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Periodical volume

Full text: Raumwissen Issue 2011,3

editorial Voll von höheren Wesen ist dieses Heft, ein mächtiger politischer Gott liebe leserin, tritt kurz auf, Quellnymphen geben sich die Ehre, Götter für den Hauslieber leser gebrauch, Mischwesen, Götter auf Reisen, die es liebten Grenzen zu
überschreiten, ein in Drei geteilter katholischer Heiliger, Märtyrer, die »heidnische« Räume besetzten, und ein Kirchenvater, der warnte: »Du sollst nicht messen!« Raum und Religion liegen nah beieinander in einer Welt, in der die Natur in irdischem und kosmischem Maßstab eine von Göttern bewohnte und beschützte Natur ist, die von ihnen in Gang gehalten wird, in der das Land, das die Menschen bewohnen, ihnen gehört und in dem sie – im Verbund mit menschlicher Kultpraxis und praktischem Lebensvollzug – den Raum nicht nur religiös, sondern auch politisch strukturieren. In topoi – das an frohen Botschaften niemals arm ist – sind zahlreiche Vorhaben aus vielen Fächern auf der Spur dieser komplex verwobenen Welten, die so anders zu sein scheinen als das Hier und Heute, die aber gleichwohl zeigen, dass so manche Wiege woanders stand, als man lange Zeit glaubte – wenn man, was top o i immer tut – nach den Ursprüngen der eigenen Überlieferungen sucht.

Im Namen des Vorstandes von top o i wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre Ihr

Prof. Dr. Michael Meyer

inhalt
04 kurz gefasst Erste Stipendien für eine neue Schule; eine Neuerscheinung; Sonnenuhren und Innovationen 08 essay Allgegenwart in Bewegung Religion und Raum im alten Mesopotamien

inhalt
46 im porträt Erfahrungshorizont Wolf-Dieter Heilmeyer, Professor emeritus für Klassische Archäologie, langjähriger ehemaliger Direktor der Berliner Antikensammlung und seine Arbeit für die Topoi-Ausstellung 51 Allgemeine Zentralitätstheorie Oliver Nakoinz und Daniel Knitter arbeiten in der Area A an einer neuen theoretischen Grundlage für die interdisziplinäre Forschung zu Zentralorten 55 Heilige Depots Daniel Neumann und Tilmann Vachta erforschen bronzezeitliche Hortfunde 60 hinter den Fäden zusammenhalten Die Koordinatorinnen und Koordinatoren in topoi 	 68 topoi vor ort 70 topoi to go 72 impressum Zentralort	 Zentralort II

12 ansichten

Gott, Raum, Denken Eine kleine Bildergeschichte

18 forschung

Der rechte, der linke und der mittlere Santiago Feste und Rituale des »himmlischen Ritters« in den peruanischen Anden

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Topographische Überlagerungen Die frühe christliche Besiedlung des Lykostals Alte Verbindungen Die Vorderasiatische Archäologie auf der Suche nach den Ursprüngen unserer Überlieferungen

kulissen

38 interview

Mit Renate Schlesier Über Reisen, Räume, Rituale

himmelsscheibe von nebra Die Himmelsscheibe von Nebra ist die älteste bekannte Kosmosdarstellung der Welt. Ihre Fundgeschichte ist nicht nur die Geschichte einer Forschungssensation, sie ist auch ein echter Krimi …
Landesmuseum für Vorgeschichte Sachsen-Anhalt/Halle

fotonachweis: S. 8, 19, 21, 25, 51, 55, 62, 63, 68 Wannenmacher; S. 15 Neues Museum, Ägyptische Sammlung; S.16, 70 J. Laurentius; S. 18, 23 Institut für Vorderasiatische Archäologie, FU; S. 30–33 Schäfer; S. 47 SPK Presseabteilung

kurz gefasst
Die ersten Stipendien Die Berlin Graduate School of Ancient Studies (BerGSAS) des Berliner Antike-Kollegs schreibt die ersten zehn Promotionsstipendien in den Programmen » Ancient Languages and Texts (ALT)« und » Landscape Arcaeology and Architecture (LAA)« aus. Die Ausschreibung richtet sich an Bewerber aus den Altertumswissenschaften, den Geowissenschaften und aus verwandten Disziplinen. Zu folgenden Themen sollen Exposés eingereicht werden: Ökonomie, Innovation, Identität, Management natürlicher

Soeben erschienen A Different God? Dionysos and Ancient Polytheism Renate Schlesier, Hrsg. De Gruyter (Berlin/Boston) 2011 ISBN 978-3-11-022234-0 Mit englisch- und deutschsprachigen Beiträgen von 29 Autorinnen und Autoren und 122 Abbildungen

Dionysos erscheint innerhalb der modernen Wissens- und Darstellungsformationen oft als untypisch für die antike Kultur, als Ausnahme im Kontext des antiken Polytheismus, ja als Instanz einer Differenz, die die Moderne antizipiert. Was können neuere Forschungen zum genaueren Verständnis der vielfältigen Transformationen des antiken Gottes beitragen? Dieser Frage widmen sich Vertreter aller Bereiche der Altertumswissenschaften in diesem Band, der aus einer internationalen Tagung im März 2009 im Berliner Pergamonmuseum hervorgeht. Eine vergleichbare Publikation liegt bisher weder in deutscher oder englischer noch in anderen Sprachen vor. Zu den in dem Band behandelten Themen gehören aktuelle Forschungsfragen – einschließlich wissenschaftsgeschichtlicher Aspekte – zur Stellung des Dionysos im Rahmen der antiken griechischen und römischen Religion von den Anfängen bis zur Spätantike (Riten und Festkultur, Mythen, Epiphaniekonzepte, Theaterpraxis, Architektur und Ökonomie der Heiligtümer), anhand von – zum Teil neuentdeckten – epigraphischen, literarischen, bildkünstlerischen, historiographischen und philosophischen Quellen.   siehe cluster »Interview mit Renate Schlesier über Reisen, Räume, Rituale«, S. 38 auch
The formation and transformation of space and knowledge in ancient civilisations

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Ressourcen, Repräsentation – sowie Konstruktion und Transformation von Raum und Wissen in antiken (literarischen, epigrafischen, dokumentarischen oder anderen) Texten.

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De Gruyter

excellence

topoi

kurz gefasst
Gnomonik, topologisch Ptolemaios kam nicht ohne sie aus, Erasthostenes führte sie zur Annahme, die Erde sei eine Kugel, im Alten Ägypten funktionierte sie mit einem horizontalen Schattenwerfer, und Vitruv beschreibt im neunten seiner zehn Bücher alle ihm bekannten Geräte. Die Rede ist von einer bahnbrechenden Innovation der Menscheitsgeschichte: der Sonnenuhr. Die Forschungsgruppe B-IV » Angewandte historische Geographie« unter der Leitung von Prof. Dr. Klaus Geus widmete ihr und ihrer thematischen Verwandtschaft am 22. und 23. September 2011 eine international besetzte Tagung mit dem Titel: »Ancient Sundials, Astronomical Instruments and Geographical Knowledge«. In seiner Keynote Address führte Alexandr Podossinov aus Moskau auf die Reise mit der Frage: » Wohin fuhr » Was geschieht mit dem Neuen?« Innovationen und Revolutionen waren das Thema der Topoi-Tagung » The Dialectics of Ancient Innovations«, die am 7. und 8. November 2011 im Dahlemer Topoi-Haus stattfand. Erfolge und Misserfolge der Metallbearbeitung spielten ebenso eine Rolle wie das Dreiphasenmodell der Innovation oder die Frage, welche innovativen Effekte die Entwicklung der Domestikation von Pflanze und Tier hatte oder wie sich der Transfer von Innovationen als räumlicher Kommunikationsprozess fassen lässt. Organisiert wurde die Tagung von Prof. Dr. Reinhard Bernbeck vom Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität Berlin und Mitglied der Arbeitsgruppen A II » Innovations« und E-CSGV » Space and Collective Identities« sowie von Dr. Stefan Burmeister, Museum und Park Kalkriese. Zum Nachlesen: Die Abstracts der Tagungsteilnehmer auf http://www.topoi.org/wp-content/uploads/2011/03/downlowd-schedule+abstracts-PDF.pdf

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Odysseus? Große Meerengen im archaischen Weltbild der Griechen« , während andere Tagungsteilnehmer sich den tragbaren Sonnenuhren der Römer, Zeitmessern der Spätantike und des Mittelalters oder auch der hellenistischen Kartographie widmeten.

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Weitere Nachrichten aus t o p o i finden Sie in Neotopia. www.topoi.org/ images/pdf/Neotopia

essay allgegenwart in bewegung religion und raum im alten mesopotamien
Von Dominik Bonatz

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Dominik Bonatz ist Professor für Vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität Berlin. In topoi ist er Mitglied der Arbeitsgruppen C II »Images« und B-II-1 »Governance«

»Babylonische Weltkarte«, Tontafel mit Keilschrift, wahrscheinlich aus Sippar, 7.–6. Jh. v. Chr. (British Museum, London)

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Auf der babylonischen mappa mundi aus dem 7.–6. Jahrhundert v. Chr. ist das zentralistische Weltbild erstmals in einer beeindruckenden Kartographie imaginiert. Die Welt wird hier in Form einer Scheibe dargestellt. Der innere Kreis dieser Scheibe begrenzt die Erdoberfläche, die der Euphrat, an dessen rechtem Ufer Babylon liegt, in zwei Hälften teilt. Regionen und Orte an der Peripherie sind durch kleinere Kreise markiert. Ein Halbkreis am oberen Rand der inneren Scheibe, aus dem der Euphrat heraustritt, bezeichnet das Bergland. Im unteren Teil liegen ein Kanal und das Marschland. Als äußerer Ring umschließt der Ozean die Enden der diesseitigen Welt. Dahinter breiten sich sternförmig die für den Menschen unerreichbaren Regionen aus. Akkadische Beischriften benennen alle diese Ortslagen.

