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Entspannend - spannungsgeladen

Full text: Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Praxis und Analyse (Rights reserved) Ausgabe 14.2011 Entspannend - spannungsgeladen (Rights reserved)

ISSN 1438 - 9525 Printausgabe Beiträge zur Sozialwissenschaftlichen Praxis und Analyse Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft Entspannend Spannungsgeladen Heft Nr. 14 (1 / 2011), 13. Jahrgang, Nr. 1 Eckert Zur Soziologie mobiler Sanitäranlagen (MOTIN) Nachtrag ILLIS (Beiträge Nr. 11) Dokumente RESOLUTION DER KOMMUNARDEN (Bertold Brecht) e.V. i s p a e.V. Impressum Die „Beiträge“ werden herausgegeben vom Institut für Sozialwissenschaftliche Praxis und Analyse e.V. (ispa e.V.). Die „Beiträge“ sind ein Forum für die kritische sozialwissenschaftliche Debatte. Sie erscheinen unregelmäßig fortlaufend. Inhalt Vorwort / Redaktion Zur Lage der Dinge 3 Martin Eckert Zur Soziologie mobiler Sanitäranlagen im Stadtraum von Berlin. Die „Mobile Toiletten-Installation“ (MOTIN) 6 ispa e.V. lädt zur Einsendung von Manuskripten ein (mit wissenschaftlicher Zitierweise, Bibliographie am Ende des Textes, ausgedruckter Text sowie zusätzlich für IBMkompatible PC’s lesbar in Word/Winword und .txt). Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht immer die Meinung der Redaktion wieder. Redaktion: Richard Zweig (v.i.S.d.P.), Sabine Salter, Karin Nester, Manuel Alfons Redaktions- und Postanschrift: ispa e.V. Postfach 540215 D-10042 Berlin +49-(0)30-93937724 info@ispa-ev.de www.ispa-ev.de Im Internet sind unsere Publikationen als pdf-Dateien frei zugänglich - mit dem Extra: die grafischen Elemente, die die „Beiträge“ jeweils begleiten, sind dort im „Original“ (web-Auflösung, in Farbe) zu sehen! Nachtrag Beiträge 11, 1/2008 ILLIS: Individual-Luxus-LivingSegmentierung 27 Dokumente Resolution der Kommunarden 29 Alle Photos: Martin Eckert, außer Bildnachweis Die Grafik auf der Titelseite zeigt eine Touristengruppe auf Erkundungen in Berlin, die MOTIN immer im Blick. Konto für Spenden und Erstattungen Kto-Nr. 1005415334 BLZ 12030000 (DKB AG) © 2011, ispa e.V., Berlin Eigendruck Alle Rechte vorbehalten ISSN 1438 - 9525 (Printausgabe) Vorwort oder: Zur Lage der Dinge Die Redaktion In Zeiten massiver gewalttätiger Ausschreitungen wie z.B. in GB scheint es obsolet, über solch eine triviale Beobachtung wie die sich vehement ausbreitende Existenz von mobilen Toilettenhäuschen zu sinnieren. Und es wirkt stark konstruiert, wenn mensch nun auch noch einen Zusammenhang herstellen will zwischen ausbrechender, besser: ausgebrochener (da mehr oder weniger vorhersagbar) „Jugendgewalt“ und kleinteiliger Eroberung städtischen Raums durch gewöhnliche Objekte. Wäre da nicht etwas Wesentliches, gar Prinzipielles: Wenn mensch Alltagserfahrungen macht, diese aufgrund seiner eigenen Beobachtungen versucht, zu abstrahieren - oder anders gesagt: in der Lage ist, Gesamtzusammenhänge zu erkennen und je einzelne soziale Tatbestände resp. Vorkommnisse einzuordnen -, und dabei zu neuen Erkenntnissen kommt, dann sollten wir näher hinschauen und die Beweggründe versuchen, zu ergründen. In GB war es vor den Gewaltexzessen im August diesen Jahres zu perversen gesellschaftlichen (Reichtums-)Umverteilungen gekommen - Und dies war bekannt. Mensch musste lediglich die Augen aufmachen resp. Nachrichten zur Kenntnis nehmen (Verarmung, Umverteilung, KPW und Neoliberalismus / Thatcherismus sind eher abstrakt, daher der Umweg über Daten, um die soziale Tatbestände verdeutlichen zu können), die aufgrund des Datenmaterials derart 1 / 2011 objektiv resp. wahr waren, dass selbst die GB-Medien sie nicht umdrehen konnten. Also: Augen auf und Fakten in Kontexte einordnen. Der Schritt zu den MOTIN ist nicht weit: Augen auf (diesmal konkret bezogen auf das visuelle Wahrnehmen) im Stadtbild und wir erkennen Tendenzen gesellschaftlicher Entwicklungen wie im Fall MOTIN: Zwang zur Mobilität resp. Flexibilität, Kostensenkungen, ... Zugegeben, ein wenig konstruiert, aber bei einer Reduktion auf das Wesentliche kommen wir beidesmal zum Schluss, dass alltägliche Wahrnehmungen und Erfahrungen, ob „objektive“ Informationen oder der „eigene“ Blick, uns helfen, die gesellschaftliche Entwicklung eigenständig und „besser“ verstehen zu können. Und dann ist da immer noch dier Erkenntnis: Nichts ist politischer als der Alltag! Der Blick in die „gleichgestellten“ Printmedien (Die „Frankfurter Rundschau“ und die „Berliner Zeitung“ heißen z.B. unterschiedlich, der Nachrichtenteil ist nahezu identisch - der je anders geartete Titel der Tageszeitungen täuscht uns vor, es mit zwei verschiedenen Zeitungen zu tun zu haben.) offenbart uns trotz aller verblödungstendenziellen Bestrebungen dererseits immer wieder elementare politische Zusammenhänge. In den Ausgaben des 17. Oktober wird den LeserInnen ein Bundespräsident präsentiert, der seinen Beruf resp. sein gewähltes Amt dazu benutzt / missbraucht, in einer martialischen Pose einen Kämpfer darzustellen. Die Militarisierung der Gesellschaft ist weit fortgeschritten, offen ausgetragene Gewalt - nicht nur bezogen auf die o.g. Exzesse in GB - genauso wie latent vor- 3 handene und versteckte (häusliche) Gewalt wird selten umfangreich, wissenschaftlich und / oder „ordentlich“ analysiert und in den meisten Fällen als Individualverhalten resp. Schichtenspezifikum abgetan. Und die Militanz, in der der Bundespräsident sich ablichten lässt, spiegelt es wider. Der Mensch Wulff erscheint so dermaßen verblendet oder geistig / handlungstechnisch beschränkt zu sein, dass er sich dazu hergibt, ein wenig Krieg zu spielen / spielen zu wollen. Abscheulich, beschämend, tritt von van Damme auf der Geburtstagsfeier des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow, dem schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen werden, zu Kritik unter anderem von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch.1 An der Veranstaltung nahmen viele sog. Prominente teil.). Jegliche Humanität und jegliches Gespür für ein (amts-)gerechtes Auftreten scheint Wulff verloren gegangen zu sein. Eine Gesellschaft, die der vornehmlich repräsentativen Funktion des Bundespräsidenten nicht Einhalt gebietet und sich klar dagegen ausspricht, wenn dieser auszieht, um Werbung für Militanz, Kriegsspiele und Gewaltbereitschaft zu machen, wird es letzten Endes eines Tages Mensch für Mensch spüren, dass es wieder soweit ist: Rohheit statt Besonnenheit, sinnlose Gewalt statt Gerechtigkeit und Vernichtung statt Fortschritt stehen dann wieder auf der Tagesordnung. (Photo: Frankfurter Rundschau, 17. 10. 2011) verwerflich und - dies ist u.E. das eigentlich Dramatische - volksschädigend, wenn nicht volksverhetzend tritt der Bundespräsident in der Öffentlichkeit auf. Eingebettet von schwerbewaffneten Gestalten im Stile eines Kampfsport-ausübenden und Tötungsmaschinen-gleichen Jean-Claude van Damme positioniert sich Wulff, einer Überperson gleich, in ihren Reihen (Im Oktober 2011 führte der Auf- Einen Tag vor Druck dieser Ausgabe unserer „Beiträge“ beginnt ein neues Kapitel „Wulff“. Wir können hier gerade noch die Überschriften zweier Kommentare liefern: „Als moralische Instanz versagt Mit der Kreditaffäre hat Bundespräsident Wulff jedes Recht verwirkt, als 4 moralische Instanz zu gelten. Er verliert damit die stärkste Legitimationskraft in diesem Amt. Wer Wulff kennt, weiß, dass es so kommen musste. Ein Kommentar von Thorsten Denkler, Berlin“ [http:// www.sueddeutsche.de, vom 13. 