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Full text: Bildung braucht Bindung / Haderthauer, Christine

Christine Haderthauer   Hans Zehetmair (Hrsg.) /

Bildung braucht Bindung

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Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen

Christine Haderthauer / Hans Zehetmair (Hrsg.)

BILDUNG BRAUCHT BINDUNG

Impressum ISBN Herausgeber 978-3-88795-412-3 Copyright 2013, Hanns-Seidel-Stiftung e.V., München Lazarettstraße 33, 80636 München, Tel. 089/1258-0 E-Mail: info@hss.de, Online: www.hss.de Prof. Dr. h.c. mult. Hans Zehetmair, Staatsminister a.D., Senator E.h. Dr. Peter Witterauf Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser Hubertus Klingsbögl Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser (Chefredakteur, V.i.S.d.P.) Barbara Fürbeth M.A. (Redaktionsleiterin) Susanne Berke, Dipl. Bibl. (Redakteurin) Marion Steib (Redaktionsassistentin) Hanns-Seidel-Stiftung e.V., Hausdruckerei, München

Vorsitzender Hauptgeschäftsführer Leiter der Akademie für Politik und Zeitgeschehen Leiter PRÖ / Publikationen Redaktion

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Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung, Verbreitung sowie Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil dieses Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung der HannsSeidel-Stiftung e.V. reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Das Copyright für diese Publikation liegt bei der Hanns-Seidel-Stiftung e.V. Namentlich gekennzeichnete redaktionelle Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.

VORWORT
HANS ZEHETMAIR || |

Die politische Bildungsarbeit der Hanns-Seidel-Stiftung baut auf einem Menschenbild auf, zu dem die freie Entfaltung der Persönlichkeit und ihre Eigenverantwortung ebenso gehören wie die soziale Verantwortung und die Solidarität. Dieser Auftrag ist gerade in unserer Zeit aktueller denn je. Verstärken doch der rasche gesellschaftliche Wandel und der wachsende Innovationsdruck auf Staat und Gesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Technik den Bedarf an Wertorientierungen, an Verwurzelung in verlässlichen Strukturen und überschaubaren Ordnungsräumen. Gerade im Bereich Familie und Bildung sehen wir uns immer neuen Herausforderungen gegenübergestellt. So werden in der gegenwärtigen öffentlichen, politischen und wissenschaftlichen Diskussion die Familienarbeit, das ursprüngliche Bedürfnis des Kindes nach Bindung sowie die Notwendigkeit eines sicheren Bindungsverhaltens für die Persönlichkeitsentwicklung und den Bildungserfolg des Kindes nicht immer angemessen erörtert und gewürdigt. Eine Vielzahl wissenschaftlicher Untersuchungen belegt jedoch eindrücklich den Zusammenhang von frühkindlicher Bindung, Persönlichkeitsentwicklung und Bildung. Die Frage nach dem adäquaten Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsangebot ist für jedes Kind individuell zu beantworten. Viele Eltern wünschen sich, dem Bedürfnis nach verlässlicher Bindung, das im Säuglings- und Kleinkindalter im Mittelpunkt steht, individuell und selbstorganisiert nachkommen zu können. Ziel der Familienförderung ist es daher, Wahlfreiheit für Eltern bei der Betreuung ihrer Kleinkinder zu gewährleisten. Der vorliegende Tagungsband basiert auf den Erkenntnissen der am 3. Juli 2012 in Kooperation mit dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit

und Sozialordnung, Familie und Frauen durchgeführten Fachtagung „Was brauchen Kleinkinder, damit Bildung gelingt?“. Die Veranstaltung verfolgte das Ziel, gemeinsam mit Experten das Für und Wider inner- und außerfamiliärer Betreuung im Hinblick auf das Bindungsverhalten UnterDreijähriger familienpolitisch, wissenschaftlich, aber auch werteorientiert zu diskutieren. Kinder sind unsere Zukunft, und so ist die Bildung im umfassenden Sinn auch eine der großen politischen Zukunftsaufgaben Deutschlands. Von zentraler Bedeutung ist hierbei die Frage, was Kleinkinder brauchen, um ein sicheres Bindungsverhalten aufzubauen, das auch Voraussetzung für Bildung ist. In den ersten drei Lebensjahren ist eine verlässliche Bindung die beste Bildungsinvestition. Ohne Bindung gibt es keine Bildung. Kleinkinder bedürfen unseres ganz besonderen Schutzes. Sie wachsen unter den Rahmenbedingungen heran, die ihnen unsere Gesellschaft vorgibt. Am Wohlergehen unserer Kinder soll unsere Gesellschaft gemessen werden. Der vorliegende Tagungsband will Eltern und Kinder dabei unterstützen.

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PROF. DR. H.C. MULT. HANS ZEHETMAIR Staatsminister a.D.; Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, München

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INHALT
03 VORWORT Hans Zehetmair 07 EINFÜHRUNG Susanne Schmid 09 WERTORIENTIERTE FAMILIENPOLITIK ERÖFFNET VIELFALT Christine Haderthauer 17 DER MENSCH IM MITTELPUNKT – BILDUNG GANZHEITLICH DENKEN Claus Hipp VON DER ELTERN-KIND-BINDUNG ZUR ERZIEHERIN-KIND-BEZIEHUNG Fabienne Becker-Stoll

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27 STRESS – DAS UNTERSCHÄTZTE PROBLEM FRÜHKINDLICHER BETREUUNG Rainer Böhm 33 BINDUNG ALS BASIS VON ERZIEHUNG UND BILDUNG Curd Michael Hockel 41 LIEBE KANN MAN NICHT NACHHOLEN – WARUM BILDUNG ZU HAUSE BEGINNT Birgit Kelle

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EINFÜHRUNG
SUSANNE SCHMID || In den ersten Lebensjahren entwickeln sich bei Kindern die Kompetenzen, | die wesentlichen Einfluss auf den späteren Lernerfolg haben. Zum Zeitpunkt der Einschulung haben Kinder somit bereits einen relevanten Teil ihres Bildungsweges durchlaufen. Was brauchen Kleinkinder, damit Bildung gelingt?

Genau diese Fragestellung war Ausgangspunkt für die Fachtagung der Hanns-Seidel-Stiftung und des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen am 3. Juli 2012 in München. Experten aus Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft kamen zusammen, um einen Dialog über den Einfluss frühkindlicher Bindungserfahrung auf die Persönlichkeitsentwicklung und den späteren Bildungserfolg zu führen. Ihre Vorträge und Statements sind Grundlage für den vorliegenden Band. In ihrem Impulsvortrag machte die Bayerische Familienministerin Christine Haderthauer deutlich, dass wertorientierte Familienpolitik nicht lenkt, sondern Individualität durch den Dreiklang aus ideeller, finanzieller und struktureller Unterstützung ermöglicht. Wertorientierte Familienpolitik eröffnet den Familien Vielfalt. Claus Hipp, Geschäftsführender Gesellschafter der HIPP-Werk Georg Hipp OHG, plädierte für einen ganzheitlichen Bildungsbegriff. Das Ziel von Erziehung ist demnach nicht nur der gut ausgebildete, sondern der gebildete Mensch, welcher für ein humanes Menschen- und Gesellschaftsbild steht. Fabienne Becker-Stoll, Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik, zeigte auf, was beim Übergang von der Eltern-Kind-Bindung zur Erzieherin-Kind-Beziehung zu beachten ist. So benötigen Kinder unter drei Jahren eine professionelle Eingewöhnung in die außerfamiliäre Betreuungssituation und feste Bezugserzieherinnen. Denn gerade aus entwicklungspsychologischer Sicht

ist bei der Bildung, Erziehung und Betreuung von Kleinkindern auf höchste Qualität zu achten. Rainer Böhm, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld-Bethel, konnte hinsichtlich außerhäuslicher Betreuung von Unter-Dreijährigen einen empirischen Zusammenhang von chronischer Stressbelastung infolge zu früher und zu langer Krippenbetreuung und externalisierenden Verhaltensauffälligkeiten nachweisen. Bisher unterschätzt die Gesellschaft jedoch die Spätfolgen von frühkindlichem Stress. Curd Michael Hockel, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut, verdeutlichte anhand von Fallbeispielen die Auswirkungen frühkindlicher Bindungsstörungen auf den späteren Lebensverlauf. Bindungserfahrungen sollten daher so gestaltet sein, dass sie Kindern eine gute und sichere Grundlage für Erziehung und Bildung bieten. Die freie Journalistin Birgit Kelle stellte fast, dass der Grundstein für Bindung und Bildung in der Familie gelegt wird und man Versäumtes kaum nachholen kann. Sie verwies darauf, dass eine Mehrheit der Mütter gerne mehr Zeit mit den eigenen Kindern verbringen würde und dass es Kindern schaden kann, wenn sie zu früh und zu lange außer Haus betreut werden. Ein Kind braucht von Geburt an verlässliche Bezugspersonen, die feinfühlig auf seine Bedürfnisse nach Bindung und Exploration eingehen. Die Erfahrung von Vertrautheit, emotionaler Sicherheit und Geborgenheit in Familie und Kindertageseinrichtung ist wiederum Voraussetzung

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dafür, dass ein Kind sich ganzheitlich entwickeln und seine Bildungschancen nutzen kann. Da die ersten Lebensjahre die weitere Entwicklung des Menschen in hohem Maße prägen, ist es wichtig, Kleinkindern durch frühe Förderung und private und öffentliche Betreuungsangebote die bestmögliche, ihren individuellen Bedürfnissen entsprechende Bildung und Betreuung zukommen zu lassen. Frühe Bildungsprozesse in Familie und öffentlicher Betreuung unterscheiden sich jedoch.

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DR. SUSANNE SCHMID Referentin für Arbeit und Soziales, Demographischen Wandel, Familie, Frauen und Senioren, Akademie für Politik und Zeitgeschehen, Hanns-Seidel-Stiftung, München

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WERTORIENTIERTE FAMILIENPOLITIK ERÖFFNET VIELFALT
CHRISTINE HADERTHAUER || Die Verantwortung der Politik liegt darin, Rahmenbedingungen da| für zu bieten, dass junge Leute gerne Eltern sind oder sein wollen. Erfolgreiche Familienpolitik fördert Vielfalt, um Familien die Freiheit zu geben, ihren Lebensentwurf zu leben. Familienpolitische Maßnahmen müssen langfristig und verlässlich sein und sollten die Verantwortung immer bei den Eltern belassen, ihnen vertrauen, dass sie ihre Aufgabe gut lösen. Zutrauen ermutigt, macht Lust auf Verantwortung.

Deutschland diskutiert wieder über seine Geburtenzahlen. Meist endet das darin, dass irgendjemand feststellt, dass die familienpolitischen Maßnahmen sinnlos seien, sie brächten nämlich keine Steigerung der Geburten mit sich. Das finde ich fatal. Erstens weiß niemand, wie wenig Geburten wir ohne Familienleistungen hätten und zweitens muss es uns doch auch darum gehen, dass es den Familien in unserer Gesellschaft an sich gut geht, ganz egal wie viele Menschen sich heute noch für Familie entscheiden. Wir sind ein hochentwickeltes Volk und haben unsere existenziellen Probleme gelöst. Aber eine analoge Erkenntnis zur Wirtschaftspolitik fehlt uns noch: „Das Kapital ist wie ein scheues Reh.“ Diesen Satz kennen wir alle. Er wird von Wirtschaftsvertretern sehr wirksam eingesetzt, wenn es darum geht, uns für ihre Anliegen zu sensibilisieren. Hinter ihm schimmern die mächtigen Wirkmechanismen unserer Volkswirtschaft durch. Wir akzeptieren diese aus guten Gründen und tun viel für beste Rahmenbedingungen. Es ist das, was wir „aktive Wirtschaftspolitik“ nennen. In der Familienpolitik dagegen hat sich diese Sensibilität noch nicht durchgesetzt. Dabei sind Eltern oder junge Menschen, die sich überlegen Eltern zu werden, um im Bild zu bleiben, erst recht „scheue Rehe“. Anders als zu Zeiten Konrad Adenauers bekommen die Menschen heute eben

nicht zwangsläufig Kinder. Junge Frauen und Männer überlegen sich sehr genau, ob und wann sie Eltern werden wollen – oder eben nicht. Familiengründung ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr, sondern vielmehr eine Option.

ERMÖGLICHEN STATT LENKEN Was also kann, was soll die Politik tun? Nach meiner Überzeugung müssen wir dabei ansetzen, dass sich Kinder wie Eltern wohlfühlen in unserem Land. Der Wunsch, Eltern zu sein, muss junge Menschen wieder erfüllen, und zwar nicht mit Angst, sondern mit Freude. Eltern sein muss erfüllen mit Vorfreude auf eine lebenslange Bindung und nicht mit der Angst: „Oh Gott, was kommt da auf uns zu?“ Eltern sein muss erfüllen mit Vorfreude auf die Verantwortung für diese Bindung und nicht mit Angst davor. Der Sinn und Zweck von Politik liegt nicht vorrangig darin, höhere Geburtenzahlen zu bewirken. Wir müssen vielmehr Rahmenbedingungen schaffen und weiterentwickeln, damit Eltern gerne Eltern sind und Frauen und Männer gerne Mütter und Väter werden wollen. Wir brauchen also eine Willkommenskultur für Eltern und Kinder. Wenn Elternsein ein Lebensentwurf ist, der sich gut anfühlt, steigen die Geburtenzahlen von ganz alleine.

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ELTERN BRAUCHEN ZUTRAUEN STATT MISSTRAUEN Vor allem wenn es um den Kinderwunsch geht, hört man bei uns bezeichnenderweise von jungen Menschen oft den Satz: „Ich weiß nicht, ob ich schon reif genug dafür bin.“ Ich habe noch keinen jungen Menschen einer anderen Nationalität gehört, der diesen Satz, der einem eventuell über die Lippen kommt, wenn einem ein toller Posten angeboten wird, in Verbindung mit der Familiengründung verwendet. Aber die jungen Menschen bei uns sagen das, wenn es um Kinder geht. Das ist die Folge der bedenklichen Tendenz, jungen Familien in einer Intensität und Gründlichkeit, die kein anderes Land kennt, vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Was Eltern am wenigsten wollen und was die Lust auf Familie am gründlichsten beseitigt, sind Lenkungsversuche des Staates in die Familie hinein. Wir sollten deshalb mit dem ständigen Kommentieren und Bewerten von Lebensentwürfen aufhören und stattdessen dahin kommen, dass Eltern nicht mehr ständig hören, was sie alles falsch machen und lassen sollen, sondern irgendwann auch mal hören, was sie richtig machen und vor allem, dass sie es richtig machen. Die Politik hat private Lebensentwürfe nicht zu kommentieren, sondern zu ermöglichen wie den Unternehmern die Betriebsgründungen. Wir sind leider längst zu einer Republik der „Bessermenschen“ geworden. Dabei hat eine Art „Super-Nanny-Politik“ Raum gegriffen. Der beste Beleg dafür sind die Forderung nach Bildungschipkarten für deutsche Eltern oder die moralische Aufladung der Betreuung von Ein- und Zweijährigen, die aus Eltern, die ihre Kleinstkinder selber betreuen wollen, plötzlich Bildungsverhinderer macht. Meist sind das zunächst sehr harmlos klingende und scheinbar gutgemeinte bemutternde Ansätze, sie verfehlen aber ihre Wirkung nicht bei den jungen Familien in Deutschland. Subtil steht ein fundamentales Misstrauen gegen Eltern dahinter. Abgeleitet vom problematischen Einzelfall, der sich immer finden lässt, wird Eltern kollektiv das Misstrauen ausgesprochen. Dieser pädagogisch-moralische Impetus ist geeignet, bei jungen Eltern ein schlechtes Gewissen zu erzeugen. Nicht ohne Grund war noch keine Elterngeneration so verunsichert wie die heutige.

Wer verunsichert ist, hört nicht mehr auf sein „Bauchgefühl“, hat vor lauter Angst, etwas falsch zu machen, keine Lust mehr daran, Verantwortung selber zu übernehmen, und ist ein immer leichteres Opfer für staatliche Lenkung. Natürlich lenkt Politik durch Rahmenbedingungen Eltern. Das lässt sich sehr schön an der Einführung des Rechtsanspruchs auf einen Kindergartenplatz ablesen. Seit 1996 gibt es einen Rechtsanspruch für die Betreuung Über-Dreijähriger im Kindergarten. War es davor üblich, Kinder mit vier oder fünf Jahren, je nach familiärer Situation und Kinderpersönlichkeit, in den Kindergarten zu schicken, so besuchen ihn heute Kinder in der Regel mit drei Jahren. Eltern, die ihr Kind aus welchen Gründen auch immer nicht mit drei Jahren im Kindergarten haben, geraten unter Rechtfertigungsdruck. Genau diesen Wirkmechanismus bezwecken viele mit der Einführung des Rechtsanspruchs für Kinder ab einem Jahr. Der Rechtsanspruch war keine Zwangsmaßnahme für unwillige Bürgermeister, sondern das war ein Wink mit dem Zaunpfahl an eine Gesellschaft, in welche Richtung sie laufen soll: Ab 2013 wird man sich zu rechtfertigen haben, wenn man das Kind mit einem Jahr noch nicht in der Krippe angemeldet hat. Verstärkt wird diese Tendenz durch die Entscheidung des Bundes aus dem Jahr 2007, das zweijährige Bundeserziehungsgeld abzuschaffen und durch ein einjähriges Elterngeld zu ersetzen. Daran, dass dies weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit und den Medien über die Bühne gegangen ist, und an den ausbleibenden Reaktionen auf diese Maßnahme wird deutlich, dass etwas bei uns im Land nicht stimmt, was Familien angeht. Verkürzung des Elterngeldes auf ein Jahr plus Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz ab dem ersten Geburtstag ist gleich Lenkungspolitik. Anders gesagt: Das ist Familienfreundlichkeit für Eltern, die nicht länger als ein Jahr aussetzen. Das ist Einheitspolitik vom Reißbrett. Jeder andere Familienentwurf als dieser Reißbrettlebensentwurf gilt als widersprüchlich. Das ist der Einheitsweg, den die Politik auf Bundesebene in den letzten Jahren verfolgt. Die Fixierung und Konzentration aller familienpolitischer Maßnahmen auf nur einen (staatlich gewünschten) Familienentwurf wirkt auf das „scheue Reh“ Familie so

