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Periodical volume

Full text: Mitgliederrundbrief Issue 72.2015 Januar

AKTIVE SMUSEUM
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.

VERTREIBUNG AUS DEM BERGMANN-KIEZ Ein Stolperstein-Spaziergang durch Kreuzberg

M I TG L I E D E R R U N D B R I E F 72 · J A N U A R 2 015

IMPRESSUM

Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. Stauffenbergstraße 13-14 10785 Berlin Tel.	+49(0)30-263 9890 39 Fax	+49(0)30-263 9890 60 info@aktives-museum.de www.aktives-museum.de Vorstand Dr. Christine Fischer-Defoy Vorsitzende Robert Bauer stellvertr. Vorsitzender Christine Kühnl-Sager stellvertr. Vorsitzende Ursula Büchau Marion Goers Dr. Matthias Haß Dr. des. Gerd Kühling Angelika Meyer Monica Puginier

Neue Mitglieder sind willkommen!

Jahresbeitrag Einzelmitglied: 55,00 Euro, ermäßigt 27,50 Euro Jahresbeitrag Vereinigungen: 165,00 Euro, ermäßigt 82,50 Euro

Spendenkonto Berliner Sparkasse BLZ 10050000 Konto Nr. 610012282 IBAN: DE87 1005 0000 0610 0122 82 BIC: BELADEBEXXX

Geschäftsführer Kaspar Nürnberg
Bildrechtenachweis Titel	 Burkhard Hawemann, Berlin S. 2 	 Robert Bauer, Berlin S. 3 	 Landesarchiv Berlin, Fotograf: Thomas Platow Redaktion Kaspar Nürnberg Konzept und Gestaltung Lehmann & Werder Museumsmedien in Kooperation mit Elke Lauströer, Grafik Design Druck Druckerei Gottschalk S. 5 	 Foto: Paul W. John S. 6 	 Burkhard Hawemann, Berlin S. 7	 Burkhard Hawemann, Berlin S. 8 	 Schwules Museum, Berlin S. 9 	 Burkhard Hawemann, Berlin S. 10 	 Landesarchiv Berlin, Fotograf: Thomas Platow S. 11 	 Landesarchiv Berlin, Fotograf: Thomas Platow S. 13 	 ullstein bild, Berlin S. 17 	 Christoph Kreutzmüller, Berlin

INHALT

	2	 Editorial 		Christine Fischer-Defoy 	4	 Vertreibung aus dem Bergmann-Kiez. Ein Stolperstein-Spaziergang durch Kreuzberg 		Burkhard Hawemann 	10	 Eva Kemlein (1909-2004). Ansprache anlässlich der Enthüllung einer „Berliner Gedenktafel“ am 		 25. August 2014 im Steinrückweg 7 		Jenny Erpenbeck 	 12	 RSHA und Nachkriegsjustiz: das Bovensiepen-Verfahren und die Deportationen der Juden 		 aus Berlin. Ein Symposium in der Topographie des Terrors 		Kaspar Nürnberg 	14	 Die „Polenaktion“ im Oktober 1938 in Berlin – Sichtbarmachung im Stadtraum. 		 Eine Projektskizze zur Geschichte der Deportation polnischer Jüdinnen und Juden aus Berlin 		Alina Bothe und Gertrud Pickhan 	 17	 „Fundstellen“. Eine Ausstellung zu Spuren von NS-Verfolgten in Berliner Archiven in der 		 Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz 		Christoph Kreutzmüller und Monika Sommerer 	 19	 Rezension zu Hans-Rainer Sandvoß: „Es wird gebeten, die Gottesdienste zu überwachen…“ 		 Religionsgemeinschaften in Berlin zwischen Anpassung, Selbstbehauptung und Widerstand 		 von 1933 bis 1945 		Silvija Kavcic

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MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 72 · Januar 2015

Liebe Mitglieder und Freunde des Aktiven Museums, zuerst und vor allem alle erdenklichen guten Wünsche für das neue Jahr: Frieden, Gesundheit, spannende neue Projekte und interessante Begegnungen und Erfahrungen. Dieser erste Rundbrief 2015 wirft Blicke zurück und voraus. Stellvertretend für alle „Berliner Gedenktafeln“, die wir auch in der zweiten Jahreshälfte 2014 im Auftrag der Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten angebracht haben, dokumentieren wir die einfühlsame Rede der Schriftstellerin Jenny Erpenbeck anlässlich der Enthüllung einer Tafel für die Fotografin Eva Kemlein. Die institutionelle Verantwortung für das Gedenktafelprogramm ist inzwischen wieder beim Protokoll der Senatskanzlei angesiedelt. In welcher Form der Kooperation mit der Historischen Kommission zu Berlin das Programm in diesem Jahr weitergeführt werden wird, ist zur Zeit noch unklar. „Vielen Dank für die super Arbeit im Gedenktafel-Programm!!“ schrieb uns jedenfalls Tim Renner, Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, zum Jahreswechsel. Christoph Kreutzmüller und Monika Sommerer berichten von der Ausstellung „Fundstellen“ über die Spurensuche in Berliner und Potsdamer Archiven zur NS-Verfolgung, die im Dezember 2014 eröffnet wurde. Dieses Projekt und die begleitende Broschüre, die alle Ausstellungstexte enthält, entstanden in Kooperation der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin mit der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz und dem Landesarchiv Berlin. Am Beispiel von sechs Verfolgten-Biografien und exemplarischen Dokumenten zeigen die Autorinnen und Autoren, in welchen Berliner Archiven sie hierzu fündig wurden. Besonders hilfreich ist das im Katalog angefügte Glossar mit Hinweisen zu den Benutzungsbedingungen und den Kontaktadressen der einschlägigen Berliner und Brandenburger Archive. Die Ausstellung ist nun erst einmal in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz zu sehen. Ebenfalls 2014 und rechtzeitig zu den Stolperstein-Spaziergängen am und um den Jahrestag des

Beginns der Deportationen von Jüdinnen und Juden aus Berlin im Jahre 1941 am 17. Oktober 2014 erschien der zweite Band „Stolpersteine in Berlin #2. 12 Kiezspaziergänge“, der aufgrund der großen Nachfrage nun bereits in zweiter Auflage vorliegt. Neben den zwölf bildreich und anschaulich erläuterten neuen Rundgängen enthält der Band auch eine erste Bilanz des von Gunter Demnig konzipierten, inzwischen europaweiten Stolperstein-Projektes durch Anne Thomas und Anna Warda, die beiden Koordinatorinnen des KunstDenkmals Stolpersteine. Exklusiv für diesen Rundbrief konnten wir Burkhard Hawemann gewinnen, einen von ihm konzipierten Kiezspaziergang im Bergmann-Kiez, der in keinem der beiden bisherigen Stolperstein-Bücher veröffentlicht ist, vorzustellen.

Blick in die Schwimmhalle auf dem Gelände des ehemaligen Olympischen Dorfes von 1936 bei Döberitz-Elstal

Im Herbst 2014 fanden zwei weitere Exkursionen des Aktiven Museums statt: Auf Initiative von Christine Kühnl-Sager besichtigte der Vorstand des Aktiven Museums im Oktober 2014 das Gelände des Olympischen Dorfes von 1936 bei Döberitz-Elstal. Die Verwaltung obliegt der „DKB (Deutsche Kreditbank)-Stiftung für gesellschaftliches Engagement“. Die auf deren homepage angebotenen Führungen sind sehr zu empfehlen: nur so kann man einen Blick in die noch bestehenden Gebäude wie das „Speisehaus der Nationen“ im Bauhaus-Stil, das „Hindenburghaus“, die Turn- und die Schwimmhalle richten und zusätzliche Informationen zur Geschichte des Geländes nach 1945 erhalten. Der militärische Charakter des Dorfes ist unverkennbar, gleichzeitig sieht man den „kosmopolitischen Anspruch“, z.B. in der „weltoffenen

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Speisekarte“ für die Sportler. Auf dem Gelände waren nur Männer untergebracht. Frauen wohnten weniger komfortabel im „Friesenhaus“ in der Nähe des Olympiastadions. Wir planen, diese Exkursion im Frühsommer 2015 noch einmal für Mitglieder und Freunde des Aktiven Museums anzubieten. Und unser Mitglied Christl Wickert bot im Herbst 2014 eine Führung durch die neue Dauerausstellung zur „Inspektion der Konzentrationslager“ in Oranienburg an, an deren Konzeption sie beteiligt war – ein Ort, der neben der Gedenkstätte Sachsenhausen zu Unrecht viel zu wenig wahrgenommen wird. Kaspar Nürnberg berichtet von der jüngsten Aktivität des Vereins im Januar 2015: Aus Anlass des 45. Jahrestages des Prozessbeginns im Dezember 1969 gegen Otto Bovensiepen, den Chef der Stapo-Leitstelle Berlin und Verantwortlichen für die Deportation von etwa 50.000 Berliner Jüdinnen und Juden, veranstaltete das Aktive Museum am 15. Januar 2015 gemeinsam mit der Topographie des Terrors eine Tagung in den Räumen der Stiftung. In diesem von Akim Jah und unserem Vorstandsmitglied Gerd Kühling konzipierten Symposium ging es auch um das geringe Interesse an diesem von 1969 bis 1971 laufenden Verfahren in der damaligen Öffentlichkeit. Einen Blick in die Zukunft werfen Alina Bothe und Gertrud Pickhan vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin: Sie haben dem Aktiven Museum die Kooperation bei dem Ausstellungsprojekt angetragen, in dem es um die bisher zu wenig bekannte sogenannte „Polen-Aktion“ vom Oktober 1938 in Berlin, die als Generalprobe der späteren Deportationen in die östlichen Vernichtungslager gilt, geht. Damals wurden etwa 2.000 Polinnen und Polen jüdischer Abstammung, die oft seit Jahrzehnten in Berlin gelebt hatten, innerhalb von zwei Tagen in ihren Wohnungen verhaftet und mit Eisenbahnzügen über die deutsch-polnische Grenze deportiert. Ein Opfer der „Polen-Aktion“ war der spätere Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, für den wir anlässlich seines ersten Todestages am 12. September 2014 eine „Berliner Gedenktafel“ am früheren Wohnhaus der Familie Reich in der Güntzelstraße 53 in Berlin-Charlottenburg anbrachten.
Stefan Grützmacher, Carla Reich, Andrew Ranicki, Klaus Wowereit, Hellmuth Karasek und Thomas Golka (v.l.) enthüllen die Gedenktafel für Marcel Reich-Ranicki

