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Periodical volume

Full text: Raumwissen Issue 2009,1

r a u m w i s s e n 01 . 09

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editorial liebe leserin, lieber leser
Der Name ist Programm. Selten trifft diese Feststellung so präzise zu wie beim Namen unseres neuen TO P O I-Magazins raumwissen. Es wird Sie von nun an drei Mal jährlich durch die Arbeit unseres Exzellenzclusters begleiten, der sich zum Ziel gesetzt hat, das verloren gegangene Wissen über die Abhängigkeit von Raum und dem Wissen darüber wieder zusammenzuführen, und so zu einem neuen Verständnis der Vorstellungen von Raum in der Antike zu gelangen. raumwissen ist kein Forschungsmagazin im strengen Sinne. Vielmehr ist es zum einen ein Medium, unserer Aufgabe nachzukommen, auch eine breite Öffentlichkeit von unserem Tun zu unterrichten. Zum anderen ist aber das Spektrum der an T O P O I beteiligten Disziplinen so groß, dass Raumwissen auch dazu dient, Forscherinnen und Forscher aller Fächer über die Arbeit ihrer Nachbarn im Cluster auf dem Laufenden zu halten und so den interdisziplinären Gedanken lebendig zu machen. So spiegeln die Themen in raumwissen das breite Spektrum der an TOPOI beteiligten Fächer und Institutionen wider – mit klassischer Forschungsberichterstattung, mit Porträts, Essays und Interviews, mit kleinen Meldungen und immer auch einem Blick hinter die Kulissen. Im Namen des Vorstandes von TOP O I wünscht Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre Ihre Univ.-Prof. Dr. Friederike Fless

inhalt
04 kurz gefasst archæoworks; Wissenswelten verbinden; Zum Leben erweckt; Bild.Raum.Handlung; Neu in Topoi: Wemhoff, Weber, Geus, Därmann, Polla 	

inhalt
44 interview Mit Iris Därmann und Anna Echterhölter Über Ackerbau, Kulturtheorie und oikonomia 48 im porträt Das Christentum und die hellenistische Unterhaltungskultur Frauke Krautheim, Evangelische Theologin 51 Die Theorie der Literatur und die Praxis der Verwaltung Henrike Simon, Ägyptologin		 54 57 Im Harz, in Lossow und Ägypten Wiebke Bebermeier, Geographin 	 Brücken zwischen Theorie und Befund Kerstin Hofmann, Archäologin	 	 60 ansichten II Bilder einer Ausstellung Performance zur »Rückkehr der Götter«	 64 essay 70 TOPOI to go Die Wege des Wissens in der Alten Welt	 	 Der Bohrkern				

12 hinter den

Der Abklatsch Kunst, Handwerk und Wissenschaft eines Epigraphikers

kulissen

18 ansichten I

Weltwissen Eine kleine Bildergeschichte			

22 forschung 26 30 34

Von Weltbildern und Irrtümern Oder »Angewandte historische Geographie«	 Der richtige Abstand Zur Relativität räumlicher Topoi	 Rituale und Wissen Die Forschergruppe »Acts«	 Die Teilung der Seele Räumliche Konzepte für ein schwer zu fassendes Gebilde

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Was ist Archäoinformatik? Neueste Methoden für ehrwürdige Befunde

		 71 TOPOI vor ort B-MI 9210				
	 72 impressum

Das Schiff auf den Umschlaginnenseiten führt Sie als Bild für die Verbreitung von Wissen durch unser Heft. Spätgeometrischer Krater mit Schiffsdarstellung. Toronto, Royal Ontario Museum: I Greci in Occidente, Ausst. Venedig (1996) 136

f o t o n a c h w e i s : S. 5 DAI; S. 6 Abguss-Sammlung der FU; S. 8/9 SMB; S. 18–21: 1) Abguss-Sammlung der FU, 2) DAI 3) FU, 7) Hoelzmann, 4, 5, 6) Moede; S. 27 Bodleian Library; S. 32 Abguss-Sammlung der FU; S. 33 DAI; S. 35 Schönharting; S. 36 Wikimedia Commons; S. 41 Polla; S. 49 Robert Pelz; S. 60–63 Lipskoch; S. 66 MPIWG; S. 70 Hoelzmann; Moede: S. 7, 10, 13–16, 25, 31, 43, 45, 54, 57, 71;

kurz gefasst

archæoworks vom 20. bis 22. November 2009 »Und was machst Du damit, wenn Du fertig bist?« ist eine unter Geisteswissenschaftlern, auch Archäologen, weit verbreitete Frage. Dass die Antwort, als solcher könne man schließlich alles machen, nicht wirklich ganz der Realität entspricht, haben die Initiatorinnen und Initiatoren der »archæoworks« erkannt und zeigen »Wissenswelten verbinden«
Irakische und deutsche Vorderasiatischen Museum

Die Orient-Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts lud ein, Wissenschaftler im und neun irakische Wissenschaftler der Universität Baghdad und der in Berlin irakischen Antikenverwaltung kamen, um mit deutschen Kollegen vom 1. bis zum 31. Juli 2009 am ersten Irakisch-Deutschen Summer Graduate-Programm in Paris und Berlin teilzunehmen. Das Programm – zugeschnitten auf Vorderasiatische Archäologie und Altorientalistik – war in Zusammenarbeit mit dem Institut für Altorientalistik der FU vorbereitet worden und wurde in Kooperation mit der Deutschen Orient-Gesellschaft und dem Vorderasiatischen Museum Berlin durchgeführt. Den Auftakt in Paris machte die jährlich stattfindende Konferenz »Rencontre Assyriologique Internationale«; in Berlin war es die Konferenz »Constituent, Confederate and Conquered Space in Upper Mesopotamia: The Case of the Mitanni Transition«, veranstaltet von T O P O I. »Keramik Mesopotamiens«, »Keilschrifttexte als Hauptquelle mesopotamischer Geschichte« und »Architektur und Stadtplanung in Mesopotamien« waren Komponenten des Programms, das abwechselnd von irakischen und deutschen Wissenschaftlern gestaltet wurde – ganz im Sinne der Initiative »Wissenswelten verbinden« des Auswärtigen Amtes, die das Programm unterstützte.

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den späteren Alleskönnern konkrete Beschäftigungsmöglichkeiten. Vom 20. bis zum 22. November 2009 findet auf dem Gelände der Freien Universität die erste von Studierenden für Studierende organisierte Berufsmesse für Studierende und Absolventen archäologischer Fächer statt. Vertreter verschiedener Branchen stellen sich vor – von Forschungseinrichtungen über Ausstellungsfirmen bis hin zu Medienbetrieben – und zeigen die unterschiedlichen Beschäftigungsmöglichkeiten für Archäologen. Und hier kann man sich anmelden: www.archaeoworks.de/

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kurz gefasst

Bild. Raum. Handlung. Bildwerke sind keine bloßen Objekte der Betrachtung; sie besitzen unmittelbaren Einfluss auf unsere Wahrnehmungs- und Handlungsweisen. Ob Palast oder Haus, enge Stadt oder weiträumige Landschaft – Bildwerke gestalten als Zum Leben erweckt So kennen wir sie. Artig gruppiert stehen antike Skulpturen stramm vor den Ordnungsprinzipien einer Wissenschaft, die ihnen ihre Kriterien überwarf. Heute ist man zu der Auffassung gelangt, dass man ein jedes Ding nur in seinem eigenen Kontext verstehen kann. So bewilligte das Bundesforschungsministerium (BMBF) im Juli 2009 die Förderung für das Kooperationsprojekt »Das Berliner SkulpturenElemente alltäglicher oder zeremoniell geglie- Termin derter Bewegung Räume. Die Forschergruppe 21.–23. Oktober 2009 C-III »Acts« veranstaltet im Oktober 2009 eine Ort: Topoi-Haus Dahlem internationale Tagung zum Thema »Bild. Raum. Hittorfstraße 18 Handlung. Perspektiven der Archäologie«. Ziel 14195 Berlin ist es, Bild- und Raumkonzeptionen mit metho- Vollständiges Programm dischen Ansätzen der Bildwissenschaft zu ana- unter: www.topoi.org lysieren. Hier werden aktuelle archäologische Forschungen zu Bildwerken als konstituierende Elemente von Räumen vereint. Die Vorträge erfassen bildliche Ausdrucksformen ganz unterschiedlicher Kulturen – es steht nicht allein die griechisch-römische Antike im Mittelpunkt, auch prähistorische, vorderasiatische, minoisch-mykenische und südamerikanische Aufstellungskontexte finden Berücksichtigung. Die Tagung wird am 21. Oktober 2009 um 18.15 Uhr mit einem Festvortrag von Tonio Hölscher (Heidelberg) zum Thema »Bilderwelt, Lebenswelt und die Rolle des Betrachters im antiken Griechenland« im T O P O I-Haus der FU eröffnet.
cluster vgl. »Rituale und Wissen«, Seite 30
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netzwerk – Kontextualisierung und Übersetzung antiker Plastik«. Partner sind die Antikensammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und das Institut für Klassische Archäologie der FU. Mit 1,55 Millionen Euro machen die Forscherinnen und Forscher zunächst eine umfassende Bestandsaufnahme aller Skulpturen, der zugehörigen Archivalien, der aktuellen Grabungsdaten und sämtlicher Gipsabgüsse in den Berliner Sammlungen. Die Ergebnisse finden Eingang in eine Datenbank, wo sie schließlich online abrufbar sein werden. Und 2011 gibt es eine große Ausstellung der ganz besonderen Art im Pergamon-Museum. Mittels 3D-Projektionen können die Besucher ganz neue Ansichten und Einsichten über die Stadt Pergamon und ihre Umgebung gewinnen. Da stehen sie dann auch nicht mehr in Reih’ und Glied, die Schönheiten der Antike, sondern eine jede an ihrem angestammten Platz: im Haus, im Hof, im Garten …

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kurz gefasst neu in topoi
Prof.  D r.  Matthias Wemhoff ist Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte und qua Amt oberster Berliner Landesarchäologe

D r .  St e f a n W e b e r ist Direktor des Museums für Islamische Kunst in Berlin

Matthias Wemhoff Heute ist Matthias Wemhoff Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte (SMB) in Berlin, er war Direktor des Westfälischen Landesmuseums für Klosterkultur im Kloster Dal-

Stefan Weber Stefan Weber ist Experte für Islamische Kunst- schichte, das er 1991 mit der Promotion an der geschichte und Archäologie, und er hat reiche FU abschloss, war Stefan Weber Mitarbeiter in Erfahrung bei der Präsentation von Kunstwer- der Orient-Abteilung des Deutschen Archäoloken und Kulturgütern. Es ist noch nicht lange gischen Instituts (DAI) in Damaskus und Refeher, da kam er aus London vom Institute for rent am Orientinstitut der Deutschen Morgenthe Study of Muslim Civilizations der Aga Khan ländischen Gesellschaft in Beirut. University nach Berlin, wo er im Februar 2009 Direktor des Museums für Islamische Kunst (SMB) wurde. Nach seinem Studium der Islamwissenschaft und der Islamischen Kunstge-

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heim bei Lichtenau, für das er das Konzept erarbeitet hatte, und er war Honorarprofessor an der Universität Paderborn. Seine Studienfächer waren die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, der Mittleren Geschichte und Kirchengeschichte. Mit einer Dissertation über das Damenstift Herford schloss er seine Ausbildung ab. Wemhoff verbindet die Erfahrung in organisatorischer und konzeptioneller Museums- und Ausstellungstätigkeit mit internationalen Grabungsarbeiten und seiner wissenschaftlichen Arbeit.