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abschreckend, dass die Lust auf Familie die Flucht ergreift. Erfolgreiche Familienpolitik ist immer eine, die die Vielfalt fördert, die Familien Freiheit gibt, um ihren Familienentwurf zu leben. FAMILIEN BRAUCHEN EIN GUTES GEFÜHL Entscheidend ist dabei nie die einzelne Maßnahme, sondern das Gesellschafts- und Familienbild, das dahinter steht. Das macht das Grundgefühl aus, mit seinem Lebensentwurf willkommen zu sein. Wenn wir uns wissenschaftlich mit der Wirkungsweise von Politik auf Wohlfühlgefühle von Familien beschäftigen, lernen wir, dass es nie und nirgends eine oder zwei Maßnahmen sind, die den Unterscheid machen, sondern dass es immer auf das Gesellschaftsbild ankommt, das durch ein stimmiges Zusammenspiel verschiedener Maßnahmen überzeugt und getragen wird: Wichtig sind finanzielle Transfers, aber auch eine gute Arbeitsmarktsituation, richtige strukturelle Unterstützung, aber auch eine hohe Frauenerwerbstätigkeit. Und dann müssen wir schlicht auch einmal Geduld haben und Maßnahmen wirken lassen. Natürlich haben wir alle – die Politik, aber auch der Echtzeitjournalismus – gewisse Schwierigkeiten mit solchen Zeitverzögerungen. Dennoch: Wir müssen hinnehmen, dass die Wirkungen von Familienpolitik sich immer erst verzögert zeigen. Diese Zeitverzögerung ist ein wichtiges Wirkmoment. Wenn man nämlich alle vier Jahre umsteuert, dann wirkt gar keine Maßnahme. Die Entscheidung für ein Kind kann nicht gekauft werden über ein- oder zweijährig wirkende Leistungen, weil junge Leute so clever sind und wissen, dass Kinder Legislaturperioden überdauern. Das bedeutet aber: Eltern brauchen Verlässlichkeit durch ein von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragenes Familienbild. Junge Menschen, die sich überlegen, Eltern zu werden, sind sehr scheue Rehe, sie treffen nicht nur eine Entscheidung für ein oder zwei oder drei Jahre, sondern für das ganze Leben. FAMILIENPOLITIK BRAUCHT GANZHEITLICHKEIT Eltern brauchen Verlässlichkeit durch ein von einem breiten gesellschaftlichen Konsens getragenes Familienbild. Wenn Politik nicht glaubwür-

dig vermittelt, dass sie Zutrauen in die Familie hat, müssen wir uns nicht wundern, wenn Eltern verunsichert reagieren und sich immer mehr aus ihren Elternaufgaben zurückziehen. Daraus entsteht eine Abwärtsspirale, in der dem Staat immer mehr Elternaufgaben zugewiesen werden, statt Eltern dabei zu unterstützen, ihre Aufgaben zu erfüllen. Und es entsteht eine Gesellschaft, in der zu viele junge Menschen zweifeln: „Bin ich schon reif genug für ein Kind?“ Eine Politik dagegen, die Eltern vertraut, etwas zutraut und sagt: „Wie auch immer ihr das Leben leben wollt, es ist gut so; macht es so gut ihr könnt; wir versuchen die Rahmenbedingungen zu schaffen, dass euch das gelingt; wir tun unser Möglichstes, damit ihr, liebe Eltern, möglichst Gestaltungsfreiheit habt“ – eine solche Politik trägt dazu bei, dass Eltern sich wohlfühlen und sich gerne und wohlüberlegt für Kinder entscheiden. DER MENSCH IM MITTELPUNKT Bayerische Familienpolitik setzt auf Zutrauen statt auf Misstrauen. Misstrauen dagegen ist eine sich selbsterfüllende Prophezeiung. Zutrauen schafft eine Willkommenskultur. Zutrauen ermutigt und stärkt, macht Lust auf Verantwortung. Wertorientierte Familienpolitik will dieses Grundvertrauen vermitteln. Wertorientierte Familienpolitik ist inspiriert vom christlichen Menschenbild. Sie geht davon aus, dass der Staat zunächst einmal nichts besser kann als Eltern. Aus dem Alleinstellungsmerkmal der Bindung zwischen Menschen einer Familie ergibt sich die Unaustauschbarkeit und auch Unantastbarkeit, das Hoheitsgebiet Familie. In Art. 126 der Bayerischen Verfassung heißt es dazu: „Die Eltern haben das natürliche Recht und die oberste Pflicht, ihre Kinder zur leiblichen, geistigen und seelischen Tüchtigkeit zu erziehen. Sie sind darin durch Staat und Gemeinden zu unterstützen. In persönlichen Erziehungsfragen gibt der Wille der Eltern den Ausschlag.“ Im Sinn und Geist dieses Auftrags anerkennt wertorientierte Familienpolitik, dass die elterliche Verantwortung Vorfahrt hat, und schafft deshalb Vielfalt durch Wahlfreiheit. Die Richtschnur für gute Familienpolitik ist daher eine doppelte Fragestellung: erstens die Frage, was Kinder brauchen, und zweitens, was Eltern wollen.

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WAS KINDER BRAUCHEN: VERTRAUEN UND BINDUNG Das, was Kinder brauchen, ist in jedem Alter, bei jedem Kind anders. Wenn wir über Krippe, Tagesmütter und Betreuungsgeld reden, dann müssen wir uns über die Bedürfnisse von einoder zweijährigen Kindern unterhalten. Hierzulande herrscht offenbar in breiten Kreisen eine geradezu frappierende Unkenntnis hinsichtlich der unterschiedlichen kindlichen Bedürfnislagen in unterschiedlichen Lebensaltern. Ein einjähriges Kind ist kein zu kurz geratenes Schul- oder Vorschulkind. Das ist wichtig festzuhalten, denn in der Diskussion werden gerne Studien über Kleinkinder und deren vermeintlichen und tatsächlichen Bildungschancen herangezogen. Tatsächlich aber beschäftigen sich solche Studien in der Regel mit Kindergarten- oder Vorschulkindern. Was also braucht ein Kleinkind in den ersten beiden Lebensjahren und darüber hinaus? Für jedes Kind, in besonderem Maße aber für das ein- und zweijährige, sind dessen Eltern die wichtigsten Menschen. Dabei spielt es keine Rolle, welche Sprache sie sprechen, wie viel Geld sie haben oder ob die Politik sie als bildungsfern bezeichnet. Was zählt, ist die Qualität der emotionalen Bindung. Nur wenn Bindung gelingt, kann das Kind mit seiner Umwelt sicher interagieren, ein realistisches Selbst- und Fremdbild aufbauen und ein stabiles Selbstgefühl entwickeln, seine Gefühle verstehen, seine Affekte regulieren lernen und damit eine Persönlichkeit werden. Die Familie ist in jedem Fall und unabhängig von der Betreuungsform der erste und ursprünglichste Bildungsort. Bindung ist ein eigenes, anthropologisch tiefsitzendes emotionales Grundbedürfnis. Es kann nicht kompensiert oder ersetzt werden, auch und gerade nicht durch Mathematik oder Englischkurse für Zweijährige. Bindung ist die Grundlage der Persönlichkeit des Kindes. Wie Eltern ihren Kindern Bindung ermöglichen und sie erziehen, ist ihre Sache. Das ist elterliche, nicht staatliche Verantwortung, und auch nicht die Verantwortung der Wirtschaft. An diese Verantwortung müssen wir wieder stärker appellieren. Es geht also nicht darum, Eltern, die ihre Kinder erziehen und dabei eine Krippe in Anspruch nehmen, gegen Eltern, die ihre Kinder zu Hause erziehen, auszuspielen. Niemand sollte die Qua-

lität elterlicher Erziehungsleistung von der Wahl der Betreuungsform abhängig machen. Auch „Krippeneltern“ erziehen selbstverständlich ihre Kinder gut und schenken ihnen Zeit und Zuwendung. Aber genauso gilt: Eltern, die ohne Krippe erziehen, behindern nicht die Bildung und den Weg ihrer Kinder. Sie müssen wissen, dass es wichtig ist, darauf zu achten, dass die Betreuungsform ihrem Kind entspricht. Und dieses Gefühl sollten wir Eltern wieder viel stärker geben, denn es ist verloren gegangen im Rahmen vieler Diskussionen. Auch wenn die externen Bildungsanreize erst mit zunehmendem Alter Einfluss gewinnen, unsere Krippen sind wichtige Hilfen für Eltern, die – aus welchen Gründen auch immer – schon im Kleinkindalter ergänzende Betreuung brauchen oder wollen. Sie sind eine wichtige Säule bayerischer Familienpolitik für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Aber wir dürfen unsere Krippen nicht künstlich überhöhen. Sie sind bei Unter-Dreijährigen vor allem eine Betreuungseinrichtung, aber weder ein Reparaturbetrieb für Elternversagen noch gar Garant für späteren Bildungserfolg. WANN IST EIN KIND KRIPPENFÄHIG? Die Debatte um das Betreuungsgeld hat voll und ganz den Blick dafür verstellt, dass Krippenbetreuung – vor allem, wenn sie früh und lange erfolgt – nicht nur nicht der Königsweg ist, sondern für ein Kind auch Stress bedeuten kann. Kinder, die früh und lang in der Krippenbetreuung sind, brauchen besonders kompetente Eltern. Denn der Krippenbesuch ist mit Trennung verbunden. Und aus der Entwicklungspsychologie, namentlich der Bindungs- und Verhaltensforschung, wissen wir: Trennung bedeutet für ein ein- oder zweijähriges Kind oft Angst. Und Angst heißt Stress. Wir müssen uns der Tatsache stellen: Krippe kann im Einzelfall Stress sein. Gerade aus Dänemark, aus dem Land, das von der Wissenschaft in der Kleinkindbetreuung „Bestnoten“ zur Betreuungsquote und -qualität bescheinigt bekommt, erreichen uns in letzter Zeit mahnende Worte: „Die Debatte um den Ausbau der Kindertagesstätten in Deutschland ist zur Zeit überhitzt, ziemlich verworren und teils mit Ideologie überfrachtet“, so die Außenansicht des dänischen Familientherapeuten Jesper Juul vor

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einigen Monaten in der Süddeutschen Zeitung. Er geht davon aus, dass etwa ein Fünftel der einund zweijährigen Kinder darunter leidet, in die Kita gehen zu müssen, weil sie Trennungsängste haben. Wichtig sind also nicht nur die Betreuungsform, sondern auch der Beginn und die Betreuungslänge. In Bayern gehen 60 % der ein- und zweijährigen Kinder länger als 20 Stunden in der Woche in die Krippe und 30 % länger als 7 Stunden am Tag. Wir müssen deshalb endlich darüber reden, wann ein Kind krippenfähig ist. Nur weil der Staat ein Angebot bereithält, heißt das noch nicht, dass es für jedes Kind ideal ist. Diese Entscheidung kann und will niemand den Eltern abnehmen. Es geht deshalb ganz zentral um die Frage, wann Kinder „krippenfähig“ sind. In Schweden etwa müssen Kinder zu laufen und zu sprechen begonnen haben, damit sie in die Krippe gehen können. Die Bindungsforschung sagt klar: In den ersten 12 bis 18 Monaten baut das Kind die Bindungsbeziehungen zu seinen Eltern auf und braucht sehr intensive Zuwendung, Nähe und Fürsorge durch beständige, feinfühlige Bindungspersonen in einem vertrauten Umfeld. Kinder müssen deshalb behutsam an die Krippe herangeführt werden. Sie brauchen dafür eine etwa 4 bis 6 Wochen umfassende, elternbegleitete und bezugserzieherinnenorientierte Eingewöhnungsphase. Wir sollten im Dialog mit der Wissenschaft Leitlinien für Eltern entwickeln, um ihnen Kriterien an die Hand zu geben, die ihnen helfen, die für sie passende Betreuungsform für ihr ein- oder zweijähriges Kind zu finden. Jedes Kind ist anders. Die Krippeneignung ist individuell und ganz unterschiedlich. WAS ELTERN WOLLEN: WAHLFREIHEIT DURCH MODULARE LEBENSLÄUFE Die Wünsche der Familien in Deutschland an die Politik sind höchst unterschiedlich. Das zeigt sich ganz besonders in der Frage der Betreuung von Kindern unter drei Jahren. Den Menschen in den Mittelpunkt stellen, heißt deshalb auch, Eltern in ihrem Gestaltungs- und Erziehungswillen ernst zu nehmen. Eltern haben den natürlichen Wunsch, selbst zu entscheiden, welches Familienmodell sie wie leben wollen. Sie

wollen für ihre Kinder da sein können. Und sie wollen finanzielle Sicherheit. Hier lohnt auch ein Blick ins Ausland. Schauen wir z. B. nach Frankreich. Der französische Staat fördert die Vielfalt, nicht die Einfalt. Frankreich hat eine Geburtsund Adoptionsbeihilfe, ein Betreuungsgeld, die öffentliche Hand übernimmt aber wahlweise auch die Kosten für eine staatlich anerkannte Kinderfrau, die ins Haus kommt. Es gibt Länder, die die Sozialversicherungsbeiträge für die Nanny übernehmen und differenzierte Zusatzhilfen haben: altersabgestuft und gestaffelt je nach Einkommen und Einschränkung der Erwerbstätigkeit. Der französische Staat gibt dafür deutlich mehr aus als das, was wir hierzulande diskutieren. Bayern strebt aus einem ganzheitlichen lebensphasenorientierten Familienverständnis echte Wahlfreiheit an. Diese Lebensphasenorientierung ist ein Gebot der Lebenswirklichkeit in diesem Land. Denn: Moderne Lebensentwürfe sind heute mit der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit verbunden. Heute ist der Lebensentwurf „Hausfrau“ oder „Hausmann“ die Ausnahme. Unser ehemaliger Bundespräsident Horst Köhler bringt das auf den Punkt, wenn er feststellt: „Die jungen Menschen von heute arbeiten, ob sie aber daneben auch noch Kinder bekommen, das ist eine andere Frage.“ Die Frage ist, gerade bei der heutigen Lebenserwartung, nicht mehr, ob jemand erwerbstätig ist oder nicht. Die Frage ist vielmehr, ob es in Zukunft noch gelingen wird, Leben und Arbeiten so auszutarieren, dass sich Phasen der Familienarbeit ohne zu große Chancenverluste in die Arbeitsbiographie integrieren lassen.1 Dafür brauchen wir Wahlfreiheit für individuelle Lebensentwürfe und modulare Lebensläufe. Auch da geht es um Rahmenbedingungen. Aber wir müssen dabei auch auf die Einstellung der jungen Menschen achten. Es hat ein Mentalitätswandel stattgefunden. Das kann uns passen oder nicht, aber viele junge Menschen, und die haben wir vielleicht auch so erzogen, haben ein ausgeprägtes Sicherheitsgefühl. Vor der Familiengründung wollen sie die existenziellen Fragen des Lebens geklärt wissen: unbefristetes Arbeitsverhältnis, gutes Einkommen, eigene Immobilie. Das ist in keinem anderen Land so ausgeprägt wie bei uns. Dieses Sicherheitsbedürfnis müssen wir ins Kalkül ziehen.

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Hilfreich für Familiengründungen sind daher – mehr als früher – sichere und stabile Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt, genauso wie verlässliche Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Wir investieren daher massiv in die Unterstützung der Kommunen beim Ausbau der Kinderbetreuungsangebote und kämpfen auf Bundesebene für das Betreuungsgeld. Dabei war und ist klar: Der Rechtsanspruch auf den Krippenplatz und das Betreuungsgeld gehören untrennbar zusammen. Wir wissen aus der Familienforschung, und alle Zahlen belegen es, dass zwei Drittel die Betreuung ihres einjährigen Kindes in dieser sensiblen Bindungsphase anders organisieren wollen als mit Krippen. Das Betreuungsgeld erweitert die Gestaltungsspielräume für die Eltern von ein- und zweijährigen Kindern, die ab 2013 die Betreuung ihres ein- oder zweijährigen Kindes selbst leisten oder privat organisieren wollen. Es sichert die freie Wahl zwischen Krippe, Tagespflege, familiär oder privat organisierter Betreuung. Das Betreuungsgeld ist deshalb nicht nur nicht verfassungswidrig, sondern es ist im Lichte des massiven Krippenplatzausbaus und des Rechtsanspruchs ein Gebot im Sinne der Art. 3 und 6 Grundgesetz. Der Ausbau der Kinderbetreuung läuft in Bayern auf Hochtouren. Die Bundesmittel in Höhe von 340 Mio. Euro sind längst gebunden – seit November 2010. Jetzt hat der Bund nochmal 91,7 Mio. Euro draufgelegt. Den Großteil der Ausbauleistung der Kommunen finanzieren wir aber aus Landesmitteln mit unserem „Sonderinvestitionsprogramm Kinderbetreuungsfinanzierung 2008-2013“: Jeder neue Krippenplatz wird daraus mit durchschnittlich 70 % staatlich subventioniert, bis 2013 werden wir hierfür rund eine Milliarde Euro investieren. Dazu geben wir in Bayern momentan im Jahr über eine Milliarde Euro nur an Betriebskostenförderung aus. Und wir haben als einziges Land den Kommunen eine Ausbaugarantie gegeben, jeden neuen Platz bis Ende 2013 mit diesen guten Konditionen zu fördern. Deshalb gilt schon heute: Kein Platz scheitert am Geld des Freistaats. Bayern hat heute für ein- und zweijährige Kinder eine Betreuungsquote von rund 43 %. Bis 2013 werden wir etwa 52 % erreicht haben. In keinem anderen familienpolitischen Feld hat sich in wenigen Jahren so viel bewegt wie in der Kinderbetreuung. Wir sind zu-

dem die einzigen, die dabei auch noch in die Qualität investiert haben, mit erhöhten Personalkostenzuschüssen und kleineren Gruppen, mit verbesserter Förderung von Landkindergärten und Inklusion. Wir in Bayern leisten uns als eines von vier Bundesländern auch ein eigenes Landeserziehungsgeld als Familienleistung im Anschluss an das Bundeselterngeld. Wir investieren dafür über 80 Mio. Euro im Jahr. Wir schaffen damit Raum für Familie und verhindern zugleich finanzielle Engpässe im Anschluss an das Elterngeld. Damit federn wir das Armutsrisiko von kinderreichen Familien und Alleinerziehenden ab. Seit seiner Einführung 1989 haben wir bayerische Familien allein durch diese Leistung mit über 2,7 Mrd. Euro gefördert. Alleinerziehende profitieren in besonderer Weise vom Landeserziehungsgeld. Für 88 % der Alleinerziehenden stellt es einen wichtigen Beitrag zu ihrem Haushaltsbudget dar. Auch deshalb hat Bayern mit das geringste Armutsrisiko bei den Alleinerziehenden. Aber das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist nicht auf das Krippenalter beschränkt. Im Gegenteil. Es läuft etwas falsch, wenn wir für unsere Einjährigen flächendeckend Ganztagsplätze mit einer 40-Stunden-Woche zur Verfügung stellen und dabei die Ganztagsschule oder die Ganztags-Nachmittags-Angebote vernachlässigen. Vereinbarkeit von Familie und Beruf endet nicht mit dem vollendeten zweiten Lebensjahr, sondern beginnt dann erst wirklich virulent zu werden. Denn nicht die Babypause ist für die Erwerbsbiographie von Müttern das zentrale Problem, sondern das jahrelange Verharren in der Teilzeitfalle. Der vehemente Kampf der Wirtschaft gegen Leistungen wie Elterngeld oder Betreuungsgeld ist zynisch, wenn man sieht, wie die Arbeitgeber Potenziale von Müttern älterer Kinder verschenken. Zwei Drittel der meist gut ausgebildeten, aber unterhalb ihrer Potenziale eingesetzten Mütter würden nach kurzer Zeit gerne wieder mehr als halbtags arbeiten – ein Fachkräftereservoir, das die Wirtschaft bis heute links liegen lässt. BILDUNGSORT FAMILIE: ERZIEHUNGSVERANTWORTUNG EINFORDERN, ERZIEHUNGSKOMPETENZ STÄRKEN Wer Kinder hat, weiß: So schön und erfüllend ein Leben mit Kindern ist, so anspruchsvoll ist es

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WERTORIENTIERTE FAMILIENPOLITIK ERÖFFNET VIELFALT

auch, sie zu erziehen. Gerade weil Eltern die Schlüsselposition für die Lebenschancen ihrer Kinder haben, muss der Staat Eltern etwas zutrauen und sie in ihrer besonderen Funktion für ihre Kinder stärken. Wir müssen eine starke verantwortungsbewusste Gesellschaft bilden, in der wir die Familie als selbstbestimmte Verantwortungsebene achten und Hilfe nur dort anbieten, wo sie tatsächlich gebraucht wird. Hilfe darf Eltern nicht entmündigen, sondern sie muss Familien unterstützen, die Verantwortung über ihr eigenes Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wir in Bayern fordern die Erziehungsverantwortung der Eltern ein und fördern sie in ihrer Erziehungskompetenz. Die ganz große Mehrheit der Eltern erzieht ihre Kinder gut. Politik und Staat sollten sich niemals anmaßen, Kinder besser betreuen zu können als Mutter und Vater. Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede in der Erziehungskompetenz der Eltern. In den wenigen Fällen aber, wo Eltern überfordert sind und die Familie über geringe Ressourcen verfügt, um ihren Kindern Anregungen zu geben, ist der Staat gefordert. In diesen Fällen kommt es auf gezielte Hilfen an. Denn Kinder sind keine von ihren Eltern losgelösten Bildungssubjekte, bei denen Kindertageseinrichtungen und Schule alles wettmachen können, was in der Familie versäumt wurde. Gerade weil es vor allem auf die Eltern ankommt, erreichen wir mehr Chancengerechtigkeit für Kinder aus belasteten Familien nur dann, wenn wir die Eltern mitnehmen, ihre Kompetenz stärken, anstatt ihre Kinder strukturell von ihnen zu trennen. Deshalb ist es so wichtig, dass bundesweit die frühen Hilfen ausgebaut und die verschiedenen Dienste für Familien stärker vernetzt arbeiten. In Bayern bauen wir seit 2008 unsere Familienstützpunkte und den Elterntalk flächendeckend und wohnortnah aus. Wir unterstützen 180 Erziehungsberatungsstellen. Und natürlich sorgen wir uns auch um das Wohl unserer Kleinsten. Deshalb haben wir die koordinierenden Kinderschutzstellen geschaffen. Dabei vernetzen wir alle Akteure, damit wir Missbrauch und Vernachlässigung frühzeitig erkennen und kein Kind verlorengeht. Aber bei allem, was wir tun, dürfen wird uns nie der Illusionen hingeben, dass der Staat Mutter oder Vater ersetzen kann. Denn die Familie

ist der erste und ursprünglichste Bildungsort. Wir müssen endlich wegkommen von den Zeiten, da der Staat in Familien hineinregiert und durch Weichenstellungen schlechtes Gewissen erzeugen will, Eltern noch stärker verunsichert, statt sie zu stärken, zu ermutigen, zu stützen und auf sie zu bauen. Der kluge Staat tut das, weil er weiß, er wird nie in der Lage sein, ihre Leistung zu ersetzen. Der Staat kann nur Geld, aber nicht Elternliebe geben. Wertorientierte Familienpolitik lenkt nicht, sondern ermöglicht Individualität durch den Dreiklang aus ideeller, finanzieller und struktureller Unterstützung. In diesem Verbund entsteht Raum für Vielfalt.

