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Gesund und aktiv älter werden

Full text: Gesund und aktiv älter werden

Aktiv werden für Gesundheit – Arbeitshilfen für Prävention und Gesundheits­ örderung im Quartier f

Gesund und aktiv älter werden

Heft 6

Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung

Aktiv werden für Gesundheit – Arbeitshilfen für Prävention und Gesundheitsförderung im Quartier Heft 6 Herausgeber: Gesundheit Berlin-Brandenburg Friedrichstraße 231, 10969 Berlin Tel. 030 / 44 31 90 60 E-Mail: post@gesundheitbb.de

Autorinnen und Autoren: Carola Gold, Stefan Bräunling (V.i.S.d.P.), Kerstin Kammerer, Dr. Monika Köster, Dr. Frank Lehmann, Dr. Birgit Wolter Die Arbeitshilfen wurden ent­ ickelt im Rahmen des bundesweiten Koope­ ations­ erbundes w r v „Gesundheitsförde­ ung bei ­ ozial Benachteiligten“. r s Der Kooperationsverbund „Gesundheitsförderung bei sozial Benachteiligten“ wurde 2003 auf Initiative der BZgA gegründet und wird maßgeblich durch die BZgA getragen. Ihm gehören a ­ ktuell 54 Partnerorganisationen an. Geschäftsführung des Kooperationsverbundes: Gesundheit Berlin-Brandenburg Bildnachweise: S. 2, istockphoto.com, absolut_100 S. 4, fotolia.com, manu S. 6, fotolia.com, liaurinko S. 8, Anja Weber S. 14, istockphoto.com, absolut_100 S. 16, fotolia.com, mkrberlin S. 17, fotolia.com, Piccolo S. 18, fotolia.com, Juriah Mosin S. 19, pixelio.de, Rainer Sturm S. 21, Anja Weber S. 23, fotolia.com, chris74 S. 24, fotolia.com, Daniel Etzold S. 26, fotolia.com, Alta.C S. 29, Anja Weber S. 30, fotolia.com, nyul S. 32, Anja Weber S. 39, fotolia.com, somenski S. 45, fotolia.com, Bernd Leitner

Die Erstellung der 3. Auflage der Arbeitshilfen wurde von der Bundeszentrale für gesundheitli­ che Aufklärung (BZgA) gefördert. Wir danken allen Personen und Organisationen, die für die Arbeitshilfen Mate­ ial zur Verfügung r gestellt haben.

Druck: Möller Druck und Verlag GmbH, Berlin Umschlag- und Heftgestaltung: Connye Wolff, Berlin · www.connye.com

© 3., aktualisierte Auflage 2012 Gesundheit Berlin-Brandenburg
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Geneh­ igun­ en für m g die Wiedergabe auch längerer Inhalts­ assagen oder ganzer Kapitel werden gern gewährt. Der p Herausgeber bittet dann um Zu­ en­ ung eines Belegexemplares. s d ISBN 978-3-939012-14-6

Kapitel	1 –  esundheit im Alter G

Selbstständigkeit und Wohlbefinden im Alter – das wünscht sich jeder. Und für viele Menschen wird dieser Wunsch auch Wirklichkeit werden. Was aus der Sicht von Prävention und Gesundheitsförderung für ein langes Leben in guter Gesundheit getan werden kann, wird in diesem Heft vorgestellt. Besonderes Anliegen sind uns dabei jene Menschen, die auf Grund von Armut und mangelnder Teilhabe das hohe Risiko einer geringeren Lebenserwartung und einer schlechten Gesundheit im Alter haben. Sie können in besonders hohem Maß von Gesundheitsförderung profitieren. Der Blick unserer Gesellschaft auf das Alter und die Potenziale älterer Menschen hat sich verändert. Für uns ist heute das Alter nicht mehr nur eine Phase zwangsläufigen ge­ sundheitlichen Abbaus. Gesunde Lebensstile, schon im Kindesalter, haben Einfluss auf die Gesundheit im Alter. In jedem Lebensalter bestehen hohe präventive Potentiale zur Verbesserung der Gesundheit. Neben körperlichen Aspekten haben in den vergangenen Jahren auch psychische und so­ ziale Dimensionen des Alterns mehr Beach­ tung gewonnen. Hier haben günstige Rah­ menbedingungen, z.B. soziale Kontakte, gute Beziehungen in der Familie und zu Freundin­ nen und Freunden, Engagement im Quartier, Hobbys etc. Einfluss auf die Gesundheit und Lebensqualität im Alter. Unter günstigen Bedingungen können da­ durch körperliche und mentale Leistungs­ fähig­ eit bis ins hohe Alter erhalten bleiben. k Die präventiven Potentiale werden bislang bei weitem noch nicht ausgeschöpft. Dies betont der Sachverständigenrat in seinem Gutachten 2009. Durch erfolgreiche Präven­ tion steigt, neben der Chance auf ein länge­ res Leben, vor allem auch die Aussicht auf möglichst viele Jahre in guter Gesundheit. Chronische Erkrankungen im Alter können verhindert oder ihr Ausbruch verzögert werden1. Die größten Präventionspotenziale haben dabei Menschen, die auf Grund von Armut und anderen Formen fehlender Teilhabe höhere gesundheitliche Risiken tra­ gen. Der Sachverständigenrat empfiehlt daher ausdrücklich sie zu erreichen bzw. mit ein­ zubeziehen und ergänzt: „Erfolgreiche Maß­ nah­ en in transsektoralen Bereichen, wie m Bil­ ung, Umwelt, Verkehr, Wohnen, Arbeits­ d platz sowie Einkommens und Vermögens­ politik können die Bemühungen der Gesund­ heitspolitik wirksam unterstützen“ (Sachverständigenrat, 2009). Gesundheit ist in diesem Zusammenhang nicht ausschließlich auf „Freisein von Krank­ heit“ zu beziehen, „sondern auch auf die Verwirklichung individueller Bedürfnisse und Werte, auf Lebenszufriedenheit und Wohlbe­ finden sowie auf Kompetenzüberzeugungen und Bewältigungsstrategien“. Auch wenn im Alter körperliche Kräfte abnehmen, so kann „im seelisch-geistigen Bereich … das höhere Lebensalter sogar mit einem Zuwachs an Wissen, Erfahrungen und Handlungskom­ e­ p tenz einhergehen“ (Kruse, 2007).
1  o wird im Gutachten auf S die Kompressionstheo­ rie verwiesen, nach der erfolgreiche Prävention dazu führt, dass nicht nur dem Leben mehr Jahre, sondern den Jahren auch mehr Ge­ undheit gege­ s ben wird.

„Was sich jeder Mensch wünscht: gesund bleiben und alt werden, dass man das Leben genießen und am Leben teilhaben kann ...“ (Sigrid, 65 Jahre)

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Kapitel	1 –  esundheit im Alter G
Was heißt hier ‚Alter’?
Alte Menschen lassen sich kaum in eine Kategorie pressen und bilden eine sehr hete­ rogene Gruppe mit verschiedensten Bedürf­ nissen und Ansprüchen. Neben der Alters­ gruppe sind beispielsweise auch Aspekte wie Geschlecht, soziale Lage, ethnische Hinter­ ründe und Bildung von besonderer g Bedeu­ung, um die Lebenssituation älterer t Men­ chen einschätzen zu können. Hinzu s kommt, dass die Selbstwahrnehmungen und -ein­ chät­ ungen in dieser Lebensphase s z sich sehr unterscheiden können. Möglichst lange zu leben ist für viele Menschen ein wichtiges Lebensziel, aber alt zu sein oder so von außen definiert zu werden, ist vielfach nicht leicht. Rein kalendarische und natur­ wissenschaftliche Sichtweisen des Alters sind zumeist defizitorientiert, indem sie die Abnahme von körperlicher Leistungsfähigkeit in den Vordergrund stellen. Gesellschaftlich

„Notwendig ist, mehr als bislang in jedem Verlaufs­ stadium eines Krankheits­ geschehens präventive Potentiale alter Frauen und Männer auszuschöpfen“ (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwick­ lung im Gesundheitswesen, 2009, S. 609).

und wissenschaftlich weniger durchgesetzt haben sich dagegen bislang psychologi­ sche oder soziologische Kompetenzmodelle des Alter(n)s, in denen Reifungs- und Kompetenzausbildungen sowie die Chancen einer lebenslangen Entwicklung, auch im Umgang mit Verlusten, stärker aktzentuiert werden. In diesem Heft geht es vorrangig um Ziel­ gruppen, die sich in einer Lebenphase befin­ den, in der sich die Gesundheit häufiger und nachhaltiger krankheitsbedingt verschlech­ tern kann. Mit fortgeschrittenem Alter kommt es häufig auch vermehrt zu chronischen Er­ krankungen, die ein beschwerdefreies Leben unmöglich machen. Wir orientieren uns an der Definition aus der Gesundheitsbericht­ erstattung und unterscheiden die „jungen Alten“ (65 Jahre bis unter 80 Jahre) und die Gruppe der „alten Alten“ (80 Jahre und älter). Nicht zwangsläufig ist ihr Alltag von Krankheit und Hilfsbe­ ürftigkeit geprägt. d Viele ältere Menschen sind gesund oder können ihren Alltag trotz gesundheitlicher Einschränkungen gut bewältigen. Eine gesellschaftliche Herausforderung, die hohes Gesundheitsförderungspotenzial hat, ist die Entwicklung positiver Altersbilder. Dies sind Altersbilder, welche die positiven Aspekte betonen, wie z.B. im Lebenslauf ent­ wickelte Kompetenzen. Negative Altersbilder, welche (gesundheitliche) Einschränkungen und Ver­uste in den Vordergrund stel­ l len, können dazu führen, dass das Leben im Alter auf diese negativen Aspekte fo­ kussiert wird und objektiv vorhandene Ressourcen und Fähigkeiten nicht wahr­ genommen werden und ungenutzt bleiben (Sachverständigenkommission, 2001).

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Link zum Thema Altersbilder
Sechster Altenbericht (2010) des Bundesministeriums für Fami­ lie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) – Altersbilder in der Gesellschaft www.dza.de/politikberatung/geschaeftsstelle-altenbericht/ der-sechste-altenbericht.html

Demografische Entwick­ lungen: Weniger, älter und bunter – Herausforderun­ en g für die Kommunen
Die Altersstruktur und Ausdifferenzierung unserer Gesellschaft verändert sich. Die Gesamt­ evölkerung in Deutschland wird sich b verringern, dafür steigen relativ gesehen, die Anteile älterer Menschen und von Menschen mit Migrationshintergrund innerhalb der Bevölkerung. Sind heute die Anteile der Jün­ geren (unter 20 Jahre) und der Älteren (65 Ja­ re und älter) noch ungefähr gleich, so er­ h warten Fachleute, dass der Anteil der Älteren sich im Jahr 2050 verdoppelt haben wird (Hoffmann, Menning, Schelhase, 2009, S. 26). Die Veränderungen in der Altersstruktur unserer Gesellschaft werden für viele Kom­ mu­ en die Erhöhung von Ausgaben zur n Folge haben. Aufgrund der gestiegenen Lebens­ rwartung und des Alterns der gebur­ e tenstarken Jahrgänge wird sich insbesondere die erwartete relative Zunahme hochbetag­ ter Menschen auswirken, die vielfach unter gesundheitlichen Beeinträchtigungen leiden und Unterstützung durch Pflegeleistungen benötigen. Einen Überblick zum Wandel der Alters­ struktur in Deutschland gibt die nachfolgende Grafik. Hier zeigt sich deutlich ein Anstieg der Altersgruppe der über 84 Jährigen. Dies hat wahrscheinlich auch einen Anstieg der professionell zu versorgenden Pflegefälle zur Folge.

Abbildung 1: Entwicklung des Anteils der Altergruppen an der Gesamtbevölkerung von 2006 bis 2050. (Quelle: Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, 2009, S. 65)

Im Land Berlin wird für das Jahr 2030 mit einer Zunahme der pflegebedürftigen Personen um 80 Prozent gerechnet. In Folge von Arbeitslosigkeit oder geringfügiger Beschäftigung wird erwartet, dass dann 40.000 Pflegebedürftige Unterstützung im Rahmen des SGB XII (Sozialhilfe, Hilfe zur Pflege) benötigen. Dies entspricht einem Anstieg um ca. 70 Prozent (Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, 2009).

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Kapitel	1 –  esundheit im Alter G

Weniger junge Menschen werden künftig mit immer mehr älteren Menschen länger zusam­ men leben. Diese Veränderungen der Bevöl­ kerungsstruktur lassen sich relativ gut prog­ nostizieren. Das ermöglicht es, bereits heute Strategien zu entwickeln, um diesen Heraus­ forderungen gerecht werden zu können. Voraussetzungen dafür sind jedoch, dass Gesundheit zu einem Thema in den Kommu­ nen wird und die Verantwortlichen als Ver­ bündete für dieses Thema gewonnen werden (Altgeld, 2009, S. 222). In den Arbeitshilfen wird das Beispiel einer kommunalen Planung für und mit älteren Menschen ausführlich dargestellt.

