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Periodical volume

Full text: Mitgliederrundbrief Issue 65.2011 Juli

AKTIVE SMUSEUM
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.

GUTE GESCHÄFTE. KUNSTHANDEL IN BERLIN 1933-1945 Eine Ausstellung des Aktiven Museums im Centrum Judaicum

M I TG L I E D E R R U N D B R I E F 6 5 · J U L I 2 011

INHALT

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Editorial
Christine Fischer-Defoy

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Presseecho zur Ausstellung „Gute Geschäfte“ Ansprache anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945“ am 10. April 2011 im Centrum Judaicum
Michael Hulton

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Zu treuen Händen. Eine Skizze über die Beteiligung von Berliner Speditionen am Kunstraub der Nationalsozialisten
Christine Fischer-Defoy und Kaspar Nürnberg

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Randgruppen der Erinnerung. Eine Ausstellung zur Geschichte des Arbeitshauses Rummelsburg im Museum im Stadthaus Lichtenberg
Thomas Irmer

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Wie die Gedenktafel für Charlottenburger Gegner des Nationalsozialismus in der Zillestraße entstand
Michael Roeder

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Unserem Ehrenvorsitzenden Gerhard Schoenberner zum 80. Geburtstag
Christine Fischer-Defoy

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Publikationen des Aktiven Museums Impressum

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MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 65 · Juli 2011

Liebe Mitglieder und Freunde des Aktiven Museums, im Zentrum dieses Rundbriefes steht unsere Ausstellung „Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945“, die am 31. Juli im Centrum Judaicum zuende geht, aber vom 20. Oktober 2011 bis 27. Januar 2012 noch einmal im Berliner Landesarchiv zu sehen sein wird. Wir waren überwältigt von dem großen Andrang bei der Eröffnung am 10. April mit vielen hundert Besuchern, zu denen auch Minister a.D. Peer Steinbrück gehörte. Wir dokumentieren die bewegende Rede von Dr. Michael Hulton, dem Erben von Alfred Flechtheim, der aus San Francisco zur Eröffnung angereist war. Wir sind begeistert vom Presseecho, aus dem wir einige Auszüge hier zitieren, und gerührt von der Tatsache, wie intensiv sich die Ausstellungsbesucher mit den Texten und Bildern, Karteikarten und Hörstationen beschäftigen. Viele Einträge im Gästebuch spiegeln den positiven Eindruck der Ausstellung ebenso wider wie die Prominenz ihrer Besucher, zu denen unter anderen auch der Staatsminister für Kultur Bernd Neumann gehörte. „A most interesting and educational exhibit. It deserves to be seen by as many people as possible. Thank you for allowing me to be one of them“, schrieb etwa Douglas Davidson, Special Envoy for Holocaust Issues, United States Department of State, am 8. Juni 2011. „Eine sehr beeindruckende Ausstellung mit sehr viel wissenschaftlicher Arbeit. Eine tolle Leistung! Hoffentlich wird die Ausstellung nach Amerika und in andere Länder reisen“, urteilte Jonathan Petropoulos, Autor des Buches „Kunstraub und Sammelwahn. Kunst und Politik im Dritten Reich“ am 9. Juni 2011. Und Raman Schlemmer, Enkel von Tut und Oskar Schlemmer, schrieb: „Tief beeindruckt und erschüttert habe ich die vielen Dokumente dieser Ausstellung wahrgenommen. [...] Oskar Schlemmer (1888-1943) hat bei verschiedenen der hier dokumentierten Kunsthändler ausgestellt und sie hatten Werke von ihm in Kommission, die mehrheitlich verschollen bleiben. [...] Auch wenn mich der Inhalt der Ausstellung als betroffene Familie bedrückt, gratuliere ich den

Kuratoren und hoffe, dass viele, insbesondere auch viele junge Menschen, viele Deutsche, diese Ausstellung besuchen werden, denn noch immer wird in der ganzen Welt Kunst in Kriegen zerstört und werden Künstler und Künstlerinnen durch Zensur in ihrem Schaffen beeinträchtigt und verfolgt.“ Am 18. März 2011 wurde übrigens in der Köpenicker Straße 24 die in selbigem Kontext stehende, witterungs- und materialbedingt allerdings mittlerweile unleserliche Gedenktafel zur „Aktion Entartete Kunst“, die das Aktive Museum dort schon genau zehn Jahren vorher angebracht hatte, von uns durch eine neue, überarbeitete Tafel ersetzt (siehe Abb.). Andreas Hüneke von der Forschungsstelle „Entarte Kunst“ an der FU Berlin erläuterte bei diesem Anlass den historischen Hintergrund, bevor die Tafel dann von Peter Stäblein, dem Geschäftsführer der BEHALA, enthüllt wurde. Ein Randthema des Kunsthandelsprojektes behandelt die im Heft abgedruckte Forschungsskizze „Zu treuen Händen“ über die Beteiligung von Berliner Speditionen am Kunstraub und der Ausplünderung der deportierten oder emigrierten Berliner Juden. Gut besucht waren übrigens auch die Veranstaltungen im Rahmenprogramm der Ausstellung, insbesondere die Podiumsdiskussion am 30. Juni in der Kunststiftung Poll mit Provenienzforschern, Kunsthändlern und Auktionatoren, bei der sich allerdings ein Bekenntnis des heutigen Kunsthandels zu den damaligen Verstrickungen der Branche in die Verfolgungsmaßnahmen nicht recht artikulieren mochte. Wie wäre es etwa mit einer von Galeristen und Auktionatoren gestifteten Gedenktafel für die verfolgten jüdischen Berliner Kunsthändler? Unsere anderen Ausstellungen wandern weiter durch die Lande: So war „Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin – Marseille – New York“ im Frühsommer im NS-Dokumentationszentrum in Prora zu sehen, Ende September wird dann das Rathaus in Würzburg die nächste Station sein, bevor sie bis Jahresende in Dortmund in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache

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gezeigt werden wird. „Haymatloz. Exil in der Türkei“ machte Station im Hamburger Wirtschaftsgymnasium St. Pauli und wird am 26. Juli im Haus der Wissenschaft in Bremen eröffnen und dort bis Ende August zu sehen sein. Aber unser Rundbrief handelt nicht nur vom Berliner Kunsthandel: Thomas Irmer beschäftigt sich unter dem Titel „Randgruppen der Erinnerung“ mit einer Ausstellung zur wechselvollen und fast vergessenen Geschichte des Arbeitshauses Rummelsburg im Museum im Stadthaus Lichtenberg. Und Michael Roeder beschreibt in seinem Beitrag den mühevollen und langen Weg zur Anbringung einer Gedenktafel für Charlottenburger Gegner des Nationalsozialismus in der Zillestraße. Hintergrund der Tafel ist der dokumentarische Roman „Unsere Straße“ von Jan Petersen über die Jahre 1933/1934 in der Berliner Zillestraße, der 1936 in Prag veröffentlicht wurde.

