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Periodical volume

Full text: Raumwissen Issue 2011,2

r a u m w i s s e n 02.11

02.11

topoi

ISSN 1869-7356

excellence cluster

topoi

editorial Säulen im Regierungsbezirk, in der Universität oder am Bahnhof, Götter liebe leserin und Genien an jeder Ecke, Obeliske auf dem Theater und die Skulptur lieber leser im Vorgarten oder im Treppenhaus … Die Antike hinterlässt Spuren, die
der Bewohner einer europäischen Stadt wegen ihrer selbstverständlichen Gegenwart kaum noch wahrnimmt – es sei denn, er geht ins Museum, an den Ort also, an dem sich die Antike bei absichtsvoller Betrachtung der Originale zu einem einzigartigen Erlebnis verdichtet. In topoi erforschen Arbeitsgruppen verschiedener Disziplinen und Institutionen in Theorie und Praxis, welchen Weg die Präsentation der Antike vom anrührenden Modell auf Tischhöhe zur atemberaubend monumentalen Raumfiktion nahm und wie Säulen, Skulpturen und andere antike Schätze aus einer ihnen fremden Systematik zurückfinden in eine »natürliche« Umgebung (»Forschung«). Dem wissenschaftlichen Nachwuchs sind wie stets einige Porträts gewidmet und diesmal auch ein besonderer »Fokus« zu einer etwas anderen Graduiertenschule. Im Namen des Vorstandes von top o i wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre Prof. Dr. Friederike Fless  Prof. Dr. Gerd Graßhoff  Prof. Dr. Michael Meyer Ein Hinweis in eigener Sache: Nach dem Wechsel von Friederike Fless an die Spitze des DAI und der Neu­ besetzung der Sprecherpositionen in to p o i (wir berichteten), werden von nun an Gerd Graßhoff (HU) und Michael Meyer (FU) im Turnus die Auf­ gaben des Herausgebers von Raumwissen übernehmen.

inhalt
04 kurz gefasst 06 ansichten Die Lange Nacht der Wissenschaften	 Grabungskampagnen, Spezereien und fliegende Augen Eine kleine Bildergeschichte 10 fokus Bildungsreform Die Berlin Graduate School of Ancient Studies – die etwas andere Graduiertenschule 			 16 forschung 17 19 23 29

im kleinen und im ganzen
die antike auf und hinter den kulissen
Zauberwort Kontext Das Berliner Skulpturen-Netzwerk Das Maß der Antike im Auge des Betrachters Vom Korkmodell zum Monument Pergamon reloaded Reise ins Jahr 129 Jenseits des Horizonts Das topoi -Universum im Museum	

36 interview

Mit Andreas Scholl Über Berliner Antike, Showtime und Forschung

Berliner Antike – Schönheit und Wissen Die Schätze der Vergangenheit ziehen jährlich Millionen in die Berliner Museen, die Berliner Forschung zum Thema genießt das höchste internationale Renommee. Foto: Laurentius

inhalt
44 im porträt Westfälische Archäologin mit Hang zum Pragmatismus Friederike Fless, Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts 49 Himmel und Hölle Maximilian Benz, Altgermanist und Latinist im »topologisch« erzählten Jenseits 52 Der Weg der Spolien in den Petersdom Bernhard Fritsch, Archäologe mit einem Faible für Baugeschichte 55 Die Landschaft von Pergamon Steffen Schneider, Geograph mit Gespür für Nachhaltigkeit 	 62 hinter den Die Ordnung der Daten Ein IT-Kompetenzzentrum für die Altertums­ wissenschaften 68 topoi vor ort 71 Nerik! 	 Das fliegende Auge von t o p o i

kulissen

topoi to go

72 impressum
f o t o n a c h w e i s : S. 10, 11, 15, 49, 53 Wannenmacher; S. 16, 17, 26, 27, 28 Laurentius, S. 18, SPK-SMB, DAI, S. 19 FU, Institut für Klassische Archäologie, S. 21 o. 23, 25 SPK-SMB, 22 1) Howard Nelson, Roma Antica made by Italo Gismondi; 2) Rome et l’architecte. Presses Universitaires de Caen, 2005, fig. 95, p. 165; S. 24 Schneider, S. 32 Museum für Vor- und Frühgeschichte, S. 34 li. British Museum London, re. Pergamonmuseum SMB, S. 35 li. Agoramuseum Athen, re. Moede, S. 45 Lejeune, S. 63–67 1) Laurentius 2) Nationalmuseum Athen inv. 14470, 3) Maarten van Heemskerck, Album I, fol. 6r, 4) FMI der FU, 5) Moede, 6) Museum für Vor- und Frühgeschichte SMB, 7) DAI, 8) FU Geowissenschaften 9) DAI, 10) BBAW, 11) Polla, 12) DAI, S. 68 Heiner Straesser-www.derPanoramafotograf.com

kurz gefasst
Die Lange Nacht der Wissenschaften Die Lange Nacht der Wissenschaften bei t o p o i gehört noch zu den Youngstern im Geschäft, aber sie ist schon eine der erfolgreichsten. Kein Wunder, denn nicht die Flachware manch anderer Disziplinen gibt’s hier zu betrachten. Vielmehr wird Hand angelegt, werden die Themen nicht (nur) mit Gedankenkraft, sondern auch mit Spaten und Kelle vertieft, das Feuer ist wirklich Feuer, und der Luftraum über Dahlem hallt wider vom Geräusch topologischer Flugobjekte. (siehe »top o i to go«, S. 71)

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Am 28. Mai füllten sich Haus und Garten der Dahlemer t o p o i-Zentrale mit Neugierigen aller Altersstufen, bereit, sich auf Abenteuer namens »Lost in Space« oder »Lost in Taste« einzulassen. Ersteres war geistige Nahrung auf der »Weihrauchstraße«, an »Orten der Erinnerung«, auf »Lepsius’ Spuren im Sudan«, auf »Antiken Straßen in Griechenland« und folgte schließlich »The Lost Roman« auf dem Weg zum »Kaiser und seiner Stadt«. Lost in Taste bot dann eher Dinge aus der Gruppe »römische Dekadenz« – schmackhaft und reichlich von allem, antik und neuzeitlich, wie

Soeben erschienen Syro-Hittite Monumental Art and the Archaeology of Performance heißt der neueste Band aus der deGruyter-Reihe »topo i . Berlin Studies of the Ancient World«. Autorin ist Alessandra Gilibert, die hier ihre Dissertation veröffentlicht. Die zeremoniellen Zentren des syrisch-hethitidie Bratwurst einer rezenten Kultur in Thüringen bewies. Die Altertumswissenschaften boten alles auf, was zu einer gelingenden Nacht beitragen konnte. topoi mit seinen »Trägerinstituten«, zu Gast war das Deutsche Archäologische Institut, das wegen Bauarbeiten im eigenen Hause die »DAI -Straße« im topoi-Garten aufbaute, Forscherinnen und Forscher aus fast allen Disziplinen, ungewöhnliche Vorträge, die das Publikum ansprachen, anstatt an ihm vorbeizureden und eine Vorrichtung für die Umwandlung überschüssiger kindlicher Energie in Forschungsergebnisse. Nach und nach konnte so durch die unermüdliche Arbeit des wissenschaftlichen Nachwuch- Weitere Nachrichten aus t o p o i finden Sie in ses der Grundriss eines antiken Gebäudes frei- Neotopia. gelegt werden … www.topoi.org/images/pdf/Neotopia/ neotopia_topoi-newsletter2010-05.pdf schen Stadtstaates (1200–700 v. Chr.) waren mit großen figurativen Reliefs reich verziert, und die Autorin untersucht, wie diese Monumentalkunst als Kulisse für Rituale genutzt wurde. Der erste Teil des Buches ist den archäologischen Fundorten Karkemi und Zincirli gewidmet; der zweite Teil behandelt die Einbettung der Monumentalkunst in rituelle Zeremonien und untersucht die Fragen, wie die Veränderungen in der Kunst und Veränderungen des zeremoniellen Handels zusammenhingen und wie diese wiederum die Machtstrukturen und Regierungsmodelle beeinflussten.

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ansichten der langen nacht

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Bildungsreform Den wissenschaftlichen Nachwuchs richtig anzuleiten und ihm dabei größtmögliche Freiheit beim Erkunden der Materie zu lassen, ist eine heikle Sache. Deshalb kann man nie früh genug damit anfangen.  
cluster siehe »Bildungsreform«, S. 10. excellence

Anschaulich Nach stürmischer Karriere im frühen 19. Jahrhundert war das Modell antiker Stätten im frühen 20. Jahr­ hundert in Misskredit geraten. Im Dahlemer T O P O I Haus kam es wieder zu Ehren.  
cluster siehe »Im Kleinen und im Ganzen«, S. 16.
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Zeltplatz Weil die Zentrale des Deutschen Archäologischen Instituts saniert wird, musste das DAI in der Langen Nacht seine Zelte im T O P O I -Garten aufschlagen, um dort neugierige oder ruhebedürftige Gäste zu empfangen. Tempel des Wissens Das DAI gräbt auf fünf Kontinenten – hier Friederike Fless, DAI-Präsidentin und T O P O I -Vorstandsmitglied auf der Suche nach einer lange verschollenen Dahlemer Kultstätte. Da stellt sich am Ende stets die Frage: Wohin mit den vielen Daten?  
cluster siehe »Die Ordnung der Daten«, S. 62.
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Innovationsmotor Der Mensch in seiner Umwelt, die Natur als Lebensraum und Gefahrenzone, die Beherrschung des Feuers als Kulturtechnik ... stehende Fragen in T O P O I , wie T O P O I -Sprecher Michael Meyer (FU) anschaulich demonstriert.  
cluster siehe »Hinter dem Horizont«, S. 29.
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Ägyptomanie, kulinarisch Nicht nur in Deutschland gibt es unermesslich viele Biersorten. Die alten Ägypter waren so beschlagen in der Braukunst, dass die Experten sich veranlasst sahen, Ägypten einmal von einer anderen Seite zu präsentieren: »1000 Biere und das Brot«

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Haltbar »Wir können alles außer Keilschrift«, sagten sich die Besucher und schreckten nicht davor zurück, noch einmal die Schulbank zu drücken. Für denjenigen, der sich unbeschadet verewigen will, bietet das zur Keilschrift passende Medium nämlich gewisse Vorteile …  
cluster siehe »Die Ordnung der Daten«, S. 62.
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Traumhaft Betäubt von so viel neuem Wissen, konnten sich die Besucher der Langen Nacht der Wissenschaften schließlich mit Duft und Spezereien vollends ins Land antiker Träume locken lassen. Man hört, dass einige dort geblieben sind.

