Ansätze an Kitas und Schulen.
So bietet das Projekt „KiDs“ der Fachstelle „Kinderwelten für Vorurteilsbewusste Bildung und Erziehung“ eine Anlauf- und Beratungsstelle bei Diskriminierungsfällen, die Kinder in Kitas und
Grundschulen betreffen. Der Verein Life e.V. entwickelt dagegen derzeit im Rahmen des Modellprojekts „Anlaufstelle Diskriminierungsschutz an Schulen“ (ADAS) eine berlinweite Beratungsstelle
für sämtliche Schultypen (vgl. die Beiträge beider Projekte in diesem Infobrief). Bemerkenswert ist
dabei der horizontale und vernetzende Ansatz beider Projekte. Die Vielzahl unterschiedlicher Diskriminierungsmerkmale sind genauso im Blick, wie die Einbeziehung vielfältiger Selbstvertretungsgruppen und anderer Expertinnen und Experten.

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Während KiDs und ADAS auf Projektebene die Möglichkeiten eines Beratungsangebots praktisch
erproben, ist auch in die Debatte um eine wirksame Beschwerdestruktur Bewegung gekommen.
Das „Berliner Netzwerk gegen Diskriminierung in Schule und Kita“ (BeNeDiSK), ein Zusammenschluss u.a. aus verschiedenen Antidiskriminierungsinitiativen, fordert in einem Positionspapier
aus dem Frühjahr 2016 die institutionelle Einrichtung einer Informations- und Beschwerdestelle
für Diskriminierungsfälle im Bildungsbereich. Die Forderungen sind durchaus weitgehend: die Beschwerdestelle soll eine unabhängige, weisungsungebundene, mit klaren Befugnissen und ausreichenden Ressourcen ausgestattete Stelle sein, die dem Abgeordneten zugeordnet werden soll.
Mit KiDs, ADAS, dem Netzwerk BeNeDiSK sind sehr konkrete und begrüßenswerte Entwicklungen
verbunden, die aus umfassenden Diskussionen der Berliner Zivilgesellschaft um Diskriminierungsschutz im Bildungssystem entstanden sind. Diese Diskussionen profitieren heute umso mehr von
dem jahrelangen Engagement und der Expertise einer vielfältigen und bildungsbezogenen Berliner
Antidiskriminierungslandschaft. Es ist der Verdienst der beteiligten Einzelpersonen und Initiativen,
dass Berlin in dieser Hinsicht deutschlandweit als kreatives Labor gesehen werden kann.

LADS-Infokasten
Vorurteilssensible Kinder- und Schulbücher
Neue Studie und aktuelle Listen

Vielbeachtet ist u.a. eine aktuelle Studie der Beauftragten der Bundesregierung für
Migration, Flüchtlinge und Integration: „Schulbuchstudie – Migration und Integration“.
Verschiedene Berliner Initiativen entwickeln und aktualisieren zudem Listen empfehlenswerter Materialien. Hier eine Auswahl:
• Brandneu: Die Initiative i-PÄD hat eine „intersektionale Kinderbuchliste“ herausgegeben: http://www.i-paed-berlin.de/de/Downloads/#kinderbuchliste2016
• „Lesenswerte Bücher zu Nationalsozialismus und Holocaust“ hat das Jüdischen Museum Berlin zusammengestellt:
http://www.jmberlin.de/ksl/literatur/ns/JMB_Lesenswerte-Buecher-NS-A4.pdf
• „Klassiker“ sind außerdem noch immer die aktualisierten Bücherkisten der „Fachstelle Kinderwelten“ mit „Büchern für eine vorurteilsbewusste und inklusive Bildung“: http://www.situationsansatz.de/vorurteilsbewusste-kinderbuecher.html

LADS Publikationen
Im bewährten Format der „10 Fragen und Antworten zum
Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz“ informiert die LADS
über die zentralen antidiskriminierungsrechtlichen Vorgaben. In der gerade frisch aus dem Druck kommenden Auflage geschieht dies auch mehrsprachig: in Arabisch, Englisch,
Farsi, Französisch, Russisch und Türkisch. Die Flyer sind über
die Broschürenstelle der LADS zu beziehen

