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Probleme erkennen - Lösungen finden

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Aktiv werden für Gesundheit – Arbeitshilfen für Prävention und Gesundheits­ örderung im Quartier f

Probleme erkennen – Lösungen finden

Heft 2

Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung

Aktiv werden für Gesundheit – Arbeitshilfen für Prävention und Gesundheitsförderung im Quartier Heft 2 Herausgeber: Gesundheit Berlin-Brandenburg Friedrichstraße 231, 10969 Berlin Tel. 030 / 44 31 90 60 E-Mail: post@gesundheitbb.de Autorinnen und Autoren: Carola Gold, Stefan Bräunling (V.i.S.d.P.), Prof. Dr. Raimund Geene, Holger Kilian, Ute Sadowski, Andrea Weber Die Arbeitshilfen wurden ent­ ickelt im Rahmen des bundesweiten Koope­ ations­ erbundes w r v „Gesundheitsförde­ ung bei ­ ozial Benachteiligten“. r s Der Kooperationsverbund „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“ wurde 2003 auf Initiative der BZgA gegründet und wird maßgeblich durch die BZgA getragen. Ihm gehören a ­ ktuell 54 Partnerorganisationen an. Geschäftsführung des Kooperationsverbundes: Gesundheit Berlin-Brandenburg

Die Erstellung der 3. Auflage der Arbeitshilfen wurde von der Bundeszentrale für gesundheitli­ che Aufklärung (BZgA) gefördert. Wir danken allen Personen und Organisationen, die für die Arbeitshilfen Mate­ ial zur Verfügung r gestellt haben. Druck: Möller Druck und Verlag GmbH, Berlin Umschlag- und Heftgestaltung: Connye Wolff, Berlin · www.connye.com 3., aktualisierte Auflage 2012 Gesundheit Berlin-Brandenburg Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Geneh­ igun­ en für m g die Wiedergabe auch längerer Inhalts­ assagen oder ganzer Kapitel werden gern gewährt. Der p Herausgeber bittet dann um Zu­ en­ ung eines Belegexemplares. s d ISBN 978-3-939012-14-6 Bildnachweise: S. 2, www.pixelio.de, Rainer Strurm S. 5, Adebar S. 8, BÖV 38 e.V. S. 11, www.fotolia.de, Aramanda S. 12/13, Gesundheit Berlin-Brandenburg S. 17, Svea Pietschmann S. 20, Gesunde Städte Netzwerk S. 21, www.pixelio.de, Dette S. 22, AWO Begegnungszentrum Berlin Kreuzberg

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Kapitel 1 – Gesundheitsprobleme  erkennen – Daten nutzen
Um eine Präventionsmaßnahme gut planen und begründen zu können, muss der Bedarf ermittelt werden. In Heft 1 wurden Faktoren vorgestellt, die zu gesundheitlichen Risiken führen (z.B. ein hohes Verkehrsaufkommen im Stadtteil). Es zeigte sich aber auch, dass für eine erfolgreiche Stärkung der Gesundheit die subjektive Wahrnehmung berücksichtigt werden muss. Das gilt sowohl für Ressourcen als auch für Belastungen, die die Zielgruppe erlebt. Für eine gute Bedarfsermittlung können daher verschiedene Quellen genutzt werden, z.B. Daten, die die Kommune oder andere Institutionen zur Verfügung stellen, oder Informationen lokaler Expertinnen und Experten, und vor allem die erhobene Meinung der Bewohnerinnen und Bewohner. Welche Faktoren sollten berücksichtigt wer­ den, wenn es darum geht, gesundheitlichen Bedarf im Quartier zu ermitteln? Faktoren, die die Gesundheitschancen der Menschen im Quartier beeinflussen, können auf unter­ schiedlichen Ebenen vorliegen: n  llgemeine Bedingungen im Stadtteil (z.B. a schlechter Wohnungsbestand mit vielen feuchten, pilzbefallenen Wohnungen; Lärm, Abgase und Feinstaub durch den Verkehr; Unfallrisiken durch un­ ichere s Straßenübergänge; fehlende Freiräume für Spiel, Sport und Bewegung) n  nzureichende gesundheitliche Versorgung u (z.B. fehlende Beratungsstellen oder Präventionsangebote) n  iskantes Gesundheitsverhalten r (z.B. unausgewogene Ernährung, zu wenig Bewegung, Alkoholkonsum, Drogenkonsum) Neben solchen Belastungen können auch gesundheitheitsförderliche Ressourcen vor­ handen sein, z.B. n  ittagsverpflegung in Kindertagesstätten M und Schulen n  in Netzwerk von Gesundheitsangeboten e rund um die Geburt oder Familien­ hebammen n  ute soziale Nachbarschaften; g Multiplikatorinnen und Multiplikatoren für gesunde Lebensweisen Die folgende Tabelle veranschaulicht, dass Interventionen auf unterschiedlichen Ebenen erfolgen können.

Interventionsebenen, vor allem bei Personen mit niedrigem sozioökonomischen Status Verringerung der Belastungen Ansatzpunkt ‚Individuum’ Individuelle Maßnahmen zur Verringerung der Belastungen (z.B. Familienhebamme zeigt der Mutter bzw. dem Vater, wie sie besser auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen kann) Allgemeine Programme zur Verringerung der Belastungen: (z.B. Lärm und Abgase in den besonders be­ lasteten Wohngebieten) Stärkung der Ressourcen Individuelle Maßnahmen zur Stärkung von Ressourcen (z.B. Förderung von sportlicher Betätigung insbesondere bei übergewichtigen Kindern) Allgemeine Programme zur Stärkung von Ressourcen: (z.B. Förderung von Bewegungsangeboten in den besonders benachteiligten Wohngebieten)

Ansatzpunkt ‚Lebenswelt’

(Quelle: Mielck 2005, S. 81)

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Kapitel 1 – Gesundheitsprobleme  erkennen – Daten nutzen

Bei der Ermittlung des Bedarfs sollten zwei Überlegungen berücksichtigt werden: Erstens, welche gesundheitlichen Verbesserungen (Handlungs­ elder) f sollen erzielt und zweitens, welche Gruppe/welches Gemein­ esen w (Ziel­ ruppe/Setting) soll vorrangig erreicht g werden. Auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene stehen verschiedene Quellen zur Verfügung, die Hinweise auf Handlungsfelder und Zielgruppen liefern können. So gibt es z.B. oft eine Gesundheitsberichterstattung, die auf der Basis der Daten staatlicher und öffentlicher Einrichtungen Angaben zur gesundheitlichen Lage der Bevölkerung dar­ stellt, analysiert und bewertet.

Beispiel 1 Schuleingangsuntersuchungen
In vielen Ländern werden Schuleingangsuntersuchungen durchgeführt. Die Daten geben Aufschluss über die Gesundheit der fünf bis sechsjährigen Kinder. Die Berichte sind in der Regel im Internet veröffentlicht, z.B. der bayerische Bericht auf www.bestellen.bayern.de unter Gesundheit.

Beispiel 2 Kinderernährung
Gesundheitsberichte können aber auch zu speziellen Themen erstellt werden. So hat das Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg einen Bericht zur „KinderErnährung in Baden-Württemberg“ erstellt. www.gesundheitsamt-bw.de/SiteCollectionDocuments/40_Service_ Publikationen/Kinderernaehrung_in_BW.pdf

Beispiel 3 Kinderunfälle
Ein anderes Spezialthema hat das Landesgesundheitsamt Brandenburg untersucht. Auch der Bericht „Kleine Kinder – große Schmerzen. Verletzungen bei Kindern durch Unfälle und Gewalt“ enthält Informationen, die nicht nur für Aktivitäten in Brandenburg hilfreich sind. www.lasv.brandenburg.de/sixcms/media.php/4055/Inpuncto_ Verletzungen_2007.pdf

Beispiel 4 Gesundheitsbericht
Das Gesundheitsamt Nürnberg hat 4.250 Haus­ alte befragt und daraus h einen Gesundheits­ ericht zur subjektiven Einschätzung des Gesundb heitszustandes erstellt, der auch Aussagen zum Lebensstil (Bewegung und Rauchen) beinhaltet. www.nuernberg.de/imperia/md/gesundheitsamt/dokumente/ gh/basisdaten.pdf

Solche Daten bilden auch die Grundlage, um Programme und politische Leitbilder zu for­ mulieren. So wurde beispielsweise IN FORM, der nationale Aktionsplan zur Prä­ ention v von Fehlernährung, Bewegungsman­ el, g Übergewicht und damit zusammenhängen­ den Krankheiten, auf der Basis entspre­

chender Daten entwickelt. Angaben über ungenügendes Bewegungs­ erhalten und v die damit verbundenen Risiken waren der Aus­ angs­ unkt für die Empfehlungen zum g p Hand­ungsfeld Bewegung im Alltag. l

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Beispiel IN FORM
Handlungsfeld Bewegung im Alltag „Die gesundheitsförderliche Wirkung von Bewegung einschließlich ihres Beitrags zur Stressbewältigung ist wissenschaftlich belegt. Besondere Bedeutung kommt der Bewegung für die Prävention chronischer Erkrankungen, für die Vorbeugung gesundheitlicher Risikofaktoren, speziell auch von Übergewicht und Adipositas, sowie für die Stärkung gesundheitlicher Ressourcen – Wohlbefinden, Selbstwertgefühl, soziale Integration – zu. Dennoch bewegt sich jede Altersgruppe zu wenig. Insgesamt treiben 37 % der Männer und 38 % der Frauen keinerlei Sport. Kinder und Jugendliche bewegen sich zwar mehr als Erwachsene, aber auch hier sind körperliche Fitness und motorische Fähigkeiten geringer ausgeprägt als früher. Dies wiederum kann zu verminderter Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit führen und Folgen für die körperliche und seelische Entwicklung haben. Erwachsene erleben oftmals ihr Berufs- und Familienleben als potentielles Hindernis für eine aktive Freizeitgestaltung. Mit zunehmendem Alter nimmt die sportliche Aktivität darüber hinaus ab. Ältere Menschen fühlen sich häufig nicht mehr in der Lage, körperlich und sportlich aktiv zu sein. Eine Umwelt mit wenig attraktiven Bewegungsanreizen unterstützt dieses Verhalten.“ IN FORM im Internet: www.in-form.de

Da in den Quartiersgebieten eine Vielzahl sozialer Problemlagen bestehen, die sich negativ auf die Gesundheitschancen der Men­ chen auswirken, kann es hilfreich s sein, auch für diese Einflussfaktoren Daten zu haben. Besondere Bedeutung haben dabei lokale Daten, die zum Teil von den Gesundheitsämtern zur Verfügung gestellt werden können. Wichtig sind aber auch Sozialdaten und Hinweise auf Bevölkerungs­ anteile von Migrantinnen und Migranten. Bei der Beschreibung eines Bedarfs kön­

nen viele Faktoren berücksichtigt werden: natürliche Umwelt, sozioökonomische Um­ elt, Krankheiten und Behinderungen, w Demo­ rafie, Organisation und Struktur des g Gemeinwe­ ens sowie deren Fähigkeiten und s Ressourcen.