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fokus

kernkompetenzen die berlin graduate school of ancient studies beschreitet neue wege in der ausbildung des wissenschaftlichen nachwuchses

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»Die wichtigste, die entscheidende Errungenschaft deutscher Universitäten am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts war, dass die Forschung institutionalisiert wurde, insbesondere an der Berliner Universität, an der sich andere Universitäten dann ein Beispiel nahmen. Vor allem das Konzept des modernen Doktorats ist eine deutsche Idee«, erklärt uns der britische Kulturhistoriker Peter Watson in seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch »Der Deutsche Genius«. – »Schätzungsweise neunbis zehntausend Amerikaner studierten zwischen 1815 und 1914 in Deutschland, und« – so referiert der Rezensent nach Watsons Buch – »die grundlegend reformierten deutschen Uni­ ver­ itäten waren – völlig anders als heute – s Graduiertenschulen für amerikanische Studen­ ten und Absolventen.« Wieviele der Gäste aus Übersee die in jenen Zeiten boomenden Altertumswissenschaften belegten, wissen wir nicht. Sicher ist aber, dass es ungefähr 100 Jahre später in Berlin wieder eine entscheidende Errungenschaft gibt. Diesmal ist es eine echte Graduiertenschule, wieder wird sie kluge Köpfe aus aller Welt anziehen.

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fokus
Moden gibt es in der Forschung wie bei Kleidern oder Weltanschauungen. Sind sie vorbei, kann Gelerntes schnell zum Ladenhüter werden. Um derlei zu vermeiden, wird die Berlin Graduate S c h ool of Ancient Studies eine etwas andere Graduiertenschule sein. Sie ist das Kernstück des Berliner Antike-Kollegs, das am 10. Mai 2011 gegründet wurde und als Verstetigung der Arbeit von topoi die Berliner Wissenschaftslandschaft bereichern wird. Die ersten beiden Programme der Schule haben die bürokratischen Hürden genommen und sind inzwischen erlassen: »Landscape Archaeology and Architecture« und »Ancient Languages and Texts«. Ihnen werden die Studiengänge »Material Culture and Object Studies« sowie »Wissenschaftsgeschichte« folgen. Dieses außergewöhnliche Angebot ist nur möglich, weil die außeruniversitären Einrichtungen mit ihren spezifischen Kompetenzen – Deutsches Archäologisches Institut (D A I ), Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (B B A W)

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und Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte (MPIW G) – in die Ausbildung eingebunden sind, die gemeinsam mit der Freien Universität Berlin (FU) und der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) konzipiert wird.
Berlin Graduate School of Ancient Studies

Material Culture and Object Studies

Landscape Archaeology and Architecture

Ancient Languages and Texts

Wissenschaftsgeschichte

Keines der Programme ist im klassischen Sinne thematisch orientiert. Vielmehr werden Kernkompetenzen, grundlegende theoretische und methodische Fertigkeiten vermittelt – bei voller Berücksichtigung des traditionellen Curriculums. Diese Fertigkeiten bilden die Basis für die Bearbeitung aktueller Fragestellungen. Wer also etwa »Landscape« belegt (Kooperation mit dem DAI ), lernt nicht »nur« die Archäologie einer Region oder Fundstätte, sondern lernt auch zu proben, wie man mit Geographic Information Systems (GIS ) umgeht oder wie man eine Bohrung macht, etwa auch in enger Zusammenarbeit mit Geowissenschaftlern – und man lernt, wie man die Daten so dokumentiert, dass sie nicht nur für denjenigen lesbar sind, der sie erhoben hat. ( 
cluster vgl. »Die Ordexcellence

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nung der Daten, S. 62) Es geht also um grund-

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legende Techniken, Landschaften rekonstruieren zu können, unabhängig von der Kultur, die sie besiedelte. Ähnliches gilt für die »Languages« (Kooperation mit der BBAW ). Die technischen Anforderungen an die Arbeit mit Texteditionen, Corpora oder Wörterbüchern sind immer ähnlich, seien es linguistische oder philologische Fähigkeiten oder klassische editorische Kompetenzen.

fokus
Bei »Material Culture and Object Studies« geht es nicht nur um einzelne Kulturräume, Zeithorizonte, Fragestellungen oder Methoden (Kooperation mit der SPK-SMB ). Vielmehr ist das verbindende Element die Arbeit am konkreten Objekt. Und wo normalerweise die fachwissenschaftliche Ausrichtung in einer Dissertation bei der Bearbeitung von Artefakten oder Objektgruppen den Schwerpunkt bildet, treten hier konservatorische, archivalische oder museologische und informationstechnische Aspekte bis hin zu rechtlichen und politischen Problemen in den Vordergrund. Schon in topoi sind viele Fragen wissenschaftshistorisch ausgerichtet – durch entsprechende Berufungen von Professoren bzw. neue Professu­ ren wurde der Bereich gestärkt. Dazu kommen die historischen

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Komponen­ en etwa der Medizin oder der Mathematik an den beteiligten t Universitäten, so dass das Programm »Wissenschaftsgeschichte« auf um­ angreicher Kompetenz aufbauen kann (Kooperation mit dem M P If WG ).

Wichtiges Anliegen der Graduiertschule ist es, den Mitgliedern schon auf der wissenschaftlichen Ebene einen pragmatischen Zugriff zu vermitteln und diese Dinge nicht in die üblichen Begleitprogramme normaler Graduiertenschulen zu verbannen. Hochqualifizierter Nachwuchs wird also in anderer Art als bisher – vor allem durch die Vermittlung von
zu Studiengängen und Koopera­ ionspartnern siehe t auch Raumwissen 1-2011, Rubrik Fokus, ab S. 10

Kernkompetenzen – ausgebildet. Ein absolutes Novum.

Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist es, dass die Berlin G r a d u at e S chool of Ancient Studies alle Spezialisierungen in den Altertums­ issenschaften bedienen und curricular betreuen kann. In alw len außer­ niversitären Einrichtungen gibt es promotionsberechtigte u Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an den Universitäten Honorar­ rofessuren innehaben. Darüber hinaus kooperieren nirgends p sonst Universitäten auf diese Art mit außeruniversitäten Institutionen, die alle ganz unterschiedliche gesellschaftliche Aufgaben und dazu verschiedene Herangehensweisen haben. Die künftigen top o i-Stipen­ diaten sollen in einer topoi II-Phase automatisch in die Graduiertenschule übernommen werden – was aber nicht heißt, dass »nur« t o p o i-Themen zur Bearbeitung kommen.

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Die Universitäten werden ab Frühjahr 2012 Stipendien zur Verfügung stellen. Und über mangelnde Nachfrage macht man sich bei den Architekten der Graduiertenschule keine Sorgen. Wo sollte man in den Altertumswissenschaften besser promovieren können als in Berlin – ganz wie das ein paar tausend kluge Köpfe aus Übersee vor 100 Jahren auch schon wussten. Auch für die beteiligten Institutionen liegt der Vorteil auf der Hand: Sie alle profitieren von der Zusammenarbeit mehr als von selbstbezogenem Arbeiten hinter hohen Mauern. Außerdem können sie etwas tun, was Unternehmen schon lange machen: Sie können ihren eigenen hochqualifizierten Nachwuchs generieren.

forschung im kleinen und im ganzen die antike auf und hinter den kulissen

Man kann sich das ungefähr so vorstellen wie in einem Dahlemer Vorgarten. Haus, Treppe, Grün, vielleicht ein paar Säulen – und eine Skulptur. Oder mehrere. Je nach Geschmack und Neigung, nach sozialem Status oder Beruf der Bewohner Götter oder Genien, Helden oder Hermen. Skulpturen stan­ den irgendwo, bevor sie ins Museum kamen. Sie standen nicht nur an politi­ schen und sakralen Zentralorten, sondern auch in »normalen« Kontexten. Ein paar tausend Jahre später geht ein Mensch ins Museum und sieht Skulp­

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tur an Skulptur, sitzend, stehend, kein Haus, kein Garten, vielleicht ein paar Säulen. Die Sulpturen sind chronologisch oder thematisch geordnet. Bislang.

Zauberwort Kontext – Das Skulpturen-Netzwerk Kontexte antiker Schätze zu ermitteln, ist Sisyphos-Arbeit. In Berlin wird sie von Forscherinnen und Forschern geleistet, die dabei sind, eine »historisch differenzierte Rekonstruktion antiker Aufstellungskontexte« zu schaffen und so herausfinden wollen, in welchem »Raum« welche Skulptur aus welchem Grund stand. Seit 2009 arbeiten die Berliner Experten im »Berliner Skulpturen-Netzwerk« zusammen, um eine Bestandsaufnahme der 4400 originalen griechischen, römischen und etruskischen Skulpturen, der 4000 Abgüsse, ihrer Archivalien und Grabungsdaten zu ordnen und neu zu publizieren, vorhandene Daten zusammenzuführen und zugänglich zu machen. »Ziel ist die datenbankgestütze Dokumentation der Skulpturen und Abgüsse«, sagt Johanna Fabricius vom Institut für Klassische Archäologie der Freien Universität. »Dazu kommen Publikationen in elektronischer und gedruckter Form und die Aufbereitung wesentlicher Ergebnisse für die Öffentlichkeit.« Gefördert wird das Kooperationsprojekt zwischen FU und Antikensammlung vom Forschungsministerium (BMBF). Das Berliner Skulpturennetzwerk Kontextualisierung und Übersetzung antiker Plastik Antikensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin – Prof. Dr. Andreas Scholl – und Institut für Klassische Archäologie der Freien Universität Berlin – Prof. Dr. Johanna Fabricius. In Topoi: »Pergamon« A-I-8, »Museen« E-CSG-IV

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forschung
Ein Altar ist keine Stadt Maßloses Staunen erfüllt jeden, der zum ersten Mal vor dem Pergamonaltar steht. Allein die schiere Größe des »Objekts« lässt einen verstummen, eine Größe, die durch die Tatsache, dass ein Monument dieses Ausmaßes in einem geschlossenen Raum steht, scheinbar noch gesteigert wird. »Diese Art der Präsentation antiker Schätze ist weltweit einzigartig«, weiß Andreas Scholl, Direktor der Antikensammlung. Doch Pergamon bleibt fern, wenn man nicht weiß, wo seine ehemaligen Bewohner in Form ihrer steinernen Abbilder wirklich hingehören. Einige von ihnen sind nicht weit, aufgestellt in ihrer neuen Heimat in der Berliner Antikensammlung, andere schlummern noch in den Depots und warten darauf, sich ihre Geschichten entlocken zu lassen. Dann erst kann man Pergamon wiedererstehen lassen, kann die einzelnen Bestandteile zu einem Ganzen fügen, kann »historisch differenzierte Rekonstruktion antiker Aufstellungskontexte« schaffen, denn, so Scholl: Ein Altar ist keine Stadt.

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Ein Leuchtturm des Forschungsunternehmens »Skulpturen-Netzwerk« wird eine spektakuläre Ausstellung sein, die Gelände, Bauwerke und Skulpturen der hellenistischen Stadt in der heutigen Türkei in einem 3D-Modell zusammenführt; eine antike Raumfiktion Berlinischen Ausmaßes wird die Besucher im Ehrenhof des Pergamonmuseums in einer Größe von 103 mal 25 Metern absorbieren. Das riesige Panorama ist also eine Sache, für die man den Platz braucht – und ein Bedürfnis.

