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Full text: Pflege- und pflegeunterstützende Angebote in Berlin Issue 2016

Gut
gepflegt!
Pflege- und pflegeunterstützende
Angebote in Berlin
Landespflegeplan 2016

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1. Einleitung

6

2. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Bundesebene

8

2.1 Pflegeneuausrichtungsgesetz

8

2.2 Pflegestärkungsgesetz I

9

2.3 Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf

10

2.4 Pflegestärkungsgesetz II

10

2.5 Hospiz- und Palliativgesetz

11

2.5 Entbürokratisierung der Pflegedokumentation

12

3. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Landesebene
3.1 Berliner Wohnteilhabegesetz (WTG)

15
15

3.1.1 Überprüfungen durch die Berliner Heimaufsicht

16

3.1.2 Wohnteilhabe-Personalverordnung (WTG-PersV)

17

3.1.3 Wohnteilhabe-Bauverordnung (WTG-BauV)

18

3.1.4 Heimmitwirkungsverordnung und vorgesehene Nachfolgeverordnung

19

3.2. Projekt 80plus
4. Pflegebedürftigkeit in Berlin

19
22

4.1 Grundsätzliche Entwicklung der Pflegebedürftigen und ihrer Versorgung

22

4.2 Entwicklung nach Pflegestufen

24

4.3 Pflegebedürftige und ihre Angehörigen nach Alter und Versorgungsform

27

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

28

5.1 Allgemeine Statistik

28

5.2 Sicherung der Fachkräfte und des Nachwuchses

30

5.3 Praxisanleitung

34

5.4 Schulgeldbefreiung

35

5.5 Reform der Pflegeausbildung

36

5.6 Berufliche Zugänge in die Pflege eröffnen

36

5.7 Wiedereinführung der Ausbildung in der Krankenpflegehilfe

36

5.8 Pflegekammer

37

6. Entwicklung der Pflege bis 2030

38

7. Was ist die passende Versorgungsform?

42

8. Pflege zu Hause

44

8.1 Primat der Versorgung zu Hause

45

8.2 Pflege durch pflegende Angehörige

46

8.2.1 Zur Situation pflegender Angehöriger

47

8.2.2 Belastungen durch die Pflege

49

8.2.3 Entlastung für pflegende Angehörige

50

8.2.4 Maßnahmenplan pflegende Angehörige

51

4

8.2.5 Woche der pflegenden Angehörigen

52

8.2.6 Ausblick

53

8.3 Niedrigschwellige Betreuungsangebote und Kontaktstellen PflegeEngagement

55

8.4 Niedrigschwelliges Begleitangebot der Berliner Mobilitätshilfedienste

56

8.5 Ambulante Pflegedienste

57

8.5.1 Bestand und Entwicklung bis 2013

58

8.5.2 Entwicklung von Bedarfen und Angeboten

61

9. Tagespflege

63

9.1 Bestand und Entwicklung bis 2015

63

9.2 Ergebnisse aus der Zusatzerhebung 2013/2014

65

9.3 Verbesserungen bei der Finanzierung

69

9.4 Aktualisierte Grundlagen für Standards

69

9.5 Ausblick

71

10. Kurzzeitpflege

73

10.1 Bestand und Entwicklung bis 2015

74

10.2 Ergebnisse aus der Zusatzerhebung 2013/2014

75

10.3 Verbesserungen bei der Finanzierung

78

10.4 Aktualisierte Grundlagen für Standards

80

10.5 Ausblick

81

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

84

11.1 Bestand und Entwicklung des Angebotes

84

11.2 Ergebnisse aus der Zusatzerhebung 2013/2014

85

11.3 Fachliche Bewertung des Angebotes - Qualitätsentwicklung

89

11.4 Ärztliche Versorgung

95

11.5 Hospiz- und Palliativversorgung

96

11.5.1 Ausgewählte Daten aus den letzten Zusatzerhebungen zur Bundespflegestatistik

97

11.5.2 Runder Tisch Hospiz- und Palliativversorgung und Landespflegeausschuss

99

11.5.3 Netzwerk Palliative Geriatrie Berlin (NPG)

99

11.5.4 Ausgewählte wissenschaftliche Erkenntnisse zu Handlungsbedarfen

100

11.5.5 Ausblick

102

12. Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen

103

13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

109

13.1 Wissenschaft und Forschung

109

13.2 Leistungen der Pflegeversicherung für Menschen mit Demenz

111

13.3 Ziele und Strukturen auf Landesebene

112

13.4 (Über-) bezirkliche Netzwerkarbeit für Menschen mit Demenz

113

13.5 Individuelle und familiale Ebene

114

5

13.6 Gestaltung des häuslichen Versorgungssettings für Menschen mit Demenz

115

13.7 Wohnformen für demenziell erkrankte Menschen

115

13.8 Ausblick

116

14. Information und Beratung
14.1 Pflegestützpunkte

118
118

14.1.1 Struktur

118

14.1.2 Standorte und Angebote der Pflegestützpunkte

119

14.1.3 Sonderprojekte zur Qualifizierung der Berliner Pflegestützpunkte

120

14.1.4 Inanspruchnahme des Angebots

122

14.1.5 Ausblick

123

14.2 Hilfelotse

124

14.3 Fachstelle für pflegende Angehörige

125

14.4 Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung

125

14.5 Kontaktstellen PflegeEngagement

126

14.6 Kompetenzzentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe (komzen)

127

14.7 Projekt IdeM

128

14.8 Beratung zur Alzheimer-Krankheit

129

14.9 Menschenkind

130

14.10 Pflege in Not

131

14.11 Zentrale Anlaufstelle Hospiz

132

14.12 Schriftenreihe „GUT ALTERN in Berlin“ und weitere Veröffentlichungen

133

14.13 Zusätzliche Beratungs- und Informationsangebote im Internet

137

15. Zusammenfassung

140

Abbildungsverzeichnis

144

6

1. Einleitung

1. Einleitung
Die Bundesländer haben gemäß § 9 des Elften Buches Sozialgesetzbuch (SGB XI) die Aufgabe, eine
leistungsfähige, zahlenmäßig ausreichende und wirtschaftliche pflegerische Versorgungsstruktur
vorzuhalten. Der Landespflegeplan dient insofern sowohl als Nachweis der Aufgabenerfüllung als
auch als Grundlage weiteren Handelns.
Im vorliegenden Landespflegeplan finden Sie einen Überblick der Angebote zur Information, Beratung und Hilfe rund um die Pflege in Berlin. Pflegebedürftige und Angehörige finden hier alles
Wissenswerte zu ambulanten und stationären Pflegeangeboten, zu gesetzlichen Grundlagen und
Ansprechpartnern für Fragen zu speziellen Pflegesituationen. Mit dem Landespflegeplan werden
auch das Angebot und die Nachfrage in der Pflege auf der Grundlage von Bevölkerungsdaten und
statistischen Erhebungen zu ambulanten Pflegediensten und stationären Einrichtungen dargestellt.
So können künftige Entwicklungen und die daraus entstehenden Anforderungen, z. B. an die Anbieter von Pflegeangeboten, besser eingeschätzt werden.
Die pflegerische Versorgung der Bevölkerung ist in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus des
öffentlichen Interesses gerückt und zu einem politischen Thema mit hohem Gewicht geworden.
Daran wird sich in den kommenden Jahrzehnten angesichts der demografischen Entwicklung nichts
ändern. Berlin wächst und wird dabei älter. Die Bevölkerungsprognose für Berlin geht davon aus,
dass die Zahl der über 80-Jährigen bis 2030 um 62% steigt und damit die Bevölkerungsgruppe ist,
die in den nächsten Jahren prozentual am stärksten wächst. Bis 2030 wird die Zahl der pflegebedürftigen Menschen insgesamt auf etwa 170.000 ansteigen.
Diese Entwicklung stellt Politik und Verwaltung, die Anbieter von Pflegeleistungen aber auch unsere
Stadtgesellschaft insgesamt vor eine große Herausforderung. Gemeinsames Ziel ist es, im Jahr 2030
eine mindestens genauso gute Versorgung der Pflegebedürftigen zu erreichen, wie wir sie heute
haben. Dieser Anspruch gilt sowohl für die Quantität der Versorgungsangebote als auch für ihre
Qualität.
Die soziale Pflegeversicherung ist als Teilkaskoversicherung konzipiert. Pflegearbeit wird daher
vielfach von Angehörigen, in der Regel von Ehefrauen, Töchtern und Schwiegertöchtern, unentgeltlich geleistet. Der demografische und soziale Wandel führt allerdings dazu, dass das Pflegepotential durch Angehörige abnimmt. Pflegende Angehörige sind unersetzliche Partner zur Sicherung des Pflegesystems in der Stadt. Ende 2013 wurden mehr als die Hälfte aller Pflegebedürftigen
allein von ihren Angehörigen oder anderen ihnen nahestehende Personen zu Hause gepflegt. Den
Gepflegten ermöglicht dies den Verbleib im vertrauten Umfeld und die Aufrechterhaltung ihrer
sozialen Beziehungen. Für die Gesellschaft als Ganzes ermöglicht es einen Grad der Zuwendung und
Fürsorge, der mit professionellen Pflegediensten allein nicht realisierbar wäre. Den pflegenden
Angehörigen die ihnen zustehende Wertschätzung zuteilwerden zu lassen und ihnen so viel Information, Beratung und Unterstützung wie nur möglich zu bieten, ist daher ein wichtiges Anliegen der
Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales. Dieser Landespflegeplan soll auch für pflegende
Angehörige einen kompakten Überblick über das breite Unterstützungs- und Beratungsangebot in
Berlin bieten.
Ende 2013 arbeiteten etwa 42.000 Menschen in Pflegeheimen oder bei ambulanten Pflegediensten.
Für eine gute Pflege auch im Jahr 2030 brauchen wir mehr professionell Pflegende. Die Erhöhung
der Zahl der in der Pflege Beschäftigten ist deshalb eine der Hauptaufgaben der nächsten Jahre. Vor
diesem Hintergrund enthält dieser Landespflegeplan erstmals einen Schwerpunkt zur jetzigen Situ-

1. Einleitung

ation der Pflegekräfte in Berlin, zur Sicherung des Nachwuchses und zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen, damit die in der Pflege Tätigen länger in ihrem Beruf verweilen.
Seit dem Erscheinen des letzten Landespflegeplanes wurden mehrere grundsätzliche Änderungen
auf Bundes- und Landesebene im Bereich der Pflege beschlossen. Mit den Pflegestärkungsgesetzen
und dem Pflegeneuausrichtungsgesetz wurden auf Bundesebene wegweisende Verbesserungen für
die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen erreicht. Im Rahmen des zweiten Pflegestärkungsgesetzes wurden der schon lang erwartete neue Pflegebedürftigkeitsbegriff und ein neues Begutachtungsverfahren beschlossen. Zudem wurde für einen Anspruch auf Regelleistungen aus der
Pflegeversicherung die bisherige Unterscheidung zwischen pflegebedürftigen Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Menschen mit demenzbedingten Fähigkeitsstörungen, geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen aufgehoben. Auf Landesebene sind mit dem Wohnteilhabegesetz die Rahmenbedingungen für das Leben in (teil-)stationären Pflegeeinrichtungen und betreuten Pflege-Wohngemeinschaften verbessert worden.
Die Daten der Bevölkerung und ihrer demografischen Entwicklung in diesem Landespflegeplan basieren vorwiegend auf Angaben des Amts für Statistik Berlin-Brandenburg. Darüber hinaus wurden
zur Darstellung der Berliner Pflegelandschaft Ergebnisse der Bundespflegestatistik verwendet. Diese
Erhebungen werden alle zwei Jahre durchgeführt. Die derzeit aktuellsten verfügbaren Daten dieser
Statistiken sind vom Dezember 2013. Darüber hinaus wurden Ergebnisse der Zusatzerhebung
2013/2014 im Bereich der (teil-)stationären Angebote, die durch die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales alle zwei Jahre durchgeführt wird, genutzt. Ebenso ist die neue Bevölkerungsprognose für Berlin und seine Bezirke 2015 – 2030 für die Berechnung des künftigen Bedarfs an
Einrichtungen und Fachkräften herangezogen worden.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass im ambulanten wie auch im stationären Bereich
auch künftig eine qualitativ hochwertige und quantitativ auskömmliche Versorgung sichergestellt
ist. Ein breites und gut funktionierendes Netz an Informations-, Hilfs- und Beratungsangeboten,
ergänzt um pflegeflankierende Dienstleistungen, ermöglicht es Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen, sich in der Berliner Pflegelandschaft zu orientieren und geeignete Lösungen auch in speziellen Pflegesituationen zu finden. Dieses breite Angebot an Einrichtungen, Diensten und Unterstützung gilt es für die Zukunft zu sichern und bedarfsgerecht zu erweitern. Die Gewinnung neuer Pflegekräfte, die „Pflege“ der heute schon in der Pflege Beschäftigten und der pflegenden Angehörigen
werden dabei die zentralen Herausforderungen sein, der sich Politik, Verwaltung, Leistungsanbieter,
Kostenträger und die Gesellschaft gemeinsam stellen müssen.

7

2. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Bundesebene

8

2. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der
Pflegepolitik auf Bundesebene
Seit der Veröffentlichung des Landespflegeplanes 20111 hat der Bundesgesetzgeber insgesamt drei
Reformen des Elften Buches Sozialgesetzbuch (SGB XI), der Sozialen Pflegeversicherung, auf den
Weg gebracht. Die beiden ersten Reformen des Pflegeneuausrichtungsgesetzes (PNG) und des ersten Pflegestärkungsgesetzes (PSG I) dienten in erster Linie der Überbrückung sowie der Vorbereitung der großen SGB XI-Reform über das zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG II), mit der die fünfte
Säule der Sozialversicherung ab 01. Januar 2017 über einen neuen Begriff der Pflegebedürftigkeit
auf eine veränderte, wissenschaftlich fundierte und breitere Grundlage gestellt wird.

2.1 Pflegeneuausrichtungsgesetz
Mit dem Gesetz zur Neuausrichtung der Pflegeversicherung (Pflege-Neuausrichtungs-Gesetz (PNG)
vom 23. Oktober 2012 sollte die pflegerische Versorgung von an Demenz erkrankten Menschen ab
dem 01. Januar2013 verbessert werden, da die Vorbereitungen zur gesetzlichen Einführung des
neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffes noch nicht abgeschlossen waren. ( Abschnitt 2.4) Diese neuen
Leistungen nach dem PNG sollten zur Überbrückung gewährt werden, bis ein Gesetz in Kraft tritt,
das eine Leistungsgewährung aufgrund eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs und eines entsprechenden Begutachtungsverfahrens vorsieht. Dieses Gesetz ist inzwischen als Pflegestärkungsgesetz II (PSG II) am 01. Januar 2016 in Kraft getreten.
Mit dem PNG wird erstmalig Personen mit demenzbedingten Fähigkeitsstörungen, geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ein Anspruch auf Regelleistungen der Pflegeversicherung zugesprochen, obwohl ihnen nach dem bis dahin geltenden Begriff der Pflegebedürftigkeit keine Pflegestufe zuerkannt werden konnte. Auch Personen mit Pflegestufe I und II werden
höhere Geld- und Pflegesachleistungen gewährt, wenn sie auch in ihrer Alltagskompetenz in obigem
Sinne erheblich eingeschränkt sind. Es ist seit diesem Zeitpunkt auch erstmalig möglich, häusliche
Betreuungsmaßnahmen abzurufen, die in keinem Zusammenhang zu grundpflegerischen Verrichtungen stehen. Dazu gehört die Unterstützung von Aktivitäten zur Kommunikation und zur Aufrechterhaltung sozialer Kontakte, aber auch Hilfen bei der Gestaltung des häuslichen Alltags. Der
oder die Pflegebedürftige entscheidet, welche Hilfen konkret abgerufen werden, solange im Einzelfall die Grundpflege und hauswirtschaftliche Versorgung sichergestellt ist.
Schließlich wollte der Gesetzgeber, dass die Verbraucherposition der Pflegebedürftigen und ihrer
Angehörigen gestärkt sowie ihre medizinische Versorgung in Pflegeheimen auf eine verlässliche
rechtliche Grundlage gestellt wird. Daher wurde mit dem PNG ein Anspruch auf Erstberatung innerhalb von 14 Tagen ab Antragstellung sowie eine Strafzahlung der zuständigen Pflegekasse bei
Überschreitung der gesetzlich festgelegten Fristen zur Begutachtung und Bescheiderteilung eingeführt. Diese Regelung hat, auch zusammen mit weiteren Prozessoptimierungen, inzwischen zu
deutlich kürzeren Bearbeitungszeiten geführt.
Von der Möglichkeit, bei der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KVB) einen Antrag auf Vermittlung eines Kooperationsvertrages mit einem Arzt oder Zahnarzt zu stellen, haben die Pflegeheime
in Berlin bislang nur in geringem Ausmaß Gebrauch gemacht. ( Abschnitt 11.4) Nach Aussage der
KVB organisieren die Pflegeheime die ärztliche und zahnärztliche Versorgung in zufriedenstellendem Maße über niedergelassene Ärztinnen und Ärzte oder über Kooperationen mit Krankenkassen.
1

Pflege- und pflegeunterstützende Angebote in Berlin Landespflegeplan 2011, Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, Berlin,
2012.

2. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Bundesebene

Auch in diesem Zusammenhang ist festzustellen, dass die Neuregelung nicht zu einer wesentlichen
Verbesserung der medizinischen Versorgung beigetragen hat.
Ein weiteres wichtiges Anliegen des PNG war die Förderung neuer Wohn- und Versorgungsformen.
Zur Förderung von Pflege-Wohngemeinschaften (-7 Abschnitt 12) wurde daher ab 30. Oktober 2012
der sogenannte Wohngruppenzuschlag eingeführt, der Pflegekassen und Kommunalverwaltungen
allerdings vor Umsetzungsprobleme gestellt hat, die teilweise heute noch nicht gelöst sind. Dies
liegt u.a. daran, dass der Gesetzgeber nicht in genügendem Maße deutlich gemacht hat, wozu der
Zuschlag dienen soll bzw. welche Leistungen hierfür eingekauft werden sollen. Es war umstritten,
ob mit dem Wohngruppenzuschlag Leistungen zu finanzieren sind, die schon bisher im Rahmen der
Versorgung in einer Pflege-Wohngemeinschaft von den dort tätigen Pflegediensten über im Land
Berlin vereinbarte Leistungskomplexe zu leisten und letztlich über die Hilfe zur Pflege (HzP) vom
Land Berlin als Träger der Sozialhilfe zu finanzieren waren. Hierbei ging es zunächst insbesondere
um organisatorische, aber auch pflegerische Tätigkeiten des Pflegedienstes. Aufgrund zwischenzeitlich ergangener Rechtsprechungen erfolgt wegen der Nachrangigkeit der Sozialhilfe eine Anrechnung auf die Fürsorgeleistungen nach dem SGB XII, also die Leistungen der HzP. Es wird damit
der Rechtsauffassung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) als dem für das SGB
XII zuständigen Bundesministerium gefolgt.
Auch die Anschubfinanzierung für neu gegründete Pflege-Wohngemeinschaften im Zusammenhang
mit einer altersgerechten und barrierearmen Umgestaltung der gemeinsamen Wohnung ist in Berlin
bisher kaum zum Tragen gekommen, da die meisten Pflege-Wohngemeinschaften von Leistungsoder Wohnraumanbietern initiiert werden, die den Wohnraum regelmäßig bereits im Vorfeld pflegeund behindertengerecht entsprechend auswählen bzw. ausbauen.

2.2 Pflegestärkungsgesetz I
Mit dem Ersten Pflegestärkungsgesetz (PSG I) vom 17. Dezember 2014 verfolgte der Gesetzgeber
vornehmlich das Ziel, die häusliche Pflege durch die Ausweitung und Flexibilisierung flankierender
Ansprüche auf Kurzzeit- und Verhinderungspflege sowie Tagespflege zu stärken. Die Neuregelungen
ermöglichen es den Pflegebedürftigen ab dem 01. Januar 2015, bei Ausfall bzw. zur Entlastung der
häuslichen Pflegeperson, unkompliziert und kurzfristig eine alternative Versorgung zu organisieren
und diese auch von der Pflegekasse finanziert zu bekommen.
Positiv gesehen werden die vorgesehenen Kombinationsmöglichkeiten der Verhinderungs- und der
Kurzzeitpflege. Pflegebedürftige einschließlich der Pflegestufe Null können die beiden Leistungsarten entsprechend ihrer individuellen Bedarfslage passgenau zusammenstellen. Hierbei ist besonders hervorzuheben, dass die Kurzzeitpflege durch Leistungen der Verhinderungspflege zeitlich von
vier auf acht Wochen erweitert und finanziell voll um die Pauschale Verhinderungspflege aufgestockt und damit verdoppelt werden kann. Damit wird die Kurzzeitpflege leistungsmäßig aufgewertet.
Zu einer Stärkung des Einrichtungstyps „Tagespflege“ wird beitragen, dass jetzt Leistungen der
Tagespflege voll neben den Sachleistungen der häuslichen Pflege in Anspruch genommen werden
können, ohne dass es zu Kürzungen kommt. Das ist auch ein Beitrag zur Entlastung pflegender
Angehöriger.
Zu begrüßen ist ferner, dass Pflegesachleistungen nach §§ 36, 123 SGB XI zur Finanzierung von
Pflegediensten nun zu 50% für die Inanspruchnahme niedrigschwelliger Betreuungsangebote verwendet werden dürfen, wenn die Grundpflege und die hauswirtschaftliche Versorgung sichergestellt

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10

2. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Bundesebene

sind. Das stärkt die vorhandene Angebotsstruktur, die auch nach Einführung des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs erhalten und gestärkt werden soll.
Zudem wurden ab 2015 die zusätzlichen Betreuungsleistungen nach § 45b SGB XI inhaltlich um
Entlastungsleistungen erweitert, so dass von dem hierfür zur Verfügung stehenden Budget von 104
bzw. 208 Euro auch die Unterstützung bei der hauswirtschaftlichen Versorgung, bei der Bewältigung des Alltags und beim Organisieren von Hilfeleistungen bzw. zur Entlastung von privaten Pflegepersonen eingekauft werden kann. ( Abschnitt 8.3)
Ferner wurde mit dem Inkrafttreten des PSG I auch der leistungsberechtigte Personenkreises in
Bezug auf die Leistungen nach § 45b SGB XI sowie § 87b SGB XI erweitert: Auch Pflegebedürftige,
die körperlich behindert oder erkrankt sind, erhalten nun die zusätzlichen Betreuungs- und Entlastungsleistungen nach § 45b SGB XI in Höhe von 104 Euro. Gleiches gilt für die Vergütungszuschläge
für zusätzliche Betreuung und Aktivierung in stationären Einrichtungen nach § 87b SGB XI.
Schließlich wurden mit dem PSG I sämtliche Leistungsbeträge auf der Grundlage der Preisentwicklung in den Jahren 2012 bis 2014 angehoben und ein Pflegevorsorgefonds eingeführt. In dieses
Sondervermögen werden ab 2015 für einen Zeitraum von 20 Jahren bestimmte Beitragsanteile
eingezahlt, damit das angesparte Geld für die geburtenstarken Jahrgänge 1959 bis 1967 ab 2034
zur Verfügung steht. Es soll somit vermieden werden, dass in dieser Zeit die Beiträge unverhältnismäßig erhöht werden müssen oder das Leistungsangebot nicht mehr aufrechterhalten werden
kann.

2.3 Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf
Am 01. Januar 2015 traten mit dem Gesetz zur besseren Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf
Verbesserungen für Beschäftigte in Betrieben mit regelmäßig wenigstens 16 Beschäftigten in Kraft,
die die pflegerische Versorgung von Angehörigen übernehmen möchten. Das Gesetz räumt den
Betroffenen erstmalig einen Anspruch auf Reduzierung der Arbeitszeit auf bis zu 15 Stunden wöchentlich für eine Gesamtdauer von zwei Jahren ein. In den zwei Jahren ist es möglich, sich für sechs
Monate auch vollständig von der Arbeit frei stellen zu lassen. Für die Zeit des reduzierten Arbeitsentgeltes kann ein Darlehen des Bundesamtes für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in
Anspruch genommen werden. Für eine kurzfristige Arbeitsverhinderung bis zu zehn Tagen, in der
die pflegerische Versorgung eines Angehörigen organisiert werden muss, besteht ein Anspruch auf
Pflegeunterstützungsgeld der Pflegeversicherung als Lohnersatzleistung.

2.4 Pflegestärkungsgesetz II
Am 01. Januar 2016 ist das Zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG II) in Kraft getreten. Damit wurden
Regelungen getroffen, um eine möglichst reibungslose Umstellung der Pflegeversicherung auf den
neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff und das damit eng verbundene Neue Begutachtungsverfahren,
das Begutachtungs-Assessment (NBA), zum 01. Januar 2017 vorzubereiten.

2. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Bundesebene

Ein Jahrzehnt zähen Ringens um das „Wie“ der neuen Begrifflichkeit war dem vorausgegangen. Mit
dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff wird der tatsächliche Unterstützungsbedarf eines Menschen
besser und umfassender erfasst. Für Ansprüche auf Leistungen aus der Pflegeversicherung kommt
es künftig darauf an, welchen Grad der Selbständigkeit der oder die Betroffene noch hat und in
welchem Umfang Defizite ausgeglichen werden müssen. Das gilt unabhängig davon, ob jemand an
einer kognitiven, psychischen oder an einer körperlichen Einschränkung leidet. Alle Pflegebedürftigen erhalten damit gleichberechtigt Zugang zu den Leistungen der Pflegeversicherung.
Das bisherige Leistungssystem der drei Pflegestufen wird ab 01. Januar 2017 durch fünf Pflegegrade
ersetzt. Die bisherigen Sonderleistungen insbesondere für Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz werden in die Regelleistungen integriert. Einige Leistungen setzen bereits in einem deutlich früheren Stadium der Pflegebedürftigkeit ein als nach dem geltenden Recht. Im Mittelpunkt
stehen zu diesem frühen Zeitpunkt vor allem Beratungsleistungen sowie Leistungen zur Stabilisierung der häuslichen Versorgungssituation. Mit dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff wird eine
zusätzliche Feststellung von erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz, insbesondere Demenz,
nicht mehr erforderlich sein. Es wird damit gerechnet, dass bundesweit bis zu 500.000 Menschen
zusätzlich leistungsberechtigt sein werden.
Für alle Pflegebedürftigen, die am 31. Dezember 2016 bereits Leistungen aus der Pflegeversicherung erhalten, wird durch eine Überleitungsvorschrift sichergestellt, dass sie ohne erneute Begutachtung zum Jahresbeginn 2017 in das neue Leistungssystem mit den fünf neuen Pflegegraden
überführt werden. Dabei hat sich der Gesetzgeber vom Gedanken leiten lassen, dass es für die Betroffenen möglichst zu keinen Benachteiligungen kommen soll. Das wird grundsätzlich dadurch
erreicht, dass sie ab 2017 vielfach höhere, mindestens jedoch gleich hohe Leistungen erhalten werden. Mit diesen Leistungsaufstockungen wird die gesetzlich im Jahr 2018 fällige Dynamisierung der
Leistungsbeträge um ein Jahr vorgezogen.
Zusätzlich sind insbesondere in der vollstationären Pflege Bestandsschutzregelungen getroffen
worden, um eine Schlechterstellung von Leistungsbeziehern zu vermeiden, Hintergrund ist, dass ab
01. Januar 2017 die Vereinbarung der Pflegesätze für vollstationäre Pflegeeinrichtungen an engere
gesetzliche Vorgaben geknüpft wird. In den Pflegegraden 2 bis 5 ist ein einrichtungseinheitlicher
Eigenanteil der Pflegebedürftigen zu ermitteln bzw. zu vereinbaren, der in den niedrigeren Pflegegraden zu einer Erhöhung gegenüber dem bisherigen individuellen Eigenanteil des Pflegebedürftigen führt. In diesen Fällen wird der bis zum 31. Dezember 2016 zu zahlende individuelle Eigenanteil unter Bestandsschutz gestellt und ein entsprechender Zuschlag in Höhe der Differenz durch die
Pflegekasse an die Pflegeeinrichtung gezahlt.

2.5 Hospiz- und Palliativgesetz
Am 05. November 2015 verabschiedete der Deutsche Bundestag das Gesetz zur Verbesserung der
Hospiz-und Palliativversorgung in Deutschland (Hospiz- und Palliativgesetz – HPG). Mit dem HPG
gibt die Bundesregierung Anreize zum weiteren Auf- und Ausbau der Hospiz- und Palliativversorgung mit dem Ziel, dass alle Menschen im Sterben gut begleitet und versorgt sind.
Das HPG setzt einige Akzente für eine vertiefende Auseinandersetzung mit Fragen der Versorgung
und Betreuung sterbender Menschen durch die Pflegestrukturen. So wird klargestellt, dass Sterbebegleitung Teil des Versorgungsauftrages der sozialen Pflegeversicherung ist.
So stellt beispielsweise die ganzheitliche Begleitung und Versorgung von Bewohnerinnen und Bewohnern am Lebensende eine Kernaufgabe von Pflegeheimen dar. Dazu soll unter anderem mit

11

12

2. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Bundesebene

ambulanten Hospizdiensten sowie Ärztinnen und Ärzten kooperiert werden. Die Teilnahme von Vertragsärztinnen und –ärzten an den Kooperationsverträgen wird durch entsprechende Vergütungen
gefördert. Für die Pflegeheime bestehen Informationspflichten gegenüber den Landesverbänden der
Pflegekassen über Vernetzung und Kooperation mit ehrenamtlichen Hospizdiensten, Pflegediensten, Ärztinnen und Ärzten mit einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV)
sowie weiteren Partnern regionaler Hospiz- und Palliativnetzwerke.
Neu ist auch, dass Pflegeheime eine gesundheitliche Versorgungsplanung zum Lebensende in Form
eines mehrstufigen Beratungsprozesses anbieten können. Hier erfolgt im Rahmen individueller
Beratung und Fallbesprechung eine Begleitung der Bewohnerinnen und Bewohner sowie ggf. der
Angehörigen bei der Entwicklung eigener Vorstellungen insbesondere zur Intensität und Grenzen
medizinischer Interventionen, zu Versorgungsabläufen, palliativpflegerischen und -medizinischen
Maßnahmen in der letzten Lebensphase. Auch Notfallszenarien sollen besprochen werden. Näheres
zu Inhalten und Anforderungen ist vom GKV-Spitzenverband mit den Vereinigungen der Träger der
vollstationären Pflege auf Bundesebene noch festzulegen.
Das HPG berücksichtigt nach Ansicht des Bundesrates nicht, dass eine Ergänzung des Leistungskatalogs des § 28 SGB XI und der Rahmenverträge nach § 75 SGB XI um Maßnahmen der Sterbebegleitung über eine reine gesetzgeberische Klarstellung hinausgeht. Die erhöhte Leistungserwartung an die Pflege wirft Fragen der Finanzierung der Mehrkosten auf, wobei der Bundesrat
eine weitere finanzielle Belastung der Pflegebedürftigen und der Träger der Sozialhilfe vor dem
Hintergrund des bestehenden Teilleistungssystems der Pflegeversicherung vermieden sehen will.
Auch die Frage der hinreichenden Finanzierung der besonderen medizinischen Behandlungspflege
für Menschen in der letzten Lebensphase in Pflegeheimen ist zu überprüfen. Der Bundesrat hat die
Bundesregierung in seiner Entschließung zum HPG aufgefordert, zeitnah die vom Bundesrat eingeforderten Verbesserungen in der hospizlichen und palliativen Versorgung im Bereich der Pflege
durch entsprechende weitere Initiativen umzusetzen.
Durch das HPG erhalten die Versicherten auch einen Anspruch auf individuelle Beratung und Hilfestellung durch die gesetzlichen Krankenkassen bei der Auswahl und Inanspruchnahme von Leistungen der Palliativ- und Hospizversorgung. Dabei sollen Krankenkassen auch allgemein über Möglichkeiten der persönlichen Vorsorge für die letzte Lebensphase, insbesondere zu Patientenverfügung,
Vorsorgevollmacht und Betreuungsverfügung, informieren. Die beratenden Krankenkassen haben
den Auftrag, sich dabei mit einschlägigen Beratungsstellen zu vernetzen. Die regionalen oder spezialisierten Beratungsangebote sollen sinnvoll ergänzt werden, um die bisher noch verbreiteten Informationsdefizite in der Bevölkerung über die Leistungen der Hospiz- und Palliativversorgung zu
beseitigen. Es bleibt abzuwarten, welche konkreten Auswirkungen dies auf die Tätigkeit der im Land
bereits zu diesen Feldern beratend tätig werdenden Strukturen wie den Pflegestützpunkten und der
Zentralen Anlaufstelle Hospiz hat. ( Abschnitt 14)

2.5 Entbürokratisierung der Pflegedokumentation
Der bisherige Dokumentationsumfang in der Pflege wurde insbesondere von den Verbänden der
Leistungserbringer und vom Pflegepersonal als starke und meist unnötige Belastung empfunden.
Die Bundesregierung hat daher 2011 das Modellprojekt „Effizienzsteigerung in der Pflegedokumentation“ unter Beteiligung von Expertinnen und Experten aus Praxis und Wissenschaft, der Bundesländer sowie mit juristischer Beratung initiiert und inzwischen erfolgreich in eine Implementierungsphase überführt. Das Projekt wird wissenschaftlich begleitet und zurzeit evaluiert, um ggf.
notwendige Anpassungen vornehmen zu können.

2. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Bundesebene

Im Rahmen des Modellprojektes wurde ein vereinfachtes Dokumentationskonzept entwickelt, das
im Kern durch folgende Grundsätze geprägt ist:
•

Vereinfachtes Dokumentationskonzept mit dem Ziel, verzichtbare Dokumentationspflichten abzubauen und nur noch so viel zu dokumentieren, wie zur Sicherung einer qualitätsgesicherten Pflege erforderlich ist. Im Ergebnis sollen nur noch Abweichungen von der
Standard-Pflege dokumentiert werden.

•

Die Kompatibilität zwischen dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff und dem individuellen
Leistungsspektrum der Pflegebedürftigen herzustellen, und damit die Individualität und
die Selbstbestimmung der Pflegebedürftigen stärker zu berücksichtigen.

•

Die Beachtung von regelmäßigen Evaluationen, um die Pflege- und Maßnahmenplanung
ausgewogen zu überprüfen und ggf. anzupassen.

•

Die Reduzierung bzw. der Verzicht der Einzelnachweise bei der stationären Pflege. Bei der
ambulanten Pflege wird dies aus haftungs- und abrechnungsrelevanten Überlegungen
nicht vorgeschlagen.

•

Die Reduzierung der Handlungsfelder, die für die Pflegeplanung relevant sind.

Durch ein im Rahmen des Projektes beauftragtes Rechtsgutachten wurde deutlich, dass es bei der
Pflegedokumentation eine differenzierte Betrachtung zwischen der stationären und ambulanten
Pflege geben muss, da die Pflegesituation und die Abläufe der jeweiligen Leistungserbringungen
unterschiedlich sind und die Leistungserbringung damit anderen fachlichen und rechtlichen Anforderungen genügen muss.
Zusammen mit dem Berliner Institut IGES und der ehemaligen Ombudsfrau beim Bundesministerium für Gesundheit, Frau Elisabeth Beikirch, soll das Projekt flächendeckend umgesetzt werden. In
einem ersten Schritt sollten im Rahmen der zweijährigen Projektphase rund 25% der Einrichtungen
und Dienste für diese vereinfachte Dokumentation und die dafür notwendigen Schulungen gewonnen werden. Diese Quote ist bereits in allen Bundesländern übertroffen worden. Bundesweit
haben sich zum 02. Februar 2016 35% der stationären Einrichtungen und 33% der ambulanten
Dienste registriert. In Berlin hatten sich zu diesem Zeitpunkt 41% der 567 ambulanten Pflegedienste
und 37% der 378 voll- und teilstationären Einrichtungen zur Teilnahme registriert.
Gesteuert wird das Projekt über das Lenkungsgremium auf Bundesebene. Hier wird der Handlungsbedarf erfasst, gutachterliche Stellungnahmen beauftragt und die Informations- und Öffentlichkeitsarbeit geleistet. Das Projektbüro „Ein-STEP“ ist die Kommunikationsplattform und zuständig
für das Informations- und Berichtswesen, für die Entwicklung der Schulungsmaterialien und die
Organisation von Schulungs- und Informationsveranstaltungen. Die hier angesiedelten Regionalkoordinatoren stellen den Kontakt zu den Kooperationsgremien der Länder sicher.
In Berlin tagt das Kooperationsgremium, das auf Beschluss des Landespflegeausschusses eingesetzt
wurde, regelmäßig und hält den Kontakt zu den Bundesgremien, klärt auftretende Fragen und regionale Besonderheiten. Durch das Kooperationsgremium wurden u.a. Veranstaltungen mit den Altenpflegeschulen und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der bezirklichen Sozialämter durchgeführt. Ein Schwerpunkt der Arbeit ist zudem der stetige Austausch mit den Prüfinstanzen des
Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, dem Prüfdienst der Privaten Krankenversicherung und
der Heimaufsicht im Landesamt für Gesundheit und Soziales.
Der Medizinische Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen hat gemeinsame Schulungen von Mitarbeitern des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen und der Heimaufsichten von

13

14

2. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Bundesebene

April bis Mai 2015 durchgeführt. Zwei Beschäftigte der Berliner Heimaufsicht haben ebenfalls an
einer solchen Multiplikatoren-Schulung teilgenommen.
Aus Sicht der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales handelt es sich bei der vereinfachten
Pflegedokumentation um ein sinnvolles und zu unterstützendes Projekt, da
•

die Qualitätsdebatte für die Pflege dadurch intensiviert wird,

•

die Einflussmöglichkeiten der Pflegebedürftigen verstärkt wird,

•

die entscheidungsrelevante Informationssammlung zum/zur Pflegebedürftigen auf wesentliche sechs Lebensbereiche reduziert wird,

•

die Dokumentation von Routinetätigkeiten in der Grundpflege reduziert werden kann und
die dadurch freiwerdenden Ressourcen die Qualität der Pflegeleistungen fördern können,

•

das Evaluationsprinzip in institutionalisierter Form Bestandteil der Pflegeverfahren werden
soll,

•

die Belastung der Pflegekräfte durch ein verändertes Zusammenarbeiten mit den
Prüfinstanzen abgemildert werden soll und sich dadurch auch die Attraktivität des Berufsbildes erhöhen könnte.

Um den Prozess der Einführung der neuen Pflegedokumentation in Berlin zu unterstützen und die
frühestmögliche Beteiligung der Pflegedienste voran zu treiben, haben Pflegekassen, Land Berlin
und die Verbände der Leistungserbringer im Rahmen der Vergütungsverhandlungen vereinbart, für
diesen Prozess dauerhaft 0,5% Vergütungssteigerung zur Verfügung zu stellen. Das Pflegestärkungsgesetz II stellt ergänzend klar, dass Zeitersparnisse aufgrund neuer Pflegedokumentationsmodelle nicht zu einer Absenkung der Pflegevergütung führen, sondern der Arbeitsverdichtung
entgegenwirken sollen. Gerade die Rückgewinnung von Zeit für die Pflegebedürftigen und die Pflegekräfte sind ein entscheidendes Argument für die vereinfachte Dokumentation. Dass dieses Ziel
tatsächlich erreicht wird, muss aus Sicht der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales im
Fokus der Evaluation des Projektes stehen.
Die Pflegedokumentation ist aus Steuerungsperspektive der Kostenträger auch ein Instrument, um
sowohl eine vertragskonforme Leistungserbringung als auch die Qualität der erbrachten Leistungen
überprüfen zu können. Insofern wird das Land Berlin in seiner Rolle als Sozialhilfeträger darauf
achten, dass alle abrechnungsrelevanten und zahlungsbegründenden Unterlagen weiterhin und
aussagekräftig eingereicht werden.
Alle Informationen rund um die neue Pflegedokumentation:

 https://www.ein-step.de/

3. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Landesebene

3. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der
Pflegepolitik auf Landesebene
Im Zuge der Föderalisierung des Bundesheimgesetzes im Jahre 2006 war der Landesgesetzgeber
gefordert, für das Land Berlin ein Nachfolgegesetz zu erlassen. Dem ist er mit dem Gesetz über
Selbstbestimmung und Teilhabe in betreuten gemeinschaftlichen Wohnformen (Wohnteilhabegesetz – WTG) nachgekommen. Inzwischen wurden auch die Personalverordnung und die Bauverordnung zum WTG in Kraft gesetzt. Die Mitwirkungsverordnung soll im Laufe des Jahres 2016 in Kraft
treten. Einen weiteren Schwerpunkt der Pflegepolitik bildet das Diskussionspapier 80plus, das die
medizinische und pflegerische Versorgung Hochaltriger in den Fokus rückt.

3.1 Berliner Wohnteilhabegesetz (WTG)
Das WTG trat am 01. Juli 2010 in Kraft und löste damit für Berlin den ordnungsrechtlichen Teil des
bisherigen Heimgesetzes des Bundes ab. Der zivilrechtliche Teil des Bundesheimrechts, der das
Heimvertragsrecht betraf, blieb weiter der Zuständigkeit des Bundes zugeordnet. Auf dieser Grundlage erließ der Bund das Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz (WBVG).
Das WTG und die dazu gehörenden drei Rechtsverordnungen legen im Land Berlin die ordnungsrechtlichen Mindestanforderungen und Qualitätsstandards an die Erbringung von Pflege- und Betreuungsleistungen in stationären Einrichtungen und in Wohngemeinschaften für ältere, pflegebedürftige und behinderte volljährige Menschen fest. Adressat der zu erfüllenden Anforderungen sind
die Leistungserbringer, also Einrichtungsträger oder Pflege- und Betreuungsdienste. Für Dienste
und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in Wohngemeinschaften tätig sind, gelten zumeist
die gleichen Anforderungen nach dem WTG wie für Träger in Einrichtungen.
Des Weiteren werden im WTG auch die ordnungsrechtlichen Aufgaben und Befugnisse der Aufsichtsbehörde beim Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin, der Heimaufsicht, geregelt. Auf
dieser Grundlage überwacht die Heimaufsicht die Leistungserbringer auf Einhaltung der Mindestanforderungen und Qualitätsstandards mit den ihr zur Verfügung stehenden Aufsichtsinstrumenten.
Der Anwendungsbereich des Berliner WTG erstreckt sich auf stationäre Einrichtungen und ausdrücklich auch auf Wohngemeinschaften. Dies schließt sowohl Pflege-Wohngemeinschaften, also
betreute Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Nutzerinnen und Nutzer, als auch Wohngemeinschaften für Menschen mit einer geistigen, körperlichen oder mehrfachen Behinderung oder
für Menschen mit einer seelischen Behinderung ein. Pflege-Wohngemeinschaften können auf bestimmte Zielgruppen spezialisiert sein wie etwa demenziell erkrankte Menschen, Patientinnen und
Patienten im Wachkoma oder mit HIV/AIDS, langzeitbeatmete Personen oder Menschen mit Migrationshintergrund. Es können auch verschiedene Zielgruppen und auch nicht-pflegebedürftige Menschen in einer Pflege-Wohngemeinschaft wohnen.
Bei Einrichtungen für pflegebedürftige Menschen stellt der Leistungserbringer neben den Pflegeund Betreuungsleistungen auch Raum zum Wohnen bzw. Aufenthalt zur Verfügung. Pflegeeinrichtungen im Sinne des WTG können vollstationäre Langzeitpflege- und Kurzzeitpflegeeinrichtungen,
stationäre Hospize, teilstationäre Tagespflegeeinrichtungen sowie sogenannte Altenheime bzw.
Altenwohnheime sein.
Bei betreuten Pflege-Wohngemeinschaften dagegen gehört das Zur-Verfügung-Stellen von Wohnraum gerade nicht zu den Leistungspflichten des Pflegedienstes. Sollte tatsächlich beides aus der

15

16

3. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Landesebene

Hand eines Leistungserbringers bzw. ihm zuzuordnenden Personen erbracht werden, so könnte dies
ein Hinweis darauf sein, dass es sich um keine betreute Pflege-Wohngemeinschaft handelt, sondern
um eine stationäre Pflege-Einrichtung.
Vom Anwendungsbereich des WTG nicht erfasst werden insbesondere Wohnformen des sogenannten betreuten Wohnens, bei denen lediglich die vertragliche Pflicht besteht, geringfügige Serviceleistungen, wie etwa Not- oder Hausmeisterdienste, anzunehmen. Geringfügige Serviceleistungen
liegen vor, wenn das Entgelt hierfür im Verhältnis zum Entgelt für den Wohnraum von untergeordneter Bedeutung ist. Die Bestimmung der Art der Wohnform erfolgt bei begründeten Zweifeln durch
die Heimaufsicht im Rahmen einer Zuordnungsprüfung.
Vorschriftentext des WTG:

 http://www.berlin.de/sen/soziales/berliner-sozialrecht/land/rv/wtg.html
Amtliche Begründung des WTG:

 http://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/16/DruckSachen/d16-2705.pdf
3.1.1 Überprüfungen durch die Berliner Heimaufsicht
Die Berliner Heimaufsicht ist dazu berechtigt, die Einhaltung der im WTG und den dazu gehörenden
Rechtsverordnungen vorgeschriebenen Qualitätsstandards durch regelmäßige oder anlassbezogene
Kontrollen sowohl angemeldet als auch unangemeldet zu überprüfen. Neu seit Einführung des WTG
ist, dass auch sämtliche betreuten Wohngemeinschaften durch die Heimaufsicht anlassbezogen
überprüft werden können, wenn Beschwerden bzw. Hinweise auf Mängel in der Pflege oder Betreuung vorliegen.
Stellt die Heimaufsicht im Rahmen einer Prüfung Verstöße gegen die Anforderungen des WTG oder
seiner Rechtsverordnungen fest, kann sie verschiedene Maßnahmen ergreifen. Als Ordnungsbehörde verfügt sie über Beratungs-, Anordnungs- und Untersagungsbefugnisse, die im Bedarfsfall
eine effektive Durchsetzung von Qualitätsstandards, insbesondere eine zeitnahe Mängelbeseitigung
ermöglichen. Den Pflegekassen und dem Sozialhilfeträger als Kostenträger stehen vergleichbare
Durchsetzungsbefugnisse nicht zu. Sie können Vertragsverletzungen – etwa im Falle einer Vertragskündigung – nur auf dem Zivilrechtsweg durchsetzen. Die Heimaufsicht ist daher ein wichtiger Partner bei der Durchsetzung und Sicherung von Qualitätsstandards.
Auf der Grundlage des § 17 Absatz 14 WTG hat die Heimaufsicht im Einvernehmen mit der für Soziales zuständigen Senatsverwaltung Prüfrichtlinien entwickelt. Die WTG-Prüfrichtlinien wurden
zum 01. Juli 2012 eingeführt. Bei den Prüfrichtlinien handelt es sich um verwaltungsinterne Vorschriften, die sich an den ordnungsrechtlichen Vorgaben des Wohnteilhabegesetzes und der dazu
gehörenden Verordnungen orientieren und für die Heimaufsicht eine wichtige Prüf- und Arbeitshilfe
darstellen. Mit den WTG-Prüfrichtlinien wurden einheitliche, verbindliche und für alle Beteiligten
nachvollziehbare Standards für die Prüftätigkeit der Berliner Heimaufsicht festgelegt. Die Prüfrichtlinien legen Kriterien für Prüfungen in betreuten gemeinschaftlichen Wohnformen, für das Verfahren zur Durchführung der Prüfungen sowie für die Erstellung und Veröffentlichung von Prüfberichten fest. Kernstück der WTG-Prüfrichtlinien sind zwei umfangreiche Prüffragenkataloge zu stationären Einrichtungen, jeweils einer zu Pflegeeinrichtungen und einer zu Behinderteneinrichtungen.
Seit dem 01. Oktober 2012 veröffentlicht die Heimaufsicht auf ihrer Internetseite Prüfberichte über
die Ergebnisse der von ihr durchgeführten Prüfungen. Damit wird ein weiterer wichtiger Baustein
aus dem WTG bzw. den WTG-Prüfrichtlinien in die Realität umgesetzt und so mehr Transparenz in
der Pflege erreicht.

3. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Landesebene

Die einzelnen WTG-Prüfberichte bilden die Feststellungen der Heimaufsicht zum Zeitpunkt der Prüfungen ab und geben Aufschluss über eventuelle Mängel. Bevor die Prüfberichte veröffentlicht werden, erhalten die Leistungserbringer die Möglichkeit, Gegendarstellungen abzugeben. Sofern eine
Gegendarstellung abgegeben wird, wird diese zusammen mit dem Prüfbericht veröffentlicht. Bei
Prüfberichten über Aufsichtsprüfungen in betreuten Pflege-Wohngemeinschaften kommen Ausnahmen nach § 6 Absatz 4 WTG Bln in Betracht.
Die WTG-Prüfberichte basieren nicht auf einem vergleichenden Notenbewertungssystem wie die
Prüfberichte aufgrund von Qualitätsprüfungen nach dem Elften Buch Sozialgesetzbuch (SGB XI).
Gleichwohl sollen die WTG-Prüfberichte eine bessere Vergleichbarkeit zwischen verschiedenen betreuten gemeinschaftlichen Wohnformen ermöglichen, damit alle interessierten Verbraucherinnen
und Verbraucher einen besseren Überblick über die Qualität der am Markt angebotenen Pflege- und
Betreuungsleistungen bekommen können. Die Prüfberichte sollen aber auch eine Orientierungshilfe
für die Leistungserbringer sein, inwieweit sie die aktuellen Qualitätsstandards nach dem WTG und
den dazu gehörenden Verordnungen erfüllen.
WTG-Prüfrichtlinien der Heimaufsicht:
 https://www.berlin.de/lageso/soziales/heimaufsicht/downloads/
Prüfberichte der Heimaufsicht:
 https://www.berlin.de/lageso/soziales/heimaufsicht/pruefberichte/

3.1.2 Wohnteilhabe-Personalverordnung (WTG-PersV)
Die Wohnteilhabe-Personalverordnung (WTG-PersV) trat am 01. August 2011 in Kraft und löste
damit die alte Heimpersonalverordnung ab. Die WTG-PersV regelt die Mindestanforderungen an das
eingesetzte Pflege- und Betreuungspersonal. Neben den klassischen stationären Einrichtungen
fallen auch Leistungserbringer, also Pflege- und Betreuungsdienste, die in Wohngemeinschaften
tätig sind, in den Anwendungsbereich der Verordnung.
Die Vorgabe von Mindestanforderungen für das eingesetzte Personal ist zum Schutz und Wohlbefinden der in den Wohnformen lebenden oder sich dort aufhaltenden Menschen erforderlich, weil
insbesondere die personelle Ausstattung einen maßgeblichen Einfluss auf die Qualität der Leistungserbringung und somit auf das Leben in den betreuten gemeinschaftlichen Wohnformen hat.
So haben die Leistungserbringer unter anderem sicherzustellen, dass zur Leistungserbringung am
Leistungsort ausreichend Fach- und Hilfskräfte eingesetzt werden. Von einem ausreichenden Personaleinsatz ist in der Regel dann auszugehen, wenn Zahl und Eignung der eingesetzten Fach- und
Hilfskräfte über die Anforderungen der WTG-PersV hinaus den Vereinbarungen nach dem SGB XI,
SGB XII oder § 39a SGB V entsprechen. Damit werden vertragsrechtliche Vorgaben zu ordnungsrechtlichen Anforderungen, die von der Heimaufsicht überprüft werden können. Hierzu zählt
beispielsweise die mit Wirkung zum 01. Oktober 2013 geschlossene Ergänzungsvereinbarung zum
Rahmenvertrag nach § 75 Absatz 1 und 2 SGB XI, wonach Pflegedienste in den Räumen einer
Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz Personaleinsatzpläne an geeigneter Stelle vorhalten müssen, mit denen ein Abgleich zwischen dem vorgehaltenen Personal und dem Einsatzplan
erfolgen kann. Auf diese Weise soll mehr Transparenz beim Personaleinsatz in ambulant betreuten
Wohngemeinschaften erreicht werden.
Text der WTG-PersV:

 http://www.berlin.de/sen/soziales/berliner-sozialrecht/land/rv/wtg_persv.html

17

18

3. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Landesebene

Amtliche Begründung:

 http://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/16/vo/vo16-312.pdf
3.1.3 Wohnteilhabe-Bauverordnung (WTG-BauV)
Die Wohnteilhabe-Bauverordnung (WTG-BauV) trat am 19. Oktober 2013 in Kraft und löste die bis
dahin geltende Heimmindestbauverordnung ab. Die WTG-BauV schreibt bestimmte bauliche Mindestanforderungen vor, die die Einrichtungsträger in stationären Einrichtungen für Menschen mit
Pflegebedürftigkeit oder Behinderung zu erfüllen haben. Die baulichen Mindestanforderungen beziehen sich auf Wohn- bzw. Aufenthaltsräume, Therapie-, Funktions-, Zubehör- und Wirtschaftsräume, Zugänge und Türen, Fenster, Flure und Rampen, die Erreichbarkeit der Gebäudeebenen,
sanitäre Anlagen und bestimmte technische Merkmale. Die WTG-BauV trägt damit in den Einrichtungen zu einer guten Wohn- und Aufenthaltsqualität und einer selbstbestimmten, selbstständigen
und selbstverantwortlichen Lebensführung der betreuten Menschen unter Wahrung ihrer Privatsphäre bei.
Bauliche Anforderungen in Wohngemeinschaften legt die Verordnung nicht fest. Hintergrund ist der
Gedanke, dass die Nutzerinnen und Nutzer ihren Lebensalltag wie auch ihre Wohnung, ihr Zuhause
selbst gestalten wollen und daher bewusst eine andere Wohnform als eine stationäre Einrichtung
gewählt haben. Wegen des privaten Charakters von Wohngemeinschaften hat der Verordnungsgeber davon abgesehen, bei diesen modernen Wohnformen bauliche Vorgaben zu machen. Daher
kann die Heimaufsicht bei Wohngemeinschaften nur beraten. Bestimmte Vorgaben der WTG-BauV
zu Einrichtungen können allerdings als unverbindliche Orientierungsgröße für Wohngemeinschaften herangezogen werden.
Die WTG-BauV übernahm eine Reihe bewährter Regelungsinhalte aus der bisherigen Heimmindestbauverordnung. Es wurden aber auch neue Entwicklungen aufgegriffen, um die Erreichung der Ziele
aus § 1 WTG auch aus baulich-funktionaler Sicht zu unterstützen. Von daher enthält die Verordnung einige wichtige Neuerungen, wie zum Beispiel:
•

Bei neuen Einrichtungen, bei Neubauten sowie wesentlichen Umbau- oder Modernisierungsmaßnahmen müssen die Anforderungen an die Barrierefreiheit und Rollstuhlnutzbarkeit erfüllt werden. Davon sollen nicht nur körperlich beeinträchtigte, sondern
auch motorisch und sensorisch beeinträchtigte Menschen profitieren.

•

Erstmals sind bauliche Regelungen für Einrichtungen der Tagespflege, für stationäre Hospize sowie für Einrichtungen für Menschen mit Behinderung enthalten. Bei der Tagespflege
betrifft dies insbesondere die Anforderungen an die gemeinschaftlichen Aufenthaltsflächen.

•

Künftig dürfen nur noch Einzel- oder Doppelzimmer vorgehalten werden. Der Anteil der Bewohnerplätze in Einzelzimmern muss zukünftig mindestens 60% betragen. In stationären
Hospizen sind ausschließlich Einzelzimmer zulässig.

•

Die Wohn- und Aufenthaltsflächen sind gegenüber der alten Heimmindestbauverordnung
teilweise erheblich erhöht worden. So betragen die Mindestflächen für Bewohnerzimmer
bei einer Belegung mit einer Person künftig 14 m² und mit zwei Personen 22 m². Bisher
lagen diese bei 12 m² bzw. 18 m². Die gemeinschaftlichen Wohn- bzw. Aufenthaltsflächen,
die gemeinsame Aktivitäten in den Einrichtungen ermöglichen, müssen mindestens 5 m²
pro Bewohnerin oder Bewohner bzw. pro Tagespflegeplatz betragen.

•

Die Anforderungen an Sanitärräume wurden zeitgemäßen Standards angepasst. Sogenannte Schmetterlings- oder Durchgangsbäder, die über mehrere Zugänge von zwei oder
mehreren Personen genutzt werden, sind künftig nicht mehr zulässig.

3. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Landesebene

•

Erweitert wurde ferner die Pflicht zur Sicherstellung von angemessenen Raumtemperaturen während des ganzen Jahres. Dazu gehören auch wirksame Schutzmaßnahmen gegen
Hitze und Sonneneinstrahlung. Außerdem muss der Austausch und Empfang von Informationen über moderne Kommunikationsanlagen, wie Rundfunk, Fernsehen, Telefon und Internet, möglich sein und den aktuell gängigen technischen Standards entsprechen.

•

Für Pflegeeinrichtungen mit nicht mehr als 20 Bewohnerinnen und Bewohnern sind zu einigen Inhalten Abweichungsmöglichkeiten vorgesehen. Damit sollen die Entstehung und
der Erhalt kleinerer Pflegeeinrichtungen erleichtert werden.

Für Bestandseinrichtungen sind für viele dieser Maßnahmen angemessene Übergangsvorschriften
zum Bestandsschutz und zur Anpassung innerhalb bestimmter Fristen vorgesehen.
Weitere bauliche Anforderungen an Wohnformen für Menschen mit Pflegebedürftigkeit oder Behinderung ergeben sich insbesondere aus der Bauordnung für Berlin, für deren Durchführung der die
Bauaufsichtsbehörden der Bezirksämter von Berlin zuständig sind. Bei baugenehmigungspflichtigen
Bauvorhaben für Pflegeeinrichtungen beteiligen die bezirklichen Bauaufsichtsämter die Heimaufsicht, damit die Anforderungen nach der WTG-BauV im Baugenehmigungsverfahren sichergestellt
werden.
Text der WTG-BauV:

 http://www.berlin.de/sen/soziales/berliner-sozialrecht/land/rv/wtg_bauv.html
Amtliche Begründung:

 http://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/17/vo/vo17-112.pdf.
3.1.4 Heimmitwirkungsverordnung und vorgesehene Nachfolgeverordnung
Die Heimmitwirkungsverordnung (HeimwV) gilt bis zum Inkrafttreten einer neuen Verordnung im
Land Berlin zunächst weiter. Sie findet nur für stationäre Einrichtungen Anwendung. Pflege-Wohngemeinschaften werden nicht erfasst, weil das WTG davon ausgeht, dass die Bewohnerinnen und
Bewohner hier selbst über ihre Angelegenheiten und über die Ausgestaltung ihres Zusammenlebens
entscheiden. Über die Möglichkeit der Mitwirkung in Angelegenheiten des Einrichtungsbetriebes
sollen die Interessen und Bedürfnisse der Einrichtungsbewohnerinnen und -bewohner zusätzlich
geschützt werden. Die geltende Verordnung enthält Regelungen zur Wahl des Heimbeirates und zur
Bestellung von Heimfürsprecherinnen und Heimfürsprecher, über Art, Umfang und Form der Mitwirkung einschließlich der Aufgaben und Pflichten der Bewohnervertretungen, Einrichtungsträger
und Heimaufsicht vor.
Die Anhörung zum Entwurf der neuen Wohnteilhabe-Mitwirkungsverordnung (WTG-MitwirkV) wurde im März 2016 durchgeführt. Die Verordnung soll 2016 erlassen werden.
Text der HeimmwV:
 http://www.gesetze-im-internet.de/heimmitwirkungsv/

plus

3.2. Projekt 80

Wohin man auch schaut, Berlin und seine Bevölkerung
verändern sich rasant. Dabei wird die Stadt nicht nur
immer vielfältiger, sondern auch immer älter. So wird
sich die Zahl der 80-Jährigen und Älteren bis zum Jahr
2030 voraussichtlich nahezu verdoppeln. Dieses Wissen

plus

Abbildung 1: Logo 80

19

20

3. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Landesebene

verpflichtet zum Handeln. Denn die steigende Zahl älterer und alter Menschen wird erhebliche Auswirkungen haben, etwa auf die Gesundheitsberufe und das Gesundheitswesen als Ganzes.
Berlin hat grundsätzlich ein hohes Niveau in der medizinischen und pflegerischen Versorgung, aber
es gibt dennoch Verbesserungspotentiale an den Übergängen zwischen den einzelnen Versorgungsbereichen, z. B. bei der Rückkehr in die eigene Wohnung nach einem Krankenhausaufenthalt. Gerade hochaltrige Menschen sind hier auf ineinandergreifende, aufeinander abgestimmte Hilfesysteme angewiesen.
Die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales hat sich daher das Ziel gesetzt, die bestehenden
Strukturen so weiter zu entwickeln, dass sie den Anforderungen einer älter werdenden Gesellschaft
noch besser gerecht werden und alte Menschen dabei unterstützen, möglichst lange aktiv und eigenständig zu leben. Hierfür hat die Senatsverwaltung das Projekt 80plus auf den Weg gebracht.
In einem ersten Schritt wurde das Diskussionspapier „80plus - Gesundheitliche und pflegerische Versorgung hochaltriger Menschen“ vorgelegt, das Sie auf der Internetseite der Senatsverwaltung
finden. Hierfür haben Expertinnen und Experten der Senatsverwaltung für Gesundheit und

Soziales – zuständig z. B. für die sozialen Sicherungssysteme, die Krankenhausplanung, die
Pflege- und Altenhilfestrukturen, die Aus- und Weiterbildung sowie die Gesundheitsförderung
und Prävention – folgende sieben Handlungsfelder prioritär herausgearbeitet:
1.

