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Periodical volume

Full text: Raumwissen Issue 14.2015

r a u m w i s s e n    1 4 №

Ausgabe 14

ISSN 1869-7356

ISSN 1869-7356

topoi

excellence cluster

topoi

raumwissen

№ 14

raumwissen

№ 14

editorial liebe leserin, lieber leser Altertumswissenschaften und Ökonomie denkt man in der Regel nicht in
einem Atemzug – wenn sich auch im Moment die Dinge ein wenig än­ dern. Heutige Ökonomen würden verständnislos den Kopf schütteln, wenn man sie auffordete, sich mit den Wirtschaftssystemen der Antike zu beschäftigen. Tatsächlich aber kann man bestimmte Kontinuitäten und Brüche in sozioökonomischen Gefügen nicht verstehen – oder be­ greifen, was Geld und Schulden sind, wenn man sich nicht sorgfältig mit den wirtschaftlichen Grundlagen und Handlungsweisen früherer Gesell­ schaften auseinandersetzt. topoi hat sich die anspruchsvolle Aufgabe gestellt, die beiden Welten zu­ sammenzubringen, indem es ein Key Topic »Economy« ins Leben rief. In unserem Titelthema stellen wir Arbeiten aus diesem Key Topic vor wie z.  zur Ökonomie des antiken Griechenland, der Vermessung einer B. Wirtschaftslandschaft und zu Antike und Innovation vor. (ab S. 33) – was ausführlich auch Thema des Essays in dieser Ausgabe. (ab Seite 10) Und wer schon immer wissen wollte, wie die Wikinger Handel trieben, sollte einen Blick in topoi vor Ort werfen (S. 66).

Prof. Dr. Michael Meyer

inhalt

inhalt

04 kurz gefasst 10 essay

Neuerscheinungen in topoi Economic growth and innovation By David Alan Warburton

50 ansichten II

Handel und Wandel Ökonomische Pretiosen der Wikinger

52 interview

Mit Michael Meyer Über Geschenke, Inflation und ökonomisches Denken in der Antike

28 ansichten

Handel und Wandel Eine kleine Bildergeschichte zur Ökonomie in der Antike 60 im porträt 62

Journalist in Residence Andrew Curry Forschung zu einer kulturellen Primärressource Die Archäologin Monika Trümper

32 forschung 40

Haushaltsdebatte Wirtschaft im antiken Griechenland Ökonometrie Die Vermessung einer antiken Wirtschafts­ landschaft

66 topoi vor ort

Die Wikinger kommen Eine Ausstellung im Martin Gropius Bau

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Dampfmaschinen, Sensen, Waagen Markt und Innovation in der Antike 72 impressum 	

fotonachweis: Seite 1 Wannenmacher; Seite 8 Wikimedia Commons/Beek100; Seiten 26 u. 47 Eilers; Seite 28 li. Rheinisches Landesmuseum Trier /Th. Zühmer; Seite 28 re. Franken, DAI; Seite 29 li. DAI Madrid; Seite 29 re. DAI Boroffka/Hansen; Seite 30 li. Staatsbibliothek SPK, Kartenabteilung; Seite 30 re. DAI Madrid; Seite 31 Moede; Seite 41 privat; Seiten 43, 44, 45 Polla;

Seite 48 Wikimedia / Efthimiadis ; S. 50 Kulturhistorisches Museum Stralsund; S. 51 Dänisches Nationalmuseum, Kopenhagen; Seite 57 Wannenmacher; Seite 61 privat; Seite 62 privat; Seite 67, Wikingerschiffs­ useum in Roskilde / Werner Karrasch; Seite 68 Staatliche Museen m zu Berlin / Achim Kleuker; Seiten 69, 70 Dänisches Nationalmuseum, Kopenhagen; Seite 71 Wikimedia Commons/Manfred Brückels; Zeichnungen: David Sernau

kurz gefasst
n e u ersc hein u n gen i n topoi Klaus Corcilius and Dominik Perler (Eds.) Partitioning the Soul. Debates from Plato to Leibniz Hat die Seele Teile? Welche Art von Teilen? Und wie bilden diese teile zusammen ein Ganzes? Viele Philosophen der Antike, des Mittelalters und der frühen Neuzeit diskutierten die Frage und boten dergestalt eine mereologische Analyse der Seele. Ihr Ausgangspunkt war eine schlichte Beobachtung: Wir tendieren dazu, die Seele eines Menschen unter Be­ zignahme auf bestimmte Aktibitäten zu beschreiben, etwa wahrnehmen, vorstellen, denken usw. Jeder Art der Aktivität scheint von einem be­ Silvia Polla and Philip Verhagen (Eds.) Computational Approaches to the Study of Movement in Archaeology. Theory, Practice and Interpretation of Factors and Effects of Long Term Landscape Formation and Transformation Der vorliegende Band enthält eine Sammlung von Aufsätzen, die sich mit Fragen von Raum und Bewegung im Rahmen computergestützter Archäo­ logie, Landschaftsarchäologie historischer Geographie und archäologi­ scher Theorie widmen. Die Beiträge renommierter Experten auf diesen Feldern zeigen, wie das Studium von Siedlungsmustern und Bewegung dramatisch verändert wurde durch den Gebrauch von Technologien wie Geografische Informationssysteme (GIS). Die Arbeiten konzentrieren sich darauf zu zeigen, wie in archäologischen Landschaftsstudien mit der Ver­ wendung von GIS Bewegung untersucht wird; theoretische, technische und interpretative Fragen kommen hier zum Tragen, die den Stand der Dinge in Theorie und Methodologie präsentieren. Anhand von Fallstudien wird ihr Potenzial bei der Untersuchung der Faktoren und Effekte bei der Formation von Landschaften in langen Zeiträumen gezeigt. De Gruyter, 2014 ISBN 978-3-11-028838-4

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stimmten Teil der Seele produziert worden zu sein. Aber wie kann eine eine einfache ungeteilte Seele Teile haben? Klassische Denker beantwor­ teten diese Frage auf zwei Arten, die sich grundsätzlich voneinander un­ terschieden. Während einige behaupteten, es existierten tatsächlich Teile und so der Seele eine innere Komplexität zuschrieben, betonten andere, dass es lediglich eine Komplexität der Funktionen geben könne, die nicht auf eine Mehrzahl einzelner Teile zurückzuführen sei. Die elf Kapitel des Bandes rekonstruieren diese Antworten und unterzie­ hen sie einer kritischen Analyse. Sie erhellen, dass die metaphysische Struktur der Seele für Philosophen der Antike, des Mittelalters und der frühen Neuzeit ein wesentliches Thema war. De Gruyter, 2014 ISBN 978-3-11-031188-4

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kurz gefasst
8. Deutscher Archäologiekongress Almut-Barbara Renger and Isabel Toral-Niehoff (Eds.) Genealogie und Migrationsmythen im antiken studien aus der Feldarbeit der Religionswissen­ Mittelmeerraum und auf der Arabischen Halbinsel schaft und Theologie, Artikeln zu biblischer und klassischer Archäologie, alter Geschichte, Grie­ Genealogie sind ein verbreiteter Zug antiker Kul­ chischer und Lateinischer Philologie sowie zu turen des Mittelmeerraums und der Arabischen Ägyptologie und Arabistik beheben. Halbinsel. Sie gewährleisten Kontinuität und Dauer, indem sie Individuen ebenso miteinan­ De Gruyter 2014 der verbinden wie den Menschen mit den Göt­ Edition topoi tern. Soziale Realitäten werden durch die Ver­ ISBN 978-3-9816384-0-0 In großer Besetzung veranstaltete der Mittel- und Ostdeutsche Verband für Altertumsforschung e.V. auf Einladung des Landesdenkmalamts Berlin für den Deutschen Verband für Archäologie den 8. Deutschen Archäologiekongress. Der Kongress wurde durchgeführt in Zusam­ menarbeit mit der Freien Universität Berlin, dem Museum für Vor- und Frühgeschichte SMB, der Hochschule für Technik und Wirt­ schaft Berlin und dem Exzellenzcluster topoi. Der Kongress fand vom 6. bis 10. Oktober statt, wobei der 9. Oktober ganz im Zeichen der Ar­ beit von topoi stand. Im Henry-Ford-Bau der Freien Universität berichteten fast 20 Mitglieder von topoi aus ihrer Arbeit. Theoretische Überlegungen zu den Grundlagen der Forschung im Cluster spielten dabei ebenso eine Rolle wie neueste Ergebnisse aus Feldkam­ pagnen und methodologische Überlegungen. Nach dem Willen der Veranstalter wandte sich der Kongress aber nicht nur an die Fachöffent­ lichkeit, sondern sollte darüber hinaus das inter­ essierte Publikum anziehen. Am Langen Abend der Archäologie auf der Mu­

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bindung

mit

der

Vergangenheit

entlang

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vertikaler genealogischer Linien gezogen. Auf diese Weise werden Ordnung, Dauer und Stabi­ lität betont. Lücken und Diskontinuitäten wur­ den harmonisiert, Fortdauer und Kontinuität garantiert, wobei damit religiöse, politische und ethnische Ansprüche und Vorrechte legitimiert wurden. Genealogie teilen diese Funktion mit den Ursprungsmythen und Migrationsmythen realer oder fiktionaler Individuen, Stämme oder ethnischer Gruppen. Die Verwebung von Genea­ logien und Migrationsmythen wurde lange Zeit nicht in interdisziplinärer Perspektive betrach­ tet. Dieser Band will dieses Desiderat mit Fall­

kurz gefasst
seumsinsel und mit einem öffentlichen Abend­ vortrag im Berliner Rathaus wurde die Archäolo­ gie als Disziplin vorgestellt und in ihren Zielen vermittelt. »Anlässlich des Kongresses erscheint in der Reihe Ausflüge zur Archäologie, Ge­ schichte und Kultur in Deutschland« außerdem ein touristischer Führer zu Berlin, der die ar­ chäologischen Stätten und die in Berlin gelege­ nen Regionalmuseen mit archäologischem Schwerpunkt erläutert.

