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Periodical volume

Full text: InZeitung Issue 26.2018

26
Winter 2018/2019

Herausgeber: InForum e.V. Freiburg

Interkulturell International Integrativ
Portrait

Gastfreundschaft

Die russische Biologin Daria Onichtchouk
läuft perfekt Ski und äußert sich
gegen rassistische Haltung unter
manchen Landsleuten.
Seite 3

Über Solidarität, Untertanenmentalität,
Verpackungsamt,
Müll und andere
Sorgen.
Seiten 4 – 10

Im Gespräch
Die Frauenbeauftragte Simone
Thomas plädiert beim Thema
Gewalt für Ursachenbekämpfung statt Symptombehandlung.
Seite 11

Bildung
Bildungschancen für Migrant*innen, das Projekt
»Erste an der Uni« und ein
Gespräch mit der Redakteurin der »Zeit« Özlem Topçu.
Seite 15

Wärme. Nahrung. Herzlichkeit. Ruhe. Gastfreundschaft.

Foto: kwasibanane

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Der Gast ist wie ein Fisch, nach drei Tagen stinkt er (ita) • Ein ungeladener Gast ist schlimmer als ein Tatare (rus) • Der Gast kommt von Gott (geo)
Der Gast bekommt nicht zum Essen, was er erhofft, sondern das was er findet (tur) • Das Haus, das keinen Gast empfängt, ist kein Haus, sondern ein Friedhof (syr) • Große Bäuche waren niemals großzügig (irl)

Wir waren immer für Gastfreundschaft bekannt. Das meinen zu Recht
Migrant*innen aus vielen Ländern, zum
Beispiel aus Kasachstan. Und jetzt sagen
viele von ihnen plötzlich: »Es sind zu
viele Flüchtlinge gekommen – hier gibt
es keinen Platz mehr«. Ein Gastarbeiter
klagt: »Die bekommen sogar ihr Handy
von Sozialamt bezahlt, uns hat nie jemand
geholfen!« Ein Bekannter widerspricht
einem besorgten Russen: »Du bist ja auch
als Kontingentflüchtling gekommen!« »Ja,

aber wir sind nicht wie die …« Wir, die früher einwanderten, sind also Abendländler? Aber nicht für Pegida (Patriotische
Europäer gegen die Islamisierung des
Abendlandes), die gerne uns alle aus dem
»überfüllten Boot« hinauswerfen würden.
Bei Migrant*innen gibt es kein Wir
mehr (S. 4), wir sind untereinander genauso gespalten wie die ganze Gesellschaft. Es gibt zahlreiche Migrant*innen
jeder Herkunft, die mit Geflüchteten zusammen kartoffeln oder zusammen thea-

tern (S. 12), die auf Demos gegen Rassismus, Hassreden und Rechtspropaganda
antreten. Und es gibt leider auch
Migrant*innen, die Hassreden schreiben
und die AfD unterstützen, sogar Muslime und Juden.
Allein Gastfreundschaft impliziert
nicht, dass man den Gästen Rechte zugesteht; das beweist die Geschichte der
GASTarbeiter. Bis jetzt sind für deren
Enkelkinder noch immer keine gute Bildung und beste Jobs vorgesehen (S. 15).

Und wie lange bleibt man eigentlich ein
Gast? Vielleicht sollte unser Thema
auch Solidarität heißen. Im Unterschied
zu einer asymmetrischen Hilfe und zu
Mitleid macht sie vielmehr auch zu gemeinsamen Handlungen fähig. Jede Art
von Spaltung ist immer im Interesse
der Populisten.
Bald ist Weihnachten, und sogar
für Nichtgläubige sollte gelten, was der
Apostel Petrus sagte: »Seid untereinander gastfreundlich ohne zu murren.«

2

InBox

Leser*innenbriefe
geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion
wieder. Im Falle einer Veröffentlichung behält sich
die Redaktion Kürzungen vor. Nicht alle Zuschriften
können veröffentlicht werden.

Anlässlich der Kritik von kwasibanane in InZeitung 25, dass beim Stattfest 2018 fast ausschließlich Einweggeschirr benutzt wurde, bat die unabhängige Umwelt- und Verbraucherberaterin und
sachverständige Bürgerin im Umweltausschuss
Barbara Wimmel die Stadtverwaltung um eine
Erklärung. Wir veröffentlichen hier Ausszüge der
städtischen Stellungnahme:
ó Das Amt für öffentliche Ordnung
… und die … FWTM … haben den Sachverhalt zwischenzeitlich geprüft. … Die
Nutzung eines Geschirrmobils wird
nicht vorgegeben, da es rechtlich nicht
möglich ist, die Verwendung von Mehrweggeschirr verbindlich vorzuschreiben.

Vor Jahren gab es einen entsprechenden
Vorstoß vonseiten der Stadt Freiburg
dazu, der durch das Verwaltungsgericht
mangels Rechtsgrundlage anders beurteilt wurde. Seither besteht vom Amt für
öffentliche Ordnung die Empfehlung, bei
der Genehmigung von Veranstaltungen,
Mehrweggeschirr zu verwenden.

… Dennoch ist es ressourcenschonend,
da bei der Herstellung dieser Produkte
keine Kunststoffe verwendet werden …
Das Kulturamt hat mitgeteilt, dass es Ziel
ist, bei einem weiteren Stattfest so umweltschonend wie möglich zu agieren und
Ihre Hinweise und Informationen in die
Gesamtauswertung mit einzubeziehen.

Bürgermeister Breiter auf Weiterleitung der Anfrage
an Bürgermeisterin Stuchlik

Katrin Ruf im Auftrag von Bürgermeister Breiter
? Sehr geehrte Frau Wimmel, vielen Dank

ó Das Stattfest 2018 war ein Pilotprojekt
mit einem gedeckelten Budget, das auf
verschiedenen Ebenen … erste wertvolle
Erfahrungen für das zukünftige Veranstaltungsformat erlaubte. Das ist auch der
Grund, warum für weitere Investitionen in
Ausstattung und entsprechende Manpower keine Mittel zur Verfügung standen.
Alternativ zum Mehrweg-Geschirr wurde
bewusst biologisch abbaubares EinwegGeschirr verwendet … Die ASF hat uns
informiert, dass Einweggeschirr aus Mais
bzw. Bambus nicht … abgebaut werden.

für Ihr Engagement. Anscheinend
haben Sie bewirkt, dass das
Kulturamt bei zukünftigen
Stattfesten auf Mehrweggeschirr setzt, auch wenn die
Formulierung »so umweltschonend wie möglich«
noch einigen Spielraum offen lässt. Nicht akzeptabel
finde ich jedoch die Ökologie dem »gedeckelten
Budget« zum Opfer fallen
zu lassen. kwasibanane

Inverno 2018/2019 — InZeitung 26

Richtigstellung
Die Geschichte Nanuli unserer Autorin Ketino Bachia
(Ketevan Bakhia) wurde in die Anthologie neuer georgischer Literatur »Bittere Bonbons – Georgische Geschichten« aufgenommen (Hrsg. Rachel Gratzfeld, Verlag Edition
fünf 2018). Ihr Name schreibt sich richtig: Ketevan Bakhia.
Wir entschuldigen uns für die Druckfehler in InZ 25.

Foto: kwasibanane

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Das Gespräch führte Fouad Makkieh

Werden auch wir, geflüchtete Menschen, daran Teil haben können?
Natürlich! Auch kritische Stimmen sollen mit dabei sein.

zurück

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Interview mit Katja Niethammer,
Leiterin des Amts für Migration und Integration

Was genau ist das »Leitbild Migration und Integration«?
Das Ziel des Leitbilds Integration
ist Teilhabe der Migrant*innen an
allen gesellschaftlichen Bereichen
zu ermöglichen. Ein Leitbild – eine
schriftliche Erklärung Freiburger über
ihre Grundprinzipien in dem Bereich
– wurde 2004 von der Verwaltung
erarbeitet, es war aber nicht sehr bekannt und ist nicht mehr zeitgemäß.
Kürzlich forderten die Fraktionen des
Gemeinderats das Amt für Migration
und Integration auf, es zu überarbeiten und so auszulegen, dass wir mit
möglichst vielen Menschen in Diskussion kommen und am Ende sagen
können: Die Stadtgesellschaft trägt
das und steht dahinter. Ein neues Leitbild ist ein gemeinsam entwickelter
Prozess, alle Bürger*innen und Gruppen können an ihm teilnehmen. Den
Migrant*innenbeirat haben wir gleich
mit ins Boot genommen.

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Leitbild Migration und Integration

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Seit drei Jahren bin ich in Deutschland und jeden Tag stelle ich mir die
Frage, ob ich integriert bin. Was ist
eigentlich Integration?
Integration ist kein linearer Prozess. In manchen Lebensbereichen

kann er viel stärker voran schreiten
als in anderen. Ich glaube, es gibt
keinen Endpunkt, an dem eine Person komplett integriert ist. Aber Sie
haben jetzt zwei Jobs, Sie arbeiten
bei der InZeitung, partizipieren am
kulturellen Leben, also interagieren
mit immer mehr Teilen der Gesellschaft. Aber es kann nicht nur bei einem kulturellen Austausch bleiben,
sondern die Menschen sollen ordentliche Bildungsbiografien haben,
um in gute Arbeit zu kommen.
Also wenn ich hier eine Arbeit habe
und Steuern zahle?
Nicht nur! Wenn Sie nur zur Arbeit gehen, nach Hause gehen
und mit niemandem sprechen, sind Sie nur teilweise integriert. Es ist
schon etwas, das das
ganze Leben umfassen
soll: viele Freunde
haben, auch Deutsche,
und sich in die verschiedenen Bereiche gesellschaftlichen Lebens einbringen.
Das geht mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Das Ziel ist, dass sich
die Leute am Ende wohl fühlen und
die Umwelt sie auch so akzeptieren
kann. Ich glaube, eine Art doppelte
Identität bleibt immer, selbst wenn
man hier seit 30 Jahren lebt; trotzdem vermisst man vielleicht etwas
aus der Kindheit, etwas aus einem
anderen kulturellen Umfeld, und

das ist in Ordnung so. Ich glaube
eine 100%ige Identifikation mit dem
Wohnort hat man selten.
Manche haben immer das Gefühl,
dass Integration in Deutschland
eine Einbahnstraße ist.
Sie ist sogar nicht nur eine Zweibahnstraße, sondern ein Kreisverkehr mit vielen Zufahrten.
Leistet der Begriff »Leitbild Integration« einen Beitrag dazu, dass es
keine Einbahnstraße ist?
Der Begriff an sich nicht, aber
der Prozess. Wir kommen mit vielen
Bevölkerungsgruppen ins Gespräch,
Migrant*innen oder nicht und am
Ende tragen alle dazu bei. Es gibt
nicht die eine Aufnahmegesellschaft –
das ist eine rhetorische Fiktion. In
Freiburg gibt es verschiedene
Szenen, soziale Umfelder.
Und diese sollten aufnahmebereit sein. Das erfordert Offenheit und Beweglichkeit von allen. Eine
deutsche Gesellschaft mit
festen Regeln, an die man
sich anpassen muss, gibt es
nicht. Es gibt aber ein Grundgesetz,
das für alle gilt. Ein Leitbild bietet nur
Leitplanken, es handelt sich nicht um
eine festgeschriebene Zielvorgabe.
ó Mit einer Auftaktveranstaltung startete
am 26. 11. im Historischen Kaufhaus der Beteiligungsprozess zur Erarbeitung des neuen
Leitbildes »Migration und Integration der Stadtgesellschaft Freiburg«. Kontakt für Beteiligung:
www.freiburg.de/leitbildintegration