Allein die wohlwollende Zustimmung und allgemeine Zusage „wir helfen, wo wir können“ ist nicht ausreichend! Städtische Behörden arbeiten nach klaren Aufgabenprofilen mit vorgegebe­ nen Prioritäten. Sie werden neue Aufgaben und Themen – wie auch neue Formen der Zusammenarbeit – nur unterstützen, wenn sie dazu aufgefor­ dert oder gar verpflichtet werden. Um diese Unterstützung zu gewinnen, muss die Projektidee von einer nachvollziehbaren „Kos­ en-Nutzen-Rechnung“ begleitet werden. Es muss t verdeutlicht werden, welche negativen Folgen eine weitere Zunahme alters­ bedingter Erkrankungen und Pflegebedürftigkeit für die Stadt hat. Außer­ dem muss erläutert werden, warum das zur Rede stehende Projekt nicht nur eine realistische, sondern aus Sicht der Stadt eine sinnvolle und effiziente Lösung eröffnet. n  eschreiben und begründen Sie den Nutzen des Konzepts aus der Pers­ B pektive der Verwal­ ung/der Lokalpolitik. t n Formulieren und begründen Sie den zusätz­ichen Bedarf an Ressourcen  l und Personal. n Pflegen Sie im Vorfeld die informelle Kommunikation mit Politikerinnen,  Politikern und Multiplikatoren, um so für Bekanntheit und Unterstützung zu sorgen. n Sorgen Sie dafür, dass vor Projektbeginn im Stadtteil auf der Leitungs­  ebene der Stadtverwaltung belastbare Beschlüsse und Vereinbarungen für einen reibungslosen Projektverlauf gefasst werden. Aus: BKK 2009

Gemeinsames Ziel der Akteure im Quartier sollte es dabei sein, die Rahmenbedingungen für Gesundheit im Alter und gesunde Lebensstile zu verbessern. Dabei ist besonders die Situation armer und isolierter älterer Menschen zu beachten. Sie haben häufig eine schlechtere Gesundheit auf Grund früherer Belastungen. Teilt man die Bevölkerung nach ihrem Einkommen in fünf Gruppen ein: Die Lebenserwartung nimmt über alle Einkommensgruppen mit steigendem Einkommen zu (sozialer Schicht­ radient). Bei Männern der höchsten g Einkommensgruppe treten gesundheitliche Beeinträchtigungen im Schnitt 14,3 Jahre spä­ ter ein (Lampert, 2009, S. 130 f.). Unsere Gesellschaft erlebt heute schon eine deutlich längere Phase des Altwerdens und Altseins. Dies hat individuelle Auswirkungen auf die Arbeit, die Gesundheitsversorgung, die Familie, soziale Beziehungen und die finanzielle Situation. Wichtig sind daher gute soziale Netzwerke und Unterstützungs­ systeme, die helfen, eventuell entstehende

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Vorzeitige Sterblichkeit von Frauen und Männern nach Einkommen

Regionalverbund Ruhr
Im Rahmen des WHO-Projektes „Agefriendly Cities“ wurden ältere Menschen nach ihren Bedürfnissen befragt. Dabei wurde deutlich, dass vieles, was eine Kommune attraktiv und lebenswert macht, für alle Generationen von Gewinn ist: Barrierefreie öffentliche Gebäude, leicht zugängige öffentliche Verkehrsmittel und unmittelbar erreichbare öffentliche und private Dienstleistungen.
Abbildung 2: Sterblichkeit von Männern und Frauen vor dem Alter von 65 Jahren nach Einkommensgruppen (Quelle: Lampert, 2009, S. 130 f.)

Dr. Rainer Fretschner, 2008

Benachteiligungen auszugleichen. Erfolge, die hier im Bereich der Gesundheitsförderung erreicht werden, verschaffen den Einzelnen einen Gewinn an Lebensqualität und zahlen sich auch für die Kommunen und das Quar­ tier aus. Vieles, was mit Blick auf die ältere Gene­ ration auf den Weg gebracht wird, ist auch für andere Bevölkerungsgruppen, z.B. Kinder, Eltern und Menschen mit Behinderungen von Nutzen.

Soziale Benachteiligung und Gesundheit im Alter
Wer materiell gesichert ist, über Bildung verfügt und ein gutes familiäres und soziales Umfeld hat, kann den Herausforderungen, die das Alter mit sich bringt, zuversichtlich begegnen. Unsichere Lebenslagen und man­ gelnde Lebensperspektiven machen jedoch Angst. Sie beeinträchtigen die Perspektiven älterer Menschen ebenso wie einschneidende Lebenskrisen (z.B. der Verlust des Partners oder der Partnerin). Bei sozial benachteiligten Menschen haben

sich die gesundheitlichen Belastungen in Folge von Armut, schwerer körperlicher Arbeit und fehlender Teilhabe im Lebens­ verlauf summiert. Kollektive Erlebnisse wie Kriegstraumata, Vertreibung oder Einwan­ derung können Lebenseinstellungen beein­ trächtigen und ebenso prägen wie der kul­ turelle Hintergrund, religiöse Gewohnheiten und Arbeitsbiografien (vgl. Heft 1 Kapitel 3 zu Faktoren, die Gesundheit beeinflussen). Eine Untersuchung der Lebenszufriedenheit türkischer Migrantinnen und Migranten zeigte z.B. , dass viele von ihnen auf Grund der Migration unter Einsamkeit und sozi­ aler Isolation litten. Die Autorinnen und Autoren der Studie vermuten, dass die „so­ ziale Integration … bei Aufrechterhaltung ethnischer und kultureller Identität“ ein ho­ hes Potenzial für Gesundheitsförderung bei Migrantinnen und Migranten darstellt (Robert Koch-Institut, 2008, S. 98).

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Kapitel	1 –  esundheit im Alter G

„Die Leute müssen Selbstbewusstsein bekommen. Wir haben Menschen, die seit 10 – 15 Jahren in unsere Selbsthilfegruppen (türkische, griechische, spanische, ex-jugoslawische) für Senioren kommen. Die haben Infoveranstaltungen, Feste gesehen und mitgemacht. Deren Ansprüche und Ansichten haben sich verändert. Es entsteht ein Selbstbewusstsein, ein Bewusstsein entwickelt sich, weil man auch mal nachdenkt über Themen, wie Hilfe im Alltag, und durch die Gruppe gestützt wird. Das gibt auch Mut mit Konventionen zu brechen. Zum Beispiel wenn die Gruppe sagt, „na das ist doch gut, wenn du dir einen Pflegedienst holst, der dir im Alltag hilft“. Susanne Koch, AWO-Begegnungszentrum Adalbertstraße in Berlin-Kreuzberg

„Niemand wird alt, weil er eine Anzahl von Jahren hinter sich gebracht hat. Man wird nur alt, wenn man seinen Idealen Ade sagt. Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht auf Begeisterung runzelt die Seele. Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel. So jung wie dein Selbstvertrauen, so alt wie deine Furcht. So jung wie deine Hoffnungen, so alt wie deine Verzagtheit.“ Albert Schweitzer (Trommer, 2007, S. 17)

Sozial bedingt schlechtere Gesundheits­ chancen bedeuten für ältere Menschen, dass chronische Erkrankungen und Behinderun­ gen früher eintreten können und sie mögli­ cherweise früher Einschränkungen in ihrer Mobilität erfahren. Bereits im 5. Bericht zur Lage der älteren Generation in Deutschland wurde prognostiziert, dass sich die zukünf­ tige Einkommenslage älterer Menschen auf Grund der ökonomischen und politischen Entwicklungen deutlich verändern wird. „Sowohl das Risiko von Einkommensarmut als auch einer steigenden Einkommens­ n­ u gleichheit im Alter sind absehbare Folgen…“ (Sachverständigenkommission, 2005, S.186). Viele gesundheitliche Beeinträchtigungen können beeinflusst und durch gesundheits­

förderliche Maßnahmen gute Erfolge erzielt werden. Gruppen mit besonders hohem Präventions­ potenzial (Altgeld, 2009, S. 222) sind n  eschäftigte in höherem Lebensalter mit B geringem Verdienst n Ä tere Arbeitslose l n  enschen im Rentenalter mit geringen M Rentenbezügen n  ltere Frauen und besonders auch ältere ä Männer mit Migrationshintergrund n  lleinstehende ältere Menschen mit gerin­ a ger sozialer Einbindung n  flegebedürftige und ältere Menschen mit P Behinderung Dabei ist die Lage älterer armer alleinleben­ der Frauen häufig besonders prekär. Sie sind häufiger und schwerer krank als Männer (Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen, 2007, Abschnitt 878) und bereits heute besonders stark von Altersarmut betroffen. Das wird sich verschärfen, da zukünftig die Hälfte aller heute erwerbstätigen Frauen Rentenan­ prü­ s che unter 683 Euro erwarten (Richter-Korn­ weitz, 2009, S. 8). Aber auch ältere Männer sind eine wichtige Zielgruppe mit oft zu gering ausgeschöpftem Präventionspotential. Angebote der Vorsorge, Früherkennung und Prävention werden von Männern oft nur unzureichend genutzt.

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Im Folgenden werden Faktoren erläutert, die den Alterungsprozess positiv beeinflussen (nach World Health Organization, 2002, S. 19-32): n  bjektive, d.h. medizinisch diagnostizierte o Gesundheit n  ubjektives Gesundheitsempfinden s n  ufriedenheit Z n  esundheitsverhalten G n  oziale Teilhabe s

„Wie geht es Ihnen?“ 	 Die Gesundheit im Alter
Gesundheit im Alter und die Geschwindigkeit des Alterungsprozesses lassen sich beeinflus­ sen. Vorhandene Gesundheitsrisiken werden durch schwierige Lebenslagen verschärft und eine gesunde Lebensweise wird auch im Alter z.B. durch den Mangel an Einkommen und Vermögen erschwert. Unterstützende so­ ziale Beziehungen können diese und andere Defizite teilweise ausgleichen.

Objektive und subjektive Gesundheit
Ältere Menschen beurteilen ihre Gesundheit selbst oft positiver als es ihnen z.B. ein Arzt bescheinigen würde (Tesch-Römer, Wurm, 2009). Diese Selbstwahrnehmung (= subjek­ tive Gesundheit) ist unter Präventions­ spek­ a ten von hoher Bedeutung. Studien zeigen, dass eine gute subjektive Gesundheit einen starken Einfluss auf die Lebenserwartung hat (Wurm, Lampert, Menning, 2009). Leider herrscht, gerade im medizinischen Alltag, die körperliche Beurteilung des Gesundheitszustandes vor. Hier werden noch viele emotionale und soziale Ressourcen ver­ schenkt. So schildert eine ältere Frau, dass sie im Gespräch mit ihrem Hausarzt über Einschränkungen ihrer Befindlichkeit berich­ tete und als Antwort erhielt: „Na, in ihrem Alter …Was wollen Sie da noch erwarten?“ (Trommer, 2007, S.13). Statt eines auf die Defizite gerichteten Blicks sollten die subjektiven Wahrnehmungen re­ spektiert, persönliche Leistungen anerkannt und Ressourcen und individuelle Stärken wahrgenommen werden.

Vom Umgang mit ihrer Erkrankung berichtet eine ältere Frau, „Es fällt mir manchmal etwas schwer, aber ich weiß mir immer besser zu helfen. Wenn ich den Schraub­ erschluss mit meinen Rheumahänden v nicht öffnen kann, geht das jetzt mit dem Nussknacker.“ (Trommer, 2007, S.13).

Lebensqualität und Zufriedenheit
Ein Ziel von präventiven Maßnahmen sollte darin bestehen, eine gute Lebensqualität und eine positive Einstellung zum Leben trotz gesundheitlicher Einschränkungen zu erreichen. Eine wichtige Herausforderung ist dabei, Lebensmut und Optimismus auch angesichts abnehmender körperlicher Leistungsfähigkeit zu wecken und zu för­ dern. Pläne werden für die nahe Zukunft gemacht. Wie sich diese Zukunftsperspektive gestaltet, hängt maßgeblich von einer aktiven Lebens­ führung und einer positiven Lebenseinstel­ lung ab (Kruse, 1999). Dadurch werden Anregungen gegeben und neue Vorhaben in Angriff genommen.

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Kapitel	1 –  esundheit im Alter G
Gesundheitsverhalten
Das eigene Verhalten kann gesundheits­ förderlich wirken und chronischen Erkran­ kungen vorbeugen oder deren Fortschreiten und Folgen abmildern.