12. 2011] „Bundespräsident Wulff und der Kredit — Hannover-Bande Man kennt sich, man hilft sich: In Hannover liegt der Sumpf aus Politik, Wirtschaft, Unternehmen und Prominenz, auf dem Karrieren blühen - unter anderem die von Bundespräsident Wulff und Altkanzler Schröder. [http:// www.sueddeutsche.de, vom 14. 12. 2011] In den Dokumenten können wir den Text „Resolution der Kommunarden“ lesen. Ein nahezu vergessener Text - sollen die Zeiten ihn nicht allzu aktuell werden lassen. Unter anderem ein im Nachtrag beschriebener Aspekt in der Berliner Stadtentwicklung legt diese Entfaltung recht nahe. Martin Eckert hat eine Zeitlang seine Augen ganz speziell geöffnet, wenn er - hauptsächlich in Berlin - die uns so bekannten DIXI-Toilettenkabinen sah. Mit seinem Beitrag zur „Soziologie mobiler Sanitäranlagen“ richtet er einen bewusst pointierenden „soziologischen“ Blick auf einen speziellen Aspekt in der Stadtentwicklung. Die LeserInnen mögen diesen Artikel "... als eine Einladung zur Arbeit verstehen: gegen alle vor der soziologischen Erkenntnis aufgebauten Hindernisse und dafür, daß sich die Gesellschaft ihrer Kreativität, ihrer Zwän1 / 2011 ge, die sie den meisten auferlegt, und ihres Vermögens, sich zu verändern, bewußt werde."2 Die quasi zur Institution gewordenen „Mobilen Toiletteninstallationen“ (MOTIN) erscheinen uns als Banalität, aufgrund einer vielschichtigen Vernetzung und einer weitreichenden Funktionsausübung dieser Institution erlauben sie uns aber auch, wesentliche soziale Dimensionen: zum Beispiel „Herrschaft“ im und über den öffentlichen Raum sowie geopolitische Dimensionen: Stadtumbau für eine materiell abgesicherte Klientel zu erkennen. Ein Ausblick auf „weltweite“ Entwicklungen wird nicht fehlen. Anmerkungen (Vorwort) 1 vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/JeanClaude_Van_Damme, 18. 10. 2011 2 Touraine, A.: Was nützt die Soziologie, Frankfurt / M. 1976, S. 24 5 Zur Soziologie mobiler Sanitäranlagen im Stadtraum von Berlin. Die „Mobile ToilettenInstallation“ (MOTIN) Martin Eckert Mobilität und Gesellschaft Mobilität ist ein Grundbedürfnis. Allein ein ethnographischer resp. historischmaterialistischer Blick zeigt uns die Bedeutung und ständige Entwicklung der Strukturen von Mobilität. Noch heute finden wir mit den Nomaden-Ethnien insbesondere im nördlichen Afrika und in Asien Gesellschaften vor, die in nahezu Heute ist Mobilität weiterhin eine wesentliche Grundvoraussetzung, um in der (Arbeits-) Gesellschaft einen angemessenen Platz zu finden. Auch wenn technologischer Fortschritt, MehrproduktProduktion und -Verteilung sowie Virtualisierung (virtuelle Mobilität) des größten Teils des Lebens (Smartphone, Internet, Echtzeit-Finanzgeschäfte ...) theoretisch ein nahezu statisches Leben eines einzelnen Menschen zulassen, kommt der räumlichen Mobilität praktisch immer noch eine zentrale Bedeutung zu. Wir werden im Folgenden von Mobilität sprechen, wenn wir die Beweg- konstanter Art und Weise ihr Gesellschafts- und Wirtschaftssystem seit Jahrhunderten in nicht-sesshafter Form organisieren. Und auch in einer Frühform der Teil-Sesshaftigkeit, bei den Jägern und Sammlern, ist der Aspekt der Mobilität wesentlich für das Leben und Überleben der Gesellschaft. lichkeit von Personen - und in dem Kontext dieses Beitrages vor allem auch: von Gegenständen im Raum untersuchen. Auf der Erscheinungsebene werden wir im Alltag mit einer Vielzahl von Formen der Mobilität konfrontiert. Unsere Wahrnehmung wird elementar, ständig und sehr stark von den Strukturen der 6 Beiträge Verkehrswege geprägt. Nahezu kein Moment des aktiven Lebens, in dem nicht ein Weg, eine Straße oder ein Pfad in unserem Blick liegt, und auch im trauten Heim sind es letztendlich „Pfade“, „eingelaufene“ Streckenführungen, die unsere Bewegungen dominieren. Im städtischen Leben, und hier insbesondere in Städten und verdichteten Gebieten mit hoher Bautätigkeit, hat sich seit gut 30 Jahren ein Gegenstand mehr und mehr in unserer Wahrnehmung verfestigt, der in höchster Weise „Mobilität“ kennzeichnet. Er unterstützt und fördert die Mobilität (und Flexibilität) des mit Nostalgie zu tun, sondern mit handfesten Vorteilen, die wir Ihnen hier vorstellen.“ (in: http://www.toitoidixi.de/ttd/ produkte/toilettenkabinen.php, 28. 07. 2011) So entnehmen wir es der Werbung für diese mobile Toilettenkabine, und wer will bezweifeln, dass wir es tatsächlich mit einer „neuen“ Toilettenkultur zu tun haben? Wir werden im Folgenden aufzeigen, wie sich diese „Mobilen Toiletten-Installationen“ (MOTIN) im Raum präsentieren. Aufgrund der Vielzahl sowohl der „Modelle“ als auch der Strukturen und Bedeutungen ihrer Standorte im sozial Menschen und ist selber hoch mobil: das Toilettenhäuschen. „DIXI“ steht inzwischen als Synonym für diese Art der Sanitärmobilität. „Das Original – seit über 30 Jahren. Mit der ersten mobilen DIXIToilette haben wir vor über 30 Jahren eine neue Toilettenkultur begründet. Heute ist die DIXI echter Kult. Und das hat nichts 1 / 2011 determinierten, festgelegten und konstruierten Raum - und hier vornehmlich in Berlin - werden wir dabei auch untersuchen, wie sich die MOTIN im Kontext gesellschaftlicher Bedingungen „verhalten“. Individuelles menschliches Handeln steht auch hier im konkreten Zusammenhang mit der Existenz, mit der räumli- 7 chen Erscheinung der MOTIN. Es sind also gesellschaftliche Bedingungen, die jeweils das Handeln prägen. Somit haben wir ein soziologisches Untersuchungs- und Forschungsthema - und der Titel lautet folgerichtig: „Zur Soziologie mobiler Sanitäranlagen im Stadtraum von Berlin. Die Mobile Toiletten-Installationen (MOTIN)“. Soziale Beziehung und Geschichtlichkeit MOTINs, die mobilen Toiletteninstallationen versinnbildlichen eines der rationalsten Bedürfnisse der Menschen. Dieses ist zudem durch eine hohe Permanenz gekennzeichnet. So nimmt es kein Wunder, dass in der heutigen modernen technologischen Gesellschaft diese Installationen Eingang in das alltägliche Bild der Welt - und hier vor allem in den urbanen Regionen mit hoher Bautätigkeit - gefunden haben. Der Mensch verfügt jedoch auch über ein Potential von inneren Antrieben, die sich eher als irrationale Impulse artikulieren. Und sie äußern sich teilweise als offene Opposition gegen die Rationalität dieser Welt, teilweise auch als resp. in Rückzugsgebieten, die inmitten der rationalen Gesellschaft existieren. So ist es nicht verwunderlich, wenn innerhalb der durchrationalisierten Welt sich die inneren Antriebe, sich die spontanen Artikulationen des Menschen ebenfalls in kanalisierter, in strukturierter und geordneter, geplanter Form „domestiziert“ haben. Die Stadt ist die Institution, in der eine Vielzahl von - wenn nicht die allermeisten - Neuerungen ihren Weg an die Öffentlichkeit finden. Die Konzentration von Heterogenität, von Menschen und Ideen, von Macht und Ressourcen hat diesem Raum-Ort eine besondere Bedeutung verliehen. Althergebrachtes und Traditionelles büßen hier ihre gesellschaftliche Kraft ein und neue Formen kultureller, sozialer, ökonomischer und politischer Prägung entstehen. In der Stadt passiert immer „etwas“, dies ist eine der wesentlichen historisch-gesellschaftlichen Konstanten. Mit den MOTIN hat eine neue Form die Bühne betreten, die für Mobilität und Flexibilität