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Periodical volume

Full text: Mitgliederrundbrief Issue 63.2010 Juli

AKTIVE SMUSEUM
Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.

FASHION WEEK AUF DEM BEBELPLATZ und (k)ein Ende in Sicht...?!

M I TG L I E D E R R U N D B R I E F 6 3 · J U L I 2 010

INHALT

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Editorial
Christine Fischer-Defoy

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Von der Bürgerinitiative zur Institution. Das Aktive Museum und die Stiftung Topographie des Terrors
Christine Fischer-Defoy

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„Mercedes Benz Fashion Week“ auf dem Bebelplatz – und (k)ein Ende in Sicht...?!
Christine Kühnl-Sager

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„Vor die Tür gesetzt“. Die 32 Stühle der Ausstellung haben nun in vielen Bezirken eine Heimstatt gefunden
Kaspar Nürnberg

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Standorte der Stadtverordneten-Stühle Zur Geschichte der Berliner Rundfunkanstalt zwischen 1933 und 1945. Eine Projektskizze
Christine Fischer-Defoy

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Was der Fall Hans Beimler uns über Helden lehrt
Rahul Kulka

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Historische Information auf Schwanenwerder. Gemeinsamer Antrag der Fraktionen von SPD und Die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus Publikationen des Aktiven Museums Impressum

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MITGLIEDERRUNDBRIEF NR. 63 · Juli 2010

Liebe Mitglieder, liebe Freundinnen und Freunde, Fast auf den Tag genau 25 Jahre nach unserer ersten Grabungsaktion auf dem Gestapogelände am 5. Mai 1985 wurde das Dokumentationszentrum der Topographie des Terrors im Frühjahr eröffnet. Aus diesem Anlass überreichte der Verein dem Geschäftsführenden Direktor der Stiftung, Andreas Nachama, eine der damals genutzten Schaufeln. Wir werfen in diesem Rundbrief aus gegebenem Anlass noch einmal einen Blick zurück auf die leidvolle Vorgeschichte dieses nun im dritten Anlauf so wunderbar gelungenen Gebäudes.

Tag hatte sich die Situation etwas entspannt, die Bodyguards hatten Anweisung freundlich zu sein, und durch das Plexiglasdach im Zelt leuchtete der blaue Himmel auf die Glasplatte im Boden. Besonders interessiert an den Flugblättern waren die Berlin-Touristen, die mit dem Stadtplan in der Hand verzweifelt nach dem Denkmal suchten und sich über unsere Hinweise freuten, wie man durch einen Seiteneingang in das Zelt kam. Christine Kühnl-Sager berichtet in diesem Heft über einen Konflikt mit Fortsetzungen, denn bereits jetzt haben die Veranstalter eine weitere Fashion Week im Januar 2011 auf dem Bebelplatz angekündigt. Zu berichten gibt es über mehrere Ausstellungsprojekte des Vereins: Kaspar Nürnberg erzählt von seiner erfolgreiche Initiative, für die 32 Stühle unserer Ausstellung „Vor die Tür gesetzt“ über die Verfolgten Berliner Stadtverordneten und Magistratsmitglieder eine dauerhafte Bleibe zu finden. Zwei unserer Projekte sind weiterhin auf Wanderschaft: „Varian Fry“ ist derzeit in Rostock zu sehen, „Haymatloz – Exil in der Türkei“ in Dortmund. Die Eröffnung der Ausstellung über „Berliner Kunsthändler 1933-1945“, die seit einiger Zeit von einer großen Arbeitsgruppe vorbereitet wird, ist wegen Verzögerungen bei den Umbauarbeiten in der „Villa Oppenheim“ auf April 2011 verschoben worden. Ende Mai trafen sich die Mitglieder der Ausstellungs-AG zu einer ganztägigen Beratung der Ausstellungstexte und zur Diskussion mit den beiden Gestalterinnen Bettina Kubanek und Petra Müller. Inzwischen ist für diese Ausstellung eine zweite Station in Sicht: Im Sommer 2011 wird sie in Kooperation mit dem „Verein Berliner Künstler“ in dessen Galerie im damaligen Zentrum des Berliner Kunsthandels am Schöneberger Ufer noch einmal gezeigt. Außerdem dokumentieren wir die Projektskizze zu unserem nächsten Ausstellungsprojekt, das im Rahmen der stadtweiten Erinnerungsveranstaltungen anlässlich des 80. Jahrestages der Machtübergabe von 1933 und des 75. Jahrestages von 1938 im Jahr 2013 realisiert werden soll. Es geht dabei um die Geschichte des Rundfunks in Berlin

Prof. Dr. Andreas Nachama (mit Spaten) und Kulturstaatssekretär André Schmitz bei einer internen Vorbesichtigung für die Stiftungsgremien am 5. Mai 2010, dem Vorabend der Eröffnung des neuen Gebäudes der Topographie des Terrors

„Summer in the City“ – bei Temperaturen über 30 Grad demonstrierten die Unterstützerinnen und Unterstützer eines von der Initiative Bebelplatz initiierten Aufrufes, zu denen neben der VVN, dem Berufsverband Bildender Künstler und dem Förderverein des Holocaust-Denkmales auch das Aktive Museum gehörte, Anfang Juli gegen den erneuten Missbrauch des Bebelplatzes durch die „Mercedes Benz Fashion Week“. Trotz mehrfacher Gespräche der Initiative mit den Veranstaltern und anderslautender Beteuerungen war es am Eröffnungsabend nahezu unmöglich, zum Denkmal von Micha Ullman vorzudringen. Am nächsten

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Aus London erhielten wir einen Leserbrief von Peter Zander zu dem Artikel über die Insel Schwanenwerder im Nationalsozialismus. Er schreibt: „Ich verbrachte meine Kindheitswochenenden im Verein Seglerhaus am Wannsee und auf der Havel. Ich habe erfahren, dass die Siedlung Wannsee großenteils von jüdischen Bürgern erschlossen wurde, hatte aber keine Ahnung von dem Stil, in dem das auf Schwanenwerder stattfand. Oder dass dann die Schurken Goebbels und Speer und solche sie übernahmen... Eine unglaubliche, grausame Geschichte. Von Kreativität und Zerstörung!“ Im Juni kam Peter Zander nach Berlin und unser Vorstand unternahm mit ihm einen gemeinsamen Inselrundgang. Begleitet wurden wir von Norbert Kampe, dem derzeitigen Verantwortlichen für den Runden Tisch der Berliner NS-Gedenkstätten. Mit ihm und mit Andreas Nachama hatten wir uns auf Bitte der Fraktion der „Linken“ für eine historische Kommentierung der Inselstraße engagiert. Mittlerweile ist daraus ein gemeinsamer Antrag von SPD und Linkspartei geworden, den wir hier dokumentieren.
Mitglieder der Arbeitsgruppe „Kunsthändler in Berlin 1933-1945“ während einer Arbeitssitzung am 29. Mai 2010

zwischen 1933 und 1945, die Präsentation ist in Kooperation mit dem RBB im Haus des Rundfunks geplant. Vom Haus des Rundfunks ist es nicht weit zum Olympiastadion in Westend. Dort nahmen rund vierzig Interessierte auf Einladung des Aktiven Museums am 19. Mai unter der fachkundigen Leitung von Stefanie Endlich und Beate Rossié an einer Führung zur NS-Geschichte des Stadiongeländes teil. Beide hatten seinerzeit im zeitlichen Zusammenhang mit der auch in Berlin stattfindenden Fußballweltmeisterschaft den Auftrag zu einer historischen Kommentierung der Architektur und der künstlerischen Ausstattung durch Monumentalplastiken erhalten (siehe dazu den Text von Stefanie Endlich im Rundbrief Nr. 53, S. 13-20). Auch Rahul Kulka kommt zu Wort. Der Abiturient hat im vergangenen Jahr mit einer Arbeit über Hans Beimler sehr erfolgreich am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teilgenommen und dazu auch im Archiv des Aktiven Museums recherchiert.