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Forschung und Ausstellungswesen immer weiter zu verzahnen, war für beide Direktoren immer Ziel und Praxis, und deshalb sind sie auch für die Forschungsbereiche von T O P O I, die sich damit befassen, geradezu Idealbesetzungen – vor allem für die Cross Sectional Group »Museums« im Forschungsbereich E. Hier wird erarbeitet, wie und mit welchen Folgen antike Räume und Raumkonzepte in Museen und Ausstellungen dargestellt werden. Ziel ist es, für die Zukunft ein angemessenes Darstellungsmodell zu finden, das auch auf die originalen antiken Kontexte Bezug nimmt.

kurz gefasst neu in topoi

Prof.  Dr.  Klaus Geus vertritt die Historische Geographie des Mittelmeerraums an der FU

Prof.  D r. Iris Därmann ist die Neue am Institut für Kulturwissenschaft der HU

J u n . - P r o f . Dr .  Si l v i a P o l l a vertritt mit der Archäoinformatik ein neues Fach an der FU

Klaus Geus

Iris Därmann

Silvia Polla Silvia Polla ist neu berufene Juniorprofessorin für Archäoinformatik am Institut für Klassische Archäologie der FU. Nach ihrem Studium der Klassischen Archäologie und der Ur- und Frühgeschichte in Trento und Freiburg im Breisgau erhielt Polla ein Doktorandenstipendium der Universität Siena, wo sie 2007 promoviert wurde. Nach wissenschaftlicher Tätigkeit in Trient, Venedig und Berlin wurde sie schließlich im April 2009 an die FU berufen. Pollas Forschungsschwerpunkte sind naturwissenschaftliche und computergestützte Methoden in der Archäologie sowie Survey-Techniken und hochauflösende Geländeanalysen, die sich gut in die »Forschungslandschaft« der Areas A und B von T O P O I einfügen.
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Klaus Geus vertritt ein seltenes Fach, eines, das Geschichte der Kulturtheorie ist Iris Därmanns zumindest in Deutschland noch ausbaubar ist. Sache in TO P O I. In Area D geht sie unter anDie Historische Geographie führt wieder zu- derem dem antiken Kulturbegriff nach, der auf sammen, was einst eine selbstverständliche das Raumwissen der Agrikultur zurückgeht. Verbindung war. Nach dem Studium der Alten Därmann studierte Philosophie, Soziologie und

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Geschichte, lateinischen und griechischen Phi- Sozialpsychologie, arbeitete und lehrte an den lologie lehrte der neu berufene FU-Professor Universitäten Bochum, Lüneburg, Konstanz zuvor an den Universitäten Bamberg, Mann- und Köln, kürzlich wurde sie an die HU beruheim, Tübingen und Jena, forschte an Harvard fen. Därmann forscht zu Medien, Bild- und und Columbia; seine Forschungsschwerpunkte Repräsentationstheorien, Phänomenologie, sind antike Kultur- und Wissenschaftsgeschich- Psy­ hoanalyse, französischer Gegenwartsphiloc te, insbesondere Geographie, Astronomie, Ma- sophie sowie Kulturtheorien, Ethnologie, und thematik und Metrologie, Rezeptionsgeschich- zu Konzepten des Fremden. Zusammen mit ihte, Militärgeschichte und Geschichte des ren Kollegen Prof. Dr. Hartmut Böhme und Anna antiken Nordafrika. In TOPOI initiierte er die Echterhölter will sie sieben Projekte in T O P O I Arbeitsgruppe B-IV: Angewandte historische durchführen. Als erste Veranstaltung gibt es im Geographie.
excellence cluster  siehe »Von Weltbildern und Irrtümern«, S. 22 »Zwischenräume«.
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WS 09/10 eine Ringvorlesung zum Thema siehe »Interview«, S. 66
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siehe cluster ist Archäoinformatik?«, S. 38 »Was
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Felix Obeloer

The formation and transformation of space and knowledge in ancient civilisations

hinter den kulissen der abklatsch handwerk, kunst und wissenschaft eines epigraphikers

Was für den Laien aussieht wie ein Stück Raufasertapete, könnte vielleicht eine wichtige Inschrift aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert sein. Es dauert eine Weile, bis man gelernt hat, einen Abklatsch zu »lesen« Als Abklatschpapier täte es in der Not auch Löschpapier, aber bei der Bürste kann es keine Kompromisse geben, denn von ihr hängt die Qualität des Abklatschs ab. Sie muss einen besonders dichten Borstenstand haben

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sen sein wollen. Nun sitzen Epigraphiker nicht tagelang in sengender Sonne vor dem Stein und versuchen, ihm seine Geheimnisse zu entlocken. Vielmehr nehmen sie ein Stück Papier, sehr saugfähig und nassreißfest, durchtränken es mit Wasser und legen es auf den Stein. Nachdem die großen Blasen mit der Hand ausgestrichen sind, kommt die »Spezialbürste« zum Einsatz, eine kräftige Rosshaarbürste mit besonders dichten Borsten. Mit ihr klatschen sie das Papier mehrmals hintereinander mit genau dosiertem Druck auf den Stein, bis es jede Kontur geschmeidig umschlossen hat. Ist das Papier trocken, beginnt es, sich vom Stein zu lösen. Der Epigraphiker nimmt es vorsichtig ab und hält ehrfürchtig etwas in der Hand, das für den Laien aussieht wie ein Stück Raufasertapete: den Abklatsch einer Inschrift, die vielleicht zum Gewinn einer bahnbrechenden Erkenntnis beiträgt. »Es dauert eine Weile, bis man gelernt hat, auf einem Abklatsch etwas entziffern zu können«, sagt Klaus Hallof. Denn erschwerend kommt hinzu, dass ein Epigraphiker – will er sich die erhabene Seite des Abdrucks zunutze machen – seitenverkehrt lesen muss. Das gelingt besser, wenn

Wer nur das Erhabene an der Hochkultur liebt, dem muss es wie eine Gemeinheit daherkommen: ohne Abklatsch wenig Weihe, zumindest bei den Inscriptiones Graecae, einem der altehrwürdigen Unternehmen an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW). Der Epigraphiker Klaus Hallof ist der Leiter dieses Unternehmens, »Nachschreiber«, Schriftgelehrter, Sammler, Entzifferer. Mit Papier und Bürste gehen er und seinesgleichen auf die Reise nach Griechenland, um zu ihrem »Gegenstand« zu kommen. Zu Steinen und Statuen mit Inschriften, die noch einmal gele-

hinter den kulissen
man das Papier schräg gegen die Sonne hält. Die Schatten verstärken den Kontrast und be­­ tonen die Erhabenheit. »Ohne Sonne und Schatten sind wir aufgeschmissen«, lacht Hallof. Kontexterkennenung So ein Stück Raufasertapete könnte sich zum Beispiel als Abklatsch einer Inschrift aus Epidauros herausstellen, aus der zweifelsfrei hervorgeht, dass auch ein bedeutendes Heiligtum so irdische Dinge wie Bauabrechnungen hervorgebracht hat – das akademische Bild vom »Wir können Fragmente zusammenfügen, deren Originale weit verstreut sind«, erklärt Hallof. »Wir können Zusammenhänge erkennen, wo vorher nur Fragen waren, können neu lesen, neu bewerten und neu datieren.« Die Kleinigkeiten können wichtig sein, und die meisten Erkenntnisse kommen erst mit dem Abklatsch. Zudem sind zehn bis 15 Prozent der Steine verschwunden, schätzt Hallof, sind zerstört, verwittert oder gestohlen und per Schmuggel an betuchte Privatsammler gebracht. Es gibt immer noch etwas zu finden. 1000 Funde werden jedes Jahr neu ediert, die meisten sind Grabinschriften, »aber es sind immer zwei, drei Volltreffer dabei«, freut sich der Epigraphiker. Und wenn man zwei Stücke findet, die zusammengehören? »Das ist ein Feiertag!« Wissenschaftskommunikation »Wir haben eine Mittlerfunktion zwischen dem Original und dem Benutzer«, sagt Hallof und Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff (1848 bis 1931) ist damit einverstanden, es Wissenschafts­ erster Leiter der Inscriptiones Graecae, schrieb ein kommunikation zu nennen. Die Fragen an die Schriftgelehrten kommen von überall her: aus der Archäologie, aus der Geschichtswissenschaft, der Philologie oder aus der ReligionsGedicht für seinen Schwiegersohn und Nachfolger, Friedrich Frhr. Hiller von Gaertringen. Ein Berliner Bildhauer schlug es in Stein – der Stil: Rhodos, erstes vorchristliches Jahrhundert »Ich bin der Balkon des Hiller von Gaertringen …«

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hehren Griechentum in all seiner Erhabenheit war oft freigehalten worden von derlei Niederungen. Aber so wie ein Heiligtum ohne Handwerk nichts geworden wäre, so wenig erzählt ein Wort etwas ohne seinen Text. »Ein einzelnes Stück an sich bringt keine Erkenntnis«, sagt Hallof. Und das, was in vielen wissenschaftliH i storischer Abklatsch a u s d e m Bestand der BBAW. Er wurde abgenommen von einem Grenzstein eines Heiligtums der Athena aus dem fünften vorchristlichen Jahrhundert

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chen Disziplinen gerade erst beginnt – einen einzelnen Sachverhalt in einen größeren Kontext zu stellen – »das machen wir schon lange«. Und wenn neue Zeiten neue Fragen stellen, dann muss man immer wieder von vorn anfangen.

hinter den kulissen
wissenschaft. Umgekehrt benötigen die Epigraphiker die Fragenden, um Antworten für ihre eigene Arbeit zu finden. »Es kann nicht jeder alles allein.« Für so etwas ist TOPO I ein ideale Plattform, weiß Hallof, der mit seinen Projekten im Forschungsbereich B angesiedelt ist. Der erste Schritt ist immer, die Realien zu erklären, die Sache an sich. »Dafür brauchen wir die alten Handbücher.« Theorie allein führt nirgendwohin, wenn sie sich an den Beginn der Analyse setzen will, ist Klaus Hallof überzeugt. Die »pinselige Sorgfalt« bei der Betrachtung
»Die wichtigste Inschrift entdeckt man immer dann, wenn das Abklatschpapier alle ist.« Der Epigraphiker Prof. Dr. Klaus Hallof ist Leiter der Inscriptiones Graecae, kurz IG. Die Institution wurde 1815 gegründet und ist damit das älteste wissenschaftliche Unternehmen der BerlinBrandenburgischen Akademie der Wissenschaften

Das Berliner Archiv In den großen flachen Kartons, die sich auch auf Hallofs Schränken stapeln, lagern jeweils 200 bis 300 Abklatsche. Die Zwischenlagen sind Zeitungspapierseiten mehrerer Zeitalter und Systeme, und freche Zungen behaupten, sie seien oft interessanter als die Abklatsche selbst. 1902 wurde das existierende Archiv von Ulrich von WilamowitzMoellendorff gegründet, einem Titanen der Altertumswissenschaften, der unter anderem bis heute gültige Standards für das Lernen alter Sprachen schuf. 65 000 Abklatsche liegen im Akademiegebäude in der Jägerstraße, dazu kommen zahllose Fotografien – zum Teil noch Glasplatten –, Tagebücher und Manuskripte. Inzwischen ist die Arbeitsstelle der Inscriptiones Graecae wieder das größte epigraphische Archiv in Deutschland. Um es weiterzuentwickeln, schwebt Klaus Hallof eine Datenbank vor – 150 000 Fotos mit Erklärungen in mehreren Sprachen …

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der Realien muss ihre ständige Begleiterin sein. Sorgfalt und Zeit sind Seele und Rückgrat des epigraphischen Handwerks. Die Liebe zum Puzzle ist genau so wichtig wie der erfahrungsgeleitete Blick auf das Ganze, der sich nach Jahrzehnten Praxis mitunter so schnell einstellt, dass man ihn kaum noch nacherklären kann. Und der die Raufasertapete in einen Text aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert verwandelt. Klaus Hallof strahlt: »Ich habe den schönsten Beruf der Welt.« sw

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ansichten weltwissen

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Atlas Farnese Die schwere Last, die Atlas auf seinen Schultern trägt, ist die älteste bekannte Darstellung des Wissens über Welt und Himmel. Die römische Kopie einer hellenistischen Skulptur stammt aus dem zweiten Jahrhundert und ist im Museo Acheologico Nazionale in Neapel zu sehen. Hier ein Gipsabguss der Abguss-Sammlung Antiker Plastik der FU. Das Wissen im Bücherregal Das Wissen zum Beispiel über den Atlas Farnese findet man in einer Sammlung der Art Bibliothek, einer Institution, deren erste Vorläufer auf das zweite vorchristliche Jahrtausend zurückgehen. Für lange Zeit blieben derlei Büchersammlungen exklusive Vergnügen für ausgewählte Nutzer. Erst im 17. Jahrhundert werden Bibliotheken zu öffentlichen Einrichtungen. Tell Schech Hamad Mitunter führt der Blick aus großer Höhe bei Archäologen zur Wissensvermehrung. Der größere Abstand dient dem Gewinn von Übersicht, und gelegentlich können sich Einzelbefunde so zu einem Ganzen fügen. – Die ältesten Siedlungsreste von Tell Schech Hamad datieren auf das dritte vorchristliche Jahrtausend. Die Stadt wird seit 1978 von der FU unter der Leitung von Prof. Dr. Hartmut Kühne ergraben. Meilenstein mit Hut Alle Wege führen nach Rom, weiß der Volksmund noch heute. Um auf diesen Wegen zu wissen, wie weit es denn bis Rom noch ist – oder umgekehrt – platzierte man an markanten Stellen Meilensteine. Hier ein römischer Meilenstein in einem Tiroler Garten mit einem neuzeitlichen Schutz vor Verwitterung.