steht. Die MOTIN selber sind eine Institution im soziologischen Sinne. Sie bilden ein Regulativmuster, denn sie stellen in normativer Art eine Struktur für das Verhalten von Individuen dar. MOTIN erlauben sinnvolle Beziehungen innerhalb der und zur Umwelt. Häufig werden sie an Plätzen und Veranstaltungsorten installiert resp. aufgestellt, an denen es an einer ausreichenden Toiletten-Infrastruktur mangelt.1 Dies war vor allem zuerst gegeben in dem begrenzten Areal um Baustellen auf öffentlichem Gelände herum sowie bei temporär eingeschränkten Veranstaltungen wie Pop-Konzerten (MOTIN wurden sogar beim legendären Woodstock-Festival eingesetzt.) oder auch Wahlkampfauftritten, jedoch ebenfalls lokalisierbar auf nahezu ausschließlich öffentlichem Raum resp. - im Falle der Pop-Konzerte auf „Bauernland“ - zeitlich beschränkt zu öffentlicher Fläche gewandelt. Mit anderen Worten: MOTIN tragen zur Objektivierung der Wirklichkeit bei. Und damit erfüllen die mobilen Toiletteninstallationen ein zentrales, wesentliches Merkmal von Institutionen, sie werden als eine dem Menschen 8 Beiträge äußere Wirklichkeit erfahren. MOTIN sind objektiv „da“, und zwar in ihrer Vielfalt jeweils in einer bestimmten Art und Weise. MOTIN präsentieren sich uns zum Beispiel einmal in „trauter Nachbarschaft“, ein anderes Mal als Liebeserklärung an den angehimmelten Fußballverein (Nicht ohne Liebe - Eisern Union): ___Klassisch soziologisch artikuliert, mit Blick auf unsere MOTIN, bedeutet dies: Es ist alleine weder das objektive „Dasein“ noch eine beliebige subjektive Wesensart, sondern eine soziale Beziehung im Raum, die durch die MOTIN zu gesellschaftlicher Praxis wird. Ihr Dasein führt uns zu einer weiteren Charakteristik von Institutionen, die auch die MOTIN besitzen. Ihnen ist ein gewisser Zwangscharakter inne. Gerade weil sie vorhanden sind und eine normative Funktion erfüllen, üben sie eine sanfte „Macht“ aus. Widersetzt sich der einzelne Mensch dieser latenten Gewalt, so hat er mit negativer Sanktion zu rechnen (Der Bauarbeiter, der sein „Geschäft“ im noch fertigzustellenden Rohbau verrichtet, wird im Falle seiner Ertappung durch den Bauherren oder den Architekten an jenem Bauwerk wohl schwerlich weiterarbeiten dürfen resp. mit einer anderen „Bestrafung“ zu rechnen haben.). Den MOTIN ist somit eine moralische Autorität zuzusprechen. Der Grad der (negativen) Sanktionen ist dabei von vielerlei Faktoren abhängig, hier ist vor allem die objektive räumliche „Stellung“ der mobilen Toiletteninstallationen von Bedeutung. Und diese räumliche Verortung hat sich im Laufe der Zeit verändert. MOTIN weisen das Merkmal der Geschichtlichkeit auf, sie sind historische Gegebenheiten. ___Klassisch soziologisch artikuliert, mit Blick auf unsere MOTIN, bedeutet dies: Die Geschichtlichkeit der Gesellschaft äußert sich unter anderem in ihrem Vermögen, bestimmte soziale und kulturelle Orientierungen hervorzu9 1 / 2011 bringen. In der Formung resp. Ausprägung dieser Orientierungen wird der täglichen Praxis ein Sinn gegeben. Zur Organisation von Gesellschaft, oder: in Reih’ und Glied / Symmetriebedürfnis / erste Interaktion Es besteht ein Zusammenhang zwischen sozialer, sozio-kultureller Organisation (MOTIN) und räumlicher Organisation (Stadt-Bild). Die menschliche Gesellschaft produziert sich, passt sich an, funktioniert und organisiert ihr Dasein unter anderem in einer Hierarchie von Systemen. Das Entsorgungssysten i.w.S. bildet dabei eine wesentliche Struktur, denken wir nur an die unterirdischen Abwasserkanäle einer Großstadt, die - kartographisch erfasst - ein anarchisches System von Rohren und gemauerten Schächten resp. Kanälen zu bilden scheinen. Es ist jedoch eine „gelungene“, eine geplante und beherrschbare Struktur. Im übertragenen Sinne können wir dieses sich unter der Erde befindende Wirrwarr als „in Reih’ und Glied“ konstruierte Organisation der (Abwasser-)Entsorgung bezeichnen. Ein inneres genauso wie ein externes Gleichgewicht wird aufrechterhalten, jeweils in Abhängigkeit von den vorgegebenen Zielen und Normen der gesellschaftlichen Institutionen. Und unsere MOTIN „benehmen“ sich nicht anders als diese oder jedwede andere systemische Institution. Fassen wir sie als Ausstattungselemente des Raumes auf, so erkennen wir sogleich auch die verschiedenen Dimensionen der sozialen und räumlichen Organisation der Gesellschaft. Die beiden Dimensionen Individuum / Bevölkerung und Praxis / Aktivitäten korrespondieren mit den zwei weiteren Dimensionen Raum und Ausstattung. Im Allgemeinen verstehen wir unter „Organisation“ die Ordnung von Elementen eines Systems zu einer Struktur. Dieses System kann ein materielles oder ein ideelles System sein, es kann sich um natürliche oder gesellschaftliche Systeme handeln. So ist es nicht verwunderlich, wenn wir die MOTIN eben auch zum Beispiel „in Reih’ und Glied“ aufgestellt antreffen. (Copley Square, Boston, Massachusetts, USA2) 10 Beiträge Ohne einen gewissen Grad an Organisation kann keine Gesellschaft auskommen. In eindrucksvoller Weise präsentiert sich uns das MOTIN-Modell „Symmetriebedürfnis“. Wir erkennen hier in ihrer elementarsten Form die Interaktion der Institution MOTIN mit einer ihr äußerlichen, weiteren Institution: mit den Verkehrswegen resp. - ein wenig abstrahiert - mit der Infrastruktur einer Stadt. und Zeit, und sie weisen eine Struktur durch ihre regelhafte Verteilung innerhalb eines räumlichen Gefüges auf: Klassengesellschaft / Luxusmodelle vs. „Standard“ Ob „Reih’ und Glied“ oder „Symmetriebedürfnis“: In beiden Fällen liegt eine Organisation, eine Organisiertheit vor, da die betreffenden Elemente nicht einfach eine statistisch willkürliche Anhäufung sind, sondern durch eine bestimmte Art und Weise der Beziehungen miteinander verbunden sind. In seiner wesentlichsten Form ist die Gruppierung von allein zwei Elementen ein (Ordnungs-)System. Auch diese Elementarzelle eines Systems resp. der Gesellschaft begegnet uns im Falle der MOTIN. In bester Eintracht stehen die beiden Modelle hier zusammen - auch wenn ihnen alleine die Eigenschaft als soziale Organisation fehlt, so artikulieren, besser noch: versinnbildlichen sie doch regelhafte soziale Beziehungen in Raum 1 / 2011 Eine der bedeutendsten Grunderfahrungen des Menschen ist die Erkenntnis, wie verschieden, wie unterschiedlich die Individuen sind. Jungen und Mädchen, Blonde und Brünette, Briefträgerin und Bauarbeiter, SpanischSprechende und „die-eigene-SpracheSprechende“: Sowohl individuelle Unterschiede wie auch gesellschaftliche Differenzierungen tragen zu einer Typisierung bei. Die Organisation der Gesellschaft resp. die die Gesellschaft bildenden Menschen selber haben dieser Differenzierung Rechnung getragen - und haben unter anderem als eine der wesentlichen Klassifizierungen ein geschichtetes Gemeinwesen hervorgebracht. In aller Offenheit und Entschiedenheit trifft diese Charakteristik auch auf die MOTIN und ihre Stellung in der Gesell- 11 schaft zu. Wir finden eine Vielzahl von Ausdifferenzierungen, und Luxusmodelle werden passenderweise von Organisationen und gesellschaftlichen Gruppeneingesetzt, die eine Klassifizierung nach höheren und niederen Positionen zulassen. Der Zusammenhang von einer Tendenz in der gesellschaftlichen Entwicklung weg von Standardisierung und „Normalbiographie“ hin zu Ausdifferenzierungen und Vielgestaltigkeit resp. Verschiedenartigkeit mit einer (mindestens) Statuszuweisung