Das Maß der Antike im Auge des Betrachters Das Bedürfnis nach dem 1:1-Erlebnis Antike entsteht im späten 19. Jahrhundert. Rekonstruktionen von Tempeln auf Weltausstellungen, Panoramen und andere Raumfiktionen boten dem Publikum spektakuläre Eindrücke. »Weltweit einzigartig sind die Berliner Inszenierungen mit Pergamonaltar, Prozessionsstraße, Ischtar-Tor von Babylon und Markttor von Milet ergänzt durch Modelle und Wandgemälde«, betont auch Bénédicte Savoy, Kunsthistorikerin und Spezialistin für die Präsentationen der Antike im Museum. Erledigt sind die kleinen Modelle antiker Bauwerke und Ruinen im Maßstab 1:30, gefertigt aus Kork, Holz und Gips, die um 1 800 Furore machten, vorbei die Präsentation der Antike auf Tischhöhe. Wie konnte man dem Publikum nur diese dürftigen Miniaturen zumuten, fragten verwunderte Zeitgenossen, während noch 100 Jahre zuvor gerührte Besucher angesichts stark verkleinerter Modelle antiker Bauwerke das ganze Altertum lebendig werden sahen – und fühlten. Die verkleinerten Modelle konnten nur funktionieren, weil die Betrachter die Antike zuvor erlesen hatten, das möglichst getreue Modell und die (kanonische) Literatur verbanden sich zu einer Art intellektuellem Gesamtkunstwerk. Man bewegte man sich im Kleinen, um ein Ganzes zeigen zu können. »Heute ist das Modellmuseum antiker Stätten in Vergessenheit geraten«, weiß Savoy. Für kurze Zeit aber wird es »Jenseits des Horizonts« wiedererstehen. (Siehe S. 29) In topoi: Tagungsband »Außenräume in Innenräumen«. Tagung der CSG IV Dezember 2009 (Organisation: Martin Maischberger/Antikensammlung und Barbara Feller) Lisa Hackmann, Bénédicte Savoy: »Die Antike in Tischhöhe. Maßstab und Perspektive im Museum« Prof. Dr. Bénédicte Savoy, »Museen« E-CSG-IV

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forschung
Boomtown Berlin Think big war hingegen die Devise einer »verspäteten Nation« des Industriezeitalters an der Wende zum 20. Jahrhundert, zumal in der »Boomtown« Berlin. In nur wenigen Jahrzehnten seit dem späten 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt an der Spree zu einer der führenden Me­ tropolen der damaligen Welt. Sie wird die bedeutendste Industrieregion neben dem Ruhrgebiet und ein europäischer Verkehrsknoten; Berlin entwickelt sich zum führenden Finanz- und Medienplatz in Deutschland, wird zu einem Mittelpunkt für Bürgertum und Arbeiterbewegung, zu einem weltweit ausstrahlenden kulturellen Zentrum und zu einem Zentrum der Wissenschaft – auch und besonders der Altertumswissenschaften. Großgrabungen in Troja, Pergamon, Milet oder Olympia bringen Artefakte an die Spree, die jeden zu kleinen Rahmen sprengen würden – im Raum und in der Vorstellungskraft. Spektakuläre Raumfiktionen entstanden nicht nur in Museen.

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Auch in Botanischen Gärten – wieder insbesondere in Berlin – entstanden gigantische Raumfiktionen ganzer Landschaften in einer damals sensationellen »Pflanzengeografie« unter Glas und im Freiland. Seit der ersten Weltausstellung 1851 ging man Probleme der Präsentation beherzt an. Verzweiflung angesichts der »Größe der antiken Trümmer«, wie sie noch Heinrich Füssli gegen Ende des 18. Jahrhunderts empfand, war den aufstrebenden Technikbeherrschern im Hochgefühl ihrer neuen Möglichkeiten eher fremd. Und auch die Verkleinerung in einen scheinbar beherrschbaren Maßstab, um das übermenschlich Große der Antike zu bannen, war nicht mehr die zeitgemäße Art der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.

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forschung
Monumentales Modell Noch einmal soll das Modell zu Ehren kommen. 1937 baut Italo Gismondis das Rom des vierten Jahrhunderts. Durch »Quo Vadis« und später durch »Gladiator« wurde es so berühmt, dass ein früheres, auch sehr berühmtes, archäologisches Rom-Modell in Vergessenheit geriet, wie Bénédicte Savoy berichtet: dasjenige des französischen Architekten Paul Bigot aus dem Jahre 1911. Es ist das erste monumentale archäologische Stadtmodell in der Geschichte der musealen Antikenrezeption überhaupt. Das Modell war ganz weiß und verarbeitete die damals aktuellsten Forschungsergebnisse der römischen Archäologie, und sogar die New York Times widmete ihm am 26. November 1911 einen illustrierten Artikel mit dem Titel: »Rom wurde nicht an einem Tag (wieder)erbaut –

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sondern in zehn Jahren«

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Pergamon reloaded 100 Jahre später meldet dpa: »Es soll ein Höhepunkt des Berliner Kulturjahres werden, die Veranstalter erwarten 1,8 Millionen Besucher: Mit der Ausstellung »Pergamon« will die Antikensammlung im Herbst die untergegangene griechische Metropole in der heutigen Türkei virtuell wiederauferstehen lassen.« Vom 30. September an werden die Besucher ein Jahr lang die totale Raumfiktion erleben – doch anders als angesichts der statischen Monumente, die zwar durch ihre schiere Größe sprechen, aber fast stumm sind, wenn es darum geht, von ihrem originalen Ort in der Antike zu zeugen. In diesem Panorama des 21. Jahrhunderts geht die Sonne auf und unter, der Alltag des Jahres 129 ist zu hören. Wer will, kann einen Turm besteigen und das Ganze von oben betrachten, fast wieder wie eines der kleinen Korkmodelle. Alles eine Frage des Standorts und der Perspektive – und wieder ist die Größe der antiken Wirklichkeit gebannt. »Die Antikensammlung zeigt im Nordflügel des Museums dazu 400 Objekte vom Ausgrabungsort in originalen architektonischen und funktionalen Zusammenhängen«, kündigt Andreas Scholl an. Da, wo sonst »nur« der Altar zu sehen ist, einst errichtet, um vom Kampf der Götter gegen die Giganten zu künden. In unbedeutenden Provinzstädten baut man so etwas nicht. Pergamon war eine mächtige Stadt an der türkischen Westküste, im 3. und 2. Jahrhundert v. Chr. Hauptstadt eines gewaltigen Reiches, das große Teile der heutigen Türkei umfasste. Die Könige von Pergamon, die nach ihrem Ahnherrn Attalos die Attaliden genannt werden, bauten ihre Residenz nach dem Vorbild Athens zu einer glanzvollen Metropole aus.

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forschung
1878 begannen die Ausgrabungen in Pergamon. Die Königlichen Museen machten den Anfang, später übernahm das Deutsche Archäologische Institut (DAI), dessen Ausgrabungen heute Felix Pirson leitet. Der Ingenieur Carl Humann hatte eine Grabungserlaubnis erwirkt, und bis 1886 wurde das Fundament des Altars freigelegt. Die Funde der ersten beiden Kampagnen (1878/79 und 1880/1881) gingen mit Erlaubnis des Sultans vollständig an die Berliner Museen, die der dritten Kampagne (1883–1885) kamen nur zum Teil an die Spree. Es sollte noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis man den angemessenen Raum für die Fundstücke und ihre architektonische Rekonstruktion errichtet hatte: Erst 1930 wird das Pergamonmuseum eröffnet. Am Fuße der Akropolis des antiken Pergamon, das bis ins 14. Jahrhundert besiedelt war, liegt die türkische Stadt Bergama, 110 Kilometer nördlich von Izmir. In ihrer Nachbarschaft liegen andere antike Siedlungen: Perperene, Atarneus und Elaia, der Hafen von Pergamon, der sehr viel größer

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ist, als man bislang dachte. Mitglieder von topoi erforschen heute auch die Umgebung der antiken Metropole. (  siehe cluster Landschaft von Pergamon« S. 55) »Die
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Pergamon »Pergamon – Eine hellenistische Residenzstadt und ihr Umland« Prof. Dr. Felix Pirson, (DAI) In topoi »Pergamon« A-I-8

forschung
Die Präsentation der Antike im Museum weckt die Reiselust, weckt das Interesse an den Ländern des Mittelmeers und Kleinasiens, gibt den ersten Anstoß, sich mit einer Region in ihren Zeitläuften zu befassen. Das Original – die Ruine oder der Grabungsschnitt – führt dann vielleicht zurück ins Museum, das im Modell rekonstruiert, was man zuvor erst ahnte. So verbindet sich der reale Raum mit dem Wissen darüber. »Pergamon 3D« ist aber nicht nur ein erhellendes Spektakel für die Zuschauer, es ist auch die Präsentation von Forschungsergebnissen und deren kontextbezogener, interaktiver Anwendung, ein Leuchtturm des Berliner Skulpturennetzwerks. Alte und neue Funde werden in einer Kombination aus klassischen und neuen Formen der Präsentation gezeigt, jeweils eingebettet in ihre komplexen kulturellen Zusammenhänge. (  siehe cluster »Interview mit Andreas Scholl«, S. 36) Die
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Forschung, die dazu notwendig ist, generiert eine Menge Wissen, das gespeichert und gesichert

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werden muss. Die datenbankgestütze Dokumentation des Skulpturen-Netzwerks, seine Publikationen in elektronischer und gedruckter Form sind ein Teil des immensen Wissens, das in den Altertumswissenschaften insgesamt vorhanden ist und ständig neu geschaffen wird. (  auch Die Ordnung der Daten, S. 62). vgl.
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Auch die langfristige Entwicklung neuer Präsentationskonzepte für Sonder- und Dauerausstellungen der Berliner Antikensammlung steht auf dem Forschungsprogramm. Aufstellung in Reih und Glied und das in drangvoller Enge gehört der Vergangenheit an, zumal sich die Art des Bildungswillens und der Bildungshintergrund der Besucher geändert haben. Wer Steine zum Sprechen bringen will, hat heute starke Konkurrenz von allen Seiten aus allen Medien – etwas, zu dem man sich an den Anfängen der Präsentation von Antike im Museum nicht einmal hindenken konnte.

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forschung
Das neu geschaffene und zusammengetragene Wissen des Skulpturen-Netzwerks geht nicht in die Datenbank, um dort zu schlummern wie Skulpturen im Depot. »Die hier gewonnene Expertise wird im Berliner Antike-Kolleg verstetigt und in der universitären Lehre fruchtbar gemacht«, versichert Johanna Fabricius. ( 
cluster vgl. »Bildungsreform« S. 10)
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Und mit der Zeit verändert sich der Blick auf die Antike, ihre Bau­ werke, ihre Skulpturen und ihre großen und kleinen Kunstwerke. Der neue Blick ist womöglich nicht mehr ganz so hehr, ein bisschen weniger erhaben vielleicht und etwas mehr den irdischen, den prak­

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tischen Dingen zugeneigt. Und plötzlich versteht man, warum die Gestalten der Antike die ganze Stadt bevölkern, Nachbarn sind, die wir als »anders« gar nicht mehr bemerken, wie Grenzen und Nor­ men funktionieren und dass nicht wir die »Globalisierung« erfun­ den haben, warum Säulen in den Gärten stehen, warum Häuser versuchen, wie griechische Tempel zu wirken und manche Business­ größen wie römische Kaiser.