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essay
economic change and innovation – yet not much evidence of decisive technological innovation. Thus the impression of economic stagnation overwhelms: in the Ancient Near East, more than 90 % of the population was agricultural; in Classi­ cal Antiquity, 80 % may have been. It was only recently that the propor­ tions of those involved in agriculture fell below 50% in the West; real economic changes came with the Industrial Revolution. History until then is the tale of social conflict over – and intellectual speculation about – the legitimate and practical division of resources rather than economic development. But what happened? Economic Growth & Income in History

economic growth and innovation

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An Essay by Our society esteems technological innovation: David Alan Warburton the widely assumed poverty of Antiquity is ta­ ken as an indication of a lack of technological innovation. Yet the Bronze Age Near East crea­ ted the innovations deciding human life: states, poetry, law-making, administration, mathema­ tics, astronomical observations, medical treati­ ses, etc. Embedded in an economic system based on agricultural production and internati­ onal exchange, silver defined values for land, grain, wage labour, sandals, etc. The urban elite’s marriage strategies (including cloisters for daughters forbidden to marry) to protect landed property hint at substantial social and

Obviously something happened between the end of the Neolithic and the beginning of the Industrial Revolution, and to understand this one needs to estimate value. Economists use GDP (Gross Domestic Pro­ duct; BSP, Bruttosozialprodukt) to summarize all production and trans­ actions in an economy in a given year; per capita means dividing pro Kopf. In Germany today, per capita GDP is ca. € 30.000; average gross household income is ca. € 45.000, but roughly half of that includes in­ come from capital which most households do not possess so that ordi­ nary household income would be more like € 20.000; ordinary individu­ al income is below per capita GDP. I use rounded, inflation-adjusted mid-summer 2014 Euros. For Antiquity, the aggregates are hypothetical (in contrast to the actual contracts which offer us prices for grain and labour, etc.), and estimates imply that economic activity was near zero. Clark does not see any signi­

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essay
ficant improvement between 100000 BC and 1800 AD. Van Zanden would dismiss Antiquity and stress growth after 950 AD. Jongman is persuaded that there were both growth and crises so that 2nd century Rome might be above the level of Europe a millennium later. Reconstructions assume per capita GDP at around € 550 in 400 AD, in China and Europe alike. In the Near East by 1200 BC, per capita GDP in Egypt and Babylonia might have been around € 300 or € 400. When Rome fell, things went downhill. In China, the flowering of the Silk Road meant that the growth which began in the 4th millennium BC continued. Yet when Deng Xiaoping began his reforms in 1982, per capita income in China was around € 1.100 whereas the European level had reached € 15.000. Interestingly, € 1.100 was where England stood in 1500 AD.

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Even in 2014 AD, Bangladesh has still not reached this level. Thus China probably reflects what we can expect in the trend of stable long-term growth, i.e., a couple of hundred Euros per capita per millennium. In the 1990s even Bangladesh was richer than the states of Antiquity. Average monthly wages for unskilled labour ranged from less than 200 litres/month before 2600 BC in Mesopotamia to more than 250 litres/ month in 15th century AD Europe; wages in China lagged behind the West. Markets set low values for grain and labour – the only things ordi­ nary peasant families working small plots could offer. Thus market forces rather than marketplaces determined daily life, since most people lived in a subsistence economy, contributing only rent and taxes to the market economy. Only in the 19th century did agricultural employment begin to collapse in Europe: income for most has remained low and sta­

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ble for millennia. Any potential growth in per capita GDP in Antiquity does not mean that or­ dinary families got much. Only in the brief period after WW II did indivi­ dual income for ordinary people increase so that inflation-adjusted real disposable personal income for average workers in Germany increa­ sed from less than € 2.500 in 1960 to above € 20.000 in 2013. Income for German workers doubled by the decade 1955-64, 1965-74 and 1975-84; already during the Weimar Republic, a skilled industrial worker could get ca. € 5.000 Growth & Distribution of Wealth Yet the archaeological ruins and philological sources reveal wealth. If Alexander plundered almost 200 000 talants (5000 tons) of silver from the Persians, that represented taxes and tribute. Yet this sum does not bear comparison with income; Herodotus records annual tribute of ca. 14 560 Euboic talants (ca. 375 tons): what Alexander found was less than two decades of tribute for an empire two centuries old. Persia was a flourishing money economy but the wealth stolen by Alexander was worth € 2.560.140.000 at the current price of silver. This can be compared to the value of Lebanon’s gold reserves: today, one part of a province of the former Persian Empire holds 86 tons of gold, worth € 8.866.000.000 on current prices. The value of Alexander’s booty is less than 1 % of the € 295.400.000.000 German state ex­ penses in the current budget. Thus, what silver there was in Antiquity will have been concentrated in a few hands. Yet the bankers of Antiquity will have been worse off than today’s: wealthy Athenian land-owners dabbled in banking, but were hardly dependent on it and enjoyed a substantial advantage in di­

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annually (and a skilled craftsman half that); through such private income, wealth began to trickle down, spurring demand for gadgets, au­ tos, cinemas, seaside resorts, etc. The increase in household income in the urban West was un­ paralleled in world history. What peasants consumed, they produced; while subsistence agricultural yields have a va­ lue, these did not enter the market as transac­ tions: per capita GDP is not income. As hypo­ thetical income, € 550 would be just above the World Bank’s standard of poverty (2005 US$ 1.25/day = 2014 € 1.10/day).

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rect competition with bankers. In Antiquity and the Middle Ages, money & power was with the land-owners. The villas and palaces of the elites grew larger and more numerous from the 4th millennium onwards. The rest will have lived in the same circumstances from the 3rd millenni­ um BC until the 19th century AD; what they nee­ ded will have resembled what was manufactu­ red decades, centuries or millennia earlier. Innovation, Technology & the Industrial Revolution was mild: some gifted mechanics made minor modifications increasing the capacity of un­ skilled labour to replaced skilled labour in the production of textiles and mechanical parts. Al­ ready by 1830, this led to an imbalance with English cotton textile production exported whe­ reas that of China was still consumed locally. Yet, even in England, the important shift out of agriculture and into industry took place in the second half of the 19th century. Paradoxically, none of the three most important early modern economic thinkers – Adam Smith (†1790), David Ricardo (†1823) and Jean-Baptis­ te Say (†1832) – ever saw an inter-city railway train (Manchester-Liverpool opened 1830). In 1837 Adolphe Blanqui used the term Révolution industrielle. Thus the greatest Classical Econo­ mists described the coming world without expe­ riencing it. Yet the world they described came about, discernable in the second half of the 19th century, with a new generation using Carl Menger’s concept of Grenznützlichkeit and Wicksell’s investigations of interest and finance. The change was a new economy based on the exploitation of science and technology to per­

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Historically, China’s slow but regular economic growth yielding a gradual increase in national wealth concentrated in the hands of an elite is typical. The Western case is different and unique because of the »Industrial Revolution« which began in mid-18th century England. What happened after 1870 is the Second Industrial Revolution; for most of the world, this period after German unification was the real take-off. There are several schools stressing different components in order to explain what separated the West from the Rest: even today »innova­ tions« are among the popular explanations. Technologically, the first Industrial Revolution

