Path:
Periodical volume

Full text: Mitgliederrundbrief Issue 66.2012 Januar

AKTIVE SMUSEUM
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.

Geschichte des Tempelhofer Feldes und des Flughafens Tempelhof Orstbegehung, Pläne, Diskussionen

M I TG L I E D E R R U N D B R I E F 6 6 · J A N U A R 2 012

INHALT

2

Editorial
Christine Fischer-Defoy

4

Geschichte des Tempelhofer Feldes und des Flughafens Tempelhof. Orstbegehung, Pläne, Diskussionen
Stefanie Endlich

8

Exil in Mexiko. Ein Ausstellungsprojekt
Christine Fischer-Defoy

13

Erinnerung und historisches Bewusstsein. Zum 70. Jahrestag der Wannsee-Konferenz
Gerhard Schoenberner im Gespräch mit Mira Bihaly

16

Die Initiative Berliner Kinderdenkmal stellt sich vor
Lisa Bechner und Volker Hobrack

17

Jüdisches Leben und der Umgang mit dem Holocaust in den USA. Studienfahrt der Projektstelle gegen Rechtsextremismus im EBZ Alexandersbad
Martin Becher

18

Abschied von einem Freund. Franz von Hammerstein 1921–2011
Gerhard Schoenberner

19 20

Publikationen des Aktiven Museums Impressum

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

Liebe Mitglieder und Freunde des Aktiven Museums, Wir können zufrieden auf ein sehr erfolgreiches Jahr zurückblicken, in dessen Zentrum unsere Ausstellung „Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945“ stand. Die Präsentation der Ausstellung im Centrum Judaicum fand eine überwältigende Medienresonanz und großes öffentliches Interesse. Im Oktober wurde sie noch einmal im Berliner Landesarchiv eröffnet und ist dort jetzt nur noch kurze Zeit zu sehen, begleitet von einem Workshop in und mit unserem Kooperationspartner, dem Landesarchiv, am 18. Januar, in dem über Forschungen zur Geschichte des Kunsthandels und über Quellen und Sammlungen hierzu berichtet werden wird.

In den vergangenen Wochen haben wir viele Gespräche mit den bezirklichen Stolperstein-Initiativen, mit Regionalmuseen und bisherigen Mitarbeitern in der Koordinierungsstelle geführt, um mit ihnen gemeinsam diese Verantwortlichkeit mit Leben zu füllen. Im nächsten Rundbrief werden wir hierüber ausführlich berichten. Nachdem Stefanie Endlich und Beate Rossié bereits im letzten Jahr Mitglieder und Freunde des Aktiven Museums fachkundig über das Olympia-Gelände geführt hatten, besichtigten wir im September 2011 mit ihnen und über 50 Teilnehmenden das Tempelhofer Feld. Stefanie Endlich gibt in ihrem Artikel einen Überblick über dessen Geschichte und die künftigen Planungen zur historischen Kommentierung des Ortes. Im

Eröffnung der Ausstellung „Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945“ am 19. Oktober 2011 im Landesarchiv Berlin

Beim Rundgang gibt Beate Rossié Informationen zum Zwangsarbeiterlager.

Angeregt durch diese Ausstellung wurden am 21. September 2011 an der Ecke Kurfürstendamm/ Eisenzahnstraße zwei Stolpersteine für Rosi Hulisch, die langjährige Mitarbeiterin der Galerie Alfred Flechtheim, und Clara Hulisch, die Schwester von Betti Flechtheim, verlegt, die deren Nachkomme Michael Hulton gestiftet hat. Apropos Stolpersteine: Durch einen Beschluss des Berliner Senates am 19. Juli 2011 wurde dem Aktiven Museum mit Beginn dieses Jahres die institutionelle Verantwortung für die seit sechs Jahren in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand provisorisch bestehende Stolperstein-Koordinierungsstelle für Berlin übergeben.

Frühjahr werden wir die Begehung auf einem weiteren Mitgliederspaziergang fortsetzen. Außerdem regte die Mitgliederversammlung an, in einer Aktion im Frühjahr 2012 die Spuren des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers auf dem Gelände zu markieren. Am 14. Dezember 2011 bewilligte die Jury des Hauptstadtkulturfonds dankenswerterweise die Finanzierung unseres neuen Ausstellungsprojektes „Exil in Mexiko“, das in einem knappen Jahr Mitte Dezember 2012 in der Akademie der Künste eröffnet werden wird. Diese Ausstellung wird bereits seit dem Sommer

– 2 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

2011 von einer Arbeitsgruppe des Aktiven Museums in Kooperation mit dem Archiv der Akademie der Künste und mit Partnern in Mexico City erarbeitet. In diesem Rundbrief stellen wir das Konzept und ein erstes biografisches Recherche-Beispiel vor. Aus Anlass des 70. Jahrestages der sogenannten Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942, auf der die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen wurde, baten wir Gerhard Schoenberner, den Ehrenvorsitzender des Aktiven Museums und Gründungsdirektor der „Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannseekonferenz“ um ein Gespräch zur Geschichte des Ortes und zu der mühevollen Durchsetzung der Gedenkstätte Am Großen Wannsee 56-58. Mit der „Initiative Berliner Kinderdenkmal“ beginnen wir eine neue Reihe im Rahmen dieses Rundbriefs, in der sich Initiativen und Institutionen vorstellen, die in Berlin im thematischen Kontext der Erinnerungsarbeit aktiv sind. Im nächsten Rundbrief werden wir hier das Projekt Stolpersteine von Gunter Demnig und die Arbeit der Stolperstein-Initiativen in Berlin vorstellen. Der langjährige Mitarbeiter unserer Geschäftsstelle, Martin Becher, lädt Mitglieder und Freunde zu einer von ihm organisierten USA-Studienreise im September 2012 ein (siehe Seite 17). Und zu guter Letzt erinnert Gerhard Schoenberner an Franz von Hammerstein, dem wir über viele Jahrzehnte als Mitglied und Mitstreiter für die Durchsetzung und Konzeption der „Stiftung Topographie des Terrors“ verbunden waren. Dieser erste Mitgliederrundbrief 2012 erscheint nun schon traditionell im Januar des neuen Jahres, zu dem ich allen Mitgliedern, Freunden und Lesern Glück, Gesundheit, Lebensfreude und erfolgreiche Arbeitsprojekte wünsche.
Christine Fischer-Defoy

PS: Ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich sehr herzlich für alle Glückwünsche und die vielen lobenden Worte über die Arbeit des Aktiven Museums anlässlich meines 60. Geburtstages zu bedanken. Wenn wir uns heute an die Anfänge des Aktiven Museums als Aktionsbündnis für das Gedenkjahr 1983 „Zerstörung der Demokratie, Machtübergabe und Widerstand“ erinnern, das seinerzeit gegen den Unwillen des Regierenden Bürgermeisters Diepgen und zumeist auf eigene Rechnung der beteiligten Institutionen durchgesetzt werden musste, so ist das nun für 2013 geplante Themenjahr „Zerstörte Vielfalt“ auf Initiative von André Schmitz und unter Federführung der Kulturverwaltung Ausdruck dafür, wie sich die Gedenkkultur in Berlin in diesen vergangenen 30 Jahren verändert hat. Dazu haben wir gemeinsam mit vielen anderen unseren Teil beigetragen.

