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Periodical volume

Full text: Raumwissen Issue 2010,2

editorial Wir nähern uns einem Thema an, wir konzentrieren uns auf ein Forliebe leserin, schungsgebiet, wir erörtern eine Perspektive … Unzählige Beispiele lielieber leser ßen sich nennen für Wörter und Begriffe, die zunächst Raum oder Bewegung im Raum ausdrücken und die – ohne dass wir es uns noch vergegenwärtigten – Eingang gefunden haben auch in die Sprache über »erhabene« Gegenstände auf »hohem Niveau«. Sogar wenn wir uns der »Abstraktion« selbst zuwenden, sind wir im Räumlichen quasi gefangen; abstrahere heißt nichts anderes als »wegziehen«. Der Mensch ist dem Konkreten innig verbunden, wie es scheint, heute wie in den alten Kulturen. Die Beziehung von Raum und Sprache ist ein t op oi -Thema par excellence, das in verschiedenen Bereichen unseres Clusters untersucht wird, und wir freuen uns, dass wir als Verstärkung für diese komplexe interdisziplinäre Aufgabe eine Reihe sehr engagierter Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler als Stipendiaten und Fellows gewinnen konnten. Einige von ihnen stellt r au m wi sse n Ihnen in dieser Ausgabe vor. Darüber hinaus erfahren Sie, was Sprache mit Verwaltung zu tun hat, wie Wörter zu Verbrechern werden können, wie Jura und Altertumskunde zusammenhängen und wie akribisch die Arbeit an Editionen antiker Texte sein muss, um babylonischer Sprachverwirrung zu entgehen. Im Namen des Vorstandes von top oi wünscht Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre Ihre Univ.-Prof. Dr. Friederike Fless

inhalt
04 kurz gefasst archäoworks geht in die zweite Runde; Die Antike spricht; topoi , der Film; Neues aus Neotopia 	 08 topoi im Beschriebene Straßen Ein Kolloquium über die Meilensteine des Imperium Romanum und ihre Edition

inhalt
42 ansichten II Der Stein von Rosette … und die Folgen einer Entzifferung 46 im porträt Wüstenklänge Ricardo Eichmann, Direktor der Orient-Abteilung am Deutschen Archäologischen Institut 49 Polyglott hoch zwei Internationale Fellows und PostDocs und ihre Forschung zu alten Sprachen in t o p o i 54 Topologische Grammatik Stipendiaten der Area C und ihre Forschung zu Raum und Wort		 59 Forschungsnomade Sören Stark, Archäologe und Kunsthistoriker auf dem Weg nach Übersee		 62 hinter den Neun Forschungsreisende und ein Cluster Die Mitglieder des internationalen wissenschaftlichen Beirats von t o p o i 	 68 TOPOI to go Der Meilenstein	

gespräch

14 ansichten I

Das Lesen und das Schreiben Eine kleine Bildergeschichte			

18 forschung 22

Natürlich oder konstruiert? Körper und Sprache in Griechenland und Rom	 Anatomische Kartographie Die »Orte« der antiken Medizin in den Schriften Galens 	

26 30

Worte zu Taten Antike Fluchtafeln und ihre Edition	 Luftgetrocknet Die Entstehung der Schrift im Reich der Verwaltung

kulissen

36 interview

Mit Cosima Möller Über Feldmesser, Trutzäcker und alles, was Recht ist

70 TOPOI vor ort Virtuelle Zettelwelten	 72 impressum

ischtartor Das berühmte Tor, eines der Stadttore von Babylon, stammt aus dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert. Seit 1930 befindet es sich im Vorderasiatischen Museum in Berlin, das seinen Sitz im Pergamonmuseum hat. Die Schriftzeichen, denen Motive für unsere Umschlaggestaltung entnommen sind, zeigen die Bauinschrift des Königs Nebukadnezar II. an der linken Seite des Tores. Vorderasiatisches Museum, Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Maximilian Meisse

f o t o n a c h w e i s : S. 9/68 Moede; S. 10/11 Moede; S. 14–17: 1) Kairo, Ägyptisches Museum, 2) Athen, Epigraphisches Museum, 3) Jena, Universitätssammlung, 4) Neapel, Nationalbibliothek, 5) Berlin, Pergamonmuseum, 6) Köln, Papyrus­ sammlung, 7) Athen, Agoramuseum, 8) Berlin, Münzkabinett SPK; S. 18–19: Fabricius; S. 20 nach: F. Johansen, Ny Carlsberg Glyptotek. Catalogue Roman Portraits II, Kopenhagen (1995) S. 169; S. 26 Athen National Museum inv. 14470; S. 29 IG; S. 30–33 Kleber; S. 35 Seidlmayer; S. 42–45 British Museum, London; S. 70/71 BBAW; Übrige: privat

kurz gefasst archæoworks geht in die zweite Runde
Mit der ersten »archæoworks« waren alle Beteiligten mehr als zufrieden, und zwar Besucher und Aussteller – und die studentischen Veranstalter. Von den Ausstellern wollen über 97 Prozent wiederkommen, wenn es im Juni 2011 wieder heißt: »Und was machst Du damit, wenn Du fertig bist?« »Damit« meint nach wie vor die Geisteswissenschaften, und hier auch im Besonderen die Archäologien. Wer den Absolventen dieser Fächer nach alter Manier noch allzu oft das Alleskönnertum zuschreibt, verkennt, dass der Arbeitsmarkt von heute sich geändert hat und dass eine akademische Ausbildung nicht mehr ein Privileg Weniger ist. „Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer,“ (Seneca) haben sich die »archäoworker« als Motto auf ihre Die Antike spricht Seit 2007 gibt es ein Projekt, dessen Ergebnis jeweils ein großer Nutzen auf Gegenseitigkeit ist. Studierende der Klassischen Archäologie organisieren ein Unternehmen mit dem schönen Namen: »Die Antike spricht«. Durchgeführt wird es in den Ausstellungsräumen des Alten Museums. Auch in diesem Sommersemester 2010 steht eine Gruppe von Studierenden während der Vorlesungszeit immer donnerstags zwischen 18.30 Uhr und 22.00 Uhr den Besuchern des Alten Museums Rede und Antwort. Spontane Fragen können spontan beantwortet werden, und bei Bedarf bieten die Nachwuchs-Archäologen auch kleine Führungen an. Ihr Ziel ist es – und der Gewinn der Besucher –, durch zwanglose Gespräche die Antike und das Wissen über sie lebendiger zu gestalten und neue Perspektiven auf die Ausstellungsstücke zu eröffnen. Die Studierenden ihrerseits können auf diese Art erlerntes Wissen anwenden, Kommunikationstechniken erlernen und im freien Reden vor Publikum Sicherheit im Vortrag gewinnen. Studierende, die an diesem Projekt, das von t o p o i , dem Institut für Klassische Archäologie der FU und den Staatlichen Museen unterstützt wird, teilnehmen wollen, sind herzlich dazu eingeladen. Für Fragen stehen die »Sprecher« natürlich jeden Donnerstag zur Verfügung und gerne auch per E-Mail unter dieantikespricht@web.de
Hier spricht die Antike. Wer mehr als »nur« das Übliche wissen will über die Ausstellungsstücke im Alten Museum, sollte seinen Besuch auf Donnerstag Abend legen. Zu dieser Zeit trifft man auf das »Führungspersonal« der Zukunft

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Homepage gesetzt. In diesem Sinne geht die studentische Berufsmesse für Absolventen archäologischer Fächer vom 2. bis zum 5. Juni 2011 an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz in die Verlängerung. Die erste Veranstaltung im November 2009 war von topoi unterstützt worden. Organisiert wird die Messe jeweils von aktiven Mitgliedern des DASV e. V., dem Dachverband Archäologischer Studierendenvertretungen. Der Verband umfasst Fächer wie Klassische Archäologie, Ägyptologie und Urund Frühgeschichte, hat sich zum Ziel gesetzt, die Vielfalt der archäologischen Disziplinen an deutschen Hochschulen zu erhalten und den Studierenden ein Sprachrohr in Universität, Politik und Öffentlichkeit zu bieten. Und hier kann man sich anmelden: www.archaeoworks.de/ (siehe auch raumw i s s e n 1-2009, S. 4)

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kurz gefasst

tsund ollen systographieren

Topostars

Die Tagung „Bilder vom Nirgendwo. Über Kartographie und Utopie“ findet am 11. und 12. Juni 2010 im TopoiHaus der FU Berlin statt. Wir heißen alle Gäste herzlich willkommen! Weitere Informationen über jarp@gwdg.de oder jan.woepking@fu-berlin.de

t o p o i Nachrichten Wer es noch nicht kennt: »Neotopia« heißt es, und es ist so etwas wie der »Dispatcher« von t o p o i . In relativ kurzer Folge werden auf jeweils vier Seiten aktuelle Neuigkeiten verbreitet. Vor allem gibt Neotopia zusammen mit dem »Calendar« auf der t o p o i -Homepage einen Überblick über zukünftige und – in ausgewählten Fällen – stattgehabte Kolloquien, Lectures und andere akademische Zusammenkünfte. Außerdem hält es die Topologen auf dem neuesten Stand über personelle Neuzugänge im Cluster und über die Anwesenheit illustrer Gäste. Der Newsletter wird von der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von t o p o i besorgt und ist online hier zu finden: http://www.topoi.org/images/pdf/Neotopia/ neotopia_topoi-newsletter2010-03.pdf
Reisen ins Unbekannte, Foto: Dunja Antic

Dass Topolino und Topolina berühmte Filmfiguren sind, haben wir bereits in der letzten Ausgabe von raumw i s s e n gelernt. (r au m wi sse n 1-2010, S. 62–67) Da waren es aber noch Zeichentrickfiguren. Seit kurzem sind die Topolini und Topolinae echte Filmstars geworden, seit nämlich die DFG die Exzellenz filmisch in Szene setzt. Der knatternde Anfang, an dem etwas Seltsames raumgreifend über einer Dahlemer Wiese kreist, macht gleich so neugierig auf den neuen t op oi -Film, dass man sich gern dertive in kurzen Forschungsvideos mehr nun sollte weiterern Szenerie ergibt – aber vor wird nicht verratenFilm über Topoi entstehen. Es folgte auch ein …

Neotopia
HIGHLIGHT TERMINE PERSONALIA

0310
REISEBERICHT

Topoi-Tipp-Gemeinschaft zur Fußball-WM 2010

Die wichtigsten TopoiTermine im Mai und Juni

Katja-Maria Vogt im Porträt

Sudan-Exkursion auf Lepsius‘ Spuren

Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen,
der Reisebericht zur Sudan-Exkursion unserer Kollegin Diana Nickel-Tzasch auf S.4 des aktuellen Newsletters zeigt, dass es offensichtlich Regionen gibt, in denen man nicht über den kältesten Mai seit 140 Jahren zu klagen braucht. Auch wenn die bisherige Klimaentwicklung im Topoi-Kerngebiet als besonders forschungsfreundlich beschrieben wird, wünschen wir uns für die kommenden Großereignisse auch hierzulande etwas höhere Temperaturen. Zunächst steht das 3rd Thursday-Meeting am kommenden Donnerstag im Topoi-Haus Dahlem an. Es ist vielleicht kein Großereignis aber dennoch eine gute Gelegenheit, nach einem interessanten Vortrag das Gespräch mit unseren aktuellen Fellows und den Topoi-Kolleginnen und Kollegen der unterschiedlichen Areas zu suchen. Das Pfingstwochenende regt dann vielleicht an, das Wissen über bislang unbekannte – vermutlich aber weniger antike – Orte in und um Berlin zu erweitern. Das nächste Großereignis hat schließlich vor allem mit emotionalen Räumen zu tun: die Fußball WM vom 11. Juni – 11.Juli. Alle, die dieses Ereignis in Topoi teilen möchten, sind eingeladen an der Topoi-WM-Tippgemeinschaft teilzunehmen. Anmeldungen bitte bis zum 4. Juli an wm2010@ topoi.org richten – Ursula Müller wird dann über das weitere Verfahren informieren. Der Gewinner der Tipp-Gemeinschaft wird schließlich auf dem Topoi-Sommerfest am 15. Juli prämiert – und nur Mut: Erfahrungsgemäß erreichen Teilnehmer mit wenig Fußballwissen oft die meisten TippPunkte! Auf rege Beteiligung hofft