Soziale Teilhabe
Auch im Alter ist Teilhabe ein wichtiger Faktor, der Gesundheit fördert. Es wird un­ terschieden zwischen kollektiven Aktivitäten (gemeinsamer Freizeitgestaltung), produk­ tiven Aktivitäten (Tätigkeiten verbunden mit Leistungen für Andere) und politischen Aktivitäten (Einfluss auf soziale Sachver­ halte). Chancen der Teilhabe werden häu­ fig durch den sozialen und ökonomischen Status eines Menschen bestimmt. So wurde festgestellt, dass z.B. mit der Bildung auch die Komplexität der tatsächlichen Teilhabe älteren Menschen steigt (Bukov zitiert nach Kümpers, 2009, S. 10). Alle Formen der Teilhabe werden maßgeblich von den Rahmenbedingungen beeinflusst, die in der Kommune herrschen. Sei es die Betei­igung am (öffentlichen) Leben oder die l Inanspruchnahme gesundheitsförderlicher Angebote bis hin zur aktiven Einflussnahme auf die Gestaltung der Lebensbedingungen im Quartier. Diese Möglichkeiten können für Ältere erleichtert oder erschwert werden. Im Quartier können die Chancen zur Teilhabe,

Ein wichtiger Zeitpunkt, hier noch einmal Weichen zu stellen, ist der Wechsel in den Ruhestand. Hier bietet sich in Bezug auf Wahrung der Selbstbestimmung und Unabhängigkeit älterer Menschen noch ein­ mal eine ganz wichtige Chance. Dann gilt es Freundschaften im Wohnumfeld zu pflegen. Der Kontakt mit unterschiedlichen Alters­ gruppen und das Knüpfen von Beziehungen halten körperlich und geistig fit. Ein intak­ tes soziales Netzwerk bietet eine wichtige Grundlage zur aktiven Teilhabe und Unter­ stützung im Falle späterer Hilfsbedürftigkeit.

„Zu einem Gruppentreffen türkischer Senioren kam eine ganz verschüchtert aussehende Frau. Schon an der Körperhaltung hat man gesehen: depressiv, ganz in sich gekapselt. Sie hat sehr leise gesprochen. Man musste sich richtig bemühen um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie ist dann relativ schnell aufgetaut, nachdem sie die Filiz [Mitarbeiterin der AWO] und die Gruppe kennen gelernt hat. Jetzt ist sie nicht wieder zu erkennen. Diese Frau strahlt. Sie hat natürlich immer noch auch körperliche Beschwerden. Aber es geht ihr einfach gut. Sie weiß wo ihr Platz ist. Sie ist vielen Menschen wichtig. Sie wird gebraucht. Sie kann unheimlich viel, was sie vielleicht gar nicht gedacht hätte, dass sie es kann.“ Susanne Koch, AWO-Begegnungszentrum Adalbertstraße Berlin-Kreuzberg

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Belegt sind z.B. folgende präventive Effekte n  egelmäßige Aktivitäten wie Radio hö­ R ren, Zeitung lesen, Museen besuchen etc. haben einen Einfluss auf die kognitive 2 Leistungsfähigkeit. n  örperliche Aktivität kann zu einer spontanen K Verbesserung der Gedächtnisleistung um 35 Prozent führen. n  as Gehen von täglich 2 Meilen (ca. 3,2 D km) oder mehr bewirkt eine Steigerung der Lebenserwartung von älteren gesunden Männern. n  n einer Studie bewirkte zügiges Gehen I (Walking) für mindestens drei Stunden pro Woche eine Verringerung des Herzinfarktrisikos bei 40- bis 65-jährigen Frauen um 30 Prozent im Vergleich zu inakti­ ven Frauen n  ei Patientinnen und Patienten mit einer B Koronarerkrankung wurde die Mortalität3 um 31 Prozent gesenkt. n Eine fettarme Ernährung verringerte in  einer Studie mit 50- bis 60-Jährigen die Gesamtmortalität. Weitere Untersuchungen zeigten, dass eine fettarme Ernährung die Häufigkeit von koronaren Herzerkrankungen verringert. n Bewegung und körperliche Aktivität zeigen  auch im hohen Alter bei Depressionen positive Effekte und senken das Sturzrisiko selbst bei 80- Jährigen. (Au, 2010, S. 9)
2  unktionen, die mit Wahrnehmung, Lernen, Erinnern F und Denken zu tun haben, also der Informations­ erar­ v bei­ ung dienen t 3  terblichkeitsrate S

auch wenn diese auf Grund fehlenden Ein­ kommens, geringer Bildung und mangelnder sozialer Unterstützung eher ungünstig sind, deutlich verbessert werden.

Beispiele für Partizipation
Teilhabe und die Aktivierung älterer Men­ schen stellen sich als ein Prozess dar, der eng mit der Befähigung der älteren Menschen verbunden sein kann, ihr Leben und das Altern aktiv zu gestalten. In diesem Prozess werden häufig erst einmal Vorstufen von Partizipation realisiert, die in eine direktere Beteiligung münden sollten. Allerdings bieten viele Maßnahmen, die sich als partizipa­ tiv bezeichnen, keine Möglichkeit für eine Beeinflussung der Entscheidungsprozesse durch die älteren Menschen. Ein Modell zur Beurteilung der Partizipation wurde in diesen Arbeitshilfen bereits vor­ gestellt (Heft 2 Kapitel 5). Auf der nächsten Seite werden einige Stufen der Partizipation durch Beis­ iele veranschaulicht. p

„Je komplexer und einfluss­ reicher aber die Teilhabe, umso größer sind auch die zu erwartenden positiven Wirkungen auf Lebensquali­ tät, auf Selbstbewusstsein, letztlich auch auf Gesund­ heit.“ (Kümpers, 2009, S. 10 – 11)

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Kapitel	1 –  esundheit im Alter G

Stufe 9 geht über Partizipation hinaus Selbstorganisation (Stufe 9)	 Seniorengenossenschaften, die als selbst organisierte Netzwerke arbeiten um Mitgliedern durch wechselseitige Unterstützung zu ermöglichen, möglichst lan­ ge in ihrer Wohnumgebung bleiben zu können. Für jede geleistete Arbeitsstunde wird die gleiche Zeit gutgeschrieben, welche bei Bedarf eingelöst werden können. Dienstleistungen der Genossenschaften sind z.B. Betreutes Wohnen, Pflege, Essensund Fahrdienste. Die Genossenschaften finanzieren sich selbst.

Partizipation (Stufen 6 bis 8) Entscheidungsmacht (Stufe 8) Das Haus Herbstzeitlos in Siegen entstand durch das Engagement älterer Men­ chen. s Mit der Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen wurde aus einem ehema­ ligen Schulpavillon eine selbst verwaltete Seniorenfreizeitstätte. Die Weitergabe von Erfahrungswissen, Schaffung von sozialen Kontakten und Netzwerken steht im Vordergrund, aber auch zahlreiche kreativ oder literarisch interessierte Gruppen nutzen die Räume. Für die Verwaltung und Fortentwicklung des Hauses ist die öffent­ liche Regiestelle „Leben im Alter“ zuständig. Quelle: www.siegen.de/standard/page.sys/560.htm?print Ältere Menschen werden in Entscheidungen mit einbezogen, haben z.B. Stimmrecht in Gremien und einige Entscheidungen werden ausschließlich von ihnen getroffen. Ältere Menschen werden befragt und haben ein Mitspracherecht. Sie haben jedoch keine Entscheidungsbefugnis.

Teilweise Entscheidungskompetenz (Stufe 7) Mitbestimmung (Stufe 6)	 Vorstufen der Partizipation (Stufen 3 bis 5) Einbeziehung (Stufe 5)	

Seniorenvertreterinnen und -vertreter, die die Interessen der Zielgruppe gegen­ über Rat und Verwaltung zum Ausdruck bringen oder mit beratender Stimme an Ausschüssen teilnehmen. Das Netzwerk Märkisches Viertel in Berlin arbeitet mit einem Beirat aus älteren Menschen zusammen. Das Netzwerk Märkisches Viertel besteht aus unterschied­ lichen Akteuren (z.B. Dienstleistern wie Pflegediensten oder Hand­ erkern sowie w ö ­ ffentlichen Einrichtungen), die sich mit dem Ziel, das selbstständige Leben älte­ rer Menschen im Quartier zu fördern, zusammengeschlossen haben. Um auf die Bedürfnisse älterer Menschen besser eingehen zu können, wurde ein Beirat aus Älteren eingerichtet, der sich in Gremien äußern kann und zusätzlich bei Bedarf be­ fragt wird. Quelle: www.netzwerkmv.de In einer Veranstaltung wird älteren Menschen mitgeteilt, welche Schwierigkeiten z.B. in Bezug auf Alterserkrankungen auftreten können und welche Möglichkeiten der Gesundheitsförderung und Prävention bestehen.

Anhörung (Stufe 4)	

Information (Stufe 3)

Keine Partizipation (Stufen 1 und 2) Anweisung (Stufe 2) Instrumentalisierung (Stufe 1)	 Durch bestimmte Maßnahmen sollen Ältere zu einem gesünderen Verhalten „erzo­ gen“ werden. Über Hintergründe und Umsetzung werden sie nicht informiert. Die Belange älterer Menschen werden in Maßnahmen und Entscheidungsfindungen nicht einbezogen.
Abbildung 3: Stufen der Partizipation

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Tipps zum Weiterlesen:
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2006) Alter neu denken – Empfehlungen der Expertenkommission „Ziele in der Altenpolitik“ zu gesellschaftlichen Altersbildern. Gütersloh* Hollbach-Grömig, B.; Seidel-Schulze, A. (2007) Seniorenbezogene Gesundheitsförderung und Prävention auf kommunaler Ebene – eine Bestandsaufnahme. Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung Band 33. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln.* Landesvereinigung für Gesundheit und Akademie für Sozialmedizin Niedersachsen e.V. (Hrsg.) (2009). Armut, Alter und Gesundheit – Neue Herausforderungen für Armutsprävention und Gesundheitsförderung. Hannover* Richter, Antje; Bunzendahl, Iris; Altgeld, Thomas (Hrsg.) (2012). Dünne Rente – Dicke Probleme. 2. Auflage Mabuse Verlag. Frankfurt/M. Robert Koch-Institut (2009). Gesundheit und Krankheit im Alter. Verfügbar unter: www.rki.de – Gesundheitsmonitoring – Gesundheitsberichterstattung – Beiträge zur GBE > > > Sachverständigen­ at zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2009). Koordination r und Integration – Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens. Sondergutachten. Baden-Baden. Verfügbar unter: www.svr-gesundheit.de – Gutachten. > Seeberger, Bernd; Braun, Angelika Hrsg. (2003). Wie die anderen altern. Mabuse Verlag. Frankfurt/M. Walter, U., Flick, U., Neuber, A., Fischer, C., Schwartz, F. (2006). Alt und gesund? – Altersbilder und Präventionskonzepte in der ärztlichen und pflegerischen Praxis. VS Verlag für Sozialwissenschaftler. World Health Organization (2002) Active Ageing – A Policy Framework. WHO. Madrid. Verfügbar un­ ter: http://whqlibdoc.who.int/hq/2002/WHO_NMH_NPH_02.8.pdf * auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden

Aktuelle Darstellungen rund um das Thema dieses Heftes bietet auch eine Ausgabe der Zeitschrift zum Bund-Länder-Programm Soziale Stadt, die man als PDF-Datei herunter­ laden kann: Soziale Stadt – info 24 (Juli 2010), Schwer­ punkt: Ältere Menschen in der Sozialen Stadt. Verfügbar unter: www. sozialestadt.de/ veroeffentlichungen/ newsletter

Links zum Thema „Gesundheit im Alter“
Projektbeispiele für Gesundheitsförderung bei sozial benachteiligten älteren Menschen Deutscher Präventionspreis 2005 des Bundesgesundheitsministeriums, der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und der BertelsmannStiftung: „Gesund in der zweiten Lebenshälfte (50plus)“ Gesundheitsberichterstattung des Bundes, z.B. Gesundheit und Krankheit im Alter; Migration und Gesundheit, sowie Themenhefte zu Altersdemenz; gesundheitsbedingter Frühberentung; Pflege u.v.m. Aktivitäten der BZgA und Links zum Thema Gesundheit älterer Menschen BZgA-Portal zu Themen der Gesundheit von Frauen, mit einem Modul „Ge­ sund älter werden“ Das Portal ist der Internetauftritt der Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen mit zahlreichen Informationen, Kontakten und Materialien. Ansätze zur Förderung des Dialoges zwischen den Generationen Daten und Zahlen zur demographischen Entwicklung aller Kommunen über 10.000 Einwohner in verschiedenen animierten Grafiken Die Bundeszentrale für politische Bildung stellt Auszüge aus dem Alterssur­ vey zur Verfügung www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/ praxisdatenbank Die Preisträger und Nominierten: www.deutscher-praeventionspreis.de/praeventionspreis/2005/index.php www.rki.de

www.bzga.de – Themen > www.frauengesundheitsportal.de www.bagso.de

www.generationendialog.de www.wegweiser-kommune.de www.bpb.de/publikationen/NBE2F4,1,0

Aktiv werden für Gesundheit · Heft 6

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Kapitel 2 –  robleme und Ressourcen für ältere P Menschen im Quartier erkennen
Für ältere Menschen hat das Wohnumfeld eine große Bedeutung. Mit zuneh­ mendem Alter und stärkeren gesundheitlichen Einschränkungen werden der individuelle Aktionsradius enger und die zu bewältigenden Wege kürzer. Eine wirkungsvolle Förderung der Gesundheit älterer Menschen und Unterstützung ihrer Alltagsbewältigung knüpft daher an ihre lebensweltlichen Bezüge im Quartier an.