Hinweisen möchten wir bereits jetzt auf die erfolgreichen Bemühungen für eine Deserteur-Gedenktafel in Berlin (siehe den Text des Initiators Michael Roeder im Rundbrief Nr. 70). Diese Tafel wird, wie jetzt feststeht, am 24. April 2015 um 16 Uhr an der Kreuzung Berliner Straße/Uhlandstraße enthüllt werden. Es werden der Bezirksbürgermeister von Charlottenburg-Wilmersdorf, ein Deserteur des Zweiten Weltkrieges und Vertreter der Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz sowie der Friedensarbeitsgruppe der GEW sprechen. Am Ende des Heftes steht eine Rezension: Silvija Kavcic bespricht das neueste Werk von Hans-Rainer Sandvoß, dem langjährigen verdienstvollen stellvertretenden Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, der Ende 2014 in den Ruhestand verabschiedet wurde. Mein herzlicher Dank gilt allen Autorinnen und Autoren sowie allen Mitgliedern und Freunden des Aktiven Museums für ihre Unterstützung unserer Arbeit. Während der Arbeit an diesem Editorial fielen die tödlichen Schüsse auf Redakteure und Karikaturisten der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ in Paris. Zum Gedenken an die Opfer und im Bekenntnis zur Pressefreiheit schreibe auch ich deshalb: „Je suis Charlie“.
Christine Fischer-Defoy

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VERTREIBUNG AUS DEM BERGMANN-KIEZ
Ein Stolperstein-Spaziergang durch Kreuzberg

Das heute als Bergmannkiez bekannte Gebiet der früheren „Tempelhofer Vorstadt“ war immer ein besonderer Ort, der die Menschen aus Berlin anzog. Zwischen Platz der Luftbrücke, Mehringdamm, Gneisenaustraße und Marheinekeplatz gelegen, ist das nach einem Bebauungsplan von James Hobrecht entstandene Quartier in seiner Struktur nahezu komplett erhalten. Schon vor der Eingemeindung 1861 war es als Ausflugsziel beliebt, neben Militärparaden lockten Lokale in den Weinbergen die Besucher. Und diese waren auch schon früher aufmüpfig, trafen sich doch hier patriotische Turnfreunde wie Jahn und Friesen, um den Widerstand gegen Napoleon zu organisieren. So lebten auch während der Zeit des Nationalsozialismus Menschen im Kiez, die aus unterschiedlichen Gründen Opfer der Gewaltherrschaft wurden. An einige von ihnen soll bei diesem Rundgang erinnert werden.

Umbauplänen Albert Speers zwischen dem Empfangsgebäude des Flughafens Tempelhof und dem Denkmal auf dem Kreuzberg ergeben sollte. Auf der anderen Straßenseite der Dudenstraße befindet sich das ehemalige Buchdruckerhaus mit der Hausnummer 10. Dieses entstand 1926 nach einem Entwurf von Max Taut und Franz Hoffmann als Verbandsgebäude der Deutschen Buchdrucker. Diese Gewerkschaft hatte schon 1873 einen reichsweit geltenden Buchdruckertarif erstritten. In dem modernen Gebäude in der damaligen Dreibundstraße 5 wurden im Vorderhaus auch Wohnungen für Verbandsfunktionäre geschaffen.

1 So zog Ende 1926 Karl Helmholz mit seiner Familie hier ein. Der 1873 im Halberstadt geborene Schriftsetzer war seit 1910 Redakteur der Gewerkschaftszeitung „Korrespondent“, die nach dem Umzug aus Leipzig hier ihren Sitz hatte. Nach anfänglicher Kriegsbegeisterung nahm Helmholz bereits um den Jahreswechsel 1914/15 eine pazifistische Haltung ein. Enttäuschung über den nicht realisierbaren Übergang zum Sozialismus nach der Novemberrevolution 1918 und den Reichstagswahlen 1920 verstärkten seine Hinwendung zu kultursozialistischen Ideen. Zum Ende der Weimarer Republik griff er die Nazis frontal an. Am 2. Mai 1933 wurde er wie fast alle hier wohnenden Mitarbeiter des Gewerkschaftshauses verhaftet. Nach seiner Freilassung zog die Familie in eine Wohnung in Tempelhof. Regelmäßige Hausdurchsuchungen, Verhaftungen und die Drangsalierung seiner Töchter hinderten Helmholz nicht daran, öffentlich gegen die Nazis Stellung zu beziehen. Als er auch bei einer Behandlung im Krankenhaus Steglitz seine Meinung äußerte, wies ihn die leitende Ärztin ohne Wissen der Angehörigen wegen Unzurechnungsfähigkeit in die Heil- und Pflegeanstalt Wuhlgarten ein. Dort wurde er am 21. Januar 1944 mit einer Giftinjektion umgebracht. Im selben Haus befand sich auch der Verlag der Büchergilde Gutenberg, einer gewerkschaftlichen Buchgemeinschaft. Dieser war einer der Auftraggeber, für die der Karikaturist und Zeichner Erich Ohser Illustrationen schuf. Gegen Ende der Weimarer Republik hatte es Ohser zum gefragten Star-Zeichner

„Verbandshaus der deutschen Buchdrucker, Baumeister: Max Taut, Berlin, Am Hohenzollernkorso“ 1926, Foto: Paul W. John Ausgangspunkt ist der südwestliche Ausgang des U-Bahnhofs Platz der Luftbrücke. An dieser Stelle steht man genau in der Sichtachse, die sich nach den

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gebracht und belieferte Blätter wie den „Vorwärts“, „Neue Revue“ und „Querschnitt“ mit Karikaturen. Mit der Machtübernahme durch die Nazis änderte sich Ohsers Auftragslage dramatisch. Von ihm illustrierte Bücher Erich Kästners wurden verbrannt und die verweigerte Aufnahme in den „Reichsverband der deutschen Presse“ kam einem Berufsverbot gleich. Die Serie „Vater und Sohn“ für die „Berliner Illustrierte“ wurde zu seiner Rettung, auch wenn er sie nur unter dem Pseudonym E. O. Plauen veröffentlichen durfte. In drei Jahren brachte es Ohser zu Reichtum und einem Atelier am Tauentzien. Er selbst beendete die Serie, als ihm der Rummel zu viel wurde. Ab 1940 arbeitete er für das von Goebbels konzipierte Vorzeigeblatt „Das Reich“. Damit wollte er wohl auch seine UK-Stellung retten, um nicht an die Front zu müssen. Gegenüber seinem Freund Hans Fallada rechtfertigte er sich: „Ich zeichne gegen die Alliierten – und nicht für die Nazis.“ Zum Verhängnis wurde ihm seine Schwerhörigkeit. In einem Luftschutzkeller hatte er lautstark Witze über Hitler und Goebbels erzählt und wurde zusammen mit seinem Freund Erich Knauf denunziert und verhaftet. Der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof kam Ohser zuvor. Er erhängte sich am 6. April 1944 in seiner Zelle mit einem Handtuch.
Von hier aus führt der Weg in Richtung Mehringdamm, in den man nach links abbiegt. An der Fußgängerampel in Höhe der Fidicinstraße wird der Mehringdamm überquert. Nach ca. 100m liegt auf der rechten Straßenseite vor der Toreinfahrt zum Seniorenheim ein Stolperstein für Johann „Rukeli“ Trollmann.