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fect production. This story goes back to Prussia before the Napoleonic wars. Already in 1796, one of Christian Beuth’s superiors read a chap­ ter of Adam Smith each morning, 20 years after the publication of Wealth of Nations. Like Say before him, Beuth was sent to England. At the Gewerbeinstitut, Beuth led the philosophically inclined Prussian bureaucrats to use Adam Smith’s philosophy as a guide to creating a sta­ te-supported ökonomisch-technologisches Sys­ tem to form the industrial backbone bearing the Stein-Hardenberg reforms: science har­ fahrt eines Landes sey, daß es mithin ein Ver­ dienst sey, das Fortschreiten um die Vervoll­ komnung der Gewerbe zu fördern«. This was a completely new thought, unrelated to any idea a Chinese or Babylonian bureaucrat – let alone an ancient Philosopher or a Renaissance man – had ever conceived. For both Confucius and David Ricardo, land – not industry – was the source of wealth. Defying thousands of years of economic wis­ dom, Beuth’s Prussians improved on the English liberal model. After the creation of Bismarck’s Reichsbank, the Sparkassen ceased to grow: in­ vestment banks took over. Innovative policies in industry and finance moulded business and edu­ cational activity in the Western world. Between 1870 and 1914 Germany overtook Eng­ land. Despite 19th century Redbrick universi­ ties, England never overtook German mastery of industrial scale innovation. Even after wars erasing generations of economic progress, Ger­ man recovery was rapid. The Prussian bureau­ cracy is the explanation of the paradox that Adam Smith described an economy which did not yet exist when he was alive, but which was

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nessed to technology pushed an economic transformation. Following Smith, Beuth was persuaded that »daß Gewerbefleiß die Grundlage der Wohl­

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so completely realised within a century of the publication of his chef d’œuvre that he had created a new discipline. Yet at unification, German GDP was only 20  % of what it would be in 1913. Thus, half a century (1810–1871) of costly state support – based on admiration and understanding of the Industrial Revolution in England and a fear of the Political Revolution in France – was invested in a pro­ cess which brought little for the Prussian eco­ nomy, but provided enough to protect the agra­ rian Ostelbische aristocratic backbone of the Crucial to Prussian strategy were exports. The earliest exports were the textiles southern Me­ sopotamia produced from the 4th millennium BC onwards. Adopted in the Bronze Age Ae­ gean long before giving its name to the Silk Road, and transforming the meaning of the name »Manchester«, textiles were the lifeblood of exports. The principle was simple: using primitive technology, taxes or rents collected in grain and fibre were transformed into textiles by an urban proletariat; exported abroad, they brought silver and gold. Finance was born with exports, and this silver flowing through the Ancient Near East later gu­ aranteed that Athenian coins would be appre­ ciated. The lords of Manchester followed tradi­

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officer corps. Innovation was costly but fed a cycle bringing us to a day when the average car has more compu­ ting power than the American Saturn V rockets (designed by the Prussian Werner von Braun). Thus, innovation is part of our economy as a re­ sult of the Prussian ökonomisch-technologi­ sches System. The Stein-Hardenberg Reforms introduced Gewerbefreiheit and Beuth provided a concept of generating wealth through invest­ ment in production. Schumpeter’s Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (first edition 1911), summarised the innovative economy imple­ mented by Prussia.

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tion, paying the lowest possible wages in search of profits. Today Germany’s Mittelstand exports to the world; the Manchester factories are fossils, tex­ tiles outsourced to Bangladesh because of the low wages. Strangely, the Prussians skipped the textile phase and leapt beyond their unsuspec­ ting competitors, creating a new economic phi­ losophy, based on high quality work and corres­ ponding wages. When seeking security in the 1920s, German banks shied off innovative industry and lent to

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the textile industry. Yet the world had changed and the same unimaginative banks lent to the ostelbische Prussian aristocracy, impoverished despite price supports making bread expensive for the working classes. In Antiquity and the Middle Ages, large land-owners had the upper hand as they acquired silver by dumping agri­ cultural products onto the markets, denying peasants a chance of gain; debt was always a threat for the peasants who frequently lost land and freedom to the larger land-holders. In the 19th and 20th centuries, the land-lords fell into debt, unable to work their land profitably under the market conditions which had once held

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peasants in thrall. Land-lords (taxing, slaveown­ng, feudal, commercial) were out, subver­ i ted by industrialists seeking cheap grain to sa­ tisfy their workers, and bankers who purchased land for amusement (but are investing in land today, in an amusing twist creating yet another a contrast to Antiquity). The market forces prevailing since the end of the 2nd millennium BC pushed societies into a two-tier system. Peasants lived near subsis­ tence, paying taxes and rents to the elites. The ty. The finance industry fuelled by state debt handled wage payments and funnelled savings & capital into industry, spurring employment, production and consumption. And the colonies provided markets for exports so that local de­ mand did not limit total demand (promising income in gold). These changes made people in the West incom­ parably richer than any other people that have ever lived anywhere in history, as European wealth in Europe gradually diverged from tradi­ tional economies, such as that of China. The Industrial Revolution separated the West from the Rest, and should not mislead scholars into assuming that what took place during that era was typical of economics in general: it forms a contrast to the ordinary. The important innovations in Antiquity were literary (poetry praising kings & gods), or admi­ nistrative (property laws & taxes). Neither iron nor glass had any social impact – and certainly not sundials. The Prussian ökonomisch-techno­ logische policy embedded society in Schumpeter’s market-guided process of tech­ nological innovation, eliminating Liberalism,

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economy grew as the elites invested in ex­ change and finance. By the 18th century, this elite activity was itself divided into two different domains, those of »industry« and »finance« – agrarian wealth lost out before the end of the 19th century. The modern era brought a shift from agricultu­ ral employment and wealth coupled to the crea­ tion of an urban economy promising good wa­ ges, drawing unskilled workers who could produce low cost quality goods, receiving wa­ ges in money. Educational institutions and sta­ te administrations believing in science served the economy, delivering progress and prosperi­

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and opening the way to socialism, fascism and democracy. Tied to a powerful finance industry, Prussia’s programme left the »spectre of com­ munism haunting Europe« until the end of the 20th century. Capital accumulation began be­ fore the 17th century AD, yet neither capital nor technological innovation changed society as the Prussian bureaucrats did. French and Prus­ sian copying of English developments reveals that technological innovation is a symptom of modern state policy. Civilisations are founded on, and consist of,

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such social innovations. Indeed, our society may require an innovative new economic policy.

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Prof. Dr. David Alan Warburton is spokesperson of the key topic »Economy«

ansichten

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Handel mit den Göttern Schärfere Beile und Sicheln erleichterten den Alltag der Bauern. Haarnadeln, Fibeln, Ringe und Armreifen aus Bronze befriedigten das Bedürfnis, sich zu schmücken. In Horten niedergelegte Schätze erleichtern den Weg zu den Göttern. Viehzucht Die Züchtung von Pferd und Milchvieh war ein entscheidender Schritt auch in der ökonomischen Entwicklung von Gesellschaften. Mit dem Pferd konnten weitere Strecken bewältigt, mit dem Vieh mehr Menschen ernährt werden. Bodenschätze Der Reichtum an Erzen – hier besonders Eisen – war seit der Antike ein Anziehungspunkt der Iberischen Halbinsel. Phönizier, Griechen und Römer scheuten nicht den Weg durchs Mittelmeer, um dieser begehrten Schätze habhaft zu werden. Scherben Was von einem großen Haushalt übrig bleibt. Überreste von Gebrauchskeramik in Pietrele.

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ansichten

7 Ansichten Meilenstein.pdf

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Übersicht Geldwäsche Ziele Ein Meilenstein ist nicht nur eine Markierung für ein politisches Territorium. Er zeigt auch Ausdehnung, Wege und Grenzen eines ökonomischen Territoriums wie es das Imperium Romanum mit seinen weitläufigen Kolonien war. Ein Meilenstein in Tirol. Wege Ein effizientes ökonomisches Territorium ist durchmessen von Wegen, die schnelle Bewegung zulassen. Kaiserzeitliche Radspuren mit einer Spurbreite von 1,30 m in einem römischen Straßenabschnitt bei Bacharach in Rheinland-Pfalz. Geld regiert die Welt und endet doch oft als rostiger Einer der ältesten Versuche, sich Übersicht zu verschaffen, ist die babylonische Feldflurkarte aus Ur. Sie Rest in untergegangenen Schiffen oder vergessenen ist 4500 Jahre alt. Ohne Übersicht über die Liegenschaf- Kellern. Bis die Archäologen kommen und es ausgraben. ten kann man nicht wirtschaften. Daher war die Kartographie stets eine der Lieblingsdisziplinen der Herrscher.

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forschung
Schiffswracks, die von der Unterwasserarchäolo­ gie untersucht werden, geben eine Vorstellung von Handelsrouten und -waren. Im ‚klassischen‘ Feld der ›klassischen‹ Archäologie – der Ausgra­ bung in städtischen Siedlungszentren – nehmen Forscher mehr und mehr nichtmonumentale Bauwerke wie Wohnhäuser und Werkstätten in Moritz Hinsch hat Angriff, deren Erforschung Auskünfte über den Geschichte und alltäglichen wirtschaftlichen Betrieb geben kann. Ausgelöst wurde diese enorme Produktion neu­ en Wissens durch eine theoretische Debatte

haushaltsdebatte wirtschaft im antiken griechenland

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Die Wirtschaft des antiken Griechenlands ist neuerdings wieder ein Schwerpunkt altertums­ wissenschaftlicher Forschung. In zahlreiche Studien wurde in den letzten Jahrzehnten neu­ es Material erschlossen; bereits bekannte Be­ funde wurden einer Neubewertung unterzogen. Und während das Korpus an literarischen Quel­ len nur noch selten durch Papyrus- und In­ schriftenfunde ergänzt wird, steigt die Zahl der archäologischen Quellen jährlich. Extensive Feldbegehungen (surveys) erlauben es allmäh­ lich, Landkarten von Siedlungsmustern und Landschaftsnutzung zu zeichnen.