Reibstein, Kochtopf, Festgelage Vom Essen als Nahrung und Ritual
Im Rahmen des 3rd Thursday Meting am 20. Mai um 19 Uhr wird Martin Jones (Professor of Archaeological Science, University of Cambridge) zum Thema “Feeding the Body – Shaping the Community. An Archaeology of the Meal“ sprechen. Der Titel erinnert an die bekannte Tatsache, dass das gemeinsame Essen und Trinken zu den grundlegendsten Dingen menschlicher Existenz gehört. Außer der Versorgung eines Körpers mit Nahrung hat es vielfältige soziale Aspekte, die den Homo sapiens von anderen Arten unterscheiden. Wesentliche Grundlage ist die Nutzung natürlicher Ressourcen durch den Menschen. Diese ist seit den Jäger- und Sammlerkulturen auch mit der Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen verbunden. Die Siedlungstätigkeit der Menschen und die Domestikation von Tieren brachten radikale Veränderungen in der Lebensweise mit sich. Wie wandelten sich die Wirtschafts- und Nahrungsgewohnheiten im Laufe vieler Jahrtausende? Wie entwickelten sich agrarische Gesellschaften? Was lässt sich aus archäologischen Befunden über Lebensgewohnheiten und Ernährung erkennen und rekonstruieren? Dieser komplexen Thematik widmen sich neben der Archäologie und Anthropologie auch die Paläogenetik, Paläozoologie und Paläobotanik – so auch in Topoi (A-I, A-II). Martin Jones wird aus seinen Forschungen Spannendes dazu zu berichten haben. Vertieft wird dieses Thema zehn Tage später auf der Internationalen Tagung „Commensality, Social Relations, and Ritual. Between Feasts and Daily Meals“ (C-III). Auf Einladung von Susan Pollock treffen vom 31. Mai bis 1. Juni Anthropologen und Soziologen mit Altertumswissenschaftlern zusammen, um verschiedene Formen der Kommensalität in antiken und neuzeitlichen Gesellschaften des Vorderen Orients, Europas und Südamerikas zu diskutieren. Von besonderem Interesse werden dabei die Fragen sein: „Wie lässt sich Kommensalität als politisch motivierter Prozess von unreflektiert ablaufenden Handlungen zur Nahrungsaufnahme unterscheiden?“ und „Wie können rituelle von alltäglichen Mahlen abgegrenzt werden?“ RA/HS

ellenzcluster
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g zum Zeuge n kleiesteubäude, es Kaa. Was gänger en für Topoi meinal underten zinitia-

Ihre Neotopia-Redaktion

ein dichter Drehtag mit Szenen und Interviews
Action: in den Topoi-Häusern sowie im Neuen Muse-

um. Herausgekommen ist ein facettenreicher http://www.topoi.org/index.php?option=com_

Filmteam beim Octocopter-Flug

Einblick in die Arbeit des Clusters. Trotz der content&task=view&id=4546&Itemid=200 erforderlichen Selektion der Themen bietet der Film vor allem Außenstehenden einen anregenden Zusammenschnitt über die Vielfalt und die Vernetzung der Topoi-Forschungen. Inzwischen kann der Film auch auf unserer Homepage betrachtet werden: Folgen Sie einfach dem NewsEintrag auf der Startseite. BN

topoi im gespräch beschriebene straßen ein kolloquium über die meilensteine des imperium romanum und ihre edition
sammeln, aufzuschreiben und zu übersetzen. Das Imperium war indessen groß, es erstreckte sich im Westen über die Iberische Halbinsel und reichte im Osten bis Kleinasien – und über diesen ausgedehnten geografischen Raum erstreckt sich auch die Forschung vieler verschiedener Wissenschaftler, von denen einige in Berlin zusammenkamen, um über Meilensteine, ihre Inschriften und ihre Bedeutung zu sprechen. »Meilensteine sind neben Brücken und Bögen die letzten unmittelbaren Zeugnisse zum Kommunikationsnetz der römischen Reichsstraßen.« So eröffnete Manfred G. Schmidt, Leiter der Arbeitsstelle Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Tagung »Viae Publicae Romanae. From the West

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Viel zu lesen gibt es nicht auf Meilensteinen. Aber ohne Inschrift tun sie’s nicht. Knappe Worte, eingemeißelt in Steine am Wegesrand, Orientierungspunkte zum einen, unmissverständliche Machtdemonstration zum anderen. Hier ist Gelände erfasst, hier wird Latein geschrieben, hier herrscht Rom. Doch erkennen wir einen Meilenstein als solchen, wenn er keine Inschrift (mehr) trägt? Wichtig wird die Frage spätestens dann, wenn man den Inschriften der Meilensteine die Ehre erweist und sich daran macht, sie genau wie ihre großen Schwestern aus der schönen und der Fachliteratur zu edieren, das heißt, sie zu
»D er Meilenst e i n« – siehe »TOPOI to go« auf Seite 68

unto the East – Fern von West bis hin gen Ost«, die vom 23. bis 25. März 2010 stattfand – gemeinsam organisiert mit der Association Internationale d’Épigraphie Grecque et Latine (AIEGL), einem internationalen Verband der Epigrafiker, und mit Unterstützung von t o p o i . Während Schmidt und seine Mitarbeiterin Camilla Campedelli in Berlin die Objekte der Iberischen Halbinsel bearbeiten, legen Kollegen aus Zürich und Exeter, Anne Kolb und Steven Mitchell, die Meilensteine der Provinz Asia Minor vor, und die Meilensteine des italischen Mutterlandes edieren Patrizia Basso und Alfredo Buonopane in Verona. Die Spezialisten nutzten deshalb die Gelegenheit, auf einem internen Workshop nicht nur über den Stand der Arbeiten zu berichten, sondern auch Fragen zur editorischen Konzeption der Einzelbände zu diskutieren. Wie schon erwähnt, sind Texte auf Meilensteinen nicht in epischer Breite und mit farbenfrohen Wortspielen eingemeißelt. Es geht um etwas ande-

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topoi im gespräch
Eine römische Straße in Santa Àgueda auf der spanischen Baleareninsel Menorca Kaiserzeitliche Radspuren mit einer Spurbreite von 1,30 m in einem römischen Straßenabschnitt bei Bacharach in RheinlandPfalz

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res. In festgelegter Reihenfolge und in einer Sprache, die auf Kernaussagen und nicht selten auf standardisierte Abkürzungen zugespitzt ist – die Spezialisten nennen es Inschriftenformular – verrät der Stein dem Betrachter verschiedene Informationen: Wer ließ die Straße bauen bzw. den Stein errichten? Welche römischen Ämter hat der »Erbauer« inne? Das Wichtigste für den, der unterwegs ist: Auf welche Orte weist der Stein hin? Abgesehen davon, dass natürlich alle Wege nach Rom führen. Ein Meilenstein allein macht noch keinen Forschungsgegenstand. Aber 6 000 von ihnen – so viele sind bis heute erhalten – sind in ihrer Gesamtheit ein Juwel für die Area B von t op oi . Denn hier wird untersucht, welche Kontrollmechanismen antike Gesellschaften finden, um ihre Territorien politisch zu besetzen und beherrschen zu können. Territoriale Markierungen sind einer davon, in Stein und Schrift. Das Kolloquium Die Zürcher Althistorikerin Anne Kolb zeigte in ihrem Vortrag »Viae publicae als Instrument der Raumerschließung und Herrschaftsorganisation« die Bedeutungsbreite der Meilensteine von der Orientierungshilfe für den Reisenden bis hin zum Symbol für römisch besetztes Territorium selbst – eingebettet in eine Analyse der Befunde im gesamten Römischen Reich. Dass dabei aber nicht ein starrer römischer Masterplan unabhängig von der natürlichen Geografie und von lokalen politischen Konstruktionen verwirklicht wurde, führte Althistoriker Werner Eck aus Köln vor. Am Beispiel der Provinz Asia Minor zeichnete er die große Flexibilität des römischen Provinzverwaltungssystems bei der Grenzsetzung nach. Eck betont, dass erst diese Flexibilität die Wirksamkeit des römisches Systems ausmachte und das Funktionieren in der Realität garantierte. So wie die Inschriften der Meilensteine bisweilen nur fragmentarisch erhalten sind, so sind auch die antiken Straßensysteme oft nur in Einzelabschnitten belegt – sei es, dass eine bestimmte Strecke nur noch auf dem Meilenstein benannt wird oder dass sich eine römische Straße noch

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topoi im gespräch
heute sichtbar durch die Landschaft zieht. Die Meilensteine und erhaltenen Straßenabschnitte sind wichtige Eckpunkte für die Rekonstruktion des antiken Straßen- und Kommunikationsnetzes. Zwischenabschnitte belegen ganz unterschiedliche Medien. Manfred G. Schmidt zeigte in seinem Vortrag »A Gadibus Romam – Mythos und Realität einer antiken Route«, wie stark auch die Rezeption fremder Welten von Erfahrungen und Erlebnissen auf diesen Wegen dominiert wird. Natürlich werden dabei von den antiken Autoren einzelne Streckenabschnitte genannt, aber sie evozieren bei der Schilderung von Erlebnissen auch eine Stimmung, welche die Wahrnehmung einer ganzen Region bestimmen kann. Einer ganz anderen Quelle zum Straßennetz der Iberischen Halbinsel war Michael Rathmann (Berlin) auf der Spur. Um 100 v. Chr. wurde in Ephesos Meilensteine sind das Medium zur Raumbeherrschung der römischen Kaiserzeit in den ersten vier Jahrhunderten n. Chr., erprobt bereits in der Republik. Meilensteine sind Zeugnis römischer Raumbeherrschung, und sie sind Zeugnis der Schrift des 3. Jahrhunderts v. Chr., wie wir sie vom primus inter pares der Meilensteine, dem ältesten uns bekannten Stück aus Posta di Mesa in Latina kennen, dem lange verschollenen und nun endlich wiedergefundenen Stein, den Hermann Dessau, Althistoriker und Epigraphiker, einst Mitarbeiter des Corpus Inscriptionum Latinarum an der Preußischen Akademie der Wissenschaften, Ende des 19. Jahrhunderts zuerst »beschrieb«. Das Corpus Inscriptionum Latinarum An der Arbeitsstelle Corpus Inscriptionum Latinarum (CIL) der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, geleitet von Manfred G. Schmidt, werden lateinische Inschriften gesammelt und ediert. Auch TOPOI hatte sich von Beginn an zur Grundlagenforschung bekannt – textkritische Editionen sind für alle weiterführenden Fragestellungen eine unerlässliche Basis. Es war deshalb naheliegend, auch die Edition der Meilensteine (miliaria) der Iberischen Halbinsel zu unterstützen. Manfred G. Schmidt und seine Mitarbeiterin Camilla Campedelli sammeln sie und besorgen ihre wissenschaftliche Bearbeitung. Unterstützung erhalten sie dabei von Horacio González Cesteros. Katja Moede Silvia Polla aus Berlin stellte eine Analysemethode vor, die Aufschluss geben kann über das Straßensystem, wenn die antiken Quellen schweigen: die computergestützte Rekonstruktion der Wege mit Hilfe eines GIS-basierten Geländemodells.

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der griechische Geograf Artemidor geboren. Als Gesandter seiner Heimatstadt lebte er in Rom und bereiste von dort fast alle Anrainerländer des Mittelmeeres. Bis 1994 war sein Werk vor allem in Zitaten bei anderen Autoren bekannt. Doch in diesem Jahr gelang ein sensationeller Fund. Ein Papyrus war als Mumienkartonage benutzt worden – sein Inhalt: ein Text und eine Karte aus den Beschreibungen Spaniens von der Hand des Artemidor. Für das Berliner Kolloquium konnte Michael Rathmann die Darstellung des spanischen Straßensystems auf dieser Karte auswerten. Steven Mitchel aus Exeter lenkte den Blick wieder auf den östlichen Teil des Imperiums und sprach über die ganz konkrete Wirklichkeit des Straßenbaus in dieser Provinz. »Wer war die kontrollierende Autorität beim Straßenbau?« »Wieviel Zeit verging von der Planung bis zur Verwirklichung?« Und: »Wer bezahlte?«

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ansichten

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Ägyptischer Schreiber Ob Keilschrift, Hieroglyphen oder Griechisch – das Schreiben lag in der Hand von Profis. In allen antiken Kulturen übernahmen Beamte die schriftliche Dokumentation wichtiger Vorgänge, ein Staatsarchiv sichert die politische Ordnung. Schreiberfigur aus Saqqara Um 2 500 v. Chr, Kairo, Ägyptisches Museum Ordentlich abgerechnet Kultbilder fallen nicht vom Himmel. Die Abrechnungs­ urkunde lässt keinen Zweifel daran, dass die Athener das bronzene Standbild der Athena Promachos auf ihrer Akropolis rechtzeitig bezahlt haben. Fragment der Abrechnungsurkunde Um 450 v. Chr, Athen, Epigraphisches Museum Ein Stadtplan in Keilschrift Analoge Navigation mit großer Präzision. Im Stadtplan von Nippur sind die Hauptgebäude durch Keilschrift­ zeichen benannt. Der Lebensraum wird in zweidimen­ sionale geometrische Formen übersetzt. Tontafel mit dem Stadtplan von Nippur Um 1 300 v. Chr., Jena, Universitätssammlung Papyrus im Feuer Nicht sehr ansehnlich und doch ein großer Schatz. Das Inventar der privaten Bibliothek einer römischen Villa in Herculaneum bestand aus zahlreichen Papyrusrollen. Beim Ausbruch des Vesuv verbrannten sie – vielleicht werden sie zukünftig durch Restauratoren wieder lesbar. Verkohlter Papyrus aus der Villa dei Papyri 1. Jahrhundert n. Chr., Neapel, Nationalbibliothek

