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Periodical volume

Full text: Mitgliederrundbrief Issue 69.2013 August

AKTIVE SMUSEUM
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.

30 JAHRE AKTIVES MUSEUM Informieren und Gedenken im Stadtraum

M I TG L I E D E R R U N D B R I E F 6 9 · A U G U S T 2 013

IMPRESSUM

Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. Stauffenbergstraße 13-14 10785 Berlin Tel. +49(0)30-263 9890 39 Fax +49(0)30-263 9890 60 info@aktives-museum.de www.aktives-museum.de Vorstand Dr. Christine Fischer-Defoy Vorsitzende Robert Bauer stellvertr. Vorsitzender Christine Kühnl-Sager stellvertr. Vorsitzende Ursula Büchau Marion Goers Dr. Matthias Haß Gerd Kühling Angelika Meyer Monica Puginier

Neue Mitglieder sind willkommen!

Jahresbeitrag Einzelmitglied: 55,00 Euro, ermäßigt 27,50 Euro Jahresbeitrag Vereinigungen: 165,00 Euro, ermäßigt 82,50 Euro

Spendenkonto Berliner Sparkasse BLZ 10050000 Konto Nr. 610012282 IBAN: DE87 1005 0000 0610 0122 82 BIC: BELADEBEXXX

Geschäftsführer Kaspar Nürnberg

Bildrechtenachweis Titel Marion Goers, Berlin Redaktion Kaspar Nürnberg Konzept und Gestaltung Lehmann & Werder Museumsmedien in Kooperation mit Elke Lauströer, Grafik Design Druck MK Druck S. 2 Christine Kühnl-Sager, Berlin S. 3 Marion Goers, Berlin S. 5 Marion Goers, Berlin S. 6 Kaspar Nürnberg, Berlin S. 8 Marion Goers, Berlin S. 10 Rainer E. Klemke, Berlin S. 11 Christine Fischer-Defoy, Berlin S. 13 Detlef Cleschinsky, Berlin S. 20 Christine Kühnl-Sager, Berlin

INHALT

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Editorial
Christine Fischer-Defoy

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Ansprache anlässlich der Festveranstaltung zum 30. Geburtstag des Aktiven Museums
Christine Regus

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Über Gedenktafeln an Kunstwerken. Vorgetragen anlässlich der Festveranstaltung zum 30. Geburtstag des Aktiven Museums
Hans-Ernst Mittig

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Otto Schieritz (1889-1945). Rede zur Wiederanbringung der Gedenktafel in der Senefelder Straße 33 am 10. Juni 2013
Christine Fischer-Defoy

9

Zur Enthüllung von historischen Informationsstelen auf der Insel Schwanenwerder am 30. April 2013
Christine Fischer-Defoy

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Der 5000. Stolperstein in Berlin ist verlegt
Gerd Kühling

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Warum starb Paul Höhlmann? Präsentation anlässlich der Verlegung des 5000. Stolpersteins in Berlin am 7. Juni 2013
Schülerinnen und Schüler des „Seminarkurses Geschichte“ am Berliner Friedrich-Engels-Gymnasium

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Rezension zu Hans Bergemann: „Jüdische Richter in der Berliner Arbeitsgerichtsbarkeit 1933“
Silvija Kavcic

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Rezension zu Reiner Möckelmann: „Wartesaal Ankara. Ernst Reuter – Exil und Rückkehr nach Berlin“
Christiane Hoss

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„Steine reden nicht von selbst.“ Enthüllung weiterer historischer Informationsstelen auf dem Tempelhofer Feld
Christine Kühnl-Sager

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MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 69 · August 2013

Liebe Mitglieder und Freunde des Aktiven Museums, Halbzeit! Etwas mehr als die Hälfte des Zeitrahmens für das Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ ist vergangen, wenn dieser Mitgliederrundbrief in den Briefkästen liegt. Im ersten Halbjahr war das Aktive Museum mit sechs Ausstellungen und weiteren Veranstaltungen beteiligt: Die im Dezember 2012 in der Akademie der Künste eröffnete Ausstellung „Letzte Zuflucht Mexiko“ ragte – mit umfangreichem Begleitprogramm – noch bis April 2013 in das Themenjahr hinein. Die Ausstellung „Verraten und verkauft“ über jüdische Gewerbeunternehmen in Berlin wurde in einer ergänzten Version zunächst in der „Schwartz‘schen Villa“ in Steglitz gezeigt, dann im April mit einer weiteren Ergänzung in der Industrie- und Handelskammer Berlin. Die Ausstellung „Meine eigentliche Universität war Auschwitz. Joseph Wulf zum 100. Geburtstag“, eine Kooperation mit der Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz, ist dort noch immer im Vorraum der nach Joseph Wulf benannten Bibliothek zu sehen. Die Ausstellung „Gute Geschäfte“ über den Berliner Kunsthandel im Nationalsozialismus wurde bis zum 30. Juni im Mitte Museum gezeigt. Am 30. April wurden vor und auf Schwanenwerder sieben von uns in Kooperation mit dem Kulturamt Steglitz-Zehlendorf erarbeitete Informationsstelen zur Geschichte der Insel mit Schwerpunkt auf der NS-Geschichte eingeweiht. Am selben Tag nahmen acht Familienangehörige des Berliner Kunsthändlers Fritz Rosenberg und seiner Frau Mile an der Verlegung von zwei Stolpersteinen vor ihrem letzten frei gewählten Wohnsitz in der Pommerschen Straße 9 in Wilmersdorf teil. Der Kontakt zur Familie Rosenberg kam durch unsere Ausstellung „Gute Geschäfte“ zustande, in der die Galerie von Fritz Rosenberg erwähnt war. Fritz und Mile Rosenberg nahmen sich am Vorabend ihrer angeordneten Deportation am 18. Oktober 1941 das Leben. Nachdem im Januar die Website zu den Berliner Stolpersteinen als „work in progress“ freigeschaltet worden war, wurde am 7. Juni der fünftausendste Stolperstein in Berlin verlegt – umrahmt von einem

bewegenden Programm, das Schüler und Lehrer des Friedrich-Engels-Gymnasiums in Reinickendorf erarbeitet hatten. Als Kooperationspartner war das Aktive Museum darüber hinaus an der Informationstafel und einer künstlerischen Installation am ehemaligen jüdischen Zwangsarbeitsamt in der Fontanepromenade beteiligt. Das Aktive Museum war damit, wie es Kulturstaatsekretär André Schmitz in seinem Glückwunsch zum 30-jährigen Jubiläum des Vereins ausdrückte, „mit seinen Veranstaltungen einer der wichtigsten Partner im Berliner Themenjahr 2013 ‚Zerstörte Vielfalt‘“. Auch außerhalb Berlins ist der Verein weiter mit seinen Wanderausstellungen präsent. So wurde am 11. Juni „Haymatloz. Exil in der Türkei“ in Würzburg eröffnet. In meiner wegen des Hochwassers dann buchstäblich „ins Wasser gefallenen“ Rede wäre ich auch darauf eingegangen, was sich seit der Erstpräsenta-

Stolpersteinverlegung für Mile und Fritz Rosenberg am 30. April 2013 in der Pommerschen Straße 9 in Wilmersdorf

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tion der Ausstellung verändert hat. Im Manuskript heißt es dazu: „Ende 1990 begannen – im zeitlichen Zusammenhang mit der bundesdeutschen Debatte um eine Einschränkung des Asylrechtes, das 1993 vom Bundestag verabschiedet wurde – die fremdenfeindlichen Anschläge, die seinerzeit aber auch zu einer breiten Betroffenheit und Solidarität mit Lichterketten und Veranstaltungen führten. Wir sahen uns mit der Ausstellung als einen Teil dieser Bewegung. Mit dem positiven türkischen Modell der Gastfreundschaft wollten wir auch hier in unserem Land für Gastfreundschaft und Toleranz werben. Dass in dieser Zeit mit dem NSU eine rechtsterroristische Organisation entstand, die, wie wir heute wissen, von Landes- und Bundesbehörden toleriert, getarnt, wenn nicht gar über V-Leute gesteuert wurde, konnte sich damals niemand vorstellen. Deren zögerliche, schlampige und mit zahlreichen harmlos sogenannten ‚Ermittlungspannen‘ behaftete Verfolgung sowie die von fremdenfeindlichen Vorurteilen geleitete Kriminalisierung ihrer Opfer hat das deutsch-türkische Verhältnis – oder besser gesagt: das Lebensgefühl von Deutschen mit türkischen Wurzeln in Deutschland nachhaltig beschädigt. Dafür schäme ich mich. Das können wir auch mit unserer ‚fremdenfreundlichen‘ Ausstellung nicht wieder gutmachen.“ Nach der Sommerpause wird es ein weiteres umfangreiches Programm zum Themenjahr geben, in dem wir in Kooperation mit dem Museum Pankow die Ausstellung „Verraten und verkauft“ noch einmal am Standort Prenzlauer Allee 227 zeigen. Am 18. September wird die Ausstellung „Letzte Zuflucht Mexiko“ im Maison Heinrich Heine in Paris eröffnet. Anschließend wandert sie in die Fernuniversität Hagen. Texte und Bilder zu einigen der genannten Ereignisse dieses Halbjahres finden sich in diesem Rundbrief. An erster Stelle steht jedoch die Rede von Dr. Christine Regus, der für uns zuständigen Referatsleiterin in der Senatskulturverwaltung, aus Anlass unseres 30-jährigen Jubiläums, das wir am 10. Juni mit einem Fest in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gefeiert haben. Dabei kamen zahlreiche Mitstreiter, Freundinnen und Freunde der ersten Stunde zu Wort, unter ihnen Hans

Ernst Mittig, dessen Beitrag wir hier dokumentieren. Allen Gratulantinnen und Gratulanten danken wir herzlich für die freundschaftlichen Glückwünsche. Am Vormittag des Gründungstages haben wir, der Tradition des Vereins als „Gedenktafelguerilla“ folgend, jedoch diesmal mit Genehmigung des Hauseigentümers und ohne selbst mit der Bohrmaschine Hand anzulegen, in der Senefelder Straße 33 zum dritten Mal eine Gedenktafel für Otto Schieritz angebracht.