Religion im alten Mesopotamien war unverkennbar mit Vorstellungen über Landschaft verbunden. Zwei große Flüsse, Euphrat und Tigris, die das Land von Norden nach Süden durchziehen, das Untere Meer (Arabischer/Persischer Golf) und das Obere Meer (Mittelmeer) sowie die Bergketten des Zagros und Tauros im Osten und die weiten Steppenund Wüstenregionen im Westen bildeten die inneren und äußeren Koordinaten dieser Region. Das religiöse Denken war in seinen räumlichen Dimensionen im besonderen Maße auf diese geographischen Marken ausgerichtet. Sie prägten eine kosmologische Weltanschauung, in der die Zentralität des eigenen Daseins durch natürliche Grenzen und eine mythologische Ordnung in die Sphären des Übernatürlichen, Irdischen und der Welt der Toten bestimmt war.

essay
Die Lage von Babylon im Mittelpunkt dieser Karte ist nicht zufällig. Sie erklärt sich aus dem babylonischen Schöpfungsmythos Enuma elisch, der die Unterteilung in die drei kosmischen Bereiche Himmel, Erdoberfläche und Erde beschreibt. Jeder dieser Bereiche wird von einem Götterpalast beherrscht. Alle drei Paläste bilden eine vertikale Achse, in deren Zentrum Babylon mit dem Tempel des Hauptgottes Marduk liegt. Babylon ist folglich eine Schöpfung der Götter, in der den weltlichen Herrschern und ihren Untertanen ein privilegiertes Dasein bestimmt wurde. Selbstverständlich blieb das babylonische Konzept nicht konkurrenzlos. Auch Assyrien bediente sich des gleichen Mythos, um die axis mundi in seine Hauptstadt nach Assur zu verlegen. Religion wurde in dieser wie in vielen anderen historischen Situationen als Instrument politischer InDie Verknüpfung naturräumlicher Erfahrungen mit dem Bewusstsein für das Wirken des Göttlichen spiegelt sich in zahlreichen Ritualen wider, für Moderne Abrollung eines die es textliche und bildliche Überlieferungen gibt (letztere sind u.a. Gegen- akkadischen Rollsiegels, stand der Untersuchungen in der Arbeitsgruppe C II Images von t o p o i ). masch) typischen Siegeldarstellung zwei niedere Gottheiten ein Tor, aus dem der Sonnengott zwischen zwei Bergkegeln emporsteigt. An der Seite dieser Szene wendet sich ein Mann mit zum Gebet erhobener Hand und einem Opfertier im linken Arm dem Sonnengott zu. Dieses Bild hält den Moment des Sonnenaufgangs fest, zu dem der Mensch sein Morgengebet in der Hoffnung auf einen günstigen Tagesverlauf an den Sonnengott richtet. Die Bezeichnung ki-dutu für den Ort des Sonnenaufgangs ist zugleich auch Titel einer Serie von Gebetsritualen, die häufig mit der Anrufung »Schamasch, der du aus dem großen Berge heraustrittst« beginnen. Die Differenz von Raum und Zeit ist im Ritual dieses Gebets aufgehoben. Der Betende überwindet die Distanz zum Göttlichen, er erreicht den Sonnengott, wie im Bild des Siegels imaginiert, an seinem mythischen fernen Ort.
24. Jh. v. Chr. (Sammlung E. T. Newell, So öffnen in einer für die Ikonographie des Sonnengottes (akkadisch: Scha- Yale University, New Haven)

Lebens. Nur wenigen Sterblichen war es vergönnt, die Grenzen zum Übernatürlichen zu überschreiten. Gilgamesch folgt den dunklen Pfaden des Sonnengottes und er durchquert die Wasser des Todes, um auf die Insel Uta-napischtis, des unsterblich gewordenen Helden der Sintflut, zu gelangen.

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teressen und für Legitimationsansprüche eingesetzt. Religiös-ethnische Konflikte lassen sich dagegen nicht nachweisen. Der mesopotamische Polytheismus zeichnet sich vielmehr durch eine große Flexibilität in der Übernahme und Assimilation fremder Götter und religiöser Konzepte aus. Dem Transfer religiöser Konzepte standen in diesem Raum die Tore weit offen. Die Götter waren Grenzgänger zwischen den Welten, ihr Wirken nur selten an einen Ort gebunden. Der Kult in den Städten Mesopotamiens bot ihnen lediglich ein Zuhause auf den langen Etappen einer zeitlosen Reise. Die Göttin Ischtar zieht es zur Erweiterung ihres Machtbereiches in die Unterwelt, der sie nur durch das Opfer ihres irdischen Geliebten entrinnt. Ninurta dringt als von den Göttern beauftragter Kriegsfürst weit in das dämonische Bergland vor. Der weise Schöpfergott Ea thront inmitten des unterirdischen Süßwasserozeans apsu, Quelle allen irdischen

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essay
Die Verehrung der Sonne liefert darüber hinaus ein vortreffliches Beispiel dafür, dass das Göttliche als allgegenwärtig galt und nicht nur in besonderen Momenten und Situationen von Bedeutung war. Nach ihrem Austritt über den Bergen im Osten Mesopotamiens beschreibt die Sonne eine alltägliche Reise, die sie nach ihrem Untergang über dem Wüstenhorizont im Westen durch die Unterwelt der Toten zurück zu ihrem Ausgangspunkt führt. Dadurch wird sie zum Erleuchter und Lebensspender für alle Bereiche der Welt, zum Beschützer aber auch Richter über Leben und Tod. Visuelle Konzepte wie diese vermitteln einiges von den religiös-räumlichen Erfahrungen der Menschen im alten Mesopotamien. Sie durchdrangen alle Bereiche der Gesellschaft, etwa wenn Siegel, die in der Verwaltung benutzt wurden, Darstellungen von Göttern und ihren Symbolen trugen. Könige bedienten sich der religiösen Herrschaftssymbolik und evozierten durch Bilder und Rituale eine Nähe zum Göttlichen. Trotz ihrer politischen Beanspruchung blieben aber die großen Götter neben den unzähligen niederen Gottheiten, die oft als Vermittler zu den höheren Mächten fungierten, im Glauben der ‚Volksreligion‘ präsent. Sie bestimmten das Schicksal des Einzelnen und waren ein Anker der Hoffnung gegen die Vielzahl alltäglicher Nöte und Ängste. Jenseits ihrer Gegenwart im Hier und Jetzt, verhalf das menschliche Wesen der Götter zur Deutung und Humanisierung eines unbestimmten Zeit- und Raumhorizonts.

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Rollsiegel mit moderner Abrollung aus Assur, 12.–11. Jh. v. Chr. (Vorderasiatisches Museum, Berlin)

Wiederum sind es aus archäologischer Sicht bildliche Imaginationen, die uns das Wesen der Sonne mit unverminderter Suggestivkraft vor Augen führen. Auf einer assyrischen Siegeldarstellung trägt ein Atlant als personifizierte Erdachse das Symbol der geflügelten Sonne. Die Laufrichtung des Atlanten nach links deutet den Verlauf der Sonne von Ost nach West an. Man erahnt, wie sie sich im nächsten Moment schützend über den Beter zur ihrer Linken bewegen wird. Ein Genius im Fischgewand zur Rechten segnet den Sonnenlauf mit reinigendem Wasser, das sich in dem Eimer in seiner linken Hand befindet. Wasser umgibt das Oben und Unten dieser Darstellung, die äußeren Sphären sind dadurch wie auf der babylonischen Weltkarte sichtbar.

 

siehe cluster »Alte Verbindungen«, S. 32 auch
The formation and transformation of space and knowledge in ancient civilisations

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ansichten

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Gilgamesch Die Unsterblichkeit, die er sich wünschte, konnte Gilgamesch nicht erlangen. Dennoch lebt er weiter, noch nach 4.000 Jahren ist sein Epos unvergessen. Fragen zu Leben und Tod, zum Zerwürfnis mit der Natur und die existenzielle Einsicht, Mensch zu sein, berühren nach wie vor. Der Fund einer Tafel mit der altbabylonischen Fassung der Sintfluterzählung, die älter war als die alttestamentarische Version, sorgte für großes Aufsehen und regte eine intensive Suche nach weiteren altorientalischen Schriftzeugnissen an. Fragment der 11. Tafel des Epos mit der Erzählung der Sintflut. Die Tafel wurde in Ninive gefunden. Sie stammt aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert (British Museum, London. K 3375)
cluster siehe »Alte Verbindungen«, S. 32
The formation and transformation of space and knowledge in ancient civilisations

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Der Gott des Wassers Der Wassergott Enki/Ea schreitet über die Berge, begleitet von seinem doppelgesichtigen Wesir Usmu. Zwischen den Bergen taucht der Sonnengott Schamasch auf. Darüber steht die kriegerische Ischtar, rechts der Kriegsgott Ninurta. Siegelabrollung, Höhe 3,9 cm. Akkad-Zeit um 2250 v.Chr. (British Museum, London, BM 89115) Heilige Horte Lange waren sie rätselhaft, und im Laufe der Zeit erblickten zahlreiche unterschiedliche Interpretationen das Licht der (wissenschaftlichen) Welt. Heute wissen wir, dass die beeindruckenden Depots sakralen Charakter haben. Hortfunde waren immer auch beliebtes Diebesgut, verstreut in alle Winde.
cluster siehe »Heilige Depots«, S. 55 excellence

Hausaltar Eine privilegierte Familie, die sich unmittelbar an den zeitweise einzig verbliebenen Gott – den Sonnengott Aton – wenden konnte. König Echnaton, Königin Nofretete und drei Töchter scheinen direkt von den Strahlen der Sonne berührt zu werden. Hausaltäre wie diese fand man in vielen Häusern dieser Zeit, denn die gewöhnlichen Menschen mussten diese Vertrauten des Gottes um Fürbitte und Vermittlung ersuchen. 1351–1334 v. Chr., Amarna, Ägypten

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Illustre Runde Der Gestaltungskanon der griechischen Antike ist klar zu erkennen. Ihre Götter ebenso. Das Pantheon, das Heiligtum für alle Götter, stand in seiner römischen Gestalt Pate bei Schinkels Entwurf der Rotunde im Alten Museum in Berlin. Die Aufklärung wollte das Heiligtum in einen Kunsttempel mit »Bürgerbeteiligung« verwandelt sehen. Der allgemeinen Bildung sollte dieser Tempel dienen, nicht nur dem gelehrten Genuss einiger Weniger. siehe »Topoi to go«, S. 70
excellence cluster

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Eine Berliner Göttin Neben dem »Betenden Knaben« ist sie eine der großen Berühmtheiten der Berliner Sammlungen zur Antike. »Berliner Göttin« wird sie genannt, und wie Berlin kommt sie daher. Groß (1,93 m), nicht lieblich, aber eindrucksvoll und alles in allem freundlich. 580–560 v. Chr. wurde sie aus Marmor geschaffen und schießlich in Keratea (Südattika) gefunden. Eine Grabstatue war sie wohl, eine der zahlreichen Grabstatuen im archaischen Griechenland. Eine Art Ökumene Zwei Opferaltäre in einem Haus, einer in Richtung Sonnenaufgang für den »Rechten Santiago«, den älteren – katholischen – Bruder, einer zum Sonnenuntergang hin für den jüngeren »Linken Santiago«, der seine indigene Seite betont. Mais, Kartoffeln und andere Speisen hat man für die beiden vorbereitet, die in Wirklichkeit nur einer sind: Der heilige Santiago, »Himmlischer Reiter« der Spanier und Bekämpfer der Mauren, sollte die »Indios« missionieren und wurde am Ende selbst eingemeindet – zum Teil jedenfalls. siehe »Der linke, der rechte und der mittlere Santiago«, S. 18
The formation and transformation of space and knowledge in ancient civilisations

Du sollst nicht messen »Ambrosianische Lobgesänge« wurden den großen Gelehrten der Antike nicht zuteil, zumindest nicht, wenn es um die Vermessung der Welt ging. Ambrosius, Kirchenvater aus dem 4. Jahrhundert, bestand darauf, dass allein Gott die Welt ausmessen könne. Für ihn bleibt die Schöpfung dem Forscherdrang des Menschen verschlossen und die Landvermessung ein großer Humbug.
cluster siehe »Topographische Überlagerungen«, S. 24
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forschung der rechte, der linke und der mittlere santiago feste und rituale des »himmlischen ritters« in den peruanischen anden von axel schäfer