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ansichten

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Künstlersignatur »Hephaistion hat es gemacht.« So verewigte sich der griechische Künstler Hephaistion auf seinem Werk. Im Palast V von Pergamon legte er Mosaiken auf dem Boden aus und hinterließ einen kleinen »Zettel« mit seinem Namen. Mosaik aus Pergamon Zwischen 250 und 150 v. Chr., Berlin, Pergamonmuseum Ilias gerollt Bestseller der Antike: Ilias und Odyssee. Auch im alten Ägypten wurden die großen Epen des Homer gelesen. Das Buchrollenfragment überliefert einige Zeilen aus der Ilias. Für moderne Textausgaben werden alle Fragmente ausgewertet. Buchrollenfragment aus Ägypten 2. Jahrhundert n. Chr., Köln, Papyrussammlung Scherbengericht Kein gelangweiltes Gekritzel, sondern Zeugnis demokratischer Praxis. Wollte jemand zu mächtig werden, konnten die Athener Bürger ihn im Scherbengericht – Ostrakismos – ins Exil schicken. Gehen muss, wer auf den Tonscherben (Ostraka) am häufigsten genannt wird. Auch Perikles hätte es treffen können. Ostrakon Um 440 v. Chr., Athen, Agoramuseum Augustusmünze Die Buchstaben sind vertraut, aber ohne Kenntnis der römischen Kultur bleiben die Abkürzungen unverständlich: SP-QR = Senatus Populusque Romanus; CL V = Clipeus Virtutis. »Auf Beschluss von Volk und Senat« wurde Kaiser Augustus mit einem Schild geehrt, das seine »Tugenden« nennt. Aureus aus Spanien Um 19 v. Chr., Berlin, Münzkabinett SPK

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Zusammengestellt von Katja Moede

forschung
K ö r pe r ko nz e pt e : Im Griechischen sind Bezeichnungen für den nackten Körper und kategoriale Trennungen zwischen Torso und Extremitäten klar und präzise (l.), im Lateinischen (r.) finden wir hingegen zum Beispiel überlappende Bezeichnungen für den Schulter- und Oberarmbereich

Kaum eine Kultur war so körperzentriert wie die griechische. Der Körper wurde als komplexer, bis ins Kleinste durchstrukturierter Organismus

natürlich oder konstruiert? körper und sprache in griechenlan d und rom
Die menschliche Wahrnehmung des Raumes ist eng verbunden mit der Erfahrung der eigenen Körperlichkeit. Wir stehen aufrecht, unsere Bewegung hat körperliche Grenzen, das Auge erfasst nur ein bestimmtes Blickfeld – dies alles beeinflusst die menschliche Orientierung im Raum. Die Analyse antiker Körpervorstellungen ist daher ein erster Schritt hin zu einer Untersuchung komplexerer Raumkonzepte in der griechischen und römischen Kultur. Sprachliche und bildliche Quellen können dazu in je unterschiedlicher Weise Auskunft geben.

aufgefasst. Wir können dieses funktionale Konzept bis hinein in die Versprachlichung des Körpers ablesen. Dem Griechischsprechenden stand ein reich differenziertes Vokabular zur Verfügung, das eine Vielzahl von metaphorischen Ausdrücken für das Knochenskelett, die Atmung oder auch den Verdauungsapparat kennt. (Wir kennen knapp zweihundert anatomische Metaphern für das Griechische, für das Lateinische hingegen nur etwa hundert.) Die sprachliche Abgrenzung einzelner Extremitäten folgte den Zäsuren, die durch die Gelenke vorgegeben waren. Ethnolinguistische Vergleiche zum Körperteilvokabular lassen außerdem erkennen, dass sich das griechische Körperkonzept auffallend häufig den Sprachen derjenigen Gesellschaften an die Seite

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forschung
stellen lässt, bei denen aus klimatischen Gründen Nacktheit eine wichtige Rolle spielt. Solche Übereinstimmungen mit Sprachen aus wärmeren äquatornahen Regionen betreffen beispielsweise die Übereinstimmungen in den griechischen Worten für Hand und Arm bzw. Fuß und Bein. Während Hand und Fuß auch pars pro toto für die je ganze Extremität stehen können, gibt es diese Polysemie im Lateinischen nicht. Für die dem Griechischen eigentümliche Versprachlichung dürfte jedoch weniger die geografische Breite, sondern die bekannte kulturelle Wertschätzung des nackten männlichen Körpers verantwortlich sein, wie ihn zahllose antike Statuen sinnfällig vor Augen führen.

Viel wichtiger als der Körper an sich – wie in Griechenland – war in der römischen Kultur die ideell höher bewertete statusanzeigende Tracht. Unter der Toga – hier eine römische Togastatue des 2. nachchristlichen Jahrhunderts – sind Körperkonturen kaum zu erkennen

die den ganzen Arm bzw. das ganze Bein bezeichnen, weisen allem Anschein nach darauf hin, dass dem Körper selbst wenig Interesse entgegengebracht wurde. Viel wichtiger war die ideell höher bewertete statusanzeigende Tracht. So lässt sich bei kaum einer Togastatue ein organisch kohärenter Körper unter dem faltenreichen Obergewand nachvollziehen. Unterschiedlich proportionierte Schulter- und Hüftpartien und ein Kör- Johanna Fabricius ist per, dessen Oberfläche unter den Faltentälern zurückweicht, vermitteln Professorin am Institut für den Eindruck, als bestimme der Verlauf der purpurnen Gewandstreifen, Sprecherin der Research die den sozialen Rang des Togatus symbolisieren, gleichsam den Aufbau Area C und Mitglied der t o p o i -Arbeitsgruppen des Körpers. Weitere Wörter für die menschliche Gestalt wie figura, factura, forma, die sämtlich den Vorgang des Machens und Formens evozieren, legen schließlich einen grundlegenden Unterschied nahe: hier die organische Auffassung des griechischen Körpers, dort der Konstruktcharakter des römischen. Die archäologische Strukturforschung der Zwischenkriegszeit hatte diese Unterschiede in den Körperkonzepten noch einem ominösen griechischen bzw. römischen Volkscharakter zugeschrieben, anstatt sie jeweils in ihren kulturellen Kontext einzubinden. Die Analyse von Sprache erlaubt es, kulturell privilegierte Sehweisen und epochenspezifische Wahrnehmungsinteressen zu rekonstruieren, die sehr häufig auch in die künstlerischen Darstellungen des menschlichen Körpers eingeflossen sind. Johanna Fabricius
Klassische Archäologie,

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Der Körper im Kleid Erstaunlich ist, dass das Lateinische mit seinem Körperteilvokabular im Vergleich zum Griechischen, aber auch zu sämtlichen nachfolgenden romanischen Sprachen ganz eigene Wege geht. Charakteristisch für das Lateinische ist eine merkwürdig unpräzise Versprachlichung des Körpers, die sich durch lexikalische Lücken und zahlreiche polyseme Benennungen auszeichnet. Seit der Spätantike präzisieren die romanischen Sprachen das Körpervokabular dadurch, dass sie Wörter aus Nachbarsprachen, zum Beispiel dem Gallischen, Langobardischen oder Fränkischen hinzunehmen. Im Unterschied zu den klaren kategorialen Trennungen zwischen Torso und Extremitäten im Griechischen fallen im Lateinischen die Zäsuren weit weniger prägnant aus. Gleichsam überlappende oder gleitende Bezeichnungen für den Schulter- und Oberarmbereich sowie für die Hüftpartie und ferner das Fehlen von Vokabeln,

C-I-1 »The Conception of Spaces in Language« und C II »Images«

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forschung anatomische kartographie die »orte« der antiken medizin in den schriften galens

»Auch Kuckuckseier sind interessant«, weiß Roland Wittwer. »Sie aber von den anderen zu unterscheiden, ist nicht immer ganz leicht.« Roland Wittwer spricht von den Schriften antiker Ärzte, Quellen für die wissenschaftsgeschichtliche und kulturhistorische Forschung und Zeugnisse griechischer und römischer Literatur. Auf ihre Originale hat man heute keinen Zugriff mehr, überliefert sind sie in späten Abschriften und in

Die Textanalyse verlangt äußerste Akribie, handschriftliche Zeugnisse müssen kollationiert, das heißt gegeneinander gelesen werden, um he­ rauszufinden, welche Zeugen unabhängig – und damit für die Rekon­­ struktion wertvoll – sind und welche nicht. »Im Unterschied zu den Archäologen haben wir nie direkten Zugriff auf die Originale«, erklärt Wittwer. »Wir müssen uns von der Renaissance aus durch Abschriften und Übersetzungen zurückkämpfen, um uns der ursprünglichen Form der Texte anzunähern.« Neben Sachverständnis sind da Kenntnisse über die lateinische und arabische Übersetzungspraxis und das byzantinische Dr. Roland Wittwer leitet Kopierhandwerk unabdingbar. Sämtliche Texte der antiken Ärzte vom 5. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ausgang der Antike in textkritischen Editionen mit modernsprachigen Übersetzungen und Kommentaren vorzulegen, würde wahrscheinlich bei der jetzigen personellen Ausstattung der Arbeitsstelle noch unabsehbar viel Zeit in Anspruch nehmen, schätzt Wittwer. Deshalb konzentriert
die Arbeitsstelle Corpus Medicorum Graecorum/ Latinorum an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) Florian Gärtner ist Doktorand

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Übersetzungen ins Arabische oder Lateinische, vielfach kopiert und wieder kopiert durch die Jahrhunderte – und manchmal auch gefälscht. Wittwer leitet die Arbeitsstelle Corpus Medicorum Graecorum/Latinorum (CMG/CML) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), wo die antiken medizinischen Schriften kritisch ediert, kommentiert und übersetzt werden. Sie machen ein Zehntel der gesamten überlieferten Literatur der griechischen Antike aus. »Es bleibt hier im Vergleich zu anderen Bereichen noch sehr viel Grundlagenarbeit zu tun«, sagt Wittwer. Lange Zeit von Medizinern für Mediziner rezipiert, wandte man sich mit der rasanten Entwicklung der modernen Medizin vom antiken heilkundlichen Schrifttum ab, und auch die Philologen haben sich dieser komplexen Schriften nur sehr vereinzelt angenommen.

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man sich derzeit auf einen Mann, der mit Hippokrates zu den berühm- an der Arbeitsstelle im Rahmen des t o p o i -Projekts testen – und produktivsten – Ärzten der Antike gehört. Galen von Pergamon lebte von 129 bis ca. 215 n. Chr., war Gladiatoren- »Mapping Body and Soul«. arzt in seiner Heimatstadt und Leibarzt am römischen Kaiserhof. Er Erstausgabe von Galens Werk fasste das gesamte bisher angesammelte medizinische Wissen zusam- »De locis affectis«
Er besorgt die kritische

forschung
men und bereicherte es durch eigene Forschungen. Zum Glück für die Forscher war Galen ein wenig eitel. »Er teilt uns selbst mit, was er alles geschrieben hat«, sagt Wittwer, so dass man für viele Werke relative Sicherheit über die Urheberschaft hat. Allerdings bedürfen die Texte nach wie vor der kritischen Edition. Erst eine Handvoll Spezialisten hat sich an das umfangreiche und komplexe Werk gewagt. »Galen schreibt nicht nur über Medizin«, sagt Wittwer schmunzelnd, »und er hört nicht auf zu plaudern.« Ärzte und Philosophen In der Antike waren viele Mediziner Universalgelehrte. Sie beherrschten

Lokalisierung der Seelenteile bei Galen [Abbildung aus Charles Singer, The discovery of the circulation of the blood, London 1922]

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nicht nur die Praxis ihres Berufs, sondern leisteten auch einen wichtigen Beitrag zur Theoriebildung ihrer Wissenschaft und von Wissenschaft überhaupt. Sie reflektierten darüber hinaus die ethischen Aspekte ihrer Kunst. Galen war nicht nur Arzt, sondern auch Philosoph, und er forderte, dass ein Arzt dies auch sein müsse. Die Frage nach dem »Ort« stellte sich für den antiken Arzt in zweierlei Hinsicht. Ein Arzt musste wissen, wo im Körper eine Krankheit oder eine Verletzung ihren Ursprung hat. Und dafür musste er eine Ahnung davon haben, wie ein Körper aufgebaut und wo im Körper die Teile lokalisiert sind, die für bestimmte Lebensfunktionen zuständig sind. Die aufschlussreichste Schrift der Antike ist in dieser Hinsicht Galens De locis affectis, an deren kritischer Erstausgabe Florian Gärtner als Doktorand an der Arbeitsstelle im Rahmen des t op oi -Projekts »Mapping Body and Soul« arbeitet. Gärtner erklärt Galens Vorgehensweise anhand

Spinale Dermatome auf der Hautoberfläche, die z. T. schon Galen bekannt waren

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eines Beispiels: »Galen behandelte die Wahrnehmungsstörung eines Mannes an der Hand nicht durch Applikation des Heilmittels auf die Hand selbst – wie andere vor ihm, die damit keinen Erfolg hatten. Er behandelte vielmehr die Stelle am Rücken, wo seiner anatomischen Kenntnis nach der Nerv, der die Hand versorgt, aus dem Rückenmark austritt, und nach kurzer Zeit war der Mann geheilt.« Galens anatomische Kartographie, seine Kenntnis von den Topoi der Krankheiten, vom Körper insgesamt, war sehr elaboriert – auch nach heutigen Maßstäben. Ohne die Visualisierungsmöglichkeiten des Körperinnern, wie sie heute zur Verfügung stehen, konnte die Lokalisierung von Krankheiten ausschließlich über Zeichenschlüsse aus den sichtbaren Symptomen erfolgen. Gärtner überprüft 18 griechische Handschriften, die man auf Mikrofilm aus Bibliotheken in ganz Europa zusammengetragen hat. Schließlich wird ein Editionstext entstehen, der durch eine Übersetzung und einen Kommentar für die Leser erschlossen wird. Fundamentale Arbeit für ein besseres Verständnis des Ortsbegriffs in der antiken Medizin. Roland Wittwer: »Wir machen Grundlagentexte lesbar.« sw

forschung worte zu taten antike fluchtafeln und ihre edition

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Die angeblichen Fluchtafeln gegen Demosthenes (Athen ca. 340 v. Chr) – Jemanden im Zuge der Verfluchung schädigen zu wollen oder ihm gar den Tod zu wünschen, galt als strafwürdiges Attentat. Nach heutiger Rechtsauffassung ist Verfluchung »unbeachtlich«