Kurz vor Redaktionsschluss erreicht uns die traurige Nachricht, dass unser langjähriges Vereinsmitglied Tom Angress am 5. Juli in Berlin gestorben ist. Werner T. Angress, 1920 in Berlin geboren und mit siebzehn Jahren nach Holland geflohen, emigrierte 1939 von Amsterdam weiter in die USA. Als amerikanischer Staatsbürger in Uniform kehrte er am D-Day 1944 nach Europa zurück. Er geriet vorübergehend in deutsche Kriegsgefangenschaft und war dann an der Befreiung des KZ-Außenlagers Wöbbelin durch die US Army beteiligt. Später studierte er in den USA europäische und deutsche Geschichte und war von 1963 bis zu seiner Emeritierung 1988 Professor für deutsche und europäische Geschichte an der State University of New York. Als einer von vergleichsweise sehr wenigen Emigranten entschloss er sich danach zur Rückkehr nach Berlin. In unserer Ausstellung „1945 – Jetzt wohin?“ haben wir 1995 seine Lebensgeschichte dokumentiert. Allen Mitgliedern und Freunden des Aktiven Museums wünschen wir einen schönen Sommer.
Dr. Christine Fischer-Defoy

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VON DER BÜRGERINITIATIVE ZUR INSTITUTION
Das Aktive Museum und die Stiftung Topographie des Terrors

Die Geschichte der Stiftung Topographie des Terrors ist ohne das bürgerschaftliche Engagement der 1980er Jahre nicht denkbar. Erinnern wir uns: Das damals noch so genannte „Prinz-Albrecht-Palais-Gelände“ war eine unmittelbar an die Mauer angrenzende Brache mit Bergen aus Trümmerschutt und einem wildwuchernden Robinienwäldchen mit Betonpisten, die zum „Fahren ohne Führerschein“ einluden. Es war die Internationale Liga für Menschenrechte, die den ersten Schritt dazu unternahm, den historischen Ort mit einer großen Tafel zu markieren die auf die Geschichte des Ortes verwies. In einem Brief forderte die Liga 1980 den damaligen Berliner Innensenator Peter Ulrich (SPD) auf, das Gelände zu einer Gedenkstätte umzuwidmen, die an die dort einst residierende Machtzentrale des Reichssicherheitshauptamts erinnern solle. Im Februar 1982 stellte die SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus einen Antrag zur Errichtung eines Mahnmals und einer Dokumentationsstätte auf dem Gelände. Als sich Mitte des Jahres 1982 zahlreiche Vertreter von Institutionen und Verbänden unter dem Dach des Berliner Kulturrates zusammenschlossen, um aus Anlass des 50. Jahrestages der Machtübergabe an die Nationalsozialisten 1983 ein gemeinsames Veranstaltungsprogramm auf die Beine zu stellen – der Berliner Senat hatte die Förderung abgelehnt –, überschnitten sich diese Aktivitäten zeitlich mit den ersten Planungen für einen Wettbewerb zur Gestaltung des „Prinz-AlbrechtPalais-Geländes“. So lag es für die Organisatoren des Veranstaltungsprogramms „1933 – Zerstörung der Demokratie, Machtübergabe und Widerstand“ nahe, im Juni 1983 einen Verein zu gründen mit dem Ziel, auf diesen Wettbewerb Einfluss zu nehmen. Sie forderten auf dem nun ihrerseits „Gestapo-Gelände“ benannten Terrain eine Institution, die über die historische Doku-

mentation hinaus eine aktive Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte ermöglichen sollte. „Wir nennen sie Aktives Museum, weil sie mehr sein soll als ein Pavillon mit einigen historischen Fotos und Dokumenten. Es sollte ein Zentrum der Information, ein Platz der politischen Bildungsarbeit, eine Geschichtswerkstatt und Begegnungsstätte in einem sein“, schrieb Gerhard Schoenberner, der Vorsitzende des Vereins , dazu 1984 in der ersten Broschüre zur Konzeption des Aktiven Museums. „Forschendes Lernen“ sollte dazu beitragen, „die Auseinandersetzung mit einem Herrschaftssystem, das weitgehend durch Entmündigung Einzelner und gesellschaftlicher Gruppen funktionierte, zu führen, indem möglichst viele Menschen befähigt werden, mündig mit ihrer Geschichte und damit auch ihrer Gegenwart und Zukunft umzugehen.“ Ein solches Aktives Museum sollte daher Werkstattcharakter haben und basisdemokratisch verwaltet werden. Die Ausschreibung für den ersten Wettbewerb sah neben der Erinnerung an den historischen Ort nun auch einen Freizeitpark für die Kreuzberger vor, wobei unklar blieb, welcher Aufgabe man von Seiten des Senates Vorrang einräumte Aus Anlass des Rückfragencolloquiums zeigte der Verein Aktives Museum 1983 deshalb seine erste Ausstellung unter dem Titel „Es darf kein Gras darüber wachsen“ im Martin-Gropius-Bau. Der Verein begleitete das Wettbewerbsverfahren und informierte die Öffentlichkeit über den jeweiligen Planungsstand mit Podiumsdiskussionen und einer weiteren Ausstellung „Was geschah /geschieht hier? Zur Nutzung des Prinz-Albrecht-PalaisGeländes“ 1984 in der Akademie der Künste. Obwohl es dem Verein nicht gelang, seine Überlegungen noch in die Wettbewerbsausschreibung einzufügen, sahen mehr als zwei Drittel der 194 Teilnehmer dieses ersten Gestaltungswettbewerbes 1984 in ihren Entwürfen ein Aktives Museum auf dem Gelände vor, so auch die Preisträger Nikolaus Lang und Jürgen Wentzel. Sie hatten mit dem Vorschlag der Versiegelung des gesamten Geländes mit Eisenplatten, auf denen Dokumente zur Geschichte des Ortes zu lesen waren, die Losung mit dem Gras jedoch zu wörtlich genommen. Im Dezember 1984 teilte ihnen der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) mit, dass ihr Entwurf nicht realisiert werde.

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Die Aktion „Nachgraben“ auf dem Gestapo-Gelände am 5. Mai 1985.