über den Charakter der antiken Wirtschaft, die von eben diesem Wissenszuwachs allerdings zunehmend in den Hintergrund gerückt wurde. So sind zwei wichtige Grundfragen deshalb nach wie vor unbeantwortet geblieben: In welchem Verhältnis stand die wirtschaftliche Funktion der Gesellschaft, d.h. die Produktion, Distribution und Konsumtion von Gütern und Dienstleistungen zu den Normen und Struktu­ ren dieser Gesellschaft? Wie beschrieben und beurteilten die antiken Zeitgenossen selbst dieses Verhältnis? Wenngleich die alte Polarisierung zwischen ›Modernisten‹ und ›Primitivisten‹ regelmäßig

griechisch-römische Archäologie an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert. Thema seiner Dissertation im Promotionsprogramm Ancient Languages and Texts (ALT) ist »Aristoteles‘ Theorie des oikos und die wirtschaftlichen Strukturen des antiken Griechenlands«. In Topoi gehört er der Forschungsgruppe B-3 Ökonomie/Oikonomia an.

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forschung
für tot erklärt wird, ist bisher kein wirklich neu­ es Erklärungsmodell an die Stelle dieser Polari­ sierung getreten. Soziale Normen und wirt­ schaftliche Rationalität werden nach wie vor als sich kontradiktorische Gegensätze betrachtet oder es werden unbefriedigende Mittelpositio­ nen eingenommen. Ökonomik (›Lehre von der Haushaltskunst‹) und Hauswirtschaft werden dabei aller Polari­ sierung zum Trotz zumeist erstaunlich gleich beurteilt. Der Haushalt gilt als eine definitions­ gemäß archaische Institution, ausgerichtet auf gesetzt zu den modern rekonstruierbaren Stra­ tegien der Hauswirtschaft erscheint als eine Möglichkeit, sich aus der theoretischen Sack­ gasse heraus zu manövrieren und zu einem besseren Verständnis von Wirtschaft und Ge­ sellschaft in der griechischen Antike zu gelan­ gen. Das Verhältnis wird dabei wechselseitig gedacht: Ihren Plausibilität erhielt die Ökono­ mik nur insofern, als sie an das lebensweltli­ che Wissen der Zeitgenossen anschließen konnte. Zugleich leitete sie das tägliche Han­ deln aber auch an – als sinnstiftendes Synthe­ sewissen. Wirtschaftswachstum und seine Effekte Der historische Hintergrund für die Entstehung der Ökonomik war die Verdichtung von Verkehr und Austausch – sei es friedlich, sei es gewalt­ tätig – seit dem ausgehenden 5. Jahrhundert v. Chr. Jenseits der engen sozialen Ordnung der einzelnen Städte bot sich ein weiter Raum öko­ nomischer Erwerbschancen, der sich über das gesamte Mittelmeergebiet erstreckte. Bis heute sichtbares Zeichen dieser Entwicklung ist das Aufblühen der materiellen und literarischen Kultur.

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Subsistenz und Autarkie. Die Ökonomik wiede­ rum wird als elitäre und reaktionäre Ideologie abqualifiziert. Die Frage scheint nur noch zu sein: Entsprach diese Ideologie dem realen Ver­ halten griechischer Bürger, wie die ›Primitivis­ ten‹ annahmen, oder war diese Ideologie ein realitätsfremdes Wunschdenken, wie die ›Mo­ dernisten‹ angenommen haben? Immer wieder haben einzelne Studien diese Beurteilung angezweifelt, ein umfassendes theoretisches Modell der Hauswirtschaft fehlt jedoch nach wie vor. Die Untersuchung der Ökonomik als einer normativen Selbstbe­ schreibung der Hauswirtschaft ins Verhältnis

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forschung
Dieses wirtschaftliche Wachstum hatte aber zu­ gleich einen desintegrativen Effekt auf die sozi­ ale Ordnung der einzelnen Städte: Der neue Reichtum neuer Männer (und die neue Armut Alteingesessener) brachte angestammte Hier­ archien durcheinander und verschärfte die Sta­ tuskonkurrenz zwischen Haushalten. Weil des­ halb traditionelle Marker von sozialem Rang ihre Verbindlichkeit verloren, schien nur noch Reichtum ein sicheres Kriterium zu sein. Das allerdings brachte drei Probleme mit sich: v.  Chr.), Aristoteles (1. Buch der Politika, ent­ standen ca. 336–323 v. Chr.) und Pseudo-Aris­ toteles (Oikonomika, entstanden ca. 323–300 v. Chr.) erhalten sind, sind diesem Diskurs zu zurechnen. Sie spiegeln deshalb durchaus nicht das pragmatische Wissen ihrer Zeit ad­ äquat wieder: Denn weder wollte man seine häuslichen Verhältnisse offenlegen, noch wa­ ren die alltäglichen Belange der Haushaltsfüh­ rung ein passendes Thema für die gepflegte Kommunikation innerhalb der ›feinen Gesell­ schaft‹. Schließlich bestand ein zumindest la­ tenter Konflikt zwischen dem privaten Wunsch des Hausvaters sein eigenes Haus zu ›vergrößern‹ und der öffentlichen Verpflich­ tung so viel wie möglich für das Gemeinwohl zu leisten. Die explizite Kontrafaktizität der moralischen Geld, Moral und Ansehen Diese sozialen Folgen von wirtschaftlicher Dy­ namik gaben den Ausschlag für einen intensi­
Aristoteles lehnt die gewinnorientierte Geldwirtschaft, die Chrematistike, ab. Dauerbrenner in den Medien: »Macht Geld unmoralisch? Steuerhinterziehung, Anlagebetrug, Untreue: Wohin man blickt …«

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Erstens war Reichtum so schnell zerronnen, wie gewonnen, zweitens fehlte dem Reichtum die moralische Legitimität und drittens ließ sich bei einem derart ›objektiven‹, weil materi­ ellen Kriterium kaum die Zugehörigkeit zur Führungsschicht kontrollieren.

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Urteile über Reichtum und Gelderwerb verrät zugleich, ebenso wie die verwendeten Meta­ phern aus der Lebenswelt des städtischen Ge­ werbes, dass die Hauswirtschaft alles andere als eine archaische und nach außen abge­ schlossene Wirtschaftsform war, sondern viel­ mehr im Umfeld einer städtischen und moneta­

vierten Diskurs über den Erwerb und die Ver­ wendung von Reichtum. Die drei Haus­haltskonzeptionen, die uns von Xenophon (Oikonomikos, entstanden ca. 394–355

forschung
risierten Verkehrswirtschaft mit komplexen Strategien operierte. Spezifisch für die Hauswirtschaft ist nicht, wie sie ihren Bedarf deckt, d.  h. ob mit der eigenen Ernte oder mit eingetauschtem Geld. Spezi­ fisch ist die Logik, welche die ökonomischen Entscheidungen der Hauswirtschaft steuert: sie ist eine umfassende Wirtschaft und ope­ riert nicht selektiv nur mit ökonomischen Ka­ pital wie die moderne Wirtschaft. Alle Güter, die der Reproduktion des eigenes Hauses die­ Moritz Hinsch die Schriften von Xenophon und Aristoteles auch als Anleitung zum Ehr-›erwerb‹ lesen, ge­ schrieben für eben jene Aufsteiger, deren öko­ nomischer Erfolg die Reflexion über Reichtum und Hauswirtschaft überhaupt erst ausgelöst hatte.

