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Periodical volume

Full text: Mitgliederrundbrief Issue 67.2012 August

AKTIVE SMUSEUM
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.

Das Aktive Museum, das Gestapo-Gelände und die Topographie des Terrors. Eine Beziehungsgeschichte

M I TG L I E D E R R U N D B R I E F 6 7 · A U G U S T 2 012

INHALT

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Editorial
Christine Fischer-Defoy

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Das Aktive Museum, das Gestapo-Gelände und die „Topographie des Terrors“ – Eine Beziehungsgeschichte
Christine Fischer-Defoy

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Geschichte des Tempelhofer Feldes, zweiter Teil. Ein weiterer Rundgang, diesmal zu Resten und Spuren des Alten Flughafens
Stefanie Endlich und Beate Rossié

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Professionelle Distanz in der biografischen Forschung am Beispiel des Gewerkschafters Otto Hampel
Marion Goers

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Die Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstättenbibliotheken und ihr neu gestalteter Verbundkatalog
Monika Sommerer

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Gedenkort für Hilde Radusch
Heike Stange

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Vorstellung der neuen Leiterin der Koordinierungsstelle Stolpersteine Berlin
Silvija Kavcic

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Publikationen des Aktiven Museums Impressum

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MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 67 · August 2012

Liebe Mitglieder und Freunde des Aktiven Museums, vor 25 Jahren, am 4. Juli 1997, wurde die von Reinhard Rürup erarbeitete erste Dokumentation „Topographie des Terrors“ auf dem Gestapo-Gelände eröffnet. Die Stiftung Topographie des Terrors nahm dies zum Anlass, die Vorgeschichte des Gestapo-Geländes und die Arbeit des Aktiven Museums mit einer kleinen Ausstellung in ihrem Hause zu würdigen. In einem Festakt am Jubiläumsabend sprachen Andreas Nachama, Ingeborg Berggreen-Merkel in Vertretung des Staatsministers für Kultur Bernd Neumann – der die kleine Ausstellung bereits am Vormittag eröffnet hatte – und der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Zum Jubiläum erschien in der Schriftenreihe „Notizen“ der Stiftung ein Band von Matthias Haß unter dem Titel „Das Aktive Museum und die Topographie des Terrors“. Wer hätte dies vor nunmehr fast 30 Jahren gedacht, dass wir, die einstigen „linken Schmuddelkinder“, nun als Vertreter des bürgerschaftlichen Engagements auf diese Weise gewürdigt würden? Es ist ein Zeichen dafür, wie sich die Erinnerungspolitik in diesem Lande in den vergangenen 30 Jahren verändert hat, und ich danke allen Mitgliedern und Freunden des Aktiven Museums, die dazu beigetragen haben. Diese Wertschätzung der Erinnerungsarbeit kommt auch in Gedenktafeln zum Ausdruck, die in diesen Wochen eingeweiht wurden. Für Hilde Radusch, deren Lebensgeschichte das Aktive Museum bereits in der Ausstellung über die verfolgten Berliner Stadtverordneten dokumentierte, wurde auf Initiative von „Miss Marples Schwestern“ am 22. Juni 2012 ein Gedenkort mit mehreren Denktafeln eingeweiht, an dessen Realisierung sich auch das Aktive Museum beteiligte. Es ist der erste Gedenkort in Berlin, der an eine lesbische Frau erinnert. Heike Stange beschreibt in ihrem Text den mühevollen Weg zu dieser Würdigung. Ebenso langwierig war auch die Realisierung einer von uns und der VVN initiierten Gedenktafel für Wolfgang Szepansky, die am 11. August enthüllt wird. Sie erinnert am authentischen Ort daran, dass Wolfgang Szepansky, Gründungsmitglied des Aktiven Museums, am 11. August 1933 an die

Das Außenbanner für die Doppel-Ausstellung „Flucht und Exil“ am Stadtmuseum Erlangen.

Mauer der ehemaligen Schultheiß-Brauerei die Parole „Nieder mit Hitler! KPD lebt! Rot Front!“ geschrieben hatte. Christine Kühnl-Sager wird hierüber im nächsten Rundbrief ausführlich berichten. Zur dezentralen Gedenkpolitik in Berlin gehört auch der geplante und zum Teil bereits realisierte Rundweg mit zwanzig Informations-Stelen auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Wir hatten hierzu ja zwei Exkursionen durchgeführt, inzwischen gibt es einen „Runden Tisch“ zur historischen Kommentierung, dessen Teilnehmer sich am 6. August mit Beate Rossié und Stefanie Endlich vor Ort informierten. Wir veröffentlichen in diesem Heft den zweiten Teil ihres Berichtes zu historischen Spuren auf dem Gelände. Als kleinste Form dezentralen Gedenkens gelten die „Stolpersteine“, von denen mittlerweile in Berlin über 4.000 verlegt wurden. Seit Anfang dieses Jahres hat das Aktive Museum die Verantwortlichkeit für

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die Stolperstein-Koordinierungsstelle in Berlin übernommen. Wegen der Haushaltssperre ohne finanzielle Unterstützung, haben viele ehrenamtliche Mitarbeiter und Praktikanten das ersten Halbjahr über die Koordinierungsstelle am Laufen gehalten und die Verlegung von über 500 Stolpersteinen koordiniert und betreut. Ihnen allen sei hier sehr herzlich gedankt. Erst im Sommer konnten wir eine feste Stelle für die Leitung der Koordinierungsstelle ausschreiben. Aus Dutzenden Bewerberinnen und Bewerbern hat sich die Findungskommission für Dr. Silvija Kavcic entschieden, die diese Tätigkeit zum 1. September aufnehmen wird und sich selbst in einem Beitrag in diesem Heft kurz vorstellt. Wir freuen uns sehr auf eine gute Zusammenarbeit. Kurz berichten möchte ich noch über unsere Wanderausstellungen, die zum Teil seit Jahren noch immer unterwegs sind. Hervorzuheben ist die zeitgleiche Präsentation zweier unserer Ausstellungen vom 1. April bis 29. Juli 2012 im Stadtmuseum Erlangen. Hier wurden „Haymatloz. Exil in der Türkei 1933-1945“ und „Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin – Marseille – New York“ auf zwei Etagen des Museums zeitgleich präsentiert. Zu dieser Sonderausstellung unter dem Titel „Flucht und Exil“ mit einem eindrucksvollen gemeinsamen Außenbanner kamen knapp 6.000 Besucher. Auch die Ausstellung „Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945“ machte nach Präsentationen im Centrum Judaicum und im Berliner Landesarchiv noch einmal im „Haus am Kleistpark“ in Schöneberg Station. Ab November wird sie im „Mitte Museum“ zu sehen sein. Im „Themenjahr 2013“ werden voraussichtlich vier Ausstellungen des Aktiven Museums noch einmal in Berlin gezeigt. Hierüber werden wir im nächsten Rundbrief berichten. Mit besonderer Freude möchte ich noch auf eine Rezension des im Argument-Verlag erschienenen ersten Gedichtbandes „Fazit“ unseres Gründungsvorsitzenden Gerhard Schoenberner hinweisen. Martin Walser schrieb nämlich am 23. Juni 2012 in der „Zeit“ unter anderem: „Mir ist keine Literatur in deutscher Sprache bekannt, sei es Gedicht oder Prosa, die den Gedichten

Gerhard Schoenberners vergleichbar wäre. Vergleichbar in der Härte und Genauigkeit der Mitteilung dessen, was Deutschland im 20. Jahrhundert vollbrachte. Die Wunden, geschlagen / von den eigenen Leuten / bluten länger. Oder: Wenn es einen Gott gäbe / ich würde ihn bitten ... / Mach, dass es der Feind ist / der mich erschlägt / nicht die eigenen Leute. Das ist der Universalismus des 20. Jahrhunderts.“ Erinnern möchte ich an dieser Stelle zum Schluss noch an Fritz Teppich, der am 25. Februar 2012 verstorben ist. Ich habe ihn Anfang der 1980er Jahre, als ihn nach Berlin kam, im Zusammenhang mit seinen Aktionen vor dem Hotel Kempinski kennengelernt. Fritz Teppich gehörte zu den aktiven Mitstreitern bei der Gründung des Aktiven Museums Faschismus und Widerstand in Berlin. Es freut mich im Rückblick sehr, dass er noch im vergangenen Sommer an unserer ersten Begehung des Tempelhofer Flughafens teilnehmen und so viele alte Freunde wiedersehen konnte. Wir werden ihn nicht vergessen! Allen Mitgliedern und Freunden des Aktiven Museums wünsche ich einen schönen Spätsommer.
Christine Fischer-Defoy

