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Periodical volume

Full text: InZeitung Issue 18.2016

18 Lenz/Sommer 2016 Interkulturell International Integrativ Herausgeber: InForum e.V. Freiburg Portrait DiverCity Im Gespräch Kultur Es muss der Bär sein, der die Keramikerin Nona Otarashvili immer wieder nach Georgien zurückruft. Seite 3 MigrantInnen in Metropolen, deutsche Auswan­ derer nach Brasilien und deutsche Einwanderer nach Landwasser. Seiten 4 – 9 Der »alpenländische« Schrift­ steller Robert Menasse hasst die Berge, glaubt an ein Europa der Regionen und warnt vor natio­ nalen »Alternativen«. Seiten 10 – 11 Gelebte Mehrsprachigkeit, zwei­ sprachige Medien, ein InOrt zum Entspannen und was fehlt in Freiburg?  Seiten 13 – 15 MANCHESTER DÜSSELDORF FREIBURG WIEN BRATISLAVA WOLGOGRAD BASEL BUDAPEST TIFLIS MARSEILLE ISTANBUL ALEPPO ATHEN DAMASKUS WUHAN MATSUYAMA MUMBAI BANGKOK MAJURO LIMA SAO PAULO BLUMENAU OJIWARONGO BUENOS AIRES Urbane Räume verbinden die Welt. Alle hier aufgeführten Städte finden Erwähnung in dieser Ausgabe der InZeitung.  Grafik: kwasibanane Çok yönlü kentsel yaşam Урбанное существование An Saol sa Chathair Urbanes Leben 都市生活 Life Vida urbana Városi élet Schdadtläbä Urban градския живот शहरी जीवन ურბანული ყოფა 都会の暮らし »Ach Freiburg, ohne uns Fremde, Migranten und Flüchtlinge hättest du weder eine Vergangenheit noch eine Zukunft« steht auf dem Plakat der Ausstellung zum Thema Migration und Stadtentwicklung, die das Romabüro zusammen dem Stadtplanungsamt veranstaltete. »Ach Wien, ohne uns Fremde, Migranten, Zugewanderte …«? – fast der gleiche Spruch ziert ein Denkmal beim Museum der Secession. »Gerade das typisch Wienerische hat viel mit den vielen Migrationsströmen Kaupunkielämä zu tun, die ihre tiefen Spuren hinterlassen haben«, so im Katalog der Ausstellung Wir zu Geschichte und Gegenwart der Zuwanderung. Der Film »Menschen bewegen Basel« zu eben diesem Thema zeigt: Große Entwicklungsschritte in der Geschichte der Stadt und wirtschaftlicher Erfolg waren immer mit Einwanderung verbunden. Die Liste hierzu könnte lang werden: Die Großstädte waren immer auch Weltstädte, immer mehrsprachig, und der Zuzug von Menschen mit neuen Sichtweisen, Impulsen und Kompetenzen spielte für die Urbanisierung eine große Rolle. Was dies mit Freiburg zu tun hat, was dazu die moderne Forschung meint, wie sich die Freiburger integrieren, die selber Einwanderer oder Pendler in Metropolen sind, und ob die Zuwanderer sich heute in der Stadt oder auf dem Land besser fühlen, lesen Sie in unserem Schwerpunkt. Soll man das Wort Flüchtling immer mit Hilfe kombinieren? Wieso nicht? Flüchtlinge helfen uns lecker zu ko- chen. Durch sie entdeckten wir, dass Deutschland auf Suaheli Udachi heißt, genauso wie Viel Glück auf Russisch. In Ihren Händen halten Sie die 18. Ausgabe der InZeitung. Wir sind also volljährig und dürfen ab jetzt rauchen, saufen und schmähen, was das Zeug hält. In diesem Sinne viel Spaß beim Lesen, gern im Japanischen Garten am Seepark, dem InOrt dieser Nummer. ? Vom in Buenos Aires, Argentinien, geborenen österreichischen Grafiker Patricio Handl InBox 2 InTipps Soliparty der Antifa zum Tag der Befreiung. Am 8. Mai wurde nicht nur Deutschland befreit, sondern auch die Welt von Deutschland. Die Niederlage der deutschen Volksgemeinschaft bedeutete auch das Ende von Shoa und Vernichtungskrieg. Das ist ein Grund zum Feiern!  ó Sa 7. Mai 23:00, Wheit Rabbit, Leopoldring 1, Freiburg   ó Weitere Infos: www.antifaschistische-linke.de + www.white-rabbit-club.de Zwei-Tage-Seminar zur Kritik der Sozialen Arbeit: »Na dir werd' ich helfen«. Wie hängen die Themen der Sozialen Arbeit – Armut, Gewalt, Verwahrlosung, usw… – mit den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen zusammen?  ó Fr 3. Juni, 16:00 – 20:00 + Sa 4. Juni, 11:00 – 15:00, Pädagogische Hochschule Freiburg, Kunzenweg 21 ó Anmeldung bitte per EMail: gegenmassnahme@riseup. netde   ó Weitere Infos: gegenmassnahme.blogsport.eu Madame Katz – Monsieur Wolf. Das deutsch-französische Theaterstück erzählt Geschichten der Gebrüder Grimm und Charles Perraults und geht spielerisch und phantasievoll mit den Sprachen um. Ob französisch- oder deutschsprachig, jeder kann den Geschichten folgen. ó Fr 10. Juni, 15:00, Stadtbibliothek, Münsterplatz 17, Freiburg   ó Weitere Infos: www.cargo-theater.de Kidayo. Kidayo – Geschützter Raum und Empowerment für Schwarze / afrodeutsche Kinder mit ihren Familien in Freiburg ist eine Initiative, die Anfang 2015 von drei engagierten Müttern ins Leben gerufen wurde. Kidayo ist ein Raum für Austausch und alternatives Lernen. ó Jeden Ersten Samstag im Monat um 15:00, Familienzentrum Klara e.V. im Stühlinger, Büggenreuterstraße 12, Freiburg Vor der Sprache kommt der Ton. Gemeinsam Musik machen! Offene Musikabende zum Zusammenbringen verschiedener Jugendkulturen und zum Gründen von Musikgruppen. Raum zum Kennenlernen und Relaxen. Kooperation des UWC Bosch College mit dem Roma Büro Freiburg. ó Jeden Donnerstag 19:00, Romabüro, Ensisheimer Straße 20, Freiburg   ó Weitere Infos: roma.buero.freiburg@t-online.de ˘ Vor der Sprache kommt der Ton. Die Musik ist eine Sprache, in der sich ­SchülerInnen des Spitzengymnasiums UWC und Romaflüchlinge gut verstehen. Foto: Julia Angstenberger Leserbriefe geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder. Im Falle einer Veröffentlichung behält sich die Redaktion Kürzungen vor. Nicht alle Zuschriften können veröffentlicht werden. Preis für die InZeitung Die InZeitung ist am 23.11.2015 im Rahmen des bundes­weiten Wettbewerbs »Aktiv für Demokratie und Toleranz 2015« mit einem Preis ausgezeichnet und vom Beirat des Bündnisses von Demokratie und Toleranz als vorbildliches Projekt eingestuft worden. Die öffentliche Preisverleihung wird am 23. Mai 2016 in Berlin stattfinden. Wir bedanken uns bei den Fraktionen im Freiburger Gemeinderat und beim Presse- und Öffentlichkeitsreferat für die zahlreichen Gratulationen. ó Herzlichen Glückwunsch zum Erfolg der InZeitung. Gute Zeit und Zeitung weiterhin wünsche ich Euch.  Chen Yuzhen ó Das ist eine hoffnungsfrohe, gute Botschaft. Diesen Preis habt Ihr Euch redlich verdient. Meinen ganz herzlichen Glückwunsch an Euch alle.  Angelika Widrig, Wahlkreis 100% ó Wie schön! Congratulations!  Neriman Bayram, Kommunales Kino ó Liebe ZeitungsmacherInnen, Ihr habt ein sehr brisantes Thema aufgegriffen, nämlich die Vorurteile gegenüber anderen Minderheitengruppen. Leider ist es nämlich nicht so, dass eine Minderheitengruppe, die hier oder anderenorts stigmatisiert wird, automatisch Solidarität mit anderen stigmatisierten Einzelpersonen oder Gruppen zeigt. Das Gegenteil ist leider der »Normalfall«. Nur leider wird das Thema nur allzu oft übergangen. Bislang! Denn die InZeitung hat das Thema offensiv aufgegriffen. – Ich erinnere mich zurück an meine erste Amtszeit im Freiburger Gemeinderat 1999. Ich wollte damals als »Migrationshintergründler« und Schwuler auch im Ausländerbeirat mitwirken und wurde von meiner Fraktion dorthin entsandt. Ein Grund war, auch in diesem Gremium am Abbau von Vorbehalten bspw. gegen Schwule und Lesben mitzuarbeiten. Warum sollten Zuwanderer auch anders oder offener sein als die heimische Bevölkerung? – Die Zeiten haben sich geändert. Zwischenzeitlich hat sich in Deutschland einiges getan bei der Gleichstellung von Schwulen und Lesben im öffentlichen und auch im privaten Leben. Und auch in Baden-Württemberg zeigt die Diskussion primăvară / vară 2016  — InZeitung 18 um die normale Darstellung gleichgeschlechtlichen Zusammenlebens, dass dies keinesfalls gefestigt ist. Aber mit dem Inkrafttreten des neuen Bildungsplans wird auch in BadenWürttembergs Schulen das als normal dargestellt, was bei vielen Menschen schön längst als Normalität empfunden wird, nämlich, dass auch Mann und Mann oder Frau und Frau zusammen-l(i)eben, oder dass es Alleinerziehende oder Patchworkfamilien gibt oder dass unsere Gesellschaft auch bunt ist, was die Hautfarben und ethnischen Herkünfte unserer Menschen angeht. – Diese Buntheit zu verteidigen und unseren Neuankömmlingen, aber auch denen, die schon lange als Einheimische oder Zugewanderte hier sind, näherzubringen, das ist die Aufgabe! Und dazu habt Ihr mit der InZeitung 17 einen wichtigen Beitrag geleistet. Walter Krögner, SPD-Gemeinderrat Danke! ó Grundsätzlich finde ich Ihr Engagement super. Die thematische Aufarbeitung des Inhalts der InZeitung halte ich für journalistisch qualitativ sehr gut. – Was ich allerdings »fast« immer vermisse ist die ungarische Übersetzung  der Schlagzeile.  F. Farkas Foto: kwasibanane Eine kleine Weltreise Von Melissa Rahmani Das Betreten der Halle wird begleitet von rhythmischem Trommeln und freundlichen Gesichtern. Hier am United World College machen Schüler aus aller Welt Abitur. Hier fand am 8. April in Kooperation mit dem Romabüro die offene Bühne »Vor der Sprache kommt der Ton« mit Musikern aus aller Welt statt. Die gute Stimmung nimmt sofort ein, es wird voller, die Atmosphäre entspannt. Menschen strömen auf die Bühne, tanzen zum Rhythmus der Trommeln. Es wird geklatscht und gejohlt, die Trommelgruppe Terricafò, bestehend aus Männern aus Gambia, Ghana und Togo, nimmt alle mit fließender Leichtigkeit mit. Das UWC-Ensemble spielt Lieder der Band Coldplay auf der Geige. Die ruhigen Töne bieten einen Kontrast zu den Trommeln; genau diese unterschiedlichen Stilrichtungen machen den Abend so lebendig. Im Anschluss erscheint die Dabka-Tanzgruppe Amal Al Ghad – Hoffnung des Morgens, arabische Musik, und zum Schluss lebensbejahende leichte Romalieder … Bei der folgenden Rede zum internationalen Romatag wird klar, wie weit die Kultur der Roma zurückreicht. Die uralte Geschichte ihrer Verfolgung hat auf traurige Weise immer noch Realitätsbezug, sagt Romabüroleiter Tomas Wald. Es wird von hoch entwickelter Feierkultur erzählt, von Philosophen und Zelebratoren der Lebenslust. Mein Blick gleitet durch den stimmungsvollen Raum und ich fühle es sofort. Solche Abende, die alle Kulturen feiern und sie aufeinander zugehen lassen, sind für uns heute wichtig. Ich fühle mich wie nach einer kleinen Weltreise. ó Nächste Veranstaltung: Fr 13. Mai ab 18:00, Mensa 1 InZeitung 18 — გაზაფხული,ზაფხული 2016 Portrait N ¯ Nona Otarashvilis Hände sind gut beschäftigt. Foto: Susanti Dewi ona Otarashvili ist in der Kera­ mikwerkstadt der Fabrik in der Habsburgerstraße beheimatet und dies schon so lange sie in Freiburg, und in Deutschland lebt. An diesen beruflichen Zielort zu gelangen war ein außerordentlicher Lebensweg, vor allem für eine sogenannte eingewan­ derte Person. Ungewöhnlich fand man damals in Tbilissi (Tiflis), Georgien, woher die Künstlerin stammt, als Nona, von ihrem Sprach-Kurs in Freiburg mit der Entscheidung zurückgekehrt, ein vielbegehrtes Mode-Design-Studium an der Hochschule der Feinen Künste von Tiflis gegen das unpopuläre Fach Glas und Keramik auszutauschen. »Was suchen diese Frauenhände in Dreck und Schlamm?