Der rechte und der linke Santiago in einer Prozession

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Zugegeben, meine Forschungsprovinz ist auf Der Autor studierte Altamerikanistik und Vergleichende den ersten Blick weit entfernt von der topoi - Religionswissenschaft an der Freien Universität Berlin, in topoi ist er Mitglied der Arbeitsgruppe C III Welt. Cotabambas liegt im Herzen der peruani- »Acts«. Axel Schäfer schreibt seine Dissertation zum schen Anden und eigentlich überhaupt sehr Thema: Verticality in procession and ritual. weit ab. 30 Stunden braucht man mit dem Flug- The Fiesta de Santiago in the South-Central Andes zeug allein bis Cuzco, zwei weitere Tage, um Cotabambas zu erreichen. Immer weiter hinauf geht es auf unbefestigten Straßen und entlang gähnender Abgründe. Eingezwängt auf überfüllten LKW-Pritschen oder zu Fuß, dringt man wie ein winziges Insekt in das gigantische Labyrinth der ewigen Gipfel vor. Dünne Luft und sich auftürmende Steigungen lassen jeden Schritt zu einem kleinen Kampf werden. Ohne Frage sind die zentralen Anden sehr geeignet, um sich mit Raum und seiner Struktur auseinanderzusetzen. Postmoderne Thesen von der Auflösung des Raumes wirken hier deplatziert. Eher wird man an die Worte des französischen Historikers Fernand Braudel erinnert, der von der eindrucksvollen Präsenz des Raumes sprach. Davon zeugen nicht zuletzt die Bergvölker der Quechua, die kulturell und physisch intim an den extremen Hochgebirgsraum

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angepasst sind. In den Gipfelregionen konnten sie trotz spanischer Einflüsse ihre Jahrtausende alte Lebensweise lebendig bewahren. Im Rahmen einer Kooperation archäologischer und anthropologischer Forschung der Gruppe C-III »Acts« konnte ich mich als Ethnologe in mehreren Feldforschungen mit rituellen Landschaften der Hochlandprovinz Cotabambas auseinandersetzen. Dabei konzentrierte ich mich auf die Feste und Rituale, die dem heiligen Santiago gewidmet sind. Dieser hatte sich in Spanien als »himmlischer Ritter« bei der VerFeldumzug zur Markierung der Grenze

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treibung der Mauren hervorgetan und wurde demgemäß auch bei der gewaltsamen Missionierung Amerikas eingesetzt. Allerdings hat sich die indigene Bevölkerung den Heiligen schnell in kreativer Weise angeeignet. In Cotabambas wird die ursprünglich von Santiago ausgehende Gewalt völlig umgedeutet und zur Erklärung von Blitz und Hagel herangezogen. Sein prächtiger Hengst macht ihn zum Patron der Pferdezucht und der indigenen Hirten. Diese Ambivalenz wird mit einer Teilung der Figur in drei Brüder aufgefangen. Ein »Rechter Santiago« repräsentiert als ältester Bruder den katholischen Aspekt des Heiligen. Ihm entge-

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gen steht als jüngerer Bruder, der sogenannte Linke Santiago, von dem Hagel und Blitze ausgehen. Er ist mit der Unterwelt und der indigenen Bevölkerung verbunden, wird bei magischen Praktiken eingesetzt und von Viehdieben verehrt. Ein »Mittlerer Santiago« steht im Zentrum und bewirkt das Gleichgewicht. Diese räumliche Symbolik der Heiligen wird im Ritus umgesetzt. Die offizielle Feier beginnt in der Kirche des Rechten Santiago in der mestizischen Hauptstadt Haquira. Die Feier des mittleren Bruders findet in Challhuahuacho, dem Hauptort des Nachbardistrikts, statt. Dabei muss die Erlaubnis für die Feiern des Linken Santiago in den untergeordneten indigenen Gemeinden und Ortsteilen beim Rechten Santiago eingeholt werden.

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Im Anschluss an die kollektiven Feiern werden häufig noch familiäre Rituale für die Santiagos ausgerichtet. Der Rechte Santiago erhält dabei seine Gaben in Richtung des Sonnenaufgangs und auf der rechten Seite der Opferdecken. Dem Linken Santiago wird nachts – und natürlich auf der linken Seite geopfert. Insgesamt kann man erkennen, dass die verschiedenen Feiern für die Brüder auf Distriktsund Provinzebene rituell eng miteinander verbunden sind und auch zeitlich unmittelbar ineinander übergehen. Auf diese Weise entsteht
Abseits der »offiziellen« Santiago-Feierlichkeiten: Opfer und Riten für den indigen »eingemein­ deten« Heiligen

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eine komplexe Rituallandschaft, die den ganzen Distrikt und seine verschiedenen sozialen Gruppen umfasst. Das geteilte zentrale Symbol reflektiert die soziopolitische Ordnung. Damit bildet die Verehrung des Santiago ein wichtiges Element sozialer Integration. Die Wirkung der Feier lässt sich jedoch nicht auf die Reproduktion hierarchischer Machtstrukturen reduzieren. Die räumliche Aus­ breitung und Überführung in andere soziale Kontexte ermöglicht gerade die intensive Aneignung des Heiligen durch die indigene Bevölkerung. Je weiter der Kult sich von Bereichen offizieller Kontrolle entfernt, desto enger verbindet

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er sich mit indigenen und privaten Anliegen oder Praktiken. So wird er aus den Kirchen auf heilige Berge überführt und dort von indigenen Ritualisten mit Tieropfern als Wächter des Viehs und der Felder gefeiert. Und auch hier zeigt sich, wie rituelles Handeln Räume konstituiert und dass die südlichen Zentralanden auf den zweiten Blick nicht ganz so weit vom t o p o i -Universum entfernt liegen.

forschung topographische überlagerungen die frühe christliche besiedlung des lykostals

PD Dr. Ulrich Huttner ist Mitglied der Arbeitsgruppe »Diversity of Spaces« (B-III-2). Der Althistoriker baut u. a. eine Datenbank der frühchristlichen Inschriften Kleinasiens auf, die mittlerweile über 1000 Inschrifen aus den Regionen Lykaonien und Phrygien enthält

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»Du sollst nicht messen«, hätte Ambrosius, bedeutender Kirchenvater aus dem 4. Jahrhundert, den christlichen Geboten sicher hinzugefügt. Allein Gott kann die Welt ausmessen, die Schöpfung bleibt dem Forscherdrang des Menschen verschlossen. »Hätte man die Tabula Peutingeriana auf der Grundlage der Evangelien erstellt, wären dabei nicht mehr als zwei Straßenverbindungen herausgekommen«, sagt der Althistoriker Ulrich Huttner, der die Ausbreitung des Christentums in Kleinasien, insbesondere die Entwicklung der christlichen Gemeinden im Lykostal in der heutigen Türkei erforscht. Die Polemik der Kirchenväter ermutigte die frühen Christen nicht gerade, sich um derlei Dinge zu kümmern. Basileios kennt zwar die Berechnungen der großen Gelehrten, hält sie aber für Grundlage des t o p o i-Projekts »The Expansion of Early Christianity in Asia Minor« sind literarische, epigraphische und archäologische Quellen. Dabei spielen räumliche Aspekte eine wichtige Rolle, Huttner bearbeitet aber auch organisatorische Fragen nach der Struktur einer sich entwickelnden Kirche – in sozialem, religiösem und politischem Kontext.

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Laodikeia am Lykos, Schauplatz der Leidensgeschichte der Märtyrer Trophimos und Thallos, wie es heute aussieht

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irrelevant, Ambrosius gar tut die Landvermessung als Humbug ab. Vermessungsdaten und Maßangaben aus der Lebenswelt der frühen Christen sind demzufolge rar. Umso reichhaltiger ist die Hagiographie, Geschichten aus dem Leben der Heiligen, in denen sich durchaus Angaben zu Wegen und Entfernungen finden. Doch da ergibt sich eine Frage: Was macht ein Historiker mit Legenden? Wie kann man die »Wahrheit« aus Geschichten herausschälen, die nicht historischer Überlieferung, sondern von etwa drei bis zu einigen Dutzend Meilen, wenn von wichtigen Etappen im Itinerar der Heiligen die Rede ist.« Doch die Langstrecke ist die Ausnahme. Die Aberkiosvita, in der ein Itinerar von Rom nach Hieropolis (Phrygien) in Tagesreisen ausgemessen wird, findet in der Hagiographie kaum Parallelen. »Dabei waren für Pilger gerade diese größeren Distanzen wichtig«, meint Huttner. »Ob sie aber in einer Nekropole eine oder drei Meilen zurücklegen mussten, machte keinen Unterschied.« Warum also die Mühe, heilige Orte durch exakte Distanzmessungen zu fixieren? »Wir können diese Wegeangaben als Strukturelement eines christlichen Weltbildes nach der Zeit der Christenverfolgungen sehen, das sich mit dem aufblühenden Pilgerwesen stärker herauskristallisiert,« sagt Huttner. »Die Städte Sakrale Orte in der Hagiographie lassen sich tatsächlich mitunter archäologisch verifizieren. »Generell findet man in der hagiographischen Überlieferung Entfernungsangaben in zwei Größenordnungen«, erklärt Huttner. »Wir haben Strecken von einer bis drei Meilen, wenn es um Angaben innerhalb von Nekropolen geht, und dienten als Fixpunkte im geographischen Raum, und dieser Raum war ja bereits von Griechen und Römern mit einem topographischen System überzogen worden waren, in das die frühen Christen sich einnisteten. Sie belegten diese Orte mit neuen Bedeutungen. Doch auf dem Land ensteht eine Vielzahl sakraler Orte, die zu-

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religiöser Selbstvergewisserung dienten? »Die reale Topographie kann da durchaus weiterhelfen«, sagt Huttner, »wenn es gelingt, Ortsangaben, Wege und Ziele zu verifizieren.« So sucht der Historiker die Grauzone zwischen Legende und Realität zu »vermessen«.

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nächst anonym sind.« Diese terra incognita kann zunächst nicht eingehegt werden, doch durch die Verankerung im topographischen Raum gewinnt sie Realität und Authentitzität. »Auch hier sehen wir wieder, wie das fiktionale »Für exakte Distanzangaben zur Lokalisierung von Heiligengräbern finden sich in den kleinasiatischen Hagiographien zahlreiche Belege«, sagt Huttner. Der Historiker nennt das Beispiel der Märtyrer Trophimos und Thallos, deren Leidensgeschichte Laodikeia am Lykos zum Schauplatz hat und die nach Stratonikeia gebracht Geschehen in eine sehr reelle Landschaft eingebettet wird«, erklärt Ulrich Huttner – historische »Messergebnisse« in der Grauzone zwischen Legende und Realität. erlebt der Protagonist seine vierte Vision auf dem Weg von Rom hinaus aufs Land, und zwar »10 Stadien« von der Via Campana entfernt.

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und dort »am Meilenstein bei den Steinbrüchen« bestattet werden. »Die Tradition verrät Ortskenntnis«, weiß Huttner. »Zugleich dient sie dazu, die Erzählung zu authentifizieren.« Im Johannesevangelium lassen sich die Apostel »25 oder 30 Stadien« auf den See Genezareth hinausrudern, ehe sie Jesus übers Wasser laufen sehen. In den Thomasakten führt der indische König Misdai den Apostel »drei Stadien« aus seiner Residenzstadt, ein geographisches Phantasieprodukt, hinaus, um ihn hinrichten zu lassen. Im »Hirten des Hermas«, einem der populärsten frühchristlichen Texte überhaupt, »Das frühe Christentum im Lykostal« ist der Titel der Monographie, die Ulrich Huttner als Ergebnis des Forschungsprojekts im Jahr 2012 vorlegen wird. Thema ist die Ausbreitung und spezifische Prägung des Christentums in einem überschaubaren Raum von den Anfängen bis zum Jahr 451 (Konzil von Chalkedon).