Gunter Demnig im Gespräch mit Christine Kühnl-Sager auf der Veranstaltung zum Vereinsjubiläum am 10. Juni 2013 in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand

Als Unterstützer ist das Aktive Museum am „Runden Tisch“ zum ehemaligen Flughafen Tempelhof beteiligt. Dort wurden am 10. Juli weitere Infotafeln eines Historischen Pfades enthüllt, über die Christine Kühnl-Sager, die für uns am „Runden Tisch“ teilnimmt, berichtet. Zwei Buchbesprechungen von Silvija Kavcic und Christiane Hoss schließen den Rundbrief ab. Liebe Mitglieder, Freundinnen und Freunde: der Verein Aktives Museum ist nur so aktiv, wie ihr ihn macht! Deshalb danken wir von Vorstand und Geschäftsstelle allen, die uns in den vergangenen 30 Jahren seit der Gründung tatkräftig unterstützt haben und freuen uns auf viele weitere gemeinsame Aktivitäten.
Christine Fischer-Defoy

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ANSPRACHE ANLÄSSLICH DER FESTVERANSTALTUNG ZUM 30. GEBURTSTAG DES AKTIVEN MUSEUMS

Liebe Frau Dr. Fischer-Defoy, lieber Herr Nürnberg, sehr geehrte Freunde und Mitglieder des Aktiven Museums, Staatssekretär André Schmitz, der heute nicht hier sein kann, weil er ebenso wie Rainer Klemke an anderem Ort auf Veranstaltungen zum Themenjahr 2013 spricht und herzliche Grüße übermittelt, zitierte zum 25. Jubiläum des Aktiven Museums den unlängst verstorbenen Mitgründer des Aktiven Museums Gerhard Schoenberner, der gern mit Johann Peter Hebel sagte: „Merke, es gibt Untaten, über die kein Gras wächst.“ Und er fuhr kritisch fort, dass tatsächlich der kühle Rasen manches zudeckt. Über viele Biografien, Widerstandsaktionen und Geschichten mancher Orte wäre nicht nur Rasen, sondern üppige Vegetation gewachsen, wenn der Verein Aktives Museum nicht immer wieder die Axt angesetzt hätte, um freizulegen, woran zu erinnern ist. Das Aktive Museum hat es sich seit Anbeginn auf die Fahne geschrieben, entsprechende Orte und Biografien im Stadtquartier erlebbar zu machen. Und das lange vor dem Gedenktafelprogramm des Senats von Berlin und dem Stolpersteinsteinprojekt, zu deren geistigen Vätern und Müttern Sie sich zählen dürfen und das Sie von Anfang an begleitet haben. Was als „Gedenktafel-Guerilla“ begonnen hat, ist heute Teil einer stadtweiten Bewegung mit offiziellen Gedenktafel-Kommissionen in den Bezirken, den Berliner Geschichtsmeilentafeln zur Wilhelmstraße und der Berliner Mauer und vielfältigen anderen Formen, die Geschichte unserer Stadt sichtbar zu machen. Im Themenjahr 2013 „Zerstörte Vielfalt“ anlässlich des 80. Jahrestages der Machtübertragung an die Nationalsozialisten und des 75. Jahrestages der Novemberpogrome ist das, wofür das Aktive Museum gemeinsam mit anderen Initiativen noch vor 30

Jahren scheinbar vergeblich gekämpft hat, offizielle Politik des Landes Berlin geworden. Die vor allem vom Aktiven Museum erkämpfte Stiftung Topographie des Terrors mit bis zu einer Million Besuchern jährlich ist die meistbesuchte Gedenkstätte in Deutschland und im Themenjahr ist die ganze Stadt dabei, an die Menschen zu erinnern, die hier in Berlin Kultur, Wirtschaft, Politik geprägt haben und auch heute noch prägen und nach dem Willen der Nationalsozialisten für immer aus dem Gedächtnis gelöscht werden sollten. Gegen dieses gewaltsam initiierte Vergessen und das spätere nachlässige Nichterinnern ist das Aktive Museum immer angegangen. Es hat als Pionier des biografischen Ansatzes der Geschichtsvermittlung mit seinen Ausstellungen immer besondere Themen aufgegriffen und solche „entdeckt“, die von den etablierten Instituten nicht oder noch nicht verfolgt wurden. Die in großen Teilen ehrenamtliche Arbeit hat auch neue Maßstäbe entwickelt, weil die spezifische Zusammensetzung der Partner andere Sichtweisen auf Personen und Ereignisse und auch neue Arbeitsformen generierte. Es war daher folgerichtig, dass wir die Koordinierungsstelle für die Stolpersteine beim Aktiven Museum angesiedelt haben und wir freuen uns sehr, dass wir hierfür den Etat des Aktiven Museums deutlich aufstocken konnten. 2013 hat das Aktive Museum zahlreiche Ausstellungen und Projekte initiiert, getragen und begleitet, so die neue Website der Stolpersteine samt der Verlegung des 5.000. Berliner Stolpersteins in Reinickendorf, die Aufstellung der sieben Tafeln der Berliner Geschichtsmeile zur NSGeschichte von Schwanenwerder, die erneute Präsentation der Ausstellung „Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945“ im Mitte Museum, die Ausstellung „Letzte Zuflucht Mexiko“ in der Akademie der Künste, die Ausstellung „Berliner Kirchen im Nationalsozialismus“ in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die Aufstellung einer Tafel der Geschichtsmeile und eine künstlerische Installation am ehemaligen jüdischen Zwangsarbeitsamt in der Fontanepromenade in Kreuzberg, die Ausstellung „Meine eigentliche Universität war Ausschwitz. Joseph Wulf zum 100. Geburtstag“ im Haus der Wannseekonferenz und die Ausstellung „Verraten und verkauft“ in der Industrie- und Handelskammer.

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Liebe Frau Dr. Fischer-Defoy, liebe Mitglieder des Aktiven Museums, was Sie mit Ihren Partnern hier allein in diesem Jahr auf die Beine stellen, ist für diese kleine bürgerschaftliche Institution sensationell und würde jedem großen und finanzkräftigen Museum als Festprogramm zum besonderen Jubiläum alle Ehre machen. Mein Amtsvorgänger Rainer Klemke, der in den letzten 30 Jahren mit vielen von Ihnen zusammenarbeiten durfte, und ich freuen uns sehr darüber, in Ihnen Partner zu haben, die unheimlich kreativ und produktiv die Erinnerungskultur unserer Stadt prägen und voranbringen. Unser Themenjahr wird daher auch kein Abschluss sein, sondern eine wichtige Etappe, weil es deutlich macht, wie wenig wir eigentlich trotz vielfältiger Forschung wissen. Es zeigt, dass die jüngeren Generationen ein großes Interesse an der Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur haben – gerade junge Berlinerinnen und Berliner legen ein Engagement an den Tag, das mich wirklich berührt. Es zeigt, dass immer neue Orte entdeckt werden, dass immer neue Biografien mit unglaublichen Geschichten zu erzählen sind und

hinsichtlich der Erforschung der NS-Geschichte von Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen noch viel zu tun ist, wie der überraschende Fund von BVGZwangsarbeiterakten im Rahmen eines diesbezüglichen Themenjahr-Projektes zeigt. Insofern dürften auch im dreißigsten Jahr die Themen für das Aktive Museum nicht ausgehen und ich bin dankbar, dass ich Sie, liebe Frau Fischer-Defoy, und Ihre MitstreiterInnen als Ratgeber und Partner an unserer Seite weiß. Es ist wunderbar, dass Professor Tuchel dem Aktiven Museum in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand Quartier und thematisch anregende Umgebung gewährt hat. André Schmitz ist zuzustimmen, wenn er zum 25. Jubiläum sagte: „Mit diesem Patron und Partner ist mir um die Zukunft des Aktiven Museums nicht bange“.
Christine Regus Dr. Christine Regus, Theaterwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin, leitet das Referat Museen, Gedenkstätten, Bibliotheken, Bildende Kunst in der Berliner Senatskulturverwaltung.