Gedenkstele für Johann „Rukeli“ Trollmann vor der nach ihm benannten Sporthalle an der Bergmannstraße 28 (siehe auch Seite 8, linke Spalte unten)

2 An dieser Stelle befand sich der Eingang zum Sommergarten der Berliner Bockbrauerei. Hier gewann am 9. Juni 1933 der Sinto Johann „Rukeli“ Trollmann den deutschen Meisterschaftskampf im Boxen. Wenige Tage später wurde ihm der Titel wegen seines tänzelnden, „undeutschen“ Kampfstils aberkannt. Am 21. Juli 1933 wurde ein weiterer Kampf gegen Gustav Eder angesetzt mit der Auflage, nach „deutscher Art“ zu boxen. Aus Protest färbte sich Trollmann die Haare blond und bestäubte seinen Körper weiß mit Mehl. Seines erfolgreichen Stils beraubt, verlor er den Kampf – es war das Ende seiner

Boxkarriere. Im September 1938 ließ er sich von seiner Frau scheiden, in der Hoffnung, sie und die gemeinsame Tochter so vor Verfolgung schützen zu können. Er selbst wurde später zur Wehrmacht eingezogen. Nach einer Verletzung an der Ostfront kam er zurück in die Heimat und wurde im Juni 1942 verhaftet. Nach Berichten eines Mithäftlings im KZ Neuengamme fanden im Lager immer wieder Boxkämpfe statt, auch gegen Angehörige der SS. 1944 kam es zu einem Kampf gegen einen Kapo. Trollmann gewann, wurde aber später aus Rache von dem Kapo erschlagen. Erst 2011 wurde die Tochter von Johann Trollmann durch das Kreuzberg-Museum wieder gefunden. Sie ist auch in dem Dokumentarfilm „Gipsy“ zu sehen, der 2012 entstand.
Weiter geht es in Richtung Wasserturm. Dort biegt man links in die Kopischstraße ein. Auf der linken Straßenseite wurde vor dem Haus Nr. 2 ein Stolperstein für Else Kleitke verlegt.

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3 Das letzte Lebenszeichen von Else Kleitke ist eine dünne Akte der Oberfinanzdirektion Berlin. Diese Vermögenserklärung musste sie kurz vor ihrer Deportation am 14. Oktober 1942 ausfüllen, zwei Monate vor ihrem 55. Geburtstag. Sie war in Breslau geboren, verwitwet und arbeitete bis 1935 als Kontoristin. Ihr Haushalt bestand zuletzt nur noch aus wenigen Habseligkeiten. Fünf Tage später, am 19. Oktober 1942, wurde sie mit dem 21. Ost-Transport nach Riga deportiert. Dieser ausschließlich aus Berliner Juden bestehende Transport wurde am Güterbahnhof Moabit abgefertigt. Das Durchschnittsalter der Menschen in diesem Zug lag bei 37 Jahren, darunter 140 Kinder im Alter bis zehn Jahren, unter ihnen Gert Rosenthal, der Bruder des späteren Entertainers Hans Rosenthal. In Riga wurden nach der Ankunft drei Tage später 81 Männer mit handwerklichen Berufen ausgesucht und den verschiedenen Arbeitskommandos zugeteilt. Nur 17 von ihnen überlebten den Krieg. Von insgesamt 20.000 nach Riga deportierten Menschen haben nur 800 überlebt.
Nun geht es weiter durch die Willibald-Alexis-Straße. In Höhe des Chamissoplatzes erinnert vor dem Haus Nr. 26 auf der rechten Straßenseite ein Stolperstein an Leo Hamburger. Er wurde am 12. März 1943 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. In Höhe des Hauses Nr. 30 wechselt man die Straßenseite. Haus Nr. 15 ist die nächste Station des Rundgangs.

befand sich ein Gestapo-Spitzel, dessen Denunziation ab Februar 1942 zur Festnahme von über 120 Mitgliedern des Widerstandsnetzes führte. Nach der Haft in verschiedenen Gefängnissen und im KZ Sachsenhausen wurde Siedentopf vom „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt und in Brandenburg mit dem Fallbeil hingerichtet. Seine Frau arbeitete nach 1945 im Bezirksamt Kreuzberg, bis sie dort entlassen wurde und 1951 nach Hohenschönhausen übersiedelte.

4 Der Schlosser und Kommunist Fritz Siedentopf stammte aus Güsten in Sachsen-Anhalt, wo er 1908 geboren wurde. Schon 1933 stellte er Flugblätter und Zeitungen her. Zu diesem Zeitpunkt lebte er illegal bei der Schneidermeisterin Emma Beyer, die in ihrer Wohnung in Tempelhof das notwendige Material versteckte. Beide wurden im August 1934 verhaftet. Im Dezember desselben Jahres wurde Fritz Siedentopf zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach seiner Entlassung heiratete er die Näherin Hedwig Simon, die ihn während der Haft besucht und unterstützt hatte. Er nahm Kontakt zur Widerstandsgruppe um Robert Uhrig und Franz Mett auf und wurde einer ihrer aktivsten Mitstreiter. Auch auf seiner Arbeitsstelle bei den Auerwerken baute er eine Widerstandsgruppe auf. Doch unter den Genossen

Auf der anderen Straßenseite mündet die Kloedenstraße in die Willibald-Alexis-Straße. Diese durchquerend gelangt man wieder auf die Fidicinstraße, die man auf der linken Straßenseite bis zur nächsten Kreuzung an der Friesenstraße entlang geht. Diagonal gegenüber befindet sich die alte Polizeikaserne, von der aus eine von Hermann Göring im März 1933 aufgestellte Polizeieinheit stadtweite Razzien und Massenverhaftungen durchführte. Das Gelände wurde zu einer gefürchteten Folterstätte für Regimegegner. Nachdem man die Friesenstraße überquert hat, wendet man sich nach links und geht zum Haus Nr. 18.

5 Hier wohnte der am 3. August 1910 geborene Richard Barnack. Er stammte aus einer Kreuzberger Arbeiterfamilie und absolvierte nach der Schule eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Als Leichtathlet war er im größten deutschen Arbeitersportverein „Fichte“ aktiv. Nachdem er seinen Beruf mehrere Jahre ausgeübt hatte, nahm er nach einer Zeit der Arbeitslosigkeit Ballettunterricht und

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6 Werner und Willi Weinberg lebten erst seit kurzem in dem Haus am Marheinekeplatz 8, als Willi Weinberg am 16. Januar 1942 in Potsdam ums Leben kam. Sein jüngerer Bruder hatte offensichtlich noch 1944 die Flucht gewagt. Am 20. August nahm er sich in Säckingen, das direkt an der Grenze zur Schweiz liegt, das Leben – wahrscheinlich nach einem gescheiterten Fluchtversuch über den Rhein. Einem Text aus dem Stadtarchiv Bad Säckingen ist zu entnehmen, dass die Laufenburger Brücke zwischen dem deutschen Ort und Stein auf Schweizer Seite schon zu Beginn des Krieges weitgehend gesperrt wurde, trotz vieler Pendler und auf beiden Seiten lebenden Familien. Posten ließen Grenzgänger nur noch in Ausnahmefällen passieren. Auch die Flucht über den Rhein in Richtung Schweiz, ob schwimmend oder im Boot, gelang nicht vielen. Die Grenzüberwachung in der Schweiz war schon zu Kriegsbeginn mit Militär verstärkt worden und der Schweizer Zoll hatte eine militärische Ausrüstung erhalten. So hatten Flüchtlinge auf beiden Seiten der Grenze mit erheblichem Widerstand zu kämpfen, was eine Flucht nahezu unmöglich machte.
Richard Barnack in den 1930er-Jahren

trat als Mitglied der Revue-Truppe „3 Dixies“ im In- und Ausland als Tänzer auf. Wegen seiner Homosexualität geriet er besonders nach der Machtergreifung der Nazis immer wieder ins Visier der Polizei. Es wurden mehrere Strafverfahren wegen Vergehen gegen den § 175 gegen ihn eingeleitet. Einer Haftstrafe Mitte der 1930er-Jahre folgte im Juni 1940 eine weitere Verhaftung. Unter ungeklärten Umständen kam er am 29. März 1942 im KZ Sachsenhausen ums Leben.
Der Friesenstraße in Richtung Marheineke-Markthalle folgend erreicht man kurz vor dieser die Bergmannstraße, in welche man nach rechts einbiegt. Auf der rechten Straßenseite befindet sich mit der Hausnummer 28 das Gebäude der ehemaligen Volksschule. In der zugehörigen Turnhalle befindet sich heute das „Johann Trollmann Boxcamp“, worauf eine Gedenktafel am Eingang hinweist. Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes erinnern an der Ecke zur Mittenwalder Straße zwei Stolpersteine an die Brüder Werner und Willi Weinberg.

7 In Richtung Zossener Straße weiter gehend erreicht man nach wenigen Metern die Straßenecke, an der zwei Stolpersteine an das Ehepaar Jeanette und Martin Jaffe erinnern. Mitte März 1943 wurden die Eheleute nach Theresienstadt deportiert, wo Martin Jaffe bereits eine Woche später ums Leben kam. Ein Jahr später starb auch seine Frau dort.
Von hier aus geht man das kurze Stück der Zossener Straße zurück zur Bergmannstraße und geht diese entlang Richtung Solmsstraße. Dieser folgend, erreicht man nach wenigen Metern das Haus Nr. 30 auf der rechten Straßenseite.

8 Hier wohnte Charlotte Reich. Das Berliner Adressbuch von 1943 führt sie unter der Berufsbezeichnung „Kaufmann“ als Bewohnerin dieses Hauses. Sie wurde ein Opfer des nationalsozialistischen Programms zur Auslöschung „unwerten Lebens“, beschönigend auch als „Euthanasie“ bezeichnet, dem weit über 100.000 kranke und behinderte Menschen zum Opfer fielen.