Last but not at all least gratulieren wir unserem Gründungs- und Ehrenvorsitzenden Gerhard Schoenberner zum 80. Geburtstag. Dr. h.c. Gerhard Schoenberner muss es genau genommen heißen, denn am 8. Juli wurde ihm die Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaften an der Freien Universität Berlin verliehen. Auch dazu herzlichen Glückwunsch! Allen Mitgliedern und Freunden des Aktiven Museums wünschen wir einen erholsamen Sommer!
Christine Fischer-Defoy

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PRESSEECHO ZUR AUSSTELLUNG „GUTE GESCHÄFTE“

„‚Gute Geschäfte‘ – der Titel ist bewusst ambivalent gewählt, er lässt an altehrwürdige Läden und satten Reibach gleichermaßen denken. [...] Es ergibt sich ein detailliertes und in vielem überraschendes Bild des Kunsthandels jener Zeit.“
Patrick Wildermann im tip vom 6. April 2011

lich faktenreichen und sehr differenzierten Ausstellung einige der verschlungenen Wege der nationalsozialistischen Kunstpolitik als historisch einmaligen Beutezug erhellt. [...] Viele der in den Kunstraub verwickelten Häuser bestehen bis heute, kaum eines hat sich bisher dazu durchringen können, dieses dunkle Kapitel der Firmengeschichte aufzuarbeiten. Aber diese kleine Berliner Ausstellung, dokumentiert in einem sehr informativen Katalog, zeigt, dass es möglich ist. Man muss es nur wollen.“
Regina Mönch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11. April 2011

„Fast kann man es nicht glauben, dass jetzt erst, über sechzig Jahre später, in dieser Grauzone genauer geforscht wird. Das Aktive Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. leistet hier Pionierarbeit. Unter dem Titel ‚Gute Geschäfte’ präsentiert das wohl kleinste Museum Berlins, das nur aus einer Geschäftsstelle mit einem einzigen Angestellten besteht, als Gast im Centrum Judaicum die Ergebnisse seiner zweijährigen Forschungstätigkeit. Ein Paukenschlag, denn wie zuletzt beim Auswärtigen Amt oder der Ärzteschaft treten auch in dieser Berufsgruppe in ungeahntem Maße Opportunismus, Gier, kriminelle Energie zutage, mit der die nur scheinbar den schönen Dingen zugewandte Branche plötzlich inmitten der NS-Politik steht.“
Nicola Kuhn im Tagesspiegel vom 9. April 2011

„Die Kuratoren haben Fotografien, Originalrechnungen, Karten, Tonaufnahmen und Tabellen in mühevoller Sorgfalt zusammengetragen. Ihre 14 Protagonisten – Täter, Opfer und Mitläufer – zeigen sie in goldenen Rahmen, als wären deren Geschichten selbst Kunstwerke. Es ist das einzige Stilmittel in einem sonst äußerst schlichten sachlichen Ausstellungskonzept. Was gut ist, sind doch die Lebensläufe drastisch genug.“
Rolf Lautenschläger in der taz vom 12. April 2011

„Das Aktive Museum und das Centrum Judaicum in Berlin haben jetzt mit einer ausgezeichneten, erstaun-

„Eine zusammenfassende Darstellung des Berliner Kunsthandels zur NS-Zeit hat bislang gefehlt. Das Aktive Museum Faschismus und Widerstand wagt nun einen ersten, noch lückenhaften Überblick und stellt in den Räumen des Centrum Judaicum die Ergebnisse einer bewundernswerten Forschungsleistung dar. [...] So ist diese Ausstellung zugleich eine Mahnung, die vielen, immer noch offenen Vermögensfragen aufgrund ‚verfolgungsbedingt entzogenen Kulturguts’ endlich und

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energisch aufzuklären. Nicht allein jüdische Kunsthändler haben unter dem Terror des NS-Regimes gelitten, wie die Ausstellung zeigt, sie aber am stärksten und beschämenderweise auch am längsten.“
Bernhard Schulz in der Jüdischen Allgemeinen vom 14. April 2011

„Kunsthandel und Holocaust gehören im Nationalsozialismus auf schreckliche Weise zusammen. Es ist immer wieder erstaunlich, ja bestürzend, wie viel wir, trotz aller Forschungen dank der Restitutionsdebatte in den letzten Jahren, noch nicht wissen. So ist die Ausstellung ‚Gute Geschäfte‘ eine Pioniertat, die man nicht

Recherchen nun erste Ergebnisse veröffentlicht. Ausstellung und Katalog sind eine Pioniertat. Rekonstruiert werden die Schicksale von 14 Kunsthändlern und Auktionatoren, von Opfern, Opportunisten und Profiteuren. [...] Die Ausstellung soll weitere Recherchen anregen. Sie zeigt im Detail, wie eng Judenverfolgung, Raubkrieg und Kunsthandel verflochten waren.“
Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung vom 21./22. Mai 2011

„…includes new material on the way many art dealers profited from the destruction of Jewish commercial life in the city, by focusing on the business strategies and personal fates of 14 Berlin art dealers and auction houses.“
Rita Pokorny in The Art Newspaper, May 2011

genug rühmen kann. In ehrenamtlicher Arbeit hat der Verein ‚Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin‘ den Kunsthandel in der Reichshauptstadt zwischen 1933 und 1945 erforscht. Die Ergebnisse sind nun im Centrum Judaicum in einer konzentrierten, aber sehr materialreichen Schau ausgebreitet.“
Sebastian Preuss in der Berliner Zeitung vom 20. April 2011

„Die Ausstellung dokumentiert in Wort und Bild den Werdegang von Kollaborateuren wie Leo Spik, Hansjoachim Quantmeyer und Karl Haberstock, von Profiteuren wie Bernhard Böhmer und Karl Buchholz, die im Auftrag des Propagandaministeriums im Ausland nach Kunden für die Werke der ‚Entarteten Kunst‘ suchten und an den Umsätzen beteiligt wurden. Dass dadurch zahlreiche Werke vor der möglichen Vernichtung bewahrt wurden, klammern die klugen Wand- und Katalogtexte nicht aus. [...] Wer dagegen willfährig mit den Nationalsozialisten zusammenarbeitete – auch das belegt die Ausstellung klar –, erhielt anschließend nicht nur in Windeseile den Persilschein. Er durfte in aller Regel auch noch jene Werke behalten, die sich noch in seinem Besitz befanden, und sich damit nicht selten eine sichere Nachkriegsexistenz aufbauen.“
Stefan Koldehoff in Die Welt vom 28. Mai 2011

„Neben diesen charakteristischen Lebenswegen macht die faktenreich um Objektivität bemühte Ausstellung mit den kunstpolitischen und rechtlichen Rahmenbedingungen des Kunsthandels vertraut. [...] Der Ausstellungskatalog ist ein Paradebeispiel guter Recherche und Literaturarbeit.“
Christian Herchenröder im Handelsblatt vom 29. April 2011

„Über den Kunsthandel im Berlin der Nazi-Zeit war bislang wenig bekannt. Das ‚Aktive Museum’ hat sich des Themas angenommen und nach gründlichen

„Meist sind es nicht die großen Institutionen, die sich als Pioniere in ein vergessenes Gebiet der Geschichte vorwagen. Das ‚Aktive Museum’, das die Ausstellung ‚Gute Geschäfte‘ recherchiert und kuratiert hat, ist kein Museum, sondern ein Verein. [...] Durch die Dokumentation der Schicksale von vierzehn Galerien wirft die Ausstellung Schlaglichter auf die widersprüchliche Welt des Berliner Kunsthandels unter den Nazis, flankiert von einer Chronologie der Ereignisse. [...] Mit moralischen Urteilen allerdings hält sich die Ausstellung zurück. Sie macht Widersprüche sichtbar.“
Sieglinde Geisel in der Neuen Zürcher Zeitung vom 24. Juni 2011

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„EIN ANDENKEN AN DIE, DIE WIR LIEBTEN“
Ansprache anlässlich der Eröffnung der Ausstellung am 10. April 2011 im Centrum Judaicum

Ich möchte den Veranstaltern – insbesondere Ihnen, Frau Dr. Fischer-Defoy – für die freundliche Einladung danken, anlässlich der Eröffnung dieser Ausstellung ein paar Worte an Sie richten zu können. Ich freue mich schon sehr darauf, noch mehr über meinen Großonkel Alfred Flechtheim, seine Berliner Kollegen und auch seine Konkurrenten zu erfahren, welche in der aufregenden und schillernden Zeit der Weimarer Republik den Berliner Kunsthandel maßgeblich mitgestaltet haben. Eine Ära voller Glanz, liberal und extrovertiert, die mit dem Jahr 1933 für die meisten dieser Händler ein schreckliches Ende nahm. Ich bin jedes Mal tief berührt, wenn ich Berlin besuche, auch wenn ich gebürtiger Engländer bin, nach dem Krieg geboren und aufgewachsen in London, wie Sie bestimmt hören können. Berlin ist meines Vaters Heimatstadt. Er wurde 1910 hier geboren, ist in Wilmersdorf aufgewachsen und musste als junger Mann, wie Onkel Alfred, bereits 1933 diese schöne Stadt verlassen. Meine Mutter arbeitete hier als Sekretärin. Die Familie meines Vaters, meine Vorfahren und Verwandten, haben auf dem Friedhof in Weißensee ihre letzte Ruhe gefunden. Meine Tante Rosi Hulisch, die ich nicht mehr kennenlernen konnte, weil sie bereits 1942 hier in Berlin von eigener Hand starb, litt zeitlebens unter Kinderlähmung, arbeitete aber dennoch viele Jahre – bis zum bitteren Ende 1937 – in der Galerie Flechtheim mit. Es ist mir eine besondere Ehre, heute hier in diesem wunderschön renovierten jüdischen Zentrum zu stehen, insbesondere nach all den einschneidenden historischen Ereignissen, die vor allem in den 1930er und 1990er Jahren stattgefunden haben. Ich fühle mich Alfred Flechtheim sehr nahe und persönlich verbunden. Er war eine faszinierende, extravagante und facettenreiche Persönlichkeit. Ich würde gerne in seiner eleganten Wohnung in der Bleibtreustraße gewesen