Das Quartier als Ort für Gesundheitsförderung
Das Schaubild zeigt, wie vielfältig Kontakte noch im hohen Alter sein können. Die Realität vieler armer und isoliert leben­ der älterer Menschen sieht leider anders aus. Wo Geld knapp ist oder die Mobilität ein­ geschränkt ist, entscheidet die Infrastruktur des Quartiers, wie vielfältig die Kontakte im Alltag sind.

„Ausreichende Ernährung war … kein drän­ gendes Problem für sie. Ihre Schwierigkeiten lagen woanders, sie fühlte sich isoliert und ausgegrenzt, da sie an den Aktivitäten der anderen aus Geldmangel nicht partizipieren konnte. In ihrer ländlichen Region existierte auch keine Infrastruktur, die das hätte aus­ gleichen können. Die Verkehrs­ erbindungen v waren schlecht und sie war nicht motorisiert. Ihre Misere beschrieb sie so: „Der graue All­ tag – das Problem ist der graue Alltag. Es gibt keine Höhen und Tiefen und alles verläuft immer gleich. Das ganze Jahr und darüber hinaus auch. Ich könnte mir vielleicht sogar einmal eine Karte für ein Konzert von meinen Kindern schenken lassen, aber ich käme gar nicht dort hin. Vielleicht hätte ich noch das Geld für die Hinfahrt, aber ich käme nicht mehr zurück. Also bin ich immer hier.“ zitiert nach Richter-Kornweitz, 2009, S. 11

Abbildung 4: Vielfalt der Kontakte im hohen Alter, (Quelle: Weeber, 2010, S. 3)

Ein wichtiger erster Schritt besteht in einer Bestandsaufnahme der Angebote im Quartier. Hierzu werden Anbieter und Möglichkeiten gesundheitsfördernder Maßnahmen für ältere Menschen recherchiert und in einer Liste zu­ sammengestellt. Für Planungszwecke eignet es sich, die Verteilung der Angebote auch räumlichvisuell mit Hilfe einer Karte und markierten Pinnnadeln dazustellen (nach Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Ver­ rau­ b cherschutz, 2009, Praxisbeispiel 9, S. 1).

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Standortanalyse des Gesund­ eitsamtes Hamburg h Eimsbüttel
Oft sind in einer Kommune bereits Adresslisten mit verschiedenen Angeboten vorhanden. Das Ge­ sundheitsamt Eimsbüttel hat die Abbildung der Angebote auf einer Karte genutzt, sie sortiert und eine Analyse der Maßnahmenstruktur im Stadtteil vorgenommen. Alle Adressen wurden in einer Liste zusammengefasst und nummeriert. Je nach Inhalt des Angebots erfolgte eine farbliche Zuordnung (z.B. rot für Bewegungsangebote, gelb für soziale und geistig anre­ gende Aktivitäten, grün für Ernährungsangebote, blau für soziale Beratungsangebote). Die Angebote wurden mit farbigen Fähnchen in den Stadtplan eingetragen. Auf diesem wurde die laufende Nummer aus der Liste vermerkt, um so jeder farbigen Markierung das konkrete Angebot zuordnen zu können. Schließlich entstand ein Stadtplan, aus welchem sämtliche Angebote der Umgebung abgelesen wer­ den konnten. Diese Erfassung bildete die Grundlage für weitere Analysen.

Lebensweltbezogene Prävention und Gesundheitsförderung finden auf kommunaler Ebene statt. Die Bun­ eszentrale für gesundheitli­ d che Auf­ lärung hat daher 2006 das k Deutsche Institut für Urbanistik (Difu) beauftragt, eine repräsentative Befragung der Kommunen und Landkreise durchzuführen, um den „Ist-Zustand“ der Gesundheitsförderung und Prävention für die Zielgruppe Seniorinnen und Senioren auf kommunaler Ebene zu erheben. Der größte Anteil der Städte und Gemeinden misst der Gesundheitsförderung und Prävention für ältere Menschen eine große Bedeutung zu. Erste Schlussfolgerungen für die Seniorenpolitik und die Gesundheitsförderung und Prävention bei älteren Menschen sind in diesem Bericht zusammengefasst und auf den Seiten 60 bis 62 zu finden. Online Verfügbar unter: www.bzga.de/botmed_60633000.html

Ein gesundheitsförderliches Quartier macht es den Menschen leichter, einen gesunden Lebensstil zu verfolgen. Belastungen im Quartier (z.B. Verkehr, Barrieren, Konflikte) können gesenkt werden. Die Mitwirkung an der Gestaltung des Quartiers und die Einbindung in soziale Netzwerke steigern Selbstwertgefühl und Sinnhaftigkeit und ha­ ben damit gesundheitsfördernde Wirkungen. In Heft 2 der Arbeitshilfen „Probleme er­ kennen – Lösungen finden“ und Heft 3 „Ein Projekt entwickeln“ wurde bereits vorgestellt, in welchen Schritten die gesundheitsförderli­ che Entwicklung eines Quartiers angegangen werden kann und wer als Partner bei der Unterstützung dieser Prozesse in Betracht kommt. Im Folgenden werden Erfahrungen aus der Bedarfsanalyse mit älteren Menschen in Quartieren der Sozialen Stadt vorgestellt. Neben Belastungen werden auch Ressourcen vorgestellt, die für diesen Prozess fruchtbar gemacht werden können.

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Kapitel 2 –  robleme und Ressourcen für ältere P Menschen im Quartier erkennen
„Bei Partizipation, die immer nur auf Proble­ me hinweist, aber nicht zu ­ ösungen führt – da L verlieren die Alten genauso schnell die Lust wie alle anderen.“ Prof. Dr. Josefine Heusinger, Institut für gerontologische Forschung e.V.

Gehen Sie in ein Altenheim oder zu einem Seniorentreff und fragen Sie die Betreuenden, welche zwei Älteren mit Ihnen einen Spaziergang machen würden, um Barrieren und Hindernis­ e s zu identifizieren. Gerade arme, vereinsamte oder ausgegrenzte Gruppen geraten leicht aus dem Blick. Da sie besondere gesundheitliche Risiken tragen, müssen ihre Belange ausdrücklich Beachtung finden. Grundsätzlich sollte man an einer Quartiers­ begehung möglichst alle im Quartier woh­ nenden Gruppen älterer (und auch jüngerer) Menschen beteiligen. Die Auswahl hängt daher von der Bewohnerschaft ab. Sind es ältere Menschen mit unterschiedlichen Migra­ions­ intergründen, sollte man ver­ t h suchen, möglichst viele Nationalitäten zu beteiligen. Gibt es große Einkommens- oder Bildungs­ nterschiede, sollte auch das bei der u Auswahl der Teilnehmenden berücksichtigt werden. Dabei muss auch auf schwer er­ reichbare Zielgruppen zugegangen und ihnen die Wichtigkeit ihrer Meinung verdeutlicht werden. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich vor allem die ohnehin schon engagierten und mit guten Ressourcen ausgestatteten Bewohnerinnen und Bewohner beteiligen.

Das Quartier durch die Brille Älterer sehen
Um das Quartier gesundheitsförderlich für Ä ­ ltere zu gestalten, ist es sinnvoll, den Stadt­ teil aus der Perspektive der Betroffenen zu betrachten. Die Identifizierung von Versor­ gungs­ücken und Barrieren wird erheblich l erleichtert, wenn ältere Menschen direkt nach ihren Wünschen und Vorstellungen ge­ fragt werden (siehe Partizipation, Heft 1, S. 15). Auch die dann folgende Gestaltung von hilfreichen und unterstützenden Alltagsbe­ dingungen im Quar­ier wird durch die Betei­ t ligung der Bewohner und Bewohne­ innen r wirkungsvoller und nach­ altiger. h Die Teilhabe älterer Menschen an der Ent­ wicklung und Gestaltung von Angeboten ermöglicht „passgenaue“ Projekte und schafft so eine höhere Motivation und Identifikation. Die Teilnehmendenzahlen steigen und eine größere Wirksamkeit von gesundheitlichen Maßnahmen kann erreicht werden. Es gibt viele Möglichkeiten, eine Bestands­ aufnahme zu machen, Sozialraumanalysen, Begehungen, Berollung. Ein guter Einstieg ist die Frage „Wie sieht mein Quartier eigent­ lich aus Sicht von älteren Menschen aus?“. Dazu ist es sinnvoll, eine Bestandsanalyse mit ­hnen zu machen. Aber wie finden sich i die Älteren, mit denen man sich das Quartier a s ­ n­ ehen kann?

Beispiele für Belastungen im Quartier
Vor allem in sozial benachteiligten Stadtquartieren kann es auf Grund von mangelhafter Infrastruktur, physischen und psychischen Barrieren, Nachbar­ schaftskonflikten und Umweltbelastungen zu zusätz­ lichen Erschwernissen für die Bewältigung des Alltags kommen. Dies kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit älterer Menschen haben.

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Mangelhafte Infrastruktur
Reine Wohnquartiere (z.B. Wohngebiete ohne Geschäf­ te, Gesundheitseinrichtungen, Beratungs­ tellen, Kul­ s tur­ inrichtungen) zwingen ihre Bewohner und Bewoh­ e nerinnen dazu, ihre täglichen Erledigungen in anderen Gegenden zu tätigen. Ältere Menschen, die selbst nicht mehr Auto fahren, sind abhängig von Bus, Bahn und Taxi oder von privaten Fahrdiensten durch Bekannte und Verwandte, bzw. von Bringdiensten. Damit steigen ökonomische und soziale Belastungen sowie die Ge­ fahr, dass Ältere auf die Fahrten ganz verzichten und sich in die eigene Wohnung zurückziehen. Darüber hinaus sind die öffentlichen Räume in reinen Wohn­ e­ g bieten im Allgemeinen weniger belebt als die Straßen und Plätze in gemischten Quartieren. Öffentliches Leben nimmt ab, das Gefühl von Unsicherheit steigt und die Angst vor Übergriffen nimmt zu.

Nachbarschaftskonflikte
Konflikte im Wohnhaus und im Quartier stellen für ältere Menschen eine immense Belastung dar. Da sie im Allgemeinen einen großen Teil ihrer Zeit in der eigenen Wohnung und ihrem Wohnumfeld verbringen, sind sie den Konflikten unmittelbar und andauernd ausgesetzt. Die psychische Belastung durch nachbarschaftlichen Streit, das Bewusstsein, durch die Nachbarn und Nachbarinnen im Notfall keine Hilfe zu erhalten, bis hin zur Angst vor Bedrohung und Gewalt durch andere Bewohner und Bewohnerinnen im Quartier beeinträchtigen die Lebensqualität erheblich. Unsicher­ heit durch häufigen Bewohnerwechsel und Angst vor den Veränderungen, die neue Nachbarn und Nachbarinnen mit sich bringen, können zu Rückzug führen oder Streit fördern.