«, fragten sich traditionell angehauchte Georgier des Öfteren. Nonas Hände sind heute gut beschäftigt. Ihre schöpferische Kraft und die Feinheit der Technik sind in den ausgefallenen Arbeiten der DiplomKeramikerin, nicht zu übersehen. Nona weilt zwischen den Kulturen, so wie sich Keramik zwischen Bildhauerei und Gebrauchskunst befindet. Wir sitzen am Tisch eines Raumes voller Keramik-Figuren und Geschirr, die von KursteilnehmerInnen und Hobby-TöpferInnen der Offenen Werkstatt stammen und auf weitere Bearbeitung warten. Von der Wand gegenüber beobachtet uns der Große Bär, aus einer der berühmten Abbildungen auf Nonas Ton-Kreationen. Ich folge den Spuren. Langsam taucht im Gespräch mit der Künstlerin die Sowjet­ union, unser Land der Erstgeburt, auf. Was hat Nona mehr geprägt: das verschwundene Land oder die lange Zeit des Krieges und der Zusammenbruch in den Jahren danach? Das Tonhandwerk, einer der ältesten Berufe der Menschheit, bringt uns nach Georgien. Terrakotta-Geschirr ist im georgischen Alltag bis heute allgegenwärtig. Wenn man auf dem Pass von Westgeorgien in Richtung Hauptstadt unterwegs ist, kann man die auf endlosen Ständen an der Landstraße angereihten roten Töpferwaren nicht übersehen. Da ist ein Dorf namens Schroscha, das Zentrum der georgischen Tonproduktion. Während ihres Praktikums in Schroscha wurde Nona Zeugin, wie Männer die rote Erde abbauten. Mit diesen Ochsengespannen seien sie bis heute unterwegs, erzählt die Künstlerin begeistert. Die schlichte eintönige Technik der konservativen Ahnen ist in der Handschrift von Nona nicht sichtbar. Nonas Figuren sind für ihre Farben berühmt. Nur die Schrift, die schönen runden georgischen Buchstaben, die die Künstlerin so gerne in ihre Kollagen einbaut, kann der Betrachter von 3 Von Bären, Mädchen und Quadraten Klarheit und Poesie liegen Nona Otarashvilis Plastiken zu Grunde Von Ketevan Bakhia allen Seiten bewundern. Die Formen eckig, klar, genau, streng, sauber bearbeitet. Die Würfel und Dosen aus Nonas Hand erstaunen mit einer Mischung aus Stabilität und Leichtigkeit. Die Schöpferin rühmt sich mit einer von ihr entwickelten, hoch komplexen Technik die bunten Kollagen auf die Keramikplatten so zu marmorieren, dass man nicht dahinter kommt: Sind dies Fotos oder sind es Zeichnungen oder gar Gravuren? Auf einer Abbildung rennen zwei Mädchen hintereinander, das eine hält sich am Zipfel des Kleides der anderen fest. Beide blicken schräg hinter sich. Dieses Bild ziert auch den Buchumschlag von Nino Haratishwilis Achter Leben – ein Roman einer ebenfalls aus Georgien stammenden Auto- rin. Die letzte Ausstellung von Nona trug den Titel Erinnerungsbilder. Ihre Arbeit bekommt durch diesen Titel eine besondere Bedeutung. Das Motiv mit den zwei Mädchen erscheint immer und immer wieder, mal im Vordergrund, mal hinter der unschuldig aussehenden Oberfläche. Nonas Schwester lebte in Freiburg, als sie hierher kam. Bald ergab sich dann die Begegnung mit der Kunst der Keramik und sie erhörte den Ruf des Bären. Nona entschloss sich beruflich umzuorientieren. Als sie ihren ersten selbstgetöpferten Gegenstand, einen Aschenbecher, in der Hand hielt und ihn an einen jungen Mann verschenkte, der nach einiger Zeit um ihre Hand anhalten sollte, reifte der große Schritt – nach Deutschland auszuwan- dern. Ein georgischer Topf bekam einen deutschen Deckel. Im Jahr 2000 bekam die Freiburger Hobby-Werkstatt durch Nona nicht nur eine neue Mitwirkende im Team, sondern eine aktive Mitwirkende im Kursleben. Und bis heute gestaltet Nona Otarashwili das sehr vielfältige Angebot der Fabrik mit großer Dynamik und Tatkraft. Nona sitzt an der Drehscheibe, so aufmerksam wie am Steuer. Ihre Hände sind blitzschnell. Im Moment arbeitet Nona an einem Zyklus mit Haushalts-Gegenständen. In Planung ist ein sehr anspruchsvolles Projekt zusammen mit einer georgischen Graphikerin, Sopo Tabatadze. Das wird nun richtig spannend. Ich bleibe bei den massiv in die Höhe ragenden und solide in sich ruhenden blockhausartigen Dosen hängen. Die Übersetzung des Wortes Dose in unsere Muttersprache schwebt zwischen Schatulle und Kasten. Nona erinnert sich an ihre späte Kindheit: an diese zauberhafte Schatzkiste, bei der sich beim Anheben des Deckels die Ballerina drehte und tanzte. Ja, mit Ballerinas waren am Anfang ihre Kunstwerke tatsächlich oft versehen, erinnert sich die Künstlerin. Und der Bär? Er muss es sein, der Nona immer wieder in ihre alte Heimat zurückruft. Nonas Leidenschaft ist Wandern, das Wandern im Kaukasus. Nona nimmt sich jedes Jahr eine komplizierte, am liebsten noch nie ausprobierte Route vor, und mit ihrem deutschen Mann und den zwei Söhnen machen sie sich auf den Weg. Ein echter Kaukasischer Braunbär ist der Familie zum Glück noch nie über den Weg gelaufen. Sehr gerne unterhält sich Nona unterwegs mit den Berghirten. Ob die Männer sich fragen, was diese Frau umtreibt? Ist sie nun eine Eingewanderte oder eine Ausgewanderte? Kunst verrät Nichts. Kunst baut Brücken und gibt Zeichen, beschert Heimat. Gerade als ich festzustellen beginne, dass es die deutsche Klarheit ist, die den Formen von Nonas Plastiken zu Grunde liegt, gelingt mir ein Blick in den geheimnisvoll verschlossenen, den eigentlichen Arbeitsraum der Töpferin. Ich entdecke sie dort: Die echten runden, kleinen und großen Schatullen. Nona nennt sie schlicht. Ich finde sie schön. Und wieder die zwei Mädchen, die rennend nach hinten schauen, als ob sie jemand ruft. ˘˘ www.nonaotarashvili.com 4 DiverCity Bihar / Havîn 2016  — InZeitung 18 InZeitung 18 — Άνοιξη / Καλοκαίρι 2016 DiverCity 5 Was hat Freiburg mit Migration zu tun? Von Carmen Luna Von Viktoria Balon Urbane Normalität Je mehr Stadt desto mehr Diversität Urbanität und Migration M anchester oder Düsseldorf, Mumbai oder Lima – Stadt war historisch immer ein Schmelztiegel, eine Kreuzung von Traditionen und Veränderungen, Ort der Begegnung zwischen Ansässigen und Migranten. Die moderne globale Stadt ist noch mehr » … die Stadt von erwarteten und unerwarteten Begegnungen, genau DER Ort des Treffens mit Anderen« schreibt Kulturgeographin Prof. Jane Jacobs von der Universität Edinburgh in Cities of Difference. Eine ganze Wissenschaft beschäftigt sich damit: Stadtethno­ logie oder Urban Anthropologie, hier entstehen neue Worte wie Cosmopolis, Multiplex City oder DiverCity. Die Städte leben und wachsen durch Zuwanderung. Der größte Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund lebt in Frankfurt/Main (43 %), Stuttgart (38 %) und Nürnberg (37 %). In absoluten Zahlen leben am meisten Zuwanderer und ihre Nachkommen in Berlin (861.800), München (532.000) und Hamburg (482.000). Nach dem Migrationsbericht der Bundesregierung 2015 kommen die meisten Großstädter ohne deutsche Staatsbürgerschaft aus Staaten der Europäischen Union, nämlich 41,7 %; aus der Türkei kommen 18,8 %. Seit 2013 liegt die Zahl der Zuwan­ derer nach Deutschland erstmals seit 20 Jahren wieder über der Zahl der Fortzüge. Vor allem die Großstädte sind ihr Ziel, was einige Alteingesessene beunruhigt. Es ist nicht das erste Mal, dass Zuwanderung nicht als städtischer Normalfall, sondern als Ausnahme und Bedrohung wahrgenommen wird, sagt Livi Bacci, einer der führenden Experten für Bevölkerungswanderung und De- mographie in seiner Kurzen Geschichte der Migration aus dem Jahre 2015. Neuankömmlinge bewirkten schon immer Veränderungen in den Städten, in denen sie Fuß fasten, durch demografischen Wandel, durch Import von Innovationen oder schlicht aufgrund höheren Tatendrangs. »Wenn wir das hohe Lebensniveau in Europa halten wollen, müssen wir Einwanderung erleichtern«, so seine Schlussfolgerung. Migration bringt also frischen Wind und gleichzeitig schafft sie Spannungen und neue schwierige Aufgaben für eine Stadt. Von der »Diaspora-City« zur Gentrifizierung Ein Grund für Ängste und Spannungen ist Hypervisibility – Über-Auffälligkeit von Migranten und ihre unkonventionelle Nutzung des städtischen Raumes. Die italienischen Soziologen Adriano Cancellieri und Elena ­Ostanel beschreiben es am Beispiel eines Viertels um den Bahnhof in Padua, wo sich Migranten verschiedener Ethnien versammelten und Geschäfte machten – bis die Medien mit »moralischer Panik« und die Polizei mit übertriebener Kontrolle reagierten. Solch repressive Intervention zerstöre urbane Begegnungsmöglichkeiten, die Stadtpolitik solle sich darüber bewusst werden. Die Wissenschaftler stellen nun die Frage über das Recht der Neuankömmlinge auf öffentlichen Raum und ob unsere gewöhnliche Nutzung der öffentlichen Orte die einzig richtige ist. Als Abwehr gegen den dominanten Auftritt der Mehrheitsbevölkerung sucht man dann Diaspora-Orte. Es gibt Stadtteile, wie etwa Berlin-Neukölln, München Milbertshofen-Am Hart oder das Frankfurter Gallus-Viertel, wo der Anteil der MigrantInnen bei mindestens 50 Prozent liegt. In England gab es eine Zeit der Politik der städtischen Integration von ethnischen Minderheiten in ihre Gemeinden, so Laura Vanhue in ihren Aufsatz Migration – Stadt im Wandel. Es wurde argumentiert, dass das Ankommen in die eigene Zuwanderergruppe die Integration erleichtere: Diese vermittele Alltagswissen und biete Hilfe bei der Arbeits- und Wohnungssuche. In Frankreich allerdings versuchte man Ballungen dieser Art zu vermeiden; dort gab es Programme zur Bekämpfung der Verschlechterung der Vorortstadtteile. Leider nicht immer erfolgreich. Doch während sich einige Migran­ tengruppen immer noch auf bestimmte Wohngebiete konzentrieren – wie z. B. Türken in Kreuzberg, entwickeln sich daneben schon seit Anfang der achtziger Jahre andere Tendenzen. Migranten gründeten interkulturelle Vereine und Selbsthilfeprojekte, die ihre Interessen vertreten. Sie vernetzen sich unabhängig von Wohnort und bevorzugen Wohnviertel, die multikulturell, aber nicht von einer Ethnie dominiert sind. Dort entwickeln sie »Vorgehensweisen, die einerseits das städtische Angebot verändern und anderseits den ›informellen‹ Raum und die städtischen Nischen aufwerten können.« Jedoch ziehen solche gemischten Migranten-Stadtteile wie z. B. Prenzlauer Berg in Berlin oft erst Künstler, ˚ In der Stadt nutzen ­Neuankömmlinge den öffentlichen Raum auf eine andere Art als wir es gewohnt sind. Straßenszene im Einwandererviertel Noailles in ­Marseille.  Foto: k­ wasibanane dann junge Mittelklasse-Familien an, werden dann immer mehr hip und somit immer attraktiver für Investoren. Emma Jackson zeigt in ihrem Aufsatz Middle Classes, Discomfort and the Multicultural City am Beispiel des afrikanisch geprägten South London die Undichtigkeit des Multikulturalismus gegen Gentrifizierung als Bestandteil eines kosmopolitischen Alltags. Stadtethnologen sind sich einig: »Es lässt sich feststellen, dass die Stadtentwicklungspolitik die Bedeutung von Migration als Thema bislang nur fragmentarisch erkannt hat.« Erfinderisch und transnational Das Thema des Wissenschaftsjahres 2015 war die Zukunftsstadt. Eines der Forschungsprojekte, das innerhalb dieses Rahmens präsentiert wurde, sieht »die Migration und Diversität als urbane Ressource« so Erol Y ­ ildiz, Professor der Soziologie an der Universität Innsbruck. »Jede dritte Lebensgeschichte in Großstädten wie Berlin, Wien oder Köln ist mittlerweile von Migration geprägt«, sagt er. Seine Studie Diversität ist die Lebenspraxis zeigt auf, wie Menschen, die mehrere Heimaten und Zugehörigkeiten haben, vielfältige Lebensentwürfe aufweisen, die über das Lokale und Nationale hinausgehen und den Alltag vor Ort mit der Welt verbinden. So entstehen neue urbane Räume, die neue Verortungsstrategien ermöglichen. Durch transnationale Netzwerke entwickeln sich innovative Kompetenzen, soziales und kulturelles Kapital wird akkumuliert. »Städte sind Orte der Diversität, und je mehr Diversität, desto mehr Stadt«. ˚ Auf dem Land wird wesentlich mehr miteinander gesprochen, über den Gartenzaun, auf der Straße, beim Einkaufen. Foto: kwasibanane Je mehr Dorf desto mehr Integration? Ländliche Räume brauchen Zuwanderung Von Nausikaa Schirilla A lle Debatten und Forschungen zu Migration und Integration sind auf städtische Räume ausgerich­ tet. Doch wie sieht es auf dem Land aus? Das Land gilt als weniger entwi­ ckelt, weniger mobil, traditionell und feindlich gegenüber Zugezogenen. Aber sind das nicht auch Vorurteile? »Bei uns in der Feuerwehr sind drei Flüchtlinge – sie können zwar noch wenig Deutsch, aber ihnen gefällt es und alle sind stolz darauf«, berichtet beispielsweise eine Studierende aus ihrem Heimatdorf. Eine Bekannte von mir, die mit ihrem afrikanischen Mann aufs Land gezogen war, berichtete, dass sie anfangs Sorge hatten, dass er dort nicht akzeptiert werden würde, aber es sollte ganz anders kommen. »Er ist viel integrierter als ich«, erzählte sie. Es würde