Prävention und Gesundheitsförderung,

2.

ambulante geriatrische Versorgung,

3.

stationäre Versorgung sowie

4.

deren Vernetzung,

5.

Versorgung am Lebensende,

6.

Aus-, Fort- und Weiterbildung in der Altersmedizin,

7.

Selbstbestimmung und Teilhabe.

Sie richten ein besonderes Augenmerk auf die Schnittstellen und Übergänge in der Versorgung
und sind nicht abschließend gemeint. So wird beispielsweise zukünftig auch über mehr Rehabilitationsmaßnahmen für Hochaltrige und den Ausbau des Heimarztmodells zu diskutieren
sein.
Das Diskussionspapier bildet die Grundlage für einen berlinweiten, mehrstufigen Dialogprozess.
Thematisiert werden z. B. die Fragestellungen: „Wer könnte im (kommunalen) System die Rolle
eines Lotsen bzw. Kümmerers für hochaltrige Menschen übernehmen?“ oder „Wie kann das Entlassungsmanagement nach Krankenhausbehandlungen noch bedarfsgerechter gestaltet werden?“.
Hierbei geht es auch um eine Stärkung der Vernetzung Versorgungsbeteiligter auf bezirklicher und
lokaler Ebene und die Mobilität hochaltriger Menschen bzw. deren gesellschaftliche Teilhabe. Ziel ist
u.a. die Behandlungskontinuität von Patientinnen und Patienten auch bei komplexen Verläufen im
sozialen Umfeld bzw. in der eigenen Häuslichkeit zu sichern, das Selbstpflegevermögen weitestgehend wiederherzustellen oder ein Sterben in Würde zu ermöglichen.
Die Ergebnisse sollen bis zum Sommer 2016 in eine Rahmenstrategie zur Verbesserung der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung hochaltriger Menschen in Berlin münden. Darin werden
Akteure der verschiedenen Versorgungsbereiche neue Lösungsansätze für die Versorgung hochaltriger Menschen vorstellen, ihre künftige Zusammenarbeit verbindlich verabreden und darüber hinaus Anstöße zu landes- und bundesrechtlichen Gesetzesreformen geben.

3. Maßgebliche Entwicklungen im Bereich der Pflegepolitik auf Landesebene

Diskussionspapier 80plus und weitere Informationen zum Thema:

 http://www.berlin.de/sen/gessoz/80plus/

21

4. Pflegebedürftigkeit in Berlin

22

4. Pflegebedürftigkeit in Berlin
Zu den Pflegebedürftigen gehören nach dem SGB XI „Personen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens
sechs Monate, in erheblichem oder höherem Maße (§ 15) der Hilfe bedürfen“. Als pflegebedürftig
gelten demnach in der amtlichen Statistik alle Personen, die Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch
XI erhalten. Die Anerkennung der Pflegebedürftigkeit und die Zuordnung zu den Pflegestufen I, II
oder III beruhen auf der Entscheidung der Pflegekasse bzw. des privaten Versicherungsunternehmens unter maßgeblicher Berücksichtigung eines Pflegegutachtens durch den Medizinischen Dienst
der Krankenversicherung (MDK). Die Zuordnung erfolgt grundsätzlich nach der Häufigkeit, der täglichen Dauer und der Art der benötigten Hilfe.
Mit Wirkung zum 01. Januar 2017 erfolgt mit dem Pflegestärkungsgesetz II die schon lange erwartete Reform der Definition der „Pflegebedürftigkeit“, mit der sich der Personenkreis der Pflegebedürftigen verändert. ( Abschnitt 2.4)

4.1 Grundsätzliche Entwicklung der Pflegebedürftigen und ihrer Versorgung
Die Zahl der Älteren steigt und damit wächst auch die Zahl der Pflegebedürftigen in Berlin kontinuierlich. 1999 wurden etwa 81.000 Pflegebedürftige2 gezählt und Ende des Jahres 2013 wies die amtliche Pflegestatistik für Berlin 112.509 Pflegebedürftige im Sinne des SGB XI aus. Dies entspricht
einem Anstieg von 39% und fällt damit stärker aus als der Bundesdurchschnitt von rund 30%.
Über 75% der 112.509 Pflegebedürftigen wurden zu Hause versorgt. Etwas weniger als ein Viertel

Pflegebedürftige in Berlin 1999-2013
120.000
100.000
80.000
60.000

80.871

84.735

1999

2001

89.692

96.134

95.870

2005

2007

101.351

107.917

112.509

40.000
20.000
0
2003

2009

2011

2013

Abbildung 2: Pflegebedürftige in Berlin 1999 - 2013

der Berliner Pflegebedürftigen wurde 2013 vollstationär gepflegt. Davon befanden sich fast alle
Personen in vollstationärer Langzeitpflege. Ein vergleichsweise kleiner Anteil wurde in der Kurzzeitpflege versorgt.
Mehr als zwei Drittel der Pflegebedürftigen (57.212 Personen), die zu Hause versorgt wurden, wurden ausschließlich durch Angehörige gepflegt. Rund ein Drittel (27.769 Personen) wurde ausschließlich oder ergänzend durch Pflegedienste zu Hause versorgt.

2

Soweit nicht anders angegeben, stammen alle in diesem Abschnitt verwendeten Daten aus den Statistischen Berichten „Ambulante
und stationäre Pflegeeinrichtungen sowie Empfänger von Pflegegeldleistungen in Berlin“ des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg,
die alle zwei Jahre erscheinen.

4. Pflegebedürftigkeit in Berlin

112.509 Pflegebedürftige in Berlin
Zu Hause versorgt

Vollstationär versorgt wurden 27.528 Pflege-

wurden 84.981 Pfle-

bedürftige

gebedürftige

(24,5%)

(75,5%)
57.212 Personen
wurden zu Hause
ausschließlich durch
Angehörige versorgt
(67,3%)

27.769 Personen wurden zu Hause auch
oder ausschließlich
durch Pflegedienste
versorgt
(32,7%)

27.233 Personen wurden vollstationär in der
Langzeitpflege betreut

Abbildung 3: Pflegebedürftige und ihre Versorgung in Berlin im Dezember 2013

Der Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen hat sich nicht gleichmäßig auf die Versorgungsformen
niedergeschlagen. Es gibt weiterhin einen Vorrang der häuslichen Versorgung gegenüber der stationären Versorgung. Dies hat sich im Verlauf der Jahre seit 1999 im Grundsatz nicht verändert. Die
Heimquote hat sich mit knapp 24% im Unterschied zum Bund (konstant etwa 30%) sogar leicht
reduziert. Leicht zugenommen hat die Ergänzung der häuslichen Versorgung durch ambulante
Pflegedienste am Gesamtanteil der Versorgung (1999: 22,8%; 2013: 24,7%).
Der Zuwachs der Pflegebedürftigen, die in Pflegeheimen versorgt wurden, beträgt seit 1999 nur ca.
20% im Vergleich zum Gesamtanstieg der Pflegebedürftigen um 39%. Demnach werden 2013 mehr
Pflegebedürftige vollstationär versorgt, ihr Anteil an der Gesamtgruppe der Pflegebedürftigen hat
sich jedoch verringert bzw. der Anteil derer, die zu Hause versorgt werden, ist überproportional
gewachsen.
Frauen weisen nach wie vor wegen ihrer höheren Lebenserwartung die höheren Pflegequoten auf.
Sie stellen zwei Drittel der pflegebedürftigen Menschen. Betrachtet man die Verteilung nach Altersgruppen, zeigt sich, dass der Anteil der Frauen unter den Pflegebedürftigen in den Altersgruppen
über 70 Jahren zunimmt. Unter den heute Hochbetagten sind sie auch infolge des Zweiten Weltkriegs stärker vertreten. Allerdings ist das Bild nicht in allen Versorgungsformen gleich. Sie stellen
zwar überall klar den größeren Anteil. Allerdings ist der Frauenanteil mit 59% bei der Pflege durch
Angehörige deutlich geringer als bei der ambulanten Pflege (67%) oder der vollstationären Pflege
(71%).

Anteil der Pflegebedürftigen nach Geschlecht und Versorgungsform
80

71

67

64

59

60
40

36

41

33

29

20
0
insgesamt

ambulante Pflege
männlich

vollstationäre Pflege

Pflegegeld

weiblich

Abbildung 4: Anteil der Pflegebedürftigen nach Geschlecht und Versorgungsform

23

4. Pflegebedürftigkeit in Berlin

24

Zugleich müssen sowohl Frauen als auch Männer häufiger mit dem Eintritt in eine Pflegebedürftigkeit rechnen. Von den im Jahr 2013 Verstorbenen waren bereits drei Viertel der Frauen und 57% der
Männer pflegebedürftig. Auch die Dauer der Pflege weitet sich laut des Barmer GEK-Pflegereports3
aus dem Jahr 2015 aus. Von den Männern waren 22% und von den Frauen sogar 41% vor ihrem Tod
im Jahr 2013 länger als zwei Jahre gepflegt worden.
Der Langzeitvergleich der Entwicklung der Anteile der einzelnen Versorgungsformen bestätigt die
geläufige Annahme empirisch nicht, dass ältere, pflegebedürftige Angehörigen in Heime „abgeschoben“ würden. Vielmehr ist es so, dass noch nie so viele Pflegebedürftige von ihren Angehörigen
- ergänzt z.T. durch ambulante Pflegedienste - versorgt werden, wie heute.

Pflegebedürftige nach Versorgungsart 1999 - 2013
100%
90%
80%
70%
60%
50%
40%
30%
20%
10%
0%

1999

2001

2003

2005

2007

2009

2011

2013

Pflegegeld

38.805

39.444

42.392

46.425

45.938

49.075

54.488

57.212

ambulante Pflege

18.437

19.787

20.682

22.895

22.863

26.263

26.398

27.769

vollstationäre Pflege 22.906

24.736

25.466

25.676

25.712

26.013

27.031

27.528

Abbildung 5: Pflegebedürftige nach Versorgungsart 1999-2013

4.2 Entwicklung nach Pflegestufen
Im Zeitverlauf seit Einführung der Pflegeversicherung hat sich nicht nur die Zahl der Leistungsempfängerinnen und -empfänger erhöht, sondern zugleich hat sich auch die Aufteilung der Pflegebedürftigen auf die Pflegestufen verschoben.

Pflegestufen

Pflegebedürftige

Stationäre

Ambulante

insgesamt

Pflege

Pflege

29.920

27.769

57.212

84.981

112.509

4

Pflegegeld

Pflege zu
Hause

insgesamt
Pflegestufe I

68.304

12.887

16.217

40.366

56.583

Pflegestufe II

32.829

11.371

8.731

13.723

22.454

Pflegestufe III

10.976

5.260

2.821

3.123

5.944

Abbildung 6: Verteilung der Versorgungsform nach Pflegestufen in 2013

Der Anstieg der Leistungsempfängerinnen und -empfänger resultiert im Wesentlichen aus der gestiegenen Zahl von Pflegebedürftigen in der Pflegestufe I. Gegenüber 1999 errechnet sich hier ein
Zuwachs von ca. 80%. Hingegen hat sich die Zahl der Personen, die in die Pflegestufen II und III
3
4

BARMER GEK Pflegereport 2015, Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, Band 36.
Da einige Pflegebedürftige noch keiner Pflegestufe zugeordnet wurden, ergibt sich eine geringe Differenz zwischen der Summe der
Pflegebedürftigen nach Pflegestufen und der Zahl der Pflegebedürftigen insgesamt.

4. Pflegebedürftigkeit in Berlin

fallen nur leicht erhöht. Die Ursachen für diese Strukturverschiebung sind vielfältig. Zu berücksichtigen sind nicht nur die Entwicklungen des gesundheitlichen Zustands der Pflegebedürftigen, sondern auch Veränderungen im Antragsverhalten und im Bewilligungsverfahren.

Bei der Verteilung auf die Pflegestufen zeigt die Pflegestatistik für Berlin einen kontinuierlichen Anstieg der Pflegebedürftigen in Pflegestufe I von 47% im Jahr 1999 auf 61% im Jahr
2013. Die Anteile in Pflegestufe II nahmen hingegen von 39% auf 29% und in Pflegestufe III
von 13% auf 10% ab.
Während bei der stationären Versorgung die Pflegebedürftigen mehrheitlich (56%) unter die Pflegestufen II und III fallen (Schwer- und Schwerstpflegebedürftigkeit), dominiert bei der familiären und
ergänzenden ambulanten Versorgung die Pflegestufe I.

vollstationäre Pflege 1999-2013: Anteile der Pflegestufen in %
50
40
30
20
10
0

1999

2001

2003

2005

2007

2009

2011

2013

Pflegestufe I

30

30

30

31

34

38

41

43

Pflegestufe II

44

46

44

43

42

40

39

38

Pflegestufe III

23

24

25

26

24

21

19

18

keiner Pflegestufe
zugeordnet

3

1

1

1

1

1

1

1

Abbildung 7: vollstationäre Pflege 1999-2013: Anteile der Pflegestufen in %

Mehr als drei Viertel (76%) der in die Pflegestufe I zugeordneten Pflegebedürftigen werden ambulant versorgt, gut ein Viertel (27%) lebt in einer stationären Pflegeeinrichtung. Die Annahme, dass
die Pflegeheime immer mehr zu Versorgungsangeboten für vor allem Schwerstpflegebedürftige
werden, findet empirisch keine Bestätigung.
Betrachtet man die vollstationäre Pflege, ist der Anteil der Pflegebedürftigen in Pflegestufe I seit
2005 von damals 31% auf 43% in 2013 gestiegen, der Anteil der Pflegebedürftigen in Pflegestufe II
seit 2001 kontinuierlich auf nunmehr 38% gefallen, ebenso wie der Anteil der Pflegestufe III von
26% seit 2005 auf nunmehr 18%.Aber auch die Schwerstpflegebedürftigen der Pflegestufe III werden mehr als zur Hälfte (54%) zu Hause versorgt – unterstützt durch Pflegesachleistungen und
teilstationäre Angebote. Damit werden in Pflegestufe III nach wie vor mehr Pflegebedürftige von
Angehörigen allein versorgt als mit Unterstützung durch Pflegedienste.

25

26

4. Pflegebedürftigkeit in Berlin

Bei der Pflege durch Pflegedienste ist der Anteil der Pflegebedürftigen in Pflegestufe I seit 1999
kontinuierlich von damals 48% auf 58% in 2013 gestiegen. Der Anteil der Pflegebedürftigen in Pflegestufe II sank hingegen kontinuierlich von 42% auf nunmehr 31% gefallen, während der Anteil der
Pflegestufe III mit meist 10 bzw. 11% konstant blieb.

Versorgung durch Pflegedienste nach Pflegestufen 1999-2013
70
60
50
40
30
20
10
0

1999

2001

2003

2005

2007

2009

2001

2013

Pflegestufe I

48

49

50

50

52

56

57

58

Pflegestufe II

42

40

39

38

36

33

32

31

Pflegestufe III

10

11

11

11

12

11

11

10

Abbildung 8: Versorgung durch Pflegedienste nach Pflegestufen 1999-2013

Bei der Pflege durch Angehörige ist der Anteil der Pflegebedürftigen in Pflegestufe I seit 1999 kontinuierlich von damals 57% auf 71% in 2013 gestiegen. Der Anteil der Pflegebedürftigen in Pflegestufe II sank hingegen kontinuierlich von 35% auf nunmehr 24% gefallen, während der Anteil der
Pflegestufe III von 8% auf 5% fiel.

Versorgung durch Angehörige nach Pflegestufen 1999-2013
80
70
60
50
40
30
20
10
0

1999

2001

2003

2005

2007

2009

2011

2013

Pflegestufe I

57

60

62

63

64

67

69

71

Pflegestufe II

35

33

31

30

29

27

26

24

Pflegestufe III

8

8

7

7

7

6

6

5

Abbildung 9: Versorgung durch Angehörige nach Pflegestufen 1999-2013

4. Pflegebedürftigkeit in Berlin

4.3 Pflegebedürftige und ihre Angehörigen nach Alter und Versorgungsform
Betrachtet man die verschiedenen Versorgungsarten, fällt auf, dass in der vollstationären Versorgung die Altersabhängigkeit besonders stark ausgeprägt ist: Unter den Pflegebedürftigen, die in
einem Pflegeheim versorgt werden, sind 88% Personen im Alter von 70 und mehr Jahren. Allein die
Altersgruppe der über 90jährigen, die in der Gesamtbevölkerung nur schmal besetzt ist, aber deutlich zunimmt, macht 26,9% der Heimbewohner aus. In der ambulanten Versorgung hingegen ist die
Altersstruktur nicht ganz so stark auf die besonders Hochaltrigen (90+) konzentriert.

Anteile der Altersgruppen nach Versorgungsart
100
88

90

79

80
70

65

64

60

51

Amb. Pflege

50
28 28
22

30
18

20
10
0

vollstat. Pflege

36

40

0 0

5

unter 15

5

11 13
7

15 - 60

60 - 70

10

Pflegegeld

27
15
9

70 - 80

70+

80+

90+

Abbildung 10: Anteile der Altersgruppen nach Versorgungsart

Das Risiko, pflegebedürftig zu werden und auf Hilfe und Unterstützung durch andere Personen
angewiesen zu sein, ist in einem hohen Maße altersabhängig. Zum Jahresende 2013 waren knapp
47% der Pflegebedürftigen in Berlin 80 Jahre und älter. Zählt man noch die Gruppe der 70 bis
80jährigen hinzu (26,5%), so haben knapp drei Viertel der Pflegebedürftigen ein Alter erreicht, das
deutlich oberhalb der Ruhestandsgrenze liegt. Dies zeigt, dass es in den nächsten Jahren eine der
zentralen Herausforderungen sein wird, die richtigen „Ü80-Strukturen“ – umfassender betrachtet
sogar der „Ü70-Strukturen“ – zu schaffen.

Anteil der Altersgruppen bei den Pflegebedürftigen 2013
14,7

38,2
16,5

unter 75 Jahre
75 bis unter 85 Jahre
85 bis unter 90 Jahre
über 90 Jahre

30,6
Abbildung 11: Anteil der Altersgruppen bei den Pflegebedürftigen 2013

27

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

28

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege
In einer älter werdenden Gesellschaft wird die pflegerische Versorgung der Menschen immer bedeutsamer. Der demografische Wandel führt zwangsläufig zu einem wachsenden Bedarf an qualifiziertem Personal in der Altenpflege. Die notwendigen pflegerischen Dienstleistungen können jedoch
nur bereitgestellt werden, wenn eine qualitativ wie quantitativ angemessene Anzahl ausgebildeter
Fachkräften zur Verfügung steht.

5.1 Allgemeine Statistik
In Berlin arbeiteten im Dezember 2013 20.632 Beschäftigte in stationären Einrichtungen.5 Hinzu
kamen 21.408 Beschäftigte bei den ambulanten Pflegediensten. Insgesamt arbeiteten demnach
42.040 Menschen in der Pflege. Sowohl im ambulanten wie auch im stationären Bereich arbeiten
weit überwiegend Frauen, deren Anteil unter den Beschäftigten in beiden Versorgungsformen bei je
80% liegt.
Betrachtet man die Entwicklung seit 2003 ist damit ein Zuwachs der Beschäftigten in der
stationären Pflege um 22,5% bzw. 3.792 Personen zu verzeichnen und im ambulanten Bereich von
65,3% um 8.457 Personen. Damit sind die Zahlen der Beschäftigten deutlich stärker gestiegen als
die der Pflegebedürftigen. Bundesweit liegt der Zuwachs bei den Beschäftigten in der Altenpflege bei
etwa 34%.

Veränderung Pflegebedürftige und Beschäftigte 2003-2013
70

65,3

60
50

42,3

40
30

25,4

22,5

20
10
0
Pflegebedürftige

Beschäftigte ambulant Beschäftigte stationär Beschäftigte ingesamt

Abbildung 12: Veränderung Pflegebedürftige und Beschäftigte 2003-2013

Der Anteil der Beschäftigten mit einem Berufsabschluss hat sich sowohl im ambulanten wie auch im
stationären Bereich seit 2003 erhöht. Hatten 2003 knapp unter 87% der Beschäftigten einen
Berufsabschluss und weitere 0,5% eine pflegewissenschaftliche Ausbildung an einer Fachhochschule
oder Universität, waren es 2013 92% mit Berufsabschluss und zusätzlich 0,8% mit Fachhochschuloder Universitätsabschluss. Dabei ist insbesondere der Anteil der Beschäftigten mit Berufsabschluss
in der stationären Pflege von 83% in 2003 auf inzwischen über 90% angewachsen.

5

Soweit nicht anders angegeben stammen alle Daten aus den Statistischen Berichten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg 2003
bzw. 2013.

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

Größere Veränderungen gab es seit 2003 in der Verteilung von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten.
Es ist auffällig, dass die Entwicklung der Anteile im stationären und ambulanten Bereich
gegenläufig sind. Während im ambulanten Bereich die Quote der Vollzeitbeschäftigten seit 2003
leicht anwachsen konnte, ist sie im stationären Bereich deutlich gesunken. Insgesamt waren 2013
nur noch rund 40% der professionell Pflegenden in Vollzeit beschäftigt. Der Anteil der sonstigen
Beschäftigten, wie Praktikantinnen und Praktikanten, Auszubildenden oder Zivildienstleistenden ist
über die Jahre konstant geblieben.

Verteilung von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten 2003-2013
100%
90%
80%
70%
60%
50%
40%
30%
20%
10%
0%

2003
ambulant

2013
ambulant

2003
stationär

2013
stationär

2003
insgesamt

2013
insgesamt

Sonstige

1,50%

1,30%

4,20%

5,40%

3,10%

3,30%

Teilzeit

66,00%

61,70%

37,50%

52,30%

49,90%

57,10%

Vollzeit

32,50%

37,00%

58,20%

42,30%

47%

39,60%

Abbildung 13: Verteilung von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten 2003-2013

Die Altersstruktur in der Altenpflege zeigt, dass ältere Beschäftigte einen sehr hohen Anteil an den
Arbeitskräften bilden. Die Gruppe der jungen Menschen unter 25 Jahren ist hingegen sehr gering.

Altersstruktur der Beschäftigten 2013

6.599

4639

5062

6.785

5081

4481

3761
2907
1740
355

630

unter 20 20 - 25 25 - 30 30 - 35 35 - 40 40 - 45 45 - 50 50 - 55 55 - 60 60 - 65 über 65
Abbildung 14: Altersstruktur der Beschäftigten 2013

29

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

30

5.2 Sicherung der Fachkräfte und des Nachwuchses
Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden, bestehen besonders im Bereich der ambulanten
Pflege und teilweise in der stationären Altenpflege. Nach der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit6 vom Dezember 2015 kommen auf 100 gemeldete offene Arbeitsstellen für
Altenpflegefachkräfte rechnerisch lediglich 40 Arbeitsuchende. Der Mangel herrscht ausnahmslos in
allen Bundesländern. Die Altenpflege ist somit bereits heute ein Engpassberuf. Darüber hinaus stehen dem Berufsfeld der Altenpflege wegen des demografischen Wandels weniger junge Menschen
am Ausbildungsmarkt zur Verfügung.
Nach Prognosen der Studie zur Einrichtungsbefragung zur Situation in ausgewählten Gesundheitsfachberufen in Berlin-Brandenburg7 liegt der Fachkräftebedarf in der Altenpflege bis 2020 in einer
Größenordnung von rund 6.200 Beschäftigten. In Berlin bestanden 2014 rund 600 Auszubildende
die Abschlussprüfung. Bei gleichbleibenden Ausbildungszahlen wäre damit in den Jahren 2015 bis
2020 ein Bedarf von schätzungsweise 3.600 Altenpflegefachkräften gedeckt. Diese Zahlen machen
deutlich, dass durch die Ausbildungsbemühungen allein der künftige Fachkräftebedarf nicht abgedeckt werden kann.
Zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses in der Altenpflege haben die Bundesregierung, die Länder, die Kommunen, die Wohlfahrtsverbände, die Fach- und Berufsverbände der Altenpflege, die
Bundesagentur für Arbeit, die Kostenträger sowie die Gewerkschaften am 13. Dezember 2012 die
„Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege“ gestartet. Zehn Handlungsfelder mit großer Bedeutung für das Ausbildungs-, Berufs- und Beschäftigungsfeld der Pflege älterer Menschen
wurden identifiziert und Beiträge aller Partner vereinbart. Vorgesehen war insbesondere die stufenweise Steigerung der Ausbildungszahlen um jährlich 10% bis 2015. Der Zwischenbericht zur
Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive8 wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren,
Frauen und Jugend am 08. Januar 2015 vorgelegt. Zurzeit wird der Schlussbericht erarbeitet.
Die Pflegeberufe, hauptsächlich die Altenpflege, leiden unter einem schlechten öffentlichen Image.
Es ist bisher nicht gelungen, den sozialen Wert von Pflegearbeit, ihren hohen Grad an Professionalisierung und ihre Zukunftsaussichten in der Öffentlichkeit positiv zu verankern. Imagekampagnen
können nur einen begrenzten Beitrag in der notwendigen öffentlichen Debatte leisten. Ein nachhaltiger Imagegewinn wird sich nur erreichen lassen, wenn gleichzeitig die Arbeitsbedingungen in der
Pflege verbessert werden.
Der Berliner Senat hat bereits 2011 mit der Einführung der Berliner Qualitäts- und Qualifizierungsoffensive „Für ein gutes Leben im Alter in Berlin“ deutlich gemacht, sich mit den demographischen
Herausforderungen der Fachkräftesicherung in der Pflege intensiv zu beschäftigen. Seit Beginn
dieser Offensive wurde eine Reihe von Maßnahmen zur Verbesserung der Ausbildungssituation und
zur zukünftigen Fachkräftesicherung in der Pflege ergriffen. Weil die Fachkräftesicherung für die
Altenpflege die Zuständigkeit mehrerer Ressorts im Senat tangiert und einer Vielzahl an Partnern
betrifft, wurde im Frühjahr 2013 die zweite Phase der Offensive eingeleitet und ein Bündnis zur
Fachkräftesicherung in der Altenpflege initiiert.
Unter Federführung der Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen nahm am
15. Mai 2013 das Berliner Bündnis für Fachkräftesicherung in der Altenpflege unter Beteiligung der
Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales, der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wis6

Der Arbeitsmarkt in Deutschland – Fachkräfteengpassanalyse, Bundesagentur für Arbeit Statistik/Arbeitsmarktberichterstattung,
Nürnberg, Dezember 2015.
Einrichtungsbefragung zur Situation in ausgewählten Gesundheitsfachberufen in Berlin-Brandenburg, Abschlussbericht, ZAB
ZukunftsAgentur Brandenburg GmbH, 2015.
8
Zwischenbericht zur Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive Altenpflege (2012 – 2015), Geschäftsstelle der Ausbildungs- und
Qualifizierungsoffensive Altenpflege im Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben, Bundesministerium für Familie,
Senioren, Frauen und Jugend, 2015.
7

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

senschaft sowie weiterer rund zwanzig Akteurinnen und Akteure, u.a. Arbeitgeberverbände, die
Arbeitsagentur, Wohlfahrtsverbände, Kranken- und Pflegekassen und Arbeitnehmervertretungen
seine Arbeit auf. Das Bündnis knüpft in einer zweiten Phase an die Ergebnisse der Landesinitiative
„Für ein gutes Leben im Alter in Berlin – Qualitäts- und Qualifizierungsoffensive für Fachkräftesicherung in der Altenpflege“ an und verfolgt diese Zielsetzungen:
•

die Attraktivität der Arbeit steigern,

•

Vielfalt der Lebensentwürfe in Berlin erfordert ein adäquates Angebot in der Altenpflege,

•

Potenziale heben – Nachqualifizierung ermöglichen,

•

die Attraktivität der Ausbildung steigern! Ausbildung in der Pflege tut gut!,

•

Weiterentwicklung der Pflegeberufe – Fachkräfte sichern – durch Aufstiegsorientierung und
Qualifizierung.
Seit der Gründung wurden durch zahlreiche Fachdialoge zu den
genannten Themenschwerpunkten, durch Broschüren wie den
„Förderwegweiser in der Pflege“ oder die Bildungslandkarte,
Expertisen und den elektronischen Newsletter ein breites Informationsangebot zur und für die Altenpflege in Berlin bereitgestellt. Die Bündnispartner sind aufgefordert, durch eigene Beiträge und Maßnahmen die genannten Ziele zu unterstützen.
Für das Thema Altern sensibilisieren, die Altenpflege aufwerten,
mehr Menschen für den Pflegeberuf begeistern: Mit diesen Zielen

Abbildung 15: Logo Berliner

ist die Kampagne „Gepflegt in die Zukunft“ der Senatsverwaltung

Bündnis für Altenpflege

für Gesundheit und Soziales im März 2014 gestartet. Damit leistete Berlin einen Beitrag zur beschriebenen „Ausbildungs- und
Qualifizierungsoffensive Altenpflege 2012-2015“. Mit Désirée

Nick, Ingo Appelt, Stefan Kretschmar, Ross Antony, Arne Friedrich und Murat Topal haben insgesamt sechs Prominente der Kampagne ihr Gesicht gegeben. Auf Plakaten und Flyern, in Kino- und
Radiospots, mit einer Supermarktaktion und einem digitalen Alterungstool hat die Kampagne für
das Thema Altern sensibilisiert und Neugier auf das Berufsfeld Altenpflege geweckt. Die Motive der
Kampagne waren auf fast 600 Werbeflächen in ganz Berlin zu sehen. Die Internetseite, die für die
Kampagne konzipiert wurde, ist noch im Jahr 2016 erreichbar. So können Interessierte sich auch
über die Kampagnenlaufzeit hinaus über den Einstieg in den Beruf der Altenpflege informieren.
Dieses Informationsangebot nutzten über das Kampagnenjahr hinaus auch im Jahr 2015 monatlich
etwa 1.000 Besucherinnen und Besucher.
Eine wichtige Rolle für die Fachkräftesicherung spielt die Verweildauer im Beruf der Altenpflege. Für
die Berufsgruppe der Altenpflegerinnen und Altenpflegern sind präzise Angaben zur Verweildauer
im erlernten Beruf schwer zu treffen, da die zur Verfügung stehenden Daten eine unmittelbare
Abgrenzung des Altenpflegeberufs von dem Altenpflegehilfeberuf nicht ermöglichen. Die Beschäftigungsquote 15 Jahre nach Beendigung der Ausbildung liegt je nach Studie für Altenpflegerinnen
und Altenpflegern sowie Altenpflegehelferinnen und Altenpflegehelfer in Berlin bei 63 %9 bzw. rund
32,4%.10 Examinierte Altenpflegefachkräfte haben eine deutlich höhere Verweildauer als Hilfskräfte
in der Altenpflege.

9

Joost/ Kipper/ Tewolde, Berufsverläufe von Altenpflegerinnen und Altenpflegern, Abschlussbericht, Institut für Wirtschaft, Arbeit und
Kultur, 2009.
10
Wiethölter Berufstreue in Gesundheitsberufen in Berlin und Brandenburg, IAB Regional, Institut für Arbeitsmarkt- und
Berufsforschung, 3/2012.

,

31

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

32

Die Attraktivität eines Berufes beeinflusst die Verweildauer im selben unmittelbar. Fachkräfte in der
Altenpflege haben im Vergleich zu den Fachkräften in der Krankenpflege einen um bis zu 30% geringeren Verdienst. Die Teilzeitquote in der Altenpflege liegt in Berlin bei über 50%. In geringfügigen
Beschäftigungsverhältnissen, sogenannten Minijobs, arbeiteten im Jahr 2013 bereits 12,6% aller
Beschäftigten in der Altenpflege. Das ist ein Zuwachs um 16,9% im Zeitraum 2010 bis 2013.11 Deutlich wird hier, dass der Anteil an prekärer Beschäftigung eher zu- als abnimmt.
Seit dem 01. August 2010 galt bereits ein Mindestlohn für alle in Pflegebetrieben beschäftigten
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die überwiegend pflegerische Tätigkeiten in der Grundpflege
erbrachten. Mit der Zweiten Verordnung über zwingende Arbeitsbedingungen für die Pflegebranche
(2. PflegeArbbV) ist der Kreis der Anspruchsberechtigten seit 01. Oktober 2015 erheblich ausgeweitet worden. So sind jetzt auch Betreuungskräfte von Menschen mit demenziellen Erkrankungen und
Alltagsbegleiterinnen und -begleiter erfasst.
Der Mindestlohn in der Pflegebranche ist höher als der ab 01. Januar 2015 geltende bundesweite
Mindestlohn von 8,50 für andere Beschäftigte in Pflegeheimen, z. B. das Hauswirtschaftspersonal.
Das Mindestentgelt, der sogenannte Mindestlohn, für Pflegepersonal beträgt in Berlin: ab
•

ab 01. Januar 2015

9,40 Euro je Stunde,

•

ab 01. Januar 2016

9,75 Euro je Stunde,

•

ab 01. Januar 2017

10,20 Euro je Stunde.

Die für Pflegekräfte in Berliner Pflegeheimen gezahlten Löhne liegen regelmäßig über diesen Beträgen. Die Personalkosten der Pflegeheime variieren zwar erheblich, aber aus den vorliegenden Pflegesatzunterlagen lassen sich für das Jahr 2012 folgende Lohnhöhen errechnen:
•

Für Pflegefachkräfte mit einer dreijährigen abgeschlossenen Ausbildung in einem Pflegeberuf zahlte eine große Anzahl von Einrichtungsträgern einen Bruttostundenlohn von ca.
15,20 Euro.

•

Bei einem Viertel der Einrichtungsträger wurde aber auch ein Stundenlohn von 18,00 Euro
erreicht.

•

Für Pflegehilfskräfte in Pflegeheimen lagen die unteren Beträge bei 11,40 Euro.

•

Die größere Anzahl der Hilfskräfte erreichte aber auch einen Bruttostundenlohn von 15,20
Euro.

Bei diesen Stundenlöhnen handelte es sich jedoch um errechnete Werte unter Zugrundelegung einer
39 Stundenwoche und einer Zahlung von Weihnachts- und Urlaubsgeld in Höhe eines halben
Monatsgehaltes.
Zur Überwindung des Fachkräftemangels sind die Arbeitsbedingungen so zu gestalten, dass der
Verbleib im Beruf begünstigt wird. Die Politik, Sozialpartner und Verbände können betriebliche
Defizite in der Personalarbeit nur bedingt beeinflussen. Die Arbeitgeber in der Pflege verantworten
maßgeblich die Arbeitsbedingungen wie Bezahlung, Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, ausreichende Angebote an Fort- und Weiterbildungen und ein ausreichendes Angebot an Teil- und Vollzeitstellen zur Gewährleistung der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Dessen ungeachtet hat die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales gemeinsam mit den Landesverbänden der Pflegekassen bei der Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Altenpflege
positive Ergebnisse erzielt. Im Bereich der ambulanten Pflege wurden für mehr als 20.000 beschäf11

vgl. Die Altenpflege in Berlin – ein Report zur Situation und den Entwicklungsperspektiven der Branche“, WERT.ARBEIT GmbH, Berlin,
2014.

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

tigte Pflegefachkräfte und Pflegekräfte von den Kostenträgern, sieben Pflegekassen und das Land
Berlin, für 2014, 2015 und 2016 Vergütungsvereinbarungen mit einer Steigerung der Punktwerte in
Höhe von 4% ab 01.04.2014, von 3,53% für 2015 (davon 2,5% Vergütungssteigerung für Beschäftigte und 0,5% zur Einführung eines Strukturmodells für eine effizientere Dokumentation in der
ambulanten Pflege) sowie von 3,5% ab 01.02.2016 mit den ambulanten Pflegediensten getroffen.
Diese Steigerungsraten gelten dann genauso für die SGB XII-Leistungen.
Jahr

TV-L Berlin

Abschluss stationäre

Abschluss

Pflege

ambulante Pflege

mit Personalkostenan-

mit Personalkostenan-

teil von 80%

teil von 80%

2014

3,45% (zum 01.01)

2,40%

4,00% (zum 1.4.)

2015

2,62% (zum 01.03)

2,16%

3,53%

2016

2,30% (zum 01.03)

2,14%

3,5% (zum 1.2.)

2,14%

offen

18,08%

20,02%

2017
Steigerung im Zeitraum
2009 – 2016

Abbildung 16: Vergütungssteigerungen in Berlin - Zeitreihe

Insgesamt konnten durch die Vergütungsabschlüsse in den vergangenen Jahren die Voraussetzungen geschaffen werden, die Einkommenssituation der Beschäftigten in der ambulanten Pflege spürbar zu verbessern und bestehende Unterschiede in der Vergütung zwischen ambulanter und stationärer Pflege abzubauen. Maßgebliches Ziel der Vergütungsverhandlungen war ebenfalls, sicherzustellen, dass die Vergütungssteigerungen möglichst umfassend unmittelbar den Pflegekräften zu
Gute kommen. In den Vereinbarungen wurde hierzu die Punktwerterhöhung mit der besseren Entlohnung der in der Pflege Arbeitenden verknüpft.
Hintergrund ist, dass die Vergütung der Pflegekräfte bei den Pflegediensten erhebliche Unterschiede
aufweist. Während die freigemeinnützigen Leistungserbringer der Tarifbindung unterliegen und
starke Arbeitnehmervertretungen aufweisen, ist dies bei den privaten Pflegediensten in der Regel
nicht der Fall. Auch das 2015 vom Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Herrn Staatssekretär
Laumann, veröffentlichte IAB-Gutachten verweist als Erklärung für die vergleichsweise niedrigen
Entgelte in den ambulanten sozialen Diensten darauf: „Besonders in den ambulanten sozialen
Diensten dominiert die private Trägerschaft und damit zumeist der Zustand ohne Tarifbindung
sowie der damit einhergehende geringe Organisationsgrad der Beschäftigten.“ 12 Im Zentrum der
Studie steht eine aktuelle Bestandsaufnahme der Bruttoentgelte der Beschäftigten in der Krankenund Altenpflege. Die Studie weist erhebliche Unterschiede auf. Von Seiten der freigemeinnützigen
Leistungserbringer wird diese Diskrepanz seit langem als ausgeprägtes strukturelles Defizit und
massiver Wettbewerbsnachteil kritisiert.
Für 2015 wurde vereinbart, eine Weitergabe von 2,53% an die Vergütungen der Beschäftigten verbindlich festzulegen. Weiterhin müssen die Pflegedienste, die eine Punktwertsteigerung realisieren
wollten, nachweisen, dass sie bereits mindestens die Mindestlöhne auch für die Nicht-Fachkräfte in
der Pflege zahlen. Für 2016 wurden eine Weitergabe von 3,5% sowie ein Stichprobenverfahren zur
Prüfung der Umsetzung vereinbart.

12

Viel Varianz. Was man in den Pflegeberufen in Deutschland verdient, Institur für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung und Der
Beauftragte der Bundesregierung für die Belange der Patientinnen und Patienten sowie Bevollmächtigter für Pflege, 2015, Seite 22.

33

34

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

Inwieweit das anstehende Pflegeberufereformgesetz und das Pflegestärkungsgesetz II, das perspektivisch die Ermittlung und Vereinbarung von Vorgaben zur Personalbemessung vorsieht, zur Lösung
dieser Problematik beitragen werden, muss abgewartet werden.
Weitere wichtige Maßnahmen zur Sicherung des Nachwuchs- und Pflege(fach-)kräftebedarfs sind:
•

Ausweitung der Zahl der Vollzeitstellen: Einer weiteren IAB-Studie zufolge weist die ambulante Pflege einen deutlich höheren Anteil an Teilzeitkräften auf. Während unter den Pflegekräften unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung vor allem im Osten anzutreffen sei, dominieren im Westen persönliche und familiäre Verpflichtungen als Ursache. Berlin gehört in der
Studie zum Osten.13 Der Studie zufolge könne „rein rechnerisch“ der Arbeitskräfteengpass
im Berufsfeld „Gesundheits- und Sozialberufe, Körperpfleger“ aufgelöst werden, indem die
Arbeitsstundenpotenziale durch einen Abbau der hohen Teilzeitquoten voll ausgeschöpft
würden. Derzeit sei allerdings im Gesundheits- und Sozialwesen eher eine Ausweitung als
ein Rückgang der Teilzeitbeschäftigung festzustellen. Dieser Trend lässt sich durch die Daten des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg für 2013 bestätigen.

•

Gleiche Bezahlung von Mann und Frau: Frauen in Pflegeberufen verdienen der IAB-Studie
zufolge grundsätzlich weniger als männliche Kollegen.

•

Maßnahmen zur Förderung und zum längeren Erhalt der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit.

Die Beschäftigten der Pflegeberufe sind hohen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt.
Dies führt zu überdurchschnittlich häufigen krankheitsbedingten Fehlzeiten der Beschäftigten.
Daher wären vorsorgende Maßnahmen des Gesundheitsschutzes in den Pflegeberufen von besonderem Interesse. Weitere Maßnahmen wären verbesserte Arbeitsbedingungen, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie und eine lebenszyklusorientierte Personalpolitik.
Informationen zum Berliner Bündnis für Altenpflege:

 http://altenpflege-deine-chance.de/berliner-buendnis-fuer-altenpflege.html
Informationen zur Kampagne „Gepflegt in die Zukunft“

 http://www.berlin.de/gepflegt-in-die-zukunft/
5.3 Praxisanleitung
Von den nach der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung für den Beruf der Altenpflegerin und des
Altenpflegers vorgesehenen mindestens 2.500 Stunden der praktischen Ausbildung entfallen mindestens 2.000 Stunden auf die Ausbildung in stationären und ambulanten Einrichtungen. Die ausbildenden Pflegeeinrichtungen nehmen demnach einen hohen Stellenwert im Rahmen der Altenpflegeausbildung ein. Die jeweils ausbildende Pflegeeinrichtung hat die Praxisanleitung der Auszubildenden durch eine geeignete Fachkraft, die Praxisanleiterin oder den Praxisanleiter, sicherzustellen. Im Rahmen der Praxisanleitung werden die Auszubildenden selbständig an die beruflichen
Aufgaben herangeführt.
Damit die stationären Langzeitpflegeeinrichtungen dieser Aufgabe besser gerecht werden können,
haben sich die Verhandlungspartner im Rahmen der Vergütungsverhandlungen für die stationäre
Langzeitpflege über die Finanzierung der Fortbildung und der angemessenen Freistellung der Praxisanleiterinnen und Praxisanleiter geeinigt. Die Freistellung für Praxisanleitung umfasst einen
durchschnittlichen zeitlichen Rahmen von 2,5 Stunden pro Woche je Auszubildenden. Die Möglich13

Internationale Fachkräfterekrutierung in der deutschen Pflegebranche, Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Bertelsmann,
2015.

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

keit der Finanzierung der Praxisanleitung besteht seit dem 01. Januar 2014. Diese Möglichkeit haben im Vergütungszeitraum 2014/2015 192 von 218 ausbildenden stationären Langzeitpflegeeinrichtungen in Anspruch genommen. Im Jahr 2014 gab es im Vergleich zu 2013 eine Steigerung
der Zahl an Auszubildenden in der stationären Langzeitpflege.
Die ambulanten Pflegedienste erhielten 2015 eine Vergütungssteigerung von 0,5% u.a. für die Freistellung von Praxisanleitern. Im Rahmen der Vereinbarung wurde hierzu festgehalten, dass die
Quote der ausbildenden ambulanten Pflegedienste gegenüber dem Vorjahr um 10% bis Ende 2015
steigen muss. Die Vereinbarung diente zusammen mit den Regelungen in § 4b des Rahmenvertrags
gemäß § 75 SGB XI zur ambulanten Pflege zur Praxisanleitung dazu, die Ausbildungs- und Qualifizierungsoffensive für den Pflegebereich nachhaltig zu unterstützen. Im Rahmen der Vergütungsvereinbarung 2016 verständigten sich die Vereinbarungspartner darauf, erneut eine Erhebung zur
Ausbildungssituation in der ambulanten Pflege vorzunehmen, um ein gesichertes Bild zu gewinnen,
dass die dauerhaft zur Verfügung gestellte Vergütungssteigerung von 0,5% die Ausbildungssituation nachhaltig verbessert.
Um zukünftige Versorgungslücken in der Pflege abzufedern, kann auch die Zuwanderung von qualifiziertem Pflegefachpersonal bzw. die Aus- und Weiterbildung einen Beitrag leisten. Erforderlich
sind ein ausreichendes Niveau deutscher Sprachkenntnisse sowie eine Vergleichbarkeit der Fachkompetenzen ausländischer Bewerberinnen und Bewerber. Berlin beteiligt sich an dem Pilotprojekt
„Ausbildung von Arbeitskräften aus Vietnam zu Pflegefachkräften“ des Bundesministeriums für
Wirtschaft und Energie. Im Rahmen des Pilotprojekts schlossen 15 vietnamesische Auszubildende
im Jahr 2015 die Ausbildung zur Altenpflegefachkraft ab und wie vorgesehen startete im Herbst
2015 eine weitere Gruppe mit der Ausbildung.

5.4 Schulgeldbefreiung
Im Land Berlin erheben die in freier Trägerschaft befindlichen Berufsfachschulen für Altenpflege ein
Schulgeld. Dieses wird einkommensabhängig erhoben und in der Regel ist hierbei das Einkommen
der Unterhaltsverpflichteten, im Regelfall also der Eltern, maßgebend. Die einzige öffentliche Altenpflegeschule erhebt kein Schulgeld.
Die Abschaffung des Schulgeldes in der Altenpflegeausbildung, als eine wichtige Maßnahme zur
Erhöhung der Attraktivität der Ausbildung, wurde nicht nur in Berlin seit einigen Jahren diskutiert
und gefordert. Deshalb hat der Senat am 27. Januar 2015 (vgl. Protokollnotiz) klargestellt, das
Schulgeld für die Altenpflegausbildung und für die Erzieherausbildung zu übernehmen. Die Übernahme des Schulgeldes für die Ausbildung von Altenpflegerinnen und Altenpflegern wie auch Erzieherinnen und Erziehern erfolgt ab dem 01. September 2016 auf dem Niveau des Jahres 2014. Ab
diesem Zeitpunkt partizipieren alle Schülerinnen und Schüler von der Schulgeldbefreiung, losgelöst
vom Stadium der Ausbildung. Dies entlastet die Schülerinnen und Schüler bzw. Auszubildenden und
fördert die Attraktivität der Ausbildung in der Altenpflege.

35

36

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

5.5 Reform der Pflegeausbildung
Mit dem geplanten Pflegeberufereformgesetz auf Bundesebene wird die Basis für einen modernen
und zukunftsorientierten Pflegeberuf gelegt. Die drei bisherigen Ausbildungen in der Pflege, die
Alten- sowie die Gesundheits- und (Kinder-) Krankenpflege, werden zu einer generalistischen Pflegeausbildung mit einem einheitlichen beruflichen Abschluss zusammengeführt. Vermittelt werden
in der Ausbildung Kompetenzen, die für zunehmend komplexer werdende Pflegebedarfe und unterschiedliche Pflegekontexte besonders wichtig sind. Das Pflegeberufereformgesetz sieht auch die
bislang nur modellhaft angebotene akademische Pflegausbildung verbindlich vor. Berlin war im
Rahmen einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe an der Entwicklung des Gesetzes beteiligt.
Der generalistische Pflegeberuf bildet die Grundlage für berufliche Mobilität und individuelle Entwicklungsmöglichkeiten und erleichtert einen beruflichen Wechsel zwischen den jeweiligen Arbeitsfeldern in der Pflege, dem Krankenhaus, den ambulanten Diensten oder (teil-) stationären Einrichtungen.

5.6 Berufliche Zugänge in die Pflege eröffnen
Um durch gut qualifiziertes Assistenzpersonal dem steigenden Pflegebedarf gerecht zu werden, ist
mit der staatlich geprüften Pflegehelferin/dem staatlich geprüften Pflegehelfer mit Schwerpunkt
Altenpflege ein niedrigschwelliges Ausbildungsangebot eingeführt worden. Hier finden Menschen
ohne oder nicht in Deutschland anerkannten Schulabschluss den Zugang zu einer qualifizierten
Ausbildung in der Pflege, wenn sie über ein sogenanntes Grundbildungsfeststellungsverfahren die
notwendigen Kompetenzen nachweisen. Dieser Personenkreis hat ferner die Möglichkeit, parallel
zur fachlichen Ausbildung die Berufsbildungsreife zu erwerben.
Der Beschluss der Arbeits- und Sozialministerkonferenz sowie der Gesundheitsministerkonferenz
der Bundesländer zu gemeinsamen Mindeststandards der in der Regelungszuständigkeit der Länder
liegenden Berufsausbildungen in der Pflege ist die Grundlage für die zunächst als Schulversuch
beginnende Berliner Ausbildung. Mit Blick auf die generalistische Pflegeausbildung sind curriculare
Inhalte der Gesundheits- und Krankenpflege eingearbeitet.
Der staatliche Abschluss sorgt für eine Qualitätsgarantie und besonders die Erweiterung des Tätigkeitsfeldes und die damit mögliche Entlastung der Pflegefachkräfte unterscheidet die Absolventinnen und Absolventen dieser Ausbildung von den durch Pflegebasiskurse qualifizierten Personen. Der
Abschluss der anderthalbjährigen Ausbildung berechtigt außerdem zur Verkürzung der Fachausbildungen um ein Jahr. Somit ist dies eine wichtige Initiative für die Fachkräftegewinnung, die sich
insbesondere an die Altersgruppe der über 25-Jährigen richtet und damit die zweijährige Ausbildung
zur Sozialassistenz mit dem Schwerpunkt Pflege, die doch eher für Schulabgängerinnen und -abgänger geeignet ist, ergänzt.

5.7 Wiedereinführung der Ausbildung in der Krankenpflegehilfe
Aufgrund der demographischen Entwicklung und des zunehmenden Mangels an Pflegekräften war
die Regelung einer Ausbildung unterhalb des Niveaus einer dreijährigen Ausbildung für Krankenpflegefachkräfte erforderlich. Die Einführung des Krankenpflegehilfeberufs ist aus Kostengründen
sinnvoll, da Fachkräfte komplexe Pflegeaufgaben wahrnehmen sollen. Bestimmte Tätigkeiten, die
nicht eine dreijährige Ausbildung erfordern, können von Hilfskräften wahrgenommen werden.
Gleichzeitig sichert eine reglementiere Ausbildung in der Krankenpflegehilfe in diesem niedrigqualifizierten Bereich die Qualität der Pflege.
Das Berliner Krankenpflegehilfegesetz sichert die Durchlässigkeit im Ausbildungssystem. Absolventinnen und Absolventen der Krankenpflegehilfe können, soweit sie einen Hauptschulabschluss oder
eine gleichwertige Schulbildung zusammen mit der erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung in der

5. Arbeit und Ausbildung in der Altenpflege

Krankenpflegehilfe nachweisen, zur Ausbildung in der Alten- bzw. Krankenpflege zugelassen werden.
Auch mit Inkrafttreten des Pflegeberufereformgesetzes bleibt die Durchlässigkeit erhalten. Nach
§ 11 Absatz 1 Nr. 2b des Entwurfs für ein Pflegeberufereformgesetz14 erhält den Zugang zur Pflegeausbildung, wer den Hauptschulabschluss oder einen anderen als gleichwertig anerkannter Abschluss und einen staatlich anerkannten oder staatlich geprüften Berufsabschluss in einem landesrechtlich geregelten Assistenz- oder Helferberuf in der Pflege von mindestens einjähriger Dauer, der
den von der Arbeits- und Sozialministerkonferenz 2012 und von der Gesundheitsministerkonferenz 2013 beschlossenen Mindestanforderungen an Ausbildungen zu Assistenz- und Helferberufen
in der Pflege entspricht, nachweist. Das Gesetz zur Krankenpflegehilfe erfüllt die vorgenannten
Voraussetzungen.

5.8 Pflegekammer
Eine Pflegekammer vertritt die Interessen der Pflegefachkräfte, dient der Qualitätssicherung in der
Pflege und steigert die Attraktivität der Pflegeberufe in der öffentlichen Wahrnehmung. Mit 58,8%
der Befragten befürwortet eine Mehrheit der Pflegefachkräfte in Berlin die Gründung einer Pflegekammer. Dies zeigte die Studie zur „Akzeptanz einer Pflegekammer“ der Alice Salomon Hochschule
Berlin, die zwischen November 2014 und März 2015 durchgeführt und von der Senatsverwaltung für
Gesundheit und Soziales gefördert wurde. Die Entwicklungen und Erfahrungen in den Bundesländern, die sich zur Errichtung einer Kammer für Pflegeberufe entschieden haben, werden in die Überlegungen einbezogen. Herr Senator Czaja hatte Anfang Oktober 2015 zu einem öffentlichen Fachdialog mit den Fraktionsvorsitzenden aller im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien, den Ausschussmitgliedern des Gesundheitsausschusses sowie Vertretern aus Niedersachen und RheinlandPfalz zu den weiteren Schritten auf dem Weg zur Gründung einer Pflegekammer diskutiert.

14

Stand Februar 2016.

37

6. Entwicklung der Pflege bis 2030

38

6. Entwicklung der Pflege bis 2030
Es gibt zahlreiche Prognosen zum künftigen Anstieg der Zahl der pflegebedürftigen Menschen in
Deutschland. Dem Barmer GEK Pflegereport15 zufolge, der erstmals die Effekte des Zensus 2011 in
der Pflegeversicherung mit früheren Modellrechnungen vergleicht, steigt die Zahl der Pflegebedürftigen in Deutschland stärker als bisher allgemein vorausgesagt. Im Jahr 2060 werden der Studie
zufolge in Deutschland geschätzt 4,52 Millionen Menschen gepflegt werden. Das sind 221.000 mehr
Pflegebedürftige als bisherige Prognosen erwarten ließen. Den größten Anteil daran werden pflegebedürftige Männer mit 176.000 stellen. Die Studie zeigt zugleich, dass der Anteil hochbetagter Pflegebedürftiger drastisch wachsen wird. Im Jahr 2060 werden 60% der pflegebedürftigen Männer und
70% der pflegebedürftigen Frauen 85 Jahre oder älter sein. Heute liegen die entsprechenden Werte
bei 30% beziehungsweise 50%. Gleichzeitig sinkt das Erwerbspersonenpotential um ein Viertel.
Basierend auf der Bevölkerungsprognose für 2030 aus dem Jahr 201616 wird für Berlin ein Bevölkerungswachstum von 3,56 (2014) auf etwa 3,83 Millionen Menschen vorhergesagt. Zugleich soll der
Alters-durchschnitt zwar nur leicht steigen, die Zahl der über 80-Jährigen aber um etwa 62% auf
263.000 Personen zunehmen. Zudem wird für 2030 ein Wachstum der Gruppe der 65- bis 80Jährigen um 12% auf 581.000 Menschen prognostiziert.
Da Pflegebedürftigkeit eng mit Alter und dem Gesundheitszustand verknüpft ist, erscheint offensichtlich, dass die Zahl der Pflegebedürftigen steigt. Damit wächst die Nachfrage nach Pflegedienstleistungen und -einrichtungen und entsprechendem Personal. Im Ergebnis der o.g. Zahlen
kann ein Anstieg der pflegebedürftigen Menschen von 112.509 in 2013 auf ca. 170.000 in 2030
erwartet werden. Dies entspricht dem Anstieg, der auch mit der Bevölkerungsprognose aus 2011 17
für das Jahr 2030 erwartet wurde. Hintergrund ist, dass mit der neuen Bevölkerungsprognose zwar
die erwartete Gesamtzahl der künftigen Berlinerinnen und Berliner gegenüber der letzten Prognose
noch einmal um ca. 200.000 Menschen erhöht wird, sich dieser „neue“ Zuwachs aber nahezu ausschließlich durch Kinder unter 18 Jahren ergibt. Der prognostizierte Anstieg der Menschen über 65
Jahre ist in beiden Prognosen nahezu identisch. Die Bevölkerungsprognose hat die aktuellen Flüchtlingsbewegungen noch nicht einberechnen können. Es ist jedoch anzunehmen, dass auch die Einbeziehung der Menschen, die eine dauerhafte Aufenthaltsberechtigung bekommen, die Gruppe der
über 65-Jährigen zumindest bis 2030 nicht relevant erhöht.
Schreibt man die Anteile der Versorgungsformen weiter, die für 2013 veröffentlicht wurden, so
ergibt sich bei einer Quote von ca. 25% Unterbringung in einer stationären Einrichtung, dass 2030
etwa 42.500 Menschen in einem Pflegeheim versorgt werden würden. Dies entspricht einem Anstieg
um etwa 15.000 Personen im Vergleich zu 2013. Die Zahl der Menschen, die zu Hause versorgt würde, stiege um ca. 42.500 Personen, wobei die Zahl der von Pflegediensten versorgten Personen um
rund 14.000 und die Gruppe der Pflegegeldempfänger um nahezu 30.000 Personen ansteigen würde. „Zu Hause“ meint dabei sowohl Einzelhaushalte und Wohngemeinschaften als auch Einrichtungen des betreuten Wohnens und die Pflege durch Angehörige und/oder Pflegedienste.

15
16
17

BARMER GEK Pflegereport 2015, Schriftenreihe zur Gesundheitsanalyse, Band 36.
Bevölkerungsprognose für Berlin und seine Bezirke 2015-2030, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, 2016.
ebd.

6. Entwicklung der Pflege bis 2030

Prognose Versorgungsformen 2030
180.000
160.000

42.000

140.000

zuhause auch durch
Pflegedienst gepflegt

120.000
100.000

27.800

60.000

zuhause ausschließlich durch
Angehörige gepflegt

86.400

80.000
57.200

40.000
20.000

stationär versorgt
42.500

27.500

0

2013

2030

Abbildung 17: Prognose Versorgungsformen 2030

Die Zahlen zeigen, dass zur Erhaltung der bestehenden Versorgungsrelationen das Feld der pflegenden Angehörigen ein zentrales Handlungsfeld sein sollte. In dem Umfang, in dem sich der Anteil,
der auf Pflege durch Angehörige entfällt, reduziert, steigt der Bedarf nach professioneller Pflege
zwangsläufig an. Die Kapazitäten in der ambulanten Pflege durch Pflegedienste sind zwischen 1999
und 2013 deutlich schneller angestiegen als die Zahl der Pflegebedürftigen. Der Kapazitätsausbau
basiert hierbei sowohl auf der Zunahme der Zahl der Pflegedienste als auch einem Zuwachs beim
Personal. Hiermit korrespondiert die Steigerung der Zahl der von Pflegediensten betreuten Pflegebedürftigen um rund 34%, die damit leicht vor der Steigerungsrate der Angehörigenpflege mit 32%
liegt. Die Kapazitäten in der stationären Pflege sind zwar auch gewachsen, bleiben aber beim Zuwachs der Anzahl der Einrichtungen, der verfügbaren Plätzen, des Personals und den in Pflegeheimen versorgten Pflegebedürftigen deutlich hinter der ambulanten Pflege durch Pflegedienste zurück.

Pflege in Berlin: Entwicklung 1999-2013 in %
83,8

82,9

48,5

50,6

41,5

39,1
25,6
5,1

Abbildung 18: Pflege in Berlin: Entwicklung 1999-2013 in %

20,2

39

6. Entwicklung der Pflege bis 2030

40

Der Kapazitätsausbau hat dazu geführt, dass Pflegebedürftigen im ambulanten Bereich am Wochenende und nachts ausreichend ambulante Versorgungsangebote zur Verfügung stehen, sie hier
sogar über umfangreiche Wahlmöglichkeiten verfügen und auch bei den Pflegeheimen nicht auf
einen Platz warten müssen. Angesichts der prognostizierten Zahl an Pflegebedürftigen für 2030 von
etwa 170.000 Personen müssen die Kapazitäten in Pflegeheimen und bei den Pflegediensten erheblich gesteigert werden, um den erreichten Versorgungsgrad halten zu können. Dies erfordert über
die Infrastruktur hinaus angesichts eines rückläufigen Erwerbspersonenpotentials erhebliche Anstrengungen zur Rekrutierung des benötigten Personals. Die Dimensionen und damit verbundenen
Handlungsbedarfe und Herausforderungen werden deutlicher, wenn man den zurückliegenden
Zeitraum betrachtet.
Im Zeitraum 1999-2013 hat sich der Personalbestand mit rund 6.000 Beschäftigten mehr bei den
Pflegeheimen um 41% und bei den Pflegediensten sogar mit rund 9.700 Beschäftigten mehr um
84% erhöht. Errechnet man für 2013 jeweils das Verhältnis von Beschäftigten/Pflegebedürftigen
ergibt sich sowohl ambulant wie auch stationär eine Personaleinsatzquote von knapp 0,8 Beschäftigten pro Pflegebedürftigem. Bei Fortschreibung der bisherigen Verteilung auf die verschiedenen
Versorgungsformen und bei der Annahme einer Steigerung der Zahl der Pflegebedürftigen auf
170.000 Personen bis 2030 ergibt sich ein Bedarf an zusätzlichem Personal in der Größenordnung
von rund 22.000 Beschäftigten.
2013

2030

2030 bei

Pflegebedürftige insgesamt

112.500

170.000

170.000

Pflegebedürftige stationär

27.500

42.500

42.500

Pflegebedürftige durch Pflegedienste zu Hause versorgt

27.800

42.000

42.000

Beschäftigte stationär

20.600

31.900

27.600

Beschäftigte bei Pflegediensten

21.400

32.300

24.200

100% Vollzeitquote

Abbildung 19: Hochrechnung Pflegebedürftige und Beschäftigte nach Versorgungsform

Es muss betont werden, dass es sich bei den genannten Beschäftigtenzahlen um Personen und nicht
um Vollzeitäquivalente handelt. Würde man die Berechnung darauf abstellen, dass alle Personen in
der Pflege Vollzeit arbeiten würden, verringert sich der Bedarf auf 24.200 Vollzeitäquivalente im
ambulanten Bereich und 27.600 Personen im stationären Bereich. 18 Es zeigt sich auch hier, dass die
bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die Verringerung gesundheitsbelastender Arbeitsbedingungen und letztlich die Ermöglichung von Vollzeitarbeit für diejenigen Beschäftigten, die es
wollen, das prognostizierte Fachkräftedelta deutlich verringern könnten.
Das Pflegestärkungsgesetz II bringt mit der Einführung eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs
viele richtige und wichtige Verbesserungen für pflegebedürftige Menschen. Das Personalproblem
aber löst es nicht. Allein schon die Erweiterung der Zahl der Leistungsbezieherinnen und -bezieher
und die Erhöhung von Leistungen wird die Nachfrage nach professionellen Pflegedienstleistungen
stimulieren. Für Personalverbesserungen ab 2017 wurden auf Berliner Landesebene bereits vertragliche Voraussetzungen geschaffen. Diese bisher noch nicht zu beziffernden Effekte können in der
Berechnung des Personalbedarfs 2030 jedoch noch nicht berücksichtigt sein.