innerhalb eines „geschichteten“ Systems ist historische Realität (und Notwendigkeit). Wir werden daher hier auch visuelle Belege für unsere MOTIN anführen. Die Ausdifferenzierungen beginnen schon innerhalb einer einzigen Produktionsfirma, die sieben verschiedene Modelle - Flush, Fresh, Water (alle drei in der gleichen Optik) , Classic, DIXI-B, Cap und DIXI-Plus - bereithält: Betrachten wir die Entwicklung hin zu den Luxusmodellen, so scheint unsere MOTIN sich sogar an einige wesentliche Gedanken von Werner Sombart zu halten, der in seinen Ausführungen zu „Liebe, Luxus und Kapitalismus“3 das Luxusgewerbe als prädestiniert für eine kapitalistische Organisation hält. 12 Beiträge In exklusiver, gar luxuriöser Art und Weise präsentiert sich dieses Modell der BVG - Berlin. In einer zugegebenermaßen recht gewagten These können wir hier vermuten, dass das Konstrukt (oder: Klientelpolitik) „Öffentlicher Dienst Senatsverwaltung - Steuergelder“ zu einer gewissen Üppigkeit, wenn nicht Schwelgerei und Verschwendung führt. Und als ob diese These / Vermutung eines weiteren Indizes bedarf: Das Unternehmen, das in der BRD schlechthin für undurchsichtige Machenschaften und zwanghaftem Hunger nach privatwirtschaftlicher Kapitalisierung steht, die Deutsche Bahn / DB, lässt es sich nicht nehmen, und hält mit ihrem Luxusmodell einer MOTIN nicht in dem Berg. den Markt erobert - das Ursprungsmodell „DIXI“ entspricht der Luxusausführung lediglich noch der rudimentären Funktion nach (und auch die ist nur gegen Bezahlung bei der Wall AG zu erreichen). (Abb.: Modell „Avenue“ der Wall AG) Norm - offen für alle Der Zusammenhang von Individuen, Institutionen sowie Gesellschaft und seine analytische Betrachtung ist elementarer Bestandteil der soziologischen Theoriebildung. Der Zusammenschluss von Individuen erfordert zwangsläufig weitgehend verbindliche Regeln des Zusammenlebens, des Zusammenwirkens und der Interaktion. Es sind Normen, die den Bestand der Gesellschaft gewährleisten, indem sie wesentliche und häufig wiederkehrende Bereiche von Aktivitäten sinnhaft regeln. ___Klassisch soziologisch artikuliert, mit Blick auf unsere MOTIN, bedeutet dies: Die MOTIN drücken eine Verhaltenserwartung aus, die mit positiven oder negativen Sanktionen verbunden ist.___ In Bezug auf die MOTIN ist empirisch eine Regelmäßigkeit des sozialen Mit den luxuriösen Toilettenkabinen (sog. City-Toiletten innerhalb der Produktpalette „Stadtmobiliar) der Firma Wall AG hat letztendlich ein hoch-durchkapitalisiertes Unternehmen erfolgreich 1 / 2011 13 Verhaltens des menschlichen Zusammenlebens feststellbar. Wenn wir am Anfang betonten, dass unsere Untersuchungen sich hauptsächlich auf den Berliner Stadtraum erstrecken, so müssen wir hier anfügen, dass stichprobenartige Erforschungen anderer Regionen in Deutschland zugleich gelagerten Ergebnissen kommen. Wir treffen auf MOTIN ebenso im Stadtgebiet in Hamburg (hier „passend“ im Einsatz bei der Sanierung eines Luxus-Wohngebäudes), wie in Liebenwalde (hier als Unterstützung eines Wachpostens im Kontext einer Werksstilllegung) oder in idyllischer Kleingartenkolonie in Rheinsberg (hier in der Begleitung bei Bauarbeiten im Denkmalschutz), und in - für viele Menschen fernen Wald- und Naherholungsgebieten (s.u.). Betroffen ist in allen Fällen der Einzelne - von einer mehr oder weniger festen und genauen Forderung der sozialen Norm nach einem bestimmten Verhalten. Im Falle unserer MOTIN wirkt die Norm in einer hervorstechenden Art und Weise, denn sie umfasst letztendlich alle (idealtypisch-analytischen) Unterscheidungen 14 Beiträge und stellt damit einen gewissen „Urtyp“ der sozialen Norm dar, der sich in einer sozio-kulturellen und historischen Betrachtung ausdifferenziert. Das Verhalten des Einzelnen ist normativ sowohl a) latent bestimmt: Die Norm wirkt, ist aber noch nicht klar artikuliert - das Beispiel „in der Naherholung“ mag dies verdeutlichen, b) manifest bestimmt: Die Norm wirkt aufgrund einer allgemein verabredeten und erklärten Vorschrift - das Beispiel „Modell Hamburg“ in der Luxussanierung soll dafür stehen, c) traditionell bestimmt: Die Norm wirkt aufgrund einer schon immer geltenden Regel und stellt eine „überlieferte“ Gesetzmäßigkeit dar - das Beispiel „Denkmalschutz“ in Rheinsberg zeigt uns den gefühlten und erfahrenen „Ursprung“ der MOTIN, den Einsatz in der Baubranche, d) rational bestimmt: Die Norm wirkt aufgrund einer verankerten rechtlichen Bestimmung, eines Gesetzes, einer verpflichtenden „Verordnung“ - das Beispiel „Wachposten“ in Liebenwalde untermauert dies gleich mehrfach. Zum einen besteht die Vorschrift, abhängig Beschäftigten im Außendienst die Möglichkeit zu geben, Sanitäranlagen aufsuchen zu können, zum anderen ist es eine Ordnungswidrigkeit, sein „Geschäft“ in der Öffentlichkeit zu verrichten (Exhibitionismus etc.). Das tatsächliche Verhalten und die gesetzte Norm sind nicht immer in Übereinstimmung. Ausschlaggebend für eine Deckung der beiden latent vorzunehmenden Handlungen ist zum einen die Internalisierung, der Grad der Verinnerlichung der Norm. Hier gilt für unsere MOTIN das Gleiche wie für eine Vielzahl anderer 1 / 2011 institutionellen Gegebenheiten: Das NichtEinhalten der Norm wird „in Kauf genommen“, wenn der Einzelne für sich persönlich keinen Nachteil zu erwarten hat und die Einhaltung der Norm als unzweckmäßig, unpassend oder umständlicher aufgefasst wird. Auch die Funktionalität resp. Wirksamkeit der Norm für gewünschte Handlungsziele kann zur Verweigerung der Normerfüllung führen, denken wir nur an die Vorkommnisse während der Festivitäten auf der kilometerlangen Partymeile „Straße des 17. Juni“ in Berlin. Das Aufsuchen einer MOTIN ist teilweise wegen „Überfüllung“ nicht möglich und der Ausweg „Tiergarten“ bietet eine passende und nahegelegene Ersatzaktivität. In diesem Zusammenhang erwähnen wir noch die Bedeutung der Sanktionen bei einem normwidrigen Verhalten. Im Beispiel „Tiergarten“ sehen wir, dass es eine wirksame, gar strenge Sanktion nicht gibt, um reales Verhalten und Norm-Erfüllung in Übereinstimmung zu bringen. Den Idealfall einer mobilen, normativen Toiletteninstallation können wir dagegen hier in den drei Beispielen (erreichbar auch für immobile VerkehrsteilnehmerInnen, offen für alle, öffentlich, ) erkennen: 15 Die MOTIN präsentiert sich in aller Öffentlichkeit, es ist ein freier Zugang zur Einrichtung gewährleistet und: die Einrichtung steht offen, geradezu als Einladung, ja Aufforderung, der Norm nachzukommen. ... Das Gegenteil zu dieser offenen Präsentation ist weiter verbreitet, im normalen Fall stehen die MOTIN abgesperrt, abgeschlossen und verschlossen. Sie sind nur für eine bestimmte Personengruppe zugänglich, gebunden an ihren primären lokalen Bestimmungszweck. Ein Schlüssel ist zur Benutzung notwendig: Im letzten Fall kollidiert der selektive Zugang offensichtlich mit den Bedürfnissen der direkt Anwesenden, ein Widerspruch tut sich auf. Obwohl die MOTIN in aller Öffentlichkeit und frei zugänglich aufgestellt ist, ist der konkrete Zugang verschlossen. Öffentlich zugängliche Bedürfnisanstalten (hier: Pissoir am Gendarmenmarkt), in Berlin vor allem um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert entstandene und bis Mitte des 20. Jahrhunderts bestehende Einrichtungen. „Eine Bedürfnisanstalt, auch Öffentliches WC oder WC-Anlage genannt, ist eine allgemein zugängliche größere Toilettenanlage im öffentlichen Raum zum Verrichten der Notdurft und/oder Urinierens. Meist befindet sie sich an größeren zentralen Plätzen, in Parkanlagen oder auf Bahnhöfen. Einfache Einrichtungen dienen nur dem Urinieren von Männern. In der Regel sind sie aber getrennt nach Geschlechtern eingerichtet.