dort auf dem Dorf wesentlich mehr miteinander gesprochen, über den Gartenzaun, auf der Straße, beim Einkaufen etc. – das würde sie eher nerven, aber ihm käme das sehr entgegen und daher hätte er auf vielfältige Weise Fuß gefasst. Landkreise, Kleinstädte und Dörfer haben aufgrund des demographischen Wandels und der anhaltenden Landflucht mit einer Stagnation oder einem Rückgang der Bevölkerungszahlen zu kämpfen, was negative Auswirkungen auf Infrastruktur und lokale Ökonomie hat. Das Land ist aktuell angewiesen auf Zuwanderung und dies führte in vielen Kommunen auf politischer Ebene zu einer Öffnung gegenüber Migration auch aus dem Ausland. Vereine wie beispielsweise die Freiwillige Feuerwehr versuchen seit Jahren mit Programmen interkultureller Öffnung und antirassistischer Bildung jugendliche Migrant(inn)en zu rekrutieren. Natürlich bieten ländliche Gebiete viele Nachteile für neu nach Deutschland migrierte Menschen. ­Migrant(inn) en sind eine größere Minderheit und daher sind Migrantenorganisationen und unterstützende Netzwerke schwieriger zu finden. Mangelnde Mobilität bringt große Nachteile für den Zugang zu Deutschkursen, Beratung, Fortbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen. Strukturen der Integrationsförderung, wie sie Integrationsbeauftragte gebildet haben, sind im ländlichen Raum weniger zu finden. Aber das Land bietet auch viele Vorteile. In ländlichen Gebieten ist das Gemeinwesen von Sport- und Kulturvereinen, von Vereinen der Brauchtumspflege und der Freizeitgestaltung geprägt. Diese stellen wichtige Netzwerke und Kommunikationsknotenpunkte dar. Zugang zu Ressourcen und ortsspezifische Informationen sind stark an diese Netzwerke geknüpft. Akzeptanz und Teilhabe hängen von einer Aktivität in diesen Strukturen ab. Studien wie beispielsweise die der Schader Stiftung zeigen, dass diese Netzwerke und insbesondere Schlüsselpersonen in diesen Zusammenhän- gen den Zugang zum Gemeinwesen und damit auch zu Ressourcen und Hilfeleistungen wesentlich erleichtern und beschleunigen können. Zugezogene finden damit sehr schnell eine neue Heimat. Diese Strukturen können aber auch negative Tendenzen beschleunigen. Die Forschung zeigt, dass wenn diese Vereine für Zugewanderte eintreten, dies die Gemeinwesen positiv beeinflusst und Zugewanderte viel schneller ankommen. Eine ablehnende Haltung hingegen kann aber auch nachhaltiger exkludierende Folgen haben. Der Arbeitskräftemangel ist in wirtschaftlich starken ländlichen Gegenden besonders ausgeprägt und es gibt wesentlich bessere Zugangschancen zu Arbeitsplätzen für Migrant(inn)en als in städtischen Ballungsräumen. Obwohl hier Stereotypen und Vorurteile bestehen, sind sie durch die kleinräumliche Kommunikationsstruktur leichter abzubauen und zu verändern. Ländliche Räume enthalten aufgrund struktureller und sozialer Aspekte einige Nachteile, aber auch besondere Chancen für Zuwanderung. Migrationsforschung und Integrationsdebatten sollten diese stärker in den Blick nehmen. ó Nausikaa Schirilla ist Professorin für Soziale Arbeit, Migration und Interkulturelle Kompetenz an der ­Katholischen Hochschule Freiburg. Im Jahr 1120 gründete Herzog Konrad von Zähringen am Fuß seines Schlosses einen Markt. Mit dem Marktrecht für die vorstädtischen Siedlungen und dem Stadtrecht entstanden bürgerliche Freiheiten, Recht auf Grundbesitz und ein Erbrecht. »Jeder, der in diese Stadt kommt, darf sich hier frei niederlassen …«. Die Leute kamen von nah und fern mit dem Wunsch nach Wohlstand und Freiheit. Dadurch wurde die einstige Siedlung zur florierenden Handelsstadt Freiburg. Seitdem ist viel Wasser die Dreisam hinunter geflossen, und viel ist in dieser Zeitspanne geschehen. Tausende FreiburgerInnen sind fortgezogen und neue Menschen haben ihre Kultur mitgebracht. Die Dreisam wird weiter fließen und neue BewohnerInnen werden die Stadt weiter mitgestalten, mit neuen Ideen, neuen Speisen oder Tänzen bereichern. Ein gutes Beispiel sind Tango und Salsa, die einmal zu uns kamen und mit ihren rhythmischen Bewegungen die Freiburger Tanzszene begeistern. ­Sternschnuppe und Engel der Hoffnung Von Alexander Sancho-Rauschel 2015 kamen in Freiburg 2533 Jungen und 2469 Mädchen zur Welt. Auffallende Vornamen für Mädchen waren Soha (persisch: Sternschnuppe) oder Lanea (hawaiianisch: Himmelsblume). Bei den Jungen Lior (hebräisch: mein Licht) oder Amael (keltisch: der Engel der Hoffnung). Insgesamt 818 Kinder haben mindestens einen ausländischen Elternteil, in 589 Fällen haben sowohl der Vater als auch die Mutter eine andere Staatsangehörigkeit. Dies geht aus den aktuellen, vom Freiburger Standesamt veröffentlichten Zahlen hervor. 214 der Kinder bekamen mit der Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit (in vielen Ländern, beispielsweise in den USA, hätten alle 818 den Pass ihres Geburtsortes bekommen). Beeindruckend: Die Eltern stammen aus 112 verschiedenen Herkunftsländern. Insgesamt wurden 1088 Hochzeiten geschlossen: 177 mit einem Partner ohne deutschen Pass, bei 72 traf dies auf beide Partner zu. Die meisten heiratswilligen Migranten kamen wie in den Vorjahren schon aus Italien, dahinter folgen die Türkei und Russland. Von den am 1. Januar 2015 rund 32.800 hier lebenden Menschen ohne deutschen Pass waren rund 16.000 männlich und ebenso viele weiblich – wobei die Frauen mit etwa 450 in der Überzahl waren. 6 DiverCity Printempo, Somero 2016  — InZeitung 18 InFrage an Timothy Simms Freiburg wird immer bunter, der Anteil der migrantischen Bevölkerung nimmt kontinuierlich zu und wird mit großer Wahrscheinlichkeit weiter wachsen. Inwieweit beeinflusst das die Stadtentwicklung allgemein, die Planung und die konkrete Gestaltung der neuen Stadtteile und Quartiere wie Dietenbach ? D ie migrantische Bevölkerung gibt es ebenso wenig wie die deutsche Bevölkerung. Die Spann­ breite ist riesig – von der chine­ sischen Austauschstudentin zur syrischen Flüchtlingsfamilie, dem holländischen Professor, dem italie­ nischen Restaurantbesitzer bis hin zur türkischen Rentnerin. Eine gute Stadtplanung berücksichtigt daher immer Vielfalt – das bedeutet vor allem: Vielfalt unterschiedlicher Le­ bensphasen und Familienmodelle. ˚ Die Stadt der Zukunft. In der Megacity Athen/Pireus lebt mehr als die Hälfte der griechischen Bevölkerung.  Foto: kwasibanane Stadt wirbt um MigrantInnen Ibrahim Sarialtin für eine buntere Stadtverwaltung ¯ Ibrahim Sarialtin Foto: FotoStudio Milena Von Barbara Peron I n Freiburg leben und wirken im­ mer mehr BürgerInnen aus der ganzen Welt. Und zahlen Steuern. In welchem Maße können sie das Stadt­ leben mitbestimmen? EU-BürgerIn­ nen und Eingebürgerte dürfen wäh­ len, letztere auch gewählt werden. Einige MigrantInnen sitzen im Frei­ burger Gemeinderat, einer von ihnen ist Ibrahim Sarialtin, Gemeinderat der Grünen und Erster Vorsitzender des Interkulturellen Vereins FAIRburg. Wieviele MigrantInnen arbeiten in der Stadtverwaltung? Ibrahim Sarialtin: In der Freiburger Stadtverwaltung haben 14,7 Prozent der MitarbeiterInnen einen Migrationshintergrund. Der Anteil ist im Vergleich zu anderen deutschen Städ- ten gut, dennoch reicht es noch nicht. Dieser Anteil gibt nicht die Proportionen in der Bevölkerung wieder: 27 Prozent der FreiburgerInnen haben einen Migrationshintergrund. Auch ist die Verteilung unter den verschiedenen Herkunftsgruppen ungleichmäßig. In der Stadtverwaltung sind zwar Menschen aus 45 Nationalitäten beschäftigt, die Proportionen zwischen den Nationalitäten und ihr Anteil an der Bevölkerung spiegeln sich aber nicht wieder. In Freiburg bilden ItalienerInnen und TürkInnen die größten Gruppen; in der Stadtverwaltung gibt es aber nicht so viele italienisch- und türkischstämmige MitarbeiterInnen, wie man sich aufgrund ihres Bevölkerungsanteils wünschen würde. Die Frage, ob jemand Migrationshintergrund hat oder nicht, halte ich bei der Stadtplanung daher zunächst für nachrangig. Die Grundanforderungen an gute Stadtteile und lebendige Quartiere unterscheiden sich für Deutsche, Nichtdeutsche, Nochnichtdeutsche nicht: Gute Verkehrsanbindung, lebendige öffentliche Räume, exzellente Bildungseinrichtungen, eine vielfältige Nachbarschaft, angemessener Wohnraum. Klar: Wir brauchen in Freiburg viele Mietwohnungen. Aber neue Quartiere brauchen eine gute Mischung aus Eigentum, Mietwohnungen und geförderten Mietwohnungen. Denn zu einseitige Wohnungsstrukturen ziehen in der Regel Probleme nach sich – man denke nur an die französischen Banlieues. Ich habe jüngst Die neue Völkerwanderung – Arrival City des kanadisch-britischen Journalisten Doug Um die Beschäftigungschancen von MigrantInnen in der Stadtverwaltung zu verbessern, hat die Stadt Freiburg in Kooperation mit dem MigrantInnenbeirat und dem interkulturellen Verein FAIRburg am 7. April 2016 im Bürgerhaus am Seepark eine Informationsveranstaltung organisiert. Welche Inhalte wurden dort thematisiert? Es wurden vielfältige Ausbildungsund Beschäftigungsmöglichkeiten in der Stadtverwaltung vorgestellt. Die ˘ Timothy Simms Foto: Britt Schilling Saunders gelesen. Er beschäftigt sich mit der Frage der Migration aus dem ländlichen Raum in die Städte und fragt sich, warum in manchen Ankunftsstädten Integration gelingt, in anderen aber nicht. Ein zentraler Punkt ist, dass Migranten Chancen zur wirtschaftlicher Betätigung haben. Wer sich in die Stadt aufmacht, der soll Eigentum erwerben oder ein Geschäft eröffnen können. Diese Erfahrungen sind sicherlich nicht eins-zu-eins auf Freiburg übertragbar, aber im neuen Stadtteil sollten wir darauf achten, dass genügend Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Betätigung geschaffen werden. Eine Idee dazu: Den Erdgeschossbereich überall für soziale, wirtschaftliche und kulturelle Nutzungen reservieren! ó Timothy Simms ist Stadtrat und stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Gemeinderat. Er hat sowohl die deutsche als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Stadt bietet 250 verschiedene Berufe, an. Viele, insbesondere migrantische Jugendliche und Eltern, kennen diese Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten nicht und wissen nicht, dass die deutsche Staatsangehörigkeit keine Voraussetzung für die Bewerbung ist. Die Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten stehen allen BürgerInnen offen, unabhängig von ihrer Herkunft. Was versprechen Sie sich von dieser Initiative? Es geht nicht darum, Quoten oder ein spezielles Verfahren für Migranten einzuführen, vielmehr darum, allen BürgerInnen – egal welcher Herkunft – bei gleicher Voraussetzung und Quali- fikation dieselben Chancen zu geben. MigrantInnen wünschen sich keine Vorzugsbehandlung, sie möchten genauso behandelt werden wie alle anderen BewerberInnen. Es geht um Chancengerechtigkeit und um nichts anderes. Ein ausländischer Nachname darf kein Hindernis bei einer Bewerbung sein, genauso wenig wie Geschlecht, Familienstand oder Alter. In einem Einwanderungsland wie Deutschland sollte das eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber noch nicht, obwohl sich einiges in letzter Zeit geändert hat. Initiativen wie diese sind nicht nur für den Austausch von Informationen von Belang, sondern auch dafür, Normalität zu schaffen und zu etablieren. InZeitung 18 — Tavasz, Nyár 2016 DiverCity 7 Weingarten – eine nette Adresse Neue Nachbarn Von Susanne Einfeld Fünf Etagen und fünfzehn Wohnungen. Fünfzehn Familien. In vielen Wohnungen nur eine Person. Meistens Frauen, die übrig geblieben sind. Frau Seidel, Frau Lenz, Frau Moritz, Frau Geiger und Frau Wittich, nun, sie sind schon weg. Die Wohnungen wurden leer geräumt und neu vermietet. Damals musste ich noch jeden Tag für sie oder eben für mich selbst »kämpfen«: »Guten Morgen«, »Guten Tag« und »Einen schönen Abend«! Dann später: »Brauchen Sie was?«, »Kann ich Ihnen helfen?