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DAS AKTIVE MUSEUM, DAS GESTAPO-GELÄNDE UND DIE „TOPOGRAPHIE DES TERRORS“ – EINE BEZIEHUNGSGESCHICHTE
Festrede am 4. Juli 2012 anläßlich des 25-jährigen Jubiläums der Eröffnung der ersten Ausstellung „Topographie des Terrors“ auf dem Gestapo-Gelände

ist das Wichtigste: ein gemeinsames Happy End: diesen großartigen Neubau des Dokumentationszentrums Topographie des Terrors im dritten Anlauf. Wenn ich an die vergangenen 30 Jahre unserer wechselvollen Beziehung zurückdenke, so lässt sich der Weg zum Happy End exemplarisch an den drei Wettbewerben für dieses Gelände ablesen. Der erste Wettbewerb 1983: Das Aktive Museum als Zaungast

Lieber Andreas Nachama, sehr geehrte Festrednerinnen und –Redner, liebe Mitstreiter und Freunde des Aktiven Museums und der Stiftung, Die Idee ging von der Stiftung Topographie des Terrors aus: Ob wir, das Aktive Museum nicht anläßlich des 25-jährigen Jubiläums der Eröffnung der ersten Ausstellung „Topographie des Terrors“ auf dem GestapoGelände etwas über das bürgerschaftliche Engagement für diesen Ort schreiben möchten. Hieraus entstand das vorliegende Buch in der von der Stiftung herausgegebenen Schriftenreihe „Notizen“ und eine kleine temporäre Ausstellung im Foyer des Dokumentationszentrums. Und ich wurde gebeten, einen kleinen Festvortrag zu halten – was ich hiermit sehr gern tue. Denkt man an die Anfänge der gemeinsamen Geschichte des Aktiven Museums und der Topographie des Terrors zurück, so mutet dies wie ein kleines Wunder an. Wir, die linken Schmuddelkinder, die als „Gedenktafelguerilla“ in die Stadtgeschichte der 1980er und 1990er Jahre eingingen, mit unserer eigenen Geschichte zu Gast in diesem wunderbaren Haus, das uns nach einer fast 30-jährigen wechselvollen Geschichte nun verbindet? Es ist ein Zeichen dafür, wie sich im Laufe der Jahrzehnte die Beziehungen zwischen der Bürgerinitiative für ein „Aktives Museum“ und der „Topographie des Terrors“ verändert haben. Wie in jeder Beziehung gab es auch zwischen uns in diesen Jahren Höhen und Tiefen, Euphorie und Enttäuschung, Konkurrenz und Missverständnisse, Vorbehalte und Umarmungen – und, das

Die Geschichte des Aktiven Museums beginnt Mitte 1982: auf Initiative des Berliner Kulturrat e.V. kamen in der Köthener Straße in Kreuzberg zahlreiche regionale Initiativen und Institutionen West-Berlins zusammen, um ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm anlässlich des 50. Jahrestages von 1933 zu organisieren, da dieses Datum von Seiten der Berliner Senats damals keine Beachtung fand. So gab es ab Januar 1983 in allen westlichen Bezirken dezentrale, selbstorganisierte Ausstellungen und Veranstaltungen, für die vierteljährlich auf gemeinsamen ProgrammPlakaten geworben wurde. Als ich selbst im April 1982 nach West-Berlin kam, kannte ich von dem Gestapo-Gelände nur den schmalen Trampelpfad zwischen der westlichen Mauerseite und der Ruine des Martin-Gropius-Baus, den ich täglich auf dem Weg zur Arbeit entlangradelte. Im Auftrag des damaligen Präsidenten der Hochschule der Künste sollte ich die Geschichte der Berliner Kunst- und Musikhochschulen im Nationalsoziaismus dokumentieren, zu denen auch die ehemalige Unterrichtsanstalt der Kunstgewerbemuseums in der Prinz-Albrecht-Straße 8 gehörte, in die dann 1933 die Gestapo eingezogen war. In dem Veranstaltungsprogramm 1983 war ich mit einer kleinen Ausstellung zum SA-Überfall auf die Staatliche Kunstschule vom Februar 1933 vertreten. Es war meine erste Ausstellung in Berlin – und so sah sie auch aus. Durch das gemeinsame Veranstaltungsprogramm 1983 bekam ich aber innerhalb kürzester Zeit Kontakt

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Blick in die am 4. Juli 2012 eröffnete Tafelausstellung „Das Aktive Museum und die Topographie des Terrors“ im neuen Dokumentationszentrum

zu vielen Akteuren der Berliner Gedenklandschaft. Das Spektrum reichte von der Geschichtswerkstatt bis zur Deutsch-Sowjetischen Freundschaftsgesellschaft, von den Freunden der Deutschen Kinemathek bis zu den Homosexuellen-Verbänden, dazu die Arbeitsgemeinschaft verfolgter Sozialdemokraten und die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes, die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst und das Werkbundarchiv, um nur einige zu nennen – alle saßen wir über viele Monate an einem Tisch. Aus diesem breiten Bündnis heraus wurde im Juni 1983 das „Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.“ gegründet. Zum Gründungsvorsitzenden wurde Gerhard Schoenberner gewählt, neben den beteiligten Organisationen gab es nur einige wenige Einzelmitglieder, die zugleich Zeitzeugen waren: Erwin Beck, Ossip K. Flechtheim, Falk Harnack und Theo Pinkus. Verbindendes Ziel aller Beteiligten war es, jenseits „runder“ Jahrestage

die Geschichte des Nationalsozialismus, der Verfolgung und des Widerstands in Berlin zur alltäglichen Aufgabe zu machen, und hieran im Stadtraum zu erinnern. Diese Idee, gespeist aus der Philosophie der Geschichtswerkstätten, des „Grabe, wo Du stehst“, der zunehmenden Bedeutung der Regional- und Alltagsgeschichte sowie des seit den 1970er Jahren wachsenden Interesses der westdeutschen Second Generation an der Täter-Geschichte kulminierte in der Forderung nach einem „Aktiven Museum“, das ein Ort des forschenden Lernens, eine Werkstatt für Ausstellungen und ein selbstorganisiertes Dokumentationszentrum mit gläserner Verwaltung zugleich sein sollte. Und was lag näher, als ein solches Haus auf dem Gelände zu errichten, das durch seine Vergangenheit als „Zentrale des Terrors“ kontaminiert war? So mischte sich der neu gegründete Verein Aktives Museum in den ersten Wettbewerb mit dem verschlei-