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CHRISTINE HADERTHAUER, MDL Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen

ANMERKUNG
1

Siehe hierzu Politische Studien, Themenheft 1/2012: Arbeit und Leben im Einklang, München 2012.

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DER MENSCH IM MITTELPUNKT – BILDUNG GANZHEITLICH DENKEN
CLAUS HIPP || Das Ziel aller Erziehung ist der gebildete Mensch, nicht nur der gut ausgebildete. | Der gebildete Mensch ist weit mehr als nur das romantische Aushängeschild der Bildungstradition des Landes der Dichter und Denker. Der gebildete Mensch ist Ausdruck eines humanen Menschenund Gesellschaftsbildes. Am deutlichsten offenbaren sich die Konturen eines solchen Verständnisses im Kontrast zur utilitaristischen Sicht des Daseins, die im Zuge der fortschreitenden Ökonomisierung unserer Arbeits- und Lebenswelt ihre vielfältigen Wirkungen zeitigt.

In der Tradition des christlichen Humanismus ist der Mensch ein soziales Wesen, Träger einer besonderen Würde, einmalig in seinem Wesen, in seinen Talenten, Fähigkeiten und Fertigkeiten. Diese Einmaligkeit zeichnet ihn aus, macht ihn zu etwas ganz Besonderem: zu einem ganz bestimmten Menschen. Seine individuelle Existenz ist ihm aber nie nur eine Gabe. Sie ist ihm immer auch Aufgabe. Der Philosoph Martin Heidegger hat das so auf den Punkt gebracht: Jedes menschliche „Da-Sein“ ist deshalb zugleich ein „Zu-Sein“. Damit will Heidegger zum Ausdruck bringen, dass Menschen keine Objekte, sondern Subjekte sind: Wesen, die auf Einwicklung hin angelegt sind, die für etwas leben und auf etwas hin orientiert sind. Mit dem Wort „Zu-Sein“ kommt damit eine neue Dimension des Daseins zum Ausdruck: die Dimension der Entwicklung, Freiheit nicht nur von etwas, sondern zu etwas. Hierin liegt der wahre und ursprüngliche Bildungsauftrag: den Menschen zur selbstverantwortlichen und selbstbestimmten Persönlichkeit zu bilden. Die utilitaristische Sicht des Daseins dagegen sieht nicht auf den Menschen im Ganzen, sondern reduziert ihn auf seine Rolle und seinen Nutzen für Wirtschaft und Gesellschaft. Der Mensch wird zu einem Träger von Funktionen für Wirtschaft und Gesellschaft. Er wird von allen transzendenten Quellen der Sinnstiftung abgeschnitten.

Unweigerlich wird er dadurch um eine wichtige Dimension seines Daseins gebracht. Er wird damit gleichsam de-humanisiert. Das Bildungsverständnis des christlichen Humanismus nimmt den Menschen als Subjekt ernst. Der Utilitarismus dagegen degradiert ihn zum Objekt. Insofern ist die Frage nach dem, was wir unter „Bildung“ verstehen, kein abgehangener Anachronismus. Sie ist vielmehr ein zeitlos aktueller Klassiker. Die Frage nach der Bildung ist eine äußerst wichtige Frage, gerade unter dem Gesichtspunkt einer nachhaltigen Gesellschaft. Wenn wir also sagen, dass unser Ziel nicht nur der gut ausgebildete, sondern eben der gebildete Mensch ist, dann legen wir ein Bekenntnis ab für ein dem Wesen des Menschen am nächsten kommendes Bildungsverständnis und damit mittelbar auch für eine humane und nachhaltige Gesellschaft. Den Menschen in dem, was er ist und sein kann, ernst nehmen, heißt deshalb ihn ganzheitlich betrachten. Der gebildete Mensch ist nämlich ein ganzheitlich gebildeter Mensch. Ganzheitlichkeit ist ein uralter und über die Zeiten hinweg bewährter Grundsatz gelingenden und gemeinwohldienlichen menschlichen Daseins. Er ist inspiriert von dem klugen Gedanken, dass das Ganze eben nicht nur, sondern mehr ist als die Summe seiner Teile.

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BILDUNG ALS EINHEIT VON KOPF, HERZ UND HAND Von diesem Gedanken lebt auch der Bildungsbegriff des Pädagogen und Sozialreformers Johann Heinrich Pestalozzis. Pestalozzi gilt heute als Wegbereiter der Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Reformpädagogik. Sein pädagogisches Wirken hat Eingang gefunden in die moderne Sozialpädagogik. Es lohnt, sich zentrale Gedanken dieses Bildungsverständnisses vor Augen zu führen – umso mehr, als die Bildungsdebatte unserer Tage sich mehr denn je auf Einzelaspekte fokussiert. Der gut ausgebildete Mensch scheint den gebildeten Menschen an den Rand zu drängen. Das ist bedauerlich, denn damit wird auch der Blick verstellt auf die ursprünglichen Belange von Kindern in diesem Land. Der Mensch, wie Pestalozzi ihn versteht, ist kein eindimensionales Wesen. Vielmehr begreift er die menschliche Existenz als natürliches, gesellschaftliches und sittliches Leben. Aufgabe der Pädagogik, insbesondere der Elementarpädagogik, ist es deshalb, alle Dimensionen menschlichen Daseins zu bilden, allen voran seine intellektuellen, seine moralischen und seine praktischen Fähigkeiten. Dieser Gedanke kommt zu voller Klarheit in Pestalozzis Dreiklang: Bildung heißt den ganzen Menschen bilden mit Kopf, Herz und Hand. Wir können diesen Dreiklang ohne Weiteres in die Sprache der modernen Entwicklungspsychologie übersetzen. Der „Kopf“ steht dann für die kognitive Entwicklung. Sie umfasst den sprachlichen Ausdruck, das formallogische, mathematische und räumliche Denken, aber auch das abstrakte Urteilsvermögen. Das Kind soll lernen, die innere und äußere Welt gedanklich in den Griff zu bekommen. Das „Herz“ symbolisiert die psychosoziale Entwicklung. Es geht um den Umgang mit Gefühlen, um moralisches Urteilen und Handeln, um Persönlichkeitsbildung. Im Mittelpunkt steht sozial positives Verhalten. Darin eingeschlossen ist auch die Ausbildung der transzendenten Dimension des Daseins. Die „Hand“ schließlich lenkt den Blick auf die Notwendigkeit, praktische Handlungskompetenzen zu erlernen und einzuüben. Es geht dabei um das Können und Tun. Die Hand steht auch für Kreativität, für all das, was man schaffen kann, und es ist für Kinder auch wichtig, den Arbeitsprozess

früh schon zu erleben – nicht als Kinderarbeit, sondern spielend. Denn richtig situiert haben Kinder große Freude daran, ihre eigene Schaffenskraft zu entfalten und zu verfeinern. Aus der modernen Entwicklungspsychologie wissen wir heute, dass das praktische Tun, das Ausprobieren, das Erleben und Überwinden von Widerständen ein ganz entscheidender Entwicklungsfaktor ist. Ich erlebe das bei meinen Enkeln. Wie Kinder heute mit den modernen Medien umgehen, ist bei allen Gefahren dennoch beeindruckend. Sie erlenen dabei wichtige Kompetenzen, die sie auch später brauchen können. Pestalozzi erkannte schnell, dass das Fundament für die Entwicklung der Persönlichkeit des Kindes früh gelegt wird, dass es – wiederum modern gesprochen – auf die sensiblen Phasen, auf die frühen Entwicklungsfenster ankommt. Das war zu Zeiten Pestalozzis ein Novum. Für den pädagogischen Dreiklang entscheidend ist daher ein deutlicher Fokus auf die Elementarbildung. Bildung besteht deshalb wesentlich darin, die individuellen Anlagen und Talente des Kindes zu entwickeln. Entwicklung meint dabei Entfaltung im ursprünglichsten Sinn des Wortes. Erziehung und Bildung haben diesen Entfaltungsprozess anzustoßen, zu begleiten und voranzutreiben. Die pädagogische Arbeit mit dem Kind vermittelt so zwischen der natürlichen Entwicklung des Kindes und den Regeln, Anforderungen und Erwartungen menschlichen Zusammenlebens, zwischen Natur und Kultur. Dieser ganzheitliche Entwicklungsansatz macht Pestalozzi gleichsam zum „Symbol der Aufklärungspädagogik“1, zum „Begründer der modernen Sozialpädagogik“2. Sein Bildungsverständnis lebt heute fort in der Pädagogik Maria Motessoris mit ihrem zeitlos gültigen Credo „Hilf mir, es selbst zu tun“. BINDUNG ALS BASIS VON BILDUNG Bildung ganzheitlich denken, heißt auch Raum für Entwicklung, für die Basis von Bildung zu lassen und zu geben. Und die Basis für alle kognitive, emotionale und psychosoziale Entwicklung ist eine sichere Bindung. So gesehen stimmt die etwas platt anmutende Formel, dass Bindung die Basis von Bildung ist. Denn Bindung ist der entscheidende Baustein der Persönlichkeitsentwicklung. Auf diesen Umstand hat am deutlichsten

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DER MENSCH IM MITTELPUNKT – BILDUNG GANZHEITLICH DENKEN

die Bindungstheorie hingewiesen. Die Bindungstheorie wurde in den 50er- und 60er-Jahren von dem englischen Kinderpsychiater und Psychoanalytiker John Bowlby und Mary Ainsworth entwickelt. Sie versteht sich als eine Synthese von Psychoanalyse und Verhaltensforschung. Demnach verfügt jeder Mensch von Geburt an über zwei nicht aufeinander reduzierbare Verhaltenssysteme: das Bindungsverhalten und Explorationsverhalten. Beide Systeme sichern das Überleben. Ohne Bindung ist der anfangs hilflose Säugling schutzlos seiner Umwelt ausgeliefert. Ohne Exploration gibt es keine Interaktion. Denn über das Explorationsverhalten erkundet der Säugling seine soziale und physische Umwelt. Damit ihm das möglich ist, braucht er Sicherheit. Und Sicherheit bekommt er durch Bindung. Nur wenn Bindung gelingt, kann das Kind mit seiner Umwelt sicher interagieren. Beide Verhaltenssysteme machen ihn überlebensfähig. Die Bindungstheorie geht davon aus, dass dieses angeborene Bedürfnis den Säugling beständig dazu anhält, in bindungsrelevanten Situationen die Nähe, die Zuwendung und den Schutz einer vertrauten Person zu suchen. Dazu baut er im ersten und zweiten Lebensjahr ein interaktives Bindungssystem zu einer verlässlichen und vertrauten Bezugsperson auf. Erst wenn das Bindungsbedürfnis durch eine sichere emotionale Basis befriedigt ist, wird Explorationsverhalten möglich. Dieser Drang, die Umwelt zu erkunden, ist antithetisch zum Bindungsverhalten und nimmt im Alter von ca. zwei Jahren deutlich zu. Die Bindungstheorie hat Pionierarbeit für die heutige Tiefenpsychologie und die Psychotherapie von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen geleistet. Sie legt dar, dass sich in den ersten beiden Lebensjahren Bindungsmuster ausbilden, die das Sozialverhalten des Menschen ein Leben lang bestimmen. BILDUNG ALS GESAMTGESELLSCHAFTLICHER AUFTRAG Vor diesem Hintergrund ist Bildung ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag. Es genügt eben nicht, sich auf die Ausbildung einzelner Kompetenzen des Menschen zu beschränken, so wichtig jede für sich für unsere moderne Lebens- und Arbeitswelt auch sein mag. Wir müssen Bildung ganzheitlich denken und ganzheitlich heißt, das

ganze Leben des Menschen in den Blick nehmen. Besonderen Wert müssen wir natürlich – ganz im Sinne Pestalozzis – gerade auch auf die ersten Lebensjahre legen. Wir müssen dazu Modelle entwickeln, damit Bildung als Bildung von Kopf, Herz und Hand gelingen kann. Es geht dabei also um mehr als nur um Bildungspläne für eine solide Berufsausbildung und gute Abschlüsse, so wichtig beides für die individuelle Erwerbsbiographie und die Volkswirtschaft im Ganzen ist. Deshalb sind auch alle Akteure unseres Gemeinwesens gefragt und gefordert: die Wissenschaft, die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaft im Ganzen. Die Aufgabe, vor der wir stehen, ist die Entwicklung ganzheitlicher, kreativer und flexibler Modelle zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das ist auch eine Bildungsfrage. Denn die Familie ist ein wichtiger, wenngleich gern vergessener Bildungsort. Sie ist der Urgrund des Sozialen. Hier, in der Familie, lernen wir, was wir sind: soziale Wesen. Hier, in der Familie, erleben wir, was Gemeinschaft ist: soziales Leben mit Geben und Nehmen. Hier, in der Familie, lernen wir, was Solidarität ist: für einander Einstehen über die Generationen hinaus, aber auch der humane Umgang mit Schwächen und Behinderungen. Hier, in der Familie, bilden sich alle grundlegenden Fähigkeiten und Fertigkeiten des Menschen aus: Exploration und Bindung, Kognition und Emotion, Empathie und Mitgefühl, Identität und Wertbewusstsein, moralisches Urteilen und Handeln, das Vertrauen auf das eigene Können und das Übernehmen von Verantwortung füreinander, sich Freiheit zutrauen und einander Sicherheit geben. Hier, in der Familie, werden Werte und Tugenden grundgelegt und gelebt, entwickelt und gepflegt: Rücksichtnahme und Toleranz, Liebe und Geborgenheit, gegenseitige Hilfe und Verzeihen, Gerechtigkeit im Umgang miteinander. Hier, in der Familie, bekommen junge Menschen das, was man Daseinskompetenz nennt: praktische Lebensbewältigung, Werthaltungen und Liebesfähigkeit, Urteilsvermögen und Grundvertrauen. Ganzheitlichkeit für Familie heißt Wahlfreiheit und Flexibilität. Flexibilität ist dabei ein durchaus ambivalenter Begriff. Flexibilität kann Familien bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf helfen, aber auch behindern. Eine Vierundzwanzig-Stunden-Verfügbarkeit sieben Tage die

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Woche ist sozialpolitisch unfair und ökonomisch sinnlos. Was wir brauchen, ist eine an der Sache orientierte Flexibilität. Und da gibt es viele Möglichkeiten. In meinem Unternehmen etwa haben wir Strukturen geschaffen für eine gute und alltagstaugliche Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Meine Sekretärin hat Kinder. Sie hat einen halben Tag Präsenz im Büro. Arbeiten, die nicht an den Arbeitsplatz im Büro gebunden sind, macht sie von zuhause. Für viele Tätigkeiten genügen ein Computer, eine schnelle Internetverbindung und ein Telefon zuhause. Für mich spielt es keine Rolle, wo ein Brief geschrieben wird, sondern dass er gut und termingerecht geschrieben ist. Das meine ich mit Orientierung an der Sache: soviel Präsenz wie nötig, soviel eigenverantwortliches Zeitmanagement wie möglich. Die Telearbeit bietet dafür ganz ausgezeichnete und bislang zu wenig genutzte Möglichkeiten. Wir sollten den neuen technischen Möglichkeiten aufgeschlossen gegenübertreten und sie nutzen für eine an der Sache orientierten Flexibilität. Das hilf beiden: den Mitarbeitern und den Unternehmen. Ein modernes Verständnis der Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist aber längst mehr als eine Gleichung mit nur zwei Variablen. Es geht nicht nur um das Mit- und Gegeneinander von Arbeiten und Leben, wie der Ausdruck nahelegt, sondern um einen ganzheitlichen Ansatz mit vielen Variablen: Es geht um die Integration von Erziehung und Ausbildung, von Erwerbs- und Familienarbeit, von Kindererziehung und Pflege, von Bildung, lebenslangem Lernen und bürgerschaftlichem Engagement im individuellen Lebensentwurf. Weil wir nicht alles gleichzeitig machen können und wollen, brauchen wir dazu ein stärkeres Bewusstsein für modulare Lebensläufe. Das bedeutet, wir müssen bessere gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen schaffen für eine partnerschaftliche Aufgabenverteilung zwischen Frau und Mann in der Familie. Die Zukunft liegt in gemeinsam getragener Verantwortung für Familie. Familienarbeit umfasst dabei buchstäblich das ganze Leben: von der Kindererziehung bis zur Pflege naher Angehöriger. Und schließlich brauchen wir ein neues Bewusstsein für den Wert des lebenslangen Lernens und des gelebten Engagements. Auch das bildet. Deshalb muss dafür Raum und Zeit sein.

Unsere Gesellschaft ist im Umbruch. Wir werden älter und weniger. Bildung, Arbeit und Leben ganzheitlich denken ist der Schlüssel, um diesen Wandel zu gestalten. Eine gesunde demographische Entwicklung ist die Voraussetzung für eine konfliktarme Zukunft.

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PROF. DR. CLAUS HIPP Unternehmer und Landwirt, Pfaffenhofen; Ehrenpräsident der Industrie- und Handelskammer München und Oberbayern

ANMERKUNGEN
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2

Tenorth, Heinz-Elmar: Geschichte der Erziehung. Einführung in die Grundzüge ihrer neuzeitlichen Entwicklung, Weinheim, 4. erw. Aufl., 2008, S. 94. Niemeyer, Christian: Klassiker der Sozialpädagogik. Einführung in die Theoriegeschichte einer Wissenschaft, Weinheim, 2. überarb. und erw. Aufl., 2005, S. 20.

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VON DER ELTERN-KIND-BINDUNG ZUR ERZIEHERIN-KIND-BEZIEHUNG
FABIENNE BECKER-STOLL || Damit ein Kind die Bildungsangebote in der Kindertageseinrichtung | nutzen kann, benötigt es auch dort eine sichere emotionale Basis. Kinder brauchen im Kontext der außerfamiliären Betreuung eine feste Bezugsperson, von der aus sie explorieren können. Voraussetzung dafür ist eine behutsame Eingewöhnung, die gemeinsam mit den Eltern geplant und durchgeführt wird.