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Vermutlich im Oktober 1939 hatte Adolf Hitler ein auf den 1. September 1939, also den Beginn des Krieges, zurückdatiertes Ermächtigungsschreiben unterzeichnet, „dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken […] der Gnadentod gewährt werden“ kann. Aus welchem Grund und unter welchen Umständen Charlotte Reich in die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten geriet, ist nicht bekannt.

der Deportation von Ruth, Margot und Else Gerstel lebte ein Neffe des Vaters bei der Familie. Erwin Rones war Ingenieur und stammte wie sein Onkel aus Oberschlesien. Auch er wurde nach Auschwitz deportiert, einen Monat, nachdem dort seine Angehörigen aus der Gneisenaustraße umgebracht wurden.
Hier endet der Rundgang. An der Kreuzung zum Mehringdamm kann man die Gneisenaustraße überqueren und gelangt nach 100 Metern zum U-Bahnhof Mehringdamm. Burkhard Hawemann Burkhard Hawemann begann vor etwa zehn Jahren neben seiner beruflichen Tätigkeit als Leiter einer Druckerei nach dem Schicksal und den Lebensläufen der Menschen zu forschen, für die in seinem Wohnumfeld Stolpersteine verlegt worden sind.

Weiter geht es in Richtung Gneisenaustraße. An der Ecke angekommen biegt man links in Richtung Mehringdamm in die Gneisenaustraße ein und geht auf der linken Straßenseite bis zum Haus Nr. 4.

9 Ruth Gerstel lebte hier bis Anfang 1943 mit ihrer Mutter Else und ihrer Schwester Margot. Eine Schulfreundin hat ein Testimonial mit Angaben zu ihr in der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem eingestellt. Ihr Vater wurde bereits im Sommer 1938 Opfer einer Säuberungsaktion unter der Bezeichnung „Arbeitsscheu Reich“. Bei dieser wurden auf Befehl Hitlers auch Juden verhaftet, die sich kleinere Vergehen zu Schulden kommen lassen hatten. Oft waren dies Devisen-Vergehen, welche sich schon allein durch die Organisation der Auswanderung ergaben. Anfang Juni 1938 verhaftet, starb Alexander Gerstel bereits einen Monat später an den unmenschlichen Bedingungen im KZ Buchenwald. Die Urne wurde nach Berlin zugestellt und auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt. Die Grabstelle ist erhalten (siehe Foto). Zum Zeitpunkt

B 	 ei Interesse an den beiden bislang erschienenen Büchern über „Stolpersteine in Berlin. 12 Kiezspaziergänge“ siehe S. 21 unter Publikationen

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EVA KEMLEIN (1909-2004)
Ansprache anlässlich der Enthüllung einer „Berliner Gedenktafel“ am 25. August 2014 im Steinrückweg 7

sie von 1933 bis 1937 mit ihrem ersten Mann, „dem Kemlein“ lebt, und Fotos macht für Reportagen. 1937 kommt sie, aufgrund ihres unklaren Status aus Griechenland ausgewiesen, notgedrungen zurück nach Berlin, und bleibt, um sich um ihre inzwischen allein lebende Mutter zu kümmern. Die Ehe, die durch ihre jüdische Herkunft eine sogenannte Mischehe ist, hält dem Druck der rigiden Gesetze nicht stand. 1941 dann muss sie als Zwangsarbeiterin bei Siemens für 61 Pfennige die Stunde anfangen, später sind es nur noch 37 Pfennige bei einem Lumpensammler, im Winter 1941/42 bei eisiger Kälte, wer sich hinsetzt oder gar krank wird, kommt gleich auf den Transport. 1942 sieht sie, wie ihre Mutter abgeholt wird, und kann von dem Moment an nicht mehr in die Wohnung zurück. Die letzten drei Jahre der Hitlerzeit übersteht sie als „Illegale“ in Berlin. Inzwischen hat sie mit „dem Stein“, einem politisch engagierten, jüdischen Schauspieler, den Mann gefunden, mit dem sie ihr Leben verbringen wird – zunächst aber ziehen sie zusammen von Versteck zu Versteck. „Innerhalb dieser 3 Jahre hatten wir über 30 Quartiere“, in ihrer Tasche hat sie einen schlecht gefälschten Pass auf den Namen Else Kock. Eva Kemlein und Werner Stein überleben nur durch die Hilfe von Menschen, die durch diese Hilfe ihr eigenes Leben riskieren. Daran denkt sie auch später immer zurück, an die, und nicht an die anderen. Diese Haltung ermöglicht ihr das Weiterleben in Berlin auch nach der schweren Zeit. Kinder, die sie sich gewünscht hätte, konnte sie in der Illegalität nicht bekommen, versteht sich, und nach dem Krieg ist es dafür zu spät. Mit „dem Stein“ aber zieht sie schon im Mai 1945 hier in die ehemalige und wiederbelebte Künstlerkolonie, wird Nachbarin und gute Freundin unter anderem des Schauspielers Ernst Busch. Am Anfang ist der Hof noch auf die Mieter aufgeteilt, jeder pflanzt zur Aufbesserung des Speisezettels seine eigenen Radieschen, Mohrrüben, Salat. Man buddelt und gießt, und unterhält sich dabei über dies und das. Mit ihrer über den Krieg geretteten Leica fotografiert sie nun die

Mancher, der hier ist, erinnert sich sicher an das Hundegebell, das einen schon im Treppenhaus empfing, an die vielen Stufen auf dem Weg nach oben, die offene Tür, und dann Eva, zu der man sich immer hinunterbeugen musste, wenn man sie zur Begrüßung umarmte. Erinnert sich an das Sitzen in den rotsamtenen Sesseln oder im Sommer auf dem Balkon – bei einem guten, türkisch gebrühten Kaffee oder einem Abendbrot, erinnert sich sicher auch an das gemeinsame Losgehen zu einem Spaziergang oder Ausflug. In den früheren Jahren war es der „Käfer“, der da drüben parkte, in späteren Jahren das Elektroauto, gleich hier beim Haus. In diesem Haus war Eva Kemlein wirklich zu Hause, Eva Kemlein, die Urberlinerin, Urenkelin des Komponisten Giacomo Meyerbeer, Tochter aus wohlbehütetem bürgerlichen Hause, ein eigensinniges und selbstbewusstes, lebenslustiges Mädchen aus Charlottenburg, die einen Beruf lernt, medizinisch-technische Assistentin, und eigentlich hätte Medizin studieren wollen, stattdessen aber als Jüdin dann vor dem Hitlerregime zunächst nach Griechenland ausweicht, wo

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Berliner Trümmerlandschaft und den Wiederaufbau, unter anderem auch das Berliner Schloss, bevor es abgerissen wird. Mein Großvater, Fritz Erpenbeck, engagiert sie zunächst als Fotografin für die Berliner Zeitung. 1946 gründet er die Zeitschrift „Theater der Zeit“ – und so bekommt sie ihre ersten Aufträge für Theaterfotografie. Es beginnt jene Arbeit, die von da an zum Zentrum ihres Lebens wird. Sechzig Jahre lang wird sie über die Grenze pendeln, in den späteren Jahren als winzige Lenkerin am Steuer eines von den Grenzern „ferngesteuert“ genannten Autos; wird Ost- wie Westberliner Theater- und Musik-Aufführungen fotografieren und so ein einzigartiges Werk schaffen, das die Gesamt-Berliner Theatergeschichte nicht nur dokumentiert, sondern lebendig bewahrt. Samuel Beckett und Bertolt Brecht, Louis Armstrong, David und Igor Oistrach, die Weigel, Heiner Müller, Peter Stein, Ruth Berghaus, Ernst Busch, Martin Wuttke, Inge Keller – diese und unzählige andere sind auf den Fotos von Eva zu sehen, von ihr selbst entwickelt, hier oben in einem abgedunkelten Zimmer ihrer Wohnung, dem dritten Zimmer neben dem Zimmer von „Stein“, das von seinem Tod an unverändert von ihr bewahrt wird, und dem anderen Zimmer, in dem man mit ihr sitzt, wenn sie mit einem plaudert, immer wie eine gute gleichaltrige Freundin, immer quicklebendig, immer offen und interessiert: über Theater und Literatur natürlich, aber ebenso über Politik, Wissenschaft, andere Länder, über ihre Verwandtschaft in Südamerika, über Freundinnen und

Freunde, überhaupt über Menschen, über die Liebe und den Tod – eben über alles, was im Leben vorkommt. Nur über eines nicht: über Krankheiten und das Alter. Denn das sind wirklich langweilige Themen. So spricht sie von den späten vierziger Jahren an mit meinen Großeltern, so spricht sie mit meinem heranwachsenden und dann erwachsenen Vater, für den sie wie eine zweite Mutter ist, so spricht sie später mit mir und noch später mit meiner beinahe 20 Jahre jüngeren Schwester. Immer will sie alles wissen, was uns interessiert, fragt nach, verurteilt nie, staunt, hört zu und freut sich an allem, was uns Freude macht. Regelmäßig klingelt einer aus unserer Familie bei dem Klingelschild, an dem immer, bis zu ihrem Tod, der Name Stein neben dem Namen Kemlein auch noch angeschrieben ist. Und immer ist der schwarze Cockerspaniel, welcher es auch gerade sein mag, mit von der Partie und wedelt mit seinen Ohren um uns herum, jeder der Hunde heißt nach einem anderen Schnaps, ich darf das erste Mal nach Westberlin fahren, da ist es, glaube ich, Raki, an Ouzo erinnere ich mich und zwei, drei andere. Später führe ich mit ihr Gespräche, die ich auf Tonband aufnehme, um den ersten Teil eines Buches über sie daraus zu machen, woraus dann aber leider nichts wird. Irgendwann sagt sie, die nie jammert, einen der Sätze, die mir für immer im Gedächtnis bleiben: Allein Altwerden ist eine Arbeit. Mehr sagt sie nicht. Als ich meinen Sohn bekomme, machte Eva am ersten Tag nach der Geburt ein Foto von uns beiden, das sie noch selbst, obwohl es ihr schon schwer fällt, hier in ihrer Dunkelkammer entwickelt, mit 93 Jahren, zwei Jahre vor ihrem Tod. Es folgen Spaziergänge mit Kinderwagen, Elektroauto und Hund am Grunewaldsee. An dem letzten Weihnachtsfest, das sie – inzwischen schon eine Tradition – mit uns verbringt, spielt sie quer über den Küchentisch Murmeln mit meinem Sohn, auch ihm wäre sie bestimmt ein gute Freundin geworden, da bin ich ganz sicher, wäre sie nur nicht viel zu früh von uns gegangen. Und das Kind meiner Schwester, erst vor zwei Jahren geboren, heißt Eva – natürlich ist das kein Zufall.