– 3 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

GESCHICHTE DES TEMPELHOFER FELDES UND DES FLUGHAFENS TEMPELHOF
Ortsbegehung, Pläne, Diskussionen

„Tempelhofer Freiheit“: Schon seit einiger Zeit wird der neue Name für das ehemalige Flughafengelände ganz offiziell vom Senat verwendet, auch in den Medien und von vielen Menschen, die das Flugfeld seit 2008 für Freizeitaktivitäten nutzen. So schwärmen Bernhard Schneider und Ernst Elitz im Tagesspiegel vom 13. Oktober 2010, der Flughafen Tempelhof sei „ein Mythos – er steht für die Befreiung des Menschen von der Erdenschwere, den Traum vom Fliegen, und er steht für die Sehnsucht nach Freiheit“. Der Begriff „Tempelhofer Freiheit“ lässt die Herzen höher schlagen, denn darin klingen die historischen Flughafen-Etappen an, mit denen positive, ruhmreiche oder auch mythisch aufgeladene Erinnerungen verbunden sind: die Volksvergnügungen auf dem Paradefeld, das die Berliner außerhalb der militärischen Übungen als Ausflugsziel nutzen durften; die Anfänge der Luftfahrt mit den Pionieren der Ballons und der ersten Flugmaschinen; der erste – 1923 eröffnete und im Krieg zerstörte – Flughafen, der sich in wenigen Jahren zum größten und modernsten Europas entwickelt hatte; in der Nachkriegszeit die neue Flughafenanlage als „Tor zur Welt“ für das alte West-Berlin, Standort der „Luftbrücke“ während der Blockade 1948/49, dann Schauplatz für die internationale Prominenz aus Film, Mode und Politik, Start und Ziel einer durch die DDR-Regierung unkontrollierten Verbindung mit der Bundesrepublik – auch für DDR-Flüchtlinge. Und in der Gegenwart die großzügige Weite des Flugfeldes, ohne kleinteilige Parkgestaltungen, der Himmel über Berlin fürs Drachensteigen und tief Durchatmen. Am Luftbrücken-Denkmal auf dem gleichnamigen Platz vor dem Hauptgebäude trafen sich im vergangenen September Mitglieder und Freunde des Aktiven Museums zu einem Gang über das Tempelhofer

Feld. Der Rundgang führte vorbei an der steinernen Front des monumentalen Empfangsgebäudes hin zum Standort des einzigen offiziellen Konzentrationslagers auf Berliner Boden, zum Ort der ersten großen Masseninszenierungen der NSDAP und zur Fläche der ehemaligen Zwangsarbeiter-Baracken. Damit hatte er die andere, öffentlich bisher wenig wahrgenommene Seite der Flughafen-Geschichte zum Thema, die man die „Tempelhofer Unfreiheit“ nennen könnte. Das Luftbrückendenkmal, errichtet von dem Architekten Eduard Ludwig 1951 in bewusstem ästhetischen Kontrast zur NS-Architektur des Flughafengebäudes und aus dessen Mittelachse herausgenommen, erinnert an den Airlift der Alliierten, durch den das Bauwerk zum Symbolträger für Freiheit, Tapferkeit und Verbundenheit West-Berlins mit den Westalliierten geworden war, und an die Piloten, die dabei ihr Leben ließen. Wie ein Wesen von einem fremden Stern wirkt dagegen der martialische Adlerkopf aus Aluminiumguss auf dem Flughafen-Vorplatz, wenige Schritte vom Luftbrückendenkmal entfernt. Der Adler, nach Vorstellung

Die Autorin neben dem Adler-Kopf auf dem „Eagle Square“

des Flughafen-Architekten Werner Sagebiel von dem Bildhauer Walter E. Lemcke gestaltet, war ursprünglich als Bauschmuck zentral auf dem Dach des Gebäudes platziert und hielt eine Weltkugel mit Hakenkreuz in den Krallen. 1962 musste er einer Radaranlage weichen. Der riesige Körper ist nicht erhalten; den Kopf brachten die US-Alliierten in das Museum der US-Militärakademie

– 4 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

Westpoint und gaben ihn 1985 als Freundschaftsgeste an Berlin zurück. Man setzte ihn auf einen Sockel und präsentierte beides als weihevolles Arrangement mitten auf dem nun in „Eagle Square“ umbenannten kleinen Platz am vorderen Rand von Vorplatz und Eingangsbereich des Flughafens. Eine Tafel gibt Auskunft über seine Herkunft, nicht jedoch über die symbolische Bedeutung des Adlers als „Hoheitszeichen“ des „Dritten Reichs“. So wirkt der Adler als wiederum axialer Auftakt der Flughafenanlage mit Fahnenstangen zur Beflaggung – wenn auch vermutlich unfreiwillig – wie ein wieder aufgestelltes Hoheitszeichen. Der Kunsthistoriker Hans-Ernst Mittig, der an dem Rundgang des Aktiven Museums als Vereinsmitglied teilnahm, berichtete über seine Recherchen zum Luftbrückendenkmal und zum „Eagle“ und seine damaligen vergeblichen Versuche, den Berliner US-Commander und den Tempelhofer Bezirksbürgermeister von dieser peinlichen Denkmalsetzung abzuhalten. Der von Ernst Sagebiel, dem Architekten des Reichsluftfahrtministeriums, entworfene und in den Jahren 1936 bis 1939 erbaute Flughafenneubau war wegen des Kriegsbeginns in der NS-Zeit nicht mehr in Betrieb genommen worden. Als „Weltflughafen“ sollte er den Herrschaftsanspruch des NS-Regimes zur Schau stellen, aber auch alle Funktionen eines zeitgemäßen Verkehrsbaus erfüllen. So entstand – mit dem für NS-Repräsentationsarchitektur charakteristischen „ästhetischen Zwiespalt“, wie es der Architekturhistoriker Wolfgang Schäche einmal bezeichnet hat – das damals größte Gebäude der Welt. Die traditionalistische Schaufassade zur Stadt hin sollte mit ihrer wuchtig-strengen Natursteinverkleidung einen vorindustriell-handwerklichen Eindruck vermitteln. Dahinter verborgenen war eine hochmoderne Stahlbetonskelett-Konstruktion und eine ebenfalls technisch avancierte Kragkonstruktion, die Flugstein und Hangars stützenfrei überdeckt und sich zum Flugfeld hin öffnet. Wegen des Zweiten Weltkriegs kamen die Bauarbeiten zum Erliegen, und manche Teile des Gesamtkonzeptes wurden nicht realisiert, zum Beispiel die dramatische kaskadenförmige Zuführung zu Karl

Friedrich Schinkels Kreuzbergdenkmal von 1821, das in der NS-Zeit als mythisch aufgeladener Treffpunkt für völkische Feiern diente und die städtebauliche Ausrichtung des Gebäudekomplexes am Nordwestrand des Flugfeldes mit bestimmt hatte. Das gesamte Gelände des alten und neuen Flughafens mitsamt seinen Flügelbauten am Runden Platz, dem heutigen Platz der Luftbrücke, diente nun als Fliegerhorst für Görings Reichsluftfahrtministerium. Der Luftverkehr wurde bis zum Kriegsende noch über den alten Flughafen abgewickelt, während die Hallen und Hangars des Neubaus der Rüstungsproduktion dienten. Aufschlussreich ist allerdings, dass der Flughafen Tempelhof von der breiten Öffentlichkeit kaum oder gar nicht als NS-Architektur, sondern vor allem als Nachkriegs-Bauwerk wahrgenommen wird, offenbar wegen seiner Funktion im Kalten Krieg, vielleicht auch wegen des charakteristischen Fünfziger-Jahre-Designs, mit dem das Empfangsgebäude um 1960 ausgestattet wurde, und wegen seiner Rolle als Hintergrund für glamouröse Auftritte eingeschwebter Stars und als Drehort vieler Filme. Weitgehend vergessen ist hingegen das einstige Columbia-Haus, das 1938 für den FlughafenNeubau abgerissen wurde, eine Militär-Arrestanstalt, die zu dem heute noch erhaltenen Kasernenkomplex am Columbiadamm gehörte. Im Sommer 1933 wurde sie als Gestapo-Gefängnis für politische Häftlinge genutzt, die in der Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße verhört wurden. 1934 wurde das Gefängnis als „Konzentrationslager Columbia“ der neu eingerichteten „Inspektion der Konzentrationslager“ unterstellt. Es bestand bis 1936, als die Gefangenen in das neue KZ Sachsenhausen überführt wurden. Im KZ Columbia war auch der kommunistische Jurist, Publizist und Widerstandskämpfer Josef (Beppo) Römer ein Jahr lang eingesperrt. 1944 wurde er im Zuchthaus Brandenburg hingerichtet. Seine Tochter Susanne Römer, ebenfalls Vereinsmitglied im Aktiven Museum, nahm an dem Rundgang teil und gab Auskunft über die Haftumstände. Das Columbia-Haus befand sich etwa in Höhe des 1982 gebauten Radarturms nahe dem heutigen nordwestlichen Eingang zum Tempelhofer Feld. Wenn

– 5 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

Blick auf den Flughafen Tempelhof, 1962

man das weite Gelände betritt und in Richtung Hauptgebäude und Hangars schaut, hat man etwa jenen Bereich im Blick, auf dem am 1. Mai 1933 eine der ersten und mit etwa einer Million Teilnehmern auch einer der größten Massenaufmärsche der NS-Zeit stattfand. Albert Speer hatte hier erstmals eine gewaltige, effektvoll beleuchtete Tribüne geschaffen, von der aus Hitler eine pathetische Ansprache hielt. Am Folgetag wurden die Gewerkschaftshäuser besetzt und führende Funktionäre verhaftet und misshandelt. Das Regime hatte mit dieser Massenkundgebung den traditionellen Tag der internationalen Arbeiterbewegung ideologisch in Besitz genommen. Auch die Mai-Kundgebungen der Folgejahre und andere NS-Großveranstaltungen wurden noch bis zum Bau des neuen Flughafens 1936 auf dem Tempelhofer Feld abgehalten.