«. Sie haben mich aufgenommen. Ich habe sie für mich gewonnen. Wir haben uns angenommen. Jahrelang lebten wir neben- und miteinander, wechselten Augenblicke, schüttelten Hände, und ich half ihnen Treppen zu steigen. Jetzt sind sie alle weg. Jetzt habe ich andere Mitbewohner im Haus. Statt mit Seidel, Lenz, Moritz, Geiger und Wittich wohne ich jetzt mit Berisha, Mezoued, Okoye, Acar und Markovic im Haus zusammen. Man grüßt sich, wenn man sich trifft, und ab und zu treffe ich einige, die mir helfen, die Mülltonnen von der Straße zurück zu stellen. Ich spreche Deutsch. Aber nicht die vielen anderen Sprachen meiner Nachbarn. So sprechen wir schlechtes Englisch oder gebrochenes Deutsch miteinander, wenn wir sprechen. Eher grüßen wir uns nur und verschwinden. Ich habe keine Kraft mehr neue Beziehungen aufzubauen. Sie haben kein Interesse – denke ich mir. Wer weiß? Vielleicht liegt es an mir, dass ich nicht mehr so »engagiert« bin wie mit »meinen fünf Frauen«. Vielleicht liegt es auch daran, dass meine Nachbarn schüchtern sind, möglicherweise fühlen sich hier nicht wohl, weil sie Ausländer sind? Allerdings bin ich auch Ausländer und ich fühle mich hier wohl. Ja. Ich habe Arbeit und Familie hier, spreche die Sprache, interessiere mich für Kultur und Gesellschaft und habe das Gefühl, dass ich hier gut angekommen bin. Ich vermisse nur meine »fünf Frauen«! Ich finde es schade, dass sie nicht mehr da sind. Stattdessen habe ich die anderen, und da muss ich mich nicht mehr bemühen, weil sie sich auch nicht bemühen – habe ich das Gefühl! Aber es kann sein, dass ich mich irre und bald kommt ein Durchbruch. Wie damals, als ich Frau Wittich angesprochen habe und zu ihr sagte: »Heute ist ein schöner Tag. Nicht wahr?« Der Freiburger Stadtteil Weingarten ist ein Beispiel für Urbanisierung. Er wurde Anfang der 1960er Jahre auf dem Reißbrett entworfen und ist dennoch ein gewachsener Stadtteil. Nach einem verbreiteten Vorurteil ist Weingarten ein UnOrt, für die dort lebenden Sinti ist es dagegen ein InOrt. Immer wieder ziehen Menschen sehr bewusst hierher. Da waren anfangs die rund 8000 wohnungssuchenden Familien, für die Weingarten erbaut wurde. Nur kurze Zeit später zogen Sinti-Familien hinzu. Sie hatten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg an den Westrändern der Stadt unter denkbar unwürdigen Bedingungen leben müssen. Romano Reinhardt erinnert sich: »Wir wohnten in alten Omnibussen oder Wohnwagen, ohne fließendes Wasser und Strom. Vom Rieselfeld her stank es nach Fäkalien … das war unsere Kindheit. Es war im Grunde nicht auszuhalten.« Sie waren Flüchtlinge im eigenen Land. Engagierten Persönlichkeiten wie den Sinti Oskar Birkenfelder und Wilhelm Schindler ist es mit zu verdanken, dass die Stadt Freiburg nicht nur den Zuzug der Sinti-Familien in den neuen Stadtteil förderte, sondern darüber hinaus Anfang der 70er Jahre Reihenhaussiedlungen für sie erbauen ließ. Seither sind viele Menschen unterschiedlicher Herkunft, aus fast 80 Ländern, in Weingarten gelandet, davon rund ein Drittel Kinder und Jugendliche. Laut Romano herrscht hier in erster Linie ein Klima der Offenheit und Toleranz, oftmals jedoch auch mehr ein Nebeneinander als ein Miteinander. »So lange es funktioniert, tolerieren wir einander«, meint er, »Herkunft und Glaube sind nicht wichtig. Es geht um Anpassung.« Es ist diese Erfahrung der Anpassung, die die Sinti geprägt hat und damit auch zu einem großen Teil diesen Stadtteil. Für den Begriff »Integration« hat Romano wenig übrig. Die Erfahrungen der letzten 40 Jahre zeigen ihm, dass jede Familie ihre eigene Kultur mit sich bringt und eigene Erfahrungen und Geschichten in die bestehende Gesellschaft einbringt. Anpassung in diesem Sinne funktioniert in Weingarten an vielen Stellen offensichtlich recht gut – auch wenn Weingarten für einen Stadtteil steht, in dem statistisch gesehen überdurchschnittlich viele so genannte sozial benachteiligte Menschen leben. Und möglicherweise lohnt es sich, den Begriff »sozial benachteiligt« immer wieder genau und kritisch zu hinterfragen. ˘˘ Audioguide Weingarten: weingarten.rdl.de Von Ferenc Farkas ó Ferenc Farkas stammt aus Budapest in Ungarn, hat Kulturmanagement, Theaterwissenschaft und Dramaturgie studiert und Filme gemacht. Seit 2002 lebt und arbeitet er als Eventmanager und Filmemacher im Freiburger Stühlinger.  ˘˘ www.fefaorg.de ¯ Wer wohnt gerne in Weingarten? Foto: kwasibanane 8 DiverCity Primavera / Verão 2016  — InZeitung 18 A ls meine Freundin während einer Urlaubsreise in Südbrasi­ lien in einer Kneipe in der Kleinstadt Pomerode landete, staunte sie: Alle sprachen eine lustige Art Deutsch. Wenn sie nach dem Weg fragte, lautete die Antwort: »Sie fahren geradeaus und dann nach der Treva, pega links« (aus dem portugiesischen Substantiv Trevo – Kreisverkehr – und dem Verb pegar, nehmen). Und wie in Pomerode wird auch in anderen Dörfern des brasilianischen Bundesstaats Santa Catarina in einem Dialekt gesprochen: eine Mischung aus Pommersch, ein bisschen Hochdeutsch und brasilianischem Portugiesisch. An deutschen Traditionen wird sehr festgehalten. Auch wenn wir uns fragen, ob Schäufele mit Sauerkraut als Weihnachtsessen im Sommer eine gute Idee ist oder ob die Mischung aus Hochhäusern und Fachwerkhäusern als Baustil eine gelungene urbane Komposition darstellt. Ja, sie fühlen sich als Deutsche. Diese Gemeinde, die zum Teil schon Mitte des 19. Jahrhunderts in Brasilien ihre zweite Heimat gefunden hat, sich geblieben und eng mit ihrem Ursprungsland verbunden. Sicher hatten sie kein großes Interesse, sich in die gesamte, vielleicht aus ihrem Blick »Mach die Janelen zu, es chuvt«? von Alda Campos besteht darauf, so deutsch wie möglich – und vermutlich so wenig brasilianisch wie nötig – zu sein. Aus der heutigen Perspektive gesehen sind sie aber Menschen mit Migrationshintergrund, ehemalige Wirtschaftsflüchtlinge. Fühlen sie sich im Exil, die Deutschen aus Pomerode? Obwohl, von unfreiwilligem Bleiben kann dabei nicht die Rede sein … Haben sie sich allerdings integriert? Das ist schwer zu sagen: Im Radio wird Schlagermusik gespielt, aber abends schauen sie gerne brasilianische Novelas, unsere Seifenopern … Eine Sache scheint klar zu sein: diese MigrantInnen sind in all den Jahren hauptsächlich unter chaotische, brasilianische Gesellschaft einzugliedern. Komisch. Ganz anders verhalten sich die Nachkommen der großen Gruppe von MigrantInnen aus Japan oder aus Italien: Sie bewahren auch ihre Traditionen, beschränken aber ihre Identität nicht so stark auf ihr Ursprungsland. Sie dominieren ganze Stadtteile der Megastadt São Paulo, beziehen dennoch Aspekte der brasilianischen Kultur ein und sorgen somit für Innovation und echte Transkulturalität. Bestimmt ist dabei die Urbanität ausschlaggebend. So eine Monsterstadt wie Sao Paulo erzwingt Integra- tion und erzeugt dadurch Strukturen voller Chaos, aber auch Vitalität. Deshalb definiert die Expertin Janice Perlman, vom Mega-Cities Project, nachhaltige Städte der Zukunft hauptsächlich durch zwei Faktoren: Formlosigkeit und Inklusion. Auf dem Land läuft es anders: In ihren kleinen grünen und ordentlichen Dörfern sind viele Deutsche aus Santa Catarina immer noch näher an ihrer alten Kultur dran als an der der »neuen Heimat«. Wahrscheinlich sind sie inzwischen in beiden Kulturen fehlplatziert. Das Gefühl von Abgeschiedenheit ist stark, berichtet meine Freundin. »Es ist eine andere, sehr konservative Welt«. ? »Janelen« aus dem Portugiesischen »janela« – »Fenster«; »chuvt«, aus einer Mischung des portugiesischen Substantivs »chuva« – Regen und der deutschen Verbdeklination »es schifft« ó Alda Campos ist Journalistin und Wirtschaftswissenschaftlerin. Sie schaut auch gerne in Freiburg brasilianische »Novelas«. InZeitung 18 — İlkbahar, Yaz 2016 »Ich sage immer, ich bin nach Wien gekommen aus dreifacher Liebe: zu einer Freundin, zur Stadt Wien, zu meinem Beruf. Ich bin Info-Grafiker.« sagt Joseph Dreier, der seit zehn Jahren in Wien wohnt. Bei Niels Reutter hat das Stu­ dium eine Rolle gespielt. »Ich bin mit 24 Jahren nach Wien gekommen, um Grafikdesign zu studieren.« Mittlerweile lebt und arbeitet er seit 26 Jahren dort. Was begeistert euch an Wien? »Du hast mit Wien die einzige deutschsprachige Millionenstadt, die nicht im Zweiten Weltkrieg komplett ausradiert worden ist. Die Schönheit der Stadt, … du siehst, wie es auch anderswo mal gewesen sein muss.« Für Joseph ist Wien eine große, internationale, aber immer noch übersichtliche Stadt. »Easy hier zu leben. Paris oder Berlin sind viel spannender, interessanter und dynamischer, aber viel anstrengender. Hier mache ich alles mit dem Fahrrad. Das ist schon Lebensqualität. Ich fühle mich wohl hier.« Und wie findet Ihr Freiburg? – »Essen und Trinken, das Rausfahren, die Um- DiverCity gebung, der Schwarzwald, schnell in den Alpen … Freiburg hat schon was«, sagt Joseph. »Obwohl ich den Eindruck habe, dass alles gleich ist, seit ich weggegangen 9 Eine Geschichte, die Spuren in unserer Stadt hinterlassen hat. »Es gibt klare Bezüge zu Österreich, z. B. Straßennamen: Maria-Theresia-, Prinz-Eugen-, kus hierher kommt. Es hängt auch damit zusammen, wie man auftritt. Es geht um Feinheiten, Nuancen. Wie man etwas ausdrückt, mit welchen Worten, obwohl diese das gleiche bedeuten können, man spürt die kulturellen Unterschiede« meint Joseph. »Piefke«, der Spitzname für Deutsche in Österreich, von Carmen Luna ist nicht gerade positiv besetzt. Er bin. Was sicherlich nicht stimmt.« Niels, Habsburger- und Kaiser-Joseph-Straße, kommt vom Namen des Komponisten der in Freiburg geboren und aufgedie Freiburger Universität, gestiftet von des preußischen Marsches anlässlich wachsen ist, sieht es anders: »Freiburg Erzherzog Albrecht VI. von Österreich, des Sieges gegen die Österreicher 1866. ist für mich wie ein Naturphänomen. Es die im Jahr 1460 mit 240 Studenten Niels sagt: »Deutsche beherrschen ist das Licht, der Duft, und vieles mehr. und sieben Professoren den Lehrbetrieb oft die einfachen hier üblichen Höflich­ keitsformen nicht. Sie grüßen nicht Das alles trage ich nach wie vor in mir. aufnahm … Mentalitätsmäßig ist es Ich kann es nicht objektiv beurteilen.« auch recht ähnlich. Wien ist zwar zehn beim Reinkommen. Sie sagen nicht bitte beim Bestellen. Aber abgesehen – »Und so einen Münstermarkt findest mal größer, aber genauso angenehm davon gelten die hier lebenden Deutdu selten in Europa.« fügt Joseph hinzu. unpünktlich wie Freiburg.