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ansichten

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Traditioneller Wissensspeicher I Der Zettelkasten, der Gelehrten Freund und manchmal (schlecht sortierter) Feind, ist auch im Zeitalter der körperlosen Verbreitung von Wissen und seiner Auflistung in Online-Katalogen noch immer ein unverzichtbares Mittel, um sich im Wissen der Welt zurechtzufinden. Die stille Suche unter Gleichge­ sinnten ist für den Zettelliebhaber ein unvergleichlicher Hochgenuss. Traditioneller Wissensspeicher II Große Traditionen zeigen sich oftmals in kleinen Dingen. Von Generation zu Generation wird das Wissen über Herstellung und Zubereitung von Nahrungsmitteln weitergegeben – und oft ganz ohne geschriebene Rezepte. Wie in dieser Konditorei im römischen Stadtteil Trastevere. Das Wissen im Bohrkern Nicht nur der Blick aus großer Höhe vermehrt das Wissen, auch der Vorstoß unter die Oberfläche entlockt dem Befund einige seiner Geheimnisse. Geowissenschaftler dringen in die Tiefe der Erde vor, um mittels Bohrkern Proben zu nehmen, aus denen sie später Rückschlüsse auf Klima und Lanschaften früherer Zeiten ziehen können.
cluster siehe »Der Bohrkern«, S. 70 excellence

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Das Wissen in der Datenbank So sehen die modernen Wissensspeicher aus. Man muss nicht mehr hingehen, vielmehr kommen sie zu einem, wenn man die richtigen »Signaturen« an der richtigen Stelle eingibt, und sie brauchen wenig physischen Raum – wie diese Musterdatenbank zur Grabungsdokumentation des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI), die auch von T O P O I benutzt wird und für die jeweiligen Projekte angepasst werden kann.

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The formation and transformation of space and knowledge in ancient civilisations

Zusammengestellt von Katja Moede

forschung klaus geus initiierte die von weltbildern und irrtümern forschungsgruppe »angewandte historische geographie«
Aristarchos ist ein 2,3 Meter-Teleskop auf dem griechischen Aroania, einem Bergmassiv im Norden des Peloponnes. Aristarch ist auch der Name eines Kraters auf dem Mond. Benannt sind beide nach Aristarch von Samos (ca. 310 bis 230 v. Chr.), einem griechischen Astronomen und Mathematiker, der seiner Zeit ein bahnbrechendes Weltbild bescherte, das die nicht haben

Es war nämlich Aristarch, der schon um 280 v. Chr. erklärte, dass die Erde sich um die Sonne drehe, nicht umgekehrt. Doch man hielt ihm z. B. entgegen, die Parallaxe, die scheinbare Verschiebung eines Gegenstandes bei Bewegung des Betrachters – hier der Fixsterne –, sei nicht zu sehen, ein Einwand, der erst nach der Entwicklung riesiger Spiegelte- P r o f . Dr .  K l a u s G e u s leskope im 19. Jahrhundert widerlegt werden konnte. Auch gegen die Drehung der Erde bezog Ptolemaios erfolgreich Stellung: »Noch Kopernikus war vor allem mit diesem wissenschaftlichen Einwand konfrontiert, als er Aristarchs heliozentrisches Weltbild wiederbelebte«, erklärt Geus. »Bei einer Geschwindigkeit der Erdrotation von immerhin 1.667 Stundenkilometern am Äquator hätten die Erdbewohner schräg vom Boden wegfliegen müssen …« Bis zur Entdeckung der Beharrungskräfte durch Galilei und Newton war Ptolemaios‘ Einwand nicht zu widerlegen. Vom Weltraum zurück in die Oikumene, zu einem Raumkonzept, das die bewohnte Welt von der Wildnis und dem Unbekannten unterschied und das der antiken Vorstellungswelt eine Kontur gab. Herodot (ca. 485 bis 424 v. Chr.), berühmter Reisender und erster Vorfahr der Historiker und Ethnografen, erkundete diese Welt und hinterließ Berichte, die noch heute Stoff für viele Wissenschaften liefern – seit man ihn wieder ernster nimmt. »Herodot erlebt derzeit eine Renaissance«, erklärt Geus. So auch in Berlin. Zusammen mit dem HU-Philologen Dr. Thomas Poiss, T O P O IMitglied aus der Area C, organisierte Geus im Juni den Workshop »Logos und Topos bei Herodot«.

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wollte, weil sie es für einen Irrtum hielt, ein Weltbild, dessen Entdeckung man landläufig dem Kopernikus zuschreibt. »Es hatte nicht immer religiöse oder politische Gründe, wenn in der Vergangenheit eine wissenschaftliche Theorie abgelehnt wurde«, erklärt der Althistoriker Klaus Geus. Seit April 2009 vertritt er am Friedrich-Meinecke-Institut der FU die Historische Geographie des antiken Mittelmeerraums. Antike Kultur- und Wissenschaftsgeschichte sind Geus‘ Forschungsschwerpunkte, und dazu gehören auch die steten Begleiter jeder Erkenntnis: die Irrtümer, in diesem Falle geographische und historische Irrtümer.

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forschung
Herodot galt mitunter als banal; dass er ganz bewusst auch unterhaltsam schrieb, machte ihn außerdem verdächtig. Heute interessieren sich die Forscher vor allem für seine raffinierten Erzähltechniken bei der Produktion und Vermittlung von Wissen. Im Dezember geht der Workshop in die nächste Runde. »Angewandte historische Geographie« (B-IV) heißt die Forschungsgruppe, die Klaus Geus in TOPOI initiiert hat, wo ein in Deutschland lange vernachlässigtes Forschungsgebiet nun einen angemessenen Platz erhält – ganz im Sinne des »Säulenheiligen« von T O P O I, des großen Gelehrten Strabon: »Zur Beschäftigung des Philosophen gehört auch die Geographie.«
Die Welt des Herodot – so wurde sie 1877 für den historischen Weltatlas von Putzger rekonstruiert. Der Realschullehrer Friedrich Wilhelm Putzger legte den ersten be­ ahl­ aren z b Schulatlas vor, der schnell zum Standardwerk wurde. Seit über 100 Jahren bestimmt er unsere Sicht auf die Welt

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»In Italien ist die historische Geographie gut vertreten«, erklärt Geus. »Hierzulande haben sich Geschichtswissenschaft und Geographie voneinander getrennt, die Geographie ist immer unhistorischer geworden«. Zeit also, gewohnte Begriffe und Sichtweisen einer Revision zu unterziehen und so zum Beispiel zu konkreteren Erkenntnissen über antike Entfernungsangaben zu gelangen, die oft nicht die präzise Distanz ausdrückten, sondern den Raum in Zeit übersetzten: Wie lange brauche ich für den Weg von A nach B, das heißt auch: Wie viel Proviant ist dafür nötig? Ein weiteres Forschungsgebiet des Wissenschaftlers ist die Metrologie, ein Bereich, der in sich eine Verbindung von Theorie und Praxis ist. »Als Althistoriker interessieren mich vor allem die sozialen und politischen Hintergründe: Wie und von wem wurden Standards und Normen bei Maßen und Gewichten eingeführt?« Dass auch dieses Feld in der Forschung vernachlässigt wird, ist in der Tat schwer zu verstehen. Zur Veranschaulichung wählt Geus ein aktuelles Thema: »Sehen Sie sich nur einmal die neue EU-Verpackungsordnung und das daraus resultierende Wirrwarr bei den Größen und Gewichten der Waren im Supermarkt an! Dann erkennen Sie sofort, wie wichtig das Thema Normierung und Standardisierung für jede Gesellschaft ist.« Klaus Geus legt Wert darauf, Wissenschaft zu veranschaulichen. 2003 verlieh ihm das bayerische Kultusministerium den »Preis für gute Lehre 2002«. sw

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forschung der richtige abstand zur relativität räumlicher topoi
Das älteste erhaltene Manuskript der Elemente des Euklid

Die fundamentalen Strukturen unserer Erkenntnis sind in der Geschichte der Philosophie häufig als zeitlos und universell betrachtet worden. Dies trifft insbesondere auf grundlegende Strukturen unseres räumlichen Wissens zu. Tatsächlich haben diese Strukturen aber eine Entstehungsgeschichte, die in die Frühzeit des Menschen zurückreicht, und sind im Kontext der modernen Wissenschaft einem fundamentalen Wan-

tische Studien legen nahe, dass die Entwicklung des Abstandsbegriffs vom kulturellen Umfeld abhängt. Die Eipo in West-Neuguinea, zum Beispiel, haben keinen abstrakten Terminus für ›Abstand‹. Dennoch sind die Maße ihrer Bauten durch ihre Tradition festgeschrieben: Sie sind implizit in den kollektiven Handlungen gegeben. Große Abstände, wie solche zwischen verschiedenen Siedlungen, werden in Tagesmärschen angegeben und verlieren außerhalb des Erfahrungsbereichs solcher Märsche jeglichen Sinn. Die Eipo besitzen keinen Längenbegriff, der den Umfang eines Hauses und den Abstand zwischen zwei Dörfern aufeinander beziehen würde. Solche integrierten Längen- und Abstandsbegriffe sind im Kontext der Staatsbürokratien der frühen Hochkulturen entstanden. In Mesopotamien beispielsweise ist gegen Ende des dritten vorchristlichen Jahrtausends ein integriertes System aller Längenmaße entstanden. In diesem System entspricht die Strecke, die man in einer Doppelstunde läuft (1 dana), genau 21 600 Ellen (kùs) oder 648 000 Gers­ enkörner (se), ˘ t ˘ eine abstrakte Beziehung jenseits praktischer Problemstellungen. In der griechischen Antike entstand dann ein ganz neuer, abstrakter Abstandsbegriff, der nicht mehr durch Messen, sondern durch Axiome implizit definiert ist. Im ersten Axiom der Elemente des Euklid heißt es mit

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del unterworfen, der bis heute fortdauert. Um diese langfristigen Transformationen des räumlichen Wissens zu verstehen, werden in der Forschergruppe Methoden und Erkenntnisse verschiedener Disziplinen zusammengebracht und aufeinander bezogen. Betrachten wir als Beispiel den Begriff des Abstands, der so elementar erscheint, dass man meinen könnte, er stünde außerhalb der Geschichte. Tatsächlich zeigen entwicklungspsychologische Studien, dass bereits sehr junge Kinder eine Vorstellung vom Abstand zwischen zwei Objekten entwickeln. Allerdings stimmt dieser kindliche Abstandsbegriff nicht mit dem der Erwachsenen überein: So halten fünfjährige Kinder zwei Gegenstände, die vor ihnen auf dem Tisch platziert werden, häufig für näher beieinanderstehend, wenn ein Hindernis zwischen ihnen liegt. Bildet sich im weiteren Aufwachsen der Kinder nun zwangsläufig der uns bekannte Abstandsbegriff heraus? Ethnologische und ethnolinguis-