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ÜBER GEDENKTAFELN AN KUNSTWERKEN
Vorgetragen anlässlich der Festveranstaltung zum 30. Geburtstag des Aktiven Museums

Was auf Papier gedruckt worden ist, erlaubt dem Autor Fahnenkorrekturen, später dem Eigentümer Randbemerkungen. Gedenktafeln jedoch verlangen – und bekommen auch meist – große Sorgfalt, denn was in Metall gegossen oder in Stein gehauen ist, sperrt sich gegen Berichtigung. Warnende Beispiele finden sich mitten in Berlin. Die beiden Bronzetafeln an der Neuen Wache tragen hier wohl die meistgelesenen öffentlichen Inschriften. Die linke gibt an, das bronzene Sitzbild der „Mutter mit totem Sohn“ befinde sich im „Mittelpunkt“ des Raums. Das stimmt nicht, denn davor ist weiter Raum für jährlich miteinander hinzutretende und verharrende Kranzspender, dahinter nur so viel Platz, dass diese Plastik umschritten werden kann. An ihrer Stelle unter der runden Deckenöffnung befand sich ursprünglich ein Block – nicht aus Granit, wie die Gedenktafel behauptet, sondern aus Basaltlava, dem schwarzen Material vieler Grabsteine. Zeremoniell und Grabsymbolik sind und waren aber nicht belanglos. Unauffällig erscheint dagegen – nahebei – das ungenaue Zitat auf vier Edelrost-Tafeln im Pflaster des Bebelplatzes, die Micha Ullmans Denkmal „Die Bibliothek“ erläutern sollen. Heinrich Heine hatte geschrieben: „Das war ein Anfang nur, denn wo man Bücher / verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen“/ Heinrich Heine 1820. Auf den Tafeln endet der Text mit den Worten „… am Ende auch Menschen“. Das zerstört den Rhythmus („auch am Ende Menschen“) der beiden Zeilen, deren fünffüßiger Jambus die Herkunft aus einem Drama anzeigt, nämlich Heines Tragödie „Almansor“ (1821). Sie spielt in Spanien um 1500, als die katholische Kirche die im Land verbliebenen Muslime drangsalierte. Das Buch, von dessen Verbren-

nung berichtet wird, ist der Koran. Sicherlich hat Heine dabei an die Bücherverbrennung beim Wartburgfest 1817 gedacht. Er wäre ihm aber schwerlich recht gewesen, wenn später auf der Täterseite die Kirche mit den Nationalsozialisten parallelisiert worden wäre, auf der Seite der Literatur der Koran mit den 1933 verbrannten Dokumenten und Aktualisierungen der Aufklärung. Dass diese Komplikationen kaum bedacht, die Tafeln ohnehin kaum gelesen werden, ist ein Trost, den ein Denkmal politischer Literaturgeschichte nicht nötig haben sollte.

Aber es geht auch dort anders. Gegenüber, im Foyer der Humboldt-Universität, ist seit 1953 in MessingLettern auf der Stirnwand aus rot-weißen Kalkplatten die elfte „Feuerbach-These“, die Karl Marx 1845 notiert hat, folgendermaßen wiedergegeben: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt aber [!] darauf an, sie zu verändern.“ Eine kleine, in Augenhöhe angebrachte Glastafel erinnert – etwas genauer – an die ursprüngliche Textfassung, tilgt vor allem das von Friedrich Engels eingefügte „aber“, das

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wie ein Einwand gegen philosophisches Interpretieren klingt; heute schlicht: „… es kömmt drauf an, sie zu verändern“. Das Interpretieren und das Verändern werden nicht wie ungleichwertige Alternativen gegeneinander gesetzt, sondern bleiben Stufen einer Befreiung. Diese Deutung ist nicht neu; bemerkenswert jedoch, dass ein Kunstwerk sie nahelegt. Das tut nämlich eine auf den ersten Blick banale Installation von Ceal Floyer (2009): Jede Stufe der Treppe, die sich vor der Stirnwand des Foyers verzweigt, gibt das Schildchen zu lesen: „Achtung Stufe!“ Zu diesem neueren Beispiel anhängend ein Brief vom 10. Juni 2012 an die Geschäftsstelle der Humboldt-Universitäts-Gesellschaft, Berlin: Sehr geehrte Frau Bartsch-Huth, für Ihre Briefsendung mit der Festgabe von 2009 danke ich Ihnen herzlich. Mein Entwurf des Kurzbeitrags für den 10. Juni und meine Anfrage an Sie beruhten auf einem ersten Eindruck, dem ich natürlich eine Literatur- bzw. Internetrecherche folgen lassen wollte. Nun habe ich einen Überblick über die – teils vermuteten – Überlegungen, die die Entstehung der Installation vorbereiteten oder begleiteten, bedaure, dass ich meinen Beitrag vorerst so kurz gefasst lassen muss, aber freue mich, dass ich ihn wohl nicht zu ändern brauche. Ich will Ihnen aber nicht verschweigen, dass mir an dieser Dokumentation nicht alles gefiel. Um den Inhalt des Wandtextes, der doch wohl unbestreitbar zum Thema der Installation gehört, machen die Beiträge weitgehend einen Bogen; wichtig deswegen S. 18 ff. (wenn dort auch die überholte These vom Marmor der Reichskanzlei als Foyer-Material konserviert worden ist). „Es geht um Missverhältnisse zwischen dem sichtbaren Objekt und dessen Bezeichnung“ (Überschrift auf S. 7). Fünf bis sieben Zeilen weiter beginnt das schon, indem die Messinglettern-Inschrift unpräzis transskribiert wird (ebenso S. 9). Statt des Semikolons, das ganz rechts zu erkennen ist, erscheint dort ein Komma. Diese Bemerkung mag wie Erbsenzählerei anmuten, aber ich bin nicht sicher, dass sie wirklich ohne Belang ist. Das in die Messing-Lettern eingefügte Semikolon

verdeutlicht eine angebliche, m. E. ja nicht bestehende Antinomie zwischen Interpretieren und Verändern stärker als das Komma, das die beiden Aussagen bei Marx zusammenrückt. Deren Entgegensetzung – vor allem durch das tadelnd klingende „aber“ (Engels), im Text S. 18 durch ein „nicht […] sondern“ und S. 23 durch ein „statt dessen“ verstärkt – kann ich in den Marx’schen Halbsätzen so krass nicht finden, vermutete deshalb bei der ersten Begegnung mit der Installation, dass stattdessen die Stufe eine Metapher sein solle, weil Interpretieren und Verändern als Stufen eines Befreiungsprozesses gemeint seien. Auf S. 5 erscheinen immerhin „Erkenntnisstufen“, aber nur auf den Gedankenschritt ‚Denken‘ bezogen, nicht auf den Übergang zum Verändern. Das „nur“, das Marx seinen Vorgängern nachsagt, ist ungerecht genug, aber warum sollten die von ihm auch sonst gelegten Spuren einer richtigeren Bestimmung des Verhältnisses von Denken und Handeln nicht für ein Kunstwerk ausgewählt und verbildlicht werden? Das bringt mich zu der Überlegung, dass die These nicht auf ewig durch ihre Verwendung in der DDR so unbrauchbar geworden ist, wie einige Beiträger der Dokumentation anzunehmen scheinen. Veränderungen der Verhältnisse – ‚nur verschieden‘ – werden doch ständig erhofft und – bestenfalls vorher – bedacht. Mit Dank und freundlichen Grüßen
Hans-Ernst Mittig Prof. Dr. Hans-Ernst Mittig, Mitglied des Aktiven Museums seit 1984, war bis 1997 Professor für Kunstgeschichte an der Universität der Künste Berlin und hat zahlreiche Untersuchungen zu Denkmälern und NS-Kunst verfasst.

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OTTO SCHIERITZ (1889-1945)
Rede zur Wiederanbringung der Gedenktafel in der Senefelder Straße 33 am 10. Juni 2013

um eigenmächtig Gedenktafeln an Häuserwände zu schrauben. Sie waren und sind für uns eine der wichtigsten Formen des dezentralen Erinnerns an Widerstand und Verfolgung im Nationalsozialismus – inzwischen ergänzt durch die Stolpersteine, für die wir in Berlin im vergangenen Jahr die koordinierende Verantwortung übernommen haben. Das Anbringen, Erneuern und/oder Wiederanbringen gehörte in den Jahren um 1990 zu einem Herzens-Anliegen des Vereins – zunächst noch im alten West-Berlin, ab 1990 auch im Ostteil der Stadt, wo im Zuge der Rückübertragung von Häusern oder deren Verkauf an Investoren zahlreiche Gedenktafeln entfernt worden waren, die an Widerstandskämpfer erinnert hatten. Damals sahen es viele Investoren noch als eher hinderlich an, wenn an ihrem Haus eine Gedenktafel hing – eine Generation später gehört es fast zur politischen Selbstverständlichkeit. Wir freuen uns, dazu beigetragen zu haben, dass sich dies in dieser Weise geändert hat. Zu den seinerzeit von uns guerillamäßig erneuerten Gedenktafeln gehörte auch die Tafel für Otto Schieritz, die im Herbst 1990 entfernt worden war und am 8. Mai 1991 von uns ersetzt wurde. Inzwischen wurde sie erneut entfernt und heute bringen wir nun – mit Genehmigung der Hausverwaltung – eine dritte Tafel für Otto Schieritz hier an. Wer war Otto Schieritz? Der 1889 in Berlin-Weißensee geborene Sohn einer Arbeiterfamilie kam als ungelernter Arbeiter nach seinem Kriegseinsatz während des Ersten Weltkriegs in der Marine zunächst zur USPD und ging dann zur SPD. 1925 bekam er eine Stelle in der Allgemeinen Ortskrankenkasse und ab 1929 arbeitete er als hauptamtlicher Gewerkschafter im Gesamtverband der Arbeitnehmer öffentlicher Betriebe und des Personen- und Warenverkehrs in Berlin. Diese Stelle verlor er mit der Auflösung der Gewerkschaften am 2. Mai 1933. Ein rotes Kreuz auf seiner Arbeitslosenkarte kennzeichnete ihn nun als „politisch Gemaßregelten“, sodass es ihm nicht gelang, wieder Arbeit zu finden. Er beteiligte sich weiterhin an der nun

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Nachbarn des Hauses Senefelder Straße 33, liebe Freundinnen und Freunde des Aktiven Museums, Ich begrüße alle sehr herzlich im Namen des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin, das heute vor 30 Jahren gegründet wurde. Warum stehen wir heute hier? Wir wollen als einen Teil unseres Jubiläumsfestes an eine alte Tradition des Vereins anknüpfen, die uns seinerzeit den Ehrentitel der „Berliner Gedenktafelguerilla“ einbrachte – weil wir oft ohne Genehmigung durch die Hausbesitzer mit der Bohrmaschine loszogen,