Alles auf Anfang, hieß es nun erstmals in der langen und von vielen weiteren Rückschlägen begleiteten Geschichte des Ortes. In einem Offenen Brief forderte Gerhard Schoenberner den Berliner Senat auf, sich trotz des gescheiterten Wettbewerbes weiter um die Umgestaltung des Geländes zu kümmern. 1985 gründete sich die „Initiative zum Umgang mit dem Gestapo-Gelände“, die sich mit oder neben dem Verein Aktives Museum öffentlich für einen „Denkort“ auf dem Gelände engagierte. Als der Berliner Senat im Januar 1985 die von der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus beantragten Grabungen nach Gebäuderesten auf dem Grundstück ablehnte, veranstaltete der Verein Aktives Museum am „Tag von Bitburg“, dem 5. Mai 1985, eine symbolische Grabungsaktion, die von einem großen Medienecho begleitet wurde. Verbunden war das mit der Forderung nach Fortsetzung der Planungen für einen Denkort auf dem Gelände. Für ein Aktives Museum wurden alternative Standorte wie das Deutschlandhaus oder

der Neubau an der Ecke Kochstraße/Wilhelmstraße ins Gespräch gebracht. Doch es tat sich nichts. Mit den Vorbereitungen zur 750-Jahrfeier Berlins geriet der festgefahrene Karren wieder in Bewegung: nun lag es auch im Interesse des (West-)Berliner Senats, den „Schandfleck“ einer Stadtbrache unmittelbar hinter dem denkmalgerecht restaurierten Martin-Gropius-Bau zu beseitigen. Die Berliner Festspiele nahmen den Bürgerinitiativen das Heft aus der Hand. Sie beauftragten Reinhard Rürup mit einer ersten Dokumentation zur NS-Geschichte des Ortes im Rahmen der Ausstellung zum Stadtjubiläum und 1987 wurde der Ausstellungspavillon über den ausgegrabenen Kellerresten eröffnet. Das Provisorium einer temporären ersten Ausstellung zu den Machtzentralen des NS-Terrors wurde von der Öffentlichkeit mit großem Erfolg angenommen – und rasch zur Dauerlösung. Doch der Pavillon konnte nicht alle Funktionen erfüllen, die seitens der

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Bürgerinitiative eingefordert worden waren. Zwar arbeitete Gerhard Schoenberner als Vorsitzender des Vereins in der von Kultursenator Volker Hassemer eingesetzten Fachkommission für ein dauerhaftes Konzept mit, doch im Senat selbst schien man sich längst mit dem dauerhaften Provisorium des Pavillons eingerichtet zu haben. Der Mauerfall 1989 rückte das noch immer brachliegende Gelände vom östlichen West-Berliner Stadtrand plötzlich in die gesamtberliner Mitte und weckte neue Begehrlichkeiten, hier nun statt einem Denkort repräsentative Ministeriums-Neubauten zu errichten. Dem kam Kultursenator Ulrich Roloff-Momin 1992 mit der Gründung der Stiftung Topographie des Terrors zuvor, der das Terrain übergeben wurde. Für den Verein Aktives Museum stellte sich damit die nächtelang debattierte Frage, ob wir uns in den Gremien dieser Stiftung engagieren, den weiteren Prozess von außen begleiten, oder ob das Aktive Museum nun seine Aufgabe als Bürgerinitiative für diesen Ort als erledigt ansehen und sich anderen Themen zuwenden sollte. Beschlossen wurde schließlich, das eine zu tun ohne das andere zu lassen, also eigenständige Ausstellungsprojekte zu realisieren – aber auch innerhalb der Gremien das weitere Verfahren kritisch zu begleiten. So arbeiten Vertreter des Vereins noch heute im Arbeitsausschuss und im Internationalen Beirat der Stiftung mit. Daneben hat sich das Aktive Museum inzwischen – nach wichtigen Jahren des verstärkten Engagements für das stadträumliche Gedenken als „Gedenktafel-Guerilla“ – mit großen Ausstellungsprojekten vorwiegend zum Thema NSVerfolgung und Exil in Berlin fest etabliert. Genannt seien hier unter anderem die jüngsten Ausstellungen „Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933-1945“ (2006), die im Roten Rathaus und im Berliner Abgeordnetenhaus zu sehen war, „Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin – Marseille – New York“ (2007) in der Akademie der Künste am Pariser Platz und „Verraten und Verkauft. Jüdische Gewerbeunternehmen in Berlin 1933-1945“ (2008) in Kooperation mit der Humboldt-Universität.

Zum kritischen Einmischen bot das Ergebnis des zweiten Wettbewerbes für das „Gestapo-Gelände“ von 1993 und die Preisvergabe an Peter Zumthor reichlich und leidvoll Gelegenheit. Immer wieder kam es zu Bauverzögerungen, zu neuen Finanzforderungen, ganz zu schweigen von der Indolenz des Architekten gegenüber Wünschen der künftigen Nutzer. Bald wurde klar, dass die Berliner Bauverwaltung um jeden Preis an einem architektonischen „Glanzstück“ festhalten wollte, dessen Machbarkeit jedoch nicht geprüft worden war und dessen Realisierung in immer weitere Ferne rückte. Schließlich organisierte der Verein am 7. und 8. Mai 2004 – also mehr als zehn Jahre nach dem zweiten Wettbewerb – eine 24-stündige Besetzung des Geländes, um der Forderung „Stoppt den Baustopp“ öffentlichen Nachdruck zu verleihen. Diese wiederum von großem Medienecho begleitete Aktion, bei der wir mit Unterstützung der Stiftung Topographie des Terrors nachts Diskussionen und Filmvorführungen veranstalteten und Hunderte Unterschriften sammelten, führte letztendlich zum Erfolg: der halb fertige Zumthor-Bau wurde wieder abgerissen, das weitere Verfahren der Bundesbaudirektion überantwortet und ein dritter Wettbewerb ausgeschrieben. Wenn nun, 27 Jahre nach Gründung des Vereins Aktives Museum und 23 Jahre nach Eröffnung des ersten provisorischen Ausstellungspavillons, im Mai 2010 der Neubau der Stiftung mit mehreren Ausstellungen im Gebäude und auf dem Gelände eröffnet wird, findet ein langer Kampf ein glückliches Ende. Wir sind froh, dass im dritten Anlauf eine architektonische Lösung gefunden und realisiert wurde, die weitgehend unseren damaligen Vorstellungen entspricht. Ob und wieweit sich dann in der alltäglichen Arbeit mit Besuchern und Nutzern auch noch etwas von den Ideen realisieren lässt, die wir seinerzeit erträumten, wird sich zeigen. Wir sind gespannt!
Dr. Christine Fischer-Defoy Dieser Text ist die überarbeitete Version eines Beitrages, der im Museumsjournal Nr. II/2010 erschienen ist.

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„MERCEDES BENZ FASHION WEEK“ AUF DEM BEBELPLATZ – UND (K)EIN ENDE IN SICHT...?!

waren, deren Bücher am 10. Mai 1933 auf diesem Platz verbrannt worden waren. Auch viele Prominente unterstützten den Appell, diesen historischen Ort von kommerziellen Veranstaltungen frei zu halten. Micha Ullman, der das Denkmal schuf, forderte erneut: „Lasst diesen Ort in Ruhe!“ Die Bereitschaft der Veranstalter und der politischen Verantwortlichen, den Bebelplatz und das Denkmal als Einheit zu betrachten und ihn zukünftig als würdigen Gedenkort von Show- und Vergnügungslärm frei zu halten, schien Anfang des Jahres groß zu sein. Zumal die Veranstalter signalisiert hatten, auch einen anderen Platz im Zentrum zu akzeptieren. Wurde wirklich ernsthaft genug nach Alternativen gesucht? Jedenfalls findet die „Mercedes Benz Fashion Week“ doch wieder auf dem Bebelplatz statt, im Juli 2010 und Februar 2011. Damit werden die vielen Proteste und der Mehrheitswille des Abgeordnetenhauses missachtet. Zu der Tatsache, dass bisher kein alternativer Ort gefunden wurde, spricht das Flugblatt der Initiative Bebelplatz von „Verschleppungstaktik und Täuschung der Öffentlichkeit, Beschädigung des politischen Vertrauens“. In einer Presseerklärung von Thomas Flierl heißt es dazu: „Mit den Auf- und Abbauten […] summieren sich die drei Tage Modenschau auf drei Wochen Geschichtslosigkeit in der Mitte der Stadt. Wenn sich dagegen zivilgesellschaftlicher Protest formiert, so spricht das für ein entwickeltes Geschichtsbewusstsein und eine ausgeprägte Gedenkkultur in unserer Stadt.“