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Kapitel 1 – Gesundheitsprobleme  erkennen – Daten nutzen

Hier eine Zusammenstellung der Merk­ male, zu denen Daten recherchiert wer­ den können. Welche Informa­ionen im t Einzelnen benötigt werden, hängt von der Zielsetzung der jeweiligen Maßnah­ e ab. m Beispiele sozioökonomischer Merkmale n  inkommensverteilung E n  erufs- und Ausbildungsstruktur B n  rbeitslosenquote bzw. Anteil der ALGA II-Empfänger/innen n  erteilung der unterschiedlichen V Bildungsabschlüsse Beispiele sozio-ökologischer Merkmale n  nzahl von Sport- und Spielstätten A n  erteilung von Grünflächen V (Naherholungsgebieten) n  ohnqualität W n  aulicher Zustand des Stadtteils bzw. B der Gemeinde Beispiele demografischer Merkmale n  ltersstruktur A n  eschlechterverteilung G n  nteil und Herkunft der Migrantinnen A und Migranten n Anteil der alleinerziehenden Mütter  und Väter Beispiele der medizinischen Versorgungsstruktur Anzahl der n  ersorgungseinrichtungen, V n  rankenhäuser, Arztpraxen, PflegeK wohnheime, n Selbsthilfevereine, Pflegestationen,  Sozialstationen, etc. Beispiele krankheitsbezogener Merkmale n  nteil übergewichtiger Kinder A n  nteil der Menschen mit spezifischen A Erkrankungen n  orkommen von Suchtmittelerkran­ V kungen in bestimmten Bevölke­ rungsgruppen

Kleinräumige Datenerhebungen sind in der kommunalen Sozialberichterstattung ent­ halten – diese werden jedoch nicht in allen Kom­ unen durchgeführt. Aber auch von m stadtteilbezogenen Institutionen wie bei­ spielsweise Quartiersmanagements und Stadtteilbüros werden eigene Erhebungen (Sozialraum­ na­ysen) durchgeführt bzw. in a l Auftrag gegeben. Auf der Internetseite „Sozialberichte NRW online“ des Ministeriums für Arbeit, Inte­ gration und Soziales des Landes NordrheinWestfalen sind die verfügbaren Sozial­ berichte auf Bund-, Länder- (aller Bundes­ länder), kommunaler (hier nur von NRW) und Verbandsebene einzusehen: www.mags.nrw.de/sozber/uebersicht/index.php. Informationen und eine Übersicht der Quartiersmanagements, Stadtteilbüros und Initiativen können über über die Website des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) r ­ echerchiert werden: www.kommunalweb.de/ webguide/8/54/150/257/index.phtml.

Das Difu-Extranet (www.difu.de/extranet/ extranet.html) enthält zusätzlich folgende Angebote: Literatur- und Umfragedatenbanken, Volltexte ausgewählter Difu-Publi­ ationen, Vorträge k und Aufsätze von Difu-Mitar­ eite­ in­ en und b r n -Mitar­ eitern und Material zu Difu-Seminaren. b Wer kann die Angebote des Difu-Extranets nutzen? Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Räte und Fraktionen der Difu-Zuwenderstädte (unter der folgenden Webadresse kann die Liste der Zuwenderstädte eingesehen werden: www.difu.de/extranet/infos-zum-difu-extranet/ extranet-zugang) und Unternehmen, die einer Zuwenderstadt zu mindestens 50 Prozent gehören, können alle Angebote des Extranets kostenfrei nutzen.

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Beispiel für eine Bedarfsermittlung

„Adebar“, Hamburg
Zielformulierung des Projektes: Das Familienprojekt ADEBAR, welches 2006 mit dem Deutschen Präventionspreis ausgezeich­ et n wurde, ist ein sozialraumorientiertes Pro­ekt der j Gesundheits­ örderung und der Sozial­ rbeit mit f a dem Ziel, die soziale und gesund­ eitliche Situah tion der (werdenden) Familien aus St. Pauli Süd und Altona-Altstadt zu ver­ essern und deren b Kompetenzen zu stärken. Im Projekt sind vier Arbeitsbereiche integriert: Stadt­ eilent­ ick­ ung, t w l Familienhebammen­ n­ e­ ot, Familiencafé und a g b Familiäre flexible Krisen­ ilfe. h Bedarfsnachweis: St. Pauli Süd ist einer der einkommens­ schwächs­ en Stadtteile Hamburgs: Das durcht schnittliche steuerpflichtige Einkommen ist sehr

der in St. Pauli leben­ en Menschen mit Migrationsd hintergrund lag 2007 bei 27,1%, wobei 33,1% der Schülerinnen und Schü­ er St. Paulis einen Migratil onshintergrund aufwiesen (vgl. St. Pauli Museum e.V., 2010). Viele Familien in St. Pauli Süd leben von Transferleis­ un­ en. Ein Beispiel zur Verdeut­ ichung: t g l In der örtli­ hen Ganztagsschule bekamen im Schulc jahr 2004/2005 mehr als 80 % der Kinder einen Zuschuss zum Essensgeld. Dieser wird gezahlt bei Bezug von ALG II oder vergleichbar niedrigem Einkommen. Auffallend ist, dass viele Frauen in St. Pauli sehr jung ihr erstes Kind bekommen. Der Anteil von Kindern, die in Ein-Eltern-Familien aufwachsen, liegt bei 36,9 %. Ein Großteil der Familien ist also bei der Bewältigung ihres Alltags starken Belas­ ungen ausgesetzt. Im Bereich der Wohnraum­ t versorgung lässt sich ein Prozess der Mieterhö­ ung h und Verdrängung beo­ achten; familienge­ echter b r Wohnraum wird knapp. Wirtschaftlich besser gestellte Familien verlassen oft vor der Einschulung ihrer Kinder den Stadtteil. St. Pauli ist einer der am dichtesten bewohnten Stadt­ eile Hamburgs (Wohnt fläche je Einwohner liegt 2007 bei 30,8 qm, im Hamburger Durchschnitt sind es 36,5 qm Wohnfläche). Es besteht ein Mangel an Grün- und öffentli­ hen c Freiflächen; spezifisch für den Stadtteil sind auch die Auswirkungen an­ ässiger Vergnügungs­ etriebe s b und Großevents, die jährlich 25 bis 30 Millionen Menschen anziehen. Weitere Informationen zu diesem Projekt in der Datenbank www.gesundheitliche-chancengleichheit.de und www.adebar-hh.de

niedrig. Der Anteil der arbeitslosen Menschen in St. Pauli be­ rug im Jahr 2008 8,8%. Der Anteil t der Sozial­ ilfe­ mpfängerinnen und Sozialhilfeh e empfänger lag hier 2008 bei 18,3 %. Der Anteil

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Kapitel 1 – Gesundheitsprobleme  erkennen – Daten nutzen

Das Profil des Stadtteils bildet den Hinter­ grund bzw. die Ausgangslage der Bedarfs­ ermittlung. Die strukturelle Zusammen­ setzung des Gemeinwesens, das sozialökologische Umfeld, die Gesundheits- und

Sozialdienste und örtlichen Gesundheits­ strategien (Programme, Projekte) sind Teil­ aspekte des stadtteilbezogenen Gesundheits­ profils.

Checkliste: Informationsquellen

Tipps zum Weiterlesen
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (2008). Programm­ planung in der gemeindenahen Gesundheits­ förderung. Erlangen. Im Internet verfügbar unter: www.img.uni-bayreuth.de/de/news/ Neuerscheinungen/m1_bt_080520_online.pdf* BZgA (Hrsg.) (2007). Seniorenbezogene Gesundheitsförderung und Prävention auf kommunaler Ebene – eine Bestandsaufnah­ e. Forschung und Praxis m der Gesundheits­örderung, Band 33. f Köln, BZgA. Verfügbar unter: www.bzga. de/?id=medien&sid=58&idx=1459.pdf* Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesund­ heitssurveys KIGGS (2007). Bundesge­ und­ s heitsblatt, Band 50, Heft 5/6. Verfügbar un­ ter: www.kiggs.de/experten/erste_ergebnisse/ Basispublikation/index.html Mielck, A. (2000). Soziale Ungleichheit und Gesundheitsförderung, Empirische Ergeb­ nisse, Erklärungsansätze, Interventions­ möglichkeiten. Bern, Hans Huber Verlag Mielck, A. (2005). Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Einführung in die aktuelle Diskussion. Bern, Hans Huber Verlag Naidoo, J. & Wills, J. (2010). Lehrbuch der Gesundheitsförderung. Überarbeitete, aktuali­ sierte und durch Beiträge zum Entwicklungs­ stand in Deutschland erweiterte Neuauflage, Köln, BZgA Robert Koch-Institut, BZgA (Hrsg.) (2008) Erkennen – Bewerten – Handeln: Zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Berlin. Verfügbar unter: http:// edoc.rki.de/docviews/abstract.php?lang= ger&id=170 * auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden

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D  aten der Gesundheitsbericht­ erstattung, insbesondere auf k ­ ommunaler Ebene  Sozialberichterstattung I  ntegriertes Handlungskonzept des Quartiersmanagements w  issenschaftliche Studien und Fachliteratur B  eobachtungen und Erfahrungen von Projektmitarbeiterinnen und -mitar­ beitern P  resseartikel, Veröffentlichungen in elektronischen Medien und im Internet, Dokumentationen A  ussagen und Berichte von anderen Trägern oder Fachkreisen r  egionale oder institutionenspezi­ fische Informationsquellen (z.B. Schuleingangsuntersuchung) z  ielgruppenspezifische Informationsquellen (z.B. Zielgruppe junge Drogenge­ brau­ her/in­ en: Polizeibericht­ c n erstattung zu Jugendkriminalität und Drogendelikten, Jugendstudien) M  itglieder und Vertretungen der Zielgruppe selbst (z.B. Berichte von Selbsthilfe-Einrichtungen, Interes­ senvertretungen, ­ igene Erfahrungen e als Mitglied der Ziel­ ruppe oder g Befragungen der Zielgruppe)