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ernden Titel “Berlin, Südliche Vorstadt, Gestaltung des Geländes des ehemaligen Palais Prinz Albrecht“ ein, und über wundersame Beziehungen gelangte unser Konzept zu guter Letzt noch in die Wettbewerbsunterlagen. Dies führte dazu, dass zahlreiche Wettbewerbsteilnehmer tatsächlich ein „Aktives Museum“ auf dem Gelände vorsahen. So auch der Siegerentwurf von Jürgen Wenzel und Nikolaus Lang, dessen Umsetzung jedoch 1984 vom Berliner Senat kassiert wurde. „Alles auf Anfang“ hieß es nun und das Aktive Museum, dem sich bald die „Initiative zum Umgang mit dem Gestapogelände“ zur Seite stellte, kämpfte vergeblich weiter darum, dass aus dem vom damaligen Regierenden Bürgermeister Diepgen so genannten „Schandfleck“ ein „Denk-Ort“ werden sollte. Doch dort herrschte erst einmal ein als „Denk-Pause“ verschleierter Stillstand. Wir, der Verein Aktives Museum suchten vergeblich alternative Standorte: das Deutschlandhaus blieb uns ebenso verschlossen wie ein von Burkhard Grashorn im Rahmen der Internationalen Bau-Ausstellung an der Ecke Wilhelmstraße / Kochstraße entworfener Neubau, in den dann ein Supermarkt einzog. Um die Öffentlichkeit wieder für das Gelände zu interessieren, organisierten wir gemeinsam mit der Berliner Geschichtswerkstatt unter der Parole „19331945. Nachgegraben“ zum 8. Mai 1985 eine symbolische Grabungsaktion, die dann aus aktuellem Anlass auf den 5. Mai 1985, den „Tag von Bitburg“ vorgezogen wurde. Mit Schippen und Spaten gruben wir einen Winkel entlang der vermuteten Grundmauern der Prinz-AlbrechtStraße 8, dem ehemaligen Hauptquartier der Gestapo. Diese Aktion sorgte für öffentliches Aufsehen und trug dazu bei, dass der Architekt Dieter Robert Frank den Auftrag erhielt, im Sommer 1986 mit archäologischen Grabungen die Spuren und Überreste der Gebäude auf dem Gelände freizulegen. Wie eine offene Wunde traten nun die verschütteten Gebäudefundamente zutage, unter ihnen die Fundamente von Zellen des 1933 eingerichteten „Hausgefängnisses“ der Gestapo. Mit den Ausgrabungen schuf Dieter Robert Frank die Voraussetzungen dafür, dass dann im Rahmen des

zweigeteilten 750-jährigen Stadtjubiläum Berlins 1987 in und über den ausgegrabenen „Küchenkellern“ einer ehemaligen Verpflegungsbaracke der SS die von Ulrich Eckhardt initiierte und von Reinhard Rürup als wissenschaftlichem Leiter konzipierte erste Dokumentation unter dem Titel „Topographie des Terrors“ eröffnet wurde, an die wir nun heute anlässlich ihres 25. Jahrestages erinnern. Nur für wenige Monate geplant, wurde sie in den folgenden Jahren als „dauerhaftes Provisorium“ zum Besuchermagneten. Doch wo blieb das Aktive Museum? In der Person Gerhard Schoenberners waren wir in der so genannten „Fachkommission“ vertreten, deren Mitglieder mit der Gründung der Stiftung zum „Arbeitsausschuss“ ernannt wurden: ein Gremium, das wissenschaftliche Kompetenz mit lokalgeschichtlichem Sachverstand und bürgerschaftlichem Engagement verbindet und über die anstehenden Aufgaben und Planungen berät. Aber wir wollten ja mehr: auf dem Gestapo-Gelände sollte es neben der Dokumentation „Topographie des Terrors“ ein „Aktives Museum“ geben, ein selbstverwaltetes Haus des „forschenden Lernens“, wie wir es bei unserer Vereinsgründung erträumt hatten. Geradezu bizarr mutet es im Rückblick an, dass wir am 1. September 1989, also wenige Wochen vor dem Fall der Mauer, gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund Berlin und der Aktion Sühnezeichen mit Umzugskartons auf das Gelände zogen und neben den Ausstellungspavillon der „Topographie des Terrors“ den tonnenschweren Grundstein für ein „Aktives Museum“ legten. Zugegeben: manches Mal haben wir sicher genervt – aber auch das gehört zu jeder guten Beziehung... Der Fall der Mauer warf zwei Monate später alles über den Haufen: Aus dem Gestapo-Gelände wurde ein Filet-Grundstück für Investoren, und von unserem Ziel waren wir weiter entfernt als je zuvor. Der zweite Wettbewerb 1993: Das Aktive Museum und die „Topographie des Terrors“ als gemeinsame Verlierer Um den Begehrlichkeiten der Investoren einen Riegel vorzuschieben, wurde 1992 auf Initiative des damaligen

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Prof. Dr. Andreas Nachama, Klaus Wowereit und Dr. Christine Fischer-Defoy (v.l.) während der Festveranstaltung zum 25jährigen Bestehen der Dokumentation „Topographie des Terrors“ am 4. Juli 2012

Kultursenators die „Stiftung Topographie des Terrors“ gegründet und das Grundstück an sie übertragen. Im selben Jahr wurde ein zweiter Wettbewerb für einen Neubau der „Topographie des Terrors“ ausgeschrieben. Ich saß für das Aktive Museum auf Seiten der Sachpreisrichter mit in der Jury, der für die Stiftung deren wissenschaftlicher Direktor Reinhard Rürup, für den Arbeitsausschuss Stefanie Endlich, für das Bundesministerium des Inneren Gerd F. Trautmann, für den Bezirk Kreuzberg Peter Strieder und für den Berliner Senat Winfried Sühlo angehörten. Uns stand die gleiche Zahl von Fachpreisrichtern aus Berliner Architektenkreisen gegenüber. Vorsitzender der Jury war der Architekt Hardt-Walther Hämer, der zugleich die „Initiative zum Umgang mit dem Gestapo-Gelände“ vertrat. Unvergesslich ist mir die gespenstische Atmosphäre der mitternächtlichen Entscheidung: um 23.45 Uhr wurde der Schweizer Architekt Peter Zumthor gegen alle Stimmen der künftigen Nutzer zum Sieger erklärt. Ich hatte in der Diskussion Zumthors Entwurf überspitzt als Kathedrale und „Speerschen Lichtdom“ charakterisiert und wäre dafür beinahe vom damaligen

Senatsbaudirektor Hans Stimmann – dessen Behörde das Bauverfahren verantwortete – von der Jury ausgeschlossen worden. Ich erinnere mich, dass ich gegen 1 Uhr morgens weinend mit dem Fahrrad von der Budapester Straße nach Hause fuhr. Gegenüber der zentralen Stiftungsidee einer Unverletzlichkeit des Geländes hatte die Senatsbauverwaltung, die vorrangig einen prominenten Architekten vorweisen wollte, mit einem Entwurf gesiegt, der sich als riesiger Riegel quer über das Gelände erstrecken sollte. Mit der Ernennung von Peter Zumthor zum Sieger dieses Wettbewerbs begann die zweite „bleierne Zeit“. Im Zuge der Baumaßnahmen zu Realisierung seines Entwurfs wurden auf dem Gelände viele historische Spuren vernichtet. Der Entwurf erwies sich im Laufe der Jahre, wie Ignaz Bubis vorausgesehen hatte, als nicht baubar. Die Kosten explodierten und ein Baustopp jagte den anderen. Angesichts dieser Aussichtslosigkeit, dass der Zumthor-Bau jemals mit den zur Verfügung stehenden Mitteln fertig werden würde, trat Reinhard Rürup im März 2004 als langjähriger wissenschaftlicher Direktor der „Stiftung Topographie des Terrors“ zurück.