Januar 2010: nicht zum ersten Mal war das Denkmal „Bibliothek“ auf dem Bebelplatz unter den Aufbauten einer lärmenden Veranstaltung verschwunden. Nach Kunsteisbahn und Buddy-Bären war er nun wieder die „Fashion Week“, die hier zum fünften Mal ihre Zelte aufschlug. Dem Protestaufruf der „Initiative Bebelplatz“ im Januar folgten Mitglieder und Freunde des Aktiven Museums. Sie bestanden auf dem Zugang zum Denkmal und trugen dabei Masken, auf denen die Gesichter von Schriftstellerinnen und Schriftstellern zu sehen

Das Aktive Museum, das inzwischen zu den offiziellen Unterstützern der Initiative Bebelplatz gehört, beteiligt sich weiterhin an den geplanten Protestaktionen.
Christine Kühnl-Sager Christine Kühnl-Sager ist stellvertretende Vorsitzende des Aktiven Museums.

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„VOR DIE TÜR GESETZT“
Die 32 Stühle der Ausstellung haben nun in vielen Bezirken eine Heimstatt gefunden

Ausstellung anlässlich der „Langen Nacht der Politik 2010“ im Rathaus Lichtenberg erneut zu präsentieren. Die zweiunddreißig Stühle, die zusammen die ursprüngliche Ausstellung gebildet hatten, waren zu diesem Zeitpunkt auf dem Dachboden des Roten Rathauses eingelagert, und es wurde im Gespräch mit den Zuständigen schnell klar, dass der aufwändige Wegtransport eigentlich auch bedeutete, dass sie dorthin nicht zurückkehren würden. Feuerpolizeilich war die Situation auf dem Rathausdachboden mit den über zwei Meter hohen und je einen Meter breiten und tiefen Holzkonstruktionen ohnehin immer grenzwertig. Das brachte uns auf die Idee, für alle Stühle nach der erneuten Präsentation anderenorts eine ständige Bleibe zu finden. Nachdem der Bezirk Lichtenberg die Bibliotheken, die Volkshochschule und soziale Einrichtungen dafür gewinnen konnte, je einen Stuhl dauerhaft zu beherbergen, gingen auch Anfragen an die andere Rathäuser, ob Interesse an Stühlen mit Lebensgeschichten von Mandatsträgern aus dem jeweiligen Bezirk bestünde. Und siehe da, nach kurzer Zeit hatten alle 32 Stühle ein neues Zuhause, in vielen Fällen mit konkretem inhaltlichen Bezug. So steht etwa Hugo Heimann, der 1899 mit dem Verkaufserlös einer Verlagsbuchhandlung eine öffentliche Bibliothek stiftete, die 1920 von der Stadt Berlin als „Hugo Heimannsche Bücherei und Lesehalle“ übernommen wurde, jetzt in der Lichtenberger Anna-Seghers-Bibliothek oder Kurt Löwenstein, der langjährige Neuköllner Stadtrat für Volksbildungswesen, im Rathaus Neukölln. Dem vorausgegangen war ein logistisches Puzzlespiel, das sich darum drehte, wer nun wann und von wo die sperrigen Möbel wohin transportieren müsse. Bevor die Stühle sich aber in alle Berliner Winde zerstreuten, eröffnete Bürgermeisterin Christina Emmrich am 15. Januar erst einmal eine Ausstellungsversion mit immerhin 16 der 32 Stühle anlässlich der „Nacht der Politik“ im Lichtenberger Rathaus, wo sie dann auch anschließend noch einige Tage zu sehen war.
Kaspar Nürnberg

Der Hermann Clajus-Stuhl am 15. Januar 2010 vor dem NPDFraktionsbüro im Erdgeschoss-Flur des Rathauses Lichtenberg

Nachdem das Aktive Museum im letzten Jahr die Verlegung von Stolpersteinen für alle im Nationalsozialismus ermordeten Stadtverordneten und Magistratsmitglieder abgeschlossen hat, ergab sich um die Jahreswende eine neue Möglichkeit, an die Ausstellung „Vor die Tür gesetzt“ von 2005 thematisch anzuknüpfen. Auf Initiative des „Sozialwerkes des Demokratischen Frauenbundes“ und in Kooperation mit „Licht-Blicke. Netzwerk für Demokratie & Toleranz“ schlug der Bezirk Lichtenberg nämlich vor, Teile der seinerzeit im Roten Rathaus und dann im Berliner Abgeordnetenhaus gezeigten

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Der Käte Frankenthal-Stuhl im Vorzimmer des Bezirksstadtrats für Familie, Jugend und Gesundheit Michael Räßler-Wolff am 15. Januar 2010

Die Lichtenberger Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich neben dem Maria Heisig-Stuhl in ihrem Arbeitszimmer am 15. Januar 2010

Vier Stühle an ihrem jetzigen dauerhaften Standort im zweiten Stock des Rathauses Charlottenburg

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STANDORTE DER STADTVERORDNETEN-STÜHLE

Wilhelm Dittmann Rathaus Mitte Parochialstraße 3 10179 Berlin Fritz Elsas Rotes Rathaus Jüdenstraße 1 10178 Berlin Käte Frankenthal Egon-Erwin-Kisch-Bibliothek Frankfurter Allee 149 10365 Berlin Hugo Heimann Anna-Seghers-Bibliothek im Lindencenter Prerower Platz 2 13051 Berlin Marie Heisig KreuzbergMuseum Adalbertstraße 95a 10999 Berlin Paul Hertz Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin Simon Katzenstein Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin Siegfried Kawerau Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin Fritz Lange Anton-Saefkow-Bibliothek Anton-Saefkow-Platz 14 10369 Berlin

Leonhard Adler Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin Eduard Alexander Seniorenheim Am Tierpark Sewanstraße 235 10319 Berlin Karl Bamberg Manfred von Ardenne-Schule Werneuchener Straße 27/28 13055 Berlin Richard Barth KreuzbergMuseum Adalbertstraße 95a 10999 Berlin Bruno Borchardt Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin Max Cassirer Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin Hermann Clajus Kiezclub Magnet Strausberger Straße 5 13055 Berlin Regine Deutsch Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin

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Bernhard Lichtenberg Museum Lichtenberg im Stadthaus Türrschmidtstraße 24 10317 Berlin Rosa Lindemann Kiezclub Magnet Strausberger Straße 5 13055 Berlin Kurt Löwenstein Rathaus Neukölln Karl-Marx-Straße 83 12043 Berlin August Luscher Jugendbegegnungsstätte ‚plexus’ Siegfriedstraße 29 10365 Berlin Oskar Meyer Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin Julius Moses Grundschule am Wilhelmsberg Sandinostraße 8 13055 Berlin Anna Nemitz Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin Hilde Radusch Museum Lichtenberg im Stadthaus Türrschmidtstraße 24 10317 Berlin Ernst Reuter Rotes Rathaus Jüdenstraße 1 10178 Berlin