Dr. Michael Hulton (r.) mit Dr. Christine Fischer-Defoy und Dr. Hermann Simon bei der Ausstellungseröffnung

sein, um seine Abende mit Künstlern, Schriftstellern und Boxern mitzuerleben. Obwohl ich in den letzten Jahren über seine Lebensgeschichte, über die wirtschaftlichen Höhen und Tiefen, über seine legendären Ausstellungen, Feiern und seine vielen Reisen sehr viel gelernt habe, so ist mir bis heute doch noch vieles verborgen geblieben. Selbst mein Vater, der einer jüngeren Generation angehörte und der Alfred Flechtheim hier in Berlin, wie auch später, als beide in London lebten, sehr nahe stand, hat mir leider vieles über ihn vorenthalten. Ich bin sehr froh darüber, dass mit dieser Ausstellung nunmehr eine Gelegenheit geboten wird, Alfred Flechtheims Schicksal zu würdigen und vielleicht auch seinen Ruf und seine Bedeutung für den deutschen und internationalen Kunsthandel wieder in Erinnerung zu rufen, dies auch vor dem Hintergrund des letztes Jahr publik gewordenen Kunstfälschungs-Skandals. Vielleicht wird das moderne Publikum seine bahnbrechenden Aktivitäten erkennen. Wenn ich das bedrückende Material aus den Archiven lese und sehe, welch bürokratisch-organisiertem Terror, welchen Qualen die beiden Goldschmidt-Schwestern – Alfreds Witwe Betti und meine Großmutter Klara – in ihren letzten Lebensjahren ausgesetzt gewesen waren, so kann ich nur hoffen, dass auch nach so langer Zeit von dieser Ausstellung noch ein Signal ausgeht: vielleicht ein klein wenig Gerechtigkeit und ein Andenken an die, die wir liebten und die wir verloren haben.
Michael Hulton

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ZU TREUEN HÄNDEN
Eine Skizze über die Beteiligung von Berliner Speditionen am Kunstraub der Nationalsozialisten

Auswanderung, aber auch Ausplünderung der ausgebürgerten Berliner Juden wäre nicht möglich gewesen ohne die Hilfe von Speditionen. Sie transportierten innerhalb weniger Jahre die Wohnungseinrichtungen der rund 80.000 emigrierten Berliner Juden, machten Möbel, Hausrat, Bibliotheken und Kunstbesitz zum Versand ins Ausland fertig oder lagerten sie im Auftrag ihrer Kunden ein. Mit Beginn der Deportationen 1941 aus Berlin holten die Speditionen dann auch das beschlagnahmte Eigentum aus den Wohnungen der über 50.000 deportierten Berliner Juden ab, um es im Auftrag der Oberfinanzdirektion bei einem Auktionshaus zur Versteigerung abzuliefern. Der „Verein Berliner Spediteure“ war nach der nationalsozialistischen Machtübernahme zügig gleichgeschaltet worden. Als staatliche Zwangsorganisation wurde mit Sitz in Berlin die „Reichsverkehrsgruppe Kraftfahrgewerbe, Fachgruppe Fuhrgewerbe“ gebildet.1 Viele Berliner Juden fassten deshalb in der Bedrängnis ihrer geplanten oder auch fluchtartigen Emigration in den Jahren nach 1933 Vertrauen zu einem jüdischen Speditionsunternehmen – fatalerweise, wie sich wenige Jahre später im Zuge der Besitzübernahme durch „arische“ Spediteure herausstellen sollte. Das zeigt etwa der von Caroline Flick in der Ausstellung „Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945“ dokumentierte Fall des jüdischen Kunstsammlers Max Cassirer, der sich 1938 an das „Internationale Speditionsbureau Georg Silberstein & Co“ wandte. 1885 unter dem Namen „Lilienthal & Silberstein“ gegründet, wurde das Unternehmen nach dem Ausscheiden Lilienthals wenige Jahre später in „Georg Silberstein & Co“ umbenannt. Es war spezialisiert auf internationale Transporte und unterhielt bald neben dem Berliner Büro in der Reichenberger Straße 154 weitere Filialen

in Bremen, Danzig, Halle, Hamburg und Stettin. „Georg Silberstein & Co.“ gehörte zu den anerkannten und alteingesessenen Berliner Transportfirmen.2 Ihr Werbeslogan „Zieh’ aus, zieh’ ein mit Silberstein“ bekam ab 1933 einen anderen Klang, als die Geschäfte sich auf die Einlagerung und den Transport von jüdischen Wohnungseinrichtungen konzentrierten. Als Max Cassirer seinen Besitz 1938 bei „Georg Silberstein & Co.“ einlagerte, befand sich das Unternehmen laut Handelsregisterakte bereits im Besitz der Aktiengesellschaft „Züngst & Bachmeier“ und deren Eigentümer Hans Züngst.3 1941 ging die Spedition in den Besitz von Fritz Roth, einem Neffen des damaligen Berliner Polizeipräsidenten, über. In Sachen „Hausrat des Juden Max Israel Cassirer“ wandte sich selbiger Fritz Roth am 20. April 1942 an die Gestapo Darmstadt, zu der Cassirers Wohnungseigentum in Oberhambach gehörte, und bat um Mitteilung des dortigen Versteigerungstermins. Zugleich brachte er seine Spedition als Versteigerer ins Spiel: „Bei dieser Gelegenheit gestatte ich mir, darauf aufmerksam zu machen, dass meine Firma ebenfalls die Versteigerungskonzession besitzt, was Sie gegebenenfalls bei der Verwertung des Umzugsgutes berücksichtigen wollen.“4 Wenige Monate später, am 8. Juli 1942, erteilte der Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg, Abteilung Vermögensverwertung, dem Spediteur und Versteigerer Fritz Roth den Auftrag, „die dem Reich verfallenen Einrichtungsgegenstände früher im Eigentum des Juden Max Israel Cassirer, welche sich bei dem Spediteur Fritz Roth, Berlin S0 36, Reichenberger Straße 165 befinden, zu versteigern.“ Weiter heißt es dort, dass für Teppiche, antike Möbel, Ölgemälde und sonstige Kunstgegenstände ein von der Reichskammer der bildenden Künste beeidigter Sachverständiger zur Bewertung hinzugezogen werden müsse. „Gemälde alter Meister werden von der Versteigerung grundsätzlich ausgenommen.“ Der Auftrag regelte auch das Honorar des Versteigerers. Danach erhielt Fritz Roth zehn Prozent des erzielten Brutto-Versteigerungserlöses und war berechtigt, darüber hinaus von den Käufern einen Zuschlag zu kassieren. Der Oberfinanzpräsident behielt sich vor der Versteigerung die Möglichkeit vor, für eigene Zwecke der Reichsfinanzverwaltung Gegen-

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Umzugswagen der Firma Silberstein, o.J.