“ (wikipedia, in: https://de.wikipedia.org/wiki/Bedürfnisanstalt, 20. 10. 2011) (Foto oben: Troismarteaux, Creative Commons Attribution Version 2.0 (ccby-2.0)) 16 Beiträge Diese allgemein als „Café Achteck“ titulierten WC-Anlagen kontrastieren zu den heute dominant vorhandenen, privatwirtschaftlich betriebenen und Einzelinteressen-gebundenen Toilettenkabine (hier: Toilettenkabine auf der Baustelle). In der geschichtlichen Entwicklung erkennen wir einen nicht vollkommen unbedeutenden gesellschaftlichen „Nebenwiderspruch“, daher ein ...: ... Exkurs realer (oder dialektischer) Widerspruch - die Kategorie zur Darstellung gesellschaftlicher Entwicklungen Öffentliche Bedürfnisanstalten sind mindestens seit der hellenistischen Zeit nachweisbar, es finden sich Anhaltspunkte sowohl in Gymnasien wie auch in (Privat-)Häusern. Die Bedürfnisanstalten erreichten bei den Römern teilweise einen gewissen Luxus, viele waren den Badehäusern angeschlossen. Meist wa1 / 2011 ren sie auch in das Wassernetz integriert. Seit dem 4. Jahrhundert. n. Chr. gingen viele zivilisatorische Errungenschaften der Antike verloren - es traf auch die Bedürfnisanstalten resp. die komplette Sanitärkultur. Erst mit dem Aufbau von Abwassersystemen in der Neuzeit erlebten die Bedürfnisanstalten eine Renaissance - und mit den „Berliner Pissoirs“, dem sog. Café Achteck, auch eine architektonische Besonderheit. Ende des 20. Jahrhunderts waren die öffentlichen, frei zugänglichen Bedürfnisanstalten wieder größtenteils verschwunden resp. „unbrauchbar“. Das „gesellschaftliche Bedürfnis“ als Nachfrage nach Anlagen dieser Art bestand jedoch weiter und wurde darauffolgend durch Firmen wie die Wall AG - nicht zufällig im zeitlichen Kontext des Booms des umherirrenden Neoliberalismus - privatisiert. Somit stehen sich heute zwei gesellschaftliche Entwicklungen widersprüchlich gegenüber: Auf der einen Seite das privat betriebene Angebot einer Befriedigung sanitärer Bedürfnisse, auf der anderen Seite das weiterhin elementare individuelle Bedürfnis, öffentliche Sanitäranlagen auch aufgrund einer wachsenden „Verpflichtung“ zu mobilen und flexiblen Arbeitstätigkeiten relativ zügig und flächendeckend aufsuchen zu können. Als realer Widerspruch artikuliert sich somit die soziale Notwendigkeit nach einer Bedürfniseinrichtung resp. -anstalt oder Toiletteninstallation, deren öffentliche, freie Zugänglichkeit aufgrund erhöhter Mobilität und Flexibilität zunehmen müsste - und die Verkehrung, dass diese „Nachfrage“ in immer stärkerem Maße lediglich privatwirtschaftlich befriedigt wird. 17 Die folgende Abbildung des Ausschnittes eines Wall-AG-Modells verhilft aufgrund hoher Bevölkerungsdichte und Bedürfnishäufungen bestens mit guten Profiterzielungen versorgten Stadt in die nähere Umgebung zu tätigen. Hier stehen sie, unsere MOTIN, in Naherholungsgebieten, in der unmittelbaren Nähe eines frei zugänglichen und ohne Eintrittsgelder zu erschwimmenden Badesees, in lauschiger Atmosphäre, umrankt und idyllisch drapiert von realem, Sauerstoffproduzierendem und Kohlendioxid-verarbeitendem Grün. uns, eventuell schon an eine kleine Vorwegnahme der Auflösung des Widerspruchs zu glauben, gar zu hoffen? Der Titel auf dem die Toilettenkabine begleitenden Photo lautet „Für Städte. Für Menschen“. Sehen wir einmal davon ab, dass es insbesondere in Berlin angemessener wäre, derartige Bedürfnisanstalten statt „Für Menschen“ für Hunde resp. für deren BesitzerInnen incl. deren Hunde (oder umgekehrt?) zu installieren, so führt uns die Betonung auf „Für Städte“ zu der nun auch zumindest anfänglich empirisch bewiesenen Erkenntnis, dass die heutige Bereitstellung von mobilen Toiletteninstallationen lediglich als eine primär und wesentlich - Funktion zur Profiterzielung dient. Die Stadt als räumliche Konzentration der effektivsten Ballung von Konsumenten und Geldbesitzern ist prädestiniert für die Geschäftstätigkeit mit MOTIN. Die Auflösung des Widerspruchs können wir unschwer erleben, wenn wir uns bequemen, ein paar Schritte außerhalb der 18 Beiträge Verhalten / Abweichendes Verhalten - ordentlich / schief: Wir wollen uns jetzt wieder konkret mit unseren MOTIN beschäftigen. Bis jetzt haben wir festgestellt, dass sie als Institution ein „normales“ Dasein - auch im soziologischen Sinne - fristen. Aber abweichendes Verhalten ist bei ihnen ein ebenso zu beobachtendes Phänomen. de“ in den Ausprägungen der MOTIN im Alltag zu sehen. Die Kreativität in der Farbgestaltung mag ein Beispiel dafür sein, dass hier die „Abweichung“ vom Standard, von der Norm (das klassische DIXI-Blau) schon längst „Normalität“ geworden ist. Farbkombinationen sind dabei genauso anzutreffen wie modische Neu- Auf die Verschiedenartigkeit resp. die Ausdifferenzierungen hatten wir schon hingewiesen, im oben zu bestaunenden Beispiel haben wir es allerdings mit einer Abweichung von der Norm zu tun. Die Schieflage ermöglicht nur unter Anstrengungen ein normales Verhalten - Unserer Vorstellung von einer verlässlichen Toiletten-Installation entspricht diese Situation nicht, sie beunruhigt eher. Abweichung ist letztendlich immer eine gesellschaftliche Definition. Und somit haben wir es auch erheblich leichter, uns bekannte, vertraute „Unterschie1 / 2011 schöpfungen und knallbunte Varianten statt Abweichung stehen diese Modelle für „Wandel“ und „Pluralismus“, beides im Übrigen auch in den Sozialwissenschaften gerne verwendete Begriffe. Etwas mutig können wir somit interpretieren, dass die generelle Tendenz einer Schnelllebigkeit von gesellschaftlichen Werten und Normen auch im Falle der MOTIN dazu geführt hat, die Farb-“Abweichungen“ als ein stabiles Phänomen aufzunehmen und wahrzunehmen. Die Variationen sind eben nicht als „absichtlich“ (als absichtliche Negierung der Wirklichkeit) oder gar als gefährlich einzuordnen resp. werden so von uns eingeordnet, sondern in Zeiten eher fließen- 19 der Grenzen und eines raschen (sozialen) Wandels entspricht die Vielfalt eher einer unserer „Erwartungshaltungen“. Einen besonderen Augenmerk wollen wir hier noch auf das gesellschaftliche Bedürfnis nach Harmonie, nach Gleichklang und Übereinstimmung legen. So grau, unwirtlich und trist das Leben oder einfach auch nur die visuelle Erscheinung des Stadtlebens ist, unsere MOTIN helfen über eine farbharmonische Integration in das städtische Bild, eine gewisse „Fröhlichkeit“ und „Leichtigkeit“ herzustellen. Abwägens zwischen Belohnung und Aufwand erklärt nicht (alleine) das menschliche Verhalten. Es ist dagegen aufzufassen als der Ausdruck eines Verhältnisses zwischen Subjekt - dem Menschen - und Objekt - im weitesten Sinn der sozialen Wirklichkeit als Ganzem. Können wir für diese - zugegebenermaßen streng theoretische und soziologisierende - Betrachtung auch im Alltag bei und mit unseren MOTIN Verhaltensstrukturen erkennen, die vergleichbare, anfänglich unmittelbare Interaktionsbeziehungen aufweisen? Wir denken ja. Schauen wir uns vier Beispiele an. (1) Da steht zuallererst und gut positioniert eines der Leitbilder der Kapitalistischen Produktionsweise im Weg: „kost‘ nicht viel“ lesen wir auf dem