Portrait

InZeitung 26 — ̮͏͓͇

¯ Dr. Daria Onichtchouk:
»Die Biologie wurde mir wohl in die
Wiege gelegt.« Foto: Fabrizio Galuppi

sie drei Jahre alt war. Als Studentin
dann lernte sie Abfahrtski und gab
das später alles an ihre Söhne weiter.
Diese fanden aber bald das Fahren mit
dem Snowboard cooler. »Da musste
ich es eben auch lernen, erzählt Dasha,
und keine beruflichen Aufstiegsmögund ich hab es mit 40 Jahren gelernt,
lichkeiten bot.« Ebenfalls in dieser Zeit
bereits in Deutschland.« Neulich
kamen Dashas zwei Söhne zur Welt;
schenkten ihr die Söhne zum Geburtstag ein eigenes Snowboard, damit sie
dabei bot ihr die Familie den Rückhalt,
nicht mehr die ihrer Söhne ausleihen
den sie brauchte – in Russland ist die
(Groß-) Familie eine wichtige Stütze für muss. »Ich reise auch sehr viel und sehr
gerne,« berichtet sie, diesen Sommer
Eltern und besonders für Mütter, die
war sie mit ihrem deutschen Freund
arbeiten und eine Karriere aufbauen.
Die Familie sorgte dafür, dass Dasha ihr in Sibirien am Baikalsee. »In Europa
Studium ausüben und beenden konnte. liebe ich Portugal – vor allem wegen der
Saudade.« Sie fühlt sich als Weltbür»Ich habe mich dann in Deutschland,
unter anderem in Heidelberg für ein Dok- gerin. »Aber ich will in Freiburg leben
torandenstipendium beworben, wurde
und bleiben. In Norddeutschland hat
angenommen und habe zwischen 1996
mir immer der Schnee gefehlt. Und hier
und 1999 dort meine Doktorarbeit gekommst du mit öffentlichem Verkehr
schrieben.« Die Söhne blieben in dieser sehr schnell in den Schwarzwald. Ich
Zeit in Russland bei ihrer Großmutter.
finde die Menschen hier freundlicher als
»Wenn ich das in Deutschland erzählte,
woanders, und … hier gibt es das Freiburger Barockorchester!«
wurde immer sofort klar, dass in Bezug
Mich interessiert auch noch ein
auf Kinder und Familie Welten zwischen
ganz anderes Thema, nämlich wie sie
Russland und Deutschland liegen!« sagt
zu der Tatsache steht, dass sich unter
sie, »Hier wirst du als Frau schon sehr
skeptisch betrachtet, wenn dir deine Kar- vielen AfD-Wählern so genannte Russriere wichtig ist. Wenn du arbeiten gehen landdeutsche befinden.
»Als ich 1996 nach Deutschland kam,
willst, so lange dein Kind oder deine Kinwar das auch die Zeit der Spätaussiedler,
der noch klein sind, wirst du schnell als
im Grunde ungefähr unsere Generation.«
Rabenmutter angesehen!«
Ab 1999 arbeitete sie dann für ein
Viele von ihnen interessierten sich
Institut in Göttingen, das der Pharmain- nicht für die hiesige Politik und zeigten
dustrie Ergebnisse seiner biologischen
wenig oder keine Ambitionen die Sprache, die Kultur oder die Menschen dieForschungen verkaufte. 2001 wurde
das Institut von einem Großkonzern
ses Landes kennen zu lernen. »In manaufgekauft, Dasha sowie andere Wissen- chen Stadtvierteln, manchmal in ganzen
schaftler gingen mit. »Als Wissenschaft- Ortschaften, blieben sie völlig unter sich.
lerin in der Forschung hätte es damals für Sie sahen und sehen den ganzen Tag
Sie schreibt den Begriff Gastrulation in
mich keine Visumsverlängerung gegeben, russisches Fernsehen – und liefern sich so
mein Notizheft und ich verspreche ihn
deshalb war es wichtig für mich eine feste ganz der dort herrschenden Propaganda
zu googeln. Ihre Forschungen finden
Anstellung zu haben.« Auch sollten die
unter anderem an der Universität Freiaus, sie haben keine Argumente dageburg statt und zwar an Zebrafischen:
gen.« In der Generation unserer Kinder
beiden Söhne ab da nun bei ihr leben.
»Deren Entwicklung von der ersten Zelle
»Den irgendwann demnächst drohenden sei das weniger der Fall, meint Dasha.
an kann Hinweise auf die Entwicklung
Militärdienst in Russland wollte ich ihnen »Rechte gibt es darunter schon auch,
sämtlicher Lebewesen geben.«
definitiv ersparen und ihnen ein Leben in aber die in den 80ern und 90ern GeboWie genau kam Dasha dahin? »Mein Deutschland ermöglichen.« Beide Söhne renen sind hier zur Schule gegangen und
Urgroßvater mütterlicherseits war Arzt
konnten hier ihre schulischen Laufbah- haben viele verschiedene Freunde und
Gruppen gefunden – dadurch wurden
in Moskau«, erzählt sie. »Er hatte fünf
nen fortsetzen und sind heute in ganz
sie ganz anders geprägt.« Im Grunde
Töchter – ›Schon wieder ein Mädchen!‹
unterschiedlichen Berufen tätig. »Mein
Älterer arbeitet für eine Computerfirma,
genommen seien Menschen sicher
war in der Familie eine gängige Redensart.« Diese Töchter wurden alle
mein Jüngerer als Koch in einem guten
gefährdeter eine nationalistische oder
Wissenschaftlerinnen, die Enkelkinder
Restaurant. Sie haben die lange Reihe der rassistische Haltung einzunehmen,
ebenso – also auch die Mutter von
Biologinnen durchbrochen,« stellt Dasha »die immer unter Ihresgleichen hocken
Dasha und deren Geschwister. »Meine
sachlich fest. Seit 2006 lebt und arbeitet und nie etwas anderes oder andere Leute
Mutter und meine Großmutter waren
sie nun in Freiburg an der Universität in verschiedener Herkunft kennen lernen.
Biologinnen, irgendwie wurde mir das
der Forschung und als Dozentin.
Das macht Angst und empfänglich für
Gibt es in ihrem Leben eigentlich
wohl in die Wiege gelegt,« meint sie mit
einfache Parolen und Propaganda.«
einem kleinen Lächeln. »Aber nachdem überhaupt so etwas wie Freizeit,
Während wir in unsere Jacken schlüpmöchte ich wissen. »Mein Hauptfen, räsoniere ich noch ein wenig darich während der Perestroika meinen AbHobby ist die Arbeit,« sagt Dasha, »Oft
über, ob es hilfreich für eine tolerante
schluss gemacht habe, kam eine Zeit, in
bleibe ich abends im Institut, wenn ich
und weltoffene Haltung sein könnte,
der die meisten Wissenschaftler meiner
Generation nach Europa oder in die USA nicht ins Kino oder zum Klettern gehe.« sich jeden Tag zumindest einmal kurz
Im Sommer geht sie wandern; zusam- daran zu erinnern, dass wir alle – Ameiemigrieren mussten. Russland propasen, Zebrafische, Menschen – einmal
gierte eine ›Nationale Wissenschaft‹, eine men mit Freunden hat sie mit dem
Kajak viele französische Flüsse »erpad- als beinahe identische Zellklümpchen
Wissenschaft im Namen nationaler Inangefangen haben. Die Gastrulation ist
delt«. Am allerliebsten aber fährt sie
teressen – was ja ein klarer Widerspruch
übrigens tatsächlich ein außerordentSki. Ihre Mutter brachte ihr Langlauf
in sich ist, und was dann dort den wislich interessantes Thema.
bei einer Datscha in Vnukovo bei, als
senschaftlichen Nachwuchs ausbremste

Schon wieder
ein Mädchen!

Für Dasha Onichtchouk ist die Arbeit ein Hobby
Von Susanne Einfeld

E

s ist wie immer eine Herausforderung Menschen zu erkennen, mit
denen man sich telefonisch verabredete, die man dann in einem öffentlichen Raum – in diesem Falle im Jos
Fritz Café – für ein Portrait trifft und
die man eigentlich gar nicht kennt. Ist
es diese da? Oder vielleicht die andere?
Da ich zu früh bin, platziere ich mich
erst einmal mit dampfender Kaffeetasse in Lauerstellung auf der einen
Seite des Raumes. Nach einer kleinen
Weile kommt eine große schlanke
Frau herein und geht direkt ohne sich
umzusehen in die andere Richtung.
Seltsamerweise wird mir dann wie
immer wieder plötzlich klar: Es kann
nur diese dort sein. So finden wir uns
rasch und das Gespräch kommt sehr
schnell in Gang.
Dasha ist Wissenschaftlerin, genauer
gesagt: Biologin. Ihr Schwerpunkt ist
die Entwicklungsbiologie. Sie denkt
einen Moment nach, um das laientauglich zu erklären. »Wir forschen an
der Entwicklung von der ersten befruchteten Zelle bis zu einem sehr frühen Frühstadium – noch lange vor dem Embryio.«

3

4

Gastfreundschaft

Yozizira 2018/2019 — InZeitung 26

Gastfreundschaft
Offenes Haus oder Abschottung?
Von Viktoria Balon

V

iele wissen die Antwort auf diese
Frage nicht mehr, überfordert
von widersprüchlichen Informationen, die bei uns Migrant*innen auch
noch in anderen Sprachen ankommen. Es ist schwer eine nüchterne
Sicht zu bewahren, wenn öffentliche
Diskussionen panisch verlaufen.
Umso wertvoller sind kluge kühle
Köpfe. Zwei aktuelle Werke zu dem
Thema würden wir gern vorstellen.

Die Neue Rechte ist in vielen Dingen eine sehr alte, beweist Historiker
und Publizist Dr. Volker Weiß in seinem
Buch Die Autoritäre Revolte (2017). Auch
das Abendland ist eine Konstruktion,
die schon mehrmals in der Geschichte
diversen Zwecken unterworfen wurde.
Sie braucht immer das Szenario einer
äußeren Bedrohung: Juden, Marxisten,
Islam. Neue Rechte hassen Europa und
lieben das Abendland. Europa mit seinen Minderheitsrechten scheint ihnen
schwach, Gayropa – sagt man in diesem
Milieu, das Wort wurde in russischen
Propaganda-Medien erfunden. Die Putinisten bedienen sich einer ähnlichen
Konstruktion: Eurasien. Weiß geht weiteren autoritären Vorstellungen nach und
erkennt erstaunlicherweise: auch Islamisten und Abendländer sind in ihrem
Kampf Waffenbrüder. Manche Akteure
der »abendländischen« Szene artikulieren es sogar: Solange Muslime zuhause
bleiben, haben sie keine Probleme mit
dem Islam, viel mehr mit dem »Verlust
kultureller und nationaler Identität«, ihr
Hauptgegner ist die »individualistische,
hedonistische, westliche Form von Liberalismus«. Sie sind nicht nur demonstrativ
patriotisch, sondern beharren auf »den
unlösbaren Bindungen des Einzelnen an
seine Ethnie und die daraus resultierende
Kulturform sowie auf die damit verknüpfte Gesetzmäßigkeit gesellschaftli-

cher Ungleichheit«. Der »wirkliche Feind«
ist für sie der Fremde, Einwanderer, der
mit seinen eigenen Identitätsmerkmalen als Bedrohung wahrgenommen wird.
Doch gerade diejenigen Einwanderer,
die sich der »Akkulturation« verweigern,
seien ihrem Gegner am nächsten, meint
Weiß, weil Kultur und Religion für beide
Schicksal sind.
Nach Prof. Dr. Aladin El Mafaalani
ist nicht nur das Haus geöffnet, sondern alle sitzen schon am Tisch und
man muss zusammen entscheiden,
was jetzt mit dem Kuchen geschieht.
Die Gesellschaft ist viel offener geworden und die Integration gelingt,
behauptet der deutsche Soziologe
und Politikwissenschaftler in seinem
Bestseller Integrationsparadox. Heutige
Konflikte beweisen es gerade deshalb,
weil je mehr unterschiedlichere Gruppen am Tisch Platz nehmen und dann
noch mitbestimmen wollen, desto unruhiger wird es. »Die Spannungsfelder
einer offenen Gesellschaft verlaufen keineswegs zwischen so genannter Mehrheitsbevölkerung und den Minderheiten.
Die Grenzlinien kreuzen alle Schubladen,
die man sich vorstellen kann.« Der Autor spricht von Zusammenwachsen,
das weh tut, und nicht von Spaltung;
von mehr Teilhabe zunehmend auf
Augenhöhe, die zwangsläufig zu
Reibungen führt. Auch er sieht viel
Gemeinsamkeiten zwischen Rechtspopulisten und z. B. Salafisten, die »great
again« auch nutzen könnten – für den
Islam. »Wir in Deutschland haben Glück,
dass unsere Populisten sich nicht darauf
einigen können, welche Ära die gute Zeit
war«, so der Autor, »Für Deutschland
gilt es so klar wie für kaum ein anderes
Land: Die beste Zeit ist genau jetzt«
Ob es auch in Zukunft so sein wird,
hängt von unseren politischen Aktivitäten und konstruktiven Auseinandersetzungen ab.