stände aus dem Versteigerungsgut herauszunehmen. 5 Eine Hand wusch die Andere... Ähnlich erging es dem Chirurgen Albert Salomon und seiner Frau, der Sängerin Paula Salomon-Lindberg. Sie hatten sich an das jüdische Speditionsunternehmen „Brasch & Rothenstein“ gewandt, das bereits 1881 ein „Centralbureau für den Weltverkehr“ in Berlin eröffnet hatte und im Jahr 1900 als oHG im Berliner Handelsregister mit der Adresse Lüneburger Straße 22, Berlin NW 40 eingetragen wurde.6 Im Mai 1936 wurde die Firma von dem Einzelkaufmann Harry W. Hamacher in Besitz genommen. Bis 1940 führte er die Spedition noch unter ihrem Traditionsnamen mit dem Zusatz „Inhaber Harry W. Hamacher“ fort. Ab März 1940 wurde das Unternehmen dann als „Spedition Harry W. Hamacher“ im Berliner Handelsregister eingetragen.7 „Wir mussten am 17.3.1939 aus Berlin-Charlottenburg, Wielandstr. 15 aus rassischen Gründen flüchten. Der Rechtsanwaltsfirma Dr. Ponfik und v. Koblinski,

Bln-Charlottenburg, Fasanenstr. 76, hatten wir Generalvollmacht erteilt und unsere gesamten Originalpapiere ausgehändigt, sowie unsere 7-Zimmer-Wohnung mit Ausstattung übergeben“, schrieben die Salomons am 8. Juli 1957 aus Amsterdam zu ihrem Wiedergutmachungsverfahren.8 Über ihr weiteres Schicksal heißt es dort: „Die vorstehend bezeichnete Anwaltsfirma hat den verbleibenden Teil der Wohnungseinrichtung pp. nach New York abgefertigt. Wir kamen nur bis Holland und lebten bis Kriegsende teils im Konzentrationslager, teils illegal. Wir haben nichts mehr davon gesehen oder gehört.“9 Noch am Nachmittag des 17. März 1939 hatte Paula Salomon-Lindberg ihren gesamten Schmuck in einer Handtasche in das Anwaltsbüro gebracht. In einer eidesstattlichen Versicherung des bei dem Anwaltsbüro damals tätigen Walter Neumann vom 30. August 1956 heißt es hierzu: „Ich habe diesen Schmuck, dazu das gesamte Tafelsilber aus der Wohnung auf Grund der damaligen Gesetze in dem Städt. Pfandleihamt Jäger-

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straße abgeliefert“. Weiter erklärte Neumann am 26. Oktober 1957 in der Wiedergutmachungsangelegenheit Salomon: „Dem Wunsche der Eheleute Dr. Salomon entsprechend sollte die Einrichtung nach New York verschickt werden, was die Anwaltsfirma den Behörden mitteilte. Mit dem Möbelwagen der Spedition Brasch & Rothenstein erschienen Beamte in Zivil und überwachten die Einladung des übrig gebliebenen Teiles der Einrichtung. Ich habe gesehen, dass die Beamten mit dem Transport wieder mitfuhren. Nach der Räumung der Wohnung wurde mir der Wohnungsschlüssel übergeben. Ob die Gegenstände nach New York abgefertigt worden sind, weiß ich nicht.“10 Das Ehepaar Salomon legte in Amsterdam ein Verzeichnis der Wohnungseinrichtung an. Neben kostbaren Teppichen führte sie auch mehrere bei Berliner Kunsthändlern erworbene Gemälde auf: Holländische Landschaft mit Personenstaffage von Theodoor van Loon, gekauft 1929 bei Rudolph Lepke; Seestück von Gustav Schönleber, erworben 1929 bei Carl Nicolai; Holländische Landschaft von Esajas van der Velde, erworben 1933 bei Aram und Grunwald; Holländisches Blumenstück von Ambrosius Bosschaert, erworben 1928 bei van Diemen; Blumenstrauss mit Papageien, Tulpen, Nelken und Schmetterlingen von A. Reysch, erworben 1930 bei van Diemen; Holländische Landschaft von v. Camphuysen, erworben 1934 bei van Diemen; Italienischer Knabenkopf von P. Knauss, erworben 1935 bei Rudolph Lepke.11 Wegen Unklarheiten, ob überhaupt und, wenn ja, wohin die beiden – Lifts genannten – Möbelversandkisten von der Spedition Hamacher transportiert wurden, lehnte der Berliner Finanzsenator die beantragte Wiedergutmachung 1957 ab. Albert und Paula Salomon erwiederten ihm am 14. November 1957: „Haben wir denn jemals erlebt, dass die Gestapo Empfangsbescheinigungen über Wohnungseinrichtungen erteilte oder überhaupt Schriftliches herausgab. Sie handelte, vernichtete Beweismaterial, sie raubte!“12 Die Berliner Finanzbehörde ließ bei der Spedition nachforschen: „Meine Ermittlungen bei der Firma Harry W. Hamacher, der Rechtsnachfolgerin der ehem. Firma Brasch und Rothenstein, haben

ergeben, daß das bei der Speditionsfirma gelagerte Auslandsgut von der Sowjetischen Militärregierung 1945 nach der Sowjetunion abtransportiert wurde. Diese Auskunft erteilte Herr Rudi Krämer, Prokurist in Firma Harry W. Hamacher, Berlin NW 40, Paulstrasse 20“.13 Weil der Verbleib der beiden Lifts nicht geklärt werden konnte, wurde der Antrag auf Wiedergutmachung am 3. Februar 1959 erneut zurückgewiesen. Nachdem jedoch das Berliner Kammergericht diese Entscheidung am 21. August 1959 aufgehoben hatte, wurde dem Ehepaar Salomon 1962 eine Wiedergutmachung zugesprochen. Zur Begründung führte das Gericht nun an, dass davon auszugehen sei, dass das Umzugsgut in Berlin geblieben und nach der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom Deutschen Reich beschlagnahmt worden war. Im Brandenburgischen Landeshauptarchiv, das die Aktenbestände der für die „Verwertung“ zuständigen Oberfinanzdirektion verwaltet, ist nur der Vorgang der Beschlagnahme von 59,17 Reichsmark Kontoguthaben von Albert Salomon im Zuge der 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz überliefert.14 Weitere Unterlagen, etwa über die Versteigerung der Bilder, sind dort dazu nicht vorhanden. Albert Salomon starb 1976, seine Frau Paula Salomon-Lindberg im Jahr 2000 in Amsterdam. Ihre Gemälde haben sie nicht wieder gesehen. In den Korrespondenzen der Wiedergutmachungsakten finden sich zahlreiche Belege für die aktive Rolle von Speditionen bei der Ausplünderung der ausgebürgerten jüdischen Emigranten. Zu den heute renommierten Berliner Speditionen, die damals an den Transporten und der Einlagerung von Umzugsgut von Berliner Juden beteiligt waren, gehört die Spedition „Hertling“. 1865 in Berlin gegründet, galt das Unternehmen ab 1898 als „Bahnamtliches Rollfahrunternehmen der Königlichen Preussischen Staatseisenbahnen“ und seit 1919 als „Hofspediteur Seiner Majestät des Kaisers und Königs“. Als ein Beispiel, das die Spedition „Hertling“ betrifft, sei hier der Brief des Treuhand-Direktors a.D. Dr. Erich Klemmt an Siegmund Kirstein nach Llanelly/South Wales vom 2. Januar 1948 zitiert. Darin heißt es: „Ihr Herr Schwiegervater Adolf Russ hatte mir am 24. September 1939 Generalvollmacht erteilt bei dem gespannten Verhältnis mit dem Arisierungstreuhänder Pfeiffer, der