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illegalen Parteiarbeit der SPD und hielt mit seiner Gruppe Kontakt zum Exilvorstand der SPD in Prag. 1935 flog diese Gruppe auf und ihre Mitglieder wurden verhaftet und in einem Prozess vor dem Volksgerichtshof 1936 angeklagt. In der Anklageschrift hieß es: „Soweit sie sich durch ihre Tätigkeit in den Dienst der illegalen SPD gestellt haben, haben sie die auf den gewaltsamen Umsturz gerichteten Bestrebungen der SPD mit Täterwillen unterstützt und sich somit eines schweren Verbrechens der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens schuldig gemacht.“ Otto Schieritz wurde zu viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, die er z.T. im Moorlager Papenburg verbrachte. Nach seiner Haftentlassung 1940 fand er Arbeit in der Berliner Rüstungsindustrie bei der Firma AEG. In den letzten Tagen des Krieges, am 2. Mai 1945, als die sowjetischen Truppen schon auf das Zentrum der Hauptstadt zumarschierten, hängte er vom Balkon seiner Wohnung hier im vierten Stock dieses Hauses ein weißes Laken als Zeichen seines Friedenswillens. Wenige Minuten später wurde das Kapitulationssymbol mit einer Panzerfaust abgeschossen – und vermutlich auch der Balkon. Otto Schieritz wurde von der SS verhaftet und in die benachbarte Schultheiss-Brauerei in der heutigen Sredskistraße verschleppt. Von dort kehrte er nicht wieder zurück, wurde also vermutlich ermordet. Wir erinnern mit ihm und seiner Geschichte an die zahlreichen Menschen, die in Berlin noch in den letzten Tagen des Krieges wegen „Defätismus“ im Namen des NS-Regimes verfolgt und ermordet wurden. Ich bedanke mich sehr herzlich bei Marion Goers für die Recherchen und Petra Müller für die Gestaltung und Ausführung der Tafel und der Hausverwaltung dieses Gebäudes für ihre Zustimmung zur Anbringung. Ich wünsche dieser Tafel, dass sie länger hier am Hause hängen kann als ihre Vorgängerinnen.
Christine Fischer-Defoy

ZUR ENTHÜLLUNG VON HISTORISCHEN INFORMATIONSSTELEN AUF DER INSEL SCHWANENWERDER AM 30. APRIL 2013

Sehr geehrter, lieber André Schmitz, sehr geehrte Frau Richter- Kotowski, sehr geehrter Herr Schertz, Meine sehr geehrten Damen und Herren, Ich beginne meine kleine Rede mit einem Zitat über den Ort, an dem wir heute hier stehen: „Der Wind blies uns ins Gesicht. Automobile dröhnten an uns vorüber, als wir gleichmäßig eine lange Straße durch die Wälder hinaufklapperten. Schließlich erreichten wir die Anhöhe und einen atemberaubenden Blick über die weite blaue Havel, die im Maisonnenschein glitzerte und mit weißen Segelbooten gepunktet zu unserer Linken in die Bucht des Wannsee ausuferte. Direkt unter uns lag eine kleine Halbinsel, eigentlich eine Insel, die eine schmale Brücke mit dem Festland verband. Christoph deutete darauf. ‚Das ist es.‘ Der Kutscher zog die Bremsen an. Die Pferde wollten jetzt laufen, aber er zügelte sie hart, zwang sie, die Kutsche in einem sicheren, kontrollierten Schritt zu ziehen, während wir den steilen Hang zum Wasser hinunter rollten. Als die Hufen auf den Holzbohlen der Brücke trommelten, ließ er die Zügel schießen, und wir rasten in einen dunklen, zu beiden Seiten von Mauern, Fliederhecken, riesigen alten Eichen und Blutbuchen begrenzten Weg. Der Weg schien den Inselkern zu umkreisen. Manchmal riss das Grün auf und ich erhaschte einen Blick auf das strahlende blaue Wasser. Wir erreichten das Ende einer langen, verputzten Mauer. Die Pferde, die jetzt in gemächlichem Schritt gingen, beschrieben einen Bogen, um uns zwischen zwei Torpfosten auf eine breite, gekieste Auffahrt zu ziehen. Ich nahm einige getünchte Pförtnerhäuschen wahr, eine weite Rasenfläche und, vor uns, teilweise von massigen Rosskastanien und Blutbuchen verborgen, einen sehr großen und sehr alten Herrensitz.“

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So beschrieb Arthur R. G. Solmssen, der Enkel des damaligen Bankiers und Inselbewohners Arthur Salomonsohn, in seinem 1980 in den USA erschienenen Roman „A Princess in Berlin“ einen Frühsommertag im Mai 1922 auf Schwanenwerder. Unschwer zu erkennen ist in dem beschriebenen Herrensitz die Villa seines Vaters Arthur Salomonsohn in der Inselstraße 19-22 – eine der wenigen Villen, die heute noch erhalten sind. Weiter heißt es im Roman: „Ein halbes Dutzend blankgewienerter, teurer Autos stand auf der einen Seite der Auffahrt geparkt, und in einem schattigen Garten neben einem der Pförtnerhäuschen saß eine Gruppe von Chauffeuren um einen Tisch, die Mützen neben sich und die Jacken aufgeknöpft, tranken sie Bier. ‚Was ist denn heute los?‘ fragte ich Christoph. ‚Hohe Tiere‘, sagte er, als er mich über die Auffahrt und zu den Gärten links des großen Hauses führte. ‚Oh ja. Heute nachmittag sind ein paar hohe Tiere hier, Minister Rathenau und Professor Liebermann!‘ ‚Und was machen die alle hier?‘ fragte ich. Wir kamen jetzt zum Wasser hinunter. Ich sah einen winzigen Strand, ein halb aus dem Wasser gezogenes Ruderboot und hohes schwankendes Ried. ‚Nun, sie

kommen zum Tee her, um ihre Freunde zu besuchen – sie sind alte Freunde von den Waldsteins, ich glaube nicht, dass heute ein besonderer Anlass besteht.‘ Wir kamen jetzt zum Teehaus, eigentlich eher ein Pavillon auf einer Fliesenterrasse über dem Wasser, ein strohgedecktes, von schweren Holzsäulen getragenes Dach. Etwa zwanzig Leute saßen in Korbstühlen, auf mehrere Zirkel verteilt, die Frauen trugen geblümte Sommerkleider und Sommerhüte, die Männer zumeist gedeckte Straßenanzüge. Zwei Dienstmädchen mit Schürze und Häubchen reichten Tabletts mit Kuchen und Gebäck herum.“ Der Roman zeigt eine Welt, die etwas mehr als zehn Jahre später untergehen sollte, und bereits im Jahr 1922 zu zerbrechen begann: der genannte Außenminister Walther Rathenau wurde bereits wenige Wochen später, am 24. Juni 1922, von Rechtsextremisten ermordet. Der Maler Max Liebermann, auch er ein Villenbesitzer am gegenüberliegenden Wannseeufer, wurde 1933 als Ehren-Präsident der Preußischen Akademie der Künste zum Rücktritt gezwungen. Er starb 1935 und musste so nicht die Deportationen erleben, denen sich seine Frau Martha durch Flucht in den Tod entzog.

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MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 69 · August 2013

Der hier „Waldstein“ genannte Arthur Salomonsohn verstarb 1930. Haus und Grundstück erwarb 1939 das Deutsche Reich für 250.000 Reichsmark im Auftrag der Reichskanzlei für Adolf Hitler, der das Anwesen allerdings nicht nutzte. Das Geld ging jedoch nicht an die Witwe Alma Salomonsohn, die 1939 mit ihren beiden Söhnen in die USA emigrierte, sondern an das für sie zuständige Finanzamt, das das Geld für die zu zahlende „Reichsfluchtsteuer“ und die „Judenvermögensabgabe“ einzog. Im Rückübertragungsverfahren erhielt Alma Salomonsohn, die sich in USA nun Solmssen nannte, einen Teil des Geldes zurück und verzichtete im Gegenzug auf den Besitz der Immobilie. Seit 1950 wurden Haus und Grundstück als Erholungsheim des Bezirks Tempelhof genutzt. Dies ist eine der vielen Schwanenwerder-Geschichten. Ich bin sehr froh darüber, dass es nun hier auf der Insel einen Ort gibt, der an die Glanzzeit der Insel in den 1920er Jahren und an die vielen zwischen 1933 und 1945 verfolgten und vertriebenen Bewohner erinnert. Das Aktive Museum wurde im Sommer 2012 von der Senatskanzlei/Kulturelle Angelegenheiten mit diesem Stelenprojekt beauftragt, das in Kooperation zwischen Land und Bezirk und mit Bürgerbeteiligung realisiert werden sollte. Mein herzlicher Dank gilt allen, die daran mitgewirkt haben, dass wir dies in einem dreiviertel Jahr geschafft haben und heute gemeinsam hier stehen, um diese Stelen einzuweihen: Ich danke André Schmitz und Cerstin Richter-Kotowski, die gemeinsam die politische Verantwortung für dieses Projekt auf Landes- und Bezirksebene getragen haben. Mein persönlicher Dank gilt Heike Stange und Doris Fürstenberg vom Kulturamt Steglitz-Zehlendorf, Silvia Stüber von der Senatskulturverwaltung, Kaspar Nürnberg vom Aktiven Museum und dem „Inselhistoriker“ Lothar Uebel sowie den beiden Gestalterinnen Helga Lieser und Karin Rosenberg. Last but not least danke ich Herrn Georg Schertz stellvertretend für die Anwohner der Insel für den konstruktiven Dialog und seine freundliche Unterstützung.
Christine Fischer-Defoy