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Bei einem der letzten Treffen, die ich mit Eva habe, fahren wir mit dem Auto durch das Berliner Umland, wo sie vor beinahe einem ganzen Jahrhundert als Kind mit ihrem geliebten Vater so oft herumfuhr, wenn er mit den Gutsbesitzern, für die er arbeitete, die Getreideverkäufe besprach. Jetzt sieht sie aus dem Fenster, zeigt auf die Wolken und sagt: Ich kann ja kaum noch hinausgehen, aber ich sitze oft ganze Tage auf dem Balkon und schaue den Wolken zu: Die sind so unglaublich schön! Seither vergeht kein Tag, an dem ich nicht, wenn ich zum Himmel schaue, daran denken muss, was für ein Geschenk es ist, eine solche Freundin gehabt zu haben, die das Leben – egal, wie schwer es war – immer von Grund auf geliebt hat.
Jenny Erpenbeck Jenny Erpenbeck lebt als freie Autorin in Berlin. Zuletzt erschien 2012 bei Knaus ihr Roman „Aller Tage Abend“.

RSHA UND NACHKRIEGSJUSTIZ: DAS BOVENSIEPEN-VERFAHREN UND DIE DEPORTATIONEN DER JUDEN AUS BERLIN
Ein Symposium in der Topographie des Terrors

Die erste Veranstaltung des Aktiven Museums im Neuen Jahr fand kurz vor Redaktionsschluss mit über einhundert Teilnehmerinnen und Teilnehmern im gut gefüllten großen Vortragssaal unseres Kooperationspartners, der Stiftung Topographie des Terrors, statt: ein Symposium über „RSHA und Nachkriegsjustiz: Das Bovensiepen-Verfahren und die Deportationen der Juden aus Berlin“, das von Dr. Akim Jah und unserem Vorstandsmitglied Gerd Kühling angestoßen worden war und an dem als weitere Kooperationspartner auch das Landesarchiv Berlin und das Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin beteiligt waren. Im Einführungsreferat „Die gescheiterten Verfahren gegen Mitarbeiter des Reichssicherheitshauptamts nach 1945“ suchte Dr. Annette Weinke vom Historischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität in Jena nach Gründen für ebenjenes Scheitern – und fand sie in der fortbestehenden Solidarität der Eliten, dem durch den Verjährungsdruck bedingten hohen Maß an Improvisation seitens der Staatsanwaltschaft und deren Orientierungslosigkeit aus Mangel an historischem Wissen, da auch die zeithistorische Forschung als potentielle Bundesgenossin der Anklage die Täterforschung jahrzehntelang nachrangig behandelte. Auch Dr. Akim Jah bemängelte eine fehlende Gesamtstrategie seitens des Gerichts. In seinem Beitrag „Die Mitarbeiter der Stapoleitstelle Berlin und das Bovensiepen-Verfahren“ konnte er zeigen, dass von den über 1.300 zu Beginn ins Visier genommenen „Schreibtischtätern“ zu Beginn der Hauptverhandlung noch ganze drei Beschuldigte übrig geblieben waren: Otto

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von Zeugenaussagen aus dem Bovensiepen-Prozess dar – und gab damit sogleich eine Art Best-Practice-Beispiel für die geschichtswissenschaftliche Nutzung ebenjenes Bestandes. Der gelinde gesagt nicht sehr ausgeprägten „Öffentlichen Auseinandersetzung mit dem Bovensiepen-Verfahren“ widmete sich im Anschluss Gerd Kühling. Er konstatierte, dass der Prozess – anders als noch der Auschwitz- oder Eichmann-Prozess – praktisch unter Ausschluss der medialen und sonstigen Öffentlichkeit stattfand – vermutlich, weil die Deportationen „vor aller Augen“ geschahen und es deshalb um 1970 noch irgendeiner Form von Abwehr bedurfte. Die höchst interessante Tagung wurde immer wieder durch konstruktive Beiträge des Auditoriums bereichert. Den Abschluss bildete eine Diskussion, zu der neben den Vortragenden auch Professor Michael Wildt vom Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin auf dem Podium Platz nahm. Angeregt wurde, sich in zukünftigen, dem Bovensiepen-Prozess gewidmeten Forschungsprojekten den unterschiedlichen Perspektiven, Wahrnehmungen und Motivationen einzelner beteiligter Akteure, wie zum Beispiel den Staatsanwältinnen und Staatsanwälten, zuzuwenden. Auch müsse eine breitere atmosphärische und politische Kontextualisierung der als hypotrophisch charakterisierten Justizlandschaft West-Berlins um 1970 erfolgen.
Kaspar Nürnberg Kaspar Nürnberg ist seit 2007 Geschäftsführer des Aktiven Museums.

Otto Bovensiepen am 9. Dezember 1969 vor Gericht

Bovensiepen, Max Grautstück und Kurt Venter. Nach den unterschiedlichsten Manövern der Verteidigung gingen diese am Ende des bis dahin längsten Prozesses West-Berlins 1971 auch noch straffrei aus, woran die „Skandal!“-Rufe der Zuhörerschaft im Kammergericht Berlin freilich nichts zu ändern vermochten. Bianca Welzing-Bräutigam gab im Anschluss einen detaillierten Einblick in „Die RSHA-Arbeitsgruppe bei der Generalstaatsanwaltschaft beim Kammergericht Berlin und deren Aktenüberlieferung im Landesarchiv Berlin“. Sie verdeutlichte, dass nach der um fast 25 Jahre verzögerten Übergabe der Akten vom Kammergericht an das Landesarchiv nun ebenso umfangreiche wie spannende Materialien auf ihre Erschließung und Begutachtung warten. „Das Wissen um den Judenmord aus der Perspektive ‚untergetauchter’ Juden und ihrer Helfer“ stellte Dr. Beate Kosmala von der Gedenkstätte Stille Helden in der Stiftung Gedenkstätte Deutscher Widerstand anhand

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DIE „POLENAKTION“ IM OKTOBER 1938 IN BERLIN – SICHTBARMACHUNG IM STADTRAUM
Eine Projektskizze zur Geschichte der Deportation polnischer Jüdinnen und Juden aus Berlin

Am 28. und 29. Oktober 1938 wurden in Berlin mindestens 1.000 Jüdinnen und Juden polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet, zusammengetrieben, in Züge gepfercht und über die polnische Grenze verbracht. Die meisten der betroffenen Personen lebten seit Jahrzehnten in Berlin oder waren sogar in der Stadt geboren. Gemäß dem Versailler Vertrag hatten sie jedoch die polnische Staatsangehörigkeit erhalten. Sie gehörten der Gruppe des osteuropäischen Judentums an, die in Berlin zahlenmäßig stark und im Stadtbild sichtbar vertreten war. Die Gewerbe der polnischen Jüdinnen und Juden, gerade im Textil- und Lebensmittelhandel, waren bekannt und prägten die Einkaufsstraßen. Von der sogenannten „Polenaktion“ am 27. bis 30. Oktober 1938 waren reichsweit etwa 17. bis18.000 Menschen betroffen. Einigen tausend Menschen gelang es im Verlauf der ersten Tage nach der Ausweisung in verschiedene polnische Städte weiterzureisen. Ungefähr 5.000-6.000 der Ausgewiesenen wurden im polnischen ´ Grenzort Zbaszyn festgehalten, bis zum Sommer 1939 konnten die meisten von ihnen den Ort verlassen. Unter ´ den nach Zbaszyn Deportierten befanden sich auch die Eltern von Herschel Grynszpan, der in einem persönlichen Racheakt in Paris ein Attentat auf den deutschen Botschaftsangehörigen Ernst vom Rath am 7. November 1938 verübte. Dies wurde vom nationalsozialistischen Regime als vorgeschobener Anlass für die Novemberpogrome genutzt. Auch der achtzehnjährige Marcel Reich-Ranicki war ein Opfer der „Polenaktion“ in Berlin und berichtet darüber in seinen Erinnerungen.1 Die „Polenaktion“ ist bisher kaum als eigenständiges Kapitel der Geschichte der Shoah erforscht worden.