Jenseits des Horizonts Das t opoi -Universum im Museum Wie wirkt der Mensch auf seine Umwelt – und um­ gekehrt? Was ist eine Grenze? Wie entstehen Terri­ torien und Hierarchien? Wie stellen wir uns Körper und Seele räumlich vor? Wozu brauchen wir Maße und Gewichte? Warum messen wir die Zeit? Wie denken wir uns den Kosmos? Wie wird der Raum zu einem Instrument des Denkens? Wie manifestieren sich Technologien, Kulturtechniken und Weltan­ schauungen? Wann kamen Rad, Schrift und Welt­ bilder? Es ist ein neuer Blick auf kosmische Modelle, auf ab­ strakte gelehrte Schriften, auf Kartografie, Geome­ trie, Kosmografie und Mathematik, auf alte medizi­ nische Texte und auf philosophische Raumdebatten. Vieles davon reicht an die Ursprünge unserer Begrif­ fe und an die Grundfesten unserer Kultur in der An­ tike heran. Das nun auch ganz gegenständlich zu zeigen, ist die Absicht einer Ausstellung, die Raum und Wissen auf die »Bühne« bringen wird – nicht als Präsentation konkreter Forschungsergebnisse, sondern als thematiche Reise durch das topoiUniversum. Vom 1. Juni 2012 bis 30. September 2012 ist »Jenseits des Horizonts« im Nordflügel des Pergamonmuse­ ums zu sehen.

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Vulkanausbrüche, Erdbeben oder Überschwemmungen verändern den Lebensraum des Menschen. Aber auch Menschen selbst tun das, indem sie Flüsse regulieren, Staudämme bauen oder Sümpfe trockenlegen. In der Folge sind manche Naturerreignisse wiederum menschengemacht, ein Zusammenhang, der in der Antike ebenso wie heute nicht immer erkannt wurde. Aber es gibt auch zahlreiche Beispiele, wie die Menschen der Antike ihre Umwelt nachhaltig und schonend nutzten. Computersimulationen mit Beispielen aus Milet, vom Nil oder aus dem

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Sudan machen die unterschiedlichen Technologien anschaulich.

Im »Kartensaal« lernt der Besucher verschiedene Formen von Kartierung kennen, die einen Spiegel von Weltbildern, andere maßstäbliche Darstellungen eines geographischen Raums oder genaue Stadtpläne. Animierte Karten zeigen, wie sich Kultur- und Herrschaftsräume veränderten, spektakuläre Stücke sind die älteste Weltkarte, die Mappa Mundi und die fast sieben Meter lange und 35 cm hohe Tabula Peutingeriana mit einem Wegenetz der damals bekannten Welt. Transformationsprozesse werden auch greifbar, wenn man sich die wechselvolle Geschichte des Palatin in Rom anschaut – in der Ausstellung in Ausdrucken von 3D-Modellen einzelner Phasen von Ausbau, Abriss, Neubau, Restaurierung und Modifizierung – bis in unsere Zeit hinein.

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forschung
Den Erklärungen der Ausstellung könnte man kaum folgen, wäre man des Lesens unkundig. In welcher Situation entwickelten Menschen Schrift? Zeugnisse aus Jahrtausenden zeigen Anfänge und Entwicklungen dieser revolutionären Kulturtechnik, eines der Fundamente unserer Zivilisation, denen Archive, Bibliotheken und Gelehrte folgten. Schrift ist zu einer unverzichtbaren Methode der Lebensbewältigung und der intellektuellen Erfassung von Raum geworden (siehe nächste Seite), Wiegen, Messen, Standardisieren eine andere. In einem Saal wird

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der Besucher auf eine angedeutete römische Straße geführt, die in der Art eines Dioramas einen Blick in eine vermessene Landschaft mit Grenz- und Meilensteinen und weiteren Markierungen zeigt. Der Nachbau eines Messwagens und verschiedener Messinstrumente wie Groma und Dioptra eröffnen die Möglichkeit, selbst zum antiken Landvermesser zu werden.

Am Himmel geben Sonne und Mond Maß und Takt für Kalender, die Jahr und Tag strukturieren. Umfangreiche systematische Aufzeichnungen über jahrhundertelange Messungen der genauen Zeitdifferenz zwischen Sonnen- und Monduntergang sind bis heute erhalten. Die frühen Astronomen entdeckten die Möglichkeiten, aus Beobachtungen am Horizont Theorien über die Bewegungen der Himmelskörper zu gewinnen. Die Himmelsscheibe von Nebra (re.) und der Berliner Goldhut (li.) sind herausragende Zeignisse antiken Wissens, die hier gezeigt werden. Wo aber Menschen nicht wirken, denken und den Raum durchmessen, da ist der Raum der Götter. Der blitzeschleudernde Zeus, Helios mit dem Sonnenwagen oder der altägyptische Sonnengott Re sind nur einige Facetten dieses Phänomens. Die »kosmologischen« Götter – vorwiegend  aus  Griechenland  und  Ägypten  – beehren den Besucher in Gestalt ihrer Statuen, Statuetten und Reliefs.

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forschung
Zur Ausstellung wird es ein Buch geben (in lateinischer Schrift); außerdem zeigt das Museum zu guter Letzt sich selbst und erzählt dabei die Geschichte der ausgestellten »Antike auf Tischhöhe« bis zur monumentalen Stadtansicht in 3D.

Schrift! Beispiele einer revolutionären Kulturtechnik (v.  l.  n. r.) Der Stein von Rosette Die Künstlersignatur des Hephaistion im Palast V von Pergamon Demokratische Praxis – das Scherbengericht Römischer Meilenstein

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interview

mit andreas scholl über berliner antike, showtime und forschung

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raumwissen Jede europäische Stadt ist angefüllt mit Inszenie­ rungen, Präsentationen und Interpretationen von Antike, die sich so geschickt »unters Volk« mischen und den Alltag bebildern, dass man doch eigent­ lich gar nicht mehr ins Museum gehen müsste. Andreas Scholl Was wir in den Städten finden, sind in der Tat Interpretationen oder Renaissancen, vor allem aber sind es Kopien. Die Antikensammlung besitzt hingegen griechische, etruskische und römische Originale aller Gattungen in großer Dichte – abgesehen von Louvre und Britischem Museum vielleicht sind unsere Sammlungen in Berlin in ihrer Vielfalt weltweit einzigartig.

raumwissen Wann beginnt denn die »Berliner Antike«? Scholl Der Grundstock der Antikensammlung entsteht im späten 17. Jahrhundert. Er stammt wiederum aus einer älteren Sammlung, jener des römischen Antiquars Giovanni Pietro Bellori. Bereits die brandenburgischen Kurfürsten und seit 1701 die preußischen Könige waren leidenProf. Dr. Andreas Scholl ist Direktor der Berliner Antiken­ ammlung,  s SMB-SPK, Honorarprofessor am Institut für Klassische Archäologie der Freien  Universität Berlin  – in topoi Mitglied der Arbeitsgruppe  E-CSG-IV »Museums«

schaftliche Sammler, die Skulpturen schmückten Schlösser und Residenzen, und der Antikentempel Friedrichs II. in Sanssouci war ein erstes – privates – Museum. In Sanssouci stand auch eines der berühmtesten Bronzebildwerke der Antike, der Betende Knabe, den Friedrich 1747 gekauft hatte. raumwissen … der in gewisser Weise typisch ist für das Schick­ sal vieler Stücke der Berliner Sammlung. Scholl Ja, wie andere bedeutende Kunstwerke, die Quadriga auf dem Brandenbuger Tor zum Beipiel, wurde der Betende Knabe 1807 von Napoleon nach Paris entführt. Nachdem dessen Zeit abgelaufen war, kamen die Werke schließlich 1819 zurück nach Berlin und wollten sich gewissermaßen an einem Ort versammeln. Nach Plänen von Friedrich Schinkel wird 1830 der erste selbstständige Museumsbau in Preußen eröffnet: das Alte Museum. Schlösser und Gärten

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interview
müssen ihre Originale hergeben, um das Haus zu bespielen. An ihren alten Standorten werden Kopien aufgestellt. Der Besucher wiederum werden auf das Erlebnis »Antike« sorgfältig eingestimmt. Die Rotunde ist einem Tempel nachempfunden, von erhabener Größe – in der Sichtachse steht der Betende Knabe, der sicher zu dieser Zeit die berühmteste Antike in Berlin war. raumwissen … in einem halbleeren Haus, wie spöttische Zun­ gen lästerten … Andreas Scholl Tatsächlich war das Haus gemessen an den da-

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maligen Beständen sehr groß. Von der drangvollen Enge späterer Jahre ahnte man noch nichts. Die nach der Reichsgründung von 1871 einsetzenden Großgrabungen mit ihren spektakulären Funden, die schnell den vorhandenen Rahmen sprengen sollten, lagen noch in der Zukunft. Um dem gefühlten horror vacui entgegenzuarbeiten, schickte man Agenten nach Rom und an andere Orte, wo man Antiken kaufen konnte und erweiterte so nach und nach die Sammlungen. raumwissen Schinkel sollte Humboldts Konzept vom offenen Museum als Bildungseinrichtung fürs Publikum verwirklichen. Was war das für ein Publikum?

Scholl Während in den privaten Sammlungen früherer Tage nur Hofgesellschaft und einige Gelehrte zugelassen waren, spricht man seit der Aufklärung ein breiteres Publikum an. Man darf sich das aber keineswegs so vorstellen wie heute. Die wenigen Besucher, die kamen, waren vor allem Künstler und ihre Schüler, die zeichnen lernen sollten, oder es waren Baumeister auf der Suche nach Inspiration. Dabei war das Ganze ein recht anstrengendes Vergnügen. Der Schinkelbau war in seiner Anlage auf das gegenüberliegende Schloss ausgerichtet, innen zwar klar strukturiert, aber nach heutigen Maßstäben als Museum kein Glanzstück. Das schummrige Naturlicht ließ die dunkelroten Marmorsäulen noch um einiges bedrückender wirken. Und die Objekte waren alle der Reihe nach angeordnet, ziemlich gleichförmig also. raumwissen Wie stellt man denn heute aus? Scholl In unseren neunen Dauerausstellungen werden die Objekte anders als früher so gut es geht in ihren antiken Bezügen und Zusammenhängen gezeigt. Allerdings ohne sie inszenatorisch zu überformen, denn sie sollen in ihrer oft überragenden künstlerischen Qualität selber sprechen. In großen Sonderausstellungen, die oft

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interview
Besuchermassen anziehen, werden hingegen mit multimedialen Mitteln stärkere Reize gesetzt. raumwissen Wie bei der bevorstehenden Pergamonausstel­ lung? Scholl In der Pergamonausstellung wollen wir den Besucher tatsächlich an den Ort des Geschehens versetzen – was die Dauerausstellung so nicht leisten kann. Das große Panoramabild im Hof des Pergamonmuseums zeigt Architekturen und Skulpturen, die dann auch »live« in Stein in der Ausstellung zu sehen sind. Pergamon ist