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alte verbindungen die vorderasiatische archäologie auf der suche nach den ursprüngen unserer überlieferungen
Assur, der gewaltige Gott Assyriens, der die Schicksale bestimmt, allwissend und überaus stark, steht triumphierend auf einem geflügelten Stier. In einem gewaltigen Götterkampf hatte er die Urzeitmächte besiegt. Er bemächtigte sich ihrer Entourage, der Mischwesen, und

Dominik Bonatz ist Professor am Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität Berlin. Neben seinen bildwissenschaftlichen Schwerpunkt­ interessen ist er Leiter zweier Ausgrabungsprojekte in Syrien und Indonesien. In t o p o i ist er Mitglied der Arbeitsgruppen »Governance« (B-II-1) und »Images« (C II)

Berlin. Aber sie sind nicht die einzigen religiösen oder mythischen Konzepte, die ihren Weg in spätere Universen gefunden haben. Als George Smith im Dezember des Jahres 1872 ein Tontafelfragment vorstellte, das die altbabylonische Fassung der Sintfluterzählung enthielt, die zweifellos älter war als die alttestamentarische Version, erregte dies weltweit Aufsehen. Auch den Fundort, die neuassyrische Hauptstadt Ninive, kannte man aus dem Alten Testament. Es musste also Verbindungen geben. »Diesen Verbindungen ging man nach«, erzählt Bonatz. »Aber es waren nicht nur die Erzählungen, die eine Verbindung zwischen Altem Orient und Altem Testament nahelegten. Es waren auch die Bilder.« Vier Arten religiöser Bilder gab es im Alten Orient: »Außer den allgegenwärtigen Mischwesen finden wir Tiere und symbolische Darstellungen, und eine herausragende Entwicklung ist die Entstehung anthropomorpher Götter ab dem späten 4. Jahrtausend.« Bonatz ist »Principal Investigator« in t o p o i, wo er die Formen der Repräsentation und der Ordnung von Raum in den bildlichen Zeugnissen des Alten Orients untersucht. Sakrale Motive machen einen großen Teil dieser Darstellungen aus, denn Religion ist nicht vom Rest des Lebens abgetrennt; vielmehr durchwirkt sie den Alltag in Raum und Ausdruck – eine für heutige westliche Gesellschaften ungewohnte Konzeption, die

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machte sie sich selbst zu Dienern. Mit Assyrien verschwand Assur wie später auch sein babylonisches Pendant Marduk – das übliche Schicksal »politischer« Götter. Was blieb, waren die Mischwesen: Mensch und Tier oder Tier mit Tier, die Schimären und Monster, die unklaren Gestalten, gut oder böse und beides zugleich. Sie suchten sich neue Herren, durchwanderten die Räume und überdauerten die Jahrtausende. »Die Mischwesen sind gerade wegen ihrer Uneindeutigkeit und ihrer moralischen Indifferenz besonders anpassungsfähig und mobil«, erklärt Dominik Bonatz, Professor für Vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität

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den Forscher zur Vorsicht mahnt. »Um nicht allzu viele Vorprägungen im Denken in eine Deutung einfließen zu lassen, muss man sich die Dinge sehr genau anschauen«, weiß Dominik Bonatz, um sie schließlich so zu beschreiben:
1.  ith Folded hands. W 1.1.   n face. The Old Babylonian »statue Cabane« E from Mari stands en face and holds the hands folded on the chest (…) 1.2. In Profile  On relief No. 42 (…) two mountain gods
Dominik Bonatz holt eine Schachtel hervor und entnimmt ihr den wohlverpackten Abguss einer Tontafel, deren Original er 2010 bei seiner Grabung in Syrien gefunden hat. Das Stück trägt das 3.300 Jahre alte Siegel eines hohen Beamten, der die Ausgabe von 2000 Litern Weizen quittiert. »Sie sehen auf dem Siegel ein Wesen, das man bislang nur aus der griechischen Mythologie kannte.« Es ist ein Mischwesen aus Mensch und Pferd: ein Kentaur. Der tritt als Unhold in Erscheinung, als Antagonist eines Helden, der seinerseits Königtum und Kraft verkörpert: Lahmu, der »Gelockte«, wehrt das Untier ab und schützt so den Siegelbesitzer vor Unbill. »Lahmu ist einer der sehr wenigen Privilegierten, die en face dargestellt werden«, sagt Bonatz. »Alle anderen müssen sich mit einem Profil begnügen.« Dem Siegelbesitzer verleiht der Auftritt Lahmus Autorität, es muss ein bedeutender Beamter sein, dem die Menschen Respekt erweisen. »Sieht man aber nur das Bild ohne Kontext, kann man sich leicht dazu verleiten lassen, die Szene rein religiös zu deuten«, erklärt Bonatz. »Tatsächlich vermischen sich hier die Sphären: Wir sehen ein religiöses Motiv, bewegen uns aber inmitten der Verwaltung.«

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with bent caps and feet wearing shoes with curved ends face to the right (…) *
* aus »Iconography of Deities and Demons on the Ancient Near East – An Iconographic Dictionary with Special Emphasis on First Millenium BCE Palestine/Israel.« Projekt an der Universität Zürich. http://www.religionswissenschaft.uzh.ch/idd/ index.php

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forschung

Gesiegelter Tontafelumschlag. Der Umschlag enthält eine Empfangsbestätigung über 2000 Liter Getreide. Der beauftragte Beamte hat den Umschlag und das darin enthaltene Dokument gesiegelt. Aus Tell Fecheriye (Syrien), 13. Jahrhundert v. Chr.

2000 Jahre lang hatte sich nichts geändert bei Göttern oder Mischwesen. Sie waren durchstrukturierte Konzepte, sie waren kanonisiert, aber irgendwann gingen sie auf Reisen. Von Mesopotamien gelangten sie nach Syrien und Palästina, bis Anatolien oder auch nach Ägypten. »Wir können diesen Transferprozessen folgen«, sagt Bonatz. »Mich interes-

»Wir versuchen zu identifizieren, Namen zu geben«, erklärt Bonatz. »Es gibt nicht immer Übereinstimmungen zwischen den Texten und den Bildern. Lahmu kennen wir aus den Texten, aber nicht den Kentauren.« Sein Bild aber zeigt, dass so manche Wiege woanders stand, als man lange Zeit glaubte. »Wir sind den europäischen Bildungsweg gewöhnt«, sagt Bonatz. »Und wenn wir nach Ursprüngen der eigenen Überlieferungen suchen, nach den Ursprüngen von Göttern und Gestalten, Konzepten und Gedanken, dürfen wir nicht so denken, wie große Teile der Wissenschaft lange dachten und zum Teil noch denken. Wir müssen so denken, wie die alten Kulturen dachten.«

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siert, wie bei diesen ‚Reisen’ der Bildtransfer vonstatten ging, wie die Figuren und die Ideen in anderen als den angestammten geographischen und kulturellen Räumen weiterlebten.« So ist außer dem Kentauren auch die Medusa für Wissenschaftler wie Bonatz eine gute Bekannte aus dem Alten Orient. Humbaba, ihr altorientalischer »Vorgänger«, Hüter des Zedernwaldes der Ischtar, wird von Gilgamesch getötet und verliert seinen Kopf. Darstellungen Humbabas lassen das Medusenhaupt schon ahnen, im Laufe der Zeit vermehren sich die Schlangen. Und wie der Kopf der Medusa, mit dessen versteinernder Hilfe sich Perseus einiger Feinde entledigt, hat auch schon das gruselige Haupt des Mischwesens Humbaba eine schützende Wirkung für den, der es zu handhaben weiß.

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interview mit renate schlesier über reisen, räume, rituale

raumwissen »Alles voll von Göttern …« sagte Thales von Milet über »sein« Griechenland. Was genau meinte er damit? Renate Schlesier Wir dürfen das durchaus wörtlich verstehen. Zu Thales' Zeit, im 6. vorchristlichen Jahrhundert, aber mit großer Sicherheit bereits zuvor und

Renate Schlesier ist Professorin am Institut für Religionswissenschaft der Freien Universität Berlin. In t o p o i ist sie Mitglied der Forschungsgruppe C III »Acts«

Polytheismus besonders repräsentativ und bestimmen über die Liebe und den Wein hinaus zahlreiche Lebens- und Erfahrungsbereiche. raumwissen Das hat nicht viel zu tun mit dem, was heute unter Religion verstanden wird. Schlesier Die griechische Religion dieser Zeit ist in der Tat sehr verschieden von den Religionsauffassungen, die heute allgemein geläufig sind – einer der Gründe, warum es so schwer ist, ihre Besonderheiten zu erfassen. In einer modernen westlichen Gesellschaft sind sehr wenige Räume religiös markiert, und diese sind von der übrigen Umgebung scharf abgegrenzt. In der griechischen Welt der Antike gab es weder räumlich noch konzeptuell einen ausdifferenzierten Bereich, den man »Religion« nennen könnte. Religion war auch kein primär inneres Erleben oder ein inbrünstiges Empfinden von »Glauben«. Vielmehr war sie an den normalen Lebensvollzug gebunden und aus keiner Erfah-

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ebenso in den späteren Epochen der griechischen Antike, waren nicht nur Heiligtümer, Gräber oder Tempel kultisch besetzt. Jedes Haus, jeder Weg, jeder freie Platz, das Land, das Meer und der Himmel waren »voll von Göttern«. Man war überzeugt: In jeder Quelle und in jedem Baum wohnt eine Nymphe, in jedem Fluss ein männlicher Gott. Die Götter waren nicht numinos und fern, sie lebten in der Welt und teilten sie sich mit den Menschen. Ja, sie waren als anthropomorph vorgestellte Wesen mit den Menschen auf vielfältige Weise und oft ganz direkt verbunden. Die Gottheiten Aphrodite und Dionysos sind hierfür im Kontext des antiken

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interview
rungsdimension wegzudenken. Wenn nötig, wurden religiöse Rituale sehr pragmatisch gehandhabt. Dies gilt auch für den Umgang mit den Mythen, der außerordentlich flexibel war. raumwissen Unterscheidungen zwischen »Realität« und »Mythologie« tragen demzufolge nicht sehr weit. Schlesier Wir sollten »Mythen« oder Rituale nicht als einen Sonderbereich verstehen, der dem »weltlichen« Leben hinzugefügt wurde. Die »Mythen« waren Erzählungen über vergangene, aber weiterhin aktuelle Wirklichkeiten, vorgetragen und komponiert von Dichtern und Sängern – oder von Bildkünstlern geformt. Man erzählte sich Geschichten, um die Welt zu verstehen und zu deuten. Diese Narrative waren nicht kanonisiert. Oft gerichtet wurden: Jede Polis, die ein solches heiliges Spiel ausrichtete, hatte rechtzeitig, das heißt, mehrere Monate vor Beginn der Agone, eine Abordnung an alle Orte der griechischen Welt zu entsenden, um den genauen Termin – in Abstimmung mit den unterschiedlichen Kultkalendern – bekanntzugeben, um die Bürger der anderen Poleis als Akteure oder Zuschauer dazu einzuladen und nicht zuletzt, um die anderen Stadtstaaten aufzufordern, während der Zeit, welche die Teilnehmer für die An- und Abreise benötigten, einen sakralen Waffenstillstand einzuhalten. Diese und andere Kultpraktiken verknüpften einzelne Punkte der städtischen Topographie zu einem Gewebe und verbanden auf diese Weise auch die Stadt mit der sie umgebenden Landschaft, aber auch verschiedene Städte oder verschiedene Landschaften miteinander. Wir sehen hier, dass Religion, Kultur und Politk in der griechischen Antike nicht voneinander getrennt werden können, dass sie sich gegenseitig durchdringen und dabei den Raum mit Bedeutungen besetzen. raumwissen Wann beginnt das alles? Seit wann ist die griechische Welt so »voll von Göttern«, dass religiöse und politische Raummarkierungen ineinander übergehen? Schlesier Diese Frage lässt sich wohl kaum befriedigend beantworten. Während frühere Forschergenerationen versucht haben, Ursprungstheorien zu entwerfen, sind sich heutige Wissenschaftler weitgehend darüber einig, dass Ursprünge immer Konstruktionen sind. Einigermaßen verlässliches Wissen über die griechische Antike beginnt für uns mit der sogenannten Palastkultur. Während dieser Periode waren Räume durch die Fürstensitze markiert; sie repräsentierten die Machtzentren der mykenischen Kultur.