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Links zum Thema: Gesundheitsprobleme erkennen – Daten nutzen ­
Gesundheitsberichterstattung des Bundes www.gbe-bund.de Daten zur gesundheitlichen Lage der Bevölkerung mit Themen­ heften z.B. zu Armut bei Kindern und Jugendlichen, Arbeitslosigkeit und Gesundheit, Gesundheit allein erziehender Mütter und Väter Übersicht über die Gesundheits­ berichterstattung der einzelnen Bundesländer Die Gesundheitsämter stellen Daten zur Verfügung, die sich auf die kommunale Ebene beziehen, bzw. geben Schwerpunkt­ erichte b zu einzelnen Themen heraus. www.gbe-bund.de Gesundheitsberichterstattung –> Gesundheitsberichterstattung (GBE) der Länder Das für Sie zuständige Gesundheitsamt finden Sie über die Adressdatenbank www.ga-datenbank.de

Gesundheitsberichterstattung der Länder Kommunale Gesundheits­ berichterstattung

Themenhefte und Schwer­ punktberichte zur Gesundheits­ erichterstattung b Sozialpolitik aktuell in Deutschland Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung, Sachver­ ständigenkommissionen, Gut­ achten, Sozialberichte Publikationen zu den Ziel­ rup­ g pen, Kinder, Jugendliche, Ältere, Familie Kinder- und Jugend­ berichte der Bundes­ egierung r Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2011 Nach der Studie „Frauen leben“ wurden hier Männer zu ihrer Einstellung und Wahrnehmung zum Thema Familienplanung be­ fragt bietet einen Überblick über q ­ ualitätsgesicherte Angebote und Antworten rund um das Thema Frauengesundheit

www.rki.de Gesundheitsmonitoring  Gesundheitsberichterstattung (GBE)  Themenhefte www.sozialpolitik-aktuell.de/sozialstaat-berichte. html bzw.www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/ DE/PDF-Publikationen/forschungsprojekt-a333dritter-armuts-und-reichtumsbericht.pdf?__ blob=publicationFile www.bmfsfj.de/BMFSFJ/Service/publikationen.html

Publikationen des Bundes­ ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) Die Drogenaffinitätsstudie der BZgA 2011 Männer leben - Studie zu Lebensläufen und Familienplanung (Vertiefungsbericht) der BZgA 2006 Frauengesundheitsportal der BZgA

www.bzga.de/forschung/studien-untersuchungen/ studien/suchtpraevention/?sub=69 www.bzga.de/infomaterialien/forschung-und-praxisder-sexualaufklaerung-und-familienplanung/ maenner-leben-vertiefungsbericht

www.frauengesundheitsportal.de

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Kapitel 2 – Wie steht es um  die Gesundheit im Quartier?

Für die Gesundheitsförderung im Quartier sollen spezifische Angebote zur Verbesserung der gesundheitlichen Lage einer Zielgruppe (z.B. sozial benachteiligte Kinder) entwickelt und umgesetzt werden. Dazu sind entsprechende Informationen über den gesundheitlichen Bedarf der Zielgruppe erforderlich. Daten können Hinweise auf die gesundheitlichen Belastungen und gesundheitsförderlichen Ressourcen der Zielgruppe geben und müssen in die Gestaltung der Maßnahmen und Projekte einfließen. Das ist Voraussetzung, damit die Interventionen bedarfsgerecht und mit nachhaltiger Wirkung erfolgen können. Es gibt verschiedene Methoden, um den Be­ darf einer Zielgruppe zu erheben. Eigene Er­ e­ ungen können sowohl im Vorgehen h b w ­ ie im Umfang stark variieren. Letztlich ist das Vor­ ehen auch davon abhängig, welche g finan­ iellen und personellen Ressourcen z vorhanden sind. Zwei unterschiedliche Möglich­ eiten sind aus den folgenden k Beispielen ersichtlich:

Beispiele für die Bedarfsermittlung „Gesund Kurs halten in Lurup“, Hamburg
Das Projekt „Gesund Kurs halten in Lurup“, einem heterogenen Hamburger Stadtteil mit hohem Entwicklungsbedarf und schlechter sozialer Lage, soll frühe Aktivitäten zur Gesund­ heitsförderung verstetigen. Im Fokus stehen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, die mit Kindern, Jugendlichen und deren Familien arbeiten. Dafür wurden eine in das Stadtteil­ netz­ erk inte­ rierte Geschäftsstelle für w g Ge­ und­ eits­ örderung etabliert und Mittel zur s h f niedrigschwel­igen Projektförderung akquiriert. l In mehreren mit Haltung und Methoden des „Planning for Real“ moderierten quartiers- und stadteil­ ezo­ enen „Runden Tischen“ ermitteln b g die Multiplika­ o­ in­ en und Multiplikatoren in t r n einem breit angelegten Pro­ ess Bedarfe sowie z Potenziale und entwickeln set­ ing­ bergreifende t ü stadtteilbezogene Koopera­ ionsprojekte mit t

einem abgestimmten Konzept zur Gesundheitsförderung. Ziel des Projektes ist es, eine einladende, ressourcenorientierte Kultur der Zusam­ enarbeit und m damit eine gesundheits­ ördernde Grundhaltung im Stadtteil herauszubilden. f Weitere Informationen zu diesem Projekt unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de und www.unser-lurup.de/show.php?id=27

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Im Folgenden werden einige Methoden vor­ gestellt, mit deren Hilfe die Zielgruppe in die Bedarfsermittlung einbezogen werden kann. Diese Methoden können auch ge­ nutzt werden, um die Erfahrungen lokaler Expertinnen und Experten zu ermitteln. Sie können z.B. Auskunft über den Bedarf der Zielgruppe, Zugangshindernisse zu gesund­ heitlichen Versorgungsangeboten, Hinweise auf Netzwerke oder auf Schlüsselpersonen geben, die die Ansprache und den Zugang zur Zielgruppe erleichtern.

Methoden
Fokusgruppe Eine Fokusgruppe wird gebildet, um in einer moderierten Grup­ endiskussion von sechs p bis zehn Personen ein im Voraus festgeleg­ tes Thema zielgerichtet zu bearbeiteten. Die Diskus­ ion dauert ein bis zwei Stunden. In s der Gesundheits­örde­ ung und Prävention f r werden Fokusgruppen realisiert, um Rück­ meldungen zu allen Phasen der Planung und Durchführung eines Projekts von Personen aus der Zielgruppe zu bekommen. Die Stärke der Fokusgruppe ist, dass in rela­ tiv kurzer Zeit die Sicht der Zielgruppe auf ein Gesundheitsproblem oder eine (geplante) Intervention ermittelt und dabei auch Ein­ blicke in die Lebenswelt der Zielgruppe ge­ wonnen werden können. Die Fokusgruppe ist eine Methode aus der Marktforschung, die international auch im Gesundheits- und So­ zialwesen breite Anwendung findet. Open Space Open Space ist ein aus den USA stammendes Großgruppenverfahren auf der Grundlage von Selbstorganisation. Diese Methode eignet sich vor allem zur Erarbeitung von Problem­

lösungsstrategien unter Einbeziehung großer Teilnehmerzahlen. Kerngedanke ist hier, der Freiheit und Selbstorganisation der Teilneh­ menden Rechnung zu tragen. Deshalb bein­ haltet diese Strategie nur wenige Regeln. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wird das inhaltliche Programm der Konferenz erarbeitet. Jede und jeder entscheidet selbst über die Zugehörigkeit zu den „Hummeln“ oder „Schmet­erlingen“, das heißt, ob und t wie lange er / sie an einer Thematik bzw. Ar­ beits­ ruppe mitarbeitet. Zwingend ist nur die g Erstellung eines Ergebnisprotokolls, das am Ende allen zugänglich gemacht wird. Ziel ist es, eine gemeinsame Problem­ösungsstra­egie l t zu erarbeiten. Die Methode wird auf der Website www.sowi-online.de/methoden/methoden.htm vorgestellt.

„Es genügt nicht, die Nutzer von Gesundheits­ iensten d nur als Konsumenten zu sehen, die mit den Diensten zufrieden oder unzufrieden sind. Deren Rolle liegt viel­ mehr in der gemein­ amen s Definierung der Bedürfnisse, Prioritäten und Evaluierung. Dieser Ansatz bedeutet einen Paradigmenwandel, bei dem die Sichtweise der Menschen des Gemein­ e­ w sens als Leitprinzip gesundheitlicher Prioritäten­ etzung s genutzt werden.“ Ong & Humphris 1994, nach Naidoo & Wills 2003, S. 336

Open-Space-Konferenz „Gesundheitsförderung im Stadtteil“
Die Landesvereinigung für Gesundheit Niedersachsen führte im November 2004 eine zweitägige Konferenz zum Thema durch. Sie wurde als Open Space angelegt, um •  aum für Begegnungen zu schaffen, R •  ragfähige Kontakte zwischen Professionellen aus der Stadtteilarbeit, t der Gesundheitsförderung, Krankenversicherung und kommunalen Ansprechpartnern anzubahnen, •  ie Möglichkeit zum Austausch praxisrelevanter Ideen und Konzepte d zu geben, •  raxisnah zu sein und p •  andlungsprinzipien und konkrete Projektideen für die GesundheitsförH derung mit eher schwer erreichbaren Zielgruppen zu vermitteln. Der Ablauf der beiden Konferenztage und die Grundlagen der Open-Space-Methode sind sehr anschaulich dargestellt unter www.gesundheit-nds.de/dokumentationen/bis2006/ gesundheitsfoerderungimstadtteil.htm

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Kapitel 2 – Wie steht es um  die Gesundheit im Quartier?
Planning for Real Planning for Real ist ein Planungsverfahren zur Aktivierung und Beteiligung von Bür­ gerinnen und Bürgern zur Gestaltung ihres Stadtteils. Grundlage ist hier die Anerken­ nung der Bewohner und Bewohnerinnen als Experten, die ermutigt werden sollen, die Angelegenheit in die eigenen Hände zu neh­ men. Konkrete Anwendungsfelder sind u.a. Planungsprozesse zur Gestaltung eines Spiel­ platzes, Innenraumgestaltung, Erar­ ei­ung b t von Grundlagen für den Aufbau von Projek­ ten zur Verbesserung des Stadtteils, Entwick­ lung einer Konzeption für ein Jugend-, Ge­ meinschafts- oder Nachbar­ chaftshaus. Dabei s spielt es keine Rolle, ob das Verfahren von kleinen oder großen Gruppen begonnen wird. Zentrales Element des Planning for Real ist ein Modell des Gebäudes oder der Nach­ ar­ b schaft, beispielsweise aus Pappe, anhand des­ sen an belebten Orten das Gespräch mit den Menschen gesucht wird. Die Methode wird im Internet in einem zehnseitigen Dokument, verfügbar unter www.planning-for-real.de/pfr-schritte.pdf, vorgestellt. Zukunftswerkstatt Bei einer Zukunftswerkstatt werden die Teil­ nehmenden dabei unterstützt, sich ihrer Ideen, Probleme, Wünsche und Konzepte bewusst zu werden und diese zu formulieren. Eine Zukunftswerkstatt kann helfen, krea­ tive Ideen für bestehende Probleme zu ent­ wickeln. Zunächst werden Probleme aus Sicht der Teilnehmenden zusammengetragen und Prio­ ritäten festgelegt. In einer zweiten kreativen Phase werden die ausgewählten Probleme „umdefiniert“ und Utopien entwickelt. Diese Utopien werden dann in einer dritten Phase wieder in Bezug zum Alltag gesetzt und Strategien und Umsetzungsschritte formuliert.