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aber nicht nur ein echtes Highlight unter den vielen Berliner Sonderausstellungen. Es ist auch der Leuchtturm des Berliner Skulpturennetzwerks, eines Forschungsprojekts, in dem für zahlreiche antike Skulpturen in Berlin eine historisch differenzierte Rekonstruktion ihrer originalen Aufstellungskontexte versucht wird. Dazu werden mehrere Tausend originale Skulpturen sowie Abgüsse von Antiken neu aufgenommen, dokumentiert und publiziert. Zudem muss eine große Zahl von Grabungsdaten und Archivalien systematisiert werden, um sie schließlich auch in einer online-Datenbank der Öffentlichkeit zugänglich machen zu können.

raumwissen Warum muss zu den Berliner Beständen noch geforscht werden? Scholl Napoleon war nicht der einzige, der den Sammlungen zugesetzt hat. Vom Ausbruch des ersten Weltkrieges bis zur Wiedervereinigung haben die Sammlungen keine wirkliche Ruhe gefunden, und gerade die lange Teilung der Stadt hatte ja auch die Sammlungen auseinandergerissen. Eine Zusammenschau großer archäologischer Kontexte war so lange Zeit unmöglich. raumwissen In den Dauerausstellungen sollen die Objekte zum Sprechen gebracht wer­ den, sagten Sie. Doch wer versteht die Sprache noch? Wie weit muss man heute dem Publikum bei der Präsentation von Antike entgegenkommen? Scholl Man muss dem Publikum extrem weit entgegenkommen. Wir dürfen heute fast kein Wissen mehr voraussetzen. In den Schulen spielt die klassische Antike seit geraumer Zeit keine oder keine große Rolle mehr, das heißt, den Besuchern fehlt häufig die Möglichkeit zur historischen Einordnung. Es ist aber immer eine Gratwanderung. Wir müssen zwar einerseits ein­ ängige Formen finden, dürfen aber auch nicht völlig banag lisieren. Umgekehrt darf man niemandem eine Belehrung aufzwingen – ein ästhetisches Interesse an unseren Sammlungstücken ist genauso legitim wie irgendein anderes. Wir haben hier in Berlin eine der reichsten Antikensammlungen der Welt. Das verpflichtet uns, die Werke auf angemessene Art zu präsentieren. raumwissen Wie erkennt man die Zielgruppe, und wie spricht man sie an? Scholl Die Besucherdienste der Staatlichen Museen haben intensiven Kontakt zum Publikum und geben uns ständig das nötige Feedback. Daraus folgen dann Überlegungen, wie man unterschiedliche Medien vernünftig miteinander kombinieren kann. Eine besondere Herausforderung sind

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interview
Formulierung und Gestaltung der Texte. Ein Wandtext darf nach unseren Erfahrungen nicht mehr als 1 200 Zeichen haben, ein Objekttext nur 300 Zeichen, sonst wird er von vielen nicht gelesen. Außerordentlich wichtig sind auch dem Uneingeweihten so banal erscheinende Dinge wie die Typographie, Text- und Hintergrundfarben und deren Kontrast zueinander. raumwissen Nun ist ein Museum – damit es im Humboldt­ schen Sinne eine Bildungseinrichtung sein kann – zwangsläufig auch ein Ort der Forschung. Scholl Forschung ist ein wesentlicher Bestandteil un-

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serer Arbeit, und häufig mündet sie natürlich in Ausstellungen. Die Milet-Ausstellung von 2009 etwa basierte auf einer gemeinsamen Arbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut und einer Kooperation mit t o p o i. Eine übergeordnete Forschungsfrage war: Wie und wann werden antike Skulpturen im historischen Wandel wiederverwendet und umgedeutet? Lassen sich hier bestimmte Rezeptionsmuster erkennen? So wurden Bildnissen römischer Kaiser in frühchristlicher Zeit oft Kreuze in die Stirn oder den Körper geschlagen, als anstößig empfundene Kultbilder zum Beispiel der Aphrodite wurden zerstört, Männern und Frauen wurden die Geni-

talien abgemeißelt. Ein t o p o i-Thema par excellence ist ja auch die schon erwähnte Pergamon-Ausstellung, wenn wir eine antike Landschaft rekonstruieren und mit einem 3DModell einen Raum im Raum schaffen. raumwissen Sei es nun im Museum, im Film, Fernsehen oder auch in den zahllosen Publikumsmagazinen: Anti­ ke geht immer. Gibt es etwas, das Sie ärgert? Scholl Ja! Mich ärgert die Reduktion aller Archäologien auf Schatzgräberei vor allem in den Fernsehformaten. Hier wird das Publikum in seinem historischen Interesse völlig unterschätzt. Es gibt kaum etwas, was die Arbeit und die Erkenntnismöglichkeiten der Archäologie stärker verfälschend wiedergibt als diese plakative, auf Sensationen schielende Art der Darstellung. Dabei gibt es durchaus viele spannende Möglichkeiten, das Fach und seine an Objekten gewonnenen Ergebnisse zu erklären oder auch zu inszenieren, um tatsächlich und nicht nur scheinbar das Ziel zu erreichen, eine relevante Verbindung zur Vergangenheit wiederherzustellen. Solche Verbindungen zu erkennen ist oft essentiell, um unser heutiges Denken und Handeln besser verstehen und einordnen zu können.

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im porträt

westfälische archäologin mit hang zum pragmatismus

Ihr Weg der Archäologie führt von der materiellen Kultur in die gedanklichen Räume, ist das »schrittweise systematische Argumentieren vom Objekt aus«. Die Dissertation 1992 in Mainz hat das Thema »Opferdiener und Kultmusiker auf stadtrömischen historischen Reliefs. Untersuchungen zur Ikonographie,

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Funktion und Benennung«, die Habilitation im Jahr 2000 in Köln trägt den Titel »Überlegungen zu den Formen der Aneignung und der Funktion attisch-rotfiguriger Vasen im 4. Jh.  v. Chr.«. »Mich treiben dabei die Unterschiede und Gründe für die Aneignung bestimmter Facetten materieller Kultur um«, beschreibt die Archäologin Friederike Fless ihre kulturelle Neugier. Auf der Krim gehörte es beispielweise zur Selbstdarstellung der Elite, ihre Grabbeigaben mit reich bebilderten Glanzstücken attischer Vasenproduktion zu bereichern, auf der Iberischen Halbinsel verfingen dagegen eher die

Friederike Fless, Präsidentin des Deutschen Archäologischen Instituts und Vorstandsmitglied von t o p o i

Formen als das Bildprogramm der Vasen, die man ebenfalls in großer Zahl, aber schlechter Qualität importierte. 1983 begann Fless mit dem Studium der Kunstgeschichte, die Archäologie war zunächst Nebenfach, wurde aber bald zur ganz konkreten Hauptsache. Ein geisteswissenschaftliches Studium galt in dieser Zeit als Risiko, die wesentliche Botschaft an die geburtenstarken Jahrgänge war diejenige von der Aussichtslosigkeit, jemals eine adäquate Arbeit zu bekommen. Viele ließen sich davon entmutigen und führten das Studium nicht zu Ende. »Das war weder korrekt noch fair«, findet Fless im Rückblick und verteidigt daher »bei allen Schwächen« die Reformen der jüngeren Vergangenheit, die es dem wissenschaftlichen Nachwuchs »ermöglicht, in einem Bachelor-Studiengang mit Würde das Studium abzuschließen und nicht irgendwo auf dem damals langen Weg zum Magister oder zur direkten Promotion auf der Strecke zu bleiben«. Nach Stationen als Assistentin in Mainz, Köln und Leipzig wird Friederike Fless 2003 als ordentliche Professorin ans Institut für Klassische Archäologie der Freien Universität Berlin berufen. Die letzten Strukturpläne waren gerade verabschiedet worden, die drei großen Berliner Universitäten waren nun auf gut ein Drittel geschrumpft, und viele der »Orchideenfächer« fanden keinen Platz mehr im universitären Gewächshaus.

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im porträt

»Um solche Sparprozesse zu überleben, muss man wahrgenommen werden und organisiert zusammenarbeiten«, sagt Fless. Das Ergebnis »dieser einfachen Wahrheit« war 2004 für die Altertumswissenschaften an der FU die Gründung des Interdisziplinären Zentrums Alte Welt (I Z A W ). Die Wahl der Sprecherposition fiel schnell auf die neue Kollegin, die Zielvereinbarungen mit der Universitätsleitung standen an. »Wenn ich was mache, dann mache ich das auch«, sagt Fless. Das mittelfristige Ziel dieses ersten Zusammenschlusses war ein größeres Verbundfor-

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schungsprojekt. Dann kam die Exzellenzinitiative. Der »größere Verbund« heißt topoi und ist einer von sehr wenigen geisteswissenschaftlichen Clustern in der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder; Friederike Fless ist die erste Sprecherin für die FU. »Ich habe nicht gewusst, welche Dimensionen das alles haben würde«, beschreibt Fless im Nachhinein die Mühen des Aufbaus. »Es war nicht einfach, aber ich würde es wieder tun«, ist sie überzeugt. »Das Format ist grandios, bietet den beteiligten Forschern große Freiheitsgrade und ist ein Segen für die Kleinen Fächer« – nicht nur für die beteiligten Universitäten F U und HU , sondern auch für die außeruniversitären Einrichtungen, die mit ihren altertumswissenschaftlichen Forschungen an topoi beteiligt sind. »Das Cluster hat die Kommunikation in Berlin rasant verbessert«, beschreibt sie eine der Auswirkungen der organisierten Zusammenarbeit, die von allen Beteiligten als bereichernd, fördernd und wohltuend angesehen wird. In so einer Situation lässt die Eigendynamik nicht auf sich warten. »In der ersten Phase lief Vieles

zwangsläufig noch top down. Inzwischen hat sich das umgekehrt.« Derlei Dinge gelingen nur, weiß die Organisatorin Fless, wenn beim Start die ferneren Ziele schon im Blick sind. »Ich kann mir Strukturen und auch ihre langfristigen Wirkungen sehr gut vorstellen«, beschreibt sie eine Eigenschaft, die in »diesem gigantischen Versuchsaufbau« ebenso nützlich wie unerlässlich ist und die man üblicherweise Mathematikern nachsagt. »Ich bin nicht mathematisch«, lacht sie. »aber logisch, und diffuse Diskussionen machen mich unruhig.« Eine Struktur, die sie sich auch vorstellen konnte, wurde am 10. Mai 2011 im Pergamonmuseum als Verstetigung der Arbeit von t o p o i gegründet. »Auch das Berliner Antike-Kolleg ist ein Erfolgsmodell«, ist Fless überzeugt. »Wie topoi schafft es einen Rahmen, in dem Selbstorganisation möglich ist.« Als Friederike Fless 1993 ein Reisestipendium des Deutschen Archäologischen Instituts (D A I) gewann, hat sie sicher nicht damit gerechnet, dass sie ab 2011 selbst die Stipendiaten auf die Reise schicken würde. Seit April dieses Jahres ist sie Präsidentin eines der größten archäologischen Forschungsinstitute weltweit, die erste Frau an der Spitze in 182 Jahren. »Das soll aber kein Dauerthema sein«, betont sie. In ihrer Antrittsrede im Auswärtigen Amt Mitte März brachte sie es gar nicht erst zur Sprache. In der Zentraldirektion des DAI war Fless schon seit 2006. An eine Präsidentschaft zu denken, kam ihr nicht in den Sinn. »Vermutlich haben andere schneller als ich selbst erkannt, was ich beim Aufbau von topoi alles gelernt hatte«, meint sie. Wie zum Beispiel Diskussionen zuzulassen, zugleich unmerklich, aber effizient nachzusteuern und strukturiert an der Sache entlang zu