Bürgerbeteiligung Lindau-Zech
Die Bürgerbeteiligung Lindau-Zech ist eine Stadtteilinitiative in Bayern. Sie arbeitet in einem sozial benachteiligten Viertel der Kleinstadt Lindau (24.000 Einwohner), welches ursprünglich auch baulich in einem desolaten Zustand war. Zech hat ca. 1.650 Einwohner, davon ca. 30 Prozent mit Migrationshintergrund (we­ nig Ältere in dieser Gruppe) und einem sehr hohen Anteil älterer deutschstämmiger Bewohner (31 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner sind über 60-Jährige). Eine Polarisierung zwischen Ausländerfamilien und den älteren Deutschen war u.a. Anlass für die Initiierung des Projektes. Die Auftaktveranstaltung des Bürgertreffs wurde von rund 150 Be­ wohnerinnen und Bewohnern besucht. Unter Beteiligung aller involvierten Akteure (Wohnungs­ nternehmen, Oberbürger­ eis­ u m terin, Stadtverwaltung usw.) konnten die Anliegen und Projek­ tideen der Bewohnerinnen und Bewohner mit diesen erörtert werden. So wurde zweimal wöchentlich von Migrantinnen ein Mittagstisch für 60-70 Personen organisiert, der stark von Kindern und Älteren genutzt wurde. Ein Sonntagskaffee für Alt und Jung wurde abwechselnd durch die älteren Deutschen und durch die Migranten organisiert. Ältere übernahmen Hausaufgabenbetreuung für Kinder. Ein Bür­ gerrat zur Vernetzung der Institutionen und Bürgerbeteiligung wurde gegründet. Für Ältere und ihre Gesundheit bedeutsam waren die Themen Versorgung und neue Wohnformen. Die Schule beteiligte sich mit Anti-Gewalt- und Konflikttraining und stellte die Turnhalle für andere Gruppen zur Verfügung. Eine selbst organisierte Gruppe Seniorengymnastik entstand. Weitere Informationen hierzu unter www.sozialestadt.de

Barrieren im Wohnumfeld/ Verkehr
Öffentliche Einrichtungen, die nicht schwellenfrei zugänglich sind, Bordsteine, die nicht abgesenkt sind und Über- oder Unterführungen, die nur über Treppen zu nutzen sind, stellen für ältere Menschen mit Geh­ hilfe, Rollator oder Rollstuhl kaum zu bewältigende Hindernisse dar. Auch stark befahrene Straßen ohne sichere Fußgängerüberquerung, zu kurze Ampel­ ha­ p sen, geparkte Autos auf Gehwegen und Übergän­ en g sowie die Ausweisung von Radwegen auf Bür­ erstei­ g gen steigern die Unsicherheit älterer Menschen im öffentlichen Raum und bilden Barrieren bei täglichen Wegen. Eine schwellenarme Gestaltung und die Steue­ rung des ruhenden und fahrenden Verkehrs erleichtern nicht nur älteren Menschen, sondern auch Kindern oder Eltern die Nutzung des öffentlichen Raumes.

Umweltbelastungen
Nicht nur für ältere Menschen, sondern für Menschen aller Altersgruppen bilden Lärm, Luftverschmutzung oder Müll im öffentlichen Raum eine Belastung in ihrem Wohnalltag. Wie auch bei Nachbarschaftskonflikten sind ältere Menschen wegen ihrer teilweise engen Ak­ ions­ äume den Belastungen stärker ausgesetzt und t r verfügen im Allgemeinen über weniger Ausweich­ ög­ m lichkeiten. Unangenehme Veränderungen in der Nach­ barschaft werden von langjährigen älteren Bewohnern und Bewohnerinnen häufig als Zeichen des Nieder­ gan­ es eines Quartiers interpretiert. Solchen negativ g wahr­ enommenen Veränderungen hilflos ausgeliefert g zu sein, verstärkt das Gefühl, dem Leben nicht mehr ge­ ach­ en zu sein und entmutigt bei der Alltagsbewäl­ w s tigung.

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Kapitel 2 –  robleme und Ressourcen für ältere P Menschen im Quartier erkennen
Ressourcen erschließen
Das Ziel quartiersbezogener Aktivitäten der Gesundheitsförderung und Prävention sollte darin bestehen, vorhandene Fähigkeiten und Möglichkeiten zu nutzen und dabei auch den älteren Menschen bewusst zu machen, über welche Potenziale sie verfügen. Schließlich können gerade ältere Menschen, die schon lange in einem Quartier wohnen, Erinnerun­ gen bewahren, Traditionen überliefern und so die lokale Identität stärken. Die Erfahrungen aus ihrem Berufsleben, ihrem Alltagsleben und durchlebten Krisen bilden ein Potenzial, das nicht nur ihnen, sondern auch ihren (jün­ geren) Nachbarn und Nachbarinnen bei der Alltagsbewältigung helfen kann. Lebens­ erfahrung ist, ebenso wie verfügbare Zeit, ei­ ne wichtige Ressource älterer Menschen. Die zur Verfügung stehenden Ressourcen so­ wie die lokalen oder individuellen Defizite unterscheiden sich von Quartier zu Quartier, bzw. von Person zu Person erheblich. Aus diesem Grund ist eine enge Vernetzung der Akteure vor Ort, das Gespräch mit den alten Menschen im Quartier und die Offenheit für die Weiterentwicklung des Bestehenden grundlegend für eine nachhaltige Gesund­ heitsförderung. Im nächsten Kapitel wird im Abschnitt „Infrastruktur und Netzwerke“ auf diesen Aspekt eingegangen.

Schlüsselpersonen im Quartier
Besonders wichtig sind Schlüsselpersonen, d.h. Menschen aus der Nachbarschaft, die im Quartier gut vernetzt und anerkannt sind. Sie kennen die Probleme vor Ort und sind bereit, sich für die Weiterentwicklung des Quartiers einzusetzen. Im Allgemeinen verfügen sie über bessere oder andere Ressourcen als ihre Nachbarn und Nachbarinnen und neh­ men deshalb eine einflussreiche Stellung im Wohnumfeld ein. Zu den Ressourcen zählen

Der türkische Inhaber eines kleinen CopyShops hat für die älteren Leute im Haus die Funktion einer kleinen Sozialbera­ ungsstelle. t Er hilft, wenn es mal mit Einkäufen schwierig ist oder vermittelt Kontakt zu Beratungs­ stellen. So ver­ it­ elte er den Hausbesuch m t einer Beraterin, als es darum ging, für einen älteren krebskranken Mann eine neue geeig­ nete Wohnung zu finden. Susanne Koch, AWO-Begegnungszentrum Adalbertstraße

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zum Beispiel Erfahrungen in der Beantragung von Leistungen, bessere Sprachkenntnisse oder schriftliche Ausdrucksmöglichkeiten, eine bessere Mobilität, handwerkliche Fähig­ keiten oder eine hohe soziale Kompetenz. Diese Personen zu identifizieren und sie an der Planung und Durchführung von Ange­ boten zu beteiligen, sollte ein grundlegendes Anliegen von Anbietern gesundheitsförderli­ cher Maßnahmen sein.

„Die Tätigkeit im Ehrenamt ist für mich wichtig. Aber ein solches muss man sich leis­ ten können, z.B. die teuren Fahrtkosten.“ (zitiert nach Kuratorium Deutsche Altenhilfe. 4/2009. S. 28)

„Als Gesellschaft verschätzt man sich schnell in den Potenzialen und Ressourcen eines Menschen. Eine ältere Migrantin ist Analphabetin und hat schlechte Deutsch­ kenntnisse. Aber sie ist es eben gewohnt sich mit Leuten, egal welcher Nationalität, zu verständigen. In der Seniorenstätte ist sie immer zuständig für die Gästebe­ grüßung. Da muss man nicht fließend Deutsch sprechen. Das ist mehr eine Frage der Persönlichkeit.“ Filiz Müller-Lenhartz, AWO-Begegnungszentrum Adalbertstraße

Ehrenamt als lokale Ressource
Ehrenämter können helfen, Potenziale und Ressourcen älterer Menschen zur Gestaltung ihres Quartiers zu erschließen. Zugehörigkeit zu erleben, eine gesellschaftlich anerkann­ te Tätigkeit auszuführen, das Erleben von Kompetenz, Teilhabe und Anerkennung ist in jedem Lebensalter von großer Bedeutung für die psychische Gesundheit. Die Möglichkeit, lebenslang erworbenes Wissen einbringen zu können und Anerkennung zu erhalten, schafft zivilgesellschaftliches Engagement. In vielen Quartieren gibt es zahlreiche spannen­ de Aufgaben und Möglichkeiten für Ältere, sich einzubringen. Ehrenamtliche Tätigkeiten werden häufig mit Menschen aus Mittel- oder Oberschicht in Verbindung gebracht. Entscheidend für ehrenamtliche Tätigkeiten sind jedoch nicht formale Bildung und Kompetenzen, sondern das Zusammenpassen von Aufgabe und Person. Sozial benach­

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Kapitel 2 –  robleme und Ressourcen für ältere P Menschen im Quartier erkennen
Die verschiedensten Gründe können für eh­ renamtliche Tätigkeiten motivieren, wie ein Bedürfnis nach sozialer Anbindung und An­ er­ ennung, Sinnerfüllung durch das Gefühl k „gebraucht zu werden“, soziales und politi­ sches Selbstverständnis und eine Hilfemo­i­ t vation. Auch der Kompetenzerwerb und/oder die Anwendung von vorhandenem Fach­ wissen können von Bedeutung sein.

Ehrenamt braucht gute Rahmenbedingungen
Bei der Ansprache von (älteren) Menschen, die man fürs Ehrenamt gewinnen möchte, sind folgende Aspekte wichtig: Die Aufgabe und die gewünschte Qualifika­ tion müssen deutlich werden, dementspre­ chend ist eine genaue Aufgabenbe­ chreibung s zu erstellen: Dort sollten die Tätigkeiten der Ehrenamtlichen ausführlich beschrieben wer­ den und die Rahmenbe­ ingungen innerhalb d der Organisation oder Einrichtung berück­ sichtigt werden. Dies begünstigt eine eindeu­ tige Festlegung des Zuständigkeitsbereichs der Ehrenamtlichen. Die Abgrenzung zu hauptamtlich Tätigen sollte deutlich definiert sein.

teiligte Ältere bringen wie ältere Menschen aus gehobenen Milieus Kompetenzen und milieuspezifisches Expertenwissen in vielen Bereichen mit. In bestimmten Kontexten sind sie erfolgreicher als Ehrenamtliche anderer Schichten, z.B. weil sie auf Augenhöhe kom­ munizieren können, weniger Berührungs­ ängste haben und/oder ein größeres Ver­ ständ­ is für die Lebenssituation anderer n s ­ ozial Benachteiligter mitbringen.

Motive fürs Ehrenamt
Frau Lange ist 82 Jahre alt und wohnt in einem ehemaligen Seniorenwohnhaus, in dem immer noch viele Ältere leben. Sie organisiert seit zwei Jahren in den dortigen Gemeinschaftsräumen einmal wöchentlich ehrenamtlich eine Bingo-Veranstaltung. Für Frau Lange ist es wichtig, durch ihr Ehrenamt soziale Kontakte zu pflegen und eine sinnvolle Beschäftigung zu haben. Herr Ahmad, 66 Jahre alt, stammt aus einem arabischen Land. Er lebt seit vielen Jahren in Deutschland und ist aufgrund eines Nierenschadens auf besondere medizinische Versorgung angewiesen. Er ist dankbar für die medizinische Unterstützung, der er sein Leben verdankt. Durch sein ehrenamtliches Engagement hat er das Gefühl, anderen Menschen, die weniger gut versorgt sind, zu helfen: Er hat einen Verein mit Ehrenamtlichen gegründet, um medizinische Hilfe in Form von Hilfsmitteln wie Brillen, Rollstühlen etc. zu sammeln, die an bedürftige Menschen in außereu­ ropäische Länder geschickt werden. Zitiert nach Dr. Kerstin Kammerer, Institut für Gerontologische Forschung e.V.

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Checkliste: 	 Aufgaben­ eschreibung b Ehrenamt

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B  eschreibung der Aufgabe und Bezeichnung, z.B. „Spazier­ angs­ g paten“, „Netzwerkkoor­ inatoren“. d  Die Arbeitszeit festlegen. D  en Arbeitsort festlegen (Ressou­ cen, r die zur Verfügung ­ tehen, z.B. eigener s Schreibtisch). K  ooperation mit Beschäftigten und Koordination der Einarbeitung Ehrenamtlicher: Es sollte ein Ein­ verständnis hinsichtlich der Zusam­ menarbeit mit Ehrenamtlichen geben und sie sollten als Bereicherung wertgeschätzt werden. Das Ehrenamt kostet Zeit und Geld und ist kein Selbstläufer. Es sollte eine kontinu­ ierliche Ansprechperson geben und eine Kommunikation auf Augenhöhe stattfinden. Q  ualifizierung: Supervision, Feed­ back, Aus- und Weiter­ ildung: Die b Möglichkeit zur Weiterbildung kann ein wichtiger Anreiz für Ehrenamt­ liche sein und eine Bereicherung für die Einrichtung. S  pesenentschädigung: Auslagen (z.B. Fahrtkosten) sollten den Ehren­ amtlichen erstattet werden. D  en Versicherungsschutz klären. Hinweise dazu gibt z.B. www.freiwillig.info oder www.bagso.de B  erücksichtigung individueller Inte­ ressen und Bedürfnisse der Ehren­ amt­ichen. Freiwillige sollten an der l Gestaltung ­hrer Arbeitsbedingungen i teilhaben können.

Wichtig für die Zusammenarbeit mit Ehren­ amtlichen sind zudem offene Kommunika­ tionsstrukturen, Orientierung am Dialog, Bür­ gernähe und Barrierefreiheit. Die Qualifizie­ rung von Engagierten erhöht ihre Wirkungs­ möglichkeit und ist Form gesellschaftlicher Anerkennung (vgl. www.bagso.de). Wichtig ist auch, dass eine Anerkennungs­ kultur für ehrenamtliches Engagement be­ steht. Es gibt viele Unterstützungsleistungen auch von Älteren, z.B. für den Nachbarn oder die Nachbarin einkaufen zu gehen oder der alten Frau morgens die Zeitung mitzu­ bringen. Hier sollte man sich Gedanken ma­ chen, wie so etwas öffentlich gemacht und damit auch „beworben“ werden kann.