In der Online-Fassung der Arbeitshilfen unter www. gesundheitliche-chancengleichheit.de/: arbeitshilfen und auf der diesem Ordner beiliegenden CD finden Sie ein Interview zur Nutzung der Methode der Blitzbefragung im Projekt „Schutzengel“ und einen beispielhaften Befragungsbogen dazu.

Weitere Informationen zur Methode Zukunfts­ erkstatt unter www.sowi-online.de/ w methoden/zukunft.htm Die Dokumentation einer großen Zukunfts­ werkstatt ist im Internet unter www.pro-leipzig-bib.de In diesem Projekt wurden mit Langzeit­ arbeits­osen Ideen entwickelt, um gemeinsam l aktiv zu werden. Die Methode lässt sich aber auch in einen Projektablauf integrieren.

„Naschgarten“, Holzminden
Der „Naschgarten“ ist ein Projekt zur allgemeinen Adipositas-Prävention im kommunalen Setting. Im Projekt „Naschgarten“ wurde unter der aktiven Beteiligung von Kindern im Vorschul- und Grundschulalter an der Planung, Gestaltung und Pflege eine kernstadtnahe Grünfläche als kindgerechte Erlebniswelt umgestaltet, in der verzehrbare Pflanzen dominieren. Ein Bolzplatz wurde integriert. Projektziel ist die Steigerung des Wohlbefindens der Kinder, die Steigerung des Kohärenzempfindens (sense of coherence) durch die Teilhabe an sozial anerkannten Akti­ vitäten, die Reduktion der körperlichen Inakti­ vität sowie eine Veränderung der Wahrnehmung von pflanzlichen Lebensmitteln. Das Projekt lebt von der Beteiligung der Einrichtungen in Holz­ in­ en, die mit Kindern arbeiten. Zielgrupm d pe sind Kinder mit und ohne Migrationshinter­ grund. Am Anfang wurde auf dem Gelände ein Fest gefeiert, um den Eltern, Kindern und den be­ treuenden Pädagoginnen und Pädagogen das Gelände zu zeigen. In der Planungsphase wur­ den die Kindertagesstätten, Grundschulen und anderen Kin­ er- und Jugendeinrichtungen wie d u.a. das Jugendzentrum und die Kirchen­ e­ ein­ g m

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den angesprochen und jedem Partner eine 50 qm gro­ e Gartenparzelle zur Gestaltung anvertraut. Die ß Ein­ ichtungen besprachen dann mit ihren Kin­ ern r d erst einmal intern, wie sie sich ihren Garten vorstellen. Es wurden „Naschgarten-AG’s“ gegründet. Im Projektverlauf wird eine weitere Stufe der Betei­ igung in Form von Zukunftswerkstätten nach l Georg Coenen durchgeführt. Dieser vereinfachte das Modell der Zukunftswerkstatt von Robert Jungk im Rahmen des Projekts „Grün macht Schule“ in Berlin für die Anwendung zur partizipativen Schulhof- und Spielraumgestaltung. Hier werden die Kinder im Grundschulalter aktiv in die weitere Planung des Geländes mit einbezogen. Diese Werkstatt findet an zwei Tagen statt. In einem ersten Schritt wird eine Themensammlung initiiert. Durch die drei zentralen Fragestellungen „Was soll bleiben?“, „Was soll weg?“ und „ Was fehlt?“ sowie einen kurzen Dia-Vortrag zu Elemen­ ten der Spielraumgestaltung sollen die Ideen der Kinder gesammelt werden. In einem zweiten Schritt werden Themenspeicher erstellt. Die Kinder

kön­ en mit Hilfe von Klebeplättchen selber dem n von ihnen favorisierten Thema einen Punkt geben. Auf diese Weise soll das Meinungsbild der Kinder herausgearbeitet werden. Im Anschluss wird unter Mitwirkung eines Landschaftsplaners diskutiert, welche Themen bzw. Ideen wie umgesetzt werden können. Voraussetzung für die aktive Einbeziehung der Kinder ist die persönliche Beziehung, die die Pro­ jektleiterinnen und Projektleiter zu der Zielgruppe (Kinder, Eltern, Pädagoginnen und Päda­ ogen) g aufge­ aut haben. Deshalb wurden vor allem in b der Pla­ ungsphase verschiedene Aktivi­ äten zum n t gegen­ eitigen Kennenlernen (Feste, Info-Stände s bei Stadtteilfesten, Lagerfeuer usw.) durchgeführt. Partizipation verlangt ein langsames und an die Voraussetzungen der Zielgruppe angepasstes Vorgehen. Weitere Informationen zu diesem Projekt unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de und www.naschgarten.com

Checkliste: Wie steht es um die Gesundheit im Quartier?

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W  ie kann die Zielgruppe in den Prozess der Bedarfsermittlung einbezo­ gen werden? W  elche Strukturen oder Personen können den Zugang zur Zielgruppe vermitteln? G  ibt es lokale Expertinnen und Experten, die Hinweise auf den Bedarf geben können? W  ie soll die Befragung der Zielgruppe im Stadtteil bzw. in der Gemeinde er­ folgen? Welche Methode soll genutzt werden? W  elche personellen und finanziellen Ressourcen stehen für die Erhebung bzw. die Befragung zur Verfügung?

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W  elcher Umfang der Befragung ergibt sich aus den zur Verfügung stehenden Ressourcen? W  ie und wo können die Ergebnisse der Bedarfsermittlung den Beteiligten präsentiert und mit ihnen diskutiert werden? D  urch welche Aktionen bzw. Veranstaltungen lassen sich weitere partizipative Prozesse anstoßen? W  elche Bedarfe ergeben sich aus der Befragung in Hinblick auf die geplan­ ten Maßnahmen?

Tipps zum Weiterlesen
finden Sie am Ende des Kapitels 3

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Kapitel 3 – Ein Stadtteil bewegt sich

Gesundheitsförderung nach dem Lebenswelt-Ansatz (Setting-Ansatz) bedeutet für den Stadtteil, dass die Bewohnerinnen und Bewohner befähigt werden, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, eigene Stärken zu erkennen und Einfluss auf die Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse nehmen zu können (vgl. zum Lebenswelt-Ansatz Heft 1). Kernprinzipien des Lebenswelt-Ansatzes sind auch im Programm Soziale Stadt zu finden (Partizipation, intersektorale Zusammenarbeit verschiedener Politiker etc.). Bestandteil des Lebenswelt-Ansatzes ist die Annahme, dass die aktive Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an stadtteilbezogenen gesundheitsförderlichen Entschei­ ungen d zu einer Stärkung des Gefühls der Verstehbarkeit, Machbarkeit, Sinnhaftigkeit und damit des Vertrauens, den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein, führt. Je ausgeprägter das Kohärenzgefühl1 ist, desto gesünder dürfte eine Person sein bzw. desto schneller sollte sie gesund werden. Außerdem dürfte sie in der Lage sein, ihre Ressourcen flexibler einzusetzen. Im Folgenden werden Methoden vorgestellt, die die Entwicklung des Stadtteils zu einem gesundheitsförderlichen Setting unterstützen können. Das nachfolgende Beispiel der „Kiezdetek­i­ t ve“ aus Berlin zeigt, wie die frühe Einbe­ ie­ z hung der Zielgruppe Kinder und Jugendliche in den Prozess der Planung und Gestaltung erfolgen kann und die Beteiligung in nachhal­ tige partizipative Strukturen überführt werden können.

1  ef. Kohärenzgefühl D bezeichnet das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit, Verstehbarkeit, Mach­ barkeit des eigenen Erlebens.

„Kiezdetektive“ in Berlin-Kreuzberg, Kinderbeteiligung für eine gesunde und zukunftsfähige Stadt
Trotz des niedrigsten Sozialindexes Berlins, höchs­ er Arbeitslosenrate, zweithöchstem Anteil t an Sozialhilfeempfängerinnen bzw. -empfängern und Migrantinnen bzw. Migranten, Wohnungen mit hoher Bele­ ungsdichte und den daraus re­ ul­ g s tierenden Pro­ le­ en ver­ ügt der Bezirk über viele b m f wert­ olle Ressour­ en. Hier setzt auch das Projekt v c zur Kinderbe­ ei­i­ ung „Kiezdetek­ ive“ an – eine t lg t Idee, die vom Kin­ er- und Jugend­ üro Marzahn d b entwickelt wur­ e. In enger Koope­ ation zwischen d r dem Gesunde-Städ­ e-Netzwerk und der Lokalen t Agenda 21 wurde 1999 begonnen, Kinder als Experten in eige­ er Sa­ he in Pla­ ungs- und Ent­ n c n schei­ ungs­ rozesse zur nachhaltigen gesunden d p Stadtent­ icklung und -ge­ tal­ ung einzubinden. w s t Die Kinderbeteiligung ist als langfristiges Projekt an­ elegt. Die Kiezerkundungen, die Kinder­ er­ g v samm­ung und die Ergebniskontrolle werden als l

nachhal­ i­ e Pla­ ungs- und Koopera­ ions­ truk­ ur in tg n t s t bezirk­iche Ent­ chei­ ungs­ rozesse einbezogen. l s d p Zunächst ermittelten die Kinder, welche Stadtge­ bie­ e „begehungsbedürftig“ sind und welche t Fragestel­ungen bei der Begehung berücksichtigt l werden – zum Beispiel nach Belastungen (Geräusche, Ver­ ehrsgefahren, Gewaltbedrohung), aber auch k nach Rückzugs- und Entspannungsräumen (Spiel-