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im porträt

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arbeiten. Und irgendwann springt das selbstorganisierende System an. »Irgendwann war es gelungen, dass nicht mehr jeder nur für sein eigenes Haus oder Fach sprach, irgendwann spielte pro domo keine Rolle mehr«, beschreibt sie die große Errungenschaft in t o p o i. »Man rang gemeinsam vernünftig um die Sache, folgte der Gefügelogik und verstand, dass am Ende der Nutzen für alle größer ist, wenn man zusammenarbeitet.« Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass von der neuen Qualität der Zusammenarbeit in Berlin alle profitieren und so mancher konzediert bewundernd, dass man einen nachhaltigen Zusammenschluss von über 30 »Kleinen Fächern« und sechs großen Institutionen kaum jemals für möglich gehalten hätte. Der Erfolg spricht für sich. Die Berliner Tageszeitung »Der Tagesspiegel« bat die Autoren einer Artikelreihe aus Politik, Kultur und Wissenschaft, die sich zum Thema »Identität« äußern sollten – darunter Friederike Fless – um Selbstidentifizierung in einem Satz: »Ich bin eine westfälische Archäologin mit ausgeprägtem Pragmatismus und kultureller Neugier.«

himmel und hölle

Maximilian Benz, Altgermanist und Latinist forscht im »topologisch« erzählten Jenseits

Das Paradies ist eine Landschaft, eine Art topologische Pastorale mit loci amoeni, Milch und Honig, Wein und Öl, glänzend von Gold und Edelsteinen. Die Hölle dagegen ist kein kohärenter Raum, ist vielmehr eine ungeordnete Ansammlung einzelner Objekte – Siedekessel, Marterwerkzeuge und scheußliches Getier – der Nichtraum ist die Strafe. Jenseitsräume in Antike und Mittelalter will Maximilian Benz gedanklich abschreiten, um daraus eine topologische Dissertation zu machen. Einer der tragenden Texte ist die Paulus-Apokalypse. Die Schrift gehört zu den apokryph gewordenen Texten und stammt wahrscheinlich aus der Zeit um 400. »Dieser Text hatte sehr großen Einfluss auf die Visionsliteratur und die Jenseitsvorstellungen des Mittelalters«, erklärt Benz. Der Text, der in griechischer Sprache verfasst ist, in lateinischen, koptischen und syrischen Fassungen überliefert und im Mittelalter auch in die Volkssprachen übersetzt wurde, ist die Geschichte einer Jenseitsreise durch den 3. Himmel mit dem Paradies, das Land der Verheißung, die Stadt Christi und die Hölle. Er schließt explizit an die Stelle des 2. Korintherbriefs des Paulus an, in der er von (s)einer Entrückung in den 3. Himmel berichtet. Benz ist Altgermanist und Latinist, da liegt es nahe, die verschiedenen Überlieferungen, Redaktionen und Übertragungen zu vergleichen, um in topoi die räumliche Anlage des Jenseits zu erfassen.

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im porträt
Dieses Jenseits zu kartieren, wie es versucht wurde, hält er indessen für ein wenig sinnvolles Unterfangen. »Es mag reizvoll erscheinen, dass man nach Texten, die Räume erzählen, Karten schaffen will«, sagt Benz. Karten, die das Unverfügbare bannen und Orientierung geben. »Aber die drei paradiesischen Orte, der 3. Himmel, die Stadt Christi – gemeint ist Jerusalem – und der Paradiesraum der Schlusskapitel affizieren einander derart, dass diesseitige Annahmen über Räume dort überhaupt nicht gelten können.« Lokalisierungen sind unmöglich, weil Orte überblendet werden, und auch die biblischen Figuren, die das Jenseits bevölkern, scheinen flüchtige Gebilde zu sein, da sie in mehreren Räumen gleichzeitig auftreten. Wo also könnten Karten hinführen außer in die Irre?

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»In der Paulus-Apokalypse wird die Vorstellung eines konkreten Raumes dadurch stimuliert, dass durch Toponyme und topographische Elemente eine besondere Dichte an räumlichen Informationen gegeben wird.« ›Gebannt‹ wird der Raum also durch das Erzählverfahren. »Es ist erzählte Bewegung«, erklärt Benz, in ihrem imaginativen Potenzial verstärkt durch etwas, das er »demonstrativen Dialog« nennt. »Was ist das?«, fragt der Reisende, der nach der richtungweisenden Antwort seines Deuteengels den Blick ausrichtet, das Gesicht versteht und voranschreitet. Benz weiß, dass jeder sich an Dantes Göttliche Komödie erinnert fühlt, wenn er von erzählten Paradiesen und Höllenschlünden hört. »Solche Texte sind natürlich Prätexte zu Dante«, sagt er. »Aber man sollte sie nicht als bloße Bildspender betrachten. Sie haben ihre eigene Kraft.«

Immerhin hat ihn die Topographie des erzählten Jenseits ins t o p o iUniversum geführt, was er keinesfalls bedauert. Hier sind die Kartenexperten ebenso wie Sprachbeherrscher, da sind Theologen und andere Jenseitsspezialisten, die entferntere Paradiese kennen. Die Freiwilligkeit des Zusammenschlusses über Fächergrenzen hinweg ist für Benz ein Pfund, mit dem topoi wuchern kann und das seine Struktur zu einem Beispiel für künftige Forschungsverbünde macht. »Man hat nur mit Leuten zu tun, die wirklich interessiert sind«. Anders als häufig in anderen Großprojekten, wo starre Strukturen nicht nur das Miteinander behindern, sondern auch die Motivation bremsen. In t o poi kennt man sich, man trifft sich bei Workshops und »Talks«. Auch in den irdischen Belangen ist die räumliche Nähe wichtig, wenn man voneinander lernen will. Der eine fragt, der andere deutet – der locus amoenus von topoi.

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im porträt der weg der spolien in den petersdom

Es ist eine viel bemühte Weisheit, dass Rom nicht an einem Tag erbaut wurde. Tatsache ist auch, dass in Rom zu allen Zeiten sehr viel gebaut wurde. 1506 war der Grundstein für eines der größten Bauvorhaben der Renaissance gelegt worden, 1626 wurde die Basilica di San Pietro in Vaticano geweiht. Woher kamen die Unmengen an Baumaterial, die für das Mammutunternehmen benötigt wurden? »Sankt Peter ist sicher die am besten dokumentierte Baustelle der Renaissance«, freut sich

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Bernhard Fritsch, der einer besonderen Art von Baumaterial auf der Spur ist. Im Archiv von Sankt Peter findet der Archäologe bestenfalls nicht nur die Lieferdaten des Materials, sondern auch seinen jeweiligen Ursprung – in diesem Falle antike Bauwerke, Reste, Ruinen oder Monumente. Bislang interessierte man sich lediglich dafür, wie und warum das antike Material verwendet wurde. Fritsch geht es in seiner Dissertation darüber hinaus um die Verbindungen zwischen der Demontage antiker Gebäude und der Konstruktion nachantiker Bauvorhaben. Welcher Art waren die Gebäude, die als Steinbruch für Sankt Peter dienten? In Form einer Fallstudie folgt Fritsch dem Weg der Spolien in den Petersdom. Spolien (lat.: Beute, Raub) sind Bauteile, Überreste von Gebäuden, Friesen, Säulen oder Kapitellen, die von einer alten Zeit in eine neuere verfrachtet werden. Mit Spolien kann man eine Tradition übertragen, man kann sie wie Reliquien benutzen, als Herrschaftsgeste einsetzen oder Kunstsinn und Reichtum beweisen wollen. »Manchmal sind Spolien aber auch einfach nur Baumaterial«, sagt Fritsch. »In Sankt Peter finden wir zum Beispiel wenige Anzeichen für eine absichtsvolle Spoliierung.«

Bernhard Fritsch, Archäologe mit Hang zur Baugeschichte

Fritsch arbeitet mit modernsten Methoden der Bilderfassung und Bildverarbeitung, und er hofft, mit dem fliegenden Auge von to p o i, dem Oktocopter, noch weitere Aufnahmen machen zu können, um mit den Ergebnissen in einem 3D-Modell schließlich die alten und die neuen Standorte der Spolien analysieren zu können. Wäre es nicht viel schöner, vor erhabener römischer Kulisse zu sitzen und zu zeichnen? »Ich habe gelernt, auf Schnelligkeit zu achten und auf die Kosten zu sehen«, kommentiert Fritsch derlei romantische Anwandlungen. Effizienten Mitteleinsatz und eine pragmatische Vorgehensweise hat der Archäologe als Mitarbeiter einer brandenburgischen Grabungsfirma gelernt, die Gutachten für Bauherren erstellt, die womöglich an eine der 200.000 archäologischen Fundstätten des Landes geraten sind. »Mich interessiert auch der handwerkliche Aspekt an der Sache.« So sei er nicht umsonst auch Vor- und Frühgeschichtler, ein halber Paläogeograph mithin. Fritsch kennt die Vorgehensweisen der verschiedenen Fächer und schätzt es, sie miteinander zu verbinden; die Kunstgeschichte ist sein drittes Fach. Heute käme niemand mehr auf die Idee, antike Bauwerke als Steinbruch zu benutzen. Damals gab es Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit

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im porträt

der Kalkbrennerei verdienten oder aber – mit sich wandelndem Bewusstsein – die alten Stücke verscherbelten. »In der Renaissance entstand ganz schleppend so etwas wie eine Idee von Denkmalschutz«, sagt Fritsch. Damit kam auch der Wunsch, das Stadtbild Roms nicht völlig verkommen zu lassen und zu retten, was zu retten war. Doch die rechtlichen Probleme waren äußerst kompliziert.