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ihm leider viel Schwierigkeiten und Kummer gemacht hat. Die Gebr. Hertling übergebenen Sachen (Kisten mit Porzellan, Akten usw.) wurden mir übereignet und ich hatte dann auch die Lagerkosten weiterbezahlt, die Herr Russ zunächst verauslagt hatte. Als ich die Sachen später heraushaben wollte, weigerte sich Hertling mit der Begründung, dass er sie als jüdisches Vermögen der Gestapo gemeldet hätte. Über diesen Vertrauensbruch waren Herr Russ und ich sehr verwundert.“15 Ein anderes Beispiel, das ebenfalls noch heute bestehende Steglitzer Unternehmen „Kopania“ betreffend: Die Jüdin Martha Friedmann, zu deren Eigentum zwei große Ölgemälde von Max Pechstein mit den Titeln Acker mit Bauernhaus im Hintergrund und Waldlichtung in praller Sonne, ein Aquarell von Lesser Ury, eine Radierung von Max Liebermann und vieles mehr zählten, hatte die Spedition „Kopania“ bei ihrer Emigration am 8. August 1939 beauftragt, ihre Wohnungseinrichtung nach Paris zu transportieren. „Kopania“ überantwortete stattdessen, wie aus den Akten hervorgeht, den „Posten Friedmann“ 1940 mit der schriftlichen Bemerkung „Das Mobiliar ist aus einer 3-Zimmer-Wohnung mit erheblichem Wert bestehend“ an das Versteigerungshaus „Union“. Dessen Eigentümer Leo Spik versteigerte alles am 20. Mai 1941 ab 10 Uhr in angemieteten Räumen am Wildpfad 3 in Dahlem mit einem Erlös von 3.442 Reichsmark. Oder eben doch nicht alles, wie Martha Friedmann am 9. Oktober 1957 in einem Brief schrieb: „Ich habe [...] die Versteigerungsliste der ‚Union’ vom 24.5.1941 erhalten und festgestellt, dass diese Liste viele Gegenstände meiner Wohnungseinrichtung nicht aufführt. Es fehlen zum Beispiel die Teppiche, die dem Stil meiner Wohnungseinrichtung angepasst, einen ihrer wesentlichen Bestandteile bildeten. Es fehlt ferner der Bibliotheksschrank, er enthielt meine Bibliothek, die unter No. 412 der Liste als ‚1 Posten Bücher’ angeführt ist, ebenso fehlt auch der Radioapparat. [...] Offensichtlich aber sind vor der Auktion manche Stücke meiner bei der ‚Kopania’ eingelagerten Wohnungseinrichtung fortgenommen worden. Die Art der Wegnahme kann ich nur vermuten.“16 Im Namen der „United Restitution Organization“ erläuterte ihr dazu Dr. Bock in seinem Antwortschreiben

vom 5. Dezember 1957: „Dies steht vor allem im Zusammenhang mit dem Schnellbrief des Reichsministers der Finanzen vom 4.11.41. Nach dieser Anordnung war vor Verkauf oder Versteigerung zu prüfen, welche Gegenstände für die Reichsfinanzverwaltung zu gebrauchen waren. Diese wurden dann entsprechend entzogen, vor allem Teppiche, Schreibtische, Sessel, Betten, Tisch- und Bettwäsche.“17 Und tatsächlich findet sich in der von Leo Spik unterschriebenen Versteigerungsniederschrift vom 24. Mai 1941, betreffend die Versteigerung vom 20. Mai 1941 mit den Namen sämtlicher Käufer bei einigen Dingen (Rauchtisch, Spieltisch, 6 Armlehnsessel, 1 Stuhl) die handschriftliche Eintragung „gestrichen für Fin.Amt“.18 Die Firma „Kopania“ selbst beschrieb die Rolle der Speditionen in einem weiteren ganz ähnlichen, ihr im Nachhinein zur Last gelegten Fall, in einem Brief vom 21. Juli 1947 an Martin Friedmann als alternativlos: „Seinerzeit musste der gesamte jüdische Besitz unter Androhung von Zuchthaus und evtl. Todesstrafe der Gestapo gemeldet werden und auch die evtl. Guthaben. Das Gut und die evtl. Guthaben mussten an die Gestapo abgeführt werden.“19 Friedmann hatte vor seiner Emigration über Moskau, Ostasien, Japan über den Pazifischen Ozean nach Panama, Honduras und schließlich nach Montevideo bereits die Transportkosten nach Honduras an „Kopania“ bezahlt. Die Liftkisten aber hatte er nie erhalten. In den Berliner Wiedergutmachungsakten finden sich zahlreiche ähnlich gelagerte Vorgänge. Meist argumentieren die Speditionsunternehmen so wie hier „Kopania“ oder weisen alternativ auf den Verlust ihrer Geschäftsunterlagen oder des Umzugsgutes durch Kriegseinwirkung hin.20 Ob sie zu Recht für sich in Anspruch nahmen, dass die Gesetzeslage keinen anderen Umgang mit dem ihnen anvertrauten Gut zugelassen hätte, sei dahingestellt. Der Berliner Anwalt Walter Schwarz erlaubte sich im Rückerstattungsverfahren von Auguste Lesser am 27. Januar 1954 vor dem Berliner Kammergericht jedenfalls folgende Bemerkung: „Jede Bestimmung, gleichviel welchen Inhalts, die einen aus dem Lande gejagten Juden so behandelte, als ob er ‚freiwillig’ auswanderte, war in sich verlogen, denn dem Juden blieb keine

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Die Belegschaft der Kopania & Co. im Hof der Bergstraße 91 in Berlin-Steglitz am 18. November 1933

andere Wahl mehr, und deshalb war die Anwendung der Devisen- und sonstigen Vorschriften auf Juden rechtswidrig; sie wurden geächtet, ausgetrieben, und außerhalb der Gesetze gestellt. Die Beschwerdeführerin [gemeint ist das Kammergericht] sollte sich schämen, ihre offensichtlich wiedergutmachungsfeindlichen Tendenzen unter dem Mantel einer fadenscheinigen ‚Legalität’ zu tarnen. Die Besitzentziehung ist zweifelsfrei; die daran geknüpfte Folge des Schadensersatzes ist ebenso zweifelsfrei. Die Beschwerdeführerin ist dafür beweispflichtig, dass die Gegenstände noch vorhanden sind. Wo hat sie diesen Beweis angetreten?“21. Zum Abschluss dieser Skizze, die hoffentlich weitere Forschungen und Auseinandersetzung anregt, ein letztes Schlaglicht: Innerhalb der Logistik der nationalsozialistischen Beschlagnahmeaktion „Entartete Kunst“ spielte das Speditionsunternehmen Gustav Knauer

eine zentrale Rolle. 1885 in der Pfalzburger Straße in Berlin-Wilmersdorf gegründet, konnte es sich schnell unter den Konkurrenten behaupten und stieg zum „Hofspediteur Seiner Majestät des Kaisers und des Königs und Seiner Kaiserlichen und Königlichen Hoheit des Kronprinzen“ auf. Bis zum Zweiten Weltkrieg erweiterte Knauer sein Geschäft um internationale Transportwege und eröffnete Zweigniederlassungen in Breslau, Wien und Paris. Sein Angebot umfasste Möbeltransporte jeder Art, Einlagerungen und Auslieferungslager22 sowie Spezialtransporte und Verpackungen von Kunstgegenständen. Nach 1933 gewann die Kunstabteilung zunehmend an Bedeutung. Und so war es auch Gustav Knauer, der ab 1937 vornehmlich die Frachtaufträge für die in den deutschen Museen als „entartet“ eingezogene moderne Kunst erhielt – ein lukratives Geschäft, immerhin handelte es sich um mehr als 20.000 Werke. Knauer transportierte das Beschlagnahmegut an die

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Orte der Femeausstellungen und in das Sammellager in der Köpenicker Straße 24 in Berlin-Kreuzberg sowie den für „international verwertbar“ eingestuften Teil von dort in das Schloss Schönhausen. Während des Krieges wurden die Geschäfts- und Lagerhäuser weitgehend zerstört, jedoch gelang Knauer – anscheinend vollkommen unbehelligt – schon kurz nach 1945 der Neubeginn in Berlin.23
Christine-Fischer Defoy und Kaspar Nürnberg