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handelte es sich um ganz individuelle Deutungen, über die diskutiert wurde. Ebenso eigneten sie sich für die unterschiedlichsten performativen Aktualisierungen in Ritualen. raumwissen Was hat nun das alles mit Raum zu tun? Schlesier Für die antike griechische Religion war die Gestaltung und differenzierte Nutzung aller menschlichen Erfahrungsräume zentral. Zur Kultpraxis gehörten Ortsveränderung und Bewegung. Gingen Götter auf Reisen, mussten Neumarkierungen und Neuverteilungen von kultisch bereits anderweitig markierten Räumen vorgenommen werden. Menschen gingen oft aus religiösen Gründen auf Reisen und transzendierten den Raum durch nicht selten mehrtägige Prozessionen, weil die traditionelle Kultpraxis es von ihnen verlangte. Ein besonders prägnantes Beispiel dafür sind die panhellenischen Feste, die seit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert, also in der Epoche der Entstehung der Polisgesellschaften, ein-

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interview
Ab dem 10. und 9. Jahrhundert verfielen mit den Palästen die Machtzentren, und die Menschen der neu entstehenden Polisgesellschaften sahen sich mit der Frage konfrontiert: Wer garantierte und legitimierte die Raumnutzung, wenn dafür keine Fürsten mehr zur Verfügung standen? So wurden die Götter als primäre Besitzer des Raumes definiert, konnten in dieses politische Vakuum vorstoßen und fortan die Räume in einer Welt markieren, die sie gemeinsam mit den Menschen bewohnten. Die Folgen für die Strukturierung des Raumes waren weitreichend. raumwissen Konnte es bei dieser gemischten und zahlreichen Bevölkerung nicht zu Unübersichtlichkeiten kommen? Schlesier Nach unserem heutigen Verständnis ganz gewiß. Die Raummarkierung halb ging man lange davon aus, ein Heiligtum sei stets für eine exklusive Nutzung durch eine bestimmte Gottheit oder eine bestimmte Polisgemeinschaft aus dem Raum »herausgeschnitten«. Doch so einfach war es nicht. raumwissen »Reisen bildet«, sagt der Volksmund. Die bewegungsintensive Kultpraxis konnte nicht ohne Folgen bleiben für die Art, wie die Menschen sich die Welt anverwandelten. Schlesier Die große Mobilität hatte lebhaften Austausch zur Folge, man lernte voneinander, trug neue Erkenntnisse mit sich, gab sie weiter, erprobte oder überprüfte sie und debattierte darüber. Hier sehe ich auch den Beginn der Bedeutungsverschiebung von »theoria« – was zunächst »Festgesandtschaft« bedeutete – zu dem, was wir heute »Theorie« nennen. Emblematisch für diese Art der Horizonterweiterung durch Reisen ist Odysseus, der gleich zu Beginn der »Odyssee« wie folgt charakterisiert wird: »Von vielen Menschen sah er die Städte und ihre Sinnesart lernte er kennen.« Ein solcher – für alle Griechen modellhafter – Austausch war es auch, der die Verbreitung der neuen, nunmehr Vokale enthaltenden Alphabetschrift vorantrieb, und umgekehrt erleichterte diese erstmals ganz einfach zu erlernende Schrift wiederum die Kommunikation. Außer der Schrift wurden zahlreiche weitere, jeweils neue Kulturtechniken durch Reisen und Austausch vermittelt. Da es keine allgemeinverbindlich sanktionierten politischen bzw. religiösen Autoritäten gab, sondern statt dessen eine Fülle lokal divergierender Rituale, Mythen und Gesellschaftsformen, konnte sich Wissen besonders leicht verbreiten, und

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war oft situativ, dynamisch und sehr komplex. Mitunter konnte ein Weg – manchmal nur für eine bestimmte Zeit – neu markiert werden, weil eine Prozession ihn nutzte oder weil er zu einem bedeutenden Götterfest hinführte. Bei manchen Gelegenheiten waren Zehntausende von Menschen unterwegs und kampierten an Orten, die lange als archäologisch unergiebig galten, weil man keine baulichen Überreste großer Heiligtümer fand. Aber bei genauerer Untersuchung entdeckte man Relikte von Opfergaben, Lebensmitteln, Gefäßen oder anderen Artefakten und weitere Spuren, die eindeutige Merkmale eines – möglicherweise temporären – Kultorts aufwiesen. Unübersichtlich schien auch zunächst der Tatbestand zu sein, dass manche Poleis sich nicht nur Weideland, sondern auch Heiligtümer teilten, wenn sie auf gemeinsam genutztem Gebiet lagen. »Temenos« als Begriff für Heiligtum heißt wörtlich: »der herausgeschnittene Teil«. Des-

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interview
zwar ohne Einschränkung auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen, was wiederum zum Nachdenken über Differenzen und Gemeinsamkeiten anregte. raumwissen Mit der Expansion des Imperium Romanum änderten sich auch in Griechenland die politischen Gegebenheiten grundlegend. Hatte dies auch Auswirkungen auf die Kultpraxis zur Folge? Schlesier Noch während der Pax Romana blieb bemerkenswertwerweise die kultische Selbstständigkeit der Polisgesellschaften und die dafür benömuseum 2009 gezeigt (deren Ergebnisse in einen im Dezember 2011 publizierten Band eingegangen sind). Denn schon die Frage, wie ein Gott wo und wann kontextualisiert wurde, kann man nur gemeinsam beantworten, und dies gilt erst recht für die noch weiter reichende Frage, wie Räume über große Zeiträume hinweg immer wieder neu kultisch erschlossen und markiert wurden. Dass ein Forschungsverbund wie t o p o i dafür die besten Voraussetzungen liefert, ist offensichtlich.

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tigte rituell legitimierte, freizügige Reisetätigkeit von dem politischen Autonomieverlust relativ unberührt, jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als im vierten Jahrhundert das extrem intolerante christliche Weltreich seine religiös begründete Monopolstellung im Abendland errungen hatte. raumwissen »Religion« wird in der topoi -Ausstellung 2012 ein prominentes Thema sein. Wie nähert man sich diesem schwierigen Gebilde? Schlesier Antike Religionsgeschichte ist gerade aufgrund des komplexen Charakters von Religion in der Antike auf die Zusammenarbeit mit vielen Disziplinen angewiesen. Das hat auch unsere internationale Tagung zu Dionysos im PergamonProzession mit Opfer an Athena

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im porträt
»Ich sehe meine Aufgabe durchaus auch darin, mich fragen zu lassen«, sagt der langjährige Direktor der Berliner Antikensammlung und Professor emeritus der Freien Universität Berlin im Fach Klassische Archäologie. Es sind immerhin Jahrzehnte der Erfahrung, die Heilmeyer als Mitglied der Arbeitsgruppe E-CSG-IV »Museen« zur Verfügung stellt. Hier wird zur Geschichte der Präsentation von Antike geforscht, und hier wird ganz konkret eine Ausstellung vorbereitet.

erfahrungshorizont

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Wolf-Dieter Heilmeyer ist Professor emeritus für Klassische Archäologie und war viele Jahre lang Direktor der Berliner Antiken­ am­ lung. In s m t o p o i bereitet er als Mitglied der Arbeitsgruppe »Museums« die Ausstellung »Jenseits des Horizonts« vor, die 2012 im Pergamonmuseum gezeigt wird

Belehrung ist Heilmeyers Sache aber nicht. »Ich bin sehr begierig, Neues zu erfahren, und ich lerne täglich dazu«, sagt er. Das gilt nicht nur für die Konzeption einer Ausstellung, sondern auch für die Entwicklungen in der Forschung selbst: »Die klassischen Archäologen sind in den Altertumswissenschaften nur eine Gruppe unter anderen. In t o p o i erfahre ich etwas über die ganze Summe der Wissenschaft vom Altertum.« Belehrung war auch nicht das Konzept des Direktors der Antikensammlung. »Theodor Wiegand hatte bei seiner Gestaltung der Räume im Pergamonmuseum zwar schon Kontext angeboten. Die Stücke waren nicht mehr nach ihnen fremden Kriterien geordnet und in unübersichtlicher Materialschlacht ausgestellt, wie in den Zeiten davor. Aber der Ton dem Publikum gegenüber war belehrend.« Heilmeyers Museumsgeneration bot dem Besucher quasi Umberto Ecos »offenes Kunstwerk«, das sich erst im Auge des Betrachters vollendet. »Wir haben die Besucher anders als zuvor mit einbezogen«, erzählt Heilmeyer. Und das war noch nicht alles. »Wir wählten auch nicht die ohnehin vorhandenen Stücke als Ausgangspunkt der Ausstellungskonzepte, sondern sichteten die aktuelle Forschung und machten uns auf die Suche nach den dazu passenden Objekten.« Es war der Beginn des

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Es geht nicht nur um Ausstellungserfahrung. Auch nicht nur darum zu wissen, was Praxis und Machbarkeit einer Ausstellung zur Antike sind. Es geht auch darum, einen Paradigmenwechsel zu bewältigen, eine Erfahrung, die Wolf-Dieter Heilmeyer schon einmal erlebt und gestaltet hat. Diese Erfahrung soll nun Eingang finden in die große t o p o i-Ausstellung, die im kommenden Jahr im Nordflügel des Pergamonmuseums die Horizonte erweitern will.