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Eine Verschwörung ersten Ranges war im Gange. Demosthenes, der eminente athenische Staatsmann, erklärter Gegner Philipps II., weil der die makedonische Vorherrschaft in Griechenland anstrebte, sollte zusammen mit einem großen Teil seiner Gefolgsleute einem Attentat zum Opfer fallen. Sein Name und die Namen von über 100 seiner Gefolgsleute standen geschrieben, in Blei geritzt, die Zeiten überdauernd … Klaus Hallof schildert ganz spezielle Mühen bei der Entzifferung ganz spezieller antiker Quellen: Fluchtafeln. »Blei ist schwer zu restaurieren«, sagt der Leiter der Arbeitsstelle Inscriptiones Graecae an der BerlinBrandenburgischen Akademie der Wissenschaften, die eine Sammlung antiker Fluchtafeln besitzt. »Die Tafeln sind winzig, brüchig, durchbohrt oder gefaltet, und sie sind alt.« Die ältesten stammen aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert. Man muss sie in Spezialanfertigungen aufbewahren, weil sie auf die Säure von Zeitungspapier und Stoff reagieren. Eine Methode, die winzigen Sie enthalten Flüche gegen politische Gegner, Flüche aus Eifersucht, aus Bleitafeln überhaupt leserlich Rache oder aus Habgier. Nach der Restaurierung sind manche besser zu entziffern – Walnussschalenpulver und andere künstliche Hilfsmittel beseitigen die Oxidationsspuren ganz ausgezeichnet – und mit einem Mal zeigt sich mitunter der wahre Charakter einer politischen Verschwörung. Hallofs Mitarbeiter aus den USA, Italien und Spanien haben begonnen, den Berliner Bestand zu lesen. »Die Schrift kann man zwar freilegen«, sagt Hallof. »Aber davon werden die Buchstaben nicht besser.« Die Buchstaben mittels Transparentpapier von einem vergrößerten Foto abzuzeichnen, ist ein Weg, mögliche Geheimnisse zu lüften – oder man macht gleich eine digitale Transkription mit Hilfe eines elektronischen Stifts und eines »Tablets«.
zu machen und bearbeiten zu können, ist sie abzuzeichnen. Hier die Vorder- und Rückseite der vermeintlichen Demosthenes-Tafel, gezeichnet von Jaime Curbera

forschung
Wie immer – am Ende wird daraus die Berliner Fluchtafel-Edition entstehen. Zu den Zeiten von Hallofs Vorgängern in der Akademie und bis in die jüngste Vergangenheit hinein befasste man sich nicht mit den Niederungen des griechischen Alltags. »Das hehre Griechentum stand auf dem Spiel«, gibt Hallof heiter zu bedenken. Nicht alle Berliner Tafeln sind attisch. Ein Dutzend von ihnen muss – erkennbar an der Sprache – woandersher kommen. Die Tafeln waren wohl ein allgemeines Kommunikationsmittel in den griechischen Poleis, aber nur in Athen wurden sie so häufig und so ausgeprägt benutzt. In aller Regel war das Verfluchen mittels Bleitäfelchen ein Dienstleistungsgeschäft, mit dem man entsprechende Anbieter beauftragte. Zum einen konnte nicht jeder, der den Wunsch hatte, Arm, Zunge, Kopf oder der Zeit werden die Flüche differenzierter, wobei das Klientel, das vor allem aus Handwerkern und dem Kreis betrogener Liebhaber bestand, den Rahmen markierte, in dem man sich sprachlich bewegte. Doch je länger der Text, umso schwieriger die Entzifferung. Zurück zu Demosthenes. Hallofs Mitarbeiter lasen die ungeheuerliche Tafel noch einmal. »Die Anzahl der Namen erhöhte sich um ein Drittel«, erklärt Hallof. »Manche fielen auch weg, dummerweise auch derjenige des Demosthenes …«. Einige der Namen hatten zudem so eindeutige Zusätze, dass sich der Übergang zu einer neuen Lesart nicht mehr vermeiden ließ: Die erschütternde politische Verschwörung verwandelte sich in eine simple Herrenrunde der mittleren politischen Ebene, die sich einem einfachen Herrenvergnügen hingab. Und aus der »großen« Politik wurde wie so oft eine ganz kleine Geschichte. Wer die Herren verfluchte, wissen wir leider nicht. »Immerhin werfen solche Dinge wenigstens ein bisschen Licht auf das normale Leben der normalen Leute«, freut sich Klaus Hallof. »Wir wissen so wenig darüber.« sw
Dr. Klaus Hallof ist Leiter der Arbeitsstelle Inscriptiones Graecae (IG) an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW)

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anderes seines Gegners »herabzubinden«, überhaupt schreiben. Zum anderen war es nicht jedermanns Sache, die Fluchtafel bei einer frischen Leiche unterzubringen, die gerade ins Jenseits aufbrach und deshalb als probates Transportmittel dorthin galt. Ausführende eines Fluches waren nämlich stets bestimmte Götter, und die Lieblingsgöttin der Verflucher war Persephone, die Königin der Unterwelt, unter anderem zuständig für die Jahreszeiten, weil sie halbjährlich oberirdisch, halbjährlich unterirdisch lebte – die perfekte Schnittstelle zwischen Diesseits und Jenseits. Man fand also die Fluchtafeln vorwiegend auf Friedhöfen, aber auch in fließenden Gewässern, Brunnen oder Zisternen, die ebenfalls als gutes Medium zwischen den Welten galten. Die älteste Form der Fluchtafel besteht zunächst nur aus einer Liste von Namen. Mit der Zeit kommt ein Verb dazu – »ich binde« oder »ich binde herab«, dann weitere Zusätze, etwa wie die Körperteile der Opfer. Mit

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forschung luftgetrocknet die entstehung der schrift im reich der verwaltung

Flächig liegt die kleine feuchte Tontafel auf der linken Hand, die Rechte führt den Schilfrohrgriffel. Mit leichtem Druck und flinker Drehung der Tafel entstehen senkrechte, waagerechte und schräge Keile im Ton. Das gab der Keilschrift ihren Namen.

lung der Werkzeuge erhalten? Also machen die Verwalter sich »Notizen«: Köpfe von Rindern, Kornähren und Trinkschalen in Kombination mit Zahlzeichen. Das ist die Geburtsstunde der sumerischen Keilschrift, neben den ägyptischen Hieroglyphen die älteste bekannte Schrift.

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Vor etwa 5 000 Jahren hatte sich im südlichen Mesopotamien im Land Sumer – auf dem Gebiet des heutigen Irak – eine Bilderschrift ent­ wickelt. Kulturtechniken entstehen, wenn sie gebraucht werden. In diesem Falle war es wirt­ schaftliche Notwendigkeit. Es waren Verwalter, die mit der Aufzeichnung von Wissen begannen. Die Haushaltung eines großen Hofes zusammen mit dem Anwachsen des Handels und der bewegten Güter überforderte ihr Gedächtnis. Wieviele Schafe und Rinder wurden an den Hof geliefert? Welche Menge an Getreide konnte eingelagert werden?
V o r de r se i t e der T a fel BM 1 1 451 2

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Mit einer Bilderschrift ist es relativ leicht, konkrete Gegenstände darzustellen. Durch ihre Kombination war man in der Lage, auch einfache Sachverhalte auszudrücken: Aus der Kombination der Zeichen »Mund« (KA) und »Wasser« (A) wurde »trinken«; ersetzt man in
autograp hie de r t a f e l B M 114 5 12 . Keilschrifttexte werden wissenschaftlich als Autographien, also Zeichnungen, veröffentlicht, da die Tafeln auf Fotos nicht immer gut lesbar sind. Dieser Text wurde am 12. Nisan im 4. Jahr des Nabonid (= 552 v. Chr.) in Opis ausgestellt. Es handelt sich um den Auftrag an einen militärischen Funktionär, Handelsgüter aus »Transpotamien«, also aus Syrien und von der Levanteküste, einzukaufen. Opis war ein Truppensammelpunkt mit einem großen Kastell und wahrscheinlich ein Ausgangspunkt für Feldzüge in die Levante. Dieses Beispiel zeigt sehr gut die Verbindung zwischen der Ausdehnung des Imperiums und dem Handel im Kernland

Wieviel Kupfer hatte der Schmied zur Herstel-

forschung
diesem Zeichen Wasser durch eine Schüssel, wird daraus »essen«. In den altsumerischen Machtzentren Uruk, Ur und Lagash war seit dem Ende des dritten vorchristlichen Jahrtausends der Schreibbedarf so groß geworden, dass der Prozess rationalisiert werden musste. Hier entstand die typische Keilschriftform auf einem der nachhaltigsten Speichermedien, der luftgetrockneten Tontafel. Doch die Grenzen dieser Bilderschrift offenbarten sich schnell. Sollte notiert werden, wer die Person war, die angeliefert hatte, wurde es und Elamer – konnten später die Keilschrift übernehmen, weil sich damit auch ihre eigene Sprache niederschreiben ließ. Nach und nach wurde die Keilschrift durch Alphabete ersetzt; im ersten nachchristlichen Jahrhundert geriet sie schließlich in Vergessenheit. Es sollte bis zum 17. Jahrhundert dauern, bis man sich ihrer erinnerte. Zu dieser Zeit begann ihre Entzifferung, die im 19. Jahrhundert mit der ersten Hochblüte der Altertumsforschung einen Höhepunkt erreichen sollte. Etwa 200 Keilschriftzeichen sind notwendig, um überhaupt schreiben zu können. Gute Schrei­ er b aber beherrschten mehr als 500 von ihnen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass die schriftliche Dokumentation wichtiger Vorgänge in den Händen von Profis lag. Ihre Ausbildung begann bereits im Kindesalter; der Beruf des Schreibers war ehrenhaft und ange­ ehen. s Die Texte, die sie produzierten, haben die Jahrtausende überdauert. Es wird sich zeigen, welches unserer Schreib- und Speichermedien da mithalten kann. Kristin Kleber
Dr. Kristin Kleber ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Altorientalistik der FU und Mitglied der Arbeitsgruppe B-II-1 »Political Governance and Governed Spaces«. Sie bereitet eine Edition von ca. 190 bislang unpublizierten Keilschrifttexten aus dem 1. Jahr­ t ­ ausend v. Chr. vor, die den Binnen- und den Fernhandel der neubabylonischen und achämenidischen Reiche zum Inhalt haben

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schwierig. Vor allem die fremden Namen der Akkader, die in der Region nördlich von Sumer in Mesopotamien lebten und sich auch in Sumer niedergelassen hatten, sowie die Notation grammatischer Endungen war schwierig. Die Lösung, die gefunden wurde, war einfach und genial. Die Zeichen für Gegenstände wurden auch als Lautzeichen für Silben verwendet. KA stand nun nicht mehr nur für Mund, sondern auch für die Silbe ka-. Zu den Zeichen für Wörter gesellten sich auch solche für Silben – und die Sumerer hatten einen Exportschlager erfunden! Auch die Bewohner anderer Staaten in der Region – Akkader, Hethiter, Hurriter, Urartäer

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schrift – bild – grenze
Elephantine ist eine Insel mit gleichnamiger Stadt im Nil, gelegen unterhalb des 1. Katarakts, damals an der Grenze zu Nubien. Heute gehört

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sie zu Assuan. Nahe dem Haupttor der alten Stadt Elephantine proklamierten schon im Alten Reich Inschriften der Könige die staatliche Kontrolle über die südliche Grenzstadt. Ein Felsrelief des Königs Unas (ca. 2350 v. Chr.) zeigt eine Figur des Königs mit seiner monumentalen Titulatur unter einer geflügelten Sonnenscheibe.

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mit cosima möller über interview 		 feldmesser, trutzäcker und alles, was recht ist

raumwissen … eines der rechtshistorischen Projekte in t o p o i . Möller Ja, und unser Ziel ist es, die erste Übersetzung ins Deutsche überhaupt vorzulegen. In der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel liegt ein Originalmanuskript des Corpus, dessen Bestandteile zwischen dem ersten und siebten

raumwissen Unter all den Altertumsforschern, die in t op oi zusammenarbeiten, wirken Juristen ein wenig exotisch. Was hat die Jurisprudenz mit der Topologie zu tun? Cosima Möller Sehr viel sogar! Ein kurzer Blick in unser heutiges Recht mag das zeigen. Das Grundstücks-

Jahrhundert entstanden sind – wir arbeiten hier mit einem Faksimile dieses Codex Arcerianus. So können wir Stellen, die in den vorhandenen Editionen unklar sind, überprüfen. Was genau sind die Schriften der Feldmesser? Es sind keine juristischen Texte im strengen Sinne, obgleich es natürlich viele BerührungsProf. Dr. Cosima Möller, Lehrstuhl für Bürgerliches und Römisches Recht an der FU und ihre topologische Arbeitsgruppe: Prof. Dr. Eberhard Knobloch (a. D.), Institut für Philosophie, Literatur-, Wissenschafts- und Technikgeschichte der TU (2.v.r.) Dr. Jens-Olaf Lindermann, Übersetzungsprojekt Corpus Agrimensorum Romanorum (r.) Sebastian Frühinsfeld, Dissertationsprojekt zum Verhältnis von via publica und via privata (l.)