1) Vgl. Uebel, Lothar: Von hier nach dort. Wohnungsumzüge in von nach Berlin ; hrsg. von Klaus E.H. Zapf Transporte GmbH, Berlin 2001, S. 59. 2) Vgl. hierzu: Ludwig, Andreas: Silberstein & Co. Internationales Speditions-Bureau, in: Berliner Geschichtswerkstatt e.V. (Hg.): Juden in Kreuzberg. Fundstücke, Fragmente, Erinnerungen, Berlin 1991, S. 233-238. 3) Vgl. Landesarchiv Berlin: LAB, A Rep. 342-02, Nr. 47229, Bl. 5. 4) Vgl. Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam: BLHA, Rep. 36A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (II), Nr. 5674, Bl. 72. 5) ebd., Bl. 88. 6) Vgl. Amtsgericht Charlottenburg, Handelsregister: HRA Nr. A 2211/A 96974. Im „Wöchentlichen Anzeigen für das Fürstenthum Ratzeburg“ in der Ausgabe Nr. 30 von 1881 hieß es übrigens anlässlich der Eröffnung des Unternehmens: „Berlin ist um eine weltstädtische Einrichtung reicher geworden, welche die Aufmerksamkeit besonders der Geschäftswelt und desjenigen Theiles des Publikums verdient, welcher größere, namentlich überseeischen Reisen unternimmt. In ihren Prachträumen hat die Speditionsfirma Brasch und Rothenstein ein ‚Centralbureau für den Weltverkehr‘ und ein damit verbundenes großes ‚Informationsbureau’ errichtet, welches allen Berlin auf der Durchreise besuchenden Fremden und den geschäftlich interessirten Berlinern zur unentgeltlichen Verfügung steht und ihnen für den internationalen und überseeischen Verkehr nach allen Richtungen hin Auskunft ertheilt.“ 7) Vgl. Landesarchiv Berlin: LAB, B Rep. 025-05, Nr. 2634/50.

Die Nachkommen von „Brasch & Rothenstein“ führten nach dem Krieg ein Verfahren gegen Harry W. Hamacher wegen der „Arisierung“ der Spedition. In einem Vergleich verzichteten sie 1951 auf die Rückgabe der Speditionsfilialen in Hamburg und Berlin, hielten ihren Anspruch auf die Firmengrundstücke Lüneburger Straße 22 in Tiergarten und Spenerstraße 23 in Moabit jedoch aufrecht. Am 11. Juli 1953 wurden sie wieder als deren Eigentümer ins Grundbuch eingetragen. 8) Landesarchiv Berlin: LAB 45/42 WGA 4111/50, Bl. 41. 9) ebd., Bl. 42. 10) ebd., Bl. 16. 11) ebd., Bl. 51. 12) ebd., Bl. 59. 13) ebd., Bl. 63. 14) Vgl. Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam: BLHA, Rep. 36A Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg (II), Nr. 32890. 15) Landesarchiv Berlin: LAB, B Rep. 025-08, Nr. 2107/50, Bl. 23. 16) Landesarchiv Berlin: LAB, B Rep. 025-06, Nr. 373/55, Bl. 77. 17) ebd., Bl. 75. 18) ebd., Bl. 29. 19) Landesarchiv Berlin: LAB, B Rep. 025-06, Nr. 3210/51, Bl. 47. 20) Vgl. hierzu den Brief der „Kopania & Co., Inh. Bruno Altrichter“ an Elisabeth Gottlieb, in: Landesarchiv Berlin: LAB, B Rep. 025-02, 2 WGA 520/50, Bl. 5: „Die bei uns eingelagerten Gegenstände sind sämtlich durch Bombenangriff vernichtet worden. […] Selbst wenn dies nicht der Fall gewesen wäre, wäre das Gut sowieso durch die Gestapo beschlagnahmt und verkauft worden, wie dies ja allgemein üblich war, so daß also die Ersatzpflicht sowieso nicht bei uns gelegen hätte.“ 21) Landesarchiv Berlin: LAB, B Rep. 025-05, WGA 2467/50. 22) Freilich lagerte die Spedition analog zu den oben erwähnten Beispielen der Konkurrenz auch Besitztümer jüdischer Emigranten ein, wovon Dutzende Entschädigungsakten von Betroffenen im Landesarchiv Berlin Zeugnis ablegen. 23) Diesen letzten Absatz hat Dr. Meike Hoffmann von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ an der Freien Universität Berlin beigesteuert, wofür wir ihr herzlich danken.

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RANDGRUPPEN DER ERINNERUNG
Eine Ausstellung zur Geschichte des Arbeitshauses Rummelsburg im Museum im Stadthaus Lichtenberg

Es sind bislang nur eine Handvoll Menschen, die um den 13. Juni, einem der beiden Jahrestage der „Aktion Arbeitsscheu Reich“, am historischen Ort des Arbeitshauses Rummelsburg an die Verfolgung der sogenannten Asozialen während der NS-Zeit erinnern. Seit etwa drei Jahren engagieren sich verschiedene ehrenamtliche Initiativen, darunter auch eine Arbeitsgruppe des Aktiven Museums, im Berliner Südosten für das Gedenken an die wohl letzte „vergessene“ Opfergruppe des Nationalsozialismus. Das ehemalige, zwischen Ostkreuz und dem Kraftwerk Klingenberg gelegene Arbeitshaus Rummelsburg war der zentrale Ort der Verfolgung von „Asozialen” in Berlin. Dessen letzte bauliche Überreste stellen heute, so die Initiativen, einen einzigartigen Ort für eine dauerhafte Erinnerung an die Verfolgung von gesellschaftlichen Randgruppen dar. Das Museum im Stadthaus Lichtenberg hat nun eine sehenswerte Ausstellung über die wenig bekannte Geschichte des Arbeitshauses Rummelsburg zusammengestellt, die bis zum 17. Juli 2011 zu sehen war. Rummelsburg zählt zu den historischen Orten in Deutschland und Berlin, an denen sich unterschiedliche Schichten deutscher Geschichte und staatlicher Repression, Willkür und Verfolgung überlagern. Unter dem Titel „Eingeliefert nach Rummelsburg“ wird ein weiter Bogen gespannt, der mit der Errichtung des Arbeitshauses im Kaiserreich beginnt. Der Bau des Arbeitshauses an der Rummelsburger Bucht war Ausdruck einer Herausdrängung dieser Einrichtung aus dem Stadtzentrum in eine Randlage. Das erste Berliner Arbeitshaus hatte sich auf dem Gelände der heutigen Charité befunden. Anschließend wurde es nach Kreuzberg und dann an den Alexanderplatz verlegt, bevor es nach Rummelsburg kam.

Der zweite Ausstellungsabschnitt befasst sich mit der Rolle von Rummelsburg als Ort der Verfolgung von Bettlern und sogenannten Landstreichern, Obdachlosen, Alkoholkranken oder Prostituierten während der NS-Zeit. Unter nationalsozialistischer Herrschaft verfolgte die Berliner Sozialbehörde das Ziel, Rummelsburg zur „Sammelanstalt” für „Asoziale” in Berlin und Brandenburg zu machen. 1937 wurden in Rummelsburg Sonderabteilungen für Homosexuelle, sogenannte „psychisch Abwegige” und Juden eingerichtet. Rummelsburg wurde mit einer Belegungsstärke von zeitweise bis zu 2.000 Insassen insbesondere zu einer Verwahranstalt für ältere „Asoziale“, die während des Zweiten Weltkrieges in der Einrichtung und außerhalb in zahlreichen „Stadtkommandos” Zwangsarbeit leisten mussten. Der dritte Ausstellungsteil beleuchtet die Geschichte der Umfunktionierung von Rummelsburg zum Ostberliner Gefängnis in der DDR-Zeit. Rummelsburg war nicht nur eine Durchgangsstation und Haftort von politisch Oppositionellen, sondern auch für wegen „Asozialität“ Verurteilten. Die DDR war der einzige deutsche Staat, der den Begriff „asozial“ expressis verbis in den Strafrechtskatalog aufnahm. Der Umgang mit sogenannten Asozialen nach 1945 in Ost- und Westdeutschland zählt zu den Themen, die in der Ausstellung nur angerissen werden bzw. werden können. Der chronologische Überblick der Ausstellung verdeutlicht eindringlich, dass der Umgang mit Menschen, die als Randgruppen und soziale Außenseiter gelten, ein bedeutender Gradmesser für die Humanität von Gesellschaft und Staat ist, gerade in Zeiten von Umbrüchen und Krisen. In der von der Designerin Helga Lieser gestalteten Ausstellung sind eine Reihe von beeindruckenden Exponaten zu sehen: Dazu zählen bislang unbekannte Fotos aus einer Serie mit Aufnahmen von Insassen aus dem Inneren des Arbeitshauses aus den 1920er Jahren. Erstmals wird auch ein „Meldebogen für Gemeinschaftsfremde” und weitere Schriftstücke über eine „Musterbegutachtung“ gezeigt, die leitende Mitarbeiter