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nen, kommen zum Einsatz und werden nach ihrem jeweiligen Wert gegeneinander abgewo­ gen: kulturelles Kapital, d.  Wissensbestän­ h. de, soziales Kapital, in Form von Treu- und Nahbeziehungen und symbolisches Kapital: öffentliche Ehrungen als Ausdruck von Sozial­ status. Der Widerspruch zwischen Normen und Prak­ tiken sollte also nicht einseitig aufgelöst wer­ den, sondern als Teil der historischen Realität beschrieben und erklärt werden. Die Ökono­ mik, die bestimmte Praktiken kritisierte, liefert uns zugleich Hinweise für ein Verständnis der Rationalität dieser Praktiken. So lassen sich

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forschung
Längst hat die digitale Revolution in Denkmal­

ökonometrie die vermessung einer antiken wirtschaftslandschaft
Es ist noch nicht lange her, da dachte man bei der Anwendung von Geo­ informationssystemen (GIS) in erster Linie an Geographen. Inzwischen aber haben viele Disziplinen erkannt, dass mit Hilfe der Informatik nicht nur neue Fragen, sondern auch neue Antworten kommen können. Digi­ tal Humanities als Großprojekt des Forschungsministeriums ist der bes­ te Beweis dafür.

pflege und Museum Einzug gehalten. Register und Kataloge sind nur »auch« noch analog. So wie die Sichtbarkeitsanalyse den Anbietern von Mobilfunknetzen bei der Berechnung der
Jun.-Prof. Dr. Silvia Polla leitet das Projekt »The economic landscape of the Hellenistic, Roman and late antique Bithynia« (A6-6)

optimalen Position von Sendemasten für ein flächendeckendes Netz hilft, so können mit ih­ rer Hilfe in der Archäologie räumliche Lagebe­ ziehungen klarer formuliert werden. Wie sonst sollte man sagen können, welche Höhe Wach­ türme gehabt haben müssen, um den nahen­ den Feind rechtzeitig zu erkennen bzw. welches Territorium von einem System dieser Wachtür­ me tatsächlich überblickt werden konnte? Hier erschließen sich ganz neue Quellen für antikes Raumwissen. Das rasante Entwicklungstempo in allen Berei­ chen der Informatik hat auch zu einer Multiplika­ tion der Anwendungen in der Archäologie ge­ führt. Nicht immer aber ist alles, was technisch möglich ist, in einer historischen Wissenschaft auch sinnvoll. Die Absicherung der wissen­ schaftlichen Grundlagen der Archäo­formain­ tik ist deshalb eines der Schwerpunkt­ themen,

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Bioinformatik, Wirtschafts- oder Medieninformatik haben deshalb auch seit einiger Zeit eine Schwesterdisziplin namens »Archäoinformatik«. Sichtbarkeitsanalysen, die Betrachtung räumlicher Lagebeziehungen und die digitale Verwaltung von Fundstellen in Grabungen sind schon fast so selbstverständlich wie stilistische Analysen und formtypologi­ sche Klassifizierungen. Egal ob in Bezug auf die individuelle Fundstelle oder eine archäologische Landschaft, in der Archäoinformatik wird echte Grundlagenforschung betrieben. Welche Struktur haben archäologische Daten? Wie kann man diese visualisieren? Welche Algorithmen sind tat­ sächlich geeignet, eine antike Wirklichkeit zu modellieren? Das sind die typischen Themen der theoretischen Debatten in dieser Disziplin. Doch die Archäoinformatik hat auch eine ganz praktische Komponente. In an­ deren Bereichen etablierte Software wird den archäologischen Bedürf­ nissen angepasst.

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forschung

das Silvia Polla, Juniorprofessorin der jungen Disziplin, in ihrer Arbeit thematisiert. Polla weiß, dass die Form der Wissensgewinnung in der Ar­ chäoinformatik stärker naturwissenschaftlichen Konventionen entspricht. Sie trotzdem in den geisteswissenschaftlichen Debatten der Archäo­ logie zu positionieren, darin sieht sie ihre Aufga­ be. Die Archäoinformatik kann das Methoden­ spektrum der Archäologie erweitern, schließlich haben hier schon ganz unterschiedliche natur­
Ein typisches Ergebnis der Sichtbarkeitsanalyse: Die dunklen Bereiche bleiben dem antiken Betrachter verborgen, den rot gefärbten Teil kann er überblicken. Erst spät wurde die Siedlung (rot am linken Bildrand) für ihn bei der Annäherung durch das Gräberfeld sichtbar.

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wissenschaftliche Methoden – Archäometrie und Archäobotanik etwa – ihren selbstverständ­ lichen Platz gefunden. Für Raumwissen stellt Silvia Polla ihr ökonome­ trisches topoi-Projekt vor. Iznik – oder Nicaea – liegt in der römischen Provinz Bithynien. Ab der Spätantike war sie das ökonomische Hinterland und wirtschaftli­ che Basis von Konstantinopel. Iznik übernimmt damit eine prominente Rolle in hellenistische und römische Zeit bis hinein in byzantinische und osmanische Siedlungsphasen. Hierbei werden elaborierte naturwissenschaftliche Methoden wie Fer­ nerkundung und Datenverarbeitung (GIS bzw. Geostatistik) mit klassi­ schen Methoden der Feldforschung kombiniert, um ökonomische Räu­ me mit einem besonderen Schwerpunkt auf der Beziehung der Stadt zu ihrem Umland analysieren zu können. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Wie gestaltete sich die Verteilung von Gütern, wie das Ressourcenma­ nagement? Wie hat man sich mikroregionale Siedlungsmuster, Hierar­ chien und Netzwerke vorzustellen? Im Projekt wollen wir die Fragen un­ ter Berücksichtigung interagierender ökologischer, ökonomischer und kultureller Faktoren zur Beantwortung wirtschaftsgeschichtlicher Frage­ stellungen auf dem regionalen Maßstab untersuchen.

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forschung
dikators in einer Modellanalyse des Wirtschaftswachstums in einer langfristigen Perspektive. Das Projekt verknüpft einen integrierten archäologischen und archäometrischen Ansatz zur Kera­ mikanalyse mit einem GIS-gestützten Ansatz, um regionale ökonomische Räume untersuchen zu können. Entscheidende Faktoren sind hier Ressourcennutzung, Intensität der landwirtschaftli­ chen Nutzung, Siedlungshierarchien und Straßennetze. Silvia Polla
Auf den ersten Blick auch nicht zugänglicher als ein ganz »normaler« Scherbenhaufen. Mit der jeweils richtigen Methodik enthüllen sich aber die Geheimnisse der Antike. Hier eine topographiebasierte »site catchment analysis« am Beispiel des Einzugsgebietes einer Siedlung. Die »Kostenoberfläche« kann in einem GIS-basierten Modell berechnet werden und als Grundlage der Analyse und Interpretation diachroner Bewegung und Landnutzung verwendet werden

die dissertation im projekt Barbora Weissova führt eine GIS-basierte Untersuchung der römischen Wirtschaftsleistung im mikro- und makroregionalen Maßstab in Bithynien bzw. in Westkleinasien vom 1. bis 4. Jahrhundert n. Chr. durch. Hierbei wird sie survey-basierte und publizierte Daten zur Untersuchung regionaler Dichte- und Verteilungsmuster der Landnutzungspraktiken zusammenführen. Ziel ist es, archäologische Indikatoren des römischen Wirtschaftswachstums zu identifizieren, systematisch zu sammeln und mit einem GIS- und statistik-basierten Ansatz zu quantifizieren und zu vermessen. Siedlungsnetz und Hierarchie sowie Produktions- und Konsumtrends werden ebenso untersucht wie die mögliche Orientierung der römischen Infrastruktur und Landnutzung an den früheren regionalen Mustern, darüber hinaus der Einfluss des Vorkommens natürlicher Ressourcen. Barbora Weissova benutzt GIS-Modellierungen als heuristisches Mittel, um die Bedeutung der naturräumlichen und kulturellen Einflussfaktoren auf Siedlungsmuster, Landnutzung und Verkehrsinfrastruktur der römischen Zeit evaluieren zu können.

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Untersuchung der Landnutzung im suburbanen Raum. Die Analyse zielt zum einen auf die Langfrist-Strategien der Ressourcen- und Landnut­ zung – insbesondere in der Landwirtschaft, bei der ländlichen Besied­ lung, der Zenturiation, bei umfangreichen Infrastrukturmaßnahmen wie zum Beispiel bei der Anlage von Straßensystemen oder auch bei territo­ rialer Aneignung. Zum anderen zielt das Projekt auf die Quantifizierung räumlicher und archäologischer Proxys zur Demographie, Wirtschaftswachstum bzw. zur Versorgungs- und Konsumtrends. Die Charakterisierung der Kera­ mik dient dabei zur Gewinnung eines bedeutenden archäologischen In­