BINDUNG UND EXPLORATION GEHÖREN ZUSAMMEN John Bowlby, der Begründer der Bindungstheorie, ging als Erster von der Annahme aus, dass der Mensch von Geburt an mit zwei grundlegenden Verhaltenssystemen ausgestattet ist, die sein Überleben und das seiner Art sichern.1 Diese beiden Verhaltenssysteme sind das Bindungsverhaltenssystem und das Explorationsverhaltenssystem. Das erste System ermöglicht es dem Kind von Geburt an, Bindungsverhalten gegenüber einer oder einigen wenigen Personen zu zeigen. Dabei ist das Kind aktiv und hat die Initiative bei der Bildung von Bindung. Es bindet sich nicht nur an die Bezugsperson, die es füttert und seine leiblichen Bedürfnisse befriedigt, sondern auch an andere Personen, die mit ihm spielen und interagieren.2 In den ersten Lebensmonaten zeigen Säuglinge einfach strukturierte Verhaltensmuster wie Weinen, Nähesuchen und Anklammern. Das Bindungsverhalten wird im Laufe des ersten Lebensjahres zunehmend komplexer. Durch Fremdheit, Unwohlsein oder Angst wird das Bindungssystem ausgelöst, und die Erregung wird durch Wahrnehmung der Bindungsperson – durch Nähe, liebevollen Körperkontakt und Interaktion mit ihr – beendet. Die meisten Kinder entwickeln in den ersten neun Lebensmonaten Bindungen gegenüber Personen, die sich dauer-

haft um sie kümmern. Auch wenn das Kind zu mehreren Personen Bindungsbeziehungen entwickelt, sind diese eindeutig hierarchisch geordnet: Das Kind bevorzugt eine Bindungsperson vor den anderen. Hat ein Kind eine Bindung zu einer bestimmten Person aufgebaut, kann diese nicht ausgetauscht werden. Längere Trennungen oder gar der Verlust dieser Bindungsfigur führen zu schweren Trauerreaktionen und großem seelischen Leid. Neben dem Bindungsverhaltenssystem gibt es ein komplementäres Explorationsverhaltenssystem, das die Grundlage für die Erkundung der Umwelt bietet. Explorationsverhalten ist jede Form der Auseinandersetzung mit der Umwelt und damit die verhaltensbiologische Grundlage von Lernen. Die Erkundung der Umwelt ist Voraussetzung für das Überleben, weil nur durch eine aktive Auseinandersetzung mit der Umwelt Gefahren erkannt und Nahrungsquellen gefunden werden können. Bowlby hat als Erster das Explorationsverhaltenssystem mit dem Bindungsverhaltenssystem in Zusammenhang gebracht. Er erklärte, dass das Kind von Geburt an mit beiden Verhaltenssystemen ausgestattet ist, die jeweils durch Mangel aktiviert und durch Sättigung beruhigt werden. Beide Systeme sind komplementär und interdependent. Wenn das Bindungsverhaltenssystem aktiviert wird, dann kann das Explorationssystem nicht aktiviert werden.

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Ein Kind kann also nur dann Explorationsverhalten zeigen – sich z. B. für neues Spielzeug interessieren –, wenn sein Bindungsverhaltenssystem beruhigt ist. Hat das Baby zu einer Person eine Bindung aufgebaut, kann es von dieser aus seine Umwelt erkunden. Kommt das Kind dann bei seinen Erkundungsversuchen in eine Überforderungssituation (Erschrecken, Angst, Müdigkeit, Schmerz, Hunger, Unwohlsein), wird sein Bindungsverhalten aktiviert und es wird zur „sicheren Basis“ der Bindungsperson zurückkehren. Dort gewinnt das Kind, meist über Körperkontakt, seine emotionale Sicherheit wieder. Das Bindungsverhaltenssystem beruhigt sich und das Explorationsverhaltenssystem wird wieder aktiviert, sodass das Kind sich von seiner „sicheren Basis“ lösen und der Erkundung der Umwelt zuwenden kann. Wie flexibel das Kind die Balance zwischen diesen beiden Verhaltenssystemen gestalten kann und wie bedürfnis- und situationsangemessen es sich dabei verhält, hängt stark von den elterlichen Reaktionen auf das kindliche Verhalten ab. VERHALTEN DES KINDES GEGENÜBER DER BINDUNGSPERSON Beim Kind kann eine Reihe von Verhaltensmustern beobachtet werden, die Ausdruck für seine Bindung an eine bestimmte Person (meist die Mutter) sind.3 Die Signale des Kindes und seine Orientierung oder Bewegung dienen dazu, die Nähe zu ihr herzustellen. Dazu gehört das differenzierende Weinen: Das Baby weint, wenn es von jemandem anderen gehalten wird, und hört sofort damit auf, sobald es die Mutter aufnimmt. Das differenzierende Lächeln und Vokalisieren bedeutet, dass das Baby diese Signale in der Interaktion mit der Mutter deutlich mehr sendet als im Kontakt zu anderen Personen. Schließlich gehört auch das Weinen dazu, wenn die Mutter weggeht. Ist das Baby nicht bei der Mutter, befindet sich aber in ihrem Gesichtsfeld, kann die visuell-motorische Orientierung in Richtung der Mutter beobachtet werden. Jede Annäherung – Hinbewegen, Nachfolgen, Klammern – sind ebenfalls Ausdruck von Bindungsverhalten. Dasselbe gilt für das Begrüßungsverhalten nach einer Trennung von der Bindungsperson – gerichtetes Anlächeln, die Arme zum Grüßen heben, in die Hände klatschen und freudige Laute äußern.

BINDUNGSENTWICKLUNG IM ERSTEN LEBENSJAHR Die meisten Kinder entwickeln in den ersten neun Lebensmonaten Bindungen gegenüber Personen, die sich dauerhaft um sie kümmern. Die Bindung entwickelt sich in vier Phasen, die sich teilweise überlappen und fließende Übergänge aufweisen:4 Erste Phase der „vorbereitenden Anhänglichkeit“ (0-3 Monate): Das Baby zeigt Orientierung und Signale ohne Unterscheidung der Person und unterschiedslose Ansprechbarkeit auf alle Personen. Zweite Phase der „entstehenden Bindung“ (3-6 Monate): Das Baby zeigt Orientierung und Signale, die sich auf eine oder mehrere besondere Person(en) richten, und differenzierende Ansprechbarkeit auf die Mutter, wobei die Ansprechbarkeit auf andere Personen fortbesteht. Dritte Phase der „ausgeprägten Bindung“ (612 Monate): Das Baby versucht die Nähe zu bestimmten Personen durch Fortbewegung, Signale und Kommunikation aufrechtzuerhalten. Es zeigt jetzt eine scharf definierte Bindung an die Mutter mit auffallender Verminderung der Freundlichkeit gegenüber anderen Personen. Vierte Phase der „zielkorrigierten Partnerschaft“ (12-36 Monate): In dieser Phase entwickelt das Kind die Fähigkeit, Ziele und Pläne einer anderen Person zu verstehen und von den eigenen zu unterschieden. Das Kind versucht, Pläne und Absichten der Partner durch „zielkorrigiertes" Verhalten mit den eigenen in Einklang zu bringen. BINDUNGSENTWICKLUNG UND „FREMDELN“ Schon während der dritten Phase (6-12 Monate) können Bindungen an eine oder mehrere bekannte Personen über die Mutter hinaus beobachtet werden. Babys, die an die Pflege durch eine andere Person als die Mutter gewöhnt sind, verlieren die Toleranz gegenüber einer solchen Pflege nie vollständig, obwohl sie vielleicht anfänglich gegen den Weggang der Mutter protestieren. Sehr kurz nachdem das Baby eine klare Bindung an die Mutter zeigt, beginnt es vor allem durch Grußreaktionen eine Bindung an andere Personen, oftmals an den Vater, zu zeigen. Nachdem Unterscheidungsfähigkeit und Bindung an andere Figuren als die Mutter auftreten, zeigen

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VON DER ELTERN-KIND-BINDUNG ZUR ERZIEHERIN-KIND-BEZIEHUNG

manche Babys Angst vor Fremden. Die Beobachtungen von Mary Ainsworth legen nahe, dass die Bindung an andere Personen meist sehr schnell auf die Bindung an die Mutter folgt – vorausgesetzt, das Kind hat Gelegenheiten, mit anderen Personen außer seiner Mutter zu interagieren. Bereits kurz nachdem das Kind eine spezifische Bindung an seine Mutter entwickelt, fängt es an, seine Fähigkeit zur Bindung auf andere Personen auszudehnen – auf den Vater, auf andere Erwachsene oder auf ältere Geschwister. Zur gleichen Zeit, in der die Bindung an die Mutter in Tiefe und Stärke wächst, wird die generelle Fähigkeit zur Bindung umfassender.5 Auch wenn das Kind zu mehreren Personen Bindungsbeziehungen entwickelt, sind diese eindeutig hierarchisch geordnet, d. h. das Kind bevorzugt meist eindeutig eine Bindungsperson vor den anderen. FEINFÜHLIGKEIT ALS VORAUSSETZUNG FÜR SICHERE BINDUNGEN Während das kindliche Verhalten durch das Bindungs- und Explorationssystem gesteuert ist, wird das elterliche Verhalten gegenüber dem Kind durch das Pflegeverhaltenssystem beeinflusst. Wie Eltern auf die Bindungs- und Explorationsbedürfnisse ihres Kindes reagieren, ist sehr unterschiedlich und hängt weitgehend mit ihren eigenen Kindheitserfahrungen zusammen. Das mütterliche Antwortverhalten kann als Feinfühligkeit beschrieben werden.6 Feinfühligkeit von Bindungspersonen gegenüber den Signalen des Kindes bedeutet, sich in seine Lage versetzen zu können und es als eigenständige Person mit eigenen Bedürfnissen und Absichten anzuerkennen. Feinfühliges Verhalten gegenüber einem Kleinkind ist die Voraussetzung für den Aufbau einer emotional vertrauensvollen und tragfähigen Beziehung und beinhaltet, die Signale des Kindes wahrzunehmen, richtig zu interpretieren und prompt sowie angemessen darauf zu reagieren. Kinder fordern die Feinfühligkeit ihrer Eltern in unterschiedlicher Weise heraus: Schon Neugeborene unterscheiden sich deutlich in ihrer Fähigkeit, sich zu orientieren und zu regulieren. Während manche Babys schnell herausfinden, wie sie saugen müssen, um Nahrung aufzunehmen, brauchen andere viel Unterstützung und Anleitung, bis es mit dem Stillen klappt. Einige Neugeborene lassen sich auch durch unange-

nehme Reize und laute Geräusche nicht aus der Ruhe bringen, während andere dadurch in großen Stress geraten und sich nur durch ausgiebiges Trösten und Besänftigen wieder beruhigen lassen. Für diese offensichtlichen Temperamentsunterschiede gibt es eine Vielzahl an zusammenwirkenden Erklärungen, die sowohl in der Veranlagung des Kindes als auch im Verlauf der Schwangerschaft und Geburt liegen können.7 Diese unterschiedlichen Verhaltensdispositionen wirken sich auch auf die Bindungsentwicklung aus. Kinder, die schon als Neugeborene leicht irritierbar und wenig orientierungsfähig sind, entwickeln eher unsichere Bindungen an ihre Eltern. Bekommen die Eltern von sehr irritierbaren Kindern Unterstützung in Form eines Feinfühligkeitstrainings, erhöht sich langfristig nicht nur ihre Feinfühligkeit, sondern auch die Wahrscheinlichkeit einer sicheren Bindung.8 Die väterliche Feinfühligkeit spielt für eine sichere Exploration eine ebenso bedeutende Rolle wie die mütterliche Feinfühligkeit für eine sichere Bindungsorganisation.9 Das Konzept der „feinfühligen Herausforderung im Spiel“ geht davon aus, dass der erwachsene Spielpartner in seiner Interaktion mit dem Kind nicht nur feinfühlig auf die Bindungsbedürfnisse des Kindes eingeht, sondern ebenso dessen Neugier, Exploration und Tüchtigkeit unterstützt und fördert. Feinfühlige Unterstützung kindlicher Exploration ist der Bereich, von dem aus sich väterliche Einflüsse auf zentrale Aspekte der sozial-emotionalen und Bindungsentwicklung über Zeiträume bis zum 22. Lebensjahr entfalten. Eine gesunde Entwicklung benötigt sowohl die Sicherheit der Bindung als auch die Sicherheit der Exploration. VON DER ELTERN-KIND-BINDUNG ZUR ERZIEHERIN-KIND-BEZIEHUNG Eine individuelle Eingewöhnung, in der die Eltern, das Kind und die Erzieherin den Übergang gemeinsam gestalten und bewältigen, ist die Voraussetzung für die Erzieherin-Kind-Beziehung. Darüber hinaus tragen auch die anderen Kinder in der Einrichtung zur Übergangsbewältigung bei. Wurden die Kinder früher am ersten Tag in der Einrichtung einfach abgegeben, so wird heute die Gestaltung der Eingewöhnung als entscheidend für die weitere „Karriere des Kindes in

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außerfamiliärer Betreuung“ betrachtet. Die Eingewöhnung ist ein Qualitätsstandard und wird über einen Zeitraum von mindestens vier Wochen elternbegleitet, bezugspersonenorientiert und abschiedsbewusst durchgeführt.10 Elternbegleitet heißt, dass das Kind in Anwesenheit und Begleitung seiner wichtigsten Bezugsperson die fremde Umgebung der Kindertageseinrichtung und seine Bezugserzieherin kennenlernen kann. Mutter oder Vater dienen dem Kind als sichere emotionale Basis, von der aus es dieses neue Umfeld erkunden kann. Die Bezugserzieherin widmet sich in dieser Eingewöhnungsphase ganz dem neuen Kind und versucht eine vertrauensvolle Beziehung zu ihm aufzubauen. So kann sie selbst zu einer sicheren Basis für das Kind werden. Es gibt einen klaren Abschied, zu dem bald das verinnerlichte Vertrauen auf die Rückkehr der Mutter oder des Vaters gehört. Ziel einer behutsamen Eingewöhnung ist es, dass das Kind – ausgehend von der sicheren Basis seiner primären Bindungsfigur – die zunächst fremde Umgebung der Kindetageseinrichtung kennenlernen und zu seiner Bezugserzieherin Vertrauen fassen kann. Ein deutliches Anzeichen von gelungener Eingewöhnung ist, wenn das Kind aktiv bei seiner Erzieherin Trost sucht und findet.11 Auch im Gruppengeschehen kann beobachtet werden, wie sich Kleinkinder in misslichen und belastenden Situationen ihren Betreuungspersonen zuwenden, um sich trösten zu lassen und Sicherheit zu gewinnen. Diese Beziehungen können als Erzieherin-Kind-Bindungen gelten. Erzieherin-Kind-Bindungen sind aber weder durch die Qualität der Mutter-Kind-Bindung festgelegt noch können sie die Beziehung zur Mutter ersetzen. Sie scheinen funktionell zunächst auf die Betreuungssituationen in der Krippe beschränkt zu bleiben. Sichere Erzieherin-Kind-Bindungen entstehen in Kindergruppen, in denen die Gruppenatmosphäre durch ein empathisches Erzieherverhalten bestimmt wird, das gruppenbezogen ausgerichtet ist und die Dynamik in der Gruppensituation reguliert. Dieses Erzieherverhalten bildet sich insbesondere in kleinen und stabilen Gruppen aus.12 Hat das Kind zu seiner Bezugserzieherin eine Beziehung oder sogar eine Bindungsbeziehung aufgebaut, bevorzugt es sie vor anderen Betreu-

ungspersonen in der Kindertageseinrichtung. Es sucht die Nähe der Bezugserzieherin und kann bei ihr Sicherheit finden. Damit hat das Kind ein lang anhaltendes, gefühlsmäßiges Band aufgebaut und kann durch den plötzlichen Verlust dieser Bezugsperson sehr belastet werden. Längere Trennungen durch Krankheit, Urlaub, Mutterschaft – vor allem endgültige Trennungen durch Arbeitsplatzwechsel der Erzieherin – stellen für das Kind eine große emotionale Belastung dar. Ein wiederholter Verlust von Bezugspersonen kann die Bereitschaft des Kindes, eine vertrauensvolle Beziehung zu einer Erzieherin aufzubauen, stark beeinträchtigen. Sowohl für das Kind als auch für seine Bezugserzieherin ist ein bewusster und feinfühliger Umgang mit Trennungen und Abschieden wichtig. Genauso, wie der Übergang von der Familie in die Kindertageseinrichtung geplant und gestaltet wird, sollte auch der Abschied beim Übergang von der Krippe in den Kindergarten gemeinsam geplant und bewusst begangen werden. Ein gelungener Abschied ermöglicht dem Kind die Aufnahme neuer Beziehungen. Die Erzieherin kann sich für die nachrückenden Kinder öffnen und auf die kommenden Beziehungen einlassen.13

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PROF. DR. FABIENNE BECKER-STOLL Direktorin des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP), München

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STRESS – DAS UNTERSCHÄTZTE PROBLEM FRÜHKINDLICHER BETREUUNG
RAINER BÖHM || Frühkindliche Bildung und Betreuung heißt ein Zauberwort der derzeitigen | deutschen Sozial- und Familienpolitik. Dass fast alle Parteien des politischen Spektrums dieses Ziel in seltener Einmütigkeit verfolgen, ist erstaunlich und sollte durchaus zu Skepsis Anlass geben. Neue Ergebnisse der Entwicklungspsychologie und der Neurowissenschaften zeigen, dass kritische Wachsamkeit dringend geboten ist.

FRÜHE BETREUUNG UND KINDERMEDIZIN Warum sollte sich ein Kinderarzt, speziell mit der Fachrichtung Kinderneurologie, mit Fragen der frühen Betreuung und Bildung von Kindern befassen? Dieser Bereich ist insbesondere in Deutschland seit jeher eine fast ausschließliche Domäne der Pädagogik gewesen. Anders ist dies z. B. in den USA. Hier beschäftigen sich pädiatrische Fachgesellschaften schon seit Jahrzehnten mit Kinderbetreuungsaspekten, insbesondere aus der Perspektive des öffentlichen Gesundheitsdienstes. Bei uns beklagten Autoren in der „Monatsschrift Kinderheilkunde“, dem offiziellen Organ der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin: „Es gibt keinen einzigen Artikel, der systematisch Daten zum Thema Krippen und Gesundheit in Deutschland in einer Peerreviewed-Zeitschrift publiziert hat und eine datengestützte Antwort gibt auf die Frage, inwieweit mit der Kinderbetreuung in einer Krippe erhöhte (oder auch verminderte) gesundheitliche Risiken verbunden sind.“ Ferner wird im gleichen Beitrag festgehalten: „Die Rolle der Kinderbetreuung kann insgesamt allerdings nicht sachgerecht bewertet werden, ohne auch psychosoziale Faktoren sowie mögliche Risiken und Vorteile für die soziale, mentale und kognitive Persönlichkeitsentwicklung einzubeziehen.“1

Es ist also in der Pädiatrie zumindest ein Bewusstsein dafür entstanden, dass hier ein Zuständigkeitsfeld der Kindermedizin weitgehend brachliegt und dass Bedarf an medizinischer Forschung und Bewertung besteht. Und es wird festgehalten, dass es dabei nicht nur um somatische, sondern auch um psychische, soziale und Persönlichkeitsaspekte geht, also um Fragen der seelischen Gesundheit. Eine erste Übersichtsarbeit, die auch den letztgenannten Bereich beinhaltete, wurde 2011 publiziert.2 ENTWICKLUNG UND VERHALTEN NACH KRIPPENBETREUUNG Wie ist nun die derzeitige Datenlage zur sozialen und kognitiven Entwicklung bei der außerfamiliären Betreuung Unter-3-jähriger Kinder? In Deutschland besteht hier auch in der pädagogischen und psychologischen wissenschaftlichen Literatur ein erhebliches Erkenntnisdefizit. Aber auch international waren die Forschungsdaten bis in die 1990er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts hinein unbefriedigend. Der Verhaltensbiologe und Bildungsforscher Joachim Bensel stellte 1994 fest, dass „die internationalen Krippenstudien, auf die immer wieder verwiesen wird, methodische Schwächen aufweisen, ihre Ergebnisse zeigen nicht in die gleiche Richtung, und sie sind selten zu verallgemeinern, da die Rahmenbedingungen nur mangelhaft er-