In den meisten Überblicksdarstellungen gilt sie nur als direkte Vorgeschichte der Novemberpogrome. Hervorzuheben ist die Pionierarbeit des polnischen Historikers Jerzy Tomaszewski „Auftakt zur Vernichtung“, die 1999 auf Deutsch erschien. Tomaszewski konnte allerdings den deutschen Archivbestand nicht auswerten.2 Kleinere Studien liegen von Trude Maurer, Sybil Milton und Yfaat Weiss vor.3 Die Deportationspraxen unterschieden sich lokal in erheblichem Maße, weswegen lokalgeschichtliche Studien besonders aufschlussreich sind.4 Zum Verlauf der Abschiebungen in Berlin ebenso wie zu den Lebensgeschichten der Deportierten existiert eine eklatante Forschungslücke. Die Geschichte der polnischen Jüdinnen und Juden im Berlin der Zwischenkriegszeit hingegen hat das am Osteuropa-Institut angesiedelte Forschungsprojekt „Charlottengrad und Scheunenviertel – Osteuropäisch-jüdische Migranten im Berlin der 1920er und 1930er Jahre“ erforscht. Die Ergebnisse sind 2012 sehr erfolgreich in der Ausstellung „Berlin Transit“ im Jüdischen Museum Berlin gezeigt worden.5 Die Quellenbasis zur „Polenaktion“ in Berlin ist vielfältig und weitestgehend unerschlossen. Hierzu gehören die digitalen lebensgeschichtlichen Interviews aus dem „Visual History Archive“ ebenso wie die verdienstvoll kompilierte Namensliste der von der Zwangsausweisung betroffenen Personen, so sie nicht überlebt haben oder ihr Schicksal ungeklärt ist, die das Bundesarchiv im Rahmen des Gedenkbuchs bereitstellt, und weitere Archive. Zu den Betroffenen der „Polenaktion“ in Berlin gehörte auch die Familie Buck, deren Schicksal als Beispiel dienen kann. Lea und David Buck hatten sich kurz nach dem Ersten Weltkrieg in Berlin-Steglitz niedergelassen und ein erfolgreiches Textilgeschäft aufgebaut. Das Hauptgeschäft in der Steglitzer Schloßstraße 118 war „Der Strumpf“, in Berlin-Spandau wurde „Deutsche Strickmoden“ eröffnet. Gemäß den Angaben zur Wohnungseinrichtung, den Steuerbelegen aus den Jahren 1935-1938 und einer Aufstellung von David Moses Buck an das polnische Generalkonsulat in Berlin kann die Familie als gut etablierte Kaufmannsfamilie einge-

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schätzt werden.6 Im Entschädigungsverfahren wurde der Wert der Firma auf 90.000 Reichsmark geschätzt. Das Jahreseinkommen zwischen 1935 und 1938 betrug noch durchschnittlich 6000 Reichsmark. 1923 wurde der Sohn Julius Buck geboren. Er besuchte nach der Jahn-Grundschule zunächst ein Realgymnasium, bevor er 1936 auf die jüdische Sekundarschule wechselte. Bildungsziel war das Abitur. Sämtliche Familienangehörige besaßen die polnische Staatsangehörigkeit.7 Am 28. Oktober 1938 um 4.30 Uhr morgens klopften zwei Polizisten an die Wohnungstür der Familie und überreichten Vater und Sohn den Ausweisungsbefehl. Sie erhielten den Rat, sich warm zu bekleiden und durften nur zehn Mark mitnehmen. Weiteres Gepäck wurde ihnen nicht erlaubt. Julius Buck erinnert sich im Interview für das „Visual History Archive“ der USC Shoah Foundation, dass er im Moment des Abschieds von seiner Mutter überzeugt war, diese nicht mehr wieder zu sehen. Zunächst hielt man sie einige Stunden auf einer Polizeiwache in Steglitz gefangen, bevor sie in Polizeibaracken am Alexanderplatz transportiert wurden. Von dort aus wurden sie mit einer größeren Gruppe polnischer Juden zu einem Güterbahnhof verbracht und in einen regulären Zug gedrängt. Der Transport ging unter ständigen Bedrohungen seitens der SS und Polizei vonstatten. Nach einem längeren Aufenthalt in Gleiwitz fuhr der Zug dann weiter nach Poznan. Allerdings hatten SS und Polizei den Zug in ´ Gleiwitz verlassen und diesen anstelle des regulären Berlin-Warschau-Expresses fahren lassen, auf diese Weise also die polnischen Grenzbeamten in die Irre geführt. Nach einer sehr kalten Nacht auf dem Bahnsteig in Posen wurden die Deportierten bereits am nächsten Morgen durch die örtliche jüdische Gemeinde versorgt und konnten im Tagesverlauf nach Krakau oder Warschau weiterreisen. Dies unterschied sie von ´ den Deportierten, die nach Zbaszyn verbracht und zunächst dort aufgehalten wurden. Vater und Sohn sind nach Krakau weitergereist. In Krakau sind sie in einer sofortig eingerichteten Flüchtlingsunterkunft aufgenommen worden. Julius Buck erwähnt mehrfach, dass die Unterstützung durch jüdische Einrichtungen und Organisationen in Polen herausragend gewesen sei. Er

hatte die Möglichkeit, in Vorbereitung auf einen möglichen Schulbesuch in Polen, Polnisch in einer jüdischen Schule in Krakau zu erlernen. Durch die Vermittlung eines ehemaligen Berliner Lehrers konnte Julius Buck im Februar 1939 in einem der wenigen Kindertransporte nach Großbritannien ausreisen. Während des Krieges wurde er in die britische Armee eingezogen. Anschließend ließ er sich mit seiner Frau, die ebenfalls aus Deutschland stammte und durch einen Kindertransport überlebt hatte, in Großbritannien nieder.8 Julius Bucks Vater kehrte im Juli 1939 nach Berlin zurück und reiste mit seiner Frau, die in der Zwischenzeit auch einen Ausweisungsbefehl erhalten hatte, über Italien nach Frankreich aus. Lea Buck wurde schlussendlich 1942 nach Auschwitz deportiert, ihr Mann überlebte in Frankreich. Bei der „Polenaktion“ im Oktober 1938 handelt es sich um ein weitestgehend vergessenes, allerdings hochgradig relevantes historisches Ereignis, das von Historikerinnen und Historikern sowohl als „Auftakt zur Vernichtung“ als auch als „Generalprobe“ gedeutet worden ist. Mit der Deportation der polnischen Jüdinnen und Juden und der verhaltenen Reaktion des Auslands hatten die nationalsozialistischen Täter zum ersten Mal im Wortsinne eine Grenze überschritten. Anhand dieser ersten großen Massendeportation wurden wichtige Erkenntnisse für die späteren Deportationen gewonnen. Die Massenausweisung war ein Novum, das in der historischen Interpretation vernachlässigt wird. Insbesondere die Erfassung der Betroffenen und der Transport einer entsprechenden Personenanzahl sind relevant. Anders als bei späteren Deportationen ist der Raub von Hab und Gut nicht vorherig geplant verlaufen. Für die Betroffenen begann mit der Ausweisung oftmals die konkrete, gewaltsame Verfolgungsgeschichte. Auch für Marcel Reich-Ranicki war die Deportation nach Polen die erste konkrete Gewalterfahrung einer langen Verfolgungsgeschichte. Es ist notwendig, einerseits das historische Ereignis selbst aufzuarbeiten und bisher nicht bearbeitete Quellenbestände auszuwerten, andererseits aber auch, sich den Betroffenen in Form einer Erfahrungsgeschichte anzunähern. Festzustellen ist also, dass die Deportationen im Oktober 1938

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nicht nur die Vorgeschichte der Novemberpogrome waren, sondern ein eigenständiges historisches Kapitel darstellen, das der entsprechenden Aufarbeitung und Interpretation bedarf. Die Ausstellung hat zwei Ziele: Erstens soll die Lokalgeschichte der Ausweisung der polnischen Jüdinnen und Juden aus Berlin in einer „integrierten Geschichte“ (Saul Friedländer) dargestellt werden. Zweitens sollen die biografischen Spuren der Deportierten in Berlin sichtbar gemacht und ihre Lebens- wie Verfolgungsgeschichte beispielhaft erzählt werden. Erarbeitet werden soll die Ausstellung in Kooperation zwischen dem Aktiven Museum und dem Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin, unter Einbezug interessierter Studierender im Rahmen der regulären Lehre. Ein geeigneter Ausstellungsort in Berlin wird noch gesucht. Eröffnet werden soll die Ausstellung 2017; vorgesehen sind auch eine Webseite, App und ähnliches. Auch die Verlegung von Stolpersteinen ist geplant. Die „Polenaktion“ 1938 gehört zu den vergessenen Geschichten der Shoah. Für etliche hundert oder gar tausend Menschen aus Berlin wie Julius Buck oder Marcel Reich-Ranicki handelte es sich um den „Auftakt zu Vernichtung“. Mit der geplanten Ausstellung sollen die Ereignisgeschichte der Deportation der polnischen Jüdinnen und Juden aus Berlin im Oktober 1938, die Erfahrungsgeschichte der Betroffenen wie auch auch eine Vielzahl von Biographien im Berliner Stadtbild wieder sichtbar gemacht werden.
Alina Bothe & Gertrud Pickhan Alina Bothe ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg und am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin. Prof. Dr. Gertrud Pickhan ist Professorin für die Geschichte Ostmitteleuropas am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin.