forschung dampfmaschinen, sensen, waagen markt und innovation in der antike
Einsatzes von Traktoren bis in die heutige Zeit überlebt. Man kann insgesamt mit Fug und Recht vermu­ ten, dass viele der »Erfindungen« des Mittelal­ ters tatsächlich auf Erfindungen aus der Antike zurückgehen, aber erst lange nach dem Ende Wir gehen immer davon aus, dass eine erfolgreiche Innovation in einer gegebenen Gesellschaft über kurz oder lang von der Mehrheit des in-Frage-kommenden-Nutzerkreises übernommen wird und dass alle möglichen Alternativen allmählich vom Markt verdrängt werden. Es wird also unter­ stellt, dass ein einziger Produkttyp die Bedürfnisse befriedigt und zugleich den Markt sättigt. Au­ tos ersetzen Wagen, CDs ersetzen Kassetten. Die Reihe der Beispiele ließe sich beliebig fortfüh­ ren. der Klassischen Antike ernsthaft in Gebrauch kamen. Offenbar hatte Markterfolg wenig Bedeutung in der Antike, mindestens nicht für Alltagswerk­ zeuge; Modeprodukte hingegen waren sehr be­ gehrt. Geldmangel unter den Bauern könnte diese Lage gut erklären. Aber in anderen Fällen Wenn wir aber einen Blick in die Antike werfen, ist der Sachverhalt nicht mehr ganz so simpel. Erinnern wir uns an den spektakulären Fall von der Erfindung einer Dampfmaschine in Alexand­ ria. Zur Zeit ihrer Erfindung interessierte sich niemand genug für diese Sensation, um ihr zum ökonomischen Überleben zu verhelfen. Der Markterfolg kam – wie wir alle wissen – erst beinahe zwei Jahrtausende später. Nun könnte man argumentieren, dass die Maschine bei den geringen Löhnen, wie sie in der Antike gezahlt wurden, auch wenig Marktwert gehabt hätte, da arbeitsspa­ rende Maßnahmen kaum auf Interesse gestoßen wären. Ein anderer ähnlich kurioser Fall ist die Erfindung der Sense, ein wahrer Segen für Feldarbeiter Auch die Sense hatte auf ihre Markteinführung lange zu warten: Obwohl sie bereits seit der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends bekannt ist, scheint sie doch nicht früher als im europäi­ schen Mittelalter in Gebrauch gekommen zu sein. Und sie ist sogar noch heute in Gebrauch – auch nach der Einführung von Mähmaschinen! Auch Pflüge aus Holz und Eisen haben trotz des
Der Ägyptologe und Ökonom Prof. Dr. David Alan Warburton ist Sprecher und Organisator des Key Topic »Economy« in TOPOI

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ist die Lage komplizierter. Ein weiteres, sehr bekanntes Beispiel ist die Präzisionswaage, die in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends rasch perfektioniert und dann im 2. Jahrtausend in einer ausgedehnten Region, die von der Ägäis bis zum Indus reichte, zur Anwendung gelangt. Die ursprüngliche Waage hatte eine massive Auswirkung auf gesellschaft­ liche Prozesse. Buchstäblich ermöglichte es die Waage, die Gleichwertigkeit von inkommensu­ rablen Dingen zu schätzen und bestimmen. Weiter führte sie Konzepte wie ›Gleichgewicht‹

forschung
bis ins Mittelalter hinein nicht wirklich weit verbreitet. Für die breite Masse waren sie einfach zu teuer. Der »Markt« brachte keine Verbreitung, sondern Konzentration Einige Philosophen der Antike interessierten sich für Mechanik, aber nicht fürs Geldma­ chen. Andererseits waren diejenigen, die ökonomisch nützliche Erfindungen machten,
Markteinführung verpasst: Der Mechanismus von Antikythera

Ingenieure, die in Industriezentren weit abseits urbaner Zusammenballungen, wo sich die Philosophen aufhielten, zum Beispiel reines Zinn produzierten. Diejenigen schließ­ lich, die näher an den Zentren des Wissens waren, produzierten ein Monument des Scheiterns der Integration von Innovationen in ökonomischen, technologischen und sozialen Wandel: den Mechanismus von Antikythera. Anstatt weitere Innovation zu ins­ pirieren, blieb er in seiner Zeit ein Einzelfall: Die Technologie wird erst ein Jahrtausend später weiterentwickelt.

und ›Gerechtigkeit‹ ins diskursive und ökonomische Feld ein. Ihre Ent­ wicklung war sicher keine marktgetriebene Entwicklung und ihre Verbrei­ tung keine marktbasierte – ein Markt in diesem Sinne existierte zur Zeit

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der ursprünglichen Erfindung überhaupt nicht, vielmehr trug wohl die Waage zum Erfolg des Marktes bei. Auch viel später wurden sogar staat­ liche Standards für die »Dänische Schnellwaage« und die »Römische Schnellwaage« festgelegt, beide perfektioniert im ersten vorchristlichen Jahrtausend. Die Waage hatte Auswirkungen auf die Entwicklung von Währungen, auf die Verwaltung, auf die Physik und sogar auf Religion und ethische Systeme im weitesten Sinne. Durch den Markt verbreitet wurde sie nicht. Waagen waren vielmehr ein Gebrauchsgut von Eliten; dasselbe gilt für state-of-the-art-Militärausrüstungen, für teure Kleidung und für Juwelen wie für andere Innovationen, zum Beispiel den Kompositbogen, geblase­ nes Glas oder Metallgefäße, die in verlorener Form gegossen wurden. Ähnliches gilt auch für Torsionsintrumente, die bestimmte Prozesse er­ leichterten. Sie existierten seit hellenistischer Zeit und waren trotzdem David Alan Warburton

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ansichten ii

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Prestigeobjekt und Vermögen Das berühmte Wikingergold von Hiddensee – hier eine Scheiben­ fibel, ein Halsring und ein Anhänger – stammt aus der 1. Hälfte des 10. Jahrhunderts. n. Chr. Kostbare Ehrerbietung Der feine Armring mit einer punzierten Golgathadarstellung stamm aus dem 9. oder frühen 10. Jahrhundert n. Chr., Gold. Råbylille, Mønbo Herred, Dänemark

interview
raumwissen Warum sollte man es überhaupt tun? Michael Meyer Ökonomisches Handeln verrät uns viel über die Menschen des Altertums und ihre sozialen und

mit michael meyer über geschenke, inflation und ökonomisches denken in der antike

politischen Strukturen. Uns steht eine enorme Vielfalt an Quellen zur Verfügung, die genutzt werden will: von altorientalischen Texten über die Löhne von Bauarbeitern, die Verbreitung von bestimmten Keramikprodukten bis hin zur Auseinandersetzung über Sinn und Legitimati­ on der Geldwirtschaft, wie sie im antiken Grie­ chenland geführt wurde. raumwissen Nicht nur heute ist die Wirtschaft sehr häufig tech-

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raumwissen Altertumswissenschaften und Ökonomie denkt man in der Regel nicht in einem Atemzug – wenn sich auch im Moment die Dinge ein wenig ändern. Wie kann man die beiden Bereiche in gutem wissenschaftlichen Einvernehmen zusammenbringen? Michael Meyer Ökonomisches Handeln prägte das Leben auch im Altertum. Es ist aber nicht per se vergleich­ bar mit heutiger Ökonomie – so hatten frühe Austauschsysteme in ganz anderem Maße eine soziale Funktion, als dies heute oft der Fall ist. Diese ›social embeddedness‹ der Ökonomie gilt es zu berücksichtigen, wenn man in den Al­ tertumswissenschaften über Wirtschaft forscht.

nikgetrieben, was eine kritische Masse erfolgreich eingeführter und sozial integrierter Innovationen erfordert. Kann man solche Prozesse auch für die Antike annehmen? Michael Meyer Technische Innovationen, die neue Produkti­ onsweisen ermöglichen oder klassische Verfah­ ren verbessern, prägen das Leben der Men­ schen seit der Steinzeit. Die Erfindung und Einführung der Drehscheibe etwa führt in vielen Kulturen auch zu einem Wandel in der Organi­ sation der Produktion: Jetzt werden die Gefäße von Spezialisten hergestellt, und es entstehen weitreichende Austauschbeziehungen und Handelsnetze. Technische Innovation und sozi­

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interview
aler Wandel gehen häufig Hand in Hand. raumwissen Was hätte man sich unter antikem Wirtschaftsleben vorzustellen? Gibt es Charakteristika, die einem modernen Menschen bekannt vorkommen könnten? Michael Meyer Es gibt natürlich nicht ›die Antike‹. Für prähis­ torische Zeiten können wir zum Beispiel rezip­ roke Tauschringe wahrscheinlich machen, wie wir sie aus ethnologischen Beobachtungen etwa durch den von Malinowski beschriebenen Kula-Ring kennen und deren wichtigste Funkti­ on es ist, soziale Beziehungen zu stabilisieren. drängt sich leicht unser heutiges Konzept von ›Markt‹ in den Vordergrund. Hier heißt es sehr genau zu definieren, worüber man spricht. Auch Geld ist ein schönes Beispiel. Bedeutet das Vorhandensein von Münzen bereits, dass es eine Geldwirtschaft gegeben hat? Wenn ja: Wer war involviert, wie wurden Werte garan­ tiert? raumwissen Wie sehen die Altertumswissenschaften die modernen Wirtschaftstheorien und wie würde man versuchen, ihren Vertretern Sachverhalte antiker Ökonomie zu vermitteln?