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Er erhoffte sich hiervon eine Signalwirkung an die politisch Verantwortlichen, dem Dokumentationszentrum „Topographie des Terrors“ eine ähnliche Priorität zuzugestehen, wie sie für das Jüdische Museum und das Holocaust-Mahnmal galt: „Die Dinge kommen aus dem Gleichgewicht, wenn es in der deutschen Hauptstadt zwar ein Jüdisches Museum und ein Holocaust-Mahnmal gibt, aber die Frage nach den Tätern und nach der Gesellschaft, in der diese Taten möglich waren, ausgeklammert wird,“ so Reinhard Rürup im Gespräch mit Christina Tilmann im „Tagesspiegel“ vom 27. März 2004. Wie in jeder menschlichen Beziehung schweißte die gemeinsame Erfahrung dieser Krise uns, den Verein und die Stiftung, zusammen. Als sich das Aktive Museum nach dem wiederholten Baustopp zu einer radikalen Aktion, der 24-stündigen Mahnwache auf dem Gelände am 7./8. Mai 2004 entschloss, fanden wir hierzu die freundliche Unterstützung der Stiftung, die uns für die Nacht den kleinen Besuchercontainer überließ, in dem wir – wie die Heringe in einer Konservenbüchse – in unseren Schlafsäcken aneinandergereiht die kalte Mainacht verbrachten. Belohnt wurden wir vom Gesang der Nachtigallen auf dem Gelände, von nächtlichen aufmunternden Besuchern, unter ihnen Andreas Nachama von der Stiftung und Eleonore Kujawa von der Liga für Menschenrechte, und zahlreichen Unterschriften, die wir am nächsten Morgen zur Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, Christina Weiss, brachten. Und wenige Wochen später geschah das Wunder: Kulturstaatsministerin Christina Weiss verkündete im Besuchercontainer der Stiftung in Absprache und im Beisein von Kultursenator Thomas Flierl und der Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer das Ende des Zumthor-Baus und die Ausschreibung einen neuen Wettbewerbs durch den Bund. Wir zogen gemeinsam mit ihr im Triumphzug noch einmal zu den bereits stehenden Zumthor’schen Treppentürmen, um unser riesiges Transparent „Stoppt den Baustop“ wieder abzunehmen. Es war für mich einer der glücklichsten Momente unserer gemeinsamen Geschichte. Im Winter 2004 wurden dann die Überreste des Zumthor-Rohbaus abgerissen.

Matthias Haß: Das Aktive Museum und die Topographie des Terrors (= Topographie des Terrors, Notizen; Band 4), Berlin: Hentrich & Hentrich 2012. 80 S. ISBN 978-3-9422-7165-3. 8,90 Euro

Der dritte Wettbewerb 2006: Das Happy End Der dritte Wettbewerb brachte im Januar 2006 endlich den von allen gemeinsam getragenen Erfolg: Der Entwurf von Ursula Wilms und Heinz W. Hallmann sah ein Gebäude vor, das die Priorität des Geländes als „erstem Exponat“ respektierte und noch übrige Spuren wie das Robinienwäldchen und die Straßen des „Fahrens ohne Führerschein“ zum Sprechen brachte, das die Ausgrabungen in die Gesamtkonzeption der Ausstellungen einbezog – eine gläserne Hülle, die nach allen Seiten den Blick auf das Gelände freigab. Das Aktive Museum ist heute als Vertreter des bürgerschaftlichen Engagements Teil der Gremien der

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Stiftung. Unsere kritische Meinung ist gefragt und gelegentlich auch notwendig. Unsere Aufgabe als pressure group für die Gestaltung eines „Denk-Ortes“ auf dem Gestapo-Gelände haben wir aber erfüllt und uns nun anderen Zielen zugewandt. Zum Beispiel dem Thema des Exils, das in keiner der bestehenden Berliner Gedenkstätten richtig zuhause ist. Wir sind, wie Andreas Nachama es ausdrückt, zum „Freundeskreis der Stiftung“ geworden, auch wenn wir als kleiner Verein nicht die für ein solches Gremium eigentlich typischen finanziellen Zuwendungen beisteuern können. Aber das Wort „Zuwendung“ hat ja auch eine über das Finanzielle hinausgehende Bedeutung: die der Empathie. In diesem Sinne bleiben wir der Stiftung Topographie des Terrors als Partner gerne auch in Zukunft zugewandt. Ich danke Matthias Haß dafür, dass er sich in unseren Vereinsunterlagen und in den Dokumenten zur Geschichte der „Topographie des Terrors“ auf Entdeckungsreise begeben hat, um Vor- und Frühgeschichte des bürgerschaftlichen Engagements für diesen Ort zu dokumentieren. Als Zeitzeugin und Mit-Akteurin hätte ich selbst mich vermutlich in unendlichen Anekdoten verstrickt und dabei den Überblick verloren. Ich danke Andreas Nachama und der Stiftung Topographie des Terrors für den Anstoß zu der kleinen Ausstellung im Foyer und dem diesem Thema gewidmeten Band in der Schriftenreihe „Notizen“. Mein besonderer Dank gilt Erika Bucholtz von der Stiftung für die freundliche und intensive Unterstützung bei ihrer Realisierung. Last but not least danke ich allen, die in den vergangenen fast 30 Jahren als Akteure oder Unterstützer mit dazu beigetragen haben, dass wir heute gemeinsam hier stehen. In diesem Sinne gratuliere ich der Stiftung zu diesem heutigen Jubiläum – quasi der „Silberhochzeit“ in unserer Beziehungsgeschichte – und freue mich auf viele weitere gemeinsame Jahre.
Christine Fischer-Defoy

GESCHICHTE DES TEMPELHOFER FELDES, ZWEITER TEIL.
Ein weiterer Rundgang, diesmal zu Resten und Spuren des Alten Flughafens

Der frühere Vorplatz des alten Flughafens in Flaschenhalsform 1934; Foto: Hans Schaller

Wenn in Tempelhof vom „alten Flughafen“ die Rede ist, denken fast alle an die riesige halbrunde Anlage des Architekten Ernst Sagebiel, die nun schon fast ein dreiviertel Jahrhundert alt ist, längst unter Denkmalschutz steht und heute die unterschiedlichsten Nutzungen beherbergt, darunter die jährliche Modemesse „Bread & Butter“. Tatsächlich ist jedoch dieser Gebäudekomplex aus der NS-Zeit, vor allem berühmt durch die Berliner Luftbrücke, gar nicht der alte, sondern der jüngere, gewissermaßen der neue Flughafen. Sein Vorläufer, in

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Luftaufnahme des alten Flughafens, 1936; Foto: Friedrich Seidenstücker

den Jahren 1923 bis 1929 etappenweise im nordöstlichen Bereich des heutigen Parks errichtet, ist heute weitgehend vergessen. Das ist erstaunlich, hatte er doch damals das größte Passagieraufkommen aller europäischer Flughäfen und verkörperte höchste Ansprüche an moderne Architektur und innovative Technik. Zentrale Bauten der Flughafen-Anlage waren das 104 Meter lange Empfangsgebäude der Architekten Paul und Klaus Engler, fünf von den Architekten Paul Mahlberg und Heinrich Kosina entworfene Flugzeughallen und die Funk- und Telegrafenstation Fritz Bräunings. Als zentrales „Luftkreuz Europas“ war der Flughafen von immenser Bedeutung für den gesamten Flugverkehr, der sich in jenen Jahren und insbesondere an diesem Ort mit atemberaubender Dynamik entwickelte. Der erste Flughafen Tempelhof, Heimatflughafen der Lufthansa, war Ausgangs- und Zielpunkt zahlreicher Pionierflüge und Schauplatz spektakulärer Rekorde und Flugvorführungen mit bis zu 400.000 Zuschauern.