	 1)	 Marcel Reich-Ranicki: Mein Leben, München 2000, S. 	 157-160. 	 2)	 Jerzy Tomaszewksi: Auftakt zur Vernichtung. Die Vertreibung polnischer Juden aus Deutschland im Jahre 1938, (KLIO in Polen ; 9), Osnabrück 2002. 	 3)	 Trude Maurer: Abschiebung und Attentat. Die Ausweisung der polnischen Juden und der Vorwand für die „Kristallnacht“, S. 70f., in: Walter H. Pehle: Der Judenpogrom 1938. Von der „Reichskristallnacht“ zum Völkermord. Frankfurt/M. 1988, S. 52-73; Sibyl Milton: Menschen zwischen Grenzen. Die Polenausweisung, in: Menora. Jahrbuch für deutsch-jüdische Geschichte, 1990, S. 184-206; Yfaat Weiss: Deutsche und polnische Juden vor dem Holocaust. Jüdische Identität zwischen Staatsbürgerschaft und Ethnizität 1933-1940, München 2000, S. 195-204. 	 4)	Zu Dortmund, Leipzig und Schleswig-Holstein liegen entsprechende erste lokalgeschichtliche Studien kleineren Umfangs vor. Bettina Goldberg: Die Zwangsausweisung der polnischen Juden aus dem Deutschen Reich im Oktober 1938 und die Folgen, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 46 (1998), S. 971-984; Gertrud Pickhan: „Niemandsland“. Die Briefe der Greta Schiffmann und das Schicksal einer jüdischen Familie, ausgewiesen aus Dortmund im Oktober 1938, in: Beiträge zur Geschichte der Stadt Dortmund und der Grafschaft Mark 91 (2001), S. 170-201. 	 5)	Berlin Transit. Jüdische Migranten aus Osteuropa in den 1920er Jahren, Göttingen 2012. 	 Landesarchiv Berlin (LAB), B Rep. 025-04, Nr. 6)	 13087/59, Bl. 1. 	 7)	 Landesentschädigungsamt Berlin (LAE), 50805, Bl. E 14, M 28-29, B 6, D 1, D 5-6; LAE 360874, Bl. M 1, M 13; LAE 314772, Bl. E 2-3. 	 8)	 Zusammenfassung der ausführlichen Darstellung von Julius Buck im Visual History Archive: Buck, Julius, Interview 37719. The Institute for Visual History and Education ©1997. Internet: http://www.vha.fu-berlin.de (Abrufdatum: 11. November 2014), Segment 34-50.

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„FUNDSTELLEN“
Eine Ausstellung zu Spuren von NS-Verfolgten in Berliner Archiven in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz

Anlässlich von Wulfs 40. Todestag – er nahm sich im 10. Oktober 1974 in seiner Wohnung in Charlottenburg das Leben – wurde die Ausstellung vom 21. Oktober bis zum 18. Dezember 2014 auch noch einmal im Gemeindehaus der Jüdischen Gemeinde zu Berlin in der Fasanenstraße gezeigt. An beiden Orten war sie sehr erfolgreich. Weitere Stationen, etwa in Israel oder in Frankreich, sind in Planung. Ein Thema für eine Folgeausstellung zu finden, die wiederum Bezug nimmt zur Mediothek der Gedenkstätte in der gleichen Etage, war nicht schwer, denn es kommen immer noch viele Menschen in die Joseph Wulf Mediothek, um nach Informationen zu Verfolgten des Nationalsozialismus zu suchen. Zum einen sind dies Berlinerinnen und Berliner, die sich etwa im Rahmen von Stolpersteinverlegungen oder Projekten an Schulen für die Schicksale verfolgter Nachbarn interessieren, zum anderen sind es Nachfahren der Opfer aus Israel, den USA und vielen anderen Ländern, die letzte Spuren ihrer Verwandten in Deutschland finden möchten. Für solche Spurensuchen stellt die Mediothek eine Vielzahl an Adress- und Gedenkbüchern zur Verfügung und es ist oft sehr bewegend, wenn die Mitarbeiterinnen der Mediothek gemeinsam mit den Suchenden Informationen zu einem Opfer finden. Der Ausdruck aus einem Adressbuch wird so zu mehr als zu einem einfachen Beleg des Wohnorts. Er ist auch oft der einzige Nachweis einer Existenz. Dass in vielen Fällen über gezielte Recherchen in Archiven noch weit mehr und oft auch weit persönlichere Spuren zu finden sind, ist in einem Beratungsgespräch freilich nur schwer zu vermitteln. Mit der Ausstellung „Fundstellen – Spuren von NS-Verfolgten in Berliner Archiven / Finding Aids – Traces of Nazi Victims in Berlin Archives“, die in Kooperation mit der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin im Aktiven Museum und dem Landesarchiv Berlin entstanden ist, haben wir daher den Versuch unternommen, mögliche Recherchewege aufzuzeigen. Da eine Ausstellung, in der nur über Archive und deren Bestände die Rede ist, vermutlich aber eher

In der ersten Etage der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz war vom Dezember 2012 bis zum Oktober 2014 eine kleine Sonderausstellung zum Leben und Werk des Auschwitz-Überlebenden und frühen Holocaustforschers Joseph Wulf zu sehen. Diese Ausstellung wurde gemeinsam mit dem Aktiven Museum erarbeitet und hatte einen direkten Bezug zur Joseph Wulf Mediothek, die sich im selben Stockwerk befindet. Auch Gerhard Schoenberner, Gründungsdirektor der Gedenkstätte und Ehrenvorsitzender des Aktiven Museums, hatte bis zu seinem plötzlichen Tod im Dezember 2012 daran mitgearbeitet.

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ermüdend denn erhellend wirkt, haben wir uns dazu entschieden, die Suchstrategien anhand sechs exemplarischer Biografien aufzuzeigen. Der Ansatz, komplexe Zusammenhänge über Biografien aufzuschlüsseln, wird ja auch in den Ausstellungen des Aktiven Museums häufig verwendet. Die Biografien wurden so ausgewählt, dass über sie möglichst viele verschiedene Fundstellen in den zentralen Archiven der Region angeführt werden. Vorgestellt werden unter anderem die Akten der sogenannten Vermögensverwertungsstelle (Bestand Rep 36 A II des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg) im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, die Auskunft über die Lebens- und Vermögensverhältnisse von Verfolgten geben, denen die Deportation bevorstand. Die vielfältigen Bestände des Landesarchivs Berlin und des Bundesarchivs finden ebenso Eingang in die biografischen Rekonstruktionen wie etwa die Akten der Entschädigungsbehörde Berlin, des Jüdischen Museums und des Archivs der Gedenkstätte Sachsenhausen. Darüber hinaus wollten wir verschiedene Opfergruppen und Verfolgungsschicksale in den Blick nehmen. Neben bekannteren Schicksalen, wie etwa dem der Jüdin Martha Liebermann, die sich angesichts der bevorstehenden Deportation im Alter von 85 Jahren das Leben nahm, oder dem des als Sinto verfolgten Otto Rosenberg, der zwar mehrere Konzentrationslager überlebte, aber seine ganze Familie verlor, zeigen wir auch Biografien von Opfern, die weniger bekannt sind und bis heute oftmals kaum Anerkennung bekommen haben. Anhand der Akten zu ihrem langjährigen Kampf um Wiedergutmachung zeichnen wir beispielsweise das Leben der als Kommunistin verfolgten Arbeiterin Marie Heisig nach. Bei dem in der „Euthanasie“-Anstalt Hadamar getöteten dreizehnjährigen Jungen Rudolf Langen stehen seine Fürsorge- und Krankenakten sowie das spätere Entschädigungsverfahren seiner Mutter im Vordergrund. Oft wurden wir mit unüberwindbaren Leerstellen in den Akten konfrontiert bis hin zum Fehlen einer Fotografie, die die Person zeigt. Be-

sonders auffällig ist dies bei Herbert Heineck, den die Nationalsozialisten als „arbeitsscheu“ einstuften. Als persönliches Dokument fanden wir hier nur seine Aussage im Vernehmungsprotokoll seiner NS-Strafakte. Der 39-Jährige starb im Konzentrationslager Sachsenhausen, nur vier Monate nach seiner Überstellung dorthin. Dennoch ist über die verschiedensten Fundstellen – sei es aus den NS-Akten oder auch aus Dokumenten von Wiedergutmachungsverfahren – in allen sechs Fällen ein plastisches Bild der jeweiligen Person entstanden. Rebecca Behnk (Joseph Wulf Mediothek), Dr. Silvija Kavcic (Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin) und Bianca Welzing-Bräutigam (Landesarchiv Berlin), die diese Ausstellung mit uns erarbeitet haben, möchten wir an dieser Stelle noch einmal explizit für die wunderbare, produktive Zusammenarbeit danken. Mit ihrer Idee, die Lebensläufe auf Aktendeckel zu setzen, die Spuren jahrelangen Gebrauchs aufweisen, hat die Gestalterin Bettina Kubanek unserer Ausstellung eine unverwechselbare Form gegeben. Die Ausstellungstexte sind in deutscher und englischer Sprache. Die Begleitbroschüre enthält ausführlichere Texte zu den ausgewählten Biografien, zeigt weitere Dokumente und enthält ein Glossar, das Fachbegriffe klärt sowie wichtige Archive mit deren Beständen auflistet. Sie kann als praktischer Leitfaden für eigene Recherchen dienen und in deutscher bzw. englischer Sprache für 3,50 Euro in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz bzw. in der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin erworben oder über library@ghwk.de online bestellt werden.
Christoph Kreutzmüller und Monika Sommerer Dr. Christoph Kreutzmüller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Bildungsabteilung der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Monika Sommerer leitet die dort ansässige Joseph Wulf Mediothek.