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fasst wurden“. Die Datenlage könne „eine bedenkenlose Befürwortung der Krippenbetreuung nicht unterstützen“.3 Dieses Forschungsdefizit wurde von Entwicklungspsychologen in den USA zum Anlass genommen, eine Großstudie in Angriff zu nehmen, die mehr Klarheit in den widersprüchlichen Datensumpf zur frühen Betreuung bringen sollte. Unter Federführung des National Institute of Child Health and Development (NICHD) wurden mehr als 1.300 Neugeborene und ihre Familien rekrutiert und der Entwicklungsverlauf der Kinder bis zum 15. Lebensjahr regelmäßig und detailliert gemessen. Dabei wurde größter Wert darauf gelegt, auch die bereits benannten Rahmenbedingungen exakt zu erfassen, z. B. Bildungsniveau, Familienstand und sozioökonomischen Status der Eltern, Eltern-Kind-Interaktion, Art und Umfang von Betreuungsarrangements sowie Struktur- und Prozessqualität der Betreuungseinrichtungen. Diese sogenannte „multivariate Analyse“ ist wissenschaftlich unumgänglich, wenn man einen „Netto-Effekt“ feststellen will, also die Auswirkungen, die allein auf den Faktor „frühe außerfamiliäre Betreuung“ zurückzuführen sind. Die Fülle der NICHD-Daten, die heute als Gold-Standard der Betreuungsforschung gelten, lässt sich auf drei wesentliche Erkenntnisse kondensieren: − Höhere Betreuungsqualität führt zu etwas besseren kognitiven Leistungen. − Die Dauer früher Betreuung ist linear mit einer Zunahme aggressiven und impulsiven Verhaltens verbunden, und zwar unabhängig von der Betreuungsqualität(!) und insbesondere in Krippen. (Beide Effekte halten bis zum 15. Lebensjahr an, scheinen also längerfristig „programmiert“ zu werden.) − Die Effekte elterlicher Erziehung sind wesentlich stärker als jene außerfamiliärer Betreuung. Aus diesen Resultaten leitete das Autorenkollektiv drei unmittelbar plausible Grundsatzforderungen ab: − Die Qualität frühkindlicher Betreuung muss hoch sein. − Die Dauer frühkindlicher Betreuung sollte niedrig sein. − Elterliche Erziehung sollte besonders unterstützt und gefördert werden.4 International,

besonders aber auch in Deutschland, wird derzeit praktisch ausschließlich die erste Forderung debattiert (deren Umsetzung in weiter Ferne liegt), während hinsichtlich der zweiten und dritten Forderung weitgehendes Stillschweigen herrscht. FAMILIÄRE EFFEKTE FRÜHER BETREUUNG Interessant und wichtig ist in diesem Zusammenhang die Frage, wie sich eigentlich die Kombination von vermehrter elterlicher Berufstätigkeit und außerfamiliärer Betreuung auf die elterliche Gesundheit, das Erziehungsverhalten und die familiäre Situation insgesamt auswirkt. Hier wurde ja von der deutschen Familienpolitik postuliert, dass an ihre Kinder gefesselte und dadurch depressive Eltern (speziell Mütter) durch frühere und längere Berufstätigkeit „geheilt“ werden könnten. Zu dieser Frage gibt es eine exzellente Studie, die in Kanada gemeinsam von Ökonomen und Medizinern durchgeführt wurde. Im Bundesstaat Quebec wurde dort in den 1990er-Jahren ein umfassendes, hochsubventioniertes und qualitätskontrolliertes Betreuungsprogramm aufgelegt, das zu einer erheblichen Zunahme mütterlicher Berufstätigkeit führte. Die Effekte auf Familien wurden im Rahmen einer laufenden, national repräsentativen Längsschnittstudie erfasst (NLSCY), in der ein Vergleich zu den anderen kanadischen Bundesstaaten gezogen wurde, die kein vergleichbares Betreuungsprogramm eingeführt hatten. Die Ergebnisse waren mehr als ernüchternd. Bei den Kindern in Quebec zeigten sich eine Zunahme von Hyperaktivität, Unaufmerksamkeit, Aggressivität, eine Verschlechterung sozialer und motorischer Kompetenzen und eine Verschlechterung des Gesundheitszustands, hauptsächlich in Form vermehrter Infektionserkrankungen. Auf Elternseite zeigten sich eine Verschlechterung aller Eltern-Kind-Interaktionsparameter, u. a. eine Zunahme feindseliger und inkonsistenter Erziehung, eine schlechtere elterliche psychische Gesundheit (u. a. vermehrte(!) mütterliche Depression) und eine geringere Beziehungszufriedenheit der Frauen. Noch nicht einmal ökonomisch zahlte sich das Programm aus: Die Kosten des Programms lagen über dem zusätzlich erzielten Steueraufkommen.5

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STRESS – DAS UNTERSCHÄTZTE PROBLEM FRÜHKINDLICHER BETREUUNG

ERGEBNISSE DER STRESSFORSCHUNG Mittlerweile werden die bisher aufgeführten Ergebnisse von einem anderen Forschungsansatz in den Hintergrund gedrängt, der ein noch kritischeres Bild frühkindlicher Krippenbetreuung zeichnet, nämlich der Stressforschung. Seit sich das wichtigste menschliche Stresshormon, Cortisol, einfach und zuverlässig aus Speichelproben messen lässt, haben sich zahlreiche Studien mit der Stressbelastung kleiner Kinder in außerfamiliärer Betreuung befasst. Das normale, physiologische Tagesprofil von Cortisol etabliert sich beim Menschen bereits innerhalb der ersten Lebensmonate. Es zeigt einen Anstieg zum Morgen hin mit einem Maximum etwa 30 Minuten nach dem Aufwachen (awakening response). Dann kommt es zunächst zu einem steilen Abfall über wenige Stunden, gefolgt von einem langsamen Absinken bis in die Nacht hinein. Bei erwerbstätigen Erwachsenen liegen die Werte der awakening response an Werktagen bis zu 50 Prozent höher als an arbeitsfreien Tagen, bewegen sich aber bereits am späten Vormittag wieder in einen identischen Bereich. Dieser erhöhte Morgen-Peak des Cortisol antizipiert die erhöhten Belastungen, die im Rahmen eines durchschnittlichen Arbeitstags zu erwarten sind. Die erste Studie zum Cortisol-Tagesprofil von Krippenkindern wurde Ende der 1990er-Jahre in den USA durchgeführt. Zur Überraschung der Autoren fand sich trotz hoher Betreuungsqualität bei der Mehrheit der Kinder ein kontinuierlicher Anstieg des Cortisol zum Nachmittag hin, mithin eine Umkehrung des normalen Verlaufs und der Nachweis einer chronischen Stressbelastung. Diese Ergebnisse konnten auch in einer späteren Meta-Analyse bestätigt werden6 und zeigen, dass die Stressbelastung für ein ganztags betreutes Krippenkind durchschnittlich deutlich höher liegt als für einen erwerbstätigen Erwachsenen.7 Eine einfache Definition besagt: „Stress liegt dann vor, wenn die Anforderungen die Bewältigungsmöglichkeiten überschreiten.“ Biologisch ist das Cortisol-Stresssystem auf die Bewältigung von Notfall-Situationen ausgelegt. Eine chronische Aktivierung (sozusagen der Dauernotfall) führt zu vielfältigen gesundheitlichen Störungen. Infektionen, Kopfschmerzen, Neurodermitis – allesamt bei früher Tagesbetreuung vermehrt

auftretend – sind mit hoher Wahrscheinlichkeit auf diese Ursache zurückzuführen. Kritisch sind auch die Auswirkungen auf das Gehirn. Eine vermehrte Exposition gegenüber Cortisol führt in verschiedenen Gehirnregionen zu NervenzellUntergängen. Besonders empfindlich ist hier das sich noch entwickelnde kindliche Gehirn, speziell die Bereiche, die für die sozioemotionale Regulation und die Verhaltenskontrolle (exekutive Funktionen) verantwortlich sind.8 Im Verlauf des Säuglingsalters nimmt die Empfindlichkeit des Stresssystems rasch ab. Negative Ereignisse, die bei Säuglingen noch eine deutliche Erhöhung von Cortisol hervorrufen, lassen Kleinkinder häufig unbeeindruckt. Diese Zeit wird auch als „Stress-hyporesponsive Periode“ bezeichnet. Es wird vermutet, dass das weiterhin rasch wachsende Gehirn in dieser Phase vor zu starker Cortisol-Exposition geschützt werden soll. Umso bedenklicher sind die hohen Cortisol-Spiegel bei Krippenkindern einzuschätzen. Kleinkinder, die unter einer derart hohen Stressbelastung stehen, entwickeln einen alternativen Notfall-Mechanismus, um ihr Gehirn zu schützen. Der morgendliche Cortisol-Wert wird zunehmend heruntergefahren, um die Gesamtmenge an Cortisol, die auf das Hirngewebe einwirken kann, zu reduzieren. Dieser Effekt konnte sowohl bei Kleinkindern aus rumänischen und russischen Waisenhäusern als auch bei Kindern aus der Wiener Krippenstudie nachgewiesen werden.9 Nach früher und umfangreicher Krippenbetreuung kann dieser erniedrigte morgendliche Cortisol-Wert noch im Alter von 15 Jahren nachgewiesen werden (NICHD-Studie), quasi als „Stress-Narbe“.10 Tarullo und Gunnar schreiben hierzu in einer Übersichtsarbeit: „Verschiedene Studien haben gezeigt, dass Kleinkinder in Waisenhäusern in Russland und Rumänien erniedrigte morgendliche Cortison-Spiegel und ein abgeschwächtes Absinken der Spiegel über den Tag zeigen … Erniedrigte morgendliche Cortison-Spiegel bei diesen Kindern korrespondierten mit dem Ausmaß von Vernachlässigung, was die Kinder zuvor erfahren hatten. Es scheint also, dass das Ausbleiben eines evolutionären zu erwartenden Standards von Fürsorge, also des speziestypischen Familienumfelds, mit einer Dysregulation des Corti-

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son-Tagesprofils bei jungen Kindern verbunden ist, speziell mit einem Absinken des morgendlichen Spitzenwerts bei der Cortison-Produktion. Diese Befunde stimmen mit der Literatur über Tierversuche überein, bei denen abgeschwächte morgendliche Cortison-Spitzen und eine eingeschränkte Variabilität des Tagesspiegels bei Rhesusaffen mit chronischen Stress und Unterbrechungen von Fürsorge verbunden waren.“11 Wir sehen also, dass für sehr junge Kinder die psychische Sicherheit, die sie aus ihrer primären Bindungsbeziehung zu ihren Eltern erlangen, nicht ohne Weiteres ersetzbar ist. Die feinfühlige Zuwendung, ja Liebe, auf die Kinder in diesem Alter biologisch programmiert sind, kann offenbar selbst in qualitativ hochwertigen Krippen nicht ausreichend zur Verfügung gestellt werden. Was Großeltern oder enge Freunde der Familie, wenn sie sich einem Kind emotional verbunden fühlen, in einer 1:1-Betreuung noch in ausreichendem Maß anbieten können, scheint Erzieherinnen in Krippen, die aufgrund der Kinderzahl viel häufiger Gruppenprozesse als individuelle Bedürfnisse regulieren, oft auch dann nicht zu gelingen, wenn sie engagiert, freundlich und zugewandt sind. Die Stresshormon-Werte sind hierfür ein untrügliches Zeichen. Es ist wichtig zu wissen, dass es keinen festen Grenzwert gibt, ab dem Stress schädlich wird. Egal, ob täglicher Dauerstress oder seltenere massive Stressereignisse (Trauma), die Effekte addieren sich und führen zu einer kumulativen Gesundheitsbelastung, ein Phänomen, das im englischen als „allostatic load“ bezeichnet wird. In der modernen Stressforschung werden daher zunehmend nicht mehr isolierte Stressoren (z. B. Missbrauch, Vernachlässigung, Verlusterlebnisse) betrachtet, sondern alle Mechanismen, die das kindliche Cortisol-System überaktivieren, zusammenfassend als „Early Life Stress“ bezeichnet, an dessen Schädlichkeit kein Zweifel besteht. An anderer Stelle habe ich dies so formuliert: „Chronische Stressbelastung ist im Kindesalter die biologische Signatur der Misshandlung.“12 Es kann mittlerweile als wissenschaftlich gut abgesichert gelten, dass „Early Life Stress“ das Risiko für psychische Störungen im Erwachsenenalter erhöht, insbesondere für Depressionen, aber auch für Angst- und Schmerzstörungen.13 Dies ist insbesondere vor dem epidemiologi-

schen Hintergrund der in den letzten Jahren bereits stark ansteigenden Zahlen von Burnout und Depression bei Erwerbstätigen als bedenklich einzustufen. Abgesehen von dem erheblichen Leidensdruck und den nicht selten fatalen Verläufen (Suizid) führen Depressionen in den Industrienationen schon heute zu volkswirtschaftlichen Verlusten von mehr als 500 Milliarden Dollar pro Jahr.14 DIE BIELEFELDER EMPFEHLUNGEN Nachdem das Thema Krippenbetreuung im Rahmen eines gemeinsamen Schwerpunktsymposiums bei der wissenschaftlichen Jahrestagung der pädiatrischen Fachgesellschaften 2011 in Bielefeld eingehend beleuchtet wurde, wurden aufgrund der aktuellen Datenlage evidenzbasierte Empfehlungen erarbeitet, die insbesondere die Forderungen der NICHD-Studie und die Ergebnisse der Stressforschung umsetzen:15 − Gruppentagesbetreuung für Unter-3-Jährige muss hohe Qualitätsanforderungen erfüllen. Für Standards wird auf das Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin verwiesen.16 − Folgende Alters- und Mengenbegrenzungen werden empfohlen: keine Gruppentagesbetreuung bei Unter-2-Jährigen, zwischen dem zweiten und dritten Geburtstag maximal halbtägige Gruppentagesbetreuung (bis 20 Std. / Woche) und ab drei Jahren bis zu ganztägige Gruppentagesbetreuung möglich, je nach individueller Disposition. − Elterliche Betreuung sollte insbesondere in den ersten drei Lebensjahren gezielt unterstützt und gefördert werden. FORSCHUNGSPERSPEKTIVEN Die beschriebene Problematik früher außerfamiliärer Betreuung wird von internationalen Forschern verschiedener Fachrichtungen zunehmend wahrgenommen: Megan Gunnar, führende Stressforscherin in den USA, schreibt in einer Studie zur Tagespflege: „Die Tatsache, dass dieser (Cortisol)Anstieg mit ängstlichem Verhalten bei Mädchen und aggressivem Verhalten bei Jungen verbunden ist, kann uns hinsichtlich potenzieller Auswirkungen auf die kindliche Entwicklung nicht optimistisch stimmen.“17

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Kerstin Uvnäs-Moberg, renommierte Neurobiologin aus Schweden, stellt fest: „Lang anhaltender Stress ist schädlich für Funktionen, die mit Entwicklung und Wachstum zu tun haben. … Auch auf der Ebene der Gesellschaft sollte sich der Gedanke durchsetzen, dass wir das ‚growth and relaxation-‘ bzw. das ‚calm- and connectionSystem‘ stärken müssen. Wenn das nicht geschieht, dann könnten Abwehr- und Stressreaktionen in der Gesellschaft die Oberhand gewinnen.“18 Elizabeth Blackburn, australische Molekularbiologin und Nobelpreisträgerin für Medizin, die sich mit biologischer Voralterung durch Stress befasst, erläutert: „Die Lebensumstände spielen eine wichtige Rolle – vor allem chronischer Stress. … Besonders tiefe Spuren im Zellkern scheinen die frühen Belastungen zu hinterlassen. Damit machen die Ergebnisse eines sehr klar: wie dringend es ist, die Kinder zu schützen.“19 Der Freiburger Psychosomatiker Joachim Bauer gibt zu bedenken: „Ein Staat, der Eltern nicht ausreichende Möglichkeiten einräumt, sich in der frühen Lebensphase ihrer Kinder intensiv um diese zu kümmern, zahlt später einen hohen Preis – in Form einer Zunahme psychischer, insbesondere depressiver Störungen und anderer Stresskrankheiten.“20 Und Aric Sigman, britischer Biologe und Psychologe, mahnt einen Paradigmenwechsel an: „Derzeit werden elterliche Erziehung und frühe Tagesbetreuung als gleichwertige Alternativen dargestellt. Neurobiologisch basierte Forschung führt jetzt zu einer deutlich veränderten Perspektive. … Egal wie unangenehm es sein mag, unsere Gesellschaft braucht neue, ehrliche Rahmenbedingungen für frühkindliche Betreuung.“21 AUSBLICK Mit dem zunehmenden Bewusstsein für die Probleme frühkindlicher außerfamiliärer Betreuung stehen wir in den Industrieländern am Anfang eines gesellschaftlichen Prozesses, der Zeit erfordern wird. Es ist allerdings dringend geboten, dass wir mit Blick auf das Kindeswohl ökonomistische, aber auch feministische Ideologien, die flächendeckende, immer frühere und längerdauernde außerfamiliäre Betreuung fordern, hinterfragen. Dies hat primär nichts mit

Konservatismus oder Restauration zu tun. Der Anspruch unserer Kinder auf Gesundheit und Wohlbefinden ist schlicht ein Menschenrecht, das anhaltender Wachsamkeit bedarf.

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DR. MED. RAINER BÖHM Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums am Evangelischen Krankenhaus Bielefeld-Bethel

ANMERKUNGEN
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BINDUNG ALS BASIS VON ERZIEHUNG UND BILDUNG
CURD MICHAEL HOCKEL || Bindung ist unvermeidlich und es ist ein komplexer Anspruch, sie so | zu gestalten, dass ihre Bindungserfahrungen Kindern und Jugendlichen eine gute Grundlage für Erziehung und Bildung bieten. Einerseits kann intuitive Elternschaft hier sehr gute Leistungen zeigen, andererseits kann ein liebevolles „Gut gemeint“ hier zu schwerem Versagen führen. Im Einzelfall ist das Miteinander von elterlicher Sorge, erziehungsberaterischer Aufklärung und institutionell-professioneller Entlastung so zu gestalten, dass der Mut zur Elternschaft sich weder als tollkühnes Verlassen werden von allen noch als bequemes Abgeben der Verantwortung an andere darstellt. Geliebte Kinder entfalten sich in einer einbindenden Kultur – mag diese nun nur privat, vorrangig öffentlich / professionell oder in unterschiedlichen Mischformen gestaltet sein.