18

Zur Situation der Pflege im Land Berlin. Bestandsaufnahme und Ausblick auf die Entwicklung des Fachkräftebedarfs in der
Altenpflege, WERT.ARBEIT GmbH, Berlin, 2015.

6. Entwicklung der Pflege bis 2030

Im Rahmen des Projektes Fachkräftesicherung in der Altenpflege wurde auch eine Prognose19 für
den Bedarf an examinierten Altenpflegerinnen und Altenpflegern im Jahr 2030 erstellt. Die Projektion basiert auf zwei Szenarien der künftigen Absolventenzahlen in der Altenpflegeausbildung.
Szenario 1 geht davon aus, dass der höchste Stand der Ausbildungszahlen der letzten Jahre beibehalten werden kann. Der höchste Stand wurde 2013 mit 667 Absolventen erreicht. Szenario 2 geht
von einer verhaltenen Entwicklung aus und nimmt den Durchschnitt der Absolventenzahlen der
letzten acht Jahre, in diesem Fall 447 Absolventinnen, zur Berechnungsgrundlage.
Auf Grundlage der Fortschreibung der Durchschnittszahlen (Szenario 2) ist der Personalbedarf in

Szenarien Auszubildende 2030
12.000
10.000
8.000
6.000
4.000
2.000

3.484
11.339

2.540

7.599

4.044

0
Bedarf

akkumulierte Abschlüsse bei
akkumulierte Abschlüsse bei
Fortschreibung des Maximums Fortschreibung des Durchschnitts
(667)
(447)

Erweiterungsbedarf akkumuliert

Fluktuation akkumuliert

Verrentung akkumuliert

Szenario 1

Szenario 2
Abbildung 20: Szenarien Auszubildende 2030

der Altenpflege bei gleichbleibenden Rahmenbedingungen demnach nicht zu decken. Im optimistischen Szenario 1, der Fortschreibung der Abschlusszahlen auf dem Höchstniveau von 2013, wäre
der Bedarf rechnerisch zu decken. Allerdings bleibt hier noch unberücksichtigt, dass derzeit zahlreiche Absolventen einer Altenpflegeausbildung nicht im Berufsfeld bleiben sondern direkt in die Krankenpflege o.ä. Berufszweige wechseln. Ebenso unberücksichtigt bleibt hierbei, dass zahlreiche Absolventinnen aus dem Land Brandenburg wiederum nach abgeschlossener Ausbildung ihren Beruf in
Berlin ausüben. Unklar ist zudem, welche Effekte das Pflegeberufereformgesetz mit der Einführung
der generalistischen Ausbildung auf die Ausbildungszahlen in der Altenpflege hat und wie groß der
grundsätzlich als positiv einzuschätzende Effekt der Schulgeldbefreiung wird.

19

Zur Situation der Pflege im Land Berlin. Bestandsaufnahme und Ausblick auf die Entwicklung des Fachkräftebedarfs in der
Altenpflege, WERT.ARBEIT GmbH, Berlin, 2015.

41

42

7. Was ist die passende Versorgungsform?

7. Was ist die passende Versorgungsform?
Die Mehrheit der in Deutschland lebenden Frauen und Männer möchte im Falle des Eintretens einer
Pflegebedürftigkeit zu Hause versorgt werden. Mit diesem Wunsch ist die Hoffnung verbunden, sich
so am besten Autonomie und Selbstbestimmung erhalten und ein hohes Maß an Kontinuität im
Leben bewahren zu können. Wichtig ist dabei Kontinuität nicht nur im Hinblick auf vertraute Personen, sondern auch Kontinuität im bekannten Wohnumfeld. Stationäre Wohn- und Versorgungsformen haben im öffentlichen Meinungsbild nach wie vor einen schweren Stand. Das Idealbild „Häuslichkeit“ stellt damit letztlich immer auch den Referenzwert für andere Versorgungsformen außerhalb der angestammten Wohnung dar. Sowohl die Pflege im Heim als auch andere spezielle Wohnformen müssen diesem Bezugspunkt Rechnung tragen, um gemeinhin akzeptierte Gegenmodelle
für die Versorgung in der eigenen Häuslichkeit darzustellen.
Entscheidende Faktoren für die Pflege in der eigenen Häuslichkeit sind insbesondere die Wohnsituation der oder des Pflegebedürftigen: Gibt es unüberwindbare Barrieren beim Zugang zur oder innerhalb der eigenen Häuslichkeit, muss ein Umzug in eine andere Wohnung, eine diesbezüglich besser
ausgestattete ambulante Wohnform wie betreutes Wohnen, eine Wohngemeinschaft oder ein Pflegeheim in Erwägung gezogen werden. Auch die Bereitschaft der Angehörigen, die Pflege zu übernehmen bzw. zu organisieren ist entscheidend. Auch bei Inanspruchnahme von Pflegediensten ist
eine Pflege zu Hause in der Regel ohne eine mindestens begleitende Pflege durch Angehörige nicht
möglich.
Pflege zu Hause ist allerdings nicht per se immer die bessere Alternative. Die Gestaltung der Versorgung zu Hause kann Ressource, aber auch Risiko für den Erhalt von physischer oder psychischer
Gesundheit und Selbstbestimmung sein. Erfahrungen zeigen, dass „Zu Hause ist es am schönsten!“
fragwürdig werden kann, wenn es zu stark von Einsamkeit und Verwahrlosung, Entfremdung und
Verzweiflung begleitet wird. Wenn sich Menschen in der eigenen Häuslichkeit nicht mehr ausreichend sicher fühlen oder ihnen nahe stehende Personen dies so erleben, ist der Umzug in eine stationäre Langzeitpflegeeinrichtung aus medizinischen und sozialen Gründen oft eine gute Alternative.
Für die Suche nach der geeigneten Einrichtung sollten vorhandene Checklisten genutzt werden, z. B.
die kostenlose Verbraucherinformation der Pflegestützpunkte. Eine persönliche Beratung in einem
Pflegestützpunkt sollte insbesondere dann in Anspruch genommen werden, wenn nach einer Einrichtung mit einem pflegefachlichen Schwerpunkt, einem spezialisierten Wohnbereich gesucht wird,
z. B. für demenziell Erkrankte. Die Berliner Bezirke halten für ihre Bürgerinnen und Bürger Informationsmaterial zu den Pflegeeinrichtungen im Bezirk bereit. Ein wichtiger Ansprechpartner sind auch
die Pflegekassen, die ihre Mitglieder sachkundig informieren und beraten. An Hand der gesammelten Informationen sollte eine Auswahl der in Frage kommenden Einrichtungen vorgenommen werden. Für eine abschließende Entscheidung ist jedoch ein Besuch der jeweiligen Einrichtungen zu
empfehlen. Im Rahmen dieser Besuche kann man sich einen Eindruck sowohl zur Qualität des Wohnens als auch zur Qualität der Pflege verschaffen.
Die Qualität des Wohnens ist auch für Laien relativ gut erkennbar, wenn sie sich über eine Pflegeeinrichtung umfassend informieren und sie auch besichtigen. Besonders achten sollte man auf:
•

Atmosphäre beim Eintritt, Sauberkeit, auch Gerüche,

•

Gestaltung der Wohnbereiche ,

7. Was ist die passende Versorgungsform?

•

Möglichkeiten des Gestaltens des eigenen Wohnraums, Mitbringen von eigenen Möbeln
und Accessoires, Wahrung der Privatsphäre,

•

Einzelzimmer oder überwiegend Mehrbettzimmer ,

•

Garten vorhanden und wird er genutzt,

•

Gestaltung der Speisesäle,

•

Umgangston in der Einrichtung zwischen dem Pflegepersonal und den Bewohnerinnen und
Bewohnern,

•

Struktur des Alltags, z. B. Duldung von individuellen Schlaf- und Wachzeiten, Regelungen
zu Essenszeiten.

Die Qualität der Pflege ist schwer für den Laien zu erkennen, aber auch hier gibt es einige Anhaltspunkte und Fragen, die für die eigene Einschätzung in der Einrichtung gestellt werden sollten.
•

Wie wirken die Beschäftigten, freundlich und entspannt oder machen sie einen schlecht gelaunten, gehetzten Eindruck?

•

Wie viel Personal steht zur Verfügung und wie hoch ist der Anteil der Pflegefachkräfte?

•

Welchen Eindruck machen die Bewohnerinnen und Bewohner, sitzen sie überwiegend anteilslos herum oder beschäftigen sie sich bzw. werden sie sinnvoll beschäftigt?

•

Was dürfen die Bewohnerinnen und Bewohner selber machen, soweit sie es noch können?

•

Wie wird in der Einrichtung eine Bezugspflege sichergestellt?

•

Welche regelmäßigen therapeutischen Angebote hat die Einrichtung, z. B. Gymnastik,
Schwimmen u.ä.?

•

Wie ist die ärztliche Versorgung geregelt? Arbeitet die Einrichtung mit bestimmten Ärztinnen und Ärzten zusammen?

Zu den grundlegenden Anforderungen gehören in diesem Zusammenhang eine qualifizierte Pflege,
die Stärkung und Förderung noch vorhandener gesundheitlicher und sozialer Ressourcen, der Erhalt
eines Höchstmaßes an Selbstständigkeit und Selbstbestimmung sowie soziale Teilhabe. Dies kann in
der angestammten Wohnung, gegebenenfalls aber auch mit einer stationären Versorgung am besten gegeben sein. Dabei spielen neben Art, Umfang, Qualität und Preis der Leistung auch die Verfügbarkeit des Angebots, der Zugang zum Angebot, die Chancen zur Aufrechterhaltung bestehender
sozialer Beziehungen sowie die Einbettung in den Sozialraum und damit verbundene Teilhabemöglichkeiten entscheidende Rollen. Nicht ambulant oder stationär, sondern wohnen und leben, wo es
individuell für den pflegebedürftigen Menschen am ehesten stimmig ist, sollte entscheidend für die
Wahl der Versorgungsform sein. Die besonders wichtigen Fragen sind hierbei:
•

Was kann ich selbst?

•

Wofür benötige ich Hilfe?

•

Was ist für mich erreichbar?

•

Was ist für mich verfügbar?

•

Was kenne ich?

•

Was ist für mich finanzierbar?

•

Was ist für mich zugänglich?

•

Was findet Akzeptanz?

Beratungsangebote der Pflegestützpunkte:

 www.pflegestuetzpunkteberlin.de

43

8. Pflege zu Hause

44

8. Pflege zu Hause
Die Pflege allein durch Angehörige konnte mit einem Anteil von 67% an allen zu Hause gepflegten
Personen auch 2013 ihre hohe Bedeutung behaupten. Mit knapp 27.700 Fällen übernahmen Pflegedienste 2013 wie in 2011 in knapp 33% der Fälle ganz oder teilweise die Versorgung zu Hause. Sie
sind damit zu knapp 25% an der Pflege insgesamt beteiligt.

Verteilung der Versorgungsarten in Berlin 2013

24%

25%

vollstationär versorgt
zuhause allein durch
Angehörige versorgt
zuhause (auch) durch
Pflegedienste versorgt

51%
Abbildung 21: Verteilung der Versorgungsarten in Berlin 2013

Umfang und Bedeutung der informellen Pflege im Gesamtsystem der Pflege lassen sich lediglich
grob abschätzen. Einerseits fehlen Daten über den Umfang der Personen mit Pflege- und Hilfebedarf, andererseits sind nicht alle Personen mit gesundheitlichen und funktionellen Einschränkungen
auf fremde Hilfe angewiesen. Die Art der nachgefragten Hilfe hängt neben dem Grad der Einschränkungen unter anderem auch von Art und Höhe der verfügbaren öffentlich finanzierten Leistungen,
den familiären und häuslichen Gegebenheiten, aber auch von den persönlichen Bewältigungsstrategien ab.
Die Pflegeversicherung weist für 2013 bundesweit ca. 1,2 Millionen Pflegegeldempfängerinnen und
-empfänger aus. Da Pflegedienste in den meisten Fällen nicht 100% der Versorgung übernehmen,
muss die Zahl der von der Pflegestatistik erfassten Angehörigen um die Personen ergänzt werden,
die in Zusammenarbeit mit den Pflegediensten die Versorgung zu Hause sicherstellen. Hinzu kommen die Angehörigen, die in den Fällen, in denen keine Leistungen der Pflegeversicherung erfolgten,
Unterstützungsleistungen erbringen. Die RKI-Pflegestudie20 kommt zu dem Ergebnis, dass bundesweit insgesamt rund 4,7 Millionen Personen informelle Pflege und Hilfe erhalten. Für Berlin ging der
Achte Familienbericht der Bundesregierung21 von ca. 170.000 pflegenden Angehörigen in 2011 aus.
Die zuvor aufgeführten Angaben lassen vermuten, dass ihre Zahl noch größer ist.
Die Daten dokumentieren, dass das soziale Umfeld der informellen Hilfe, wie Partnerschaft, Familie,
Verwandtschaft, Nachbarschaft, Freundeskreis, nach wie vor den Hauptteil der sozialen und pflegerischen Unterstützung im Alter übernehmen und damit die weiterhin sehr hohe Bereitschaft, die in
Berlin zur intergenerativen Unterstützung besteht. Die traditionellen sozialen Netzwerke können

20

Alle Zahlen, die der sogenannten RKI-Pflegestudie entnommen sind beziehen sich im Weiteren auf diese Veröffentlichung: Wetzstein/
Rommel/ Lange, Pflegende Angehörige – Deutschlands größter Pflegedienst, GBE kompakt 6(3), Robert Koch – Institut, Berlin 2015.
21
Achter Familienbericht, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Drs. 17/9000 des Deutschen Bundestages,
2012.

8. Pflege zu Hause

damit weiterhin zu Recht als der größte Pflegedienst in Berlin bezeichnet werden. Die Daten zeigen
gleichzeitig, dass die traditionellen sozialen Netzwerke in sehr vielen Fällen nicht nur die Hauptlast
der Pflege tragen, sondern ihnen auch die Versorgungsverantwortung obliegt. Meist steuern sie das
gesamte Pflege- und Versorgungsgeschehen und bilden die zentrale Säule der Versorgung. Hierbei
übernehmen sie – betrachtet man absolute Zahlen – in erheblichem Umfang auch die Pflege bei
Pflegestufe III, d.h. auch bei zeitlich umfangreicher Pflege.

8.1 Primat der Versorgung zu Hause
Der Wunsch, in der eigenen Wohnung gepflegt zu werden, war von Beginn der Pflegeversicherung
an für die große Mehrheit der Pflegebedürftigen ein zentrales Anliegen, an dem sich bis heute nichts
geändert hat. Ihr Wunsch korrespondiert mit dem individuellen und gesellschaftlichen Ziel der
Selbstständigkeit und dem Grundsatz ambulant vor stationär. Die Daten belegen eindrucksvoll, dass
zwei der wichtigsten Ziele der Landespflegepläne 2006 und 2011, die Umsetzung des Grundsatzes
ambulant vor stationär und die Stärkung der häuslichen Pflege, erreicht werden konnten. Da die
weit überwiegende Zahl aller Menschen auch weiterhin ihr Leben bis ins hohe Alter in der vertrauten häuslichen Umgebung oder zumindest quartiersnah bzw. sozialräumlich im vertrauten Umfeld
selbstbestimmt gestalten möchte, bleibt dies weiterhin ein Ziel. Der langjährige Verlauf zeigt gleichzeitig, dass die Pflege durch Angehörige ihren Anteil an der Versorgung zu Hause seit 1999 halten
konnte. Dies gibt Anlass zur Hoffnung, trotz gegenläufiger Entwicklungstrends.

Anteil zu Hause gepflegter Personen an allen Pflegebedürftigen 1999-2013
76,00%

75,0%

75,00%

75,5%

74,3%

74,00%
73,00%

72,1%

72,00%
71,00%

70,8%
69,9%

70,00%

71,8%

70,3%

69,00%
68,00%
67,00%
1999

2001

2003

2005

2007

2009

2011

2013

Abbildung 22: Anteil zu Hause gepflegter Personen an allen Pflegebedürftigen 1999-2013

Die demografischen Entwicklung , die Veränderung der Lebensformen, die mit Pflege verbundenen
Belastungen, die berufliche Mobilität, die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen und der hohen
Anteil der Single-Haushalte erschweren es, ein hohes Niveau an Unterstützung durch pflegende
Angehörige halten zu können. Umso mehr wird die Stärkung und Weiterentwicklung des Unterstützungssystems für pflegende Angehörige notwendig.

45

46

8. Pflege zu Hause

8.2 Pflege durch pflegende Angehörige
Pflegende Angehörige finden sich in allen Bevölkerungsschichten unabhängig von Wohlstand, Alter,
Glauben, Herkunft, Geschlecht, häuslicher Situation oder Familienstand. Sie ermöglichen den von
ihnen Gepflegten den Verbleib im vertrauten Umfeld und die Aufrechterhaltung ihrer sozialen Beziehungen. Sie handeln meist aus einem besonderen Verantwortungsgefühl heraus, verrichten
Pflege- und Beziehungsarbeit und dies in der Regel im Stillen. Pflegebedürftige Angehörige stecken
zudem oft in einem mehrdimensionalen Dilemma zwischen humanitärem Verhalten gegenüber den
nächsten Familienmitgliedern und den Anforderungen von Arbeitgebern, zeitlichen Möglichkeiten
und ökonomischen Folgekosten z. B. einer Vollzeitpflege. Viele von ihnen nehmen die Pflege unoder schlecht vorbereitet auf, nutzen das Unterstützungssystem oft noch nicht ausreichend und
pflegen häufig weiter, obwohl die Grenzen der Belastbarkeit erreicht sind. Gleichzeitig bauen sie im
Laufe der Zeit individuelles Expertenwissen auf und sind damit beruflich Pflegenden oft „einen
Schritt voraus“ in der konkreten Pflegesituation.

Verhinderungspflege

Tagespflege

Kontaktstellen
Pflegeengagement

niedrigschwellige
Betreuungsangebote

Fachstelle
pflegende
Angehörige

Pflegedienste

Der Mensch mit Pflege- und Unterstützungsbedarf
Pflegende
Angehörige

Ehrenamtliche
Besuchsdienste
Abbildung 23: Unterstützung bei Pflege zu Hause

Alltagshilfen

Pflegestützpunkte

Information
Beratung

spezielle Beratung, z.B. Pflege
in Not

Pflegekurse

Trotz ihrer beeindruckenden Leistungen für die Pflegebedürftigen und die Gesellschaft erhalten sie
aber individuell und gesellschaftlich leider meist noch nicht die Anerkennung und Wertschätzung,
die sie verdienen. Mit ihrem Wirken sind sie unersetzliche Partner zur Sicherung des Pflegesystems
und Ausdruck einer ausgeprägten Hilfekultur in der Stadt. Ihnen gebührt dafür Dank, Anerkennung
und Unterstützung durch Politik, Gesellschaft und Sozialversicherung.
Pflegende Angehörige verdienen bestmögliche Unterstützung, indem ihnen die Informations-, Beratungs-, Unterstützungs- und Entlastungsangebote so zur Verfügung stehen, wie sie sie für ihre
verantwortungsvolle Aufgabe benötigen. Um die Pflegebereitschaft und -fähigkeit der Angehörigen
auch für die Zukunft zu erhalten, müssen die pflegenden Angehörigen selbst in ihrer eigenständigen
Rolle, mit ihren eigenen Bedürfnissen und hinsichtlich ihrer eigenen Lebensqualität viel mehr als
heute in den Blick genommen werden.

8. Pflege zu Hause

Die Gestaltung passgenauer Beratungs-, Unterstützungs- und Entlastungsangebote setzt ihre aktive Einbeziehung und die Eruierung und Berücksichtigung ihrer Bedarfe und Wünsche voraus. Hierzu sind die Überprüfung und Weiterentwicklung der bestehenden Angebote, der Austausch auf
Augenhöhe, die Entwicklung weiterer Beteiligungsinstrumente und die Schaffung von mehr Gelegenheiten zur Partizipation unerlässlich. Diese Aufgabe stellt sich allen an der Versorgung Beteiligten, aber auch der Forschung, um z. B. mit Studien aufzuzeigen, was tatsächlich Entlastung bringt.

8.2.1 Zur Situation pflegender Angehöriger
Pflegende Angehörige sind längst nicht mehr nur direkte Familienmitglieder wie Ehepartner, Kinder,
Schwiegertöchter oder Enkel, sondern zunehmend auch Freunde und Nachbarn. Als besondere
Gruppe sind minderjährige Kinder und Jugendliche zu nennen, die ihre kranken Eltern oder Geschwister pflegen, um die Familie aufrecht zu erhalten.
Der TK-Pflegestudie22 zufolge stellen die 50- bis 65-Jährigen mit 52% die größte Gruppe der pflegenden Angehörigen. 30% sind 18 bis 49 Jahre alt und 18% älter als 65 Jahre. Etwa die Hälfte der Pflegenden sind enge Verwandte, vor allem Kinder. Bei 18% ist der Gepflegte der/die Lebenspartner/-in
und bei 11% ein Elternteil der Partnerin oder des Partners. 41% der Befragten leben mit der zu
pflegenden Person im gleichen Haushalt.
Bei der häuslichen Pflege durch Angehörige, unterstützt durch Pflegesachleistungen (Pflegedienste)
und teilstationäre Einrichtungen, lässt sich am Lebensalter der Pflegebedürftigen in etwa auch
erkennen, in welchem Lebensalter sich die pflegenden Kinder befinden. Setzt man das durchschnittliche Erstgeburtsalter auf 25 Jahre an, dann sind die erstgeborenen Kinder bereits 55 Jahre alt, wenn
bei den Eltern die Pflegebedürftigkeit mit dem Lebensalter von 80 Jahren einsetzt. Beginnt die Pflegebedürftigkeit später, mit etwa 85 Jahren und/oder ist das Kind früher geboren, dann befinden
sich die Pflegepersonen selbst schon im Rentenalter.
Da bei den zu Hause Gepflegten, d.h. in den Haushalten, in denen die Versorgung ganz bzw. teilweise durch pflegende Angehörige erfolgt, rund 40% auf die Altersgruppe der über 80-Jährigen
entfallen, lässt sich vorsichtig geschätzt die Annahme treffen, dass die pflegenden Angehörigen sich
zu einem analogen Anteil auch schon im Rentenalter befinden und zu nahezu 100% bei den über
90-Jährigen Pflegebedürftigen. Aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, deutet das darauf hin,
dass bei etwa 60% der familiär versorgten Pflegebedürftigen die pflegenden Angehörigen altersmäßig noch im Erwerbsalter sind, selbst vermehrt erwerbstätig sind und ihren Beruf mit der Pflegeaufgabe vereinbaren müssen.
Zu berücksichtigen ist, dass infolge des demografischen und sozialen Wandels die Zahl der kinderlosen älteren Menschen steigt. Sind Kinder vorhanden, die potenziell Hilfs- und Pflegetätigkeiten
übernehmen können, dann sind es infolge der niedrigen Geburtenziffern nur noch wenige Geschwister. Dabei handelt es sich in aller Regel um Töchter bzw. Schwiegertöchter, die aber, wenn sie
noch keine Rente beziehen, vermehrt erwerbstätig sind und ihren Beruf dann mit der Pflegeaufgabe
vereinbaren müssen.

22

Alle Zahlen, die der sogenannten TK-Pflegestudie entnommen sind beziehen sich im Weiteren auf diese Veröffentlichung: Beate
Bestmann, Elisabeth Wüstholz, Frank Verheyen. Pflegen: Belastung und sozialer Zusammenhalt. Eine Befragung zur Situation von
pflegenden Angehörigen. WINEG Wissen 04. Techniker Krankenkasse, Hamburg 2014.

47

48

8. Pflege zu Hause

Der Entschluss, einen Angehörigen zu pflegen, kann von vielen Aspekten und Motiven geprägt sein.
Oft treffen mehrere zusammen. Hervorzuheben sind:
•

Situative Aspekte: Die Pflegesituation tritt sehr oft plötzlich ein, z. B. nach einem Krankenhausaufenthalt. 37% der pflegenden Angehörigen gaben an, dass sie plötzlich mit der
Notwendigkeit der Betreuung konfrontiert wurden.

•

Beziehungen: Häufig möchten pflegende Angehörige etwas zurückgeben, ausgleichen, was
die nun pflegebedürftigen Angehörigen für sie geleistet haben. Ca. 50% übernehmen die
Pflege, weil die Personen zur Familie gehören oder man sich aufgrund des eigenen Wertesystems oder Erwartungen des sozialen Umfelds zur Pflege verpflichtet fühlt. Andere, weil
der oder die Pflegebedürftige dies wünscht und man dies nicht ausschlagen möchte. Mitunter ist es wichtig für die Aufrechterhaltung der Familiensituation.

•

Ökonomische Motive: Bei wohlhabenden Pflegebedürftigen wird die Pflege gegebenenfalls
wegen Rente, Grundbesitz oder Vermögen des Pflegebedürftigen übernommen. In anderen
Fällen wird das Pflegegeld als Einkommensersatz bzw. zur Einkommensergänzung benötigt.

Einen Angehörigen zu pflegen ist eine Vollzeitaufgabe. Knapp zwei Drittel kümmern sich täglich um
den pflegebedürftigen Angehörigen. Sie sind sieben Tage die Woche im Einsatz. Ein weiteres Viertel
kümmert sich 4-6 Tage die Woche um den Pflegebedürftigen. Ein Drittel der Pflegenden erbringt
täglich mindestens zwei Stunden Pflegeleistungen.
Die Mehrheit der pflegenden Angehörigen teilt sich die Aufgaben mit anderen, entweder mit anderen Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten oder mit professionellen Pflegekräften. Allerdings sind viele pflegende Angehörige in der Versorgung ihrer Angehörigen auf sich allein gestellt:
der TK-Pflegestudie zufolge pflegt jeder Vierte allein.
Nach Aussagen der RKI-Pflegestudie ist bei Übernahme der Pflege meist völlig offen, wie lange die
Situation andauern wird. Knapp die Hälfte der Angehörigen (46%) pflegt seit zwei bis fünf Jahren,
jeder Vierte sogar seit über fünf Jahren. Bezogen auf alle Pflegebedürftigen ergibt sich dabei eine
durchschnittliche Pflegedauer von mehr als sechs Jahren. Betrachtet man die Verteilung der Pflegedauer genauer, zeigt sich, dass bei etwa 40% der Pflegebedürftigen, bei denen die Pflegebedürftigkeit im Alter von mindestens 60 Jahren auftritt, eine Dauer von weniger als zwei Jahren zu beobachten ist, bei 20% eine zwischen zwei und vier Jahren, immerhin 40% aber auch eine Dauer von mehr
als vier Jahren aufweisen. Von den Männern waren 22% und von den Frauen sogar 41% vor ihrem
Tod im Jahr 2013 länger als zwei Jahre gepflegt worden.
Auch wenn der Anteil der Männer an den Pflegepersonen sukzessive ansteigt, wird die private häusliche Pflege überwiegend von Frauen, zumeist durch die Tochter, Ehepartnerin, Schwiegertochter
oder Mutter der pflegebedürftigen Person geleistet. Der RKI-Pflegestudie zufolge sind fast zwei
Drittel der Pflegenden Frauen, gut ein Drittel sind Männer. Bei jeder dritten häuslichen Pflegesituation besteht eine Pflegebedürftigkeit aufgrund einer Demenzerkrankung, bei fast der Hälfte aufgrund einer Störung der Mobilität, bei einem Viertel aufgrund eines Schlaganfalls und bei 13% aufgrund einer Krebserkrankung.

8. Pflege zu Hause

Das Spektrum der Pflege reicht von körperbezogenen Aufgaben, wie der Körperpflege und der Anreichung des Essens, über Kochen, die Haushaltsführung, Spaziergänge und Beschäftigungsangebote bis hin zu bürokratischen Angelegenheiten, wie der Bestellung von Medikamenten und Hilfsmitteln oder der Antragsstellungen bei den Pflegekassen. Als Hauptaufgabe beschreiben pflegende
Angehörige aber die seelische Unterstützung, menschlichen Kontakt und Gespräche.

8.2.2 Belastungen durch die Pflege
Die Pflege der Angehörigen ist kräftezehrend, oft eine 24-Stunden-Angelegenheit mit einer Vielfalt
an individuellen Herausforderungen und belastenden Einflüssen. Art und Umfang der Belastung
fallen individuell höchst unterschiedlich aus. Der Grad der Belastung hängt hierbei von dem Verhältnis zwischen dem persönlichen Belastungsempfinden und den als belastend empfundenen Faktoren ab. Belastungserleben und Belastungsbewältigung sind subjektiv, individuell unterschiedlich
und werden von zahlreichen Faktoren wie Art der Erkrankung des Pflegebedürftigen, Motiven zur
Pflegeübernahme, Verhältnis zum Pflegebedürftigen, Zugang und Effektivität des Netzwerk an
Unterstützungsmaßnahmen oder Selbstpflegefähigkeiten beeinflusst.
Vielfach resultieren aus den Belastungen gesundheitliche Risiken für die Pflegepersonen selbst.
Sechs von zehn pflegenden Angehörigen geben in der TK-Pflegestudie an, dass die Pflege sie viel
von ihrer eigenen Kraft kostet. Die Hälfte der Pflegenden fühlt sich oft körperlich erschöpft, gut ein
Drittel ist hin- und hergerissen zwischen den Anforderungen der Pflege und denen der Umgebung,
zum Beispiel Job oder Familie.
Nur wenige Pflegende schätzen ihren Gesundheitszustand nach Aussagen der RKI-Pflegestudie
positiv ein. Während bei dem Bevölkerungsquerschnitt rund 60% ihre Gesundheit als gut oder sehr
gut beurteilen, tut dies bei den pflegenden Angehörigen nicht einmal die Hälfte, bei allein Pflegenden nur etwas mehr als ein Drittel. Pflegende mit hohem Betreuungsumfang schätzen hierbei im
Vergleich zu Nicht-Pflegenden ihren Gesundheitszustand häufiger als nicht gut ein und berichten zu
höheren Anteilen gesundheitliche Einschränkungen und psychische Belastungen.
Besonders ausgeprägt sind körperliche Belastungen, Glieder- und Rückenschmerzen, Symptome
allgemeiner Erschöpfung, Herzbeschwerden, Magenprobleme, das Gefühl von „gefangen sein“, das
aus der Pflicht, dauernd anwesend zu sein, resultiert. Erschöpfung äußert sich häufig in psychosomatischen Beschwerden wie Schlaflosigkeit, Nervosität, Kopfschmerzen und depressiven Verstimmungen. Bei Beeinträchtigungen wie Demenz können herausfordernde Verhaltensweisen wie Weglauftendenzen, aggressives Verhalten, Schreien oder apathisches Verhalten des Pflegebedürftigen
die psychischen Belastungen erheblich verstärken. Aber auch Rollen- und Beziehungskonflikte in
den Pflegesituationen, Einschränkungen in der Realisierung eigener Lebenspläne, Gefährdungen der
eigenen Berufstätigkeit und soziale Isolation können belastungssteigernd wirken.
Zudem besteht die Angst, Fehler in der Pflege zu machen und die Pflegebedürftigen nicht ausreichend emotional und sozial betreuen zu können. Da es zumeist nur eine Hauptpflegeperson gibt,
fokussiert sich sehr häufig die ganze Verantwortung allein auf diese Person. Dass ständig Entscheidungen getroffen werden müssen und man sich Sorgen macht, was passiert, wenn man selbst
krank wird, kann Zukunftsängste bewirken. Besonders belastend ist die Pflege von schwerst Pflegebedürftigen rund um die Uhr, insbesondere bei Menschen mit Demenz, zumal, wenn sie parallel zu
einer Berufstätigkeit oder der Betreuung eigener Kinder erfolgt oder ohne einen ausreichenden
Einsatz von Hilfsmitteln, pflegeflankierenden persönlichen Hilfen oder professioneller Unterstützung durch Pflegedienste. In vielen Fällen nehmen die Belastungen mit zunehmender Pflege- und
Hilfebedürftigkeit der oder des zu Pflegenden und der Dauer der Pflegesituation zu. Erhöhte Ausgaben, Reduzierung des Haushaltseinkommens, wenn der pflegende Angehörige seinen Beruf ein-

49

50

8. Pflege zu Hause

schränken oder aufgeben muss und finanzielle Folgewirkungen aufgrund einer Reduzierung der
Rentenansprüche können die Belastung verstärken. In den meisten Haushalten ist die Wohnung
zudem nicht barrierearm umgebaut, so dass oft auch die Wohnsituation von pflegenden Angehörigen als erschwerend erlebt wird.
Zwar erbringen pflegenden Angehörigen ihre Unterstützungsleistungen zumeist in hoher Qualität.
Nicht immer jedoch kann von den Pflegepersonen die Versorgung der Pflegebedürftigen qualitativ
und quantitativ ausreichend sichergestellt werden. Überforderung in der Pflege und Mangel an
Unterstützung von außen bergen dann nicht nur die Gefahr der Vernachlässigung pflegebedürftiger
Menschen und unzureichender Pflege, sondern auch des Auftretens von Gewalt zwischen den Beteiligten. Körperliche und seelische Misshandlungen, materielle Übervorteilung oder Einschränkung
des freien Willens haben ggf. gravierenden Folgen auch dann, wenn sie ohne direkte Schädigungsabsicht erfolgen.
Die Risiken erhöhen sich, wenn eine zu Beginn einer Pflegeaufnahme getroffene Entscheidung über
Jahre ohne Anpassung auf die sich verändernde Pflegesituation bleibt, keine unterstützende Beratung erfolgt, die Belastung der Pflegeperson(en) zunimmt und Unterstützung durch pflegeflankierende Angebote und professionelle Pflegekräfte nicht bzw. nur unzureichend stattfindet.
Neben den vielen zweifellos belastenden Faktoren gibt es allerdings auch wichtige positive Aspekte.
So empfanden z. B. die meisten der Befragten in der TK-Studie den Kontakt zu dem Erkrankten als
gut (95%). Drei Viertel der Befragten erfährt Anerkennung für ihre Hilfe, 81% geben an, dass sie viel
Kraft aus dem Wissen schöpfen, dass der oder die Pflegebedürftige weiter zu Hause wohnen kann.
Beinahe die Hälfte der Befragten empfindet die Pflegetätigkeit nicht nur belastend, sondern auch
als Bereicherung des eigenen Lebens. Bei knapp zwei Dritteln hat die Pflegetätigkeit sogar das Verhältnis zum zu Pflegenden verbessert. Dies bestätigt Erfahrungen, dass Pflege emotional befriedigend sein, bereichernd, sinnstiftend und alltagsstrukturierend wirken, eine Wachstumschance sein,
Beziehungen verbessern und zu neuem Zusammenhalt führen kann. Auch zeigt sich, dass sich klassische Rollenbilder zunehmend zu verändern beginnen. So hat der Anteil pflegender Männer in den
letzten Jahren deutlich zugenommen. Hierbei handelt es sich insbesondere um ältere Männer, die
ihre Ehefrauen bzw. Partnerinnen pflegen.

8.2.3 Entlastung für pflegende Angehörige
Wichtig ist, dass pflegende Angehörige Anteilnahme und Verständnis erfahren, wichtig genommen
und wertgeschätzt werden und erleben, dass sich jemand Zeit für sie nimmt. Dies betrifft insbesondere Freunde und Familienmitglieder, aber auch professionell Pflegende, Verwaltung und in der
Beratung tätige. Auch Angehörigengruppen und Selbsthilfegruppen können hier wichtige Stützen
sein. Insgesamt ist es wichtig, positive Aspekte der Pflegesituation aufzugreifen, die Betroffenen in
der Überzeugung zu unterstützen, die Situation bewältigen zu können und sie zu ermutigen, dies
aber gleichzeitig mit konkreten Entlastungsangeboten zu verbinden.
Pflegende Angehörige benötigen zuerst ausreichende verständliche Informationen zur Vorbereitung
auf eine Pflegesituation, über wahrscheinliche Krankheitsverläufe und Leistungsansprüchen sowie
das vor Ort zur Verfügung stehende Entlastungsangebot. Die Vereinbarkeit von Pflege, Familie und
Beruf muss weiter verbessert werden. Sie benötigen die soziale Unterstützung im Umfeld, um der
Abnahme sozialer Kontakte und sozialen Isolation entgegen zu wirken, Stress zu mildern, die Bewältigung der Pflegeaufgaben zu erleichtern, Räume für mehr Selbstpflege zu erschließen und eigenes gesundheitsförderliches Verhalten zu fördern. Die Pflegearrangements müssen angepasst werden an sich verändernde Bedarfe, Schulungen und Kurse sowie Entlastungsangebote müssen angeboten und der Zugang niedrigschwellig ermöglicht werden. In Konfliktsituationen muss es möglich

8. Pflege zu Hause

sein, eine professionelle Begleitung zur Bewältigung kritischer Pflegesituationen und Konflikten in
Pflegebeziehungen in Anspruch zu nehmen.

8.2.4 Maßnahmenplan pflegende Angehörige
Berlin verfügt über ein gut strukturiertes und weit entwickeltes Unterstützungs- und Anerkennungssystem für pflegende Angehörige. Dieses gilt es zielgerichtet und bedarfsorientiert weiter zu
entwickeln und zu optimieren. Mit dem „Maßnahmenplan pflegende Angehörige – Weiterentwicklung des Berliner Unterstützungssystems“ hat Berlin 2015 ein aussagekräftiges Instrument zur
Steuerung und Koordinierung sowie zum Monitoring dieses Prozesses geschaffen. Mit diesem auch
vom Berliner Familienbericht 2015 geforderten Schritt ist Berlin bundesweit Vorreiter.
Der Maßnahmenplan wurde von der Fachstelle für pflegende Angehörige gemeinsam mit der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales sowie weiteren Beteiligten erarbeitet. Er baut auf den
Planungen in den jeweiligen Themenbereichen auf und ist mit den zuständigen Fachbereichen der
beteiligten Senatsverwaltungen abgestimmt. Er bietet einen Überblick über den aktuellen Stand
maßgeblicher Teile des Unterstützungssystems und beschreibt Handlungsbedarfe. Gegliedert nach
den vier Handlungsfeldern Anerkennungskultur, Beratung, Information und Öffentlichkeitsarbeit
sowie Alltagsunterstützung stellt er Historie, Ressourcen, Probleme, Ziele und Handlungsbedarfe in
bisher 19 Themenbereichen dar. Wichtige Bereiche wie z. B. der Bereich Demenz konnten bisher
allerdings noch nicht aufgenommen werden.
Das Handlungsfeld Beratung gliedert sich hierbei derzeit in folgende Themenbereiche:
•

Pflegefachberatung,

•

zentrale Pflegeberatungsstellen,

•

kultursensible Beratung,

•

Beratung Angehöriger pflegebedürftiger Kinder,

•

Beratung pflegender Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener,

•

Vereinbarkeit von Beruf und Pflege,

•

Beratung bei Überlastung und Gewalt.

Das Handlungsfeld Information und Öffentlichkeitsarbeit gliedert sich in folgende die Themenbereiche:
•

Recherche nach Unterstützungsangeboten,

•

Überleitungsmanagement aus dem Krankenhaus,

•

Ärztinnen und als Multiplikatoren,

•

Apotheken als Multiplikatoren,

•

Wohnungsbaugesellschaften als Multiplikatoren.

Das Handlungsfeld Alltagsunterstützung gliedert sich in die Themenbereiche:
•

Mobilitätshilfedienste,

•

ehrenamtliche Strukturen zur Entlastung,

•

niedrigschwellige Betreuungsangebote,

•

Schulung für pflegende Angehörige,

•

pflegeflankierende Selbsthilfe,

•

Hilfsmittel für die häusliche Pflege.

51

52

8. Pflege zu Hause

Die Federführung für die Themenbereiche obliegt weit überwiegend Akteuren, die durch finanzielle
Zuwendungen des Landes Berlin in ihrer Arbeit unterstützt werden. Hierzu gehören die Pflegestützpunkte, die Fachstelle Menschenkind, die Kontaktstellen PflegeEngagement, das Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung, das Kompetenzzentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe, die Mobilitätshilfedienste oder das Netzwerk palliative Geriatrie. Der Austausch zwischen Fachstelle, Federführern und zuständigen Fachbereichen der beteiligten Senatsverwaltungen gewährleistet, dass die
ausgewiesenen Maßnahmen den Planungen und Zielen in den Themenbereiche entsprechen bzw.
sich in diese integrieren lassen.
Fragen, die die Versorgung pflegebedürftiger Menschen betreffen und damit zwangsläufig auch
pflegende Angehörige, werden auch an anderer Stelle erörtert. So hat sich z. B. das Konzept 80plus
zum Ziel gesetzt, die Versorgungssituation hochaltriger Menschen zu verbessern. Um Doppelstrukturen zu vermeiden, beschränkt sich der Maßnahmenplan in solchen Fällen darauf, die Schnittstellenbezüge darzustellen. Insbesondere über die Beteiligung der Fachstelle pflegende Angehörige
am Diskurs sollen Erkenntnisse und Erfahrungen zu Bedarfen pflegender Angehöriger und relevante
Erkenntnisse aus dem Diskussionsprozess 80plus wiederum in die Fortschreibung des Maßnahmenplans einfließen.
Der Maßnahmenplan soll in einem breit angelegten diskursiven Prozess sukzessive angereichert,
vervollständigt und fortgeschrieben werden. Ziel ist, mit ihm als Diskussions- und Arbeitsgrundlage
die Entwicklung in den Handlungsfeldern in Zusammenarbeit mit den jeweils beteiligten Akteuren
zielorientiert voranzutreiben. Inhalte, Ziele, Maßnahmen und Zeitplanungen sollen mindestens
einmal jährlich themenbereichsbezogen überprüft und aktualisiert werden. Hierbei kommt dem
Diskurs und der Zusammenarbeit mit den Pflegekassen und der ambulanten Pflege als maßgeblichen Säulen der Unterstützung pflegender Angehöriger besondere Bedeutung zu.
Pflegende Angehörige verfügen über keine explizit ausgewiesene Interessenvertretung. Wissen um
ihre Situation und ihre Bedarfe bündelt sich über die Fachstelle pflegende Angehörige hinaus an
weiteren Stellen, wie z. B. dem Landesseniorenbeirat und der Landesseniorenvertretung, den Pflegekassen, den Verbänden und Trägern ambulanter Pflege, den für die Berliner Versorgungssituation
immens wichtigen Selbsthilfestrukturen oder den Wohlfahrtsverbänden. Beiträge, Anregungen und
Kritik von ihnen und allen, die etwas beisteuern können, insbesondere gerade auch von pflegenden
Angehörigen direkt, sind deshalb jederzeit willkommen.
Die Gestaltung passgenauer Beratungs-, Unterstützungs- und Entlastungsangebote setzt die aktive
Einbeziehung der pflegenden Angehörigen und die Eruierung und Berücksichtigung ihrer Bedarfe
und Wünsche voraus. Hierzu sind der Austausch auf Augenhöhe, die Entwicklung von Beteiligungsinstrumenten und die Schaffung von Gelegenheiten zur Partizipation unerlässlich.
Der Maßnahmenplan ist nicht statisch. Er versteht sich vielmehr als work-in-progress-Prozess und
ist darauf angelegt, laufend ergänzt und aktualisiert zu werden, z. B. um neue Themenbereiche,
wichtige Erkenntnisse, weitere Akteure oder Maßnahmen.

8.2.5 Woche der pflegenden Angehörigen
Mit der „Woche der pflegenden Angehörigen“ und der Verleihung
des „Berliner Pflegebären“ wurden innovative Instrumente zur
Etablierung einer Anerkennungskultur geschaffen, die der Berliner Familienbericht 2015 als exemplarisches Beispiel für vorbildhaftes Engagement in Berlin hervorhebt und die bundesweit zu-

Abbildung 24: Ehrennadel "Berli-

nehmend Beachtung finden. Mit der Ehrennadel „Berliner Pflege-

ner Pflegebär"

8. Pflege zu Hause

bär“ werden im Rahmen der zentralen Eröffnungsveranstaltung der Woche stellvertretend für alle
Angehörigen in der Stadt 10 Angehörige bzw. Angehörigengruppen ausgezeichnet. Sie werden in
einem offenen Verfahren nominiert. Die Laudationen geben Einblicke in die jeweiligen Pflegezusammenhänge und stellen anschaulich dar, wie einzigartig jede Pflegesituation ist.
Die Woche der pflegenden Angehörigen fand nach ihrem Start 2012 im Mai 2015 zum dritten Mal
statt und wird zukünftig alle zwei Jahre stattfinden. Sie wird von einem engagierten Initiativkreis
unter Leitung der Fachstelle für pflegende Angehörige ausgerichtet und von einem wachsenden
Kreis von Personen, Einrichtungen und Institutionen unterstützt. Zum Initiativkreis gehören neben
der Fachstelle für pflegende Angehörige: Pflegestützpunkte, Kontaktstellen PflegeEngagement,
Pflege in Not, Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung, Fachstelle für Prävention und Gesundheitsförderung, Berliner Bündnis für Familie, Kobra, Treffpunkt pflegender Angehöriger im Haus am
Mierendorffplatz, Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin, Lokale Allianz für Menschen mit
Demenz. Die Woche fördern darüber hinaus viele weitere Akteure wie engagierte Pflegeverbände
und Pflegeeinrichtungen, Bezirke und Ehrenamtliche. Die AOK Nordost begleitet die Woche seit ihrer
Gründung finanziell, personell und logistisch.
Die zentralen Veranstaltungen sind für die pflegenden Angehörigen kostenlos und werden zunehmend von Veranstaltungen in den Bezirken ergänzt. Ziel ist, die kooperativen Bezüge zu einem
„Bündnis für pflegende Angehörige“ auszubauen.
Maßnahmenplan pflegende Angehörige:

 https://www.berlin.de/sen/soziales/themen/pflege-und-rehabilitation/pflege-zuhause/pflegende-angehoerige/
Rückblicke und Ausblicke zur Woche der pflegenden Angehörigen:

 www.woche-der-pflegenden-angehoerigen.de
8.2.6 Ausblick
Wer häusliche Pflege braucht bzw. nahestehende Personen pflegt, sieht sich mit einer Vielzahl von
Anforderungen und Belastungen konfrontiert. In dieser Situation ist er in besonderem Maße darauf
angewiesen, faire und vertrauensvolle Unterstützung zu erhalten.
Um Überforderungen und Versorgungsmängeln vorzubeugen, gibt es die Beratungsbesuche gemäß
§ 37 Abs. 3 SGB XI. Sie bilden den wichtigsten Zugang zur Gruppe der pflegenden Angehörigen im
Sinne des SGB XI, sind zugehend konzipiert und zugleich die einzige Beratungsform, die alle Pflegegeldempfängerinnen und -empfänger verpflichtend in Anspruch nehmen müssen.
Die Beratungsbesuche ermöglichen es,
•

die häuslich Pflegenden mit neuestem, auf ihre persönliche Pflegesituation zugeschnittenem, pflegefachlichem Wissen zu versorgen,

•

ihnen zuverlässig und schnell Basisinformationen zum Hilfesystem zu geben, wie den Pflegekursen, Angeboten zur Unterstützung im Alltag, Möglichkeiten der Selbstpflege und
Selbsthilfeangebote,

•

sie zielgerichtet an weiterführende Beratungs- und Unterstützungsstrukturen, insbesondere die Pflegestützpunkte und die Kontaktstellen PflegeEngagement heranzuführen,

•

Überlastungssituationen in familiären Pflegearrangements frühzeitig zu erkennen und die
Betroffenen bei Bedarf an geeignete Unterstützungsangebote heranzuführen,

53

54

8. Pflege zu Hause

•

den Pflegekassen gezielt Hinweise auf weitergehenden Unterstützungsbedarf, ggf. auch
Handlungsbedarf bei der Notwendigkeit anderer Versorgungsformen zu geben.

Den Beratungsbesuchen kommt damit eine Schlüsselrolle für die Information und Beratung pflegender Angehöriger und die Gestaltung und Qualitätssicherung auf Pflegegeld beruhender häuslicher Pflegearrangements zu. Gleichzeitig sind sie damit eine wichtige Informationsquelle zur Gewinnung von Erkenntnissen über Situationen und Bedarfe in der Pflege durch Angehörige.
Die mit den Beratungsbesuchen verbundenen Möglichkeiten wurden bisher nur unzureichend genutzt. Diese Defizite will der Gesetzgeber jetzt mit dem Pflegestärkungsgesetz II (PSG II) angehen.
Das PSG II sieht in § 37 Abs. 5 SGB XI vor: „Die Vertragsparteien nach § 113 beschließen (…) Empfehlungen zur Qualitätssicherung der Beratungsbesuche.“ Die Gesetzesbegründung gibt hierzu vor: „Es
sollten wenigstens Empfehlungen aufgenommen werden zur Strukturqualität der Beratungsinstitutionen, wie beispielsweise zum eingesetzten Beratungspersonal und dessen Beratungskompetenz, zur Prozessqualität mit Aussagen etwa zur Durchführung der Beratungseinsätze und
deren Dokumentation sowie zur Ergebnisqualität, die etwa die Wirkung der Beratung beschreibt.
Ferner stellen die Feststellung der Pflegequalität und die zu deren Sicherung erforderlichen Schritte,
einschließlich der Einbindung der Pflegekasse, wichtige Inhalte der Empfehlungen dar.“
In Berlin erfolgten seit 2007, koordiniert von Pflege in Not und der Fachstelle für pflegende Angehörige, umfangreiche Aktivitäten zur Optimierung der Beratungsbesuche. Unter anderem wurde ein
Erfassungsinstrument entwickelt und erprobt. Berlin kann mit den vorliegenden Instrumenten und
Erfahrungen den anstehenden Diskurs auf Bundesebene in besonderem Maße zielgerichtet unterstützen.
Darüber hinaus gilt es, auch andere Maßnahmen, die die Selbstmanagementfähigkeiten mit Information, Anleitung, Unterstützung oder Supervision unterstützen und bestehende Kompetenzen
fördern und erhalten, weiterzuentwickeln. Dies betrifft insbesondere:
•

Angebote zur (Gesundheits-) Prävention sowohl des Pflegebedürftigen als auch der Pflegeperson,

•

präventive Hausbesuche als weitere Form zur Optimierung des Praxishandelns durch Früherkennung und Ressourcenstärkung,

•

die Optimierung von Informationswegen, um vulnerable Bevölkerungsgruppen wie Menschen mit Migrationshintergrund oder sozial Benachteiligte besser zu erreichen oder

•

den Auf- und Ausbau pflegeflankierender Unterstützungsangebote zur Lebens- und Alltagsbewältigung, die auf sozialem Engagement aufbauen und ihre Verknüpfung mit familialen und professionellen, insbesondere pflegerischen Angeboten.

Ältere und hochaltrige Menschen wollen so lange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben in ihrem
gewohnten und selbst gewählten Lebensumfeld führen. Hier wollen sie aktiv die nachberufliche
Phase gestalten und auch bei Unterstützungsbedarf oder einer späteren Pflegebedürftigkeit eine
hohe Versorgungssicherheit erfahren. Hier wollen sie zuletzt auch in Würde und erforderlichenfalls
optimal palliativ-medizinisch versorgt sterben. Hierbei ist es nicht nur erforderlich, die individuelle
Lebens- und Versorgungssituation in der Wohnung in den Blick zu nehmen. Genauso wichtig ist es,
das Wohn- und Lebensumfeld, das Quartier, in den Blick zu nehmen, und bedarfsgerecht zu gestalten, im Hinblick auf Versorgung, aber auch zum Erhalt sozialer Teilhabe am Leben der Gemeinschaft
und zur Vermeidung sozialer Ausgrenzung.

8. Pflege zu Hause

Eine zentrale Aufgabe der Alten- und Pflegepolitik auf allen Verwaltungs- und Organisationsebenen
des Landes ist daher die Gestaltung altengerechter Quartiere bzw. Sozialräume, in denen ortsnah
Angebote der gemeinwesenorientierten Altenarbeit, der Wohn- und Pflegeberatung, der altengerechten Gesundheitsversorgung, der ambulanten und stationären Pflege, neue Wohn- und Pflegeformen sowie sonstige Beratungs- und Dienstleistungsangebote, wie zum Beispiel niedrigschwellige
Betreuungs- und Entlastungsangebote, barrierefrei und kultursensibel angeboten werden bzw.
abrufbar sind. Auch Angebote der Hospizarbeit und Palliativversorgung müssen ins Quartier integriert vorhanden sein. Zur Anpassung der sozialen Infrastruktur an den demographischen Wandel
gilt es, bestehende Strukturen und Netzwerke noch stärker darauf auszurichten bzw. bei Bedarf
neue aufzubauen oder zu initiieren. Die Schaffung von größtmöglicher Versorgungssicherheit und
die Gewährleistung echter Wahlmöglichkeiten zwischen den verschiedenen Versorgungsangeboten
sind dabei wichtige Aufgaben.
Ziel ist ein Ineinandergreifen von Pflege durch Angehörige, sozialraumorientierter Seniorenarbeit,
bürgerschaftlichem Engagement (Älterer), gesundheitsfördernden und präventiven Angeboten,
Angeboten zur Unterstützung im Alltag und professionellen Informations-, Beratungs-, und Pflegeangeboten.

8.3 Niedrigschwellige Betreuungsangebote und Kontaktstellen PflegeEngagement
In besonderem Maße sind Angehörige Pflegebedürftiger auf Unterstützung und Entlastung angewiesen, denn die Pflege der Kranken bringt sie häufig bis an die Grenzen der körperlichen und seelischen Belastung. Sie benötigen neben der Unterstützung bei der Grundpflege vor allem eine zeitweilige Entlastung bei der allgemeinen Beaufsichtigung und Betreuung der in der Häuslichkeit lebenden pflegebedürftigen Menschen.
Aus diesem Grunde hat der Bundesgesetzgeber zum 01. Januar 2015 mit dem Pflegestärkungsgesetz I einen erweiterten Leistungsanspruch aus der Pflegeversicherung eingeführt, den jetzt nicht
mehr nur demenziell und psychisch kranke sowie geistig behinderte Menschen in Anspruch nehmen
können, sondern alle Pflegebedürftigen. In Abhängigkeit vom Umfang des allgemeinen Betreuungsbedarfes beläuft sich der Anspruch auf jährlich 1.248 Euro oder 2.496 Euro.
Der anspruchsberechtigte Personenkreis kann sich bis zur Höhe dieses Betrages die Kosten für zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsangebote von den Pflegekassen erstatten lassen, wobei er
Leistungen der Tages-, Nachtpflege oder Kurzzeitpflege, von ambulanten Diensten mit spezifischem
Leistungsangebot oder von im Rahmen der nach Landesrecht anerkannten niedrigschwelligen Betreuungsangeboten in Anspruch nehmen kann.
Die so genannten niedrigschwelligen Betreuungsangebote sind dadurch gekennzeichnet, dass vorwiegend ehrenamtliche Helferinnen und Helfer unter pflegefachlicher Anleitung die Betreuung der
anspruchsberechtigten Versicherten außerhalb der Häuslichkeit in geeigneten Gruppenräumen oder
im häuslichen Bereich übernehmen und/oder pflegende Angehörige entlasten und beratend unterstützen. Das Spektrum reicht von Betreuungsgruppen über Helferkreise zur stundenweisen Entlastung im häuslichen Bereich, Tagesbetreuung in Kleingruppen oder Einzelbetreuung, Agenturen
zur Vermittlung von Betreuungsleistungen insbesondere auch für Migrantinnen und Migranten bis
hin zu Reisen und Familien entlastenden Diensten.
Die Pflegekassen fördern gemeinsam mit dem Land Berlin in jeweils gleicher Höhe die Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen, die insbesondere die Betreuung von demenziell erkrankten
Menschen zum Inhalt haben und zur Entlastung pflegender Angehöriger, Betreuer und Betreue-

55

56

8. Pflege zu Hause

rinnen und sonstigem Pflegepersonal im Rahmen der niedrigschwelligen Betreuungsangebote beitragen.
Mit Stand vom Februar 2016 gibt es 153 anerkannte niedrigschwellige Betreuungsangebote, darunter eine Vermittlungsagentur und das Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung. ( Abschnitt 14.4)
Ein Drittel der anerkannten niedrigschwelligen Betreuungsangebote hat eine Förderung beantragt
und erhält Zuschüsse von rd. 3,3 Millionen Euro, jeweils hälftig vom Land Berlin und Mitteln der
Pflegeversicherung.
Im Bereich der niedrigschwelligen Betreuungsangebote sind mehr als 2.650 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer tätig, die rund 6.800 anspruchsberechtigte Personen unter pflegefachlicher Anleitung betreuen. In den 47 geförderten niedrigschwelligen Betreuungsangeboten engagiert sich die
Hälfte der Ehrenamtlichen für 2.400 Nutzerinnen und Nutzer.
Darüber hinaus werden aus den 3,3 Millionen Euro insgesamt zwölf Kontaktstellen PflegeEngagement, je Bezirk eine, für pflegeflankierendes Ehrenamt und Selbsthilfe jährlich mit einem Gesamtvolumen von rd. 1,2 Millionen Euro vom Land Berlin und aus Mitteln der Pflegeversicherung gefördert. Das Land Berlin hat sich dafür entschieden, diese Aufgabe an die Selbsthilfekontaktstellen
anzubinden und das Vorhaben damit als Infrastrukturkonzept umgesetzt. So wird die Idee des Förderkonzepts Stadtteilzentren weiterentwickelt. Die Kontaktstellen PflegeEngagement setzen damit
einen Auftrag des Bundesgesetzgebers um, der im Rahmen der Pflegeversicherung nach § 45d SGB
XI Selbsthilfe und Ehrenamt in der Pflege stärken will. Sie haben die Aufgabe, abhängig von Bedarf,
Nachfrage und Ressourcen, kleinere, wohnortnahe, nachbarschaftliche Selbsthilfe- und Ehrenamtsstrukturen aufzubauen. Diese haben sich zum Ziel gesetzt, ambulant betreute Pflegebedürftige
sowie Personen mit erheblichem allgemeinem Betreuungsbedarf und deren Angehörigen zu unterstützen und kostenfrei zu begleiten. ( Abschnitt 14.5)

8.4 Niedrigschwelliges Begleitangebot der Berliner Mobilitätshilfedienste
In Berlin besteht seit über 25 Jahren ein deutschlandweit einmaliges Netzwerk aus Mobilitätshilfediensten (Mhd), deren Träger gemeinnützige Vereine oder Gesellschaften sind. In jedem Bezirk wird
ein Dienst vorgehalten, allein Reinickendorf verfügt über zwei Dienste. Die Dienste werden als gesamtstädtisches Angebot über das Integrierte Sozialprogramm des Landes Berlin zuwendungsgefördert. Über diese Zuwendung werden die Overheadkosten, also Sachkosten, anteilige Personalkosten für die Dienstleitung und ca. sechs Mitarbeiterstellen, finanziert.
Bei den Diensten handelt es sich um ein niedrigschwelliges Begleitangebot für ältere Menschen ab
65 Jahren mit Mobilitätseinschränkungen mit oder ohne Pflegestufe in der eigenen Häuslichkeit. Die
Mhd bieten Begleitleistungen zu Terminen, Spaziergängen oder zum Einkauf an und erbringen
damit Leistungen im Vorfeld zur Pflege, bzw. ergänzen sinnvoll das Angebot der Pflegedienste und
Sozialstationen. Das Leistungsspektrum erstreckt sich auch auf Treppenhilfen mit und ohne Hilfsmittel, Rollstuhlschiebe- und Blindenbegleitdienste und wird auf der Grundlage eines Referenzhandbuchs bzw. Qualitätsleitfadens erbracht. Durch dieses ambulante Angebot wird vielen Pflegebedürftigen die Möglichkeit eröffnet, länger zu Hause zu verbleiben und eine stationäre Unterbringung hinauszuzögern. Von den 4.152 Klientinnen und Klienten der Dienste im Jahr 2014 hatten
2.266 Personen, also rund rd. 55%, eine Pflegestufe.
Von den Klientinnen und Klienten ist eine jährliche oder halbjährliche Verwaltungspauschale zu
zahlen. In der Regel kann eine Begleitung von ca. 1, 5 Stunden pro Woche ermöglicht werden. Dies
ist abhängig von der Zahl der verfügbaren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Diese stammen über-

8. Pflege zu Hause

wiegend aus Beschäftigungsmaßnahmen des Bundes, daneben sind viele Freiwillige in den Diensten
tätig.
Künftig wird ein an den Bezirksstrukturen orientiertes sogenanntes 12er Modell angestrebt. Die
durch die Schließung des 13. Dienstes frei werdenden Mittel sollen nach dem bestehenden Schlüssel
auf die zwölf Dienste umverteilt und diese damit finanziell gestärkt werden.
Einen Schwerpunkt der Aktivitäten bildet seit Jahren die Personalakquise mit dem Ziel, eine regelmäßige und ausreichende Zahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Diensten einsetzen zu
können. Benötigt werden 30 - 40 Personen, um die steigende Nachfrage annähernd befriedigen zu
können. Ein Mitarbeitermix ist notwendig und wünschenswert, um die unterschiedlichen Bedarfe
und Einsatzmöglichkeiten abdecken zu können.
Mit der für Arbeit zuständigen Senatsverwaltung und der Regionaldirektion Berlin-Brandenburg
wurden in 2014 entsprechende Vereinbarungen über regelmäßige Zuweisungen getroffen. Darüber
hinaus soll das freiwillige Engagement generell gestärkt werden.
Mit dem Inkrafttreten der Pflegestärkungsgesetze I und II eröffnen sich für die Dienste neue Möglichkeiten, sich künftig entsprechend der noch anzupassenden Pflegebetreuungsverordnung als
Angebote zur Unterstützung im Alltag anerkennen zu lassen. Über den monatlichen Entlastungsbetrag könnte dann das ehrenamtlich tätige Personal im Rahmen von Aufwandsentschädigungen
finanziert und damit verstärkt werden.
Das Angebot stellt einen wichtigen Teil der ambulanten Versorgungsstruktur älterer und pflegebedürftiger Menschen dar und ermöglicht ihnen die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft. Es ist wünschenswert, das Angebot nicht nur dem Grunde nach zu erhalten sondern es im Hinblick auf die
demografische Entwicklung im Land Berlin zu stärken und bedarfsgerecht zu erweitern.