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LADS im Gespräch mit ...
Saraya Gomis lernt und bildet sich mit Schüler*innen
im Wedding an der Ernst-Reuter-Oberschule, macht
mit jungen Menschen die Black Diaspora School, das
Martin L. King-Projekt/King-Code, ist im Vorstand von
Each One Teach One e.V. und Bildungspolitische Aktivistin.
„Mein Tag ist gelungen, wenn …
… die Sonne scheint, es Familie und Freund*innen
und es Menschen, die mir bedeutsam sind, gut geht.
Wenn ich etwas gelernt habe, einen gelungenen Fehler gemacht habe, ich etwas Schönes höre, sehe, fühle. Wenn ich kreativ war, die Seele gebaumelt hat
oder ich auf Reisen bin. In Punkto Schule und Bildung
ist mein Tag gelungen, wenn ich Lernende war, wir zusammen gelernt haben und ich offen geblieben bin; wenn ich zugehört habe, annehmbar selbstreflektiert und nicht (so) machtvoll war und
Disziplinarmacht entgegen gewirkt habe. Wenn ich Menschen treffe, deren Vision(en) ich gänzlich
oder in größerer Schnittmenge teile. Wenn ich niemanden und nichts vergessen habe. Wenn ich
(gelungen) im Team arbeiten kann und die Türen offen stehen.“
„Ich glaube, meine Schüler*innen empfinden ihren Tag als gelungen, wenn …
.... sie freundlich begrüßt werden und freundlich verabschiedet. Wenn sie sich wertgeschätzt gefühlt haben, Spaß hatten, sie etwas gelernt, geschafft oder bezwungen haben. Wenn sie interessante Fragen haben, über etwas Interessantes nachdenken, ihren Ansprüchen nach „erfolgreich“
waren, wenn sie gute Gespräche geführt haben, wenn sie Ferien bekommen. Wenn es keinen Ärger, keinen Ausschluss, keine Diskriminierung gab. Wenn außerhalb von Schule gelernt wird, wenn
der Unterricht abwechslungsreich oder spannend ist, wenn sie gehört und gesehen werden und
wenn sie mitbestimmen können. Wenn ihre Stimme gehört wird, ihre Taten Wirkung zeigen dürfen, ihr Wissen zählt. Wenn sie sie selbst sein durften, wenn sie sich zurückziehen, in der Gruppe
sein, ausruhen und auch mal ihre Ruhe haben dürfen. Wenn … sie selbst antworten könnten, würden wir es wissen.“
„Schule wird endlich frei von Rassismus und Diskriminierung sein, wenn …
.... wir alle an Schule Beteiligten gebildet werden für eine inklusive (im Sinne des erweiterten Inklusionsbegriffs), herrschafts-, norm- und diskriminierungskritische Schule und eine gemeinsame
unabschließbare Bildungspraxis entsteht, die weniger Macht ausübt, weniger ausschließt, weniger
abwertet, weniger diskriminiert. Für ihre Verwirklichung braucht es vor allem eine Verankerung
von Herrschafts- und Normkritik, rassismuskritischer Migrationspädagogik, inklusiver Pädagogik
und u.a. Vermittlung von menschenrechtlichen Aufgaben an Bildung im Studium, in der zweiten
Ausbildungsphase und im Rahmen von Fortbildungsverpflichtungen von Lehrer*innen. Darüber
hinaus braucht es gesetzliche Veränderungen für einen rechtlich effektiven Diskriminierungsschutz, eine Informations- und Beschwerdestelle (vgl. die Forderungen des Berliner Netzwerkes
BeNeDiSK) für Schulen und Kitas und Überprüfung und Herstellung bzw. Implementierung von
Schulmaterialien und Inhalten, die den Erfordernissen für und Ansprüchen an eine inklusive Bildung entsprechen“.

Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen
Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung
Oranienstr. 106, 10969 Berlin, Tel. 90 28 18 66, www.berlin.de/lads

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Projekte vor Ort
KiDs - Kinder vor Diskriminierung schützen!