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internationalen Leihverkehrs unter Museen, und es lief älteren Vorstellungen von der Ausstellung als prestigeträchtiger Leistungsschau des je eigenen Hauses diametral entgegen. Mehr als 60 Ausstellungen hat Heilmeyer mitverantwortet. Spektakulär waren »Kaiser Augustus und die verlorene Republik«, 1988 und »Die griechische Klassik – Idee oder Wirklichkeit« im Jahr 2002, beide im Gropiusbau. »Diese Ausstellungen sind Klassiker, und sie sind Geschichte«, resümiert Heilmeyer. »Man würde sie so heute nicht mehr machen.« Heute gilt es, einen neuen Paradigmenwechsel zu meistern. »Wir haben die große Welle der Visualisierungen und Präsentationen in völlig neuen dass in der Betrachtung der ganzen Antike als Wiege der Gegenwart ein ganz konkretes Gesamtkunstwerk entstehen kann. »Die Ausstellung ist natürlich kompliziert«, sagt Heilmeyer. »Aber das hat mich gereizt.« Wie stellt man »Wissen« aus, ohne den Besucher mit Unmengen an »Flachware« zu langweilen? 16 Säle wollen bespielt werden mit Themen wie Mensch und Umwelt, Standardisierung, Maß und Zahl, Schrift und Sprache, göttlichen Himmelswegen, dem Sitz der Seele, den Weltbildern auf der Karte und im Kopf – all das will so präsentiert sein, dass neues Wissen ohne Belehrung entsteht. »Das Schöne ist, dass dies im Museum stattfindet und nicht im Fernsehen«, freut sich Heilmeyer. Bei aller Übermacht elektronischer Medien bleibt doch der Mensch dem Konkreten und Anfassbaren unentrinnbar verhaftet, ist er überzeugt – und neugierig, wie Museumsbesucher des 21. Jahrhunderts, multimediaverwöhnt und ins Monumentale verliebt, zum Beispiel auf Ausstellungsformen des 18. Jahrhunderts reagieren: auf kleine Modelle, welche die Antike auf Tischhöhe zeigen. Neugierig auch, wie gut sich das Objekt – die echte Dreidimensionalität – gegen die scheinbare auf den Bildschirmen und in Visualisierungen aller Art behauptet. »Wir erleben heute eine ganz neue Kollision zwischen Objekt und Flachware.« In diesen Kollisionen, die man in kreativen und sauerstoffreichen Debatten bearbeiten sollte, sieht Heilmeyer das neue Spannungsfeld in der In der topoi -Ausstellung werden die Besucher dazu reichlich Gelegenheit haben. Die Themen sind wie die Arbeit in t o p o i selbst so aktuell, Museumslandschaft. »Visualisierung versus Objektivierung« markiere einen Paradigmenwechsel dieser Zeit, »so wie wir vor Jahrzehnten ge-

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Medien, die uns die Antike als virtuelle Rekonstruktionen von Raum und Zeit präsentieren.« Das Panorama zur Pergamonausstellung 2011 bis 2012 ist ein Beispiel dafür, eines das auch den Skeptiker schließlich überzeugte. »Ich habe anfangs eher am Konzept gezweifelt«, gibt Heilmeyer zu. »Aber ich habe mich überzeugen lassen, dass derart monumentale und multimediale Rekonstruktionen eine phantastische Möglichkeit bieten, antikes Leben für viele Menschen nachvollziehbar zu machen.« Eine Voraussetzung erfolgreicher Vermittlung seien sie indessen nicht, und Heilmeyer zweifelt nicht daran, dass nach wie vor auch die leiseren Töne gehört werden. »Die Menschen konfrontieren ihre eigenen Erfahrungen mit dem, was sie sehen.«

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lernt haben, den Betrachter der Ausstellung ins Geschehen miteinzubeziehen, anstatt ihn zu belehren«. Wie macht man denn nun eine Ausstellung? »Mit guten Gestaltern bekommt man immer eine Linie in die Unübersichtlichkeit und in die Fülle des Stoffs«, weiß Heilmeyer. Außerdem muss man diskutieren … »das geht« … »das geht nicht« … »das muss gehen« … Für besondere Erleichterung bei »Jenseits des Horizonts« sorgt der Charakter von t o p o i,
Der Prähistoriker Oliver Nakoinz, Senior Fellow in t o p o i , will zusammen mit Daniel Knitter eine einfache aber konsistente verallgemeinerte Zentralitäts­ theorie entwickeln Der t o p o i -Stipendiat Daniel Knitter promoviert im Fach Geographie zur Entwicklung prähistorischer Landschaften unter menschlichem Einfluss

allgemeine zentralitätstheorie

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also die Sache selbst. »Früher waren die Disziplingrenzen so starr wie Nationalgrenzen«, erinnert sich Heilmeyer. »Und Übertritte wurden sofort feindlich erwidert.« Heute weiß man, dass die Wirklichkeit sich nicht an Disziplingrenzen hält, dass Themen wie Mensch und Umwelt, göttliche Reisen und irdische Kulturtechniken in allen Arten von Weltbildern nur in gemeinsamer Arbeit erforscht und gezeigt werden können, damit die Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit den Zeugnissen der Antike konfrontieren können. Es geht nicht ums Entweder-Oder, nicht darum, Theorien gegeneinander auszuspielen: zum einen die Zentralort-Theorie des Geographen Walter Christaller, jahrzehntelang ein wichtiges Instrument der Geographie, Wirtschaftswissenschaften und Archäologie, zum anderen die Netzwerktheorie, die dem Christallerschen Denken in vertikalen Hierarchien eine horizontale, quasi »demokratische« Sichtweise entgegenstellte. »Man sollte diese Theorien zusammenführen«, sagt Oliver Nakoinz, Senior Fellow in t o p o i. Zusammen mit seinem Kollegen, dem Geographen und t o p o i-Stipendiaten Daniel Knitter, obliegt ihm in der Forschungsgruppe A-I-21 »Systemic Analysis« die Aufgabe, die Ergebnisse der Forschungsgruppe A I »Zentralorte und ihre Umgebung« zusammenzuführen, um daraus innovative theoretische Grundlagen für die weitere Forschung zur Organisation von Siedlungsräumen zu entwi-

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ckeln. Sie wollen eine »einfache aber konsistente verallgemeinerte Zen­ tralitätstheorie« erarbeiten, welche die Konzepte der Zentralität bei Christaller und der Netzwerkzentralität umfasst. Außerdem soll sie in unterschiedlichen Disziplinen anwendbar sein und als Grundlage für empirische Analysen dienen können. »Wir versuchen, eine erneuerte Fassung von Christallers Theorie mit modernen Netzwerktheorien und den theoretischen Strängen der Zen­ tralortforschung in der Archäologie der letzten Jahrzehnte zusammenzuführen und auszumachen, welche Anwendung wo sinnvoll ist«, beschreiben die Forscher ihr Vorgehen. »Denn es gibt ja zentralörtliche Funktionen, es gibt aber auch Netzwerke«, sagt Nakoinz. Das Ziel ist, definieren zu können, wie Zentralorte hierarchisch, territorial und wirtprogramms 1171 »Frühe Zentralisierungs- und Urbanisierungsprozesse.« 2010 habilitierte er sich mit »Siedlungshierarchien und kulturelle Räume der älteren Eisenzeit in Süddeutschland. Archäologische Kulturgeographie« in Kiel. Daniel Knitter promoviert in der Arbeitsgruppe »Systemic Analysis« mit Blick auf die Entwicklung prähistorischer Landschaften unter menschlichem Einfluss. Seine Arbeit trägt den Titel: »Parametrisierung natürlicher Standorteigenschaften Zentraler Orte und ihres Umlandes: Standortmodellierung«. »t o p o i schafft einen Rahmen, Untersuchungen zu Interaktionen im Kulturraum mit den notwendigen Grundlagenarbeiten der Geographen zusammenzuführen und die Verständigung für die notwendige Kooperation zu erleichtern.« Auch Oliver Nakoinz schätzt die »topologischen« Errungenschaften in dieser Hinsicht: »Ich komme ursprünglich aus der Physik, und die Sprache der Geisteswissenschaften ist doch sehr anders«, erzählt er, »Aber das ständige Gespräch über Fächergrenzen hinweg erweitert den eigenen Horizont, und in dieser Beziehung hat man im Cluster sehr viel mehr erreicht als bei anderen Versuchen dieser Art«, findet er. Kein Fach allein kann ein so komplexes Gebilde wie einen Zentralort erklären, wissen die Forscher. »Wir können die Bedeutung von Objekten nicht ermitteln, wenn wir den Kontext nicht kennen«, sagt der Prähistoriker. »Ein Goldfund sagt uns etwas über die Elite einer Gesellschaft, aber nicht viel über die ganze Gesellschaft.« Hier kann die Geographie an die Seite der Archäologie treten: »Rekonstruktionen antiker Landschaften können hier Aufschluss geben«, weiß der Geograph. Sie können dem

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schaftlich funktionieren. Dazu sichten sie die Ergebnisse der zahlreichen Einzelprojekte in A I, die fast über das ganze geographische t o p o i-Universum verteilt sind: von Italien bis Kasachstan, von Serbien bis ans Schwarze Meer, im Harz und in Rumänien, in Syrien, Jordanien und Ägypten und in der Türkei. Wie arbeiten ein Prähistoriker und ein Geowissenschaftler bei so einem Projekt zusammen? »Die Klammer ergibt sich durch ähnliche Fragestellungen«, sagt Nakoinz. »Wir bewegen uns beide an der Schnittstelle zwischen Natur- und Geisteswissenschaften«, fügt Knitter hinzu, der als Geograph eher die naturräumlichen Sachverhalte in den Blick nimmt, während Nakoinz vor allem den Kulturraum untersucht. Oliver Nakoinz wurde in Kiel mit einer Arbeit unter dem Titel »Studien zur räumlichen Abgrenzung und Strukturierung der älteren HunsrückEifel-Kultur« promoviert und war u. a. Mitglied des DFG-Schwerpunkt-

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Puzzle, dessen Teile auf den ersten Blick nie zusammenpassen, neue Mosaiksteine hinzufügen, können zusammen mit der Archäologie die Fragen nach den Impulsgebern unter den bekannten Orten beantworten, können die geographischen Besonderheiten von Prestigefundorten ermitteln, Handelswege mit geographischen Gegebenheiten abgleichen und Fragen nach der möglichen Überlagerung bestimmter politischer, kultureller oder wirtschaftlicher Territorien klären. Voraussetzung für den Forschungserfolg ist, nicht allzu linear zu denken: »Bei Christaller versorgt das Zentrum die Peripherie, was man so ja heute nicht mehr sieht«, erklärt Nakoinz. »Das heißt aber nicht, dass es diese Art von Versorgung nicht gegeben hätte. Tatsächlich ist aber Zen­
Tilmann Vachta promoviert im Fach Prähistorische Archäologie zu bronzezeitlichen Hortfunden in Böhmen. Er ist Mitglied der Forschungsgruppe C III »Acts«

heilige depots daniel neumann und tilmann vachta erforschen bronzezeitliche hortfunde

Im Großbritannien des Industriezeitalters galten bronzezeitliche Hortfunde als versteckte Lager von Schmieden oder Händlern, die später aus unbekannten Gründen nicht mehr zugänglich waren. Im Deutschland der 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts bevorzugte man eine Interpretation, derzufolge Hortfunde Krisenverstecke seien. Ihre Häufung zu bestimmten Zeiten spräche für Zeiten der Kriege und Unruhe. Die Skandinavier waren sich des kultischen Charakters der Depots stets sicher. Schließlich lagen in ihren Forschungsgebieten die meisten Hortfunde im Moor, für alle Zeiten unzugänglich und also für den menschlichen Gebrauch verloren. »Verschiedene Zeiten und Kulturen haben ihre spezifischen Interpretationen zu Phänomenen der Vergangenheit,« erklären Daniel Neumann und Tilmann Vachta. Die beiden Prähistoriker sind seit 2008 Mitglieder