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recht ist vom öffentlichen Recht wie dem Baurecht, dem Bauplanungsrecht oder auch dem Naturschutzrecht geprägt, wird aber insbesondere im Privatrecht von Privaten gestaltet. Eine Struktur des Raumes, wie sie die vermessungstechnische Erfassung durch ein Kataster leistet, ist die Grundlage für seine rechtliche Erfassung. Das ist heute und in der Antike durchaus vergleichbar. Im Römischen Reich wird diese Strukturierung durch die Feldmesser vollzogen. Die Grundlagen ergeben sich im Wesentlichen aus den Schriften der römischen Feldmesser, die im Corpus Agrimensorum Romanorum gesammelt sind.

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punkte zu rechtlichen Angelegenheiten gibt. Die sprachliche Form ist auch nicht auf derselben Höhe wie bei den juristischen Texten, und die Altphilologen raufen sich die Haare über das schlechte Latein … Die Feldmesser oder Agrimensoren gehören einer ganz eigenen Diszi­ plin an, die sehr vielfältig ist. Zu den rechtlichen Aspekten kommen mathematische und auch handwerkliche hinzu, etwa Geodäsie, Messund Erfassungstechnik. Inhaltlich geht es vorrangig um die Feststellung von Eigentumsgrenzen und um den Verlauf von Wegen, also Grundstücksrecht im weitesten Sinne.

interview
raumwissen Mit den Tatbeständen verschwinden mitunter die Wörter. Wie lösen Sie dieses Problem? Möller Das ist in der Tat kein ganz leichtes Problem. Gelegentlich müssen wir Neologismen bilden oder auf sehr alte und ungebräuchlich gewordene Wörter zurückgreifen. Das »Trutzfeld« oder den »Trutzacker« finden Sie heute in keinem Lexikon mehr. Aber es bleibt die angemessene Übersetzung für ager arcifinius. Eine weitere Herausforderung beim Übersetzen ist, dass wir Recht, Mathematik und Altphilologie berücksichtigen müssen. raumwissen Mühevolle Arbeit. Liegen denn keine Übersetzungen in moderne Sprachen vor, mit denen man arbeiten könnte? raumwissen In welcher Form wollen Sie die Schriften der Agrimensoren zugänglich machen? Möller Als Edition. Daneben soll ein kleines Lexikon die Fachbegriffe zur technischen Sprache der Gromatiker enthalten – darin wird uns dann auch das Trutzfeld wieder begegnen. raumwissen »Gromatiker« ist ein anderer Name für Agrimensoren? Möller Ja. Sie sind benannt nach der »Groma«, dem Instrument, das sie bei der Vermessung benutzten. Es ist eine Mischung aus Lot und Visierkreuz zur Absteckung rechter Winkel. In Rom war der rechte Winkel äußerst wichtig, denn die Vermessung des Landes erfolgte mit Hilfe einer NordSüd-Achse und einer Ost-West-Achse. Die Feldmesser zogen bei der Landvermessung künstliche Ideallinien, so dass durch Parallellinien zu dem Achsenkreuz ein Schachbrettmuster entstand. Zumindest in den römischen Kolonien war das so, denn die waren nach römischer Auffassung rechtliches Neuland, und sie sollten ein Abbild Roms sein. Wenn aber wegen des Landschaftsreliefs die Ideallinie nicht passte, wurden zum Beispiel Höhenunterschiede »abgeplattet«, lateinisch: cultellare. Zuvor musste aber definiert werden, welche Gebiete überhaupt eigentumsfähig waren. Denn nur nutzbares Land konnte in Privateigentum übergehen. Das führte dann gelegentlich dazu, dass Grundeigentümer, deren Land an einen nicht zugewiesenen Acker grenzte, die Grenzmarkierungen ein wenig verschoben … raumwissen Sie sagten, das Verfahren galt für die Kolonien? Möller Ja, in den römischen Provinzen wurde anders verfahren. Die Feldmesser orientierten sich zur Feststellung der Grenzen auch an dort gebräuchli-

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Möller Es gibt Übersetzungen ins Französische und ins Englische, die aber stark paraphrasierend sind und sich nicht immer ans Original halten. Wir wollen eine philologische Übersetzung bieten – auch im Hinblick auf die Tatsache, dass Deutsch eine der wichtigsten internationalen Fachsprachen im Römischen Recht ist. raumwissen Apropos Römisches Recht: Am 1. Januar 1900 trat in Deutschland das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft. Dennoch wird noch an fast allen juristischen Fakultäten Römisches Recht gelehrt. Möller Das Römische Recht ist ein hochstehendes und durchdachtes Recht mit einer sehr langen Tradition, das für unser Recht wie auch für das Recht in Europa insgesamt nach wie vor sehr wichtig ist. Seine Ablösung vor 110 Jahren durch das BGB war natürlich eine Zäsur. Will man aber die systematischen Zusammenhänge unseres heutigen Rechts historisch verstehen, muss man das Römische Recht kennen.

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interview
raumwissen Also keine fuzzy borders? chen, traditionellen Methoden der Landver­ messung, der Landzuweisung oder der Grenzmarkierung. Und wenn es Streit gab, wurde prozessiert. raumwissen Worüber? Möller Wie heute stritt man sich über die Größe eines Grundstücks, über den Grenzverlauf, über die Konsequenzen von Überschwemmungen, oder man stritt über die Nutzung von Wegen. raumwissen Das Verhältnis von via privata und via publica ist ein weiteres Ihrer topoi -Projekte. Wie war in Möller Für einen Römer der Blütezeit wären fuzzy borders im Privatrecht ein schrecklicher Gedanke gewesen. Das Grundstücksrecht ist auf klare Grenzen gestützt. Allerdings hatten die Römer nicht wie wir heute ein Grundbuch als öffentliches Register. raumwissen Noch einmal zur Übersetzung: Im Deutschen hat das Wort »Raum« viele Bedeutungen und gewissermaßen einen riesigen Konnotationsraum. Wie hielten es »die alten Römer«? Möller Die räumlichen Begriffe, etwa area, ager, fundus oder locus wurden in der Regel sehr konkret verwendet. Den hohen Ton, den das Wort »Raum« im Deutschen hat, finden wir in den Feldmesserschriften eher selten. Es bleibt alles sehr erdverbunden. Doch gibt es auch Erläuterungen, die das Achsenkreuz in eine Verbindung mit dem Gott Iupiter bringen. Interview: sw

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Rom das Wegesystem geregelt? Möller Man hat in der XII-Tafel-Zeit nicht so präzise wie später zwischen öffentlichen und privaten Wegen unterschieden. Auch private Wege mussten vom Eigentümer gangbar gehalten werden, falls sie öffentlich genutzt wurden. Entstanden sind die Wege zunächst durch die Vermessungslinien beim Zuschnitt von Grundstücken – bei Streitigkeiten wurden mitunter wiederum die Feldmesser als Gutachter zum Gerichtsverfahren hinzugezogen. Auch im Bereich der durch Servituten (Grunddienstbarkeiten) begründeten Wege war eine Festlegung erforderlich.

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ansichten ii

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Der Stein von Rosette Dem König Ptolemaios V. und seiner Frau wurde Ehre erwiesen. So will es das Priesterdekret, niedergeschrieben auf einem grauen Stein, lesbar auf dreierlei Art: Altgriechisch, Demotisch und in Hieroglyphen. Gefunden wurde der Stein auf Napoleons Ägyptenfeldzug (1798 bis 1801), benannt nach dem Fundort Rashid (Rosette) im Nildelta. Der Stein von Rosette trug mit erheblichen Folgen für das europäische Bild von Ägypten wesentlich zur Entzifferung der Hieroglyphen bei. Der Name, der damit verbunden wird, ist Jean-François Champollion. Über Ägypten lag immer die Aura des Geheimnisvollen, und mag auch die Entzifferung der Hieroglyphen diese Aura zerstört haben, so ist doch nicht zu leugnen, dass die Darstellung Ägyptens als ein Ort des Urwissens die europäische Geisteswissenschaft seit Platon auf nicht zu überschätzende Weise geprägt hat. Doch man sollte die »Ägyptomanie« der vornapo­e­ l o­ ischen Zeit nicht mit der Leidenschaft für n Mumien und bizarre Artefakte verwechseln. Vielmehr keimte in ihr eine historisch-kritische Tradition, die noch ohne die Übersetzung der Hieroglyphen die religionsgeschichtliche Bedeutung Ägyptens zu bestimmen versuchte. Nachdem im hemmenden intellektuellen Klima nach der Reformation ägyptophobe Töne – gegenüber der „heidnischen“ Kultur – nicht zu überhören waren, wurde schließlich die positive Bewertung Ägyptens in der Neuzeit dadurch möglich, dass es in die christlichmonotheistische Tradition eingefügt und als »Ursprung aller Religionen« verstanden werden konnte. Der misstrauische Ton der Kritiker verwandelt sich während der Aufklärung in Zustimmung, in Form einer Sehnsucht nach der Unmittelbarkeit der Gottes- oder Naturerfahrung. Es ist dieselbe Sehnsucht, die man beim jungen Goethe sieht oder in Büchners Lenz, als er ausruft: »Hieroglyphen, Hieroglyphen!«

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ansichten ii

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Die ägyptischen Priester seien, so glaubte man – da sie im Besitz der Hieroglyphen waren und sie zu deuten verstanden – im Besitz des Urwissens, eines geheimen Wissens über die Gesetze der Natur, das wiederum unmittelbaren Zugang zu ihr schaffen konnte. Die erkannte Doppelstruktur – Laien oder Eingeweihte ägyptischer Religion – verstand man zudem als übertragbaren Begriff, anwendbar beispielsweise auch auf die Sprachwissenschaft. Die Vorstellung, die Hieroglyphen seien Zeichen, die diese Doppelstruktur in sich selbst trügen, beflügelte den damaligen Traum von einer vollkommenen Sprache. Doch die schöpferische Kraft und die genialen Gedanken­ experimente, die sich dem abstrakten Gegenstand Ägypten genähert hatten – brechen genau in dem Moment zusammen, als man – in der Folge von Napoleons Expedition – des »wirklichen« Ägyptens gewahr wurde. Die Entzifferung der Hieroglyphen, die genauen  Zeich­ ungen von Artefakten und schließlich eine Ver­ chie­ n s bung des philologischen Interesses auf Assyrien als Ursprung der Schrift hatten zur Folge, dass sich die Ägypto­ ophie in eine systematische Ägyptologie s verwandelte, die sich mit Sprache, Kunst und Geschichte beschäftigte. Der Schleier der Isis schien gelüftet …

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im porträt wüstenklänge
In Saudi-Arabien wird die Archäologie von der Saudi Commission for Tourism and Antiquities koordiniert. Dies bedeutet, dass unter ihrer Ägide nicht nur Grundlagenforschung geleistet wird, sondern auch sichtbare Attraktionen für den Tourismus geschaffen werden. Von der Wissenschaft derartige »Transferleistungen« zu erwarten, findet Ricardo Eichmann völlig in Ordnung. 2002 war Ricardo Eichmann zum ersten Mal in Saudi-Arabien. Drei Gegenden hatte man zum Graben angeboten. Der Nordwesten schien für seine Forschungsinteressen am ergiebigsten zu sein. »Die Gateways zum Inneren der Arabischen Halbinsel sind hier drei Oasen«, sagt Eichmann – eine der Oasen ist Tayma. Das Klima ist sehr trocken, und der Anblick der Oase evoziert ein Klischee: der Brunnen im Stadtzentrum und Gärten voller Palmen, der Beiklang des Wortes »Oase« produziert leicht die falsche Vorstellung eines verschlafenen Nests, in dem man allenfalls ein dösendes Kamel trifft. Doch Tayma war eine mächtige Handelsstation an der Weihrauchstraße, Residenz des babylonischen Königs Nabonid in der Mitte des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, die Spuren einer Silexindustrie zur Perlenherstellung gehen gar bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend zurück. Viele Fragen sind noch ungeklärt. Nicht nur zur Oase selbst, sondern auch dazu, wie man sie erreichen konnte. Eine Karawane auszurüsten und sicher durch die Wüste zu führen, ist eine logistische Meisterleistung, die erst einmal bewältigt sein will. »Das hatte man bisher noch gar nicht zu Ende gedacht«, erklärt der Archäologe. Inzwischen gibt es dazu ein Langfristprojekt der DFG. In Tayma wie auch bei anderen Projekten arbeitet das DAI in aller Regel mit lokalen Einrichtungen zusammen, seien es Universitäten, seien es Antikenverwaltungen oder Tourismusbehörden –
Prof. Dr. Ricardo Eichmann ist Direktor der Orient-Abteilung am Deutschen Archäologischen Institut

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Eichmann ist Direktor der Orient-Abteilung am Deutschen Archäologischen Institut (DAI), und ihm gelang als einem der ersten deutschen Archäologen überhaupt der Schritt nach Saudi-Arabien. Und ein erster Schritt auf dem Weg zu einer neuen Erkenntnis. »Die Vorderasiatische Archäologie hat sich zumeist mit Mesopotamien und der Levante beschäftigt«, erklärt der Archäologe. Dies hat den Blick verengt. »Man ging zum Beispiel immer davon aus, dass die Route von Mesopotamien nach Ägypten ausschließlich über die nördliche Route verlief, die einen Umweg über Nordsyrien und das Mittelmeer bedeutete.« Es wäre doch viel einfacher gewesen, so seine These, »durch die Wüste zu marschieren!« Um das aber herauszufinden, musste man unter anderem in Saudi-Arabien forschen. 1996 war Eichmann ans DAI gekommen als erster Direktor der neu geschaffenen Orient-Abteilung, zuvor hatte er eine Professur für Vorderasiatische Archäologie in Tübingen inne. Schon von Mitte der 80er bis Mitte der 90er-Jahre forscht er in einem DAI-Projekt zur Stratigraphie und Architektur von Uruk/Warka (Irak). Seit 2004 leitet er das deutsch-saudi-arabische Ausgrabungsprojekt in Tayma zusammen mit Dr. Arnulf Hausleiter.