DER 5000. STOLPERSTEIN IN BERLIN IST VERLEGT

Am 7. Juni 2013 wurde im Bezirk Reinickendorf unter reger Anteilname der Öffentlichkeit der fünftausendste Stolperstein in Berlin verlegt. Er ist Paul Höhlmann gewidmet, einem Opfer der sogenannten Kinder-Euthanasie. Der vierzehnjährige Junge, bei dem die Ärzte in der NS-Zeit „Mongolismus“ und „Idiotie“ diagnostizierten, starb im August 1942, nachdem medizinische Experimente an ihm durchgeführt worden waren. Ort des Geschehens war die „Städtische Nervenklinik für Kinder“ im Norden Berlins, die auf dem Gelände der Wittenauer Heilstätten und im „Wiesengrund“, gegenüber dem Rathaus Reinickendorf, untergebracht war. In den Häusern am Eichborndamm 238-242 gab es seit 1941 eine spezielle „Kinderfachabteilung“, in die bis Kriegsende zahlreiche behinderte Kinder aus Berlin und der Umgebung eingewiesen wurden. In Abstimmung mit dem „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“ führten Ärzte hier regelmäßig riskante medizinische Experimente an Kindern durch, die häufig zum Tod führten. Bis in die achtziger Jahre wurden die NS-Verbrechen an diesem Ort kaum thematisiert; sechs Stolpersteine für getötete Patienten der „Städtischen Nervenklinik für Kinder“ wurden erst im Mai 2004 verlegt – drei am Eichborndamm 238 und drei am Eichborndamm

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240. Neun Jahre später, im Juni 2013, kam mit dem Stein für Paul Höhlmann ein siebter Stein hinzu. Das Schicksal des Jungen hatten Schülerinnen und Schüler des Friedrich Engels-Gymnasiums in Reinickendorf im Rahmen eines Seminarkurses Geschichte unter Leitung von Sabine Hillebrecht recherchiert. Zur Verlegung des Steins, bei der sie eindrücklich über Pauls Leben und seine Ermordung informierten, kamen zahlreiche interessierte Berlinerinnen und Berliner. Außerdem sprachen Vertreter des Bezirks und der Senatsverwaltung sowie der AG Stolpersteine Reinickendorf und nicht zuletzt der Künstler Gunter Demnig selbst. 1 Der fünftausendste Stolperstein in Berlin ist ein guter Anlass, auf die Entwicklung der Stolpersteine in Berlin seit 1996 zurückzublicken und künftige Aufgaben zu skizzieren. Nicht nur, dass das „Jubiläum“ am 7. Juni auf so große politische Aufmerksamkeit stieß, ist bemerkenswert. Auch die Tatsache, dass der Stein für Paul Höhlmann vor einem Gebäude verlegt wurde, in dem das Tiefbaumt des Bezirks Reinickendorf untergebracht ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, denn siebzehn Jahre zuvor wäre ein solcher Gedenkakt wahrscheinlich undenkbar gewesen: Als im Mai 1996 in Kreuzberg die ersten Stolpersteine Berlins verlegt wurden, geschah dies ohne Wohlwollen der Politik, geschweige denn mit einer Genehmigung der Behörden. Die Stolpersteine galten vielmehr als „illegal“, und erst im Nachhinein genehmigte das Tiefbauamt die Aktion mit einer Ausnahmegenehmigung. Bald darauf beschloss die Bezirksversammlung, dass für alle Kreuzberger Opfer der NS-Verbrechen Stolpersteine verlegt werden sollten. Andere Bezirke zogen nach und das dezentrale Erinnerungsprojekt nahm eine kaum für möglich gehaltene Entwicklung. Bis 2006 wurden in ganz Berlin über 1000 Stolpersteine verlegt und wie Zeitungen bald berichteten, hatte sich diese Zahl im Jahr 2008 fast verdoppelt. Mittlerweile sind es 5000 Steine. Auf dem Weg dahin mussten viele Vorurteile und auch Missverständnisse aus dem Weg geräumt werden. Vor allem wurde der umfassende Anspruch der Stolpersteine oft verkannt. „Der Künstler Gunter Demnig verlegt Tausende Steine

zum Gedenken an deportierte Juden“, schrieb Der Spiegel im Jahr 2005. Kurz darauf berichtete Die Zeit: „Immer mehr ‚Stolpersteine‘ erinnern an die Ermordung jüdischer Mitbürger während der Nazizeit“. Tatsächlich ist Demnigs Aktion, die 1995 in Köln mit Steinen für deportierte Sinti und Roma begonnen hatte, verschiedenen Opfern der NS-Verfolgung gewidmet. Auch der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin ist es wichtig, drauf hinzuweisen, für wen die 10 x 10 cm großen Betonquader mit ihrer individuell beschrifteten Messingplatte in den Bürgersteig eingelassen werden können. So gibt es nicht nur Stolpersteine für politische Gegner, Juden, Sinti und Roma oder religiös Verfolgte. Auch an Homosexuelle, an als „asozial“ stigmatisierte Menschen oder an Opfer der „Euthanasie“-Programme wie Paul Höhlmann, kann erinnert werden. Da Einzelschicksale gerade aus der letztgenannten Opfergruppe bisher kaum erforscht sind, muss hier noch viel Recherchearbeit geleistet werden. Es bleibt zu hoffen, dass diese Opfer des Nationalsozialismus bald präsenter im Straßenbild sind. Alle Interessierten, die für sie einen Stolperstein verwirklichen wollen, unterstützt die Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin gerne mit Informationen.
Gerd Kühling Gerd Kühling ist Historiker und Beisitzer im Vorstand des Aktiven Museums. Neben seiner Tätigkeit als Freier Mitarbeiter der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz promoviert er zum Umgang mit der NS-Vergangenheit in Berlin während des Kalten Krieges.

1) Unter dem Titel „‚Auf freundlichen Zuspruch lächelt das Kind.‘: Die medizinischen Verbrechen in der Städtischen Nervenklinik für Kinder 1941-1945“ informiert das Heimatmuseums Reinickendorf noch bis Januar 2014 mit einer Ausstellung über dieses Thema. Der gleichnamige Ausstellungskatalog mit Beiträgen von Sabine Hillebrecht und Gerd Kühling kann beim Heimatmuseum bestellt werden.

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WARUM STARB PAUL HÖHLMANN?
Präsentation anlässlich der Verlegung des 5000. Stolpersteins in Berlin am 7. Juni 2013

der Poliklinik sagte der Arzt den Eltern: „Ich halte es für ausgeschlossen, dass der Junge in eine normale Volksschule oder Hilfsschule eingeschult wird. Soweit er noch geistig zu fördern ist, kann das nur in einer Anstalts-Schule erreicht werden.“ Aufgrund dieser Empfehlung wurde Paul mit knapp neun Jahren aus seiner Familie herausgerissen und in das Kinderheim in Marwitz eingewiesen. Das lag außerhalb von Berlin, in der Nähe von Kremmen. In Marwitz ging es Paul teilweise nicht gut. Zwar spürt man in den Pflegeberichten der Krankenakte den Willen des Jungen, sich anzupassen, so im Frühjahr 1937: „Paul hat sich gut eingelebt, Munter. Liebes Kerlchen.“ Oder: „Gutmütiges fröhliches Kind. Ruhig“ Aber Paul war hier nicht immer glücklich. So heißt es im März 1939 zum Beispiel: „Paul ist leicht weinerlich, gelegentlich sind Anwandlungen von Schwermut und Lebensüberdruß beobachtet worden. Er will dann nicht aufstehen, bleibt im Bett und sagt, dass er nicht mehr leben möchte.“ Wahrscheinlich litt der elfjährige Junge an der Trennung von seiner Familie, er hatte Heimweh. Wir sehen, dass Paul ein sensibles Kind war, das seine Situation sehr bewusst wahrnahm. Im März 1942, nach über 5 Jahren Heimaufenthalt, wurde Paul Höhlmann von Marwitz nach Wittenau überwiesen. Das geschah, obwohl er keine gesundheitlichen Probleme hatte. Er kam in die neu enstandene „Städtische Nervenklinik für Kinder“, und hier auf die Station 3, die sogenannte „Kinderfachabteilung“. Damit war er überhaupt einer der ersten Patienten dieser neuen Einrichtung. Auch jetzt gibt es Einträge zu Paul, die wir in den Pflegeberichten der Krankenschwestern gefunden haben, so am 11. März 1942: „Paul spricht ganz nett, war auch sonst ganz manierlich.“ Einen Tag später heißt es: „Paul äußerte, er möchte in die Schule gehen und schreiben lernen. Als er nun ein Malbuch bekam, malte er mit der linken Hand ganz nett und ausdauernd. Er ging nicht über die Linien.“ Vier Tage später wurde notiert: „Paul hat ein nettes, ruhiges Wesen, sehr gutmütig, in keiner Weise bösartig, hilft gern.“ Und am