Johanna Sandtner Bodo-Uhse-Bibliothek Erich-Kurz-Straße 9 10319 Berlin Gertrud Scholz Kiezspinne e.V. Schulze-Boysen-Straße 38 10365 Berlin Paul Scholze Rathaus Pankow Breite Straße 24a 13187 Berlin Georg Streiter Fachhochschule Jena Fachbereich Sozialwesen – Fernstudiengang Pflege Carl-Zeiss-Promenade 2 07745 Jena Frieda Wunderlich Rathaus Charlottenburg Otto-Suhr-Allee 100 10585 Berlin Martha Wygodzinski Volkshochschule Lichtenberg Paul-Junius-Straße 71 10369 Berlin

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ZUR GESCHICHTE DER BERLINER RUNDFUNKANSTALT ZWISCHEN 1933 UND 1945
Eine Projektskizze

Entwicklung des Rundfunks in Berlin bis 1933 „Der deutsche Rundfunk verdankt der nationalsozialistischen Bewegung seine eigentliche Existenz. Er entstand zwischen Börsenjuden, Schiebern, Geschäftemachern und einigen technischen, politischen und künstlerischen Ideologen. Es waren Gestalten, die den Rundfunk zu einem volksfremden, intellektuellen Eigenleben erstarren ließen. Jede organische Verbindung zum Volk fehlte. Erst die nationalsozialistische Bewegung gab dem Rundfunk seinen eigentlichen Sinn.“ „Reichssendeleiter“ Eugen Hadamovsky 1934 Im Jahre 1923 nahm die erste private Rundfunkstation der „Funk-Stunde AG“ in Berlin ihren Betrieb auf. Gesendet wurde das regelmäßige Programm zunächst aus dem Vox-Haus in der Potsdamer Straße im Bezirk Tiergarten. Der im Rahmen der 3. Großen Deutschen Funkausstellung von Albert Einstein eingeweihte Funkturm am Berliner Messegelände übernahm 1926 die Funktion des Sendemastes. 1931 wurde das von Hans Poelzig entworfene Haus des Rundfunks in der Masurenallee in Berlin-Westend eingeweiht. Von Anfang an prangerten die Nationalsozialisten den Berliner Sender als „Systemrundfunk“ oder „Judenrundfunk“ an, er galt ihnen als SPD-nah und regierungstreu gegenüber der Weimarer Republik. „Auch den Augiasstall des Rundfunks werden wir zu reinigen wissen“, schrieben etwa die „Nationalsozialistischen Monatshefte“ 1931. Bereits im Jahre 1932 und noch vor dem „Preußenschlag“ wurde der Sendebetrieb der „Berliner Funk-Stunde“ durch die Installation des nationalsozialistischen Rundfunkkommissars Ministerialrat Scholz auf eine „Gleichschaltung“ vorbereitet. Dabei galt schon allein der Name „Haus des Rundfunks“ als „dem Deutschtum wesensfremd“. So heißt es 1932 in der Zeitschrift „Der Deutsche Sender“: „Jeder Straßenbahn-Schaffner von der Linie 93, der ‚Funkhaus’ ausruft, übt unbewußt schärfste Kritik an dem geschwollenen ‚Haus des Rundfunks’, dessen undeutsche Firma mehr ist als nur eine Zufälligkeit.’“

Projektidee Die Geschichte des Berliner Rundfunks zwischen 1933 und 1945 ist bisher noch in keiner Ausstellung oder Dokumentation umfassend dargestellt worden – obwohl das Medium ein zentraler und wirkungsmächtiger Faktor der Machtstabilisierung des NS-Systems war. Geplant ist eine multimediale Ausstellung in Kooperation mit dem RBB im Haus des Rundfunks, in der sowohl die Mechanismen des staatlichen Eingriffs in die Programmgestaltung und das Personal als auch die Biografien der Akteure der Nazifizierung wie auch der von Verfolgung Betroffenen dargestellt werden sollen. Neben dem RBB-Archiv, insbesondere dem umfangreichen Tonarchiv, werden die Bestände der einschlägigen sonstigen Archive ausgewertet. An zahlreichen Hörstationen sollen Ausschnitte aus exemplarischen Sendungen der Zeit zu hören sein. Die Ausstellung wird durch eine Arbeitsgruppe des Aktiven Museums erarbeitet. Sie ist Teil des Veranstaltungsprogramms der Berliner Kulturverwaltung zum 80. Jahrestag der Machtübergabe 1933 im Jahr 2013.

O-Ton-Aufnahme mit Außen-Mikrophon anlässlich einer Militärparade Unter den Linden, um 1935

Und bereits im Sommer 1932 veröffentlichte die gleiche Zeitschrift eine erste Schwarze Liste mit zwanzig

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Namen von Mitarbeitern des Radio-Reporters Alfred Braun: „Was im übrigen um Braun herumwimmelt und immer wieder von ihm engagiert wird, sind die Jüdinnen Rose Lichtenstein, Cecilie Lewowsky, Grete Jacobsen, Maria Fein, Lederer, Kronburger, Fürst, Peter Lorre, Leo Reuß, Rameau, Erwin Farbe, Hugo Schuster, Fried, Norbert Schiller, Donat, Ritter, Ihle, Blasch, Döblin (Bruder des ‚Alexander’-Döblin!) und Fleschburg.“ Noch 1932 wurde Hans Flesch als Intendant entmachtet und durch den Deutschnationalen Dr. Druske ersetzt. In der Nacht des 30. Januar 1933 berichtete Wulf Bley für den Berliner Rundfunk live vom Fackelzug durch die Wilhelmstraße: „Meine verehrten Hörer und Hörerinnen! Es ist unmöglich gewesen, Ihnen unmittelbar von der Straße her, was wir gerne getan hätten, eine Übertragung zu machen. Der Jubel auf der Straße ist zu groß, dass bei einem angestellten Versuch die Stimme, die in das Mikrophon hineinsprach, nicht mehr durchkam.“ Zwei Tage später, am 2. Februar 1933 stand Hitler erstmals selbst am Mikrofon des Rundfunks. Im Laufe des Jahres 1933 wird er sich fünfzig mal über Rundfunk an sein „Volk“ richten. „Verdienstvolle Männer“ Gleich 1933 fand eine „Säuberungswelle“ statt, fast die Hälfte der Mitarbeiter der „Berliner FunkStunde“ wurde im März 1933 entlassen, einige von ihnen verhaftet und in das KZ Oranienburg überführt, darunter der vormalige Intendant Hans Flesch, der Radiopionier Alfred Braun, der ehemalige Verwaltungsdirektor Dr. Friedrich Knöpfke und der Direktor des Mitteldeutschen Rundfunks, Ludwig Neubeck. Die beiden Letztgenannten nahmen sich nach Folterungen im KZ das Leben. Die Zeitschrift „Der Deutsche Sender“ veröffentlichte am 18. März 1933 den „Entwurf zu einer Ehrentafel des Systemfunks“. Zu sehen ist darauf ein Foto, das unter der Überschrift „Verdienstvolle Männer“ sechs leitende Rundfunkmitarbeiter bei der Einlieferung im KZ Oranienburg zeigt, unter ihnen Hans Flesch, Kurt Magnus, Alfred Braun und Heinrich Giesecke.