Die Frage (nach) der Gastfreundschaft
Von Timur Abramovich

»Ist die Frage nach dem Fremden
nicht eine Frage des Fremden? Eine
vom Fremden kommende Frage?«
So eröffnete Jacques Derrida am
10. Januar 1996, vor 22 Jahren,
sein Seminar, im dem das Thema
Gastfreundschaft im engen Zusammenhang mit den Themen
von Migration, Flüchtlingen und
Ausgrenzung betrachtet und analysiert wurde.
Derridas Ansatz basiert auf einer
langen europäischen Tradition. In
Platons Dialogen ist es oft ein Fremder (Xenos), der unerwartete, oft unangenehme Fragen stellt, etwas zur
Sprache bringt, das zwischen den
Eigenen nicht besprochen wurde.
Schon alleine die Präsenz des Fremden stellt den kulturellen Konsens
und gesellschaftliche Strukturen
auf die Probe, testet ihre Flexibilität
und Anpassungsfähigkeit.
Hat die Europäische Gesellschaft
in den letzen 20 Jahren die Fragen
der Fremden beantwortet? Hat ein
Dialog mit dem Fremden überhaupt
stattgefunden? Nein, oder nicht
ausreichend. In den Migrationsdebatten kommen die Geflüchteten
erstaunlich wenig zu Wort. Man
redet nicht mit ihnen, sondern über
sie. Auch die Rechtspopulisten sind
zu einem direkten polemischen Austausch mit Migranten wenig willig.
Diskussionen wurden bisher eher für
herkömmliche »Gutmenschen« reserviert. Man kann sich fragen ob die
besorgten Bürger für Migranten nur
die Sprache der Straßengewalt – wie
in Chemnitz – parat haben?
Gastfreundschaft ist eine gesellschaftliche Beziehung mit dem
Fremden, ein Dialog auf Augenhöhe. Sie ist, so Derrida, »das Recht,

das dem Fremden als solchem, dem
fremd gebliebenen Fremden, zuerkannt wird, sowie den Seinen, seiner
Familie, seinen Nachfahren.« Sie bedeutet also die bedingungslose Aufnahme der Fremden in den Kreis,
wo mitgeredet und demokratisch
mitentschieden wird.
Bedingungslose Gastfreundschaft birgt Risiken – ein Verzicht
auf all das, was die Fremden vertreibt. Sie ist im gleichen Maße
riskant, wie es riskant ist die Gewaltbereitschaft der Gesellschaft
unwiderruflich zu senken. Aber wie
sonst können wir garantieren, dass
unsere Gesellschaft nie wieder zur
Ausgrenzungs- oder gar zu einer
Vernichtungsmaschine wird? Der
Fremde fragt uns: Wollt Ihr nicht
in einer Gesellschaft leben, die
Fremdenhass endgültig verlernt
hat, so wie mit der Abschaffung der
Wehrpflicht auch die Kriegsführung
von einem großen Teil der Bevölkerung verlernt wurde? Wollt Ihr
nicht in einer Gesellschaft leben, die
Besseres zu tun hat, als sich gegen
den Anderen zu mobilisieren? Die
Frage des Fremden gilt auch für die
Migrantengruppen, hier geht es um
die konsequente Ablehnung der
Unterstützung allerlei Hassprediger
oder Organisationen, die Gewalt auf
ihrer Agenda haben.
Die Fähigkeit zur einer solchen
absoluten Gastfreundschaft wird
niemandem in die Wiege gelegt,
aber sie ist lernbar und lehrbar. Derridas Rede vor dem Internationalen
Schriftstellerparlament in Straßburg
im März 1995 trug den Titel »Cosmopolites de tous les pays, encore un effort!« (»Weltbürger aller Länder, noch
eine Anstrengung!« ). Heute genauso
aktuell wie damals.

Gastfreundschaft

InZeitung 26 — Zyma 2018/2019

5

Solidarität
Afghanische Gastfreundschaft

Der Gast ist der Gesandte Gottes
Von Laila Sahrai

»Der Gast genießt in Afghanistan einen so hohen Status, dass Gastfreundschaft sowohl in der eigenen Wahrnehmung wie auch in der Wahrnehmung von auswärtigen Beobachtern
als eines der wichtigsten kulturellen
Merkmale angesehen wird«, schreibt
Dr. Lutz Rzehak, ein Asien-Spezialist.
Afghanistan ist gewiss nicht das einzige Land, wo Gastfreundschaft von
großer Bedeutung ist.
Doch dort ist die Gastfreundschaft
in besonderem Maße ritualisiert und
habitualisiert, sie ist religiös verankert. Gäste und Reisende gelten als
Gesandte Gottes. Dieser Glaube wurde
von Dari-Dichtern, u. a. Rumi, veredelt, ist im Volksglauben verankert
und wurde zum Ehrenkodex erhoben.
Wer damit aufgewachsen ist, fühlt
sich verpflichtet, die Regeln zu befolgen, weshalb sein Verhalten nicht nur

˘ Gäste zu empfangen oder
empfangen zu werden, bedeutet
ihnen Zeit zu widmen. Ein Teil
unserer Zeit, mit der wir uns dafür
entscheiden, anderen zuzuhören.
Ich stelle mir es in vergangenen
Zeiten so vor, als die Rhythmen des
Lebens langsamer waren. An einem
Tisch zusammen sitzen, Kaffee
oder Tee trinken, das war wie eine
kleine Zeremonie. Ich denke an die
englische »Tea Time« oder sogar
an die japanische Tee-Zeremonie.
Diese Art des langsamen Sprechens, einfach der Genuss einer
Unterhaltung. Die uralte Kunst des
Zuhörens ...
Sind wir dazu wirklich heutzutage noch in der Lage? Können
wir das noch, auch wenn unsere
Gesprächspartner unsere Sprache
nicht so gut sprechen?
Foto & Text: Fabrizio Galuppi

altruistisch zu begründen wäre. Reisende werden drei Tage bedingungslos aufgenommen und mit Nahrung
und Unterkunft versorgt (länger in
Absprache mit dem Gastgeber). Auf
ihrem Weg bekommen sie zudem Proviant, den sie nicht ablehnen dürfen.
Gast und Gastgeber befolgen habitualisierte Riten. Sollte ein Gast auf
die Idee kommen, die Mühen seines
Gastgebers mit Geld zu begleichen,
so kann das vom Gastgeber als Beleidigung empfunden werden und wird
strikt abgelehnt. Als ob Gastfreundschaft eine spirituelle Reinigung wäre.
Demgegenüber hat Deutschland
den Ruf, nicht sehr gastfreundlich zu
sein. Hier ist der Gast König. Doch wer
oder was ist Gast bzw. König? Zum
Gast zählt der eingeladene Freund, der
Besuch, ein Ankömmling, der Kunde,
der Reisende, der Gastarbeiter bis
hin zum Asylsuchenden, Flüchtling
und Migranten. Sie alle sind auf die
eine oder andere Weise Gäste. Ebenso

verhält es sich mit dem Gastgeber.
Er kann eine Privatperson sein oder
gar die Regierung. Es gibt also keinen
einheitlichen Maßstab, mit dem man
das Entgegenkommen des Gastgebers
gegenüber seinen Gästen bemessen
könnte. Sieht man beispielsweise die
aktuell humanistische Politik Angela
Merkels bezüglich der Aufnahme von
Flüchtlingen, ist Deutschland ein
sehr gastfreundliches Land. Durch
Warnung vor Pauschalisierungen versuchen manche Politiker zudem auf
das Wesen der Demokratie und der
Grundrechte hinzuweisen.
Da darf man ruhig mal ein Auge
zudrücken, wenn mit König meist der
Kunde gemeint ist, der die Geschäfte
am Laufen hält. Auch kann man sich
daran gewöhnen, wenn man bei einem
spontanen Besuch bei Freunden keine
Speisen und Getränke angeboten bekommt. Relevant ist der Blickpunkt.
In jedem Fall kann der Gast Freunde
schaffen – GAST FREUND SCHAFT.

Von Ergün Bulut

W

ie oft habe ich in der Türkei rassistische oder anderweitige Vorurteile von Türken gegenüber Arabern,
Kurden oder religiösen Gruppen wie
Aleviten oder Juden gehört. Oder umgekehrt. Immer wieder muss ich meinen Mitmenschen klar machen, dass
ich idiotisch und rassistisch finde, was
sie so vor sich her reden, auf Stammtischniveau. Ihre Vorurteile funktionieren nach dem gleichen Muster: sehr
einfach, nicht in der Realität überprüft,
klischeebehaftet, manipuliert und am
eigentlichen Problem vorbeigeredet.

Keiner ist frei von Vorurteilen, auch
Migrant*innen, die selbst Opfer rassistischer Angriffe sind, aber jeder sollte
in der Lage sein sich mit diesen eigenen
Vorurteilen auseinander zu setzen.
Das eigentliche Problem ist, dass
überall auf der Erde Rassisten, Rechtspopulisten, Faschisten und Rechtsradikale
in der Bevölkerung fremdfeindliche
Stimmung machen. Weil ihnen jeder
negative Vorfall herzlich willkommen
ist und weil sie eben von der Spaltung
der Gesellschaft zehren.
Wenn 90 Prozent der Weltbevölkerung zusammen nur so viel besitzen
wie ein Prozent der Superreichen,
dann liegt das eigentliche Problem
nicht zwischen Migranten und Deutschen oder Kurden und Türken oder
Araberen und Türken, sondern zwischen Unten und Oben.
Wenn sich die von Oben, die Probleme wie Waffenhandel, weltweite
wirtschaftliche Ungleichheit und
Kriege verursachen, untereinander
durch ihre Geschäfte solidarisieren
können, ebenso wie die Diktaturen
und Rechtspopulisten, dann ist es
höchste Zeit, dass wir als überwiegende Mehrheit sagen: Nein, wir lassen uns durch diese nicht spalten!
Natürlich müssen wir die Probleme
ernst nehmen; für ein friedliches gesellschaftliches Zusammenleben ist
es wichtig, die für uns alle geltende
Gesetzgebung im Land zu achten und
in die Dialoge zu gehen.
Wichtig ist aber auch eine Balance
zu finden, bei der alle Unterschiede der
hier lebenden Menschen als Bereicherung zur Geltung kommen. Schwierigkeiten müssen jedoch thematisiert
werden können.
Uns jedem Einzelnen bleibt die Verantwortung über unser Handeln und
Gedankengut. Solidarisches Denken,
Achtung der gesellschaftlichen Regeln,
das Verurteilen von jeglichem Rassismus, Sexismus und nationalistischen,
antisemitischen Gedanken.
Und die Lösung liegt in den Händen
der Unteren, der Mehrheit: die Lösung
ist Solidarität.

6

Gastfreundschaft

Der Steinklotz

Herrgott im Himmel, sieh unsere Not,
wir Bauern haben kein Fett und Brot.
Flüchtlinge fressen sich dick und fett
und stehlen uns unser letztes Bett.
Wir verhungern und leiden große Pein.
Herrgott schick das Gesindel heim.

Flucht und eine neue Heimat
Von Alexander Sancho-Rauschel

M

itten auf dem Fahnenbergplatz, rundum von viel Verkehr
umfahren, liegt der wuchtige Betonberg da, hohes Gras und Unkrautbüsche umranken ihn. Er sieht etwas
martialisch aus, und wirkt gleichzeitig verloren, wie aus der Zeit gefallen.
Das alte Denkmal wird kaum noch
wahrgenommen. Vielleicht wurde
es auch deshalb vergessen, weil man
heute nicht recht weiß, wie man mit
dem unattraktiven Betonklotz und
seiner Botschaft umgehen soll. Seine
eigenartige Form erinnert an ein herausgebrochenes Stück eines riesigen
Rades. Auf der Oberfläche stehen in
großen, als Relief in den Stein gearbeiteten und seltsam altmodischen
Lettern nur zwei Worte: Unvergessene
Heimat.
Heimat … ein schwieriger Begriff,
Reizwort für die Einen, heimeliges
Wohlfühlwort für die Anderen. Für
meine Großmutter war das Wort
eindeutig definiert: »Die Heimat«,
das war Schlesien, dort ist sie geboren, dort hatte sie ihre Kindheit
und Jugend verbracht, ihren Mann
kennengelernt, geheiratet und ihre
beiden Kinder auf die Welt gebracht.
Und es ist der Ort, den sie dann bei
der »Flucht« – ein weiterer in unserer
Familiengeschichte klar definierter

Begriff – verlassen musste, als die russischen Truppen immer näher rückten, kurz vor dem Ende des Zweiten
Weltkriegs. Denn ihre Heimat war vor
dem Krieg ein Teil Deutschlands, und
danach größtenteils Polen zugehörig.
Ihre Berichte von der Flucht, als sie
ihr Haus, alles Hab und Gut verlassen
musste, und nie wieder zurückkehren
konnte, mit zwei kleinen Kindern an
der Hand, waren schrecklich. Als Kind
habe ich sie wieder und wieder gehört,
diese Erzählungen, die so beeindruckend wie bedrohlich waren – ein
Aufbruch ins Ungewisse, vor blinder
Angst in Richtung Westen. Eine ihrer
Schwestern ging verloren, man hat
nie wieder von ihr gehört, und sie
soll, wurde vermutet, den feindlichen
Truppen in die Hände gefallen sein.
Die übrige Familie traf sich wieder,
über Bayern führte die Flucht nach
Hessen. Als Kind habe ich oft vor dem
Familiengrab gestanden und darüber
nachgedacht, was für ein Mensch
diese unbekannte Großtante wohl
war, die in jungen Jahren verschwand,
und an deren Name eine Inschrift
über einem leeren Grab erinnerte.
Auf eine diffuse Art war auch
meine Heimat dieses ferne, seltsame
Schlesien, auch wenn ich es nur aus
den Erzählungen meiner Großmutter
kannte, und den Erinnerungen meiner Mutter, die aber ihren Geburtsort
bereits als Kind verlassen musste.