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im porträt
nun auch in Saudi-Arabien. Ziel des Kooperationsprojekts ist »Archäologie als Wissenschaft« auch in der breiteren Gesellschaft zu etablieren. Die Grabungsarbeiter kommen unter anderem aus Pakistan, Afghanistan oder Ägypten, das Hauspersonal derzeit aus Indien oder Nepal, und noch bis in die 80er-Jahre hinein wurden Archäologen als »contractees« engagiert und bezahlt. Heute kooperiert man lieber mit wissenschaftlichen Einrichtungen, und das DAI ist auch durch seine Anbindung ans Auswärtige Amt hoch renommiert. »Aber so ganz werden die Archäologen den Bauarbeiter-Nimbus nicht los« lacht Eichmann. Dann noch den Saudis zu erklären, warum der Direktor selber im Grabungsschnitt steht, ist nicht ganz leicht … Dass der Direktor zur Laute greift, um dann und wann zu musizieren, vielleicht schon eher. Aber er tut es nicht, um sich vornehm zu zerstreuen. Denn Ricardo Eichmann ist auch Musikarchäologe. »Bis in die 80er-Jahre hinein war die Literatur zum Thema rein deskriptiv«, erklärt Eichmann,
PD Dr. Silvia Kutscher ist PostDoc-Stipendiatin von t op oi . Momentan vertritt sie den Lehrstuhl für Allgemeine Sprach­ wissenschaft an der Universität Münster Dr. Tatiana Nikitina arbeitet als PostDocStipendiatin am Institut für Klassische Philologie der FU D r . Ca m i lla D i B i a se - Dr. Vincenz Razanajao D y so n ist zur Zeit war für ein Jahr Humboldt-Stipendiatin Junior-Fellow in t o p o i an der HU

polyglott hoch zwei internationale fellows und postdocs und ihre forschung zu alten sprachen in topoi

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das Fach an sich galt eher als Liebhaberei. »Heute sieht man das anders«. Zum Wissen über den Bau der Instrumente tritt die Forschung zur Funktion der Musik in einer Gesellschaft. Welche Wertschätzung genoss die Musik? Hatte sie nur kultischen Charakter oder diente sie auch der Unterhaltung? Die Grenzen der Erkenntnis liegen in der Sache selbst. »Wir können zwar die Musikinstrumente rekonstruieren, aber nicht die klingende Musik«, sagt Eichmann. Die Lieder und Weisen sind nicht überliefert, sie starben mit den Musikanten, wenngleich es bereits im späten 2. Jahrtausend v. Chr. in wenigen Einzelfällen Notationsversuche gab. Der Klang allerdings entzieht sich seinem Wiederaufleben nicht ganz, wenn man die Materie kennt, aus dem das Instrument gebaut ist – aber wie wurde gespielt und wozu? In der Arbeitsgruppe C III - Acts von topoi fragt man, wie Musik soziale Räume gestalten kann, und Eichmann erzählt vom Fund einer aufwändig hergestellten Flöte – ein 35.000 Jahre altes Stück. War die Musik ein Mittel für die Steigerung der sozialen Kohäsion? Hier treffen sich die Fragen des Musikarchäologen mit denen des Rekonstrukteurs einer Oase: »Wie haben Menschen zusammengelebt und woran lag es, wenn es nicht geklappt hat?« sw

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Was aussehen könnte wie eine babylonische Sprachverwirrung, ist aus topologischer Sicht die Garantie für lebhafte Diskussionen. In t o p o i sind nahezu alle antiken Sprachen vertreten, die Arbeitsgruppe C-I-1 unter der Leitung des HU-Ägyptologen Prof. Dr. Frank Kammerzell konnte zudem Fellows und Postdocs gewinnen, die mit ihren spezifischen Kenntnissen dazu beitragen, neue Grundlagenkenntnisse in einem Arbeitsfeld zu entwickeln, das wie kaum ein anderes »Raum« und »Wissen« miteinander verbindet: »Language and Text. The Conception of Spaces in Language«, so der Titel der Arbeitsgruppe. Zu den Bereicherungen von t o p o i gehört die habilitierte Sprachwissenschaftlerin Silvia Kutscher. Nicht nur den Doktoranden gibt sie mit ihrem linguistischen Methodenapparat wertvolle

im porträt
Anregungen im analytischen Umgang mit antiken Sprachen. Ihre computergestützten Betrachtungen sprachlicher Erscheinungen kombiniert mit einer lebendigen Vortragstechnik erschließen immer wieder auch Nichtphilologen die Welt der Linguistik. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört neben der Grammatiktheorie auch die Untersuchung der lexikalischen Semantik von Raumausdrücken. Daher kann Kutscher par excellence die Fragestellungen der Forschergruppe C-I-1 verfolgen, methodisch begleiten und inhaltlich fokussieren. Die klassische Philologin Tatjana Nikitina kam über die USA aus Russland nach Berlin. Auch sie arbeitet als vergleichende Sprachwissenschaftlerin und ist dabei auf die altgriechische Sprachwelt spezialisiert. Ihre derzeitigen Analysen konzentrieren sich auf den Gebrauch von BeVincenz Razanajao geht in seinen Forschungen zum Thema »The Processions of Fecundity Figurs in Egyptian Temples« einem typischen Phänomen der ägyptischen Spätzeit nach. In griechisch-römischer Zeit werden Tempelwände auffällig häufig in ihrem unteren Bereich mit Fruchtbarkeitsgottheiten und anderen weiblichen Figuren dekoriert. Diese Bilder und ihr begleitender Text beziehen dabei ganz Ägypten ein, um die lokal verehrte Gottheit zu unterstützen. Der französische Ägyptologe will diese wenig beachteten Texte publizieren – Fragen der religiösen Topographie können auf ihrer Basis noch einmal ganz neu beantwortet werden. Camilla Di Biase-Dyson – zeitgleich mit Vincenz Razanajao Junior-Fellow von t o p o i – bleibt den thematischen Diskussionen in C-I-1 auch in Zukunft treu. Sie hatte gerade ihre Dissertation im Fach Ägyptologie an der Macquarie University in Sydney abgeschlossen, als sie im letzten Jahr zum einen Berlinerin und zum anderen mit dem Thema »Back(wards) to the Future. The orientation and metaphorical significance of the Egyptian prepositions r-HA.t ›in front/before‹ and m-xt ›behind/after‹« auch Topologin wurde. Sie genießt die interdisziplinäre Atmosphäre im Cluster sichtlich und berichtet gern darüber, dass die Diskussionen in der Forschergruppe für sie äußerst anregend sind. Aus der Ägyptologin ist in den letzten Monaten nicht nur eine Topologin, sondern inzwischen auch eine Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung an der Humboldt-Universität zu Berlin geworden – für sie eine willkommene Gelegenheit, auch weiterhin in der Forschergruppe C-I-1 mitzuarbeiten. km

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wegungsverben. Dabei ist für sie von Interesse, in welchem grammatikalischen Konstruktionszusammenhang diese Verben bei Homer (8. Jahrhundert v. Chr.) und in der griechischen Sprache der klassischen Zeit (5. und 4. Jahrhundert v. Chr.) verwendet werden. Als vergleichende Sprachwissenschaftlerin prüft sie, ob die graduellen Veränderungen durch parallele Entwicklungen in anderen indoeuropäischen Sprachen motiviert worden sind – kultureller Kontakt kann so mittels sprachlicher Phänomene ganz neu definiert werden. Im Frühjahr 2009 wurden von topoi Junior-Fellowships international ausgeschrieben. Sie standen dem jungen wissenschaftlichen Nachwuchs weltweit offen, und das ohnehin schon internationale Flair in C-I-1 wurde durch die australische Ägyptologin Camilla Di Biase-Dyson und den in Montpellier promovierten Ägyptologen Vincenz Razanajao für ein Jahr verstärkt.

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im porträt topologische grammatik stipendiaten der area c und ihre forschung zu raum und wort
Wie kann eine einzelne Silbe richtungsweisend sein? Wie kann ein Wort zugleich Grenze und Territorium bedeuten? Ist der menschliche Körper – vom Bergrücken herab ins Herz der Stadt – überall ein Lieferant topologischer Begriffe? Der Gebrauch bestimmter Wörter oder sprachlicher Formen, die »Raum« oder räumliche Beziehungen ausdrücken, erscheint uns so natürlich, dass wir uns kaum noch Gedanken darüber machen. Aber Raum ist nicht einfach da – er wird in verschiedenen Kulturen unterschiedlich erfahren, gedanklich gespiegelt und versprachlicht. Die Untersuchung von Sprachen der Alten Welt in ihren Strukturen und in ihrem Wortschatz ist ein

Die Keilschriftkoine
Ulr i ke S t e i ne r t »Raumausdrücke im Akkadischen: Die Termini für Territorien und Grenzen und mit Körperteilbezeichnungen gebildete Ausdrücke«

sche Raumwahrnehmung. Ganz natürlich? Durchaus nicht! Dieses Konzept ist eher eine Ausnahme unter den Sprachen der Welt.
Se ba st i a n F i sc h e r »Formen des Ausdrucks von Dimensionalität im Hurritischen«

Akkadisch, die lingua franca einer frühen Globalisierung, ist eine nordost-semitische Sprache, die bis ins erste Jahrtausend v. Chr. in Mesopo-

tamien gesprochen wurde und im gesamten Eine andere Sprache, die in Keilschrift geschrieVorderen Orient als internationale Korrespon- ben wurde, ist Hurritisch. Die ältesten Namen denzsprache diente – ihre beiden Hauptdialek- und Ortsbezeichnungen auf Hurritisch stamte waren Babylonisch und Assyrisch. Ulrike Stei- men vom Ende des dritten vorchristlichen Jahrnert untersucht den Raumwortschatz des tausends, erfahren wir von Sebastian Fischer. Akkadischen aus dem 2. und 1. Jahrtausend Er erforscht, wie räumliche Beziehungen in diev. Chr. Das Akkadische ist reich an Bezeichnun- ser alten Sprache dargestellt wurden, die vor algen für Territorien und Grenzen, das Bedeu- lem in der Region gesprochen wurde, die heute tungsspektrum ist mitunter ungewohnt. So zum Nordirak und zu Nordostsyrien gehört. kann ein und dasselbe Wort »Grenze« und zu- Später breitete sie sich bis zum Mittelmeer und gleich »Territorium« bedeuten – ein Hinweis nach Anatolien aus. Um dem Hurritischen und auf den ganz anderen Charakter von Grenze. seinen Raumausdrücken näher zu kommen, Semantische Untersuchungen müssen also stellt Fischer Vergleiche mit dem Urartäischen immer auch historisch-politische Kontexte an, die mehrsprachigen Quellen, die heute vorberücksichtigen. Die »Grammatikalisierung« liegen, lassen zudem Vergleiche zu typologisch des Körpers steht ebenfalls auf Steinerts anderen Sprachen wie etwa dem Akkadischen Forschungs­ genda. »Vom Bergrücken herab oder dem Hethitischen zu – um schließlich tiea ins Herz der Stadt« konnte man auch im Akka- fere Einblicke in eine Sprache und Kultur zu gedischen sagen. Der Grund ist eine egozentri- winnen, die – besonders auch in der Ausformung ihrer Dialekte – bislang eher unzugänglich war.