In den Jahren des Zweiten Weltkriegs war der Standort am Eingang Columbiadamm, auf dem die Gruppe des Aktiven Museums die letzte Stunde ihres Rundgang verbrachte, von einem großen Zwangsarbeiter-Barackenlager überzogen. Bodenspuren sind heute noch erkennbar. Das Lager gehörte zu den Produktionsund Werkstätten der „Weser“ Flugzeugbau und der Lufthansa. Im Flugsteig und in den riesigen Hallen des Neubaus und in Teilen des alten Flughafens wurden Kriegsflugzeuge repariert, das Sturzkampf-Flugzeug JU 87 („Stuka“) produziert und Funkabwehrgeräte montiert. Mehr als zweitausend Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus den besetzen Ländern, seit 1941 zusätzlich Kriegsgefangene und 1938 bis 1941 auch zwangsverpflichtete Juden aus Berlin waren hier eingesetzt.

– 6 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

Erst in jüngster Zeit, im Zusammenhang mit den Diskussionen um die zukünftige Nutzung des Flugfeldes und des Gebäudes, haben Bürgergruppen an die Rolle des Flughafens in der NS-Zeit erinnert. Am 23. Juni 2011 beschloss das Berliner Abgeordnetenhaus, genau in dem Bereich, der in unserem Rundgang besucht wurde, einen „Gedenk- und Informationsort“ am Columbiadamm einzurichten. Dieser Standort ist in den derzeit für das Tempelhofer Feld entwickelten Planungen allerdings noch für Bebauung vorgesehen; das zunächst vorgesehene „Columbia Quartier“ mit dem Schwerpunkt Sport, Wellness und Wohnen steht mittlerweile in der Kritik. Zunächst jedoch soll diese Fläche Teil des „Schaugeländes“ für die Internationale Gartenschau IGA 2017 werden. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob es gelingen kann, die notwendige Erinnerung an die NS-Geschichte des Flughafen-Areals mit den aktuellen Entwürfen für das Tempelhofer Feld zu verbinden. Geführt wurde die Gruppe von der Kunsthistorikerin Beate Rossié und von der Autorin dieses Beitrags, Mitglied des Aktiven Museums. Beide haben gemeinsam mit der Kuratorin Monica Geyler-von Bernus, Geschäftsführerin des Berliner Forums für Geschichte und Gegenwart e.V., im Auftrag der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung ein Konzept zur historischen Kommentierung des Tempelhofer Feldes und Flughafens entwickelt. Dies beinhaltet eine Folge von Bild-Text-Tafeln zu den verschiedenen historischen Etappen von den Anfängen des Tempelritter-Ordens bis zum Abzug der US-Army, darüber hinaus Vertiefungen für Schwerpunktthemen, Ausweitungen in den Stadtraum und Vernetzungen mit anderen Einrichtungen. In den nächsten Monaten sollen die ersten Tafeln aufgestellt werden, zunächst für das KZ Columbia und das Zwangsarbeiterlager, danach für die anderen Themen. Für die Website der Tempelhof Projekt GmbH, einer Einrichtung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, haben die Autorinnen historische Informationen erarbeitet, die noch erweitert werden sollen: www.tempelhoferfreiheit. de/ueber-die-tempelhofer-freiheit/geschichte. Die rund fünfzig Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Spaziergangs plädierten dafür, die Eindrücke und Diskussionen in einem zweiten Rundgang im

Massenaufmarsch am 1. Mai 1933

Das Columbia-Haus kurz vor dem Abriss, 1938

Das Zwangsarbeiterlager am Columbiadamm, 1944

kommenden Frühling zu vertiefen. Außerdem wurde in der Mitgliederversammlung des Aktiven Museums am 20. Oktober 2011 angeregt, die Grundrisse der ehemaligen Zwangsarbeiterbaracken zu markieren.
Stefanie Endlich Prof. Dr. Stefanie Endlich ist freiberufliche Autorin und Ausstellungsmacherin. Sie ist Honorarprofessorin für Kunst im öffentlichen Raum an der Universität der Künste Berlin.

– 7 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

EXIL IN MEXIKO
Ein Ausstellungsprojekt des Aktiven Museums in Kooperation mit dem Archiv der Akademie der Künste Berlin und dem Interkulturellen Forschungsinstitut Mexiko-Deutschland in Mexico City

Das Aktive Museum bereitet gemeinsam mit der Akademie der Künste Berlin und dem Interkulturellen Forschungsinstitut Mexiko-Deutschland in Mexiko eine Ausstellung zum Thema „Exil in Mexiko“ vor, die im Dezember 2012 in Berlin und danach in Mexico City gezeigt werden wird. Ähnlich wie bei den bisherigen Projekten geht es für das Aktive Museum dabei darum, die Geschichten der Mexiko-Emigranten möglichst anschaulich zu dokumentieren. Die Ausstellung in Berlin wird vom Hauptstadtkulturfonds gefördert und von einer Arbeitsgruppe des Aktiven Museums in Kooperation mit dem Archiv der Akademie der Künste erarbeitet. Sie wird in der Tradition der „Archiv Fenster“-Ausstellungen auf der Brücke des Foyers im Akademie-Gebäude am Pariser Platz gezeigt werden. Ähnlich wie Varian Fry, dessen Arbeit als Fluchthelfer tausender Emigranten das Aktive Museum 2006 in einer Ausstellung in der Akademie der Künste dokumentierte, hat der mexikanische Generalkonsul jener Jahre, Gilberto Bosques, ab 1939 zunächst in Paris und dann bis 1944 in Marseille durch sein Engagement und die Erteilung von Visa vielen deutschen und österreichischen Emigranten noch in letzter Sekunde das Leben gerettet. Unter ihnen waren zahlreiche Mitglieder der Akademie der Künste, wie etwa Ernst Busch, Alfred Döblin, Hanns Eisler, Lion Feuchtwanger, Anna Seghers, Bodo Uhse, Franz Werfel und Friedrich Wolf sowie weitere Künstler, deren Nachlässe ebenfalls im Archiv der Akademie der Künste bewahrt werden. Zu ihnen gehören unter anderem Emil Julius Gumpel, Konrad Heiden, Alfred Kantorowicz, Egon Erwin Kisch, Rudolf Leonhard, Gustav Regler, Steffie Spira, Ernst Weiss und Paul Westheim.

Wie seinerzeit die Türkei hatte auch die mexikanische Republik rasch erkannt, dass die Aufnahme von Flüchtlingen zugleich einen Beitrag zur Modernisierung des eigenen Landes bedeuten konnte. Im Juni 1938 erklärte der mexikanische Präsident Lázaro Cárdenas so die Bereitschaft, den politischen Flüchtlingen vor der nationalsozialistischen Verfolgung in Europa die Tore zu öffnen. Waren es zunächst insbesondere die rund 15.000 republikanischen Spanienkämpfer, denen die Regierung Mexikos zur Ausreise aus Frankreich und zur Einwanderung nach Mexiko verhalf, so kamen bald auch zahlreiche deutsche und österreichische Emigranten hinzu, die noch in der Region Marseille festsaßen. Aufgrund einer erste Liste wies der mexikanische Präsident Cárdenas am 9. September 1940 den mexikanischen Generalkonsulat Gilberto Bosques in Marseille an, für 20 prominente deutsche politische Flüchtlinge und ihre Familienangehörigen Visa zu erteilen. Zu dieser ersten Gruppe gehörten neben Anna Seghers unter anderem die Schriftsteller Franz Werfel, Alfred Döblin, Walter Mehring und Emil Julius Gumpel sowie Ida Kesten, die Mutter von Hermann Kesten. Es waren vor allem die politisch Verfolgten, die in Mexiko eine neue Heimat suchten. Anders als in den meisten Exilländern war es in Mexiko nämlich nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht, dass sich die aufgenommenen Flüchtlinge politisch engagierten. So entstanden zahlreiche Zirkel und Organisationen, wie der „HeinrichHeine-Club“ oder die „Bewegung Freies Deutschland“ mit der gleichnamigen Zeitschrift „Freies Deutschland“ und der Verlag „El libro libre“. Wie in einem Brennglas eskalierten in Mexiko folglich auch die politischen Konflikte untereinander, nachdem die von Moskau abhängigen KPD-Mitglieder versuchten, in den Exil-Organisationen die Oberhand zu gewinnen. Insbesondere im Rückgriff auf autobiografische Materialien und im Gespräch mit den letzten Zeitzeugen von Emigration und Remigration sollen diese Differenzen anschaulich werden. Kooperationspartner in Mexiko Ausstellungsort in Mexico City ist voraussichtlich das „Museo de la memoria y tolerancia“ neben dem