« Dieser Markt ist tatsächlich einmalig Ärgert euch die Frage, ob ihr integ- schen – in Anbetracht der Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte – und vom Historischen Kaufhaus blicken riert seid? – »Dieser Begriff ist heutzuals sogenannte ›gute Ausländer‹ …« immer noch die Figuren von vier Habs- tage ausgeleiert. Alle Fremden müssen burger Herrschern zu uns hinunter. sofort integriert werden. Aber keiner Für beide ist Wien ein Stück Heimat »Schon in der Grundschule lernt weiß genau, was damit gemeint ist. geworden. Migration ist ein altes und man, dass Freiburg von 1368 bis 1803 Wenn wir als Süddeutsche hier in Wien vielschichtiges Phänomen. Menschen, mit kurzen Unterbrechungen unter der sind, ist das eine andere Art Integration, die diesen Weg gehen, egal woher sie Herrschaft Habsburgs stand«, so Niels. als die von jemandem, der aus Damas­ kommen, teilen ähnliche Erfahrungen. Zwei Freiburger in Wien Dreisam. Freiburg ist in der Natur eingebettet, Natur ist nie urban. Foto: kwasibanane U rbanität hat kaum was mit Frei­ burg zu tun. Ich glaube, es liegt daran, dass wir überall aus der Stadt auf die Berge, auf den Schwarzwald bli­ cken. Verstehen Sie? Freiburg ist in der Natur eingebettet, Natur ist nie urban. Und das macht den Unterschied zwischen Freiburg und Basel aus: In Basel kann man höchstens am Rhein­ ufer auf den langen Wasserweg, auf den Lonza Turm, den Novartis Turm schauen und sich erweitert fühlen, sonst schlängelt man sich durch die tiefen Schluchten der Hochhäuser. Aber nicht der Urbanität wegen pendelte ich damals nach Basel, ich pendelte fürs Geld. Am Bahnsteig stand ich, unter den Pendelnden – im Winter, in dem uns die Ausdünstung der Körper umhüllte, das Nasse, Fremde, Klebrige, das Lästige und Ausgeliefertsein, die Resignation vor einer uns alle überwölbenden Macht. Also ist Winter urban; Sommer dagegen, so leuchtend und bunt, steht für das Ländliche. In den dunklen, kalten Tagen werden wir zitternd von der Urbanität in den warmen Schoß genommen. gruppierten sich und saßen zusammen an bestimmten Plätzen, daraus wurden gar Liebhaber oder Ehepaare. Da war der eine, der in seinem Kreis Eine Pendlerin im Zug nach Basel von Lin Jun Urbanität ist nicht ästhetisch schön; ich entsinne mich nur der schwarzen Mäntel und Schale, der blassen Gesichter, der kraftlosen Körper. Was da hin und her flitzte und etwas Aufheiterndes in die Trostlosigkeit sprühte, waren die Vierecke der Umhängetaschen, meist weiß, Kunststoff-glatt und matt, an schwarzen Gurten, schmächtigen Programmierer-Hüften baumelnd; dies waren die Stars der Pendlergruppe, das wussten sie, und an ihren Blicken haftete ein Hauch von Ungeduld. Pendler waren eine eigene Gesellschaft, im Lauf der Zeit kennt fast jeder jeden, zumindest vom Sehen. Viele saß und von einem interessanten Film sprach, alle diskutierten durcheinander: ob, wie, wann … Bis eine Pendlerin, die schweigend schräg gegenüber saß und nicht zur Gruppe gehörte, den Kopf ausstreckte und zu ihm sagte: »Ich möchte mit!« Die folgenden Sekunden waren von den einander zugeworfenen Blicken ausgefüllt, ohne dass ein Wort floss. Eine Woche danach sah ich sie beide abseits von dem Kreis im Zweier-Sitz kuscheln. Urbanität vollendet persönliches Glück! Schlimm wurde es, wenn zwei sich nicht begegnen wollten. Es gibt da kaum Ausweichmöglichkeiten. Man könnte am Bahnsteig eine Tür weiter gehen – damit ist gemeint, man steige bei der nächsten Wagentür ein, – aber das würde auch bedeuten, man verlässt die Gruppe und wird Einzelgänger … Wie schauderhaft! Also bleibt die Wahl, dem anderen einfach nicht in die Augen zu sehen, so als wäre Letzterer nicht existent. Sich räuspern, die Augen umherschweifen lassen, den Nacken so halten, dass nicht in eine bestimmte Richtung gesehen wird … Das Leben ist anstrengend! Urbanität ist so eng zusammengepfercht, verträgt keine Zerwürfnisse. Was mich angeht, so mag ich sowohl das Urbane als auch das Ländliche; es kommt darauf an, dass wir eine Wahl haben, nicht wahr? ó Die Schriftstellerin Lin Jun stammt aus China, sie studierte an der Universität von Wuhan, eine Achtmillionen-Metropole. Bosporus. Istanbul ist von Vielfalt und ­Gegensätzen geprägt. Foto: Kirill Cherbitski D ie Sonne strahlt und bringt das Meer zum Glitzern. Ein leichter Wind weht. Am Horizont die Umrisse von Dampfern. Die Geräusche von Möwengeschrei, an Steinen brechen­ den Wellen, von Händlern, die Tee, Kaffee und Sonnenblumenkerne anbieten, von leiser Gitarrenmusik und Unterhaltungen. – Ich sitze am Meer in Kadiköy. Es ist eines meiner Lieblingsviertel in Istanbul, der Stadt, die mir zur zweiten Heimat gewor­ den ist. Ein Ort, der von Vielfalt und ­Gegensätzen geprägt ist, als versuche er, sich jeder Kategorisierung zu ent­ ziehen: Bunte Märkte, unüberschau­ bare Menschenmengen, lärmender Verkehr, Hektik und Gedränge, an von Armut geprägte Viertel an­ grenzende Edeleinkaufsstraßen, alte Holzhäuser neben modernen Neubauten, unterschiedlichste Men­ schen, die in der Stadt aufeinander­ treffen. Donaukanal. Wien – man sieht, wie es auch anderswo Mal gewesen sein muss. Foto: kwasibanane Bei meinem ersten Besuch zog mich die Stadt Istanbul in ihren Bann und ließ mich nicht mehr los. Von Beginn an wurde ich mit Wärme und wahrgenommen, sondern als Kategorie: als Ausländerin bzw. Deutsche und somit als Fremde, wie durch eine schwer zu überwindende Mauer Eine Freiburgerin in Istanbul von Marie Gippert Selbstverständlichkeit aufgenommen. Es entwickelten sich enge Freundschaften.Ich begann viel türkische Musik zu hören, Filme zu schauen und Bücher zu lesen. Ich gewöhnte mir türkische Redewendungen an und übernahm Einstellungen wie: Es wird schon irgendwie klappen. Wodurch ich häufig hörte: »türkleşmişsin« (du bist türkisch geworden). Gelegentlich wurde ich jedoch auch mit Vorurteilen und Zuschreibungen konfrontiert, die ich entweder versuchte zu entkräften oder einfach überhörte. In diesen Situationen fühlte ich mich nicht als Individuum getrennt. Ich erlebte die Bedeutung von Sprache für Identität und Zugehörigkeit. Meine Türkischkenntnisse erleichterten mir, Beziehungen aufzubauen und zu festigen. Dass mein Türkisch noch begrenzt war, ließ mich doch immer wieder fremd fühlen, wie eine unsichtbare Grenze zwischen mir und den anderen. Als ich im September 2013 kurz nach den Gezi-Protesten nach Istanbul kam, begann ich mich mit den Ideen und Zielen zu identifizieren. Es machte keinen Unterschied, dass ich Deutsche war: Die Werte und Vorstellungen waren universell. Dennoch konnte ich das Land jederzeit verlassen. Ein Privileg, das mir damals schon unangenehm war. Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen hat sich dieses Gefühl verstärkt. Die Tendenzen der Regierung zu mehr Autorität, die Polarisierung der pluralen Bevölkerung, bürgerkriegsähnlichen Zustände im Südosten des Landes, Ausweitung und Instrumentalisierung von Terror. All dies ist momentan sehr präsent und dominiert auch meine Gedanken. Trotzdem versuchen die Menschen nicht die Hoffnung zu verlieren. Während der Gezi-Proteste wurde deutlich, dass ein friedliches Zusammenleben verschiedenster Menschen möglich ist, wenn der Wille da ist. Diese Hoffnung teile auch ich. ó Marie Gippert (25) hat in Freiburg Ethno­ logie studiert. Seit Dezember 2015 macht sie ein Praktikum bei der Women’s Solidarity Foundation in Istanbul. 10 DiverCity Пролеће / Лето 2016  — InZeitung 18 DiverCity InZeitung 18 — Jar, Leto 2016 Wie passt das mit dem wachsenden Einfluss der Rechten in der Stadt zusammen? Bei der letzten Wahl in im Oktober 2015 in Wien hat die SPÖ (Die Sozialdemokratische Partei Österreichs) nur knapp gewonnen. Das ist ein gespenstischer Hintergrund, das muss man sagen. Im Alltag findet sich das hier aber nicht. Die Rassisten hatten 30 Prozent bekommen und wir haben uns gesagt: Jeder Dritte ist ja anscheinend Faschist, wo sind die eigentlich? In einem Viertel, das immer als rot galt, wählen jetzt sogar dort lebende Türken die rechte FPÖ (Freiheitliche Partei Österreichs). In Seestadt – einem neuen Viertel von Wien – wurden viele schöne Sozialwohnungen gebaut, mit Schwimmbad auf dem Dach, Fitnessstudio und Sauna und Waschmaschinen im Keller. Ein Fernsehen-Journalist fragte eine Frau, die dort in einer 100-QuadratmeterWohnung wohnt und die rechts wählte, warum Menschen dann nicht SPÖ wählen, durch die sie diese Wohnungen vermittelt bekommen haben. Ihre Antwort: »Schauen sie sich um: so viele Grünanlagen! Die waren von Anfang an von den Grünen und SPÖ geplant. Warum? Damit sie dann Zelte aufstellen können für die Flüchtlinge!« Wie kommt eine solche Einstellung zu Stande? Vermutlich erzählen die Anhänger der »Freiheitlichen« das von Wohnung zu Wohnung. Und es gehören zwei Dinge dazu. Eine perfide faschistische Partei und die Blödheit dieser Menschen. Es gibt in der gegenwärtigen Debatte einen Satz, der mir auf die Nerven geht und den ich nicht mehr hören kann. Dieser Satz lautet: Man muss die Ängste der Menschen verstehen. Ich bin der Meinung, die ängstlichen Menschen sollen versuchen die aufgeklärten Menschen zu verstehen. Es gibt eine europäische Menschenrechtsdeklaration, verankert in der Verfassung, und wer gegen sie verstößt, soll bestraft werden. Es gibt ein Niveau, das man als Politiker nicht diskutieren muss. ropa und einem Europa der Nationen.« Und wir wissen, wie es ausgegangen ist. 1940, knapp vor seinem Selbstmord, hat Stefan Zweig gesagt: »Nationalismus hat die Europäische Zivilisation zerstört.« Was soll das sein, die deutsche Nation? Die Nation aller Deutschsprachigen? Ich spreche Deutsch, aber bin kein Deutscher. Die deutsche Kultur? Ist meine Kultur. Aber wie gesagt, ich bin kein Deutscher. Aber ich habe mich auch nie als Österreicher gefühlt, mein ganzes Leben habe ich nicht verstanden, was das sein soll: Österreicher? Vierzig Minuten entfernt von Wien ist Bratislava, die Hauptstadt einer anderen Nation. In der Habsburger-Monarchie gab es eine Straßenbahn von Wien nach Bratislava. Jetzt soll mir jemand erklären, warum ich mit einem Vorarlberger, zu dem ich acht Stunden mit dem Zug hinbrauche, auf Grund eines gemeinsamen Passes mehr grundsätzliche Solidarität haben soll, als mit den Menschen in Bratislava, die 40 Minuten entfernt sind. Aber es ist ja nicht nur die Entfernung – Wien ist eine Stadt, und Bratislava ist eine Stadt. Die Selbstdarstellung Österreichs läuft immer über Land der Berge, Alpenrepublik. Aber in Wien gibt es keine Berge. Ich habe mit dieser nationalen Selbstdefinition nichts zu tun. Ich bin überhaupt der Meinung, Berge sind eigentlich ein Fehler der Schöpfung! Was ist das Wesen von Bergen? Es ist mühsam rauf zu kommen und oben ist es unwirtlich. Ich bin Wiener. Hier fühle ich mich zu Hause, das ist Heimat. Ich brauche für Heimat und Zugehörigkeit keine Nation. ganzes Leben » Mein habe ich nicht ver­ standen, was das sein soll: Österreicher? Die Ängstlichen sollen die Aufgeklärten verstehen ˚ »Kaas-Wirt« Mustafa und Robert Menasse.  Foto: kwasibanane Sieben Redakteure der InZeitung, sitzen an einem Samstag mit Robert Menasse auf dem Wiener Karmelitermatkt im gemütlichen, von einem Marokkaner geführten Café »Kaas« und genießen die wienerisch-kosmopolitische Atmosphäre, das Frühstück, und vor allem das Gespräch. Von Barbara Peron, Susanne Einfeld und Viktoria Balon Erzählen Sie uns bitte etwas über diesen Ort. Robert Menasse: Das ist die Leopoldstadt, der Zweite Bezirk. Historisch war dies die Judenstadt. Da niemand bei den Juden wohnen wollte, war hier der Wohnraum sehr billig. Es sind später viele Arbeiter hierher gezogen, also die ärmsten Hilfsarbeiter, die für den Straßenbau aus Böhmen nach Wien kamen. Weil die Juden und die Proletarier hier wohnten, ist der Wohnraum noch billiger geworden und also sind auch die Huren in dieses Viertel gezogen. Als die Migranten, also Jugoslawen, Türken usw. nach Wien kamen, haben sie geschaut, wo es billig Für den Schriftsteller Robert Menasse gibt es keine »nationale Alter­native« weder für Deutschland noch für andere Länder war, und das war hier. Jetzt wohnten hier Juden, Proletarier, Huren und Migranten. Es war endgültig ein Viertel, wohin man als normaler Wiener nie hinging. Aber plötzlich haben Studenten diesen Raum entdeckt; und auch Künstler haben gesehen, dass man sich hier in den großen Flecken des sterbenden Handwerks einlogieren konnte. Für wenig Geld ließen sich ganze Lofts mieten. Dann wollten die Künstler und die Studenten an den Abenden um die Ecke ein Bier trinken und so sind die Lokale entstanden. Dieses Viertel wurde plötzlich zu einer lebendigen Wien-Szene. Diese Gentrifizierung hat massiv Ende der 1980er Jahre begonnen, und je mehr Künstler und Studenten hierherzogen, desto teurer wurde der Wohnraum im Viertel. Heute ist es der teuerste Bezirk Wiens. Meine Großeltern haben hier um die Ecke gewohnt, nachdem das Haus, das sie in Döbling hatten, von den Nazis geraubt und ihr Viertel wohnten hier » Jetzt Juden, Proletarier, « Huren und Migranten. arisiert wurde. Ich bin mit meiner Großmutter immer auf diesen Markt gegangen. Es gibt heute noch den koscheren Metzger und koschere Lebensmittelhändler. Damals war es ein ganz armes Viertel und es gab eine unsichtbare Grenze, weil auf der anderen Seite das Rotlichtviertel begann: hier koscher und dort das Rotlichtviertel. Für mich als Kind war das