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Aktiv werden für Gesundheit · Heft 2

plätze, öffentliche Parks etc.). Die Begutachtung des aus­ ewählten Gebietes erfolgte dann gemeinsam g mit den pädagogischen Betreuungskräften, wobei diese sich stets im Hintergrund hielten, sodass es allein den Kindern und Jugend­ichen oblag, welche l Pro­ leme und „Schätze“ in die Listen aufgenommen b wurden. Die Kinder doku­ entierten ihre Beobach­ m tungen in Form von Fotos, Notizen und selbst gemal­ ten Bildern. Anschließend erfolgten die Aus­ er­ w tungen des gesammelten Materials (im Unter­ icht) r und die Formulierung von Maßnahmen. Im nächsten Schritt wurde die Präsentation gestaltet und schließlich die Kinderversammlung durch­ eführt. g Partizipationsmöglichkeiten bestehen nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Eltern sowie den ge­ amten Stadtteil. So gelang es in Friedrichshains Kreuzberg auf politischer Ebene, alle für die Um­ setzung wichtigen Ressorts (Gesundheit und Sozia­ les, Jugend und Familie sowie Stadtent­ icklung) und w auch den Bezirksverordnetenvorsteher in das Pro­ekt j einzubinden. Ebenso wurden die Projektergeb­ isse n an öffentlichen Plätzen ausgestellt, sodass interessierte Bewohnerinnen und Bewohner Einblick nehmen und Verbesserungsvorschläge einbringen konnten. Auf so genannten Nachbarschafts-Talent­ bögen konnten die Bewohnerinnen und Bewohner festhalten, über welche spezifischen Fähigkeiten sie verfügen und inwieweit sie bereit sind, diese für eine positive Gestaltung des Stadtteils einzusetzen. Weitere Informationen zu diesem Projekt unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de, www.berlin.de/ba-friedrichshain-kreuzberg/ verwaltung/org/planleit/kiedetektiveprojektbeschreibung.html und unter www.sozialestadt.de/praxisdatenbank/ suche/ausgabe.php?id=85&

Stadtteile mit vielen sozialen Problemlagen benötigen eine besondere Vorgehensweise, um die Lebensverhältnisse der Menschen im Quartier zu verbessern. Prävention und Gesundheitsförderung sind wesentliche Elemente dieses Prozesses. Die Beteiligung der Bevölkerung ist ein wich­ tiger Baustein für eine erfolgreiche Quartiers­ entwicklung. Dafür müssen entsprechende Methoden und Verfahren eingesetzt werden. Sie ermöglichen es, dass bei der Projekt- und Maßnahmeplanung dem Bedarf und den Bedürfnissen der Betroffenen Rechnung ge­ tragen wird. Dadurch können Fehlplanungen und Fehlinvestitionen vermieden oder redu­ ziert werden. Eine Planungsmethode für die Entwicklung eines Stadtteils, bei der die Bevölkerung ein­ bezogen wird, ist die Aktivierende Befragung.

„Diese sozialen Erhebungen sind genauso erforderlich wie Planungskosten in der städtebaulichen Sanierung. Bei verkehrstechnischen und baulichen Verfahren hinterfragt niemand die Planungskosten. Befragun­ gen der Bevölkerung werden oftmals als zu teuer ange­ ehen, obwohl sie s maß­ eb­ ich die Akzeptanz g l von Vor­ aben erhöhen h könnten.“ Helene Luig-Arlt, Büro für Stadtteilmanagement, Langballig (Schleswig-Holstein)

Aktivierende Befragung
Das Hauptinteresse dieser Methode liegt in der Aktivierung der Bürgerinnen und Bürger, sich selbst um die eigenen Belange zu küm­ mern, um mehr Bürgerbeteiligung in der Gemein­ esenarbeit zu initiieren. w Entscheidend ist dabei, den durch die Befra­ gung in Gang gesetzten Prozess der Betei­i­ l gung fortzusetzen, und dass im Anschluss an die Befragung Versammlungen und weitere Aktivitäten folgen. Dadurch soll im Gegen­ satz zur Ohnmacht ein Prozess der Handhab­ bar­ eit von Problemen eingeleitet werden. Im k Sinne der Gesundheitsförderung entspricht dieses Vorgehen der Strategie „Selbstbe­ fähi­ ung durch Partizipation“. Die Methode g der Aktivierenden Befragung ist deshalb beson­ ers geeignet, Bedarfsermittlungen im d Bereich der Gesundheitsförderung im Setting Stadtteil durchzuführen.

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	 Kapitel 3 – Ein Stadtteil bewegt sich

Auf den Anfang kommt es an! „Die umfangreiche Vorun­ tersuchung gibt eine gute Grundlage für die spätere Aktivierungsarbeit. Die Kombination von sub­ek­ iven j t (eigene Erhebung) und objektiven (vorhandene Daten, Statistiken etc.) Faktoren helfen, ein Gebiet weitaus umfassender zu erfassen und zu begreifen.“ „Wir haben darauf geachtet, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine Erwartungen geweckt werden. Es sollte ja erst die Auswertung der Untersuchung ergeben, in welchem Quartier letztend­ lich aktiviert werden soll.“ Brigitta Kammann, Büro für Gemeinwesenarbeit der Evangelischen Gemeinde zu Düren, nach: www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/ aktivierende-befragung/ praxisbeispiele/ voruntersuchung/104103/

Merkmale einer Aktivierenden Befragung: n  s wird nach dem Ablaufplan fachlich vor­ E gegangen. n  s wird mit offenen Fragestellungen gear­ E beitet. n  ie Beteiligten werden systematisch vorbe­ D reitet und trainiert. n  ie entstandenen Aktivitäten werden wei­ D terhin begleitet und unterstützt. Quelle: www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/ aktivierende-befragung/104060 Die Kosten einer Aktivierenden Befragung sind abhängig von der Befragungsgröße: Gebiet, Anzahl der Befragten und damit Zeit. Wichtig ist, die Kapazitäten nach der Bewoh­ nerversammlung einzuplanen, um die Akti­ vier­en bei ihrer Selbstorganisation unterstüt­ t zen zu können. Die Aktivierende Befragung ist lohnend, wenn nachher auch Interesse an und Frei­ raum für selbst organisierte neue Aktivitäten besteht und auch personelle Kapazitäten da sind, diese bei Bedarf zu begleiten.

2. Schritt > Hauptuntersuchung (Fragebogenentwicklung und Befragung) Die Hauptuntersuchung basiert auf den Ergeb­ issen der Voruntersuchung. In der n Regel werden eine schriftliche Befragung mit­ tels Frage­ ögen und/oder eine mündliche b Befra­ ung mit Hilfe von Leitfäden (wichtige g Fragen, die eine Fokussierung des Interviews herbeiführen sollen) durchgeführt. 3. Schritt > Auswertung und Aktivierung Die Auswertung der Befragung kann in Form von Häufigkeiten oder aber in Bezug auf die offenen Fragen als verdichtete Beschreibung in Hinblick auf die aus der Voruntersuchung herausgearbeiteten Themen erfolgen. Viele Untersuchungen schließen im Unter­ schied zu der Aktivierenden Befragung mit dem Ergebnisbericht und/oder einer Präsen­ tation ab. Bei einer Aktivierenden Befragung erfolgt im dritten Schritt die Diskussion der Ergebnisse mit den Befragten. Im Sinne einer Aktivierung wird eine konkrete Aktion oder Bildung von Interessengruppen der Beteilig­ ten angestrebt. Wichtig ist die Art der Befragung Offene Fragen sind in der Aktivierenden Be­ fra­ ung aussagekräftiger. Sie eröffnen die g Mög­ichkeit, nach den Gründen und Wün­ l schen der Befragten zu fragen. Werden g ­ eschlossene Fragen verwendet (Fragen, die mit „ja“ oder „nein“ zu beantworten sind), so sollten sie ergänzt werden: „Wenn ja, w ­ arum?“, „Wenn nein, warum nicht?“

Die Vorgehensweise bei einer Aktivierenden Befragung
1. Schritt > Voruntersuchung Voruntersuchungen zum Stadtteil liefern ers­ te wichtige Informationen, auf denen die Befra­ ung aufbauen kann. g Voruntersuchungen können mit Hilfe von Ortsbesichtigungen, Statis­ik­ uswertungen, t a Gesprächen mit Expertinnen und Experten sowie Bewoh­ erinnen und Bewohnern erfol­ n gen. Die Auswertung dieser Informationen kann auf der Basis von Häufigkeiten erfolgen oder aber in Bezug auf die Zielsetzung zur Bildung von Schwerpunkten genutzt werden.

Beispielfragen:
Welche Veränderungen würden Ihrer Meinung nach den Stadtteil aufwerten? Was gefällt Ihnen nicht im Stadtteil?

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Worauf sollte bei der Befragung geachtet werden? Ein wichtiger Schritt ist die Schulung bzw. Vorbereitung der Fragenden, die die Interviews im Stadtteil durchführen sollen.

Beispiel für die Anwendung der Methode bei geringen zeitlichen und personellen Ressourcen:

Büro für Gemeinwesen­ rbeit der a Evangelischen Gemeinde zu Düren
„Über »kleine Aktivierende Befragungen« sollen neue Personen den Zugang zu den Aktivitäten, Arbeitsgruppen, Gremien und Räumlichkeiten der Organisation finden. Zusammengefasst sind die Ziele der »kleinen« Aktivierung: die Leben­ igkeit und Offenheit der Organisation bewah­ en, d r die Zufriedenheit und Motivation von Akti­ en stärken und aufrechterhalten, v neue Men­ chen im Viertel, ihre Sichtweisen, ihre Interes­ en kennen lernen s s und mögliche Anknüpfungs­ unkte für gemein­ a­ es Handeln herausfinp s m den, neue interessierte Menschen aus dem Viertel für die aktive Mitarbeit in der bestehenden Bewohnerorganisation (z.B. Interessengemein­ chaft, s Nachbarschaftsverein) gewinnen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass zur Errei­ hung der oben genannten c Ziele »kleine Aktivie­ ende Befragungen« ohne großen Per­ onal­ uf­ and r s a w und aufwändige öffentlichkeits­ irksame Aktionen sehr wirkungsvoll sind. w Es ist zu be­ ücksichtigen, dass es bei unseren »kleinen Aktivierenden r Befragungen« um Akti­ ierungs­ rbeit mit bereits im Viertel vorhan­ enen v a d Struk­ uren, wie z.B. Bewohnervereinen, geht. Sie können gemeinsam t mit einzelnen Bewohner/in­ en, einer/m Praktikant/in oder Kolleg/in n durch­ eführt werden. Dazu müssen der zeitliche Um­ ang (ca. drei bis fünf g f Wochen) und die besondere Zielgruppe der Befragung auf ein realistisches Maß beschränkt werden.“ Quelle und weitere Informationen hierzu unter www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/aktivierende-befragung/ praxisbeispiele/nachbarschaftsorganisation-in-dueren/104100 Ley, A. & Weitz, L. (Hrsg.) (2009). Praxis Bürgerbeteiligung. Ein Methodenhandbuch. Arbeitshilfen für Selbsthilfe- und Bürger­ initiativen Nr. 30. Bonn, Verlag Stiftung Mitarbeit. Preis dieses Handbuches: 10,- Euro Lipp, U. & Will, H. (2008). Das große Workshop-Buch. 8. Auflage. Weinheim, Beltz Verlag Lüttringhaus, M. & Richers, H. (2007). Handbuch Aktivierende Befragung. Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis. 2. Auflage. Bonn, Verlag Stiftung Mitarbeit. Preis dieses Handbuches: 10,- Euro * auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden

„Zuviele auf einen Streich“, Befragung in Hamburg-St. Pauli
Es war hilfreich, die Befragungssituation vorher im Rollenspiel zu üben, die Mehrsprachigkeit der Fragenden zu gewährleisten und einen Testlauf durch­ uführen. z Weitere Informationen hierzu unter: www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/ aktivierende-befragung/praxisbeispiele/vielvor-und-zuwenig-nacharbeit-inhamburg/10409

Tipps zum Weiterlesen
Coulter, A. (2000). Stärkung des Einflusses von Patienten, Verbrauchern und Bürgern – die Effektivität politischer Instrumente. In: BZgA (Hrsg.). Bürgerbeteiligung im Gesund­ eitswesen – eine länderübergreifen­ h de Herausforderung. Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung, Band 10. Köln, BZgA, S. 138-151. Verfügbar unter: www.bzga. de/?id=medien&sid=58* Kliemke, Ch., Achtsnichts, B., Scheiber, A. & Vincenz, Ch. (2000). Stadtplanung und Gesundheitsförderung: Eine Untersuchung in Berlin-Reinickendorf und Berlin-Pankow. Technische Universität Berlin

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	 Kapitel 3 – Ein Stadtteil bewegt sich
Links zu den Themen „Bedarfserhebung im Quartier“ und „Aktivierung“
Wegweiser Bürgergesellschaft Modelle und Methoden der Bürger­ beteiligung von A bis Z. Neben vielen weiteren Methoden wird hier auch die Aktivierende Befragung ausführlich dargestellt. Methoden der partizipativen Qualitäts­ entwicklung – entwickelt vom Wissen­ schaftszentrum Berlin (WZB) – AG Public Health und Gesundheit Berlin e.V. Zahlreiche Beiträge, Praxisbeispiele etc. Tools und Informationen zu Qualitäts­ entwicklung und Projektmanagement www.buergergesellschaft.de/politische-teilhabe/ modelle-und-methoden-derbuergerbeteiligung/103413/

Interaktives Handbuch

www.partizipative-qualitaetsentwicklung.de

Bundestransfer­ stelle Soziale Stadt Quint-Essenz, Gesundheitsförde­ rung Schweiz SoWi – InternetPortal für sozial­ wissenschaftliche Unterrichtsfächer und ihre Didaktik The Community Tool Box

www.sozialestadt.de

www.quint-essenz.ch

Stellt aktivierende Methoden wie Zukunftswerkstatt und Open Space vor

www.sowi-online.de/methoden

Umfangreiche englisch- und spanisch­ sprachige Toolbox mit Informationen, Hilfen, Anleitungen, Checklisten rund um das Thema Gesundheitsförderung. Erstellt von der Universität Kansas. Trainings zur Frage „Wie werden Bürger zu Akteuren?“

http://ctb.ku.edu/en/tablecontents/chapter_1003.htm

Forum Community Organizing

www.forum-community-organizing.de

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Kapitel 4 –  trukturen der Gesundheits­ S förderung im Stadtteil
Gesundheitsförderung nach dem Lebenswelt-Ansatz ist ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess. Die Bewohnerinnen und Bewohner erlernen, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, eigene Stärken zu erkennen und Einfluss auf die Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse zu nehmen (vgl. zum Lebenswelt-Ansatz auch Heft 1). Für die Verstetigung und die erfolgreiche Arbeit sind Strukturen notwendig, in denen langfristig auch die politischen Entscheidungsträger (Verwaltung, Bürgermeister etc.) einbezogen sind.

Um Aktivitäten der Gesundheitsförderung im Quartier zu initiieren und zu unterstüt­ zen, gibt es verschiedene Formen der Zu­ sam­ enarbeit. Sie müssen in ihrer Arbeits­ m weise der Vielfalt der Akteure, ihren unter­ schiedlichen Interessen, Zuständig­ eiten etc. k Rech­ ung tragen. n

Häufig können bereits beste­ en­ h de Strukturen im Quartier sehr gut genutzt werden, statt eigene Be­ eiligungsprozesse anzu­ t stoßen. Das Thema „Gesund­ heitsförderung und Prävention im Stadt­ eil“ kann z.B. in einen Stadt­ eil­ at t t r eingebracht werden.

Methoden
Runde Tische Runde Tische sind zumeist lockere Zusam­ menschlüsse interessierter Institutionen und Einzelpersonen, die gemeinsam zu einem Thema arbeiten möchten. Sie sind gut geeig­ net, gesundheitsbezogene Themen kontinu­ ierlich zu bearbeiten. Schwerpunktthemen können von Sitzung zu Sitzung, aber auch über einen längeren Zeitraum festgelegt werden und anschließend z.B. in Form von Ver­ nstaltungen, Präsentationen oder ande­ a

ren Medien veröffentlicht werden. Da Runde Tische offen für neue Mitglieder sein sollten, kann sich hier über die Zeit ein Kreis von Akteuren zusammenfinden, der gemeinsam am Thema arbeiten möchte. Die relativ offene und unverbindliche Arbeits­ eise von Runden Tischen ist ihre w Stärke und gleichzeitig auch eine Schwie­ rigkeit: Zum einen können interessierte Akteure relativ leicht eingebunden werden, andererseits aber ist es oft schwierig, diese kontinuierlich zu halten. Dies ist leichter, wenn auf gemeinsame Ziele hingearbeitet werden kann. Die Verantwortung für die Betreuung der Arbeitsstruktur (z.B. Verschickung von Ein­ ladungen und Protokollen, Organisation von Räumen, Moderation) sollte klar geregelt sein und bei einer Institution bzw. einem Zusam­ menschluss von Akteuren liegen, die in dem jeweiligen Arbeitsfeld aktiv sind. Das können das Quartiersmanagement, das Gesund­ eits­ h amt oder auch ein freier Träger sein.

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Kapitel 4 – Strukturen der Gesundheits­  förderung im Stadtteil

Runder Tisch „Prävention von Kinderunfällen in Dortmund“
Der Runde Tisch „Prävention von Kinderunfällen in Dortmund“ wurde mit dem Ziel gegründet, Verkehrsunfälle und häusliche Unfälle langfristig zu vermindern. Dazu werden innerhalb und außerhalb der Nordstadt verschiedene Aktivitäten, Aktionswochen, Veranstaltungen mit Schulen, Kindergärten, Eltern und Anwohner/innen des Wohnviertels durchgeführt. Damit sollen Eltern und Kinder über mögliche Unfallursachen in der Wohnung, im Wohnumfeld und im Straßenverkehr und deren Vermeidung aufgeklärt werden. Die Verkehrssicherheitsmaßnahmen sollen aber auch eine Sensibilisierung der Bewohner/innen und Politiker/innen, ja, aller Verkehrsteilnehmer/innen für diese Problematik fördern und die gemeinsam entwickelten Vermeidungsstrategien unterstützen. Weitere Informationen hierzu unter www.kinderschutzbund-dortmund.de/f027/f013

Aktionsbündnis Gesundheit im Oberhausener Knappenviertel
Die Initiative bringt unterschiedliche Partner im Quartier zusammen, um Maßnahmen zur Verbesserung der Kindergesundheit anzustoßen. Weitere Informationen hierzu unter www.soziale-stadt.nrw.de/ stadtteile_projekte/projekte/aktionsbuendnis_gesundheit.php Arbeitsgruppen Arbeitsgruppen finden sich zusammen, um gemeinsam an der Lösung eines kon­ kreten Problems zu arbeiten. Aus die­ sem Grunde haben Arbeitsgruppen (im Unterschied zu Runden Tischen) meist nur eine zeitlich begrenzte Dauer. Dies erleichtert die Einbindung von Partnern, die an einer kontinuierlichen Mitarbeit nicht interessiert sind oder sie aus anderen Gründen nicht dauerhaft gewährleisten kön­ nen. In Arbeitsgruppen sollten vor allem Teilnehmerinnen und Teilnehmer vertreten sein, die über Erfahrungen mit dem jeweili­ gen Thema verfügen und deshalb aktiv zu den Lösungsvorschlägen beitragen können. Damit die Arbeit möglichst zielgerichtet ge­ staltet wird, ist eine gute Moderation wichtig. Diese gewährleistet, dass eine klare und von allen Mitgliedern geteilte Aufgabenstellung formuliert wird, dass im Prozess die Aufgaben verteilt und ihre Erfüllung sowie das Gesamtergebnis der Arbeit überprüft werden. Gesundheitskonferenzen Gesundheitskonferenzen sind Veranstal­ tungen, die gesundheitsbezogene Themen und Fragestellungen in einem größeren Teilnehmerkreis präsentieren und zur Diskussion stellen. Gesundheitskonferenzen sollten möglichst unter einem konkreten Thema stehen (z.B. „Suchtprävention in un­ serem Stadtteil“ oder „Gesunder, kinderge­ rechter Stadtteil“).

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Zum Teil werden die Konferenzen von den Gesundheitsämtern durch die Erstellung ei­ nes Berichts (z.B. zur gesundheitlichen Lage der älteren Bevölkerung, zum Bewegungsver­ halten der Kinder) vorbereitet. Die Berichte

werden auf der Konferenz vorgestellt und bil­ den eine gute Grundlage für die Diskussion. Gesundheitskonferenzen sind offen für alle Interessierten, also auch für die Bewohne­ rinnen und Bewohner im Stadtteil.

Gesundheitskonferenzen im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf
Die Gesundheitskonferenzen des Bezirks finden ein bis zwei Mal im Jahr statt und geben Interessierten die Möglichkeit, gesundheitliche Themen (z.B. Kindergesundheit) zu diskutieren. Dokumentationen der Gesundheitskonferenzen unter www.berlin.de/ba-marzahn-hellersdorf/verwaltung/gesundheit/gesundheitskonferenz.html

Gesundheitshäuser Auch Orte können ein „Anker“ für Gesund­ heitsförderung im Quartier sein. In Gesund­ heitshäusern gibt es eine Vielzahl von offe­ nen Angeboten, und es können viele Impulse

für das Thema Gesundheit in den Stadtteil hi­ nein gegeben werden. Interessenten für neue Themen finden hier Unterstützerinnen und Unterstützer und Hilfe durch die Einrichtung.