– 8 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

mexikanischen Außenministerium am Alameda Park im Stadtzentrum. Es gibt bereits eine Arbeitsgruppe in Mexiko unter der Leitung von Renata von Hanffstengel, die damit begonnen hat, den Nachlass von Gilberto Bosques dort auszuwerten. Von den mexikanischen Kooperationspartnern wird es mehrere Texttafeln zur Biografie von Gilberto Bosques und seiner Tätigkeit als Generalkonsul sowie zu seinem Engagement für die spanischen und deutschen Flüchtlinge geben, die auf der Auswertung seines Nachlasses beruhen. Beide Ausstellungsteile werden wechselseitig zusammengefügt und in die jeweilige Landessprache übersetzt. Angestrebt wird darüber hinaus eine Kooperation mit dem Goethe-Institut in Mexico City. Themenaspekte der Ausstellung: Eingeleitet wird die Ausstellung mit mehreren Kapiteln zur Exilpolitik Mexikos und der Rolle von Gilberto Bosques. Dieser Teil der Ausstellung wird in Kooperation mit unseren mexikanischen Partnern erarbeitet. Zum zweiten geht es in der Ausstellung um die Situation der Flüchtlinge ab 1939 in Marseille. Der mexikanische Generalkonsul Gilberto Bosques war Teil des Netzwerkes in Marseille, das möglichst viele Emigranten noch in letzter Minute mit Visa und Schiffspassagen versorgte. Nach der deutschen Besetzung Südfrankreichs und der Schließung des Konsulats Ende 1942 wurde Gilberto Bosques nach Deutschland deportiert und über ein Jahr in einem Hotel in Bad Godesberg interniert. Bei seiner Rückkehr nach Mexiko bereiteten ihm die dort lebenden deutschen Emigranten einen begeisterten Empfang. Bereits für die Ausstellung über Varian Fry wurden von uns umfangreiche Archivalien zur Situation der Flüchtlinge in Marseille gesichtet, die nun im Hinblick auf die Rolle der mexikanischen Gesandtschaft neu ausgewertet werden. Der Schwerpunkt der Ausstellung in Berlin liegt in der Darstellung von Biografien ausgewählter MexikoEmigrantinnen und -Emigranten aus Berlin. Geplant sind 20 bis 25 biografische Tafeln, die möglichst unterschiedliche Aspekte des mexikanischen Exils repräsentieren, also sowohl prominente wie bisher weitgehend

unbekannte Emigranten als auch Flüchtlinge der verschiedenen politischen Lager. Diese Biografien erzählen anschaulich vom Überleben im Exil, von Hoffnungen und Konflikten, vom Verhältnis von Kunst und Politik und schließlich von den Schwierigkeiten und Unwägbarkeiten der Rückkehr nach Berlin. Anhand des historischen Beispiels der mexikanischen Flüchtlingshilfe zwischen 1939 und 1944 thematisiert das Projekt implizit auch die Frage der Aufnahme politisch und weltanschaulich Verfolgter heute in Deutschland und Europa. Abschließend widmet sich die Ausstellung der Geschichte der Mexiko-Remigranten. Nur wenige von ihnen entschieden sich für die Bundesrepublik, unter ihnen Babette Gross, die spätere langjährige Journalistin der FAZ. Die meisten der linkspolitisch engagierten Emigranten aus Mexiko gingen in die DDR, in der sie ihre politische Heimat sahen. Als „West-Emigranten“ waren sie dort jedoch später häufig Verdächtigungen und Verfolgungsmaßnahmen ausgesetzt, so zum Beispiel der Verleger Walter Janka. Dieser letzte Aspekt, der bisher noch kaum thematisiert wurde, zu dem es aber umfangreiches Archivmaterial gibt, wird auch Thema eines Symposions im Rahmen der Ausstellung in Berlin sein, das von der Rosa-Luxemburg-Stiftung organisiert und finanziert wird. Zum Beispiel: Hanns Eisler Denkt man an das mexikanische Exil, so fallen einem zuerst Menschen wie die Schriftstellerin Anna Seghers ein, in deren Roman „Transit“ (1944 in Mexiko erschienen) sich diese Erfahrung niedergeschlagen hat. Dass hierzu auch der Komponist Hanns Eisler gehörte, der später wie Anna Seghers zu den prominenten Mitgliedern der Ost-Berliner Akademie der Künste zählen sollte, ist jedoch bisher vor allem unter den Eisler-Experten bekannt. Und dass diese Zeit im mexikanischen Exil mit der Komposition eines „Marche funèbre à la Mexicana“ sogar Spuren in seinem Werk hinterließ, erfährt nur, wer einen Blick in seine Partituren wirft. Der am 6. Juli 1898 in Leipzig geborene Komponist Hanns Eisler wuchs in Wien auf und wurde nach dem

– 9 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

Die mexikanische Aufenthaltserlaubnis von Hanns Eisler von 1939

Ersten Weltkrieg Schüler von Arnold Schönberg in Wien. 1925 ging er nach Berlin, wo er eng mit Bertolt Brecht zusammen arbeitete und Lieder für Arbeiterchöre und Agitprop-Gruppen komponierte. Eisler emigrierte 1933, lebte in Paris, Svendborg und London, unternahm 1935 eine erste Tournee durch die USA und unterrichtete bei zwei weiteren Aufenthalten von Oktober 1935 bis April 1936 und ab Januar 1938 Komposition an der „New School for Social Research“ in New York. Er erhielt jedoch nur befristete Aufenthaltsvisa für die USA. Mit dem „Anschluss“ Österreichs wurde er staatenlos, und als sein mehrfach verlängertes Touristenvisum in den USA im Januar 1939 ablief, schrieb er aus New York an Vicente Lombardo Toledano, den mexikanischen Gewerkschaftsfunktionär und Vizepräsidenten des Weltgewerkschaftsbundes, und bat ihn um seine Unterstützung für ein mexikanisches Visum. „Ein Visum für Mexiko ist für uns eine Lebensfrage. Wir wissen, dass Mexiko das einzige Land ist, das politischen Flüchtlingen Asylrecht gewährt und deshalb wage ich es, mich an Sie mit der Bitte um Hilfe zu wenden. [...]