aufregend. Es war ein Viertel mit riesigen inneren Widersprüchen und heute ist es multikulti. Das Krankenhaus hier war für die Ärmsten der Stadt gebaut worden. Im Alltag begegnet man hier christlichen Schwestern, Mädchen mit Kopftuch und orthodoxen Juden mit dem Kaftan. Gibt es auch Austausch zwischen ihnen? Man kann nicht von einem aktiven Austausch sprechen, aber es ist doch eine Art von Austausch. Ich habe nichts gegen Mädchen und Frauen mit Kopftuch, solange sie nicht meine Frau oder meine Tochter zwingen, ein Kopftuch zu tragen. Ich muss mir auch nicht erklären lassen, warum sie es tragen. Ich persönlich habe ein großes Problem mit jeder Form von Orthodoxie. Ich bin jüdischer Herkunft, aber ich befolge nicht die jüdischen Riten. Mein Großvater z. B. war ein radikal assimilierter Jude; er war Offizier in der Habsburgischen Armee im Ersten Weltkrieg – er war Österreicher. »Erst Hitler«, hat mein Großvater gesagt »hat mich zum Juden gemacht«. Ich finde Orthodoxie nicht gut, aber es gibt auch eine friedliche Orthodoxie. Deshalb lebe ich hier, obwohl Orthodoxie mich beunruhigt. Wenn ich durch dieses Viertel gehe und die orthodoxen Juden in ihren Kaftanen sehe und mit ihrem Gebetsschal usw. dann denke ich, solange ich sie auf der Straße sehen kann, ohne dass jemand sie behelligt, muss ich keine Angst haben. Das ist für mich der Austausch mit der Orthodoxie: eine Art Lebensversicherung. Es ist total friedlich hier, ohne Aggressionen, und ist einfach der Bezirk, in dem das Zusammenleben dieser ganzen Religionen und Ethnien gut funktioniert. Im Volksmund heißt der Bezirk Matzeninsel. Sie vertreten in ihren Essays regionale Identität statt nationale. Welche Rolle spielt für Sie ihre Zugehörigkeit zu dieser Stadt, die Metropole von »Transnationale Monarchie«, wie Sie das Habsburger Reich nennen. Der Nationalismus ist für mich zweifelsohne der größte Aggressor der Moderne. Und er hat diesen Kontinent in Schutt und Asche gelegt, und zwar nachhaltig. 1913 hat Stefan Zweig gesagt: »Wir erleben jetzt und in nächster Zukunft den Entscheidungskampf zwischen einem geeinten, brüderlichen Eu- « 11 Würde man aber die Souveränität des Menschen anerkennen, und davon ausgehen, und nicht von der Souveränität der Nationen, dann wäre doch völlig klar: Was soll ein Mensch im Alentejo für radikal andere Interessen in Hinblick auf ein Leben in Würde und Freiheit haben, als ein Mensch am Peloponnes, oder ein Mensch in Hessen? Was kann ein Mensch in Thüringen für Interessen haben, die zugleich auch exklusiv die Interessen aller Deutschen sind, die aber ein Mensch in der Normandie oder in Kalabrien nicht hat oder nicht haben kann? Was also wird verteidigt, wenn nationale Interessen verteidigt werden? Für die meisten Menschen im Grunde ein irrationales Selbstgefühl, das zunächst lächerlich ist und irgendwann mörderisch wird. Und wie sehen Sie die Zukunft von Europa? Haben die Nationalisten und die Rechte Chancen? Nein, sie haben keine Chancen. Die einzige Chance, die sie haben, ist kurzfristig zu siegen und dann unterzugehen. Wann immer Nationalisten gesiegt haben – seit Beginn der Nationalen Bewegungen – haben sie ihre Nationen in den Untergang geführt. Gerade Deutsche sollten das wissen. Erst haben sie mit Blut, Schwert und Tränen ihre Nation gebildet, sofort einen nationalistischen Krieg gegen Frankreich begonnen, Kolonien zu erobern versucht, Menschenrecht gebrochen, haben einen machtpolitisch motivierten Weltkrieg ausgelöst, millionenfaches Leid produziert, eine unermessliche Anzahl von Toten, dann Bürgerkrieg, Faschismus, Zweiter Weltkrieg, die grauenhaftesten Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Dann ist die Nation geteilt worden, den Westdeutschen ist von den Siegermächten die Demokratie geschenkt worden da jetzt ›Wir sind » Die das Volk!‹ grölen, wissen nicht einmal, was Demokratie ist. ˘ Gegendemonstra­ tion zu einem fremden­ feindlichen Aufzug der Parteien AfD und Alfa sowie von einigen Neonazis an­ lässlich des Besuches von Angela Merkel am 1. März in Freiburg Foto: kwasibanane « – und ausgerechnet das halten sie jetzt für eine nationale Errungenschaft? Die da jetzt »Wir sind das Volk!« grölen, wissen nicht einmal, was Demokratie ist. Demokratie funktioniert nur auf der Basis der Anerkennung der Universalität der Menschenrechte. Die völkischen Wir-sind-das-Volk-Demokraten glauben, dass die Menschenrechte nur für die Inhaber des richtigen nationalen Passes gelten, und da auch nur für die Mehrheit – dass das heute wieder politisch wirksam werden kann, ist gespenstisch. Nein, die Frage ist: Wird die bewusste Gestaltung eines nachnationalen Europas, auf der Basis universaler Anerkennung der Menschenrechte und wahrer Demokratie, fortschreiten, oder wird diese Entwicklung noch einmal durch eine Katastrophe unterbrochen. Sollte es wieder zu einer Katastrophe kommen, werden vor rauchenden Trümmern die Idioten wieder sehr kleinlaut sein, man wird eine Lehre daraus ziehen und noch einmal mit dem Aufbau eines nachnationalen Europa beginnen. Die Frage ist also: Kommen wir ohne Katastrophe oder erst nach einer neuerlichen Katastrophe weiter? ó Robert Menasse ist ein österreichischer Schriftsteller, Essayist und Übersetzer. Er setzt sich in seinen Texten mit der österreichischen Vergangenheit und Identität sowie mit Rassismus und Antisemitismus im deutschsprachigen Raum auseinander. Er lehrte sechs Jahre an der Universität São Paulo, dort hielt er Lehrveranstaltungen vor allem über Hegel, Lukács, Benjamin und Adorno. Seit seiner Rückkehr aus Brasilien lebt Robert Menasse als Literat und kulturkritischer Essayist hauptsächlich in Wien. In seinen Essays beschäftigt er sich mit solchen Themen wie Europäische Union und Nationalismus. Für sein Werk hat Menasse zahlreiche Auszeichnungen bekommen, unter anderen: 2013 den Heinrich-Mann-Preis, 2014 denMax-Frisch-Preis der Stadt Zürich, den 2015 Niederösterreichischer Kulturpreis. ˘˘ Das vollständige Interview mit Robert Menasse können sie auf unserer Website www.inzeitung.de lesen. 12 DiverCity Весна / Лето 2016  — InZeitung 18 Mehrsprachigkeit InZeitung 18 — Primavera / Estate 2016 Il friburghese ¯ Landwasser. Einerseits dicht bebaut und andererseits ziemlich grün. Foto: kwasibanane Zweisprachige Z­ eitschrift für kulturellen Austausch Von Barbara Peron D er Freiburger Stadtteil Land­ wasser feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag. Und seine knapp über 7000 Einwohner, darunter eine nicht geringe Zahl an MigrantInnen, feiern mit. Was in den 1960ern einer Waldund Sumpflandschaft namens Landwassermatte im Zuge der Urbanisie­ rung abgerungen wurde, kann man heute noch in Straßennamen wie Auwaldstraße erkennen. Freiburgs westlicher Stadtteil ist mit dem Naherholungsgebieten Mooswald und Moosweiher fein bestückt. Einerseits dicht bebaut und ande­ rerseits ziemlich grün. Dass man hier nicht Moos darüber wachsen lässt, sondern auch einen steten Wandel erlaubt, ist erfreulich, auch demografisch gesehen. So ist Landwassers Bevölkerungsmix recht bunt. Das birgt Chancen und Ri­ siken für eine Großwohnsiedlung. Bei den jüngsten Landtagswahlen bekam die AfD in diesem Stadtteil mehr als zwanzig Prozent der Stimmen, überproportional viel, verglichen mit anderen Freiburger Stadtteilen. Ist die Lage Besorgnis erregend, da aus tiefer Überzeugung entschieden wurde? Aus Sorge um den vermeintlichen Sittenverfall? Oder war es Protest gegen die subjektiv erlebte Raumknappheit? Ein objektiv erschwerter Zugang zum Arbeitsmarkt? Auf jeden Fall ist das Ergebnis unerwartet, wenn man bedenkt, dass fast die Hälfte der BewohnerInnen MigrantInnen, eingebürgerte Deutsche aus aller Welt und Spätaussiedler sind. Die Letzteren machen knapp zwölf Prozent der EinwohnerInnen aus. Bekannt ist, dass sie unter starkem Einfluss der russischen Medien stehen, die ihre flüchtlingsfeindliche Propaganda in letzter Zeit auch extra an Russlanddeutsche richten. Auf das Thema jüngste Wahlergebnisse reagiert meine gute Bekannte, Natalja, mit Empörung: »Das finde ich beleidigend. Nicht alle Spätaussiedler wollen und können sich mit Parteiinhalten der AfD identifizieren, ich zumindest nicht. Bitte nicht alle über einen Kamm scheren.« »Sicherlich gibt es auch unter den Spätaussiedlern Personen, die AfD gewählt haben, aber ich hoffe wirklich sehr, dass es nur eine geringe Anzahl ist. Da es nicht lange her ist, dass wir oder/und unsere Eltern selbst aus vielen Gründen aus der ehemaligen Sowjetunion geflohen sind. Weil wir die jedes Problem eine Lösung parat hat. Die Baba Emma aus Kasachstan, die um ihren tatarischen Mann trauert, und die sich ihrer emotionalen Entwurzelung stellen muss. Die gute Freundin, die für eine Exzellenzeinrichtung der Universität Freiburg die Verwaltung übernimmt … Die Russlanddeutschen gelten eigentlich als die hidden champions aufbauen. Die versprochenen Privilegien bezweckten ihren Teil, die Bevölkerung wuchs stetig. »Um dem Neid vorzubeugen«, wurde im 19. Jahrhundert die bisherige Selbstverwaltung der deutschen Siedlungen aufgelöst, die deutsche Sprache aus der Schule und dem öffentlichen Leben verbannt und der Militärdienst wurde zur Pflicht. Die Abwärtsspirale verstärkte sich mit der antideutschen Stimmung im Ersten Weltkrieg und mit Hungersnöten. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die deutschen Siedler aus den europäischen Teilen der Sowjetunion überwiegend nach Sibirien, Kasachstan und an den Ural zwangsumgesiedelt, »um eine mögliche Kollaboration mit NaziDeutschland zu verhindern«. Sie lebten in Sondersiedlungen und wurden in der Arbeitsarmee eingesetzt. Die Russlanddeutschen wurden erst Mitte der 60er Jahre in einem geheimen Dekret des Obersten Sowjets rehabilitiert und durften fortan in die Bundesrepublik ausreisen, aber nur wenige haben es damals gewagt. Erst seit Michael Gorbatschows Politik der Glasnost und Perestroika in den 80ern und Helmut Kohls Anstrengungen der Zusammenführung nach der Wende bot sich ihnen wirklich ein Fenster zur Welt im Westen, in der alten Heimat. Eine im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Geschichte: Deutsche als Welcome-Migranten, als Flüchtlinge, als Gastarbeiter, als Vertriebene, als Abgeschobene und … als nach Deutschland Eingeladene. Diese Geschichte hat in der Mentalität vieler Aussiedler Spuren hinterlassen; das Jahrzehnte währende Verbot der eigenen Sprache, ja der eigenen Mündigkeit und dazu noch das Kleingehaltenwerden in Mikrosiedlungen. Leider war für Viele das Ankommen in Deutschland auch eine Enttäuschung: Sie hatten Ihre Privilegien, vor allem die sofortige Einbürgerung und damit auch das Wahlrecht. Jedoch weder Medien noch die Bevölkerung hat sie als alte Verwandte anerkannt: zusammen mit anderen Migranten gehörten sie in die Kategorie fremd. Vielleicht ist dies ein Grund, warum sich die in Deutschland zugewanderten Aussiedler nach Beständigkeit sehnen und Veränderungen bei ihnen oft Ängste auslösen. »Langfristige Integrationsprojekte sind von Vorteil sowohl für die alteingesessenen Aussiedler in Landwasser, wie auch für die Neuankömmlinge, die Flüchtlinge«, sagt Lena Lytvynenko, die Leiterin einer Initiative im Haus der Begegnung in Landwasser. Geflohen, vertrieben, abgeschoben, eingeladen Dunkle Wolken über Landwasser Von Melisa Mustafovic Chance auf eine bessere Zukunft für uns und unsere Kinder erkannt haben und die Möglichkeit, nach Deutschland auswandern zu können, genutzt haben. Viele, wahrscheinlich sogar die meisten, haben es geschafft, hier einen Neuanfang zu starten und ein Leben aufzubauen. Wir gehen arbeiten, verdienen Geld, wir bieten unseren Kindern ein schönes Zuhause, gutes Essen, nicht zuletzt eine exzellente Bildung! Uns geht es gut! Und genau aus diesem Grund bin ich überzeugt, dass die meisten von uns mit eigenen Ängsten gut umgehen können, die Situation richtig einschätzen, den Verstand benutzen und nicht die AfD wählen. Wir sind alle ›nur‹ Menschen! Es gibt keine besseren oder schlechteren. Wenn es um die Flüchtlingspolitik geht, bin ich mir sicher, dass viele von uns den Neuankömmlingen helfen möchten, sich hier in der neuen Heimat zu integrieren.