Aufkleber an dieser MOTIN. Wir wollen uns aber nicht alleine auf diesen behavioristischen Ansatz bei der Analyse der MOTIN beschränken. Verhalten ist mehr als die einfache Reaktion auf einen Reiz oder auf die Permanenz empfangener Reize. Auch die Verarbeitung früherer oder bestehender Erfahrungen nach einem möglichen Modell des Der Mensch befindet sich damit mitten in der prägenden, alltäglich-er- 20 Beiträge fahrbaren und verhaltensbestimmenden Wirklichkeit. Sie steht nicht alleine für sich, sondern sie repräsentiert einen Ausschnitt der sozialen Realität, der Mensch ist weiterhin (zumindest theoretisch) in der Lage, sich zu der erfahrenen Interaktion mit „kost‘ nicht viel“ kritisch, abweisend oder gar kreativ zu verhalten. (2) Nahezu eine Herausforderung für kreatives Verhalten resp. sich daraus entwickelndes soziales Handeln stellt die gründe tragen zu einer Verhaltensentwicklung bei, Verhalten ist weder statisch noch gesetzmäßig determiniert. Das Verhalten selbst können wir hier als äußerst selbstbewusst bezeichnen. (3) Ein weiteres Beispiel für starkes und selbstbewusstes Auftreten unserer MOTIN entnehmen wir diesem Photo: Konfrontation unserer MOTIN mit diesem Großplakat dar. „Aus Klein wird Groß“, ist mensch versucht zu sagen, oder: „Klein hat alles angefangen“. Bei der Betrachtung dieses Photos im Kontext ergibt sich somit, dass das Verhalten nicht eine unabhängige, selbständige Kategorie darstellt, sondern den Rahmen der unmittelbaren Interaktion sprengt, besser: sprengen muss. Unmittelbare wie mittelbare Bestimmungs1 / 2011 Hier stehen sie nun, eng vereint, an einem der markantesten Orte der Stadt, dem Alexanderplatz: die drei wesentlichen Symbole Berlins. Nahezu selbstverständlich hat sich hier ein DIXI-Modell zu dem Symbol der Stadt schlechthin, dem Fernsehturm am Alexanderplatz4, gesellt. Und als ob - nach dem dramatischen Rückgang der industriellen Produktion in Berlin und des damit verbundenen massiven Anstiegs der Arbeitslosigkeit - der inzwischen dominante Wirtschaftsbereich, der Tourismus, ein wenig neidisch ist, drängt sich der Hotel-Komplex des Park Inn in die Mitte dieser Dreier- 21 Konstellation. Somit sind hier auf einen Schlag - das anerkanntermaßen bedeutendste identitätsstiftende Symbol Berlins, - der wichtigste ökonomische Faktor sowie - die aktuell das Stadtbild prägende und versinnbildlichende geo-politische Erscheinung: unsere MOTIN anzutreffen. In der Interaktion dieser drei „Objekte“ liegt dann auch einer der entscheidenden Bestimmungsgründe für Gesellschaft, für gesellschaftliche Entwicklung überhaupt. Gesellschaftliche Verhältnisse sind in ihrer versachlichten und in ihrer entfremdeten Form sowohl Grundlage wie auch Produkt des menschlichen Verhaltens. In einem weiteren, mutigen Schritt können wir somit bestimmen, dass sich auf dem besagten Photo die wesentlichen Kategorien der Kapitalistischen Produktionsweise „enthüllt“ haben - als gesellschaftliche Verhältnisse. Und damit kommen wir zum vierten Beispiel. (4) Gesellschaftliche Verhältnisse sind also nichts anderes als die Verselb- ständigung des Verhaltens von Menschen. Einsichtig ist damit zugleich der geschichtliche, der historische Charakter der kapitalistischen Gesellschaft - und von Produktionsweisen und Gesellschaftsformationen generell. Und eben dies scheint uns die MOTIN sagen zu wollen, wenn sie sich derart exponiert an den Ort der Republik wagt, der für Geschichte, Bewusstsein und Veränderung steht: MOTIN am Reichstag. In seiner Allgemeinheit steht der Reichstag für die „Versammlung von Fürsten, Gesandten oder gewählten Abgeordneten auf Reichsebene, zum Beispiel im Deutschen Kaiserreich oder in der Weimarer Republik sowie in verschiedenen Königreichen“5. Geschichte und Gegenwart: so nah‘ beieinander. Von den gesellschaftlichen Verhältnissen zur Ideologie der „Globalisierung“ Wir haben mit den letzten Betrachtungen den Sprung von den Interaktionen zu den gesellschaftlichen Verhältnissen durchgeführt. Der Schritt zum inzwischen vollständig ideologisch determinierten - Begriff „Globalisierung“ ist nicht weit. Heute wird darunter die ohne Alternative bestehende und unumkehrbare Marktfreiheit der kapitalbesitzenden Unternehmer verstanden, es gab Zeiten, da nannte mensch diese Klasse einfach Kapitalisten, heute sind alle ganz, ganz vorsichtig geworden und huldigen diesen gesellschaftlichen Verhältnissen, indem sie den Namen „Investoren“ verliehen bekommen haben - gleichsam eine Adelung in himmelische Sphären . Ange- 22 Beiträge strebt wird eine vollständige „Entgrenzung“ der vorhandenen und aller zukünftigen Wirtschaftsprozesse (zu denen die Dienstleistungen gehören). Erinnern wir uns: Ehemals war der Begriff „Global“ resp. „Globalisierung“ im Zusammenhang mit einem bestimmten Report, Global 2000, angetreten, um weltweite Umweltgefahren zu thematisieren und eine globale Umweltverantwortung zu denken! Wenige Jahre später setzte der Bedeutungswandel ein, rein ökonomische Aspekte (Aufhebung des Protektionismus, Marktöffnung der sog. Entwicklungsländer, Primat der Wettbewerbsfähigkeit etc.) prägen seitdem seine inhaltliche Bestimmung. Vollkommen pervertiert wurde der Ursprungsgedanke. Globalisierung wurde zu einem Synonym für den zu perfektionierenden Neoliberalismus, der für seine komplette Entfaltung gleiche Bedingungen für alle MarktteilnehmerInnen erforderte, auch für die ökonomisch Ungleichen, sprich: die verarmten, verschuldeten Staaten. Eine evidente Logik blieb dabei auf der Strecke, und dieser Tatbestand wurde noch nicht einmal von sog. „Linken“ verstanden. Die neoliberalen Schulen hatten eine klassische linke Utopie besetzt, indem sie von einer Idee der globalen Gleichheit faseln konnten, teilweise sogar versetzt mit dem Zukunftsmodell einer Auflösung von Nationalstaaten und einer möglichen Weltregierung. Aber: Die elementare Logik, dass unter gleichen (wirtschaftlichen) Bedingungen - auch für Ungleiche - die ungleichen Verhältnisse und Ungerechtigkeiten zwangsläufig zu einer Verstärkung der Ungleichheit führen, schob - wir können sagen: die ganze Welt - beiseite. 1 / 2011 Globalisierung tritt nun auf als umfassendes gesellschaftliches Verhältnis: als Neoliberalismus zu gleichen Bedingungen für Alle. Jegliche öffentlichen, sozialen und moralischen Ziele und Werte haben sich untergeordnet, wenn sie denn überhaupt noch artikuliert werden. Ganz konkret für den Wirtschaftssektor heißt dies unter anderem: Betriebswirtschaftliche Lösungen sollen bei der Bewältigung volkswirtschaftlicher Probleme und Krisen helfen, transnationale (die den Nationalstaat angeblich auflösenden) Unternehmen sind hochgradig privatwirtschaftlich organisiert. Der Gedanke einer Internationalen Solidarität ist in sein Gegenteil umgeschlagen, nicht von allen Menschen, aber im mainstream: Spaltung der Gesellschaft, Polarisierung, Segregation und Partikularisierungen in der Stadtentwicklung, verschärfte ArmReich-Gegensätze, monostrukturelle Agrarkonglomerate. Nicht kulturelle und identitätsbildende Vielfalt ist Resultat der betriebenen „Globalisierung“, sondern Vereinheitlichung der Masse. Somit stehen sich zwei Begriffe gegenüber: Globalisierung und Internationalismus. Und wir wollen einmal sehen, wie sich unsere MOTIN dazu verhalten. Globalisierung: ein KarriereSprung der MOTIN? Sehr schwer einzuschätzen ist dabei die allerneueste Entwicklung. DIXI-Toiletten werden während der