Ich bin überzeugt davon, dass ich auch in Mexiko der Musikbewegung nützlich sein kann. Jedenfalls aber werde ich Ihrem Land in keiner Weise materiell zur Last fallen.“1 Eisler erhielt daraufhin eine Einladung nach Mexiko und hielt sich von April bis September 1939 mit seiner Frau Lou in Mexico City auf. Er unterrichtete Komposition am dortigen Konservatorium. „Nächste Woche fange ich im hiesigen Nationalen Conservatorium an. Scheußlich! Mit Übersetzer! Welcher so langweilig ist, daß ich Angst habe, daß nicht nur die Schüler, sondern auch ich schlafen werden, während diese Ruine arbeitet. Dieses Land hat noch einen semicolonialen Charakter. Man könnte es von weiter Ferne, z. B. von New York, sehr lieb gewinnen“, schrieb er von dort am 4. Mai 1939.2 Durch einen Zufall traf er in Mexico City den amerikanischen Bariton Mordecai Bauman wieder, der ihn 1935 bei seiner USA-Tournee als Solist begleitet hatte. Gemeinsam suchten sie eine Unterkunft in der Stadt und mieteten für mehrere Monate die leer stehende Villa des dortigen türkischen Botschafters. „Es war das größte, üppigste und

– 10 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

Hanns und Lou Eisler mit dem Arzt Dr. Milano in Mexico City, 1939

scheußlichste Haus der Welt, das falsche Haus für fast jeden – außer Hanns Eisler. Er lachte in einem fort über die scheußlichen Ornamente, über den – wie er sagte – ‚türkischen Barock’ und wir hatten einen ungeheuren Spass zusammen, und das war gut so, denn es war für Hanns eine schwierige Zeit wegen seiner Visageschichte,“ erinnerte sich Mordecai Bauman 1981.3 Die Schwierigkeiten bestanden darin, dass die US-amerikanische Regierung Hanns Eisler und seiner Frau aus politischen Gründen ein dauerhaftes Visum verweigerte. Im September 1939 erhielt er lediglich ein weiteres, auf zwei Monate begrenztes Besuchervisum und kehrte nach New York zurück. Mit Ablauf des Visums drohte ihm die Ausweisung aus den USA, weshalb die Eislers im September 1940 wieder nach Mexiko gingen, um dort ein bereits ausgestelltes nonQuota-Visum für die USA entgegen zu nehmen. Beim

Versuch der Wiedereinreise in die USA wurden beide jedoch im Grenzort Calexico/Mexicali festgehalten. „Der Ort bestand aus einer ungepflasterten Straße mit staubigen Palmen, einem einzigen unsauberen Hotel, in dem wir wohnten [...]. Sie endete bei der Schranke, die das ‚Paradies Amerika’ vor uns absperrte. Blickten wir hinüber, sahen wir die Mainstreet, eine Hauptstraße mit dem üblichen Woolworth-Laden, einem Kino und erleuchteten Reklameschildern,“ erinnerte sich Lou Eisler später an diesen unfreiwilligen Aufenthalt.4 Hanns Eisler wurde über seine politischen Ansichten ausgefragt. Teile seiner dortigen Aussagen sollten ihm bei den Anhörungen des „Kommittees für Unamerikanische Umtriebe“ wieder vorgelegt werden. Erst durch die Intervention prominenter Unterstützer aus den USA konnten Beide einen Monat später Mexiko verlassen und nach New York zurückkehren.

– 11 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

Am 10. Dezember 1940 reiste Eisler alleine jedoch ein drittes mal für mehrere Wochen nach Mexico City. Anlass war der Auftrag, zu dem Film „The Forgotten Village“ von Herbert Kline nach einer Novelle von John Steinbeck die Filmmusik zu komponieren. „In großer Eile: Ich habe bereits Arbeitsraum, Klavier, Partiturpapier und arbeite wie verrückt. Der Film ist sehr, sehr schön, aber kaum ein Geschäft (um Gotteswillen, das ist nur für Dich bestimmt!!!). Herb Kline ist reizend. Alle sehr nett und respektvoll. Alles in Ordnung, aber eine Riesenarbeit.“ schrieb Hanns Eisler am 14. Dezember 1940 aus Mexico City an seine Frau.5 Für Teile der Filmmusik holte Eisler sich auch Mariacchi-Musiker von der Straße. Aus der Filmmusik ging später die Komposition seines „Nonett Nr. 2“ hervor, das die bereits eingangs genannte Satzbezeichnung „Marche funèbre á la mexicana“ enthält. Von der deutschen Emigrantenkolonie in Mexiko hielt Eisler sich fern: „Ich glaube, die Arbeit wird recht gut. Auf der Straße, zufällig, habe ich Egon [Erwin Kisch], Gisl [Gisela Kisch], Otto [Katz], Ilse [Katz] getroffen. Ich glaube, sie waren alle sehr gekränkt, denn ich habe niemanden angerufen,“ schrieb er am 16. Dezember 1940 an Lou Eisler in New York.6 Dies hatte auch politische Gründe, denn er teilte deren Ansichten über den „Hitler-Stalin-Pakt“ nicht, wie sich Lou Eisler später erinnerte: „Unsere Haltung [zum Hitler-Stalin-Pakt] hatte zur Folge, dass wir von unseren kommunistischen Freunden und den mit ihnen sympathisierenden boykottiert wurden, vor allem von den neuen Emigranten, die nach dem Fall von Paris in die Vereinigten Staaten kamen, darunter mein Freund Kisch.“7 Nach Abschluss der Komposition für den Film kehrte Hanns Eisler Anfang 1941 in die USA zurück. Damit endete das Kapitel seines mexikanischen Exils. Im März 1948 verließen Lou und Hanns Eisler die USA und kehrten über Prag zunächst nach Wien zurück, ab 1949 lebten beide in Ost-Berlin, wo Eisler am 6. September 1962 starb.
Christine Fischer-Defoy

1) Hanns Eisler an Vicente Lombardo Toledano, 9. März 1939, in: Archiv der Akademie der Künste Berlin, HEA 5027 2) Hanns Eisler an Joachim und Sylvia Schumacher, Hotel Carlton, Mexico City, 4. Mai 1939, in: Archiv der Akademie der Künste Berlin, HEA 5045 3) Mordecai Bauman 1981, in: Archiv der Akademie der Künste Berlin, HEA 7791, S. 5-6, übersetzt von Jürgen Schebera 4) Maren Köster, Jürgen Schebera, Friederike Wißmann (Hg.): Lou Eisler. Es war nicht immer Liebe, Wien 2006, S. 52 5) Hanns Eisler an Lou Eisler, Mexico City, 14. Dezember 1940, in: Archiv der Akademie der Künste Berlin, HEA 4278/1 6) Hanns Eisler an Lou Eisler, Mexico City, 16. Dezember 1940, in: Archiv der Akademie der Künste Berlin, HEA 4278/2 7) Maren Köster, Jürgen Schebera, Friederike Wißmann (Hg.): Lou Eisler. Es war nicht immer Liebe, Wien 2006, S. 53

– 12 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

ERINNERUNG UND HISTORISCHES BEWUSSTSEIN. ZUM 70. JAHRESTAG DER WANNSEE-KONFERENZ
Gerhard Schoenberner im Gespräch mit Mira Bihaly

Mira Bihaly: Das neue Jahr beginnt diesmal mit einem historisch wichtigen Datum, zu dem das Aktive Museum einen Text für den Rundbrief von Dir erwartet. Gerhard Schoenberner: Ich weiß. Seit 1983 bringt jedes Jahr neue Gedenktage. Das ist auch 2012 nicht anders. War es im Vorjahr die Erinnerung an Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion und den Eichmannprozess, so ist es nun der 70. Jahrestag der Wannseekonferenz. Und gleichzeitig das 20jährige Bestehen der Gedenkstätte. Und im Dezember folgt dann noch der 100. Geburtstag von Joseph Wulf, ihres eigentlichen Gründungsvaters. Wie sagt Alexander Kluge so schön: „Je ferner die Vergangenheit rückt, desto näher blickt sie zurück.“ Meine erste Frage: Welcher Stellenwert kommt der Konferenz im Gesamtgeschehen zu? Darüber ist lange gestritten worden. Die einen haben ihre Bedeutung überschätzt. Andere, wie Eberhard Jäckel, haben sie unterschätzt. Entgegen einer immer wiederholten Behauptung wurde die „Endlösung der Judenfrage“ hier zwar nicht beschlossen, dazu besaßen die Teilnehmer keine Kompetenz. Aber es war die erste offizielle Bekanntgabe eines höheren Ortes gefassten Beschlusses und die Besprechung seiner praktischen Durchführung. Gleichzeitig markiert die Konferenz eine historische Zäsur. Hatte das erklärte Ziel der Vorkriegszeit darin bestanden, Deutschland durch erzwungene Auswanderung „judenrein“ zu machen, so stellte sich nach der Eroberung großer Teile Europas die Frage neu. Waren die bereits angelaufenen Maßnahmen – also die