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wichtiger Baustein für das Verständnis der Geschichte unserer modernen Sprachen – und sogar in Teilen ihres heutigen Gebrauchs. Und gerade in einem so fundamentalen Bereich wie der »Verortung« des Menschen in der Welt, die sich in sprachlichen Zeugnissen widerspiegelt, ist immer noch Grundlagenarbeit zu leisten. Manche antiken Texte sind noch nicht gelesen oder nicht so gelesen, wie es die neuesten Methoden der Linguistik heute zulassen. Hurritisch, Hethitisch, Akkadisch, Altägyptisch, Altgriechisch und Latein tragen alle verborgene Schätze sprachlicher Ausdrücke des Räumlichen – irdisch oder metaphorisch –, die in t op oi in akribischer Arbeit identifiziert werden und womöglich dazu beitragen, dass das Denken hier und da die Richtung wechseln muss. Eine Gruppe von Stipendiaten im Arbeitsbereich C I von top oi ist in ihren Dissertationen Wortschatz und Grammatik auf der Spur, um sprachliche Räume für das bessere Verstehen von Sprache und Raum zu erschließen, und sie alle sind mit einer immensen Herausforderung konfrontiert: Keine der Sprachen, die sie untersuchen, wird heute noch gesprochen. Man kann niemanden mehr fragen: Wie hast Du das gemeint?

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im porträt

C yri l Bro s c h »Zum Ausdruck von Räumlichkeit im Hethitischen aus vergleichender Sicht«

Ma r i a Ele na B a lz a »Perception of Archival Space in Hittite World«

So wie Grenze und Territorium nach unserem heutigen Sprachverständnis zwei verschiedene Dinge sind, sind es auch »drinnen« und »hinein« oder »wo« und »wohin«. Nicht so im Hethitischen, wo diese Unterschiede mit der Zeit verloren gegangen waren – die Bewegung fiel sprachlich weg, es blieb nur der Ruhecasus. Cyril Brosch erforscht die älteste niedergeschriebene indogermanische Sprache und ihre räumlichen Ausdrücke – auch hier wieder diejenigen, die dem menschlichen Körper entlehnt sind – und man erhofft sich von ihrer weiteren Durchdringung und dem Vergleich mit ihren Verwandten Aufschlüsse über die In t op oi werden nicht nur Fortschritte in der Erkenntnis über Sprachen selbst erzielt, sondern zum Beispiel auch über die Orte, an denen sprachliche Zeugnisse aufbewahrt wurden. Bleiben wir noch bei den Hethitern. Zwischen 1906 und 1912 wurden in Hattusa, der hethitischen Hauptstadt, über 10.000 Tafeln ausgegraben, die den Grundbestand unseres Wissens über das Hethiterreich bilden. Doch bei diesen Grabungen wurde viel zerstört, was Aufschluss darüber hätte geben können, wie das Wissen räumlich organisiert war. Den Hethitologen früherer Zeiten ging es lediglich darum, Texte zu editieren. So kam es, dass die Tafeln und andere Schriftträger nicht zu ihrem Fundort in Beziehung gesetzt wurden – man übersetzte sie ohne ihren räumlichen Kontext. Aber nur beides zusammen zeigt, wie Gesellschaften sich organisiert haben. »Was haben sie wo aufbewahrt, was haben sie weggelassen?« fragt Maria Elena Balza in ihrer Dissertation. Nicht nur die Analyse des Wissens, sondern auch der Materie, die den Inhalt umschloss, also seiner Speichermedien, gibt Aufschluss über die Verwaltung einer komplexen Gesellschaft und über ihre kulturellen Werte.

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Struktur des Urindogermanischen. Die meisten Verwandten sind vertraut wie Griechisch und Latein. Altindisch und auch weitere anatolische Sprachen kommen hinzu. Das Corpus aus älteren hethitischen Originaldokumenten umfasst einen hinreichend langen Zeitraum, um Veränderungen innerhalb der hethitischen Sprachgeschichte und deren Folgen für das System zu erfassen, und seit 1980 gibt es neue Studien zu praktisch allen Aspekten des Hethitischen und seiner Nachbarsprachen. Zudem kennt man inzwischen die historischen Zusammenhänge besser und kann demzufolge besser lesen und verstehen.

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im porträt
Altägyptisch
Katharina Aldenhoven »Die Widerspiegelung pharaonisch-ägyptischer Raumkonzepte und räumlicher Konstellationen in Wort und Bild«

mit fundamentaler Bedeutung für den Ausdruck räumlicher Beziehungen – gibt es zwar auch in den anderen genannten Sprachen. Aber die ägyptische Nisbe kann im Unterschied zu ihnen nicht nur von Substantiven, sondern auch von Präpositionen abgeleitet werden, und es gibt die sogenannte »umgekehrte« bzw. »reziproke« Nisbe, die zweierlei Bedeutung induzieren kann. Da die bisherigen Theorien zur Erklärung dieses Phänomens widersprüchlich sind, ist auch hier noch Grundlagenarbeit erforderlich.
Eliese-Sophie Lincke »Verortung in Raum und Zeit im Ägyptischen und Koptischen. Präpositionen, Positions- und Bewegungsverben als Mittel zum Ausdruck spatialer und temporaler Relationen«

Die besonderen Beziehungen zwischen Bild und Schrift im Altägyptischen untersucht Katharina Aldenhoven. »Himmel« und »Erde« oder »hier« und »vorne«, sind im Ältägyptischen als räumliche Ausdrücke ebenso zu Hause wie in anderen Sprachen. Auch mithilfe grammatischer Konstruktionen kann »Raum« zum Ausdruck gebracht werden. Texte aber lassen sich mit komplexen Bildern vergleichen. Deshalb ist es interessant zu analysieren, wie die Ägypter komplexe Szenerien der phy-

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sischen Welt dargestellt haben. Wenn dreidimensionale Objekte und Szenarien in die zweidimensionale Bildfläche eingetragen werden, wird weniger das Sehbild dargestellt als vielmehr eine semantische Zusammengehörigkeit zwischen einzelnen Elementen hergestellt. Können also die von Ägyptologen angesprochenen mutmaßlichen Parallelen zwischen Bild und Schrift konkretisiert werden?
Alexander Schultheiss »Relationen im Raum- Untersuchungen zur Bidirektionalität in den Zugehörigkeitsrelationen der altägyptischen Nisben und Nisbenkonstruktionen«

Und noch eine Überraschung hält das Altägyptische bereit. In der Regel können Bewegungsausdrücke – wenn sie verbal konstruiert sind – entweder den Pfad (die Richtung) oder die Art der Bewegung ausdrücken. Im Ägyptischen gibt es aber Verben, die beides ausdrücken können: Nach Norden/stromabwärts und nach Süden/stromaufwärts für den Pfad und »mit dem Schiff auf dem Nil fahren« für die Art sind Beispiele dafür. Die Arbeit von Eliese-Sophie Lincke zu Positions- und Bewegungsausdrücken schreitet einen weiten zeitlichen Rahmen aus; sie befasst sich mit allen Stufen der altägyptischen Sprache, einschließlich des Koptischen.

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Eine sprachliche Besonderheit allein des Ägyptischen, die sonst in keiner anderen hamito-semitischen Sprache bezeugt ist, erforscht Alexander Schultheiß. Es handelt sich um eine besondere Form des Adjektivs mit erstaunlichen Eigenschaften. Nisben, das sind Relations-Adjektive –

im porträt
Altgriechisch
Marianna Spano »Typologisch-lexikalische Analyse der griechischen Bewegungsverben in den Komödien Aristophanes’ und Menanders«

forschungsnomade

Ein Blick nach Griechenland. Die Komödien von Aristophanes und Menander haben einen Vorteil. Sie kommen fast umgangssprachlich daher, und in ihnen herrscht viel Bewegung. Das heißt, die Protagonisten sind unterwegs von einem Ort an den anderen. Das heißt auch, die Stücke stecken voller Verben, die Bewegung ausdrücken: gehen, kommen, laufen, rennen. In Aristophanes’ Komödien finden sich nicht weniger als 1500 Verben, die Räumliches ausdrücken, die Frage ist nun, wie sie in

A br o a d: Der t o p o i -Fellow Dr. Sören Stark lehrt und forscht ab Herbst als Assistant Professor am Institute for the Study of the Ancient World der New York University

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welchem grammatischen Kontext verwendet wurden. Marianna Spano hat sich wissenschaftlich auf den Weg gemacht, um das komplexe System von Bewegungsverben, Präpositionen und Fällen zu erforschen, mit denen das Altgriechische gerichtete Bewegung beschreibt. sw Natürlich freut sich Sören Stark auf seine neue Herausforderung. Das Institute for the Study of the Ancient World der New York University hat den Topologen als Assistant Professor für zentralasiatische Archäologie und Kunstgeschichte berufen. Aber er gibt zu, dass ihm der Abschied von der Dahlemer Hittorfstraße 18 ein wenig schwer fällt. »Zwar gab es außer mir hier fast niemanden, der sich mit der Region Zentralasien beschäftigt hat«, sagt er. »Aber jeden Tag bin ich vom Keller bis zum Dach Kollegen anderer Fächer begegnet und habe anregende Gespräche führen können.« Mit interdisziplinärer Arbeit kennt Sören Stark sich aus. In Halle hat er Orientalische Archäologie und Kunstgeschichte mit dem Schwerpunkt Zentralasien studiert und wurde dort auch promoviert. Seine Dissertation »Die Alttürkenzeit in Zentralasien« entstand 2005 im Kontext des

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im porträt
DFG-Sonderforschungsbereichs (SFB) »Differenz und Integration« – ein SFB, in dem sich ganz verschiedene Fächer mit den Formen der Interaktion von Nomaden und Sesshaften in unterschiedlichen geografischen Regionen beschäftigen. Sören Stark ist aber nicht nur Schreibtischtäter. Immer wieder zieht es ihn hinaus zu den Befunden. Mit den Händen und Füßen will er historische Kulturen und ihre materiellen Hinterlassenschaften im landschaftlichen Umfeld begreifen. Nach seiner Dissertation hat er deshalb von 2005 bis 2008 ein Survey- und Grabungsprojekt im Hochgebirge NordTadschikistans verwirklicht. Hier stand die Frage im Vordergrund, welche Formen des Neben- und Miteinanders die nomadisierenden Viehzüchdie er dokumentieren, datieren und historisch interpretieren möchte. Zwar wissen wir heute, dass die eindrucksvollen Mauersysteme meist am Übergang zwischen Bewässerungsoase und Wüstensteppe – also zwischen den Lebenswelten sesshafter Städter und mobiler Viehzüchter liegen – mit ihrer Funktion aber sind ungelöste Fragen verbunden: Sollten sie die Oasen vor nomadischen Überfällen oder vor einer natürlichen Versandung schützen? Dienten sie der lukrativen Besteuerung des blühenden Fernhandels in dieser Region? Welche Rolle spielten sie als Territorialmarkierung? Und vor allem: Wann entstanden diese Bauten eigentlich? »Dank t o p o i konnte ich eine Vorbereitungsreise nach Usbekistan unternehmen – ich habe mir dabei anfangs wirklich nicht vorstellen können, was dadurch ins Rollen kommen würde«, muss er heute zugeben. Denn von dieser einen Forschungsreise ist er nicht nur mit ersten Daten zur genauen Lage der Befestigungsbauten zurückgekehrt. Hier wurde auch eine produktive Zusammenarbeit mit den Kollegen der wissenschaftlichen Akademien von Samarkand und Taschkent geboren. Im Frühjahr 2011 wird aus der Idee Wirklichkeit – die erste Kampagne vor Ort kann beginnen. Und so waren schließlich auch die New Yorker sicher, dass der Junior-Fellow von t o p o i nicht nur innovative Forschungsideen hat, sondern diese auch verwirklichen kann. Ab September wird sich Sören Stark seiner neuen Aufgabe in den USA stellen. km

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ter des Hochgebirges mit den sesshaften Siedlern im unmittelbaren Umfeld ausprägen – natürlich in historischer Perspektive. Und diese Fragestellung war es auch, die ihn nach Berlin führte: 2008 war seine Bewerbung auf ein Junior-Fellowship von topoi erfolgreich; die Auswertung seiner tadschikischen Daten im Gespräch mit Berliner Kollegen konnte beginnen. Inzwischen arbeitet er an einer DFGForschungsinitiative mit, die zukünftig die Erforschung der Kulturgeschichte Zentralasiens im Kontext der Berliner Altertumswissenschaften intensivieren will. Vom ersten Tag an hat er die produktive Berliner Atmosphäre und die vielfältigen Möglichkeiten genossen, welche die Stadt bietet. Und natürlich ließen neue Ideen nicht lange auf sich warten. Usbekistan heißt die neue Heimat seiner wissenschaftlichen Interessen. Hier sind es nun Oasen- und Territorialmauern der historischen Region Sogdien,

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hinter den kulissen neun forschungsreisende und ein cluster die mitglieder des internationalen wissenschaftlichen beirats von topoi
In der letzten Ausgabe von r a um w i s s e n erfuhren wir etwas über Atmosphäre, Verlauf und Ergebnisse der »Begehung« von t o p o i am 15. und 16. Februar 2010. An dieser Stelle wollen wir Ihnen nun kurz die einzelnen Mitglieder des Beirats vorstellen – etwas ausführlicher die drei Wissenschaftler, die leider nicht an der Begehung teilnehmen konnten: Prof. Dr. Helmut Brückner aus Marburg, Prof. Dr. François de Polignac aus Paris, und Prof. Dr. Jennifer Whiting aus Toronto. Hier aber zunächst die »bekannten Gesichter«: Das Forschen »in Einsamkeit und Freiheit« hat längst ausgedient und man weiß heute, dass auch die Entdeckungen und genialen Erfindungen immer nur eingebettet in den historischen Kontext des eigenen Fachs Aus Großbritannien kamen der Ägyptologe Prof. John Baines vom Oriental Institute der Universität Oxford, der u. a. die Rolle des Schreibens in der ägyptischen Gesellschaft erforscht sowie der Prähistoriker Prof. Anthony Harding, ein Spezialist für die Europäische Bronzezeit. Vertreter der klassischen Fächer kamen aus Italien und aus der Schweiz: der Archäologe Prof. Dott. Massimo Osanna von der Università degli Studi della Basilicata aus Potenza, dessen Forschungsinteresse u. a. die griechischen Kolonien in Unteritalien sind, und der klassische Philologe Prof. Dr. Christoph Riedweg von der Universität Zürich; seine Schwerpunkte sind u. a. frühgriechische Dichtung sowie Philosophie und Rhetorik der Kaiserzeit und der Spätantike. Aus Österreich reiste der Altorientalist Prof. Dr. Gebhard Selz von der Universität Wien an, wo er zur Wirtschafts- und Religionsgeschichte Mesopotamiens im 3. vorchristlichen Jahrtausend forscht, und vom Department of Jewish Thought der Hebrew University of Jerusalem begrüßten die Topologen Prof. Dr. Sarah Stroumsa, zugleich Präsidentin der Universität. Ihre Spezialgebiete sind Arabische Philosophie und Theologie des frühen islamischen Mittelalter sowie die mittelalterliche Jüdisch-Arabische Literatur.