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tralität nun anders als bei Christaller nicht nur ein Transfer von Wirtschaftsgütern an die Peripherie. Wir definieren Zentralität vielmehr auf der Basis des Interaktionsbegriffs.« Dabei verstehen die Forscher die Intensität von Zentralität als eine Konzentration von Interaktion und Zentralorte als Bereiche hoher relativer Interaktionsknotendichte. Weitere wichtige Facetten sind dabei die Reichweite, die Hierarchisierung und die Interaktionskontrolle. »Die Versorgung mit Gütern der Theorie Christallers wird also durch allgemeine Interaktionen ersetzt«, fasst Nakoinz zusammen. »Damit erweitern sich Geltungsbereich und Anwendbarkeit der Theorie, die nun auf netzwerktheoretischen Grundlagen aufbauen kann, ohne den Einschränkungen der Netzwerkanalyse unterworfen zu sein.« Und das Entweder-Oder früherer Zeiten hat sich erledigt.
Daniel Neumanns Fach ist die Prähistorische Archäologie. Er promoviert zu bronzezeit­ lichen Hortfunden im östlichen Alpenraum. Er ist Mitglied der Forschungs­ gruppe C III »Acts«

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der Forschungsgruppe C III »Acts – Sacred Spaces, Sacred Landscapes« in t o p o i. Ihr Forschungsgebiet: bronzezeitliche Hortfunde. Neumann schreibt seine Dissertaion über Depots im östlichen Alpenraum, Vachtas Dissertation behandelt Funde in Böhmen. Sie arbeiten zusammen, diskutieren viel, profitieren voneinander. Dabei waren es ganz unterschiedliche Motive, die sie zu ihrem Forscherleben geführt haben. »Ich hatte durchaus romantische Vorstellungen von der

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Archäologie«, schmunzelt Neumann. Wikinger, Hügelgräber und Geheimnisse wiesen den Weg in die Wissenschaft. Ernüchterung? »Nein, keine.« Er sieht sich als Grabungsarchäologen, aber es sind nicht die Schätze, die ihn reizen. »Es ist die Faszination des Unbekannten.« »Bei mir stellte sich die Frage gar nicht, ob ich jemals etwas anderes als Archäologie studieren würde«, sagt Tilmann Vachta. Schon seine Magisterarbeit war bronzezeitlichen Hortfunden gewidmet. Dabei ist das Graben für ihn eher Mittel zum Zweck. Er ist fasziniert von den Realien der Bronzezeit. »Ich finde die Bronzen einfach schön.« Das »stille Kämmerlein« ist nicht unbedingt der bevorzugte Aufenthaltsort der beiden Archäologen, weder an ihrem Arbeitsplatz in der EurasiHortfunde üben schon lang eine große Anziehungskraft auf die Forscher aus, haben die beiden festgestellt. Tatsächlich geht von diesen erlesenen und rätselhaften Sammlungen von Schmuck, Gerät, Waffen und Kultobjekten eine große Faszination aus. Und es wird wohl immer rätselhaft bleiben, warum das Niederlegen dieser Schätze mit der Bronzezeit beginnt und mit ihr auch wieder endet. Doch es war genau diese Tatsache, die viele der älteren Interpretationen ins Wanken brachte, die das Zustandekommen der Depots mit Ereignissen wie Krisen, Handel oder Diebstahl in Verbindung brachten. Diese Theorien standen auch deshalb nicht auf robusten Füßen, weil man sich den Inhalt und die Zusammensetzung der Depots nicht genau angesehen hatte. Genauere Analysen, die sich in der jüngeren Forschungsgeschichte immer mehr durchsetzten, zeitigten jedoch Überraschungen: »Die Zusammensetzung der Depots ist nicht so wahllos oder zufällig, wie es bisweilen den Anschein hat«, sagt Tilmann Vachta. »Sie haben eine interne Syntax, eine Struktur.« Dieser Tatsache wurde so lange wenig Beachtung geschenkt, wie es üblich war, die Alten zu unterschätzen, weil sie alt waren. Als man 1999 als Teil eines Hortfundes die Himmelsscheibe von Nebra fand und die Untersuchungen ihre kultisch-astronomische Bedeutung zeigten, konnten frühere Debatten beendet werden. Der spektakuläre Fund der ältesten bekannten Kosmosdarstellung der Welt löste eine Welle neuer Forschungen aus und mit ihr entstanden ganz neue Fragen. sie. Aber ohne einen Rahmen wie t o p o i, in dem so etwas wie in einem selbstorganisierenden System funktionieren kann, wird es kaum gelingen. »Verordnen kann man es nicht«, sind sie überzeugt.

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en-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) noch in topoi. »Wir profitieren enorm von den Treffen mit den anderen Graduierten«, sagen sie. »Man lernt unendlich viel«, und die Möglichkeit, seine Ideen vor Fachfremden zu entwickeln, betrachten sie als willkommene Herausforderung: »Man spricht nicht nur sehr klar, man ordnet auch die Gedanken.« Gelegenheit in ganz großem Rahmen hatten sie dazu beim ersten internationalen Workshop » Hort und Raum«, den sie 2009 organsierten. Den zweiten, »Raum – Gabe – Erinnerung« führten sie im November 2011 wieder zusammen mit ihren Doktorvätern Svend Hansen, topoi-Mitglied und Leiter der Eurasien-Abteilung des DAI (siehe Raumwissen 1-2011, S. 36) und Michael Meyer, dem FU-Sprecher von topoi durch (siehe Raumwissen 3-2010, S. 32 u. 42). Ohne die Gespräche über Fächergrenzen hinweg sei moderne Forschung nicht mehr machbar, schon gar nicht in der Archäologie, finden

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Die spielen natürlich auch in topo i eine prominente Rolle, doch hier geht man im Vergleich zur bisherigen Forschung einen Schritt weiter. »Bislang ging man immer von den Objekten aus«, erklärt Vachta. »In unserer Arbeit stehen besonders die Fundorte und ihre topographischen Kontexte im Vordergrund, denn dazu gibt es bislang kaum ausführliche Untersuchungen.« Daniel Neumann warnt allerdings vor einer unterschätzten Gefahr: »Beim Thema Landschaft kann man als Archäologe leicht in eine methodische Falle tappen, wenn man topographisch auffälligen Plätzen von vorneherein besondere, womöglich romantisch überhöhte Eigenschaften zuschreibt.« – »Die Plätze sind nicht per se ‚heilig’, fügt Vachta hinzu. »Erst sakrale Handlungen wie Hortniederlegungen liefern Hinweise beim Dorfschmied. Mittlerweile droht den Horten eine noch größere Gefahr: Sondengänger, Leute mit Metalldetektoren und gelegentlich krimineller Energie, reißen aus der Erde, was ihnen wertvoll erscheint – solche Funde bekommt die Forschung häufig gar nicht zu sehen. Die Fundgeschichte des Hortes von Nebra zum Beispiel ist nicht nur die Geschichte einer Forschungssensation, sie ist auch ein echter Krimi ... Wie aber kann man dann noch den nötigen Kontext herstellen, um zu einigermaßen robusten Interpretationen zu kommen? »Wir können Kontext nach dem Gesetz der großen Zahl herstellen«, sagt Vachta. Durch die Untersuchung möglichst vieler Komplexe tragen die beiden Informationen zusammen, die es erlauben, neues Licht auf eine alte Gruppe einst rätselhafter Quellen zu werfen.

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auf eine besondere Bedeutung, die solche Orte für die Menschen der Bronzezeit hatten.« Allerdings gibt es an bestimmten exponierten Orten Konzentrationen von Funden, wissen die Forscher. Das könnte These Nummer eins bestätigen. »Doch wie erklärt man die unbedeutenden Fundorte?«, gibt Neumann zu bedenken. Es ist wie die Frage nach der Henne und dem Ei, die als Forschungsfrage leicht in einen Zirkelschluss mündet. »Hortfunde sind nicht von spektakulären Ruinen umgeben, sie liegen einfach in der Erde, passen in einen Topf und wurden zumeist per Zufall gefunden. Und wenn die Ausgräber kamen, war der Kontext schon unwiederbringlich verloren und die Funde in alle Winde verstreut«, schildern die Prähistoriker eine weitere Schwierigkeit bei der archäologischen Spurensuche. Allzuoft landeten die Funde beim Schrotthändler oder

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hinter den kulissen fäden zusammenhalten die koordinatorinnen und koordinatoren in topoi
Für Sandra Feix ist die Entscheidung klar. Sie hat sich auf Projektmanagement in der Wissenschaft spezialisiert. »Es macht mir großen Spaß, im Hintergrund die Fäden zusammenzuhalten.« Das muss sie tun, wenn es darum geht, für Area B Konferenzen zu organisieren, Fellows zu betreuen oder bei Publikationen Schnittstelle zwischen Herausgeber, Verlag und Autor zu sein. »Es kann sehr hilfreich sein, aus einem Ohne ihre Arbeit könnte ein ein so großes Projekt wie t o p o i nicht funktionieren. Manche ihrer Tätigkeiten laufen fast unbemerkt im Hintergrund ab, als Ansprechpartner für Topologinnen und Topologen sind die Koordinatorinnen und Koordinatoren der Areas oder Stipendiatengruppen unverzichtbare Ermöglicher der Forschung, trouble shooter, Organisatoren oder Schnittstellenaktivisten – und alle selbst Mitglieder von der Fächer des t o p o i-Universums zu stammen«, – ihre Fächer sind Klassische Archäologie, Alte Geschichte und Religionswissenschaft. Und manche der Forscher beruhigt es auch. »Es ist aber keine zwingende Voraussetzung«, meint sie mit Blick auf die Art ihrer Arbeit. »Dafür sind in t o p o i einfach zu viele Fächer vertreten.« Der Arbeitsalltag ist geprägt von Anfragen aus der Area: »Wie stelle ich einen Antrag?« »Wie organisiere ich eine Tagung?« Finanzielle AngeleSandra Feix

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topoi.