Zima 2018/2019 — InZeitung 26

Gedicht aus Schwaben, 1947,
zitiert in Boris Schumatsky »Der neue Untertan«, 2016

Später, als politisch interessierter
Student, wurden mir die Interessensverbände der Heimatvertriebenen suspekt, neben die lieben alten Bekannten
meiner Oma traten dubiose Redner
und Publikationen wie die Schlesierzeitung. Schriften, die nicht immer,
aber oft weit nach rechts tendierten,
nationalistische Töne anschlugen, die
deutsche Vergangenheit idealisierten
und die Beziehungen der Bundesrepublik zu den östlichen Nachbarstaaten
belasteten. Ich ärgerte mich doppelt:
Ursache und Wirkung darf man nicht
verwechseln, das Naziregime hatte den
Zweiten Weltkrieg eröffnet und seine
Nachbarn überfallen, und die Flucht
war eine direkte Folge eines Krieges,
den die NS-Verbrecher gewollt hatten.
Das ist der zentrale, entscheidende
Punkt. Aber zugleich ärgerte ich mich
auch über das Schweigen über diese
Themen. Die Flucht war ein Problem für
die westdeutsche Linke, die die Kriegsschuld annahm und seit Willy Brandts
wichtigem Kniefall in Warschau auf
Versöhnung und Friedensverträge mit
dem Osten hinarbeitete. Erika Steinbach, langjährige Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, dagegen rutschte

Von Denise Nashiba

V

orurteile gegenüber Deutschen
ist nicht gerade ein Thema mit
dem man auf dem nächsten TanzTee hofieren geht. Dass es jedoch
nötig ist alle Facetten des Rassismus
anzusprechen, halte ich für wichtig,
denn: Rassismus kennt keine Farbe.
Doch um was handelt es sich bei
Rassismus überhaupt? Sind es die
Kategorien, in denen wir denken?
Die ungeschriebenen Regeln einer
Gesellschaft?
Beruflich und privat habe ich
viel mit Ausländer*innen zu tun,
so ist es nicht verwunderlich, dass
das ein oder andere Vorurteil auch
meinen Weg kreuzt. »Die Deutschen
rasieren sich nicht die Achseln.«, »Die
blonden Haare kommen wirklich

Worte
sind fliegende Pfeile
von der Milch.«, »Deutsche können
nicht tanzen.«, »Ihr seid so unromantisch.« – über diese Kommentare
lässt sich noch einigermaßen hilflos
hinweg lächeln. Bei Vorfällen wie
auf offener Straße angepinkelt, in
fremden Sprachen scheinbar grundlos angeschrien und am einsamen
Bahnsteig als »deutsches Luder« bedrängt zu werden? Da sieht es anders
aus. Gerade weil letztere Fälle etwas
beängstigend waren, wirkten zuerst
genannte Kommentare plötzlich
nichtig und gaben mir einen Anstoß
erneut über die Definition und unse-

ren Umgang mit Rassismus nachzudenken. Können reine Unwissenheit
und Vorurteile über eine Kultur
wirklich zu Rassismus führen? Und
wenn man die eigene Unwissenheit
in Worte fasst? Worte sind fliegende
Pfeile, sie bieten jedoch auch die
Grundlage für einen Dialog. Werden
die Worte nicht abgefeuert, köcheln
sie bei den Menschen im Inneren
zu genervtem Schweigen oder zu
schlimmeren Vorurteilen und Hass.
Die unrasierten Achseln der Kollegin können daher als Grundlage für
eine interessante Diskussion werden.

immer weiter nach rechts, heute ist sie
im Umfeld der AfD verortet.
Beeindruckend sind die Zahlen:
Zwischen 1944 und 1948 mussten
rund 12 Millionen Deutsche fliehen
und verteilten sich auf die spätere
BRD und DDR. Etwa eine Million kam
nach Baden-Württemberg, und auf
einen Schlag machten sie über 13 Prozent der Bevölkerung des Bundeslandes aus. Andere Zeit, andere Situation,
aber dennoch ein interessanter Vergleich: Im Jahr 2015 kam knapp eine
Million Geflüchtete nach Deutschland, die auf das ganze Land verteilt
wurden. Die kulturellen Unterschiede
mögen kleiner gewesen sein, aber
damals war ein Katholik in einem
protestantischen Gebiet oder umgekehrt durchaus auch ein Exot und
meist nicht willkommen. Auch meine
Großmutter hat mir berichtet, wie
sie damals von manchen beschimpft
und angespuckt wurden. Vermutlich
fand damals die größte Migrationsbewegung statt, die es in Deutschland
jemals gegeben hat, und sie ist fast
in Vergessenheit geraten. Auch daran
muss ich denken, wenn ich vor diesem seltsamen Denkmal stehe.

Nena war in den 80er-Jahren dafür
berühmt sich nicht die Achseln zu rasieren. Auch mit der Diskussion über
so ein Vorurteil kann man gut einen
Übergang zu positiven Themen wie
zu Musik finden.
Wichtig ist, dass man auf Vorurteile eingeht und sie nutzt, um
kulturellen Austausch zu betreiben,
anstatt Mauern der Sprachlosigkeit
aufzubauen. Gerade an diesem Punkt
können wir Deutsche noch einiges
lernen. Das Kind beim Namen zu
nennen und auch offen darüber
sprechen, was uns widerfährt. Das
kann einen wichtigen Gegenpol zur
erstarkenden Rechten bilden. Nur
wer spricht, kann Unwissenheit aufklären.
Dialog statt genervtem Schweigen
Das wünsche ich mir im kommenden Jahr 2019.

InZeitung 26 — তঞ঩থমদয

Gastfreundschaft

7

Vom Frisieren,
von Müll und
großen Sorgen
Von Manana Baramidze

G

estern saß ich Modell in einer
Ausbildungsschule für Friseure.
Nadja (meine mobile Friseurin) hat mich
dorthin bestellt. Sie will endlich ihre
Prüfung machen und keine Köpfe mehr
»schwarz« frisieren.

Nadja ist sogenannte Russlanddeutsche. Mit uns im Raum sitzen noch sechs
andere Auszubildende. Man kann es
hören, alle mit Migrationsvordergrund.
Beim Pony-Schneiden angelangt erzählt
mir Nadja auf Russisch von ihrer neuen
Wohnung am Stadtrand: »Und jetzt haben
die dort das Heim aufgemacht, deswegen
nehme ich immer das Auto. Ich mag nicht
so gerne da laufen.« Der Friseurlehrer
erzählt etwas über den Säuremantel auf
der Kopfhaut. Mein Pony sieht sehr markant aus. Nadja lacht ihre brasilianische
Mitschülerin aus, die nach einem Monat
Vorbereitung für die Prüfung Spezialbegriffe wie Säuremantel immer noch nicht
aussprechen kann. Aus dem Hintergrund
kommen jetzt interessantere Infos: »Für

uns Vietnamesen war die DDR super! Die
CDU hat ihre Linie verloren, sie sind leider
zu links abgerutscht« – Wahrscheinlich
habe ich den Übergang verpasst. Mein
Pony wird mit einer Korrektur perfektioniert, ich bin zufrieden mit meiner Frisur.
Jetzt denke ich nach über gestern und
die Zeit davor.
Vor einigen Wochen sprach mich mein
deutscher Nachbar an: Der Nachbar, der
keine Lust hat die Familie Al-Saleh zu
grüßen (Frau Al-Saleh hatte mich gefragt,
ob »der von oben« ok sei, sie grüße immer und es käme keine Antwort zurück).
Der Nachbar, der meinen Sohn einmal
beinahe in der Eingangstür, ich behaupte,
mit Absicht eingequetscht hat. Derjenige,
der ständig den Innenhof verdreckt. Genau der erklärte mir, nachdem ich ihn
darauf hinwies, dass er bitte die braunen
Tonnen nicht für alles benutzen sollte,
dass die Menschen in Deutschland andere
Sorgen hätten als über die Sauberkeit im
Hof nachzudenken. Ich fragte nach, was
er wohl genau meinte. »Ich sage Ihnen, es
wird hier schlimm werden, ganz schlimm,
die Menschen haben Sorgen, große Sorgen,
andere Sorgen. Die Politik, die macht alles
dafür. Wo kommen Sie her? Bald wird es

hier nicht mehr auszuhalten sein«. Ich unterbrach: »Hören Sie mal, ich habe keine
Lust mir Horrorszenarien auszumalen. Ich
liebe dieses Land und will dafür sorgen,
dass es gepflegt wird. Wenn es für Sie hier
nicht mehr auszuhalten ist, gehen Sie eben.
Davor sorgen Sie aber bitte dafür, dass Sie
nicht so viel Müll hinterlassen!« Er rannte
in den Keller und seitdem werde auch ich
nicht gegrüßt.
Letztlich ist das meine Antwort darauf was »hier« passiert: Ich mag dieses
Land, es hat unglaubliche Stärken und
anziehende Seiten. Man muss für es sorgen und es pflegen und noch mehr sexy
machen, aber es nicht vergewaltigen. Ich
dachte immer, »hier« wird es geschehen,
wo der Traum von Rosa Luxemburg wahr
wird: Eine Gemeinschaft zu entwickeln,
wo vieles geteilt wird und Nation und
Herkunft keine Rolle spielen. Daran
glaube ich immer noch. Und ich sage
euch allen, ihr Menschen in den Pässen
als deutsch, türkisch, russisch, bulgarisch,
rumänisch oder georgisch eingeschrieben: Zermüllt keine Höfe, keine Spielplätze, grüßt die Al-Salehs und Al Mohlas!
Dabei ist es vollkommen egal wo eure
Längen- und Breitengrade liegen !

Zermüllt keine Höfe, keine Plätze,
grüßt die Al-Salehs und Al Mohlas! Foto: kwasibanane

8

Gastfreundschaft

илЬу 2018/2019 — InZeitung 26

Atatürk, Erdogan, Gülen oder Öcalan
Man stört sich nicht daran, dass einer das Sagen
hat. Die Gesellschaft ist gespalten, aber einen
Führer hat jede Gruppe. Foto: kwasibanane

Untertanenmentalität
Ein Interview mit Canan Topçu

Das Gespräch führte Jan Keetman

N

ach der Wahl in der Türkei gab
Journalistin Canan Topçu zu
bedenken: Nur ein Drittel der stimmberechtigten Deutschtürken habe
abgestimmt. Es macht kein plausibles Stimmungsbild, doch das Bild der
Erdogan wählenden Türken wird von
Rechtspopulisten benutzt um Ängste
zu schüren. Die Stimmen der vielen
anderen, die nichts mit Erdogan anfangen können werden in den deutschen Medien nicht gehört.
Selbst wenn von denen, die auf dem
Konsulat in Karlsruhe ihre Stimme
abgeben, 65 % Erdogan wählen, heißt
das, dass sie Integration verweigern ?

Canan Topçu: Ich glaube nicht, dass
alle Menschen nach einer bestimmten
Vorgabe leben müssen. Parallelgesellschaften gibt es auch innerhalb der
alteingesessenen Deutschen, also
Grufti-Szenen und irgendwelche
Hartrocker-Szenen haben ja auch mit der
Wirklichkeit einer bildungsbürgerlichen
deutschen Lehrerin nicht viel zu tun. Ist
auch eine Parallelgesellschaft. Also eine
Parallelgesellschaft ist nicht per se eine
Bedrohung. Und ich finde das immer
fatal, wenn so ein Szenario von Gefahr
und Bedrohung entwickelt wird, anhand
der Parallelgesellschaft in der sich die
türkischstämmige Community befindet.
Das finde ich Quatsch. Ein Problem wird
es immer dann, wenn man sich nicht
an die Regeln hält, die das gemeinsame

Wie die Lega die Italiener*innen spaltet
Von Barbara Peron

I

taliener*, die im Ausland leben, galten immer als regierungskritisch.
Das stimmte vor allem in den Jahren
der Berlusconi-Regierungen, in denen
man den Eindruck haben konnte, dass
Auslandsitaliener tatsächlich eine
kompakte regierungskritische Front
bildeten. Dies ist aber nicht mehr der
Fall. Die rechtspopulistische Regierung
hat diese scheinbar kompakte Front
tief gespalten, indem sie das Thema
Migration instrumentalisiert und zur
Polarisierung missbraucht hat.
So musste ich in den letzten Wochen
konstatieren, dass nicht wenige meiner
Freunde stark migrationskritisch, ja
sogar rassistisch sind, obwohl sie selber
Migranten sind. Was befürchtet wird,
ist einerseits der eigene soziale Abstieg,
andererseits die »Islamisierung« und
die »Afrikanisierung« Italiens und des

europäischen Kontinents. Beides unrealistische Szenarien.
In Hinblick auf die kommenden Europawahlen im Mai 2019 hat Matteo Salvini, der Parteivorsitzende der rechtspopulistische Lega, die Offensive »Lega in
der Welt« gestartet. Die Lega beabsichtigt
durch die Gründung von Partei-Niederlassungen im Ausland die Stimmen der
Expats noch effektiver aufzufangen und
ihre Ängste populistisch zu bedienen.
Ziel der Lega ist laut der italienischen
Zeitung Il Tempo »die Machtgewichte in
Europa zu verschieben«.
Unter dem Motto »Italiener zuerst«
schaffte es die Lega zum ersten Mal in
ihrer Geschichte bei den letzten Wahlen
zwei ihrer Kandidaten im Wahlkreis
Ausland durchzubringen, und zwar
Simone Billi in Europa und Luis Roberto Lorenzato in Südamerika. Der
erste, der nicht der deutschen Sprache
mächtig ist, obwohl er seinen Lebensmittelpunkt im Kanton Aargau hat, ist