Der ab 1933 von den Nationalsozialisten forcierte, ab 1936 gebaute riesige neue „Weltflughafen“ wurde zunächst nicht vollkommen fertig gestellt und diente in den Kriegsjahren zur Rüstungsproduktion. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der gesamte Flugverkehr über den alten Flughafen abgewickelt. Hier waren Einheiten der Luftwaffe stationiert, die Deutsche Lufthansa nutzte die Hangars zur Reparatur von Kriegsflugzeugen, und die Firma „Weser“ Flugzeugbau betrieb hier Flugzeugumbauten und -umrüstungen, wobei beide Unternehmen im alten wie auch im neuen Flughafen jene Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter einsetzten, die u. a. in einem großen Barackenkomplex entlang des Columbiadamms untergebracht waren. Gegen Ende des Kriegs wurde der alte Flughafen durch Bomben zerstört. Bis 1953 ließen die Amerikaner als neue Herren über das Geländes seine Gebäude abtragen. Übrig blieben nur wenige Reste und Spuren,

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im Lauf der Jahrzehnte mehr und mehr überwuchert. Deren Wiederentdeckung und Entschlüsselung war Ziel einer Untersuchung, die Stefanie Endlich, Monica Geyler-von Bernus und Beate Rossié gemeinsam mit dem Architekten Ralf Sroka – als Team unter dem Dach des Berliner Forums für Geschichte und Gegenwart – im glücklicherweise recht milden Winter 2011/2012 unternahmen. Beauftragt hatte sie die Grün Berlin GmbH, die für das Tempelhofer Feld und andere öffentliche Grünanlagen zuständige landeseigene Gesellschaft, im Kontext der landschaftsplanerischen Konzeption des schottisch-niederländischen Büros GROSS.MAX, die in den nächsten Jahren auf dem Tempelhofer Feld realisiert werden soll. Der Rundgang, den Beate Rossié und Stefanie Endlich mit Mitgliedern und Freunden des Aktiven Museums am außerordentlich heißen 23. Mai unternahmen, begann am nordwestlichen Zugang des ColumbiaDamms zum Tempelhofer Feld. Hier wurde – an einem der wenigen Schattenplätze des gesamten Parks – über den Stand der Auseinandersetzung mit der Geschichte berichtet, über die geplante Aufstellung der ersten Tafeln des Geschichtspfades des Berliner Forums für Geschichte und Gegenwart (siehe Mitgliederrundbrief Nr. 66 vom Januar 2012) und über die anstehenden archäologischen Grabungen auf dem Gelände. Die anschließende Begehung des Areals des alten Flughafens führte die Gruppe in den nördlichen Mittelbereich des Parks, hin zu jenen konkreten Situationen, Bodenformationen, baulichen Relikten und Bäumen, Sträuchern und Pflanzen, die Aufschluss über die Lage, die Konfiguration und die Dimensionen der einstigen Anlage geben können, wenn man die historischen Hintergründe und Pläne kennt. Die Untersuchungsergebnisse von Stefanie Endlich, Monica Geyler-von Bernus und Beate Rossié mit Ralf Sroka zur Verortung des alten Flughafens und zur Identifikation und Interpretation von Resten und Spuren basieren auf Bauakten, auf der Überlagerung von historischen und aktuellen Plänen sowie auf wiederholten Suchgängen zum Auffinden von materiellen Überresten, zum Beispiel von Schachtund Hydrantendeckeln, Pflaster- und Betonflächen, Bordsteinen und Schuttresten, Bodenformationen,

die auf Bauschutt hinweisen, von Bäumen aus der Zeit des alten Flughafens als Orientierungspunkte für die damalige Bebauung und Pflanzen, die die Entwicklung der Geländetopographie nach 1945 nachzeichnen. Im ehemaligen Vorplatzbereich des ersten Flughafens verdichten sich die erhaltenen Spuren. Hier mündete die Lilienthalstraße in Form eines Flaschenhalses am früheren Empfangsgebäude des Flughafens. Hilfreich zur Orientierung sind zwei große alte Platanen, die wahrscheinlich Teil der ehemals den Vorplatz säumenden Allee waren. Reste von authentischen Straßenbefestigungen und zahlreiche historische Schachtabdeckungen zeichnen heute noch die signifikante Flaschenhals-Form

Beate Rossié und TeilnehmerInnen der Führung am 23. Mai 2012

des westlichen Vorplatz-Bereichs nach. In der Mitte zwischen den Platanen fallen zwei symmetrische Hügelaufschüttungen durch ihre symmetrische Anordnung auf. Ihre Position stimmt mit den beiden Wartehallen überein, die Überdachungen und hohe Pylonen hatten. Abgerundet wird das Ensemble der erhaltenen Spuren in diesem Bereich von zwei streifenförmigen, mit Robinien, Hagebutten und anderen Sträuchern bewachsenen Flächen. Diese Bewuchsgruppen bildet deutlich die früheren Mittelinseln ab, die auch als Straßenbahnhaltestellen dienten. Durch die erhaltenen Spuren wird die Gliederung des früheren Vorplatzbereichs klar erkennbar. Dem Besucher erschließt sich hier die Lage des alten Flughafens, der so auch vorstellbar und erfahrbar wird. Westlich des Flaschenhalses erinnert der Schießstand – eine ursprünglich reine Betonkon-

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struktion, die nach 1945 vermutlich mit Trümmerschutt aufgeschüttet wurde – an die Nutzung des Flughafens im Zweiten Weltkrieg. Hier wurden die Bordwaffen der reparierten und der neu gebauten Kriegsflugzeuge eingeschossen. An der Stelle des früheren Empfangsgebäudes, der Flugzeughallen und der Funk- und Telegrafenstation erstreckt sich heute eine große Grasfläche. Vermutlich wurde der Kellerbereich des großen Hauptgebäudes mit Abbruch- und Trümmermaterial verfüllt und ist unter der Grasnarbe noch vorhanden. An diese Hauptbauten schloss südlich die circa 150.000 qm große Fläche des betonierten Vorfelds an. Große Teile der Beton- und Bitumenflächen liegen heute noch frei. Die übrigen Partien sind nur oberflächlich bewachsen, vor allem mit Gräsern und Moosen. In der Mitte der darauf folgenden Rollwege formten in die Erde eingelassene Betonbuchstaben die 15 Meter hohe und 90 Meter lange Luftkennung „Berlin“. Möglicherweise sind auch noch Reste des Schriftzugs im Boden erhalten und könnten geborgen werden. Den südlichen Endpunkt der Anlage markierte ein im Erdboden eingelassener Rauchofen, der die Windrichtung anzeigte. An seiner Stelle steht heute eine große Doppler-Antenne. Der Überblick über die teils erhaltenen, teils zu vermutenden Überreste in axialer Abfolge vom Vorplatzbereich im Norden bis hin zum Standort des damaligen Rauchofens im Süden zeigt deutlich, dass die Konfiguration des alten Flughafens in ihren Grundzügen erhalten und klar erkennbar ist. Durch die Untersuchung konnten sehr viel mehr Spuren aufgefunden und interpretiert werden als zunächst erwartet. Die Expertise des Viererteams beinhaltete neben diesen Recherchen auch Empfehlungen zu Suchgrabungen und Bodenuntersuchungen, zum Erhalt und zum Schutz der Spuren und zur Sichtbarmachung durch historische Informationen, Markierungen oder Inszenierungen. Über den zukünftigen Umgang mit den Spuren des alten Flughafens ist bisher noch nicht entschieden. Durch den Beschluss des Berliner Senats, die Internationale Gartenausstellung 2017, deren „Schaugelände“ den Bereich des alten Flughafens umfasst hätte, nicht auf dem Tempelhofer Feld, sondern in

Marzahn zu präsentieren, ist Zeit zum Nachdenken über Vermittlungs- und Gestaltungskonzepte gewonnen. Dabei wird es darauf ankommen, den alten Flughafen nicht nur im nostalgischen Rückblick auf die Weimarer Republik zu evozieren, sondern auch an seine Funktion in der Zeit des Nationalsozialismus als wesentlicher Teil des Fliegerhorstes, der Luftrüstung und der Zwangsarbeit zu erinnern und über die Rolle der Lufthansa im Kontext der NS-Planungen zu informieren. Zum Abschluss dieses Berichts möchten wir noch einige Angaben über die jüngsten Entwicklungen zur Geschichtsvermittlung auf dem Tempelhofer Feld machen. Die drei Autorinnen, die im Jahr 2011 unter dem Dach der Berliner Forums für Geschichte und Gegenwart e.V. im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ein Konzept zur historischen Kommentierung des Tempelhofer Feldes Flughafens entwickelt haben (siehe Mitgliederrundbrief Nr. 66 vom Januar 2012), haben auch die Arbeiten am „Geschichtspfad“ abgeschlossen. Erarbeitet wurden zwanzig Open-Air-Stationen mit einer beziehungsweise zwei Bild-Text-Tafeln zu den verschiedenen Etappen des Geländes. Die ersten drei Tafeln wurden am 4. Juli 2012 eingeweiht: zwei am Standort des KZ Columbia unmittelbar am Columbiadamm, eine der beiden vorgesehenen Tafeln am Standort des großen Zwangsarbeiterlagers nahe dem nordwestlichen Zugang zum Gelände. Enthüllt wurden sie gemeinsam von André Schmitz, Staatssekretär für Kulturelle Angelegenheiten, und Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung und Umweltschutz, die in ihren Reden die Notwendigkeit hervorhoben, das Leiden der KZ-Häftlinge und der Zwangsarbeiter an diesem Ort wieder in Erinnerung zu rufen. Gestaltet wurden die Tafeln von der Grafikerin Helga Lieser, die bereits eine größere Zahl von Informationstafeln zur NS-Geschichte im Berliner Stadtraum entworfen hat. Wann die weiteren Tafeln des Geschichtspfades realisiert und enthüllt werden können, ist noch nicht