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genheiten müssen vorgeklärt werden, das Catering ist zu organisieren, Einladungen müssen verschickt werden und viele andere Dinge wollen erledigt sein, für Publiktionen müssen Manuskripte durchgesehen und bearbeitet werden. Gefragt nach den unverzichtbaren Eigenschaften des Koordinators, sagt sie: »Man braucht vor allem Geduld, Organisationstalent und manchmal auch das nötige Fingerspitzengefühl.« Akademische und verwaltungsnotwendige Arbeitsabläufe halbwegs zu synchronisieren, ist nicht immer leicht. Und Verwaltungsarbeit ist bei Vielen nicht sehr beliebt, auch wenn die Einsicht in die Notwendigkeit am Ende siegt. Die schönen Momente? »Wenn am Ende alles klappt, wenn eine Konferenz ein Erfolg war oder das Buch erschienen ist.«

hinter den kulissen
»So etwas wie einen normalen Tag gibt es nicht«, sagt Elke Kaiser, die eine Stipendiatengruppe in der Forschungsgruppe A II leitet und koordiniert. Ein Tagungsband muss vorbereitet werden, Disputationen stehen auf dem Programm, eine Flut von Mails will beantwortet werden, ständig steckt jemand den Kopf zur Tür herein … »Da bleibt oft nicht viel Zeit für die eigene Arbeit.« Doch alles in allem liegt bei der Prähistorikerin das Gewicht auf der wissenschaftlichen Arbeit, auch bei den Koordinierungsaufgaben. Sie reiste den Stipendiaten in die Steppe voraus, organisierte die Probungen, holte die Proben schließlich selber ab. »Eine turbulente Zeit«, erinnert sie sich. Geduld wäre eine prima Eigenschaft für den Job, weiß sie. »Aber die Jan Krause tut gern, was er tut. »Natürlich werden diese Arbeiten als selbstverständlich angesehen«, sagt er. »Aber das ist der Job.« In der Area A läuft das Allermeiste, wie man sich das wünschen sollte, findet er. Immerhin gibt es einen »großen Blumenstrauß« verschiedener Fächer und Typen, die nicht immer leicht unter einen Hut zu bringen sind. Krause macht die Finanzverwaltung für A I, muss Geräte verwalten und hat mit einer großen Anzahl Graduierter zu tun, die oft sehr verschiedenartige Bedürfnisse haben. »Man muss schon kommunikativ sein«, weiß er. Und gegen Depressionen hilft ein gesunder Pragmatismus und die freie Luft der geowissenschaftlichen Arbeit. »Bei all der Arbeit ist es schon ein Luxus, wenn ich mal rauskomme und mit den Stipendiaten ins Feld gehen kann.« Und die haben tausend Fragen ... an den Koordinator und an den Forscher.
Jan Krause

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habe ich nicht.« Unverzichtbar sei aber vor allem die Fähigkeit, WichtiElke Kaiser

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ges von Unwichtigem unterscheiden und das dann auch kommunizieren zu können. Denn: »Darüber kann man in einer Gruppe durchaus geteilter Meinung sein.« Ansonsten arbeitet man in der Forschung häufig Hand in Hand und möglichst auf gleicher Augenhöhe. »Ihre« Stipendiaten kommen aus verschiedenen Ländern und sind abgesehen von kleineren kulturellen Unterschieden recht selbstständig. »Sie sind gut in ihrer Arbeit und ziemlich selbstbewusst«, freut sich ihre Koordinatorin.

»Manchmal hat man ein paar Baustellen zu viel«, sagt der Geowissenschaftler. Dann kommt die eigene Forschung ein bisschen zu kurz. Jeder Versuch, Zeitbudgets zuzuweisen, ist jedes Mal eine Herausforderung, der er sich aber gerne stellt. Sein »Hauptfach« aber bleibt die Geoarchäologie. »Da werden immer noch neue Fragen kommen.«

hinter den kulissen
Seit 2008 ist sie bei topoi , hat bislang die Forschungsgruppe E 1 koordiniert und am Projekt selbst mitgearbeitet. Sie vertritt seit Kurzem Stephanie Schabow und koordiniert nun zusammen mit Judith Esders* die Area B. Carmen Marcks-Jacobs hat Erfahrung mitgebracht, denn schon an der Uni Köln hatte sie bei einer Assistenzvertretung mit einer Mischung aus Verwaltung und Forschung zu tun. »Man sollte nicht darauf hoffen, nur Wissenschaft betreiben zu können«, ist sie überzeugt. Andererseits ist der persönliche Kontakt, den sie als Koordinatorin zu Stipendiaten und Fellows hat, ein wunderbarer Teil der Arbeit. »Es ist schön, wenn ich helfen kann, Probleme zu lösen.« Und diejenigen, die davon profitieren, wissen ihre Arbeit sehr zu schätzen, hat sie immer wieder erfahren. Die Klassische Archäologin schätzt das große Fächerspektrum Henrike Simon wechselt zwischen den Welten. Als Ägyptologin arbeitet sie, abgesehen von ihrer Lehrtätigkeit am Ägyptologischen Seminar der Freien Universität Berlin, an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Datenbankprojekt »Corpusgestaltung und corpuslinguistische Recherche« (C-I-1). Zugleich ist sie Wissenschaftsmanagerin: Sie ist Koordinatorin der Area C, organisiert hier Workshops, erledigt administrative Aufgaben und pflegt die Literaturdatenbank. Auch die Betreuung der Fellows und Stipendiaten gehört zu ihren Aufgaben. Die Vorteile der aktiven wissenschaftlichen Zugehörigkeit zum Cluster liegen daher für sie auf der Hand: »Man versteht, worauf es den Kollegen ankommt und wie sie arbeiten«. Die Koordinatorin, die sich stets im Bereich Wissenschaftsmanagement weiterbildet, betreut seit Oktober 2011 auch das Graduiertenprogramm »Ancient Languages and
Henrike Simon

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in topoi. »Es wird viel diskutiert, und man profitiert voneinander.«
Carmen Marcks-Jacobs

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Darüber hinaus findet sie den Wechsel zwischen ihrer Forschung und der Koordinationsarbeit sehr angenehm. Da ist es leichter, Nerven zu behalten, wenn einmal wieder kurz vor der Konferenz, die man mit großem Aufwand auf die Beine gestellt hat, einige E-Mails auf sich warten lassen …

Texts« (ALT) an der Berlin Graduate School of Ancient Studies des Berliner Antike-Kollegs. »Wenn man sich in der Forschungslandschaft auskennt, kann man manchmal besser argumentieren und auch besser abschätzen, wie man bei der Verwaltung üblicher Vorgänge den Rahmen des Möglichen sinnvoll nutzen kann. Für mich ist die Kombination aus Forschung, Lehre und Koordinationsarbeit ideal.«
H.S.

* Judith Esders und andere werden in einer weiteren Runde vorgestellt.

hinter den kulissen
Tim Wagner ist seit 2008 bei top o i. Zu seinen wissenschaftlichen Schnittstellenaufgaben gehört zum Beispiel die Koordination der Research Area D; in der Topoi-Verwaltung für die HU ist er für die Öffentlichkeitsarbeit und den Internetauftritt verantwortlich. »Ich fand und finde es spannend, bereits bestehende Kooperationen und Projekte an der HU mit den neuen Fragestellungen des Clusters zusammenzuführen und die organisatorische Basis dafür zu schaffen.« Dass man seine Arbeit nicht immer auf den ersten Blick sieht, findet er durchaus gut. »Verwaltung darf kein Selbstzweck sein, und manche Kollegen nehmen es durchaus wahr, dass bei t o p o i viele Dinge schnell und unkompliziert organisiert werden können und freuen sich darüber.« Auch darüber, dass sie einen Ansprechpartner und einen Konferenzorga-

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nisator haben oder jemanden, der sie bei der Herausgabe eines SamTim Wagner

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melbandes unterstützt. Bei allem hilft die genaue Kenntnis der Forschung der Kolleginnen und Kollegen, mit denen der Philosoph gern philosophische oder philologische Fragen diskutiert. »In Area D wird in vielen Gruppen mit theoretischen Texten gearbeitet, deren Textgestalt, Überlieferung, historische und systematische Einbettung und Interpretation in der Forschung umstritten sind.«

topoi vor ort zentralort der grosse sitzungs- und vortragsraum im topoihaus in der hittorfstrasse

Keramik spielte jüngst eine vielsprachige Rolle auf dem Fischgrätparkett des Topoi-Hauses in der Hittorfstraße. Kann sie identitätsstiftend sein, fragten sich internationale Gäste einer großen Konferenz. Von »Zeiten des Wandels«

Berühmte Gäste hat der Raum auch schon schon gesehen, Leute, die souverän und geübt bahnbrechende Vorträge halten, aber auch Anfänger, die sich vor lauter Lampenfieber am Pult festhielten oder ihre Power-Point-Präsentation anstarrten. Und an manchen Tagen empfängt der Raum eher seltenen Besuch sehr gemischten Alters. Dann ist in der Regel Lange Nacht der Wissenschaften, und der Tempel der Gelehrsamkeit verwandelt sich in einen Jahrmarkt des Wissens mit heiteren Belehrungen, methodischen Praktika und anschaulichen Modellen. Die Keramik dient weniger der Identitätsfindung als vielmehr der Verköstigung der Gäste, deren Liebe zu den Altertumswissenschaften auf jede nur erdenkliche Art bestärkt werden soll.

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in sehr früher Zeit im Nahen Osten und in Südost-Europa war die Rede – nur ein paar Tage später. Vorträge und Demonstrationen zu aktuellen Entwicklungen in fachspezifischer Informationstechnologie oder »Archäoinformatik« zeigen, dass die Altertumswissenschaften sich nicht nur in der Vergangenheit bewegen, sondern sich für ihre Forschung modernster Methodik bedienen. Gelehrte Lesezirkel treffen sich hier, um neueste Fragen zu beantworten, Erkenntnisse zusammenzuführen oder neue Diskurse in die Welt zu tragen.

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topoi to go zentralort II ... oder der »würdige mittelpunkt«
Schinkels Meisterwerk war bei weitem nicht der einzige Nachkomme. In Berlin gab es bereits ein Jahrhundert vor dem Bau des Alten Museums eine prominente Nachahmung in der Anlage der St. Hedwigs-Kathedrale mit ihrer mächtigen Kuppel, nur ein paar Schritte vom Alten Wie so vieles in diesem Heft ist auch Schinkels »würdiger Mittelpunkt« voll von Göttern, der Mittelpunkt, »welcher das Heiligtum sein muss, in welchem das Kostbarste bewahrt wird«. In der Rotunde im Berliner Alten Museum sind es andere Götter als im römischen Museum entfernt. Im 18. Jahrhundert kommt kein Englischer Landschaftsgarten ohne Pantheon aus, und in Paris wird das ursprünglich als Kirche geplante Panthéon nach der Revolution eine nationale Ruhmeshalle, in der die irdischen Götter Frankreichs begraben liegen.

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Pantheon, das dem Baumeister als Vorbild diente. 1981 wurden sie anlässlich des Schinkeljubiläums wieder aufgestellt, und es bleibt bis heute rätselhaft, von wem und nach welchen Gesichtspunkten die Götterversammlung für das Hauptgeschoss der Rotunde zusammengestellt wurde. Im Pantheon des Apollodorus von Damaskus, das zu Beginn des zweiten Jahrhunderts nach Christus in Rom erbaut wurde, ist dafür umstritten, wer mit »Alle Götter« gemeint war. Der Kuppelbau, der als am besten erhaltenes Bauwerk der römischen Antike gilt, hatte enormen Einfluss auf die Architektur der Neuzeit – Während das römische Vorbild eine katholische Kirche wurde (609), war Schinkels Rotunde immer ein »Heiligtum« der Kunst, das den Besucher einstimmen soll auf das, was ihn noch erwartet. Mit ihrer Höhe von 23 Metern, einem von 20 korinthischen Säulen getragenen Gale­ rie­ ing und voll von Göttern weckt sie Ehrfurcht, r Staunen und den Wunsch nach Mehr, ganz im Sinne ihres Schöpfers: »Erst erfreuen, dann belehren.«

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impressum
Herausgeber:

3. Jahrgang / 3–2011 ISSN 1869-7356

Exzellenzcluster 264

topoi

The Formation and Transformation

of Space and Knowledge in Ancient Civilizations

Konzept, Text und Redaktion: Susanne Weiss – (030) 31 01 27 55 www.wortwandel.de

Gestalterisches Konzept, Layout und Satz: HeilmeyerundSernau www.heilmeyerundsernau.com

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Druck: H. Heenemann GmbH & Co. KG Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin www.heenemann-druck.de

Vertrieb:

topoi Geschäftsstelle FU
Hittorfstr. 18, 14195 Berlin Tel.: (030) 83 85 72 71 sekretariat@topoi.fu-berlin.de

top o i Geschäftsstelle HU
Hannoversche Straße 6, 10099 Berlin Tel.: (030) 20 93 990 73 ursula.mueller@topoi.org

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