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forschung

Nicht-eukli d i s c h e R ä u m e Die ebene Fläche (li) entspricht dem euklidischen Raum: Dreiecke haben hier eine Winkelsumme von 180°. Sphärische Räume kann man mithilfe einer Kugeloberfläche veranschaulichen (mi): Die Winkelsumme eines Dreiecks ist hier immer größer als 180°. Hyperbolische Räume können mithilfe einer Sattelfläche dargestellt werden (re): Hier ist die Winkelsumme eines Dreiecks immer kleiner als 180°

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Bezug auf messbare Größen: »Was demselben gleich ist, ist auch einander gleich.« Die Elemente wurden zu einem Paradigma deduktiver Argumentation – der Zurückführung aller Aussagen auf eine kleine Anzahl für evident gehaltener Sätze – mit weitreichenden Konsequenzen für die weitere Entwicklung des Abstandsbegriffes. In der frühen Neuzeit, als die euklidische Geometrie auf den newtonschen dreidimensionalen, absoluten Raum angewendet wurde, erschien das euklidische Abstandsmaß als eine dem Menschen vorgegebene Wissensstruktur, die durch keine Erfahrung verändert werden kann. Kants Begriff vom Raum als a priori gegebener, reiner Anschauungsform ist der wohl bekannteste Ausdruck einer solchen erkenntnistheoretischen Sichtweise. Zugleich wurde die deduktive Form der euklidischen Geometrie zur Voraussetzung für die Entdeckung der Möglichkeit nichteuklidischer Geometrien. Diese Entdeckung wurde im Laufe des 19. Jahr-

hunderts von verschiedenen Mathematikern unabhängig voneinander gemacht und warf sogleich die Frage auf, ob derartige Geometrien für die Beschreibung des physikalischen Raumes eine Rolle spielen könnten. Diese Frage wurde durch die relativistische Physik und Kosmologie des zwanzigsten Jahrhunderts positiv beantwortet. Eine Konsequenz dieser Entwicklung besteht darin, dass ein einheitliches, von den Operationen der Abstandsbestimmung unabhängiges Abstandsmaß auf kosmologischen Skalen nicht mehr existiert. Matthias Schemmel

D i e Fo r s c h e r g r u p p e »Historische Epistemologie des Raumes« v.o.n.u.: Dr. Irina Tupikova, Dr. Martin Thiering, Anna Holterhoff (Doktorandin), Sascha Freyberg (Studentische Hilfskraft)

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Der Autor, Dr. Matthias Schemmel, leitet die Forschergruppe

forschung rituale und wissen die forschergruppe » acts« in area c von t o p o i

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Wissen bzw. die Vermittlung von Wissen spielt in der Forschergruppe C III »Acts« von TOPOI eine zentrale Rolle, geht es doch um die Frage, wie sakrale Landschaften und Räume durch rituelle Handlungen, insbesondere Prozessionen von der Vergangenheit bis zur Neuzeit gekennzeichnet sind. Rituale sind durch visuelle und phonetische Faktoren, bestimmte zeitliche Abläufe, einen konkreten Ort oder eine bestimmte Route sowie soziale Faktoren gekennzeichnet – nicht jeder konnte und kann an einem Ritual beteiligt werden. Das Wissen um das Zusammenspiel dieser Faktoren und ihrer Bedeutung ist nicht nur Spezialisten wie Priestern anvertraut, sämtliche Teilnehmer erwerben durch die immer wiederkehrende Teilnahme ein Wissen um das jeweilige Ritual und seine Bedeutung, das immer wieder aufgefrischt und mit ›Sinn‹ erfüllt wird. Insbesondere Festumzüge und Prozessionen führen zur physischen Erfahrbarkeit des Raumes, der wiederum mit der Aneignung von Wissensbeständen durch dessen Einbindung in Erzählungen und Mythen verbunden ist. Diese hängen an vielen Landmarken wie Bäumen, Felsformationen oder auch Denkmälern. Dadurch werden Siedlungen, Städte und ihre Umgebung miteinander verbunden und zu einem mythisch fundierten Netzwerk von Gedächtnisorten. Diese Verbindungen zwischen Siedlungen, Städten und Umland werden dabei durch Kultkalender, Rituale und Prozessionen immer wieder neu gefestigt und bestätigt. Wissen wurde dabei konkret, wie schon Überlieferungen aus dem Vorderen Orient, Ägypten oder dem antiken Griechenland zeigen, nicht nur durch ein Einhalten von Prozessionen an bedeutsamen Landmarken vermittelt, sondern auch dargestellt bzw. in Form von Gesängen oder Erzählungen immer

Die Prozession hat als konstitutives Element religiöser Rituale heute wie gestern Bestand. Links das Rosenwunder von Santa Maria Maggiore in Rom als lebendige Performance. Die Abbildung des griechischen Weihreliefs (re.) zeigt, wie der Raum in die kultische Praxis mit einbezogen wird, indem es den Ort des Geschehens und die handelnden Personen repräsentiert

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forschung

P r o f . Dr .  Or t w i n D a l l y ist Generalsekretär des Deutschen Archäologischen Instituts (DAI)

wieder aufs Neue festgehalten. Durch die Mythen wird nicht nur die Dimension der Zeit in den Raum implementiert. Es werden vielmehr auch bestimmte kollektive Wissens- und Raumvorstellungen sozialer Gruppen deutlich – diese stehen hauptsächlich im Zentrum des Interesses der Gruppe C III, an der Archäologen der prähistorischen und vorderasiatischen Archäologie genauso beteiligt sind wie Musikarchäologen, Klassische Archäologen und Ethnologen. Die For-

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schungsprojekte der Gruppe decken einen weiten chronologischen und zeitlichen Rahmen ab. Vieles deutet darauf hin, dass nicht erst die Kulturen, die sich einer Schrift bedient haben, auf diese Art und Weise Wissen und Raum miteinander verbunden haben. Schon bronzezeitliche Horte mit aufwendig gestalteten Bronzeartefakten des zweiten Jahrtausends v. Chr. aus dem mittel- und nordeuropäischen Raum zeigen, dass bestimmte Orte besondere Qualitäten hatten, die zu einer besonderen Wahrnehmung geführt haben. Da die Zusammensetzung dieser Horte durchaus vergleichbar ist, ist gleichzeitig klar, dass ein bestimmtes Wissen um die Bedeutung der Objekte und ihrer Zusammensetzung vorhanden gewesen sein muss, das in großen Kommunikationsräumen in Mitteleuropa präsent gewesen ist. Ein Ziel der Arbeitsgruppe ist es deshalb, eine Typologie und Topologie dieser besonderen Orte zu erstellen. Sie muss sich notwendigerweise auf modernes und historisches Kartenmaterial stützen, um die einzelnen, den Fundplatz umgebenden Landschaftselemente zu erfassen. Die Wahrnehmung der Gesamtsituation des Fundortes – also auch benachbarte Gräber, Siedlungen oder sonstige Monumente – wird durch Landschaftsmodellierungen auf der Basis gezielter Begehun-

Der römische Tri u m p h z u g ist zwar ein Beweis militärischer Überlegenheit, aber er ist auch Bestandteil eines religiösen Rituals, das über Jahrhunderte in gleicher Weise vollzogen wurde. Friesfragment des sog. Apollon-Sosianus-Tempels in Rom, augusteisch

gen visuell unterstützt, um Raumbezüge sichtbar zu machen. Weitere Projekte beschäftigen sich mit der Rekonstruktion von Prozessionen im antiken Griechenland auf der Grundlage archäologischer Zeugnisse, literarischer und epigraphischer Überlieferung, der Bedeutung von Musik für die Genese von Klangräumen im Rahmen von Ritualen sowie Pilgerzügen in den Anden, die noch heute erfahrbar sind. Diese vergleichenden Untersuchungen, in die auch afrikanische Rituallandschaften miteinbezogen werden, sollen weiterhin der Frage nachgehen, wie solche Räume in der Moderne kognitiv und empirisch angeeignet und emotional besetzt werden, welche Formen von Wissen dafür konstitutiv sind und wie dieses Wissen durch Prozesse der Globalisierung verändert wird. Eine solche Analyse vermag dadurch die Frage der Beziehungen von Handlung, Bild sowie Rezitationen von Text und Musik im Hinblick auf die Konstruktion ritueller Topographien in einen aktuellen und zugleich historisch dynamischen Zusammenhang zu stellen. Auf diese Weise werden nicht nur Momentaufnahmen gewonnen, sondern es lassen sich auch historische Langzeitprofile erstellen, die für Research Area C III insgesamt von großer Bedeutung sind. Ortwin Dally

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forschung die teilung der seele räumliche konzepte für ein schwer zu fassendes gebilde
Dr. Klaus Corcilius ist Mitglied der Forschergruppe »Mapping Body and Soul« in den Areas D und E von T O P O I

beschreibbares Ding. Für ihn und seinen Schüler Aristoteles ist die Seele nichts Materielles. Wo aber kann sich eine Seele befinden, die nicht als materielles Ding verstanden wird? Wie kann man in diesem Fall von ihren Teilen sprechen? Eine mögliche Antwort darauf lautet, dass die Seele sich an einem

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Antike Theorien über den Raum und auch die in der Antike entwickelten räumlichen Modelle prägen Wissenschaften und wissenschaftliche Methoden bis in die Neuzeit auf eine subtile und unterschwellige Weise. Deutlich wird dies an einem für das menschliche Selbstverständnis zentralen Begriff wie dem der Seele. Mit dem Ausdruck psychê, der ursprünglich den Lebensatem des Menschen bezeichnet, verbindet sich ab dem sechsten vorchristlichen Jahrhundert die Vorstellung, dass ein besonderer Bereich für emotionale Zustände, Überlegungen und Willensentscheidungen verantwortlich ist. Das Phänomen, dass man zwischen zwei Handlungsoptionen schwanken und gleichsam in verschiedene Richtungen gezogen werden kann, wird von Platon damit erklärt, dass die Seele Teile habe, die in verschiedene Richtungen streben. Die Seele versteht er, anders als später die Stoiker und Epikureer, nicht als ausgedehnte Substanz oder physikalisch

Ort befinde, der keine Ausdehnung habe. Oder es werden bestimmte körperliche Bedingungen formuliert, die es erlauben, von seelischen Funktionen im Körper zu sprechen. Platon und Aristoteles verstehen die Seele als das Vermögen beseelter Wesen, die Dinge tun zu können, die sie typischerweise tun. Wir schmecken, riechen, denken und pflanzen uns fort – alles unterschiedliche Vorgänge, also verschiedene Teile der Seele. In diesem Verständnis ist die Seele also eine komplexe Einheit verschiedener Funktionen. Daraus ergeben sich folgende Fragen: Wie kann die Seele als komplexe Zusammensetzung verschiedener Fähigkeiten noch eine Einheit sein? Sind die Teile der Seele voneinander abtrennbar, oder handelt es sich um untrennbare Teile? Befinden sich die verschiedenen Seelenteile in unterschiedlichen Körperteilen? Wie interagieren die Seelenteile miteinander?

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forschung
Galen (ca. 129–216 n. Chr.), der frühere Gladiatorenarzt aus Pergamon und spätere Mediziner am römischen Kaiserhaus, sah in seiner für die abendländische Medizin grundlegenden Lehre das Gehirn als Seelensitz an. Titelseite einer 1547 in Venedig erschienenen Gesamtausgabe der Schriften des griechischen Arztes in der Bibliothek von Arezzo

Tipp Am 23. und 24. Oktober und am 13. und 14. November 2009 veranstaltet die Gruppe die

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›Einheit‹, ›Abtrennbarkeit‹, ›Lokalisation‹ und ›Interaktion‹ sind die Überschriften dieser Fragestellungen. In der antiken und mittelalterlichen Philosophie tut sich hier ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten auf, bei denen der Ortsbegriff in vielfältiger Weise zum Einsatz kommt. Die Transformationen dieser Theorien bilden das Untersuchungsfeld der Forschergruppe D-III-E-II-2 »Mapping Body and Soul«.