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und im Diskussionszusammenhang mit der wissenschaftlichen Umwelt zu verstehen sind. Große Forschungsverbünde sind ihrem Geist und ihrem Zweck nach Gemeinschaftsunternehmen, die gerade deshalb das Denken beflügeln und zu neuen Erkenntnissen fähig sind. t op oi ist eines dieser großen Verbundprojekte, das mehr als 30 Fächer miteinander verbindet, um neues Licht auf alte Welten zu werfen. Das ist eigentlich schon genug, könnte man meinen. Doch t op oi geht noch einen Schritt weiter. Das Cluster hat einen wissenschaftlichen Beirat, der, wie wir gelesen haben (siehe raumw i s s e n 1–2010, S. 4 und 38) gerade in Berlin war, um bei der Profilschärfung von t op oi zu helfen. Dieser Beirat ist ebenfalls interdisziplinär zusammengesetzt, darüber hinaus ist er aber auch ein internationales Gremium, vertritt also unterschiedliche Wissenschaftskulturen. Andere Länder, andere Sitten, das gilt auch in der Forschung.

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hinter den kulissen
Helmut Brückner Helmut Brückner ist Geowissenschaftler. Zu seinen Spezialgebieten zählen Geomorphologie und Geoökologie, Geochronologie und Geoarchäologie in der Liste seiner Forschungsgebiete geben schon einen Hinweis auf seine Verbindungen zur Antike. Brückner ist zwar weltweit unterwegs, aber viele seiner Arbeiten konzentrieren sich auf den Mittelmeerraum und hier insbesondere die Türkei, Griechenland und Italien. Viele von Brückners Projekten zeigen einen ausgesprochen interdisziplinären  An­ atz, sei es »Geoarchäologische Forschungen zum Apollons Delphinios-Heiligtum von Milet/Westtürkei«, sei es »Geomorphologische Unter­ uchungen zum holozänen Küstenwandel im Umfeld des s Poseidon-Heiligtums bei Akovitika am Messenischen Golf« auf der Pelo­ François de Polignac Das »Centre Louis Gernet« hieß einmal »Centre de recherches comparées sur les sociétés anciennes«, was Unkundigen einen schnelleren Hinweis auf seine Arbeit gibt. Es wurde 1964 gegründet, sein jetziger Direktor ist François de Polignac. Riten, Raum und Gesellschaft in der griechischen Antike zeichnen de Polignacs »topologischen« Forschungsrahmen nach – ein anderer seiner Forschungsschwerpunkte gilt der historischen Figur, die wie kaum eine andere »Raum« in der Antike neu strukturiert hat: Alexander der Große, dessen »Mythos« François de Polignac u. a. im mittelalterlichen arabischen Islam untersucht. Römische Archäologie und die Rezeption der Antike im 18. Jahrhundert sind weitere Arbeitsschwerpunkte des Archäologen und Historikers. Seine Arbeiten zur Entstehung der griechischen Stadtstaaten gelten vielen Altertumsforschern als bahnbrechend: Inwiefern strukturierte die kultische Praxis Gesellschaft und Raum? Und wie trug sie dazu bei, Territorien und Grenzen zu definieren? Bücher von François de Polignac: La Naissance de la cité grecque. Cultes, espace et société, Éditions la Découverte, 1984 Alexandrie, IIIe siècle av. J.-C. Tout les savoirs du monde ou le rêve Den Gepflogenheiten seines Faches entsprechend, hat Helmut Brückner zahlreiche Aufsätze in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht. Hier sind sie zu finden: http://www.uni-marburg.de/ fb19/personal/professoren/brueckner/publikationen d’universalité des Ptolémées, Autrement, 1999 (éd.) Alexandre le Grand, figure de l‘incomplétude, Ecole Française (Rom), 2000

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ponnes. Nach Saudi-Arabien führt ihn seine Forschung zu Tayma, einer Wüstenoase mit großer Geschichte, die in einem deutsch-saudischen Kooperationsprojekt ergraben und rekonstruiert wird. Brückners Part, bei dem er auf deutscher Seite mit dem DAI kooperiert, besteht in der Umweltrekonstruktion der Oase. (siehe auch »Wüstenklänge«, S. 46) Seit 1994 ist Helmut Brückner Professor für Physische Geographie an der Philipps-Universität Marburg.

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hinter den kulissen
Jennifer Whiting Den weitesten Weg nach Berlin hätte Prof. Jennifer Whiting, PhD, vom Department of Philosophy der University of Toronto gehabt. Bevor sie nach Toronto kam, lehrte sie an den Universitäten Harvard, Pittsburgh und Cornell. Whitings Forschungsgebiet ist die antike Philosophie, insbesondere hat sie zahlreiche Arbeiten zur Ethik und persönlichen Identität bei Aristoteles veröffentlicht. Aristoteles, Kant und die Stoiker sind für Whiting der »Stoff«, antike und moderne Ethik miteinander in Einklang zu bringen – anders als es bis zu diesem Zeitpunkt in der Regel geschah –, und das Thema des Buches, das sie zusammen mit S. Engstrom dazu herausgegeben hat, ist eine ewige Debatte: »Rethinking Happiness and Duty«. Antiken Spuren in der Moderne folgt sie

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auch der Literatur; ihre großen Forschungsthemen sind die Überschneidungen von Metaphysik, Ethik und Philosophie sowohl in der Antike wie auch in der Moderne. sw Bücher von Jennifer Whiting:: Nicomachean Ethics 7.3 on Akratic Ignorance (with Martin Pickavé) Oxford Studies in Ancient Philosophy, 2008 Trusting First and Second Selves: Aristotelian Reflections on Virginia Woolf and Annette Baier, in Persons and Passions: Essays in honor of Annette Baier, edited by J. Jenkins, J. Whiting, and C. Williams, Notre Dame, 2005 Aristotle, Kant and the Stoics: Rethinking Happiness and Duty, co-edited with S. Engstrom: Cambridge UP, 1996

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topoi to go der meilenstein
Römischer Meilenstein (CIL III 5714) aus dem Jahre 201, gefunden bei Sankt Margarethen im Lungau, Österreich. Die letzten beiden Zeilen verraten, dass es nach Teurnia (modern Lendorf ) noch 28 Meilen sind

Steinsäule, übermannshoch, 50 bis 60 cm im Durchmesser, Inschrift – auf den ersten Blick nicht sehr eindrucksvoll und doch eine wichtige Quellengattung in der topologischen Forschung. Meilensteine, römisch: miliaria (Singular: miliarium), begleiten römische Straßenbauprogramme seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. Ihre eigentliche Blüte erleben sie aber in der römischen Kaiserzeit ab dem ersten nachchristli-

men desjenigen, der den Stein setzte; das Amt, das der Genannte zu dieser Zeit innehatte, (was ihre Datierung ermöglicht), die Strecke, an der er steht, die Gründe für die Aufstellung und die Entfernungsangaben vom Anfang der Strecke – vom letzten größeren Ort und bis zum nächsten. Und so klingt das im Original auf einem Meilenstein auf der Via Domitia im heutigen Frankreich im Jahr 31/32: »Ti(berius) Caesar divi Aug(usti) f(ilius)

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chen Jahrhundert. Neben Brücken und Bögen sind die 6 000 noch heute erhaltenen Steine unmittelbares Zeugnis des römischen Verkehrsnetzes. Systematisch wird das gesamte Römische Reich mit Straßen (viae publicae) erschlossen – von Portugal bis in den Nahen Osten. Meilensteine erlaubten dem Reisenden die Orientierung im Raum. Sie wurden in regelmäßigem Abstand von einer Meile entlang dieser Straßen aufgestellt und weisen mit einer präzisen Entfernungsangabe auf bestimmte Städte hin. Heute funktionieren sie als Wegweiser in die antike Geographie. In der Regel nennen Meilensteine auch den Na-

Info Mit der Edition der Meilensteine Hispaniens (CIL XVII/1) unterstützt t o p o i die Arbeit an der BBAW. Manfred Schmidt, der Leiter der Arbeitsstelle Corpus Inscriptionum Latinarum, und seine Mitarbeiterin Camilla Campedelli nehmen vor Ort die erhaltenen Objekte auf und werten sie hinsichtlich der topologischen Fragestellung aus. (vgl. auch »TOPOI im Gespräch« S. 8)

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Aug(ustus) pontif(ex) max(imus) trib(unicia) pot(estate) XXXIII refecit er restituit (Nemauso milia passum) VII« »Tiberius Caesar Augustus, Sohn des vergöttlichten Augustus, Oberpriester, im Jahr 33 seiner Tribunsgewalt, hat repariert und wiederhergestellt, von Nîmes aus 7 Meilen.« Mit dieser systematischen Erschließung von Territorium machen die Römer jedem Reisenden klar, wem er die gut ausgebauten Straßen und genauen Entfernungsangaben verdankt. Die römische Vorherrschaft wird – bis heute – unmissverständlich visualisiert.

topoi vor ort virtuelle zettelwelten
… ins Internet

Wie kann ein Wörterbuch ein Ort sein? Ein gedrucktes Buch vielleicht. Aber ein virtuelles? Sagen wir, das Altägyptische Wörterbuch hat zumindest einen Ort. Er liegt in der Berliner Jägerstraße im Bezirk Mitte und heißt BerlinBrandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW). Als materiegestützes Werk machte das Ältägyptische Wörterbuch 1897 seinen Anfang. Das Verfahren war übrigens damals hoch

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innovativ: Man arbeitete nicht mehr auf der Basis punktueller Exzerpte. Vielmehr gründete man das Wörterbuch auf die umfassende Erschließung des damals erreichbaren Textmaterials. Der erste »Ort« der Wörter war aber kein Buch. Es waren 1,5 Millionen Zettel! Sie waren schließlich das Fundament für 13 Bände »Wörterbuch der ägyptischen Sprache« (Leipzig– Berlin 1926–1963). Was man heute an Texten aus dem pharaonischen Ägypten kennt, ist ungleich mehr als das,
Vom Abklatsch …

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schungsbedürfnisse erfordern neue Methoden – und neue Orte. Das Altägyptische Wörterbuch, zu dessen Fortführung sich die BBAW verpflichtet hat, übersiedelt in den ortlosen Ort par excellence: ins Internet. Die Texte werden transkribiert sowie durch textkritische Notation und morphologische Markierungen strukturiert erfasst. Am Ende wird man die Wörter nach ganz unterschiedlichen Kriterien suchen können – und nicht nur wie im quasi ortsgebundenen Wörterbuch nach dem Alphabet. Der gigantische Zettelkasten ist übrigens schon seit 1999 online. http://aaew.bbaw.de/index.html sw

was man bis 1940 erschlossen hatte – als die Arbeiten am Corpus eingestellt worden waren. Neue Zeiten, neue Mengen sowie neue For-

impressum

2. Jahrgang / 2–2010 ISSN 1869-7356

Herausgeber: Exzellenzcluster 264 T O P O I The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations

Redaktion: Susanne Weiss – Dr. Katja Moede – T O P O I (km) (030) 31 01 27 55 www.wortwandel.de Gestalterisches Konzept, Layout und Satz: dakato … design_Tonja Heilmeyer, David Sernau www.dakato.com

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Druck: H. Heenemann GmbH & Co. KG Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin www.heenemann-druck.de

Briefe an die Redaktion: Dr. Katja Moede T O P O I-Haus Dahlem Hittorfstr. 18, 14195 Berlin katja.moede@topoi.org weiss@wortwandel.de

Vertrieb: T O P O I Geschäftsstelle FU Hittorfstr. 18, 14195 Berlin Tel.: (030) 83 85 72 71 sekretariat@topoi.fu-berlin.de

T O P O I Geschäftsstelle HU Hannoversche Straße 6, 10099 Berlin Tel.: (030) 20 93 990 73 ursula.mueller@topoi.org

www.topoi.org
        
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