8.5 Ambulante Pflegedienste
Ambulante Pflegedienste sind selbständig wirtschaftende Einrichtungen, die unter ständiger Verantwortung einer verantwortlichen Pflegefachkraft Kranke und Pflegebedürftige bei Tag und Nacht
einschließlich an Sonn- und Feiertagen in ihrer Wohnung geplant pflegen und hauswirtschaftlich
versorgen. Ambulante Pflegedienste unterstützen den Verbleib in der eigenen Häuslichkeit, erleichtern den Alltag, helfen, die Selbstständigkeit zu erhalten und sichern im Bedarfsfall die Versorgung.
Ohne ihren Beitrag kann die individuelle gewünschte wie sozialpolitisch geforderte Versorgung zu
Hause in einer steigenden Zahl von Fällen nicht aufrechterhalten werden.

57

58

8. Pflege zu Hause

Sie leisten einen unverzichtbaren Beitrag zur pflegerischen Versorgung der Berliner Bevölkerung
durch:
•

Pflegeleistungen nach SGB V (Krankenversicherung), XI (Pflegeversicherung) und XII (Hilfe
zur Pflege),

•

Behandlungspflege nach SGB V bzw. § 48 SGB XII, wenn kein Krankenversicherungsschutz
besteht,

•

Hilfen bei der Haushaltsführung und (pflegerische) Betreuungsleistungen

•

Pflegenotruf mit der Garantie einer 24-stündigen Erreichbarkeit,

•

Beratung in Fragen zum Leistungsangebot und zur Finanzierung der Leistungen und Hilfe
bei Anträgen,

•

Pflegeberatung, Pflegeanleitung und Gesprächskreise für pflegende Angehörige,

•

seelsorgerische Begleitung bei caritativen Sozialstationen und

•

weitere Leistungen oder deren Koordination, z. B. Fahrdienste, Begleitdienste, Mittagstisch.

Die Leistungen werden im Rahmen von unterschiedlichen Leistungskatalogen von verschiedenen
Kostenträgern, wie den Pflege- und Krankenkassen, dem Sozialhilfeträger, den Berufsgenossenschaften oder Beihilfen finanziert bzw. müssen selbst bezahlt werden durch die sogenannten
Selbstzahler.
Die Pflegedienste erbringen ihre Leistungen nach dem SGB XI im Rahmen der Pflegeversicherung
oder nach dem SGB XII als Hilfe zur Pflege im Rahmen der Sozialhilfe insbesondere auf der Basis von
Leistungskomplexen. Hierbei ist zu unterscheiden zwischen Leistungskomplexen, die Anspruchsberechtigte im Rahmen der Pflegeversicherung abrufen können, und Leistungskomplexen,
die der Sozialhilfeträger zur Ergänzung des Angebots der Pflegeversicherung für Anspruchsberechtigte vorhält.
Die ambulante Pflege ist gekennzeichnet vom Prinzip des interdisziplinären Zusammenwirkens aller
Beteiligten, also Pflegebedürftige, Angehörige, Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte, Therapeuten u.a.
Sämtliche Einzelmaßnahmen sollen durch ein hohes Maß an Kooperation miteinander verknüpft
und aufeinander abgestimmt werden. Ihre Leistungen sind ganzheitlich auf den hilfesuchenden
Menschen in seinem sozialen System unter Beachtung der Wohnverhältnisse, des sozialen Umfelds
und der Lebensbedingungen ausgerichtet.
Informationen, Beratung und Vermittlungshilfen zum Leistungsangebot bieten die zuständigen
Pflege- bzw. Krankenkasse und die Pflegestützpunkte in Berlin. ( Abschnitt 14.1) Darüber hinaus
stehen die bezirklichen Sozialämter als Ansprechpartner zur Verfügung. Der Medizinische Dienst der
Krankenversicherung wacht im Auftrag der Pflegekasse über die Qualität der Pflege- und Betreuungsleistungen.

8.5.1 Bestand und Entwicklung bis 2013
Das Versorgungsziel ist eine leistungsfähige, zahlenmäßig ausreichende, wirtschaftliche und regional gegliederte Versorgung mit ambulanten Pflegediensten. Berlin verfügt über ein quantitativ
umfangreiches und regional gut ausgebautes Angebot. Die größten Pflegedienste sind zumeist
Sozialstationen in Trägerschaft von Mitgliedsorganisationen der freien Wohlfahrtspflege. Daneben
gibt es eine große Anzahl privater Pflegedienste unterschiedlicher Größe.
Die absolute Zahl der Dienste, die einen Versorgungsvertrag für den Bereich der Pflegeversicherung
(SGB XI) abgeschlossen haben, schwankt durch Zu- und Abgänge laufend. Die Statistik weist mit

8. Pflege zu Hause

Stichtag 15.12.2013 insgesamt 567 Pflegedienste23 in Berlin aus. Hiervon befanden sich 442 in privater und 121 in freigemeinnütziger Trägerschaft. Öffentliche Träger sind seit 2009 mit 4 Diensten
vertreten.
Durch Neugründungen von 136 Diensten hat sich die Zahl der Dienste seit 2007 um mehr als 31%
weiter deutlich erhöht. Hierbei hat sich seit 2007 das Verhältnis zwischen Diensten in privater und
freigemeinnütziger Trägerschaft weiter zugunsten der privaten Träger verschoben, da die Zahl der
privaten Pflegedienste allein um 124 zunahm.
Auch im Langzeitvergleich nahm die Zahl der Pflegedienste im Zeitraum 1999 – 2013 mit ca. 83%
deutlich stärker zu als die Zahl der von ihnen betreuten Personen (ca. 50%). Im Unterschied dazu
reduzierte sich die Zahl der durchschnittlich je Pflegedienst betreuten Pflegebedürftigen um knapp
18%.

Entwicklung der Pflegedienste 1999-2013
2013

567

2011

524

2009

505

2007

431

2005

422

2003

374

2001

351

1999

310
0

100

200

300

400

500

600

Abbildung 25: Entwicklung der Pflegedienste 1999-2013

Mit 136 neuen Diensten (hiervon 124 privat) und rund 4.900 zusätzlichen Pflegebedürftigen (hiervon 4.350 bei privaten Pflegediensten) entfiel rund die Hälfte des gesamten Zuwachses auf den
Zeitraum 2007 – 2013. Die privaten Pflegedienste konnten hierbei 92% des Zuwachses bei den Pflegediensten und 88% des Zuwachses bei den von Pflegediensten betreuten Pflegebedürftigen auf
sich vereinen.

23

Soweit nicht anders angegeben, stammen alle Daten aus den Statistischen Berichten „Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen
sowie Empfänger von Pflegegeldleistungen in Berlin“ des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg.

59

60

8. Pflege zu Hause

Entwicklung der ambulanten Pflegedienste nach Trägerschaft 1999-2013
600
500
400
300
200
100
0

2007

2009

2011

2013

0

4

2

4

freigemeinnützige Träger

113

123

127

121

private Träger

318

378

395

442

öffentliche Träger

Abbildung 26: ambulante Pflegedienste nach Trägerschaft 1999-2013

Die meisten Pflegedienste bieten neben den Leistungen nach SGB XI sowohl Hilfe nach dem SGB XII
als auch häusliche Krankenpflege nach SGB V an. Bei den Neugründungen von Pflegediensten
zeichnet sich weiterhin ab, dass zunächst Versorgungsverträge mit den Pflegekassen und erst nach
Etablierung des Pflegebetriebes im Marktgeschehen auch entsprechende Verträge mit den Krankenkassen geschlossen werden.
Die 567 ambulanten Pflegedienste betreuten insgesamt knapp 27.800 Pflegebedürftige. Mit durchschnittlich 49 Personen wurden gegenüber 2007 (53 Personen) durchschnittlich weniger Personen
betreut. Die eher kleineren privaten Pflegedienste versorgten durchschnittlich 42 und die freigemeinnützigen Dienste durchschnittlich 74 Personen. Während diese Zahl bei den freigemeinnützigen Diensten gegenüber 1999 konstant blieb, sank sie bei den privaten Diensten.

Pflegebedürftige pro Pflegedienst nach Trägerstatus
90
80
70
60
50
40
30
20
10
0

1999

2001

2003

2005

2007

2009

2011

2013

Private Träger

49,3

46,8

46

45,8

45,1

45,2

45,3

42,3

Freigemeinnützige
Träger

75,7

73,7

77

76,3

75,5

73,7

66,8

74,1

26,3

21,5

29,5

Öffentliche Träger

Abbildung 25: Pflegebedürftige pro Pflegedienst nach Trägerstatus

8. Pflege zu Hause

8.5.2 Entwicklung von Bedarfen und Angeboten
In nicht ganz 28.000 Fällen übernahmen Pflegedienste Mitte Dezember 201324 ganz oder teilweise
die Versorgung zu Hause. Gegenüber 2011 erhöhte sich die Zahl derer, die zu Hause professionelle
Unterstützung durch Pflegedienste benötigten, um rd. 1.300 Personen. Die Zunahme fiel mit 5,2%
etwas höher aus als die Zunahme der Zahl der Pflegegeldempfängerinnen und -empfänger, die sich
im gleichen Zeitraum um 5% erhöhte. Pflegedienste sind damit zu knapp 25% an der Pflege insgesamt bzw. zu knapp 33% an der Pflege zu Hause beteiligt.
Nimmt man einen langjährigen Vergleich vor, fällt auf, dass die Pflegedienste - sieht man von dem
in 2009 erzielten Spitzenwert ab - ihren Anteil an der Versorgung zu Hause nicht maßgeblich erhöhen konnten. Im Vergleich der Stadtstaaten fallen die Zuwächse in Berlin allerdings höher aus als in
Hamburg oder Bremen.
Angesichts der demografischen Entwicklung und der mit dem Pflegestärkungsgesetz II verbundenen
Leistungssteigerungen, die insbesondere den ambulanten Bereich stärken und damit die Nachfrage
steigern werden, ist in den Folgejahren damit zu rechnen, dass sich die Zahl der zu Hause lebenden
Pflegebedürftigen, die professionelle Unterstützung durch Pflegedienste benötigen, weiter erhöhen
wird. Hierbei wird insbesondere die Entwicklung der Haushalts- und Familienstrukturen, der Care
Migration, die zu erwartende starke Zunahme der Demenzerkrankungen und der hochaltrigen vielfach multimorbiden Pflegebedürftigen Einfluss auf den zukünftigen Bedarf haben. Hierauf müssen
sich die Dienste quantitativ und qualitativ insbesondere auch im Hinblick auf die Art des abzudeckenden Hilfebedarfs einstellen.
In der Vergangenheit prägte in vielen Fällen die Konzentration auf die eigene wirtschaftliche Entwicklung die Alltagsrealität in der ambulanten Pflege. Vor diesem Hintergrund kamen vorhandene
Innovationspotenziale vielfach nicht ausreichend zum Tragen. Hier ist die Anpassung an veränderte
Problem- und Bedarfslagen dringend erforderlich. Die ambulante Pflege dabei zu unterstützen ist
eine wichtige Aufgabe der Pflegewissenschaft und -forschung. Dies betrifft insbesondere:
•

die bessere Verknüpfung professioneller Pflege mit Pflege durch Angehörige und pflegeflankierenden Unterstützungsangeboten, die auf sozialem Engagement aufbauen,

•

die Begleitung und Bewertung der Entwicklung von Care Migration,

•

Möglichkeiten einer qualitätsorientierten Differenzierung in der Vergütung der ambulanten Pflege, die Anstrengungen und Ergebnisse belohnt und damit Impulse zur Leistungsoptimierung setzt,

•

Möglichkeiten der Einbeziehung der Effizienz der Organisation der Leistungserbringung als
Bewertungsfaktor bei der Vergütungsbemessung,

•

die Überwindung der strukturell und leistungsrechtlich nach wie vor bestehenden Defizite
im Übergang zwischen Krankenhaus und ambulanter Pflege,

•

die nachvollziehbaren Sicherung der Qualität der ambulanten Pflege,

•

den Umgang mit Anpassungsbedarfen im System der Leistungskomplexe.

Mit dem Pflegestärkungsgesetz II werden die Leistungen in der ambulanten Pflege ausgeweitet und
an den Bedarf angepasst. Pflegerische Betreuungsmaßnahmen zur Bewältigung und Gestaltung des
alltäglichen Lebens im häuslichen Umfeld werden als Regelleistung der Pflegeversicherung eingeführt. Damit werden auch Hilfebedarfe von Menschen mit kognitiven Einschränkungen künftig
besser berücksichtigt. Dies führt in Kombination mit weiteren Änderungen dazu, dass Leistungsin24

Soweit nicht anders angegeben, stammen alle Daten aus den Statistischen Berichten „Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen
sowie Empfänger von Pflegegeldleistungen in Berlin“ des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg.

61

62

8. Pflege zu Hause

halte, die derzeit aufgrund der Einschränkungen im SGB XI gesondert im Rahmen der Hilfe zur Pflege des SGB XII erbracht werden, zukünftig im SGB XI verortet sind. Angesichts dessen muss geprüft
werden, für welche Bedarfe überhaupt noch weitergehende Leistungen im Rahmen der Hilfe zur
Pflege nach SGB XII benötigt werden.
In einem Leistungskomplex werden einzelne, aber inhaltlich zusammengehörende Verrichtungen als
Pauschale zusammengefasst. Für die Dauer der Leistungserbringung gibt es für den Bereich des
SGB XI keine verbindlichen Vorgaben. Der zeitliche Umfang der Erbringung der Leistung ist grundsätzlich an den Erfordernissen des Einzelfalls entsprechend des individuellen Hilfebedarfs und der
Selbsthilfemöglichkeiten des Leistungsempfängers oder der Leistungsempfängerin auszurichten,
d.h. es ist immer die Zeit einzusetzen, die im konkreten Einzelfall erforderlich ist, um die im Leistungskomplex definierten Inhalte zu erbringen. Deshalb kann die für die Erbringung des Leistungskomplexes erforderliche Zeit im Einzelfall unterschiedlich ausfallen. Grundsätzlich sind alle Verrichtungen, die in einem Leistungskomplex zusammengefasst werden, zu erbringen. Wenn abhängig
vom individuellen Hilfebedarf des Leistungsberechtigten einzelne Verrichtungen nicht erforderlich
sind, ist ein Leistungskomplex auch dann abrechenbar, wenn nicht alle aufgeführten Verrichtungen
erbracht wurden. Die Pauschalen sollen eine flexible, bedarfsorientierte Leistungserbringung ermöglichen und gehen davon aus, dass ein höherer Zeitaufwand bei einem Klienten durch einen
geringeren Zeitaufwand an anderer Stelle ausgeglichen wird. Sie ermöglichen es aber gleichzeitig
jedem Pflegedienst, durch eine Verringerung der Einsatzzeiten die mit den Leistungskomplexen
erzielten Einnahmen zu beeinflussen und damit die Ertragssituation einseitig und losgelöst von dem
dafür eigentlich vorgesehenen Instrument der Vergütungsverhandlungen zu gestalten.
Die Kostenträger können mit den ihnen derzeit zur Verfügung stehenden Möglichkeiten Pflegediensten, die diese Spielräume einseitig und vertragswidrig ausnützen, ihr Fehlverhalten bisher
kaum justiziabel und nur mit einem sehr hohen Verwaltungsaufwand nachweisen. Sie haben deshalb versucht, auf dem Verhandlungsweg mit der Vereinbarung der verpflichtenden Angabe der
Anfangs- und Endzeiten der Pflegeeinsätze besser überprüfbare Angaben zu verankern. Ein vom
Land Berlin eingebrachter und von allen anderen Bundesländern unterstützter Änderungsantrag
zum Pflegestärkungsgesetz II wurde von der Bundesregierung zwar geprüft, aber mit dem Hinweis
auf die Rahmenverträge auf Landesebene wieder an Pflegekassen, Land Berlin und Verbände der
Leistungserbringer als Aufgabe zurück überwiesen. Die Selbstverwaltung stößt hier jedoch erkennbar an ihre Grenzen. Der Antrag der Kostenträger, im Zusammenhang mit den Verhandlungen zum
aktuellen Berliner Rahmenvertrag ambulante Pflege SGB XI die Angabe der Anfangs- und Endzeiten
in den Leistungsnachweisen verpflichtend zu regeln, wurde seitens der Schiedsstelle abgelehnt.

9. Tagespflege

9. Tagespflege
Tagesspflegeeinrichtungen sind teilstationäre Einrichtungen, in denen sich Pflegebedürftige tagsüber aufhalten und betreut werden. Während des Aufenthaltes erhalten die Pflegebedürftigen alle
notwendigen Leistungen der Grundpflege, Versorgung mit Speisen und Getränken, der medizinischen Behandlungspflege sowie der sozialen Betreuung. Die teilstationäre Pflege umfasst auch die
Beförderung des Pflegebedürftigen von der Wohnung zur Einrichtung und zurück. Entsprechend
dem neuen Verständnis von Pflege wird mit dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz klargestellt, dass
Betreuung als Bestandteil der pflegebedingten Aufwendungen in teilstationären Einrichtungen
anzusehen ist.
Tagespflegen ergänzen die ambulante häusliche Versorgung, wenn diese nicht im erforderlichen
Umfang sichergestellt werden kann. In diesen Fällen besteht ein zeitlich nicht begrenzter Anspruch
auf teilstationäre Pflege, insbesondere in den Fällen einer kurzfristigen Verschlimmerung der Pflegebedürftigkeit, der Ermöglichung einer (Teil-) Erwerbstätigkeit für die Pflegeperson, einer beabsichtigten teilweisen Entlastung der Pflegeperson und einer nur für einige Stunden notwendigen
ständigen Beaufsichtigung des Pflegebedürftigen. Vorrangiges Ziel der Tagespflege ist, pflegebedürftigen Menschen eine stabile Lebensqualität zu sichern. Die Tagespflegegäste sollen befähigt
werden, mit größtmöglicher Unabhängigkeit von fremder Hilfe weiterhin oder wieder in der privaten
Wohnung leben zu können. Tagespflegen sind dann effizient, wenn der pflegebedürftige Gast eine
ausreichende pflegerische Versorgung genießt, soziale Kontakte beibehält oder neue knüpft und
eine Betreuung erfährt, die in seiner Häuslichkeit nicht zur Verfügung steht. Mit der Möglichkeit der
Inanspruchnahme von Tagespflege wird die Pflegebereitschaft und Pflegetätigkeit im häuslichen
Bereich erhalten und gefördert sowie vollstationäre Pflege vermieden entsprechend dem Grundsatz
ambulant vor stationär.

9.1 Bestand und Entwicklung bis 2015
Mit Stand 20. Oktober 2015 gibt es in Berlin 89 Tagespflegeeinrichtungen mit 1.658 Plätzen. Ein
Angebot der Nachtpflege besteht nach wie vor nicht. Nach dem großen Sprung von 2006 zu 2011
mit 25 neuen Einrichtungen und insgesamt 428 Plätzen erfolgte ein gedämpfter Anstieg von 2011
bis 2015. In diesem Zeitraum gab es einen Zuwachs um elf Einrichtungen und 307 Plätzen. Es ist
eine Tendenz zu größeren Platzzahlen erkennbar. Mittlerweile gibt es sieben Einrichtungen mit 30
und mehr Plätzen. 2011 war es erst eine Einrichtung. Um eine entsprechende Auslastung für eine
wirtschaftliche Betriebsführung erreichen zu können, geht man in der Regel von etwa doppelt so
vielen Tagespflegegästen wie Plätzen aus. Dies begründet sich in den oft nur ein bis drei Besuchstagen pro Tagesgast in der Woche. In Berlin liegt damit die Zahl der Tagespflegegäste schätzungsweise bei 3.300 bis 3.500 Personen.
Tagespflege

Bestand mit Versorgungsvertrag
Einrichtungen

Plätze

Landespflegeplan 2006 - Bestand 01.01.2006

53

923

Landespflegeplan 2011 - Bestand 01.01.2011

78

1.351

Landespflegeplan 2016 – Bestand 20.10.2015

89

1.658

Abbildung 26: Tagespflegeeinrichtungen und Plätze - Zeitreihe

Neben dem gestiegenen Bedarf sind die Leistungsverbesserungen der Pflegeversicherung ( Abschnitt 2) wesentliche Gründe für das starke Wachstum der Tagespflege.

63

64

9. Tagespflege

Die regionale Verteilung stellt sich wie folgt dar.

Abbildung 27: räumliche Verteilung der Tagespflegeeinrichtungen

Der Ist-Stand zeigt, dass in allen Berliner Bezirken nach wie vor ein recht ausgewogenes Versorgungsangebot vorhanden ist. Mit Ausnahme einiger Berliner Randlagen kann von einer sehr guten
regionalen Verteilung gesprochen werden. Die zumutbare Fahrzeit von maximal 45 Minuten wird in
der Regel nicht überschritten.
In Berlin gibt es Einrichtungen mit zwölf bis zu 40 Plätzen, wobei zwölf Plätze die Mindestplatzzahl
für den Abschluss eines Versorgungsvertrages bzw. einer Pflegesatzvereinbarung darstellen. Während in 2011 insgesamt 22 Einrichtungen mit der Mindestplatzzahl die größte Gruppe der Tagespflegeeinrichtungen darstellte, sind es in 2015 die Tagespflegeeinrichtungen mit 16 Plätzen (19
Einrichtungen) gefolgt von denen mit zwölf oder 20 Plätzen (jeweils 14 Einrichtungen), die am häufigsten vertreten sind. Der erwähnte Trend zu Einrichtungen mit mehr Plätzen wird durch diese
Zahlen deutlich.
Nach dem Trägerstatus lassen sich die Einrichtungen in 47 freigemeinnützige, 29 private, eine
kommunale und zwölf ohne Verbandszugehörigkeit unterteilen.
Grundsätzlich sind die Tagespflegeeinrichtungen für alle Pflegebedürftigen offen, wobei demenziell
erkrankte Pflegebedürftige die größte Nutzergruppe darstellen. Um den aufgrund gemischter Nutzergruppen entstehenden Problemen in der täglichen Betreuung und Versorgung zu entgehen,
haben sich zwölf Tagespflegeeinrichtungen speziell auf die Zielgruppe der demenziell bzw. gerontopsychiatrisch erkrankten pflegebedürftigen Menschen ausgerichtet. Diese arbeiten gemäß der
Rahmenleistungsbeschreibung für gerontopsychiatrische Tagespflegeeinrichtungen, die in Anlage 3
zum Rahmenvertrag gemäß § 75 Abs. 1 und 2 SGB XI zur teilstationären Pflege verankert ist, mit
einem höheren Personalrichtwert im Pflegebereich von 1:3.
Der Personalrichtwert liegt ansonsten bei 1:4. Die weiteren Spezialisierungen sind der Tabelle zu
entnehmen.

9. Tagespflege

Zielgruppe

Einrichtungen

Plätze

demenziell bzw. gerontopsychiatrisch erkrankte pflegebedürftige

12

215

pflegebedürftige behinderte Menschen

1

26

Migrantinnen und Migranten

7

137

Menschen

(Meist werden hier nicht ausschließlich Menschen nicht-deutscher
Muttersprache versorgt.)
Abbildung 28: Spezialisierungen von Tagespflegeeinrichtungen

9.2 Ergebnisse aus der Zusatzerhebung 2013/2014
Das Land Berlin hat sich entschieden, ab der Zusatzerhebung 2013 zur Bundespflegestatistik auch
Daten zur Tagespflege erheben zu lassen. Von den 82 zum Stichtag 15.12.2013 befragten Tagespflegeeinrichtungen antworteten 60, was einer Beteiligung von rund drei Viertel der Einrichtungen
entspricht. Die Ergebnisse können daher mit Abstrichen als repräsentativ gelten.
Mehr als die Hälfte der Tagespflegeeinrichtungen hat eine solitäre Lage. Bei den anderen Tagespflegeeinrichtungen erfolgt bei rund einem Sechstel die Kombination mit einem ambulanten Pflegedienst. Die zweithäufigste Kombination (etwa 10%) ist die mit einem Pflegeheim. 40% boten
Leistungen nach § 87b SGB XI an; diese Quote hat sich zwischenzeitlich erhöht und liegt aktuell bei
70%. Über die Hälfte der Tagespflegeeinrichtungen, die sich auf bestimmte Personengruppen spezialisiert haben, gaben mehr als eine Spezialisierung an. Mit großem Abstand steht die Spezialisierung auf die Versorgung von Menschen mit demenzieller/psychischer Erkrankung an der Spitze,
wobei in nahezu allen Tagespflegeeinrichtungen Menschen mit demenzieller/psychischer Erkrankung betreut werden. 40% der Tagespflegeeinrichtungen haben Pflegegruppen für diese Personengruppe. Mit rund 60% stellen sie die größte Nutzergruppe von Tagespflegeeinrichtungen dar.
Im Feld der Betreuung von Menschen mit demenzieller/psychischer Erkrankung liegt bereits jetzt
eine große Herausforderung in der Arbeit der Tagespflegeeinrichtungen. Starke kognitive Einschränkungen zieht in der Regel eine starke körperbezogene Hilfebedürftigkeit nach sich, so dass
von einem höheren Unterstützungsbedarf bei den Tagespflegegästen auszugehen ist. Hierauf müssen sich die Einrichtungen einstellen. Es ist perspektivisch zu prüfen, ob die Rahmenbedingungen
hinreichend sind. Erfolgreiche Ansätze, wie z. B. ein Projekt mit Vorschulkindern und Menschen mit
Demenz in der Tagespflege, sind bekannter zu machen, und auch hier die Bedingungen zu verbessern, damit diese Ansätze Nachahmung finden.
Auf dem zweiten Rang folgt die Spezialisierung auf körperlich behinderte Menschen, u.a. rollstuhlpflichtige Personen. Auffällig ist, dass die Hälfte der Tagespflegeeinrichtungen angibt, alkoholkranke Tagespflegegäste zu versorgen. Insgesamt sind dies etwas mehr als 5% der Tagespflegegäste. 10% der Tagespflegeeinrichtungen betreuen die alkoholkranken Gäste in eigenen Pflegegruppen. Das Thema Sucht im Alter findet in wachsendem Maße Berücksichtigung in der Fachdiskussion. So hat beispielsweise das Bundesministerium für Gesundheit von 2010 bis 2012 acht Modellprojekte zum Thema „Sucht im Alter – Sensibilisierung und Qualifizierung von Fachkräften in der
Alten- und Suchthilfe“ gefördert und auch die Landesdrogenbeauftragte Berlin mit der Herausgabe
von Informationsmaterialien, wie dem Faltblatt „Medikamentenabhängigkeit im Alter. Leitfaden für
Angehörige und Betreuer älterer Menschen“ in 2013 und dem Forum Drogenpolitik 2015 zum Thema: „Der demografische Wandel und seine Bedeutung für die Suchthilfe“ sowie die Landesstelle
Berlin für Suchtfragen e.V. mit dem Thema „Die verschiedenen Gesichter der Abhängigkeitserkrankungen im Alter“ auf der 10. Sucht-Selbsthilfe-Tagung Akzente gesetzt.

65

66

9. Tagespflege

5% der Tagespflegeeinrichtungen haben sich auf Menschen mit Migrationshintergrund spezialisiert.
Diese und weitere 5% werben mehrsprachig für das Angebot der Tagespflege. Am häufigsten erfolgt
die Werbung in Russisch und Türkisch. In nicht ganz einem Drittel der Tagespflegeeinrichtungen
gibt es Gäste mit nicht-deutscher Muttersprache. Etwa 12% der Tagespflegegäste haben eine nichtdeutsche Muttersprache. Allerdings konzentrieren sich 82% dieser Gäste auf die spezialisierten
Tagespflegeeinrichtungen. Bei der großen Mehrheit der Tagespflegeeinrichtungen gibt es nur einen
bis fünf Gäste nicht-deutscher Muttersprache. Fragen der interkulturellen Öffnung bzw. der kultursensiblen Pflege und Betreuung in Tagespflegeeinrichtungen werden in den nächsten Jahren vom
Kompetenzzentrum Interkulturelle Öffnung in der Altenhilfe in den Blick genommen.
Rund 80% der Tagespflegeeinrichtungen haben nur Montag bis Freitag auf. Knapp jeweils 7% haben
entweder immer auf oder auch feiertags geöffnet. Jeweils über ein Drittel der Tagespflegegäste
besuchen die Einrichtungen nur an einem oder an zwei Tagen. Immerhin über 8% nutzen die Tagespflege an fünf Tagen pro Woche. Die durchschnittlichen Besuchstage liegen bei 2,2 Tagen je
Tagespflegegast.

Tagespflegegäste nach Besucherfrequenz
8%

1%

0%

5%

1 Tag
35%

2 Tage
3 Tage

16%

4 Tage
5 Tage
6 Tage
7 Tage

35%
Abbildung 29: Tagespflegegäste nach Besucherfrequenz

Die Hälfte der Tagespflegeeinrichtungen hat täglich 7 bis 8 Stunden geöffnet. Jeweils ein Viertel hat
weniger (6 bis 7 Stunden) oder mehr (über 8 Stunden) Stunden geöffnet. Die Annahme, dass es im
Schnitt etwa doppelt so viele Gäste wie Tagespflegeplätze gibt, wurde durch die Erhebung bestätigt.
Die durchschnittliche Auslastung in 2015 lag bei rund 79%. Bemerkenswert ist hierbei, dass die
Auslastung damit durchschnittlich mit 8% unter der bis zum 31.10.2015 vereinbarten Auslastungsquote von 87% lag und nur etwas mehr als ein Drittel der an der Zusatzerhebung teilnehmenden
Tagespflegeeinrichtungen gab an, in 2013 eine durchschnittliche Auslastung von mindestens 87%
zu haben. Am Stichtag 15. Dezember 2013 wurde eine durchschnittliche Auslastung von 83,6%
ermittelt. Die Entwicklung hierzu ist weiter aufmerksam zu verfolgen.
Nicht ganz 40% der Tagespflegeeinrichtungen gaben an, eine Warteliste zu führen. Rund 30% bieten ihren Tagespflegegästen die Vereinbarung von halben Tagen an. Drei Viertel der Tagespflegegäste haben die Pflegestufen I oder II, wobei Gäste mit der Pflegestufe I mit über 40% die stärkste
Nutzergruppe darstellen. Mit 8,5% bilden Tagespflegegäste mit Pflegestufe III die drittstärkste Nutzergruppe. Härtefälle wurden keine betreut.

9. Tagespflege

Mehr als die Hälfte der Tagespflegegäste mit Pflegestufe I hatten auch Anspruch auf Leistungen
nach § 45b SGB XI. Bei den Tagespflegegästen mit Pflegestufe II und III sind es jeweils 60%. Etwa ein
Viertel der Tagespflegegäste mit Pflegestufe I und III hat jeweils Anspruch auf Leistungen nach §
87b SGB XI. Bei Tagespflegegästen mit Pflegestufe II ist es etwas mehr. Auch etwa ein Viertel der
Tagespflegegäste mit Pflegestufe I und ein Fünftel der Tagespflegegäste mit Pflegestufe II und III
haben jeweils Anspruch auf Leistungen aus dem SGB XII. Bei den Gästen ohne Einstufung liegt die
Quote erwartungsgemäß mit etwa 85% am höchsten und bei Gästen mit Pflegestufe Null immerhin
auch noch bei 37%. Absolut stellte aber die Gruppe der Gäste mit Pflegestufe I die größte Empfängergruppe von Leistungen nach dem SGB XII dar. Rund 60% der Gäste sind weiblich.

Tagespflegegäste nach Pflegestufen
8,5

1,8

7,8

Einstufung noch nicht bekannt
Pflegestufe 0
Pflegestufe I
38,1

Pflegestufe II
43,8

Pflegestufe II

Abbildung 30: Tagespflegegäste nach Pflegestufen

Über 90% der Tagespflegegäste nutzen den Fahrdienst. Fünf% fahren selbst oder werden von Angehörigen gebracht. Die Hälfte der Tagespflegeeinrichtungen arbeitet mit einem externen Fahrdienst
zusammen. Die andere Hälfte wird von der Tagespflegeeinrichtung selber geleistet (über 36%) oder
es gibt eine Kombination von beidem.
Aufgrund der wachsenden Dichte von Tagespflegeeinrichtungen in Berlin und der Tendenz, Tagespflege wohnortnah zu nutzen, ist eine Verkürzung der Fahrzeiten zu erwarten. Fahrzeiten von über
45 Minuten sollten die Ausnahme sein.
Hinsichtlich der Altersstruktur sind rund 70% der Tagespflegegäste 75 Jahre und älter, wobei mehr
als 25% der Gäste hochaltrig bzw. 85 Jahre und älter sind.

67

68

9. Tagespflege

Tagespflegegäste nach Altersgruppen
6,8
26,2
23,7

unter 65 Jährige
65 - 74 Jährige
75 - 84 Jährige
85 Jahre und älter

43,3
Abbildung 31: Tagespflegegäste nach Altersgruppen

Untersucht wurde bei der Zusatzerhebung 2013 auch die Fluktuation. Mit einem rund 6-prozentigen
Wechsel der Tagespflegegäste ist diese eher gering. Über 40% der Tagespflegegäste, die die Tagespflege nicht mehr in Anspruch nahmen, wechselten in ein Pflegeheim und weitere rund 5% in eine
ambulant betreute Wohngemeinschaft. Damit wird die Rolle der Tagespflege als Versorgungsform,
die einen längeren Verbleib in der eigenen Häuslichkeit ermöglicht bzw. zu einer Verzögerung von
Umzügen in ein Pflegeheim oder eine Wohngemeinschaft beiträgt, bestätigt.

Verbleib der Tagespflegegäste
7,6

Privathaushalt/bei
Angehörigen

20,8

Wohngemeinschaft
22
5,3

vollstationäre
Pflegeeinrichtung
sonstige Einrichtung

2,9

verstorben
unbekannt
41,4

Abbildung 32: Verbleib der Tagespflegegäste

Etwa ein Fünftel der nicht mehr betreuten Tagespflegegäste wurde dann wieder im Privathaushalt
bzw. von Angehörigen versorgt. Hier sind nähere Informationen, z. B. inwieweit ein Umzug bzw.
Wohnortwechsel erfolgte, nicht erfragt worden. Mehr als ein Fünftel verstarb. Dieser hoher Anteil
spricht dafür, dass auch in Tagespflegeeinrichtungen Fragen der Sterbebegleitung als Teil des Versorgungsauftrages - wie dies jetzt im Rahmen einer Klarstellung im Zuge des neuen Hospiz- und

9. Tagespflege

Palliativgesetzes grundsätzlich für alle Versorgungformen der Pflegeversicherung festgeschrieben
ist – an Bedeutung gewinnt.

9.3 Verbesserungen bei der Finanzierung
Tagespflege wird über Versicherungsbeiträge der Pflegekassen, gegebenenfalls auch Eigenbeiträgen
der Tagespflegegäste und die Sozialhilfe finanziert. Durch die vergangenen Pflegereformen haben
sich die Finanzierungsmöglichkeiten für die Tagespflege immer weiter verbessert. Die Leistungen
der Tages- und Nachtpflege können ab dem 01. Januar 2015 (PSG) neben der ambulanten Pflegesachleistung, dem Pflegegeld bzw. der Kombinationsleistung in vollem Umfang in Anspruch genommen werden. Werden Pflegegeld, bei privater Pflegeperson, oder Pflegesachleistung, bei Pflege
durch einen ambulanten Pflegedienst, mit den Leistungen der Tagespflege kombiniert, kann sich
der höchstmögliche Gesamtanspruch bis auf das Doppelte des bisherigen Pflegegeldes bzw. der
bisherigen Pflegesachleistung erhöhen. Vordem war eine Kombination mit dem Pflegegeld, der
Pflegesachleistung und der Kombination von Geld- und Sachleistung im Rahmen von 150% möglich.
Damit stehen dem Pflegebedürftigen nun mehr Ansprüche zu, die er bedarfsgerecht variieren kann.
Das Zweite Pflegestärkungsgesetz legt die Leistungsbeträge für die Tagespflege entsprechend den
ab 01. Januar 2017 geltenden neuen Pflegegraden fest. Sie entsprechen wie bisher den Leistungsbeträgen der Sachleistungen nach § 36 SGB XI. Seit dem 01. Januar 2015 wurden auch die zusätzlichen
Betreuungsleistungen um die Möglichkeit ergänzt, niedrigschwellige Entlastungsleistungen in Anspruch zu nehmen. Neu ist zudem, dass Pflegebedürftige, die nicht die Voraussetzungen des § 45a
erfüllen und damit keine Einschränkung in der Alltagskompetenz haben, ebenfalls zusätzliche Betreuungs- und Entlastungsleistungen in Anspruch nehmen können. Mit diesem Betrag, der zweckgebunden auch für Tagespflege eingesetzt werden kann, können nicht nur die pflegebedingten
Aufwendungen, sondern auch Unterkunfts-, Verpflegungs- sowie Investitionskosten, die vor dem
Pflege-Weiterentwicklungsgesetz noch privat zu bezahlen waren, abgegolten werden.
Das Zweites Pflegestärkungsgesetz regelt, dass es ab 01. Januar 2017 einen einheitlichen Entlastungsbetrag in Höhe von 125 Euro geben wird, der die bisherigen Betreuungs- und Entlastungsleistungen in Höhe von 104 bzw. 208 Euro ablöst. Darüber hinaus werden nach wie vor auch halbtägliche Pflegevergütungen geschlossen, um das Angebot für spezielle Nutzer noch attraktiver zu machen. Der Senat wird seine Pauschalförderung in Höhe von 511 Euro pro Platz pro Jahr fortsetzen.
Die verbesserten Finanzierungsmöglichkeiten aus der Pflegeversicherung tragen zur wachsenden
Attraktivität der Versorgungsform Tagespflege bei.

9.4 Aktualisierte Grundlagen für Standards
Im März 2013 traten die neuen Maßstäbe und Grundsätze für die Qualität und die Qualitätssicherung (MuG) in der teilstationären Pflege in Kraft. Zuvor wurden im Bereich Tages- bzw. Nachtpflege
erbrachte Pflegeleistungen nach der für die Pflegeheime geltenden stationären Pflegetransparenzvereinbarung bewertet. Da die auf die vollstationäre Pflege zugeschnittenen Qualitäts- und Transparenzverfahren für die Tagespflege unzureichend waren, wurde auf Initiative der Verbände der
Leistungserbringer durch die Vertragspartner der Pflege-Selbstverwaltung auf der Bundesebene
beschlossen, einen eigenen Qualitätsbericht mit speziellen Prüfkriterien und Noten für den Bereich
der Tages- und Nachtpflege zu erarbeiten. Der GKV-Spitzenverband hatte die Schiedsstelle angerufen. Der Schiedsstellenantrag bezog sich inhaltlich im Wesentlichen auf die Einbeziehung und Nennung der hauswirtschaftlichen Versorgung und die Einbeziehung und Nennung der Ergebnisqualität
in den Maßstäben und Grundsätzen. Diesem Antrag wurde seitens der Schiedsstelle im Wesentlichen entsprochen. Die Richtlinien des GKV-Spitzenverbandes über die Prüfung der in Pflegeeinrich-

69

70

9. Tagespflege

tungen erbrachten Leistungen und deren Qualität nach § 114 SGB XI, die Qualitätsprüfungs-Richtlinien (QPR), traten zum 01. Februar 2014 in Kraft.
Im November 2012 wurde ein neuer Rahmenvertrag gemäß § 75 Absatz 1 und 2 SGB XI zur Tagesund Nachtpflege abgeschlossen, der seit 01. Januar 2013 in Kraft ist. Eine Neuregelung betraf die
Erhöhung der zusätzlichen Vollzeitkräfte für Qualitätsmanagements/ -entwicklung und der Sozialarbeit. Zusätzlich zu den Personalrichtwerten sind für die Freistellung der verantwortlichen Pflegefachkraft für die genannten Aufgaben bei bis zu 14 Plätzen nun insgesamt 0,4 Vollzeitkräfte und ab
15 Plätzen nun insgesamt 0,6 Vollzeitkräfte vereinbart. Eine weitere Regelung betraf die zusätzlichen Betreuungsleistungen nach § 87b SGB XI. Für sie wurde ein Richtwert von 1:24 vereinbart, der
pflegestufenunabhängig gilt und nicht auf die Fachkraftquote angerechnet wird. Die Regelung wurde in einer eigenen Anlage 5 zum Rahmenvertrag verankert. Mit dem Pflegestärkungsgesetz I wurde
der pflegestufenunabhängige Richtwert für die zusätzlichen Betreuungsleistungen nach § 87b SGB
XI zum 01. Januar 2015 ohne Anrechnung auf die Fachkraftquote auf 1:20 angehoben. Mittlerweile
haben 63 Tagespflegeeinrichtungen eine Vereinbarung nach § 87b SGB XI abgeschlossen. Bei Konzeptprüfungen ist auffällig, dass nicht mehr sauber zwischen originärer sozialer Betreuung und
zusätzlichen Betreuungsleistungen nach 87b SGB XI unterschieden wird. Gerade auch bei neuen
Tagespflegeeinrichtungen fehlt oft eine Darstellung bzw. Zuordnung der Aufgaben Qualitätsmanagements/ -entwicklung und Sozialarbeit. Die vereinbarte Auslastung im Rahmen der Vergütung wurde 2014 von bislang 87% auf 85% abgesenkt. Damit wurde verschiedenen Forderungen
der Leistungsanbieterseite, z. B. einer Freihalteregelung Rechnung getragen. Die Realisierung erfolgte zum 01. November 2015 bei neuverhandelten Verträgen, wobei für Investitionskosten weiterhin 87% gelten.
Der ordnungsrechtliche Schutz der Tagespflegeeinrichtungen wird in Berlin mit dem Wohnteilhabegesetz (WTG) und seinen Rechtsverordnungen sichergestellt. ( Abschnitt 3.1) Die darin enthaltenen Vorschriften gelten prinzipiell auch für Tagespflegeeinrichtungen. Hervorzuheben sind hierbei
folgende Sachverhalte:
•

In § 8 Absatz 4 WTG-PersV findet sich die explizite Regelung, dass in teilstationären Pflegeeinrichtungen während der Öffnungszeiten mindestens eine Pflegefachkraft anwesend
sein muss.

•

Der Anwendungsbereich der WTG-BauV erstreckt sich anders als der der vorangegangenen
Heimmindestbauverordnung erstmals auch auf Tagespflegeeinrichtungen. Dazu gehören
beispielsweise Regelungen zur barrierefreien Erreichbarkeit und Nutzbarkeit einschließlich
der Ermöglichung von Liegendtransporten und zu gemeinschaftlichen Aufenthaltsflächen
mit mindestens fünf Quadratmetern pro Tagespflegeplatz.

•

Weiterhin ist geregelt, dass mindestens ein barrierefreier Ruheraum mit Ruhemöglichkeiten für mindestens die Hälfte der Tagespflegeplätze vorgehalten werden muss sowie ein
Garderobenbereich mit abschließbaren Schränken oder ein abschließbarer Garderobenraum in Nähe des Eingangsbereiches.

•

Ebenso wird festgeschrieben, dass ein Therapieraum mit Waschbecken, ein barrierefreies
gemeinschaftliches Pflegebad und eine barrierefreie Toilette vorhanden sein müssen.

•

Für Bestandseinrichtungen der Tagespflege gelten differenzierte Übergangsvorschriften.
Beispielsweise müssen die Anforderungen an die Barrierefreiheit und die uneingeschränkte
Rollstuhlbenutzbarkeit spätestens bis zum 31. Dezember 2033 erfüllt werden. Bei Neubauten, wesentlichen Umbau- oder Modernisierungsmaßnahmen im Gebäudebestand, Neuerrichtungen von Tagespflegen (auch nach Umzug) und auch bei Erweiterung der Platzzahlen gelten die neuen Standards.

9. Tagespflege

•

Das Recht zur Mitwirkung in Tagespflegeeinrichtungen wurde in § 9 Wohnteilhabegesetz
(WTG) neu geregelt. Anders als nach dem alten Heimgesetz besteht nun auch in Tagespflegeeinrichtungen die Möglichkeit, einen Bewohnerbeirat zu wählen. Wenn weder ein Bewohnerbeirat noch eine Mitwirkung auf andere Weise zustande kommt, muss die Heimaufsicht Fürsprecherinnen und Fürsprecher bestellen.

9.5 Ausblick
Tagespflege, ggf. kombiniert mit ambulanter Pflege durch einen Pflegedienst, erscheint derzeit die
beste Möglichkeit, pflegende Angehörige deutlich spürbar zu entlasten, so dass ein Umzug in ein
Pflegeheim oder eine Wohngemeinschaft aufgeschoben, in einigen Fällen sogar komplett vermieden
werden kann. Das Versorgungsziel ist eine leistungsfähige, zahlenmäßig ausreichende, wirtschaftliche und regional gegliederte Versorgung mit Angeboten der Tagespflege. Da die demografische
Entwicklung in den Regionen unterschiedlich verlaufen wird, ist auch von einer unterschiedlichen
Bedarfsentwicklung in den Bezirken auszugehen.

Entwicklung der Bevölkerung ab 65 Jahre in den Berliner Bezirken bis 2030
100.000
90.000
80.000
70.000
60.000
50.000
40.000
30.000
20.000
10.000
0

65 bis unter 80 Jahre

80 Jahre und älter

Abbildung 33: Entwicklung der Bevölkerung ab 65 Jahre in den Berliner Bezirken bis 2030

In Bezirken mit einem hohen Anteil an alten und hochaltrigen Menschen, wie CharlottenburgWilmersdorf, Steglitz-Zehlendorf oder Tempelhof-Schöneberg werden voraussichtlich mehr Tagespflegeplätze benötigt als in anderen. Bei Bezirken mit einem starken Wachstum der Bevölkerung
über 65 Jahren, wie in Marzahn-Hellersdorf, sind entsprechende strukturelle Entwicklungen auch
für den Typ Tagespflege bereits zu beobachten und weiter zu erwarten. Die im letzten Landespflegeplan genannte Zielgröße von mindestens fünf und maximal zehn Einrichtungen, war bereits in
2011 erreicht und ist zu revidieren bzw. sich eher auf die Größenordnung von Tagespflegeplätzen
beziehen.
Es gibt keinen berlinspezifischen Richtwert für den Grundbedarf an Tagespflegeplätzen. Entscheidend ist das regional unterschiedliche Nachfrageverhalten, für das z. B. Wartelisten bei vorhandenen Tagespflegeeinrichtungen, Beratungszahlen, Zugriffszahlen auf die Informationsblätter der
Pflegestützpunkte Indizien darstellen. Auch wenn das aktuelle Tagespflegeangebot in Berlin weit
über die ehemalige Planung hinausgeht, wird vor dem Hintergrund demografischer und gesellschaftlicher Entwicklungen von einem allmählich weiter steigenden Bedarf ausgegangen, da die
Zahl der zu Hause lebenden Pflegebedürftigen und damit die Zahl der potenziellen Tagespflegenut-

71

72

9. Tagespflege

zer weiter zunehmen wird. Die Entwicklung des Angebotes zeigt, dass die Leistungserbringer auf die
steigende Nachfrage in den letzten Jahren reagierten und das Angebot spürbar ausweiteten. Es ist
anzunehmen, dass sich der Trend zu größeren Tagespflegen fortsetzen wird. Neben der Entwicklung
der Haushalts- und Familienstrukturen wird bei der demografischen Entwicklung und der Art des
Hilfebedarfs insbesondere die zu erwartende starke Zunahme der Demenzerkrankungen Einfluss
auf den zukünftigen Bedarf an Tagespflegeplätzen haben. Auch der Anstieg spezieller Zielgruppen,
wie Alkohol- bzw. Suchtkranke und Menschen mit nicht-deutscher Muttersprache, wird bei der Ausgestaltung der Tagespflege stärker Berücksichtigung finden müssen.

10. Kurzzeitpflege

10. Kurzzeitpflege
Die eigenständige Kurzzeitpflege ist eine wichtige Leistungsform, um Rehabilitation und Genesung
postakut zu befördern bzw. häusliche Pflege aufrecht zu erhalten und zu sichern. Wenn die häusliche Pflege zeitweise nicht im erforderlichen Umfang erbracht werden kann, besteht die Möglichkeit
auf vorübergehende Pflege und Betreuung in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung. Kurzzeitpflegeeinrichtungen sind selbstständige Einrichtungen, die Pflegebedürftigen eine zeitweilige, längstens über
einen Zeitraum von acht Wochen pro Jahr erfolgende Versorgung außerhalb der eigenen Wohnung
bietet. Kurzzeitpflege kann für eine Übergangszeit im Anschluss an eine stationäre Krankenhausbehandlung des Pflegebedürftigen oder in sonstigen Krisensituationen, in denen vorübergehend häusliche oder teilstationäre Pflege nicht möglich oder nicht ausreichend ist, genutzt werden. Die Kurzzeitpflege bietet mehrere Chancen:
•

Sie soll die Versorgung zu Hause stabilisieren.

•

Sie kann eine Überbrückung nach einem Krankenhausaufenthalt bieten, wenn z. B. für das
Leben in der eigenen Häuslichkeit bauliche Anpassungen erforderlich sind oder noch kein
Platz in einem Pflegeheim oder einer Pflege-Wohngemeinschaft zur Verfügung steht.

•

Der Pflegebedürftige kann sich bei guter Versorgung erholen und seine Ressourcen aktivieren oder, um danach die Versorgung wieder übernehmen zu können.

•

Kurzzeitpflege kann einen Einblick in den Alltag stationärer Pflege geben, falls ein Umzug
in ein Pflegeheim für den Pflegebedürftigen in der Zukunft vorgesehen sein sollte.

Abbildung 34: „Aufgaben der Kurzzeitpflege“ aus: Programmheft zur Fachtagung „Qualitätsperspektiven für die Kurzzeitpflege“ am 18.11.2014 in Berlin, IGES

„Durch den § 42 SGB XI wurde der Kurzzeitpflege eine hochspezialisierte und fachlich sowie organisatorisch anspruchsvolle Aufgabe innerhalb der pflegerischen Versorgungskette zugewiesen. Diese
grundsätzliche Aufgabenstellung innerhalb der pflegerischen Versorgungskette macht die Kurzzeitpflege zu einem sehr anspruchsvollen pflegerischen Leistungsbereich mit einer, im Vergleich zu
anderen Pflegeformen, erhöhten Leistungsintensität und -komplexität. Dies trifft insbesondere auf
die pflegerische Versorgung in der Übergangsphase unmittelbar nach einem akutstationären Aufenthalt zu, welche mit spezifischen pflegefachlichen, organisatorischen und psychosozialen Anforderungen verbunden ist.“25

25

Vgl. Programmheft zur Fachtagung „Qualitätsperspektiven für die Kurzzeitpflege“ am 18.11.2014 in Berlin, IGES.

73

74

10. Kurzzeitpflege

10.1 Bestand und Entwicklung bis 2015
Mit Stand 01. Januar 2016 gibt es in Berlin 23 Kurzzeitpflegeeinrichtungen mit 400 Plätzen. Gegenüber dem Landespflegeplan 2011 mit Stichtag 01. Januar 2011 hat sich die Zahl der bestehenden
Kurzzeitpflegeeinrichtungen um neun und die Zahl der Plätze um insgesamt 136 verringert.
Kurzzeitpflege

Bestand mit Versorgungsvertrag
Einrichtungen

Plätze

Landespflegeplan 2006 - Bestand 01.01.2006

35

571

Landespflegeplan 2011 - Bestand 01.01.2011

32

536

Landespflegeplan 2016 - Bestand 01. Januar 2016

23

400

Abbildung 35: Kurzzeitpflege: Einrichtungen und Plätze - Zeitreihe

Real sind die Zahlen Ergebnis einer auch schon im Zeitraum 2006 bis 2011 zu verzeichnenden relativ hohen Fluktuation von Einrichtungseröffnungen und -schließungen. Insgesamt verstärkt sich
jedoch der Trend zur Schließung von Einrichtungen und zum absoluten Rückgang von Kurzzeitpflegeplätzen entgegen der demografischen Entwicklung und verbesserter Finanzierungsmöglichkeiten.
Nach wie vor scheint unter den gegebenen Umständen eine wirtschaftliche Betriebsführung einer
solitären Einrichtungen der Kurzzeitpflege vergleichsweise schwierig zu sein. Mehr als andere Einrichtungsarten ist die Kurzeitpflege geprägt von häufig wechselnden Belegungen und einer damit
verbundenen Fluktuation der Gäste. Daraus resultiert ein erhöhter Aufwand an Kundenakquise.
Hinzu kommen saisonale Auslastungsschwankungen. So ist beispielsweise in der Winterzeit durch
vermehrte Stürze aber auch durch geplante längere Aufenthalte über den Jahreswechsel in der
Regel eine sehr hohe Auslastung zu verzeichnen. Viele Gäste haben krankheitsbedingt einen vorübergehend erhöhten Pflegebedarf und zusätzlich einen Mehrbedarf an behandlungspflegerischen
Leistungen, die nur von ausgebildeten Pflegefachkräften erbracht werden können.
Die hohen Personal- und Sachkosten, die bereits erwähnten großen saisonalen Auslastungsschwankungen und die damit verbundene geringe Planungssicherheit können Gründe dafür sein, dass
gerade die Einrichtungen der Kurzzeitpflege mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen
haben und sich daher einige Einrichtungen auf Dauer nicht am Markt halten können. Aber auch
sehr gut ausgelastete Kurzzeitpflegeeinrichtungen verweisen auf eine Reihe weiterer Probleme bei
der praktischen Arbeit. Dazu zählen diverse Mängel beim Überleitungsmanagement, wie sehr kurzfristig notwendig werdende Aufnahmen von aus dem Krankenhaus Entlassenen oder nicht hinreichender Kommunikation bezüglich benötigter Medikamente, medizinischer Apparate und Pflegehilfsmittel. Weiterhin besteht das Problem, dass Ärzte häufig nicht bereit sind, in die Kurzzeitpflegeeinrichtungen zu kommen und die Verordnungstätigkeit der Ärzte durch Budgetzwänge mehr oder
weniger beeinflusst ist. Überhaupt ist gute Kurzzeitpflege auch abhängig von verlässlich flexibel
und zeitnah reagierenden Partnern, zu denen beispielsweise auch Apotheker und auf ambulante
Palliativpflege spezialisierte Pflegedienste gehören.
Die Verteilung der Kurzzeitpflegeeinrichtungen auf die Berliner Bezirke ist nach wie vor ungleichmäßig und folgt auch nicht mit Stringenz der regionalen Verteilung der älteren Wohnbevölkerung.
So ist beispielsweise für den Raum Charlottenburg-Wilmersdorf und den Süden Berlins einschl.
Treptow-Köpenick ausgehend von der älteren Wohnbevölkerung eine Unterversorgung an Kurzzeitpflegeplätzen anzunehmen.

10. Kurzzeitpflege

Abbildung 36: Kurzzeitpflegeeinrichtungen 2015

Für den Abschluss eines Versorgungsvertrages bzw. einer Vergütungsvereinbarung muss eine Kurzzeitpflege mindestens zwölf Plätze vorhalten. In Berlin gibt es Kurzzeitpflegeeinrichtungen mit
zwölf bis 31 Plätzen. Einrichtungen mit 16 Plätzen (fünf) und 18 Plätzen (vier) sind am häufigsten
vertreten. Über 20 Plätze haben zwei Einrichtungen (29 und 31 Plätze).
Gegenüber dem Ausgangsstand 2011 mit Kurzzeitpflegeeinrichtungen mit zehn bis zu 25 Plätzen
ergibt sich damit ein deutlicher Trend zur höheren Platzzahl. Nach dem Trägerstatus lassen sich die
Einrichtungen in 14 freigemeinnützige, neun private und eine ohne Verbandszugehörigkeit unterteilen.
Im Unterschied zu anderen Bundesländern verfügt Berlin über keine eingestreuten Kurzzeitpflegeplätze in vollstationären Pflegeeinrichtungen.

10.2 Ergebnisse aus der Zusatzerhebung 2013/2014
Das Land Berlin hat sich entschieden, ab der Zusatzerhebung 2013 zur Bundespflegestatistik auch
Daten zur Kurzzeitpflege erheben zu lassen. Ähnlich wie bei den Pflegeheimen gehörte auch eine
Untersuchung der Ein- und Auszüge für einen ausgewählten Zeitraum (Februar 2014) dazu. Von den
25 zum Stichtag 15. Dezember 2013 befragten Kurzzeitpflegeeinrichtungen beteiligten sich insgesamt 15 an der Zusatzerhebung. 13 beantworteten den Fragebogen und acht den Teil zu den Einund Auszügen.
Die Rücklaufquote lässt die Ergebnisse nur eingeschränkt repräsentativ erscheinen und nur bedingt
fachliche Ableitungen zu. Nach Rücksprache mit Experten ist es vertretbar, die Ergebnisse aus der
Untersuchung der Ein- und Auszüge für das Erkennen von Trends und Größenverhältnissen heranzuziehen. Die folgenden Aussagen und Übersichten beziehen sich auf diese Daten und stehen unter
dem genannten Vorbehalt.

75

76

10. Kurzzeitpflege

Die Erhebung bestätigte die Vermutung, dass die überwiegende Zahl der Kurzzeitpflegegäste weiblich ist. Rund Dreiviertel der Kurzzeitpflegegäste sind Frauen. Dass Kurzzeitpflege mit großer Mehrheit von Personen wahrgenommen wird, die 65 Jahre und älter sind, wird ebenfalls empirisch bestätigt. Die größte Gruppe der Gäste bilden mit rund 40% Personen, die 85 Jahre und älter sind, dicht
gefolgt von der Gruppe der 75- bis 84-Jährigen.

Kurzzeitpflegegäste nach Altersgruppen
3%
18%
unter 65

40%

65 - 74 Jahre
75_ 84 Jahre
Ü 85

39%

Abbildung 37: Kurzzeitpflegegäste nach Altersgruppen

Bezogen auf besondere, sich z. B. durch das Krankheitsbild unterscheidende Gruppen fallen nur die
an Demenz erkrankten Gäste wesentlich ins Gewicht. Sie machen über ein Viertel der Kurzzeitpflegegäste aus.

Kurzzeitpflegegäste nach Pflegestufen
3% 2%2%

9%
Pflegestufe 0
Pflegestufe 1

26%

Pflegestufe 2
Pflegestufe 3
Pflegestufe beantragt
58%

k.A.

Abbildung 38: Kurzzeitpflegegäste nach Pflegestufen

Über 80% der Kurzzeitpflegegäste haben Pflegestufen I oder II, wobei über die Hälfte der Gäste mit
Pflegestufe I in die Kurzzeitpflegeeinrichtung aufgenommen wurden. Der Anteil der Gäste mit Pflegestufe Null lag unter 10%, während die Anteile der Gäste mit Pflegestufe III oder Härtefall sowie
der Gäste ohne Pflegestufe jeweils unter 5% betrugen. Dies bestätigt, dass Kurzzeitpflege vor allem
bei Personen zum Tragen kommt, die nach einer Krise, einem Sturz, Schlaganfall oder ähnlichem
erst pflegebedürftig oder schwerer pflegebedürftig werden und in der Regel bislang im Privathaushalt lebten bzw. mit einer leichten bis mittleren Pflegebedürftigkeit aus einer besonderen Situation
heraus bzw. im Rahmen der Verhinderungspflege die Kurzzeitpflege in Anspruch nehmen.

10. Kurzzeitpflege

Der Anteil der Gäste mit Anspruch auf Leistungen nach dem SGB XII (Hilfe zur Pflege, Grundsicherung) ist sehr gering. Fast alle Gäste zahlen die nicht durch die Pflegeversicherung abgedeckten
Kosten der Kurzzeitpflege aus eigener Tasche.
Nicht ganz die Hälfte der Kurzzeitpflegegäste lebte 15 bis 21 Tage in der Kurzzeitpflegeeinrichtung.
Jeweils rund 15% der Gäste verbleiben maximal sieben Tage, acht bis 14 Tage oder mehr als 28
Tage in der Kurzzeitpflege. Daraus lässt sich optimistisch ableiten, dass sich im Rahmen von maximal drei Wochen bei 75% der Gäste ein gutes Versorgungsarrangement hat wieder herstellen bzw.
neu einrichten lassen. Es wird vermutet, dass sich auch die notwendigen Zuzahlungen bei einem
Aufenthalt in der Kurzzeitpflege auf die Begrenzung des Aufenthalts auswirken. Im Übrigen sind bei
den Daten nur die im Zeitraum erfassten Gäste angeführt, ein wiederholter Aufenthalt ist damit
nicht auszuschließen.
Zieht man die hier ansonsten nicht ausgewerteten Daten der übrigen Erhebungsteile hinzu, lag die
durchschnittliche Gesamtverweildauer in 2013 bei rund 20 Tagen je Gast im Durchschnitt für alle
dreizehn beteiligten Einrichtungen.