Workshops »Die Teilung der Seele in der antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Philosophie« sowie »Teile der Seele und Methodologie bei Aristoteles«.

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Ein besonderes Augenmerk richtet sich dabei auf die Kritik, die dem antiken und mittelalterlichen Die Gruppe untersucht den Gebrauch von räumlichen Konzepten in der philosophischen Erklärung des Mentalen in Philosophie und Medizin der Antike und des Mittelalters. Sie stellt die Frage nach räumlichen Relationen in der Theorie des Mentalen, also nach den Teilen der Seele. Außerdem betrachtet die Gruppe die Konzeptionen des Ortes im menschlichen Körper in der antiken Medizin, um schließlich nach der Lokalisierung seelischer Leistungen im menschlichen Körper zu fragen. Gebrauch räumlicher Konzepte in der Neuzeit zuteil wurde. Die Frage nach der Seele, ihrem Ort und ihren Teilen, führt bereits früh in der Philosophiegeschichte zu einem ausgeprägten methodologischen Problembewusstsein. In der Philosophie entstand ein Bewusstsein dafür, dass geklärt werden muss, auf welche Weise sinnvoll vom Ort und den Teilen der Seele gesprochen werden kann. Diese methodisch selbstreflexiven Auseinandersetzungen mit dem Konzept der Seelenteile sind für die Forschergruppe von besonderem Interesse. Klaus Corcilius

forschung was ist archäoinformatik? neueste methoden für ehrwürdige befunde

Die deutsche Altertumswissenschaft wird bunter. Noch vor wenigen Jahren waren Lehrveranstaltungen zur Anwendung von Geoinformationssystemen (GIS) den Geographen vorbehalten. Viele Disziplinen aber haben erkannt, dass mit Hilfe der Informatik neue Fragestellung formuliert werden können. An die Seite der Bioinformatik, der Wirtschafts- und Medieninformatik ist deshalb auch die Archäoinformatik getreten. Die

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Einrichtung einer Juniorprofessur für Archäoinformatik an der FU ist wohl ein eindeutiges Signal dafür, dass aus den »merkwürdigen« Interessen einzelner Archäologen eine echte Disziplin geworden ist. Sichtbarkeitsanalysen, die Betrachtung räumlicher Lagebeziehungen und die digitale Verwaltung von Fundstellen in Grabungen sind schon fast so selbstverständlich wie stilistische Analysen und formtypologische Klassifizierungen. Egal ob in Bezug auf die individuelle Fundstelle oder eine archäologische Landschaft, in der Archäoinformatik wird echte Grundlagenforschung betrieben. Welche Struktur haben archäologische Daten? Wie kann man diese visualisieren? Welche Algorithmen sind tatsächlich geeignet, eine antike Wirklichkeit zu modellieren? Das sind die typischen Themen der theoretischen Debatten in dieser Disziplin. Doch die Archäoinformatik hat auch eine ganz praktische Komponente. In anderen Bereichen eta­ blierte Software wird den archäologischen Bedürfnissen angepasst. Längst haben sich in der Denkmalpflege Datenbanken zur Fundverwaltung durchgesetzt. Museen katalogisieren und verorten mit ihrer Hilfe Sammlungsobjekte und Institute ihre digitalen Bilder, die in den Lehrveranstaltungen die klassischen Diapositive ersetzen. Hilft die Sichtbarkeitsanalyse den Anbietern von Mobilfunknetzen bei der Berechnung der optimalen Position von Sendemasten für ein flächendeckendes Netz, so können mit ihrer Hilfe in der Archäologie räumliche Lagebeziehungen klarer formuliert werden. Wie sonst sollte man sagen können, welche Höhe Wachtürme gehabt haben müssen, um den nahenden Feind rechtzeitig zu erkennen bzw. welches Territorium von einem System dieser Wachtürme tatsächlich überblickt werden konnte? Hier erschließen sich ganz neue Quellen für antikes Raumwissen.

Ein typisches Ergebnis der Sichtbarkeitsanalyse: Die dunklen Bereiche bleiben dem antiken Betrachter verborgen, den rot gefärbten Teil kann er überblicken. Erst spät wurde die Siedlung (rot am linken Bildrand) für ihn bei der Annäherung durch das Gräberfeld sichtbar.

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forschung

Spannend werden die Debatten der Zukunft. Haben schon in den 1960er-Jahren die Protagonisten der »New Archaeology« Lewis Binford und David L. Clarke eine Quantifizierung der Archäologie gefordert, sind ihre Ansätze mit der Entwicklung von Geoinformationssystemen (GIS) und ihrer freien Verfügbarkeit (Open Source GIS) seit der Mitte der Jun.-Prof.  D r. S ilvia Polla 1990er-Jahre mit Nachdruck verfolgt worden. Das rasante Entwick-

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lungstempo in allen Bereichen der Informatik hat auch zu einer Multiplikation der Anwendungen in der Archäologie geführt. Nicht immer aber ist alles, was technisch möglich ist, in einer historischen Wissenschaft auch sinnvoll. Die Absicherung der wissenschaftlichen Grundlagen der Archäoinformatik ist deshalb eines der Schwerpunktthemen, das Silvia Polla, die erste Juniorprofessorin der jungen Disziplin, in ihrer Arbeit thematisiert. Polla weiß, dass die Form der Wissensgewinnung in der Archäoinformatik stärker naturwissenschaftlichen Konventionen entspricht. Sie trotzdem in den geisteswissenschaftlichen Debatten der Archäologie zu positionieren, darin sieht sie ihre Aufgabe. Die Archäoinformatik kann das Methodenspektrum der Archäologie erweitern, schließlich haben hier schon ganz unterschiedliche naturwissenschaftliche Methoden – Archäometrie und Archäobotanik etwa – ihren selbstverständlichen Platz gefunden. km
Auf den ersten Blick auch nicht zugänglicher als ein ganz »normaler« Scherbenhaufen. Mit der jeweils richtigen Methodik enthüllen sich aber die Geheimnisse der Antike. Hier eine topographiebasierte »site catchment analysis« am Beispiel des Einzugsgebietes einer Siedlung. Die »Kostenoberfläche« kann in einem GIS-basierten Modell berechnet werden und als Grundlage der Analyse und Interpretation diachroner Bewegung und Landnutzung verwendet werden

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Tipp Alljährlich kommen Informatiker, Mathematiker und Geisteswissenschaftler auf der CAA (Computer Applications and Quantitative Methods in Archaeology) zusammen, um die neuen Trends und Ergebnisse zu besprechen. Es ist die Plattform für den wissenschaftlichen Austausch in der Archäoinformatik. 2007 waren das DAI, das »Interdisziplinäre Zentrum Alte Welt« der FU und die Antikensammlung der SMB die Gastgeber der Spezialisten.

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Kapitell- und Basenfragmente eines Tempels aus der römischen Kaiserzeit – der rote Mohn erst lässt den strahlend hellen Glanz antiker Baukunst blühen … Oder: Antike Fragmente wissenschaftlicher Analyse zu unterziehen, muss nicht heißen, sie ihrer Schönheit zu berauben.

interview

mit iris därmann und anna echterhölter über ackerbau, kulturtheorie und oikonomia
raumwissen Sie wollen Theorien untersuchen und beginnen beim Ackerbau? Iris Därmann Ja, wir untersuchen die Geschichte der Kulturtheorien von der Antike bis zur Gegenwart, und wir gehen in der Tat davon aus, dass es bereits in der Antike einen ausdifferenzierten Kulturbegriff gibt, der auf das Raumwissen und die Raumpraktiken der Agrikultur zurückgeht. Den Anfang machen wir deshalb auch mit der alteuropäischen Ökonomik- und Agrikulturliteratur.
Prof. Dr. Iris Därmann und Anna Echterhölter sind zusammen mit Prof. Dr. Hartmut Böhme (alle HU) die Mitglieder der Cross Sectional Group II im Forschungsbereich E »Geschichte und Genealogie von Kulturtheorien«

des sklavischen Dienstes ein Projekt werden, das die »ganze« Gesellschaft im Sinne der Dienstleistungsgesellschaft erfassen sollte? Was hat zu dieser Aufwertung des professionellen Dienens geführt? Und wie verändern sich im Zuge dieser Um- und Aufwertungen die räumlichen Konfigurationen – Vorzimmer, Dienstboteneingang etc.? Raum kommt aber auch ins Spiel, wenn wir in der Kulturtheorie die Unterscheidung von Natur- und Kulturräumen oder von heiligen und profanen Räumen betrachten – mitsamt ihren Zwischenräumen – oder wenn wir uns mit Kulturräumen wie zum Beispiel Medien- und Handelsnetzwerken auseinandersetzen oder auch mit Bild-, Schrift-, Herrschafts- und Rechtsräumen. raumwissen Mit Rechtsräumen? Anna Echterhölter Ein Rechtsraum im mehrfachen Sinne ist zum Beispiel das Forum Romanum, an dem Handel getrieben wurde und wo Waagen zum Einsatz kamen. Der Händler muss quasi rechtfertigen, dass seine Ware den verlangten Preis wert ist. Hier kommt auch der Mikroraum der »Situation« als Handlungsraum ins Spiel – entscheidend für den kulturwissenschaftlichen Zuschnitt des Projekts. Rechtfertigen im Sinne von »Wahrheit beweisen« ist aber auch eine zentrale Geste theoretischer Anstrengung. Insofern soll die Waage hier nicht nur als Instrument zur Bestimmung des Äquivalents einer Ware gesehen werden, schließlich eröffnet sie das Feld mechanischen Wissens, wie jüngste Forschungen über die Entstehung der Hebelgesetze gezeigt haben. Das Eichamt wiederum, das am Forum Romanum wie auch an allen ähnlichen Plätzen gelegen war, sorgt für Wahrheit und Gerechtigkeit – im wissenschaftlichen wie im ökonomischen Sinne.

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raumwissen Dass Kulturtheorien und deren Erforschung sich mit Wissen beschäftigen, liegt auf der Hand – wie kommt der Raum ins Spiel? Därmann An verschiedenen Schnittstellen der europäischen Kulturgeschichte gibt es Adaptionen und Transformationen antiker Raumpraktiken, die zu Umwertungen in der Reflexion und in den Theorien der Kultur geführt haben. Mich interessieren beispielsweise die räumliche Konfiguration sozialer Beziehung und die Situierung marginaler Personen, etwa von Sklaven, Leibeigenen und Dienern. Und wie konnte schießlich aus der – in der Antike und bis hin zu Adam Smith oder Kant – weithin verachteten Tätigkeit