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Das wirkt sehr fremd, bei genauem Hinsehen mag man sich aber doch an den ›rituellen Ge­ schenkaustausch‹ etwa zu Weihnachten erin­ nert fühlen. Viel konkreter wird es etwa bei Schilderungen über Inflation im römischen Kai­ serreich, die zu einer Geldentwertung führt – ein höchst gegenwärtiges Szenario. raumwissen Was sind aus Ihrer Sicht die Hauptirrtümer, wenn man sich mit antiker Ökonomie beschäftigt? Michael Meyer Problematisch ist sicher die Verwendung öko­ nomischer Begriffe, die mit einer Bedeutung im heutigen Sinne besetzt sind. Wenn wir auf den alten Vorderen Orient bezogen darüber disku­ tieren, ob es hier einen ›Markt‹ gegeben hat,

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interview
Michael Meyer Die Altertumswissenschaften können den Wirt­ schaftswissenschaften etwas ausgesprochen Interessantes anbieten: die longue durée, die Langfristperspektive auf wirtschaftliches Han­ deln des Menschen. Um sich zu verstehen, ist es aber wichtig, die spezifische Ausgangssitua­ tion zu berücksichtigen. In weiten Teilen unter­ scheiden sich eben die Quellen: Als Altertums­ wissenschaftler können Sie keine Markt­forschung betreiben, und häufig rekonstruiert man ökonomische Prozesse aus materiellen Hinterlassenschaften. Auch über die soziale – Produktionsstrukturen oder Handelsorganisati­ on analysieren will. Warum nicht versuchen, die Berechnung des ›Bruttosozialprodukts‹ in die Antike zurückzuverfolgen? Eine solche Anglei­ chung der Ansätze ist aber voraussetzungs­ reich und muss unbedingt eine zentrale Dis­ kussion zu wirtschaftlichem Handeln im Der Prähistoriker Prof. Dr. Altertum integrieren, nämlich die Frage, ab Michael Meyer ist Sprecher wann es überhaupt ein in heutigem Sinne öko­ nomisches Denken gibt. raumwissen Welche Projekte in topoi sind Ihrer Ansicht nach beispielhaft für die Erforschung ökonomischer Prozesse in der Antike und ggf. auch für die Darstellung einer Kontinuität bis in die heutige Zeit? Michael Meyer Ökonomie ist in vielen topoi-Projekten veran­ kert und greift auf ganz unterschiedliche Quel­ len und Diskurse zu. In der Gruppe B-3 bei­ spielsweise untersuchen Kolleginnen und Kollegen, wie das ideale Aristotelische Konzept der oikonomia, der haushaltsbasierten Wirt­ schaft, bis in die Neuzeit hinein gewirkt hat. In A-6 wird anhand der Verbreitung von konkreten Keramik-Produkten versucht, ökonomische Räume in unterschiedlichen kulturellen Zusam­ menhängen zu rekonstruieren. Aber auch etwa die Nutzung des Wollschafts (A-4) oder die Ein­
von Topoi (FU)

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und rituelle – Einbettung ökonomischen Han­ delns muss man sich verständigen, wobei die modernen Wirtschaftswissenschaften diesen Aspekt ja auch mehr und mehr in den Blick nehmen. raumwissen Kann man antike Wirtschaftstheorie in die moderne Wirtschaftstheorie integrieren? Sollte man das überhaupt tun, oder sind diese Bereiche doch besser getrennt voneinander zu betrachten? Michael Meyer Ideal ist sicher ein Blick auf die Entwicklung der Wirtschaft, dem ein theoretisches Instrumenta­ rium für die Gesamtentwicklung zugrunde liegt. Eine notwendige Herausforderung, wenn man über lange Zeiträume Preisentwicklung,

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interview
führung der Eisenverhüttung (A-6) ist ein öko­ nomischer Prozess. Ausgesprochen interessant ist der Ansatz der ›XXL-Gruppe‹ (B-2), die sich mit monumentalen Bauprojekten der Antike be­ schäftigt und der Frage nachgeht, wie die Bau­ stellen konkret organisiert waren und welcher ökonomische Aufwand dazu betrieben werden musste. raumwissen Inwiefern ist die spezifische Arbeitsweise von topoi geeignet, bisher weit voneinander getrennte wissenschaftliche Disziplinen und Themen unter einen Hut zu bringen?

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Michael Meyer topoi bringt Wissenschaftler aus den unter­ schiedlichsten Disziplinen zusammen, um über das Altertum zu forschen. Es ist eine glückliche Situation, dass hier zum Beispiel Historiker, Alt­ orientalisten, Archäologen, Literatur- und Sprachwissenschaftler, Geographen und Che­ miker gemeinsam an einem Zugang zu den An­ fängen der Ökonomie arbeiten. Dieses Arbeiten über Disziplinen hinweg bedarf einer gründli­ chen Diskussion der verwendeten Begriffe und Konzepte, die in topoi im Key Topic Ökonomie angelegt ist.

im porträt
Tepe in Südostanatolien, dem ältesten Heiligtum der Welt oder zum Ha­

journalist in residence

drianswall, beide im »Smithsonian Magazine« erschienen, gehören zu den Themen, die er besonders gern bearbeitete und die vom »Händ­ chen« des Journalisten für diese Themen zeugen. Curry schrieb außer­ dem für die »New York Times«, die englischsprachige Ausgabe von

Es ist nicht so, dass Andrew Curry »nur« über Altertumswissenschaften und Archäologie schriebe. Auch die aktuelle Politik und beson­ ders auch kontroverse politische Themen fin­ den sich im Portfolio des Journalisten. Doch ein Schwerpunkt der Arbeit des weit gereisten, po­ lyglotten Autors ist die Antike ganz gewiss.

»Spiegel Online« und für Wissenschaftsmagazine wie »Archaeology« und »National Geographic«. Nach Berlin kam er 2003. Das Arthur F. Burns-Fellowship war der erste »Zug« an die Spree. Das Programm fördert in einem Austausch deut­ sche und US-amerikanische Journalisten. Es folgte ein Fulbright-Stipen­ dium – Andrew Curry blieb in Berlin und berichtet seitdem als Korres­ pondent für verschiedene Medien aus der deutschen Hauptstadt. Dies

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Andrew Curry der erste Teilnehmer des Pro­ gramms »Journalist in Residence« bei topoi, das im Jahr 2014 startete. Mit dem »Journalist in Residence«-Fellowship bietet der ExzellenzCluster Journalisten die Möglichkeit, sich über die Tagesaktualität hinaus für längere Zeit auf ein Thema zu konzentrieren und hierbei für spätere Arbeiten durchaus auch langfristige Kontakte zu Wissenschaftlern und Wissen­ schaftlerinnen zu etablieren. Andrew Curry liebt die lange Form und er be­ herrscht sie exzellent. Beiträge zum Göbekli

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unter anderem brachte ihm 2009 den deutsch-amerikanischen Arthur F. Burns-Journalistenpreis des Auswärtigen Amts ein. Darüber hinaus zäh­ len seine Texte zur Oberklasse der Wissenschaftskommunikation. In den jährlichen Anthologien »The Best American Science Writing« ist er stän­ diger Gast. In topoi verbindet Andrew Curry die Politik mit den Altertumswissen­ schaften. Sein eigenes Recherchethema sind Grenzen – Ländergrenzen, Grenzen zwischen unterschiedlich markierten Räumen oder Territorien, bis hin zu mentalen und intellektuellen Grenzen in gedachten Räumen. Nach dem Hadrianswall wartet nun auch der Limes darauf, von Andrew »Journalist in Residence« Curry erneut »beschrieben« zu werden – im wahrsten Sinne des Wortes. Andrew Curry

im porträt kulturelle primärressource
Monika Trümper ist Klassische Archäologin, Professorin an der Freien Universität Berlin, sie war Assistentin in Heidelberg, Fellow am Center for Hellenic Studies, Visiting Assistant Professor an der Johns Hopkins University, acht Jahre Professorin an der University of North Carolina in Chapel Hill und in einem einjährigen Fellowship an der John Simon Guggenheim Memorial Foundation – aber auch in der Zentrale der
Prof. Dr. Monika Trümper lehrt Klassische Archäologie an der FU, in Topoi ist sie Mitglied der Areas A und C

Schließlich geht es um die Nutzung einer le­ bensnotwendigen Ressource, und dies ist nicht nur eine Frage der Kultur, sondern auch auch der Technik. Zum einen führte Monika Trümper in Morgantina gemeinsam mit ihrer amerikani­ schen Kollegin Sandra Lurore neben den Gra­ bungen auch geophysikalische Untersuchun­ gen durch, zum anderen wird sie in topoi mit den physischen Geographen der Forschergrup­ pe A 3 »Water Management« zusammenarbei­ ten, um die Anlage in ihrer ganzen Komplexität zu erforschen.