Verweildauer der Kurzzeitpflegegäste
3%
14%

16%

bis 7 Tage
8-14 Tage

8%

15-21 Tage

15%

22-28 Tage
mehr als 28 Tage
keine Angabe
44%

Abbildung 39: Verweildauer der Kurzzeitpflegegäste

Die Betrachtung der Betreuungsorte vor Aufnahme in die Kurzzeitpflege bestätigte, dass die große
Mehrheit der Gäste entweder aus Privathaushalten oder dem Krankenhaus kommen. Mehr als die
Hälfte der Gäste (rund 54%) kamen direkt aus Privathaushalten.

Kurzzeitpflegegäste vor Einzug

Kurzzeitpflegegäste nach Auszug
2% 3%

1%
21%

45%

6%
54%

Privathaushalt

Krankenhaus

amb. WG

58%

10%
PrivatHH/Angehörige

Krankenhaus

Reha

Pflegeheim

verstorben

keine Angabe/Sonstiges

Abbildung 40: Kurzzeitpflege – Betreuungsorte vor Einzug und nach Auszug

77

78

10. Kurzzeitpflege

Etwas mehr (rund 58%) gingen dahin auch wieder zurück, wobei auch bei rund 6% z. B. der Gäste,
die im Anschluss an die Kurzzeitpflege eine Reha-Einrichtung aufsuchten, die spätere Heimkehr in
den eigenen Haushalt bzw. den naher Angehörige anzunehmen ist.
Kurzzeitpflege führt damit wahrscheinlich bei mindestens zwei Dritteln der Gäste zur Vermeidung
des Umzuges in ein Pflegeheim oder eine Pflege-Wohngemeinschaft. Dabei bleibt offen, wie viele
des Zehntels der Gäste, die aus der Kurzzeitpflege in ein Krankenhaus gingen, letztlich in einen
Privathaushalt zurückkehrten. Keine Rückschlüsse können aus den Daten gezogen werden, welches
Ausmaß der in der Fachdiskussion angesprochene „Drehtüreffekt“ zwischen Kurzzeitpflege und
Krankenhaus hat.
Ebenfalls in der Fachdiskussion angesprochen werden die während des Aufenthalts in den Kurzzeitpflegeeinrichtungen notwendige Hospiz- und Palliativversorgung und die damit verbundenen notwendigen Rahmenbedingungen. Die Fallzahl der direkt in der Kurzzeitpflege Versterbenden scheint
mit den bei der Erhebung ermittelten unter 3% relativ gering. Es ist anzunehmen, dass der Anteil
der Gäste, die eine Hospiz- und Palliativversorgung benötigen wesentlich höher ist und deren Absicherung nicht nur während des Aufenthaltes sondern auch bei den erfolgenden Überleitungen in
und aus der Kurzzeitpflegeeinrichtung Herausforderungen mit sich bringt.

10.3 Verbesserungen bei der Finanzierung
Im letzten Jahrzehnt erfolgten im Rahmen der Pflegeversicherung nach und nach Leistungserhöhungen, die sich auch auf die Kurzzeitpflege nach § 42 SGB XI auswirkten. Mittlerweile können Aufwendungen für Pflege, soziale Betreuung und medizinische Behandlungspflege in der Kurzzeitpflege
bis zu einem Gesamtbetrag von 1.612 Euro pro Kalenderjahr für einen oder mehrere Kurzzeitpflegeaufenthalte von insgesamt bis zu acht Wochen pro Jahr von der Pflegekasse vergütet werden. Der
Anspruch besteht für alle Pflegebedürftigen unabhängig von der Pflegestufe. Der von der Kurzzeitpflege unabhängige Anspruch auf Verhinderungspflege nach § 39 SGB XI kann mit einem Höchstbetrag von ebenfalls bis zu 1.612 Euro auch in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung wahrgenommen werden. Der nicht genutzte Anspruch auf Verhinderungspflege kann für Kurzzeitpflege verwandt werden, so dass Kurzzeitpflege bis zu acht Wochen pro Jahr erfolgen und aus der Pflegeversicherung
ein Betrag von bis zu 3.224 Euro pro Jahr für Kurzzeitpflege bereitgestellt werden kann.
Wie bei der Tagespflege können auch für die Nutzung des Kurzzeitpflegeangebotes zusätzlich Leistungen nach § 45b SGB XI eingesetzt werden. Damit können auch Unterkunfts-, Verpflegungs- und
Investitionskosten mit vergütet werden. Ab 2015 wurden die zusätzlichen Betreuungsleistungen um
die Möglichkeit ergänzt, niedrigschwellige Entlastungsleistungen in Anspruch zu nehmen, und der
Kreis der Anspruchsberechtigten wurde auf alle Pflegebedürftigen ausgeweitet. Bislang hatten nur
Versicherte, die die Voraussetzungen des § 45a SGB XI erfüllten bzw. eine eingeschränkte Alltagskompetenz besaßen, diesen Anspruch. Mit diesem Betrag können alle pflegebedürftigen Gäste nicht
nur die pflegebedingten Aufwendungen sondern auch Unterkunfts-, Verpflegungs- sowie Investitionskosten der Kurzzeitpflege abgelten. Letztgenannte Kostengruppe musste vor dem PflegeWeiterentwicklungsgesetz noch privat bezahlt werden. Das Pflegestärkungsgesetz II regelt, dass es
ab 2017 einen einheitlichen Entlastungsbetrag in Höhe von 125 Euro geben wird, der die bisherigen
Betreuungs- und Entlastungsleistungen in Höhe von 104 bzw. 208 Euro ablöst.

10. Kurzzeitpflege

Im Rahmenvertrag gemäß § 75 Absatz 1 und 2 SGB XI zur Kurzzeitpflege im Land Berlin wurde die
Freistellung der verantwortlichen Pflegefachkraft für Aufgaben im Rahmen von Qualitätsmanagement/ -entwicklung und der Sozialarbeit um 0,1 Vollzeitkräfte erhöht. Aktuell stehen für diese
Aufgabe bei Kurzzeitpflegeeinrichtungen mit bis zu 14 Plätzen 0,4 Vollzeitkräfte und ab 15 Plätzen
0,6 Vollzeitkräfte zur Verfügung. Mit dem Pflegestärkungsgesetz I wurde der pflegestufenunabhängige Richtwert für die zusätzlichen Betreuungsleistungen nach § 87b SGB XI ab 2015 ohne Anrechnung auf die Fachkraftquote auf 1:20 angehoben. Zum 01. Januar 2016 haben bereits 17 der 23
bestehenden Kurzzeitpflegeinrichtungen eine Vereinbarung nach § 87b SGB XI abgeschlossen. Im
Übrigen wird der Senat seine Pauschalförderung in Höhe von 511 Euro pro Platz pro Jahr fortsetzen.
Mit dem Gesetz zur Reform der Strukturen der Krankenhausversorgung erfolgte in 2015 die Schließung einer bislang bestandenen Lücke für Personen ohne Pflegebedürftigkeit mit Bedarf an Kurzzeitpflege über § 39c SGB V. Reichen Leistungen der häuslichen Krankenpflege nach § 37 Absatz 1a
SGB V bei schwerer Krankheit oder wegen akuter Verschlimmerung einer Krankheit, insbesondere
nach einem Krankenhausaufenthalt, nach einer ambulanten Operation oder nach einer ambulanten
Krankenhausbehandlung, nicht aus, erbringt die Krankenkasse die erforderliche Kurzzeitpflege
entsprechend § 42 SGB XI für eine Übergangszeit, wenn keine Pflegebedürftigkeit im Sinne des SGB
XI festgestellt ist. Der neue Leistungsanspruch ist an die Kurzzeitpflege im Sinne des § 42 SGB XI
angelehnt. Bislang konnte es bei nichtpflegeversicherten Kurzzeitpflegegästen durchaus der Fall
sein, dass Kurzzeitpflegeeinrichtungen die Kosten nicht erstattet erhielten, wenn diese nicht vom
Kurzzeitpflegegast oder dem Sozialhilfeträger übernommen wurden.
Bereits mit dem Pflege-Weiterentwicklungsgesetz wurde für pflegebedürftige behinderte Kinder ein
neuer Anspruch auf Kurzzeitpflege eingeführt. In begründeten Einzelfällen kann bei zu Hause gepflegten Kindern bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres Kurzzeitpflege auch in geeigneten Einrichtungen der Hilfe für behinderte Menschen und anderen geeigneten Einrichtungen, wenn die Pflege
in einer von den Pflegekassen zur Kurzzeitpflege zugelassenen Pflegeeinrichtung nicht möglich ist
oder nicht zumutbar erscheint, in Anspruch genommen werden. Vordem hatten die Familien zur
Entlastung im häuslichen Bereich lediglich einen Anspruch auf Verhinderungspflege. Real werden in
Berlin nur in sehr seltenen Fällen pflegebedürftige Kinder und Jugendliche in Kurzzeitpflegeeinrichtungen betreut. Der Schwerpunkt der bestehenden Kurzzeitpflegeeinrichtungen liegt eindeutig bei
älteren Menschen ab 65 Jahren. Auch die Möglichkeiten in Einrichtungen der Hilfe für behinderte
Menschen sind sehr beschränkt, so dass angesichts des insbesondere von Elternselbsthilfevereinigungen signalisierten nicht befriedigten speziellen Bedarfes an Kurzzeit- und Verhinderungspflege
für pflegebedürftige Kinder und Jugendliche Handlungsbedarf besteht.

79

10. Kurzzeitpflege

80

10.4 Aktualisierte Grundlagen für Standards
Nach wie vor gelten die Gemeinsamen Grundsätze und Maßstäbe zur Qualität und Qualitätssicherung einschl. des Verfahrens zur Durchführung von Qualitätsprüfungen nach § 80 SGB XI in der
Kurzzeitpflege vom 18. August 1995 (MuG). Die MuG dienen der Sicherstellung einer qualifizierten
Pflege und sozialen Betreuung von pflegebedürftigen Menschen und sind für alle Pflegekassen und
zugelassenen Leistungserbringer unmittelbar verbindlich.
Die Mindestanforderungen für die Prüfung der in Pflegeeinrichtungen erbrachten Leistungen und
deren Qualität sind in den Qualitätsprüfungsrichtlinien (QPR) – aktuell in der vom Bundesministerium für Gesundheit in der am 17. Januar.2014 genehmigten Fassung – formuliert, die der GKVSpitzenverband unter Beteiligung des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen beschließt (§ 114 SGB XI). Basis für die Prüfung bilden u.a. die oben genannten speziellen
MuG und allgemeine Expertenstandards. Letztere legen fest, wie Pflegekräfte bei bestimmten Aufgaben und Tätigkeiten vorgehen sollten, um das angestrebte Qualitätsniveau in der Pflege sicherzustellen.
Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz aus dem Jahr 2008 hat Expertenstandards in der Pflege neu
geregelt und für verbindlich erklärt. Der erste Expertenstandard nach neuen Vorgaben, der Expertenstandard "Erhaltung und Förderung der Mobilität", wurde vom Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) entwickelt. Er befindet sich aktuell in der Erprobung. Die Ergebnisse der modellhaften Implementierung werden Mitte 2016 erwartet. Er wird erst mit der Veröffentlichung im Bundesanzeiger verbindlich werden.
Der ordnungsrechtliche Schutz der Kurzzeitpflegeeinrichtungen wird in Berlin mit dem Wohnteilhabegesetz (WTG) und den dazu gehörenden Rechtsverordnungen sichergestellt. ( Abschnitt 3.1)
Die Pflegenoten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK) sind im Internet einsehbar.
19 der 23 Berliner Kurzzeitpflegeeinrichtungen haben im Januar 2016 verzeichnet eine Note von 1,4
und besser erhalten. Die Prüfberichte der Heimaufsicht sind im Internet eingestellt und für jeden
einsehbar. Die Versorgungsziele sind aufgrund der Pflegereformen sowie dem WTG und den damit
verbundenen Veränderungen im neuen Rahmenvertrag gemäß § 75 Absatz 1 und 2 SGB XI zur Kurzzeitpflege im Land Berlin neu verhandelt worden. Er ist 2013 in Kraft getreten. Zur Veränderungen
von Standards im Kontext von Vergütungsvereinbarungen wurden im Abschnitt zur Finanzierung
bereits Aussagen getroffen. Die vereinbarte Auslastung im Rahmen der Vergütung beträgt nach wie
vor 90%.
Noch keinen Eingang in verbindliche Vorgaben haben Ergebnisse einer vom Bundesministerium für
Gesundheit in Auftrag gegebene IGES-Studie zu Qualitätsperspektiven für die Kurzzeitpflege26 gefunden, deren Ergebnisse im November 2014 der Fachöffentlichkeit vorgestellt wurden. Im Rahmen
der Studie wurde ein Anforderungsprofil für die Kurzzeitpflege formuliert und dabei 19 überprüfbare Einzelanforderungen aus 148 untersuchten Qualitätskriterien entwickelt. Zu diesen empfohlenen
Einzelanforderungen gehören beispielsweise die in Berlin bereits flächendeckend realisierte organisatorische Eigenständigkeit der Kurzzeitpflegeeinrichtung, aber auch solche Anforderungen wie die
– in Berlin teils auch problematische - Gewährleistung der ärztlichen und therapeutischen Versorgung über entsprechende Kooperationen, die empfohlene Größe von 15 bis 40 Plätzen (in Berlin
aktuell zwölf Plätze als Minimum) oder der standardmäßigen Anwendung von Überleitungsbögen
bei Aufnahme und Entlassung von Gästen.

26

Deckenbach/ Stöppler/ Kein, Qualitätsperspektiven für die Kurzzeitpflege – Studienbericht für das Bundesministerium für Gesundheit,
IGES Institut GmbH, Berlin, 2013.

10. Kurzzeitpflege

Pflegenoten des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen einsehen unter:

 www.pflegelotse.de
Prüfberichte der Heimaufsicht:

 http://www.berlin.de/lageso/soziales/heimaufsicht/pruefberichte/index.php
10.5 Ausblick
Ziel der Kurzzeitpflege ist die vorübergehende Versorgung nach Krankenhausaufenthalt oder zur
befristeten Entlastung der pflegenden Angehörigen. Sie soll zur Aufrechterhaltung der häuslichen
Pflege beitragen. Vor diesem Hintergrund und den Erfahrungen anderer Bundesländer mit eingestreuten Kurzzeitpflegeplätzen in vollstationären Einrichtungen hält das Land am Modell der solitären Kurzzeitpflegeeinrichtungen fest. Eine leistungsfähige, zahlenmäßig ausreichende, wirtschaftliche und regional gegliederte Versorgung mit Kurzzeitpflegeplätzen stellt nach wie vor das Versorgungsziel dar. Es gibt keinen berlinspezifischen Richtwert für den Grundbedarf an Kurzzeitpflegeplätzen. Da die Zahl der zu Hause lebenden Pflegebedürftigen weiter zunehmen wird, ist zu erwarten, dass sich auch die Zahl der potenziellen Kurzzeitpflegegäste erhöht. Die Verweildauer in Krankenhäusern wird voraussichtlich weiter sinken, so dass auch deshalb das Angebot der Kurzzeitpflege an Bedeutung gewinnen könnte.
Bezüglich der Standortwahl für eine Kurzzeitpflegeeinrichtung spielte bislang die Bevölkerungsstruktur und davon abgeleitet die Anzahl der im näheren Einzugsbereich lebenden Personen höheren Alters bzw. mit Pflegebedürftigkeit anscheinend eine eher nachrangige Rolle. So ist die starke
Konzentration oder eben das Fehlen von Kurzzeitpflegeeinrichtungen in bestimmten Sozialräumen
nicht zu erklären. Fachlich wird von einem bestehenden nicht hinreichend zu deckenden Bedarf in
Sozialräumen mit einer hohen Anzahl ältere Menschen und keinen oder wenigen Kurzzeitpflegeplätzen ausgegangen. Außerdem wird der Empfehlung aus der IGES-Studie gefolgt, dass Kurzzeitpflegeeinrichtungen in räumlicher Nähe von Akutkrankenhäusern, Rehabilitationseinrichtungen,
teil- und vollstationären Pflegeeinrichtungen angesiedelt sein sollten, um fachliche und strukturelle
Synergieeffekte zu erzeugen und zu nutzen.27 Bereits in einer älteren Studie wurde zum Bedarf an
Kurzzeitpflege festgestellt: „Dort, wo Kurzzeitpflege angeboten wird, wird sie auch in Anspruch
genommen. Je näher die Kurzzeitpflege am Wohnort der zu Hause lebenden Pflegebedürftigen liegt,
desto intensiver wird sie auch genutzt.
Damit sich aus dem Bedarf an Kurzzeitpflege auch konkrete Nachfrage entwickeln kann, muss ein
entsprechendes ortsnahes Leistungsangebot vorgehalten werden. Den Pflegebedürftigen muss
durch entsprechende Beratung dabei geholfen werden, dieses Angebot zu nutzen. Die im Vergleich
zur Langzeitpflege geringere Auslastung von Kurzzeit-Pflegeeinrichtungen ist kein Zeichen unzureichender Nachfrage. Dass trotz der relativ geringen Belegung eher eine Übernachfrage besteht,
lässt sich belegen.“28
Die IGES-Studie regt den Fachdiskurs zu Perspektiven der Kurzzeitpflege aktuell an. Für das Bundesgebiet insgesamt wurde u.a. festgestellt: „Die Bedeutung der Kurzzeitpflege ist dabei über die Jahre
zwar gewachsen, stagniert aber auf einem niedrigen Niveau. Damit steht in der Diskussion, ob das
Potenzial der Kurzzeitpflege, so lange wie möglich die ambulante Versorgung von Pflegebedürftigen
zu ermöglichen, ausgeschöpft wird und ob die Kurzzeitpflege in ihrer gegenwärtigen Umsetzung in

27
28

ebd.
Hartmann/ Heinemann-Knoch, Kurzzeitpflege. Erweiterter Kurzbericht zur Untersuchung: Kurzzeitpflege in der Region,
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Berlin/Hamburg, 2001, S. 12f.

81

10. Kurzzeitpflege

82

Deutschland ihre Funktion als zentrale Weichenstellerin gemäß der Intention des Gesetzgebers
ausreichend wahrnimmt.“29

Abbildung 41: Weichenstellerfunktion der Kurzzeitpflege aus dem Programmheft zur Fachtagung „Qualitätsperspektiven für die Kurzzeitpflege“ am 18.11.2014 in Berlin, IGES

Der in Berlin zu verzeichnende erhebliche Rückgang des Angebotes wird nicht als Ausdruck für ein
bestehendes Überangebot bzw. fehlenden Bedarf sondern als Folge verschiedener, größtenteils
weiter oben bereits angesprochener Punkte gesehen. So kommt der Kurzzeitpflege quasi per Auftrag die Rolle des „Lückenfüllers in der Not“ zur Sicherstellung einer bedarfsgerechten Versorgung
zu, wofür große Flexibilität und Kompetenzbreite erforderlich ist und woraus sich eine geringe Planbarkeit ergibt. Neben den erhöhten Anforderungen an eine aktivierende Pflege mit dem Ziel der
Rückkehr in die eigene Häuslichkeit besteht auch ein erhöhter Verwaltungsaufwand wegen der im
Vergleich für Dauerpflege deutlich reduzierten Verweildauer der ständig wechselnden Gäste. Kurzzeitpflegeeinrichtungen sind auf gute Kooperationspartner angewiesen in Bezug auf die:
•

Zuweisung / Vermittlung von Gästen,

•

Versorgung während des Aufenthalts – insbesondere sind die medizinische Versorgung und
damit Kooperation mit Ärzten und Apotheken problematisch,

•

Vermittlung nach Aufenthalt und damit verbunden auch ein größerer Beratungs- und Koordinationsaufwand.

Hierdurch besteht eine vergleichsweise große Abhängigkeit von Externen und deren Interesse an
Kooperation. Verbesserungen an dieser Stelle stärken auch die Kurzzeitpflege. Auf den Handlungsbedarf zur Sicherstellung der Kurzzeitpflege für schwerstkranke, pflegebedürftige Kinder und Jugendliche wurde ebenfalls schon weiter oben verwiesen. Es braucht eine Übereinkunft der zuständigen Stellen unter Vereinbarung der notwendigen speziellen Standards, z. B. für Ausstattungen und
Qualifikation. Auch auf Bundesebene sind Initiativen zur Stärkung eigenständiger Kurzzeitpflegeeinrichtungen weiterhin notwendig. So wurde Ende 2015 von der Konferenz der Arbeits- und Sozialminister die Bundesregierung dazu aufgefordert, die rechtlichen Voraussetzungen zu schaffen
für Anreize für organisatorisch selbständige spezialisierte Kurzzeitpflegeangebote im Anschluss an
eine Krankenhausversorgung, die eine aktivierende und rehabilitative Übergangspflege gewährleis29

Programmheft zur Fachtagung „Qualitätsperspektiven für die Kurzzeitpflege“ am 18.11.2014 in Berlin, IGES.

10. Kurzzeitpflege

ten. Zudem sollen im Hinblick auf die im Vergleich zu anderen Versorgungsformen erhöhte Leistungsintensität und -komplexität in Kurzzeitpflegeeinrichtungen die erforderlichen personellen und
strukturellen Rahmenbedingungen eingerichtet werden und durch entsprechende Leistungen der
Pflegeversicherung und der Krankenversicherung, hier insbesondere der Ermöglichung einer bedarfsgerechten medizinischen Behandlungspflege und einer geriatrisch rehabilitativen Pflege, abgesichert werden.

83

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

84

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim
Pflege in einem Pflegeheim wird von pflegebedürftigen Menschen in Anspruch genommen, wenn
ambulante oder teilstationäre Pflege nicht mehr möglich ist oder wegen der Besonderheit des einzelnen Falles nicht in Betracht kommen. Im besten Fall wird ein Umzug in eine stationäre Pflegeeinrichtung von den Angehörigen gemeinsam mit dem pflegebedürftigen Menschen vorbereitet. Die
Pflegekassen übernehmen für die Pflege und Betreuung in der stationären Langzeitpflege im Rahmen pauschaler Leistungsbeträge in der jeweiligen Pflegestufe die pflegebedingten Aufwendungen,
die Aufwendungen der sozialen Betreuung und für Leistungen der medizinischen Behandlungspflege bis zu einer in § 43 Abs. 2 Satz 3 SGB XI festgelegten Höhe.

11.1 Bestand und Entwicklung des Angebotes
Gegenüber dem im Bericht „Pflege- und pflegeunterstützende Angebote in Berlin - Landespflegeplan 2011“ beschriebenen Stand vom 01. Januar 2011 hat sich die Zahl der angebotenen Langzeitpflegeplätze30 kaum verändert. Sie hat sich zum 01. Januar 2016 um lediglich 93 auf 32.998 Plätze
erhöht. Die Zahl der Einrichtungen hat sich von 309 auf 290 verringert.

vollstationäre Einrichtungen mit Versorgungsvertrag 1996-2016

309
290

276

01.07.1996

266

266

31.03.1998

30.06.2002

272

01.01.2006

01.01.2011

01.01.2016

Abbildung 42: vollstationäre Einrichtungen mit Versorgungsvertrag 1996-2016

Plätze in vollstationären Einrichtungen mit Versorgungsvertrag 1996-2016
35.000
30.000
25.000
20.000

26.271

25.344

01.07.1996

31.03.1998

28.182

29.450

30.06.2002

01.01.2006

32.905

32.998

01.01.2011

01.01.2016

15.000
10.000
5.000
0

Abbildung 43: Plätze in vollstationären Einrichtungen mit Versorgungsvertrag 1996-2016

30

Soweit nicht anders angegeben sind alle Zahlen dem Statischen Bericht K VIII 1-2j/13 des Amtes für Statistik Berlin-Brandenburg
entnommen.

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Rund 47% der Einrichtungen halten bis zu 100 Plätze vor, rund 46% bis zu 200 Plätze, rund 6% bis
zu 300 Plätze und 1% der Einrichtungen verfügt über mehr als 300 Plätze.
Mit einem Anteil von ca. 53,1% der am 15. Dezember 2013 in Berlin vorgehaltenen Plätze sind private Träger am stärksten vertreten, ca. 43,2% der Plätze werden von freigemeinnützigen Trägern
angeboten und ca. 3,7% befinden sich in kommunaler Trägerschaft. Damit haben sich im Vergleich
zum Stand 15.12.2011 mit 50,9% der verfügbaren Plätze in privater Trägerschaft, 45,7% in freigemeinnütziger Trägerschaft und 3,4% in kommunaler Trägerschaft nur leichte Veränderungen ergeben.
Bestand Langzeitpflegeeinrichtungen - nach Bezirken
mit Versorgungsvertrag am 01. Januar 2016

Bezirke
Charlottenburg-Wilmersdorf
Friedrichshain-Kreuzberg
Lichtenberg
Marzahn-Hellersdorf
Mitte
Neukölln
Pankow
Reinickendorf
Spandau
Steglitz-Zehlendorf
Tempelhof-Schöneberg
Treptow-Köpenick
Gesamt

Plätze
2801
1922
2877
1919
2926
2211
3660
2402
2504
4705
2250
2821
32.998

Einrichtungen
32
15
25
14
22
15
32
18
19
53
24
21
290

Abbildung 44: Bestand Langzeitpflegeeinrichtungen - nach Bezirken

Das Angebot an Pflegeplätzen in Einzelzimmern hat sich gegenüber dem Angebot im Jahr 2011
wiederum verbessert. Zum Stichtag 15.12.2013 wurden 64,2% der Plätze in Einzelzimmern angeboten, 34,7% in Zwei-Personen-Zimmern und lediglich 1,1% in Drei-Personen-Zimmern.
Informationen zu einzelnen Pflegeeinrichtungen:

 www.aok-gesundheitsnavi.de (AOK)
 www.pflegelotse.de (vdek – Verband der Ersatzkassen)
 www.bkk-pflege.de (BKK) oder
 www.der-pflegekompass.de (Knappschaft, IKK) zu finden.
Informationen zu Verträgen und Vergütungen nach SGB XI für die verschiedenen Pflegeangebote:

 http://www.berlin.de/sen/soziales/themen/vertraege/
11.2 Ergebnisse aus der Zusatzerhebung 2013/2014
Im Jahr 2013 wurde ergänzend zur Bundespflegestatistik wieder eine Zusatzerhebung durch die
Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales durchgeführt. Im Folgenden werden ausgewählte
Ergebnisse dieser Zusatzerhebung dargestellt. Die Zahlen beruhen auf Angaben der einzelnen Einrichtungen und wurden freiwillig abgegeben. Die Rücklaufquote von ca. 61% lässt die Ergebnisse
nur eingeschränkt repräsentativ erscheinen. Insofern werden die Ergebnisse nur zur Darstellung
von Trends genutzt.

85

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

86

Die Zusatzerhebung in den stationären Langzeitpflegeeinrichtungen ergab zum Stichtag 15.12.2013
eine Auslastung von 89,1%. Damit ist die Auslastung im Vergleich zu 2009 um 5,5% gestiegen. Im
Vergleich zur bundesweiten Auslastung31 von 89% liegt Berlin nunmehr im Bundesdurchschnitt.

Auslastung der Pflegeheime 2003-2013
100%
95%
90%

92%
89,20%

85%

89,10%
86,90%

80%

83,70%

83,53%

2007

2009

75%
2003

2005

2011

2013

Abbildung 45: Auslastung der Pflegeheime 2003-2013

Die Auslastungsquote unterscheidet sich nach wie vor erheblich zwischen den einzelnen Bezirken,
von 80,9% in Neukölln bis 95,4% in Marzahn-Hellersdorf.

Auslastung Pflegeheime nach Bezirken
95%
89%

89%

86%

93%
89%

95%
89%

81%

90%

92%

83%

Abbildung 46: Auslastung der Pflegeheime nach Bezirken

Im Ergebnis der Zusatzerhebung zeigt sich der größte Anteil der Pflegebedürftigen in den Einrichtungen in der Pflegestufe I mit 41,3%. Bewohnerinnen und Bewohner in der Pflegestufe II stellen
einen Anteil von 36,5%, rund 16,3% waren in der Pflegestufe III und 1,8% der Bewohnerinnen und
Bewohner waren als Härtefall eingestuft. Der Pflegestufe 0 waren 3,6% der Bewohnerinnen und
Bewohner zugeordnet, 0,5% keiner Pflegestufe.

31

Statistisches Bundesamt, Pflegestatistik 2013, Deutschlandergebnisse.

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen nach Pflegestufen
Härtefälle
Pflegestufe III
Pflegestufe II
Pflegestufe I
Pflegestufe 0
Sonstige
0%
Sonstige

5%

10%

15%

20%

25%

30%

35%

40%

Pflegestufe 0 Pflegestufe I Pflegestufe II Pflegestufe III

45%

Härtefälle

2013

0,50%

3,60%

41,30%

36,50%

16,30%

1,80%

2011

1,40%

3,50%

36,10%

38,40%

17,90%

2,70%

Abbildung 47: Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen nach Pflegestufen

Im Vergleich dazu verteilten sich die Pflegestufen auf Bundesebene wie folgt: Pflegestufe I mit
37,5%, Pflegestufe II mit 39,8%, Pflegestufe III und Härtefälle mit 22%.
Pflegestufe

Gesamt

Männlich

Weiblich

Pflegestufe I

7.187

2.036

5.151

Pflegestufe II

6.358

1.749

4.609

Pflegestufe III

2.845

773

2.072

Pflegestufe HF

309

136

173

Pflegestufe 0

626

308

318

Sonstige

95

36

59

Gesamt

17.420

5.038

12.382

Abbildung 48: Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen nach Pflegestufen und Geschlecht

Bei den Pflegebedürftigen in Pflegeheimen haben die Frauen mit etwa 71% den weit größeren Anteil
an der Bewohnerschaft. Im Vergleich zu den Erhebungen 2009 mit 70% und 2011 mit rund 73%
blieb die Verteilung der Geschlechter in den Pflegeheimen nahezu konstant. Bei den Neueinzügen
im 1. Quartal 2014 liegt der Anteil der Frauen mit 66% etwas unter dem Anteil zum Stichtag.
Auch die Pflegestufenstruktur bei den Neueinzügen im 1. Quartal 2014 ist im Vergleich zu den Vorjahren relativ konstant. Nachdem der Anteil der Menschen in der Pflegestufe 0 im Jahr 2012 auf
rund 9% angestiegen war, lag er 2014 bei rund 5%. Das durchschnittliche Einzugsalter in Berliner
Pflegeheime liegt bei 82 Jahren und ist damit im Vergleich zu 2012 mit rund 81 Jahren wieder leicht
angestiegen.

87

88

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Pflegestufenstruktur in Pflegeheimen bei Einzug im 1. Quartal 2004-2014
100%
90%

4
9

5
8

5
6

6
6

4
6

6
5

36

34

28

28

28

28

48

47

54

52

53

56

3

6

7

8

9

5

2004

2006

2008

2010

2012

2014

80%
70%
60%
50%
40%
30%
20%
10%
0%

Pflegestufe 0

Pflegestufe I

Pflegestufe II

Pflegestufe III

Sonstige

Abbildung 49: Pflegestufenstruktur in Pflegeheimen bei Einzug im 1. Quartal 2004-2014

Altersstruktur der Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen bei
Einzug im 1. Quartal 2006-2014
24,4
22,7

2014
6,7

20
2012

22,5

19,1
2010

23,4

20,5
2008

23,9

34

15

6,7

25,9

20,6

2006

33,4

13,7

6,4

über 90 Jährige

34,1

15,3

8,1

5

34,9

14,3

8,4

0

35

11,1

10

15

85 - 90 Jahre

20
75 - 84 Jahre

25

30

65 - 74 Jahre

35

40

unter 65 Jährige

Abbildung 50: Altersstruktur der Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen bei Einzug
im 1. Quartal 2006 -2014

Zur Ausbildungssituation ergibt sich folgendes Bild: Zum Stichtag 15.12.2013 befanden sich durchschnittlich 5,1 Personen in freigemeinnützigen, 4,9 Personen in privaten und 4,3 Personen in öffent-

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

lichen Pflegeheimen in einem Ausbildungsverhältnis zur Altenpflege. Davon waren 72% der Auszubildenden in der Vollzeitausbildung und 28% in einer berufsbegleitenden Teilzeitausbildung.

Auszubildende pro Pflegeheim nach Trägerstatus

4,3

4,9

5,1

1

2

3
öffentlich

4
privat

5

6

freigemeinnützig

Abbildung 51: Auszubildende pro Pflegeheim nach Trägerstatus

Die Altenpflegeausbildung wird aus verschiedenen Mitteln finanziert. Den größten Anteil nimmt, wie
auch in den vergangenen Jahren, der Entgeltzuschlag gem. § 82a SGB XI mit 50% ein, gefolgt von
der Finanzierung über die Agentur für Arbeit mit 20% und der Möglichkeit der Anrechnung auf den
Personalschlüssel mit 19%.
2011

2013

Entgeltzuschlag (§ 82s SGB XI)

34%

50%

Anrechnung auf den Personal-

26%

19%

Agentur für Arbeit

22%

20%

Sonstige Finanzierung

18%

11%

schlüssel

Abbildung 52: Finanzierung der Ausbildung 2011-2013

11.3 Fachliche Bewertung des Angebotes - Qualitätsentwicklung
Im 4. Pflege-Qualitätsbericht des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen ist zur allgemeinen Entwicklung der Qualität in der Pflege in Berlin und Brandenburg nachzulesen, dass es sowohl sehr gute und um ständige Entwicklung bemühte Einrichtungen gibt, als
auch Einrichtungen mit mangelndem Problembewusstsein und teilweise unzureichendem Qualitätsmanagement. Dabei bescheinigt der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) BerlinBrandenburg insbesondere Einrichtungen, die eigene Ideen im Qualitätsmanagement umsetzen und
Einrichtungen, in denen die Beschäftigten ihre Eigenverantwortung wahrnehmen, eine gute Qualitätsentwicklung. Insgesamt hat der MDK eine Weiterentwicklung der Qualität festgestellt.
Die Qualität der Pflegeeinrichtungen ist auch aus dem Blickwinkel der Bewohnerinnen und Bewohner zu betrachten. Inwieweit sich Pflegebedürftige in einer Pflegeeinrichtung gut aufgehoben und
tatsächlich zu Hause fühlen, hängt nicht nur von der Größe und Ausstattung eines Hauses ab, sondern vor allem auch von dem Anspruch den die jeweilige Einrichtungsleitung und die Beschäftigten
an ihre Tätigkeit haben und von ihrem Engagement. Darüber hinaus hängt dies von einer Reihe sehr

89

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

90

subjektiver Faktoren ab, die sich teilweise auch dem Einfluss der Einrichtung entziehen, wie zum
Beispiel der Zufriedenheit mit dem bisherigen Leben, den familiären Kontakten und dem Gesundheitszustand. Andere Determinanten der Lebenszufriedenheit sind jedoch stark von der Organisation, den Abläufen und den zwischenmenschlichen Interaktionen innerhalb des Heimes bestimmt.
Dazu gehören vor allem die Wohnsituation, die Tagesablaufgestaltung, Aktivitätenangebote und
natürlich auch die personelle Situation der Einrichtung.32
In Bezug auf die Wohnsituation hat sich das Angebot im Vergleich zum Jahr 2011 verbessert. Welche
Rolle vor allem Privatheit, die nur in Einzelzimmern gewährleistet ist, für das Wohlbefinden der
Bewohnerinnen und Bewohner in einer Pflegeeinrichtung spielt, beschreibt der Fachbuchautor Graber-Dünow in seinem Buch weiter: „Einzelzimmer entsprechen … nicht nur dem Wunsch des überwiegenden Teils der Betroffenen, sondern die gerontologische Forschung zeigt ebenso ihre positiven
Auswirkungen auf die Lebenssituation der Bewohner. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass
Bewohner von Einzelzimmern im Vergleich zu Menschen, die in einem Doppelzimmer leben müssen,
einen größeren Entscheidungs- und Kontrollspielraum haben, der für die Lebenszufriedenheit von
Menschen unverzichtbar ist.“
Anhand der Pflegestufen lässt sich der tatsächliche Aufwand für die Pflege und Betreuung einzelner
Bewohner nicht immer adäquat ableiten, weil in erster Linie körperliche Einschränkungen eine Rolle
spielen, psychosoziale Aspekte dagegen weniger Beachtung finden. Inwieweit die neuen Regelungen
des Pflegestärkungsgesetzes II hier Abhilfe schaffen können, wird sich erweisen müssen. Weder die
Pflegestufen noch die zukünftigen Pflegegrade bilden in Bezug auf die in ihnen eingestuften Pflegebedürftigen aufwandshomogene Gruppen. Der Aufwand je Pflegestufe bzw. Pflegegrad schwankt
innerhalb der Stufen bzw. Grade erheblich.
Die Bewohnerstruktur hat sich insgesamt stark verändert. Die Verweildauern sind wesentlich kürzer, weil die Menschen in der Regel erst mit einem sehr hohen Alter in die Einrichtungen ziehen.
Damit verbunden ist auch der Aufwand für die Pflege Sterbender, das Durchschnittsalter der Bewohnerinnen und Bewohner und die Multimorbidität angestiegen und die Leistungen für die behandlungspflegerischen Maßnahmen haben zugenommen. Dieser Eindruck bestätigt sich, wenn
sowohl von Bewohnerinnen und Bewohnern als auch von den Pflegekräften selbst immer wieder
angemerkt wird, dass sie stets unter Zeitdruck stehen und für menschliche Zuwendungen kaum
noch Zeit finden können. Durch die Novellierung zum § 87b SGB XI ist zwar eine allgemeine Verbesserung der Personalsituation zum 01. Januar 2015 erreicht worden. Jedoch sind die Aufgaben, die
von den Betreuungskräften übernommen werden können, ausdrücklich zusätzlich und darüber
hinaus sehr eingeschränkt. Die soziale Betreuung der Bewohner gehört zum Leistungsumfang von
stationären Pflegeeinrichtungen. § 87b SGB XI ermöglicht es, die Betreuung und Aktivierung der
Anspruchsberechtigten in einem definierten Umfang quantitativ zu verbessern. In enger Kooperation und fachlicher Absprache mit den Pflegekräften und den Pflegeteams betreuen und begleiten die
zusätzlichen Betreuungskräfte z. B. beim Lesen, beim Basteln, beim Spazierengehen oder zu kulturellen Veranstaltungen. Es soll erreicht werden, dass den Bewohnerinnen und Bewohnern durch die
zusätzliche Betreuung mehr Zuwendung und eine höhere Wertschätzung entgegen gebracht, mehr
Austausch mit anderen Menschen und mehr Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft ermöglicht
werden.
Aufgrund der Zunahme von Menschen mit demenziellen Erkrankungen hat die Pflege und Betreuung dieses Personenkreises in der stationären Langzeitpflege in den letzten Jahren immer mehr an
32

Graber-Dünow, Pflegeheime am Pranger. Wie schaffen wir eine bessere Altenhilfe?, Mabuse-Verlag, 2015.

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Bedeutung gewonnen. Diesem Umstand wird in Berlin mit einer steigenden Anzahl von Einrichtungen mit besonderen Wohnbereichen nach festgelegten Qualitätsstandards, einschließlich einer
höheren Personalausstattung und spezialisierter konzeptioneller Ausrichtung Rechnung getragen.
Ein Träger bietet eine besondere Pflege und Betreuung auch für immobile Menschen mit einer fortgeschrittenen Demenz an. Das Angebot ist an das vom Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA) entwickelte Konzept der qualitätsgeleiteten Pflegeoase angelehnt. Nach diesem Konzept haben die
schwerst demenzerkrankten Bewohnerinnen und Bewohner ein eigenes Zimmer mit weit zu öffnenden Türen, die jeweils vom zentral gelegenen Küchen- und Aufenthaltsraum einsehbar sind. Darüber hinaus gibt es für weitere sogenannte segregative Wohnbereiche besondere Vereinbarungen
für die Pflege und Betreuung von:
•

Menschen im Wachkoma,

•

langzeitbeatmeten Pflegebedürftigen,

•

geistig behinderten Menschen oder geistig und mehrfach behinderten Menschen und

•

erheblich verhaltensauffälligen Menschen mit psychischen Erkrankungen oder seelischen
Behinderungen.

Die Entwicklung des Angebotes zeigt, dass die Leistungsanbieter derzeit noch der Nachfrage nach
Pflegeplätzen in der stationären Langzeitpflege gerecht werden können. Bei einer durchschnittlichen Auslastung der Einrichtungen von 89% stehen Heimplatzsuchenden in den Berliner Bezirken
eine ausreichende Anzahl an freien Plätzen zur Verfügung. Eine individuelle Auswahl zwischen verschiedenen Pflegeangeboten, einschließlich der besonderen Pflegeangebote, ist möglich. Bei der
Betrachtung der Entwicklung des Angebotes wird aber auch deutlich, dass es seit 2011 kaum eine
Änderung in der Anzahl der angebotenen Plätze gab. Ein Grund für die Stagnation der Entwicklung
ist das in den letzten Jahren gestiegene Angebot in der ambulanten Pflege.
Aufgrund der demografischen Entwicklung und der damit voraussichtlich einhergehenden Zahl an
Pflegebedürftigen in Berlin auf 170.000 Personen bis 2030 wird die Pflege in stationären Pflegeeinrichtungen jedoch weiter eine große Rolle spielen. Insbesondere für Pflegebedürftige, die keine
Unterstützung durch Angehörige und Nachbarn haben bzw. bei denen eine solche Unterstützung
nicht ausreichend ist, sind diese Einrichtungen eine sichere Alternative. Es wird unter Qualitätsgesichtspunkten dabei zukünftig nicht nur um die Pflege und Betreuung gehen, sondern auch um eine
noch stärkere Herausarbeitung des Wohncharakters von Pflegeheimen.
„Die Gesellschaft unterliegt einem tiefgreifenden Wandel in der Lebenskultur und in der sozialen
Struktur. Die heutigen Versorgungsarrangements stehen jetzt und mehr noch in Zukunft nicht mehr
in Übereinstimmung mit den sich wandelnden Einstellungen und Bedürfnissen der Menschen. Immer mehr und größere Heime sind keine Zukunftsperspektive. Ein Ausbau der professionellen Angebote, Kleinräumigkeit und gelebte Solidarität im Sozialraum sind die Forderungen für die Zukunft,
um die Würde der Menschen bis ins hohe Alter zu garantieren.“33

33

Engelmann/ Gohde/ Künzel/ Schmidt, Gute Pflege vor Ort - Das Recht auf eigenständiges Leben im Alter, Friedrich-Ebert-Stiftung,
Bonn, August 2013.

91

92

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Es folgen die Übersichten zu Pflegeheimen mit Sonderwohnbereichen, die es in dieser gebündelten
Form bisher nur im Landespflegeplan gibt.
Einrichtung mit Sonderwohnbereich für Menschen mit Demenzerkran-

Straße

PLZ

Allee der Kosmonauten

10315

kung
Wohn- und Pflegezentrum am Landschaftspark Herzberge

23B
Haus Sonne Berlin Seniorenbetreuung mit Kompetenz

Altenauer Weg 7

12209

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Bergstraße

Altmarkstraße 27

12169

Hauptstadtpflege Haus John F. Kennedy

Alt-Wittenau 89-90

13437

Pro Seniore Residenz Wasserstadt

An der Havelspitze 3

13587

Heim Blankenburg

Bahnhofstraße 32

13129

Pflegewohnzentrum Wuhlepark

Bansiner Straße 21

12619

Lazarus-Haus Berlin

Bernauer Straße 115-

13355

118
Senioren-u.Therapiezentrum "Haus an der Spree"

Bootsbauerstraße 17

10245

Haus Kaysersberg

Buschallee 89B

13088

Residenz Zehlendorf

Claszeile 40

14165

AGAPLESION Bethanien Haus Bethesda

Dieffenbachstraße 40

10967

Stephanus Wohnen und Pflege St. Elisabeth-Stift in Berlin- Prenzlauer

Eberswalder Straße

10437

Berg

17/18

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Feuerbachstraße GmbH

Feuerbachstraße 44

12163

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Frobenstraße GmbH

Frobenstraße 79

12249

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Gotlindestraße GmbH

Gotlindestraße 51

10365

Stephanus Wohnen und Pflege Seniorenzentrum Ulmenhof in Berlin-

Grenzbergeweg 38

12589

Seniorenheim Grüntal

Grüntaler Straße 53

13359

Seniorenheim Gürtelstraße 32a

Gürtelstraße 32A

10409

Seniorenzentrum "Haus Havelblick"

Havelschanze 3

13587

Verbund Lichtenberger Seniorenheime Seniorenheim "Judith-Auer-

Judith-Auer-Straße 8

10369

Curanum Seniorenpflegezentrum Jungfernstieg

Jungfernstieg 18

12207

Seniorenbetreuung Haus Kyritz

Kyritzer Straße 63

12629

Senioren-Residenz "Lichterfelde"

Lichterfelder Ring 197

12209

Stephanus Wohnen und Pflege Dr. Harnisch Haus in Berlin- Friedrichs-

Liebigstraße 39

10247

Ev. Pflegeheim Lutherstift

Lutherstraße 7

12167

Pflegewohnen im Sunpark

Mariendorfer Weg 22

12051

Seniorenzentrum Haus am Loeperplatz

Möllendorffstraße

10367

Köpenick

Straße"

hain

28/29
DOMICIL- Seniorenpflegeheim Baumschulenweg

Mörikestraße 7

12437

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Müllerstraße

Müllerstraße 76

13349

AGAPLESION Bethanien Sophienhaus

Paulsenstraße 5-6

12163

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Am Schlosspark GmbH

Pestalozzistraße 30

13187

Stephanus Wohnen und Pflege Elisabeth Diakoniewerk in Berlin- Nie-

Pfarrer-Lenzel-Straße

13156

derschönhausen

1-5

Haus Wiesengrund gGmbH

Pinnauweg 15-17

14167

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Einrichtung mit Sonderwohnbereich für Menschen mit Demenzerkran-

Straße

PLZ

Radelandstraße

13589

kung
GAPLESION Bethanien Radeland

199/203
AlexA Seniorenresidenz Berlin-Lichtenrade

Rudolf-Pechel-Straße

12305

32
Haus Rudow

Rudower Straße 176

12351

Senioren- und Therapiezentrum Haus am Park

Schonensche Straße 25 13189

Villa Grüntal-WG für Senioren GmbH

Seehofstraße 12

AGAPLESION Bethanien HavelGarten

Spandauer Burgwall 27 13581

Pflegewohnhaus am Waldkrankenhaus

Stadtrandstr. 555

13589

Seniorenheim Stavangerstraße 26

Stavangerstraße 26

10439

Medi+Care Therapeutische Wohngruppe e.K.

Straße 59 2

13127

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Techowpromenade GmbH

Techowpromenade 9

13437

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Residenzstrasse

Thaterstraße 18

13407

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Afrikanische Straße GmbH

Transvaalstraße 22

13351

DOMICIL- Seniorenpflegeheim Am Frankfurter Tor GmbH

Weidenweg 44

10249

Stephanus Wohnen und Pflege in Berlin- Köpenick Haus Zur Brücke

Wendenschloßstraße

12559

14169

35
Seniorenzentrum Köpenick

Werlseestraße 37-39a

12587

Altenpflegeheim "Haus Ruth"

Wilhelm-Kuhr-Straße

13187

78
Pflegewerk Senioren Centrum gGmbH Wisbyer Straße
Wisbyer Straße 16/17
Abbildung 53: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen mit Demenz

10439

Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen im Wachkoma

Adresse

PLZ

Hauptstadtpflege Haus Wilmersdorf

Berkaer Straße 31-35

14199

Senioren-u.Therapiezentrum "Haus an der Spree"

Bootsbauerstraße 17

10245

Sanatorium West

Dessauerstraße 1

12249

Pro Seniore Krankenheim Eichborndamm

Eichborndamm 176

13403

Zentrum f. Beatmung und Intensivpflege im "Storkower Bogen" GmbH Franz-Jacob-Straße 4D

10369

Fugger-Klinik

Fuggerstraße 29

10777

Pro Seniore Krankenheim Genthiner Straße

Genthiner Straße 24-28

10785

Haus der Betreuung und Pflege Am Grabensprung

Grabensprung 29

12683

Seniorenzentrum "Haus Havelblick"

Havelschanze 3

13587

Senioren-Domizil Am Alexanderplatz

Magazinstraße 6-7

10179

Vitanas Senioren Centrum Rosengarten

Preysingstraße 40

12249

Pro Seniore Residenz Vis a vis der Hackeschen Höfe

Rosenthaler Straße 43-

10178

45
Senioren- und Therapiezentrum Haus am Park

Schonensche Straße 25

13189

Ev. Pflegewohnheim Schönow

Teltower Damm

14167

195+201
Stephanus Wohnen und Pflege Haus am Weinbergsweg "Sala und

Weinbergsweg 14

10119

Martin Kochmann" in Berlin- Mitte
Senioren-Residenz "Kurt-Exner-Haus"
Wutzkyallee 65
12353
Abbildung 54: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen im Wachkoma

93

94

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Beatmungspflichtige

Adresse

PLZ

Hauptstadtpflege Haus Wilmersdorf

Berkaer Straße 31-35

14199

Zentrum f. Beatmung und Intensivpflege im "Storkower Bogen" GmbH Franz-Jacob-Straße 4D

10369

Fugger-Klinik

Fuggerstraße 29

10777

Pro Seniore Krankenheim Genthiner Straße

Genthiner Straße 24-28 10785

Vitanas Senioren Centrum Rosengarten

Preysingstraße 40

12249

REMEO Center Berlin
Ullsteinstraße 159
12105
Abbildung 55: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für beatmungspflichtige Menschen
Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen mit Behinderung

Adresse

PLZ

Wohngruppe für geistig behinderte Menschen mit erhöhtem Pflegebe-

Allee der Kosmo-

10315

darf

nauten 23A

St. Elisabeth Haus Lichtenrade – Behindertenpflegewohnheim

Briesingstr. 22

12307

Haus der Betreuung und Pflege Am Grabensprung

Grabensprung 29

12683

BWS Blindenwohnstätten gemeinn. Betriebs GmbH Spandau

Niederneuendorfer

13587

Allee 6-9
AGAPLESION Bethanien Radeland

Radelandstraße

13589

199/203
Abbildung 56: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen mit geistiger oder
mehrfacher Behinderung
Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen mit psychischen

Adresse

PLZ

Curanum Psychiatrisches Pflegezentrum am Wannsee

Am Sandwerder 43

14109

Pro Seniore Residenz Am Märchenbrunnen

Barnimstraße 18

10249

FSE Pflegeeinrichtung House of Life

Blücherstraße 26B

10961

Seniorenheim Buckower Ring

Buckower Ring 62

12683

Haus Fichtenberg

Carl-Heinrich-

12165

Erkrankungen

Becker-Weg 27-29
Pflegeheim Pinecki GmbH

Caspar-Theyß-

14193

Straße 23
Pro Seniore Krankenheim Eichborndamm

Eichborndamm 176

13403

Pflegewohnheim "Am Kreuzberg"

Fidicinstraße 2

10965

Seniorenzentrum "Haus Havelblick"

Havelschanze 3

13587

Verbund Lichtenberger Seniorenheime Seniorenheim "Judith-Auer-

Judith-Auer-Straße

10369

Straße"

8

Wohnpark am Cecilienplatz

Lily-Braun-Straße

12619

54
Seniorenzentrum Haus am Loeperplatz

Möllendorffstraße

10367

28/29
AGAPLESION Bethanien Radeland

Radelandstraße

13589

199/203
AGAPLESION Bethanien Havelstrand

Rohrweihstraße 15

13505

Senioren-Residenz "Körnerpark"

Rübelandstraße 13

12051

Senioren- und Therapiezentrum Haus am Park

Schonensche Straße 13189
25

Psychiatrische Pflegeeinrichtung M. Raspe
Zum Heckeshorn 18 14109
Abbildung 57: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen mit psychischen Erkrankungen

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Leistungsbeschreibungen für die Pflege und Betreuung der genannten Personengruppen:

 http://www.berlin.de/sen/soziales/themen/vertraege/pflegeeinrichtungen/vollstationaerepflege/

11.4 Ärztliche Versorgung
Die Organisation und Finanzierung der ambulanten ärztlichen Versorgung ist Aufgabe der Selbstverwaltung, also von Krankenkassen und Kassenärztlicher Vereinigung (KV). Die konkrete Umsetzung ist Aufgabe der Leistungserbringer vor Ort, d.h. der Pflegeeinrichtungen und der KV. Die ärztliche Versorgung in Pflegeeinrichtungen wird in der Regel durch Kooperationen mit Haus- und Fachärzten sichergestellt. Nach § 119b Abs. 1 SGB V haben die Kassenärztlichen Vereinigungen auf Antrag einer Pflegeeinrichtung Kooperationsverträge mit Ärzten zu vermitteln. Kommt ein Kooperationsvertrag nicht innerhalb von sechs Monaten zustande, ist die Pflegeeinrichtung vom Zulassungsausschuss zur Teilnahme an der vertragsärztlichen Versorgung der Bewohnerinnen und Bewohner
mit angestellten Ärzten zu ermächtigen. Das Instrument des § 119b SGB V konnte in Berlin jedoch
noch nicht zur Verbesserung der medizinischen Versorgung in vollstationären Pflegeeinrichtungen
beitragen, weil die Pflegeeinrichtungen von der Regelung kaum Gebrauch gemacht haben.
Die Sicherung der haus- und fachärztlichen Versorgung in den stationären Pflegeeinrichtungen des
Landes ist seit Jahren ein Anliegen der jeweils für Gesundheit und Soziales zuständigen Senatsverwaltungen. Ein zentraler Aspekt in diesem Zusammenhang sind die Bemühungen um die Ausweitung des Berliner Projektes „Die Pflege mit dem Plus“. Das “Berliner Projekt“ zur medizinischen
Versorgung in Pflegeeinrichtungen besteht seit April 1998. Es wurde mit dem Ziel initiiert, in den
ehemaligen Krankenhäusern/Abteilungen für chronisch Kranke und Krankenheimen, die mit Einführung der Pflegeversicherung in vollstationäre Pflegeeinrichtungen umgewandelt wurden, eine integrierte ärztliche, therapeutische und pflegerische Versorgung der Bewohner zu ermöglichen. Vereinbarungspartner in diesem Projekt sind Krankenkassenverbände, die Kassenärztliche Vereinigung
Berlin, die Berliner Krankenhausgesellschaft und der Verband der Privatkrankenanstalten BerlinBrandenburg. Die ärztliche Behandlung in den am Projekt teilnehmenden Pflegeeinrichtungen erfolgt entweder durch angestellte oder niedergelassene Ärzte mit besonderer Kooperationsvereinbarung. Die in den Pflegeeinrichtungen tätigen Ärzte stellen eine Behandlung rund um die Uhr sicher
und sind außerhalb ihrer Präsenzzeiten in Rufbereitschaft. Die Effekte für die beteiligten Pflegeeinrichtungen bzw. für die Bewohnerinnen und Bewohner sind:
•

verbindliche Erreichbarkeit des Hausarztes,

•

regelmäßige Anwesenheit des Hausarztes,

•

frühzeitiger Therapiebeginn bei akuten Krankheiten,

•

verbindliche Absprachen zwischen den beteiligten Professionen,

•

Krankenhauseinweisung nur in medizinisch notwendigen Fällen,

•

Koordination fachärztlicher Leistungen,

•

Zuzahlungsbefreiung der Versicherten bei Heilmitteln,

•

die Zufriedenheit der Bewohnerinnen und Bewohner sowie ihrer Angehörigen steigt durch
eine kontinuierliche ärztliche Betreuung.

Die ärztliche Versorgung in stationären Pflegeeinrichtungen war am 29. Juni 2015 Thema des 3.
Dialogforums, zu dem Senator Mario Czaja und die Berliner Patientenbeauftragte Karin Stötzner
eingeladen hatten. Als ein Ergebnis des Dialogforums stand am Ende der Veranstaltung die Zusage
der anwesenden Vertreterinnen und Vertreter der nicht am Berliner Projekt beteiligten Krankenkassen, eine Teilnahme am Projekt zu prüfen.

95

96

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

11.5 Hospiz- und Palliativversorgung
Die Versorgung und Begleitung sterbender hochbetagter, multimorbider und häufig demenzkranker
Menschen gehört zu den Kernaufgaben der Pflegeheime. Tendenziell ziehen die Menschen später
und pflege- bzw. betreuungsbedürftiger in ein Pflegeheim. Die durchschnittliche Verweildauer geht
zurück. Rund Dreiviertel der Bewohnerinnen und Bewohner, die das Pflegeheim endgültig verlassen,
versterben. Es müssen daher mehr Ressourcen für die bedarfsgerechte Versorgung oben genannter
Zielgruppe eingesetzt werden. Unabhängig von der bestehenden Problematik der Fachkräftesicherung bedarf es einer entsprechenden Organisationsentwicklung, in deren Rahmen Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen anzupassen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinreichend zu qualifizieren sind. Teamarbeit sowie interdisziplinäres Denken und Handeln sind gefragt.
Verlässliche Abläufe und Kooperationsbeziehungen sind zu etablieren. Aufgeschlossenheit gegenüber Ideen und Kenntnisse der Hospizbewegung sowie der Palliativmedizin und -pflege sind gefragt. Konsequent sollte bei der Organisation der Versorgung der im Pflegeheim Lebenden eine
Orientierung an deren Ressourcen und Bedürfnissen erfolgen. Über die Dauer des Heimaufenthalts
haben hierzu im Team unter Einbeziehung der betroffenen Menschen und ihnen Nahestehenden
immer wieder Abgleiche und Nachjustierungen zu erfolgen; auch ist Notfallvorsorge zu betreiben.
Das folgende Schaubild verdeutlicht die Komplexität einer palliativgeriatrisch orientierten Pflegeeinrichtung.

Seelsorge

Zusammenwirken und
Unterstützung der MitarbeiterInnen (interdisziplinäres Team)

Hauswirtschaft/
Technik

Zusammenarbeit
mit ÄrztInnen und Krankenhäusern

Berücksichtigung
der MitbewohnerInnen

Kontakt zu BestatterInnen

Einbeziehung Zugehöriger und BetreuerInnen

Orientierung an den
BewohnerInnen

Ehrenamtliche MitarbeiterInnen/ Kooperation
mit Hospizdiensten/
Begleitung

Fundament: Leitlinien zur Sterbebegleitung geben Orientierung

Abbildung 58: Schaubild Palliativversorgung im Pflegeheim

Um das Ziel einer würdigen Sterbebegleitung zu erreichen, ist es notwendig, dass Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter ihre eigene Einstellung zum Sterben und zum Tod klären und sich auf die Themen
Sterben und Tod einlassen. Dazu gehören die Linderung aller Schmerzen und quälenden Symptome,
die psychosozialen, spirituellen und religiösen Bedürfnisse und Wünsche der Sterbenden zu respektieren und eng mit Ärzten, Seelsorgern, ambulanten Hospizdiensten mit ihren ehrenamtlichen Hospizhelfer/innen, anderen Berufsgruppen sowie den Angehörigen zusammenzuarbeiten.
Gleichzeitig gilt es, durch Organisationsentwicklung, eine entsprechende sächlich-räumliche Ausstattung zu schaffen und die gesamten Arbeitsabläufe innerhalb der Einrichtungen so zu gestalten,
dass sie den Sterbenden, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den extern Beteiligten sowie den
Angehörigen gerecht werden.

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Unter Berücksichtigung der demografischen Entwicklung und zunehmenden Multimorbidität älterer
Menschen stellt auch in diesem Zusammenhang die zahlenmäßig größer werdende Gruppe der
Demenzkranken die Pflegeheime vor große Herausforderungen. Neben dem auf Bundesebene erarbeiteten 40-stündigen „Curriculum für die Begleitung Demenzkranker in ihrer letzten Lebensphase“
- MIT-GEFÜHLT – hat die Robert-Bosch-Stiftung mit ausgewiesenen Expertinnen und Experten das
interdisziplinäre Curriculum Palliative Praxis entwickelt. Darüber hinaus gibt es auch ein Curriculum
„Palliative Geriatrie“.

11.5.1 Ausgewählte Daten aus den letzten Zusatzerhebungen zur Bundespflegestatistik
Bei der Zusatzerhebungen des Landes Berlin zur Bundespflegestatistik werden seit Jahren im Rahmen der Abfrage von Abgängen im ersten Quartal des Folgejahres nach dem Stichtag (jeweils der
15. Dezember in ungeraden Jahren) Daten zum Sterben von Bewohnerinnen und Bewohnern Berliner Pflegeheime erhoben.
Allerdings kamen die letzten beiden Zusatzerhebungen an die Vollerhebungen vergangener Zeiten
in Bezug auf die Rücklaufquoten nicht mehr heran. Unter der hypothetischen Annahme, dass die
letzten beiden Erhebungen hochrechnungsfähig sind, lassen sich unter anderem folgende Tendenzen ableiten:
•

Das Verhältnis der im Pflegeheim zu den im Krankenhaus verstorbener Heimbewohnerinnen und -bewohnern verschiebt sich über die letzten zehn Jahre zugunsten des Versterbens im Heim und liegt aktuell bei 2:1. Das heißt aktuell versterben zwei von vier Personen,
die das Pflegeheim verlassen, dort, jede dritte Person verstirbt im Krankenhaus und jede
vierte zieht um.