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Blick in einen Schlafsaal für Männer des Städtischen Arbeitshauses Rummelsburg in Berlin-Lichtenberg, um 1925

der „Organisation T 4” Anfang 1942 in Rummelsburg durchführten. Nach Aktenlage wählten sie einstimmig über 300 Insassen zur Ermordung aus. Die Pläne wurden nicht umgesetzt, weil die Gutachter beim Massenmord an den Juden in Osteuropa eingesetzt wurden. Dennoch steht Rummelsburg offenbar für den Versuch, das NS-Euthanasie-Programm nach den Behinderten- und Krankenmorden auch auf „Gemeinschaftsfremde” auszuweiten. Eine von dem Journalisten Wolfgang Rüddenklau, Mitbegründer der Umweltbibliothek, gestaltete dreidimensionale Computersimulation ermöglicht einen virtuellen Rundgang über das Gelände im Zustand als DDR-Haftanstalt. Sie wird ergänzt durch eine Medienstation mit Zeitzeugen-Interviews von zur DDR-Zeit in Rummelsburg Inhaftierten.

Es fällt auf, dass Rummelsburg von der Forschung über die Geschichte der DDR bislang noch nicht „entdeckt” wurde. Die Geschichte des Arbeitshauses Rummelsburg findet aber Eingang in die Armuts- und NS-Forschung. Erst kürzlich hob etwa der Historiker Nikolaus Wachsmann hervor, dass von der Forschung über Arbeitshäuser auch wichtige Erkenntnisse für die Gesamtgeschichte des Systems der nationalsozialistischen Haftorte zu erwarten sind. In der vielfältigen Erinnerungskultur in Berlin ist Rummelsburg hingegen noch nicht repräsentiert. Im Gegenteil: Erhaltene Haftgebäude und ein großer Teil des Freigeländes wurden bereits mit Eigentums- und Mietwohnungen um- bzw. überbaut. Umstritten ist die Nutzung der letzten noch erhaltenen authentischen Orte, nämlich der ehemaligen Verwaltungsgebäude

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an der Lichtenberger Hauptstrasse. Sie böten Raum für einen Gedenk-, Lern- und Forschungsort, wie ihn die Initiativen fordern. So bleibt zu hoffen, dass diese Ausstellung des Museums Lichtenberg dazu beiträgt, die Geschichte des Arbeitshauses Rummelsburg weiter bekannt zu machen.
Thomas Irmer Thomas Irmer ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide.

WIE DIE GEDENKTAFEL FÜR CHARLOTTENBURGER GEGNER DES NATIONALSOZIALISMUS ENTSTAND

Am 8. April 2011 wurde am Haus der Jugend in der Zillestraße (früher Wallstraße) 54 in Charlottenburg eine Gedenktafel für Charlottenburger Gegner des Nationalsozialismus enthüllt. Die Idee dazu gab mir der Roman „Unsere Straße“ von Jan Petersen. Seit seinem Erscheinen im Jahr 1936 wird er dafür gerühmt, dass er als einziger Bericht vor Ort im nationalsozialistischen Deutschland entstanden ist und daher aus dem unmittelbaren Erleben heraus einen Einblick in die alltägliche Herrschaft des Nationalsozialismus sowie in den dagegen gerichteten Widerstand gab. Das Buch wurde seit 1936 in Hunderttausenden von Exemplaren und in mehreren Sprachen auf der ganzen Welt verbreitet und von noch viel mehr Menschen gelesen. Sein Autor ist dadurch berühmt geworden. Auch Richard Hüttig ist vielen bekannt als entschiedener Kämpfer gegen den Nationalsozialismus und als derjenige, der deswegen im Juni 1934 als erster von mehr als tausend weiteren Gegnern in Plötzensee hingerichtet wurde. Sein Bild in der Ehrengalerie des Rathauses Charlottenburg, die Gedenktafel am Haus Seelingstraße 21 und der Hüttigpfad erinnern an ihn. Neben ihm steht noch Otto Grüneberg im Zentrum des Gedenkens: Er wurde am 1. Februar 1931 als erstes Opfer des SA-Sturms 33 auf offener Straße ermordet, woran eine Gedenktafel am Haus Schloßstraße 22 und der gegenüberliegende Otto-Grüneberg-Weg erinnern. Aber Richard Hüttig und Otto Grüneberg standen nicht allein. Vielmehr nahm an den beiden Ereignissen, die eine zentrale Rolle im Roman spielen und durch die die Wallstraße reichsweit bekannt wurde, eine Vielzahl von Menschen teil: In der Nacht des 30. Januar 1933 stellten sich an die 300 Bewohner von Wallstraße und Umgebung dem SA-Sturm 33 entgegen, und an dem Vorfall am 17. Februar waren zwei Dutzend Personen beteiligt.

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Über 70 Beteiligte, Männer und Frauen aus der Wallstraße und Umgebung, – alles Menschen aus dem Alltag, überwiegend jüngere Arbeiter –, wurden durch Gerichte zu Gefängnis, Zuchthaus und zum Tode verurteilt, einige vom SA-Sturm 33 ermordet. Sie waren bisher der Öffentlichkeit unbekannt, obwohl auch sie ihre Gesundheit, ihre Freiheit oder ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben im Kampf gegen den Nationalsozialismus. Daher verdienen auch sie es, dass wir uns ihrer erinnern; sie sind ein wesentlicher Teil der vergessenen Geschichte dieser Straße und dieses Viertels. Anhand der Gerichtsakten („Maikowski-Prozeß“ zum 30. Januar und „Ahé-Prozeß“ zum 17. Februar 1933) und der „Totenliste von Charlottenburg“ in Jan Petersens Buch konnten ihre Namen in Erfahrung gebracht werden. Da der Mittelpunkt ihrer Aktivitäten die Wallstraße war, bot sich diese Straße als Ort des Gedenkens an, und zwar an der Stelle, an der die Nationalsozialisten im August 1933 eine Plakette für ihren Sturmführer anbrachten. Dies waren die Gründe, die mich veranlassten, mich für diese Gedenktafel einzusetzen. Da sie an einem öffentlichen Gebäude, dem Haus der Jugend, angebracht werden sollte, führte der Weg notwendigerweise über die bezirkliche Gedenktafelkommission. Darüber hinaus war eine Vielzahl von Menschen an ihrem Zustandekommen beteiligt, ohne die es diese Tafel nicht geben würde: Historiker, Mitarbeiter von einschlägigen Organisationen, Freunde und Bekannte, Beschäftigte des Bezirksamtes auf allen Ebenen und ohne viel Bürokratie. Es war eine äußerst befriedigende Erfahrung, dass so viele mir bis dahin meist unbekannte Menschen gerne bereit waren, dieses Anliegen zu unterstützen. Sehr hilfreich war auch, dass in fünf Zeitungen schon im voraus über die Gedenktafel berichtet wurde, woraufhin vier Leser bei mir anriefen, deren nahe Verwandten – Vater, Bruder beziehungsweise Onkel – auf ihr genannt werden bzw. deren Familie damals dort gewohnt hat. Mehrere von ihnen sprachen dann bei der Enthüllung und machten auf diese Weise deutlich, dass dieses Gedenken nicht nur aus vergangenen Namen und Fakten besteht, sondern lebendige Bezüge bis in die Gegenwart hat.