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, wir möchten Ihnen und Euch das kurze Leben von Paul Höhlmann vorstellen: Paul wurde eine Woche vor Weihnachten geboren, am 16. Dezember 1927. Er war das erste Kind seiner Eltern. Im Laufe des ersten Lebensjahres stellte sich heraus, dass er an „Mongolismus“ und „Idiotie“ litt, wie man das „Down-Syndrom“ damals bezeichnete. Paul lernte im 3. Lebensjahr laufen und sprechen. Abgesehen von dieser verspäteten Entwicklung war er körperlich gesund. Er musste nicht in einem Krankenhaus betreut werden. Er lebte in seinen ersten acht Lebensjahren in seiner Familie, gemeinsam mit seinen vier jüngeren Geschwistern. Es waren zwei Jungen und zwei Mädchen, alle gesund. Ihre Wohnung befand sich direkt gegenüber von unserer Schule, in der sogenannten „Weißen Stadt“. Vielleicht kam er damals sogar am Nachmittag auf unseren Sportplatz zum Spielen. Das änderte sich, als die Eltern 1936 eine Aufforderung erhielten, ihren Sohn in der Poliklinik für nervöse und schwer erziehbare Kinder am Kinderkrankenhaus der Stadt Berlin vorzustellen. Bei dem Gespräch in

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11. Mai wird vermerkt: „Paul war wieder lustig, spielte Mundharmonika und tanzte.“ Am 20. Mai 1942 wurde Paul im Rahmen einer Versuchsreihe mit Tuberkulinerregern geimpft. Dieses Forschungsvorhaben führte die Charité durch. Insgesamt 32 Kinder stellte der ärztliche Leiter des Wiesengrunds den Kollegen Prof. Dr. Georg Bessau und seiner Assistentin Dr. Marianne Salzmann als sogenannte Versuchsobjekte zur Verfügung. In den folgenden Wochen wurde Paul beobachtet. Das geschah zunächst im Wiesengrund, Anfang Juni 1942 kam Paul aber wieder zurück nach Marwitz. Kurz vorher notierte die diensthabende Krankenschwester: „3. Juni 1942: Entlassung nach Marwitz. Paul hat keine Erziehungsschwierigkeiten geboten, war immer munter und zufrieden, sehr anlehnungsbedürftig und sehr hilfsbereit.“ Bald jedoch wurde festgestellt, dass Paul nun immer wieder Fieberschübe bekam. So wurde er am 24. August 1942 zurück in den Eichborndamm überwiesen. Er hatte an diesem Tag schon fast 40 Grad Fieber. Er bekam ein Medikament namens Strophantin, das heute verboten ist. Es ist ein pflanzliches Mittel, das eine kreislauffördernde Wirkung hat, aber in höherer Dosierung tödlich ist. Zwei Tage später, am 26. August 1942, verschlechterte sich sein Zustand weiter. Von einer Kreislaufstützung wurde im Hinblick auf den Grad der Entwicklungsstörung Abstand genommen, wie es in der Akte heißt. Damit hatten sich die Ärzte entschieden, ihm nicht mehr zu helfen, sondern ihn sterben zu lassen. Paul starb kurz nach 5 Uhr am Nachmittag dieses Tages. Er wurde nur 14 Jahre alt. Zur Erinnerung an ihn hat unsere Schule einen Stolperstein gestiftet. Er wird nun verlegt.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Schülerinnen und Schüler, Warum starb Paul Höhlmann? Paul hatte in seiner Krankenakte den Zusatz „R.A.“. Diese Abkürzung steht für „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden“. Der Reichsausschuss war ein Gutachtergremium bestehend aus drei Männern, die behinderte und kranke Kinder begutacheten und als „lebenswert“ oder „lebensunwert“ einstuften. Diejenigen, die in ihren Augen als „lebensunwert“ galten, wurden mit dem Hinweis „R.A.“ zu sogenannten „Reichsausschusskindern“ gemacht. Damit erhielten sie den Status von Versuchsobjekten. Bei Paul wurde vier Wochen nach seiner Aufnahme im Wiesengrund eine schreckliche Prozedur durchgeführt: Innerhalb von nur neun Tagen wurden drei Encephalographien vorgenommen. Das bedeutet, dass ihm mit einer Punktion im Rückenmark Gehirnwasser entnommen und im gleichen Umfang Luft ins Gehirn gepresst wurde. Dieses Verfahren diente zu Forschungszwecken, denn die Ärzte konnten nun Röntgenaufnahmen des Gehirns anfertigen, die kontrastreicher waren als normale Röntgenaufnahmen. Eine therapeutische Maßnahme wurde damit nicht angestrebt. Nur weil Paul sehr gesund war und eine gute Konstitution hatte, gab es bei ihm keine Komplikationen. Andere Kinder starben bei diesem Verfahren oder an ihren Folgen. Schon im Mai 1942 wurde Paul wieder zu Versuchszwecken benutzt. Diesmal ging es um die Forschung zur Tuberkuloseimmunisierung an der Charité. Mindestens neun Kinder starben an den Folgen dieses Impfversuchs, auch alle Kinder, zu deren Gedenken bisher ein Stolperstein hier am Eichborndamm 238 und 240 verlegt worden ist. Die Impfung löste bei Paul nicht unmittelbar den Tod aus, aber die fortwährenden medizinischen Versuche schwächten seinen Körper. Für die Ärzte im Wiesengrund gab es weder eine Anweisung noch einen Zwang, die sogenannten Reichsausschusskinder zu töten. Sie erhielten in Form der Aktennotiz „R.A.“ jedoch eine „Handlungsermächtigung“,

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nach eigenem Ermessen zu verfahren. Das bedeutete, sie konnten ungestraft Kinder wie Paul zu ihren medizinischen Forschungszwecken benutzen. In einigen Fällen ist nachgewiesen, dass das Beruhigungs- und Schlafmittel „Luminal“ in erhöhter Dosierung verabreicht wurde. Die Kinder wurden auf diesem Wege getötet. Bei Paul ist Strophantin in hoher Dosierung gegeben worden. Nach dem Krieg wurde gegen den Leiter dieser Einrichtung, Dr. Dr. Ernst Hefter, ermittelt, weil er „durch mehrere selbstständige Handlungen vorsetzlich Menschen getötet und die Tötung mit Überlegung ausgeführt“ hatte. Nach seiner Verurteilung im Frühjahr 1946 starb er ein Jahr später während seiner Haft in Bautzen. Alle anderen Ärzte, Schwestern und Pfleger dieser Klinik konnten unbehelligt weiterleben und zum Teil Karriere machen. Lieber Paul, bei unseren Nachforschungen haben wir festgestellt, dass Du ein sensibler, sehr gutmütiger und musisch begabter Mensch gewesen warst. Du hättest ein schönes Leben haben können. Du wolltest gern in die Schule gehen und schreiben lernen. Das wurde Dir verwehrt. Daher kommt die Schule heute hierher zur Verlegung eines Stolpersteines zu Deinem Gedenken. Aus allen Klassen des Friedrich-Engels-Gymnasiums sind die Klassensprecher anwesend. Sema S. aus der Klasse 10f hat das Motiv auf unseren T-Shirts entworfen. Es soll zum Ausdruck bringen, dass wir an Dich erinnern, aber gleichzeitig auch an andere Kinder, deren Namen wir in den Akten des Wiesengrund gefunden haben. Sie waren zum Teil sogar zum gleichen Zeitpunkt mit Dir gemeinsam in der sogenannten Kinderfachabteilung. Der Oberstufenchor, der heute von Schülern der Mittelstufe unterstützt wird, hat für Dich und die anderen Kinder ein Lied eingeübt. Es handelt sich um ein Abschiedsgedicht, das von unserem Musiklehrer vertont wurde. Wir hören es nun zum Abschluss. Es trägt den Titel: „May you walk, beauty, in a better world.“
Erarbeitet und vorgetragen von Schülerinnen und Schüler des Seminarkurses Geschichte von Sabine Hillebrecht am Berliner Friedrich-Engels-Gymnasium

REZENSION ZU HANS BERGEMANN: „JÜDISCHE RICHTER IN DER BERLINER ARBEITSGERICHTSBARKEIT 1933“

Hans Bergemann / Berliner Freundes- und Förderkreis Arbeitsrecht (Hg.): Jüdische Richter in der Berliner Arbeitsgerichtsbarkeit 1933, Berlin: Hentrich & Hentrich 2013, ISBN 978-395565-002-5. 175 S.

Im letzten Mitgliederrundbrief (Nr. 68, Januar 2013) hat Christine Kühnl-Sager von der Veranstaltung anlässlich der Verlegung von vier Stolpersteinen für ermordete jüdische Arbeitsrichter sowie der Enthüllung einer Gedenktafel für alle 14 verfolgten, vertriebenen oder ermordeten Berliner Arbeitsrichter berichtet. Die dort bereits angekündigte Publikation „Jüdische Richter in der Berliner Arbeitsgerichtsbarkeit 1933“ möchte ich vorstellen.

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In vier Kapiteln werden vom Autor Hans Bergemann im Auftrag des Berliner Freundes- und Förderkreises Arbeitsrecht die Etappen der Ausgrenzung jüdischer Juristen aus dem öffentlichen und beruflichen Leben mit den Lebenswegen der 14 Arbeitsrichter verschränkt. Der Schwerpunkt der Schilderungen liegt eindeutig auf einer detaillierten Darstellung der Entwicklung in der Berliner Arbeitsgerichtsbarkeit seit der Erlassung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ am 7. April 1933. Deutlich wird bei den Ausführungen, wie gering der Widerstand gegen die Maßnahmen der Nationalsozialisten war. Die Lebenswege der 14 Richter repräsentieren die Bandbreite jüdischer Schicksale während und nach der nationalsozialistischen Herrschaft: Berthold Auerbach und seine Ehefrau Gertrud deportierten die Nationalsozialisten am 24. Juni 1942 ins Ghetto Minsk. Sehr wahrscheinlich waren beide unter denjenigen, die kurze Zeit später ins Vernichtungslager Maly Trostinez gebracht und dort ermordet wurden. Ein genaues Todesdatum ist nicht bekannt. Martin Matzdorf und seine Ehefrau Anna waren am 14. Dezember 1942 unter denjenigen, die aus Berlin nach Auschwitz deportiert wurden. Auch ihre Todesdaten sind nicht bekannt. Kurt Kronheim war bereits 1933 nach Frankreich geflohen, jedoch im Zuge der Besetzung Frankreichs durch die deutsche Wehrmacht zunächst im Sammellager Drancy eingesperrt und von dort nach Auschwitz deportiert worden, wo er am 2. September 1942 ermordet wurde. Arthur Sello war von den Nationalsozialisten als „privilegierter Mischling“ kategorisiert worden und starb am 6. März 1944 während eines Luftangriffs auf Berlin. Auch Ernst Ruben war mit einer nicht-jüdischen Deutschen verheiratet, bei einem Luftangriff am 2. Januar 1944 wurde er schwer verletzt. Er starb etwa vierzehn Tage später, wahrscheinlich weil seine medizinische Versorgung nicht ausreichend war.