Deportationen in Deutschland, die Ghettoisierung in Polen, erste Vergasungen und die Massenexekutionen in den okkupierten Gebieten der UdSSR – bis dahin noch regional begrenzt, lautet das Ziel nun: Deportation und Ermordung aller Juden Europas, soweit sie dem deutschen Zugriff ausgeliefert sind. Dieses neue Programm wird am 20. Januar verkündet, in einer Serie von Nachfolgekonferenzen weiter besprochen und läuft in den folgenden Wochen überall in großem Stil an. Das Ergebnisprotokoll der Sitzung bleibt ein zentrales historisches Dokument, weil es die Gesamtplanung des Genozids an den Juden Europas, trotz der üblichen Tarnsprache, in einer Deutlichkeit festhält wie kein anderes, das wir kennen. Was man dem Wannsee-Protokoll nicht entnehmen kann und nach wie vor nicht zur Kenntnis nimmt, ist die Tatsache, dass der Völkermord an der europäischen Judenheit nur die erste Stufe eines weit größeren Vorhabens zur „rassenpolitischen Neuordnung Europas“ war, für die Himmlers Experten den Tod von 30-50 Millionen Slawen vorsahen. Aber das ist ein anderes Kapitel. Bleiben wir einen Moment noch dabei. Die Sache ist wichtig genug. Mein Eindruck ist, kurz gesagt, dass man in Westdeutschland, also der alten Bundesrepublik, nicht nur den „Generalplan Ost“ nie wirklich zur Kenntnis genommen hat. Auch der Vernichtungskrieg im Osten, das zweite Jahrhundertverbrechen neben dem Judenmord, das die mit Abstand größten Opferzahlen aufweist, hat im öffentlichen Bewusstsein bis heute nur einen peripheren Platz. Es passt einfach nicht in den westdeutschen Wahrnehmungshorizont, der ganz offenbar immer noch von den Tabus des Kalten Krieges verstellt ist. Selbst dass es eine Art Arbeitsteilung zwischen den beiden deutschen Staaten gab, bei der jede Seite nur für die Entschädigung der eigenen Klientel zuständig war, hat man verdrängt, anders wären die späteren Vorhaltungen nicht erklärbar. Auch die Befangenheit im Umgang mit den früheren Opfern hier und dort ähnelte sich. Übrigens war die Aufklärung in der DDR über die NS-Judenverfolgung immer noch besser als die

– 13 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

defizitäre Unterrichtung in der BRD über das Wüten der deutschen Okkupationsmacht im Osten. Von den zahllosen Lidices und Oradours in Weißrussland und der Ukraine weiß kaum einer die Namen, so viele sind es. Diese Opfer haben im Westen nie eine Lobby gefunden, weder die Toten noch die wenigen Überlebenden. Aber genug davon. Wir kommen vom Thema ab. Der 20. Jahrestag der Eröffnung des Hauses der Wannseekonferenz erinnert an die steinige Vorgeschichte, die 1965 mit der kleinen Initiativgruppe von Joseph Wulf und vier Mitstreitern begann, von denen Du einer warst, und nach anfänglichen Erfolgen und scheinbar endgültigen Niederlagen erst Jahrzehnte später mit der Eröffnung der Gedenkstätte doch noch ein gutes Ende fand. Das ist eigentlich ein gutes Schlusswort für unser Gespräch, denn wenn Du jetzt weiter fragst, ist kein Ende mehr abzusehen. Wer die Geschichte im Detail studieren will, kann sie leicht nachlesen. Publikationen zu den verschiedenen Phasen der Hausgeschichte liegen gedruckt vor. Wie ich kürzlich sah, ist bereits 2009 eine offizielle Gesamtdarstellung erschienen, die aufgrund umfangreicher Recherchen eine verblüffende Fülle von neuem, bisher unbekanntem Material ausbreitet. Leider wird jedoch gerade jener Teil der Nachkriegsgeschichte, an dessen Ende die Umwidmung des Hauses steht, nur sehr verkürzt, lückenhaft und zum Teil sachlich falsch dargestellt. In einem Aufsatz für die „Dachauer Hefte“ habe ich 1992 die wechselvolle Geschichte des Hauses von der Gründerzeitvilla bis zur Gedenkstätte so genau wie möglich beschrieben. Um es kurz zu machen, zitiere ich hier nur mein Resümee der jahrelangen Verhandlungen zwischen Wulf-Initiative und Berliner Senat: „Liest man die alten Korrespondenzen, Protokolle und Rundbriefe aus dem Abstand eines Vierteljahrhunderts noch einmal im Zusammenhang durch, erscheint einem das Ganze wie das Szenario für die erfolgreiche Zermürbung einer ungeliebten Bürgerinitiative mittels Hinhaltetaktik. Die Zeit war noch nicht reif, das politische Klima des Kalten Krieges Wulfs Vorhaben nicht günstig, die notwendige Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit noch nicht vorhanden.“

Mehr als ein Vierteljahrhundert musste vergehen, bevor Wulfs Plan, den inzwischen veränderten Bedürfnissen der Zeit angepasst, doch noch Wirklichkeit wurde. Was wir damals noch nicht wussten: Unser Kampf um und für das Gelände von Himmlers Hauptquartier, die heutige „Topographie des Terrors“, unser zweites Projekt, das für immer mit dem Namen des Aktiven Museums verbunden bleibt, sollte bis zu seiner endlichen Realisierung exakt genauso lange brauchen. Und wie ging es in Wannsee weiter? Die Anfänge waren nicht leicht. Ein Konzept war geschrieben, aber die Praxis hat ihre eigenen Tücken. Es war das dritte Mal, dass man mir die Leitung einer Institution anvertraute. Aber noch nie hatte ich bei Null anfangen müssen. Die Verhandlungen über die Sanierung des Hauses, den teilweisen Umbau der Räume und ihre zweckmäßige Ausstattung, der schrittweise Aufbau einer Personalstruktur, die Vorbereitung der ersten Dauerausstellung im Erdgeschoss waren Aufgaben, die alle gleichzeitig in Angriff genommen werden mussten. Parallel dazu baute Annegret Ehmann eine große Sammlung von Dokumenten für die pädagogische Arbeit auf und sah sich nach freien Mitarbeitern um, während Tamar Laakmann den Grundstock für die künftige Mediothek legte. Da es einen Trägerverein noch nicht gab und die Senatskanzlei mich nicht anstellen konnte, gab es auch keine Dienstreisen zum Besuch ausländischer Museen oder Archive, die der Ausstellungsarchitekt Prof. Jürg Steiner und ich uns eigentlich fest vorgenommen hatten. Ich war also auf die im Laufe der Arbeit über die Jahre gesammelten Bestände meines eigenen Archivs angewiesen, die nur in Einzelteilen aus anderen Quellen ergänzt werden konnten. Der erst später gebildete Beirat, der sich um die Möglichkeit gebracht sah, noch selbst Einfluss auf Konzept und Gestaltung zu nehmen, musste akzeptieren, dass ich exakt die Arbeit abgeliefert hatte, die von der Senatskanzlei in Auftrag gegeben worden war. Man hat mir berichtet, dass in der Gedenkstätte Bergen-Belsen jedes einzelne Foto dem wissenschaftlichen Beirat zur Genehmigung vorgelegt werden musste. Auf solche Arbeitsbedingungen hätte ich mich nie eingelassen.

– 14 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

Wir haben damals zum ersten Mal technische Normen für die Verwendung von Schrift und Text in Dokumentarausstellungen entwickelt, die sich freilich bis heute nicht durchgesetzt haben. Da es keine Fachkritik gibt und die Berichterstattung in den Medien nur Inhalte referiert, ist unprofessionelles Arbeiten auch weiter risikofrei. Das Resultat unserer Arbeit konnte sich trotz aller Beschränkungen behaupten. Das zeigten die Besucherzahlen und das Publikumsecho. Ausländische Gäste und Journalisten waren besonders beeindruckt von der nüchternen Präzision der Darstellung, die dem Betrachter nichts ersparte und manchem hierzulande zu weit ging, manchmal sogar Aggressionen auslöste. Es ist sicher kein Zufall, dass ich den einzigen Preis meines Lebens im Ausland erhalten habe. Eine letzte Frage: 1961, an Deinem 30. Geburtstag, warst Du als einer der wenigen deutschen Beobachter beim Eichmannprozess in Jerusalem. 2011 hast Du Deinen 80. konsequent auf der Eröffnungsveranstaltung des Eichmann-Symposions der „Topographie des Terrors“ begangen. Dazwischen liegt ein halbes Jahrhundert. Welche Bilanz ziehst Du? Wenn wir nicht generell vom deutschen Umgang mit der Vergangenheit sprechen, sondern uns auf die Berliner Gedenkstättenlandschaft beschränken, ist die Frage rasch beantwortet. Wie im Leben insgesamt, gab es auch hier Siege und Niederlagen. So habe ich die Idee, man könnte die Dimension des Jahrhundertverbrechens an den Juden Europas in Tonnen, Kubik- und Quadratmetern adäquat ausdrücken, stets für einen Denkfehler gehalten. Außerdem habe ich mich strikt gegen eine Hierarchisierung der Opfer gewandt. Mit dieser Auffassung bin ich damals gescheitert. Stattdessen wurde ich durch die Umstände zum Geburtshelfer für zwei zentrale Berliner Gedenkstätten, die ich als die moderne Form von Mahnmalen betrachte. Für beide habe ich die ersten Konzepte entworfen, für beide – gemeinsam mit anderen – jahrzehntelang gekämpft und gestritten. Es waren, um im Bilde zu bleiben, besorgniserregend lange Schwangerschaften, die am Ende nur durch eine Zangengeburt beendet werden konnten. Aber beide Ziehkinder haben sich prächtig entwickelt und ihren Platz in der Stadt gefunden. Das genügt mir.