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Erst nach dem Ende des Kirchenstaates wurde Rom 1871 die Hauptstadt Italiens. Und erst 1929 wurden unter Mussolini Differenzen zwischen Staat und Kirche durch die Lateranverträge beendet. Zuvor lautete die Frage: Wem gehört was? Eine Menge Material hat Fritsch inzwischen gesammelt. Nun ist er dabei, den »topologischen« Kern seiner Arbeit zu formulieren. Dass es im Laufe der Zeit zu Veränderungen baulicher Strukturen in von Menschen bewohnten Räumen und so auch in der Ewigen Stadt gibt, muss nicht mehr bewiesen werden. Bernhard Fritsch sucht die Muster.

die landschaft von pergamon

Steffen Schneider, Geograph mit Gespür für Nachhaltigkeit

Was tut ein Geograph in Pergamon? »Er untersucht die Landschaft«, sagt Steffen Schneider, und so erklärt er es auch den Studierenden. Pergamon, so vermuten nun die meisten, hat vor allem etwas mit Archäologie zu tun, mit alten Steinen, Skulpturen, einem großen Altar in Berlin, aber Landschaft? Landschaft, fährt der Geograph fort, ist die Hydrosphäre, die Biosphäre, Sedimente, die Atmosphäre und natürlich die Anthroposphäre, das Menschengemachte. Schneider bringt es auf den »topologischen« Punkt: »Es geht darum, das Zusammenwirken von Mensch und Naturraum zu untersuchen, und zwar in beide Richtungen.« Pergamon, heute Bergama, liegt im Grenzbereich zweier Naturräume. Die Stadt selbst wurde auf den Ausläufern des nördlichen Randgebirges des Kaikostals errichtet. Direkt südlich schließt die Kaikos-Schwemm­ ebene an, die sich nach Westen bis zur Ägäis erstreckt. Seit dem Ende der letzten Eiszeit veränderte sich die Region deutlich. Seit 2009 wird das Kaikostal geoarchäologisch erforscht. Erste Ergebnisse der Untersuchung der Landschafts- und Siedlungsentwicklung lassen den Schluss zu, dass es bereits in der frühen Bronzezeit Landwirtschaft gegeben haben muss. »Wir wissen, dass es auch Be- und Entwässerung gab«, sagt

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im porträt

Schneider. »Wir wissen aber noch nicht, wie intensiv der Eingriff des Menschen in den Naturraum war.« Seit 100 Jahren wird nämlich darüber diskutiert, ob der Fluss Kaikos vielleicht weiter nördlich in die Ägäis mündete, bei Atarneus also, oder ob er auch schon in der Antike seinen heutigen Lauf besaß, das heißt, 25 Kilometer weiter südlich das Meer erreichte. Seit dem dritten vorchristlichen Jahrhundert erleidet Atarneus

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einen Bedeutungsverlust. Hat dabei das Wetter Schicksal gespielt, hat es also weniger geregnet, ist eine der Fragen der Geowissenschaftler. Ist die Gegend versumpft, mit der Folge, dass sich die Malaria ausbreitete? – Ein Verdacht, der sich aus einer Textstelle bei Strabon nährt. Haben die Menschen daraufhin die Region verlassen? Oder wurde der Fluss gar künstlich umgeleitet? Was immer die Ursachen sind, denen das interdisziplinäre topoi-Team der Area A auf der Spur ist: Wasserwege und die Verbindung zum Meer sind lebenswichtig für das Wohlergehen von Siedlungen. Und während Atarneus in die Bedeutungslosigkeit sank, wuchs Pergamon zu einer glänzenden Metropole heran. ( »Pergamon reloaded«, S. 23 ff.)
cluster vgl. auch excellence

top

The formation and transformation of space and knowledge in an

Was also genau tut der Geograph? »In der ersten Geländekampagne wurde am Burgberg von Atarneus eine Fläche von einem Quadratkilo-

meter detailliert geomorphologisch kartiert«, erklärt Schneider das Vor­ ehen. Sedimente erbohrt man mit der offenen Rammkernsonde, 37 g Rammkerne haben sie inzwischen in den Boden der Region getrieben, pro Stück fünf Zentimeter Durchmesser. »Das ist sehr punktuell«, sagt Schneider. »Da stellt sich die Frage: ›Vor welchem Hintergrund interpretiere ich?‹« Außer der Erfassung der Geomorphologie und Untersuch­ ungen der Sedimente im Gelände gibt es weitere chemische und physikalische Analysen im Labor, die Aufschluss über verschiedene Ab­agerungsformen geben können. Mittels Radiokarbon-Datierung ist l es möglich, eine Geochronologie zu schaffen. Und dann sind da natürlich die Ergebnisse der Archäologie. Zusammengenommen verdichtet sich nun die Frage: Was tat der Mensch in einer bestimmten Region zu einer bestimmten Zeit mit seiner Umwelt – und was tat sie mit ihm? »Geowissenschaftler sollten ihre Ergebnisse zunächst unabhängig von früheren Forschungen interpretieren«, nennt Schneider die Methode, sich vor Voreingenommenhiet zu schützen. »Andere lesen die Quellen, wieder andere untersuchen die Siedlungsreste aus der Bronzezeit«, beschreibt er die Arbeitsteilung. »Es ist schon so unglaublich viel erforscht worden«, freut sich der Geograph. Kein Problem mithin, sich an geeig-

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im porträt

neter Stelle einzuklinken – wenn man es will und sich nicht eifersüchtig gegen andere abschottet. »Seit den 60er-Jahren gibt es Bohrkerne aus den angrenzenden Regionen«, sagt Schneider. »Die können wir heute mit den Ergebnissen der anderen Fächer ganz anders und viel genauer ‚lesen’.« Durch die fächerübergreifende Arbeit fügt sich das Puzzle Stück für Stück zusammen – ganz wie in t o p o i . »Es ist großartig, in topoi zu promovieren«, sagt Schneider. Andere

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Topologen sitzen auf demselben Flur, Archäologen und Prähistoriker kommen oft in Lankwitz vorbei. »Grandios!« Schneiders wichtigstes Anliegen – das er auch seinen Studierenden an der FU zu vermitteln versucht – ist das Verständnis von Landschaft als Lebensraum des Menschen und die Notwendigkeit, sie nachhaltig zu nutzen. »Wir haben soviel verlernt, wenn es darum geht, die Balance zwischen Mensch und Umwelt zu wahren«, sagt er. »An dem Punkt waren wir schon einmal besser.« Aber Weltuntergangsszenarien zu beschwören, ist nicht die richtige Methode der Aufklärung, ist er überzeugt. Sinnvoller sei es, gut begründete Vorschläge zu machen. Dabei, so ist er überzeugt, können Lösungen, die Menschen vor langer Zeit schon einmal gefunden haben, auch ein wenig dem Hochmut der »Moderne« abhelfen. So etwas zum Beispiel tut ein Geograph in Pergamon …

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pause

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Das Auto zum Cluster Die Beschäftigung mit Raum ist nicht nur Sache der Topologen. Auch die Baumeister und Innenarchitekten machen sich einen Reim auf den Raum. Drei Raumdeuter arbeiten in Berlin-Kreuzberg und sind hier zu finden: www.raumdeuter.de

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hinter den kulissen
Am haltbarsten sind noch gebrannte Tontafeln. Sie sind weitgehend hitze-, kälte- und wasserresistent, man kann sie nicht verbrennen, und

die ordnung der daten ein it-kompetenzzentrum für die altertums wissenschaften

wenn sie ordentlich geschrieben sind, kann man sie ein paar tausend Jahre nach ihrer Entstehung noch lesen. Papyrus, Tierhaut und vor allem Papier sind schon nicht mehr so haltbar. Unter günstigen Bedingungen überstehen aber auch sie lange Zeiträume und auch sie kann man noch nach langer Zeit lesen, wenn das Material einigermaßen unversehrt ist. Text, der mit einem ASCII-Editor oder einem Programm wie WordStar, AmiPro oder Speed-Script oder mit einer frühen Word-Version geschrieben ist, Datenbanken, die vielleicht noch aus der Zeit der »Sprache« DL/1 – Data Language One – stammen, lassen – als Medienfamilie insgesamt gesehen – die zuvor genannten Eigenschaften vermissen. Wenn

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es auch die wesentliche Aufgabe eines Datenbanksystems ist, große Datenmengen effizient, widerspruchsfrei und dauerhaft zu speichern, ist genau diese Aufgabe in Zeiten der beschleunigten Technologieentwicklung ein Problem. Die ältesten Tontafeln sind etwa 5 000 Jahre alt, ihre Daten sind zugänglich. Das Speichermedium 3,5-Zoll-Diskette wurde 1981 Standard. 30 Jahre später gibt es nicht mehr viele Maschinen, welche die auf ihnen gespeicherten Daten wecken können. Eine Zeitlang sind neue Anwendungen noch abwärtskompatibel. Aber diese Zeitspanne wird immer kürzer. Die Speicherfähigkeit elektronischer Medien ist in vielen Fällen umgekehrt proportional zu ihrer langfristigen Haltbarkeit. Will man Daten langfristig bewahren, gilt es verschiedene, eng miteinander verbundene Komponenten in den Blick zu nehmen. Zunächst gilt es, eine logische Ebene, die auf die intellektuelle Konzeption und Zielstel-

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lung der Generierung von Daten zielt, zu beachten: Wie kreiere ich Daten? Wie dokumentiere ich sie? Welche Daten sollten zuerst archiviert werden? Aus der Auseinandersetzung mit diesen Fragen ergeben sich grundsätzliche Konsequenzen für die Erhebung von Forschungsdaten: Sie müssen transparent dokumentiert sein und über semantische Schnittstellen (Schnittstellen mit einer klar definierten Struktur, die von einem internationalen Nomierungsgremium festgelegt werden) miteinander kommunizieren können. Auf einer weiteren Ebene, der Applikationsebene, kommen weitere Fragen auf: Welche Software nutze ich? Welche Garantie habe ich, dass die Software auch in Zukunft Bestand hat bzw. weiterentwickelt wird? Was passiert, wenn der Hersteller pleite geht? Auch hieraus ergeben sich Konsequenzen für den Umgang mit Forschungsdaten: Nach Möglichkeit sollte keine proprietäre Software benutzt werden, an ihre Stelle sollte Opensource-Software rücken i. S. v. offengelegten Programmcodes & Datenformaten. Schließlich gilt es auch, eine physikalische Ebene im Blick zu behalten. Da geht es um die Frage

hinter den kulissen

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eines stabilen Medientransfers im technisch-mechanischen Sinne und eines Geschäftsablaufes, der den Weg von Forschungsdaten vom Grabungsplatz zu einem Rechenzentrum beschreibt und dabei auch die Verfügbarkeit von Medien wie externen Festplatten berücksichtigt. Die Lösung ist im Prinzip klar: Daten und Metadaten müssen in bestimmten Mindeststandards vorliegen, dann können sie in Zukunft leichter in andere Datenformate überschrieben und somit erhalten bleiben. Daten aus Jahrhunderten Die Altertumswissenschaften und die Archäologie sind von jeher in besonderem Maße auf sorgfältige Dokumentation und visuelle Veranschaulichung ihrer Forschungsobjekte und -ergebnisse angewiesen. Das hängt vor allem damit zusammen, dass bei Grabungen die Kontexte, aus denen einzelne Objekte der materiellen Kultur stammen, im Moment ihrer Freilegung zerstrört werden. Die Forschungsdaten, die im Zuge einer Grabung erhoben werden, haben deshalb einen einmali-

gen Wert, das gilt auch im digitalen Zeitalter. Anders als beispielswiese in vielen Naturwissenschaften verlieren einmal gewonnene Daten ihren Wert für die Forschung nicht – noch heute arbeiten Altertumswissenschaftler mit Texteditionen vergangener Jahrhunderte oder mit den Ergebnissen der frühesten Großgrabungen im Vorderen Orient oder in Griechenland. Hat man früher Gipsabgüsse und Abklatsche, Zeichnungen, Fotos und gedruckte Publikationen verwendet, dokumentiert man heute überwiegend in Form von Datenbanken, mittels geographischer Informationssysteme (GIS) und 3D-Rekonstruktionen. Und so steht man zu Beginn des 21. Jahrhunderts vor einer neuen Herausforderung: Wie sichert man – die exponentiell angestiegene – Fülle an Daten langfristig? Wie macht man sie »interoperabel«, das heißt, bereitet sie so auf, dass sei miteinander »sprechen« können? Und wie sorgt man dafür, dass die einmal gefundenen Lösungen nicht in wenigen Jahren schon wieder hinfällig sind? Die Frage, wie komplexe Datenbanksysteme, die auf unterschiedlichen Strukturen, Sprachen und Ortsbezeichnungen basieren, sinnvoll miteinander verbunden werden können, sind ein aktuelles Forschungsproblem, das auch die Schnittstelle zwischen Informationstechnologie und Altertumswissenschaften berührt. Vielfalt und Menge 2008 hat sich eine Arbeitsgruppe gebildet, die ein nationales IT-Kompetenzzentrum für die Archäologie und die Altertumswissenschaften in Deutschland etablieren will. Beteiligt sind das Deutsche Archäologische Institut (DAI), der Verband der Landesarchäologen, die Antikensammlung SMB als Vertreterin der Museen, die BBAW als Vetreterin der Akademien der Wissenschaften, die Universitäten Kiel und Köln mit Kompetenzen in der Archäoinfromatik und der langfristigen Vorhaltung von Daten, das Reiss-Engelhorn-Zentrum für Archäometrie als Vertreter der Naturwissenschaften sowie das Exzellenzcluster topoi. Dabei verweisen schon die verschiedenen Beteiligten mit ihren heterogenen Datenbeständen auf eine weitere Herausforderung: Die Menge der Daten ist nämlich nicht das einzige Problem.