Zusammenleben ausmachen, und dafür
gibt es das Grundgesetz. Also wichtig ist
der Verfassungspatriotismus sozusagen,
und eine Orientierung an den Spielregeln, an die wir uns alle halten. Wenn
wir uns alle an diese Spielregeln halten,
dann ist es egal, wie jemand isst, denkt,
lebt. Das hat mich nicht zu interessieren.
Aber zu den Spielregeln und dem Grundgesetz gehören die Menschenrechte, die
Gleichheit der Geschlechter, die Achtung
der Religionsfreiheit, dazu gehört aber
auch, dass Menschen nicht aufgrund
ihrer Bevorzugung von was auch immer
diskriminiert werden. Also wenn wir
uns alle daran halten, dann können sie
meinetwegen auch Erdogan wählen,
wenn sie das Stimmrecht haben. Ich
finde es persönlich problematisch, hier

das beste Beispiel eines integrationsunwilligen Ausländers; gerade gegen
diese Art von Ausländern schimpft aber
eigentlich in Italien die Lega. Der Zweite
hingegen ist ein in Brasilien geborenes
»Migrantenkind« dritter Generation,
der niemals in Italien gelebt hat, und
trotzdem fest zu wissen glaubt, dass
Italien keine Migranten braucht. Dass
auch Expats der dritten Generation bei
Wahlen überhaupt stimmberechtigt
sind, hat mit dem im Jahre 2001 verabschiedeten Wahlgesetz für Italiener im
Ausland zu tun, das auf dem Prinzip der
»Gemeinschaft des Blutes« basiert. Im
Sinne Mirko Tremaglias, des neofaschistischen Ministers, der das Gesetz konzipiert hat, bleibt die Zugehörigkeit zum
italienischen Volk für immer bestehen.
Gerade diese vermeintliche »Gemeinschaft des Blutes« wird von der Lega betont und gegen die in Italien lebenden
Migranten ausgespielt.
Absicht der Lega ist die Nachkommen der italienischen Migranten
zurück nach Italien zu holen, um dem
vermeintlichen von der EU gewollten

alle Rechte in Anspruch zu nehmen, aber
dann für einen Politiker und eine Partei
in dem Herkunftsland zu stimmen wo
die Menschen sehr darunter leiden, dass
die Rechte abgebaut werden.
Was sind die Gründe dafür?
Das hat auch damit zu tun, dass die
Leute die Ausmaße gar nicht mitkriegen.
Sie leben hier, sie kriegen mit, wenn sie
im Urlaub sind, wie schön sich das Land
entwickelt hat: die medizinische Versorgung, die Infrastruktur, dass all die Menschen in der Provinz, in den Randlagen
der Gesellschaft davon auch profitieren
konnten. Das sind ja auch teilweise die
Angehörigen von den Menschen aus
Deutschland. Insofern kann ich nachvollziehen, dass man die Entwicklung in der
Türkei toll findet und das mit Erdogan
in Verbindung bringt und ihn dann auch
wählt, obwohl man hier in Deutschland
lebt und auch mitkriegen könnte, dass
die Meinungsfreiheit und die Menschenrechte arg beschnitten werden. Das kriegen sie aber nicht mit. Und ein weitere
Grund ist so eine Untertanenmentalität.
Man stört sich gar nicht daran, dass
einer so das Sagen hat, sei es jetzt Erdogan, sei es Atatürk, sei es jetzt Fethullah
Gülen oder Öcalan. Die Gesellschaft ist
gespalten, aber einen Führer hat jede
Gruppe. Also diese Führermentalität ist
etwas, was diese türkeistämmige Gesellschaft prägt. Das fällt mir immer auf.
Und eine Gruppe hat halt Erdogan als
büyük lider (großer Führer) und findet
immer toll, was er alles macht.
ó Canan Topçu ist Journalistin und Autorin,
Mitbegründerin der Neuen deutschen
Medienmacher.

Austausch des italienischen Volkes
durch die afrikanischen Migranten gegenzusteuern. Das ist, was hinter dem
Motto »Italiener zuerst« steht.
Die Betonung der vermeintlichen
Blutsgemeinschaft geschieht, während
Mitglieder religiöser und ethnischer
Minderheiten, 80 Jahre nach dem Erlass
der Rassengesetze, in Italien täglich in
den Sozialen Medien als Nicht-Italiener
beleidigt werden, während Andersdenkende von der sogenannten »vox
populi« angeprangert und aufgefordert
werden, das Land zusammen mit den
afrikanischen Migranten zu verlassen.
In diesem traurigen Szenario gibt
es glücklicherweise immer noch
zahlreiche Intellektuelle jeglicher
Couleur, die überzeugte Demokraten
und Europäer sind und gegen die antidemokratischen und rassistischen
Methoden der Regierung unermüdlich ihre Stimme erheben – trotz der
permanenten Diskreditierung.
* Aus Platzgründen verwende ich nur die männliche Form für alle Geschlechter

Gastfreundschaft

InZeitung 26 — Talvi 2018/2019

9
Eis, soweit das Auge reicht
Couchsurfen am Finnischen Meerbusen
Foto: Vasilij Gasitsch

Wenn Neugierde
über Skepsis siegt
Couchsurfing und Gastfreundschaft

Von Maria Scheller

»Чай будешь?« Willst du einen Tee?
Eine Tasse Schwarztee wird vor uns
hingestellt. Dazu gibt es Warenie,
mit viel Zucker eingekochtes Obst.
Unsere Gastgeber im russischen
Sosnowy Bor fragen nach unserem
FSJ in St. Petersburg, nach unserem
Leben in Deutschland. Am nächsten
Tag lassen wir uns bei der Schülerzeitung, die unsere Gastgeberin
an der örtlichen Schule leitet, von
14-Jährigen mit Fragen bombardieren. Anschließend bewundern wir
den Finnischen Meerbusen im Februar: Eis, soweit das Auge reicht.
Erinnerungen an mein erstes
Couchsurfing-Erlebnis: die Gastfreundschaft, die wir bei einer fremden Familie erleben durften, die Begeisterung und das Interesse seitens
unserer Gastgeber.
Die Internetplattform Couchsurfing
gibt es seit 2004, heute hat sie 12 Millionen Mitglieder in rund 200 000 Städten weltweit. Über die Seite kann man
Fremden sein Zuhause öffnen oder
selber eine Couch suchen – kostenlos.
So kann man durch Couchsurfing wie
Einheimische reisen und Menschen
vor Ort kennenlernen.
Auf Ahmad Kattas Couch haben
schon ganz verschiedene Menschen
übernachtet. Er selbst kommt aus
Aleppo in Syrien, wohnt in Freiburg
und ist seit sechs Monaten bei Couchsurfing aktiv. Seine Motivation: »Man
bekommt Unterstützung und Informationen über die Stadt – das möchte
ich geben und empfangen«. Letztes
Wochenende haben zwei Amerikanerinnen bei ihm gewohnt – eine spielte
Querflöte und Ahmad konnte sein
Englisch verbessern. Er ist begeistert
von Couchsurfing, weil er so interessante Menschen verschiedenen Alters

und mit unterschiedlichen Berufen
kennenlernt. Negative Erfahrungen
hat Ahmad noch keine gemacht. Bei
allen Gästen schaut er nach Referenzen von vorherigen Gastgebern und
klärt gleich zu Anfang Grenzen und
Regeln: Kann ich die Küche nutzen?
Um wie viel Uhr willst du schlafen
gehen? Können wir etwas zusammen
unternehmen? Dass der Gast sich bei
ihm wohl und sicher fühlen kann,
liegt Ahmad besonders am Herzen.
Couchsurfing gibt es auf der ganzen Welt. Stephan Orth schreibt in
seinem Reisebericht Couchsurfing im
Iran, dass im Iran ausländische Gäste
angemeldet werden müssen, was
aber so gut wie kein Gastgeber tut.
Daher sollte der Gast aufpassen, wem
gegenüber er seinen Übernachtungsort erwähnt. Gleichzeitig habe er im
Iran sehr große Gastfreundschaft
erlebt und der große Unterschied
zwischen öffentlichem und privatem
Raum mache Couchsurfing dort
besonders interessant.
Was bewegt Menschen wohl,
ihre Tür anderen zu öffnen?
Fremden Menschen, von
denen sie nur ein Profil
im Internet kennen? Mir
ist es wichtig, zu einer
offenen Gesellschaft

beizutragen. Deswegen fahre ich auch
per Anhalter. Ja, es ist auch billiger,
aber in erster Linie ist es spannender.
Bei was für Menschen ich schon im
Auto gesessen habe: ein Wildhüter
in den Schweizer Alpen, ein Ukrainer, der Ersatzteile für Mercedes aus
Polen nach Düsseldorf liefert, eine
Iranerin, ein 85-Jähriger, der immer
noch Auto fährt, ein Geschäftsmann,
der trampen sehr kritisch sieht, ein
Elsässer, der sich ein unabhängiges Elsass wünscht. Ich stelle
mich an die Straße, den Daumen in der Luft, und immer
hält jemand an. Das ist ein
bisschen wie Couchsurfing: Fremden die Tür
zu öffnen und sich

auf die Begegnung einzulassen. Da
siegt Neugierde über Skepsis. Ohne
Gegenleistungen lässt mich jemand
herein – und erlebt selber eine besondere, spannende Zeit, wie auch unser
Gastgeber in Indien feststellte: »Ich
fühle mich, als wäre ich selber auf Reisen!« Der Gastgeber erlebt eine Reise
zuhause – und der Gast ein Zuhause
in der Fremde.

Illustration: Carmen Luna

10
Was genau ist dieser Populismus,
von dem man in den letzten Jahre
so viel hört? Wie erkennt man ihn?
Seine Merkmale sind den Sozialwissenschaften längst bekannt: Z. B.
Antipolitik, Anti-Intellektualismus

Was tun,
wenn
Fakten
nicht
mehr
zählen?

␻ 2018/2019 — InZeitung 26

Gastfreundschaft
sowie Moralisierung, Polarisierung
und Personalisierung der Politik. Also:
Populisten brauchen Feinde, brauchen
Spaltung, meint Dr. Barbara Peron.
Bei dem Workshop Rechtspopulistische Einstellungen und Propaganda
in Medien und Sozialen Medien, der
am 24. November von der InZeitung
initiiert wurde, beschäftigten sich die
Teilnehmer*innen auch mit den Fragen:

Wie erkennt man Fake News und Propaganda? Was kann man dagegen tun?
Gibt es das reine Volk? Wer darf
nach Vorstellung der Rechtspopulisten dazu gehören? Leider gewinnen
auch in den Herkunftsländern der anwesenden Migrant*innen Populisten
politische Macht und ihre Einstellungen nehmen immer mehr Platz in sozialen Netzwerken ein. »Fakten stehen

dabei nicht im Mittelpunkt,« betont Jan
Keetman, der zweite Workshopleiter.
»Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter
den emotionalen Effekt der Aussage vor
allem auf die eigene Interessengruppe
zurück. Das ›Postfaktische Zeitalter‹
sollte eigentlich das ›Peinliche Zeitalter‹
genannt werden.« Kann und soll das
Kursieren von Falschen Nachrichten
per Gesetz verhindert werden? Die
französische Nationalversammlung
hat zwei Gesetze gegen die Verbreitung von Falschnachrichten im Wahlkampf beschlossen. Kritiker sehen jedoch die Meinungsfreiheit in Gefahr.
Am wertvollsten finden die Anwesenden eine Liste von Empfehlungen für
direkte Gespräche und schlagen auch
eigene Lösungen
vor: »Wenn man
mit ›besorgten‹
Bekannten spricht,
fragt man am besten: ›Was fehlt dir?‹
Dann könnte das
Gespräch sachlich
werden«.
˘ Mehr zum Thema in
unserem Blog:
blog.inzeitung.de

»Populisten brauchen Feinde«
erklärt Workshopleiterin Barbara Peron
Fotos: kwasibanane

Seitdem
das passiert ist
Von Fouad Makkieh

Verpackte Menschen

E

Von Jan Keetman

s fällt jedem von uns schwer, gleichzeitig
Staatsanwalt und Verteidiger zu sein.
Diesen Widerspruch erleben heutzutage
viele Syrer in Freiburg. Staatsanwalt gegen
das schlimme Verbrechen bzw. die Verbrecher und Verteidiger für die Syrer zu sein,
die damit nichts zu tun haben. Seitdem das
passiert ist, fühle ich mich schrecklich und
irgendwie schuldig. Ich merkte auch – an
dem Tag, als das in den Medien erschien
– dass mich manche Bekannte nicht mehr
grüßten. So erging es auch vielen Freunden
von mir. Einige von ihnen überlegen sich
tatsächlich, Freiburg zu verlassen.
Bei jeder Veranstaltung und im Alltag
stehen jetzt Syrer vor der Aufgabe ihre Kultur zu verteidigen. Wegen eines Verbrechens,
dessen Täter sowohl von der syrischen
Verfassung bestraft würden als auch von der
syrischen Gesellschaft abgelehnt.
Ein Freund von mir hat vorgeschlagen
Blumen auf der Straße zu verteilen, wobei
an jede Blume ein Ausdruck von Mitgefühl
für das Mädchen angehängt wäre. Diese Aktion haben wir dann doch nicht umgesetzt,
weil wir wieder nicht sicher waren, ob das
wirklich passend wäre. Aber ich mache es
jetzt für mich und auf meine Art, mit diesem
Artikel.

M

it den Befindlichkeiten und
den Zuschreibungen ist es doch
so, dass alles durcheinandergeht wie
Kraut und Rüben. Dem einen ist es
wichtig, im Schwarzwald geboren zu
sein, der anderen ist das so was von
egal, bei anderen hing Atatürk mit
Pelzmütze im Kinderzimmer oder
Rafaels Maria; dem einen ist Religion
wichtig, dem anderen schnuppe, für
den einen war es das Studium, für
den anderen der Jazz.