Im August 1933 meldete die Vossische Zeitung: „In der den Rundfunk betreffenden Korruptionsangelegenheit ist von der Kriminalpolizei ein Korruptionsverfahren eingeleitet worden, das sich gegen Alfred Braun, den Intendanten Flesch, Dr. Magnus sowie gegen Ministerialrat Giesecke richtete. Den Genannten wurden die Pässe abgenommen, ausserdem wurden Haussuchungen durchgeführt, bei denen Aufzeichnungen aller Art beschlagnahmt wurden.“ Das Gerichtsverfahren, in dem es um angebliche Bereicherung leitender Rundfunkmitarbeiter ging, zog sich von März 1934 bis Juni 1935 hin, in dieser Zeit saßen die meisten der Genannten in Untersuchungshaft in Berlin-Moabit. Hans Flesch wurde zur Höchststrafe von einem Jahr Gefängnis verurteilt. Das Verfahren wurde 1939 eingestellt. Flesch fand nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis Arbeit als Buchhalter und wurde 1942 zur Zwangsarbeit verpflichtet. Seit März 1945 gilt er als verschollen. Alfred Braun wurde im August 1933 wegen seiner Berufung an das Schauspielhaus Zürich aus dem KZ Oranienburg entlassen, emigrierte zunächst in

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die Schweiz und von dort 1937 in die Türkei. 1939 kehrte er nach Berlin zurück und arbeitete an verschiedenen NS-Filmen mit. Nach dem Krieg war Alfred Braun von 1954 bis 1957 Intendant des Senders Freies Berlin. Der ehemalige Reichskommissar und Rundfunkpolitiker Hans Bredow schrieb am 8. August 1933 an das Reichspropagandaministerium, dass er sich den Angeklagten des „Korruptionsprozesses“ verbunden fühle und um Gleichbehandlung bitte. Auch Bredow wurde daraufhin im Oktober 1933 verhaftet. In der Untersuchungshaft in Moabit unternahm er zwei Selbstmordversuche. Im Prozess wurde er 1935 zu sechs Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe von 5.000 Reichsmark verurteilt. Aus Solidarität mit den Inhaftierten gab der Komponist Paul Hindemith am 24. Dezember 1933 ein Weihnachtskonzert mit Solostücken für Bratsche von Max Reger und Johann Sebastian Bach im Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit, das am 1. Januar 1934 wiederholt wurde. Gleichschaltung Fast die gesamte Führungsetage des Senders wurde 1933 ausgewechselt. Alle deutschen Rundfunkanstalten wurden nun als „Reichssender“ dem Reichssendeleiter im Propaganda-Ministerium unterstellt. Goebbels definierte die neuen Aufgaben des Rundfunks bei einer Tagung der Reichsrundfunkwarte im Juli 1933 so: „Ich gebe hier der Hoffnung Ausdruck, dass der Rundfunk ein großes und modernes Beeinflussungsmittel in der Hand der Reichsregierung werden wird.“ Die Gründung der Reichsrundfunkkammer 1933, zu deren Vizepräsidenten Reichssendeleiter Hadamovsky ernannt wurde, war das Instrument der „Gleichschaltung“: „Die Kammer dient dem Willen des Führers, das ganze Volk mit dem Rundfunk zu durchdringen, um Staatsführung und Volksgemeinschaft zu einer geschlossenen Einheit zu machen.“ Für die Mitgliedschaft war der „ArierNachweis“ erforderlich, er galt als „Voraussetzung für das Recht der Berufsausübung“. 1939 wurde die Reichsrundfunkkammer aufgelöst, ihre Aufgaben wurden nun von der Reichs-Rundfunkgesellschaft wahrgenommen, deren Generaldirektor seit 1937 SS-Hauptsturmführer Heinrich Glasmeier war. Seine Dienststelle: „Haus des Rundfunks, Masurenallee, Postfach 15.“

Das Haus des Rundfunks wurde 1938 in „Zentrale des Großdeutschen Rundfunks“ umbenannt. Hier wurde unter Führung von Eugen Hadamovsky auch ein deutsches Fernseh-Programm entwickelt, dessen erste Sendung im März 1935 vom Fernsehsender in Berlin-Witzleben ausgestrahlt wurde. Hadamovsky dazu am 23. März 1935: „Unsere Mission hieß in diesen zwei Jahren: Ihr Wort, mein Führer, allen Ohren in Deutschland zu predigen. Nun ist die Stunde gekommen, in der wir beginnen wollen, mit dem nationalsozialistischen Fernsehrundfunk Ihr Bild, mein Führer, tief und unverlöschlich in alle deutschen Herzen zu pflanzen.“ „Wer möchte nicht Rundfunkhörer sein, wenn der Führer spricht“ Mit dem massenhaften Vertrieb des Volksempfängers „VE 301“ – benannt nach dem Tag der Machtübernahme am 30.1.1933 – gelang es rasch, breite Kreise der Bevölkerung unmittelbar zuhause mit politischer Berichterstattung zu erreichen. Anfangs sahen die Nationalsozialisten in den nun eroberten Sendern vorrangig Instrumente ihrer politischen Propaganda. „Unter den deutschen Volksgenossen greift immer mehr die Erkenntnis Platz, daß Rundfunkhören eine staatspolitische Pflicht ist und daß derjenige, der auf den Rundfunk verzichtet, sich ausschließt von dem Gegenwartsleben der Nation“, heißt es in „Der Deutsche Sender“ 1933. Mit der Einführung von Gemeinschaftsempfang in Schulen und Betrieben sollten auch diejenigen erreicht werden, die noch kein Radiogerät besaßen. Ab Mitte 1934 reagierte das Propagandaministerium jedoch auf die Unzufriedenheit zahlreicher Hörer und stellte das Programm auf seichte Unterhaltung um, wobei auch dabei jedoch rassistische Grundsätze galten, indem „undeutsche“ Tanzmusik verboten war. „Wir fordern den Ausschluss ausländischer Tanzkapellen und die Beseitigung des Neger-Jazz nach dem Muster der Berliner Funkstunde“, forderte der Musikschriftsteller Fritz Stege bereits im April 1933. Widerstand im Haus des Rundfunks Aber auch Widerstand gab es im Haus des Rundfunks. Der Sprecher des Europasenders Rudolf-Günther

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Wagner druckte Flugblätter und gab Nachrichten unter der Hand weiter. 1943 brachte er unerkannt an der Büste Hitlers im Lichthof ein Plakat mit der Aufschrift „Der Krieg ist verloren“ an. Auch sein Kollege Hans Kaspar druckte heimlich im Hause Flugblätter. Drei Angestellte des Funkhauses wurden wegen Weitergabe eines „Hetzgedichtes“ über Hitler zum Tode verurteilt. Tontechniker schnitten Widersprüche oder politische Witze zwischen die Übertragung offizieller Reden. So hatte ein Berliner Techniker am 16. April 1942 folgenden Witz über den Sender geschickt: „Es wurde dabei von einem Lebensmüden berichtet, der vergeblich versucht habe, sich an einem Strick zu erhängen, unmöglich – da Ersatzware. Er habe dann versucht, ins Wasser zu gehen, sei aber oben geblieben, da sein Anzug aus Holz gewesen sei. Schließlich sei es ihm doch gelungen, sich das Leben zu nehmen, weil er seit zwei Monaten auf Lebensmittelkarte gelebt habe.“ Und auch an den Vorbereitungen zur „Operation Walküre“ 1944 waren Mitarbeiter des Rundfunks in Berlin beteiligt. Rundfunk und Krieg „Im modernen Krieg kämpft der Gegner nicht nur mit militärischen Waffen, sondern auch mit Mitteln, die das Volk seelisch beeinflussen und zermürben sollen. Eines dieser Mittel ist der Rundfunk“, heißt es im Rundfunkerlass des Ministerrates vom 1. September 1939. Folgerichtig wurde das Hören ausländischer Sender verboten und mit der Todesstrafe belegt. Mit dem Verlauf des Krieges wuchs jedoch die Unzufriedenheit der Hörer über die deutsche Berichterstattung, die offensichtlich den Erfahrungen vieler Soldaten an der Front widersprach. Davon zeugen zahllose anonyme Beschwerden an die Sendeleitung. Am Ende des Krieges 1945 wurde das zur „Festung Haus des Rundfunks“ erklärte Gebäude durch seine Mitarbeiter vor der von der NS-Führung geplanten Sprengung gerettet. Schon wenige Tage nach der Befreiung Berlins übernahm die sowjetische Stadtkommandantur auch die Leitung des Rundfunks, am 13. Mai 1945 nahm das „Radio Berlin“ seinen Sendebetrieb auf, – zunächst noch provisorisch von einem Sender