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Die Arbeitsgebiete in den Altertumswissenschaften sind außerordentlich vielfältig: Sie reichen von textbasierten und kunsthistorischen Analysen über Untersuchungen unterschiedlicher Materialien wie Knochen, Scherben oder Statuen bis hin zu großangelegten Regionalstudien, die mit Hilfe moderner Grabungs-, Vermessungs- und Fernerkundungstechniken durchgeführt werden. Diese heterogenen Datenbestände so zusammenzuführen, dass man sie nach gemeinsamen Parametern befragen kann, ist eine hochkomplexe Aufgabe, die im Rahmen des Kompetenzzen­ trums angegangen werden soll. Neue Forschungsinstrumente Ein weiteres Ziel der Arbeitsgruppe ist es, die Community für die Themen Langzeit-Datensicherung und Relationalität zu sensibilisieren. Dazu gehört nicht nur die Entwicklung von Richtlinien für den Umgang mit Forschungsdaten, um Minimalstandards zu definieren, sondern auch die Aufnahme dieser Fragen in die universitären Curricula.

Im Zuge dieser Entwicklung kann das Kompetenzzentrum Empfehlungen für den Gebrauch und die Nutzung digitaler Daten in der Archäologie und den Altertumswissenschaften erarbeiten, kann anwenderfreundliche Datenbanksysteme und -module für die Text- und Feldforschung anbieten und den Informationsbedarf zu technischen Entwicklungen abdecken. Durch eine erhöhte Sichtbarkeit von altertumswissenschaftlichen Forschungsergebnissen im Web, aber auch durch verbesserte Einstiegsmöglichkeiten wird eine qualitative Verbesserung von Forschung und Forschungsmethoden insgesamt über die Disziplinengrenzen hinweg angestrebt. Als Ergebnis einer ersten Projektphase (2011–2013) plant die Arbeitsgruppe eine Bedarfsanalyse und die Umsetzung von Pilotprojekten (sog. Testbeds), die dann in einer zweiten Projektphase (2012–2014) um ein Rechenzentrum herum zur Entwicklung einer Organisationsstruktur und – darauf aufbauend – eines Kompetenzzentrums für altertumswissenschaftliche Forschungsdaten verhelfen soll. Eng mit dem Projekt verbunden sind Teilvorhaben wie die mittlerweile abgeschlossene Programmierung des Prototyps eines Gazetters (eines digitalen Ortsregisters) zusammen mit t opoi , der es erlaubt, potentiell weltweit ortsbezogene Informationen mit dem Register zu verknüpfen und dieses Werkzeug somit zu einem wertvollen Informations- und Forschungsinstrument im Web auszubauen. Ortwin Dally (Der Autor ist Generalsekretär des DeutschenArchäologischen Instituts; in topoi Mitglied mehrerer Arbeitsgruppen in den Areas A, B, C und E) Tipp iDAI.field und topoi iDAI.field ist eine hoch entwickelte Datenbank des Deutschen Archäologischen Instituts für archäologische Feldprojekte, die für die Forscherinnen und Forscher in t o p o i zugänglich gemacht wurde und mit der Zeit den spezifischen Bedürfnissen von t o p o i angepasst wird. Dabei entwickeln die Experten topoi-spezifische Erweiterungen mittels einer Open-SourceSoftware, die ein effizientes Management raumbezogener Daten erlaubt und außerdem aufgrund ihres Formats größtmögliche Nachhaltigkleit gewährleistet. Ein Web-basiertes »Graphical User Interface« (GUI) soll schließlich leichten Zugang zu allen Forschungsdatenbanken von t opoi erlauben.

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topoi vor ort

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nerik !

Hattuscha, die politische Hauptstadt der hethitischen Könige, wird seit mehr als 100 Jahren erforscht. Doch von Nerik – hier sind wir – weiß man nur, dass es im hethitischen Bergland Haharwa in der Nähe des Flusses Kizilirmak in Nordanatolien liegt. Und dass Hattuschili III.,

Es sieht trocken aus auf dem Hügel in der türki­ der Bruder des Ägyptenbezwingers Muwatalli II. schen Provinz Samsun, im nördlichen Teil des Lan­ (1 259 v. Chr.), vom Wettergott von Nerik zum des gelegen, mit einem Küstenstreifen zum König gemacht wurde … Schwarzen Meer. Ein kleiner Sonnenschirm ist Seit sechs Jahren wird hier gearbeitet – und seit aufgestellt – es ist heiß – ein kleines Zelt schützt gegraben wird, kommen nicht nur Reste teilweidie empfindlichen Geräte vor Staub und Hitze, se monumentaler Architektur, sondern auch und ohne Kopfbedeckung gehen die Archäologen vermehrt Schriftzeugnisse – über ein Dutzend nicht in den Grabungsschnitt. hethitische Keilschriftfragmente und zwei ge-

siegelte Tonbullen mit luwischen Hieroglyphen bisher – ans Tageslicht: die ältesten Schriftfunde Nordanatoliens und der bislang nördlichste Nachweis für die hethitische Kultur. Einer der Texte erwähnt eine Weihgabe für den Wettergott von Nerik, ein anderer »Haharwa«, also jenes Gebirge, in dessen Nähe sich Nerik befindet, und auch der letzte der bekannten hethitischen Könige Suppiluliuma II. ist genannt. Die Zeugnisse stammen aus dem Umfeld eines 3 000 Quadratmeter großen repräsentativen Gebäudes auf der Hügelkuppe, das bei einer geomagnetischen Prospektion im Sommer 2006 sichtbar wurde. Viel spricht dafür, dass es sich bei dem exponierten Bau um ein Heiligtum des Wettergottes handelt: Das zeigen die nischen-gegliederte Südfassade und die Fragmente rotgeslipter Stierfiguren – Symbole des Wettergottes. Ob es sich tatsächlich um den Tempel des Wettergottes von Nerik handelt, wird im Laufe der Ausgrabungen hoffentlich geklärt werden können. Das interdisziplinäre Team, das sich dieser Aufgabe verschrieben hat. wird geleitet von Prof. Dr. Jörg Klinger und PD Dr. Rainer Czichon vom Institut für Altorientalistik der Freien Universität Berlin. Die Projektförderung verteilt sich auf

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topoi vor ort
mehrere Schultern: DFG (seit 2009), Gerda Henkel Stiftung (2006–2008), Freie Universität Berlin (2005), Tepe Knauf Ankara sowie private Spender. Die Forscher gehen davon aus, dass der Siedlungshügel »Oymaagac Höyük« bei Vezirköprü mit Nerik identisch ist, mit einem Ort also, der aufgrund seiner Größe und seiner Lage am Nord­ and des Beckens von Vezirköprü, das von r Kupfer- und Silberminen umgeben war, eine Schlüsselstellung in der Gebirgslandschaft der Mittleren Pontiden innehatte – einst Kultzen­

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trum und Krönungsort der hethitischen Könige der Frühzeit. Die »topologischen« Fragen im Projekt lauten: Wie konnte an dieser Stelle ein Zentralort entstehen? Wie gestaltete sich die Struktur der hethitischen Stadtanlage und des umliegenden Siedlungssystems?
Ein Tontafelfragment weist darauf hin, dass sich im Siedlungshügel von Oymaagac Höyük tatsächlich der hethitische Kultort Nerik verbirgt. Bei den Fundstücken handelt es sich um die einzigen hethitischen Texte am nördlichen Rand Anatoliens

Welche

Veränderungen

brachte die Herrschaft der Kaschkäer, und was waren schließlich die Ursachen des Bedeutungsverlustes und der Verlagerung des zentralen Ortes in römischer Zeit in das südlich gelegene Neapolis/Vezirköprü? www.nerik.de

das fliegende auge von topoi

topoi to go

Was hier aussieht wie eine sehr moderne vollelektronische robotische Science Fiction-Heuschrecke, die Pause macht, ist in Wahrheit ein hochspezialisiertes Gerät zur Prospektion von Fundplätzen. Es findet versteckte Artefakte, nimmt ultrahochaufgelöste Bilder aus der Luft auf und erleichtert damit nicht nur die Grabungsdokumentation, sondern auch das Auffinden von Orten. Aus diesen Fotos – der Kameraträger ist kardanisch aufgehängt – können schließlich außerordentlich präzise digitale Geländemodelle entwickelt werden. Der Oktocopter, so heißt das fliegende Auge von t opoi , kann senkrecht starten, kommt daher wie ein kleiner Helikopter und wiegt sage Weitere Informationen: und schreibe nur ein Kilo. Er ist schnell, wendig Dr. Hans-Peter Thamm, Institut für Geographiund ferngsteuert – ein UAS also, das heißt Un- sche Wissenschaften, Arbeitsbereich Fernerkunmanned Aerial System. Kurz gesagt: eine Dro- dung; ne. Und das erinnert dann doch wieder ein we- 030-83870342 nig an Science Fiction … hpthamm@zedat.fu-berlin.de topoi AG A-III-5; peter.thamm@t o p o i.org

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3. Jahrgang / 2–2011 ISSN 1869-7356

Herausgeber:

Exzellenzcluster 264 topoi The Formation and Transformation
of Space and Knowledge in Ancient Civilizations

Konzept, Text und Redaktion: Susanne Weiss – (030) 31 01 27 55 www.wortwandel.de

Gestalterisches Konzept, Layout und Satz: HeilmeyerundSernau www.heilmeyerundsernau.com

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Druck: H. Heenemann GmbH & Co. KG Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin www.heenemann-druck.de

Vertrieb:

topoi Geschäftsstelle FU
Hittorfstr. 18, 14195 Berlin Tel.: (030) 83 85 72 71 sekretariat@topoi.fu-berlin.de www.topoi.org

top o i Geschäftsstelle HU
Hannoversche Straße 6, 10099 Berlin Tel.: (030) 20 93 990 73 ursula.mueller@topoi.org
        
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