BINDUNG IST UNVERMEIDLICH Bindung, von der wir hier sprechen, beginnt mit Entbindung.1 Neugeborene tragen in sich ein angeborenes Gefahrenmelde-System. Da dies dazu führt, dass das Neugeborene und Kleinkind immer, wenn es Angst erlebt und Gefahr wahrnimmt, sich schutzsuchend verhält, wird das so aktivierte innere Sicherheits-Suchsystem „Bindungssystem“ genannt. Es gibt keinen Menschen ohne Bindungssystem und somit auch keinen ohne Bindung. Mit jener Bindung, die als tragfähiger Grund für Erziehung und Bildung angesprochen wird, ist die inzwischen als Wunschziel für alle Kinder beschriebene sogenannte „sichere Bindung“ gemeint Bindung schenkt „Urvertrauen“ und ist so das Fundament für Selbstsicherheit und unerschöpfliche, selbstkontrollierte Neugier. Diese Grundlage von Lernbereitschaft kann gepflegt, entwickelt, ausgebaut werden. Gelingende Bindung ist Grundlage für gelingende Erziehung und Bildung. In meiner Praxis begegnete ich sowohl Müttern von Neugeborenen, die verzweifelt Hilfe „gegen“ ihr Schreibaby suchten und denen heute mit den entsprechenden Ambulanzen ganz selbstverständlich Hilfestellung bei der Entfaltung einer kompetenten Kommunikation gegeben wird, als

auch allen Arten späterer Verstörung auf beiden Seiten: bei Kindern mit chaotischem Bindungsstil, bei Eltern mit einer bindungsunfähigen kühlen Distanz zum Kind usw. Einbindende Kultur Bindung ist nicht zu vermeiden und sie muss verantwortet werden. Bindung wird in jedem Kind in jedem Fall entwickelt. Es kommt jedoch darauf an, welche Qualität das jeweilige Kind kennenlernt. Bindung ist das Sicherheitssystem im Menschen. In seiner erlebt-erlernten Ausgestaltung kann es ein Selbstgefühl des „Getragen werden“ („Urvertrauen“) oder der Unsicherheit oder gar des Trotzes („Ich hab keine Angst, obwohl es schrecklich ist, alleine gelassen zu werden“ – unsichere Bindung) oder tiefer chaotischer Ambivalenzen sein. Wie Bindung als unverzichtbare Grundlage gelingender Generationenfolge zu sehen ist, hat zusammenfassend Kegan beschrieben,2 der von der Notwendigkeit spricht, Kindern eine einbindende Kultur zur Verfügung zu stellen: „Ein Teil der Welt, in die das Kind eingebunden ist, nährt das Kind während der Schwangerschaft und hilft es zu entbinden, es auf eine neue Stufe der Entwicklung zu bringen. Ich nenne diesen Teil die einbindende Kultur und

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meine damit unsere intimste Umgebung, aus der wir immer wieder neu geboren werden. Diese Kultur hat in meinen Augen mindestens drei Funktionen: Sie muss festhalten, sie muss loslassen und sie muss in der Nähe bleiben, damit sie reintegriert werden kann.“ Fallbeispiel: Ellas Einsamkeit Wenn Bindung als Basis von Erziehung und Bildung scheitert, so kann sich das Störungsbild entwickeln, für das sich der Begriff „frühe Störung“ eingebürgert hat. Für solche Störungen sind dann meine Kollegen und ich zuständig. Wir versuchen Menschen in einem Prozess der Psychotherapie, der oft auch ein Prozess der Neuund Nachbeelterung ist, dazu zu verhelfen, sich selbst so zu gestalten, dass sie problemlos bildungs- und bindungsfähig sind. Die Vielfalt solcher Störungen muss hier nicht betrachtet werden, es genügt vielleicht, sich berühren zu lassen davon, dass solche Menschenkinder sich stark selbst verletzen können und / oder Gedichte schreiben wie das folgende: Das Echo Rote Schreie Im stählernen Raum – Mein Dasein so kalt, Meine Liebe so Nichts, Das Blut ein Wort Der Angst. Bindungsstörungen sind sogenannte frühe Störungen. Es kann jedoch an einer Fülle von Fallbeispielen gezeigt werden, wie Jugendliche, die das Erscheinungsbild der frühen Störung entwickelten, dahingehend betrachtet werden müssen, ob es denn wirklich eine frühe Störung gab. Bindung darf nicht gefangen nehmen. Dort, wo sie es tut – wie bei der Ella genannten selbstverletzenden Dichterin –, kann es zu Anpassungsstörungen kommen. Das Menschenkind spürt seine Entwicklungsaufgabe der Autonomie – meint jedoch sich nicht losreißen zu dürfen. Gelingende Bindung mit Neugeborenen schafft Urvertrauen. Mit den gegenwärtig beforschten „Bindungsstilen“ wird dies differenziert und es taucht die Vorstellung vom Scheitern der Bindung auf. Die unsicher, ambivalent oder gar chaotisch

(un)gebundenen Kleinkinder werden sichtbar: Schreibabys und Kinderschicksale, in denen Liebe nicht das Klima ihrer ersten Lebensjahre formte. Sicher gebundene Kinder sind weltoffen und können das zweite, gegenwärtig wichtig erachtete Verhaltenssystem entfalten: ihre Neugier. Meist werden Mütter zuständig für die Bindungsgestaltung und Väter für die Lust an Entdeckermut und der Entfaltung des Weltzugriffes der Kleinkinder gesehen. In einer Gesellschaft, in welcher Kleinkinder vom ersten Moment an als künftige Leistungsträger wahrgenommen werden, besteht die Gefahr, dass der Auftrag, die Kinder zu leistungsorientierten Neugierlingen, zu lernbegierigen Höchstleistern zu erziehen, an die Mütter gegeben wird, die dann weniger an sichere Bindung als an künftiges Leisten denken. Ella konnte erst dann das elterliche Bindungsangebot als problemlos gelten lassen, als sie in einem ersten Roman eine Vaterfigur in seltsamer Weise ermordet hatte.3

BINDUNG IST GRENZERFAHRUNG Bindung muss jene Grenzerfahrungen schenken, die die Nullstufe der Moral, das Leben rettende Gehorchen der Kleinkinder zur sichernden Selbstverständlichkeit macht. Es wäre ziemlich unpopulär, wenn man einen Elternratgeber damit beginnen würde, dass eine Erziehung, die volle Entfaltung der Persönlichkeit zum Ziel hat, damit beginnen muss, dem Kind das Gehorchen beizubringen. Wenn wir „befehlen“ als eine Machtergreifung über Menschen verstehen, dann ist sofort klar, dass es keinesfalls sinnvoll sein kann, das Gehorchen zu lehren. Wir bezeichnen die Festigkeit des Liebens, die Eltern ihren Kindern schenken müssen, um sie Gefahrensituationen überstehen zu lassen, als Grenzsetzungskompetenz. Damit wird deutlich, dass ein Kind, das nicht gelernt hat auf den Zuruf der Mutter: „Halt, bleib stehen!“ gehorchend zu reagieren, in steter Lebensgefahr schwebt. Und so ist klar, was wir meinen: Bindung zu fördern, meint auch Grenzsetzung kompetent zu praktizieren. „Laissez faire“ – Verantwortungsverzicht aus Hilflosigkeit Vor vielen Jahren sprach ich mit einem Erziehungsstilforscher, der meinte, ich sei als Person-

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zentrierter Psychologe doch einer, der mit Kindern nur „nondirektiv“ umginge. Er meinte: „Wir müssen doch Eltern sagen, dass sie, wenn sie ihr Kind im Laissez-faire erziehen, sie es eben gar nicht erziehen und sie es gleich in die Verwahrlosung entlassen können.“ Er war sehr erstaunt, als ich ihm zustimmend erläuterte, dass der mit dem Verzicht auf Übermacht benannte Weg der Kindzentrierung (den Axline4 tatsächlich mit dem Arbeitsbegriff „nondirektive Spieltherapie“ populär gemacht hatte) eben gerade eine Schule der Achtsamkeit und nicht eine Erlaubnis des Wegschauens und Machen-lassens bedeutet. Fallbeispiel: Sammy, der sich selbst Erziehende Sammy hatte mit 17 Jahren selbständig die Therapie gesucht und gab erst nach einiger Zeit die Einwilligung, dass seine Eltern überhaupt erfahren durften, dass er diesen Schritt getan hatte. Er sah sich vor der inneren Wahl, sein Leben zu beenden („so ist es sinnlos“). Erschreckt von einem fast gelungenen Suizidversuch „gab er sich mit der Psychotherapie noch eine Chance“. Nachdem die Beziehung zum Therapeuten u. a. durch die achtsame Akzeptanz seiner „verzweifelten Isolation und seiner Hilfsbedürftigkeit“ (die Erlebensinhalt und nicht „objektive Wirklichkeit“ darstellten) gewachsen und gesichert war, konnte eine intensive Infragestellung beginnen. Mit verschiedenen Anläufen von kognitiver Arbeit an Wertkonzepten, rationalem Analysieren von irrationalen Annahmen („Ich kann doch nicht die Werte meiner Eltern übernehmen ...“) und der Konfrontation mit der Erfahrung, dass seine gelebte „Verachtung“ immer auch werthaltig ist, konnte der Jugendliche schließlich Zugang gewinnen zur entscheidungsfreudigen Gestaltungslust, zur persönlichen, freien Wahl seiner Wertkonzepte. Sowohl die kontinuierliche Tätigkeit der selbstkritischen Reflexion als auch deren achtsame emotionale Färbung („Zuneigung“) begannen ihm Wegweiser statt irritierende Last zu werden. Die Therapie könnte überschrieben werden mit: „Selbstliebe als Leitwert annehmen“. Sammy betrat eines Tages (etwa zur 25. Sitzung) die Praxis beschwingt und begann mit dem Bericht von einer außergewöhnlichen Erfahrung: „Ich saß in meinem Zimmer und hörte Musik. Plötz-

lich, in aller Melancholie dachte ich‚ wenn ich in meiner bisherigen Erziehung mich nicht als geliebtes Menschenkind kennenlernte, dann muss ich jetzt eben selbst beginnen, mich zu mögen und mich selbst liebevoll neu zu erziehen.“ Von dieser Evidenz ausgehend gelang es ihm schließlich, die eigene Suizidalität und das leere Funktionieren intellektueller Brillanz in ein spürend erfülltes Dasein weiterzuentwickeln.

SICHERE BINDUNG – EIN WUNSCHZIEL Sichere Bindung ist das Ergebnis einer Begegnung mit fein abgestimmter, sicherer Beziehungspartnerschaft – auch wenn diese professionell geboten wird. Tatsächlich kann nicht jede junge Mutter, jeder erstmals-Vater sicher sein, dass er es „drauf hat“, sich mit dem Neugeborenen so zu verständigen, dass gelingende Bindung dem Kind die Entfaltung eines Selbstbewusstseins in sicherer Bindung ermöglicht. Die Einzigartigen sind nicht die einzig Artigen: Solidarität ist kostbarer als Konkurrenz Jeder Mensch ist einmalig, einzigartig. Dies zu achten ist Kernanliegen psychologischer Entwicklungsförderung. Und gerade deshalb wird Beziehungspartnerschaft durch eine Abgrenzung bedroht. Dramatisch wird diese Beziehungspartnerschaft verformt, wenn einer der Beziehungspartner den anderen mit einer stets fordernden Leistungsorientierung beargwöhnt und diesen Argwohn als Förderabsicht vor sich selbst versteckt. Dieses Grundproblem elterlichen Umgangs mit Kindern habe ich an den fatalen Folgen (entweder leistungsverweigernden Angsthasen oder sich selbst verratenden Egomanen) kennengelernt. Brillant zusammenfassend wird auf diese Gefahr hingewiesen, wenn Doris Bischof-Köhler in ihrer aktuellsten Zusammenfassung der sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mahnend betont, dass alle entfaltete soziale Kompetenz sich nicht wirklich entfalten kann, wenn die Eltern und die Umwelt in egoistischer Interessenswahrung und Konkurrenz das entscheidende Entwicklungsziel propagieren.5 Hier hilft nur Aufklärung der Eltern und die Hoffnung, dass professionelle Begleiter kindlicher Entwicklung diesen Fehler nicht machen.

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Fallbeispiel: Traudls Angst vor Ablehnung Die Mutter gab zu Therapiebeginn an: „Traudl wird in der Familie unhaltbar, einerseits diese Angst, andererseits – ich bin jetzt mit einem neuen Partner zusammen, frisch verheiratet – streitet sie, widersetzt sich, hält sich an keine Regeln und will mit ihren 15 Jahren das Leben einer jungen Erwachsenen führen, abends weggehen, so lange sie will, zugleich jedoch hängt sie sich an einen Freund, da sie meint, alle anderen würden sie ablehnen.“ Traudl litt seit dem 11. Lebensjahr unter Alpträumen (mit nächtlichen Angstzuständen). Die Entwicklung im Kleinkindalter war unauffällig. Traudls starke Trennungsangst erlebte sie selbst als bedrohlich übersteigert, sie wurde, verwirrt und erschöpft, zu provozierenden Selbstabgrenzungen / Fluchten einerseits gedrängt und zu einer hörigen Hingabe an ihren Freund andererseits. In der Therapie stellte sich heraus, dass Traudl sich regelrecht nach Lob süchtig erlebte. Die 15-jährige Traudl, die eine erste Abtreibung mit 13 Jahren hinter sich gebracht hatte, zentrierte ihr Selbstveränderungsprojekt Psychotherapie auf Leistungsanerkennungen (Lob), die sie sich kontinuierlich als „spielerische Rückmeldung“ vom Therapeuten holte. Ein stets lächelnd als „Kunstprodukt / Spielritual“ gestaltetes Klima „lobender“ Wärme und Wertschätzung wurde von ihr genutzt, um Bilder der Geborgenheit, Zuversicht und langfristig des Selbstvertrauens gegen ihre Angst vor Ablehnung zu setzen. Das Spielerleben wurde zum Entwicklungsraum. ERZIEHUNG VERBINDET DIE GENERATIONEN Erziehung meint die Übermittlung aller Kompetenzen, die zur Selbstentfaltung im Rahmen der jeweiligen Zivilisation notwendig sind – zum zivilisierten Dasein. Erziehung will die spezifisch menschliche Handlungsorientierung autoritativ, nicht autoritär, gemeinsam mit den Erzogenen wachsen lassen. Erziehungsmacht weicht so der Achtsamkeit auf entwicklungsförderndes Miteinander und beinhaltet einen Katalog von Erziehungszielen, deren Lernbarkeit angenommen und in der erziehungswissenschaftlichen Forschung empirisch überprüft wird. Erziehung ist für mich als einen lebenslänglich zum „Selbstlernbegleiter“ ausgebildeten Psycho-

logen ein besonderes Verantwortungsfeld. Es bedeutet, dass die Generation der jeweiligen Eltern machtverzichtend mit der Generation ihrer Kinder jene Kommunikation betreibt, die diese gleichmächtig, gleich kompetent und wegweisend zukunftsoffen ausstattet. Eine spezifisch menschliche Handlungsorientierung ist ein zeitgeistiges Konstrukt, das beispielsweise durch Pinker6 brillant veranschaulicht wird. Nicht jede Beziehung ist eine Bindung, nicht jede Bindung ist ein Glück. Dort, wo Bindung misslingt, misslingt die Grundkonfiguration von Persönlichkeit, dort kann Not in einer Tiefe entstehen, wie sie erschrecken muss. Mutterliebe und Vaterstolz, Vaterliebe und Mutterstolz – Kleinkinder brauchen starke gute Gefühle in ihren Eltern, denn dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass diese Erwachsenen intuitiv feinfühlig, achtsam mit den Kindern umgehen. Dieselbe Qualität ist jedoch auch durch professionelles, gelerntes Verhalten erreichbar: Eine gute Kinderpflegerin lässt mehr Bindungsqualität wachsen als eine nervöse, das Kind innerlich als Überforderung ablehnende junge Frau, auch wenn diese die Mutter des Kindes ist. Fallbeispiel: Der leistungsängstliche Timm Der Fall ist nur einer der Beispielfälle aus meiner Praxis. Ich könnte ähnliche Erfahrungen aus dem Kontakt mit mehreren Schulverweigerern, leistungsängstlichen und selbstunsicheren Kindern aufführen. Um dem Vorurteil vorzubeugen, es handele sich hierbei um eine „Männersicht“, sei ausdrücklich erwähnt, dass es auch mehrere Mädchen gab, die in der Falle der Leistungsverweigerung steckend sich erst in der Therapie zu den eigensten inneren Leistungszielen hin entwickelten. Und in jedem dieser Fälle war es quasi eine „magische Schwelle“, die überschritten werden musste – die hin zum intuitiv ganzheitlichen Verständnis der jeweils einmaligen Hemmung der organismischen Selbstregulation, der eigentlich kindgemäßen Lust an der Selbstentfaltung – in Abgrenzung zur Eltern- oder gar Großelternkonzeption von Leistungszielen. In Timms Beispiel bestand eine der Komponenten der Blockade und Angst in der pazifistischen Grundorientierung seiner Eltern (die be-

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sonders komplex ausfiel, da der Vater ranghoher ziviler Mitarbeiter der Bundeswehr war), die den Knaben in seiner bei sich selbst wahrgenommenen „Kampfeslust“ ängstigte und verunsicherte. Erst als ich begriffen hatte, dass es möglich sein muss, die unbefangene Leistungsfreude auch in einem so tabuisierten Gebiet problemlos ausleben zu dürfen, konnte Timm diesen Weg gehen. Beziehungsgestaltung meint immer auch Selbstveränderung. Das macht den Reiz unseres psychotherapeutischen Berufes aus. Und in der Begegnung mit Kindern kann es geschehen, dass jedes Kind uns erneut eine vertiefte Selbstreflexion zur Beziehungsgestaltung abverlangt. Erziehung und Bildung bedürfen der Basis empathischen Verstehens. Bindung ist Grundlage gelingender Individualisierung – Individualisierung nennen wir den Prozess gelingender Bildung und Erziehung.7 BILDUNG GESTALTET VERANTWORTUNG Bildung meint die bereichernde Ausformung der personalen Kompetenzen hin zu anspruchsvollen Leistungsvollzügen, zum kultivierten Dasein. Bildung beschrieb einst „die Hervorbringung der Menschlichkeit des Menschen in eigener Anstrengung aus sich heraus“8. Gegenwärtig wird selten behauptet, es läge ein gesellschaftlicher Konsens darüber vor, was denn Bildung heute meint. Meine persönliche Sicht steht wohl der von T. Ballauff nahe, für den die tendenzielle Entwertung des Begriffes „Bildung“ und dessen Ausgestaltung als Pluralismus eine dünne Decke über dem Abgrund der Unerfindlichkeit der Wahrheit darstellt. „Bildung heute sollte dieses Aushalten im Wissen um den Abgrund unseres Denkens umschließen, das den modernen Menschen auszeichnet.“ „Die metatheoretische These, dass es keine absolute theoretische Wahrheit geben kann, ist absolut. Sicher, sie besagt auch nichts Inhaltliches, sie besagt nicht, dass es keine Wahrheit gibt; sie setzt diese sogar voraus. Aber sie schließt das menschliche Erkennen und Forschen, Einsehen und Formulieren von jeder Endgültigkeit aus oder besser: bewahrt sie vor jeder Endgültigkeit und hält sie in Bewegung.“9 Und so ist mir Bildung vor allem jene Ermutigung zur Aufklärung, die sich dem Anliegen wachsender Erkenntnisbemühung zugleich mit dem Anliegen wachsender Verantwortungsbereitschaft widmet.

Erziehung und Bildung sind nicht Weg und Ziel Erziehung ist die Verantwortung der Eltern und ihrer begleitenden Dienstleister. Diese werden leider meist „Lehrer“ genannt und so in eine Berufsrollen-Definition der Machtergreifung über das Lernen der Kinder und Jugendlichen gedrängt. Wenn diese Selbstlernbegleiter sich als die Gastgeber im Garten des Selbstlernens begreifen würden – wie Eltern sich als Gastgeber ihrer Kinder verstehen müssen, um ihnen Verantwortung abverlangen zu können –, dann könnte der Prozess des Erziehens all jene intentionalen Schenkungen umfassen, mit denen die jeweils herrschende Generation ihre Nachfolger beglückt. Und damit wäre es dann möglich, in der Bildung jenen Prozess und vor allem dessen Ergebnis zu begreifen, das die gebildeten Menschen als aufgeklärt ausweist – als lebensfähig angesichts des ungeheuerlichen Abgrundes, der in der Dialektik von absoluter (absolut unerreichbarer) und relativer (stets vorhandener und weiter zu entwickelnder) Wahrheit besteht. Erziehung entfaltet den zivilisierten Menschen, dessen Bildung ihn zum toleranten Weltbürger zu machen vermag. Nun ist es jedoch klar, dass der zivilisierte Mensch jener ist, der aufgeklärt offen stets weiter zu wachsen bereit ist, und der gebildete Mensch jener, der die ungleichzeitige globale Wertwirklichkeit gelten lassen kann, da er den Weg der Toleranz zu gehen gelernt hat. Erziehung ist (auch) Selbsterziehung und so tatsächlich ein Weg, Bildung ist (auch) Position und somit ein Ziel. Und doch gilt gleichermaßen die Umkehrung, dass das Ziel der Erziehung auf dem Weg der Bildung erreicht werden kann. Kindzentrierung ist kein Gegensatz zum Tierschutz, dennoch will ich diese Entgegensetzung hier zu einer Illustration nutzen. Vor langer Zeit referierte ich bei der Hanns-Seidel-Stiftung über „krank oder böse“.10 Ich hatte eine kleine Expertengruppe gebeten, sich anhand einer CollagenGestaltung klar zu machen, wie ein „böses“ oder wie ein „krankes“ Verhalten aussehen könnte. Es war eine Weiterbildungsgruppe in der Kinderpsychotherapie: Psychologen, Sozialpädagogen, Heilpädagogen, alle schon im Beruf. Einer oder eine aus der Gruppe sollte einen Fall aus der Berufspraxis auswählen und in der Runde vorstellen. Gemeinsam sollte dann eine „Visualisierung“ gestaltet werden. Anschließend sollten sie

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sich überlegen, was notwendig gewesen wäre, damit es nicht zu diesem „Fall“ gekommen wäre und was nötig sein wird, um angesichts der Tatsache des Falles doch zu helfen. Sie gestalteten Collagen, die ich kurz beschreibe: Bild 1 Ein hübscher Fisch in einer bergenden Umgebung. Eigentlich wäre der 16-Jährige, um den es hier geht, gerne so: nett und fröhlich. Bild 2 Die Vielfalt beglückender Erfahrungen eines Kindes: Sonne und Lachen, Lächeln und gute Nahrung, Spielzeug und Sport, Freunde und Fest. Mit dieser Collage drückte die Gruppe das aus, was sie „die Sehnsucht des Jungen“ nannte. Bild 3 Eine erschreckende Collage von hasserfüllten Gesichtern, Prügelszenen, Obszönitäten und Gewalttaten. Von Textfetzen wie „Verletzung, Gewalt, Macht, Leidenschaft“ und einem großen roten Ruf nach „HILFE“. Diese Collage sollte verdeutlichen, was das Kind auf seinem Lebensweg erfahren hatte. Es waren Erfahrungen liebloser Machtausübung, Gewalt und Misshandlung, dann sexueller Missbrauch und eine Vielfalt von schrecklichen weiteren Enttäuschungen. Bild 4 Das abschließende Bild nannte die Gruppe „zu spät“, eine Collage aus Panik und Verzweiflung und einem kleinen Hamster, dessen Foto zerschnitten war. Die Bezugserzieherin, die den Originalfall in der Gruppe zur Diskussion gestellt hatte, hatte berichtet: „Der Junge ist jetzt bei uns im Heim. Er hatte einen Hamster, den er sehr liebte. Als er eines Tages ‚schlecht drauf‘ war – missgelaunt und enttäuscht wegen schulischer Nöte und Ärger mit Freunden –, schloss er sich mit dem Tier im Badezimmer ein. Ich bat ihn aufzumachen und heraus zu kommen, aber er ließ Wasser in die Badewanne und wie ein Sportreporter sprechend berichtete er mir, wie er nun seinen Hamster ersäufte.“ Die Erzieherin war von der sadistischen und zugleich emotional selbstverstümmelnden Gewalt, der Tatsache, dass sie ohnmächtige Ohrenzeugin sein musste, und der Grausamkeit überfordert.