Nun mögen aber Staat und Gesellschaft alles gerne wie am Gemüsestand
im Aldi, den Rosenkohl gewaschen und
in Plastik getrennt vom Rübenbeutel
und eingeschweißten Gurken, und die
verpackungstechnisch optimale Würfeltomate kommt sicher auch noch.
Das säuberliche Abpacken ist nicht nur
heimische Manie, es ist auch die große
Stunde von Verpackungsfunktionären
jeglicher Herkunft.
Da es für die Zugezogenen nicht
immer eine passende Verpackung gibt,

werden sie nach gefühlter Religionszugehörigkeit verpackt. Die Verpackung
ist aber erst perfekt mit dem Verpackungsamt. Mit den christlichen Kirchen geht das ja wunderbar. Ihr Platz
in der Gesellschaft hat sich über die
Jahrhunderte eingerenkt und niemand
wird hier zuallererst als Katholikin
oder als Protestant gesehen und wer
weder Katholik noch Protestant ist,
muss nicht in eine der beiden Gruppen
zwangsverpackt werden. Völlig anders
bei den Muslimen. Da fehlen solche religiösen Großverbände, wenn man von
der Türkei absieht, wo eine staatliche
Institution, das Diyanet, das Moscheepersonal nicht nur besoldet, sondern
auch vorschreibt, was die Imame zu
predigen haben und das nicht etwa allgemein, sondern im Wortlaut.
In Deutschland wird das Diyanet
durch die Türkisch-Islamische Union,
der Anstalt für Religion e.V., kurz DITIB
vertreten. Da hatte man mit der DITIB
nun vermeintlich eine Organisation
wie eine Kirche. Zu den vielen Dingen,
die man dabei übersah, gehört die
Anbindung an den türkischen Staat.

Schon die Entsendung der Imame
aus der Türkei für jeweils fünf Jahre
zeigte, dass die DITIB bewusst nicht
als religiöse Vertretung der Muslime
in Deutschland, sondern als Werkzeug
der Einflussnahme der türkischen
Regierung und damit gerade als Werkzeug gegen eine Integration in die
Gesellschaft in Deutschland gedacht
ist. Das war neulich bei der Eröffnung
der zentralen DITIB-Moschee in Köln
deutlich zu sehen: Erdogan war eingeladen, aber kein einziger deutscher
Politiker, auch die nicht, die sehr für
das Projekt gekämpft hatten.
Natürlich haben Herkunft und
Religion eine Bedeutung, aber wir
sollten andere wie uns selbst nicht zu
sehr darin verpacken. Diesen kurzen
Artikel möchte ich mit einem Satz
schließen, den die in St. Petersburg
geborene und in Deutschland lebende
Schriftstellerin Lena Gorelik vor kurzem im E-Werk gesagt hat und in dem
sie auf die vielen verschiedenen Arten
von Zugehörigkeit Bezug nimmt:
»Indem unsere Mehrfachzugehörigkeit
auf unsere Herkunft reduziert wird,
reduzieren wir uns auf die Ortschaften
unseres Lebens, statt auf die Entscheidungen unseres Lebens.«

InZeitung 26 — ˔ˢ˦˩˻˪˞˯

Im Gespräch
¯ Simone Thomas,
Frauenbeauftragte der Stadt Freiburg.
Foto: Stelle zur Gleichberechtigung der Frau

Das Gespräch führte Viktoria Balon

InZ: Das Thema »Sexualisierte Gewalt« beherrscht die Öffentlichkeit.
Wie finden Sie das?
Simone Thomas (ST): Ich sehe es
zwiespältig. Gewalt gegen Frauen gibt
es schon immer, aber es sind oft nur
die Aufsehen erregenden Fälle, die
für viel größere Aufmerksamkeit in
der überregionalen Presse sorgen als
ein Mordfall durch häusliche Gewalt.
2016, im Jahr des Mordes an Maria L.
wurden zugleich sechs Frauen in
häuslicher Gewalt in Freiburg ermordet; davon wissen viele nichts. Der
aktuelle Fall wurde zu einem politischen Thema instrumentalisiert, weil
Gewalt von Geflüchteten für Ressentiments gegen Geflüchtete benutzt
wird. Aber Gewalttaten sind laut Statistik in den letzten Jahren konstant
geblieben, und in den 80ern gab es
sogar viel mehr. Allerdings ist 2018
die Anzahl sexueller Delikte leicht angestiegen, ebenso wie der Anteil der
Täter ohne deutschen Pass.
InZ: Brauchen wir deswegen wieder
Beschützer? Für mich ist der Un-Satz
des Monats die Aufforderung des Freiburger Polizeipräsidenten Bernhard
Rotzinger: »Macht euch nicht wehrlos
mit Alkohol oder Drogen«. Das mag
gut gemeint sein, aber in diesem
Kontext schürt dieser Satz Ängste:
Frauen können denken, sie hätten kein
Recht auf Rausch und damit weniger
Bewegungsfreiheit als Männer – alles
auf Grund des Verhaltens von einigen
Geflüchteten. Der Satz spielt den Rechten in die Hände, die beides auf ihrer
Agenda haben: Migranten zu stigmatisieren und Frauen patriarchale Verhaltensregeln vorzugeben.
ST: Das hat zwei Seiten: Einerseits
sind Frauen nie selber schuld an einem
Übergriff, egal, wie betrunken oder
bekleidet. Aber es gibt Präventionsmaßnahmen, die auf den Selbstschutz
von Frauen abzielen. Wir sind alle so
sozialisiert: Die Mutter oder der Vater
sagt »Sei vorsichtig!«, und wir sollen
tatsächlich gefährliche Situationen
vermeiden. Diese Sozialisation haben
Männer nicht. Frauen werden in ihrer
Bewegungsfreiheit eingeschränkt und
das von klein auf, dies transportiert
ein sehr traditionelles Rollenbild. Und
wenn ich Aufrufe von rechten Parteien
höre, in denen es um den Schutz unserer deutschen Frauen geht, dann bekomme ich Gänsehaut. Wir brauchen
keine Beschützer, sondern Männer, die
sich gegenüber Frauen angemessen
verhalten und Frauen in ihrer Würde
und ihre Bewegungsfreiheit nicht
einschränken, sowohl in Deutschland
als auch in den Herkunftsländern der
Geflüchteten. Dort ist eine Vergewaltigung eine genauso schwere Straftat.

11

ST: In vielen Kulturen ist es für
Frauen üblich, mehrere Male nein zu
sagen, bevor sie ja sagen, und Männer
so lange nachfragen, bis ein Ja kommt.
Und Berühren, z. B. an der Schulter,
was bei uns nicht ok ist, ist in anderen
Kulturen üblicher. Die Männer müssen
lernen, dass es hier anders ist. Die Frau
sollte ganz deutlich sagen: Fassen sie
mich nicht an! Männer haben ebenso
ein Gespür wie Frauen und merken
sofort, ob Kontakt erwünscht ist. Es erstaunt mich, wenn Männer jetzt sagen:
Seit Me too wissen sie nicht mehr, wie
sie sich Frauen nähern sollen. Dann
sollen sie genauer hinspüren …

Wir brauchen keine
Beschützer
Ein Gespräch mit der
Frauenbeauftragten Simone Thomas
InZ: Unter Syrern und Afghanen
auch in Freiburg werden Vergewaltigungen absolut verurteilt. Doch
die Ungleichheit der Geschlechter im
Herkunftsland kann eine Rolle spielen.
Die österreichisch-afghanische Journalistin Tanya Kayhan spricht über »sexuelle Armut« in Afghanistan: »Viele
junge Männer aus Dörfern haben
durch die Taliban praktisch seit 20 Jahren keine freien und selbstbestimmten
Frauen in der Öffentlichkeit gesehen.
… Liberale Frauen sind schlecht für
viele dieser Männer, das gilt auch für
liberale afghanische Frauen«. Syrien
ist ein ganz anderes Land, aber in
vielen Regionen eine patriarchale Gesellschaft. Und hier ist plötzlich alles
anders. Was bedeutet das für uns?
ST: Es gibt definitiv Männer, aus
welchen Ländern auch immer, die aus
patriarchalen Gesellschaften kommen, in denen Frauen weniger wert
sind und wo die Ehre einer Frau über
ihren Körper definiert wird. Ich finde
es wichtig darüber zu reden und diese
Themen nicht der Rechten zu überlassen. Wir müssen einen Umgang
mit diesen Männern finden. Es ist
wichtig zu sehen, dass die Geflüchteten aus Ländern kommen, wo schon
lange Krieg herrscht, wo sie heftige

Erfahrungen gemacht und Gewalt
auf der Flucht erlebt haben. Das sind
Faktoren, die auf keine Weise Gewalttäter entschuldigen, aber vielleicht
erklären, wie jemand so brutal, so unmenschlich handeln kann. Es ist eine
Verrohung die da stattgefunden hat.
InZ: Spielt nicht eine Doppelmoral eine
Rolle? Das ist aus den USA bekannt –
ich kenne es aus der Ex-Sowjetunion:
In einer prüden Gesellschaft passieren
insgeheim schräge Sachen.
ST: In solchen Gesellschaften, in
denen eine krasse Geschlechterteilung vorherrscht, wo kein natürlicher
Umgang mit dem anderen Geschlecht
gelernt wird, entsteht Unsicherheit,
die dazu führen kann, dass Frauen
abgewertet werden und gezwungen
sind sich an festgeschrieben Mustern
zu orientieren. Und die Frauen, die
es nicht tun, sind Freiwild und selber
schuld wenn ihnen etwas zustößt.
InZ: Was tun mit all den kulturellen
Unterschieden? Auch mit scheinbar
harmloser Anmache, z. B. von jungen
Afrikanern und Südamerikanern, die
solche Kontaktaufnahmen gewöhnt
sind. Deutsche Mädchen verstehen
das oft als Vorstufe von Gewalt.

InZ: Sie lernen es mit der Zeit sicher,
und es gibt auch bereits genug interkulturelle Paare mit Geflüchteten.
Doch wäre es nicht sinnvoll, gleich
nach Ankunft in Deutschland einen
Wertekurs anzubieten?
ST: Das wäre optimal, aber es ließ
sich so nicht nach dieser großen Geflüchtetenbewegung umsetzen. Aber
zum Teil wird es schon verfolgt: Es gibt
Gewaltschutz-Konzepte in Freiburger
Unterkünften und auch Kurse, aber
nicht überall und sie sind nicht Pflicht,
sondern ein zusätzliches Angebot.
Solche Kurse bringen immer viel, und
sie sollten zum Pflichtangebot werden.
Aber man muss auch einfach grundsätzlich Menschen mehr Perspektiven
bieten, sich hier zu integrieren. Wenn
ich solche Vorschläge höre wie den von
Anker-Zentren oder dass Gewalttätige
in die Pampa abgeschoben werden
sollen oder zurück in ihre Länder, frage
ich mich: Wollen wir, dass sie dann da
weiter vergewaltigen? Man muss dafür
sorgen, dass diese Straftäter nicht frei
herum laufen, dass sie ins Gefängnis
kommen und verurteilt werden. Unser
Rechtsstaat muss auch wirklich sanktionieren, was im Gesetz steht.
Man muss mit dem Thema Gleichberechtigung schon in Kindergärten
anfangen. Je mehr Kinder sich früh mit
den Rollenstereotypen auseinander
setzen, desto besser. Es gibt viele Angebote an den Schulen, aber die sind kein
Standard im Bildungsplan. Ich finde es
wichtig, dass es verpflichtend wird.
In Freiburg wird jetzt einiges
gemacht: zum Beispiel Workshops
für Türsteher und Thekenpersonal,
der Arbeitskreis Sicheres Nachtleben,
das FrauenNachtTaxi. Aber dies sind
alles Sachen, die bei den Symptomen
ansetzen und nicht präventiv: Um
Männer davon abzuhalten sich gewalttätig zu verhalten, muss man an
der Wurzel ansetzen.

12

Journalismuswerkstatt

Qish 2018/2019 — InZeitung 26

Journalismuswerkstatt
Die Journalismuswerkstatt der InZeitung hat wie die
bundesweiten »Neuen deutschen Medienmacher«
das Ziel, mit der Ausbildung von Praktikant*innen
mit unterschiedlichen kulturellen und sprachlichen
Kompetenzen mehr Vielfalt in den Medien zu erreichen.
Maria Scheller studiert Ethnologie und hat in Petersburg
Migrationserfahrungen gesammelt; Fouad Makkieh
ist Geflüchteter aus Syrien und hat dort die Uni mit
Französischer Literaturgeschichte abgeschlossen.
Sicher in Finistan Das interkulturelle Theater
mit seinem letzten Stück. Foto: Astrid Bischofberger

Von Maria Scheller

+++ Szene 1 +++
Jede Bewegung scheint Laura unendlich viel Kraft und Überwindung zu
kosten. Ihre Schultern hochgezogen,
den Rücken gebeugt, ihr Blick huscht
ängstlich durch den Raum. Die Beklemmung ist greifbar, man könnte eine
Stecknadel fallen hören. Alle Augen
kleben an der Darstellerin.

+++ Szene 2 +++
Fouad geht freudig auf Daniel zu
und streckt die Hand zur Begrüßung
aus. Doch sein Gegenüber macht
keine Anstalten, den Gruß zu erwidern – stirnrunzelnd weicht er zurück.