„Dieses Haus soll und muss eine Warnung bleiben und eine Mahnung werden. Wir müssen alles dafür tun, dass ein neues Kapitel in der Geschichte aufgeschlagen werden kann. Ein Kapitel, in dem Begriffe wie ‚Endlösung‘ oder ‚Auschwitz‘ undenkbar werden. Es geht nicht darum, noch eine Gedenkstätte zu schaffen. Es gibt genug Gedenkstätten und Gedenktage, auch wenn es immer noch zu wenig aufrichtiges Gedenken gibt. Nicht nur junge Menschen aus den alten und neuen Bundesländern, sondern Jugend aus der ganzen Welt sollte hier Gelegenheit bekommen, in lebendiger Begegnung miteinander aus den Fehlern der Geschichte zu lernen und darüber zu diskutieren, wie man heute eine andere Welt gestaltet.“
Heinz Galinski am 20. Januar 1992

„Dieses Haus, das so viele Jahre dem Vergessen anheim gegeben war, soll nun der Erinnerungsarbeit dienen. Dort, wo die Mörder ihre Pläne besprachen, soll der Ermordeten gedacht, soll ihre Stimme hörbar werden. An diesem Ort, wo die NS-Diktatur den Tod von Millionen vorbereitete, soll die Verantwortung des Bürgers in der Demokratie gelehrt, wo die Vergangenheit fast übermächtig ist, soll für eine bessere Zukunft gearbeitet werden. Nicht nachzulassen in der immer von neuem nötigen Anstrengung, dem Vergessen zu wehren und das Gewissen zu schärfen, politische Aufklärung zu verbreiten und zu Humanität und menschlicher Gesittung zu erziehen, darin sehen wir unseren Auftrag.“
Gerhard Schoenberner am 20. Januar 1992

– 15 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

DIE INITIATIVE BERLINER KINDERDENKMAL STELLT SICH VOR

Kurz nach der Reichspogromnacht 1938 riefen Flüchtlingskomitees aus den Niederlanden und Großbritannien, unter ihnen auch die Quäker, eine außergewöhnliche Rettungsaktion ins Leben: Über zehntausend, meist jüdische Kinder aus Österreich, Tschechien, Polen und Deutschland, konnten dank der Unterstützung der niederländischen und britischen Bevölkerung mit Eisenbahn und Fähre über Hoek van Holland nach Harwich gelangen und in britischen Familien Krieg und Verfolgung überleben. Manche Kinder fanden ein neues Zuhause, andere mussten als Internierte den Schrecken des Krieges durchstehen. Einige machten es sogar möglich, für ihre Eltern in England Arbeit zu finden, um auch sie aus Nazi-Deutschland zu retten. Aber nur die wenigsten der KINDER, wie sie sich noch heute nennen, sahen ihre Familien wieder. Seit ihrer Gründung vor elf Jahren oranisiert die Initiative Berliner Kinderdenkmal jährlich mehrere Begegnungen zwischen Zeitzeugen der Kindertransporte aus unterschiedlichen Ländern und Schülern in Berlin, Potsdam und Viersen, sowie mit Auszubildenden der Landespolizeischule Berlin-Ruhleben. Oftmals dient für die Schüler der oscarprämierte Dokumentarfilm „Into the arms of strangers – Kindertransport in eine fremde Welt“ als Einstieg in die thematischen Auseinandersetzung mit der historischen Rettungsaktion. Unser Ziel ist es, das Schicksal der Kinder der Kindertransporte und deren Familien als Teil des Holocaust, mit verschiedenen Aktivitäten einer breiten Öffentlichkeit zukommen zu lassen. Die Zeitzeugen nehmen ihrerseits durch ihre Begegnungen und Kontakten mit Schülern und politischen Persönlichkeiten in der Bundesrepublik Deutschland den Wandel zu einem demokratischen Land wahr, in dem nationalsozialistische Tendenzen, Antisemitismus und Rassismus keine Entwicklungsmöglichkeiten haben dürfen und in dem sie und ihre Familien herzlich willkommen sind.

Bereits Tradition hat die jährliche Gedenkveranstaltung unserer Initiative am 31. August. Gemeinsam mit den Vertretern der Botschaften der Länder, aus denen die ehemaligen Kinder kamen und in denen sie jetzt leben, sowie den Zeitzeugen, wird des letzten Kindertransports von 1939 und des Beginns des verheerenden Zweiten Weltkrieges gedacht. Das Symphonieorchester der Droste-Hülshoff-Schule Berlin präsentiert klassische Musik zu dieser Open-air-Veranstaltung am Kinderdenkmal am Bahnhof Friedrichstraße/Ecke Georgenstraße. Frische Blumen an diesem Denkmal zeigen aber das ganze Jahr über immer wieder die Anteilnahme der Bevölkerung am Schicksal der Kinder. Der israelische Künstler Frank Meisler, selbst seinerzeit per Kindertransport aus Danzig gerettet, hat nicht nur 2008 das Berliner Denkmal, sondern auch thematisch eng verknüpfte, ähnliche Skulpturen in London und Gdansk geschaffen und damit die „europäische Route der Kindertransporte“ ins Leben gerufen. Rotterdams Oberbürgermeister Ahmet Aboutaleb ist dem Antrag unserer Berliner Initiative gefolgt, auch am Fährhafen Hoek van Holland – mittlerweile ein Stadtteil von Rotterdam – der Kindertransporte von 1938/1939 zu gedenken. Dieser Hafen ist, bis auf ganz wenige Ausnahmen, mit jedem einzelnen der 10.000 Kinderschicksale verbunden, denn hier organisierten niederländische Flüchtlingskomitees die Überfahrt über den Ärmelkanal nach Großbritannien, wo die Kinder dann in Pflegefamilien oder Heimen aufgenommen wurden. So erinnert nun seit dem 30. November 2011 eine weitere Meisler-Arbeit am Koningin-Emmaboulevard am Fährhafen von Rotterdam an die Kinder, Eltern und Organisatoren der Kindertransporte.
Lisa Bechner und Volker Hobrack www.kindertransporte-1938-39.eu

– 16 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

JÜDISCHES LEBEN UND DER UMGANG MIT DEM HOLOCAUST IN DEN USA
Studienfahrt der Projektstelle gegen Rechtsextremismus im EBZ Alexandersbad vom 30. August bis 9. September 2012

Im ersten Halbjahr wird es ein Vorbereitungsseminar mit einer Übernachtung zum Kennenlernen der Gruppe und zur Einstimmung auf das Thema geben. Gemeinsam werden wir uns dort auf das konkrete Programm verständigen, damit den Wünschen der Teilnehmenden möglichst gut entsprochen werden kann. Als Abflugtermin ist Donnerstag, der 30. August 2012 geplant, die Rückkehr nach Deutschland ist für Sonntag, den 9. September, vorgesehen. Bei den Kosten ist mit ca. 1.400 - 1.500 Euro für Flug, Unterkunft, Reiseprogramm, öffentliche Verkehrsmittel vor Ort und Versicherung zu rechnen. Hinzu kämen Kosten für die Verpflegung. Die Unterkunft erfolgt in sauberen einfachen Hotels, die sehr zentral gelegen sind. Anmeldungen sind noch möglich bis zum 15. März.