Auch Martin Landsberger lebte in einer so genannten Mischehe, die – da kinderlos – nicht als „privilegiert“ betrachtet wurde. Er überlebte den Krieg in Berlin. Acht weitere Richter – Ernst Ascher, Wolfgang Gaston Friedmann, Ernst Heinitz, Fritz Herrmann, Otto Kahn-Freund, Hans Lehmann, Friedrich Oppler und Kurt Tuchler überlebten im Exil. Drei von ihnen – Ernst Ascher, Ernst Heinitz und Friedrich Oppler – kehrten nach 1945 nach Deutschland zurück und konnten in unterschiedlichen Positionen erneut als Juristen arbeiten. Eine literarische Darstellung der schwierigen Rückkehr und mühevollen beruflichen und gesellschaftlichen Reintegration bietet der mit dem Deutschen Buchpreis prämierte Roman von Ursula Krechel „Landgericht“. Otto Kahn-Freund und Wolfgang Friedmann waren nach Großbritannien geflohen und beide studierten dort erneut Jura und schafften sich dadurch auch beruflich ein neues Zuhause. Hans Lehmann floh im März 1934 in die USA. Dort gelang ihm als Anwalt ein beruflicher Neuanfang. Fritz Herrmann war zunächst in Großbritannien und ging dann später in die USA, konnte dort jedoch nicht mehr als Jurist arbeiten. Kurt Tuchler, vielen seit dem Dokumentarfilm „Die Wohnung“ seines Enkelsohns Arnon Goldfinger bekannt, gründete in Israel eine Privatbank. In einem weiteren Kapitel werden die Lebenswege dieser 14 Männer detailliert vorgestellt. Ein Anhang mit wichtigen Dokumenten rundet diese informative und detailreiche Publikation ab.
Silvija Kavcic Dr. Silvija Kavcic ist Leiterin der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin im Aktiven Museum.

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REZENSION ZU REINER MÖCKELMANN: „WARTESAAL ANKARA. ERNST REUTER – EXIL UND RÜCKKEHR NACH BERLIN“

senen Quellen zum Exil in der Türkei und zu Ernst Reuters Leben und bereichert unsere Kenntnisse über Reuter und sein Umfeld durch liebevoll zusammengestellte Funde aus Selbst- und Fremdzeugnissen von Reuter und seinem großen Kreis von Freunden, aber auch Gegnern. Der erste Teil des Buches handelt von der Verfolgung Ernst Reuters durch die Nationalsozialisten, die ihn schließlich, da er im Land selbst keine Möglichkeiten zu sinnvoller Widerstandstätigkeit sah und meinte, nach zwei Haftzeiten im KZ Lichtenberg eine dritte nicht überleben zu können, aus dem Lande trieb. Er emigrierte Anfang 1935 nach England. Dort erhielt er die Nachricht, dass er durch Vermittlung des schon in Ankara für die türkische Regierung arbeitenden früheren Reichstagskollegen Fritz Baade eine Stellung in der Türkei erhalten habe. Aus zeitgenössischen Schilderungen und Bildern der neuen türkischen Hauptstadt Ankara entwirft Reiner Möckelmann ein Bild dieser Stadt, in die die Familie Reuter nun einzog. Da sich Ankara bis heute von der damaligen Kleinstadt zur Millionenstadt entwickelt hat, war es notwendig, den Zustand der Stadt 1935 ins Gedächtnis zu rufen, in der sich die Exilanten bei aller Freude über die Rettung aus NS-Deutschland und den neuen Wirkungskreis oft allzu fern vom Weltgeschehen fühlten. Die türkischen Bildungsreformen und die Berufungen nach Istanbul und Ankara, sind uns aus den Projekten des Aktiven Museums bekannt, ebenso der Einfluss der ExilProfessoren auf die Entwicklungen in der Türkei, die sie zu „einem Modellfall der Elitenemigration“ machten. Das Kapitel über die Schwierigkeiten der deutschen (und später österreichischen) Exilanten mit den deutschen Vertretungen in der Türkei schildert vor allem die dort noch einmal aufgenommenen – bereits bei den Verhaftungen in Magdeburg vorgebrachten, in der Folge aber widerlegten – Behauptungen über Gräueltaten von Ernst Reuter als Kommissar in Saratow, im Gebiet der Wolgadeutschen 1918. Der Generalkonsul in Istanbul unterstützte die Bemühungen des technischen Direk-

Reiner Möckelmann: Wartesaal Ankara. Ernst Reuter - Exil und Rückkehr nach Berlin, Berlin: Berliner Wissenschafts-Verlag 2013, ISBN 978-3-8305-3143-2. 368 S.

Reiner Möckelmann, der sieben Jahre im diplomatischen Dienst Deutschlands in der Türkei war, zuletzt als Generalkonsul in Istanbul, hat dort Schriften zum Exil von Wissenschaftlern in der Türkei herausgegeben und 2008 das Vorwort zur Neuausgabe der Autobiographie von Ernst Eduard Hirsch „Als Rechtsgelehrter im Lande Atatürks“ verfasst. Sein neues Buch verarbeitet die in den letzten Jahren – u.a. vom Aktiven Museum – neu erschlos-

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tors der Bosporus-Schifffahrt Hermann Dilg, der Ernst Reuter aus der Türkei entfernen wollte. Reuter, der das Tarifwesen der Türkei reformieren sollte, wollte u.a. die Gehälter kürzen, was Hermann Dilg, einem alteingesessenen „Bosporus-Germanen“ selbstverständlich nicht passte. Dass Dilg aber so viel Verständnis und Hilfe beim Generalkonsul Axel Toepke fand, ist bemerkenswert. Allerdings war der Botschafter von Keller nicht von dieser Intrige angetan und wies Toepke an, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Die „Deutsche Kolonie A“, d.h. die 250 Reichsdeutschen (1935), die entweder Nationalsozialisten geworden waren oder sich zumindest anpassten, wird beschrieben und in einem Exkurs die Beziehungen Deutschlands zur Türkei seit Friedrich II. bis zum (nominellen) Eintritt der Türkei in den 2. Weltkrieg auf Seiten der Alliierten am 23. Februar 1945 behandelt. In der Kulturpolitik war das Auswärtige Amt, das zunächst annahm, die Berufung von Deutschen in die Türkei sei in jedem Fall im deutschen Interesse, spätestens mit der ersten Reise von Dr. Herbert Scurla vom Reichsministerium für Wissenschaft 1937 umgeschwenkt. Scurla versuchte, die türkischen Stellen zur Entlassung der Exilierten und zur Einstellung von NS-konformen Hochschullehrern zu bewegen. Er hatte allerdings kaum Erfolg, weil er nicht erkannte, dass die Türken ihre Bildungsreform ohne Einmischungen von deutscher Seite weiterführen wollten und insbesondere nicht daran interessiert waren, ob die von ihr Berufenen nun im Sinne der Nationalsozialisten „arisch“, waren oder nicht. Traditionelle Abneigung gegen die nichtmuslimischen Minderheiten, ob Juden oder Christen, gab (und gibt es) in der Türkei, aber der nationalsozialistische Rassenwahn wurde – bis auf ein paar Außenseiter - dort nicht heimisch. Ernst Reuter machte sich keine Illusionen. Er nahm an, dass in dem drohenden Krieg alle Juden in Deutschland umgebracht würden. Man müsse vor allem darauf bedacht sein, möglichst viele noch von dort herauszubringen. Allerdings wollte die Türkei keine weiteren Flüchtlinge aus dem NS-Machtbereich aufnehmen und untersagte im August 1938, zur Zeit der Massenflucht aus Österreich und der Tschechoslowakei, ihre Einreise.