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interview
Därmann Genau hier stellt sich die Frage nach dem theologischen Potenzial, das raumwissen Apropos Ökonomie. In einem Ihrer Projekte haben Sie sich dieser speziellen Kulturtechnik angenommen, die aber auf den ersten Blick nicht ohne Weiteres als TOPOI-Thema daherkommt. Därmann Die Ökonomie hat heute überall, so scheint es zumindest, das letzte Wort. Also fragen wir: Wie und wo beginnt ihr Triumphzug? Es reicht nicht, die großen Kapitalismustheorien des 19. Jahrhunderts zu betrachten, wir müssen schon zurückblicken in die Antike. Ethos, Geist und Wissen des Kapitalismus weisen nämlich zurück auf den Oikos. Und der Oikos ist zum einen ein komplexes soziales Organisationsgefüge. Er umfasst aber auch die Bewirtschaftung oft großer landwirtschaftlicher Betriebe und die Verwaltung des Hauses. Das Haus als Wohnhaus wiedem antiken Wissen um die räumliche Ordnung des Hauses abgerungen wird. Andererseits muss man unter dem Stichwort der ›Wirtschaftstheologie‹ das Netz der wechselseitigen Bezüge zwischen Theologie und Ökonomie untersuchen, also die religiösen Ressourcen, Verschuldungsund Schuldmechanismen, Heilsversprechen und Ordnungsmuster der Ökonomie, auch in ihrer Beziehung auf das räumlich-technische Gefüge des ›modernen‹ Hauses und in Bezug auf die seit dem 19. Jahrhundert entwickelten Konzepte des Hauses. raumwissen TO P O I ist ja eine Ansammlung von überzeugten Schnittstellenaktivisten und solchen Forschern, die es zwangsläufig werden in einer Auseinandersetzung der Disziplinen, zu der ja durchaus die gegenseitige Irritation gehören darf, wie Sie am Beispiel der Beunruhigung der Philosophie durch die Ethnologie gezeigt haben. Ist T O P O I also ein gutes Haus für die Kulturwissenschaften? Därmann Kulturwissenschaft ist eine spezifische Perspektive, die, wie jede Perspek­ ive, ihre ganz eigene Entdeckungskraft und Plausibilität, aber t auch ihre eigenen Begrenzungen hat. Sie lässt sich in der Tat hervorragend in den Forschungskontext von T O P O I einfügen, weil sie nicht nur die Aufgabe hat, Ergebnisse verschiedener Disziplinen zusammenzuführen, sondern auch das achtlos Beiseitegeschobene in den Blick zu nehmen. Oder wie es der französische Soziologe Marcel Mauss einmal ausdrückte: Dort, »wo die Professoren sich gegenseitig auffressen, tun sich die dringlichsten Probleme auf ...« Etwas weniger kannibalistisch: In den Zwischenräumen steckt viel Innovationspotenzial. sw

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derum konstituiert und repräsentiert eine Ordnung und Hierarchie der Dinge, und tatsächlich haftet dem Haus eine entschieden räumliche Bedeutung an, wie die Taxinomie und spezifische Mnemotechnik zeigt, die Xenophon dem Oikos verleiht. Wenn wir nun weiterschauen in die christlichen Traditionen, erkennen wir, dass die augustinischen Reflexionen über den Ordo nur zu verstehen sind, wenn wir von dieser räumlichen Ordnung des Oikos ausgehen: Das gut geführte Haus ist der Inbegriff von Ordnung und macht die gefügte Hierarchie des Kosmos augenfällig. Die Begriffe ›Haus‹ und ›Ökonomie‹ bestimmen massiv – unter Rückgriff auf das griechisch-römische Genre der oikonomía – sowohl die Sprache des alten und neuen Testaments wie auch die der Kirchenväter und frühen Apologetik. raumwissen … also das Haus als ›Modell‹ für ein Glaubenssystem, und das führt wiede­ rum zu einer Wirtschafts›ordnung‹?

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im porträt das christentum und die hellenistische unterhaltungskultur

Frauke Krautheim untersucht das öffentliche Auftreten des Christentums im spätantiken Antiochia

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Antiochia, »die Große und die Schöne« kannte Schauspiele, Feste, olympische Spiele, und mit Leidenschaft gaben sich ihre Bewohner, ein Gemisch aus Syrern, Griechen, Römern, Juden und Christen, dem Vergnügen hin. Um in dieser Szenerie christliche Werte zu vermitteln, musste sich der Stadtprediger Johannes Chrysostomos etwas einfallen lassen. Tatsächlich fand er eine sehr modern anmutende Methode, seine Mission ins Werk zu setzen. Und die Theologin Frauke Krautheim, die dies erforscht, verwendet ganz bewusst moderne Begriffe wie »Werbung« und »Inszenierung«, wenn sie über ihr Dissertationsthema spricht. In der Area B von T O P O I promoviert sie bei Prof. Dr. Christoph Markschies am Seminar für Kirchengeschichte der HU zum Thema »Das öffentliche Auftreten des Christentums im spätantiken Antiochia«. »Die Prediger sahen sich in der Antike mit denselben Problemen wie diejenigen heute konfrontiert«, erklärt sie. »Die Menschen suchten lieber die weltlichen Zerstreuungen als in die Kirche zu gehen.« Besonders im vergnügungssüchtigen Antiochia. Seit dem ersten Jahrhundert hatte das Christentum in Antiochia Fuß gefasst. Die Stadt wurde zum Zentrum christlicher Mission, doch in vielem blieb sie hellenistisch. Die kulturelle Klammer des Vielvölkergemischs drückte sich in Festen und olympischen Spielen aus. Und die unangefochtenen Helden der Antiochener waren die Athleten, die wie Popstars verehrt wurden. Genau hier setzte Chrysostomos‘ Methode an. Auch das frühe Christentum hatte Figuren, die identitätsstiftend waren, die aber auf den ersten Blick eher wenig mit den Sportskanonen der Hellenen zu tun hatten: die Märtyrer.

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im porträt die theorie der literatur und die praxis der verwaltung
Warum nicht den Märtyrer zum Athleten machen? »Mein Interesse gilt dabei dem Bild des ›agon‹«, sagt Krautheim. »Es ist das Prinzip des sportlichen Wettstreits, vermittelt mithilfe eines Vokabulars, das durch die antiochenische Unterhaltungskultur bekannt war.« Chrysostomos bedient sich in seinen Predigten dieses Vokabulars, um die Märtyrer als Athleten darzustellen und um sie als tapfere Kämpfer zu beschreiben, die letztlich die sportlichen Athleten übertreffen. Dass diese Gleichsetzung eine Herabwürdigung des Märtyrers sei, korrigiert sie schnell. Hören wir Johannes Chrysostomos: »Jene (die Märtyrer) rangen und wir sind stolz; jenen ist der Siegeskranz und gemeinschaftlich (im Sinne von öffentlich) ist der Ruhm, mehr aber ist die Ehre der ganzen Kirche.«
H e n r i k e S i m o n überwindet Distanzen – als Wissenschaftlerin und als Koordinatorin in der Area C von T O P O I

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»Chrysostomos benutzt hier das Verb palaíein, ›ringen‹«, erklärt Frauke Krautheim. »Dies war die wichtigste sportliche Disziplin der Griechen und zählte wegen der Härte des Kampfes zur Schwerathletik.« Der Siegeskranz schließlich ist das klar erkennbare Zeichen, das den Erfolg des Siegers in die Öffentlichkeit trägt. In ihrer Arbeit untersucht Frauke Krautheim, wie Christentum öffentlichen Raum beansprucht und schließlich öffentlich wird. »Die Spätantike kennt wohl die Sache Öffentlichkeit, hat aber noch keinen Begriff dafür«, erklärt sie. Ein Charakteristikum von Öffentlichkeit ist aber damals wie heute die kompetitive Auseinandersetzung, das gegenseitige Übertreffen, das im Begriff des agon zum Ausdruck kommt. »Chrysostomos gebraucht also nicht nur ein gängiges Bild, das des Athleten, der den agon bestreitet, sondern er ficht selber einen agon, indem er das Christentum im öffentlichen Raum mit der hellenistischen Unterhaltungskultur konkurrieren lässt.« Frauke Krautheims Ziel ist die »Ausbreitung« des Christentums in ihrer Heimat Kurhessen, wo sie einmal als Pfarrerin gegen die mächtige Konkurrenz der modernen Unterhaltungsindustrie antreten will … sw »Es war einmal in Ägypten … oder was ist eigentlich ein Märchen?« beginnt einer der Vorträge von Henrike Simon. Man dachte nämlich lang, dass immer ein Märchen sei, was mit »es war einmal« beginnt und worin wundersame Gestalten, sprechende Tiere oder andere vermeintliche Märchenmotive vorkommen – und sei es vor 3 500 Jahren in Ägypten. Henrike Simon stellte sich eine Frage: Konnte das wirklich stimmen? Mit derlei Fragen fand die Ägyptologin einen quasi natürlichen Ort in der Forschungsgruppe C-I-1 von T O P O I, die sich Sprache und Text widmet und mit linguistischen Methoden untersucht, wie Räume in verschiedenen antiken Sprachen auf lexikalischer und grammatischer Ebene konstituiert werden. Sind die Erkenntnisse der modernen Märchentheorie auf erzählende Texte Ägyptens übertragbar? Kann man überhaupt Begriffe wie ›Gat-

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im porträt
tung‹, ›Autor‹, ›Funktion‹ auf die erhaltenen Schriftquellen anwenden? »Kann man nicht, zumindest nicht uneingeschränkt«, erklärt Simon, die die Literatur des Neuen Reiches erforscht und das Märchenthema bereits in ihrer Magisterarbeit behandelte. »Allein eine Frage wie diejenige nach der ›Originalität‹ eines Textes ist obsolet. War der Text einmal in der Welt, war er Gemeingut.« Zu wissen, von wem ein Text mit welcher Intention verfasst wurde, offenbart aber nur einen Teil der wissenschaftlichen Wahrheit. Man muss auch wissen, wo und wie er rezipiert wurde, und damit sind wir mitten im Dissertationsvorhaben von Henrike Simon und schon fast mitten in ihrem TOPOI -Projekt. In dem einen geht es um die Frage nach dem ren«, erklärt sie. Wie bei der Märchentheorie sollte man lang verwendete Selbstverständlichkeiten auf ihre Tauglichkeit abklopfen, um zu einem tragfähigen Ergebnis gelangen zu können. Auch die Erkenntnisse der neueren Textlinguistik bringen erhellende Einsichten in die altägyptische Literatur. Aber nicht nur als Wissenschaftlerin verbindet Henrike Simon scheinbar Fremdes miteinander. Auch als Koordinatorin der Area C von T O P O I »Im Alten Ägypten sind Liebeslieder immer in Form eines inneren Monologs abgefasst«, erklärt Simon. »Das angebetete Gegenüber wird nicht direkt angesprochen.« Angesichts dessen liegt die Frage nach den Mitteln und Strategien nahe, die zur Kommunikation mit der geliebten Person in den Liedern entwickelt werden: »War das Lied selbst vielleicht ein Ersatz für eine Gelegenheit des Zusammentreffens?«, fragt Simon in ihrer Arbeit, »oder griff man auf andere Medien wie den Brief zurück, um den Adressaten der Liebesbekundungen zu erreichen?« Über die eigene Disziplin hinauszuschauen, um Fortschritte zu erzielen, hält Simon gerade heute für notwendig. »Wir müssen Begriffe historisiemuss sie die Fäden zusammenhalten. Die Koordination macht ihr Spaß und »schafft durchaus auch Pragmatismus für die wissenschaftliche Arbeit«, sagt Simon, für die das stille Kämmerlein als topos des wissenschaftlichen Arbeitens längst kein geeigneter Ort mehr ist. Beim Jonglieren zwischen Workshop-Organisation, Unterricht und Verwaltungsarbeit kommt ihr sicher auch ihre »Medienkarriere« zugute, die von der Mitarbeit in der Kulturredaktion des Göttinger Tageblatts bis zu einer Hospitation in der Hauptredaktion Kultur und Wissenschaft des ZDF reicht. Aber ihr Wunsch-›topos‹ bleibt die Wissenschaft. sw

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kommunikativen Ort und der gesellschaftlichen Rückgebundenheit literarischer Texte, im TOPOI-Thema um die Inszenierung von Distanz und deren Überwindung. Eine brennende Frage etwa bei Liebesliedern.