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REZENSION ZU HANS-RAINER SANDVOSS: „ES WIRD GEBETEN, DIE GOTTESDIENSTE ZU ÜBERWACHEN…“
Religionsgemeinschaften in Berlin zwischen Anpassung, Selbstbehauptung und Widerstand von 1933 bis 1945

2007 erschien von Hans-Rainer Sandvoß das Buch „Die andere Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945“, in dem er sich minutiös mit dem breit gefächerten politisch motivierten Widerstand in Berlin auseinandergesetzt hat. Im Oktober 2014 legte er nun ein ähnlich umfassendes Werk vor. In der aktuellen Publikation untersucht Hans-Rainer Sandvoß, wie die beiden großen Kirchen sowie die beiden Religionsgemeinschaften der Zeugen Jehovas und der Quäker in Berlin auf die nationalsozialistische Herrschaft reagierten. Wie schon der Titel des Buches ankündigt, reichte das Repertoire der Verhaltensweisen von Anpassung über Selbstbehauptung bis zum Widerstand. Dank des im Anhang befindlichen Namensregisters kann das Buch sehr gut als Nachschlagewerk benutzt werden. Entsprechend der Größe ihrer Gemeinden sind die vier Kapitel unterschiedlich umfangreich. Die mit Abstand meisten Anhänger hatte in Berlin damals die evangelische Kirche. Daher schildert Hans-Rainer Sandvoß auf rund 300 Seiten, von welchen unterschiedlichen Strömungen die evangelischen Christinnen und Christen – aufgespalten in Bekennende Kirche und Deutsche Christen – geprägt waren. Er verhehlt nicht, dass es Vertreter der evangelischen Kirche waren, die nach Ende des Zweiten Weltkrieges ihren Anteil an widerständigen Handlungen überbetonten und damit lange Jahre die öffentliche Wahrnehmung beeinflussten. Auch dem bis in die Nachkriegszeit weit verbreiteten Antijudaismus vieler Kirchenmitglieder widmet er einige Seiten, versperrte doch diese Überzeugung wahrscheinlich den Weg zu einer frühen und grundsätzlichen Ablehnung des nationalsozialistischen Regimes. Doch das Bild der

evangelischen Kirche und ihrer aktiven Mitglieder wäre einseitig und unvollständig, würde nicht auch auf die vielfältigen Rettungsbemühungen eingegangen. Ein ganzes Kapitel, überschrieben mit „Hilfe für Verfolgte“, widmet der Autor diesem wichtigen Thema (siehe S. 228f.). Es waren primär Einzelpersonen und – wie Hans-Rainer Sandvoß mehrfach betont – in erster Linie an der Basis der Gemeinden tätige Frauen, weitaus seltener Männer der kirchlichen Führungsspitze, die über Jahre hinweg mit viel Einfühlungsvermögen und Beharrlichkeit von Deportation bedrohten Menschen halfen, indem sie sie versteckten, Lebensmittel beschafften und durch anhaltende uneigennützige Hilfe versuchten, zumindest ein wenig Trost zu spenden. Der hohe Anteil der Frauen an aktiver Hilfe und Unterstützung für Verfolgte ist ein gemeinsames Merkmal aller vier hier vorgestellter religiöser Gruppen. Den Entwicklungen innerhalb der katholischen Kirche widmet sich der Autor auf etwa 100 Seiten. Im Unterschied zur Mehrheit der Mitglieder der evangelischen Kirche gehörten die Vertreter der katholischen Kirche eher zu den Befürwortern der Weimarer Republik, und Einzelne hatten als Mitglieder der Zentrumspartei immer wieder auch in Regierungsverantwortung gestanden. Im Gegensatz zu evangelischen Gläubigen war das Selbstverständnis der Katholikinnen und Katholiken davon geprägt, in erster Linie Gläubige und erst in zweiter Linie Bürger eines Staates zu sein (siehe S. 322). Gerade das Berliner Bistum, an dessen Spitze seit 1935 mit Bischof Konrad Graf von Preysing ein entschiedener und erklärter Gegner der Nationalsozialisten stand, war im damaligen deutschen Staat in einer besonderen Position. Dass die kritischer Haltung der katholischen Führungsspitze von der breiten Basis zumindest akzeptiert, wenn nicht gar geteilt wurde, sieht Sandvoß darin bestätigt, dass Domprobst Bernhard Lichtenberg über Jahre hinweg in seinen Predigten die menschenverachtende Politik der Nationalsozialisten anprangern konnte, ohne von seinen Gemeindemitgliedern denunziert zu werden. Dies taten dann im Jahr 1942 zwei zufällige Besucherinnen.

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hervor, dass diese Religionsgemeinschaft in Anbetracht ihrer geringeren Mitgliederzahlen relativ die meisten Opfer zu beklagen hatte. So fällten Berliner Sondergerichte allein zehn Todesurteile gegen Zeugen Jehovas wegen Kriegsdienstverweigerung. 60 Prozent aller aus religiösen Motiven heraus von den Nationalsozialisten in Berlin verfolgten Menschen waren Zeugen Jehovas. Zwar erscheinen viele der verhängten Urteile auf den ersten Blick niedrig, doch in Anbetracht dessen, dass unzählige Zeugen Jehovas nach Verbüßung der Gefängnisstrafe in „Schutzhaft“ genommen worden und bis zum Kriegsende in Konzentrationslager gesperrt waren, wird das gesamte Ausmaß der Verfolgung deutlich (siehe S. 449f.). In den Erinnerungen politischer KZ-Gefangener werden die Zeugen Jehovas als sich gegenseitig stützende und unterstützende Gemeinschaft hervorgehoben. Auf etwa dreißig Seiten präsentiert Hans-Rainer Sandvoß die Aktivitäten der nur rund 50 Personen umfassenden Religionsgemeinschaft der Quäker. Dies war zwar die kleinste der hier vorgestellten Gruppen, jedoch die einhelligste in ihrer Ablehnung und in ihrem Widerstand gegen das Nazi-Regime. Zudem halfen die Quäker jeder von nationalsozialistischer Verfolgung bedrohten Person, unabhängig von ihren religiösen und/oder politischen Überzeugungen. Etwas, das leider keine andere Gruppierung – ob nun religiös oder politisch motiviert – in dieser Klarheit von sich behaupten könnte. Wie schon in seiner Untersuchung zur „Anderen Reichshauptstadt“ ist es Hans-Rainer Sandvoß auch bei der aktuellen Publikation gelungen, bestehende Mythen zu hinterfragen und gleichzeitig einen differenzierten Blick auf die damaligen Entwicklungen und Akteure zu werfen. Seine klaren und deutlichen Positionen werden somit für die Leserin noch überzeugender.
Silvija Kavcic Dr. Silvija Kavcic leitet die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin im Aktiven Museum.

Hans-Rainer Sandvoß: „Es wird gebeten, die Gottesdienste zu überwachen…“ Religionsgemeinschaften in Berlin zwischen Anpassung, Selbstbehauptung und Widerstand von 1933 bis 1945, Berlin 2014, ISBN: 978-3-86732-184-0

In beiden Kapiteln erwähnt der Autor sowohl bekannte Beispiele wie das Schicksal Martin Niemöllers auf evangelischer und das des Domprobstes Lichtenberg auf katholischer Seite als auch weithin unbekannte widerständige Akteurinnen und Akteure. Der Autor zeigt auch, wie wichtig kirchliche Aktivitäten der evangelischen und katholischen Kirche für Jugendliche als Gegenpol zum nationalsozialistisch dominierten Alltag waren. Denn dank dieser konnte sie sich eine kritische und eigenständige Haltung bewahren (siehe dazu S. 259f. und S. 413f.). Die Verfolgung der Zeugen Jehovas stellt der Autor auf knapp 50 Seiten vor. Als ein wichtiges Ergebnis seiner Untersuchungen hebt Hans-Rainer Sandvoß

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PUBLIKATIONEN DES AKTIVEN MUSEUMS
zu beziehen über die Geschäftsstelle

Stolpersteine in Berlin #2. 12 Kiezspaziergänge 2. Auflage, Berlin 2014 12,00 Euro Stumbling Stones in Berlin. 12 Neighborhood Walks Berlin 2014 12,00 Euro Stolpersteine in Berlin. 12 Kiezspaziergänge 3. Auflage, Berlin 2014 12,00 Euro Letzte Zuflucht Mexiko. Gilberto Bosques und das deutschsprachige Exil nach 1939 Berlin 2012 20,00 Euro Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945 3. Auflage, Berlin 2013 20,00 Euro Ohne zu zögern... Varian Fry: Berlin – Marseille – New York 2., verbesserte Auflage, Berlin 2008 20,00 Euro Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933–1945 Berlin 2006 5,00 Euro Haymatloz. Exil in der Türkei 1933–1945 Berlin 2000 20,00 Euro CD-ROM 5,00 Euro 1945: Jetzt wohin? Exil und Rückkehr ...nach Berlin? Berlin 1995 10,00 Euro

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