•

Gegenüber den Jahren bis 2010 ist der Anteil der im Krankenhaus verstorbenen Heimbewohnerinnen und -bewohner gesunken (zwischen 2006 und 2014 um 5 bis 6%).

•

Der Anteil der Abgänge durch Wegzug steigt (zwischen 2006 und 2014 um 5 bis 6%). Allerdings bedeutet dies nicht zwingend, dass absolut weniger Abgänge durch Versterben zu
verzeichnen sind.
2006

2008

2010

2012

2014

Keine Angabe

0%

0%

0%

0%

1,2%

Verstorben im Pflegeheim

54%

52%

51%

52%

51%

Verstorben im Krankenhaus

30%

29%

30%

24%

25%

Umzug in Privathaushalt

5%

7%

10%

10%

12%

Umzug in ein anderes
Pflegeheim

8%

10%

7%

8%

9%

Umzug in betreutes
1%
0%
0%
1%
Wohnen
Abbildung 59: Pflegeheime - Merkmale ausgezogener Bewohner im 1. Quartal

1%

Bereits bei der Zusatzerhebung 2011/2012 wurden Fragen zur Hospizkultur und Palliativkompetenz
in Pflegeheimen gestellt. Die damals teilnehmenden 207 Pflegeheime haben in überwiegendem
Maße über die Betreuung und Begleitung von Sterbenden hinaus weitere Schritte zur Einbindung
von Hospizkultur und Palliativkompetenz unternommen. Hier sind vornehmlich zu nennen:

97

98

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

•

das Vorhandensein heiminterner Leitlinien, Standards bzw. Arbeitshilfen zur Sterbebegleitung,

•

die Pflege von Ritualen der Abschiednahme,

•

die fallabhängige Einbindung eines ambulanten Hospizdienstes und

•

interdisziplinäre Fallbesprechungen.

Weniger als die Hälfte der beteiligten Pflegeheime gaben folgende Punkte an:
•

Einbindung eines Hospizdienstes über Kooperation oder Kooperationsvertrag,

•

Integration von Palliativer Care in die Stellenbeschreibungen des Pflegepersonals und

•

Arbeit mit Standards zur Palliativpflege.

Ein weiteres Ergebnis der Erhebung war die unterschiedliche Ausprägung der verschiedenen Routinen der Mitarbeiterkommunikation zu Hospizkultur und Palliativkompetenz:
•

Unterbreitung von Fort und Weiterbildungsangeboten (nicht ganz 90%),

•

Thema in Dienstbesprechungen (rund 75%)

•

Inhalt von Mitarbeitergesprächen (etwas über 60%)

•

Reflexionsangebote bei Sterbefällen (etwas über 60%).

Bezüglich einer Zusatzqualifikation – ZQ (Curriculum Palliative Praxis mit 40 Stunden und Basiscurriculum Palliativ Care mit 160 Stunden) liegen aus der Erhebung 2013/2014 folgende Erkenntnisse
vor: Etwas mehr als 40% der Pflegeheime kooperieren mit mindestens einem Arzt oder einer Ärztin
mit einer palliativmedizinischen ZQ. Ähnlich viele Pflegeheime beschäftigen mindestens einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin mit ZQ. Im groben Durchschnitt sind dies etwas mehr als fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter je Heim bei den besagten 40% der Pflegeheime; es kommen rund 25
Heimplätze auf eine Kraft mit ZQ. Der Durchschnitt geht aber an den realen Verhältnissen vorbei. So
haben bei den acht beteiligten Heimen aus dem Bezirk Treptow-Köpenick 138 Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter eine ZQ PH und damit über 17 Kräfte mit ZQ je Heim in diesem Bezirk – das ist berlinweit Spitze.
Insgesamt ist die Qualifizierungsquote zu niedrig und sollte weiter angehoben werden - dies auch
vor dem Hintergrund, dass die Finanzierung der Sterbebegleitung Gegenstand der Vergütungsvereinbarungen ist. Die in 2015 aktualisierte Vereinbarung lautet: „Zur Sicherstellung und stetigen
Weiterentwicklung der Sterbebegleitung in Pflegeheimen wird die Fortbildung der Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter zum Thema Sterbebegleitung (in vollstationären Berliner Pflegeeinrichtungen seit
2008) mit der Vergütung anteilig finanziert. Die Einrichtung ist verpflichtet, alle an der Pflege beteiligten Mitarbeitenden dazu regelmäßig zusätzlich fortzubilden.“ Mehr als drei Viertel der Pflegeheime erhalten diesen Zuschlag.
Von den beteiligten 176 Heimen mit 17.420 Bewohnerinnen und Bewohnern wird nur für 75 Personen nach pflegefachlicher Einschätzung ein Bedarf an allgemeiner und spezialisierte Palliativversorgung zum Stichtag 15. Dezember 2013 gesehen, wobei bereits allein für rund 300 Personen
Spezialisierte ambulante Palliativversorgung (SAPV) verordnet wurde. Die Art der Beantwortung der
Frage, wie viele Bewohnerinnen und Bewohner nach pflegefachlicher Einschätzung einen Bedarf an
allgemeiner und spezialisierte Palliativversorgung haben, lässt zum einen auf Missverständlichkeit
bzw. geringe praktische Anwendung der Fragestellung und zum anderen auf Unsicherheiten bezüglich der Einschätzung schließen.

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

Aus den Ergebnissen der Zusatzerhebungen zusammengenommen bestehen weiterhin erheblicher
Handlungserfordernisse insbesondere bezüglich
•

einer grundsätzlich in den Arbeitsalltag der Pflegeheime zu integrierenden bewussten Auseinandersetzung mit den bestehenden Bedarfen an hospizlicher Begleitung und Palliativversorgung,

•

einer hinreichenden Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Themenfeld
Palliativ Care / Sterbebegleitung,

•

einer besseren Kooperation mit Partnern der Hospiz- und Palliativversorgung.

11.5.2 Runder Tisch Hospiz- und Palliativversorgung und Landespflegeausschuss
Das Thema „Hospizkultur und Palliativkompetenz in der stationären Altenhilfe – Ansätze aus der
Berliner Praxis“ steht in unregelmäßiger Folge auf der Tagesordnung. Es wurde 2012 vom Landespflegeausschuss im Rahmen einer sehr gut besuchten Sonderveranstaltung aufgegriffen. Das Thema ist nicht nur Gegenstand von Landespflegeplanung und der Arbeit des Landespflegeausschusses
sondern auch des Hospiz- und Palliativkonzepts für das Land Berlin und der Arbeit des Runden
Tisches Hospiz- und Palliativversorgung. Dieser gab Mitte 2010 für das Thema Hospizkultur und
Palliativkompetenz in vollstationären Pflegeeinrichtungen mehrere nachhaltige Impulse.
Neben dem Startschuss für das Netzwerk Palliative Geriatrie Berlin wurde eigens für die Zielstellung
der Verbesserung der Situation sterbender Menschen in vollstationären Pflegeeinrichtungen eine
multiprofessionelle Arbeitsgruppe eingerichtet. Die Arbeitsgruppe hat von 2010 bis 2015 in 23 Sitzungen verschiedene Facetten der Thematik aufbereitet und in laufende Prozesse über ihre Mitglieder eingebracht. In 2015 fand beispielsweise ein Austausch zu Handlungsbedarfen und konkreten
Maßnahmen zur Verbesserung der ärztlichen Versorgung von in Pflegeheimen wohnenden Menschen in ihrer letzten Lebensphase statt. Die Maßnahmen sind den Bereichen
•

Kooperation der allgemeinen und spezialisierten ambulante Palliativversorgung,

•

Entbürokratisierung der ärztlichen Dokumentation in Pflegeheimen,

•

Versorgungsplanung in Verbindung mit notärztlicher Versorgung,

•

Fortbildung sowie

•

Verbesserung von Attraktivität und Haltung

angesiedelt und sollen in verschiedene laufende Prozesse mit eingeordnet werden. Hier sind beispielsweise zu benennen die Arbeit des Kooperationsgremiums zur Begleitung der Implementierung
der vereinfachten Pflegedokumentation, der Prozess zur Entwicklung einer Strategie „Gesundheitliche und pflegerische Versorgung hochaltriger Menschen - 80plus“ oder der im neuen Hospiz- und
Palliativgesetz vorgeschriebene Prozess zur Entwicklung von Inhalten und Anforderungen der neuen „Gesundheitliche Versorgungsplanung für die letzte Lebensphase“ nach SGB V § 132g.
Hospiz- und Palliativkonzept für das Land Berlin:

 http://pardok.parlament-berlin.de/starweb/adis/citat/VT/16/DruckSachen/d16-4057.pdf
11.5.3 Netzwerk Palliative Geriatrie Berlin (NPG)
Das NPG verfolgt die Ziele der Einführung der Palliativen Geriatrie in Pflegeheime, der trägerübergreifenden fachlichen Zusammenarbeit der Pflegeheime zu Fragen der Palliativen Geriatrie sowie
der Sicherung einer Multiplikatorenwirkung im regionalen und politischen Umfeld. Seit seiner Konzipierung durch das Kompetenzzentrum Palliative Geriatrie Berlin (KPG) in 2010 hat sich das NPG
gut etabliert und erhält mittlerweile vom Land Berlin eine Regelförderung. Nach einer ersten Pro-

99

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

100

jektphase (Phase A) mit 20 beteiligten Pflegeheime bis 2012, befindet sich das NPG noch bis zum
Frühjahr 2016 in einer zweiten Phase (Phase B) mit 40 beteiligten Einrichtungen. Nach Angaben des
KPG repräsentiert das NPG in dieser Phase ca. 7.000 Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen und ca. 3.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die unterschiedlichen Trägern und Trägerverbänden angehören.34 In 2016 haben dann wieder 20 neue Pflegeheime die Möglichkeit, am NPG
mitzuwirken. Im Jahr 2016 sollen auch die Grundlagen für eine dauerhaft arbeitsfähige Netzwerkstruktur entwickelt werden, die zugleich die Nachhaltigkeit bisheriger Arbeit aber auch die
Verbreitung und damit sukzessiven Erreichung und Einbeziehung weiterer Pflegeheime sicherstellen
kann.

11.5.4 Ausgewählte wissenschaftliche Erkenntnisse zu Handlungsbedarfen
11.5.4.1 Sorgekultur am Lebensende in Berliner Pflegeheimen
In den Jahren 2012 und 2015 fanden vom Land Berlin finanziell geförderte wissenschaftliche Evaluationen zum Themenfeld Hospizkultur und Palliativversorgung in Pflegeheimen statt. Wissenschaftspartner waren das Institut für Interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF Wien) der
Alpen-Adria Universität und 2015 auch die Alice-Salomon-Hochschule Berlin. Ein wesentliches Ergebnis der ersten Evaluation bildet die mittlerweile in der dritten Auflage erschienene Handreichung
„Sorgekultur am Lebensende in Berliner Pflegeheimen“. Hier werden die vielfältigen Aspekte der
Einführung einer hospizlich-palliativen Kultur im Pflegeheim aufgezeigt. Folgende Ziele der nach
wie vor laufenden Erweiterung des NPG werden benannt:
•

eine gesundheitspolitische Verständigung und Begleitung etablieren, die sich an der Vision
einer „guten“ Altenpflege orientiert und sich in den Aktivitäten und Planungen des Landes
Berlin niederschlägt,

•

Weichenstellung in Richtung Förderung von Pflegeheimen mit Palliative Care-Kompetenz,

•

Merkmale von Pflegeheimen mit palliativgeriatrischer Kompetenz im Sinne einer Qualitätsdiskussion (Merkmalsprozess) entwickeln,

•

Erarbeitung eines Praxisleitfadens „Palliative Geriatrie im Pflegeheim“,

•

Zusammenarbeit engagierter Pflegeheime im Sinne der nachhaltigen Einführung von Hospizkultur und Palliativkompetenz stärken,

•

Träger- und mitbewerberübergreifende Vernetzung der beteiligten Pflegeheime,

•

Stärkung und Unterstützung der „Pioniere“, um althergebrachte Konzepte und Ansätze in
Frage zu stellen und eine neue Betreuungsphilosophie zu entwickeln.

Die Evaluation 2015 griff insbesondere den dritten Punkt Merkmalsprozess auf und lieferte solide
Daten zur Annäherung an die zentralen Fragen:
•

Was charakterisiert ein Pflegeheim mit palliativgeriatrischer Kompetenz?

•

Wie können Verbraucherinnen und Verbraucher diese Pflegeheime unterscheiden?

Als Ergebnisse sind ein Fragenkatalog für Menschen, die einen Platz in einem Pflegeheim mit palliativgeriatrischer Kompetenz suchen sowie ein Empfehlungskatalog mit Merkmalen bzw. Standards,
über die ermittelbar ist, ob und in welchem Umfang und vor allen in welcher Qualität, Pflegeheime
angemessene hospizliche und palliative Betreuungskultur gewährleisten, zustande gekommen. Die
Ergebnisse sollen veröffentlicht werden und die entwickelten Instrumente möglichst Anwendung
finden. Es wird dringlich angesehen, Aspekte von Hospizkultur und Palliativversorgung im Quali-

34

http://www.palliative-geriatrie.de/netzwerke/npg-berlin.html

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

tätsmanagement der Pflegeheime stärker zu verankern, aber auch in Qualitätsprüfungen des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen klarer abzubilden, um Palliative Geriatrie wirksam in den
Einrichtungen zu etablieren und dem Anspruch nach Effizienz und Vertrauen in die Belastbarkeit
der Ergebnisse von Qualitätsprüfungen Rechnung zu tragen.

11.5.4.2 Zweite Gießener Studie
Ende 2014 wurden die Ergebnisse der sogenannten 2. Gießener Studie, die sich mit pflegerischmedizinischen und psycho-sozialen Sterbebedingungen in deutschen Pflegeheimen befasst, vorgelegt. Über 2.600 Mitarbeiter/innen aus annähernd 500 Pflegeheimen aller Bundesländer haben sich
an der zu diesem Zweck durchgeführten Befragung beteiligt. Hier einige ausgewählte Ergebnisse35:
•

Die zeitlichen Ressourcen und personellen Ressourcen werden von mehr als einem Drittel
der Befragten erheblich problematisiert.

•

Nur 34% berichten, dass grundsätzlich qualifizierte Pflegende eingesetzt würden.

•

Nur 50% beschreibt die Zusammenarbeit mit den komplementären Partnern als Regelfall.

•

Ein Drittel der Befragten beschreiben sich durch ihre Ausbildung für die Betreuung Sterbender unvorbereitet.

•

33% geben an, dass die Angehörigen in die Versorgung einbezogen werden.

•

Es sind weniger als ein Drittel (27%), die angeben, dass ihre Einrichtung wie erforderlich
durch ehrenamtliche Mitarbeiter wirksam unterstützt würde.

•

Etwa drei Viertel der Studienteilnehmer beschreiben eine angemessene Schmerztherapie
und gelungene Symptomkontrolle.

•

In ca. drei Viertel der Einrichtungen besteht die Möglichkeit der Übernachtung für Angehörige.

•

Obwohl ein Drittel der Befragten angeben, dass Patienten oft bzw. immer alleine versterben und ebenfalls nur ein Drittel, dass dies selten bzw. nie der Fall wäre, sind immerhin
drei Viertel der Befragten davon überzeugt, dass an ihrem Arbeitsplatz ein würdevolles
Sterben möglich sei.

•

Die Art der Trägerschaft besitzt einen mittleren Einfluss auf die erreichte Betreuungsqualität, wobei die kommunale vor der freigemeinnützigen und der privaten Trägerschaft liegt.

•

Auch bei Lage und Größe der Pflegeheime waren Tendenzen erkennbar: bessere Bedingungen bestehen jeweils bei kleineren sowie Einrichtungen im ländlichen Raum.

Als zentrales Problem wird die unzureichende Personalausstattung, darunter insbesondere das
Fehlen qualifiziert ausgebildeten Personals, ausgemacht. Die Kooperation zu sektoralen bzw. komplementären Versorgungspartner, darunter den niedergelassenen Ärzten, erscheint nach dieser
bundesweiten Studie gering entwickelt. Es wurde jedoch deutlich, dass der Wunsch, die Qualität der
Betreuung Sterbender zu verbessern, in zahlreichen Einrichtungen hoch ist.36
Folgende Empfehlungen an die stationären Pflegeanbieter werden daraus abgeleitet:
1.

Möglichkeiten des Hospiz und Palliativgesetztes (HPG) proaktiv nutzen,

2.

Aus-, Fort- und Weiterbildung verbessern und akzentuieren,

3.

Angehörigenintegration forcieren,

4.

Kooperationen fördern (Hausärzte, Ärzte und Dienste der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung, Gemeinde einbinden),

35

Pressemitteilung TransMIT Giessen, https://www.transmit.de/presse/presse-2014/139-studie-zum-sterben-in-einrichtungenoffenbart-maengel, 24.11.2014.
36
Vgl. Stellungnahme Wolfgang M. George (TransMIT GmbH) vom 17.09.2015 im Rahmen der Anhörung zum Gesetzentwurf Hospizund Palliativgesetz der Bundesregierung im Ausschuss für Gesundheit am 18.09.2015.

101

11. Vollstationäre Pflege im Pflegeheim

102

5.

Transparenz und Kommunikation erhöhen,

6.

Qualifizierungsvielfalt und berufliche Erfahrungen der Mitarbeiter als Chance nutzen,

7.

Qualitätsmanagement nutzen.

Die Verbesserung der Qualität der Betreuung Sterbender ist als Gegenstand und Ziel der Organisationsentwicklung zu erkennen, eine wirksame Strategie des Vorgehens zu erarbeiten und diese dann
im Projektmanagement umzusetzen.37

11.5.5 Ausblick
Für die Weiterentwicklung von Hospizkultur und Palliativkompetenz in den Berliner Pflegeheimen
gibt es zum einen Entwicklungen auf der Bundesebene zu berücksichtigen, z. B. das im November
2015 verabschiedete Hospiz- und Palliativgesetz und die Ende 2016 zu erwartende Strategie zur
Umsetzung der Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland.
Zudem sind Ergebnisse großer, teils aus Bundesmitteln finanzierter Studien angekündigt, wie die
erwähnten Gießener Studien und für 2016 eine neue Studie zur Verlegungspraxis Schwerstkranker
und Sterbender zwischen Pflegeheim und Krankenhaus. Darüber hinaus steht das über den Innovationsfonds zu finanzierende Modellvorhaben der Bundesregierung zur „Versorgung sterbender
Menschen in der vollstationären Langzeitpflege“ an, aus dem Handlungsempfehlungen zur Entwicklung einer Hospizkultur, zur Sterbebegleitung und zur medizinisch-pflegerischen Palliativversorgung in Pflegeeinrichtungen erwartet werden.
Zum anderen gilt es neben der Verbesserung grundsätzlicher Rahmenbedingungen für die Arbeit
der Pflegeheime die auf Berliner Ebene bereits vorhandenen, für die Entwicklung von Hospizkultur
und Palliativkompetenz förderlichen Ansätze, wie das Netzwerk Palliative Geriatrie, weiter zu stärken und die in den übergreifenden Gremien, Dialogforen und spezifischen Studien entwickelten und
noch zu entwickelnden Ansätze nach Möglichkeit umzusetzen und eine Breitenwirkung zu erzielen.
Schwerpunktfelder sollten hier sein:
•

die Verbesserung der palliativmedizinischen und palliativpflegerischen Versorgung von
Heimbewohnerinnen und Heimbewohnern am Lebensende unter Vermeidung unnötiger
Krankenhauseinweisungen durch gezielte Bildungsmaßnahmen und den Unterhalt verläss-

•

licher Kooperationen und
die grundsätzlich in den Arbeitsalltag der Pflegeheime zu integrierende bewusste Auseinandersetzung mit den bestehenden Bedarfen an hospizlicher Begleitung und Palliativversorgung – auch vor dem Hintergrund der Einführung der neuen gesundheitlichen Versorgungsplanung nach dem Hospiz- und Palliativgesetz.

37

angelehnt an Prof. M. George, Fachvortrag „Sterbebedingungen in der stationären Pflege“, Jahrestagung des Evangelischen
Verbandes für Altenarbeit und pflegerische Dienste EVAP „Niemand stirbt für sich allein“, 15.10.2015 in Berlin, Folie 28.

12. Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen

12. Wohngemeinschaften für pflegebedürftige
Menschen
In Berlin haben sich die ambulant betreuten Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen
seit 1995 zu einem wichtigen Teil der Versorgung entwickelt. Aktuell hat Berlin wahrscheinlich das
größte und differenzierteste Angebot im Bundesgebiet vorzuweisen. Die Entwicklung der
Wohngemeinschaften, aber auch die steigende Inanspruchnahme der stationären Versorgung seit
1999 spiegeln wider, dass in immer mehr Fällen schwere gesundheitliche Einschränkungen mit zu
hohen Belastungen des sozialen Netzwerks bzw. mit Grenzen einer angemessenen ambulanten
Versorgung in der eigenen Häuslichkeit einhergehen.
Hintergrund für einen Umzug in ein Pflegeheim bzw. eine Pflege-Wohngemeinschaft sind meist eine
erhebliche Verschlechterung der gesundheitlichen Situation, die massive Überforderung und
(drohender) Zusammenbruch der häuslichen Versorgungssituation oder gar der Ausfall der
Hauptpflegeperson. Aber auch die Unfähigkeit, nach einem Krankenhausaufenthalt wieder
selbstständig leben zu können, der Wunsch nach geeigneter Betreuung, die Suche nach Sicherheit
bei eingeschränkten Selbstversorgungsfähigkeiten oder die Befürchtung, Angehörigen zur Last zu
fallen, können eine Entscheidung für den Auszug aus der eigenen Häuslichkeit befördern.
Anfang November 2015 wiesen die Meldungen gemäß § 14 Wohnteilhabegesetz (WTG) 594
Wohngemeinschaften aus, die seitens der Heimaufsicht als betreute Wohngemeinschaften
anerkannt wurden, mit insgesamt 4.445 Plätzen. Es handelte sich dabei um 4.414 pflegebedürftige
und 31 nicht-pflegebedürftige Bewohnerinnen und Bewohner.

Entwicklung Gesamtangebot WG nach Zahl und Plätzen 1997-2015
5000
4500
4000
3500
3000
2500
2000
1500
1000
500
0
1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
WG

1

2

8

13

Plätze

9

15

59

92 138 233 340 606 958 1399 1697 2125 2620 3009 3344 3678 3994 4259 4445

20

33

48

85 129 186 225 284 352 400 443 491 533 573 594

Abbildung 60: Entwicklung Gesamtangebot WG nach Zahl und Plätzen 1997-2015

Sie wurden von 199 Pflegediensten versorgt und betreut. Bis auf wenige Ausnahmen ist jeweils
immer nur ein Pflegedienst in der Wohngemeinschaft tätig. In drei Wohngemeinschaften sind zwei
Pflegedienste tätig. Allerdings sind Pflegedienste vielfach in mehreren Wohngemeinschaften tätig.

103

104

12. Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen

Für 317 und damit deutlich über die Hälfte der Wohngemeinschaften wiesen die Pflegedienste
Demenz als Schwerpunkt aus bzw. gaben an, dass mehr als 50% der Bewohner dement sind. Für
198 Wohngemeinschaften wiesen die Pflegedienste keinen Schwerpunkt aus. Sie gelten als
sogenannte gemischte Wohngemeinschaften. In 331 Wohngemeinschaften wurden Menschen mit
Migrationshintergrund betreut bzw. gepflegt. Hierbei wurden in 23 Wohngemeinschaften mit 158
Plätzen sogar ausschließlich Menschen mit Migrationshintergrund betreut oder gepflegt. Geht man
davon aus, dass jeder Platz für einen pflegebedürftigen Menschen steht, macht die Versorgung in
Wohngemeinschaften mittlerweile rund 15% aller von Pflegediensten versorgten pflegebedürftigen
Menschen aus.
In der Gründung von Wohngemeinschaften scheint der Zenit überschritten zu sein. Dies ist
allerdings wahrscheinlich auch darauf zurück zu führen, dass auf dem Wohnungsmarkt für einen
weiteren Ausbau des Angebots nicht mehr ausreichend Reserven zur Verfügung stehen. Mittlerweile
gibt es erste Anzeichen, dass bestehende Wohngemeinschaften durch gegebenenfalls anderweitig
bestehende höhere Renditechancen in ihrem Bestand gefährdet werden könnten.

Neu gemeldete Wohngemeinschaften nach Zahl und Plätzen 1997-2015
600
500
400
300
200
100
0

1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015

WG`n

1

1

6

5

7

13

Plätze

9

6

44

33

46

95 107 266 352 441 298 428 495 389 335 334 316 265 186

15

37

44

WG`n

57

39

59

68

48

43

48

42

40

21

Plätze

Abbildung 61: Neu gemeldete Wohngemeinschaften nach Zahl und Plätzen 1997-2015

Gesicherte Daten zu den ambulant betreuten Pflege-Wohngemeinschaften liegen mit den Meldungen zum WTG nur begrenzt vor, da die Meldungen allein dazu dienen sollen, der Heimaufsicht die
Wahrnehmung ihrer Aufgaben nach dem WTG zu ermöglichen und die Daten infolgedessen nicht
aktualisiert und überprüft werden. Daher werden wichtige Daten wie Alter, Geschlecht oder Pflegestufen der Bewohner nicht erfasst.
Angesichts der quantitativen Entwicklung und der zunehmenden Ausdifferenzierung der ambulant
betreuten Pflege-Wohngemeinschaften werden diese allerdings dringend für Planung, Steuerung,
Monitoring und Evaluation der Entwicklung benötigt. Regelhaft und belastbar können sie nur im
Rahmen der Bundesstatistik nach § 109 SGB XI zur Verfügung gestellt werden. Zur Schließung dieser Lücke hat das Land Berlin deshalb 2015 im Kontext der Beratungen zum Pflegestärkungsgesetz
II den Vorschlag eingebracht, die Pflegestatistik gemäß § 109 SGB XI um die Erfassung der benötigten Angaben zu ambulant betreuten Wohngruppen zu erweitern. Das Bundeministerium für Gesundheit hat zugesagt, das Anliegen zu prüfen.

12. Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen

Kennzeichnend für das Zusammenleben in ambulanten Wohngruppen bzw. Wohngemeinschaften
ist die Bündelung individueller Leistungsansprüche, die gemeinschaftliche Organisation des
Tagesgeschehens, die Einbeziehung der Bewohner/-innen in die Ausübung hauswirtschaftlicher
Tätigkeiten und Betreuungsaktivitäten mit dem Ziel der Erhaltung und Förderung individueller
Kompetenzen und Ressourcen. Dieses Konzept der Tagesstrukturierung wird verknüpft mit dem
Konzept der geteilten Verantwortung, dem Zusammenwirken von Pflegedienst und Bewohnern bzw.
ihren Vertretungsberechtigten bei der Gestaltung der Wohngemeinschaft. Die eingesetzten
Pflegekräfte sind für alle Bewohner tätig. In vielen Fällen erfolgt eine 24-Stunden-Versorgung.
Pflege und Betreuung müssen einerseits den individuellen Bedarfen, Vorlieben und Wünschen
Rechnung tragen, erfolgen aber andererseits soweit möglich und sinnvoll in der Gruppe. Individuelle
Versorgung und gemeinschaftliches Handeln sind insofern eng miteinander verzahnt. Insbesondere
bei der hauswirtschaftlichen Versorgung, aber auch bei Betreuungsaktivitäten sind Synergien
möglich.
In Berlin erhalten die beauftragten Pflegedienste mit den als Tagespauschalen ausgestalteten
Leistungskomplexen 19 und 38, die die maßgebliche Refinanzierungsgrundlage in den
Wohngemeinschaften bilden, pro Person monatlich rund 3.250 Euro als Pflegesachleistung und
ergänzende Leistung der Hilfe zur Pflege. Diese Einnahmen stehen den Pflegediensten kalkulierbar
und verlässlich zur Verfügung. In Abhängigkeit von Bewohnerzahl und Pflegestufe ist mit ihnen eine
24-Stunden-Versorgung und darüber hinaus eine Mehrfachbesetzung ganztags oder in Kernzeiten
möglich. Gemäß § 112 Absatz 1 SGB XI bleiben die Träger der Pflegedienste, unbeschadet des
Sicherstellungsauftrags der Pflegekassen nach § 69 SGB XI, für die Qualität der Leistungen ihrer
Dienste einschließlich der Sicherung und Weiterentwicklung der Pflegequalität verantwortlich.
Damit liegt die Entscheidung, wieviel Personal ein Pflegedienst in einer Wohngemeinschaft, in der er
tätig ist, einsetzt, ob und inwieweit er über Pflegekräfte hinaus den Einsatz von Pflegefachkräften
angesichts der Versorgungsbedarfe der Bewohner hinaus für erforderlich hält oder wie er das
eingesetzte Personal qualifiziert und fachlich begleitet, in der fachlichen Verantwortung des
Pflegedienstes.
Angesichts dessen ist es erforderlich, überprüfbare vertragliche Regelungen zu vereinbaren, die eine
für Kostenträger, Prüfinstanzen und Bewohnerschaft nachvollziehbare Relation zwischen den zur
Verfügung stehenden finanziellem Mitteln und dem auf dem Unterstützungs- und
Versorgungsbedarf der Nutzerinnen und Nutzer beruhenden Umfang der Leistungserbringung
herstellen. Benötigt werden insbesondere Regelungen zu Umfang und Qualifikation des
eingesetzten Personals, zur Schulung von Mitarbeitern sowie zu weiteren qualitativen Fragen.
Pflegebedürftige können erst mit überprüfbaren Regelungen die Angemessenheit z. B. der
Personalausstattung bewerten und auf Abstellung von Defiziten dringen. Von
Verbraucherschutzseite werden deshalb überprüfbare SOLL-Vorgaben gefordert. Das Land Berlin
hatte deshalb schon 2012 das parlamentarische Verfahren zum Pflegeneuausrichtungsgesetz
genutzt, um einen Antrag zur Etablierung von Qualitätsstandards in Wohngemeinschaften auf der
Rahmenvertragsebene nach § 75 SGB XI einzubringen. Der Antrag wurde von den anderen
Bundesländern mehrheitlich unterstützt. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat dieses
Anliegen der Bundesländer allerdings nicht aufgegriffen. Aus Sicht des BMG ließen die vorhandenen
rechtlichen Bestimmungen im SGB XI bereits jetzt Vereinbarungen über Qualitätskriterien etwa zum
Personal in ambulant betreuten Pflege-Wohngemeinschaften zu. Die pflegefachliche und
organisatorische Weiterentwicklung von Qualitätsstandards in Wohngemeinschaften gehöre klar zu
den Aufgaben der Selbstverwaltung in der Pflege.

105

106

12. Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen

Angesichts der wachsenden Bedeutung der ambulant betreuten Wohngemeinschaften hatte das
Land Berlin im Rahmen des Gesetzgebungsverfahrens zum Pflegestärkungsgesetz II erneut
vorgeschlagen, den § 75 Absatz 2 SGB XI um eine Ermächtigung zur vertraglichen Regelung von
Qualitätstandards in ambulant betreuten WG‘en zu ergänzen. Auch diese Initiative hatte keinen
Erfolg.
Trotz großer Anstrengungen ist dem Land Berlin auf dem Vereinbarungswege bisher nur ein
Teilerfolg gelungen: Mit Wirkung zum 01. Oktober 2013 haben die Vertragsparteien einen Ergänzungsvereinbarung zum Rahmenvertrag nach § 75 Abs. 1 und 2 SGB XI geschlossen, wonach Pflegedienste in den Räumen einer Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz Personaleinsatzpläne
an geeigneter Stelle vorhalten müssen, mit denen ein Abgleich zwischen dem vorgehaltenen Personal und dem Einsatzplan erfolgen kann. Auf diese Weise soll mehr Transparenz beim Personaleinsatz in ambulant betreuten Wohngemeinschaften erreicht werden. Die Vereinbarungspartner
verständigten sich hierzu auch auf das Muster eines Personaleinsatzplans. Mit dem
Personaleinsatzplan liegt perspektivisch zwar eine wichtige Grundlage vor, auf der aufgebaut
werden kann; zentrale Defizite bestehen aber weiter, da nur das IST dokumentiert wird und keine
SOLL-Vorgaben zum Personaleinsatz vereinbart wurden .Die Ergänzungsvereinbarung gilt nur für
Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz.
Die Entwicklung der ambulant betreuten Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen
dokumentiert, dass sie
•

sich als Form der gemeinschaftlichen Versorgung pflegebedürftiger, insbesondere
demenziell erkrankter Menschen im ambulanten Bereich etabliert haben,

•

als "ganz normales" Angebot ambulanter Pflegedienste angenommen werden,

•

mittlerweile ein wichtiger Bestandteil der Versorgung sind und

•

einen bedeutenden Anteil am Gesamtumsatz vieler Pflegedienste bilden. Dies gilt
insbesondere für die Pflegedienste, die sich auf die Versorgung von Menschen in
Wohngemeinschaften fokussiert und spezialisiert haben.

Den ambulant betreuten Wohngemeinschaften für Menschen mit Pflegebedürftigkeit oder Demenz
liegt idealtypisch ein Betreuungskonzept zugrunde, das von der Versorgung in einer traditionell
selbstbestimmten Wohngemeinschaft ausgeht, bei der die Nutzerinnen und Nutzer oder ihre
gesetzlichen Vertreter – wie zu Hause – über die wesentlichen Angelegenheiten in der
Wohngemeinschaft selbst entscheiden. Dazu gehören Entscheidungen, wer mit der Erbringung von
Pflege und Betreuung beauftragt wird; der Abschluss und Inhalt sämtlicher Verträge, die das
gemeinsame Zusammenleben betreffen; wie der Alltag gestaltet wird; mit wem die Wohnung geteilt
wird; wie die Wohnung ausgestattet und gestaltet wird etc. Den Nutzerinnen und Nutzern steht in
einer solchen Wohnform das Hausrecht über den selbst genutzten Raum und ein gemeinsames
Hausrecht über die gemeinsam genutzte Wohnung zu, das ihnen gegenüber dem Pflegedienst eine
starke Rechtposition einräumt und diesen in die Rolle eines Gastes drängt. Der Charakter einer
selbstbestimmten Wohnform kann sich darin äußern, dass die Nutzerinnen und Nutzer sich zu einer
„Auftraggebergemeinschaft“ zusammenschließen und vorab die Vorgehensweise bei allen
wichtigen Entscheidungen vertraglich festlegen. Der Abschluss einer solchen
Auftraggebergemeinschaft kann als starkes Indiz für die Selbstverantwortung und
Selbstbestimmtheit einer Wohngemeinschaft gewertet werden.

12. Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen

Mit ihrem Engagement unterstützen häufig pflegende Angehörige die WG-Nutzerinnen und Nutzer
und leisten auch in diesem Bereich einen wichtigen Beitrag zum Schutz der Bewohnerinnen und
Bewohner und zur Sicherung der Qualität der Arbeit der Pflegedienste. Erfahrungen zeigen
allerdings, dass
•

die Initiative zur Einrichtung einer Wohngemeinschaft in der Regel von den Pflegediensten
ausgeht,

•

zentrale Elemente der Interessenvertretung, wie Angehörigenvertretung und
Angehörigenvereinbarung, nicht vorliegen,

•

Bewohner und Vertretungsberechtigte die ihnen zukommenden Rechte und Pflichten in
vielen Fällen nicht bzw. nur teilweise wahrnehmen (wollen) und Verantwortung gerne an
den Pflegedienst delegieren,

•

Angehörige oder rechtliche Betreuerinnen damit weitgehend als Kontrollinstanz wegfallen,

•

ambulante Pflegedienste das Geschehen in den Wohngemeinschaften im Ergebnis bewußt
oder umständehalber dominieren.

Insbesondere auch angesichts dieser Entwicklung will das WTG Anreize schaffen und dahingehend
beraten, dass die Bewohnerinnen und Bewohner einer Wohngemeinschaft bzw. ihre gesetzlichen
Vertreter ihre Rechte zur Selbstgestaltung und Eigenverantwortlichkeit wieder stärker wahrnehmen
und Pflegedienste gegebenenfalls in ihre Schranken weisen. Das WTG sieht eine Reihe von
Unterstützungsmaßnahmen vor, z. B. vielfältige Beratungs- und Informationsmöglichkeiten, auch
und gerade im Hinblick auf die Gründung und das Leben in selbstbestimmten Wohngemeinschaften,
die Trägerpflicht zur Teilhabe der Nutzerschaft am Leben in der Gesellschaft und zum Austausch
mit Ehrenamt und Bürgerschaftlichem Engagement oder der Vorgabe eines strukturierten
Beschwerdemanagements.
Die Praxis zeigt wiederum, dass die gesetzlichen Vorgaben nicht dazu führen, dass sich an den
zuvor geschilderten Erfahrungen maßgeblich etwas ändert. Es wird deshalb vereinzelt diskutiert,
das WTG dergestalt zu ändern, dass neben den selbstbestimmten Wohngemeinschaften auch
sogenannte anbieterverantwortete Wohngemeinschaften als weitere Versorgungsform im WTG
eingeführt werden.
Im Mittelpunkt der Diskussion steht allerdings die Forderung, auch in ambulant betreuten
Wohnformen nachprüfbare Qualitätsstandards wie Personalrichtwerte oder Anwesenheitsvorgaben
für das Personal festzulegen. Dieses Problem wird mit der Einführung von anbieterverantworteten
Wohngemeinschaften im WTG nicht gelöst. Das WTG und die dazu gehörenden Verordnungen sind
Ordnungsrecht, das allenfalls Mindestanforderungen vorgibt. Detaillierte Personalschlüssel können
nicht generell und allgemeinverbindlich über Gesetze des Ordnungrechtes vorgegeben werden. Hier
sind die Vertragspartner der Selbstverwaltung nach dem SGB XI gefordert: Sie sind für das Vertragsund Leistungsrecht und in erster Linie für eine ausreichende Qualitässicherung zuständig und
aufgrund ihrer Sachnähe auch am besten geeignet, die Fragen in den Verträgen einer
angemessenen Lösung zuzuführen. Es werden daher konkretisierende Regelungen im vertraglichen
Bereich benötigt. Vertragspartner nach dem SGB XI sind die Landesverbände der Pflegekassen, das
Land Berlin als Träger der Sozialhilfe und die Landesverbände der Leistungserbringer. Die Selbstverwaltung ist aufgrund des gesetzlichen Auftrags, der Expertise und des Selbstverständnisses in
erster Linie die geeignete Instanz zur Erarbeitung und Vereinbarung von Qualitätsstandards im
Personalbereich. Da die Regelungen im SGB XI nur im Einvernehmen zwischen den Vertragsparteien
herbeigeführt werden können, ist die konstruktive Mitwirkung sowohl der Leistungsanbieter als
auch der Pflegekassen unverzichtbar.

107

108

12. Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen

Das Land verfolgt darüber hinaus weitere Schritte, um die Qualität in Wohngemeinschaften
weiterzuentwickeln und zu sichern. Alle im Feld tätigen Akteure, insbesondere Leistungsanbieter,
Pflegekassen, Verbraucherschutzorganisationen, Informations- und Beratungsprojekte in freier
Trägerschaft und die Selbsthilfe, sind gefordert, sich hieran engagiert zu beteiligen.
Die Informations- und Beratungsmöglichkeiten wurden durch den Ausbau der Pflegestützpunkte
(PSP) deutlich erweitert. Den PSP kommt im Hinblick auf die Vermittlung maßgeblicher
Gestaltungsprinzipien für Wohngemeinschaften, wie die geteilte Verantwortung, und damit
verbundener Rechte und Pflichten der Beteiligten weiterhin gesteigerte Bedeutung zu. Die
Informationsbätter zu Wohngemeinschaften wurden 2014 aktualisiert und erweitert. Im Rahmen
eines Sonderprojekts werden u.a. Möglichkeiten und Grenzen des Transfers weitergehender
Informationen über die Datenbank Hilfelotse überprüft. ( Abschnitt 14.2)
Neben den PSP sind auch weitere, vielfach ebenfalls mit Landesmitteln geförderte Akteure im Feld
beratend und unterstützend tätig. Hierzu gehören insbesondere der Verein „Selbstbestimmtes
Wohnen im Alter e.V.“ (SWA), das Projekt „Pflege in Not“, die Alzheimergesellschaft Berlin, der Verein "Freunde alter Menschen", die Verbraucherzentrale Berlin sowie die Alzheimer AngehörigenInitiative und das Informationszentrum für demenzerkrankte Migrant/-innen und ihre Angehörigen
in Berlin (IdeM). Diese Angebote gilt es, im Rahmen der fachlichen Weiterentwicklung weiterhin
intensiv untereinander sowie mit dem System der PSP zu vernetzen und im Hinblick auf den
Umgang mit Hinweisen auf Mängel in Pflege und Betreuung mit der Aufsichtsbehörde und den
Pflegekassen und dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen zu koordinieren. Insbesondere die
finanzielle Stärkung des Projekts „Pflege in Not“ ermöglicht es hierbei, ab 2016 die Bearbeitung von
Beschwerden zur Versorgung in ambulant betreuten Wohnformen für Pflegebedürftige auszubauen.
Zur Begleitung und Beförderung der fachlichen Weiterentwicklung der Pflege-Wohngemeinschaften
hat das Land Berlin 2014 den Arbeitskreis ambulant betreute Pflege-Wohngemeinschaften (AKWGen) eingerichtet. Der AK-WGen verfolgt das Ziel, den Verbraucherschutz rund um
Wohngemeinschaften zu stärken und die Angebotsqualität weiter zu entwickeln. Dazu haben sich
die relevanten Akteure und Experten und Expertinnen im AK- WGen zusammengefunden, um für
Berlin z. B. proritäre Qualitätsindikatoren zu entwickeln, die Transparenz zu fördern, Information
und Beratung zu verbessern sowie notwendige Gesetzesänderungen anzuregen und diese inhaltlich
vorzubereiten. Das Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung wurde damit beauftragt, den AK-WGen
fachlich sowie organisatorisch zu begleiten.

13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

13. Versorgungssituation von Menschen mit
Demenz in Berlin
Zu den häufigsten Alterserkrankungen weltweit zählen die Demenzerkrankungen. Sie werden künftig einen Großteil der pflegerischen Ressourcen in Anspruch nehmen. In vielen Fällen liegen neben
einer Demenz weitere Alterserkrankungen, wie z. B. des Herz-Kreislauf-Systems oder Krebserkrankungen vor. Die Gesellschaft und alle Akteure in der Pflege stehen vor der Herausforderung, sich auf
eine steigende Zahl Demenzerkrankter einzustellen. Studien gehen davon aus, dass eine Demenzerkrankung jeden vierten Menschen im Alter von 65 Jahren aufwärts treffen kann, es sei denn, es
gelingt in den kommenden Jahren ein Durchbruch z. B. in der medikamentösen Therapie.
Laut Welt-Alzheimer-Report 2015 haben weltweit 46,8 Millionen Menschen eine Demenz. Aktuell
leben bundesweit zwischen 1,4 und 1,6 Millionen Menschen mit Demenz, wobei sich die Zahl bis
2050 verdoppeln könnte. Im Land Berlin sind in 2013 etwa 50.000 Berliner an mittelschwerer oder
schwerer Demenz erkrankt. Bis 2030 wird Berlinweit ein Anstieg auf 70.000 Personen prognostiziert. Ältere Menschen mit Migrationshintergrund erkranken dabei im Durchschnitt früher an Demenz. Alterungsprozesse setzen bei der ersten Zuwanderergeneration derzeit im Schnitt 10 Jahre
früher ein, d.h. Demenzerkrankungen treten früher auf, wobei eine Diagnose häufig erst im fortgeschrittenen Stadium gestellt wird.
Demenzielle Erkrankungen umfassen zum Beispiel Einschränkungen des Gedächtnisses, des Sprachvermögens, der Wahrnehmung und Orientierung, der Urteilsfähigkeit und des Problemlösens. Diese
Einschränkungen sind je nach Demenztyp unterschiedlich stark ausgeprägt. Man unterscheidet die
Alzheimer-Demenz, die primär auf die Ablagerung von Plaque im Gehirn zurückgeht (ca. 60% der
Fälle). Zweithäufigste Form ist die vaskuläre, gefäßbedingte Demenz in Folge von Schlaganfällen
(ca. 30% der Fälle). Seltener vertreten sind die frontotemporale Demenz, die Lewy-Body-Krankheit,
die Pick-Krankheit, die Binswanger-Krankheit. Betroffene durchschreiten bei einer durchschnittlichen Erkrankungsdauer von sieben Jahren die drei Stadien der leichten, mittelschweren und schweren Demenz. Als belastende Faktoren haben sich z. B. Bluthochdruck, unausgewogene Ernährung,
Suchtmittelmissbrauch und das Rauchen erwiesen.
Der Sensibilisierungsbedarf in der Bevölkerung ist nach wie vor hoch, denn betroffen sind immer die
Erkrankten, die Familien und das Wohn- und Versorgungsumfeld. Eine Demenzerkrankung bringt
Grenz- und Risikosituationen, so zum Beispiel im Straßenverkehr (z. B. Überqueren von Straßen), zu
Hause (Balkone, Herd), beim Einkaufen (Überschuldung z. B. aufgrund von Online-Einkäufen) oder
bei der Medikamenteneinnahme (Überdosierung) mit sich. Betroffene und ihre Familien ziehen sich
zurück, soziale Kontakte nehmen ab.

13.1 Wissenschaft und Forschung
Auf europäischer Ebene gibt es Forschungen, es gibt Rahmeninitiativen und auch Fördermechanismen, z. B. über den Europäischen Sozialfonds, welche z. B. Prävention und Früherkennung, Forschungsbedarfe, Aufklärung, technische Unterstützung und Weiterbildung in den Blickpunkt rücken.
Zudem förderte das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) die DemNet-D-Studie mit den
Schwerpunktfragen:
•

Welche Angebote werden von den Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen genutzt?

•

Wie gestaltet sich das Leben mit Demenz bzw. mit einem an Demenz erkrankten Menschen
und in welchen unterschiedlichen Lebensbereichen ist weitere Unterstützung notwendig?

109

110

13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

•

Wie wirken sich unterschiedliche Arten der Netzwerke auf die Menschen mit Demenz und
ihre Angehörigen aus?

•

Wie und warum arbeiten die Demenznetze erfolgreich?

Es wurde auch untersucht, welche Faktoren für eine passgenaue Versorgung und eine gelingende
Vernetzung bei 16 bundesweit teilnehmenden Demenznetzwerken von 2012 bis 2015 relevant waren. Die Perspektiven der Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen wurden über umfangreiche
Befragungen einbezogen. Aus den Ergebnissen der Leuchtturmprojekte sowie der DemNet-D-Studie
wurde u.a. ein umfassender Wissenspool für Netzwerker zu Fragen des Aufbaus, der Finanzierung
und Organisation von Demenznetzwerken eingerichtet. Wesentliche Grundlage für die Arbeit im
Netzwerk ist nach wie vor ein für alle Netzwerkpartner stimmiges Finanzierungsmodell.
Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) wird sich ab Januar 2016 der
Entwicklung von Expertenstandards zum Thema „Pflege von Menschen mit Demenz“ in Krankenhäusern, Einrichtungen der stationären und ambulanten Altenpflege widmen. Diese werden bis
Ende 2017 der Fachöffentlichkeit präsentiert werden.
Darüber hinaus entwickelt sich die Forschungslandschaft im Feld Demenz, getragen durch diverse
Forschungsstandorte, insbesondere durch das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in der Helmholtz-Gemeinschaft (DZNE) mit Standorten deutschlandweit sowie auch in Berlin
im Aufbau befindlich an der Charité. Forschungsfelder sind die Grundlagenforschung, die klinische
Forschung sowie Populations- und Versorgungsforschung. Die Versorgungsforschung ist hier aus
Sicht der Pflege tragend, da hier Fragen der Verbesserung von Lebensqualität, Infrastruktur und der
Gestaltung von Versorgungssettings für Menschen mit Demenz z. B. durch professionelle Begleiter
und unter qualitativen Gesichtspunkten betrachtet werden. Das DZNE erprobt in MecklenburgVorpommern den Einsatz sogenannter: „Dementia Care Manager“, die an Demenz Erkrankte zu
Hause aufsuchen und ihre Bedürfnisse systematisch erfassen. Davon ausgehend optimieren sie in
Abstimmung mit dem behandelnden Hausarzt die Versorgung der Patienten
Basierend auf dem Schaubild von Prof. Dr.
Christel Bienstein vom Lehrstuhl für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke
werden Betreuungs- bzw. Versorgungsleistungen für Menschen mit Demenz auf fünf Ebenen zur Verfügung gestellt: Individuum, Familie, Kommune bzw. Bezirk, übergreifende,
gesellschaftliche Akteure und Politik, die nachfolgend teils zusammengefasst betrachtet
werden.
Eine adäquate Versorgung von Menschen mit
Demenz benötigt ein Zusammenspiel unterschiedlichster Kosten- und Leistungsträger
aus dem gesundheitlichen, pflegerischen und
sozial(räumlichen) Bereich.

Abbildung 62: Die fünf Ebenen der Versorgung

Sie umfassen insbesondere Leistungen der
Sozialgesetzbücher SGB V, SGB XI und SGB XII; weitergefasst auch des SGB VI mit den Regelungen zu
Rente und Rehabilitation. Die Pflegestrukturen in Berlin sind nur in wenigen Ausnahmefällen in
öffentlicher Hand. Pflege- und Gesundheitsdienstleistungen werden von einer Vielzahl privater und

13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

gemeinnütziger Träger erbracht. An der Versorgung von Betroffenen haben viele unterschiedliche
Professionen einen Anteil, deren bessere Vernetzung eine der großen Herausforderungen der nächsten Jahre ist.
Informationen zu den Demenz-Netzwerken:

 https://demenznetzwerke.de/
Weiterführende Informationen zur Arbeit des DZNE:

 http://www.dzne.de/forschung.html.
13.2 Leistungen der Pflegeversicherung für Menschen mit Demenz
Über die Pflegeversicherung wird bereits heute ein breites Leistungsspektrum für Menschen mit
Demenz ermöglicht. Der erhebliche Betreuungsbedarf wird seit einigen Jahren von der Pflegeversicherung anerkannt und im häuslichen Bereich durch einen zusätzlichen materiellen Leistungsanspruch abgegolten. An Demenz erkrankte und andere psychisch beeinträchtigte Menschen können
aktuell Leistungen erhalten, wenn sie noch keine Pflegestufe zuerkannt bekommen haben, jedoch
neben Einschränkungen in der Alltagskompetenz zumindest in geringem Umfang ein grundpflegerischer und haushaltswirtschaftlicher Hilfebedarf besteht.
Neben den regulären Leistungen für alle Pflegeversicherten stehen für Menschen mit Demenz in
Form von zusätzlichen Betreuungs- und Entlastungsleistungen derzeit monatlich 104 Euro bzw. 208
Euro im Wege der Kostenerstattung zur Verfügung. Diese können z. B. in Einrichtungen der Tagesund Kurzzeitpflege, für Betreuungs- und Entlastungsangebote von ambulanten Pflegediensten oder
für anerkannte sog. niedrigschwellige Betreuungsangebote eingesetzt werden.
Das zweite Pflegestärkungsgesetz (PSG II) wird künftig speziell für Menschen mit Demenz das Leistungsangebot verbessern. Bisher bezog sich die Feststellung einer Pflegestufe nur auf somatische
Beeinträchtigungen. Ab 2017 werden alle relevanten Aspekte der Pflegebedürftigkeit erfasst, unabhängig davon, ob diese auf körperlichen, psychischen oder kognitiven Beeinträchtigungen beruhen,
und in fünf Pflegegrade statt bisher drei Pflegestufen eingeteilt. Betrachtet wird auch die sozialräumliche Teilhabe.
Das PSG II sieht eine Regelung vor, die die modellhafte Erprobung neuer Versorgungskonzepte und
Versorgungsstrukturen insbesondere für die an Demenz erkrankten Pflegebedürftigen beinhaltet.
Zu ermitteln sind dabei die Möglichkeiten einer wirksamen Vernetzung erforderlicher Hilfen für an
Demenz erkrankte Pflegebedürftige. Über Kranken- und Pflegeversicherung stehen u.a. neue Instrumente und unterschiedlichen Fördervolumina zur Verfügung. Zu nennen sind hier:
•

§ 92 a SGB V – Innovationsfonds, Grundlagen zur Förderung neuer Versorgungsformen

•

§§ 140a-d SGB V - Verträge zur integrierten Versorgung

•

§ 8 Abs. 3 SGB XI – Ausgleichsfonds zur Weiterentwicklung der Pflegeversicherung und

•

§ 45 c SGB XI Weiterentwicklung der Versorgungsstrukturen, insb. niedrigschwellige Betreuungsangebote.

Es gibt darüber hinaus Beispiele für Versorgungsverträge zur integrierten, möglichst ambulanten
Versorgung älterer Menschen mit psychischen Erkrankungen unter besonderer Berücksichtigung
der Demenzkranken, welche seit 2004 auf Grundlage der §§ 140a-d SGB V zwischen Krankenkassen
und Leistungsanbieterkonsortien, wie Kliniken, Ärzten, Pflegediensten oder lokalen Beratungszentren abgeschlossen wurden. Hier zeigen sich bis heute die Schnittstellenprobleme zwischen SGB V
und SGB XI, denn ein Durchbruch hinsichtlich großräumiger Verbreitung guter Fallbeispiele in den

111

112

13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

vergangenen Jahren konnte nicht erzielt werden, weil es v.a. auch an finanziellen Anreizsystemen
mangelt.

13.3 Ziele und Strukturen auf Landesebene
Das stadt- und bezirksweit über Webseiten, Broschüren und Wegweiser verfügbare schriftliche Informationsangebot zu Beratungs- und Selbsthilfestrukturen, Leistungsanbietern oder Fortbildungen
und Informationsveranstaltungen ist überwiegend gut ausgebaut.
Rahmengebend und handlungsleitend für die Pflege demenziell erkrankter Menschen sind die allgemeinen pflegepolitischen Ziele und Handlungsempfehlungen des Berliner Senats, darunter v.a.
der Sozialstrukturatlas 2013 und die Leitlinien der Berliner Seniorenpolitik. Schwerpunkte sind
demnach die Sicherung guter Pflege vor Ort, der Ausbau von Beratungs-, Koordinierungs- und Vernetzungsstrukturen sowie die Stärkung der Infrastruktur der Unterstützung für pflegende Angehörige. Ein wesentlicher Baustein hierfür ist der in 2015 veröffentlichte Maßnahmenplan für pflegende
Angehörige. ( Abschnitt 8.2.4)
Die Landesgesundheitskonferenz hat darüber hinaus Gesundheitsziele mit Strategien und Maßnahmen für Menschen mit Demenz entwickelt, die sich seit ca. 2011 stadtweit mit unterschiedlichen
Partnern in der Umsetzung befinden. Die Strategien und Umsetzungsschritte wurden, ausgehend
von der 7. Landesgesundheitskonferenz 2010, in einem Fachaustausch mit den demenzfreundlichen
Initiativen in den Bezirken sowie Akteuren auf Landesebene, u. a. Landesseniorenbeirat, bezirkliche
Altenhilfekoordination, Alzheimer-Gesellschaft Berlin e.V., Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung,
Gesetzliche Krankenversicherung, Ärztekammer, erarbeitet. Im Fokus steht, die gesellschaftliche
Teilhabe insbesondere für ressourcenschwache Menschen mit Demenz zu verbessern, die Gesundheit pflegender Angehöriger stärker zu fördern und Akut-Krankenhäuser zu sensibilisieren.
Strategische Schwerpunkte sind die Wissenserweiterung und Stärkung der Akzeptanz in der Bevölkerung durch:
•

Informationsveranstaltungen an Schulen,

•

Stärkung der Öffentlichkeitsarbeit von demenzfreundlichen Initiativen und

•

die Schulung zentraler Akteure des öffentlichen Lebens im Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist es, den Zugang zu Angeboten für Demenzerkrankte und ihre Angehörigen durch Vernetzung und Kooperation zu fördern und in diesem Rahmen den übergreifenden
Fachaustausch der bezirklichen demenzfreundlichen Initiativen und Netzwerke bei der Fachstelle für
Prävention und Gesundheitsförderung von Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V., in Zusammenarbeit
mit der Alzheimer-Gesellschaft Berlin e.V., der Alzheimer-Angehörigen-Initiative e.V. und der Gesetzlichen Krankenversicherung sowie weiterer Akteure unter Einbindung zentraler Akteure der Kranken- und Pflegekassen, Kammern, Unternehmen, Polizei oder des Wohnungsbaus zu stärken. Im
Vordergrund des übergreifenden Fachaustausches bei der Fachstelle für Prävention und Gesundheitsförderung stehen der Transfer guter Beispiele und von lokalen Versorgungs- und Vernetzungsstrategien sowie die Ermöglichung von Kooperationen auf lokaler oder bezirklicher Ebene.
Die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales hat darüber hinaus im Mai 2015 den Dialogprozess 80plus auf den Weg gebracht, mit dem Ziel, eine Rahmenstrategie für eine verbesserte Versorgung hochaltriger Menschen insbesondere an den Übergängen zwischen medizinischer, pflegerischer und sozialer Versorgung zu entwickeln. Besondere Aufmerksamkeit wird z. B. der Notfallversorgung hochaltriger Menschen im Akutkrankenhaus sowie der pflegerischen und medizinischen

13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

Nachsorge geschenkt. Davon können Menschen mit Demenz im Besonderen profitieren, die als
vulnerable Zielgruppe besonders auf das Zusammenwirken unterschiedlicher Professionen angewiesen sind. ( Abschnitt 3.2)
Auf Landesebene sind die Alzheimer-Gesellschaft Berlin e.V. und die Alzheimer-AngehörigenInitiative e.V. landesseitig geförderte Anlaufstellen für Menschen mit Demenz und ihre Familien. Sie
bieten in Berlin ein weit verzweigtes Unterstützungsangebot an. Sie informieren, vernetzen, klären
auf, beraten, begleiten und schulen Angehörige, Betroffene, Fachleute und Interessierte. Darüber
hinaus betreiben sie eine Betreuungsbörse zur Vermittlung ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer
sowie Freizeitangebote, wie Treffs und Tanzcafés. ( Abschnitt 14.8 )
Weitere durch das Land Berlin geförderte überbezirkliche Akteure, die sich für die Versorgung von
Menschen mit Demenz engagieren bzw. diese mittelbar unterstützen, werden im Teil „Information
und Beratung“ des Landespflegeplans vorgestellt. ( Abschnitt 14)
Alzheimer-Gesellschaft Berlin e.V.:

 http://www.alzheimer-berlin.de.html
Alzheimer-Angehörigen-Initiative e.V.:

 http://www.alzheimer-angehoerigen-initiative.de/index.html finden kann.
13.4 (Über-) bezirkliche Netzwerkarbeit für Menschen mit Demenz
Neben diesem durch das Land Berlin teilfinanzierten Versorgungsangebot haben sich oftmals in
Begleitung der Bezirksämter auf Bezirks- bzw. Stadtteilebene individuelle Netzwerk- und Kooperationsstrukturen entwickelt.
Insgesamt sind die Versorgungsakteure in den Berliner Bezirken unterschiedlich intensiv vernetzt
und Netzwerkstrukturen vielfältig, teils auch auf lokaler Ebene, entwickelt. In einigen Bezirken werden Menschen mit Demenz seitens bezirklich oder lokal operierender Netzwerke im Kontext der
Versorgungssituation älterer Menschen insgesamt mitbetrachtet z. B. auch im Zuge gesamtbezirklicher Gesundheits- und Pflegekonferenzen. Beispiele dafür sind das Netzwerk im Alter im Bezirk
Marzahn-Hellersdorf, Netzwerk für ältere Menschen Friedrichshain-Kreuzberg, Netzwerk Märkisches Viertel e.V. Die Berliner Bezirksämter fokussieren sich im Rahmen von Netzwerkarbeit und
kommunaler Planungsprozesse, wie z. B. der Altenhilfeplanung, ressourcenbedingt derzeit unterschiedlich stark auf den an Demenz erkrankten Personenkreis.
Zudem wurde auf Bundesebene zum September 2014 im Rahmen der Demografie-Strategie der
Bundesregierung eine ressortübergreifende nationale Allianz für Demenz mit vielen Gestaltungspartnern verbschiedet. Ziele sind, Wissen über Demenz zu erweitern, die deutsche Gesellschaft zu
sensibilisieren, freiwilliges Engagement und Qualifizierung von Fachpersonal zu fördern sowie Betroffene und Angehörige gezielter zu unterstützen und das Versorgungssystem zu verbessern. Begleitend läuft ein Förderprogramm, mit welchem die Schaffung von 500 lokalen Allianzen für Demenz insgesamt in fünf Förderwellen – beginnend seit 2012 – bundesweit unterstützt wird.
Berlin ist hier mit 16 lokalen Allianzen in den Bezirken Steglitz- Zehlendorf, Tempelhof-Schöneberg,
Mitte, Spandau, Pankow, Treptow-Köpenick und Charlottenburg-Wilmersdorf vertreten. Dieses
Programm zielt auf die Gestaltung von lokalen Hilfenetzwerken für Betroffene und Angehörige ab.
Sie laufen unter Themenschwerpunkten wie u.a. kommunale Vernetzung, Kooperation mit Pflegestützpunkten, pflegerische und medizinische Versorgung und Demenz, Kultur und Demenz, genera-

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13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

tionenübergreifende Ansätze, Migration und Demenz, Kirche und Demenz, Sterbekultur und Demenz.
Darüber hinaus förderte das BMG die Zukunftswerkstatt Demenz mit 29 Leuchtturmprojekten,
darunter auch den Aufbau von vier Demenznetzwerken in Berlin. Hierzu zählen die Demenzfreundliche Kommune Lichtenberg e.V., Demenzfreundlich! Treptow-Köpenick, Qualitätsverbund Netzwerk
im Alter Pankow e.V., „Unsere Kommune ist demenzfreundlich“ in Charlottenburg-Wilmersdorf. Die
Leuchtturmprojekte mit einem Förderumfang von 13 Millionen Euro umfassten Teilprojekte, die mit
unterschiedlichen Forschungsmethoden bearbeitet wurden. Eine Reihe von Projekten hat regionale
Versorgungsnetzwerke für Demenzkranke und ihre Angehörigen auf- oder ausgebaut und deren
Nutzen für die Betroffenen erforscht.
Ziele u.a. der regionalen Demenznetzwerke sind z. B. die Information und Beratung ansässiger
Betroffener und ihrer Familien zu verbessern, Versorgungspartner bedarfsorientierter zu verknüpfen und zu bündeln, Nachbarschaften zu sensibilisieren sowie Teilhabe an Kultur und Sport zu fördern und Fachpersonal auszubilden. Darüber hinaus werden sichernde Maßnahmen, wie z. B. der
Schutzraumansatz, erprobt und Schulungs- sowie Aufklärungskonzepte erarbeitet. Das Projekt
„Schutzräume für Menschen mit Demenz“ wurde im Gerontopsychiatrisch-Geriatrischer Verbund
Charlottenburg-Wilmersdorf e.V. entwickelt und wird von weiteren bezirklichen Netzwerken aufgegriffen. Idee ist, dass Menschen, die orientierungslos vorgefunden werden, in seitens lokal ansässiger, geprüfter Einrichtungen angebotenen „Schutzräumen“ Unterschlupf finden, bis ihre Identität
geklärt ist. Beteiligte sind u.a. das Bezirksamt, Einrichtungsträger und örtliche Polizeidirektionen.
U.a. im Kontext der seitens des BMG geförderten lokalen Allianzen für Demenz werden derzeit sogenannte Demenzlotsen für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund und Demenz ausgebildet und zur Begleitung bei komplexen Versorgungsbedarfen, z. B. nach Krankenhausentlassung,
lokal in ausgewählten Bezirken, z. B. Spandau eingesetzt.
Gebündelt werden die bezirklichen Aktivitäten bei der Fachstelle für Prävention und Gesundheitsförderung. Dieser ressortübergreifende Fachaustausch bzw. Arbeitskreis der Landesgesundheitskonferenz dient der Filterung und dem Transfer wirksamer Maßnahmen zur Verbesserung der Versorgungssituation von Demenzerkrankten zwischen den Netzwerk- und Kooperationsstrukturen und
zur Optimierung der sozialräumlichen Abbildung interagierender Versorgungspartner.