KiDs ist eine Initiative der Fachstelle Kinderwelten/ISTA, um das Aktiv-Werden gegen Diskriminierung, die junge Kinder betrifft, zu intensivieren und
ggf. öffentlichkeitswirksam zu vertreten. Dafür bietet
KiDs eine Anlauf- und Beratungsstelle für Diskriminierungsfälle an, die junge Kinder im Alter von bis zu 12
Jahren betreffen. Die Anlauf- und Beratungsstelle richtet ihr Angebot in erster Linie an Erwachsene, in deren
Verantwortung es steht, junge Kinder vor Diskriminierung zu schützen, z.B. Eltern und weitere Bezugspersonen, Erzieher_innen, Lehrer_innen und weitere pädagogische Fachkräfte. Auch Kinder selbst können sich
an die Stelle wenden, um sich zu beschweren und Unterstützung zu holen. Neben der Anlauf- und Beratungsstelle bietet KiDs auch Kampagnen zum
Schutz von Kindern vor Diskriminierung an. Ziel ist, das öffentliche Bewusstsein dafür zu schärfen,
dass und wie Kinder hiervon bereits in jungen Jahren betroffen sein können. Die Öffentlichkeit soll
auf Missstände aufmerksam gemacht und für diese sensibilisiert werden, in denen Kinder auf herabwürdigende bzw. stereotypisierende Art und Weise behandelt, dargestellt, segregiert und ausgeschlossen werden. Z.B. durch Inhalte in Kinder- und Schulbüchern, Spielmaterialien, Darstellungen von Kindern in der Werbung oder von Lebenssituationen spezifischer Zielgruppen. Kontakt:
Nuran Yiğit (Koordinatorin) und Berit Wolter (Koordinationsassistenz); Tel.: 030 –69 53 99 90 4,
nuran.yigit@kinderwelten.net; berit.wolter@kinderwelten.net; www.situationsansatz.de/kids.html.

Diskriminierung an der Schule? Melde dich! Mach was! ADAS!

Am 2. Juni 2016 ging sie an den Start: die erste berlinweite unabhängige Anlauf und Beratungsstelle für Diskriminierungsschutz an Schulen. Diskriminierung – beispielsweise als herabwürdigende
Bemerkung, Beleidigung oder Benachteiligung wegen des Tragens eines Kopftuchs oder einer
Kippa wegen einer Behinderung oder weil nicht der heterosexuellen Norm entsprochen wird gehört zum schulischen Alltag. Diese Ungleichbehandlung hat Auswirkungen auf Selbstwertgefühl,
Motivation und Bildungserfolg einzelner Schüler*innen und verhindert ein positives Lernklima an
Schulen. Betroffenen fällt es schwer, diese als Diskriminierung zu melden, sie fühlen sich hilflos
und es bestehen große Ängste vor negativen Konsequenzen, wie schlechteren Noten. Die Bildungsorganisation LIFE e.V. verfolgt mit dem Modellprojekt „Anlaufstelle Diskriminierungsschutz
an Schulen (ADAS) das Ziel, eine wirksame Antidiskriminierungsarbeit an Berliner Schulen zu verankern und ein qualifiziertes Beschwerdemanagement zu entwickeln. Zu diesem Zweck wird es ab
Juni 2016 – zunächst bis April 2018 - eine berlinweite unabhängige Anlauf- und Beratungsstelle für
Diskriminierungsfälle an Schulen geben, die betroffenen Schüler*innen, Eltern, Lehrkräften und
weiteren Schulbeschäftigten offen steht. Parallel wird in Neukölln in Kooperation mit der Schulaufsicht und dem Bezirksamt ein Clearing-Verfahren für
Diskriminierungsfälle durchgeführt, in das alle wichtigen
Akteur*innen aus dem schulpsychologischen und inklusionspädagogischen Umfeld, Schulleitungen, soziale und
Jugenddienste, Eltern- und Schüler*innen-vertretung,
sowie Selbstorganisationen einbezogen sind. Kontakt:
Aliyeh Yegane (Projektleitung), Tel.: 030-30 87 98 27;
yegane@life-online.de; www.adas-berlin.de.