« W er sind aber diese Menschen, die Spätaussiedler? Einige habe ich kennengelernt: Der flinke Krankengymnast im Eugen-Keidel-Bad, der nebenberuflich eine Weiterbildung macht. Katharina, die engagierte Altenpflegerin, die für der Integration, wenn man deren Zahl von 4,5 Millionen der seit 1950 in Deutschland Zugewanderten in Betracht zieht. Eine Bevölkerungsgruppe, die historisch vielen Schicksalsschlägen ausgesetzt war und politisch oft wie eine leblose Manövriermasse behandelt wurde. Zurückverfolgen lässt sich die Odyssee der Aussiedler bis ins 18. Jahrhundert als die deutsch-stämmige Katharina die Große mit ihrem Einladungsmanifest in deutschen Landen um Siedler warb, um unbewohnte Landstriche entlang der Wolga und später am Schwarzen Meer zu bevölkern. Dem Lockruf von sagenhaften 30 Jahren Steuerfreiheit, finanzieller Starthilfe, lokaler Selbstverwaltung mit Beibehaltung der deutschen Sprache und Religionsfreiheit sowie der Befreiung vom Militärdienst folgten vor allem die vor dem Siebenjährigen Krieg fliehenden Bewohner der Rheinprovinz, Nordbayerns und Nordbadens, der hessischen Gebiete und der Pfalz. Nach der beschwerlichen Reise bot sich den Ankommenden ein anderes Bild, denn nur mit viel Mühe konnte das Land urbar gemacht werden. Nach und nach ließ sich jedoch eine Existenz 13 Tandem ist immer lustig Zusammen über die Sprachbarriere Von Denise Nashiba Je länger man Tandem macht, desto mehr freundet man sich an! Beim Tandem helfen sich zwei Personen mit unterschiedlichen Muttersprachen, die andere Sprache zu lernen: »Wir machen das seit etwa fünf Monaten und treffen uns einmal pro Woche in einem Café«. Kennengelernt haben sich Mihoko Mitsumoto und Sebastian Petznick über einen Aushang am schwarzen Brett der Universität. »Beim Tandem lernt man angenehmer, als in der Sprachschule, wo man eher »steifes« Deutsch lernt. Es verleitet einen aber auch ein bisschen dazu die Sachen schleifen zu lassen.« Es ist immer lustig, wenn man aufgrund von Ausspracheproblemen einander zunächst nicht so richtig versteht. Mihoko hat Probleme »R« und »L« aus- einanderzuhalten; Sebastian merkt bei bestimmten japanischen Lauten, dass die Zunge ihren Dienst verweigert. Die kleinen Probleme werden gerne einmal zum »Running Gag«. Kulturelle Unterschiede merkt man meist nur am Anfang. Aber Deutsche und Japaner sind eben unterschiedlich. Für Mihoko ist es aber gut, dass man in Deutschland immer nachfragen kann, wenn man etwas nicht verstanden hat. In Japan ist das anders, da hat man immer diese »Sprachbarriere«, obwohl man die gleiche Sprache spricht. Für Sebastian hat sich das Bild von Japan seither sehr verändert, auch weil er zwischenzeitlich in Japan war. Das von Mihoko nicht so stark, da sie schon immer ein gutes Bild von Deutschland hatte, außer, dass die deutschen Studenten viel beschäftigter sind, als sie dachte. In Luca Bianchinis letztem Roman Dimmi che credi al destino* wird die wahre Geschichte von einem kleinen italienischen Buchladen in London erzählt, der zu einem wichtigen Treffpunkt für alle ItalienerInnen und Italieninteressierte der englischen Hauptstadt geworden ist. Der »Italian Bookshop« ist weit mehr als ein Buchladen: Er ist ein Ort der Mehrsprachigkeit und des interkulturellen Austausches, von denen es viele in den multikulturellen Metropolen gibt. Es ist bestimmt kein Zufall, dass die Zeitschrift »Il friburghese« in ihrer aktuellen Ausgabe vom März 2016 ein Interview mit der Hauptfigur des Romans von Luca Bianchini, nämlich der Buchhändlerin Ornella Tarantola, enthält. Die Zeitschrift, die seit Dezember 2014 vierteljährlich in Freiburg erscheint, versteht sich in der Tat als interkulturelle Plattform für alle in Freiburg lebenden The Freiburg Review Nicht nur für Native S­ peakers Von Melissa Rahmani ˚ Mehrsprachigkeit liegt im Trend.  Foto: kwasibanane Die mutmaßlich schönste Straße Freiburgs blickt einem wie ein impressionistisches Gemälde von der Titelseite entgegen. Die aus einer englisch affinen Gruppe für kreatives Schreiben hervorgegangene bilinguale Literaturzeitschrift, die vom Australier Mat Wilkinson ins Leben gerufen wurde, ist mittlerweile schon in der dritten Auflage. Jeder mit einem Bezug zu Freiburg hat die Möglichkeit englische sowohl als auch deutsche Texte einzu- senden. »Die Idee, die Freiburg Review bilingual zu gestalten, entstand vorrangig aus dem Gedanken jeden in das Projekt integrieren zu können. Englisch als Lingua franca gibt einem breiten Spektrum an potenziellen Schriftstellern die Möglichkeit sich zu beteiligen, wir richten uns also nicht vorrangig an Muttersprachler«, erzählt mir Sophie Mathieu, Mitbegründerin und Herausgeberin. Das spiegelt sich auch im heterogenen Team der Freiburg Review wieder, in der Menschen von Luxemburg bis hin zu Israel mitwirken. Das schreiben in einer anderen Sprache gibt einem eine ItalienerInnen und Italienfreunde, die an einem interkulturellen Austausch auf Deutsch und Italienisch interessiert sind. Der Schwerpunkt der Zeitschrift, die vom Freiburger »Centro Culturale Italiano« herausgegeben wird, liegt eindeutig auf Kultur. Aber auch aktuelle Themen werden behandelt und nützliche Informationen – vor allem den italienischen Neuankömmlingen – vermittelt. Die Besonderheit der Zeitschrift ist die Zweisprachigkeit. Um das Lesen in der einen oder anderen Fremdsprache zu erleichtern, wird am Ende eine Zusammenfassung des Artikelinhaltes in der jeweils anderen Sprache angeboten: eine gute Lösung für ein effektives Erlernen der Fremdsprache. ! Sag mir, dass Du an Schicksal glaubst, Feltrinelli Verlag 2015 ó Auflage 1000, erhältlich im Centro Culturale Italiano, im italienischen Konsulat und im ACLI. neue literarische Identität. Heutzutage ist es uns selbst im beschaulichen Freiburg möglich, sich in einer Fremdsprache zuhause zu fühlen oder eben nicht. Auf den ersten Seiten taucht man zum Beispiel in die Welt eines Geflüchteten ein, der sich mit den Schwierigkeiten des sich heimisch Fühlens befasst. Vielfältig ist auch das Spektrum der Literaturarten: Von Flash Fiction bis hin zu Interviews (in dieser Ausgabe mit Rafik Schami), die Freiburg Review bietet eine breite Palette des literarischen Ausdrucks. ó Auflage 330, 1,50 Euro, erhältlich in den Buchhandlungen Jos Fritz, Walthari und im Antiquariat Thomas Nonnenmacher. 14 Kultur Voorjaar, Somer — InZeitung 18 Unsere Autorin Melissa Rahmani fragte Flüchtlinge und 16 bis 18-jäh­ rige SchülerInnen vom internationa­ len Robert Bosch College in Freiburg: Die Wüste riechen ohne sie zu kennen Was hat dich an Freiburg überrascht ? Freiburgs Erster Weltgeschichtentag Der erste Ort, an dem ich in Deutsch­ land untergebracht war, ist im Gegensatz zu Freiburg eine trockene Wüste, ein leerer Platz. In Freiburg ist es schwierig eine Wohnung zu finden. Dafür kann man hier fast alles studieren. Der Campus ist nicht außerhalb der Stadt wie in den meisten Städten, son­dern über die ganze Stadt verteilt. Die verglaste Bibliothek beeindruckt durch ihre Größe und Architektur. Ich hoffe, man kann hier ein behagliches Leben mit einem erfolgreichen Leben zusammenführen.  E Mohamad Talaat Al Halabi, Flüchtling aus Aleppo, Syrien In der Straßenbahn ist es so ruhig, keiner redet miteinander. Außerdem hat es mich überrascht, dass in Freiburg ältere Menschen, auch Frauen, Taxi fahren und dass es so teuer ist. In meiner Heimatstadt Ojiwarongo in Namibia fahren eher jüngere Männer Taxi und es ist viel günstiger.  Kelao Charmaine Neumbo aus Namibia Ich bin von Anfang an von der Offenheit und Willkommenden Art der Deutschen Gemeinschaft fasziniert. Wie waren im RefugeeCafe im Grether Gelände und die offene Atmosphäre hat mich echt begeistert. In meinem Land sind wir noch nicht so offen gegenüber anderen Kulturen. –  Das vernetzte Straßensystem und die ganzen Fahrradwege fand ich auch sehr beeindruckend. Kanlongtham Damrongsoontornchai aus Bangkok, Thailand Ich war völlig geschockt, dass hier alte Menschen alleine wohnen. Bei uns auf den Marshall-Inseln wohnt die Familie zusammen, ich dachte dass die alten Menschen hier sehr einsam und traurig sein müssten. Selina von den Marshall-Inseln Ich bin vom warmen Klima überrascht. –  Bei unserer ersten Bahnfahrt (Straßenbahn) hatten wir unwissentlich ein falsches Ticket gelöst, was mit einem Besuch auf der Polizeiwache endete. Dass wir, als Männer verkleidet, auf dem Weg zu einer Dragqueenparty waren ist den Polizisten nicht ganz klar geworden, weshalb ich bis heute als Mann in Deutschland registriert bin. Tiril Hoye Rahn aus Norwegen Von Luis Trunk de Flores in schnaubender großer Drache kreuzt meinen Weg mitten in der Freiburger Altstadt. Seine golden und grünlich schimmernde Haut hüllt die Gassen in eine Märchenwelt. Onil der Drache gluckert und faucht, während Oni Maurer ihn in Schach hält. Ich hu­ sche schnell vorbei an den faszinierten Menschen, hinein in einen kleinen Laden am Augustinerplatz. Es ist eine Szene wie aus einer anderen Zeit: Dicht beieinander sitzen groß und klein und lauschen – eine wissbegierige Stille brei­ tet sich aus, als eine kurzhaarige junge Frau beginnt ihr Märchen zu erzählen und das Publikum in ihren Bann zieht. Am 19. März 2016 fand der erste Weltgeschichtentag in Freiburg statt. In kleinen Läden und auf der Straße führte ein knappes Dutzend KünstlerInnen ihr Publikum in geheimnisvolle Welten. Heike Vollmer ist gelernte Schauspielerin und arbeitet seit 2012 als professionelle Märchenerzählerin. Überwiegend erzählt sie an Grundschulen, obwohl »Märchen damals für Erwachsene waren und Kinder höchstens mal gelauscht haben.« Sie beginnen mit »Es war einmal« und hoffen dabei auf eine bessere Zukunft, die sie noch erleben möchten, wenn sie bis dahin »nicht gestorben sind«. Geschichten, die Schicksale erzählen, sind der Stoff, den wir lieben: Die schönen wie die furchtbaren; das Eintauchen in Welten, die uns in der Wirklichkeit nicht zugänglich sind. Was schade ist oder auch unser Glück! Die Veranstaltung begann zweisprachig auf Arabisch und Deutsch durch den einzigen männlichen Erzähler Badreddin. Weiter ging es mit Geor- gisch, vorgetragen von Ketevan ­Bakhia und auf Französisch von Kathinka Marcks, die zusammen mit dem Verein Ideen³ die Veranstaltung unter dem Motto Geschichten Verbinden – Wortreich und sprachlos Grenzen aufheben organisiert hat. Die Sprachen gingen dabei ineinander über – »Der Inhalt der Geschichte vermittelt sich problemlos, gleichzeitig kann die Neugier auf eine Fremdsprache geweckt werden«, erklärt Marcks. Dieses Format räumt mit dem Gedanken auf, dass Kommunikation einer gemeinsamen Sprache bedarf. Auf Stelzen wurden Geschichten mit Körpersprache dargestellt, während in der Konviktstraße durch Akrobatik erzählt wurde. Den Abschluss machte Tatiana Wesson mit ihrer Geschichte aus Afrika und einer siebenköpfigen Schlange. Mit Gebärden erzählte Sibylle Gaa parallel eine Geschichte zu Franziska Braegger, die in Lautsprache ihre ZuhörerInnen fesselte. Viele berichten, dass sie durch die Gebärden »eine zweite Ebene des Verstehens haben«, so Gaa. Auch im Hinblick auf Migration gibt es Chancen und Vorteile: »Die Gebärdensprache als vollständiges Sprachsystem verbindet den Inhalt mit Körpersprache und Mimik und unterstützt die Verständigung«. Dies macht eine schnellere und einfachere Teilhabe am kulturellen Leben möglich, ergänzt Braegger. Abschließend bringt es Zora, die aus dem Balkan stammt und selbst Erzählerin ist, auf den Punkt: »Vorträge gehen über den Kopf, aber Geschichten – die gehen übers Herz!