13.5 Individuelle und familiale Ebene
Krankheitsverlauf und Umgang mit der Demenzerkrankung sind bei jedem Patienten einzigartig.
Stellt der Hausarzt oder Neurologe zum Beispiel in Zusammenarbeit mit einer GedächtnisSprechstunde der Berliner Krankenhäuser eine Demenz fest, ist die Diagnose, die im Raum steht, für
Betroffene und ihr Umfeld erst einmal zu verarbeiten.
Eine frühe Diagnose birgt die Chance, wichtige Dinge z. B. Wohnungsanpassungen im Vorfeld selbst
zu regeln. Zum Beispiel auch, wie man betreut werden möchte und welche Personen rechtskräftig
Entscheidungen treffen können. Zudem können sich Angehörige auf die Situation einstellen und
Selbsthilfegruppen oder Schulungsangebote frühzeitig wahrnehmen.
Der Verbleib in der eigenen Wohnung bzw. im lokalen Umfeld wird von einem Großteil der Menschen gewünscht. Für 80% der Menschen mit Demenz kann dies mit Hilfe von Angehörigen oder
weiteren Bezugspersonen und Unterstützungsmaßnahmen realisiert werden. Meist gelingt das auch
mit Hilfe eines der mehr als 500 in Berlin ansässigen ambulanten Pflegedienste oder Hauskrankenpflegen, die ein umfangreiches Leistungsspektrum von der Grundpflege bis hin zur sozialen Betreuung abdecken. ( Abschnitt 8.5)

13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

Einschränkungen im häuslichen Umfeld, die u.a. durch eine Demenzerkrankung entstehen, können
durch eine Vielfalt technischer Unterstützungssysteme und Wohnungsanpassungsmaßnahmen
gemildert werden. Diese können in Musterwohnungen, Sanitätshäusern oder auch bei den Pflegestützpunkten besichtigt werden. Hilfreich ist eine individuelle Wohnraumberatung u.a. der Pflegestützpunkte. Sie beraten dahingehend, welche Unterstützungssysteme und bauliche Maßnahmen,
wie zum Beispiel das Absenken von Türschwellen, mit Blick auf die wohnlichen Voraussetzungen
sinnvoll und finanzierbar sind. Die Pflegeversicherung bietet hierfür einmalig einen Förderbetrag
von aktuell 4000 Euro für wohnraumgestaltende Maßnahmen an. Darüber hinaus können günstige
Förderdarlehen bei der KfW-Bank, z. B. für den Einbau von Treppenliften, abgerufen werden. Die
Pflegeberater/innen der Pflegestützpunkte begleiten hierbei auf Wunsch auch den Dialog mit Vermietern.
Eine Demenzerkrankung hat Auswirkungen auf das familiale Gefüge, auf Freunde und Nachbarn
und bedeutet für pflegende Angehörige meist eine über Jahre stetig zunehmende Pflegeintensität,
die Pflegende an und über die körperlichen und seelischen Belastungsgrenzen bringen kann.

13.6 Gestaltung des häuslichen Versorgungssettings für Menschen mit Demenz
Essentiell für Menschen mit Demenz im fortgeschrittenen Stadium ist es, von Bezugspersonen verstanden zu werden. Um mit Richard Taylor aus dem Mund eines an Alzheimer-Demenz erkrankten
amerikanischer Autors zu sprechen: „Manchmal drifte ich in die Vergangenheit ab (...). Helfen Sie
mir, ins Hier und Jetzt zurückzukommen (...). Formulieren Sie liebevoll noch einmal neu, was gerade
geschieht und helfen Sie mir, die Gegenwart zu verstehen, während Sie mich auf die Zukunft vorbereiten.“ Die Gegenwart erzeugt oft Angst und Unsicherheit bei Menschen mit Demenz. Sie verstehen
nicht, was um sie herum geschieht und können Situationen und Geschehnisse nicht deuten. Sinneseindrücke vermischen sich mit Schmerzempfindungen, was z. B. bei 10 bis 20% der Betroffenen zu
Aggressionen führen kann. Wenn die Sprache als Mittel der Verständigung wegfällt, wird nonverbale Kommunikation, d.h. Blicke und Berührungen Bindeglied zur Außenwelt. Der individuelle Charakter der Demenzerkrankung ist letztlich auch Schlüssel für den Sterbeprozess des betroffenen Menschen.
Diagnose stellen/Therapien
wahrnehmen
• Hausarzt

Beratung suchen

Wohnsituation anpassen
• Raum- und Farbgestaltung
anpassen

• Gedächtnisambulanz

• Alzheimergesellschaft Berlin
e.V./AlzheimerAngehörigen-Initiative e.V.

• Physio-,Ergotherapie,
Logopädie

• Pflegestützpunkte

• sichernde, sturzpräventive
Maßnahmen (Brandschutz)

• IDEM

• technische Hilfen

• Reha-Angebote

• Internetforen/Hilfelotse

• Umzug

• Angehörigengruppen

• Information zu häuslichen
Gepflogenheiten

• Facharzt

• Seminare/Pflegekurse

Abbildung 63: häusliches Versorgungssetting in Anlehnung an die Darstellung der Deutschen Alzheimer Gesellschaft

Informationen über Gedächtnissprechstunden:

 http://www.alzheimer-berlin.de/wie-helfen-wir/gedaechtnissprechstunden.html.
13.7 Wohnformen für demenziell erkrankte Menschen
Häufig wird im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung ein Umzug in eine PflegeWohngemeinschaft oder in eine stationäre Pflegeeinrichtung erwogen, um eine umfassende Betreuung zu gewährleisten. Das Wohnen in Gemeinschaft kann sich positiv, d.h. angstlösend und

115

116

13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

anregend auf Menschen mit Demenz auswirken. Im Unterschied zur Pflegeeinrichtung können Angehörige in einer Pflege-WG weiterhin den Pflegealltag umfassend mitgestalten und profitieren von
einer Entlastung insbesondere in den Abend- und Nachtstunden. Die stationäre Pflege bietet zunehmend speziell auf demenziell Erkrankte zugeschnittene Angebote, wobei der Anteil der Bewohner/innen mit Demenz in Berlin seit bereits einem Jahrzehnt konstant bei ca. 40% liegt. Einige Träger und Standorte haben an den Bedürfnissen Demenzkranker orientierte Leitbilder, wenngleich es
hier noch Entwicklungsbedarf im Hinblick auf die die Öffnung in das umliegende Quartiersumfeld
und Berücksichtigung spezieller Bedürfnisse z. B. auch älteren Migranten mit Demenz, gibt. Wesentliche Elemente einer demenzorientierten Pflege sind:
•

biographische Arbeit,

•

Umgangsformen, die auf individuelles Wohlbefinden und Wünsche der Tagesgestaltung,
den Erhalt von Alltagskompetenzen eingehen,

•

risikoarme Raumgestaltung mit klaren Orientierungselementen und

•

eine verständliche Kommunikation.

Sowohl integrative Wohnkonzepte, in denen ältere Menschen mit und ohne Demenz zusammenleben, als auch beschützte Wohnbereiche können bedarfsgerecht sein. Idealerweise zu berücksichtigen sind die Stadien einer Demenz, welche jeweils unterschiedliche Wohnbedürfnisse mit sich bringen. So kann in der ersten Phase ein Leben in Hausgemeinschaft mit kleineren Hilfestellungen ausreichend sein. Der gleiche Bewohner kann im fortgeschrittenen Stadium mit vermehrter Ziel- und
Ruhelosigkeit andere Bedürfnisse, wie z. B. Bewegungsdrang entwickeln, die wiederum eine adäquate Gestaltung von Wegen- und Außenanlagen und Essgelegenheiten erfordern. Im schweren Stadium einer Demenzerkrankung, welches oft durch Bettlägerigkeit und nonverbale Kommunikation
geprägt ist, sind ruhige und harmonisch gestaltete Wohn- und Schlafbereiche günstig für Erkrankte.

13.8 Ausblick
Aufgrund des marktgesteuerten Angebotsgeschehens hat die öffentliche Hand nur begrenzte Einflussmöglichkeiten, die sich vermehrt bei Leistungsanbietern selbst befinden. Fach- und Hausärzte,
Therapeuten, Pflegedienste, (teil-) stationäre Einrichtungen und zum Teil Kliniken usw. befinden
sich auf dem Weg, sind vielfach sensibilisiert auf die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz und
haben ihre Arbeitsabläufe, Kommunikation und Räumlichkeiten angepasst. Jedoch betrifft das
längst noch nicht alle Leistungsangebote und Fachkräfte.
Besondere Aufmerksamkeit gilt es der Versorgungsschnittstelle Krankenhaus, hier insb. der Notfallversorgung und der medizinischen und pflegerischen Nachsorge zu schenken. Im Dialogprozess
80plus wird hier ein Schwerpunkt gesetzt. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden Demenzerkrankte im Laufe ihres Lebens einmal oder mehrfach stationär versorgt. Der schnelllebige Krankenhausalltag, Autonomieverlust, Abwesenheit von Bezugspersonen verstört Betroffene im fortgeschrittenen Stadium und führt oft zur Verschlechterung des Allgemeinzustandes, der nach der Entlassung nur mühsam oder gar nicht wieder hergestellt werden kann. Hier gibt es Aufholbedarf hinsichtlich einer abgestimmten Überleitung der Patienten. In diesem Zusammenhang sollten geeignete Tools, wie ein Demenz-Pass und notwendige Standards z. B. beim Transport und Ankunft am Ort
des Geschehens entwickelt und flächendeckend eingesetzt werden.
Nach wie vor gilt es, die Qualitätssicherung in der Pflege zu entwickeln. Denn Demenzerkrankte sind
insbesondere in der häuslichen Pflege durch Angehörige oder Pflegedienste in besonderem Maße
vulnerabel und Pflegemängel bzw. Gewalt in der Pflege bleiben vielfach unentdeckt. Hauptsäule der
häuslichen Versorgung jetzt und in Zukunft sind die pflegenden Angehörigen, die gerade bei der
Pflege von Menschen mit Demenz einen steigenden Entlastungsbedarf haben. Ein Versorgungsziel

13. Versorgungssituation von Menschen mit Demenz in Berlin

muss es sein, die Wahrnehmung niedrigschwelliger Beratungs-, Unterstützungs- und Entlastungsangebote weiter zu stärken. Essentiell bei der häuslichen Pflege sind die passende Auswahl von
Pflege- und Hilfeleistungen und die rechtzeitige Öffnung des häuslichen Versorgungssettings für die
professionelle Pflege durch einen Pflegedienst oder ehrenamtliche Helfer, wie u.a. Lesepaten. Das
hilft insbesondere auch den Pflegenden, gesundheitliche und soziale Risiken, wie z. B. Kontaktabbrüche, zu minimieren.
Wichtig ist, dass Betroffene frühzeitig und verständlich an die Leistungs- und Unterstützungsmöglichkeiten insb. auf lokaler Ebene herangeführt werden. Nachholbedarf an zielgruppengerechter
Information gibt es insbesondere bei Menschen mit Migrationshintergrund. Hier sind nach wie vor
die Form der Ansprache (Mehrsprachigkeit, einfache Sprache, Graphiken und Bilder) und der richtige
Zugang, z. B. über die Kinder von älteren Menschen oder Mund-zu-Mund-Propaganda, ausschlaggebend dafür, dass die Zielgruppe noch besser und rechtzeitig erreicht werden kann.
Neben der Umsetzung der Gesundheitsziele der Landesgesundheitskonferenz gilt es, im Rahmen der
Strategieentwicklung zur Versorgung hochaltriger Menschen, verstärkt den Blick auf die Verzahnung der Schnittstellen und Übergänge zwischen den pflegerischen, medizinischen und sozialen
Versorgungsangeboten zu richten, z. B. Datenaustausch und Vernetzung von Kosten- und Leistungsträgern. Heute bereits leisten zahlreiche lokale Allianzen, Netzwerke, Verbünde oder Projekte
einen wertvollen Beitrag dazu, die Lebensqualität von älteren Menschen mit Demenz zu verbessern,
indem sie Angebote auf Stadtteil- und Ortsteilebene, bezirklich oder stadtweit vernetzen. Die bezirklichen Gerontopsychiatrisch-geriatrischen Verbünde nehmen hier teilweise auch in Trägerschaft der
kommunalen Demenznetzwerke bereits eine koordinierende Rolle auf Bezirksebene ein.
Insgesamt wird es in den Bezirken künftig stärker notwendig werden, Versorgungsstrukturen kleinräumiger auf Stadtteil- und Ortsteilebene zu vernetzen, entlang von Patientenpfaden schlüssige
Versorgungsketten u.a. für Demenz als gängige Alterserkrankungen zu entwickeln und gute Ansätze
der Versorgungspraxis z. B. lokaler Allianzen in bezirklichen Planungen aufzunehmen. Zur Unterstützung der bezirklichen Koordinierungs- und Planungsfunktion wird im Zuge der Entwicklung der
Rahmenstrategie 80plus die Schaffung einer Altenhilfekoordination in den Bezirksämtern diskutiert,
die die Belange der Altenhilfe, Pflege und Gesundheit aus bezirklicher Sicht konzeptionell bündelt
und Netzwerke mitgestaltet bzw. steuernd einwirken kann.
Eine wichtige Herausforderung bleibt es, Wege zu entwickeln, wie die Rahmenbedingungen für
Vernetzung in den Bezirken verbessert und stabilisiert werden können. Eine gestaltende Rolle
nimmt hier unter Beteiligung der Alzheimer-Gesellschaft Berlin e.V. der bestehende übergreifende
Fachaustausch der demenzfreundlichen Initiativen bei der Fachstelle für Gesundheitsförderung und
Prävention ein. Ein Fokus des übergreifenden Fachaustausches könnte die systematischere Einbindung desselbigen in politische Planungs- und Verwaltungsprozesse sein, d.h. den übergreifenden
Fachaustausch im Feld der Demenzakteure insgesamt weiter zu stärken. Ein wichtiger Ansatz zur
Stärkung der kommunalen Vernetzung ist, ob und wie Modelle integrierter Versorgung über die
Leistungssektoren der Gesundheit und Pflege etc. unter Beteiligung von Kranken- und Pflegekassen
sowie lokalen Anbieterkonsortien der unterschiedlichen Sektoren in Fortentwicklung bestehender
Vernetzungsstrukturen erprobt werden können und damit Übergänge für Menschen mit Demenz
zwischen diesen beteiligten Leistungsanbietern spürbar erleichtert werden können.

117

118

14. Information und Beratung

14. Information und Beratung
14.1 Pflegestützpunkte
Die Berliner Pflegestützpunkte sind wohnortnahe Anlaufstellen für ältere Menschen, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Sie informieren, beraten und unterstützen unabhängig und kostenfrei
bei allen Fragen zur Pflege sowie rund ums Alter und im Vorfeld von Pflege. Auf Wunsch koordinieren die Pflegestützpunkte die notwendigen Hilfen. Die Beratung erfolgt telefonisch, im Pflegestützpunkt oder bei den Betroffenen zu Hause. Die Pflegestützpunkte übernehmen eine Lotsenfunktion
durch die Vielfalt des Gesundheits- und Sozialwesens. Die bei den verschiedenen Trägern und Einrichtungen vorhandenen pflegerischen und sozialen Versorgungs- und Betreuungsangebote werden
so aufeinander abgestimmt und vernetzt, dass die Pflegestützpunkte den Bürgerinnen und Bürgern
möglichst das gesamte Angebot an Hilfeleistungen aufzeigen und zeitnah zur Verfügung stellen
können. In der Kombination von Beratung, Koordinierung und Vernetzung heben sich die Pflegestützpunkte von allen anderen Beratungs- und Hilfeangeboten ab. Träger der Pflegestützpunkte
sind die Pflege- und Krankenkassen gemeinsam mit dem Land Berlin. Anfang Mai 2009 wurde zwischen den Landesverbänden der Pflege- und der Krankenkassen und dem Land Berlin ein Landesrahmenvertrag gemäß § 7a Absatz 8 SGB XI (bis 31.12.2015 § 92c Absatz 8 SGB XI) zur Arbeit und
Finanzierung der Pflegestützpunkte abgeschlossen. Der Landesrahmenvertrag regelt für alle Pflegestützpunkte in Berlin die Ausgestaltung der gemeinsamen Trägerschaft durch die Pflege- und Krankenkassen und durch das Land. Angesichts der umfassenden Aufgaben der Pflegestützpunkte gemäß § 7c Absatz 1 SGB XI (bis 31.12.2015 § 92c Absatz 1 SGB XI) sind grundsätzliche Vereinbarungen über die Aufgabenerfüllung der Vertragspartner aber auch Regelungen über eine Aufgabenabgrenzung unter den Vertragspartnern und zur inneren Organisationsstruktur getroffen worden.
Landesrahmenvertrag und Anlagen:

 http://www.berlin.de/sen/soziales/themen/pflege-und-rehabilitation/pflegestuetzpunkte
14.1.1 Struktur
Das Steuerungsgremium der Pflegestützpunkte wurde zur fachlichen Steuerung, Qualitätssicherung und Weiterentwicklung des Angebotes zur Beratung, Versorgung und Betreuung in den
Pflegestützpunkten eingerichtet. Das Steuerungsgremium besteht aus zwölf Mitgliedern, hälftig
besetzt durch die Kassenseite und das Land Berlin, vertreten durch die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales und die Bezirke. Neben der fachlichen Steuerung der Pflegestützpunkte hat
das Steuerungsgremium die Aufgabe, die personelle, sachliche und finanzielle Ausstattung der
Pflegestützpunkte zu entwickeln und den Gesamtbedarf an Beratungsleistungen zu beobachten und
zu analysieren.
Die Arbeitsgemeinschaft Berliner Pflegestützpunkte, die sich aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
der Pflegestützpunkte zusammensetzt, stellt eine Diskussionsplattform für alle Pflegestützpunkte
dar. Hier werden die Ergebnisse der Arbeitsgruppen vorgestellt und diskutiert, bevor sie dem Steuerungsgremium zugeleitet werden. In diesem Gremium wird anderen Projekten, Beratungs- und
Koordinierungsstellen Gelegenheit gegeben, ihr Angebot vorzustellen. Dies führt zu einer Erweiterung der Vernetzungsstruktur der Pflegestützpunkte und ist ein wertvoller partizipativer Bestandteil
der Struktur, um Bedarfe aus den Pflegestützpunkten in der Steuerung zu berücksichtigen.
Die bestehenden Arbeitsgruppen, wie beispielsweise zu Qualität, Öffentlichkeitsarbeit und Statistik,
tragen mit ihren Ergebnissen zu einem einheitlichen, qualitativ gleichmäßigen Beratungsangebot
aller Pflegestützpunkte bei. Sie bilden sich aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aller Pflegestützpunkte. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe, wie beispielsweise Standards, Module, Statistiken oder

14. Information und Beratung

Veröffentlichungen, werden vom Steuerungsgremium verabschiedet und entsprechend in den Pflegestützpunkten umgesetzt.
Die Pflegestützpunkte haben den gesetzlichen Auftrag zur Vernetzung. Die Vernetzung dient dem
Ziel, mit dem gebündelten Wissen hilfebedürftigen Menschen und ihren Angehörigen, Pflegepersonen und anderen interessierten Personen die gewünschten Auskünfte zu erteilen, sie gezielt und
individuell zu beraten und ggf. eine bessere Versorgung und Betreuung hilfe- bzw. pflegebedürftiger
Menschen zu ermöglichen. In diesem Sinne findet eine Zusammenarbeit der Pflegestützpunkte mit
diversen Akteuren in den Bezirken und berlinweit statt, wie beispielsweise mit den Kontaktstellen
Pflegeengagement, der Zentralen Anlaufstelle Hospiz, dem Kompetenzzentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe, den Gerontopsychiatrisch-geriatrischen Verbünden, der Fachstelle für pflegende Angehörige, Menschenkind, Pflege in Not, Compass Pflegeberatung der privaten Krankenversicherung u.a.m.

14.1.2 Standorte und Angebote der Pflegestützpunkte
Eine Übersicht über die aktuellen Standorte mit Informationen zu Anfahrt und Erreichbarkeit bietet
die Internetseite der 33 Berliner Pflegestützpunkte.38 Dort können auch Informationsblätter zu
verschiedensten Themen wie z. B. Pflegeversicherungsgesetz, Auswahl eines Pflegedienstes, betreutes Seniorenwohnen und Servicewohnen, Hausnotrufsysteme, Mobilitätshilfen oder Auswahl eines
Pflegeheims heruntergeladen werden. Die Informationsblätter der Berliner Pflegestützpunkte gibt
es einmalig in Deutschland neben der deutschen Version auch in englischer, polnischer, russischer,
arabischer, bosnischer, türkischer und vietnamesischer Sprache.
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflegestützpunkte sind spezialisiert auf alle Fragen rund
um Alter und Pflege und bieten Beratung auch bei komplexen oder sehr spezifischen Anliegen. Die
Beraterinnen und Berater sind qualifiziert in Pflegeberatung, Sozialarbeit, Case Management und
teilweise in zusätzlichen Qualifikationsfeldern wie Sozialversicherungsrecht, Pflege und Demenz. Sie
wissen, wie Wohnungen alters- und pflegegerecht angepasst werden können und geben Tipps zur
Suche nach altersgerechtem Wohnraum sowie zum Umzug. Für die speziellen Anliegen von Familien
mit pflegebedürftigen Kindern und Jugendlichen stehen in jedem Bezirk geschulte Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner für eine vertiefende Beratung und Unterstützung sowie Kinderbeauftragte zur Verfügung. Im Sinne einer interkulturellen Öffnung der Altenhilfe wurden zudem nahezu
alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Berliner Pflegestützpunkte speziell zur kultursensiblen
Beratung von Menschen mit Migrationshintergrund geschult. Darüber hinaus werden regelmäßig
Fortbildungen zu Themen wie Hospiz- und Palliativversorgung, suchtsensible Beratung, Vorsorgevollmachten und Gesetzesänderungen besucht.
Internetangebot der Pflegestützpunkte:

 www.pflegestuetzpunkteberlin.de

38

Stand Februar 2016.

119

120

14. Information und Beratung

14.1.3 Sonderprojekte zur Qualifizierung der Berliner Pflegestützpunkte
In den Jahren 2013 bis 2016 wurden durch die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales thematische Schwerpunkte gefördert und finanziell unterstützt. Die Pflegestützpunkte wurden und
werden durch nachfolgend beschriebene Sonderprojekte zusätzlich qualifiziert:

14.1.3.1 Sicherung des Rechtswissens zum Wohn- und Betreuungsvertragsgesetz
Die Sicherung des aus dem Bundesprojekt gewonnenen Expertenwissens im Feld des Wohn- und
Betreuungsvertragsgesetzes (WBVG) konnte im Zeitraum vom 01. September bis 31. Dezember
2013 für alle Berliner Pflegestützpunkte gewährleistet werden. Den Pflegestützpunkten wurde im
Rahmen von drei Schulungen das Wissen der Verbraucherzentrale Berlin präsentiert. Die Pflegestützpunkte haben sich intensiv mit der Materie auseinander gesetzt durch Fallbeispiele und Diskussionsrunden. Dies schafft die Voraussetzungen für eine qualitativ verbesserte Beratungsarbeit.
Es wurde ein Rechtsverteiler erstellt, an den sich Ratsuchende zum Thema WBVG wenden können.
Anfang 2014 wurde zur Unterstützung der Beratungsarbeit das Wissen von den Pflegestützpunkten
in die Informationsblätter transferiert und auf der Internetseite der Pflegestützpunkte veröffentlicht.

14.1.3.2 Initiative für kultursensible Pflegestützpunktarbeit – Empfehlungen und Arbeitshilfen
An dem Projekt war das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte e. V. gemeinsam mit dem Pflegestützpunkt Friedrichshain-Kreuzberg in der Wilhelmstraße 115 beteiligt. Bei der Ausführung des Projektes im Zeitraum Januar 2013 bis März 2014 hat der Pflegestützpunkt sehr eng mit dem Kompetenzzentrum für die Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe (kom•zen) zusammengearbeitet. Es wurden
Empfehlungen und Arbeitshilfen für die Entwicklung bzw. Weiterentwicklung der Interkulturellen
Öffnung in den Berliner Pflegestützpunkten erarbeitet, Entwicklungsbedarfe benannt und erfasst
sowie entsprechende Maßnahmen zur Steigerung der interkulturellen Kompetenz beschrieben. Aus
jedem Pflegestützpunkt wurde mindestens eine Mitarbeiterin oder ein Mitarbeiter über drei Tage
zur kultursensiblen Beratungsarbeit geschult. Entsprechend der Bevölkerungsstruktur und dem
hohen Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund stellen sich Pflegestützpunkte auf die Situation von Berlin als Zuwanderungsstadt ein und sind für alle Menschen offen und zugänglich, unabhängig von ihrer Herkunft, Kultur und Religion. Ziel ist es, durch eine bessere Qualifizierung in Bezug auf die interkulturelle Kompetenz und eine engere Kooperation aller Pflegestützpunkte den
Bekanntheitsgrad bei Menschen mit Migrationshintergrund und deren Beratungsanfragen zu steigern. So könnten Angehörige aufgrund der überwiegend allein durch die Familie geleisteten Pflege
entlastet werden. Die Inanspruchnahme von entlastenden Angeboten könnte sogar dazu führen,
dass die Pflegenden wieder besser in den Arbeitsmarkt integriert werden. Hierzu wurden Vereinbarungen für die Pflegestützpunkte geschlossen, wie beispielsweise die Schulung aller Beschäftigten,
sozialraumbezogene Recherche in den Bezirken zur Unterstützung von Menschen mit Migrationshintergrund und die Berücksichtigung von besonderen Sprachkenntnissen und einem Migrationshintergrund bei Stellenausschreibungen für die Pflegestützpunkte.

14.1.3.3 Wohnberatung in den Berliner Pflegestützpunkten
Der Träger des Projektes und des verantwortlichen Pflegestützpunkts Pankow-Mühlenstraße war
die Albatros gGmbH. Die Laufzeit war vom 01. Oktober 2013 bis 31. Mai 2015. Im Rahmen des Projektes wurde ein Aufgabenprofil zur Umsetzung der Wohnberatung in den Berliner Pflegestützpunkten entwickelt. Nach einer Ist-Stand-Erhebung in Berlin in Form von Interviews, einem gemeinsamen Workshop und best-practice-Vergleichen wurden Mindestanforderungen formuliert und in
einigen Modellbezirken erprobt. Resultat daraus sind Umsetzungsempfehlungen für die Praxis.

14. Information und Beratung

Weitere Ergebnisse sind ein Vortrag zur Schulung ehrenamtlicher Mitarbeiter/innen und die Mitwirkung an der Broschüre „Die Wohnung anpassen“.
Alle Pflegestützpunkte haben das Angebot einer Grundlagenschulung und eine Datenbank als
Handbuch zur Wohnungsanpassung mit diversen Fallbeispielen, Fotos und Kostenvoranschlägen
erhalten. Zur Unterstützung der Beratungsarbeit wurde das Wissen in Form von Informationsblättern den Pflegestützpunkten zur Verfügung gestellt.

14.1.3.4 Unterstützung bei der Wohnungssuche
Das Sonderprojekt des Sozialverbands VdK in Zusammenarbeit mit dem Pflegestützpunkt Tempelhof-Schönberg „Verbesserung der Unterstützung bei Umzug in eine barrierefreie/ barrierearme
Wohnung älterer bzw. pflegebedürftiger Menschen – Impuls Wohnen Berlin“ mit dem Projektbeginn
01. September 2014 wurde unter Berücksichtigung vorhandener Möglichkeiten und Strukturen und
aufbauend auf Erfahrungen aus dem Modellprojekt „FREIRAUMBERLIN“ des Sozialverbands VdK
initiiert. Ausgangspunkt war der Befund, dass dem Bedarf an barrierefreiem Wohnraum ein vergleichsweise geringes Angebot an geeigneten Wohnungen zur Verfügung steht. Das Ziel des Projektes bestand darin, die Berliner Pflegestützpunkte langfristig und nachhaltig in die Lage zu versetzen, ihr Klientel bei der Suche nach barrierefreiem Wohnraum bzw. beim Umzug durch Information,
Beratung und Verweisung möglichst effizient zu unterstützen. Hierzu wurde eine Broschüre entwickelt, die den Ratsuchenden den Weg weisen soll bei der Wohnungssuche ohne Barrieren. Weiterhin
wurde ein allgemeiner Schulungsvortrag für ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erarbeitet. Auf dieser Grundlage wurden zur Unterstützung bei der Wohnraumsuche über die Kontaktstelle Pflegeengagement und dem Nachbarschaftsheim Schöneberg zwei Schulungen der Ehrenamtlichen vom Pflegestützpunkt in der Reinhardtstraße durchgeführt. Hieraus hat sich zunächst für
Tempelhof-Schöneberg ein Projekt „Wohnungslotsen“ entwickelt, bei dem sich Tandems von Klienten der Kontaktstelle Pflegeengagement oder der Pflegestützpunkte und Ehrenamtlichen zur Unterstützung bei der Wohnungssuche bilden. Ein monatlicher regelmäßiger Erfahrungsaustausch, Fallbesprechungen und vertiefenden Schulung zum Thema werden von der Kontaktstelle Pflegeengagement mit dem Pflegestützpunkt zur Begleitung der ehrenamtlichen Wohnungslotsen angeboten.

14.1.3.5 Beratung zu Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Menschen
Die Projektidee, mit der Laufzeit von 01. August 2014 bis 31. Dezember 2015, angesiedelt beim
Pflegestützpunkt Neukölln in der Werbellinstraße zielte auf die erkennbaren Handlungsbedarfe mit
einer Sensibilisierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aller Pflegestützpunkte. Es sollten die
Beratungs- und Begleitungskompetenz der Berliner Pflegestützpunkte gesteigert, für spezielle Beratungsbedarfe im Themenfeld Wohngemeinschaft, unter Einbeziehung vorhandener Erfahrungen
und Kompetenzen sensibilisiert, Handlungskonzepte zu häufig auftretenden Beschwerde- und Beratungsanlässen erarbeitet, die Transparenz und Vergleichbarkeit der Angebote im Bereich ambulant
betreuter Pflege-Wohngemeinschaften hergestellt und Impulse zur Verbesserung der Zusammenarbeit der Akteure im bezirklichen und überbezirklichen Raum erörtert werden. Dabei sollte bereits
vorhandenes Basiswissen aktualisiert und vertieft werden, Erfahrungen sichtbar gemacht und Lösungswege für besondere Beratungsbedarfe erarbeitet werden. Daneben wurden die vorhandene
Datenbanksysteme Syncase und Hilfelotse in ihrer Datenerhebung hinsichtlich der neuen Wohnformen überprüft und Empfehlungen zur Anpassung erarbeitet.

14.1.3.6 Methoden der bezirklichen Netzwerkarbeit der Berliner Pflegestützpunkte
Ziel ist es, bis zum 31. Mai 2016 fachliche Impulse und Methoden zur Umsetzung des Standards
Vernetzung und des Eckpunktepapiers zur Zusammenarbeit der bezirklichen Pflegestützpunkte zu
bieten. Hierzu wurden seit Projektbeginn am 01. Juni 2015 bereits umfangreiche Literatur- und

121

122

14. Information und Beratung

Wissenschaftsrecherche über bezirkliche Netzwerkarbeit betrieben und anhand eines Fragebogens
die Pflegestützpunkte in Tempelhof und Köpenick befragt sowie einige externe Experten interviewt.
Im Ergebnis sollen Methoden und Instrumente, best-practice-Beispiele sowie Handlungsempfehlungen allen Pflegestützpunkten zur Verfügung gestellt werden.

14.1.4 Inanspruchnahme des Angebots
Anhand der Statistik ist ein Zuwachs in der Inanspruchnahme der Leistungen der Pflegestützpunkte
zu verzeichnen. Gegenüber 39.929 Klientinnen und Klienten in 2013 ist 2014 ein Zuwachs auf
40.984 Kundinnen und Kunden zu verzeichnen. Die Leistungen Information und Auskunft, Beratung
und Case Management werden nachfolgend dargestellt. Darüber hinaus erbringen die Pflegestützpunkte u.a. Leistungen in den Bereichen Vernetzung, Öffentlichkeitsarbeit, Aus- und Fortbildung
sowie Förderung von Ehrenamt und Selbsthilfe. Die Leistung Information und Auskunft meint die
Beantwortung einzelner (An)-Fragen ohne ins Detail zu gehen wie zum Beispiel Fragen nach Telefonnummern, Ansprechpartnern oder Adressen von Pflegediensten, Putzdiensten und Einkaufshilfen.

Alle Pflegestützpunkte

2013

2014

21.185 Anfragen

21.657 Anfragen

Durchschnittliche Dauer

Durchschnittliche Dauer

= 17 Minuten

= 17 Minuten

Abbildung 64: Information und Auskunft in den Pflegestützpunkten 2013/2014

Die Leistung Beratung ist das Gespräch zwischen Ratsuchenden und Beratenden mit dem Ziel Aufklärung zu leisten, Alternativen aufzuzeigen und Entscheidungshilfen zu geben. Beratung kann einoder mehrmalig, im Pflegestützpunkt oder in der Häuslichkeit stattfinden. Unter Kontakttagen
werden alle Aktivitäten (Beratungen, Hausbesuche, Recherche, Telefonate, Dokumentation) eines
Tages für einen Klienten/-in verstanden.

Alle Pflegestützpunkte

2013

2014

17.683 Beratungen

18.392 Beratungen

Durchschnittliche Dauer

Durchschnittliche Dauer

= 85 Minuten

= 81 Minuten

Durchschnittliche Kontakttage

Durchschnittliche Kontakttage

= 1,7 Tage

= 1,6 Tage

Anzahl der Hausbesuche

Anzahl der Hausbesuche

= 2.044 (12%)

= 1.778 (10%)

Abbildung 65: Beratung in den Pflegestützpunkten 2013/2014

Im Leistungstyp komplexe Beratung wird mit Hilfe der Methode Case Management eine Unterstützung für Menschen geboten, die viele Sorgen und Probleme haben und es gleichzeitig mit vielen
Ämtern zu tun haben und dabei Hilfe von außen benötigen. Die Unterstützung geht dabei über
einen längeren Zeitraum. Während des komplexen Beratungsprozesses findet fast immer mindestens ein Hausbesuch statt.

Alle Pflegestützpunkte

2013

2014

1.091 komplexe Beratungen

935 komplexe Beratungen

Durchschnittliche Dauer

Durchschnittliche Dauer

= 426 Minuten

= 476 Minuten

Durchschnittliche Kontakttage

Durchschnittliche Kontakttage

= 7,1 Tage

= 8,7 Tage

14. Information und Beratung

2013

2014

Anzahl der Hausbesuche

Anzahl der Hausbesuche

= 1.033

= 965

Abbildung 66: komplexe Beratung in Pflegestützpunkten 2013/2014

Die Beratungsthemen werden immer zu den Leistungen Information und Auskunft, Beratung und
komplexe Beratung/Case Management erhoben und geben Hinweis auf die inhaltlichen Schwerpunkte in der Arbeit. Alle 27 statistisch erfassten Themengebiete werden in unterschiedlicher Intensität nachgefragt. Mehrfachnennungen kommen häufig vor, da in der Beratung in der Regel nicht
nur ein Thema besprochen wird. Angeführt wird die Liste der nachgefragten Themen in allen Bezirken nach wie vor von Fragen nach pflegerischer Versorgung im Privathaushalt, Alltagsmanagement
und Haushaltsführung und soziale Beratung. Insgesamt ist zu erkennen, dass weiterhin die Themen
rund um Pflege und Wohnen im ambulanten, aber auch im stationären Bereich den Schwerpunkt
der Pflegestützpunktberatung ausmachen. Hinzu kommen die Bereiche der Demenz- und sozialen
oder psychosozialen Beratung. Der Anteil an Demenzerkrankten ist weiter steigend. Nachdem er
2011 bei 9,5% lag, beträgt er inzwischen 21%, so dass auch in Zukunft mit Sicherheit hier ein
Schwerpunkt der Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter liegen muss.
Die Profile der Klientinnen und Klienten bestätigen den Trend aus den Vorjahren, dass mehr Frauen
als Männer Kundschaft der Pflegestützpunkte sind, in 2014 waren knapp 60% der Personen weiblich. Insgesamt wird deutlich, dass mit 45% der größte Teil der Klienten und Klientinnen älter als 60
Jahre ist. Die zweitgrößte Gruppe sind mit einem Anteil von 39% die über 80-Jährigen, gefolgt von
den 18- bis 60-Jährigen mit einem Anteil von 10%. Die Beratung von Eltern mit pflegebedürftigen
Kindern spielt mit 3% eine untergeordnete Rolle. Im Längsschnittvergleich ist insgesamt allerdings
eine Zunahme der Inanspruchnahme der Angebote der Pflegestützpunkte durch Hochaltrige über 80
Jahre gegenüber den Vorjahren zu verzeichnen. Dies entspricht der demografischen Entwicklung.
Die hohe Inanspruchnahme in der Altersgruppe ab 60 Jahren könnte ein Hinweis darauf sein, dass
nicht mehr nur Seniorinnen und Senioren, die bereits pflegebedürftig und im Rentenalter sind, dieses Beratungsangebot in Anspruch nehmen sondern sich mehr Menschen im Vorfeld von Pflegebedürftigkeit präventiv beraten lassen. Menschen nehmen also tendenziell früher die Angebote der
Pflegestützpunkte in Anspruch. In Bezug auf die Ansprechpartner innerhalb der Beratung sind ungefähr 40% die Betroffenen selbst und 60% Angehörige oder andere Bezugspersonen.

14.1.5 Ausblick
Das Land Berlin verfügt über ein gut ausgebautes Netz an Informations- und Beratungsstellen und
weiteren pflegeflankierenden Diensten. In diesem Gesamtnetz spielen die Pflegestützpunkte mit
ihrer Lotsen- und Vernetzungsfunktion eine wichtige und tragende Rolle, deren Bedeutung in Zukunft noch mehr Raum einnehmen wird. Sie sind schon jetzt die erste Anlaufstelle für pflegende
Angehörige. Im September 2009 wurden in Berlin in einem ersten Schritt zunächst 26 Pflegestützpunkte als wohnortnahe Anlaufstellen geschaffen. Im Februar 2016 wurde PflegestützpunktBeratung bereits an 33 Standorten angeboten. Die Pflegestützpunkte haben sich als zentrales Beratungsnetz etabliert und sind mit Blick auf die wachsende Zielgruppe der Pflegebedürftigen und
Menschen mit Demenz und der steigenden Anforderungen wie beispielsweise der Ausbau aufsuchender Beratungsarbeit, Beratungen zu Neuerungen durch Pflegereformen, Ausbau von CaseManagementfällen z. B. bei Menschen mit niedrigem Bildungsstand bzw. Migrationshintergrund,
Ausbau präventiver Beratung wie Bewegungsförderungsmaßnahmen, zur Wohnraumanpassung
und Umzugsberatung, Beratung zu ambulant betreuten Pflege-Wohngemeinschaften sowie der
Zunahme an Problemstellungen wie Multimorbidität in Folge von Hochaltrigkeit noch weiterzuentwickeln.

123

124

14. Information und Beratung

Die Pflegestützpunkte Berlins sind wichtige Akteure im Rahmen der Entwicklung und künftigen
Umsetzung der Rahmenstrategie 80plus für hochaltrige Menschen u.a. in den Handlungsfeldern
„Vernetzung ambulanter und stationärer Versorgung“, „Prävention und Gesundheitsförderung“
und auch „Selbstbestimmung und Teilhabe“. Im Rahmen der Entwicklung des Diskussionspapiers
80plus und in den laufenden Fachdiskurs haben die Berliner Pflegestützpunkte ihre umfangreichen
Erfahrungen eingebracht. Mit ihrer Unterstützung werden für pflegebedürftige Menschen Übergänge aus Klinikaufenthalten in ein zunehmend häusliches Pflege- und Versorgungssetting verbessert.
Insgesamt gelingt durch ihr Informations- und Beratungsangebot bis hin zum Casemanagement
eine passgenauere, bedarfsgerechtere Versorgung hochaltriger Menschen.
Die Zahlen der Klientinnen und Klienten und der zeitliche Aufwand sind in den Pflegestützpunkten
trotz zusätzlicher Standorte stets gestiegen, auch wenn es regionale Unterschiede gibt. Mit den
Änderungen durch die Pflegestärkungsgesetze und vor dem Hintergrund der bereits beschriebenen
Zunahme der Nachfrage kann von einem erhöhten Beratungsbedarf zu den Leistungen des SGB XI
ausgegangen werden. Mit der damit anstehenden Überarbeitung der Pflege-Betreuungs- Verordnung werden die Rahmenbedingungen für die niedrigschwelligen Angebote gemäß § 45c SGB XI neu
bestimmt. Die Pflegestützpunkte werden mit den voraussichtlich erheblich steigenden Anfragen
auch einen erhöhten Fortbildungsbedarf haben, um weiterhin kompetent beraten bzw. Auskunft
geben zu können.
Voraussichtlich wird sich die Anzahl der Pflegestützpunktstandorte in Berlin bis Ende des Jahres
2016 weiter erhöhen. Es bleibt abzuwarten und mit Spannung zu betrachten, wie sich der Ausbau
des Netzes an Beratungsstellen auf die Klienten-, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit auswirkt.

14.2 Hilfelotse
Die Datenbank "Hilfe-Lotse" ist seit 1998 ein zentrales Beratungsinstrument der Berliner Pflegestützpunkte. Seinen Ursprung hat das System in einem Bundesmodellprojekt zur Entwicklung einer
Datenbank für die professionelle Beratungsarbeit. Träger des Projektes, das in der Aufbauphase mit
Projektmitteln des Bundesministeriums für Gesundheit unter Beteiligung des Bezirksamtes Reinickendorf von Berlin unterstützt wurde, ist der psychosoziale Dienstleister Albatros gGmbH. Die
Datenbank ermöglicht einen schnellen Zugang zu Informationen über Dienstleistungsangebote und
-anbieter, effektiviert die professionelle Beratungsarbeit und schafft Transparenz auf dem Markt
pflegerischer und sozialer Dienstleistungen. Seit April 2003 nutzen die damaligen Berliner Koordinierungsstellen und jetzt die Pflegestützpunkte die Online-Version des Hilfelotsen, welche einen
optimalen Zugriff auf den Datenbestand, eine zeitnahe Aktualisierung, die Eigenpflege durch
Dienstleistungsanbieter und eine Nutzung durch Ratsuchende ermöglicht.
Die Datenbank Hilfelotse-Berlin enthält Adressen, Informationen und Beratungsangebote für pflegebedürftige, behinderte oder ältere Menschen, deren Angehörige und professionelle Helferinnen
und Helfer u.a. zu Pflegediensten, Beratungsstellen, Tagesstätten, Freizeitstätten und Mietertreffs,
Mittagstischanbietern, Hausnotrufanbietern, Mobilitätshilfediensten, Handwerksdiensten, Seniorenwohnanlagen, Pflegeheimen, Dienstleistern mit Lieferservice, ambulanten Hospizdiensten und
stationären Hospizen u.v.m. Es handelt sich um die umfangreichste Datenbank zu Versorgungsangeboten im Bereich Altenhilfe und Altenpflege in Berlin.
Die Datenbank wird von den zwölf Pflegestützpunkten in Trägerschaft des Landes Berlin eingesetzt,
gepflegt und bearbeitet. Die landesseitigen Pflegestützpunkte verfügen über einen speziellen Zugang zum System und verwenden den Hilfelotsen mit erweiterten Datenbeständen, z. B. mit Informationen zu Kosten und besonderen Leistungsangeboten für die Beratungsarbeit. Die Pflegestützpunkte in der Trägerschaft der Pflegekassenverbände nutzen die Public-Version des Hilfelotsen.

14. Information und Beratung

Eine gestiegene Nachfrage von Pflegebedürftigen, Angehörigen und Ratsuchenden spiegelt sich
deutlich in den Zugriffszahlen auf die Datenbank Hilfelotse mit 3,4 Millionen Zugriffen im Jahr 2014
wieder. Im Vergleich dazu waren es in 2010 lediglich 831.607, in 2013 bereits 3,25 Mio. Zugriffe. Die
Tendenz ist weiter steigend. Mit Stand 03. November 2015 wurden ca. 2,79 Mio. Zugriffe registriert,
davon etwa 2,76 Mio. Public User. Auch in 2015 kann von über 3 Millionen Zugriffen ausgegangen
werden. Die künftige Entwicklung des Hilfelotsen und hier insbesondere die Modernisierung der
Public-Version sowie die Abstimmung mit weiteren existierenden Datenbanken für Verbraucherinnen und Verbraucher werden zu diskutieren sein.
Online-Version des Hilfelotsen:

 www.hilfelotse-berlin.de
14.3 Fachstelle für pflegende Angehörige
Um der zentralen Bedeutung pflegender Angehöriger im Versorgungssystem noch besser Rechnung
zu tragen, ergänzt seit Mitte 2010 die berlinweit arbeitende Fachstelle für pflegende Angehörige die
oben beschriebenen Angebote. Sie berät und unterstützt die für Pflege zuständige Senatsverwaltung in Fragen, die die Belange pflegender Angehöriger betreffen. Als Vernetzungs-, Koordinierungsund Anlaufstelle zu Fragen der Unterstützung pflegender Angehöriger beschäftigt sie sich vorrangig
mit Fragen der Weiterentwicklung des Systems an Unterstützungs- und Anerkennungsstrukturen
für pflegende Angehörige. Um pflegende Angehörige perspektivisch noch besser unterstützen zu
können, wurde die Förderung der Fachstelle im Rahmen des Doppelhaushalts 2016/2017 auf
130.000 Euro erhöht.
Für die Umsetzung der Handlungsfelder im „Maßnahmenplan pflegende Angehörige – Weiterentwicklung des Berliner Unterstützungssystems“ ( Abschnitt 8.2.4) selbst wurden nicht unmittelbar
zusätzliche Mittel eingestellt. Das Land setzt allerdings in zweierlei Hinsicht mittelbar Mittel für die
Umsetzung der Handlungsfelder ein. Erstens: Die Planung sah bereits bei der Erstellung des Maßnahmenplans vor, die Mehrheit der Maßnahmen im Rahmen bestehender vielfach zuwendungsgeförderter Strukturen und Netzwerkprozesse umzusetzen. Zweitens: Bei einigen weiteren zentralen Akteure wie den im Rahmen des Integrierten Sozialprogramms geförderten Pflegestützpunkten,
Pflege in Not und der Zentralen Anlaufstelle Hospiz (ZAH) wurden die Zuwendungen im Rahmen des
Doppelhaushalts 2016/2017 erhöht. So erhalten die Pflegestützpunkte künftig 325.000 Euro jährlich mehr, Pflege in Not zusätzlich 65.000 Euro zuzüglich einer Förderzusage der AOK über 65.000
Euro und die ZAH weitere 6.000 Euro pro Jahr. Die Erhöhung dieser Zuwendungen wird die Umsetzung des Maßnahmenplans noch einmal zusätzlich befördern und unterstützen.

14.4 Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung
Das gesamtstädtisch ausgerichtete Kompetenzzentrum Pflegeunterstützung (KPU) in Trägerschaft
des Vereins zur Förderung von Selbsthilfe-Kontaktstellen (Selko e.V.) hat seine Tätigkeit im Oktober
2010 aufgenommen, nachdem es im Rahmen des § 45c SGB XI als innovative neue Versorgungsstruktur nach Landesrecht anerkannt wurde und vom Land Berlin gemeinsam mit dem Spitzenverband Bund der Pflegekassen finanziert wird.
Mit dem Pflege-Weiterentwicklungsgesetz, das im Juli 2008 unter anderem mit dem Ziel in Kraft
getreten ist, die Maßnahmen der Sozialen Pflegeversicherung besser auf die Bedürfnisse von
Menschen mit erheblichem allgemeinem Betreuungsbedarf, von Pflegebedürftigen und ihren
Angehörigen auszurichten, ist die Zahl der nach Landesrecht anerkannten niedrigschwelligen
Betreuungsangebote für den Personenkreis der demenziell und psychisch erkrankten und geistig
behinderten Menschen stetig angestiegen. ( Abschnitt 13) Ein Drittel dieser Projekte erhält

125

126

14. Information und Beratung

Fördermittel vom Land Berlin und dem Spitzenverband Bund der Pflegekassen. Darüber hinaus
werden Strukturen des freiwilligen Engagements und der Selbsthilfe in diesem Bereich gefördert.
Seit nunmehr fünf Jahren unterstützt das KPU den Aufbau qualitätsgesicherter Strukturen bzw.
begleitet deren Weiterentwicklung, zudem initiiert und organisiert es die Zusammenarbeit innerhalb
der Ehrenamtsstrukturen im Bereich Pflege. Es richtet sich somit an den Personenkreis der Anbieter
und Pflegenden, nicht unmittelbar an pflegebedürftige Personen. Die Gestaltung von
Versorgungsstrukturen von Menschen mit Demenz ist ein Schwerpunkt.
Mit Inkraftreten der Pflegestärkungsgesetze und der damit einhergehenden Novellierung der
Pflege-Betreuungs-Verordnung nimmt die Bedeutung niedrigschwelliger Betreuungsangebote hin
zu haushaltsnahen Entlastungsangeboten für einen erweiterten Kreis mit somatisch erkrankten
Anspruchsberechtigten deutlich zu. Das bedeutet auch für das KPU, die sich daraus ergebenden
neuen Aufgaben und Veränderungen beratend zu begleiten.
Besonderes Kennzeichen der vorgenannten Projekte ist, dass die Betreuung von ehrenamtlichen
Helferinnen und Helfern – unter pflegefachlicher Anleitung – durchgeführt wird. Vor diesem
Hintergrund übernimmt das KPU im Rahmen von Qualitätsmanagement u.a. die Unterstützung bei
Qualifizierungsmaßnahmen in Form von Basisschulungen, Fortbildungsmaßnahmen,
Erfahrungsaustauschen und Fachdiskussionen als wichtige Bausteine für eine optimale Betreuung
des Personenkreises. Außerdem entwickelt das KPU Instrumentarien, die
Qualifizierungserfordernisse und sonstige Qualitätsstandards erheben und wertet diese regelmäßig
aus.
Damit die Betroffenen und Ratsuchenden eine leicht zugängliche und einheitliche Information über
die Projekte erhalten können, wird vom KPU eine Datenbank bzw. Internetplattform gepflegt, die
über alle Projekte und Angebotserweiterungen aktuell informiert und mit wichtigen Internetseiten,
wie beispielsweise zum Hilfelotsen oder zum Pflegeportal des Landes Berlin verlinkt ist. Darüber
hinaus widmet sich das KPU seit 2014 ausgewählten übergreifenden Aufgaben zur Verbesserung
der Selbstorganisation von ambulant betreuten Pflege-Wohngemeinschaften. Diese beinhalten die
Beratung von Angehörigen, Betreuerinnen und Betreuern sowie Pflegebedürftigen bei rechtlichen
Fragen zu Pflege-Wohngemeinschaften. Zudem koordiniert es den vom Land Berlin eingerichteten
Arbeitskreis für ambulant betreute Pflege-Wohngemeinschaften zur Begleitung und Beförderung
der qualitativen Weiterentwicklung der Pflege-Wohngemeinschaften mit dem Ziel, den
Verbraucherschutz rund um Wohngemeinschaften zu stärken und die Angebotsqualität weiter zu
entwickeln.
Internetplattform des Kompetenznetzwerks:

 http://www.pflegeunterstuetzung-berlin.de
14.5 Kontaktstellen PflegeEngagement
Seit dem 01. Oktober 2010 gibt es in jedem Berliner Bezirk eine Kontaktstelle PflegeEngagement für
pflegeflankierendes Ehrenamt und Selbsthilfe. Die Förderung der Kontaktstellen PflegeEngagement
erfolgt auf der Grundlage der Pflege-Betreuungs-Verordnung (PBetreuVO). In den Berliner Kontaktstellen sind etwa 400 Menschen ehrenamtlich aktiv zur Entlastung von pflege- und hilfsbedürftigen
Menschen und ihren Angehörigen in der Häuslichkeit. Einsatzfelder sind Besuchs- und Begleitdienste, Gruppenleitung von Angehörigengruppen, Unterstützung von Nachbarschaftsinitiativen sowie
Pflege-Wohngemeinschaften. Insgesamt unterstützen die Kontaktstellen 100 pflegeflankierende
Angehörigengruppen und Angebote für Angehörige sowie 45 lokale Nachbarschaftsinitiativen.

14. Information und Beratung

Die Kontaktstellen PflegeEngagement und auch die niedrigschwelligen Betreuungsangebote sind
verlässliche Netzwerkpartner auf der bezirklichen Ebene, z. B in den Gerontopsychiatrischgeriatrischen Verbünden oder denen der demenzfreundlichen Kommune. Zu den Kooperationspartnern zählen u.a. die Pflegestützpunkte, Nachbarschafts- und Mehrgenerationenhäuser, Freiwilligenagenturen, Seniorenorganisationen und Dienstleister im Bereich Pflege und Medizin.
Weitere Informationen zu den Kontaktstellen PflegeEngagement:
 http://www.pflegeunterstuetzung-berlin.de/index.php?id=1229

14.6 Kompetenzzentrum Interkulturelle Öffnung der Altenhilfe (komzen)
Ältere Menschen mit Migrationshintergrund sind, wie ältere Menschen generell, vermehrt auf gesundheitliche, pflegerische und soziale Angebote angewiesen und spielen bei der Planung und Gestaltung pflegerelevanter Fragen zunehmend eine Rolle. Im Jahr 2014 hat in Berlin jeder zehnte
Einwohner über 65 Jahre einen Migrationshintergrund. Die Gruppe der türkischstämmigen Migrantinnen und Migranten ist am größten, gefolgt von der Gruppe der polnisch- und russischsprachigen
Menschen. Ein Großteil der ersten Zuwanderergeneration kam als Arbeitsmigranten. Viele von ihnen
planten im Alter die Heimkehr in ihre Herkunftsländer und entscheiden sich heute aus familiären
Gründen und oft mit Wehmut für das Pendeln zwischen ihrer heutigen Heimat und der ihrer Kindheit und Jugend. Ihre Vorstellungen vom Altern sind so vielfältig wie die Herkunft, kulturelle und
religiöse Hintergründe und individuelle Lebensumstände. Es ist zu beobachten, dass ältere Migrantinnen und Migranten vergleichsweise spät die gesundheitliche und pflegerische Versorgung in
Deutschland in Anspruch nehmen und ein erhöhtes Risiko haben, frühzeitiger pflegebedürftig zu
werden oder an Demenz zu erkranken.
Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund haben heute zumeist pflegerischen Rückhalt in der
Familie und im Wohnumfeld. Viele Familien nutzen die Unterstützung durch ambulante Pflegedienste und Tagespflegen. Zunehmend gern werden Wohngemeinschaften für Menschen mit Migrationshintergrund in Anspruch genommen und sind häufig der Wunsch von Familien und Pflegebedürftigen, wenn Pflege zu Hause, z. B. bei schwerer demenzieller Erkrankung, sich nicht mehr bewältigen
lässt. Sprachbarrieren und Wissensdefizite über das Berliner Angebot der Altenhilfe und Pflege und
dessen Finanzierung sind auf Seiten der Zuwanderer nach wie vor der größte Hemmschuh bei der
Inanspruchnahme notwendiger Leistungen. Häufig begleitet ältere Migrantinnen und Migranten
und ihre Familien auch die Sorge, schlecht gepflegt und wenig wertschätzend behandelt zu werden.
Diese Sorge, die viele Familien mit Angehörigen, die professionell gepflegt werden, ein Stück weit
teilen, gilt es ernst zu nehmen.
Auf institutioneller Seite der ambulanten, teil- und vollstationäre Pflegeeinrichtungen sowie Beratungs- und Seniorenfreizeitangebote gilt es, sich diesem Defizit vermehrt zuzuwenden, die frühzeitige Teilhabe an Gesundheits- und Pflegeleistungen zu stärken und an der jeweiligen Biografie orientiert zu arbeiten. Hierbei ist das durch die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales geförderte Kompetenzzentrum zur interkulturellen Öffnung der Altenhilfe (kom•zen) in Berlin ein wichtiger Partner bei der Entwicklung niedrigschwelliger Zugangswege.
Seit fast 15 Jahren engagiert sich das kom•zen als Informations- und Austauschplattform für die
Einbindung älterer Migrantinnen und Migranten in die Berliner Altenhilfe und Pflege. Vor allem
sensibilisiert, vernetzt und berät es u.a. Altenhilfe- und Pflegeeinrichtungen mit dem Ziel der Verankerung interkultureller Ansätze auf Leitungsebenen von Pflegeanbietern, Politik und Verwaltung,
gibt Impulse zur Entwicklung stabiler Netzwerke und begleitet die gesellschaftlichen und fachlichen
Debatten zu Integration und Migration. Seit mehreren Jahren unterstützt das Kompetenzzentrum
u.a. durch Schulungen die kultursensible Ausrichtung der Arbeit in den Pflegestützpunkten und

127

128

14. Information und Beratung

Bezirksämtern, berät hinsichtlich kultursensibler Lehrinhalte in Ausbildungsberufen oder sensibilisiert die Integrationslotsinnen und -lotsen beim Integrationsbeauftragten für Themen der Altenhilfe
und Pflege. Weitere Aufgabenschwerpunkte sind:
•

die Förderung von Ehrenamt unter älteren Migrant/innen und des Aufbau von Selbsthilfestrukturen in den Zuwanderer-Communities,

•

die Beratung und Begleitung der bezirklichen Fachämter am Runden Tisch zur Interkulturellen Öffnung der Altenhilfe in den Bezirken,

•

Öffentlichkeitsarbeit für den Beruf der Altenpflegefachkraft in ethnischen Medien,

•

und die Begleitung interkultureller Öffnungsprozesse im Rahmen von Modellprojekten.