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geklärt. In der gemeinsamen Presseerklärung von André Schmitz und Michael Müller heißt es: „Schrittweise wird … an diesem Ort ein Gedenkpfad entstehen, der die unterschiedlichen Epochen von der Rodung durch den Templerorden bis zur zivilen Luftfahrt im geteilten Berlin thematisiert. Die Zeit zwischen 1933 und 1945, in der Tempelhof ein Ort der Unfreiheit war, wird besondere Berücksichtigung finden… Ganz bewusst beinhalten die ersten Stationen des Gedenkpfades das Thema ‚KZ Columbiahaus’ und das benachbarte Zwangsarbeiterlager, die beide oberirdisch restlos verschwunden sind.“ Am 21. Mai fand die konstituierende Sitzung des Runden Tisches „Historische Markierung Tempelhofer Feld“, der die gedenkpolitischen Themen des Geländes diskutieren soll, in der Stiftung Topographie des Terrors unter dem Vorsitz von Andreas Nachama statt. Vertreten sind Gedenkstätten, Museen, die Senatskanzlei Kulturelle Angelegenheiten, die Senatsverwaltung für

Stadtentwicklung, die Tempelhof Projekt GmbH, Grün Berlin, der Förderverein für ein Gedenken an die NSVerbrechen auf und um das Tempelhofer Feld sowie Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen. Auch das Aktive Museum wird sich an der Arbeit des Runden Tisches beteiligen. Auf dieser ersten Sitzung stellten die drei Autorinnen ihr Gesamtkonzept sowie die einzelnen Themen des Geschichtspfades vor und konnten dafür große Zustimmung einholen. Zentraler Diskussionspunkt des Runden Tisches wird die Frage des Umgang mit der NS-Geschichte der Anlage sein. In diesem Zusammenhang wurde zum wiederholten Mal die durch politische Entscheidung erfolgte Namensgebung „Tempelhofer Freiheit“ kritisiert, die die NS-Vergangenheit des Geländes außer acht lasse („lange Jahre ein Ort der Unterdrückung und der Unfreiheit“, wie es André Schmitz in seiner Rede zur Einweihung der Tafeln formulierte). Schließlich ist noch zu berichten, dass im Juli die archäologischen Grabungen begonnen haben, die näheren Aufschluss über bauliche Reste im Boden geben sollen. Sie werden vom Institut für Vorderasiatische Archäologie der Freien Universität Berlin durchgeführt und vom Landesdenkmalamt betreut. Gegraben wird in Bereichen der Standorte KZ Columbia, Zwangsarbeiterlager und alter Flughafen. Geplant ist auch eine kleine Bauzaun-Ausstellung, die über die historischen Hintergründe informiert.
Stefanie Endlich und Beate Rossié

Enthüllung einer Informationstafel zum KZ Columbiahaus am 4. Juli 2012 in Anwesenheit von Stadtentwicklungssenator Michael Müller und Kulturstaatssekretär André Schmitz

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PROFESSIONELLE DISTANZ IN DER BIOGRAFISCHEN FORSCHUNG AM BEISPIEL DES GEWERKSCHAFTERS OTTO HAMPEL

forsten zeitgenössischer Publikationen oder biografischer Handbücher. Wird man hier fündig ist eine Vielzahl an Archiven und Verwaltungen anzuschreiben in der Hoffnung, irgendwo auf irgendwelche Überlieferungen zu stoßen, die wenigstens in Ansätzen Anhaltspunkte geben über das Schicksal des Einzelnen. Erforderlich sind eine stringente Recherche und eine hohe Frustrationsgrenze. Denn selbst wenn sich – selten genug – etwas finden lässt, sind es häufig beispielsweise trockene Meldungen des nationalsozialistischen Verfolgungsapparates über erfolgte Verhaftungen oder endlose Namenslisten von Personen, die die Gestapo als politische Gegner einstufte. Zudem haben in der Nachkriegszeit überlebende Verfolgte, Hinterbliebene, Gesinnungsgenossen oder Kollegen viel zu selten nähere Schilderungen über das Erlittene gegeben, dienten die Angaben doch zumeist dazu, einen bestimmten Status zu erlangen oder Ansprüche auf finanzielle Entschädigung durchzusetzen. Doch was, wenn der Verfolgte in Gestapo-Haft „um‘s Leben kam“ und daher nach 1945 keine eigenen Angaben machen konnte? Und womöglich bald nach 1933 seinen Wohnort gewechselt hatte in der Hoffnung, auf diese Weise den nationalsozialistischen Verfolgern zu entgehen, also zu Nachbarn, Freunde, ehemalige Kollegen aus der Zeit vor 1933 kaum noch Kontakt bestand? Hier hilft nur das Hoffen auf die berühmte Nadel im Heuhaufen. Auf diese Nadel bin ich vor einiger Zeit gestoßen, die Freude darüber wurde jedoch bald abgelöst von Betroffenheit. Die berufliche Distanz verringerte sich schlagartig angesichts unerwarteter Funde in einer Akte des Oberreichsanwaltes beim Volksgerichtshof aus dem Jahr 1935 zu einem Ermittlungsverfahren u.a. gegen den Gewerkschafter und Sozialdemokraten Otto Hampel, aufbewahrt im Bundesarchiv. Ein Kuvert enthielt erkennungsdienstliche Fotos, aufgenommen kurz nach der Festnahme durch die Gestapo. Das Grauen stand dem Verhafteten im Gesicht geschrieben. Seiten später ein weiterer Umschlag. Er enthielt Abschiedsbriefe an die Ehefrau und die Töchter, geschrieben vor dem Selbstmord im Hamburger Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Die Gestapo hielt es 1935 für ratsam, diese Briefe der Familie nicht auszuhändigen. Sie lagen (und liegen noch) seit über 70 Jahren in den Akten.

Otto Hampel in den 1920er Jahren

Wer sich beruflich mit der Erforschung der Schicksale von Menschen befasst, die im Nationalsozialismus verfolgt wurden, tut gut daran, sich mit professioneller Distanz und „rein wissenschaftlich“ dem „Untersuchungsgegenstand“ zu nähern, will er nicht verzweifeln an dem, was Menschen Menschen antun können. So das weit verbreitete Credo. Wie sieht so ein Sich-wissenschaftlich-Nähern aus, zum Beispiel bei der Erforschung der Lebenswege von politisch Verfolgten? Viel Routine ist dabei: Überhaupt erst einmal Namen ausfindig machen z.B. über das Durch-