Die Entstehung dieser Gedenktafel war begleitet von Aktivitäten mit Außenwirkung: Es begann mit einer Veranstaltung mit Oberstufenschülern der SchillerOberschule im Haus der Jugend, in deren Mittelpunkt die Zeitzeugin Elfriede Brüning stand, die 1933 Mitglied im von Jan Petersen geleiteten „Bund proletarischrevolutionärer Schriftsteller“ war. Gleichzeitig stellte eine Lehrerin der Oppenheim-Schule (beide Schulen befinden sich in der Nachbarschaft – leider kam mit weiteren Schulen letztlich keine Zusammenarbeit zustande) mit ihrer 10. Klasse vier Plakate und eine Wandzeitung her, mit denen die Besucher des Hauses der Jugend auf die Gedenktafel vorbereitet wurden. Desweiteren informierte ich die Bewohner von Zillestraße und Umgebung durch ein Flugblatt und über den Klausenerplatz-Blog (www.blog.klausenerplatz-kiez.de) über die Gedenktafel und lud sie zur Enthüllung ein. Schon einen Tag nach der Einweihung, an der über 100 Menschen teilnahmen, war die neue Tafel der Ausgangpunkt eines der vielbesuchten Kiezspaziergänge der Bürgermeisterin, wodurch sich die Gelegenheit ergab, den Teilnehmern die neue Gedenktafel zu erläutern (ebenso wie das Vorhaben, ganz in der Nähe – in der heutigen Loschmidtstraße – durch eine weitere Gedenktafel an das im Krieg zerstörte Volkshaus der SPD und das dort installierte „wilde“ KZ des SA-Sturms 33 zu erinnern).
Michael Roeder Dr. Michael Roeder war vor seinem Ruhestand Lehrer für Geschichte und Englisch an einemWilmersdorfer Gymnasium.

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GERHARD SCHOENBERNER ZUM 80. GEBURTSTAG

Arbeit.“ In dem ihm eigenen charmanten understatement sind so zwar die zentralen Themen seines Lebenswerkes umrissen. Gibt man seinen Namen hingegen bei Google ein, stößt man dort auf Tausende von Hinweisen auf seine facettenreiche Tätigkeit als Autor, Publizist und Herausgeber, nicht nur des legendären „Gelben Sterns“ und des gemeinsam mit Mira Schoenberner herausgegebenen Buches „Zeugen sagen aus. Berichte und Dokumente über die Judenverfolgung im Dritten Reich“ (1962), sondern z.B. auch für die Zeitschrift „Unser Standpunkt“ des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, für die er häufig die Leitartikel verfasste. Neben weiteren zahlreichen Publikationen, so etwa zum Ghetto Lodz, zur Verfolgung, Widerstand und Exil von Künstlern oder zum Thema Rechtsextremismus war Gerhard Schoenberner in zahlreichen Funktionen aktiv. So leitete er von 1973 bis 1978 das „Deutsche Kulturzentrum“ in Tel Aviv. In Berlin wurde er Co-Vorsitzender der „Freunde der deutschen Kinemathek in Berlin“, was dazu führte, dass die ersten Vorstandssitzungen des Aktiven Museums, dessen Gründungsvorsitzender Gerhard Schoenberner 1983 wurde, im Obergeschoss des Kinos „Arsenal“ stattfanden. Als Gründungsdirektor und spiritus rector der 1992 eröffneten Gedenkstätte „Haus der Wannsee-Konferenz“ erfüllte Schoenberner das Erbe von Joseph Wulf, der sich seit Mitte der 1960er Jahre vergeblich um eine Gedenkstätte am Wannsee bemüht hatte. Viele Jahre war Schoenberner als Mitglied der Fachkommission und später des Arbeitsausschusses wissenschaftlicher Berater der „Topographie des Terrors“, daneben Kurator großer filmhistorischer Retrospektiven und Gast zahlreicher ausländischer Universitäten. Aber wer weiß schon, dass Gerhard Schoenberner nicht nur Gedichte aus dem Hebräischen übersetzt hat („Wo Stachelrosen wachsen“ von David Rokeah), sondern dass fast rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag nun auch ein eigener Gedichtband unter dem Titel „Fazit“ erscheinen wird? Lieber Gerhard, wir hoffen, dass Du uns auch in den vielen kommenden Jahren noch mit weiteren Facetten Deines Könnens überraschen wirst!
Christine Fischer-Defoy

Gerhard Schoenberner (r.) mit Wolfgang Szepansky auf dem Gestapo-Gelände, um 1985

Gefragt, welche Würdigung er sich persönlich zu seinem 80. Geburtstag wünschen würde, schrieb Gerhard Schoenberner einen kurzen Text, der hier eingangs zitiert sei: „Begonnen vor einem halben Jahrhundert mit dem Buch „Der gelbe Stern“ – damals noch ein Tabubruch – bis zur jahrzehntelangen Begleitung des Projektes Topographie des Terrors sowie der Gründung der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz hat Gerhard Schoenberner mit Büchern, Ausstellungen und Filmen praktisch sein ganzes Leben der von Theodor W. Adorno eingeforderten ‚Aufarbeitung der Vergangenheit’ gewidmet. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag. Herzliche Glückwünsche, lieber Gerhard Schoenberner, für Dich und Deine Arbeits- und Lebensgefährtin und unseren Dank für Eure unermüdliche

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PUBLIKATIONEN DES AKTIVEN MUSEUMS
zu beziehen über die Geschäftsstelle

Gute Geschäfte. Kunsthandel in Berlin 1933-1945 Berlin 2011 20,00 Euro Verraten und verkauft. Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945 3. Auflage, Berlin 2010 5,00 Euro Final Sale. The End of Jewish Owned Businesses in Nazi Berlin Berlin 2010 5,00 Euro Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin – Marseille – New York 2. verbesserte Auflage, Berlin 2008 20,00 Euro Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933–1945 Berlin 2006 5,00 Euro HAYMATLOZ. Exil in der Türkei 1933–1945 CD-ROM Berlin 2004 10,00 Euro Gedenktafeln in Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus 1991–2001 Christiane Hoss / Martin Schönfeld, Berlin 2002 5,00 Euro Gedenktafeln in West-Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus Martin Schönfeld, Berlin 1993 unentgeltlich gegen Portoerstattung

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Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. Stauffenbergstraße 13-14 10785 Berlin Tel. +49(0)30-263 9890 39 Fax +49(0)30-263 9890 60 info@aktives-museum.de www.aktives-museum.de Vorstand Dr. Christine Fischer-Defoy Vorsitzende Sabine Hillebrecht stellvertr. Vorsitzende Christine Kühnl-Sager stellvertr. Vorsitzende Robert Bauer Ursula Büchau Marion Goers Dr. Matthias Haß Angelika Meyer Monica Puginier

Neue Mitglieder sind willkommen!

Jahresbeitrag Einzelmitglied: 55,00 Euro, ermäßigt 27,50 Euro Jahresbeitrag Vereinigungen: 165,00 Euro, ermäßigt 82,50 Euro

Spendenkonto Berliner Sparkasse BLZ 10050000 Konto Nr. 610012282 IBAN: DE87 1005 0000 0610 0122 82 BIC: BELADEBEXXX

Geschäftsführer Kaspar Nürnberg

Bildrechtenachweis Titel Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum Foto: Anna Fischer S. 3 Christine Kühnl-Sager, Berlin S. 4 Christine Kühnl-Sager, Berlin; Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum, Foto: Anna Fischer S. 5 Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum Foto: Anna Fischer

Redaktion Kaspar Nürnberg Konzept und Gestaltung Lehmann & Werder Museumsmedien in Kooperation mit à la prima, Grafik Design Druck MK Druck

S. 6 Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum Foto: Anna Fischer S. 8 aus: Berliner Geschichtswerkstatt e.V. (Hg.): Juden in Kreuzberg. Fundstücke, Fragmente, Erinnerungen, Berlin 1991, S. 235 S. 11 Landesarchiv Berlin S. 14 akg-images, Berlin S. 17 Kiez-Web-Team Klausenerplatz, Berlin S. 18 Riki Kalbe, Berlin

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