Neben Israel sind die meisten Überlebenden des Holocaust in die USA ausgewandert. Spätestens damit wurde der Völkermord der Nationalsozialisten auch ein US-amerikanisches Ereignis. Seit 1993 gibt es mit dem Holocaust Memorial Museum (USHMM) an der Washingtoner Mall ein deutliches staatliches Erinnerungszeichen im Land der Bystander. Wie unterscheidet sich das Erinnern an den Holocaust in den USA von Deutschland, von Europa, möglicherweise auch von Israel? Welche Rolle spielen die „Lehren“ aus dem nationalsozialistischen Völkermord für die amerikanische Politik und Gesellschaft? Was bedeutet das Erinnern für die US-amerikanischen Juden und ihre gesellschaftliche Position? Wie sieht jüdisches Alltagsleben aus und wo findet es wie statt? Wie kann in den säkular geprägten Metropolen jüdischer Glaube gelebt werden? Mit diesen und vielen anderen Fragen setzen wir uns auf dieser Studienreise auseinander. In New York City (sechs Übernachtungen) werden wir das Museum of Jewish Heritage, das Jewish Museum und das Museum of Ellis Island besuchen. Wir werden jüdische Interessensorganisationen (American Jewish Committee) genauso kennen lernen wie jüdische Sozialeinrichtungen (ESRA) und einen Gottesdienst einer liberalen Gemeinde besuchen. In Washington, D.C. (drei Übernachtungen) setzen wir uns mit der amerikanischen Gedenkkultur auseinander und besuchen eingehend das USHMM. Selbstverständlich werden wir uns durch Rundgänge bzw. Rundfahrten auch einen Eindruck von beiden Städten verschaffen. Etwa ein Viertel der Aufenthaltszeit steht zur freien Verfügung.

Kontakt: Martin Becher Projektstelle gegen Rechtsextremismus im Evangelischen Bildungs- und Tagungszentrum Alexandersbad Markgrafenstraße 34 95680 Bad Alexandersbad Tel.: 09232-9939 23 oder -28 becher@ebz-alexandersbad.de

– 17 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

ABSCHIED VON EINEM FREUND FRANZ VON HAMMERSTEIN 1921–2011

Zu ihnen gehörte auch Franz von Hammerstein. Erzogen im Widerstand gegen Hitler, Konfirmand Martin Niemöllers, nach dem 20. Juli Gefangener in Sippenhaft der Gestapo, konnte das Credo des späteren Theologen nur lauten: Aufarbeitung der NS-Verbrechen, interkonfessioneller Dialog, Versöhnung mit Israel und den Völkern Osteuropas. Ob haupt- oder ehrenamtlich, vor oder nach der Pensionierung, seine kontinuierlichen gesellschaftlichen Aktivitäten sind vielfältig und zielen doch stets in die gleiche Richtung. Erster Leiter der Evangelischen Industriejugend; gemeinsam mit Harald Poelchau, Lothar Kreyssig und Martin Niemöller Gründer der Aktion Sühnezeichen, deren Generalsekretär und späterer Sprecher er wird; Arbeit in der Aktionsgemeinschaft für die Hungernden, für den Weltfriedensdienst, den ökumenischen Rat der Kirchen. Es ist ein reiches Leben, in guten wie in schlechten Tagen treu begleitet von seiner Frau Vreni, Theologin wie er. Fast ein Jahrzehnt leitet er die Evangelische Akademie und bestimmt deren Programm, unbeirrt vom herrschenden Klima des Kalten Krieges. Gegen den Strom schwimmen hatte er gelernt. Viele Jahre war er, längst in Pension, unser Mitstreiter in den nicht enden wollenden Sitzungen und Kämpfen um die Zukunft der „Topographie des Terrors“. Nie vergessen werde ich seine Begrüßungsworte auf einem Empfang für das Internationale SachsenhausenKomitee: „Ich weiß nur wenig von Euch. Ich war nicht in Sachsenhausen“, sagte er. Und nach einer Pause: „Ich war in Buchenwald.“ Im Spätsommer ist der Unermüdliche, neunzigjährig, gestorben. Solche wie ihn gibt es nicht viele, deshalb werden sie so vermisst.
Gerhard Schoenberner

Franz von Hammerstein auf der Sitzung des Stiftungsrates der „Topographie des Terrors“ am 28. Mai 1997

Sieht man sich die Biografien jener Menschen an, die als aktivistische Minderheit, aber unermüdlich in ihrem Engagement, unser Land seit 1945 in einem sich immer neu wiederholenden Prozess vorwärts gestoßen, die Konfrontation mit der NS-Vergangenheit erzwungen, Bürgerrechte durchgesetzt und Verantwortung für eine humane Weltordnung gelehrt haben, macht man eine überraschende Entdeckung. Fast ausnahmslos handelt es sich um Angehörige und Nachkommen zweier feindlicher Gruppen, die biografisch und familiengeschichtlich so stark vorgeprägt sind, dass die Konsequenzen für ihr weiteres Leben fast zwangsläufig waren: Ein Vermächtnis zu erfüllen hier, ein Erbe zu verwerfen dort. So ergibt sich das erstaunliche Bild, dass die Kinder deutscher Antifaschisten und jene aus prononciert faschistischen Familien besonders motiviert und oft gemeinsam an der gleichen Front kämpfen.

– 18 –

AKTIVE SMUSEUM

MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 66 · Januar 2012

PUBLIKATIONEN DES AKTIVEN MUSEUMS
zu beziehen über die Geschäftsstelle

Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945 2. Auflage, Berlin 2011 20,00 Euro Verraten und verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945 3. Auflage, Berlin 2010 5,00 Euro Final Sale. The End of Jewish Owned Businesses in Nazi Berlin Berlin 2010 5,00 Euro Ohne zu zögern... Varian Fry: Berlin – Marseille – New York 2. verbesserte Auflage, Berlin 2008 20,00 Euro Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933–1945 Berlin 2006 5,00 Euro HAYMATLOZ. Exil in der Türkei 1933–1945 CD-ROM Berlin 2004 5,00 Euro Gedenktafeln in Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus 1991–2001 Christiane Hoss / Martin Schönfeld, Berlin 2002 5,00 Euro HAYMATLOZ. Exil in der Türkei 1933–1945 Berlin 2000 20,00 Euro Gedenktafeln in West-Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus Martin Schönfeld, Berlin 1993 unentgeltlich gegen Portoerstattung

– 19 –

IMPRESSUM

Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. Stauffenbergstraße 13-14 10785 Berlin Tel. +49(0)30-263 9890 39 Fax +49(0)30-263 9890 60 info@aktives-museum.de www.aktives-museum.de Vorstand Dr. Christine Fischer-Defoy Vorsitzende Sabine Hillebrecht stellvertr. Vorsitzende Christine Kühnl-Sager stellvertr. Vorsitzende Robert Bauer Ursula Büchau Marion Goers Dr. Matthias Haß Angelika Meyer Monica Puginier

Neue Mitglieder sind willkommen!

Jahresbeitrag Einzelmitglied: 55,00 Euro, ermäßigt 27,50 Euro Jahresbeitrag Vereinigungen: 165,00 Euro, ermäßigt 82,50 Euro

Spendenkonto Berliner Sparkasse BLZ 10050000 Konto Nr. 610012282 IBAN: DE87 1005 0000 0610 0122 82 BIC: BELADEBEXXX

Geschäftsführer Kaspar Nürnberg

Bildrechtenachweis Titel Landesarchiv Berlin Redaktion Kaspar Nürnberg Konzept und Gestaltung Lehmann & Werder Museumsmedien in Kooperation mit Elke Lauströer, Grafik Design Druck MK Druck S. 2 Landesarchiv Berlin, Fotograf: Thomas Platow / Christine Kühnl-Sager, Berlin S. 4 Christine Kühnl-Sager, Berlin S. 6 Landesarchiv Berlin S. 7 Bundesarchiv, Berlin / Archiv Berliner FlughafenGesellschaft im Bundesarchiv / EADS S. 10 Archiv der Akademie der Künste, Berlin S. 11 Archiv der Akademie der Künste, Berlin S. 18 Hans D. Beyer, Berlin

AKTIVE SMUSEUM
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.
Stauffenbergstraße 13-14 10785 Berlin www.aktives-museum.de Tel 030·263 9890 39 Fax 030·263 9890 60 info@aktives-museum.de
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.