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im porträt im harz, in lossow und ägypten
Dr. Wiebke Bebermeier, Geographin mit historischem Blick

(1766–2007)« promoviert. Ohne Archivarbeit und die intensive Auswertung historischer Quellen hätte diese Arbeit nicht entstehen können. In Göttingen konnte sie erfahren, wie fruchtbar es ist, wenn sich Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften mit einem Thema beschäftigen, aber auch erleben, welche Hürden dabei zu meistern sind. Schnell benutzen die Fächer zwar dieselben Wörter, stellen aber häufig erst später fest, dass sie etwa mit dem Begriff ›Umwelt‹ ganz verschiedene Dinge bezeichnen. Entsprechend sensibilisiert macht es ihr heute großen Spaß, gemeinsam mit Archäologen und Geophysikern zu arbeiten. Ob in Ägypten, im Harzvorland oder in Lossow, ist es Wiebke Bebermeier, die gemeinsam mit ihren Kollegen Brigitta Schütt und Philipp Hoelzmann den geographischen Part in ganz unterschiedlichen TOPOI-Projekten über-

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Geschichte und Geographie – eine naheliegende Verbindung von Disziplinen, die im modernen Wissenschaftsbetrieb allzu häufig aufgegeben wurde. In TOPOI ist das anders. Die Geographin Wiebke Bebermeier hat das historische Handwerk gelernt; heute arbeitet sie im Arbeitsbereich Physische Geographie des Instituts für Geographische Wissenschaften an der FU. Wiebke Bebermeier ist keine Geographin im klassischen Sinne. Nach ihrem Abitur 1998 studierte sie an der Hochschule Vechta Umweltwissenschaften mit dem Schwerpunkt Umweltmonitoring und wechselte zur Promotion an das Graduiertenkolleg »Interdisziplinäre Umweltgeschichte« der Georg-August-Universität Göttingen. Im Januar 2008 wurde sie hier mit einer Arbeit zum Thema »Wasserbauliche Maßnahmen und ihre Folgen. Von den ungünstigen Wasserverhältnissen im Tal der Hunte

nimmt. In diesen Vorhaben hofft sie nicht nur auf Material für eigene Qualifikationsarbeiten, sondern sie schlägt auch den Bogen zu ihren Aufgaben als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geographische Wissenschaften. Ihre Lehrveranstaltungen sind oft eng mit den Forschungsprojekten verbunden und ermöglichen es den Studierenden, praktische Erfahrungen zu sammeln. Und spätestens nach der ersten gemeinsamen Veranstaltung geht dann auch den Studierenden auf, dass die junge sympathische Frau mit ihrem roten Drahtesel keine Kommilitonin, sondern ihre Dozentin ist, von der sie methodisches Rüstzeug und interdisziplinäres Arbeiten lernen können. »Berlin«, lacht sie, »ist eine tolle Stadt mit unendlich vielen Möglichkeiten, aber auch unendlich langen Wegen und einer eigenen Zeitrechnung.« Erschienen ihr fünf Jahre bei Stellenantritt als eine lange Zeit, muss sie – wie viele ihrer Kollegen im akademischen Mittelbau – nach

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im porträt
eineinhalb Jahren an der Spree feststellen, dass zwischen Institutswirklichkeit und topologischer Projektarbeit die Zeit wie im Fluge vergeht. Attraktive Lehre anzubieten, fruchtbare Kommunikation am Institut und innerhalb der Projekte zu sichern und sich gleichzeitig auf die eigene Qualifikation zu konzentrieren, das sind die Aufgaben, mit denen Wiebke Bebermeier im Moment jongliert. Doch wer es schafft, Geschichte geographisch und Geographie historisch zu betreiben, der kann sicher auch diese drei Bälle lange in der Luft halten. km
D i e A r c h ä o l o g i n D r . K e r s t i n P . H o f m a n n ist Koordinatorin der Cross Sectional Group V »Space and Collective Identities«

brücken zwischen theorie und befund

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Kerstin Hofmann ist eine echte Allrounderin unter den Archäologen. Schaut man auf ihren Werdegang, wird deutlich, dass die früher gern gelebte Unterscheidung von Bibliotheks- und Feldarchäologen in ihrer Generation nicht länger Bestand haben kann. Hofmann ist in beiden Bereichen des Faches zu Hause; so steht die Publikation eines Achtkantschwertes aus Alfstedt gleichberechtigt neben der Untersuchung von prähistorischen Bestattungsritualen auf Sizilien. Schließlich hat sie 2006 mit ihrer Dissertation zum Thema »Der rituelle Umgang mit dem Tod. Untersuchungen zu bronze- und früheisenzeitlichen Brandbestattungen im Elbe-Weser-Dreieck« bewiesen, dass es gelingen kann, bei der theoretischen Arbeit den spezifischen Befund nicht zu vernachlässigen. Ein historisches Interesse hat sich bei Kerstin Hofmann früh abgezeichnet. Noch während ihrer Schulzeit engagierte sie sich als ehren-

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im porträt
amtliche Bodendenkmalpflegerin im Landkreis Verden und nahm hier schon früh an Ausgrabungen teil. Deshalb war es nur logisch, dass sie sich nach ihrem Abitur für das Studium der Ur- und Frühgeschichte an den Universitäten Kiel und Köln entschied, das sie mit einem Forschungsstipendium am Deutschen Archäologischen Institut (DAI) in Rom abrundete. Eines ihrer großen Ziele ist es, die oft als »theoriefern« gescholtene deutsche Archäologie von diesem Makel zu befreien; Gleichgesinnte findet sie in der Arbeitsgemeinschaft »Theorie in der Archäologie«. Der intensive Austausch mit Kollegen ist es auch, der für sie ihre neue onen nutzen, ihre Themen auch mit Studierenden zu erarbeiten. Eine Übung, in der die Lektüre der wichtigsten Theoretiker im Vordergrund steht, könnte den Anfang machen. Mit der transdisziplinären Arbeit als Koordinatorin hat sich für sie ein Traum verwirklicht. Nicht umsonst hat sie auch Informatik studiert und ein umfassendes Studium generale absolviert – Erfahrungen, die ihr heute zu Gute kommen. Auch wenn sie sich im Moment vorstellen kann, den »Job ewig zu machen«, denkt sie doch an ihre eigene Qualifikation. Ihr Ziel ist es, sich mit einer Arbeit zum Thema »Akkulturation in der Ur- und Frühgeschichte. Möglichkeiten und Grenzen« zu habilitieren. km

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Aufgabe so attraktiv macht. Seit Februar 2009 ist Kerstin Hofmann Koordinatorin der am Deutschen Archäologischen Institut (DAI) angesiedelten Cross Sectional Group V »Space and Collective Identities« in T O P O I. Die Gruppe hat sich das Ziel gesetzt, Identität im historischen Kontext zu untersuchen. Eine zentrale Frage steht dabei im Vordergrund: Welche Quellen und archäologischen Befunde ermöglichen es uns heute, Aussagen zu kollektiven Identitäten der Vergangenheit zu treffen? Als Koordinatorin schaut sie in alle Forschungsbereiche von T O P O I. Sie will verstehen, ob und wie das Thema auch in anderen Gruppen behandelt wird. Für die Zukunft hat sie unter anderem Workshops, Sonderausstellungen und einen Lesezirkel geplant, um die unterschiedlichen theoretischen Anstrengungen im Cluster zusammenzuführen. Zwar sieht ihre Position im Moment keine Ausbildung von Studierenden vor, doch will sie das gute Verhältnis der an TOPOI beteiligten Instituti-

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Bilder einer Ausstellung Performance zur »Rückkehr der Götter« Am 26. Juni 2009 konnten die Besucher der Ausstellung »Die Rückkehr der Götter – Berlins verborgener Olymp« in die Mythen der antiken Welt und Unterwelt eintauchen. Die theatrale Expedition »Wohin mit den Göttern?« im Wissenschaftsjahr 2009 – »Forschungsexpedition Deutschland« entführte im Pergamonmuseum in olympische Höhen und Tiefen.

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Die Performance der »Jungen Akademie« machte die Schicksale der antiken Götter sinnlich erfahrbar. Die 45-minütige Inszenierung stellte spielerisch den Bezug zwischen Antike und Gegenwart, Götterwelt und Wissenschaft her. Durch die Arbeit des Regisseurs Dirk Schulz und der Bühnenbildnerin Evi Wiedemann wurden neue Wege der Vermittlung von T O P O I -Forschungsergebnissen aus den Fächern Archäologie, Kunstgeschichte, Philosophie und Wissenschaftsgeschichte eröffnet.

essay die wege des wissens in der alten welt ein kurzer überblick
standen komplexe Handelsnetzwerke, und schon 3 000 Jahre vor dem historisch verbrieften KaraVon Jürgen Renn, Malcolm Hyman und Daniel Potts wanenhandel entlang der Seidenstraße gab es Kontakte über die Weiten der eurasischen Steppe hinweg. Mit dieser Beschleunigung wurden gezielte Handelsexpeditionen möglich wie auch militärische Überfälle, und die Menschen konnten in bislang unbekannte Gebiete vorstoßen. Damit verbunden war ein dramatischer Anstieg geographischen Wissens. Auch die Seewege – etwa durch den Indischen Ozean – wurden seit dem mittleren Holozän erschlossen. Heute wissen wir, dass die Banane bereits vor 6 000 Jahren auf dem Seewege aus ihrer Heimat Papua Neuguinea nach Afrika gelangte, und bereits vor 4 500 Jahren war schließlich die Hochsee-Schifffahrt zwischen Indien, dem Südosten der arabischen Halbinsel und Mesopotamien zur Routine geworden.

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Die Verbreitung von Wissen ist so alt wie die Menschheit selbst. Es vermehrt sich mit der Domestizierung von Tier und Pflanze und reist mit der Ausbreitung der Landwirtschaft. Der Übergang zur Sesshaftigkeit ermöglicht eine weitergehende Akkumulation von Wissen, das im Zuge von Wanderungen und den dabei entstehenden Kulturkontakten ausgetauscht wird. Zu einer dramatischen Beschleunigung verschiedener Austauschprozesse führt schließlich die Domestizierung von Eseln, Pferden und Kamelen – nicht nur der Gütertransport wurde erheblich erleichtert, sondern auch der Austausch von Kenntnissen. Mit der Zeit ent-

Sprache Wissen verbreitete sich auch mit Sprache. Vor ca. 5 000 Jahren begannen Sprecher einer ProtoIndoeuropäischen Sprache, sich über Eurasien zu verbreiten. Die Sprache verbreitete sich einerseits durch Migration, sie wurde aber auch aus Prestigegründen von Sprechern anderer Sprachen übernommen. Mit der Sprache wurden die Sozialstrukturen, die Religion, die Rechtsinstitutionen, die literarischen Traditionen sowie das medizinische und architektonische Wissen der ProtoIndoeuropäischen Gesellschaft übertragen. Mündlich weitergegebene poetische Kompositionen waren zumeist die Trägerinnen des Wissens, eine Gedächtnistechnik, die dem Schreiben sicher vorausging. Auch Religion spielte eine Schlüsselrolle in der Übermittlung von Wissen. So wanderten zum Beispiel Kenntnisse – auch über Geometrie und Architektur – mit Ritualen und liturgischen Texten von Zentralasien nach Indien und China. Am Ende des vierten Jahrtausends war Eurasien schließlich durch Handelsrouten in nord-südlicher und ost-westlicher Richtung gut vernetzt. Diese Routen erlaubten einen wirtschaftlichen und technologischen Austausch, und damit immer zugleich auch einen Austausch von Wissen.