„Tierquälerei“ war das Stichwort gewesen, von dem die Kollegin in ihrer Fallstudie ausgegangen war, Kinderquälerei, Missbrauch usw. jedoch der eigentliche Hintergrund. Das Verständnis für Mitmenschen entwickelt sich vorwiegend in der Erfahrung, verstanden zu werden. „Entsprechend berücksichtigen Kinder in dem Maße, in dem sie verstehen, dass Menschen empfänglich für Lob und Tadel sind, den Aspekt der Verantwortlichkeit und den der Maßstäbe.“11 Dieser Täter jedoch hatte zu wenig Lob und zu wenig orientierenden Tadel (stattdessen Zucht und Gewalt) kennengelernt, so richtete sich sein Handeln trotzig (eine Form, Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen) und gewalttätig gegen seinen eigenen Maßstab der Zuneigung. Er hatte sowohl zu der aus seinem Tun ausgesperrten Fachkraft als auch zu dem Opfer seines Handelns, dem eigenen Hamster, nahe persönliche Beziehungen aufgenommen. Jedoch war weder die Verantwortlichkeit ihrer noch seiner Fürsorglichkeit noch der Maßstab für Freundlichkeit und Pflege so ausgeprägt, dass es nicht zu der grausamen Fremd- und somit seelischen Selbstverletzung gekommen wäre. Das Selbstgefühl umfasst nicht nur das Bedürfnis nach Selbstdurchsetzung und Dominanz, sondern auch das nach Geltung und Anerkennung und vor allem dasjenige nach Eigenwert. Und dieses Bedürfnis kann nicht allein durch intentionale Akte (zielstrebiges Loben), sondern im Wesentlichen durch den realistisch anerkennenden Alltag befriedigt werden. Erziehungsberatung vermittelt hilfesuchenden Eltern zwar das „Rezept“: „Versuchen sie ihr Kind positiv zu sehen, handeln sie nach dem Motto ‚beim brav sein erwischen!‘“ Aber eine wirklich moralische Haltung entsteht eher im Nachmachen als aus belobigtem Handeln. Bildung ist angeeigneter Reichtum, wir fördern die Gebildeten und fordern schließlich, dass sich die Bildungsinvestitionen „amortisieren“. Erlebte, gelingende Bindung muss als Grundlage für die Entfaltung der Neugier, des wesentlichsten Elementes einer Lernmotivation, gesehen werden. Selbstgefühle der Sicherheit sind es, die Kindern und Jugendlichen den Weg zu differenzierten Lernwegen und hoher intrinsischer Leistungsmotivation ebnen. Erziehung und Bildung sind Werte, deren Qualität gegenwärtig meist unter dem Gesichts-

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punkt der Tauglichkeit als Grundlage für hochqualifizierte Leistung gesehen wird. Wir benötigen – um als Industriestandort und Exportnation erfolgreich zu bleiben – eine hochqualifizierte Bevölkerung. Dass dieser Anspruch auch auf die moralische Qualifizierung ausgedehnt gesehen werden kann, ist nicht ganz so populär. Wenn wir jedoch die Lehren der jüngeren deutschen Geschichte ernst nehmen, so wissen wir, dass es sicher richtig bleibt, dass Technikkenntnisse früh vermittelt werden sollen.12 Noch wichtiger jedoch wird es sein, in der Dimension des banalen mitmenschlichen Anstandes anspruchsvoll gebildete Menschen zu haben. Retter im Holocaust wurden zum Forschungsgegenstand: Welche Erziehung und Bildung hatte bewirkt, dass sie unter Einsatz des eigenen Lebens das taten, was richtig war – in einer Zeit, in der es als „Verbrechen“ gesehen wurde? Retter im Holocaust begriffen sich selbst nicht als Helden, die Forschung nach ihren persönlichen Qualitäten erfasste nicht einen einzelnen Faktor der Größe, des Mutes, der Menschlichkeit, sondern es wurde deutlich, dass sie allesamt vor allem eines gemeinsam hatten: den Anstand, sich mit dem Schwachen zu verbünden.13 SCHLUSSBEMERKUNG Kinder und Jugendliche haben keine ausreichende Lobby. Und dagegen möchte ich nun abschließend einen provokanten Vorschlag setzen. Eltern haben zwar das elterliche Sorgerecht, jedoch keine Sorgemacht. Ich schlage vor, dass wir darüber nachdenken, wie sich Politik ändern würde, wenn wir jedem Kind ein mit seiner Entbindung entstehendes Wahlrecht zubilligen würden. Natürlich müsste dieses Wahlrecht zunächst von den Sorgeberechtigten in einer zu schaffenden, geeigneten Weise wahrgenommen werden. Sie sollten dies vielleicht sogar dokumentieren, jedenfalls würden sie es ihren Kindern gegenüber in den Jahren immer deutlicher auch vertreten. Und die Frage danach, ab wann Kinder wahlmündig sein sollten und ihr Wahlrecht selbst wahrnehmen, kann dann auch anders gestellt werden als in der bisherigen Weise.14

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Grossmann, Karin / Grossmann, Klaus: Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit, Stuttgart 2004. Kegan, Robert: Die Entwicklungsstufen des Selbst – Fortschritte und Krisen im menschlichen Leben, München 1986, S. 165. Hockel, Curd Michael: Entwicklungspsychologie des Jugendalters: „Frühe Störungen“ – spät erworben?, in: Psychotherapie 1/2002, S. 102-112. Axline, Virginia: Kinderspieltherapie im nichtdirektiven Verfahren, München 1976. Bischof-Köhler, Doris: Soziale Entwicklung in Kindheit und Jugend – Bindung, Empathie, Theory of Mind, Stuttgart 2011. Pinker, Steven: Das unbeschriebene Blatt, Berlin 2003. Hockel, Curd Michael: http://www.pi-muenchen.de/file admin/download/Beziehung_IndividualisierungKurz.pdf, Stand: 30.10.2012. Brockhaus. Die Enzyklopädie in 24 Bänden, Mannheim, 20. Aufl., 1996. http://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Ballauff, siehe Anm. 3: Ballauff, Theodor: Pädagogik als Bildungslehre, Frankfurt, 4. Aufl., 1986, S. 163, 164, 167 f. Hockel, Curd Michael: Krank oder Böse? Wertungskategorien bestimmen Reaktionsmuster, diese bestimmen Maßnahmen, in: Politische Studien Themenheft 1/2004, S. 52-72. Harris, Paul: Das Kind und die Gefühle – Wie sich das Verständnis für die anderen Menschen entwickelt, Bern 1992, S. 109. Hockel, Curd Michael: Kindheit in der virtuellen Welt – Müssen Technikkenntnisse früh vermittelt werden?, in: Der Mensch und die Zukunftstechnologien, hrsg. vom VDE und der Hanns-Seidel-Stiftung, München 2002. Fogelmann, Eva: „Wir waren keine Helden“ – Lebensretter im Angesicht des Holocaust, Frankfurt a. M. 1995. Weimann, Mike: http://www.kinderwahlrecht.de

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CURD MICHAEL HOCKEL Dipl.-Psych.; Leiter der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutischen Praxis Hockel, München

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Warum Bildung zu Hause beginnt
BIRGIT KELLE || Noch nie wurde in Deutschland derart leidenschaftlich über die Rolle der Eltern | bei der Erziehung und Bildung der Kinder diskutiert wie im Rahmen der Betreuungsgeld-Debatte. Dabei sind alle Mittel und sprachlichen Entgleisungen Recht. Leider zeigt die Debatte aber auch: Das Wohl der Kinder hat nicht immer die erste Priorität. Die Interessen der Wirtschaft und der Frauenlobby haben in der Regel Vorrang – Kinder haben sich dem einzufügen.

Im Juni 2012 meldeten sich in Deutschland Tierschützer zu Wort. Sie machten sich Sorgen um das Eisbär-Mädchen Anori, eine Halbschwester des berühmten Berliner Bären Knut. Fünf Monate lang wurde Anori liebevoll im Wuppertaler Zoo von ihrer Mutter Vilma aufgezogen. Nun herrschte jedoch helle Aufregung und Sorge unter den Tierfreunden, weil die Zooleitung eine baldige Trennung von Mutter und Kind angekündigt hat. Mutter Vilma soll wieder der Zucht zur Verfügung stehen, dabei stört ihr Kind. KleinAnori soll also schon mit 12 bis 14 Monaten von der Mutter getrennt werden, damit der Produktionsprozess ungestört voranschreiten kann. In freier Wildbahn bleiben die Jungtiere 2 bis 3 Jahre beim Muttertier. Werden sie zu früh von ihrer Mutter getrennt, sind Verhaltensanomalien zu beobachten, wie automatisiertes Hin- und Herlaufen oder Kopfwackeln. In Deutschland gibt es keine Instanz, die sich darum kümmert, dass Menschenkinder nicht zu früh von ihren Eltern oder gar von der Mutter getrennt werden. Während jedes Hundebaby in Deutschland sicher sein kann, seinen gesetzlichen Welpenschutz zu genießen, haben wir gesetzlich mit dem Mutterschutz nur die Schonfrist der Gebärenden geregelt, aber keine für die Kinder geschaffen. So dürfte also theoretisch gleich nach der Geburt das Kind von der Mutter getrennt werden, es würde niemanden aufregen – außer vielleicht die Mutter oder die Eltern selbst. Während wir bei Zootieren Verhaltensauffälligkeiten

ernst nehmen, die sich durch Trennung vom Muttertier ergeben, wird dies bei Menschenkindern negiert oder ideologisch aufgeheizt diskutiert, werden Ärzte nicht gehört, obwohl Krankenkassen bereits seit Jahren einen dramatischen Anstieg von psychischen Erkrankungen und Depressionen schon bei Kleinstkindern vermelden und die Verabreichung von Ritalin sich in den vergangenen Jahren in manchen Bundesländern auf mehrere Tonnen verdoppelt hat.
ZU VIEL ODER ZU WENIG – ABER IMMER FALSCH

Galten früher noch falsche Freunde als schlechter Umgang für die Kinder, kann man bei heutiger Zeitungslektüre leicht den Eindruck gewinnen, den schlimmsten Umgang, den Kinder heutzutage haben können, seien die eigenen Eltern. Wahlweise würden Kinder entweder durch Vernachlässigung unterfordert oder durch Überbehütung überfordert. Derart einhellig ist der Mediensturm über die Eltern eingebrochen, dass Verschwörungstheoretiker ihre echte Freude daran haben könnten. Nicht nur die Politik, auch die Lehrer und selbst Kinderschutzorganisationen warnen inzwischen vor Eltern, die das natürlichste der Welt machen wollen: sich um ihre Kinder kümmern – etwas, das sich seit Jahrtausenden weltweit bewährt hat. Selbst UNICEF und der Kinderschutzbund beklagen das geplante Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Verantwortung als solche wahrnehmen wollen, als „schweren Fehler“, der Kinderschutzbund erwägt sogar eine

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Verfassungsklage dagegen. Der Lehrerverband hat mit seinem Vorsitzenden Josef Kraus eigens einen neuen Begriff kreiert: die „Helikopter-Eltern“. Gemeint sind die Eltern, die sich aus Lehrersicht zu viel und zu intensiv um die Kinder kümmern und helikoptergleich über ihnen schweben und nicht loslassen können. Wie man es macht als Eltern, eines ist sicher: Man macht es falsch. Damit ist der Boden bereitet für eine breite gesellschaftliche Krippendebatte, als Allheilmittel gegen allerlei eigenwillige, unfähige und unbelehrbare Eltern. DIFFERENZIERUNG TUT NOT Polemik einmal beiseite: Es gibt diese Kinder, die entweder nicht genug oder zu viel von ihren Eltern umsorgt werden. Der Versuch, hierfür jedoch verlässliche Zahlen zu bekommen, ist ein schwieriges Unterfangen. Selbst Politiker wissen nicht, über wie viele Kinder sie eigentlich reden. Da ist der Schritt leicht, alle Eltern einfach über einen Kamm zu scheren. Verschiedene Zahlen stehen im Raum, je nachdem, ob man mit Krippengegnern oder mit Krippenbefürwortern spricht. Demnach besteht je nach Sichtweise bei 5 bis 10 Prozent der Kinder zumindest ein Anfangsverdacht, dass sie zu Hause nicht ausreichend und ihrem Alter entsprechend gefördert werden. 5 bis 10 Prozent – das bedeutet im Umkehrschluss: 90 bis 95 Prozent aller Kinder sind zu Hause bestens aufgehoben. Warum hören wir das aber nie? Eine Differenzierung täte Not – nicht nur um all die Eltern in Deutschland, die sich sehr gut um ihre Kinder kümmern, fair zu behandeln, sondern auch um diejenigen Kinder vernünftig herauszufiltern, die tatsächlich fremde Hilfe benötigen. Doch selbst wenn man im schlechtesten Fall davon ausgeht, dass wirklich 10 Prozent aller Kinder zu Hause tatsächlich keine adäquate Erziehung genießen, stellt sich auch an diesem Punkt nicht zwangsläufig die Krippen-Frage. Mir hat noch nie ein Experte erklären können, dass wir Elternkompetenz dadurch steigern, dass wir die Eltern so früh wie möglich von ihren Kindern trennen. Nötig wäre eine Hilfestellung, die in die Familien geht, die Eltern begleitet und ihnen zeigt, was früher durch die Großfamilie an Erziehungskompetenz von einer Generation an die nächste weitergereicht wurde. Denn das einfache

Herausholen aus der Familie hilft langfristig niemandem weiter. Irgendwann müssen die Kinder ja wieder nach Hause, auch am Wochenende sind sie zu Hause. Sie werden größer, die Probleme in Schule und Pubertät kommen hinzu. Eltern wird man nicht über Nacht oder im Kreißsaal. Es ist ein langjähriger Lernprozess für Eltern und Kinder. Man macht Fehler, man lernt daraus. Wir dürfen Eltern diese Erfahrung nicht nehmen, sondern müssen sie daran wachsen lassen. Ansonsten brauchen wir uns auch nicht wundern, wenn Eltern immer mehr Erziehungsaufgaben an Kindergärten, Schulen und den Staat abwälzen. Wer jahrelang gesagt bekommt: „Ihr könnt das nicht und die Institutionen können es besser“ – der gibt die Verantwortung ab und damit betreten wir eine Abwärtsspirale, die nicht mehr aufzuhalten ist. WEM NÜTZT ES? Wie bei allen politischen Debatten kann man sich auch in der Betreuungsfrage der Kinder der Sache mit der Frage nähern: Qui bono? Wem nützt es? Schließlich handelt es sich menschheitsgeschichtlich durchaus um ein Novum, dass wir gerade dabei sind, die Erziehung der Kinder möglichst bereits nach einem Jahr aus der Familie an die Gesellschaft und den Staat auszulagern. Gerne wird da immer das afrikanische Sprichwort zitiert, wonach man ein ganzes Dorf brauche, um ein Kind großzuziehen. Ja sicher, aber auch in Afrika wird die Mutter nicht ins Nachbardorf geschickt, sondern ist ebenfalls anwesend und das afrikanische Dorf ist dort in der Regel die Großfamilie. Kinderinteressen sind in der vorherrschenden Debatte einfach nicht vorrangig. Wie bereits beschrieben, sind die allermeisten Kinder in Deutschland in besten Händen. Und man fragt sich ja tatsächlich, wie wir Deutschen eigentlich zum Land der Dichter und Denker geworden sind ohne flächendeckende Krippenlandschaft? Ein etabliertes System wirft man nicht einfach über Bord ohne konkreten Anlass. Die Antwort findet sich schneller, als einem lieb ist. Die Wirtschaft braucht die Frau. ZWEI FLIEGEN MIT EINER KLAPPE Zwei Faktoren bereiten nicht nur der Regierung in Deutschland, sondern zahlreichen europäischen Ländern die größten Sorgen: die demographische Entwicklung und der Fachkräftemangel.

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Bereits seit über 20 Jahren weiß man, dass unsere Gesellschaft stetig altert, dass wir mehr Kinder bräuchten, um diese Entwicklung aufzuhalten. Mindestens 2,1 Kinder müsste jede Frau gebären, damit wir unseren Bevölkerungsstand aus eigener Kraft halten können, tatsächlich schaffen wir nur knapp 1,4 Prozent. Damit ist absehbar, dass bereits in wenigen Jahrzehnten eine immer kleiner werdende nachwachsende Generation eine immer älter werdende Gesellschaft und deren Sozialsysteme am Leben erhalten muss. Ein Lösungsweg ist die Zuwanderung in unser Land. Doch Zuwanderung bringt auch anderen gesellschaftlichen Sprengstoff mit sich, dadurch allein können wir den demographischen Wandel nicht aufhalten und es ist politisch auch nicht gewollt. Eng mit der geringen Geburtenrate verknüpft ist der Fachkräftemangel in Deutschland. Denn wenn keine gut gebildete, große Generation nachwächst, dann fehlt sie nicht nur in den Kreißsälen, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt. Hier ergibt sich das gleiche Problem wie bei der Demographie: Allein durch Zuwanderung von Fachkräften ist das Problem nicht zu lösen. Es muss eine andere Lösung für beide Probleme her und sie wurde auch gefunden: die Frau. Während auf dem männlichen Arbeitsmarkt das Potenzial an Fachkräften bereits nahezu ausgeschöpft wurde, liegen aus Sicht der Wirtschaft und der Politik am heimischen Herd große, ungenutzte Kapazitäten brach, die man nun aktivieren will. Dabei soll Frau beides richten: Kinder bekommen und gleichzeitig den Fachkräftemangel ausgleichen. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Das kann selbstredend nur dann funktionieren, wenn sich die Mütter nicht mehr selbst um die Erziehung der Kinder kümmern, sondern diese abgeben an andere. Auf zwei Hochzeiten kann man schließlich nicht gleichzeitig tanzen. Es ist also zutiefst wirtschaftsfreundlich, wenn die Mütter ungestört auf den Arbeitsmarkt strömen können. Sie sind billigere Arbeitskräfte als Männer und waren noch nie so gut ausgebildet wie heute. WIRTSCHAFTSFREUNDLICHE FAMILIENPOLITIK Es darf nicht als Zufall betrachtet werden, wenn sich im aktuellen Familienbericht der Bundesregierung unter dem Titel „Mehr Zeit für Kinder“ tatsächlich die Forderung findet, die Eltern-

zeit von drei auf zwei Jahre zu verkürzen. Das ist nahezu zynisch unter diesem Titel. Denn wer wirklich will, dass Eltern mehr Zeit mit den Kindern verbringen können, sollte sich um eine Ausweitung von Elternzeiten und um eine finanzielle Absicherung in dieser Zeit kümmern. Stattdessen wird ein Weniger an gemeinsamer Zeit von Eltern und Kindern hochoffiziell von einer Expertenkommission gefordert. Auch der aktuelle Bildungsbericht, der im August 2012 erschienen ist, schlägt in die gleiche Kerbe. Vorteilhafte Bildung wird dort attestiert, wo genug Krippenplätze und mehr Ganztagsschulen vorhanden sind, wo sichergestellt ist, dass die Kinder mehr Zeit am Tag außer Haus verbringen. Ausgeblendet wird dabei völlig die Qualität der Schulen. Auch die PISA-Ergebnisse werden nicht berücksichtigt, nach denen gerade Länder mit wenig Krippen und wenig Ganztagsschulen wie etwa Bayern und Baden-Württemberg doch die besten Ränge im bundesweiten Vergleich beanspruchen können in Sachen Bildung. Dabei wird einseitig von der Prämisse ausgegangen, dass Bildung erst stattfindet, wenn Kinder das Elternhaus verlassen, die Bildung zu Hause existiert in dieser Argumentation nicht. FEMINISMUS ALS SCHÜTZENHILFE Schützenhilfe in der Bemühung, Frauen weg vom Herd an den Schreibtisch zu bekommen, erhält die Politik aus dem Teil der Frauenbewegung, der die Mutterschaft schon immer als Problem betrachtet hat auf dem Weg, all das zu erreichen, was Mann erreichen kann. Auch hier wird dementsprechend die Idee, die Kindererziehung von der Mutter weg hin zu einer Krippe zu delegieren, begeistert aufgenommen. Man glaubt, erst dann volle Emanzipation erlangen zu können, wenn die Frau auch wirtschaftlich unabhängig ist vom Mann und sie genauso ungestört vom Nachwuchs ihrer Karriere nachgehen kann wie der Vater der Kinder. Das Institut der Wirtschaft in Köln hat ausgerechnet, dass der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen bereits heute statistisch irrelevant wird, wenn die Frau ihr Erwerbsleben nicht wegen der Kinder unterbricht. Nun ist es aber leider statistisch auch so, dass die Frauen immer weniger Kinder bekommen, je höher sie auf der Karriereleiter steigen. Damit ist das Dilemma perfekt.