« Sie fiebert richtig mit und bereichert die Geschichten mit Zwischenrufen, auf die die Erzählenden stets mit Freude eingehen. Es gehe um Gänsehaut und Überzeugung der DarstellerInnen, das ˙ Wie könnte das Publikum bunter werden?   Foto: Luis Trunk de Flores InZeitung 18 — 2016 春夏 InOrte 15  heißt auch die Wüste riechen zu können, ohne je dort gewesen zu sein. Dem Wunsch die Veranstaltung zu wiederholen, sollte auch die Frage folgen, wie das Publikum bunter werden könnte. Beinahe alle KünstlerInnen haben festgestellt, dass »wenig Menschen mit Migrationshintergrund gekommen sind«. ó Luis Trunk de Flores studiert Politikwissenschaft und interessiert sich für Kulturen, den Handlungszusammenhang von Sprache und die Einbettung in einen sozialen Kontext. …  und was fehlt dir hier ? Ich vermisse die Schönheit der schma­len Gassen meiner Stadt, in denen ich so oft gelaufen bin. Daran denke ich oft zurück.   Mohamad Talaat Al Halabi, Flüchtling aus Aleppo, Syrien Ich vermisse die kulturelle Diversität an Restaurants außerhalb des Stadtzentrums. Ein afrikanisches oder indisches Restaurant direkt bei der Schule wäre toll.  Fotos: Fabrizio Galuppi Kelao Charmaine Neumbo aus Namibia Was ich mir für Freiburg wünsche wäre ein Tuktuk, eine Art Rikscha mit der man umweltfreundlich und günstig Menschen transportieren könnte. Kanlongtham Damrongsoontornchai aus Bangkok, Thailand Ich fände es toll, wenn die Dreisam ein bisschen breiter und wärmer wäre, so dass man richtig darin baden kann. Selina von den Marshall-Inseln Was ich ein bisschen vermisse, ist die Spontanität. Hier ist alles so gut organisiert und bürokratisch, für alles scheint es ein Gesetz zu geben. Das macht einen ein bisschen unflexibel. Tiril Hoye Rahn aus Norwegen Von Denise Nashiba B ereits vor dem Betreten des Gar­ tens weht einem ein exotischer Wind entgegen. Das große Tor mar­ kiert den Übergang in eine andere Welt – von Deutschland nach Japan. Beim Durchschreiten der Pforte bleibt mein Blick an dem massigen Stein im Eingangsbereich hängen. Auf diesem sind japanische Zeichen eingraviert, daneben die deutsche Übersetzung: In ewiger Freundschaft verbunden. Ich folge dem hellen Kiesweg, der sich ungewohnt fest unter meinen Füßen anfühlt. Am Wegesrand ragen knorrige Kirschbäume in den Himmel. Die hellen Steine strahlen an diesem schönen Tag mit der Sonne um die Wette. Ich gehe weiter und entdecke kleine Brücken, die Wege über die Bäche formen. In der Nähe säumen steinerne Laternen den Weg. Im Hintergrund bilden Felsformationen die perfekte Kulisse für einen Gebirgswasserfall. Im Teehaus lasse ich mich kurz nieder und genieße die Stille. Es gibt keine anderen Besucher. Die Gedanken in meinem Kopf werden leiser. Ich fühle mich in meine Zeit in Japan zurückversetzt, als ich mich nach der Arbeit in die Gärten zurückzog, um mich zu entspannen. Nach wenigen Minuten in schwelgender Erinnerung De r J apa nis cE h in e  InO G rt, ar de t rz e um n  En in ts  F pan r ne ei ne b inl ur äd g t stehe ich auf und begebe mich auf meinen zweiten Rundgang. Mein Besuch machte mich neugierig auf die Geschichte des Gartens. Um diese Neugier zu stillen, konnte ich Herrn Rehbein für ein Interview gewinnen. Herr Rehbein war Mitarbeiter im ehemaligen Garten- und Tiefbauamt und begleitete die Planung und Erbauung des Gartens vom ersten Pinselstrich an. »Der Garten ist ein Geschenk der Partnerstadt Matsuyama«, erzählt er. »Der japanische Gartenarchitekt, ­Yoshinori Tokumoto, und seine drei Helfer erbauten die Anlage 1989 innerhalb weniger Wochen. Das Projekt entstand in einer Großaktion, bei der auch die Feuerwehr mithalf«. Die Steine stammen aus dem Schwarzwald, die Herr Yoshinori zuvor persönlich ausgesucht hatte. Die Pflanzen stellten sich aufgrund der unterschiedlichen Witterungsverhältnisse als besondere Herausforderungen heraus. Man suchte lange nach dem perfekten Mooswuchs und den perfekten Bäumen. Perfekt, aber nicht mit geraden und genauen Linien, sondern Perfektion in der Einzigartigkeit, gemäß dem typischen Bonsai-Stil. Dieser muss auch seit der Abreise des Architekten gepflegt werden, weshalb Gärtner der Stadt Freiburg regelmäßig Schulungen in Matsuyama besuchen. Für die Wege entschied man sich, die Marmorkiesel mit Kunststoff zu befestigen, damit eine bessere Reinigung möglich ist und die teuren Steine nicht im Schuhprofil der Be- sucher mitgetragen werden. »Bei den Arbeiten trug der Architekt anfangs weiße Socken mit fünf Zehen, die sich zum Beklettern von Bäumen eignen und sehr vornehm aussahen. Jedoch fiel dem Architekten eines Tages ein Stein auf die Füße, was ihn dazu bewog festere Schuhe anzuziehen. Der Architekt und seiner Helfer waren sehr nette und zuvorkommende Männer, die verrückt nach Schwarzwälder Schinken waren und jeden Tag ihren Reis in einem Edelstahltopf kochten, der extra für die hohen Gäste angeschafft wurde.« Die meisten meiner Japanischen Bekannten aus Freiburg kennen den Garten. »Es freut mich«, sagt Akiko, »dass so ein Teil der Japanischen Kultur im Alltag der Freiburger integriert ist, selbst wenn die meisten Besucher vielleicht überhaupt nicht wissen, dass es sich hierbei um einen japanischen Garten handelt.« Und ihre Freundin Momoko ergänzt: »Schon der Anblick des Eingangstors löst ein leichtes Gefühl von Heimat in mich aus!« Besonders jetzt zur Frühlingszeit ist dieser InOrt ein Genuss für die Sinne. Mit den vielen Kirschblüten lädt er zum gemütlichen Verweilen ein – ganz nach japanischem Vorbild. Dort begeht man traditionell zur Kirschblüte Hanami – die Blütenschau. Und wer sich einmal zum Urlaub in Matsuyama befindet, kann dort den Klostergarten besichtigen, dieser ist das Gegengeschenk der Stadt Freiburg und bietet sicherlich keinen minder schönen Anblick. ó Die VHS Umkirch bietet in jedem Semester Führungen an, die von Herrn Rehbein geleitet werden. Der Garten ist im Sommer (1. Apr. – 31. Okt.) täglich von 9:30 bis 20 Uhr und im Winter (1. Nov. – 31. März) zwischen 9:30 und 17 Uhr geöffnet. ٢٠١٦ ‫ — ربيع َصيْ ٌف‬InZeitung 18 16 Nachschlag Pressum Herausgeber: InForum e.V. Freiburg ViSdP: Viktoria Balon Redaktion: Viktoria Balon, Svetlana Boltovskaja, Sheila Susanti Dewi, Carmen Luna, Melisa Mustafovic, ­Alexander Sancho-Rauschel, Susanne Einfeld, Barbara Peron, Gerd Süssbier, Denise Nashiba PraktikantInnen: Luis Trunk de Flores, Melissa Rahmani Grafik und Layout: Reinhardt Jacoby ( kwasibanane ) Lektorat und Korrektorat: ­ Susanne Einfeld Kontakt zur Redaktion: inzeitung@googlemail.com Die InZeitung erscheint drei Mal jährlich als Beilage zum Amtsblatt und wird allen Freiburger Haushalten zugestellt. Sie ist auch bei der Bürgerberatung im Rathaus erhältlich. Ausgabe vom 6. Mai 2016 Auflage: 108 000 Druck: Freiburger Druck GmbH Unterstützen Sie mit Ihrer Spende Mi­ grantInnen als Akteure in den Medien. ó Ab 18 € Jahresbeitrag sorgen Sie für verlässliche Planung und langfristige Absicherung der Zeitung. Die InZeitung kommt immer zu Ihnen nach Hause. ó Mit einer Spende ab 100 € tragen Sie aktiv zur Mitfinanzierung der nächsten Ausgabe bei. ó Auch jeder kleine Beitrag hilft die ­InZeitung zu erhalten. Spendenkonto: InForum e.V. Stadtkasse Freiburg IBAN DE55 6805 0101 0013 3881 59 BIC FRSPDE66XXX Wir danken den SpenderInnen: Matthias Kropf (Freiburg), Mireille Alice Caselli (Freiburg), Dr. Walter Jacoby (München), Brigitte Dindelli (Freiburg), Karl Lesher (Esslingen), Dr. Lise Leclercq und Dr. Michael Reth (Freiburg). und den langjährigen ehrenamtlichen Korrektorinnen: Barbara Figal (Freiburg) und Heidrun Walter (Freiburg) W ir trafen Ziad vor ein paar Wo­ chen auf einem Fest, zu dem syrische Freunde uns eingeladen hatten. Uns erwartete ein sehr reichhaltiges Buffet mit Speisen aus der ganzen Welt. Ganz besonders hatten es uns kleine goldgelbe Kringel, die mit einer Art Si­ rup überzogen waren, angetan. Süß und knusprig von außen, mit einem lockeren Teig gefüllt, zogen sie uns magisch an. Als wir vergeblich versuchten, den letzten Kringel zu ergattern, sprach uns ein freundlicher junger Mann an. Er erzählte uns, dass er diese Köstlichkeit zubereitet hat, und dass er, falls wir Lust hätten, uns gerne zeigen würde, wie man sie macht. Das sei eigentlich ganz leicht, wie er schmunzelnd berichtete. Gesagt getan, wenige Wochen später lud er uns zu sich nach Hause ein. Geduldig führte Ziad uns durch die verschiedenen Schritte der Zubereitung der Mschabak. Diese sind typisch für seine Heimatstadt Damaskus und werden dort in Friedenszeiten überall auf der Straße in allen Größen und Varianten gebacken, insbesondere zu verschiedenen religiösen Festen, christlichen wie muslimischen. Virtuos befördert Ziad den Teig ins heiße Öl, in dem die Kringel kurz von beiden Seiten gebacken werden, bis sie goldgelb und knusprig zum Auskühlen herausgenommen werden. Ziad selbst hat das Rezept bereits als Kind von seiner Mutter gelernt und die wiederum von ihrer Mutter. Ziads Mutter beobachtet ihn wohlwollend und versichert uns, dass er es inzwischen perfekt beherrscht. Nach dem Backen lädt die Familie uns noch zu einem aus- Rezept für vier Personen InEigenerSache In der Mai/Juni-Ausgabe der entwicklungspolitischen Zeitschrift iz3w erscheint ein mehrseitiger Artikel über die Schwierigkeiten und die bunte Vielfalt afrikanischer Comics von InZeitungs-Redakteur und Autor ­Alexander Sancho-Rauschel. Die iz3w ist unter anderem in der Buchhandlung Jos Fritz erhältlich. öö 200 g Joghurt öö eine ¾ Tasse feiner Grieß öö 1 Messerspitze Backpulver öö 1 Tasse Zucker öö 1 Tasse Wasser öö Rosenwasser öö Zitronensaft öö Pflanzenöl (z. B. Rapsöl oder Distelöl, kein Olivenöl) Mschabak Goldene süße Teigspiralen aus Damaskus Von Leonora Lorena und Jan F. Kurth ˘ Ziads Mutter versichert, dass er das Mschabak-Backen inzwischen perfekt beherrscht. Fotos: Leonora Lorena gedehnten syrischen Frühstück mit selbstgemachtem Hummus (kaltes Kichererbsenpüree), Baba Ghanousch (Auberginenpaste) und vielem mehr ein. Zum krönenden Abschluss gibt es natürlich die M ­ schabak, die warm immer noch am besten schmecken. Während des Frühstücks, das wir mit Ziad, seiner Mutter und seinen fünf jüngeren Geschwistern einnehmen, unterhalten wir uns über Gott und die öö Joghurt in eine Schüssel geben, nach und nach den Grieß hinzugeben und verrühren bis eine cremige Masse entsteht. Schließlich das Backpulver hinzugeben und verrühren. öö Für die Soße im kleinen Topf das Wasser mit dem Zucker verrühren und unter ständigem Rühren allmählich erhitzen. Je einen Spritzer Rosenwasser und Zitronensaft zugeben und auf kleiner Hitze köchelnd reduzieren, bis ein dickflüssiger Sirup entsteht. Diesen etwas abkühlen lassen. Während des Reduzierens und Abkühlens mit dem Backen der Kringel beginnen.  Welt. Die Familie lebt seit einem Jahr in Freiburg, zuvor zwei Jahre im Libanon. Inzwischen besuchen alle Kinder Freiburger Schulen. Ziad besucht Deutschkurse und möchte bald mit einer Ausbildung zum Automechaniker anfangen. Aber noch viel mehr wünscht er sich, dass die Familie bald eine richtige Wohnung findet. Eine, in der nicht alle Kinder zusammen in einem Zimmer schlafen müssen. Dafür ist die Familie um jeden Hinweis dankbar. ó Leonora Lorena und Jan F. Kurth gehören zum Verein »zusammen leben«. Hier vernetzen sich Stadtgesellschaft und Geflüchtete und verabreden sich z. B. zu einem Kochabend, ­einem Stadtspaziergang oder ­anderen Aktivitäten. ˘˘ Neugierig geworden? Macht mit: www.zusammenessen.de öö Eine große Pfanne mit Öl füllen, so dass der Boden 2 – 3 cm bedeckt ist, und erhitzen. Den Teig in eine Spritztüte füllen. Nach und nach kleine Kringel ins heiße Öl geben und von beiden Seiten goldgelb ausbacken. Auf einen Teller zum Auskühlen geben und mit dem Sirup beträufeln. Nach dem ersten Beträufeln sammelt sich am Boden des Tellers Sirup. Diesen vorsichtig abgießen und erneut auf die Kringel gießen, bis sie sich gleichmäßig vollgesogen haben. öö Warm oder kalt genießen.
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