in Tegel aus. Kurze Zeit später erfolgte der Umzug in das Haus des Rundfunks und die Umbenennung in „Berliner Rundfunk“ unter sowjetischer Leitung. Parallel bauten die drei Westalliierten mit dem RIAS und dem NWDR eigene Rundfunksender in Berlin auf. 1949 zog der Berliner Rundfunk schließlich in die Nalepastraße im Ostsektor der Stadt, doch erst 1952 verließen die letzten Mitarbeiter des Berliner Rundfunks das Haus. Das Gebäude blieb zunächst unter sowjetischer Verwaltung und wurde zum „Haus des Schweigens“. 1953 wurde der Sender Freies Berlin gegründet. Nachdem die Sowjetische Millitäradministration das Haus des Rundfunks schließlich 1956 räumte, übernahm der SFB 1957 das Gebäude.
Dr. Christine Fischer-Defoy

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WAS DER FALL HANS BEIMLER UNS ÜBER HELDEN LEHRT

hatte, berichtete von der Umbenennung von fünf Ost-Berliner Straßen und Plätzen, darunter die HansBeimler-Straße (heute Otto-Braun-Straße). Das Aktive Museum habe damals an den umbenannten Straßen Schilder angebracht, um an ihre alten Namen zu erinnern. So wandte ich mich zunächst an Kaspar Nürnberg vom Aktiven Museum. Gerade beim Nachvollziehen der Umbenennungsdebatte half mir das von ihm gezeigte Archiv des Vereins maßgeblich. Hans Beimler war ein Kommunist der ersten Stunde. Der gebürtige Münchner beteiligte sich an den revolutionären Matrosendemonstrationen gegen Ende des Ersten Weltkriegs, war ein Gründungsmitglied der KPD und kämpfte für die Bayerische Räterepublik. In den 1920er-Jahren engagierte er sich vornehmlich in der bayerischen Regional- und Landespolitik, bevor er 1932 zum ersten Mal Reichstagsabgeordneter wurde. Vor allem sein Wahlkampf für die letzten Wahlen vom März 1933 entfaltete eine große Breitenwirkung und bewirkte maßgeblich, dass Beimler bereits Anfang April verhaftet und ins KZ Dachau verschleppt wurde. Nach einigen Wochen gelang ihm jedoch auf spektakuläre Art die Flucht. Im sowjetischen Exil veröffentlichte Beimler seinen Leidensbericht „Im Mörderlager Dachau. Vier Wochen in den Händen der braunen Banditen“, welcher als eines der ersten Zeugnisse der Gräueltaten in den deutschen Konzentrationslagern internationale Anerkennung fand und Beimler zu einem Hoffnungssymbol im antifaschistischen Kampf machte. Letzterem verschrieb sich Beimler im Exil weiterhin, doch hierbei kam es zunehmend zu Spannungen zwischen seinem Tatendrang nach der gelungenen Flucht und der starren Parteibürokratie der KPD. Obwohl aus diesen Streitigkeiten womöglich eine gewisse Desillusionierung Beimlers resultierte, kam es doch nie zum offenen Zerwürfnis mit der Partei. Im Zweifelsfall scheint bei ihm stets die Treue zur KPD überwogen zu haben. Schon bald stellte sich heraus, dass Beimler Protagonist einer Verschwörungstheorie war: Am 1. Dezember 1936 kam er im Spanischen Bürgerkrieg um. Als einer der ersten internationalen Freiwilligen war er noch vor der Gründung der Interbrigaden in Spanien ein-

Straßenschild Hans-Beimler-Straße, fotografiert am 10. November 1994

Was ist ein Held? Gäbe es doch nur eine eindeutige Antwort auf diese Frage! Ein treffender Beleg hingegen für die große Wandelbarkeit des Heldenbegriffs sind Leben und Rezeptionsgeschichte Hans Beimlers. Verfolgt von den Nationalsozialisten, wurde der Widerstandsund Spanienkämpfer nach 1945 durch Staatskult zum ideologischen Stützpfeiler der DDR. Straßen, Schulen und Sportwettkämpfe wurden nach ihm benannt. Nach der Wende kehrte sich diese Heldenverehrung ins andere Extrem um: Als Überbleibsel der untergegangenen DDR wurde er gerade in Berlin gezielt aus der Öffentlichkeit entfernt und dem Vergessen preisgegeben. Wer will da noch von einer allgemeingültigen Definition des Helden reden! Vielmehr scheint diese von der jeweiligen Zeit und den Bedürfnissen und Interessen der Menschen abhängig zu sein. Eben solcher Reflexion über Helden und ihre Rezeption widmete sich der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2008/09 mit dem Thema „Helden: verehrt – verkannt – vergessen“. Nur durch Zufall stieß ich auf Hans Beimler. Ein Zeitungsartikel vom 1. November 1995, den meine Mutter aufgehoben

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Rundum-Helden, obwohl wichtige Eigenschaften wie der lebenslange Einsatz für die kommunistische Sache und die Treue gegenüber der Partei durchaus auf Tatsachen beruhten. Beispielhaft für die Stilisierung Beimlers durch die DDR ist jedoch die Art, in der man ihm den griffigen Spruch „Einheit macht stark!“ andichtete, mit dem er einst zur proletarischen Einheitsfront aufgerufen haben sollte. Wie aus einer Broschüre der FDJ hervorgeht, erhoffte man sich hiervon einen legitimatorischen Effekt: „Sein Wahlspruch […] beflügelte die Mitglieder der KPD und SPD in jenen schweren Tagen des Wiederaufbaus […], als sie sich zur [SED] vereinigten.“ „Verwertet“ wurde Beimler schließlich aber auch nach der Wende, als die Umbenennung der Hans-Beimler-Straße West-Berliner Wählerstimmen einbringen sollte. Zwanzig Jahre später ist die Zeit reif für eine ausgewogene Betrachtung. Vor allem gilt es jene Aspekte Beimlers hervorzuheben, auf die Ost und West sich im Sinne eines kleinsten gemeinsamen Nenners einigen können. Schwer ist dies nicht. So sollten Beimlers lebenslanger Antifaschismus und seine internationale Solidarität gewürdigt werden, trotz seines Kampfes gegen die Weimarer Republik. In Wahrheit jedoch muss und darf das eine das andere nicht ausschließen, denn der Rundum-Held ist eine Schöpfung totalitärer Systeme. Der heutige Held soll bewundert werden, doch nicht der Kritik enthoben sein. Dieses Resümee muss die Wettbewerbsjury überzeugt haben; sie zeichnete die Arbeit mit einem zweiten Bundespreis aus. Zudem hat die Arbeit den Schülerpreis des Verbandes der deutschen Historiker und Historikerinnen erhalten, der im Herbst 2010 erstmals verliehen wird.
Rahul Kulka Rahul Kulka hat vor wenigen Wochen sein Abitur am Wernervon-Siemens-Gymnasium in Berlin-Nikolassee absolviert und beginnt im Herbst ein Geschichtsstudium am St. Hugh‘s College der University of Oxford.