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Checkliste: Ehrenamtliche werden g ­ ewonnen über

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Öffentlichkeitsarbeit, z.B. Artikel über das Projekt mit Aufruf in lokalen Medien Freiwilligenagenturen „Soziales Netzwerk“ einer Einrichtung

Aufrufe auf Veranstaltungen, die sich mit dem Ehrenamt oder dem Arbeitsgebiet befassen A  nzeigen und lokale Aushänge z.B. bei Einrichtungen für Seniorinnen und Senioren

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Im Rah­ en m des Modell­ projekts „Erfah­ ungs­ r ­ wis­ en für s Initiativen“ EFI wurden in zehn Bun­ esländern ältere d Menschen für ehren­ amtl­ches Engage­ i ment qualifiziert. Lokale Einrichtun­ en g für bürgerschaftli­ ches Engagement, z.B. Seniorenbüros, Freiwilligen­ genturen a und Selbsthilfe­ on­ k taktstellen unter­ stützen diese senior Trainerinnen und -Trainer in ihrem Engagement. Weitere Informatio­ nen und die Broschü­ re „seniorTrainerin engagiert im Gemein­ wesen“ finden Sie unter www.efi-d.de.

Tipps zum Weiterlesen:
Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) (2007) Das vielfältige Engagement älterer Menschen als gesellschaftliche Ressource erkennen – Empfehlungen der Expertenkommission „Ziele in der Altenpolitik. Gütersloh* BKK Bundesverband (Hrsg.) (2009). Handlungshilfe. Gesund älter werden im Stadtteil. Verfügbar unter: www.bkk-nordwest.de/pressecenter/publikationen/download/gesund_aelter_werden.pdf * Gesundheit Berlin (Hrsg.) (2007). Gesund alt werden in Berlin – Potentiale und Strategien. Berlin, Gesundheit Berlin. Verfügbar unter: www.gesundheitberlin.de/download/07-11-08_Druckvorlage_Altern_und_ Gesundheit_an_TK.pdf * Hollbach-Grömig, B.; Seidel-Schulze, A. (2007) Seniorenbezogene Gesundheitsförderung und Prävention auf kommunaler Ebene – eine Bestandsaufnahme. Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung Band 33. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln.* Richter, A.; Wächter, M. (2009). Zum Zusammenhang von Nachbarschaft und Gesundheit. Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung Band 36. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln.*  * auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden

Links zum Thema „Probleme und Ressourcen für ältere Menschen im Quartier erkennen“
Kooperationsverbund „Gesundheitsförde­ rung bei sozial Benachteiligten“ Das Gesunde Städte-Netzwerk Aktionspro­ gramm Die Expertenkommission der Bertelsmann Stiftung stellt ihre Ziele in der Altenpolitik vor Schwerpunkte und Links zum Thema Seniorenpolitik Das Deutsche Institut für Urbanistik stellt zahlreiche Publikationen zum Thema Alter zur Verfügung www.gesundheitliche-chancengleichheit.de www.berlin.de/imperia/md/content/sen-gesundheit/ gesundheitspolitik/gsn/linksunddownloads/aktionsprogramm_2004.pdf?download.html www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID971E50B5-5CEE779D/bst/hs.xsl/prj_72920.htm www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/SID19DEF5A5-642E093F/bst/hs.xsl/95073.htm www.difu.de/themenfelder/bevoelkerung-soziales/ alte-menschen.html

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Kapitel 3 –  as Quartier für Ältere gesundheits­ D förderlich gestalten

Der durchschnittliche Aktionsradius ist im Alter, wenn z.B. das Geld für den Bus nicht reicht oder öffentliche Verkehrsmittel schlecht erreichbar sind, häufig auf den Stadtteil begrenzt. Gesundheitsförderung im Quartier, die Aufrechterhaltung von Selbstständigkeit und Autonomie im Alter ist dann davon abhängig, ob im Quartier ausreichend viele und unterschiedliche Einrichtungen zur Deckung von Alltagsbedürfnissen vorhanden sind. Eine kleinräumige, vielfältige Nutzungsmischung sollte ein vorrangiges Ziel und Interesse bei der Quartiersplanung sein. Die Zusammenarbeit unterschiedlicher Akteure erleichtert das Kompensieren von Bedarfslagen und Versorgungslücken. In gut funktionierenden Netzwerken kön­ nen Angebote besser aufeinander abgestimmt und die Adressaten von gesundheitsför­ derlichen Maßnahmen leichter erreicht werden.

Infrastruktur und Netzwerke
Einschränkungen in Bezug auf finanzielle Mittel, Bildung, Kultur und soziale Netz­ werke verstärken sich oft gegenseitig und führen dazu, dass sozial benachteiligte alte Menschen von den Angeboten in ihrer di­ rekten Nachbarschaft abhängig sind. Ein schlechter Zugang zu Informationsquellen wie z.B. Internet oder Zeitung und eine geringe Mobilität schränken den Aktions­ radius stark ein. Da sozial benachteiligte ältere Menschen geringe Wahlmöglichkeiten

haben, teurere oder entferntere Alternativ­ n­ a gebote zu nutzen und so die Angebotspalette des Quartiers gemäß ihrer individuellen Be­ dürfnisse zu ergänzen, verstärkt ein schlecht ausgestattetes Quartier soziale Benachtei­i­ l gung noch zusätzlich. Die erfolgreiche Ent­ wicklung und Umsetzung der Angebote sollte unter Einbeziehung der Betroffenen erfolgen, da nur dies die passgerechte Gestaltung und spätere Annahme garantiert (vgl. Arbeits­ hilfen Heft 2 Kapitel 5 und Beispiele für Par­izipation in diesem Heft am Ende von t Kapitel 1).

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Kapitel 3 –  as Quartier für Ältere gesundheits­ D förderlich gestalten
Quartierszentrum Hirschberg
Nach vielen Monaten umfangreicher Planun­ gen und zäher Verhandlungen mit Betreibern von Versorgungseinrichtungen war es der städtischen Wohnungsbaugesellschaft in Zusammenarbeit mit den Projektverantwort­ lichen der Sozialen Stadt gelungen, ein Projekt auf die Beine zu stellen, welches neben der Verbesserung der Versorgungssituation auch mehrere sozialstrukturelle und städtebauliche Mängel nachhaltig kompensierte. Auf zwei bis dahin bebauten Grundstücken der Wohnungsbau Ludwigsburg GmbH wurde ein Quartierszentrum mit einer leistungs­ ähigen f Nahversorgungseinrichtung (Voll­ ortimenter), s Eigentumswohnungen (z.T. be­ hindertengerecht, bzw. orientiert am Wohn­ bedarf von Senioren und Seniorinnen) und weiteren Dienstleistungen (z.B. Arztpraxen) neu gebaut. Die mit der Ansiedlung des Vollsortimenters angestrebte Verbesserung und Stabilisierung der Nahversorgungsfunktion in der Hirsch-­ berg­ iedlung spielte hierbei eine herausragen­ s de Rolle. Die weiteren Dienstleistungs­ angebote unterstrichen die Zentrumsfunktion und rundeten das Versorgungsangebot für die Bevölkerung ab. Weitere Informationen hierzu unter www.sozialestadt.de

Lichtenberger Spaziergangspaten
Spazierengehen in der Gruppe ist eine kostenlose Möglichkeit zur Gesund­ heitsförderung, Sturzprophylaxe und eine Gelegenheit soziale Kontakte zu pflegen. Das Bezirksamt Berlin-Lichtenberg hat gemeinsam mit örtlichen Krankenhäusern und der Wohnungsbaugesellschaft Hohenschönhausen ein Spaziergangspatenprogramm entwickelt. Ziel des Projekts ist die Bewegungsförderung durch ehrenamtlich beglei­ tete Spaziergänge in kleinen Gruppen. Dazu wurden in verschiedenen Zei­ tungen über Anzeigen ältere Menschen als Paten gesucht, die regelmäßig mit Gruppen von maximal 10 älteren Personen spazieren gehen. Außerdem wurde ein vierstündiger kostenfreier Basiskurs angeboten, um die Freiwil­ ligen zu unterstützen, Ältere zu aktivieren und in Kontakt miteinander zu bringen. Zahlreiche Ältere haben sich daraufhin gemeldet und Erwartungen und Anforderungen eingebracht. Nach den Qualifizierungsmaßnahmen sind mehrere Spaziergangsgruppen für unterschiedliche Zielgruppen entstanden. Weitere Informationen über Zentrum für Bewegungsförderung Berlin www.in-form.de/profiportal/in-form-vor-ort-erleben/projekte/projekte/ zentren-fuer-bewegungsfoerderung.html

Ausbau der lokalen Angebotsstruktur
Der Ausbau einer lokalen Angebotsstruktur, die Gestaltung eines komfortablen, sicheren und anregenden Wohnumfeldes, der Abbau von Barrieren und die Förderung des nach­ barschaftlichen Zusammenlebens zählen zu den wichtigen Handlungsfeldern für Gesund­ heitsförderung im Quartier. Die Ausstattung im Bezug auf Einzelhandel, Ärzte, Beratungs­ stellen, Begegnungsstätten, Kultur- und Bildungsangeboten wirkt sich unmittelbar auf die Lebensqualität im Alltag aus. Unterschiedliche Geschäfte mit Waren des täglichen Bedarfs, Freizeit- und Kulturange­ bote sowie Arztpraxen und medizinische Versorgungseinrichtungen in fußläufiger Nähe zur Wohnung sind grundlegende Anforderungen an ein gut ausgestattetes Quartier. Entsprechende Angebote sollten

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Netzwerk Märkisches Viertel
In diesem Netzwerk haben sich unter­ chied­ s liche Dienstleistungsanbieter zusammengefun­ den, um ältere Bewohnerinnen und Bewohner in der Bewältigung des Alltags, der Freizeit­ gestaltung, der (Weiter-)Bildung bis hin zur Pflege zu unterstützen. Durch die Kooperation von Wohnungsbau­ gesellschaft, Initiativen, Vereinen, Unter­ nehmen und Gewerbetreibenden sollen die Lebens­ ituation der älteren Menschen und die s Qualität der Angebote verbessert, Angebotslü­ cken geschlossen und ein Zugang zu Angebo­ ten erleichtert werden. Ein Beirat der älteren Bewohnerinnen und Bewohner wurde ein­ e­ g richtet, um deren Erfahrungen und Erwartungen aufnehmen zu können. Weitere Informationen hierzu unter www.netzwerkmv.de

Geht es um die Er­ itt­ m lung der Pfle­ e­n­ ra­ g i f struktur im Quartier, sind Pflegedienste eine gute Informa­ tions­ uelle. q

in strukturschwachen Wohnsiedlungen durch eine gezielte Ansiedelungspolitik von Wohnungsbaugesellschaften oder Kommunen unterstützt werden. Es sollte im Stadtteil viele Angebote geben, die direkt und indirekt gesundheitsförderliche Wirkung haben, z.B. Seniorengymnastik, gemeinsames Wandern oder Radfahren, Kochgruppen für Männer, Witwen- oder Trauergruppen, Chöre, Ausflüge etc. Ein Schlüsselthema ist jedoch der Aufbau so­ zialer Netzwerke in der Nachbarschaft. Sie vermitteln Zugang zu unterstützenden Angeboten und (fast allen) anderen Themen und Informationen.