+++ Mittwoch Abend, 19:30 +++
Die Theaterprobe des Interkulturellen Theaters Freiburg ist in vollem
Gange. Wir spielen Improvisationsspiele: Wie fühlt sich Fremd-Sein
an? Wie ist es, nicht verstanden zu
werden oder sich wertlos zu fühlen?
Die Entwicklung des neuen Stücks
steht noch ganz am Anfang; in Standbildern und Szenen nähert sich die
Gruppe dem Thema an. Sie leben von
den persönlichen Erfahrungen der
Schauspieler*innen. Da kann die Entstehung des Werkes schon mal ein halbes Jahr dauern. »Es ist ein Abenteuer«,
sagt Leiterin Monika Hermann. Daniel
erklärt: »Viele Schnipsel, Stückchen und
Geschichten werden zu einem Stück;
einen Monat vor der Aufführung werden
oft noch Dinge geändert.« Letztes Jahr
kam die Idee, ein Stück zum Thema
Diktatur zu spielen von einem afghanischen Teilnehmer. So entstand Sicher
in Finistan. »Es war sehr interessant zu
spüren, wie Diktatur funktioniert: wie sie
Angst verbreitet und wie die Menschen
ihr selbstständiges Denken aufgeben und

sich einordnen«, erzählt Annette, die
schon seit zwei Jahren Teil der Theatergruppe ist. »Hier ist ein
freier und geschützter
Raum, in dem Menschen
mit Flucht- und Migrationserfahrung Erlebtes
verarbeiten können«, so
Monika. Gefühle wie
Macht oder Ohnmacht
im Theater selbst zu
spüren und in neue
Rollen zu schlüpfen sei sehr wichtig:
»Es verleiht Kraft, auch für den Alltag.
Ich sehe so, was alles möglich wäre – und
das es auch ganz anders sein kann«.
»Wir kneten die Wirklichkeit wie einen Teig und formen sie um – so entsteht
etwas Neues daraus«, meint Annette.
Dafür ist die gute Atmosphäre in der
Gruppe zentral: »Wir sind alle gleich und
machen Scherze miteinander!«, sagt Baboucarr. Er hat Theaterspielen für sich
entdeckt, spielt heute in zwei Gruppen
mit und hat dadurch viele neue Menschen kennen gelernt. Für Monika ist
das Theater die »beste Methode gegen
Rassismus«, und auch Christina schätzt
besonders den persönlichen Kontakt
zu Menschen verschiedener Herkunft
und gemischten Alters. Mehrere
Schauspieler*innen sprechen von »ihrer
Theater-Familie«, in der sich alle gegenseitig unterstützen.

Die Wirklichkeit wie
einen Teig kneten
Im Interkulturellen Theater Freiburg

+++ Szene 3 +++
Baboucarr reicht Camilla eine rote
Papierblume. Dabei gestikuliert er
lebhaft und redet schnell in einer Fantasiesprache. Patrick phantasiert eine
Übersetzung: »Diese Blume… kann
man auch als Kopfschmuck tragen.
Aber du musst aufpassen, sonst fällt
sie runter!«. Die ganze Gruppe bricht
in schallendes Gelächter aus, als Camilla tatsächlich die Blume vom Kopf
rutscht.
Hintergrundfoto: kwasibanane

InZeitung 26 — majira ya baridi 2018/2019

Journalismuswerkstatt

13

»zusammen kartoffeln«
auf dem AgrikulturFestival 2018
Fotos: Marc Doradzillo

Landwirtschaftlich
und städtisch
Von Fouad Makkieh

D

ie kleinen Dinge des Lebens scheinen manchmal der Grund unserer
Glücklichkeit zu sein. Zum Beispiel
Kartoffeln anzubauen, zu schälen und
zu frittieren. So fing eine Initiative von
zusammen leben e.V. an. Jetzt verkauft
zusammen kartoffeln leckere frische
Bio Pommes.
Zu einer Veranstaltung im Literaturhaus, wo die Gruppe Pommes anbot,
wurde ich eingeladen. Das Ziel meines
Besuchs war einen Artikel über zusammen kartoffeln für die InZeitung zu verfassen. Journalisten haben die Aufgabe
zu erzählen, was zu sehen, zu spüren
und zu erleben ist, um eine lebendige Reportage zu schreiben. Aber ich
machte auch mit, als sei ich seit langem
schon bei diesem Projekt dabei. Während ich Kartoffeln schälte, haben mir
die aus verschiedenen Ländern stam-

menden Teilnehmer erzählt, wie
froh sie sind, hier mitzumachen.
»Wir sind wie eine Familie, wir
arbeiten für alle, und jeder kann dazu
kommen. Dank dieses Projekts kann ich
unter Beweis stellen, dass ich ein Teil der
Gesellschaft bin«, sagte Telly Diallo aus
Guinea.
Froh war auch das Publikum im Literaturhaus – und das nicht nur wegen der
Tüten, gefüllt mit knusprig -goldbraunen Pommes frites, sondern auch auf
Grund der schönen Begegnungen und
Gespräche.
Das Projekt richtet sich besonders an
Menschen mit Migrations- und Fluchterfahrung, aber eben auch an alle anderen
und bietet dazu noch eine richtige Chance
zur Bildung an. Wie baut man Produkte
an, wo in Freiburg und wie kann man
sein eigenes Produkt entwickeln und vermarkten. Kartoffeln werden gemeinsam
im Urban Gardening Style angepflanzt,
gepflegt und geerntet. Durch die Vermitt-

Fouad Makkieh & Maria Scheller
Praktikant*innen der Journalismuswerkstatt
Foto: kwasibanane

»zusammen kartoffeln«
ist Freude für alle
lung des Teams ist jede*r Teilnehmer*in in
der Lage, mit Profis im Bereich Gartenbau
in Kontakt zu treten. In einer Stadt wie
Freiburg, wo die Landwirtschaft fast nicht
mehr existiert, versucht die Initiative laut
Leiterin Johanna Dangel die Landwirtschaft wieder in den Stadtraum zu holen.
Der Verkaufsstand von zusammen kartoffeln wird gerne zu Events eingeladen. Ihr
Ziel ist vor allem Räume der Begegnung
für die Teilnehmenden zu schaffen. Sie
organisieren auch selbst kulturelle Events,
die die Stadtteile neu beleben.
ó Das Projekt »zusammen kartoffeln« wird im
Rahmen des Programms »JUGEND STÄRKEN im
Quartier« durch das Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und durch den Europäischen
Sozialfonds gefördert. ˘ www.zlev.de

14

InTipps
Das Frauenbild der AfD. Die AfD ist für
ihre rechtsgerichtete Politik und rassistische
Hetze bekannt. Wir zeigen auf, wie sich
diese auch in deren Frauenpolitik niederschlägt. Gemeinsam wollen wir diskutieren,
wie wir dieser frauenfeindlichen Politik
entgegen treten können. Die Veranstaltung
findet statt im Rahmen der Kampagne
»16 Tage gegen Gewalt an Frauen«.
ó Veranstalter: Frauenverband
Courage e.V. Ortsgruppe Freiburg
ó So 9. Dezember 16–18 Uhr
Familienzentrum Klara e.V.,
Büggenreuterstraße 12, 2.OG

KultUhr

Dimër 2018/2019 — InZeitung 26

Die hölzerne Uhr, die mein Geburtshaus in Kosovo schmückte, tickt noch
nicht wieder. Foto: Mediha Yarimhoros

Das deutsche Krokodil.
ó Lesung + Gespräch mit Ijoma
Mangold. Thema dieses Buches ist: »Das
Anderssein«. Der Autor sagt, dass dieses
Gefühl nicht so viel mit seiner Hautfarbe
zu tun hat, sondern mit seiner Neigung
zu Literatur und klassischer Musik. Rollen,
Erwartungen, Positionen und Welten – geographische, biographische und literarische
– werden in diesem Buch ausgebreitet, verwoben und seziert. ó Di 11. Dezember
20:15, Passage 46, Bertoldstraße 46
ó Eintritt 12/8 Euro
Liste der Toten der Festung Europa.
ó Sondersendetag auf Radio
Dreyeckland 102,3 MhZ, www.rdl.de,
Mo 10. Dezember, 10–24 Uhr
Am 10. Dezember, Welttag der Menschenrechte, wird die Liste der durch die
restriktive Asylpolitik Europas getöteten
Menschen (1993–2018) verlesen. Die
Liste umfasst ca. 35.000 Menschen und
wurde von United for Intercultural Action
mit Quellenangaben erstellt. Es sind nicht
nur auf der Flucht gestorbene Menschen,
sondern auch solche, die sich aus Angst vor
einer Abschiebung umgebracht haben.
ó Straßenaktion in Freiburg auf
dem Platz der alten Synagoge,
Mo 10. Dezember, 10–21 Uhr
In vielen Städten wird bei Aktionen an diesem Tag die Liste verlesen oder ausgehängt.

InEigenerSache
Freiburg in Bewegung. ó Fotoausstellung zum Freiburg-Kalender
2019 von kwasibanane. Gezeigt werden die 13 Farbfotografien des Kalenders
»Freiburg in Bewegung 2019« und einige
weitere zum Thema. Die Bilder sollen den
Charakter und das Lebensgefühl der Dreisammetropole widerspiegeln ohne dabei
typisch »touristisch« zu sein.
ó Bis 31. Januar 2019, Freitags
14–19 Uhr + Samstags 11–14 Uhr
ó Weingut Andreas Dilger,
Freiburg, Urachstraße 3
ó Der Kalender ist erhältlich u. a. in den
Buchhandlungen Rombach, Jos Fritz und
Schwarz

Was wir mitbringen

Zeitreise mit einer Wanduhr

D

ieses Jahr
packte ich
meine alte Wanduhr ein und
brachte sie nach Freiburg mit,
weil ich damit eine Erinnerung
berühren und erwecken will.
Ich werde eine Zeitreise mit
dieser alten Wanduhr machen –
ein Jahrzehnt zurück oder 20 Jahre
oder nur in ein Jahr, das ich bereisen will.
Manchmal möchten wir die
Erinnerungen nicht in unserem
Gedächtnis, sondern in einem
Objekt zum Leben erwecken. Jedes
Mal, wenn wir das Objekt sehen
oder berühren, begeben wir uns
auf eine Zeitreise. Wir entscheiden
sogar, in welche Zeit und in welche
Richtung wir gehen und wann wir
von dort zurückkehren.
Zeit ist das wertvollste Geschenk. Wir selbst entscheiden,
wem wir unsere Zeit geben. Manchmal, wenn wir eine Reise zu einem
neuen Haus, in ein neues Land oder
in eine andere Zeit unternehmen,
nehmen wir unser Bündel an Sa-

Von Mediha Yarimhoros

chen mit, die uns zu uns machen.
Eigentlich tragen wir uns selbst
in unseren Taschen. Jeder Gegenstand in unserem Haus ist eine
Erinnerung – Kissen von dort, das
Bild von einer
bestimmten
Person. Es
ist auch
schwer,
eine
Tasse
mit
abgebrochenem
Henkel wegzuwerfen, weil wir
in der Erinnerung so leckeren Tee
draus tranken. Einen alten Pulli
können wir auch nicht wegwerfen,
weil eine Person, die wir mögen,
diesen für uns gestrickt hat. Wir
können uns nicht einfach von
unseren Erinnerungen trennen –
warum auch. Wir tragen mit jeder
Falte in unserem Gesicht die Erinnerung. Jede Augenfalte konkur-

riert mit den anderen
– sie sind wie Wellen,
die jeden Moment widerspiegeln.
Die hölzerne Uhr, die mein Geburtshaus in Kosovo schmückte,
tickt noch nicht wieder. Ich weiß
nicht, wer sie gekauft oder ins
Haus gebracht hat. Auf das Glas
der Uhr ist ein Bild von einem
Mann mit grüner Kleidung geklebt – so ein Bild, wie sie früher in
der Verpackung von Kaugummis
waren. Wahrscheinlich klebte ein
Kind, das in dem Haus lebte, dieses Bild auf.
Diese Uhr bringt mich zu dem
Haus, in dem ich geboren wurde,
im Viertel Muhacir Mahallesi, wo
die türkischsprachigen Migranten
lebten, die noch zu Zeiten des
Osmanischen Reichs eingewandert sind. Das Haus gehört mittlerweile jemand anderem, wir wissen
nicht, was aus ihm wurde.
Die alte Uhr wird mit mir, wieder als Migrantin, jetzt in Deutschland für immer bleiben und bringt
mich ab und zu zurück in meine
Kindheit.