Gesundheitshaus Gelsenkirchen-Bismarck
Das Gesundheitshaus unterhält niedrigschwellige Gesundheitsförderungsangebote für schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen. Weitere Informationen hierzu unter www.sozialestadt.de/veroeffentlichungen/arbeitspapiere/ band10/3.6-gelsenkirchen-gesundheit.phtml

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Kapitel 4 – Strukturen der Gesundheits­  förderung im Stadtteil
Netzwerkarbeit erfolgreich gestalten
Erfolgreiche Netzwerke brauchen gemeinsa­ me Ziele und tragfähige kommunikative und soziale Strukturen. Sie müssen sich immer wieder aktuellen Anforderungen stellen und neue Entwicklungen aufgreifen. Was sind Voraussetzungen für funktionierende Netzwerke? n  ooperationspartner möglichst früh ins K Boot holen! Sie sollten schon beim Aufbau des Netzwerkes beteiligt werden. n  ransparenz über Vorgehensweisen, T Arbeitsbedingungen usw.! Dazu zählt auch die Abstimmung von Arbeitsschritten und von Maßnahmen zur Öffentlichkeitsarbeit mit den Netzwerkteilnehmern. n  chaffung von Vertrauen, Gleichberechti­ S gung der Partner! Das bedeutet, Zusagen einhalten. Ein Netzwerk dient nicht zur Profilierung einzelner auf Kosten anderer. n  ontinuität und Verbindlichkeit! So finden K regelmäßige Treffen alle sechs Wochen statt. Protokolle und Geschäftsordnung regeln die verbindliche Teilnahme. Die Pflege des Verteilers und die Koordinierung der Einladung und der Treffen selber müs­ sen geregelt sein. Wo können Ursachen für Konflikte in Netzwerken liegen und welche Lösungen gibt es? n  nterschiedliche Ziele der einzelnen U Akteure – Einigung über ein grundsätzli­ > ches gemeinsames Ziel n  onkurrenz zwischen Trägern und K Professionen – Win-win – Situation ver­ > deutlichen n  etzwerke kosten Zeit! – Zeitkapazität N > für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung stellen
(Susanne Koch, AWO Begegnungszentrum, zitiert nach Gold et al. 2003)

„In der gesunden Stadt steht Gesundheit, körperliches, seelisches und soziales Wohlbefinden im Mittel-punkt aller – nicht zuletzt der politischen – Entschei­ ungen. d Zu den Zielen des Netz­ werkes gehört es daher, Gesundheitsförderung als gesellschaftspolitische Aufgabe im öffentlichen Bewusstsein zu verankern. Es verfolgt dieses Ziel in enger Zusammenarbeit mit Fachleuten des Gesund­ heits-, Sozial- und Bildungs­ wesens, der Arbeitsgebiete Umwelt, Wohnen, Stadt­ entwicklung, mit Initiativen, Projekten und der Selbst­ ilfebewegung. Ein h wich­ iges Prinzip der Arbeit t ist die Vernetzung, die den Transfer von Impulsen und Erfahrungen erleichtert.“ Gesunde Städte-Netzwerk Weitere Informationen zum Netzwerk unter www.gesunde-staedtenetzwerk.de. Dort finden Sie auch die Ansprechpersonen des Netzwerkes und die Ver­ ntwortlichen in den a Mitgliedsstädten.

Weitere Netzwerke zum Thema Gesundheits­ förderung im Stadtteil
Gesunde Städte-Netzwerk Das Gesunde Städte-Netzwerk der Bundes­ republik versteht sich als Teil des HealthyCity-Project der WHO (1987). Das Netzwerk ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Kommunen, die mit Selbstverpflichtungser­

klärung dem Netzwerk beigetreten sind. Es dient vor allem als Aktions- und Lernins­ trument, mit dem die Arbeit vor Ort im Sinne der Gesunde Städte – Konzeption unterstützt werden soll. Lokale Agenda 21 Mit der Erklärung der UNO-Konferenz von Rio de Janeiro (1992) wurde das Handlungs­ programm für nachhaltige Entwicklung Lokale Agenda 21 verabschiedet. Wie das Programm Soziale Stadt hat auch dieses Konzept zahlreiche Gemeinsamkeiten und zum Teil identische Ziele mit der Gesund­ heits­örderung. f Zahlreiche Kommunen haben sich dem Pro­ zess Lokale Agenda angeschlossen und dazu Handlungsempfehlungen verabschiedet. Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten (E&C) E&C war ein Begleitprogramm des Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend zum Bund-LänderProgramm Soziale Stadt. Auf der Internet­ plattform www.eundc.de finden Sie zahlreiche hilfreiche Informationen und Beiträge zum Thema Entwicklung und Chancen junger Menschen in sozialen Brennpunkten.

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Checkliste: Partner und Netzwerke

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W  elche Akteure und Partner im Stadtteil bezogen auf das Projektthema können für eine Kooperation gewonnen werden? W  elche Institutionen des Gesund­ heitsbereiches können als Multi­ plikatoren angesprochen werden? W  elche Kooperationsverbünde stellen Plattformen dar, die als Partner in Frage kommen? W  elche Arbeitsgruppen, Runden Tische oder regelmäßigen Gesund­ heitskonferenzen bieten sich zur Kooperation an? D  urch welche Strategien lässt sich die Zusammenarbeit mit den Partnern verstetigen?

Tipps zum Weiterlesen
Altgeld, Th. (2004). Expertise: Gesundheits­ fördernde Settingansätze in benachteiligten städtischen Quartieren. Verfügbar unter: www. eundc.de/pdf/09600.pdf * Altgeld, Th., Bächlein, B. & Deneke, Ch. (Hrsg.) (2006). Diversity Management in der Gesundheitsförderung. Nicht nur die leicht ­ rreichbaren Zielgruppen ansprechen. e Frankfurt/Main, Mabuse Verlag Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (2008). Partnerschaften und Strukturen in der gemeindenahen Gesundheitsförderung. Erlangen. Im Internet verfügbar unter: www.img.uni-bayreuth.de/de/ news/Neuerscheinungen/m2_bt_080520_ online.pdf * Geene, R., Graubner, S., Papies-Winkler, I., & Stender, K.-P. (Hrsg.) (2002). Gesundheit – Umwelt – Stadtentwicklung. Netzwerke für Lebensqualität. „Materialien zur Gesundheits­ förderung“, Band 9. Berlin, b_books Göpel, E. & GesundheitsAkademie (2012). Systemische Gesundheitsförderung. Gesundheit gemeinsam gestalten, Band 3. 2. Auflage. Frankfurt/Main, Mabuse-Verlag Kolip, P. (2008). Geschlechtergerechte Gesundheitsförderung und Prävention. In: Bundesgesundheitsblatt, Gesundheits­ forschung, Gesundheitsschutz, Band 51, 1/2008, S. 28-35 * auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden

Das Münchener Netzwerk REGSAM wurde 2010 durch den Kooperationsverbund „Gesundheits­ förderung bei sozial Benachteiligten“ als erstes Beispiel guter Praxis gesundheitsfördernder Netzwerkarbeit ausgewählt. REGSAM vernetzt Einrichtungen und Initiativen aus dem Sozial-, Gesundheits- und Schulwesen, städtische Re­­­ ferate, die politischen Entscheidungsgremien auf kommunaler Ebene sowie engagierte Bürge­­­ rinnen und Bürger. Weiterführende Informa­ tionen erhalten Sie unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/ good-practice/good-practice-beispiele/regsam und unter www.regsam.net.

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Kapitel 5 – Partizipation der Zielgruppe

„Es gibt einen entschei­ en­ d den Unterschied zwischen dem Durchlaufen eines lee­ ren Rituals der Partizi­ ation p und dem Verfügen über die Macht, die man braucht, um die Ergebnisse des Prozesses zu beein­ lussen.“ f Sherry Arnstein 1969 (nach Wright, Block & von Unger 2007, S. 4)

Gesundheitsförderung zielt darauf ab, Menschen zu befähigen und ihnen mehr Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermöglichen. Damit wird Partizipation (Beteiligung) zu einem zentralen Prinzip gesundheitsförderlicher Aktivitäten. Aber Partizipation ist auch ein Entwicklungsprozess. Alle Betei­igten müssen in diesem Prozess ihre Erfahrungen machen. l Welche Stufen dabei durchlaufen werden können, wird auf den folgenden Seiten d ­ argestellt. Expertinnen und Experten haben oft (kla­ re) Vorstellungen davon, was Zielgruppen brauchen, welche Probleme vorhanden sind und mit welchen Strategien diese bearbeitet werden sollten, um gesundheitsförderliche Strukturen und Pro­ esse zu initiieren. z Um die Bedürfnisse einer Zielgruppe in Er­ fahr­ ng zu bringen, ist ein partizipatives u Vorgehen notwendig. Die Beteiligung der Zielgruppe… n  rhöht die Chance, dass passgenaue e Maßnahmen entwickelt werden, n  ichert die Akzeptanz der Interventionen s und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit, dass diese angenommen werden und Wirkungen entfalten können, n  tärkt die demokratische Kultur, s n  ktiviert die Betroffenen, für ihre eigenen a Belange einzutreten und befähigt sie, dies auch in anderen Zusammenhängen zu tun, n  tärkt den sozialen Zusammenhang in s den jeweiligen Lebenswelten (z.B. Schule, Betrieb, Nachbarschaft) und n  erhindert Fehlinvestitionen, da nicht am v Bedarf der Zielgruppe vorbei geplant wird.

„Nach unserem Verständnis ist Partizipation kein Ent­ e­ w der/Oder, sondern ein Ent­ wicklungsprozess. In vielen Settings müssen zunächst Vorstufen der Partizipation realisiert werden, bevor eine direkte Beteiligung an Ent­ chei­ ungsprozessen s d mög­ich ist. Allerdings muss l die Anmahnung von Arnstein ernst genommen werden: Viele Maßnahmen, die sich für partizipativ halten, bieten keine Möglichkeit für eine Beeinflussung der Entschei­ dungsprozesse durch die Bür­ er/innen und sind daher g nicht als parti­ ipativ einzu­ z stufen.“ Michael Wright, Martina Block und Hella von Unger 2007

Im Folgenden wird ein Modell vorgestellt, das es Ihnen ermöglicht einzuschätzen, welche Stufe der Partizipation in Ihrer Einrichtung bzw. in Ihrem Projekt erreicht wurde.