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In seinem Heimatort, einer anhaltischen Kleinstadt, war Otto Hampel nach 1945 in Vergessenheit geraten. Der wenige Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus einsetzende Kalte Krieg und die damit einhergehende erinnerungs- und geschichtspolitische Ideologisierung dürften ein wesentlicher Grund dafür sein, dass er in seiner Heimatstadt, der Stätte seines langjährigen politischen Wirkens, zu DDRZeiten weder Ehrung noch Gedenken erfuhr. Obwohl vor 1933 Stadtverordneter und zuletzt sogar Fraktionsvorsitzender seiner Partei, waren im Stadtarchiv keinerlei Informationen über ihn zu erhalten. Eine kurze Sichtung habe ergeben, dass aus dieser Zeit wenige Unterlagen vorhanden seien, so die knappe Auskunft. Auf Nachfrage wurde eingeräumt, zu einem Teil der Archivalien wisse man nicht genau, was nach 1989/90 damit geschehen sei und verwies an das Kreisarchiv, das an das Stadtarchiv zurückverwies. Der Inhalt der Abschiedsbriefe konnte der einzigen noch lebenden Verwandten von Otto Hampel, seiner über 80jährigen Enkeltochter, zugänglich gemacht werden. Schließlich wurde in der anhaltischen Heimatstadt Otto Hampels 77 Jahre nach seinem Tod ein Stolperstein für ihn verlegt und mit viel Engagement des örtlichen Gymnasiums eine öffentliche Gedenkfeier veranstaltet. Mir war es eine Genugtuung, dass das Schicksal des verfolgten Gewerkschafters wenigstens der Vergessenheit entrissen wurde. Mag sein, das diese Zeilen aus der Feder einer Wissenschaftlerin für den einen oder anderen Leser ein zu persönlicher Bericht ist. Allerdings: Es geht um Menschen und damit zwangsläufig auch um Persönliches, sowohl in der sozialwissenschaftlichen Forschung als auch für den Sozialwissenschaftler. Das Credo der „professionellen Distanz“ hat Risse bekommen. Dafür bin ich dankbar.
Marion Goers Marion Goers ist Politikwissenschaftlerin und Vorstandsmitglied im Aktiven Museum

DIE ARBEITSGEMEINSCHAFT DER GEDENKSTÄTTENBIBLIOTHEKEN UND IHR NEU GESTALTETER VERBUNDKATALOG

Die Freischaltung des neu gestalteten Verbundkataloges der Arbeitsgemeinschaft der Gedenkstättenbibliotheken (AGGB) im Frühjahr dieses Jahres möchte ich zum Anlass nehmen, diese Institution noch einmal näher vorzustellen. Die AGGB wurde 1998 auf Initiative der Gedenkund Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz und der Stiftung Topographie des Terrors ins Leben gerufen. Ziel war es, die Arbeit und Akzeptanz der Bibliotheken in Gedenkstätten und verwandten Einrichtungen durch Kooperation, fachlichen Austausch und gezielte Fortbildung zu unterstützen. Es schlossen sich Bibliotheken aus Gedenkstätten an Orten von NS-Verbrechen und aus NS-Dokumentationszentren sowie Gedenkstätten und weiteren Institutionen zur Aufarbeitung der SEDDiktatur und zu zeitgeschichtlichen Forschungsthemen zusammen. Derzeit hat die AGGB 46 Mitglieder (sowohl Bibliotheken als auch Einzelpersonen). Von den Initiatoren wurden regelmäßige Arbeitstreffen organisiert. Seit 2011 findet jährlich ein dreitägiges Seminar im Frühjahr statt – in unterschiedlichen Orten und Gedenkstätten. Das Programm dieser Tagungen setzt sich zusammen aus Besichtigungen von für die Arbeit relevanten Einrichtungen, Fachvorträgen zu aktuellen Themen und Diskussionsrunden. Ein dauerhafter Informationsaustausch findet über die Mailingliste der Arbeitsgemeinschaft statt. Die Planung und Organisation der Treffen sowie die Betreuung der Homepage (www.topographie.de/ AGGB) sind in der Stiftung Topographie des Terrors angesiedelt. Auf der genannten Internetseite sind Informationen zu den Treffen, den Mitgliedern und den Ansprechpartnern zu finden.

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Der Verbundkatalog Ein zentrales Projekt der AGGB war von Anfang an der gemeinsame Online-Katalog. Er wurde 1998 erstmals freigeschaltet. Inzwischen spielen zehn Einrichtungen monatlich ihre Katalogdaten ein: das Aktives Museum, die Anne-Frank-Shoah-Bibliothek in Leipzig, die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, die Gedenkstätte Deutscher Widerstand, die Gedenkstätte Sachsenhausen, die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz, die KZ-Gedenkstätten Flossenbürg und Neuengamme, das NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln und die Stiftung Topographie des Terrors. Die Aufnahme weiterer Bibliothekskataloge ist für den Herbst 2012 vorgesehen.

Im Frühjahr 2012 wurden die Oberfläche und die Struktur des Verbundkataloges vollkommen neu überarbeitet. Er ist nun mit vielen Zusatzinformationen, erweiterten Suchstrategien und Programmverknüpfungen ausgestattet und ist damit an die Gewohnheiten der Internet-Nutzer angepasst. So werden beispielsweise zu vielen Büchern Inhaltsverzeichnisse und Buchcover sowie Informationen zu den Autoren angeboten. Die Suchergebnisse können verschieden sortiert und über mehrere Kategorien (Bibliothek, Medienart, Sprache, Autor etc.) eingeschränkt werden. Trefferlisten kann man dauerhaft abspeichern, über die gängigen Literaturverwaltungsprogramme in eigene Bibliografien einspielen oder über E-Mail an andere versenden. Mit seiner Datenfülle sowie den erläuterten Suchmöglichkeiten und zusätzlichen Informationsangeboten ist der AGGB-Katalog somit ein wichtiges Rechercheund Arbeitsinstrument für die NS-Forschung.
Monika Sommerer Monika Sommerer ist Leiterin der Joseph Wulf Mediothek in der Gedenk- und Bildungsstätte Haus de Wannseekonferenz.

Die Web-Adresse des Kataloges lautet: http://www.aggb-katalog.de

Der Katalog enthält weit über 300.000 Bestandsnachweise und verzeichnet Bücher, Aufsätze aus Zeitschriften bzw. Sammelbänden, Broschüren, Mikroformen und elektronische Medien zu den Themen Nationalsozialismus, Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden und anderer Opfergruppen, Widerstand, Umgang mit der NS-Geschichte nach 1945, Gedenk- und Erinnerungskultur sowie zu angrenzenden Gebieten. Betreut wird der Katalog seit 2002 von Matthias Mann (mann@ghwk.de) in der Bibliothek der Gedenkund Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz.

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GEDENKORT FÜR HILDE RADUSCH

tagstisch. Im August 1944 tauchte das Paar in Prieros unter und überlebte halb verhungert. Nach der Befreiung engagierte sich Hilde Radusch für die „Opfer des Faschismus“. 1946 brach sie mit der KPD. Mit der Neuen Frauenbewegung eröffnete sich ihr eine neue politische Perspektive. Sie war Mitgründerin der L 74, eines Zusammenschlusses älterer Berliner Lesben, trat als Zeitzeugin bei zahlreichen Frauenveranstaltungen auf und wurde Ehrenmitglied des 1976 gegründeten Frauenforschungs-, bildungs- und –informationszentrums FFBIZ. Das Aktive Museum hatte Hilde Radusch vor einigen Jahren in der Ausstellung „Vor die Tür gesetzt“, die an die verfolgten und ermordeten Stadtverordneten und Magistratsmitglieder 1933-1945 erinnerte, einen Stuhl gewidmet. Miss Marples Schwestern wollten zunächst einen Stolperstein für Hilde Radusch vor ihrem langjährigen Wohnhaus in der Eisenacher Straße 14/15 setzen lassen. Doch Stolpersteine gibt es in diesem Bezirk nur für in der NS-Zeit Ermordete. Die Anbringung einer Gedenktafel an dem Haus verhinderte der Hausbesitzer. MMS entwickelten einen Stadtspaziergang zu Hilde Raduschs Lebensstationen, veröffentlichten Artikel und führten Veranstaltungen durch. Die Unterstützung der Bezirksverordnetenversammlung und des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg ermöglichte schließlich die Schaffung eines Gedenkortes auf öffentlichem Gelände. Die Ideen für die Gestaltung wurden von MMS mit den Künstlerinnen Anita Meier und Roswitha Baumeister von „Denktafeln“ entwickelt, die auch die Umsetzung übernahmen. Finanziert wurde der Gedenkort durch zahlreiche kleine und große Spenden – auch das Aktive Museum beteiligte sich – sowie durch einen Zuschuss des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg.
Heike Stange Heike Stange ist Autorin und Ausstellungsmacherin zu kulturhisitorischen Themen. Seit 2011 arbeitet sie im Kulturamt Steglitz-Zehlendorf. Weitere Informationen zu Miss Marples Schwestern und Hilde Radusch unter www.miss-marples.net