Recht auf Bildung

InZeitung 26 — Tél 2018/2019

Jedem/r gleiche Bildungsmöglichkeiten zu bieten,
unabhängig von der Herkunft ist ein wichtiger
Auftrag eines Staates. Aber ist das in Deutschland
so? Während 74 von 100 Akademikerkindern
ein Studium beginnen, entscheiden sich nur 21
von 100 aus Nicht-Akademikerhaushalten für
die Universität. Von 100 Akademikerkindern
promovieren zehn, aber nur eines von 100 ohne
studierte Eltern.!
Das Gespräch führte Laura Biolchini

Sie haben zum Thema Migrant*innen
und Bildungsmöglichkeiten schon
2007 in ihrer Reportage »Hauptschule
und Migrant – und welche Chancen
hast du dann?« berichtet und den
Theodor-Wolff-Preis dafür erhalten.
Hat sich inzwischen etwas geändert?
Özlem Topçu: Man kann schon
sagen, dass mehr getan wird. Aber je
schlechter die Chancen zu Hause sind,
desto mehr Förderung brauchen die
Kinder, und sie ist immer noch nicht
gut. Integration funktioniert einfach
durch Bildung, und auch politische
Bildung und wenn die nicht gegeben
ist, dann funktioniert nichts mehr,
und das ist ein Problem.
Aus welchen Gründen fällt es Jugendlichen mit Migrationshintergrund
schwerer, sich ins Schulsystem zu
integrieren?
Ich glaube, das hat vielfältige
Gründe; oft sind die Elternhäuser
bildungsfern, die Eltern haben nicht
studiert, man hat in der Familie keine
Vorbildung. Dabei sind oft auch gerade
bildungsferne Eltern sehr streng, was
Schule angeht, sie drängen darauf, dass
ihre Kinder diszipliniert in der Schule
sind, weil sie selber das eben nicht hatten. Aber es gibt auch andere Fälle, in

Vor diesem Hintergrund hat sich die Organisation
ArbeiterKind.de zum Ziel gesetzt, Schüler*innen,
die als erste in ihrer Familie ein Universitätsstudium
absolvieren möchten, Unterstützung anzubieten.
Im Projekt »Erste an der Uni« werden in Videoclips
Personen vorgestellt, die als Erste in ihrer Familie
studiert haben, um Schüler*innen zu inspirieren
und zu ermutigen. Darunter auch die PolitikRedakteurin der »Zeit« Özlem Topçu.

denen nicht wirklich darauf geachtet
wird. Dazu wachsen diese Kinder mit
unterschiedlichen Sprachen auf, die
Sprache der Eltern ist eine ganz andere
als das Deutsche und die Kinder verstehen dann eher nur was zu Hause gesagt
wird – das macht es dann von vornherein schwieriger. Ein weiterer wichtiger
Umstand kommt hinzu: Sowohl Arbeiterkinder als auch Migrantenkinder
tun sich in der Schule schwer damit,
sich mehr zuzutrauen, weil sie glauben,
dass der ihnen von der Gesellschaft
zugewiesene Platz der ist, den sie haben
und mehr zu erreichen sei gar nicht in
ihrem Lebenslauf vorgesehen.
Wie haben Sie als »Enkelin von
Bauern und Tochter von Gastarbeitern« so einen Aufstieg geschafft?
Offen gestanden wusste ich überhaupt nicht, was ich studieren wollte.
Meine Eltern haben sich das sehr gewünscht. Dafür sind sie nach Deutschland gekommen, damit ihre Kinder es
irgendwie packen, die Möglichkeiten
ausschöpfen, die sie nicht hatten. Ich
wurde immer in diese Richtung gedrängt, ich habe auch nie selber daran
gedacht eine Ausbildung zu machen.
Da ich niemanden in meiner Familie
hatte, der schon studierte, hatte ich
keine klare
Vorstellung,

wie man für sich herausfindet was das
sein kann. Und ich habe die Uni so ein
bisschen als Weiterführung der Schule
gesehen. Ich wusste nicht, was ein Seminar ist, wofür das alles gut ist, wie das
alles abläuft … Dann die Professoren:
Wie die geredet haben, das war so anders als mein Leben davor – ich habe
nicht einmal die Hälfte verstanden.
Aber wenn man sich überlegt, wo dieser
Weg angefangen hat und wie er weiter
verlaufen ist, sieht man, dass es eigentlich zu schaffen ist.
Welchen Rat würden Sie jenen mit
ähnlicher Biografie geben?
Ich hätte mich mehr trauen sollen.
Als typisches Arbeiterkind habe ich
immer klein angefangen. Ich wäre
z. B. niemals auf die Idee gekommen
meinetwegen bei der Süddeutschen
Zeitung für ein Praktikum anzufragen,
ich habe bei einem lokalen Stadtmagazin angefangen. Glaub nicht, dass
deine Abstammung deinen Weg entscheidet, selbst wenn andere so denken. Sehr wahrscheinlich bist du für
etwas ganz anderes prädestiniert.
˘ www.ersteanderuni.de
! Hochschul-Bildungs-Report
des Stifterverbands, 2017

Erste an der Uni
Ein Interview mit Özlem Topçu

Gleiche Bildungsrechte für alle
fordern Studierende der Uni Freiburg.
Foto: kwasibanane

15
Erwachsen,
verheiratet, sprachlos
Von Mediha Yarimhoros

Wegen der Liebe habe ich meine
Heimat verlassen und war dann auf
einmal eine 35-jährige Erwachsene in
Deutschland, mit dem Wortschatz eines kleinen Kindes. Oh wie schön, es
gab kostenlose Sprach- und Integrationskurse. So konnte ich in Deutschland integriert werden. Es dauerte
acht Monate, bis sie mir sagten: »Ihr
600-stündiger freier Kurs ist vorbei,
Sie können gehen«.
Für weitere Niveaus sollte ich die Kurse
selbst bezahlen. Ich hatte keinen Job und kein
Geld, um die neuen Kurse zu absolvieren. Die
Arbeitsagentur würde einen weiteren Sprachkurs nicht bezahlen, da mein Mann »genug
verdiente«. Eine Antwort, die ich nicht akzeptiere, da ich immer auf eigenen Beinen stand
und weiter stehen will. Dafür brauchte ich
aber Deutsch. Ich habe mich auch für Jobs
beworben, für die man kein Deutsch braucht,
aber ich erhielt keine einzige Zusage, da ich
mit zwei Bachelorabschlüssen und einem
Masterabschluss überqualifiziert bin.
Ich habe gelesen, dass das BAMF mit einem
Programm des Europäischen Sozialfonds Menschen mit Migrationshintergrund berufsbezogene
sprachliche und fachliche Weiterqualifizierung
anbietet. Natürlich war ich sofort beim Arbeitsamt, aber sie konnten mir keine Informationen
dazu geben, nur später bot meine Beraterin mir
an, mir meine Fahrt- und Essenskosten zu bezahlen, wenn ich einen Kurs in einer anderen Stadt
finden würde. In Freiburg gab es bereits Kurse für
meine Bedürfnisse, die jedoch nicht vom Europäischen Sozialfonds abgedeckt werden. Ist die
deutsche Sprache bei jedem Kurs oder bei jedem
Förderprogramm anders?
Auf einmal kam meine Beraterin mit einem
noch interessanteren Vorschlag auf mich zu:
Ich könne ja eine Ausbildung zur Erzieherin
machen; Deutschland braucht Erzieherinnen!
Ähm, ja, aber ich habe bereits einen Beruf, den
ich studiert habe – ich bin Journalitsin und
Social-Media-Expertin. Ist es solidarisch, die
Migrant*innen nur für die Berufe auszubilden,
die die Deutschen selbst ungern machen? 15
Monate später habe ich dann eine Sprachschule
gefunden, die passende Kurse anbot und ich
nahm am letzten möglichen Modul Deutsch B2
teil. Innerhalb eines Monats haben wir gelernt,
wie man Bohrer bestellt oder verkauft oder wie
man auf Bestellungen mit Brief oder E-Mail
antwortet. Sie bereiteten uns auf den Markt
vor. Die meisten Berufe in den Lerntexten der
Sprachbücher waren jene, die Deutschland eben
braucht. Ich habe die Prüfung bestanden, eine
Ausbildung als Social-Media-Expertin habe ich
auch gemacht, aber mein Deutschniveau reicht
dafür immer noch nicht. Ich warte wieder auf die
Zustimmung der Arbeitsagentur und auf einen
Kurs für das notwendige C1-Niveau.
Als Individuum bin ich dann bereit, den
Markt aufzurütteln. Macht Euch bereit, ich
komme!

16

Nachschlag

Taglamig 2018/2019 — InZeitung 26
Berlin oder Arabische
Welt,
¯ Durchgangsland.
Seit Jahrtausenden
Molokhia schmeckt überall
sind immer andere Völker durch das heutige
Foto: kwasibanane
Afghanistan gezogen und haben die Küche
beeinflusst. Foto: pixabay.com
˙ Nicht nur Bulani, sondern die gesamte afghanische Küche mit ihren Gewürzen und ihrer Zubereitung
ist weltweit beliebt. Foto: Shamim Mirzei

Molokhia
So ißt Ägypten

Pressum
Herausgeber: InForum e.V. Freiburg
ViSdP: Viktoria Balon
Projektleitung: Barbara Peron
Redaktion: Viktoria Balon, Carmen
Luna, Melisa Mustafovic, Alexander
Sancho-Rauschel, Susanne Einfeld,
Barbara Peron, Laura Biolchini, Denise
Nashiba, Kirill Cherbitski, Murat Küçük
Praktikant*innen: Maria Scheller,
Fouad Makkieh
Grafik und Layout: Reinhardt Jacoby
( kwasibanane )
Lektorat und Korrektorat:
Susanne Einfeld
Kontakt zur Redaktion:
inzeitung@googlemail.com
Die InZeitung erscheint drei Mal
jährlich als Beilage zum Amtsblatt
und wird allen Freiburger Haushalten
zugestellt. Sie ist auch bei der Bürgerberatung im Rathaus erhältlich.
Ausgabe vom 7. Dezember 2018
Auflage: 108 000
Druck: Freiburger Druck GmbH

Wir danken

Von Hend Ammann

In Ägypten wird Molokhia fein
gehackt und als Suppe angeboten.
Foto: Fanfo – stock.adobe.com

Wenn ein Araber Molokhia hört,
glänzen seine Augen und das Wasser läuft ihm im Munde zusammen.
Aber gleichzeitig befindet er sich in
der Defensive. Denn jede Nation ist
bereit ihre Molokhia zu verteidigen.
Da gibt es keine Diskussion und keinen Kompromiss. Ein Libanese z. B.
fragt einen Ägypter: »Wie kochst Du
Molokhia?« Kaum hat er angefangen zu
antwortet, schon reagiert der Gegner:
»Nein, nein, nein, niemals kann eine

Molokhia so schmecken!« Glauben Sie
mir, es kann hier zu einem richtigen
Streit kommen. Libanesen, Jordanier,
Palästinenser, Syrer – alle haben fast
das gleiche Rezept, d. h. die Blätter bleiben ganz und die Molokhia wird wie ein
Gemüse serviert.
In Ägypten jedoch wird sie fein gehackt und als Suppe angeboten. Hinter
Anzeige

den SpenderInnen: Elenor Jacoby

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Stadtkasse Freiburg
IBAN DE55 6805
0101 0013 3881 59
BIC FRSPDE66XXX

dieser Molokhia steht
ganz viel Atmosphäre:
Man kocht die Molokhia nicht für zwei oder
drei Personen. Am
Sonntag trifft sich in der
arabischen Welt normalerweise die ganze Familie.
Der große Topf mit der Molokhia kommt auf den Tisch,
für 10–20 Personen. Ihr Duft
verbreitet sich in der ganzen Wohnung aufgrund der Taklaya, dem Anbraten von Knoblauch mit Koriander.
Abzugshauben sind nicht beliebt bei
uns. Wir lieben es die Küche zu riechen.
Molokhia bedeutet Heimat, Familie,
Freunde, es ist eine Stimmung, die sehr
persönlich ist. Deswegen kann keine
Molokhia besser sein als die Molokhia
von zu Hause. Für mich ist Molokhia
ägyptisch, keine Diskussion! Ich koche
sie als Suppe und mag sie nur so.

M

olokhia ist
ein eine Art
Spinat, zubereitet zu
einem Gericht mit
einem sehr speziellen Geschmack, das
in Ägypten beheimatet,
aber in der gesamten arabischen Welt verbreitet ist.

Rezept für fünf Personen
• 1 Bio- oder Mais-Hähnchen, oder 1 kg
Kalbfleisch
• 2 Packungen tiefgekühlte gehackte
Molokhia (es gibt sie auch als Blätter)
• 1 große Zwiebel
• 6 Kardamom-Nüsse
• 1 Zimtstangen
• 1 Lorbeerblatt
• 1 Zitrone
• Salz
• Für die Taklaya: 2–4 Knoblauchzehen,
2 TL getrockneter Koriander, Olivenöl
• Alles (außer Taklaya) in einem Topf
mit 1½ l Wasser zum Kochen bringen.
• Wenn das Hähnchen/Fleisch gar ist,
nimmt man das Fleisch und die Gewürze
aus dem Topf. Die tiefgekühlte Molokhia
lässt man in der Brühe weich werden.

• Jetzt macht man die »Taklaya«:
3–4 Knoblauchzehen zerhacken,
mit 2 Teelöffel trockenem Koriander
im Öl anbraten, bis eine schöne Farbe
entsteht. Die fertige Taklaya zu dem
in Gewürzen gegarten Fleisch und der
heißen Molokhia hinzugeben.
• Vegetarier*innen können statt Fleisch,
Tomaten klein schneiden und in die
Suppe reinwerfen
• Ich mache eine Ausnahme, ich serviere nebenbei in einer Schale, kleine
gehackte rote Zwiebeln in Essig eingelegt, was nicht ägyptisch ist. Jeder
kann sich nach Geschmack einen Löffel über seinen Teller Molokhia tun
• Sahtein!
• Erhältlich ist Molokhia z. B. in den
Supermärkten »Ariana« oder »Istanbul«

Ich mach mit
weil ich gute Ideen für Freiburg habe

www.mitmachen.freiburg.de
        
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