Das SeniorenNetzwerk in Köln
In Köln haben sich SeniorenNetzwerke etabliert. Dies sind offene Zusammenschlüsse, mehrheit­ lich bestehend aus Seniorinnen und Senioren aus einem Stadtteil, die aber auch für Institutionen (wie Wohnungsbaugesellschaften) und Akteure der Seniorenarbeit offen sind. Ziel dieser Zusammenschlüsse ist, dass Menschen sich im Stadtteil begegnen und für sich und andere aktiv werden. Dies kann im Rahmen von Nachbarschaftscafés, Wandergruppen, Heim­ werkerdiensten, Vortragsreihen etc. geschehen. Zum Teil arbeiten die Netzwerke mit hauptamtli­ chen Netzwerkkoordinatoren, die vom Amt für Soziales und Senioren finanziert werden, zum Teil sind sie auch selbstorganisiert oder entstanden aus einer Altentagesstätte oder einem Begeg­ nungszentrum heraus. Weitere Informationen hierzu unter: www.seniorennetzwerke-koeln.de

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Kapitel 3 –  as Quartier für Ältere gesundheits­ D förderlich gestalten
Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Rahmen des nationalen Aktionsplans IN FORM am 26. Februar 2009 in Berlin gemeinsam mit dem Institut für Geron­ to­ogie an der Technischen l Universität Dortmund die Fachtagung „Gesundheits­ förderung und Prävention für ältere Menschen im Setting Kommune“ veran­ staltet. Dort wurden Erfahrungen aus Modellpro­ jekten vorgestellt sowie Probleme und Lösungsan­ sätze bei der praktischen Umsetzung von Gesund­ heits­ örderung und Präven­ f tion bei älteren Menschen im Setting Kommune aufgezeigt. Die Dokumentation der Tagung ist im Internet unter:
www.tagunggesundheitsfoerderung.de

Ältere Menschen nehmen präventive Ange­ bote am besten an, wenn sie in ihrem ver­ trauten Wohnumfeld direkt angesprochen werden. Die Maßnahmen sollten möglichst an bestehende Strukturen im Quartier an­ knüpfen, die örtliche Angebots­ alette sinn­ p voll ergänzen und durch niedrigschwellige, barrierefreie Informationen bekannt gemacht werden.

verfügbar. Darüber hinaus hat das Institut für Gerontologie eine Expertise „Gesund­ heits­­­ förderung und Präven­ tion für ältere Menschen im Setting Kommune“ erstellt. Im Rahmen dieser Expertise werden Präventions­ oten­ p ziale älterer Menschen, der Settingansatz, die gegen­ wär­ ige Praxis gesundheits­ t fördernder Interventionen sowie die Gesundheits­ förderung älterer Menschen auf kommunaler Ebene vorgestellt. Die Ergebnisse einer bundesweiten Befragung von Städten und Gemeinden 2007 bieten außerdem ei­ nen Überblick darüber, was aus Sicht der Städte und Gemeinden bereits getan und für wichtig erachtet wird. Die Expertise wird vom Bundesminis­ e­ ium für t r Gesundheit veröffent­icht l unter: www.bmg.bund.de/ fileadmin/redaktion/pdf_ publikationen/ BMG-F-10002gesundheitsfoerderungaeltere-menschen_201008. pdf

Präventionsangebote, über die der Stadtteil verfügen sollte: n  ktivierung zu Mobilität A (Spaziergangsgruppen, Schwimmtreff, Gartenarbeit, Tanzgruppen) n  eistige Aktivierung (Kultur, Musik, G Weiterbildung, Sprache) n  ielgruppengenaue Präventionsangebote z (z.B. für Männer, Migranten und Migrantinnen) n  ngebote für Selbstversorgung, A Alltagshilfen, Beratung (Kochkurse, Haushaltshilfen, Lebenshilfe, Rechtsberatung) n  ngebote für Hochaltrige und A Gebrechliche, stationäre und ambulante Versorgung, temporäre Unterstützung, Bringdienste im Quartier (Essensund Medikamente- Bringdienste, Besuchsdienste), Mobilitäts- und Begleitdienste, Hospizdienste

Checkliste: Gesundheitsförderliche Maßnahmen initiieren

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W  elche gesundheitsbezogenen oder – relevanten Angebote existieren bereits vor Ort? W  elche Zielgruppen werden darüber erreicht? Welche nicht? W  elche Präventionsbedarfe und -potenziale bestehen?

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W  er muss einbezogen werden inner­ halb der Kommunalverwaltung? W  ie wird die Beteiligung der Zielgruppen (Partizipation) sicher ge­ stellt? W  as sind geeignete Maßnahmen für den Einstieg? W  ie werden Erfolge und Misserfolge wann festgestellt und gemessen? Quelle: Altgeld, 2009

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Aktiv werden für Gesundheit · Heft 6

Checkliste: 	 Mögliche Projekt- oder Netzwerkpartner

3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3

Ö  ffentlicher Gesundheitsdienst K  rankenkassen (z.B. Präventionsangebote), Pflegekassen und MDK (z.B. Pflegestützpunkte) H  ausarztpraxen und sonstige für ältere Menschen bedeutsame fachärztliche Gruppen A  potheken, Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen (ambu­ lant, teil- und -stationär) T  räger der ambulanten, teilstationä­ ren und stationären Pflege (öffentlich, kirchlich, privat) P  rivate Anbieter von gesund­ heitsbezogenen Maßnahmen (Gesundheitszentren, Fitness- und Sportstudios, Tanzschulen und andere Anbieter von Kursen zu bestimmten Themenfeldern) E  rnährungsberatung für älte­ re Menschen, Veranstalter von Kochkursen A  ltenhilfe und sonstige Beratungsstellen für ältere Menschen S  enioren- und Behindertenorganisationen V  ereine, insbesondere Sport- und Bewegungsvereine F  reizeit- und Kultureinrichtungen, Migrantenorganisationen B  ildungseinrichtungen für ältere Menschen, Volkshochschulen

3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3 3

S  eniorentreffs, Bürgertreffs, Nachbarschaftszentren Z  usammenschlüsse von Betroffenen und Angehörigen, Selbsthilfegruppen S  eniorenbeiräte, Organisatoren von Aktionskreisen, Aktionswochen e  hrenamtlich aktive Personen und Organisationen im Stadtteil Q  uartiersmanagement s  tädtische bzw. stadtteilbezo­ gene Behörden und öffentliche Einrichtungen K  irchengemeinden und andere Religionsgemeinschaften P  olizei (z.B. Sicherheitstraining für ä ­ ltere Menschen) W  ohnungsbaugenossenschaften und -gesellschaften (z.B. Nachbar­ schaftstreffs) V  erkehrsverbund (z.B. Mobilitätstraining für ältere Menschen) E  inzelhändler und Dienstleister mit lokaler Verwurzelung, Gewerkschaften und Wirtschaft s  onstige Organisationen, Arbeitsgruppen und Verbände

(nach Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg, 2009, S. 39)

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Kapitel 3 –  as Quartier für Ältere gesundheits­ D förderlich gestalten
Öffentlicher Raum und l ­ ebendige Nachbarschaften
Nahe gelegene und barrierefreie Versorgungs­ strukturen ermöglichen nicht nur den selbst­ ständigen Einkauf, sondern sind auch eine Möglichkeit zur Teilnahme am öffentlichen Leben. Auch niedrigschwellige Treffpunkte im öffentlichen Raum, z.B. gut erreichba­ re Plätze oder Grünanlagen mit Bänken, sind eine Möglichkeit, soziale Kontakte herzustellen und aufrecht zu erhalten. Versorgungsangebote wie z.B. Mittagstische und öffentliche Kantinen bieten nicht nur preisgünstige Mahlzeiten für Ältere, sondern auch Gelegenheiten, andere Menschen zu treffen. Solche vielfältigen Angebote, die sich an die unterschiedlichen Bedürfnisse nicht nur älterer Menschen richten und eine kleintei­ lige, an den Besonderheiten des Quartiers orientierte Mischnutzung bieten, erhöhen Generationen übergreifend die Attraktivität eines Wohngebietes für alle Bewohner und Bewohnerinnen.

Abbau von Barrieren
Viele Anforderungen an die Barrierefreiheit öffentlicher Räume sind generationenüber­ greifend. Andererseits erleichtert die barriere­ arme Gestaltung öffentlicher Räume oftmals die Nutzung bestimmter Bereiche für die eine Gruppe, erschwert aber gleichzeitig eine Nutzung durch andere Menschen (z.B. die Anforderungen an die Barrierearmut seitens Menschen mit Mobilitäts- und Menschen mit Sehbeeinträchtigungen). Insofern ist Barrierearmut immer auch ein Abwägen unterschiedlicher Interessen. Neben den üblichen Aspekten, die im barrierearmen Bauen berücksichtigt werden, sollten spezifi­ sche Einschränkungen älterer Menschen bei

der Gestaltung öffentlicher Räume beachtet werden, z.B. langsamere Bewegungsabläufe, verzögerte Reaktionen, ein eingeschränktes Wahrnehmungsvermögen (Sehen, Hören), Orientierungsschwierigkeiten, eine geringere physische Belastbarkeit, Blasenschwäche oder Demenz. Daraus ergeben sich über die üblichen Kriterien der Barrierearmut hinaus folgen­ de Anforderungen an ein barrierearmes Wohnquartier: n  usreichend lange Ampelphasen a n  indeutige optische und akustische Signale e n  lare Beschilderungen mit großer Schrift k und verständlichen Aussagen n  itzgelegenheiten im öffentlichen Raum S n  ffentliche Toiletten ö n  ualifizierung von öffentlichen Akteuren Q (Polizei, ÖPNV-Bedienstete, Einzelhandel) im Umgang mit Demenzkranken Vielfältige und niedrigschwellige Angebote im Quartier unterstützen die geistige und körperliche Mobilität, indem z.B. zu außer­ häuslicher Aktivität und sozialer Teilhabe ermuntert wird.

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Rundgänge mit Tiefgang
Die Stadt Köln hat in verschiedenen Stadtteilen Rundgänge geplant, die zu Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten in den jeweiligen Stadtteilen führen. Das Angebot ist auf die Bedürfnisse älterer Men­ schen abgestimmt. So werden öffentliche Toiletten, Sitzgelegenheiten etc. in den kleinen Stadtplänen ausgewiesen. Die Rundgänge sollen Geist und Körper anregen und für Bewegung und neue Kontakte Anreize schaffen. Weitere Informationen hierzu unter www.stadt-koeln.de/3/gesundheit/gesund-im-alter/bewegung/00276/#ziel_0_21

So sollte ein komfortables, 	 sicheres und anregendes 	 Wohn­ ­ feld gestaltet sein: um
Vermeidung von Angsträumen: n  bersichtliche, einsehbare öffentliche Plätze und ü Straßen n  ute Beleuchtung g n  egelmäßige Pflege und Instandhaltung öffentlicher r Bereiche n  ffentliche Nutzung der Erd­ eschosszonen der ö g Häuser

Anpassung des ÖPNV an die Bedürfnisse älterer Menschen: nN ­  iederflurbusse, Ein- und Aus­ tiegs­ ilfen s h n  usreichend lange Türöffnungszeiten a n  enügend Haltegriffe g n  eutliche Stationsansagen d n  arrierefreie und überdachte Haltestellen mit b Sitzgelegen­ eiten h Komfortable Ausstattung des öffentlichen Raumes: n  uhebänke R n  itterungsgeschützte Verweilmöglichkeiten w n  ffentliche Toiletten ö n  tellplätze für Rollatoren S Attraktive Angebote im Wohnumfeld: n  pazierwege S n  ewegungsangebote (z.B. Sportplätze, B Schwimmbäder) n  ulturelle Angebote K n  ärkte M n  achbarschaftstreffpunkte N Förderung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens: n  nlässe und Orte der Begegnung schaffen A n  ktives Mietermanagement a – Generationen übergreifende Belegungspolitik bei Neuvermietung – Schlichtungsangebote bei Konflikten n  achbarschaftliches Engagement unterstützen n

Verständliche und leicht erkennbare Orientierungs­ systeme und Gestaltung: n  lare Wegführung k n  indeutige, gut lesbare Orientierungssysteme e (Schilder, Farbleitsysteme) n  leinteilige, unterschiedliche Gestaltung der k Erdgeschoss­ onen (vor allem in Groß­ ohnsiedlungen z w sind die Erdgeschosszonen der Wohn­ äuser häufig h einheitlich gestaltet. Dadurch ist die Orien­ierung für t manche ältere Menschen erheblich erschwert.) n  eutlich voneinander getrennte Flächen im öf­ d fentlichen Raum, z.B. Bereiche der verschiedenen Verkehrs­eilnehmer, Grünfläche vs. Stellplätze etc. t

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Kapitel 3 –  as Quartier für Ältere gesundheits­ D förderlich gestalten
Öffentlicher Raum – Ort für soziale Kontakte
Ein lebendiges Quartier braucht öffentli­ chen Raum, der als Treffpunkt dient, zur Beschäftigung und zur Bewegung einlädt.