Die Idee, an Hilde Radusch im öffentlichen Raum zu erinnern, wurde während der Auseinandersetzungen um das Denkmal für die in der NS-Zeit verfolgten Homosexuellen geboren. Wieder einmal sollten Frauen vergessen bzw. ausgegrenzt werden. Dagegen wollten Miss Marples Schwestern (MMS), das Netzwerk zur Frauengeschichte vor Ort, ein Zeichen setzen. Am 22. Juni 2012 fand nun an der Eisenacher Ecke Winterfeldtstraße die öffentliche Einweihung des ersten Gedenkortes in Berlin statt, der an eine lesbische Frau erinnert. Hilde Radusch, 1903 in Altdamm geboren, wuchs in Weimar in einem bürgerlichen konservativen Elternhaus auf. 1994 starb sie in Berlin und wurde auf dem Matthäuskirchhof in Schöneberg beigesetzt. Ihr Leben lang engagierte sich Hilde Radusch politisch, in der KPD und in der Neuen Frauenbewegung. Anfang der 1920er Jahre in Berlin angekommen, schloss sie sich der kommunistischen Bewegung an. Sie war im Roten Frauen- und Mädchenbund und als Betriebsrätin der Gewerkschaft aktiv. Von 1929 bis 1932 gehörte sie der Berliner Stadtverordnetenversammlung an. 1933 kam Hilde Radusch für fünf Monate in „Schutzhaft“ in das Gefängnis in der Barnimstraße und stand anschließend unter Gestapo-Überwachung. Dennoch engagierte sie sich im Widerstand und betrieb mit ihrer Lebensgefährtin Else Klopsch einen Mit-

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bar unerschöpflichen Energie. Aus diesen Begegnungen entstand nicht nur mein Dissertationsthema, sondern es entwickelten sich langjährige Freundschaften. Da meine Eltern Mitte der 1960er-Jahre als so genannte Gastarbeiter aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen waren und ich zweisprachig aufgewachsen bin, war ich für die Überlebenden eine Quasi-Enkeltochter, die ihre Erinnerungen an die Gefangenschaft im Konzentrationslager in Deutschland publik machen kann. Auf der Basis von über dreißig lebensgeschichtlichen Interviews, verschiedenen Nachlässen und Archivmaterial rekonstruierte ich die Situation slowenischer Häftlinge im KZ Ravensbrück und deren gesellschaftliche Position in der jugoslawischen Nachkriegsgesellschaft. Zum Abschluss kam diese für mich wichtige Phase mit der Übersetzung meiner Dissertation ins Slowenische. Ein Zuschuss der Deutschen Botschaft in Ljubljana ermöglicht es mir, jeder Ravensbrück-Überlebenden ein Freiexemplar der Publikation zu überreichen. In den letzten Jahren konzentrierten sich meine Forschungstätigkeiten auf den Berliner und Brandenburger Raum. Am Zentrum für Zeithistorische Forschung e.V. Potsdam war ich eingebunden in das Projekt „Die Potsdamer Lindenstraße 54/55 in der Zeit des Nationalsozialismus“. Zu meinen Aufgaben dort gehörte es, Biografien von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern, politisch Verfolgten und Opfern des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zu recherchieren. Bis vor kurzem war ich am Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, angegliedert an die Stiftung Topographie des Terrors, Projektkoordinatorin und wissenschaftliche Mitarbeiterin für die zukünftige Dauerausstellung. Die Ausstellung wird im Mai 2013 eröffnet und im Mittelpunkt der Darstellung wird der Alltag von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern in Berlin und der näheren Umgebung stehen. Nun freue ich mich auf die neue Aufgabe und hoffe, dass ich in nächster Zeit viele von ihnen persönlich kennenlernen werde.
Silvija Kavcic

Liebe Mitglieder des Aktiven Museums, Ab ersten September 2012 darf ich die Koordinierungsstelle für die Stolpersteine Berlin leiten. Eine Aufgabe, auf die ich mich schon sehr freue, zumal sie mir eine geradezu ideale Kombination von inhaltlichen und organisatorischen Themen bietet. Mit Stolpersteinen Verfolgte des Nationalsozialismus aus ihrer Anonymität zu holen und ihre Namen langfristig im Stadtbild sichtbar zu machen, ist für mich eine sehr gelungene Form der Erinnerungspolitik. Bereits während meines Geschichtsstudiums an der Gesamthochschule Universität Essen und an der FU Berlin beschäftigte ich mich mit dem Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und den europäischen Nachkriegsgesellschaften. Ein beruflicher und persönlicher Wendepunkt waren für mich 1995 die Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Befreiung in der Gedenkstätte Ravensbrück. Als Dolmetscherin war ich den ca. 120 Überlebenden aus Slowenien zugeteilt. Die Frauen bezauberten mich in diesen Tagen mit ihrer Lebensfreude und schein-

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PUBLIKATIONEN DES AKTIVEN MUSEUMS
zu beziehen über die Geschäftsstelle

Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945 2. Auflage, Berlin 2011 20,00 Euro Verraten und verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945 3. Auflage, Berlin 2010 5,00 Euro Final Sale. The End of Jewish Owned Businesses in Nazi Berlin Berlin 2010 5,00 Euro Ohne zu zögern... Varian Fry: Berlin – Marseille – New York 2. verbesserte Auflage, Berlin 2008 20,00 Euro Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933–1945 Berlin 2006 5,00 Euro HAYMATLOZ. Exil in der Türkei 1933–1945 CD-ROM Berlin 2004 5,00 Euro Gedenktafeln in Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus 1991–2001 Christiane Hoss / Martin Schönfeld, Berlin 2002 5,00 Euro HAYMATLOZ. Exil in der Türkei 1933–1945 Berlin 2000 20,00 Euro Gedenktafeln in West-Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus Martin Schönfeld, Berlin 1993 unentgeltlich gegen Portoerstattung

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Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. Stauffenbergstraße 13-14 10785 Berlin Tel. +49(0)30-263 9890 39 Fax +49(0)30-263 9890 60 info@aktives-museum.de www.aktives-museum.de Vorstand Dr. Christine Fischer-Defoy Vorsitzende Sabine Hillebrecht stellvertr. Vorsitzende Christine Kühnl-Sager stellvertr. Vorsitzende Robert Bauer Ursula Büchau Marion Goers Dr. Matthias Haß Angelika Meyer Monica Puginier

Neue Mitglieder sind willkommen!

Jahresbeitrag Einzelmitglied: 55,00 Euro, ermäßigt 27,50 Euro Jahresbeitrag Vereinigungen: 165,00 Euro, ermäßigt 82,50 Euro

Spendenkonto Berliner Sparkasse BLZ 10050000 Konto Nr. 610012282 IBAN: DE87 1005 0000 0610 0122 82 BIC: BELADEBEXXX

Geschäftsführer Kaspar Nürnberg

Bildrechtenachweis Titel Stiftung Topographie des Terrors, Berlin S. 2 Angelika Meyer, Berlin Redaktion Kaspar Nürnberg Konzept und Gestaltung Lehmann & Werder Museumsmedien in Kooperation mit Elke Lauströer, Grafik Design Druck MK Druck S. 5 Stiftung Topographie des Terrors, Berlin S. 7 Stiftung Topographie des Terrors, Berlin S. 9 bpk – Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte, Berlin S. 10 bpk – Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte, Berlin S. 11 Christine Kühnl-Sager, Berlin S. 13 Christine Kühnl-Sager, Berlin S. 14 Hildegard Ullrich, Hamburg S. 17 Christine Kühnl-Sager, Berlin S. 18 Matthias Graefen, Berlin

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