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Aktiv werden für Gesundheit · Heft 2

Das Modell zur Beurteilung der Partizipation sieht insgesamt neun Stufen vor
Stufe 9 Selbst­ organisation Eine Maßnahme bzw. ein Projekt wird von Mitgliedern der Zielgruppe selbst initiiert und durchgeführt. Häufig entsteht die Eigeninitiative aus eigener Betroffenheit. Die Entscheidungen trifft die Zielgruppe eigen­ ständig und eigenverantwortlich. Die Verantwortung für die Maßnahme liegt bei der Zielgruppe. Alle Entscheidungsträger sind Mitglieder der Zielgruppe. Die Zielgruppenmitglieder bestimmen alle wesentlichen Aspekte einer Maßnahme selbst. Dies geschieht im Rahmen einer gleichberechtigten Partnerschaft mit einer Einrichtung oder anderen Akteuren. Andere Akteure außerhalb der Zielgruppe sind an wesentlichen Entscheidungen beteiligt, sie spielen jedoch keine bestimmende, sondern eine begleiten­ de oder unterstützende Rolle. Ein Beteiligungsrecht stellt sicher, dass die Zielgruppe bestimmte Aspekte einer Maßnahme selbst bestimmen kann. Die Verantwortung für die Maßnahme liegt jedoch in den Händen von anderen, z.B. bei Mitarbeiter/innen einer Einrichtung Die Entscheidungsträger halten Rücksprache mit Vertreter/innen der Zielgruppe, um wesentliche Aspekte einer Maßnahme mit ihnen ab­ zustimmen. Es kann zu Verhandlungen zwischen der Zielgruppenver­ tretung und den Entscheidungsträgern zu wichtigen Fragen kommen. Die Zielgruppenmitglieder haben ein Mitspracherecht, jedoch keine a ­ lleinigen Entscheidungsbefugnisse. Die Einrichtung lässt sich von ausgewählten Personen aus der Ziel­ rup­ g pe (oft Personen, die den Entscheidungsträgern nah stehen) beraten. Die Beratungen haben jedoch keinen verbindlichen Einfluss auf den Entscheidungsprozess. Die Entscheidungsträger interessieren sich für die Sichtweise der Zielgruppe. Die Mitglieder der Zielgruppe werden angehört, haben je­ doch keine Kontrolle darüber, ob ihre Sichtweise Beachtung findet. Die Entscheidungsträger teilen der Zielgruppe mit, welche Probleme die Gruppe (aus Sicht der Entscheidungsträger) hat und welche Hilfe sie benötigt: Verschiedene Handlungsmöglichkeiten werden der Zielgruppe für die Beseitigung oder Linderung ihrer Probleme empfohlen. Das Vorge­ en der Entscheidungsträger wird erklärt und begründet. Die h Sichtweise der Zielgruppe wird berücksichtigt, um die Akzeptanz der Informations­ ngebote und die Aufnahme der Botschaften zu fördern. a Entscheidungsträger (oft ausgebildete Fachkräfte) nehmen die Lage der Zielgruppe wahr. Ausschließlich auf Grundlage der (fachlichen) Mei­ nung der Entscheidungsträger werden die Probleme der Zielgruppe defi­ niert und Vorgänge zur Beseitigung oder Linderung der Probleme festge­ legt. Die Meinung der Zielgruppe zu ihrer eigenen Situation wird nicht berücksichtigt. Die Kommunikation seitens der Entscheidungsträger ist direktiv. Die Belange der Zielgruppe spielen keine Rolle. Entscheidungen werden außerhalb der Zielgruppe getroffen, und die Interessen dieser Entschei­ dungsträger stehen im Mittelpunkt. Zielgruppen­ itglieder nehmen m eventuell an Veranstaltungen teil, ohne deren Ziel und Zweck zu ken­ nen (Zielgruppenmitglieder als „Dekoration“). geht über Partizipation hinaus

Stufe 8

Entscheidungs­ macht

Partizipation

Stufe 7

Teilweise Entscheidungs­ kompetenz Mit­ estimmung b

Partizipation

Stufe 6

Partizipation

Stufe 5

Einbeziehung

Vorstufen der Partizipation

Stufe 4

Anhörung

Vorstufen der Partizipation Vorstufen der Partizipation

Stufe 3

Information

Stufe 2

Anweisung

Nicht-Partizipation

Stufe 1

Instrumen­ talisierung

Nicht-Partizipation

(Quelle: www.partizipative-qualitaetsentwicklung.de)

Aktiv werden für Gesundheit · Heft 2

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Kapitel 5 – Partizipation der Zielgruppe

Checkliste: Beteiligung der Zielgruppe

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L  ässt das Konzept auch Ergebnisse des Beteiligungsprozesses zu, die nicht eingeplant sind?

lichen in der Gesundheitsförderung. Basel. Verfügbar unter: www.gesundheitsfoerderung.ch/pdf_doc_xls/ d/Metadaten/Rapport_annuel/ annualreport2003_d.pdf  ab Seite 23 * auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden

W  elche Mittel (Zeit, Personal, Finan­ zen, Sachmittel) stehen zur Verfü­ gung, um die Beteiligungsprozesse zu organisieren? W  elche Personen bzw. Gruppen können/müssen in den Beteiligungs­ prozess einbezogen werden? W  elche Unterstützung benötigt die Ziel­ ruppe, um sich beteiligen zu g können? W  elche erfolgreichen Beteiligungs­ strukturen existieren bereits im Stadtteil und können für das Projekt genutzt werden? Welche neuen Beteiligungsstrukturen müssen angestoßen werden?

Links zum Thema „Beteiligung“
Wegweiser Bürgergesellschaft Der Wegweiser Bürgergesellschaft bietet um­ fängliche Informationen zum bürgerschaftli­ chen Engagement und zur Bürgerbe­eili­ ung. t g Ein Projekt der Stiftung Mitarbeit. www.buergergesellschaft.de Interaktives Handbuch Methoden der partizipativen Qualitäts­ nt­ e wicklung – entwickelt vom Wissen­ chafts­ s zentrum Berlin (WZB) – AG Public Health und Gesundheit Berlin e.V. www.partizipative-qualitaetsentwicklung.de Baukasten Gemeinsinn-Werkstatt Gestaltung von Beteiligungsprozessen http://baukasten.gemeinsinn-werkstatt.de  Anwendung starten Beteiligung ist machbar e.V. Informationen über Moderationsmethoden für ein jugendliches Zielpublikum, mit der „Technology of Participation“ (ToP) www.netzwerk-gemeinsinn.net/content/ view/70/46/

Tipps zum Weiterlesen
Bruner, C.F., Winklhofer, U. & Zinser, C. (2001). Partizipation – ein Kinderspiel? Beteiligungsmodelle in Kindertagesstätten, Schulen, Kommunen und Verbänden. Berlin, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BZgA (Hrsg.) (2005). Gesundheitsförderung durch Lebenskompetenzprogramme in Deutschland. Gesundheitsförderung Konkret Band 6. Köln, BZgA* Der Kinderreport Deutschland erscheint jährlich: Deutsches Kinderhilfswerk e.V. (Hrsg.) Kinderreport Deutschland. Freiburg, Family Media Verlag Gesundheitsförderung Schweiz (Hrsg.) (2003). Forschen, aktivieren, ermutigen, konzeptualisieren, befähigen, vermitteln, un­ terstützen, ­ rganisieren. Wegleitung für par­ o tizipative Projekte mit Kindern und Jugend­

Quellennachweise
Gold, C., Möllmann, A. & Franke, A. (Hrsg.) (2003). Inter­ ultu­ k relle Öffnung des Gesund­ eitswesens. Wie funktionieren gute h Netz­ erke? Berlin, Gesundheit Berlin e.V. w Lüttringhaus, M. & Richers, H. (2007). Handbuch Aktivierende Befragung. Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis. 2. Auflage. Bonn, Verlag Stiftung Mitarbeit Mielck, A. (2005). Soziale Ungleichheit und Gesundheit. Einführung in die aktuelle Diskussion. Bern, Hans Huber Naidoo, J. & Wills, J. (2003). Lehrbuch der Gesundheits­ förderung. Köln, BZgA St. Pauli Museum e.V. (Hrsg.) (2010). St. Pauli in Zahlen. Verfügbar unter: www.st-pauli-museum.com Wright, M., Block, M. & von Unger, H. (2007). Stufen der Partizipation in der Gesundheitsförderung. In: Info_Dienst 3_07, Zeitschrift von Gesundheit Berlin, S. 4-5

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Aktiv werden für Gesundheit · Heft 2

Aktiv werden für Gesundheit Arbeitshilfen für Prävention und Gesundheitsförderung im Quartier Heft 2 Probleme erkennen – Lösungen finden

Was Sie in diesem Heft finden Gesundheitsprobleme erkennen – Daten nutzen Das Kapitel erläutert zahlreiche Informationsmöglichkeiten durch Datenbanken und Gesundheitsberichte des Bundes, der Länder und der Kommunen. Mit die­ sen Quellen lassen sich Problemlagen identifizieren. Wie steht es um die Gesundheit im Quartier? Die Bewohnerinnen und Bewohner des Quartiers sind Expertinnen und Experten, wenn es um die eigene Gesundheit, ihre Bedürfnisse und die Festlegung ge­ sundheitlicher Ziele im Stadtteil geht. Das Kapitel zeigt Methoden, wie Be­ arfe d ermittelt werden und wie dabei die Anwohnerschaft und ihr Wissen einbezogen werden kann. Ein Stadtteil bewegt sich Gesundheitsförderung im Quartier heißt, dass die Zielgruppen bei der Planung und Gestaltung einbezogen sind und daraus stabile partizipative Strukturen ent­ stehen können. Als Methode wird die Aktivierende Befragung vorgestellt. Strukturen der Gesundheitsförderung im Stadtteil Strukturen, die Prozesse der Gesundheitsförderung im Stadtteil unterstützen k ­ önnen, sind Runde Tische, Arbeitsgruppen oder Gesundheits­ onferenzen. k Außerdem gibt das Kapitel Tipps und Beispiele für erfolgreiche Netzwerkarbeit. Partizipation der Zielgruppe Partizipation – Beteiligung – ist ein zentrales Prinzip gesundheitsförderlicher Aktivitäten. Aber Partizipation ist auch ein Entwicklungsprozess. Das Kapitel stellt ein Modell vor, mit dessen Hilfe die tatsächliche Beteiligung der Ziel­ gruppen beurteilt werden kann. Tipps zum Weiterlesen Sie dienen zur Vertiefung eines interessanten Themas. Links Hier finden sich nützliche Informationen, Adressen von Datenbanken, praktische Hinweise, Beispielprojekte und mögliche Partner. Checklisten Sie helfen bei der praktischen Umsetzung von Gesundheitsförderung und Prävention im Quartier.
        
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