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ÖKONOMISIERUNG DER KINDHEIT Vom Kindeswohl ist übrigens immer noch nicht die Rede. Es geht im Wesentlichen um eine Ökonomisierung der Kindheit, die sich möglichst störungsfrei in die Produktionsprozesse der Wirtschaft einfügen soll. Auch hier hat ein völliger Paradigmenwechsel stattgefunden im Vergleich zu der Zeit noch vor 20 oder 30 Jahren. Damals schwappte die Welle der unbeschwerten Kindheit über Deutschland. Die Kinderläden, das Bewusstsein, Kinder sollen spielen dürfen, sie sollen nicht autoritär herangezogen werden, sondern sich frei entfalten. Montessori, Waldorf, neue Pädagogiken mit ganz anderen Zugängen zu Bildung und Entfaltung sprossen aus dem Boden, die weg wollten vom ökonomischen Frontalunterricht. Davon ist heute nichts mehr übrig – und auch hier völlig ohne sachlichen Grund. Heute müssen Kinder funktionieren. Heute hat man Angst, auch nur das kleinste Zeitfenster ungenutzt verstreichen zu lassen, in dem sie doch schon Englisch lernen könnten anstatt einfach Bauklötze zu stapeln: chinesisch für Zweijährige und am besten schon in der Schwangerschaft den Bauch mit Beethoven beschallen, mit einem Jahr in die Kita, eingeschult wird notfalls auch schon mit fünf Jahren. Das Abitur wurde von neun auf acht Jahre verkürzt, die Studiengänge auf Bachelors zusammengestaucht – alles Faktoren, die dazu beitragen sollen, die Kinder und Jugendlichen schnell wirtschaftfähig zu machen. WAS WOLLEN KINDER UND ELTERN? Auf der Strecke bleiben die Liebe, die Persönlichkeitsentwicklung und die Bedürfnisse von Kindern und auch ihrer Mütter – zunehmend auch Väter. Diese Faktoren sollten an erster Stelle stehen, wenn wir darüber reden, was Familien wollen und brauchen. Sie stehen jedoch hinten an, werden falsch und verkürzt dargestellt oder gar nicht erst diskutiert. Kein einjähriges Kind, dem man die Wahl lässt, verlässt morgens freiwillig das Haus, um den Tag unter Fremden zu verbringen. Ich sage bewusst: „dem man die Wahl lässt“. Denn das tun wir nicht mehr. Da helfen auch nicht fröhliche Presseberichte, die darüber berichten, dass die Babys angeblich problemlos in der Krippe einsteigen, oder der Hinweis, dass das Weinen nur wenige Minuten dauerte und gleich aufge-

hört hat, nachdem die Mutter aus der Tür war. All diese Kinder haben keine Wahl, sie fügen sich ein in ihr Schicksal. Englisch lernen kann man auch später im Leben. Liebe und Zuwendung nachholen kann man niemals wieder. Dabei wissen wir heute aus der Bindungsforschung, dass gerade die Entwicklung in den ersten drei Jahren eines Kindes diese feste Bindung zu festen Bezugspersonen braucht. Eine Krippe kann dies nicht leisten. Wer anderes behauptet, kennt nicht die Realität im Alltag der Krippe. Die Personalschlüssel, die dort real vorherrschen, machen es auch bei engagierten Erzieherinnen unmöglich, das zu leisten, was zu Hause an Aufmerksamkeit und Zeit erbracht werden kann. Dass wir die Grenze, ab wann ein Kind den Tag getrennt von den Eltern verbringen kann, bei 12 Monaten ziehen, ist völlig willkürlich. Es gibt überhaupt keine wissenschaftliche Erklärung hierfür oder gar gesicherte Erkenntnisse. Es sind einfach finanzielle Erwägungen. Nach 12 Monaten läuft das Elterngeld aus, spätestens nach 14 Monaten, wenn der Vater ebenfalls in Elternzeit geht. Dann fangen die finanziellen Schwierigkeiten an in den jungen Familien. Und spätestens ab diesem Punkt haben auch viele Mütter dann keine Wahl mehr. Es stellt sich unwillkürlich die Frage, ob wir tatsächlich so viele Krippenplätze bräuchten, wenn man beispielsweise 24 statt 12 Monate ein Elterngeld bezahlen würde. Umfragen bestätigen immer wieder, dass Eltern und vor allem Mütter sehr gern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen würden, wenn sie es sich denn leisten könnten. Ziehen wir noch einmal den Familienbericht aus dem Jahr 2012 heran. Dort findet sich unter anderem der Hinweis auf eine Umfrage des Instituts Allensbach, wonach ein Drittel der Mütter ihre Arbeitszeit gerne ausweiten würde. Dieses Drittel wird als Begründung herangezogen, um die Notwendigkeit weiterer U3-Plätze zu rechtfertigen. In der gleichen Studie von Allensbach haben jedoch zwei Drittel der Mütter angegeben, dass sie ihre Arbeitszeit gerne reduzieren würden zugunsten der Familienzeit. Diese Mütter werden im Familienbericht nicht einmal erwähnt. Auch eine Studie der internationalen Müttergesellschaft Mouvement Mondial des Mères (MMM) aus dem Jahr 2011, finanziert von der EUKommission, kommt zu dem Ergebnis, dass Mütter

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LIEBE KANN MAN NICHT NACHHOLEN

sich mehrheitlich selbst um die Kinder kümmern wollen, bis diese in die Schule kommen – und das europaweit. Anschließend würden sie gerne Teilzeit arbeiten und erst ab dem 18. Lebensjahr gibt es eine Mehrheit der Mütter, die gerne wieder Vollzeit in den Beruf einsteigen würde. Die deutschen Mütter unterschieden sich dabei in keinster Weise von Müttern aus anderen europäischen Staaten. Auch andere Studien zeigen, dass junge Familien und gerade junge Frauen gerne mehr Zeit in die Kinder investieren würden, wenn es finanziell denn möglich wäre. Unzählige Umfragen sind erstellt worden zum Betreuungsgeld, unisono werden Ergebnisse berichtet, wonach dieses familienpolitische Instrument von der Mehrheit der Bevölkerung angeblich abgelehnt wird. Schaut man sich jedoch die Umfragewerte bei den Betroffenen selbst an, so kommen andere Ergebnisse zutage. Unter dem Titel „Mehrheit missbilligt Betreuungsgeld“ veröffentlichten beispielsweise der Sender RTL und das Magazin „Der Stern“ die Ergebnisse ihrer Umfrage. Schaut man genauer hin, findet sich unter den Betroffenen selbst, also der Altersgruppe zwischen 18 und 29 Jahren, mit 51 Prozent jedoch eine Mehrheit, die sich für das Betreuungsgeld ausspricht. Man kann es also getrost in den Bereich der feministischen Mythen verbannen, dass Frauen ihr Glück allein im Beruf suchen und wir deswegen dort unsere Anstrengungen bündeln müssen. Die Umfragen sprechen eine andere Sprache, auch wenn es Wirtschaft und Politik gerade gar nicht gelegen kommt. Sicher, Frauen wollen einen Beruf und sie wollen auch Kinder – allerdings nicht zwangsläufig alles gleichzeitig. Wir verlangen von keinem Mann, dass er beides gleichzeitig stemmt. Die Zeche zahlen am Schluss die Kinder. FREIE WAHL FÜR ELTERN Es bleibt festzuhalten: Die Mehrheit der deutschen Familien kümmert sich sehr gut um ihre Kinder. Eine Mehrheit der Mütter würde gerne viel mehr Zeit mit den eigenen Kindern verbringen. Und es gibt nicht einmal ansatzweise wissenschaftliche Belege, dass eine Erziehung außerhalb des Elternhauses der Persönlichkeit und der Bildung eines Kindes mehr nützt als das Aufwachsen zu Hause in den ersten Lebensjahren.

Sehr wohl gibt es aber Hinweise, dass es Kindern schaden kann, wenn sie zu früh aus der Familie genommen werden und zu lange außer Haus betreut werden. Langzeitstudien aus den USA bestätigen ein gesteigertes Aggressionsverhalten. Auch die Stressforschung bietet neue Erkenntnisse, wonach der Spiegel des Stresshormons Cortisol bei Krippenkindern deutlich erhöht ist und sich dies auch noch im Teenageralter nachweisen lässt. Doch nicht nur die Kinder sind unter Stress, auch die Mütter. Von Krankenkassen und dem Müttergenesungswerk wird berichtet, dass berufstätige Mütter immer häufiger und immer früher an Depressionen und Burn-OutSymptomen erkranken. Wir würden also nicht nur den Kindern, sondern auch ihren Eltern helfen, wenn wir Wege finden würden, dass Familien so leben können, wie sie es sich wünschen. ES IST BEZAHLBAR Bleibt zum Schluss der Blick auf das leidige Geld. Vielfach wird argumentiert, dass ja kein Geld da sei, um Eltern, die selbst erziehen wollen, mehr zu unterstützen. Deswegen diskutieren wir ein Betreuungsgeld von lächerlichen 150 Euro monatlich pro Kind. Tatsächlich ist jedoch genug Geld vorhanden, es ist nur eine Frage der Prioritäten, wie man es verteilt. Für die Krippenplätze, die wir gerade bauen, sind Milliardenbeträge zur Verfügung gestellt worden. Dabei ist dies die teuerste Variante der Kinderbetreuung, denn jeder Platz kostet pro Kind und Monat im Schnitt 1.200 Euro. Davon könnten wir auch jedem Kind sein eigenes Kindermädchen zur Verfügung stellen oder ihm einfach die Mutter lassen. Dieses Geld sind wir bereit auszugeben, wir haben sogar einen Rechtsanspruch dafür geschaffen. Doch nur 35 Prozent aller Eltern wollen so einen Platz, das sagt selbst unser Familienministerium. Im Umkehrschluss bleiben 65 Prozent an Eltern übrig, die zwar keinen Krippenplatz wollen, aber dennoch Unterstützung brauchen. Ihnen sagen wir nun, wir haben das Geld schon für die Minderheit ausgegeben, für euch ist nichts mehr da. Es wird Zeit, dass sich die Politik wieder an Mehrheiten orientiert.

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BIRGIT KELLE Vorstandsmitglied New Women For Europe (NWFE), Brüssel

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VERANTWORTLICH Prof. Dr. Reinhard Meier-Walser Leiter der Akademie für Politik und Zeitgeschehen, Hanns-Seidel-Stiftung, München

HERAUSGEBER Christine Haderthauer, MdL Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen Prof. Dr. h.c. Hans Zehetmair Staatsminister a.D.; Vorsitzender der Hanns-Seidel-Stiftung, München

Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen
Die „Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen“ werden ab Nr. 14 parallel zur Druckfassung auch als PDF-Datei auf der Homepage der Hanns-Seidel-Stiftung angeboten: www.hss.de/mediathek/publikationen.html. Ausgaben, die noch nicht vergriffen sind, können dort oder telefonisch unter 089/1258-263 kostenfrei bestellt werden.

Nr. 01 Nr. 02 Nr. 03 Nr. 04 Nr. 05 Nr. 06 Nr. 07 Nr. 08 Nr. 09 Nr. 10 Nr. 11 Nr. 12 Nr. 13 Nr. 14 Nr. 15 Nr. 16 Nr. 17 Nr. 18 Nr. 19 Nr. 20 Nr. 21 Nr. 22 Nr. 23 Nr. 24 Nr. 25 Nr. 26 Nr. 27

Berufsvorbereitende Programme für Studierende an deutschen Universitäten Zukunft sichern: Teilhabegesellschaft durch Vermögensbildung Start in die Zukunft – Das Future-Board Die Bundeswehr – Grundlagen, Rollen, Aufgaben „Stille Allianz“? Die deutsch-britischen Beziehungen im neuen Europa Neue Herausforderungen für die Sicherheit Europas Aspekte der Erweiterung und Vertiefung der Europäischen Union Möglichkeiten und Wege der Zusammenarbeit der Museen in Mittel- und Osteuropa Sicherheit in Zentral- und Südasien – Determinanten eines Krisenherdes Die gestaltende Rolle der Frau im 21. Jahrhundert Griechenland: Politik und Perspektiven Russland und der Westen Die neue Familie: Familienleitbilder – Familienrealitäten Kommunistische und postkommunistische Parteien in Osteuropa – Ausgewählte Fallstudien Doppelqualifikation: Berufsausbildung und Studienberechtigung – Leistungsfähige in der beruflichen Erstausbildung Qualitätssteigerung im Bildungswesen: Innere Schulreform – Auftrag für Schulleitungen und Kollegien Die Beziehungen der Volksrepublik China zu Westeuropa – Bilanz und Ausblick am Beginn des 21. Jahrhunderts Auf der ewigen Suche nach dem Frieden – Neue und alte Bedingungen für die Friedenssicherung Die islamischen Staaten und ihr Verhältnis zur westlichen Welt – Ausgewählte Aspekte Die PDS: Zustand und Entwicklungsperspektiven Deutschland und Frankreich: Gemeinsame Zukunftsfragen Bessere Justiz durch dreigliedrigen Justizaufbau? Konservative Parteien in der Opposition – Ausgewählte Fallbeispiele Gesellschaftliche Herausforderungen aus westlicher und östlicher Perspektive – Ein deutsch-koreanischer Dialog Chinas Rolle in der Weltpolitik Lernmodelle der Zukunft am Beispiel der Medizin Grundrechte – Grundpflichten: eine untrennbare Verbindung

Nr. 28 Nr. 29 Nr. 30 Nr. 31 Nr. 32 Nr. 33 Nr. 34 Nr. 35 Nr. 36 Nr. 37 Nr. 38 Nr. 39 Nr. 40 Nr. 41 Nr. 42 Nr. 43 Nr. 44 Nr. 45 Nr. 46 Nr. 47 Nr. 48 Nr. 49 Nr. 50 Nr. 51 Nr. 52 Nr. 53 Nr. 54 Nr. 55 Nr. 56 Nr. 57 Nr. 58 Nr. 59 Nr. 60 Nr. 61

Gegen Völkermord und Vertreibung – Die Überwindung des zwanzigsten Jahrhunderts Spanien und Europa Elternverantwortung und Generationenethik in einer freiheitlichen Gesellschaft Die Clinton-Präsidentschaft – ein Rückblick Alte und neue Deutsche? Staatsangehörigkeits- und Integrationspolitik auf dem Prüfstand Perspektiven zur Regelung des Internetversandhandels von Arzneimitteln Die Zukunft der NATO Frankophonie – nationale und internationale Dimensionen Neue Wege in der Prävention Italien im Aufbruch – eine Zwischenbilanz Qualifizierung und Beschäftigung Moral im Kontext unternehmerischen Denkens und Handelns Terrorismus und Recht – Der wehrhafte Rechtsstaat Indien heute – Brennpunkte seiner Innenpolitik Deutschland und seine Partner im Osten – Gemeinsame Kulturarbeit im erweiterten Europa Herausforderung Europa – Die Christen im Spannungsfeld von nationaler Identität, demokratischer Gesellschaft und politischer Kultur Die Universalität der Menschenrechte Reformfähigkeit und Reformstau – ein europäischer Vergleich Aktive Bürgergesellschaft durch bundesweite Volksentscheide? Direkte Demokratie in der Diskussion Die Zukunft der Demokratie – Politische Herausforderungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts Nachhaltige Zukunftsstrategien für Bayern – Zum Stellenwert von Ökonomie, Ethik und Bürgerengagement Globalisierung und demografischer Wandel – Fakten und Konsequenzen zweier Megatrends Islamistischer Terrorismus und Massenvernichtungsmittel Rumänien und Bulgarien vor den Toren der EU Bürgerschaftliches Engagement im Sozialstaat Kinder philosophieren Perspektiven für die Agrarwirtschaft im Alpenraum Brasilien – Großmacht in Lateinamerika Rauschgift, Organisierte Kriminalität und Terrorismus Fröhlicher Patriotismus? Eine WM-Nachlese Bildung in Bestform – Welche Schule braucht Bayern? „Sie werden Euch hassen ...“ – Christenverfolgung weltweit Vergangenheitsbewältigung im Osten – Russland, Polen, Rumänien Die Ukraine – Partner der EU

Nr. 62 Nr. 63 Nr. 64 Nr. 65 Nr. 66 Nr. 67 Nr. 68 Nr. 69 Nr. 70 Nr. 71 Nr. 72 Nr. 73 Nr. 74 Nr. 75 Nr. 76 Nr. 77 Nr. 78 Nr. 79 Nr. 80 Nr. 81 Nr. 82 Nr. 83

Der Weg Pakistans – Rückblick und Ausblick Von den Ideen zum Erfolg: Bildung im Wandel Religionsunterricht in offener Gesellschaft Vom christlichen Abendland zum christlichen Europa – Perspektiven eines religiös geprägten Europabegriffs für das 21. Jahrhundert Frankreichs Außenpolitik Zum Schillerjahr 2009 – Schillers politische Dimension Ist jede Beratung eine gute Beratung? Qualität der staatlichen Schulberatung in Bayern Von Nizza nach Lissabon – neuer Aufschwung für die EU Frauen in der Politik Berufsgruppen in der beruflichen Erstausbildung Zukunftsfähig bleiben! Welche Werte sind hierfür unverzichtbar? Nationales Gedächtnis in Deutschland und Polen Die Dynamik der europäischen Institutionen Nationale Demokratie in der Ukraine Die Wirtschaftsschule von morgen Ist der Kommunismus wieder hoffähig? Anmerkungen zur Diskussion um Sozialismus und Kommunismus in Deutschland Gerechtigkeit für alle Regionen in Bayern – Nachdenkliches zur gleichwertigen Entwicklung von Stadt und Land Begegnen, Verstehen, Zukunft sichern – Beiträge der Schule zu einem gelungenen kulturellen Miteinander Türkische Außenpolitik Die Wirtschaftsschule neu gedacht – Neukonzeption einer traditionsreichen Schulart Homo oecologicus – Menschenbilder im 21. Jahrhundert Bildung braucht Bindung
        
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