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Für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt – der aktuelle Stand der
Berliner Bildungsinitiative
Der Berliner Senat setzt sich dafür ein, die Diskriminierung von Menschen wegen ihrer sexuellen
oder geschlechtlichen Identität abzubauen und für Akzeptanz für sexuelle Vielfalt zu werben. Aus
diesem Grund hat das Abgeordnetenhaus 2010, die sog. Initiative Berlin tritt ein für Selbstbestimmung und Akzeptanz sexueller Vielfalt (ISV) beschlossen. Seither sind zahlreiche Projekte und
Maßnahmen im Rahmen der Initiative im Bereich Bildung entwickelt worden, u.a.
• Etablierung Kontaktpersonen für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt / Diversity an Schulen,
• Fortbildungen für schulische Kontaktpersonen und weiteres pädagogisches Personal im Bereich Bildung und Kinder- und Jugendhilfe,
• Workshops für Schulklassen,
• Projekte wie Initiative Intersektionale Pädagogik (I-Päd), Klassenrat meets Diversity,
queer@school und der Queer History Month,
• Erstellung und Verleih von Medienkoffern für Kitas und Grundschulen sowie die Entwicklung
und Erstellung von Materialien und Handreichungen,
• Beratung von Schulen, Jugendämtern und Kitas zu Themen sexueller und geschlechtlicher
Vielfalt, z. B. Transidentität in Kita und Schule.
Die Maßnahmen sollen ein Fundament dafür schaffen, dass Diskriminierung, Mobbing und Gewalt
auf Grund verschiedener Merkmale - insbesondere im Hinblick auf Vorurteile gegenüber Lesben,
Schwulen, Bisexuellen, trans- und intergeschlechtlichen sowie queeren Personen (LSBTIQ) – wahrgenommen, abgebaut und verhindert werden.
Nachdem die sogenannte Klocke-Studie aus dem Jahr 2012 wichtige Erkenntnisse über Einstellungen von Kindern und Jugendlichen zu LSBTQ gebracht hat, steht 2016 der Start einer Studie zur
Lebenssituation von LSBTIQ Jugendlichen bevor. Befragt werden pädagogische Fachkräfte aus
Schule und Kinder- und Jugendhilfe. Für die Schulen werden aktuelle Informationen auf den Themenseiten des Bildungsservers Berlin-Brandenburg eingestellt: Kontakt in der Senatsverwaltung
für Bildung, Jugend und Wissenschaft: Conny-Hendrik Kempe-Schälicke, Tel. 90 22 7-51 56, ConnyHendrik.Kempe-Schaelicke@senbjw.berlin.de

LADS Akademie
Nachdem bei dem Seminar „Trans* in der Arbeitswelt“ und dem Workshop „Stark für Demokratie
– stark gegen Rechtspopulismus!“ wieder Wissensdurstige ihre Handlungskompetenzen stärken
konnten, stehen die nächsten Trainings und Seminare an. Es sind noch Plätze frei!
Diversity-Training „Diskriminierung und Sprache“
Termin: 07. bis 08.07.2016 - Leitung: Saideh Saadat-Lendle und Sabine Rotte
Diversity-Training „Diversity und Mehrfachdiskriminierung“
Termin: 05. bis 06.09.2016 - Leitung: Klaus Steinkemper und Saideh Saadat-Lendle
Seminar: „Diversity-Instrumente in der Praxis: Anonymisierte Bewerbungsverfahren“
Termin: 21. 09. 2016 - Leitung: Ines Böschen und Dr. Ramona Alt
Das Anmeldeformular finden Sie hier. Anmeldung und weitere Infos über diversitytraininglads@ergolog.de. Zum Jahresprogramm: http://www.berlin.de/lb/ads/akademie/index.html.
Fotonachweise: S. 1, © photocrew – Fotolia.com S. 3, Saraya Gomis, privat; S. 4, Logo KiDs, © Fachstelle Kinderwelten; S. 5, Logo ADAS, © ADAS; S. 6: Foto AGG-Flyer: LADS;
        
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