Europameisterschaft der Männer im Fußball im Jahr 2012 einen unverzichtbaren Bestandteil der Infrastruktur in der Ukraine darstellen - Nicht, wie mensch jetzt vielleicht 23 denken könnte, aufgrund der vorhandenen Baustellen und der nicht zeitig beendeten Bauvorhaben im Kontext mit diesem Turnier - Nein! Sie werden als Teil einer vollwertigen Stadt- resp. Zeltplatzmöblierung installiert, weil es für die Anhänger, Besucher etc. von Spielen einfach garnicht genügend Unterkünfte geben wird. Also werden die Fans und Schlachtenbummler auf Zeltplätze außerhalb einer Stadt, in diesem Fall Charkiw, verwiesen werden. Ganz passend tituliert die Berliner Zeitung: "Sommer der DixiKlos"6. Wenn in der Stadt am 13. Juni 2012 das Duell Holland - BRD stattfindet, können sich zumindest großstädtische Fans aus diesen beiden Ländern fast wie heimisch fühlen ob der Anwesenheit von MOTINs. "Nun soll die Anhängerschaft doch bitte schön auf die Zeltplätze außerhalb der Stadt ausweichen. Die Konzepte wirken waghalsig wie lieblos: Mit DixiKlos, Plastik-Duschen, Mini-Zelt, samt einer vom Veranstalter gestellten Matratze sollen ausländische Zuschauer irgendwie klarkommen"7. Das Potential unserer MOTIN scheint nahezu grenzenlos - ob in diesem Fall allerdings von einem Karrieresprung zu reden ist, wird wohl eher nur die Zukunft sagen können. Trotz alledem ist festzuhalten, dass den MOTIN ein Entwicklungspotential innewohnt, das sie zu einer ernstzunehmenden Kategorie im Prozess der Globalisierung macht. Sie folgen mit ihrem Auftreten in der Ukraine einem „Gesetz“ der Globalisierung, das nationale Sonderwege schlichtweg negiert. „Grenzenlose“ Individualität Wir wollen diese kleine Erkundung der soziologischen Betrachtungen über unsere MOTIN nicht beenden, ohne einen abschließenden Blick auf ganz individuelle Erscheinungsformen dergleichen zu werfen. Streng genommen fängt erst hiermit der eigentliche Teil der Reise an, denn nur mit diesem Eindruck der "Individualität" gelingt es unseres Erachtens, einen erheiternden Moment zu erheischen, wenn es darum gehen soll, die Soziologie zu bemühen, um gesellschaftliche Tatbestände zu erforschen und zu erklären. Und etwas Heiterkeit tut keiner Wissenschaft weh! Somit kann am Anfang dieses Abschnitts eigentlich nur ein Soziologe stehen, sehen wir vom Philosophen und Polit-Ökonom Karl Marx einmal ab: Max Weber. „Macht“ fällt uns spontan ein, und ein Beispiel für unsere MOTIN ist sofort zur Hand‘. Nach der Definition 24 Beiträge von Max Weber ist Macht „jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel, worauf diese Chance beruht.“8 Wer die Machtprobe, LKW - MOTIN gewinnen könnte, scheint offensichtlich. Allerdings ist auch eine engere soziale Beziehung vorstellbar, sollte der LKW-Fahrer die MOTIN in ihrer Ursprungsfunktion „benötigen“. Ein weiteres Grundbedürfnis des Menschen ist Geborgenheit, „Wohnung“ resp. „Home“ ist das sinnverwandte neuzeitliche Wort. Wir finden es umgehend. Umgebung trägt dazu bei, sondern auch eine gewisse Unwirtlichkeit. Ein probates Mittel, um gegen Missstände vorzugehen resp. sie zuerst einmal anzuprangern, sind Proteste, Demonstrationen, wie auch immer artikuliert. Zur „Verar....“ einer ganzen Republik durch sich selber und / oder durch ihren gewählten Repräsentanten musste sich auch unsere MOTIN verhalten. Ihre Beteiligung am Protest ist geradezu demonstrativ. Wie einsam es mitunter auch für die MOTIN sein kann, zeigt sich im folgenden Beispiel. Nicht nur die Monotonie der (auf dem Plakat zu lesen: BANANA REPUBLIC - BUNGA BUNGA SHOW - PORNO SATIRA POLITICA ITALIANA) 1 / 2011 25 Ausblick Die MOTIN sind nicht vom Himmel gefallen. Ihr Auftauchen war und ist eine Reaktion auf sozialen, und damit verbunden: räumlichen Wandel. Verstärkte Bautätigkeiten im urbanen, verdichteten Raum und ökonomischer Zwang zur rationaleren Zeitplanung sowie zu effizienteren Ressourceneinsätzen machten ihre „Erfindung“ geradezu notwendig. Fortschreitende Flexibilisierung und Profitmaximierung, also generell die der Kapitalistischen Produktionsweise innewohnende Eigenschaft der „Beschleunigung“, bedeuten letztendlich den Einsatz der MOTIN „ubiquitär“. Sie werden sich also auf die Reise machen, denn die Sehnsucht ist groß. Nichts kann dies mehr verdeutlichen, als ein sehnsüchtiger Blick über das Wasser in die Ferne. Anmerkungen 1 „Einer Legende zufolge erfand 1973 Fred Edwards, amerikanischer Soldat, in Deutschland stationiert, die mobile Toilette. Er hatte keine Lust mehr, seine Notdurft bei Manövern in Gesellschaft seiner Kameraden verrichten zu müssen. Er bemängelte die fehlende Privatsphäre und fand es unzumutbar, mit den Gerüchen und Geräuschen der anderen konfrontiert zu werden. In seiner Garage schraubte er die mobile Version eines stillen Örtchens zusammen: ein Pissoir und eine Fallgrube mit Loch, die durch Bretter den Blicken der Öffentlichkeit entzogen wurde. Seine mobile Toilette war so erfolgreich, dass er das Militär verließ und sich in Deutschland ganz und gar der Produktion von Toiletteneinheiten widmete.“ (wikipedia, in: https:// de.wikipedia.org/wiki/ Mobile_Toilettenkabine, 20. 10. 2011) 2 MOTIN machen sich also auf den Weg. CC, Cryptic C62; Copley Square, Boston, Massachusetts, USA 3 Original: Sombart, W.: Luxus und Kapitalismus, München/Leipzig 1922 4 vgl. hierzu auch den ausführlichen Artikel „Berliner Identität - der Fernsehturm am Alexanderplatz“ von Martin Eckert, in: Materialien zur Stadtentwicklung, 1/2007, Heft Nr. 9, S. 11ff 5 https://de.wiktionary.org/wiki/ Reichstag 6 Berliner Zeitung, 15. 12. 2011 7 ebd. 8 Max Weber, M.: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie, 1. Halbband, Tübingen 1956/1980, S. 28 26 Beiträge Nachtrag „Beiträge 11“, 1/2008 ILLIS - Individual-Luxus-LivingSegmentierung In unseren "Beiträgen" (Beiträge 11, 1-2008) beleuchteten wir einen speziellen Aspekt der Berliner Stadtentwicklung resp. Stadtentwicklungspolitik: "Neoliberale Stadtpolitik und die Perversion des sozialen Wohnungsbaus - auf Gentrifizierung und Segregation folgt eine Segmentierung durch "Individual-LuxusWohnformen" wie Townhouses und Carlofts (ILLIS - Individual-LuxusLiving-Segmentierung)". Die Zeit steht nicht still und eben diese wesentliche Stadtentwicklung in Berlin schreitet unaufhörlich voran, sie treibt mit den neuesten Luxus-Wohnbauten die Spaltung der Gesellschaft auf die Spitze. "Der Luxus hat seinen Preis. Ein Penthouse mit Blick auf den Bertolt-BrechtPlatz hat ein Käufer bereits für 12 500 Euro pro Quadratmeter erworben derzeit ein Spitzenwert in Berlin. ... Pool und Fitnessstudio gehören zum Standard." (Berliner Zeitung, 25. 11. 