Ernst Reuter bedauerte das und schrieb Anfang 1939: „Hier sind uns leider alle Hände gebunden. Die Regierung läßt nicht nur keinen deutschen Juden herein, sondern weist auch noch ganz planmäßig aus, was sich eben ausweisen läßt. [...] So kann ich auch meinen Freund Goldschmidt nicht hierher bitten, er bekommt keine Einreisegenehmigung.“ Über die verschiedenen Tätigkeiten Reuters als Berater in Verkehrsfragen und später als Hochschullehrer für Kommunalpolitik und über das Leben in Ankara in der „Deutschen Kolonie B“ unterrichtet der nächste Abschnitt des Buches. Insbesondere hebt Möckelmann den Freundeskreis der Familie Reuter hervor: Berater, Hochschullehrer und Künstler. Reuter war in diesem Kreis durch sein Sprachtalent privilegiert, schneller als die meisten anderen lernte er Türkisch und konnte bald auch auf Türkisch lehren. Er war der einzige emigrierte Hochschullehrer in der Türkei, der ohne vorausgegangene akademische Karriere auf einen Lehrstuhl berufen wurde. Das half ihm dann über die Kriegsjahre hinweg (wenn auch mit Einkommenseinbußen), da er wie alle anderen ausländischen Berater in Staatsstellungen mit Kriegsbeginn aus türkischen Diensten entlassen wurde. Es ist bekannt, dass Ernst Reuter sich, abgesehen von den notwendigen, von der Konsulatsabteilung der Deutschen Botschaft vorzunehmenden Passverlängerungen, von der Botschaft und von der „Deutschen Kolonie A“ fernhielt und das auch von anderen verlangte, so sehr, dass er sich mit Fritz Baade überwarf, obwohl der der einzige sozialdemokratische Politiker in Ankara war und ihm zu der Berufung dorthin verholfen hatte. Über dieses Zerwürfnis und die noch stärkere Bitterkeit Reuters über den 1939 nach Berlin zurückgekehrten Alfred Braun berichtet Möckelmann und zitiert einen Brief als ein Selbstzeugnis Reuters, das auch seine eigene Beurteilung des Lebens in Ankara betrifft: „Es hat mich damals sehr getroffen, dass Sie den Gang nach Canossa antraten. Nicht nur für den Schauspieler bedeutet der Verzicht auf seine berufliche Tätigkeit den Erstickungstod. Das geht auch anderen Menschen so. Ich habe lange, lange Jahre mich darein finden müssen, in keiner Weise das

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arbeiten und leisten zu können, wozu Neigung, Veranlagung, Fähigkeit und jahrelange Gewöhnung mich von Rechts wegen bestimmten.“ Neben den vielen Äußerungen der Verbundenheit mit der Türkei und der Dankbarkeit für die Aufnahme dort, die von Ernst Reuter bekannt sind, wird hier auch einmal deutlich, dass der Mann, der vor allem Politiker war und der ohne Hitler eine große Karriere gemacht hätte, die Bitterkeit des Exils empfand, wenn er sich das auch selten anmerken ließ. Als 1939 Franz von Papen als Botschafter des nun „Großdeutschen“ Reiches seinen Dienst in Ankara antrat, wurde Reuter in seiner Ablehnung von Kontakten zur Botschaft bestärkt. Es muss in dem immer noch kleinen Ankara gar nicht so einfach gewesen sein, was Reuter zustande brachte: „Ich habe niemals mit ihm [...] irgendein Wort, irgendeinen Brief gewechselt. Ich habe weder direkt noch indirekt zu ihm und seinesgleichen irgendwelche Beziehungen gehabt.“ Bei Reiner Möckelmann wird von Papen, dessen Wirken in der Türkei wie auch im Nachkriegsdeutschland er schildert, mit seiner abstoßenden Wendigkeit zum Gegenbild des geradlinigen Ernst Reuter. Ausführlich wird das politische Wirken von Ernst Reuter nach 1943 behandelt, so die Gründung des Deutschen Freiheitsbundes, der wegen des Verbots der politischen Tätigkeit von Ausländern in der Türkei nur im kleinen Kreis und geheim wirken konnte, die Kontakte zum deutschen Widerstand und zum USGeheimdienst, ebenso die Organisation der Hilfe für die ab August 1944 in Anatolien internierten Mitemigranten, die nicht durch ihre Staatsstellungen vor der Internierung geschützt waren. Die lange vergeblichen Bemühungen Ernst Reuters um die Rückkehr nach Deutschland bilden den Auftakt zu dem letzten Teil des Buches „Am Ziel“, das die letzten Lebensjahre Ernst Reuters in Berlin zum Thema hat. Er war zu spät in Berlin eingetroffen, um noch von der ersten, am 20. Oktober 1946 gewählten Stadtverordnetenversammlung zum Oberbürgermeister gewählt

zu werden. Bei der nächsten Wahl kandidierte er dann und aus dem „Haymatloz“-Katalog des Aktiven Museums sind uns die teils grotesken Anschuldigungen, die gegen Reuter durch die SED vorgebracht wurden, bekannt: „Papens Schützling“ oder „Türke“. Möckelmann schildert im Anschluss die Wahl Reuters zum Oberbürgermeister 1947, die Spaltung der Stadt und die Wahl Reuters zum Regierenden Bürgermeister von West-Berlin, die zweifellos durch seine eindeutige Stellungnahme gegen die Kommunisten erleichtert wurde. Der allerletzte Teil des Buches widmet sich der Vergangenheitspolitik und schildert noch einmal die Kontroversen der ersten Nachkriegsjahre zwischen „äußerer“ und „innerer Emigration“. Reuter setzte sich vor allem für die Wiedereinbürgerung der durch die Nazis ausgebürgerten früheren Deutschen ein, u.a. im Parlamentarischen Rat als Vertreter Berlins. Seine Gedenkrede vom 19. April 1953 zum Jahrestag des Aufstands im Warschauer Ghetto betonte die Verantwortung aller Deutschen für die Judenverfolgung und die Verpflichtung zur Wiedergutmachung. Ebenso setzte er sich in mehreren Ansprachen für das Gedenken an den Deutschen Widerstand ein, zuletzt bei der Enthüllung des Denkmals im Bendlerblock am 20. Juli 1953. Dabei betonte er, dass sich die Männer des Widerstands „aus allen Lagern unseres Volkes zusammenfanden“. Das war ungewöhnlich in einer Zeit, als der 20. Juli 1944 im Westen noch meist als „Verrat“, im Osten als „Adelsclique“ abgetan wurde. Es dauerte noch sehr lange, bis der deutsche Widerstand gegen den Nationalsozialismus in seiner Vielfältigkeit anerkannt und dargestellt wurde. Wie bei der Anerkennung der deutschen Schuld an der Verfolgung und dem Massenmord an den europäischen Juden hat Ernst Reuter hier den Weg gewiesen, aber nicht mehr erleben können, dass seine Auffassungen schließlich als die richtigen anerkannt wurden.
Christiane Hoss Christiane Hoss war von 1990 bis Anfang 2007 Geschäftsführerin des Aktiven Museums.

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„STEINE REDEN NICHT VON SELBST“
Enthüllung weiterer historischer Informationsstelen auf dem Tempelhofer Feld

Trotzdem zeigt sich die Tempelhof Projekt GmbH (immerhin ein Tochterunternehmen der Kulturverwaltung) unbelehrbar in der Verwendung des Namens „Tempelhofer Freiheit“ für das Gesamtgelände. Dieser Begriff war von Beginn an sehr umstritten, eben weil die

Weil Steine nicht reden und ihre historische Bedeutung nicht von selbst preisgeben, müssen an den historisch wichtigen und authentischen Orten der Stadt Informationen zu ihrer Geschichte präsentiert werden, befand Prof. Andreas Nachama bei der Enthüllung von 10 Informationstafeln zur Geschichte des Tempelhofer Feldes am 10. Juli 2013. Damit ist die Errichtung des Geschichtspfades für das gesamte Gelände ein großes Stück vorangekommen. 13 der insgesamt 27 vom „Berliner Forum für Geschichte und Gegenwart“ konzipierten Tafeln sind nun aufgestellt. „Alle Tafeln zusammen werden sich als Kulturgeschichte des Tempelhofer Feldes lesen lassen – von seinen Anfängen bis zu Gegenwart“ erläuterte Beate Rossié das Forums-Konzept, das von ihr, Stefanie Endlich und Monica Geyler-von Bernus erarbeitet wurde. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Konzept die NSZeit mit dem KZ Columbiahaus, dem Zwangsarbeiterlager, dem Luftwaffenstützpunkt und Rüstungsproduktion.

„Tempelhofer Unfreiheit“ in der NS-Zeit damit begrifflich ausgeklammert werde. Auch Senator Michael Müller hatte sich dafür ausgesprochen, einen angemessenen Projektnamen zu finden und ein sehr vage formulierter Antrag aus der SPD Friedrichshain-Kreuzberg an den Berliner Landesparteitag im Mai diesen Jahres fordert die SPD-Mitglieder in Senat und Abgeordnetenhaus dazu auf, in allen ihren Kompetenzbereichen „darauf hinzuwirken, dass [...] der Begriff Tempelhofer Freiheit` ` nicht mehr verwendet wird“ . Wir sollten weiter dafür streiten, dass der Name des Geländes mit seiner wechselvollen Geschichte und den Projekten der Zukunft nicht um des Marketing-Effektes willen einen bedeutsamen Teil von dessen Geschichte ausklammert.
Christine Kühnl-Sager Christine Kühnl-Sager ist stellvertretende Vorsitzende des Aktiven Museums.

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PUBLIKATIONEN DES AKTIVEN MUSEUMS
zu beziehen über die Geschäftsstelle

Letzte Zuflucht Mexiko. Gilberto Bosques und das deutschsprachige Exil nach 1939 Berlin 2012 20,00 Euro Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945 2. Auflage, Berlin 2011 20,00 Euro Verraten und verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945 3. Auflage, Berlin 2010 5,00 Euro Final Sale. The End of Jewish Owned Businesses in Nazi Berlin Berlin 2010 5,00 Euro Ohne zu zögern... Varian Fry: Berlin – Marseille – New York 2. verbesserte Auflage, Berlin 2008 20,00 Euro Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933–1945 Berlin 2006 5,00 Euro Gedenktafeln in Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus 1991–2001 Christiane Hoss / Martin Schönfeld, Berlin 2002 5,00 Euro HAYMATLOZ. Exil in der Türkei 1933–1945 Berlin 2000 20,00 Euro CD-ROM 5,00 Euro Gedenktafeln in West-Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus Martin Schönfeld, Berlin 1993 unentgeltlich gegen Portoerstattung

AKTIVE SMUSEUM
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.
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