Deutschen Bank in Frankfurt a. M., und außer dem Studium der Klassi­ schen Archäologie, Kunstgeschichte und Alten Geschichte hat sie ein Diplom als staatlich geprüfte Musiklehrerin vorzuweisen. In Berlin forscht und lehrt sie seit 2013 am Institut für Klassische Archäologie der FU, in topoi ist sie Mitglied der Areas A und C, Wassermanagement in Sizilien und eine Fallstudie zu Pompeji, in der die Badekultur im Ge­ samtkontext der Entwicklung eines urbanen Raumes untersucht werden soll, sind ihre Projekte. Die griechische Badeanlage, die sie 2013/2014 im sizilianischen Morgan­ tina ausgegraben hat, war das, was man heute ein »Spa« nennen würde. Komplexe gesellschaftliche Beziehungen kann man hier ablesen, kulturel­ le Grundlagen und Denkmuster studieren, Fragen zur Körperkultur einer antiken Kultur beantworten. »Sehr viele Themen verbinden sich hier mit­ einander«, sagt Monika Trümper. Bearbeiten kann man sie nur interdiszi­ plinär, zumal die geisteswissenschaftlichen Aspekte angesichts des Ge­ genstandes mit naturwissenschaftlichen verbunden werden müssen.

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Überraschungen umfassender Art birgt die Un­ tersuchung von etwas so harmlos Scheinen­ dem wie Badekultur ganz gewiss. »Die meisten griechischen Bäder – wie dasjenige in Morgan­ tina – sind noch gar nicht oder nur sehr ober­ flächlich untersucht«, beschreibt Monika Trüm­ per die Ausgangslage. »Es zeichnet sich aber schon sehr deutlich ab, dass die griechische Badekultur etwas ganz anderes war, als man ge­ meinhin annahm«, sagt die Archäologin. Wie sehr sie unterschätzt wurde, zeigt die Tatsache, dass die letzte Monographie zum Thema in den 1960er-Jahren erschien. Zusammen mit ihrer

im porträt
amerikanischen Kollegin legte Monika Trümper jetzt erstmals wieder eine Publikation zum The­ ma vor, die zugleich den ersten Katalog griechi­ scher Bäder im gesamten Mittelmeer umfasst. »Vertraut ist eher die römische Badekultur«, fährt Trümper fort. »Aber die bisherigen Zuschreibun­ gen – Griechenland die Kunst und Rom die Tech­ nik – kann man getrost vergessen.« Vielmehr hält die Archäologin die Griechen für die eigentlichen Träger der technischen Innova­ tionen wie zum Beispiel Gewölbe, Heizanlagen, Bade- und Wohnkultur sind wichtige sprechen­ de Zeugen, wenn es darum geht, gesellschaft­ liche Strukturen antiker Kulturen in einer um­ fassenden Perspektive zu rekonstruieren. »Die Voraussetzung dafür ist aber immer solide ar­ chäologische Arbeit«, sagt Monika Trümper. hinaus stellt sich die Frage, wie das kostbare Wasser in einer vergleichsweise trockenen Regi­ on überhaupt verteilt wurde. Und was geschah, wenn Regenfälle über lange Zeit ausblieben und die Reservoire erschöpft waren?

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Hypokaustkanäle oder auch große Öfen zum Heizen des Badewassers, Entwicklungen zu­ dem, welche die Römer sich später angeeignet und weiterentwickelt haben. Aber nicht nur Technik, Handwerk und Wassermanagement sind Gegenstand der Betrachtung, sondern auch die Haltung eines Teils einer Gesellschaft, sich dem Luxus und der Lebensart in beheizten entspannenden Bädern hinzugeben – was man stets gemeinsam tat. Zur einfachen schnellen Reinigung dienten dagegen Duschbäder. »Es kostete viel Zeit, also auch Arbeitszeit, diese Bäder zu errichten«, sagt Monika Trümper. »Und es kostete eine Menge Geld.« Darüber

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topoi vor ort

die wikinger kommen eine ausstellung im martin gropius bau

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»Die Wikinger sind immer noch für Neuigkeiten gut«, weiß Matthias Wemhoff, Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte und Mit­ glied mehrerer Forschungsprojekte in der Area A von topoi. Eine große Ausstellung will dies nun beweisen, die vorbereitende topoi-Tagung integrierte seinerzeit auch die Arbeit der Cross Sectional Group »Identities«. Denn schließlich muss man sich fragen: Wie sind die Wikinger zu Dänen geworden, die sich heute in einem Staat mit ei­ ner Sprache konstituieren? Warum taten sie, was zum Beispiel die Sla­ wen nicht taten? Aufgespalten in einzelne Fächer ist dieses neue Nachdenken allerdings nicht zu leisten, ist Matthias Wemhoff überzeugt. »Den Dingen auf den wahren Grund zu gehen, funktioniert nur in der Zusammenarbeit meh­ rerer Disziplinen, das können wir nicht allein.«
Das Wikingerschiff »Havhingsten fra Glendalough« (Seehengst von Glendalough) wird am 6. September 2014 in Berlin über die Spree gerudert und anschließend vor dem Reichstagsgebäude bis zum 15. September 2014 vor Anker liegen

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topoi vor ort

Plankenreste des Schiffswracks 6 während der Ausgrabung, ca. 1025 n. Chr.; Roskilde (Hafen), Seeland, Dänemark.

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Auch die Wikinger arbeiteten gewissermaßen interdisziplinär. Sie waren nicht nur Seeräuber, sondern auch Händler, furchterregende Krieger und Eroberer und welterfahrene Seefahrer, Bau­ ern und hoch spezialisierte Handwerker, die auf ihren weiten Ausfahrten von der Ostsee bis nach Nordamerika einerseits und zum Schwar­
Rekonstruktion der Roskilde 6 aus dem Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen, ca. 1025 n. Chr. in der Ausstellung DIE WIKINGER, Berlin

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zen Meer andererseits gelangten. Vom 9. bis zum 11. Jahrhundert dominierten sie den Nordund den Ostseeraum. Die Begegnungen mit den sehr unterschiedli­ chen Kulturen, die sie auf ihre Reisen trafen,

topoi vor ort
rie hineinragen. Die Besucher können das Schiff über zwei Stege aus der Nähe betrachten. Krieg und Eroberung, Macht und Herrschaft, Glaube und Ritual, Kontak­ te und Austausch sind die Themen, um die sich die Exponate der AAus­ stellung gruppieren. Kriegergräber und Waffenfunde, reiche Grabaus­ stattungen hochstehender Frauen, bedeutende Siedlungsfunde sowie kunsthistorisch bedeutsame Zeugnisse von Kult und Religion werden in ihrer Einzigartigkeit und Besonderheit ganz und gar dem Versprechen des Direktors Wemhoff gerecht: »Die Wikinger sind immer noch für
Schiffsfibel, 9./10. Jh. n. Chr., Bronze. Tjørnehøj II, Fünen, Dänemark.

Neuigkeiten gut.«

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ließen auch die raubeinigen Wikinger nicht unbeeindruckt. Nicht nur Handelswaren tauschten die Besitzer, auch kulturelle Komponenten wechselten von den einen zu den anderen – ein im­ mer reziprozer Prozess. Dies Begegnungen und die gegenseitigen Beeinflussen sollen in der Ausstellung gezeigt werden. Manche der Grabungsfunde sind so neu, dass sie einer breiten Öffentlichkeit zum allerersten Mal vorgestellt werden. Eine Ausstellung des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen zu Was wäre eine Wikinger-Ausstellung ohne ein Schiff? Ein stolzes Schiff aus Roskilde wird im Mit­ telpunkt der Präsentation stehen – mit einer Länge von 37 Metern ist es das längste bekannte Kriegsschiff seiner Epoche. Die »Roskilde« wurde Ende der 90er-Jahre in Dänemark entdeckt und vom Nationalmuseum in Kopenhagen konserviert. Das Schiff wird den kompletten Lichthof des Martin-Gropius-Baus ausfüllen und sogar mit Vorder- und Hintersteven in die umlaufende Gale­ https://secure.smb.museum/smb/tickets/ticket_check.php?tarif_id=215 Berlin in Zusammenarbeit mit dem Dänischen Nationalmuseum Kopenhagen und dem Britischen Museum London. 10. September 2014 bis 4. Januar 2015
 Martin-Gropius-Bau Tipp Die Wikinger

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impressum
Herausgeber:

6. Jahrgang / Ausgabe Nr. 14, ISSN 1869-7356

Exzellenzcluster 264

to po i

The Formation and Transformation

of Space and Knowledge in Ancient Civilizations

Organisation: www.wortwandel.de

Gestalterisches Konzept, heilmeyerundsernaugestaltung Layout und Satz: www.heilmeyerundsernau.com

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Druck: H. Heenemann GmbH & Co. KG Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin www.heenemann-druck.de

Vertrieb:

topoi Geschäftsstelle FU
Hittorfstr. 18, 14195 Berlin Tel.: (030) 83 85 72 71 sekretariat.fu@topoi.de

topoi Geschäftsstelle HU
Hannoversche Straße 6, 10099 Berlin Tel.: (030) 20 93 990 73 nicola.gaedicke@topoi.org

www.topoi.org

raumwissen

№ 14

raumwissen

№ 14

r a u m w i s s e n    1 4 №

Ausgabe 14

ISSN 1869-7356

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topoi

excellence cluster

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