2011, S. 19) Segregation und Gentrifizierung sind dagegen Begriffe für eine nahezu moderate und gemütliche, schrittweise Entwicklung, die noch in die Epoche einer sozial-ausgleichenden Politik zu weisen scheint. Heute besetzen sog. Investoren, Raubrittern und Kolonisten gleich, die Filetstücke der Stadt, gefördert von einem sich sozial, sozialdemokratisch und / oder demokratisch nennenden Senat mit seinen willfährigen Majonetten und einer die Einzelinteressen-fördernden und Privatwirtschaft-hörigen Verwaltung. Die ILLIS ist inzwischen somit zu erweitern: In Berlin ist eine Stadtentwicklung und eine Stadtentwicklungspolitik zu beobachten, die bewusst, aktiv und planend den Umbau der Gesellschaft betreibt. Am Ende der Entwicklung steht ein Stadtgefüge mit einer Bevölkerung, die ihrer eigenen Stadt beraubt wurde. " ... die Hälfte der Käufer kommt aus dem Ausland: drei aus New York, drei aus Hongkong, aus England, Italien und der Schweiz." (ebd.) Diese Tendenz der Entfremdung ganzer Kieze von der originären Funktion einer "Bewohnerschaft" durch Ansässige haben wir schon 2008 in den o.g. "Beiträgen" beschrieben (Wir zitieren an dieser Stelle etwas ausführlicher, da die Ab- und Auflösung einer segregierenden resp. gentrifizierenden Stadtentwicklung mit der Implantierung der ILLIS ihren wesentlichen Ausgangspunkt hatte). "Ausdifferenzierte Kieze innerhalb eines Gesamt-Stadtgefüges, jedoch ohne die Problematik einer massiven sozialen Entmischung bis hin zur Segregation, werden ersetzt durch kleinräumliche, individualisierte und individualisierende Wohnareale, die - Einsprengseln gleich Fremdkörper resp. „Solitäre“ darstellen. ... Die politische und ideologische Dimension der Subventionierung von Luxuswohnformen ist augenfällig, sollen sie somit als „sozial“ (statt a-sozial) präsentiert werden. ... Sie (Die Luxusprojekte, d. Verf.) sind nicht nur räumlich separiert, wenn nicht sogar ver- und abgeschlossen, sondern auch sozial isoliert. Sie sind nicht historisch gewachsen, sondern von außen geplant und implantiert. Es sind in der Vielzahl nicht einmal 1 / 2011 27 „communities“, sondern praktizierte „Individual-Luxus-Wohnformen“. Der Verkauf findet überwiegend an externe „Bürger“ statt, so zum Beispiel im Falle des (vorerst gescheiterten) Luxusprojektes „Fehrbelliner Höfe“ an Briten und Amerikaner. ... Das neue Phänomen der „Individual-Luxus-Living-Segmentierung“ überspringt einerseits, auf der Zeitschiene betrachtet, den (längeren) Stadtentwicklungs-Prozess der Gentrifizierung, sie stellt keinen Verlauf mehr dar, sondern eine Implantation. Andererseits wird, unter räumlicher Betrachtung, in sehr kleinteiligem Ausmaß ein Fremdkörper - quasi als Injektion dem bestehenden Gebilde hinzugefügt." (Eckert, M.: Neoliberale Stadtpolitik und die Perversion des sozialen Wohnungsbaus, in: Beiträge zur Sozialwissenschaftlichen Praxis und Analyse, Nr. 11, 1-2008, Berlin 2008, S. 5ff) Wir stellen uns einmal vor, BertoltBrecht würde einen Spaziergang an "seinem Platz" machen, darauf ein Theaterstück im Berliner Ensemble genießen und die heutige Stadtentwicklung kommentieren, wenn er die Vorstellung verlässt. Ob er dabei nicht seine "Resolution der Kommunarden" im Sinne hätte? "In Erwägung, daß da Häuser stehen Während ihr uns ohne Bleibe laßt Haben wir beschlossen, jetzt dort einzuziehen Weil es uns in unsern Löchern nicht mehr paßt. In Erwägung, daß ihr uns dann eben Mit Gewehren und Kanonen droht Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben Mehr zu fürchten als den Tod." (Brecht, B.: Resolution der Kommunarden, vollständig siehe: Dokumente, S. 29f) (Bertolt-Brecht-Platz, Berlin: Brecht-Plastik und Baugelände Luxus-Wohnungen) 28 Beiträge Dokumente RESOLUTION DER KOMMUNARDEN - Bertold Brecht 1 In Erwägung unsrer Schwäche machtet Ihr Gesetze, die uns knechten soll'n. Die Gesetze seien künftig nicht beachtet In Erwägung, daß wir nicht mehr Knecht sein woll'n. In Erwägung, daß ihr uns dann eben Mit Gewehren und Kanonen droht Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben Mehr zu fürchten als den Tod. 2 In Erwägung, daß wir hungrig bleiben Wenn wir dulden, daß ihr uns bestehlt Wollen wir mal feststelln, daß nur Fensterscheiben Uns vom guten Brote trennen, das uns fehlt. In Erwägung, daß ihr uns dann eben Mit Gewehren und Kanonen droht Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben Mehr zu fürchten als den Tod. 3 In Erwägung, daß da Häuser stehen Während ihr uns ohne Bleibe laßt Haben wir beschlossen, jetzt dort einzuziehen Weil es uns in unsern Löchern nicht mehr paßt. In Erwägung, daß ihr uns dann eben Mit Gewehren und Kanonen droht Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben Mehr zu fürchten als den Tod. 1 / 2011 29 4 In Erwägung: es gibt zuviel Kohlen Während es uns ohne Kohlen friert Haben wir beschlossen, sie uns jetzt zu holen In Erwägung, daß es uns dann warm sein wird. In Erwägung, daß ihr uns dann eben Mit Gewehren und Kanonen droht Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben Mehr zu fürchten als den Tod. 5 In Erwägung: es will euch nicht glücken Uns zu schaffen einen guten Lohn Übernehmen wir jetzt selber die Fabriken In Erwägung: ohne euch reicht's für uns schon. In Erwägung, daß ihr uns dann eben Mit Gewehren und Kanonen droht Haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben Mehr zu fürchten als den Tod. 6 In Erwägung, daß wir der Regierung Was sie immer auch verspricht, nicht traun Haben wir beschlossen, unter eigner Führung Uns nunmehr ein gutes Leben aufzubaun. In Erwägung: ihr hört auf Kanonen Andre Sprache könnt ihr nicht verstehn Müssen wir dann eben, ja, das wird sich lohnen Die Kanonen auf euch drehn! (Die "Resolution der Kommunarden" wurde von Hanns Eisler vertont. Bertolt Brecht schrieb den Text im Jahre 1934. Im Jahre 1949 verwendete Brecht die "Resolution" für sein Stück über die Pariser Commune.) 30 Beiträge „Die Sozialwissenschaft arbeitet mit den Akteuren zusammen, damit sie gemeinsam erkennen lernen, was überhaupt gespielt wird.“ (frei nach Alain Touraine) Das „Institut für Sozialwissenschaftliche Praxis und Analyse e.V. (ispa e.V.)“ versteht sich in erster Linie als Ort und Möglichkeit, an dem sich unterschiedliche Denkrichtungen begegnen, sich Perspektiven und Wissenskulturen durchdringen und sich wissenschaftliche Ergebnisse mit konkreten Erfordernissen von gesellschaftlichen Gruppen austauschen. Insofern geht der Anspruch des Instituts ispa e.V. über eine rein theoretisch-wissenschaftliche Ausrichtung hinaus. ispa e.V. will einen Beitrag zur Veränderung politischer und kultureller Hegemonien leisten. ispa e.V. strebt die Initiierung eines Projektes an, in dem Menschen für Menschen ein zukunftsfähiges gesellschaftliches Gegenbild zum Neoliberalismus entwerfen. ispa e.V. soll dabei gängige Theorien und Strategien mit neuen Entwicklungen und Erkenntnissen befruchten und so der Diskussion ideelle Anstöße geben. Es geht ispa e.V. nicht darum, Rezepte für Handeln aus dem Hut zu zaubern. Es geht darum, den Möglichkeitssinn zu schärfen und eine offene Diskussion über Veränderungen anzuregen - insbesondere auch zwischen Wissenschaft und den vielfältigsten gesellschaftlichen Gruppierungen. ispa e.V. will diese Zusammenarbeit von Gesellschaft und Wissenschaft fördern. Dabei ist das Institut eine in allen Bereichen unabhängige Einrichtung. ispa e.V. ist ein als gemeinnützig anerkannter eingetragener Verein. Die Arbeit des Instituts wird bis jetzt ausschließlich ehrenamtlich geleistet. ispa e.V. ist daher auch auf Ihre finanzielle Unterstützung angewiesen. Ihr Beitrag in Form einer Spende oder als förderndes Mitglied ist steuerlich absetzbar! Schreiben Sie uns - gerne schicken wir Ihnen einen Satzungsauszug sowie ein Formular für die Fördermitgliedschaft! e.V. i s p a e.V. Beiträge zur Sozialwissenschaftlichen Praxis und Analyse So grau, unwirtlich und trist das Leben oder einfach auch nur die visuelle Erscheinung des Stadtlebens ist, unsere MOTIN helfen über eine farbharmonische Integration in das städtische Bild, eine gewisse „Fröhlichkeit“ und „Leichtigkeit“ herzustellen. ispa e.V. Postfach 540215 D-10042 Berlin
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