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v.l.n.r.: Prof. Dr. Jürgen Renn ist Direktor des Max-PlanckInstituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin Daniel Potts ist Professor für Archäologie des Nahen Ostens an der »School of Philosophical and Historical Inquiry« der University of Sydney Malcolm Hyman † war Research Fellow an der Harvard University sowie Forscher am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte

de (ca. 2 100 bis 2 000), bekannt für ihren riesigen Verwaltungsapparat, finden wir erste Spuren neuerer Formen geschriebener Literatur und Geschichtsschreibung, die aber zu einem großen Teil auf älteren Traditionen aufbauen. Alphabet und Systematisierung In den folgenden Perioden durchläuft die Organisation von Gesellschaft bahnbrechende Veränderungen. Nicht mehr allein die Tempel sind geistiges und politisches Zentrum; dazu kommt eine unabhängige Staatsverwaltung. Der Gebrauch der Keilschrift geht zurück; im östlichen Mittelmeerraum kommt die alphabetische Schrift in Gebrauch. Die neuen Schriftzeugnisse sind grammatikalische Texte, heilige Schriften, Aufzählungen wie zum Beispiel Sternenlisten oder historio-

Schrift Im vierten Jahrtausend kommt es zu größeren Ansiedlungen in Babylonien. Zur selben Zeit ent-

graphische Texte, etwa die Kopien der altakkadischen Königsinschriften. Alle diese Texte zeigen eine größere Systematisierung als ihre Vorgänger, und wir erleben in dieser Zeit den Beginn der Teilung des Wissens in sakrales und profanes Wissen – eine Teilung, die nicht nur für die weitere mesopotamische Geschichte entscheidend war, sondern die bis in die heutige Zeit fortdauert. Während der Kassiten-Dynastie (ca. 1 600 bis 1 300) kam es zu einer Kanonisierung babylonischer Literatur in großem Ausmaß; babylonisches Wissen verbreitete sich weit über die Grenzen Mesopotamiens hinaus, nach Anatolien, in den Iran und bis nach Ägypten, und mit dem Aufstieg Mesopotamiens zur internationalen Macht (seit dem 12. Jahrhundert) wurde Wissen in großem Umfang systematisch akkumuliert, insbesondere in Bereichen wie Astronomie und Meteorologie. Wissen zweiter Ordnung Wohl im neunten vorchristlichen Jahrhundert entsteht das griechische Alphabet, in einigen Komponenten demjenigen der Phönizier nachgebildet, zu denen man regen Kontakt hielt. Ein westgriechisches Alphabet gab das Vorbild für das etruskische und schließlich für zwei Alphabete, die heute zu den meist benutzten der Welt gehören: das lateinische und das kyrillische. Ein Jahrhundert später datieren (mit einigen Vorläufern) erste Reflexionen über das astronomische, medizini-

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stehen – nicht zufällig – erste Formen von Keilschrift, die indessen keinen Bezug zur gesprochenen Sprache haben. Jetzt kann Wissen in einem viel größeren Ausmaß als bisher gespeichert und transportiert werden. Der größte Teil der Texte stammt aus Uruk, einige Schriftzeugnisse wurden aber auch in Nordbabylonien gefunden. Die frühesten Dokumente sind Tontafeln mit Ziffern und Siegeln, auf denen zum großen Teil Verwaltungsvorgänge wiedergegeben sind, die durch die Entstehung der urbanen Kultur notwendig geworden waren. Etwa um die Mitte des dritten vorchristlichen Jahrtausends muss es einen ausgeprägten Kulturaustausch zwischen verschiedenen Gesellschaften gegeben haben, denn wir wissen, dass sich die Schrift – die sich immer mehr zu einer phonetischen Schrift entwickelte – von Südbabylonien bis in den östlichen Mittelmeerraum verbreitete. In dieser Zeit beginnt man nun, Aufzeichnungen zu archivieren. Im akkadischen Staat (2 350 bis 2 200) gehen Standardisierungen der Schrift einher mit dem Aufkommen neu organisierter Institutionen wie Königtum, stehendes Heer und Palastverwaltung. Dies gilt ebenso für Kulturtechniken wie Messen und Wiegen und für andere Bereiche. Während der darauf folgenden Ur III-Perio-

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sche und arithmetische Wissen, das aus Ägypten und Mesopotamien nach Griechenland gekommen war. In Milet, der Handelsstadt mit den guten Verbindungen zu den schriftkundigen Gesellschaften des Nahen Ostens, entstehen im siebten und sechsten Jahrhundert schließlich naturphilosophische Schriften spekulativen Charakters in griechischer Sprache. Während nun babylonische Texte vor allem ein Wissen erster Ordnung lieferten – Wissen zweiter Ordnung, also reflexives Wissen, wurde nicht aufgezeichnet – etwa astronomische und meteorologische Beobachtungen, bewegte sich die griechische Wissenschaft eher in eine theoretische Richtung. Ein großer Schatz an Wissen zweiter Ordnung entstand, darunter Modelle mit Vorhersagecharakter oder methodologische Reflexionen. Diese theoretische Ausrichtung aber ist das wesentliche Kennzeichen griechischer Wissenschaft. Griechische Wissenschaft gern, wuchs das Wissen sporadisch, bestimmt durch die Interessen einzelner Personen. Die Versuche aus hellenistischer Zeit blieben beschränkt auf einige wenige Knotenpunkte, die nicht zu einem stabilen Netzwerk zusammenfanden. Durch den Rückgriff auf Quellen aus Babylon, das nun (im zweiten vorchristlichen Jahrhundert) zur hellenistischen Welt gehörte, konnte die griechische Wissenschaft nennenswerte Fortschritte machen, besonders in Bereichen wie der Astronomie. In Rom gab es eine starke Entwicklung in der Entstehung von Wissen zweiter Ordnung, das jedoch – eingebettet in Institutionen wie das Militär – nicht aufgezeichnet wurde. Römische Enzyklopädisten wie Plinius aber kompilierten eine große Menge griechischen Wissens und ebneten so den Weg dieses Wissens ins europäische Mittelalter. Obwohl es der griechischen Wissenschaft aufgrund des fehlenden sozialen Netzwerkes nicht gelang, sich weiterzuentwickeln, blieb doch vieles in den schriftlichen Quellen erhalten. Zumindest teilweise wurde griechische Wissenschaft bis heute bewahrt und einige ihrer Praktiken fanden in Rom, in Byzanz, in arabischen Ländern und in Europa ohne vollständigen Bruch eine Fortführung. Eine stabile und sich selbst weitertragende Wissenschaft entsteht indessen erst im frühen modernen Europa. Will man einen Überblick über die historische und geographische Ausbreitung wissenschaftlicher Kenntnisse schaffen, so darf man dabei nicht übersehen, dass es eine kontinuierliche Evolution auch aller anderen Arten von Wissen gibt. Insofern hat eine »Wiederentdeckung« auch immer den Effekt einer Spoliierung, wenn nämlich älteres Wissen in einen gänzlich neuen Kontext eingefügt wird. Als das frühe moderne Europa sich die griechische Wissenschaft aneignete, hatte es in der Zwischenzeit zahlreiche Veränderungen gegeben. Vor allem die Schriftfertigkeit hatte sich weiter verbreitet, sich zudem verändert durch die Entstehung des Druckhandwerks, so dass wir nicht von einer Wiedergeburt der griechischem Wissenschaft sprechen sollten, sondern vielmehr von der Geburt der modernen Wissenschaft.
Bei diesem Text handelt es sich um eine von der Redaktion übersetzte und stark gekürzte Fassung des in Englisch verfassten Originaltextes.

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Griechische Wissenschaft verbreitet sich in fünf Hauptphasen. In der ersten Phase konzentrierten sich wissenschaftliche Aktivitäten – die ihren Anfang in Kleinasien und Ionien hatten – in Athen, als die Stadt erheblich an Macht, Wohlstand und Prestige gewonnen hatte. In der zweiten Phase, während der hellenistischen Periode, verbreitet sich die Wissenschaft in die wesentlichen internationalen Knotenpunkte der damaligen Welt wie Alexandria, Byzanz und Rom. Die dritte Phase wird getragen von den großen Übersetzungswellen – zuerst der persischen, dann der arabischen – , in der vierten Phase gelangt die griechische Wissenschaft mittels arabischer Übersetzungen in den lateinischen Westen und wird dann wiederum häufig ins Lateinische übersetzt. In der fünften Phase schließlich werden die Originaltexte von den Humanisten wiederentdeckt. In der Folge entstehen zahlreiche Kommentare sowohl auf Latein wie auch in den jeweils lokalen Sprachen. Naturphilosophie und Wissenschaft entstehen zuerst in den Städten, doch vor der hellenistischen Zeit gibt es kaum Anstrengungen, einen institutionellen Rahmen zu schaffen. Obwohl es Versuche der Systematisierung gab wie etwa bei Aristoteles und seinen peripathetischen Nachfol-

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topoi to go der bohrkern
Um es gleich auf den Punkt zu bringen: So ein Bohrkern ist streng genommen kompensierter und transportabel gemachter »Dreck«. Doch in diesem »Dreck« steckt Wissen – nämlich die Ablagerungsgeschichte einer ganzen Region. Er ist das, was man ein natürliches Archiv nennt. Hierzu zählen neben den terrestrischen Sedimenten auch Baumringe, Eiskerne, Seesedimente und marine Ablagerungen. Durch verschiedene Untersuchungsmethoden kann man diesen Archiven ihre Geschichte entlocken und so die Dynamik vergangener Klimaund Umweltsysteme rekonstruieren. Um sie zeitlich einordnen zu können, bedient man sich sowohl relativer Alterseinstufungen wie etwa der

t o p o i vor ort B-MI 9210

Der mobile Ze n t r a l o r t vo n T O P O I

TIPP Baujahr 2008, 110 PS, Benziner – Basisdaten, die aus dem VW-Bus noch kein Einzelstück machen. 5,37 m Meter Länge aber lassen schon ahnen, dass etwas mehr in ihm steckt: Er befördert nämlich Geschichte. Eine Holzkonstruktion im Inneren verwandelt den Bus in eine rollende Werkstatt. Hier werden Wacker und Bohrgestänge für den Griff in die Erdgeschichte sicher verstaut. Geduldig harrt der Blaue als mobiler Zentralort im Gelände aus, um sich Abend für Abend mit Bohrkernen beladen zu lassen. Kleinere Blessuren sind das äußere Zeichen eines bewegten Lebens, sein Fahrtenbuch taugt als Evaluationsbericht der Area A: Südharz, Felix Romuliana, Monte San Giovanni … Der Bus weiß auch, dass es nicht immer die gut ausgebauten Straßen sind, die zu seinen Zielorten führen. Sind die Bohrkerne in Berlin aber erst einmal ausgewertet, kann man ihm erklären, warum all diese – manchmal abgelegenen – Orte auch alle einmal Zentralorte waren. km Für alle Topoi-Projekte stehen ins­ esamt g drei Fahrzeuge zur Verfügung, die bei Jan Krause (jan.krause@topoi.org) vorbestellt und ausgeliehen werden können.

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Kompensierter Dreck als Wissensarchiv: der Bohrkern

Untersuchung der Vegetationsentwicklung anhand von Pollenstratigraphie wie auch absoluter Altersbestimmungsverfahren wie zum Beispiel der Radiokarbonmethode (Bestimmung des radioaktiven Zerfalls des Kohlenstoffisotops 14C). Hat man nun aus seinem Archiv alle Daten abgeleitet, zeigt sich ein Bild der Vergangenheit, das Aufschluss gibt über die Dynamik des Systems und das weitere Fragen – und hoffentlich – Antworten ermöglicht: »Wie wirken sich Eingriffe oder Änderungen im System aus? Welche Konsequenzen hatte zum Beispiel eine klimatische Veränderung in vergangener Zeit auf die Vegetation?« Und eine entscheidende, schwer zu beantwortende, Frage: »Haben wir es mit einer natürlichen oder mit einer von Menschen verursachten Veränderung zu tun?« Judith Mahnkopf

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impressum

1. Jahrgang / 1–2009

Herausgeber: Exzellenzcluster 264 T O P O I The Formation and Transformation of Space and Knowledge in Ancient Civilizations

Redaktion: Susanne Weiss – Wortwandel in der Edition Weiss (sw) Dr. Katja Moede – T O P O I (km) (030) 31 01 27 55 www.edition-weiss.de/wortwandel Gestalterisches Konzept, Layout und Satz: dakato … design_Tonja Heilmeyer, David Sernau www.dakato.com

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Druck: H.Heenemann GmbH & Co. Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin www.heenemann-druck.de

Briefe an die Redaktion: Dr. Katja Moede T O P O I-Haus Dahlem Hittorfstr. 18, 14195 Berlin katja.moede@topoi.org weiss@wortwandel.de

Vertrieb: T O P O I Geschäftsstelle FU Hittorfstr. 18, 14195 Berlin Tel.: (030) 83 85 72 71 sekretariat@topoi.fu-berlin.de

T O P O I Geschäftsstelle HU Hannoversche Straße 6, 10099 Berlin Tel.: (030) 20 93 990 73 ursula.mueller@topoi.org

www.topoi.org

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