Anbringen einer Ergänzungstafel des Aktiven Museums mit biografischen Informationen zu Hans Beimler am 1. November 1995 anlässlich der Umbenennung in Otto-Braun-Straße

getroffen, um die Franco-Putschisten zu bekämpfen. Bis heute ist ungewiss, ob Beimler von einem Feind oder im Auftrag der Kommunisten, denen er unbequem geworden war, getötet wurde. Hier Klarheit zu schaffen oder zumindest eine begründete Vermutung anzustellen, wurde eine zentrale Frage der Arbeit, denn wäre Beimler tatsächlich aus den eigenen Reihen ermordet worden, so würde dies ein neues Licht auf seine Verwertung in der DDR sowie unsere heutige Bewertung seiner Person werfen. „Verwertung“ ist im Falle Beimlers ein sehr passender Begriff, denn er ist stets Opfer einseitiger Interessen gewesen: Der DDR brachte der Beimler-Kult den Schein von Legitimität. So stilisierten die DDR-Ideologen Beimler zu einem in jederlei Hinsicht vorbildlichen

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HISTORISCHE INFORMATION AUF SCHWANENWERDER
Gemeinsamer Antrag der Fraktionen von SPD und Die Linke im Berliner Abgeordnetenhaus

zu einem Refugium für wohlhabende Kaufleute, Fabrikanten und Bankiers. Nach der Machtübernahme durch die Nazis hissten Mitglieder des Zehlendorfer SA-Sturms auf der Insel die Hakenkreuzfahne und drangsalierten die jüdischen Bewohner. In der Folge kam es zu Zwangsverkäufen und Zwangsversteigerungen von jüdischem Eigentum zugunsten einzelner Nazigrößen und NS-Massenorganisationen. Die neuen Bewohner waren u.a. Joseph Goebbels und Albert Speer. Das Deutsche Frauenwerk e.V. unterhielt dort die sogenannte „Reichsbräuteschule“. Nach 1945 wurden die Häuser zunächst von den Alliierten genutzt und dann im Zuge der Wiedergutmachungsverfahren an die rechtmäßigen Eigentümer oder ihre Erben zurückgegeben. Diese trennten sich jedoch meist durch Verkauf an das Land Berlin von ihren geschichtsbeladenen Grundstücken. Ca. 40 Prozent der Insel gelangten so in den Besitz des Landes und wurden für Freizeitangebote für Kinder und Jugendliche im damals eingeschlossenen West-Berlin genutzt.

Während des Vorstandsspaziergangs auf Schwanenwerder mit Norbert Kampe und Peter Zander am 29. Juni 2010

Das Abgeordnetenhaus fordert den Senat auf, im Zusammenhang mit der Umnutzung und Veräußerung landeseigener Grundstücke auf Schwanenwerder die Aufarbeitung und Dokumentation der Geschichte der Insel in angemessenem Umfang zu unterstützen. Hierzu sollte insbesondere die Erarbeitung und Anbringung historischer Informationen auf öffentlichem Straßenland auf Schwanenwerder zur Geschichte der Insel insgesamt und einzelner Grundstücke mit NS-Geschichte gehören. Desweiteren soll der Projektvorschlag der Stiftung Topographie des Terrors zur Erarbeitung einer Ausstellung „Die Residenzen der NS-Führung in Berlin“ unterstützt werden. Begründung Auf der Insel Schwanenwerder lässt sich am authentischen Ort ein wichtiger Aspekt deutscher Geschichte belegen. Die Insel wurde Ende des 19. Jahrhunderts

Das Informationsangebot auf Schwanenwerder wird die idyllische Insel für Fußgängerinnen und Fußgänger als Teil der Stadt und ihrer Geschichte erfahrbar werden lassen und dazu beitragen, erkennbaren Tendenzen zur Abschottung der Insel entgegenzuwirken. Berlin, den 3. Juni 2010
Müller, Buchholz, Lange und die übrigen Mitglieder der Fraktion der SPD Wolf, Dr. Flierl, Brauer und die übrigen Mitglieder der Fraktion Die Linke

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PUBLIKATIONEN DES AKTIVEN MUSEUMS
zu beziehen über die Geschäftsstelle

Ohne zu zögern. Varian Fry: Berlin – Marseille – New York, 2., verbesserte Auflage Berlin 2008 20,00 Euro Vor die Tür gesetzt. Im Nationalsozialismus verfolgte Berliner Stadtverordnete und Magistratsmitglieder 1933–1945 Berlin 2006 15,00 Euro Gedenktafeln in Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus 1991–2001 Christiane Hoss / Martin Schönfeld, Berlin 2002 5,00 Euro HAYMATLOZ. Exil in der Türkei 1933–1945 CD-ROM Berlin 2004 10,00 Euro Gedenktafeln in West-Berlin. Orte der Erinnerung an Verfolgte des Nationalsozialismus Martin Schönfeld, Berlin 1993 unentgeltlich gegen Portoerstattung

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Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V. Stauffenbergstraße 13-14 10785 Berlin Tel. +49(0)30-263 9890 39 Fax +49(0)30-263 9890 60 info@aktives-museum.de www.aktives-museum.de Vorstand Dr. Christine Fischer-Defoy Vorsitzende Sabine Hillebrecht stellvertr. Vorsitzende Christine Kühnl-Sager stellvertr. Vorsitzende Robert Bauer Ursula Büchau Marion Goers Dr. Matthias Haß Angelika Meyer Monica Puginier

Neue Mitglieder sind willkommen!

Jahresbeitrag Einzelmitglied: 55,00 Euro, ermäßigt 27,50 Euro Jahresbeitrag Vereinigungen: 165,00 Euro, ermäßigt 82,50 Euro

Spendenkonto Berliner Sparkasse BLZ 10050000 Konto Nr. 610012282 IBAN: DE87 1005 0000 0610 0122 82 BIC: BELADEBEXXX

Geschäftsführer Kaspar Nürnberg

Bildrechtenachweis Titel Matthias Zickrow, Berlin S. 2 Stiftung Topographie des Terrors, Berlin S. 3 Christine Kühnl-Sager, Berlin S. 5 Jürgen Henschel, Berlin S. 7 Matthias Zickrow, Berlin S. 8 Bettina Kubanek, Berlin

Redaktion Kaspar Nürnberg Konzept und Gestaltung Lehmann & Werder Museumsmedien in Kooperation mit à la prima, Grafik Design Druck MK Druck

S. 9 Bettina Kubanek, Berlin; Christine Kühnl-Sager, Berlin; Bettina Kubanek, Berlin S. 12 aus: Joseph Wulf: Presse und Funk im Dritten Reich, Gütersloh 1964, unpaginierter Bildteil nach S. 208 S. 13 aus: 1933 – Wege zur Diktatur. Supplementband zum Katalog der Staatlichen Kunsthalle Berlin, Berlin 1983, S. 219 S. 16 Jürgen Henschel, Berlin S. 17 Georg Armbrüster, Heidelberg S. 18 Sabine Hillebrecht, Berlin

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