Neben einer stationären Pflegeeinrichtung, der Vitanas Senioren Centrum Märkisches Viertel, werden zahlreiche Referenzmodelle in den Bezirken begleitet und veröffentlicht. Im Ergebnis eines
dieser Projekte gelang es im Bezirk Neukölln, russischsprachige Migrantinnen und Migranten für die
Arbeit in der bezirklichen Sozialkommission zu gewinnen, die insbesondere Kontakte zu zurückgezogenen, schwer erreichbaren Seniorinnen und Senioren mit Migrationshintergrund herstellt. In
Planung befinden sich zudem Modellprojekte zur Öffnung teilstationärer Einrichtungen.
Internetangebot des kom•zen:

 http://www.kompetenzzentrum-altenhilfe.de/
14.7 Projekt IdeM
Seit Mai 2003 gibt es das Projekt „IdeM“, die Informations- und Beratungsstelle für demenziell
erkrankte Migrantinnen und Migranten, in Trägerschaft des Sozialverbandes VdK Deutschland e. V.,
das gesamtstädtisch für demenziell erkrankte Migrantinnen und Migranten sowie deren Angehörige
tätig ist. Das Projekt wurde im Rahmen der niedrigschwelligen Betreuungsangebote im Mai 2005
nach Landesrecht anerkannt und erhält seitdem jährlich Fördermittel für Information, Beratung und
Vermittlung von demenziell erkrankten Migrantinnen und Migranten. Die Zielgruppe wurde auf
Menschen mit psychischen Erkrankungen und geistigen Behinderungen mit Migrationshintergrund
erweitert.
Hauptaufgabe des Projektes ist die Vermittlung von Migrantinnen und Migranten in die bestehenden Versorgungsstrukturen mit besonderem Augenmerk auf die niedrigschwelligen Betreuungsangebote. Das Projekt „IdeM“ arbeitet mit ehrenamtlichen Migrantinnen und Migranten unterschiedlicher Herkunft zusammen, die insbesondere als Sprachmittler eingesetzt werden. Das Projekt „IdeM“ bietet Information und Beratung in deutscher, aber auch in polnischer, russischer, arabischer,
serbo-kroatischer und türkischer Sprache an. Ein weiterer Schwerpunkt des Projektes ist die Öffentlichkeitsarbeit, um das speziell auf demenziell erkrankte Migrantinnen und Migranten ausgerichtete
Angebot berlinweit bekannt zu machen, Versorgungslücken aufzudecken, Zugangsbarrieren abzubauen und eine bessere Versorgung voranzutreiben.
Nach wie vor ist es wichtig, in der Berliner Öffentlichkeit ein größeres Verständnis und mehr Sensibilität für psychische und demenzielle Erkrankungen zu entwickeln, insbesondere für Menschen mit
Migrationshintergrund, welche Folgen demenzieller Erkrankungen häufig noch zu wenig kennen. Es
besteht vielfältiger Aufklärungsbedarf, um die Akzeptanz und den offenen Umgang mit dieser Erkrankung seitens Betroffener und Angehöriger zu fördern. Das Projekt „IdeM“ hat berlinweit ein
großes Netzwerk aufgebaut, arbeitet mit Träger übergreifenden Kooperationspartnern zusammen
und beteiligt sich verschiedentlich an Projekten im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit.

14. Information und Beratung

14.8 Beratung zur Alzheimer-Krankheit
Durch das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz sind die Möglichkeiten, sich Rat und Hilfe zu holen,
ausgebaut worden. Unter anderem bieten die Alzheimer Gesellschaft Berlin e.V. (AGB) und die
Alzheimer Angehörigen Initiative e.V. (AAI) in vielen Stadtteilen Beratung speziell zur AlzheimerKrankheit und zu anderen Demenzformen an. Sie informieren zu Krankheitsverlauf und
Therapiemöglichkeiten, zu Fragen des Umgangs mit Alzheimer- bzw. Demenzkranken sowie zu
Hilfsangeboten für Pflegebedürftige und Betroffene.
Die AGB wurde im Jahre 1989 von engagierten pflegenden Angehörigen Demenzkranker gemeinsam
mit Fachleuten gegründet. Damals wie heute besteht der Auftrag des gemeinnützigen Vereins in der
Verbesserung der Situation der Erkrankten und ihrer Angehörigen durch Hilfe zur Selbsthilfe. Zur
Unterstützung der Demenzbetroffenen und ihrer Familien treibt die AGB die Verbesserung des
Wissensstandes und die Aufklärung der Bevölkerung voran, indem sie berlinweit themenbezogene
Veranstaltungen durchführt und Informationsmaterialien erarbeitet. Sie klärt auf, informiert,
schult, sensibilisiert und berät bezirksübergreifend. In der Geschäftsstelle der AGB findet nach
vorheriger Terminabsprache eine neutrale, anonyme und kostenlose psychosoziale Beratung statt.
Die Zielgruppe sind pflegende Angehörige, (Früh-) Betroffene, Fachleute und die interessierte
Öffentlichkeit. Der zentrale Selbsthilfegedanke findet sich sowohl in der Initiierung und Begleitung
von offenen Gruppen für Angehörige als auch im regelmäßigen Durchführen von
Angehörigenschulungen wieder. Das Vereinsprojekt „Selbsthilfeinitiative zur Unterstützung von
Angehörigen Demenzkranker“ wird durch die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales
gefördert.
Auch die AAI setzt sich dafür ein, die Lebensqualität für Angehörige von Menschen mit Demenz und
ihre demenzerkrankten Familienmitglieder in Berlin zu verbessern. Sie stärkt Angehörige durch Hilfe
zur Selbsthilfe und wirkt aktiv mit bei der Entwicklung demenzfreundlicher Strukturen in den
Berliner Bezirken. Durch Beratung, Betreuung, Begegnung und Bildung schafft sie umfassende
individuelle Hilfen für Angehörige. Ihren Auftrag sieht sie dann erfüllt, wenn Angehörige und ihre
demenzerkrankten Familienmitglieder in einem nachhaltig demenzgerechten Umfeld leben können.
Erfahrungen und Expertise im Umgang mit Menschen mit Demenz bringt die AAI in Kooperationen
ein, die der Verbesserung des Umfeldes und der Versorgung dienen. Wichtige aktuelle
Arbeitsschwerpunkte sind:
•

die Verbesserung der Situation von Menschen mit Demenz im Krankenhaus,

•

die Verbesserung der nachstationären Langzeitversorgung von Menschen mit einer
Demenz nach Schlaganfall sowie

•

die Mitgestaltung einer demenzfreundlichen Kommune im Bezirk Lichtenberg.

Zur individuellen Unterstützung von Angehörigen Demenzerkrankter bieten die AAI eine breite
Palette von Hilfsangeboten in der Region Berlin. Dazu gehören Information, Beratung, Schulungen,
Angehörigengesprächsgruppen, niedrigschwellige Betreuungsangebote einzeln und in Gruppen,
Tanzcafés, gemeinsame soziale Aktivitäten und Betreute Urlaube. Ab 2015 bietet die AAI den
Angehörigen bzw. den Menschen mit Demenz im Betreuungsbereich eine zusätzliche Dienstleistung
an, den „Betreuungsdienst mit hauswirtschaftlicher Versorgung“. Durch die Teilnahme an einem
Modellprojekt des Spitzenverbandes hat die AAI seine Angebote um ein hilfreiches
Unterstützungsangebot erweitert.
Alzheimer Gesellschaft Berlin e.V. (AGB):

 www.alzheimer-berlin.de

129

130

14. Information und Beratung

Alzheimer Angehörigen Initiative e.V. (AAI):

 www.alzheimerforum.de.
14.9 Menschenkind
Das Projekt „MenschenKind - Fachstelle für chronisch kranke und pflegebedürftige Kinder“ in Trägerschaft des Humanistischen Verbandes Deutschlands Landesverband Berlin-Brandenburg e.V.
wurde nach Auflösung des Externen Pflegedienstes e.V. 2008 als Nachfolgeprojekt gemeinsam mit
dem Trägerverband und Vertretern der Liga der Freien Wohlfahrtsverbände konzipiert. Die Aufgabenstellung hat sich mit Etablierung der Berliner Pflegestützpunkte von der Beratung der Familien
weg entwickelt. Nach einem Personalwechsel und einer Neukonzipierungsphase in 2013 konnte die
Fachstelle ihre Arbeit mit folgenden Aufgabenschwerpunkten verstetigen:
•

Identifizierung, berlinweites Vernetzen und Qualifizierung von Akteuren,

•

Bündelung, Aufbereitung und Weitergabe von Informationen,

•

Aufarbeitung von strukturellen Versorgungsengpässen und Beteiligung an Präzedenzfällen.

Zielgruppen sind sowohl Leistungserbringer von Beratungs-, pflegerischen, medizinischen, therapeutischen, psychosozialen, pädagogischen und anderen Angeboten als auch Träger und Verbände.
Aber auch Gremien und Netzwerke, Politik und Verwaltung auf Landes- und Bezirksebene, die beteiligt sind an der oder (mit-) verantwortlich sind für die Versorgung von Familien mit schwerkranken
und betreuungsintensiven, pflegebedürftigen bzw. behinderten Kindern sowie die betroffenen Familien selber sind Zielgruppen der Arbeit von „MenschenKind“. Nur noch in wenigen speziellen Fällen
wird „MenschenKind“ beratend tätig, die Mehrheit der Fälle davon wird wiederum von anderen
Fachstellen an „MenschenKind“ herangetragen. Die Erfahrungen hierbei fließen mit ein in die Präzedenzfalldarstellungen, anhand derer sich strukturelle Problemlagen gut herausarbeiten lassen.
Dadurch werden Versorgungsengpässe aufgezeigt und Lösungsansätze zur Diskussion gestellt.
Das Care-Management stellt den überwiegenden Arbeitsschwerpunkt dar. Das Netzwerk der Kinderbeauftragten der Pflegestützunkte wird seit Jahren von „MenschenKind“ moderiert. Es finden jährlich bis zu acht Treffen statt. Das Angebot der Kinderbeauftragten gewinnt stetig an Zulauf, der
Bekanntheitsgrad ist noch ausbaufähig. Bei komplexen Fällen ist eine aufwendigere multiprofessionelle Versorgungskoordination erforderlich. Da diese Problematik von verschiedenen Stellen an das
Land herangetragen worden ist, wurde in 2015 über Landesmittel dazu eine Expertise „Versorgungskoordination bei Familien mit schwer und lebensverkürzend erkrankten Kindern“ vom Institut
AGP Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule Freiburg mit Unterstützung von „MenschenKind“ erstellt. Parallel lief eine aus der Elternselbsthilfe kommende Petition „Endlich ein zentraler
Lotsendienst für Familien mit versorgungs- oder betreuungsintensiven Kindern“, die den Bedarf an
Versorgungskoordination deutlich weiter fasst als in der Aufgabenstellung der Expertise formuliert.
Dies wurde auch bei einem Workshop im November 2015 unter Beteiligung der Elternselbsthilfe
thematisiert und muss bei weiteren Schritten hinreichend Berücksichtigung finden.
Die Fachstelle moderiert auch den Arbeitskreis Kinderintensivpflege Berlin. In 2014 erfolgte u.a. ein
Austausch mit dem MDK, in dessen Folge sich das Prüfverfahren reibungsloser gestaltete. Es wird
eine auf Qualitätsfragen ausgerichtete Arbeit verbunden mit einer Interessensvertretung der Kinderintensivpflege in Berlin angestrebt.
Zu den neueren Aufgaben gehört seit 2014 der Aufbau eines Kinderpalliativnetzwerkes (KiPaNet).
Hier erfolgt die Vernetzung der Spezialisierten ambulanten palliativen Versorgung für Kinder und
Jugendliche mit anderen in der palliativen Versorgung tätigen Akteuren. Ebenfalls seit 2014 arbeitet

14. Information und Beratung

„MenschenKind“ im Auftrag der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales bei der Entwicklung
einer Nationalen Umsetzungsstrategie der „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender
Menschen“ mit. Hierbei konnte die Fachstelle auch die Problematik der Dauerunterbringung von
Kindern mit lebensverkürzenden Erkrankungen einbringen, ein defizitärer Versorgungsbereich, für
den auch auf Berliner Ebene Handlungsbedarf besteht. Angesichts des verstärkten Zustroms von
Flüchtlingen in Berlin hat sich die Fachstelle mit der Versorgungssituation von pflegebedürftigen
Flüchtlingskindern intensiv beschäftigt und dazu Vorschläge eingebracht.
Die Fachstelle greift das komplexe Thema der Versorgung pflegebedürftiger Kinder insgesamt auf,
wirft einen vertieften Blick auf einzelne Elemente und sucht gezielt nach passenden Konzepten und
Lösungsansätzen. Dabei sind Versorgungsarrangements, die einem ganzheitlichen Konzept folgen,
gefragt. Herausforderungen stellen insbesondere Schnittstellenprobleme bzw. gesplittete Zuständigkeiten dar. Folgende strukturellen Problemlagen werden auch in den nächsten Jahren einen
Arbeitsschwerpunkt darstellen:
•

die Dauerunterbringung von intensivpflichtigen Kindern, für die qualitätssichernde Standards aktuell unter Einbeziehung der Fachstelle in Arbeit sind,

•

Kurzzeitpflege besonders bei Kindern und Jugendlichen, die neben pflegerischem Hilfebedarf auch einen hohen Betreuungsbedarf aufweisen, wo es bislang kein hinreichendes Versorgungsangebot in Berlin gibt und damit dringender Handlungsbedarf besteht,

•

Versorgungskoordination für Familien mit schwerstpflegebedürftigen und chronisch kranken Kindern, wo sich auf Grundlage der oben genannten wissenschaftlichen Expertise weitere Aufgaben für 2016 und die Folgejahre ableiten.

14.10 Pflege in Not
Die seit 1999 bestehende Beratungs- und Beschwerdestelle Pflege in Not (PiN) in Trägerschaft des
Diakonischen Werkes Stadtmitte wird gefördert über Zuwendungen des Landes und durch Mittel der
AOK Nordost. PiN wurde 2011 mit dem Berliner Gesundheitspreis ausgezeichnet. Das gesamtstädtische Stabsprojekt nimmt einen wichtigen Platz in der Versorgungslandschaft ein und hat sich als
übergeordnete Anlaufstelle in Überforderungssituationen, bei Konflikten und Gewalt etabliert. Es
betreibt ein Krisentelefon. PiN arbeitet gesamtstädtisch, anbieterneutral, verbands- und konfessionsübergreifend und nimmt im Bereich der Altenhilfe eine Scharnierfunktion zwischen Betroffenen,
Angehörigen, Leistungsanbietern, Fachkräften und sonstigen Akteuren ein.
Die hohe Belastung bei der Pflege älterer Menschen – in der Familie oder in Einrichtungen – kann
dazu führen, dass die Grenzen der eigenen Kraft erreicht werden. Überforderung, Empfindlichkeiten,
Konflikte und Auseinandersetzungen nehmen zu und äußern sich gegebenenfalls in Aggressionen
und Gewalt. Je länger die Pflegesituation dauert, desto einsamer und isolierter wird zudem unter
Umständen der Pflegende.
PiN richtet sich an pflegebedürftige alte Menschen, pflegende Angehörige, Angehörige von Heimbewohnern, andere Bezugspersonen Pflegebedürftiger, Pflegepersonal, Institutionen und Initiativen
der Altenhilfe sowie Medien und Multiplikatoren. PiN bietet Betroffenen, die sich mit Überforderung
und Gewalt konfrontiert sehen oder diese wahrnehmen, als Anlauf-, Informations-, Beratungs- und
Vermittlungsstelle umfassende Hilfe und Beratung an. Bei Unzufriedenheit der Pflegebedürftigen
mit der Pflege ihrer Angehörigen oder der Pflegeeinrichtung nimmt PiN Beschwerden entgegen und
versucht Abhilfe zu organisieren. Viele aussichtlos erscheinende Pflegesituationen konnten so entschärft werden.

131

132

14. Information und Beratung

Das Leistungsangebot, das anfangs nur die telefonische Beratung umfasste, wurde sukzessive um
persönliche Gespräche in besonders konflikthaften Situationen sowie Mediationsgespräche erweitert. Die AOK-Mittel ermöglichen es seit 2006, auch psychologische Beratung anzubieten. Schwerpunkt der Projektarbeit ist Beratung in akuten Krisensituationen, in gewaltförmigen und aggressiven Pflegesituationen, zur persönlichen Stabilisierung, über Verbraucherrechte und Beschwerdewege. In Ergänzung hierzu erfolgt Aufklärung über Entlastungsmöglichkeiten und ihre Finanzierung,
bei Bedarf Kontaktherstellung zu Heimaufsicht, Pflegekassen oder Medizinischem Dienst der Krankenkassen und Vermittlung zu anderen Beratungs- und Hilfeeinrichtungen, insbesondere Pflegestützpunkten. Vermittlungsgespräche und Mediation bei Konflikten mit oder in Pflegeeinrichtungen
sowie Informationsveranstaltungen zum Thema „Gewalt in der Pflege“ runden das Leistungsspektrum ab.
Mit seinem Leistungsangebot trägt das Projekt dazu bei, Mängel in der pflegerischen Versorgungsstruktur zu identifizieren und zu beseitigen, die Pflegequalität in (familialen) Pflegearrangements
zu verbessern, die „Kundenposition“ im Rahmen des Verbraucherschutzes zu stärken sowie die
öffentliche und private Aufmerksamkeit für die Problematik von Gewalt im Kontext Pflege zu schärfen. Ein handlungsorientierter Jahresbericht wertet alle zwei Jahre die Daten und Erfahrungen des
Projekts aus und leitet hieraus Trends und Wirkungen sowie Handlungsempfehlungen zur Verbesserung von Versorgungsangebot bzw. -struktur ab.
Quantitativ ist aufgrund der soziodemographischen Entwicklung in den nächsten Jahren mit einer
erheblichen Steigerung der Nachfrage zu rechnen. Dies macht die Erweiterung der Sprechzeiten
unabdingbar. Darüber hinaus waren qualitative Erweiterungen des Konzepts erforderlich: z. B. Ausbau der Bearbeitung von Beschwerden zur Versorgung in ambulant betreuten PflegeWohngemeinschaften; Einsatz des Instruments „Familiengespräche“ in geeigneten Fällen und die
Unterstützung pflegender Kinder und Jugendlicher. Das Land Berlin und die AOK Nordost verständigten sich, diesen Anforderungen durch einen Ausbau der Förderung Rechnung zu tragen.
Das Projekt unterstützt und begleitet zudem Expertenrunden und Projekte anderer Akteure. Zu
ihnen gehören aktuell CARIM (Caritas anonyme Risikomitteilung) des Caritasverbands für das Erzbistum Berlin e.V. und PfiFf "Pflege in Familien fördern" der AOK Nordost.
Einen besonderen Schwerpunkt bildete ein Projekt zur Verbesserung der Beratungsbesuche ambulanter Pflegedienste bei pflegenden Angehörigen nach § 37 Abs. 3 SGB XI. PiN beteiligte sich hier
maßgeblich an der Entwicklung und Erprobung eines standardisierten Beratungs- und Dokumentationsinstruments. Das Land unterstützt die Initiative zur Erhöhung der Qualität der Pflegeberatung
nach § 37 Abs. 3 SGB XI. Die Beratungspraxis zeigte, dass materielle Armut Treiber von Konflikten
sein kann und bewirkt, dass Betroffene Zugänge zu Entlastungsmöglichkeiten nicht beziehungsweise nur ungenügend nutzen. Durch ein auf 2015 befristetes Sonderprojekt werden diese Bedarfslagen überprüft, notwendige Konzeptanpassungen ermittelt und Handlungserfordernisse abgeleitet.
Ein wichtiger Kooperationspartner des Projekts sind die Pflegestützpunkte. Durch Ausarbeitung
eines Schnittstellenpapiers sowie Intensivierung des Fachaustauschs sollen Vernetzung und Zusammenarbeit von PiN und den Pflegestützpunkten optimiert werden. Die Arbeit des Projekts findet
in der Fachöffentlichkeit und in den Medien viel Beachtung. Die öffentliche und private Aufmerksamkeit für die Problematik von Gewalt im Kontext Pflege konnte so erheblich geschärft werden.

14.11 Zentrale Anlaufstelle Hospiz
Die Zentrale Anlaufstelle Hospiz (ZAH) in Trägerschaft der UNIONHILFSWERK Sozialeinrichtungen
gGmbH ist aus dem Bundesmodellprojekt „Hospizbüro“ (1997 - 2000) hervorgegangen und hat sich

14. Information und Beratung

seitdem als ein vom Land gefördertes gesamtstädtisches neutrales Spezialangebot rund um die
Themen Sterben, Tod und Trauer etabliert.
Schwerpunkt der Arbeit der ZAH an der Schnittstelle zur Pflege ist die Förderung des Ineinandergreifens der pflegerischen, hospizlichen und Palliative Care-Strukturen. Dazu gehört neben der Fortbildungs- und Beratungstätigkeit der ZAH in Berliner Pflegeeinrichtungen und Altenpflegeschulen
beispielsweise die Zusammenarbeit mit den Berliner Pflegestützpunkten. Hierunter fallen unter
anderem die Entwicklung von standardisierten Handreichungen für die Beratung zum Thema Sterben, Tod und Trauer, die bedarfsbezogene Organisation von Fortbildungen und die Beteiligung an
der berlinweiten Datenbank Hilfelotse.
Auch die in 2015 begonnene Abstimmung mit dem Netz der Berliner Kontaktstellen PflegeEngagement im Kontext der Verbesserung der Vorsorge für das Lebensende oder kritische Lebenssituationen gilt es in den nächsten Jahren weiter zu verfolgen. Einen immer größeren Raum nimmt die
Netzwerkarbeit ein. Besonders stark eingebunden ist die ZAH an der Organisation des Netzwerks
Palliative Geriatrie Berlin. Zu der Vielzahl von Aspekten, die für die Arbeit der ZAH mit dem neuen
Gesetz zur Verbesserung der Hospiz-und Palliativversorgung in Deutschland (HPG) einhergehen,
gehört u.a. auch die Beteiligung an einem Berliner Modellansatz zur Einführung der gesundheitliche
Versorgungsplanung in der vollstationären Altenpflege. Auch künftig ist die Expertise der ZAH an
fachlichen Diskursen im Schnittstellenbereich pflegerischer und hospizlich-palliativer Versorgung
gefragt. Die Beratung von Personen und Institutionen, die Öffentlichkeits-, Fortbildungs- und Netzwerkarbeit wird weitergeführt.

14.12 Schriftenreihe „GUT ALTERN in Berlin“ und weitere Veröffentlichungen
Im Zuge des demografischen Wandels steigen die Zahl der Bevölkerung über 65 Jahren und die Zahl der Pflegebedürftigen in Berlin
weiter an. Informationsbroschüren zu wichtigen Fragen der Gestaltung des letzten Lebensabschnittes unter besonderer Berücksichtigung der Berliner Rahmenbedingungen sind ein wichtiges Element
verbraucherorientierte Informationsweitergabe. Sehr gute Erfahrungen werden seit 2010 mit der neu eingeführten Schriftenreihe
Abbildung 67: Logo der
Schriftenreihe "GUT ALTERN in Berlin"

„GUT ALTERN in Berlin“ gemacht.
Sofern in dieser Reihe nicht Planungspapiere oder rechtliche Regelungen veröffentlicht werden, wird sie genutzt, um verbraucher-

freundlich aufgearbeitete Informationen zu Pflege- und Altersthemen zu verbreiten. Die Schriften
dienen der Unterstützung der Hilfe zur Selbsthilfe und sollen die betroffenen Menschen und ihre
Angehörigen bewegen, rechtzeitig Überlegungen anzustellen und Maßnahmen einzuleiten, die ein
selbstbestimmtes Leben bis zum Lebensende - auch bei Krankheit und Pflegebedürftigkeit - sichern
helfen. Insofern sind sie auch Teil der Präventionsarbeit im Land Berlin.
Bis auf das Jahr 2015 wurde jährlich mindestens eine Schrift zu den Themenfeldern Alter, Pflege,
Sterben, Tod und Trauer in dieser Schriftenreihe herausgegeben. Neben unregelmäßig erarbeiteten
Neuerscheinungen werden bestehende, in der Regel vergriffene Schriften in einem gewissen Turnus
in aktualisierter Form wieder aufgelegt. Es erfolgt die nach Jahren chronologisch aufbereitete Darstellung zu den Veröffentlichungen.

133

134

14. Information und Beratung

Jahr 2011
Was ist, wenn...? 22 Fragen zum Thema Häusliche Pflege
Die häusliche Pflege von Angehörigen ist in der Regel eine erfüllende, aber auch Kräfte zehrende
Aufgabe. Um sich auf sie vorzubereiten und den Pflegeprozess gemeinsam möglichst gut gestalten
und bewältigen zu können, benötigen Pflegebedürftige und pflegende Angehörige leicht verständliche Hilfestellungen und alltagspraktische Tipps und Informationen. Die 2010 erschienene Startbroschüre der Schriftenreihe baute auf eine Broschüre des Landes Nordrhein-Westfalen auf. In 2011
wurde die zweite Auflage mit leichten Aktualisierungen herausgegeben. Zur Schrift gehört auch ein
Faltblatt.
Broschüre zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/service/publikationen/index.php/detail/186
Erfahrung für Berlin. Generation 60+ bestimmt mit!
Die Veröffentlichung des Berliner Seniorenmitwirkungsgesetzes und der dazugehörigen Verwaltungsvorschrift erfolgte 2011 im Rahmen der Reihe. Hier sind unter anderem die maßgeblichen
Regelungen zum Landesseniorenbeirat veröffentlicht.
Broschüre zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/service/publikationen/index.php/detail/172
Jahr 2012
Pflege- und pflegeunterstützende Angebote in Berlin – Landespflegeplan 2011
Der Vorgänger dieses Landespflegeplans gibt einen Überblick über die im Land Berlin vorhandenen
Informationsmöglichkeiten und Hilfsangebote für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige. Darüber hinaus enthält er eine Darstellung der Bedarfsermittlung bis zum Jahr 2015 mit Ausblick auf die mögliche Entwicklung bis zum Jahr 2030.
Broschüre zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/service/publikationen/index.php/detail/192
Häusliche Pflege. Was tun bei Pflegefehlern, Abrechnungsmanipulation und Gewalt?
Die Broschüre gibt einen Überblick über Dinge, die in der häuslichen Pflege schief gehen können.
Anhand von Fallbeispielen wird Fehlverhalten dargestellt und es werden Hinweise für den Umgang
damit gegeben. Im Anhang finden Interessierte weitere themenbezogene Informationen und Anlaufstellen. Sie ist auch in kroatischer, polnischer, russischer und türkischer Sprache erschienen.
Broschüre in deutscher Sprache zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/service/publikationen/index.php/detail/182
Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz. Eine alternative Wohn- und Betreuungsform
Die Zahl der Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz hat sich in den letzten Jahren rasant
entwickelt. Die Broschüre beleuchtet die verschiedenen Facetten der neuen Wohn- und Versorgungsform. Während der erste Teil Fragen enthält, die bei der individuellen Entscheidung für oder
gegen die alternative Wohnform helfen sollen, geht es im zweiten Teil um Fragen rund um die
Gründung einer Wohngemeinschaft, Umzug und Eingewöhnung sowie einen gelungenen Alltag.
Broschüre zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/service/publikationen/index.php/detail/206

14. Information und Beratung

Wenn Ihr Arzt nicht mehr heilen kann. Informationen rund um die Themen Sterben, Tod und Trauer
Der in Kooperation mit der Zentralen Anlaufstelle Hospiz des Unionhilfswerkes erarbeitete Wegweiser informiert über die Themen Sterben, Tod und Trauer. In Berlin gibt es eine Vielzahl von Angeboten, die sterbenden Menschen und ihren Angehörigen auf ihrem Wege helfen sollen. Die Broschüre
listet diese Beratungs- und Unterstützungsangebote auf. Sie soll Mut machen, die schwierige Situation zu meistern und sich Hilfe und Unterstützung zu holen. In der überarbeiteten 3. Auflage wurde
auch ein Abschnitt Hilfen für Familien mit einem schwerkranken oder sterbenden Kind aufgenommen. Die Broschüre enthält u.a. auch einen Abschnitt zur Vorsorge. In den Frühjahren 2014 und
2015 wurden Einlegeblätter zu den zwischenzeitlich eingetretenen Aktualisierungen erstellt und
veröffentlicht.
Broschüre zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/service/publikationen/index.php/detail/168
Jahr 2013
Leitlinien der Berliner Seniorenpolitik
Die Broschüre enthält den Text der Leitlinien der Berliner Seniorenpolitik 2013. In 17 Handlungsfeldern sind Ziele und Maßnahmen festgelegt, um die Lebensqualität der älteren Berlinerinnen und
Berliner weiter zu verbessern und ihre Beteiligung an der Gestaltung der Stadtgesellschaft zu sichern. Zu den 17 Leitlinien gehören u.a. die Leitlinien Pflege im Alter, Wohnen im Alter, Ältere Migrantinnen und Migranten, Hospiz- und Palliativangebote.
In diesem Jahr wurden auch alle Informationsblätter der Berliner Pflegestützpunkte sowie weitere
wichtige Faltblätter in leichte Sprache bzw. in sieben Fremdsprachen (arabisch, türkisch, polnisch,
russisch, bosnisch, vietnamesisch, englisch) übersetzt und veröffentlicht.
Broschüre zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/service/publikationen/index.php/detail/170
Dokumentation des 1. Berliner Dialogforums
Ebenfalls in 2013 erschien die Dokumentation des 1. Berliner Dialogforums am 4. September 2012
zum Thema: “Wege zur guten Pflege – Wie wollen wir leben? Pflegewohngemeinschaften in Berlin”,
die von der Patientenbeauftragten herausgegeben worden ist.
Broschüre zum Download:

 https://www.berlin.de/lb/patienten/service/publikationen/
Jahr 2014
Was ist, wenn...? 22 Fragen zum Thema Häusliche Pflege
Es erfolgte die Herausgabe der um die Änderungen der letzten beiden Pflegereformen (Pflegeneuausrichtungsgesetz, Erstes Pflegestärkungsgesetz) aktualisierten 3. Auflage der Broschüre „Was ist,
wenn ...?“ einschließlich des Faltblattes in einer Auflagenhöhe von 20.000 Stück.
Broschüre zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/service/publikationen/index.php/detail/188
Faltblatt Ehrenamtliche Besuchsdienste in Berlin
Das Faltblatt gibt einen knappen Überblick zu den ehrenamtlichen Besuchsdiensten in Berlin, die
einsame alte, mobilitätseingeschränkte, behinderte, kranke oder pflegebedürftige Menschen besu-

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136

14. Information und Beratung

chen. Die Menschen leben in der eigenen Wohnung, einer Pflege-Wohngemeinschaft, im Pflegeheim,
im Hospiz oder werden im Krankenhaus versorgt. Im Faltblatt angeführt sind auch die Ende 2010
erstmal mit Mitteln des Landes und der Pflegeversicherung finanzierten und inzwischen gut etablierten Kontaktstellen PflegeEngagement angeführt. Das Faltblatt ist in auch in türkischer, russischer und englischer Sprache erhältlich.
Broschüre in deutscher Sprache zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/service/publikationen/index.php/detail/198
Sozialstrukturatlas
In 2014 erschien außerhalb der Reihe „Gut altern in Berlin“ der „Handlungsorientierte Sozialstrukturatlas Berlin 2013“. Darin wird die sozialstrukturelle Lage und Entwicklung der Berliner Bevölkerung anhand von 66 Indikatoren aus den Bereichen Bevölkerungs- und Haushaltsstruktur, Bildungsstand, Erwerbsleben, Einkommen, sowie Gesundheit in den Berliner Bezirken und Sozialräumen
dargestellt und analysiert.
Der Sozialstrukturatlas dient als wichtige Grundlage für die Planung der Politikfelder Gesundheit
und Soziales des Senats. Erstmals enthält der Sozialstrukturatlas im Rahmen der Handlungsfelddarstellung auch einen Abschnitt zur Pflege. Von den aktuellen Daten wird die Notwendigkeit eines
weiteren bedarfsgerechten Ausbaus von Strukturen in Altenhilfe und Pflege abgeleitet. Dabei soll
die Pflege in das gemeinschaftliche Leben vor Ort eingebettet, organisiert und koordiniert werden.
In den kommenden Jahren sind unter anderem alternative Wohn- und Versorgungsformen zu stärken und ist die Infrastruktur zur Unterstützung pflegender Angehöriger auszubauen.
Broschüre zum Download:

 https://www.berlin.de/sen/gessoz/_assets/publikationen/gesundheits-undsozialberichterstattung/gesundheitsberichterstattungepidemiologie/spezialberichte/gbe_spezial_2014_1_ssa2013.pdf
Jahr 2015
Diskussionspapier 80plus
Obwohl die gesundheitliche und pflegerische Versorgung in Berlin als gut eingeschätzt wird, gibt es
eine Reihe von Handlungsbedarfen, insbesondere zur Verbesserung der Übergängen und Schnittstellen zwischen den einzelnen Versorgungsbereichen. Bei hochaltrigen, am Lebensende stehenden
Menschen bestehen hier besondere Herausforderungen. Die Ergebnisse der Überlegungen der Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales flossen in das Diskussionspapier „Gesundheitliche und
pflegerische Versorgung hochaltriger Menschen - 80plus“ ein.
Diskussionspapier zum Download:

 http://www.berlin.de/sen/gessoz/80plus/
„Wenn das Leben endet …“
In fachlicher Abstimmung mit der Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung von Gesundheit
Berlin-Brandenburg e.V. wurde die Broschüre „Wenn das Leben endet…“ außerhalb der Schriftenreihe „Gut altern in Berlin“ veröffentlicht. Die Broschüre enthält komprimiert die wichtigsten Informationen und Anlaufstellen zur Vorsorge am Lebensende und Unterstützung in Berlin im Überblick.

14. Information und Beratung

Broschüre zum Download:

 http://www.gesundheitbb.de/fileadmin/user_upload/MAINdateien/GesBB/Materialien/Publikationen/Wenn_das_Leben-web.pdf
Ausblick
Geplant sind für die nächsten Jahre u.a. Veröffentlichungen zur Rahmenstrategie „Gesundheitsversorgung und Pflege im hohen Alter – 80plus“ sowie die Neuauflage der Broschüre „Was ist, wenn...?“
unter Berücksichtigung der Änderungen aus dem Zweiten Pflegestärkungsgesetz.

14.13 Zusätzliche Beratungs- und Informationsangebote im Internet
Ob Online-Beratung für Pflegende oder Lotsen zum passenden Pflegedienst oder Pflegeheim – Pflegen ohne Recherche im Internet ist schon jetzt für viele undenkbar. Als Erstinformationsmedium
gewinnt es immer mehr an Bedeutung, da es zeitunabhängig zur Verfügung steht. Für Pflegende,
insbesondere für pflegende Angehörige, die ständig in Bereitschaft sind, unter großem Druck stehen, in ihrem Aktionsradius eingeschränkt sind, ist es besonders wichtig, schnell und unkompliziert
an Informationen zu kommen. Je höher die Pflegestufe, je stärker ausgeprägt die Anbindung an das
Zuhause, desto wichtiger ist das Internet als Informationsquelle. Auch als Hilfe bei Pflegefragen und
seelischen Belastungen gewinnt das Internet ständig an Bedeutung.
Das Land Berlin hat schon frühzeitig die Entstehung internetgestützter Informationsangebote unterstützt und gefördert. Hinzu kommt eine wachsende Anzahl von Angeboten der Pflegekassen,
gemeinnütziger oder freier Träger, die diese Landschaft stetig bereichern. Seit Ende 2007 bestand
als Ergebnis der „Transparenzoffensive Berlin“ ein Pflegeportal bei der für Soziales zuständigen
Senatsverwaltung. Diese dort hinterlegten Informationen wurden 2014 neu gegliedert und noch
ausführlicher aufbereitet. Verbraucherinnen und Verbraucher finden hier übersichtlich gegliedert
ausführliche Informationen rund um das Thema Pflege.
Pflegeportal der Senatsverwaltung für Soziales und Gesundheit:

 www.berlin.de/sen/soziales/themen/pflege-und-rehabilitation
Die rechtlichen Grundlagen für die Bewilligung von Sozialleistungen stehen Verbraucherinnen und
Verbraucher über die Vorschriftensammlung zum Berliner Sozialrecht zur Verfügung. Die Vorschriftensammlung enthält Landesgesetze, Rechtsverordnungen, Verwaltungsvorschriften, Rundschreiben und weitere Regelungen für Menschen mit Behinderungen, Pflegebedürftige, Leistungsberechtigte nach dem SGB XII und Asylbewerberleistungsgesetz sowie Wohnungslose.
Vorschriftensammlung zum Berliner Sozialrecht:

 http://www.berlin.de/sen/soziales/berliner-sozialrecht/
Ausführliche Informationen zu vertraglichen Angelegenheiten nach dem SGB XI und SGB XII im
Sozialressort sind ebenfalls auf den Internetseiten der Senatsverwaltung übersichtlich hinterlegt.
Dort finden sich Informationen zum:
•

Rahmenfördervertrag und Kooperationsvereinbarungen zur Förderung gesamtstädtischer
niedrigschwelliger Angebote der Wohlfahrtsverbände,

•

aktuelle und allgemeine Informationen zu Vertragsangelegenheiten,

•

die Verträge für die Leistungsbereiche ambulante Pflege, Pflegeheime, Kurzzeitpflege, Tagespflege und stationäre Hospize,

137

138

14. Information und Beratung

•

Informationen zu den Vertragsangelegenheiten zur Eingliederungshilfe sowie Einrichtungen und Dienste für Menschen mit Behinderungen sowie

•

die Vergütungen beziehungsweise Fachleistungsstunden, die einrichtungsindividuell für
Pflegeeinrichtungen und stationäre Hospize (gemäß SGB XI) sowie für Einrichtungen der
Eingliederungshilfe und der Hilfe in besonderen sozialen Schwierigkeiten (gemäß SGB XII)
vereinbart wurden.

Informationen zu vertraglichen Angelegenheiten:

 www.berlin.de/sen/soziales/themen/vertraege
Gemäß § 115 Absatz 1a SGB XI haben die Landesverbände der Pflegekassen sicherzustellen, dass
die in den Pflegeeinrichtungen erbrachten Leistungen und deren Qualität, insbesondere im Hinblick
auf Aspekte der Ergebnis- und Lebensqualität, offengelegt werden. Die Pflegekassen kommen dieser
ihnen durch das SGB XI zugewiesenen Aufgabe durch die Bereitstellung von Datenbanken und umfassenden Informationen zum Thema Pflege im Internet nach. Die Verbraucherinnen und Verbraucher können sich auf den Internetseiten der Kassen beispielsweise über die Größe, die Kosten, besondere Versorgungsformen, die Lage sowie über die entsprechenden Anschriften der Einrichtungen
und die Bewertung durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung informieren. Auch ein
Vergleich ausgesuchter Einrichtungen ist möglich.
Informationen der AOK:

 www.aok-gesundheitsnavi.de
Informationen des vdek – Verband der Ersatzkassen:

 www.pflegelotse.de
Informationen der BKK:

 www.bkk-pflegefinder.de (BKK)
Informationen der Knappschaft:

 www.der-pflegekompass.de (Knappschaft)
Auf Bundesebene kooperieren die vier Pflegekassen Barmer GEK Pflegekasse, TKPflegeversicherung, DAK-Gesundheit-Pflegekasse sowie die hkk-Pflegeversicherung und unterstützen gemeinsam das Online-Portal pflegen-und-leben.de. Das Beratungsportal für pflegende Angehörige wurde zunächst im Rahmen eines Modellprojekts auf Bundesebene zwischen 2010 und 2013
etabliert und nach Auswertung der Modellphase im April 2014 verstetigt. Das Internetportal bietet
neben umfangreichen Informationen eine anonyme und kostenlose Online-Beratung für alle pflegenden Angehörigen, die gesetzlich krankenversichert sind. Sie finden hier persönliche Unterstützung und psychologische Begleitung bei seelischer Belastung durch den Pflegealltag.
Online-Beratung für pflegende Angehörige:
 http://www.pflegen-und-leben.de/
Bei COMPASS, der Privaten Pflegeberatung der PKV, erhalten alle Ratsuchenden eine kurzfristige
und kostenlose Beratung am Telefon und weiterführende Informationsmaterialien über die Internetseite. Privatversicherte können sich darüber hinaus auch in ihrem eigenen Wohnumfeld beraten
lassen.
Internetseite der Pflegeberatung der PKV:

 www.compass-pflegeberatung.de

14. Information und Beratung

Gesundheitsberater-berlin.de ist das Such- und Beratungsportal von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin. Das Portal ermöglicht es, über leicht verständliche Suchmasken den individuell am
besten passenden Gesundheitskurs, die Arztpraxis, das Krankenhaus, die Rehaklinik und das passende Pflegeheim zu finden. Als Beratungsportal bietet es zudem mit Reportagen, Erklärtexten und
Adressübersichten umfassende Informationen über Krankheiten, deren Therapien beim niedergelassenen Arzt, im Krankenhaus, über die Nachsorge in einer Rehaklinik zum Alltag im Pflegeheim,
zum Thema Gesundheit erhalten sowie für den Notfall eine Übersicht über Rettungsstellen und
Allgemeine Notrufnummern.
Internetseite des Such- und Beratungsportals:

 www.gesundheitsberater-berlin.de
Die AOK Nordost – Die Gesundheitskasse hat das Projekt PfiFf – „Pflege in Familien fördern“ entwickelt. PfiFf richtet sich an Angehörige, die Patienten nach einem Krankenhausaufenthalt zu Hause
pflegen, versorgen und begleiten. In Kooperation mit teilnehmenden Krankenhäusern sollen pflegende Angehörige durch individuelle Schulungen und Anleitungen für die Pflegetätigkeit qualifiziert
sowie in ihrer neuen Lebenssituation unterstützt und gestärkt werden. Die Homepage bietet Interessierten neben projektbezogenen Informationen und Angeboten weitere praktische Hilfen zur
Pflege eines Angehörigen. Alle Angebote sind kostenlos und können unabhängig von der Kassenzugehörigkeit in Anspruch genommen werden.
Internetseite des Projekts PfiFf:

 www.aok-pfiff.de
Die Datenbank der Berliner Selbsthilfe Kontakt- und Informationsstelle bietet eine umfangreiche
Datensammlung zum Angebot an Selbsthilfegruppen.
Internetseite der Berliner Selbsthilfe:

 www.sekis-berlin.de
Angesichts der zunehmenden Bedeutung des Internets und der Ausdifferenzierung des Angebots gilt
es, das Angebot für die Verbraucher insbesondere im Hinblick auf Zugänglichkeit zu benötigten
Informationen und Rechercheaufwand zu strukturieren und qualitativ zu verbessern. Für Berlin
bedeutet dies insbesondere, sukzessive die Gestaltung der Eingangsseiten der wichtigsten Plattformen und der Recherchemöglichkeiten zu verbessern und sie stärker aufeinander auszurichten und
miteinander zu vernetzen.

139

140

15. Zusammenfassung

15. Zusammenfassung
Die Zahl der Älteren steigt und damit wächst auch die Zahl der Pflegebedürftigen in Berlin kontinuierlich. Ende des Jahres 2013 wies die amtliche Pflegestatistik für Berlin 112.509 Pflegebedürftige
aus. Drei von vier Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt, nur ein Viertel lebt in einem Pflegeheim. Berlins größten Pflegedienst bilden weiterhin die Angehörigen der Pflegebedürftigen. Mehr als
die Hälfte aller Pflegebedürftigen wird allein durch sie gepflegt. Der Großteil der zu Hause Gepflegten fällt unter die Pflegestufe I, aber auch mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen mit der Pflegestufe III werden zu Hause versorgt. Bei der Verteilung auf die Pflegestufen zeigt die Pflegestatistik
für Berlin einen kontinuierlichen Anstieg der Pflegebedürftigen in Pflegestufe I, die Anteile in Pflegestufe II und in Pflegestufe III nahmen hingegen ab. Frauen weisen nach wie vor wegen ihrer höheren
Lebenserwartung die höheren Pflegequoten auf. Sie stellen zwei Drittel der pflegebedürftigen Menschen.
Die Kapazitäten in der ambulanten Pflege durch Pflegedienste sind zwischen 1999 und 2013 deutlich schneller angestiegen als die Zahl der Pflegebedürftigen. Der Kapazitätsausbau basiert hierbei
sowohl auf der Zunahme der Zahl der Pflegedienste als auch einem Zuwachs beim Personal. Die
Kapazitäten in der stationären Pflege sind zwar auch gewachsen, bleiben aber beim Zuwachs der
Anzahl der Einrichtungen, der verfügbaren Plätzen, des Personals und den in Pflegeheimen versorgten Pflegebedürftigen deutlich hinter der ambulanten Pflege durch Pflegedienste zurück. Der Kapazitätsausbau hat dazu geführt, dass Pflegebedürftigen im ambulanten Bereich am Wochenende und
nachts ausreichend ambulante Versorgungsangebote zur Verfügung stehen, sie hier sogar über
umfangreiche Wahlmöglichkeiten verfügen und auch bei den Pflegeheimen nicht auf einen Platz
warten müssen.
In Berlin arbeiteten im Dezember 2013 rund 42.040 Menschen in der Pflege, davon 20.632 in
stationären Einrichtungen und 21.408 Beschäftigte in den ambulanten Pflegediensten. Sowohl im
ambulanten wie auch im stationären Bereich arbeiten je 80% Frauen. Seit 2003 gab es einen
Zuwachs der Beschäftigten in der stationären Pflege um 22,5% und im ambulanten Bereich von
65,3%. Die Zahl der Beschäftigten ist also anteilig deutlich stärker gestiegen als die der
Pflegebedürftigen. Während im ambulanten Bereich die Quote der Vollzeitbeschäftigten seit 2003
leicht anwachsen konnte, ist sie im stationären Bereich deutlich gesunken. Insgesamt waren 2013
nur noch rund 40% der professionell Pflegenden in Vollzeit beschäftigt.
Die Statistik weist zum 15. Dezember 2013 insgesamt 567 Pflegedienste in Berlin aus. Dabei sind es
mit 442 privaten Anbietern insbesondere sie, die die steigende Nachfrage abdecken.
Gegenüber dem Landespflegeplan 2011 hat sich die Zahl der angebotenen Langzeitpflegeplätze um
lediglich 93 auf 32.998 Plätze erhöht. Die Zahl der Einrichtungen hat sich von 309 auf 290 verringert. Dabei sind private Träger am stärksten vertreten. Bei einer durchschnittlichen Auslastung der
Einrichtungen von 89% steht Heimplatzsuchenden in den Berliner Bezirken eine ausreichende Anzahl an freien Plätzen zur Verfügung. Eine individuelle Auswahl zwischen verschiedenen Pflegeangeboten, einschließlich der besonderen Pflegeangebote, ist möglich. Es wird aber auch deutlich,
dass es seit 2011 kaum eine Änderung in der Anzahl der angebotenen Plätze gab.

15. Zusammenfassung

Ein Grund für die Stagnation der Entwicklung ist das in den letzten Jahren gestiegene Angebot in
der ambulanten Pflege. Die Bewohnerstruktur hat sich insgesamt stark verändert. Die Verweildauern sind wesentlich kürzer, weil die Menschen in der Regel erst in einem sehr hohen Alter in die
Einrichtungen ziehen. Das durchschnittliche Einzugsalter liegt bei 82 Jahren und ist damit wieder
leicht angestiegen. Damit verbunden sind auch das Durchschnittsalter der Bewohnerinnen und
Bewohner und die Multimorbidität angestiegen, die Leistungen für die behandlungspflegerischen
Maßnahmen und der Aufwand für die Pflege Sterbender haben zugenommen. Daraus ergeben sich
wiederum gestiegene Anforderungen an das Personal in stationären Einrichtungen. Zum anderen
gilt es neben der Verbesserung grundsätzlicher Rahmenbedingungen für die Arbeit der Pflegeheime
die Entwicklung von Hospizkultur und Palliativkompetenz weiter zu stärken.
Mit Stand 20. Oktober 2015 gibt es in Berlin 89 Tagespflegeeinrichtungen mit 1.658 Plätzen. Ein
Angebot der Nachtpflege besteht nach wie vor nicht. Mit Stand 01. Januar 2016 gibt es in Berlin 23
Kurzzeitpflegeeinrichtungen mit 400 Plätzen und damit weniger Einrichtungen und Plätze gegenüber dem Landespflegeplan 2011. Dies wird insbesondere auf vergleichsweise hohe Personal- und
Sachkosten, große saisonale Auslastungsschwankungen und damit verbunden eine geringe Planungssicherheit zurückgeführt. Da die Zahl der zu Hause lebenden Pflegebedürftigen weiter zunehmen wird und die Verweildauer in Krankenhäusern voraussichtlich weiter sinkt, kann das Angebot der Kurzzeitpflege an Bedeutung gewinnen. Zudem gibt es einen Bedarf der Kurzzeitpflege für
schwerstkranke, pflegebedürftige Kinder und Jugendliche.
In Berlin gab es Anfang November 2015 594 Wohngemeinschaften mit insgesamt 4.445 Plätzen. Sie
haben sich zu einem wichtigen Teil der Versorgung entwickelt. Aktuell hat Berlin wahrscheinlich das
größte und differenzierteste Angebot im Bundesgebiet vorzuweisen. Für deutlich über die Hälfte der
Wohngemeinschaften wiesen die Pflegedienste Demenz als Schwerpunkt aus.
Bis 2030 wird die Zahl der Pflegebedürftigen auf 170.000 Menschen anwachsen. Im Bereich der
pflegerischen Versorgung wird es zu einem enormen Anpassungsdruck der bestehenden ambulanten und stationären Versorgungsstrukturen und einem erheblichen Fachkräftebedarf kommen. Bei
Fortschreibung der bisherigen Verteilung auf die verschiedenen Versorgungsformen und bei der
Annahme einer Steigerung der Zahl der Pflegebedürftigen auf 170.000 Personen bis 2030 ergibt
sich ein Bedarf an zusätzlichem Personal in der Größenordnung von rund 22.000 Beschäftigten.
Zugleich wird die Zahl der Hochaltrigen bis 2030 deutlich wachsen. Um den Anforderungen einer
älter werdenden Gesellschaft noch besser gerecht zu werden und alte Menschen dabei zu unterstützen, möglichst lange aktiv und eigenständig zu leben, hat die Senatsverwaltung das Projekt 80plus
auf den Weg gebracht. In einem ersten Schritt wurde das Diskussionspapier „80plus - Gesundheitliche
und pflegerische Versorgung hochaltriger Menschen“ vorgelegt. Das Diskussionspapier bildet die
Grundlage für einen berlinweiten, mehrstufigen Dialogprozess. Die Ergebnisse sollen bis zum Sommer 2016 in eine Rahmenstrategie zur Verbesserung der gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung hochaltriger Menschen in Berlin münden.
Die Förderung der Ausbildung in der Altenpflege, die Weiterentwicklung der Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen stellen entscheidende Instrumente dar, um eine angemessene pflegerische Versorgung in einer älter werdenden Gesellschaft
auch in der Zukunft sicherzustellen. Zur Deckung des Nachwuchs- und
Pflege(fach-)kräftebedarfs muss die Zahl der Vollzeitstellen erhöht werden, die gleiche Bezahlung
der männlichen und weiblichen Beschäftigten umgesetzt werden und Maßnahmen zur Förderung
und zum längeren Erhalt der Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit ergriffen werden. Auf Grundlage
der Fortschreibung der Ausbildungszahlen ist der Personalbedarf in der Altenpflege bei gleichblei-

141

142

15. Zusammenfassung

benden Rahmenbedingungen nicht zu decken. Unklar ist derzeit, welche Effekte das Pflegeberufereformgesetz mit der Einführung der generalistischen Ausbildung auf die Ausbildungszahlen in der
Altenpflege haben wird und wie groß der grundsätzlich als positiv einzuschätzende Effekt der
Schulgeldbefreiung wird.
Bei Fortschreibung der bisherigen Versorgungsanteile werden 2030 42.500 Menschen in einem
Pflegeheim versorgt. Dies entspricht einem Anstieg um etwa 15.000 Personen im Vergleich zu 2013.
Die Zahl der Menschen, die zu Hause versorgt würde, stiege um ca. 42.500 Personen, wobei die Zahl
der von Pflegediensten versorgten Personen um rund 14.000 und die Gruppe der Pflegegeldempfänger um nahezu 30.000 Personen ansteigen würde. Angesichts der prognostizierten Zahl an Pflegebedürftigen für 2030 von etwa 170.000 Personen müssen die Kapazitäten in Pflegeheimen und
bei den Pflegediensten erheblich gesteigert werden, um den erreichten Versorgungsgrad halten zu
können. Die Zahlen zeigen aber insbesondere, dass zur Erhaltung der bestehenden Versorgungsrelationen das Feld der pflegenden Angehörigen ein zentrales Handlungsfeld sein sollte. In dem Umfang, in dem sich der Anteil, der auf Pflege durch Angehörige entfällt, reduziert, steigt der Bedarf
nach professioneller Pflege zwangsläufig an. Angesichts der demografischen Entwicklung und der
mit dem Pflegestärkungsgesetz II verbundenen Leistungssteigerungen ist künftig damit zu rechnen,
dass sich die Zahl der zu Hause lebenden Pflegebedürftigen, die professionelle Unterstützung durch
Pflegedienste benötigen, weiter erhöhen wird. Hierbei wird insbesondere die Entwicklung der Haushalts- und Familienstrukturen, die Care Migration, die zu erwartende starke Zunahme der Demenzerkrankungen und der hochaltrigen vielfach multimorbiden Pflegebedürftigen Einfluss auf den
zukünftigen Bedarf haben.
Um die Pflegebereitschaft und -fähigkeit der Angehörigen angesichts verstärkter Frauenerwerbstätigkeit, Arbeitsmobilität, sich verändernden Familienverhältnissen, zunehmender Hochaltrigkeit und
damit Pflegebedürftigkeit sowie der steigenden Zahl der Singlehaushalte auch für die Zukunft zu
erhalten, müssen die pflegenden Angehörigen selbst in ihrer eigenständigen Rolle, mit ihren Bedürfnissen hinsichtlich ihrer eigenen Lebensqualität noch stärker als heute in den Blick genommen
werden.
Das Land Berlin verfügt über ein gut ausgebautes Netz an Informations- und Beratungsstellen und
weiteren pflegeflankierenden Diensten. In diesem Gesamtnetz spielen die Pflegestützpunkte eine
wichtige Rolle. Ihre Bedeutung wird in Zukunft noch zunehmen, insbesondere für die Beratung
pflegender Angehöriger. Mit den Änderungen durch die Pflegestärkungsgesetze und vor dem Hintergrund der bereits beschriebenen Zunahme der Nachfrage kann von einem erhöhten Beratungsbedarf zu den Leistungen des SGB XI ausgegangen werden. Mit der damit anstehenden Überarbeitung der Pflege-Betreuungs-Verordnung werden die Rahmenbedingungen für die niedrigschwelligen
Angebote gemäß § 45c SGB XI neu bestimmt. Die Pflegestützpunkte werden aufgrund der voraussichtlich erheblich steigenden Anfragen auch einen erhöhten Fortbildungsbedarf haben, um weiterhin kompetent beraten bzw. Auskunft geben zu können.
Der Bundesgesetzgeber hat mit dem Pflegestärkungsgesetz II die Bedürfnisse Demenzerkrankter
stärker als je zuvor seit Bestehen der Pflegeversicherung aufgegriffen und ermöglicht künftig auch
die Inanspruchnahme haushalts- und teilhabebezogener Leistungen. Die Lage von Menschen mit
Demenz wird sich dadurch sowie auf Grundlage des in Berlin insgesamt gut ausgebauten ambulanten und (teil-) stationären Versorgungsangebotes im Pflege- und Gesundheitsbereich tendenziell
verbessern.
Eine wichtige Aufgabe ist es zudem, Informationen zu dem stark ausdifferenzierten Angebot im
Bereich der Pflege leichter zugänglich zu machen und besser zu strukturieren, um den Recherche-

15. Zusammenfassung

aufwand für Betroffene und ihre Angehörigen zu verringern. Für Berlin bedeutet dies insbesondere,
die Gestaltung der Eingangsseiten der wichtigsten Plattformen und der Recherchemöglichkeiten
sukzessive zu verbessern, sie stärker aufeinander auszurichten und miteinander zu vernetzen.

143

144

Abbildungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Logo 80plus

19

Abbildung 2: Pflegebedürftige in Berlin 1999 - 2013

22

Abbildung 3: Pflegebedürftige und ihre Versorgung in Berlin im Dezember 2013

23

Abbildung 4: Anteil der Pflegebedürftigen nach Geschlecht und Versorgungsform

23

Abbildung 5: Pflegebedürftige nach Versorgungsart 1999-2013

24

Abbildung 6: Verteilung der Versorgungsform nach Pflegestufen in 2013

24

Abbildung 7: vollstationäre Pflege 1999-2013: Anteile der Pflegestufen in %

25

Abbildung 8: Versorgung durch Pflegedienste nach Pflegestufen 1999-2013

26

Abbildung 9: Versorgung durch Angehörige nach Pflegestufen 1999-2013

26

Abbildung 10: Anteile der Altersgruppen nach Versorgungsart

27

Abbildung 11: Anteil der Altersgruppen bei den Pflegebedürftigen 2013

27

Abbildung 12: Veränderung Pflegebedürftige und Beschäftigte 2003-2013

28

Abbildung 13: Verteilung von Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigten 2003-2013

29

Abbildung 14: Altersstruktur der Beschäftigten 2013

29

Abbildung 15: Logo Berliner Bündnis für Altenpflege

31

Abbildung 16: Vergütungssteigerungen in Berlin - Zeitreihe

33

Abbildung 17: Prognose Versorgungsformen 2030

39

Abbildung 18: Pflege in Berlin: Entwicklung 1999-2013 in %

39

Abbildung 19: Hochrechnung Pflegebedürftige und Beschäftigte nach Versorgungsform

40

Abbildung 20: Szenarien Auszubildende 2030

41

Abbildung 21: Verteilung der Versorgungsarten in Berlin 2013

44

Abbildung 22: Anteil zu Hause gepflegter Personen an allen Pflegebedürftigen 1999-2013

45

Abbildung 23: Unterstützung bei Pflege zu Hause

46

Abbildung 24: Ehrennadel "Berliner Pflegebär"

52

Abbildung 25: Pflegebedürftige pro Pflegedienst nach Trägerstatus

60

Abbildung 26: Tagespflegeeinrichtungen und Plätze - Zeitreihe

63

Abbildung 27: räumliche Verteilung der Tagespflegeeinrichtungen

64

Abbildung 28: Spezialisierungen von Tagespflegeeinrichtungen

65

Abbildung 29: Tagespflegegäste nach Besucherfrequenz

66

Abbildung 30: Tagespflegegäste nach Pflegestufen

67

Abbildung 31: Tagespflegegäste nach Altersgruppen

68

Abbildung 32: Verbleib der Tagespflegegäste

68

Abbildung 33: Entwicklung der Bevölkerung ab 65 Jahre in den Berliner Bezirken bis 2030

71

Abbildung 34: „Aufgaben der Kurzzeitpflege“ aus: Programmheft zur Fachtagung
„Qualitätsperspektiven für die Kurzzeitpflege“ am 18.11.2014 in Berlin, IGES

73

Abbildung 35: Kurzzeitpflege: Einrichtungen und Plätze - Zeitreihe

74

Abbildung 36: Kurzzeitpflegeeinrichtungen 2015

75

Abbildung 37: Kurzzeitpflegegäste nach Altersgruppen

76

Abbildung 38: Kurzzeitpflegegäste nach Pflegestufen

76

Abbildung 39: Verweildauer der Kurzzeitpflegegäste

77

Abbildung 40: Kurzzeitpflege – Betreuungsorte vor Einzug und nach Auszug

77

Abbildung 41: Weichenstellerfunktion der Kurzzeitpflege aus dem Programmheft zur Fachtagung
„Qualitätsperspektiven für die Kurzzeitpflege“ am 18.11.2014 in Berlin, IGES

82

Abbildung 42: vollstationäre Einrichtungen mit Versorgungsvertrag 1996-2016

84

Abbildung 43: Plätze in vollstationären Einrichtungen mit Versorgungsvertrag 1996-2016

84

Abbildung 44: Bestand Langzeitpflegeeinrichtungen - nach Bezirken

85

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 45: Auslastung der Pflegeheime 2003-2013

86

Abbildung 46: Auslastung der Pflegeheime nach Bezirken

86

Abbildung 47: Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen nach Pflegestufen

87

Abbildung 48: Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen nach Pflegestufen und Geschlecht 87
Abbildung 49: Pflegestufenstruktur in Pflegeheimen bei Einzug im 1. Quartal 2004-2014

88

Abbildung 50: Altersstruktur der Bewohnerinnen und Bewohner in Pflegeheimen bei Einzug im 1.
Quartal 2006 -2014

88

Abbildung 51: Auszubildende pro Pflegeheim nach Trägerstatus

89

Abbildung 52: Finanzierung der Ausbildung 2011-2013

89

Abbildung 53: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen mit Demenz

93

Abbildung 54: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen im Wachkoma

93

Abbildung 55: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für beatmungspflichtige Menschen

94

Abbildung 56: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen mit geistiger oder mehrfacher
Behinderung

94

Abbildung 57: Einrichtungen mit Sonderwohnbereichen für Menschen mit psychischen
Erkrankungen

94

Abbildung 58: Schaubild Palliativversorgung im Pflegeheim

96

Abbildung 59: Pflegeheime - Merkmale ausgezogener Bewohner im 1. Quartal

97

Abbildung 60: Entwicklung Gesamtangebot WG nach Zahl und Plätzen 1997-2015

103

Abbildung 61: Neu gemeldete Wohngemeinschaften nach Zahl und Plätzen 1997-2015

104

Abbildung 62: Die fünf Ebenen der Versorgung

110

Abbildung 63: häusliches Versorgungssetting in Anlehnung an die Darstellung der Deutschen
Alzheimer Gesellschaft

115

Abbildung 64: Information und Auskunft in den Pflegestützpunkten 2013/2014

122

Abbildung 65: Beratung in den Pflegestützpunkten 2013/2014

122

Abbildung 66: komplexe Beratung in Pflegestützpunkten 2013/2014

123

Abbildung 67: Logo der Schriftenreihe "GUT ALTERN in Berlin"

133

145

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Oranienstr. 106
10969 Berlin
Tel (030) 9028-0
www.berlin.de/sen/gessoz
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