Ludwigsburg, 	 Eglosheim II
Mit integrierten Konzepten kann mehr aus öf­ fentlichen Einrichtungen gemacht werden. So wurde im Quartier Eglosheim II im Rahmen der Modernisierung einer Sporthalle ein Anbau als zusätzlicher Mehrzweckraum realisiert. Damit wurde ein öffentlicher Raum als Ort der sozialen Begegnung verschiedener Alters- und Bewoh­ nergruppen geschaffen. Es ist eine Anlaufstelle für die Eglosheimer Bürgerschaft und ein Kristal­ lisationspunkt für bürgerschaftliches Engage­ ment entstanden. Zu den Angeboten gehören n  in Mittagstisch, der dreimal in der Woche e günstige warme Mahlzeiten bietet und einen Treffpunkt für ehrenamtlich Aktive darstellt n  aßnahmen zur Qualifikation und Arbeits­ M förderung für Frauen im Bereich Service und Bewirtschaftung n  ulturelles und soziales Programm – Bera­ K tung, genutzt durch soziale Organisationen und ehrenamtliche Aktivitäten n  in Runder Tisch, als organisatorischer Rah­ e men zur Koordination und Verstetigung des Projektes Gerade der Mittagstisch hat sich zu einem wich­ tigen Kommunikations- und Kontaktort ent­ wickelt und ist für viele Menschen – insbeson­ dere für ältere alleinlebende Menschen mit we­ ig Geld und ohne Familie – zu einer wich­ n tigen Anlaufstelle geworden. Für die Besuche­ rinnen und Besucher ist es eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und nachbarschaftliche Beziehungen aufzubauen. Ein solcher generati­ onen- und kulturübergreifender Treffpunkt und das darum bisher entstandene Netz an Kontak­ ten und Beziehungen hatten im Stadtteil bisher gefehlt. Weitere Informationen hierzu unter www.sozialestadt.de

Tenever Fonds
Ein Verfügungsfonds (vgl. Heft 3, Kapitel 4 – Finanzierung) im Quartier Bremen-Osterholz-Tenever ermöglicht gemeinschaftlich orga­ isierte n Aktivitäten und Aktionen in der Nachbarschaft und im Wohngebiet. Die geförderten Aktivitäten sollen das öffentliche Erscheinungsbild des Quartiers, öffentliche Grün- und Freiflächen und öffentlich genutztes Wohnumfeld verbes­ ern, die Aneignungs- und Nutzungsmög­ichkeiten s l durch Bewohnerinnen und Bewohner erhöhen und durch gemeinschaftli­ che Aktivitäten das soziale Klima positiv beeinflussen. Voraussetzungen sind eine selbstorgani­ ier­ e und partnerschaftliche s t Vorgehensweise, die Generationen übergreifend beteiligt. Die Übernah­ me der gemeinsamen Verant­ or­ ung für die Durchführung der Aktionen w t ist unabdingbare Voraussetzung der Förderung. Ziel ist n  ie Bereitschaft zum selbstverant­ ort­ichen Handeln von engagierten d w l Gruppen im Gebiet zu unterstützen n  ie Entscheidung zur Vergabe von aktionsbezogenen Zuschüssen auf d die lokale Ebene (Delegationsprinzip) zu verlagern und n  ie Arbeitsebenen der Verwaltung in der Umsetzung des Programms d „Wohnen in Nachbarschaften (WiN) Stadtteile für die Zukunft entwi­ ckeln“ durch Verabschiedung einer „Bagatell-Regelung“ zu entlasten. So konnten z.B. die „Aneignung“ und bessere Nutzung von öffentlichen Flächen, Plätzen und an „sozialen Orten“ durch Aufstellung einzelner Geräte, Bänke, „Möblierung“ usw. gefördert und Nachbarschaftsaktivitä­ ten, Straßenfeste, „Stadtausflüge“ von Bewohnerinnen und Bewohnern unterstützt werden. Weitere Informationen hierzu unter: www.sozialestadt.de

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Wie entstehen lebendige Nachbarschaften?
Wenn die persönlichen Ressourcen einge­ schränkt sind, gewinnt die Nachbarschaft eine besondere Bedeutung. Sie kann fehlende soziale Kontakte und Einbindung ausglei­ chen und Hilfe bei fehlender Infrastruktur im Lebensumfeld geben.

Der Senioren-Einkaufs-Service Rosenheim
Der Senioren-Einkaufs-Service (SES) wird von Bewohnern und Bewohnerinnen für die Nachbarschaft organisiert. Alle 14 Tage wird diese Fahrt von ihnen ehrenamtlich organisiert, um Senioren und Senio­ rinnen die notwendigen Einkäufe zu ermöglichen. Gerade im städtischen Planbezirk 251, dem Gebiet rund um die Lessingstraße, Sepp-Sebald-Siedlung, Herderstraße, Burgfriedstraße, Am Breitenfeld etc., aber auch in anderen Straßen des Stadtteils leben viele ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen. Es gibt keine wohnortnahen Einkaufsmöglichkeiten. Aufgrund der schlechten Einkaufsmöglichkeiten im Stadtteil können ältere Bewohnerinnen und Bewohner ihren Lebensbedarf nicht decken. Der MiniLaden bietet zwar eine Auswahlmöglichkeit an Lebensmitteln, jedoch ist das Angebot begrenzt. Da auch die Fahrt mit dem Linienbus oftmals zu teuer für die Senioren und Seniorinnen ist, bietet der SES eine Alter­ ative für sie. Sie werden mit ihren Einkäufen bis vor die Haustüre gebracht, damit sie die n schweren Taschen nicht tragen müssen. Der SES ist für die Senioren und Seniorinnen eine willkommene Abwechslung, da die „Truppe“ immer wieder gerne auch einen Abstecher in ein nettes Café macht. Somit können sie sich austauschen und mal wieder etwas anderes sehen. Eine Fahrt mit dem SES kostet für die Mitfahrenden 0,75 Euro pro Einkaufsfahrt (Hin- und Rückfahrt). Einen entsprechenden Gutschein-Ausweis mit 5 Einkaufsfahrten kann man im Bürgertreff oder im Bür­ germobil direkt beim Fahrer kaufen. Der Beitrag wird für den Unterhalt des Kleinbusses ­ erwendet. v Weitere Informationen hierzu unter www.sozialestadt.de

Im Fachheft „Zum Zusammenhang von Nachbarschaft und Gesundheit“ der BZgA (Richter, Wächter, 2009) wird die Bedeutung nachbarschaftlicher Netzwerke für die Gesund­ eit sowie die Chancen aber auch h Verfahren ihrer Initiierung von außen darge­ stellt. Nachbarschaftliche Netzwerke fördern die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und dienen der Integration. Sie können tragfähige soziale Bindungen vermitteln, die sich positiv auf die psychische Gesundheit auswirken. Das eigene Engagement kann eine gesund­

heitsförderliche Wirkung entfalten. Für ande­ re wichtig zu sein und Sinn und Erfüllung in der Tätigkeit zu finden, ist gerade für Ältere ein großer Gewinn. Alte Menschen profitieren in besonderem Maße von der Unterstützung im Alltag. Besonders in (gesundheitlichen) Krisen­ situationen hat nachbarschaftliche Hilfe eine große Bedeutung. Nachbarschaftliche Netzwerke entstehen über Gemeinsamkeiten wie räumliche Nähe, ein gemeinsames Interesse oder Problem. „Überforderte“ und heterogene Nachbar­

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Kapitel 3 –  as Quartier für Ältere gesundheits­ D förderlich gestalten
„Wir haben gerade festge­ stellt, dass es ganz wichtig ist, dass die Hilfe sehr schnell greift, weil die Leute in solchen Krisen ihre Bezü­ ge oft verlieren und auch die Familien dazu neigen, wenn die denn in Restbeständen noch da sind, in Panik eine Schnelllösung zu finden. Das bedeutet bei sehr alten, kranken Menschen auch oft die unnötige, zu schnelle Einweisung in ein Pflegeheim, meistens auch gegen den Wunsch der Betroffenen. Sind sie aber in einem solchen sozialen Netz eben drin, gelingt es deutlich besser, auch bei schweren Krankheiten den Menschen in seinem Bezug zu lassen.“ (zitiert nach Richter, W ­ ächter, 2009, S. 55)

schaften sind durch soziale Konflikte und Problemlagen gekennzeichnet. Die Bereit­ schaft, sich zusammen zu finden, kann auch bei einer heterogenen Zusammensetzung zu positiven Anlässen (z.B. Sommerfest, Floh­ markt) größer sein, als wenn es allein z.B. um einen Konflikt geht (Richter, Wächter, 2009, S. 23). Gerade die heterogene Zusammensetzung kann in Netzwerken einen besonderen Gewinn darstellen. Es werden Erfahrungen und Lernprozesse ermöglicht, die neue Perspektiven und Zugänge eröffnen und sich als ein wichtiger Erfahrungsschatz, auch zur Überwindung herkömmlicher Vorstellungen, darstellen können. n  achbarschaftliche Netzwerke haben den N stärksten Effekt für das Wohlbefinden der Einzelnen und für das Klima im Quartier, wenn sie von einer „Ebenbürtigkeit in der sozialen Beziehung“ geprägt sind. Das Engagement für die hilfebedürftigen Nachbarn kann für die Unterstützenden auch gleichzeitig die eigene soziale Integration in das Umfeld verbessern und ihnen einen Zuwachs an sozialen Beziehungen oder einen persönlichen Gewinn beispielsweise in Form eines „Bedeutungszuwachses“ bringen. n  ut gemeinte Aktionen von engagierten G Helfern und Helferinnen können bei de­ nen, die auf die Hilfeleistungen angewie­ sen sind, jedoch auch „Schamgefühle über die eigene Hilfsbedürftigkeit“ erzeugen (Richter, Wächter, 2009, S. 23).

Manchmal besteht bei den Nachbarn auch Scheu, sich „einzumischen“ und Grenzen zu überschreiten. Hier können im Quartier Anlässe zu einer ersten Kontaktaufnahme geschaffen werden. So übernimmt kein Pflege­ dienst die Bepflanzung des Balkonkastens. Für viele Leute, die nicht mehr raus können, ist das jedoch wichtig. Wenn es durch die Nachbarschafts­ hilfe gelingt, hier eine Unterstützung zu geben, dann ist das ein großer Gewinn für die Betroffenen und öffnet Türen für einen ersten Kontakt.

Die sozialen Netzwerke von Menschen in schwierigen Lebenslagen sind oft lokal be­ grenzt und in der Regel klein. Um tragfähige Beziehungen und neue Informationen und Impulse zu unterstützen, braucht es neben Aktiven aus der Bewohnerschaft häufig auch professionelle Unterstützung oder externe Partner und Partnerinnen, die das Vertrauen der Bewohnerinnen und Bewohner erwer­ ben. Ein Treffpunkt an einem öffentlichen Ort oder in einer etablierten Einrichtung dient dann der weiteren Umsetzung und schafft erste Identität. Besonders wichtig ist es, die Ergebnisse des Nachbarschaftsnetzwerks nach innen und außen darzustellen. Der gemeinsame Erfolg stärkt die Gruppe und macht die Aktivitäten der Gruppe auch für andere attraktiv (Richter, Wächter, 2009, S. 42 ff.). Dem gegenüber stellt es ein großes Hemmnis für erfolgreiche Netzwerkarbeit dar, wenn negative soziale Kontrolle, Anpassungsdruck an eine Gruppe und Ausgrenzung einzelner oder Minderheiten die Nachbarschaft prägen. Dies baut psychischen Druck auf, der eine gesundheitliche Belastung sein kann. Für den Aufbau von nachbarschaftlichen Netzwerken sind solche Einflüsse ebenso schädlich wie hierarchische Strukturen und selbsternannte Expertinnen und Experten, welche die part­ nerschaftliche Kommunikationsebene gefähr­ den (Richter, Wächter, 2009, S. 51 f.).

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Checkliste: Lebendige Nachbarschaft gestalten

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Bewohnerstruktur auswerten bestehende und fehlende Angebote er­ mitteln und Lücken schließen Barrieren erkennen und abbauen Bedürfnisse erfragen (z.B. mit aktivie­ render Befragung)

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Potenziale identifizieren und Schlüsselpersonen entdecken A  nbieter vernetzen (möglichst verbind­ liche Formen der Zusammenarbeit) „gute Orte“ schaffen (schön, sauber, interessant, geschützt, öffentlich) S  ynergieeffekte (positive Wirkungen die aus der Zusammenarbeit entstan­ den sind) nutzen Anlässe für Teilhabe und nachbar­ schaftliche Begegnung schaffen

„Zugang“ heißt Abholen
Der Zugang zu sozial benachteiligten äl­ teren Menschen ist häufig schwierig. Dies kann verschiedene Gründe haben. Negative Erfahrungen mit Institutionen und Angst vor der Dominanz oder Herablassung Anderer können Misstrauen aufbauen. Auch fehlen­ de Informationen, die Angst vor unseriösen Angeboten oder die mangelnde Überzeugung der eigenen Wirkungskraft können eine Ansprache erschweren. Der Zugang über Infobroschüren, Aushänge oder Anschreiben ist in diesen Fällen wenig erfolgversprechend. Sie werden in der alltäg­

lichen Informationsflut häufig nicht beachtet oder es ist schwierig, deren Seriosität einzu­ schätzen. Auch die Ansprache im öffentli­ chen Raum bringt diese Probleme mit sich. In der Befragung des Deutschen Instituts für Urbanistik (DiFu2007) im Auftrag der Bun­ des­ entrale für gesundheitliche Aufklärung z (BZgA) gaben Kommunen auf die Frage, welche Gruppen von gesundheitsförderlichen Maßnahmen schlecht erreicht werden folgen­ de Rückmeldung (Angaben in Prozent):

Abbildung 5: Durch Maßnahmen der Ge­ sundheitsförderung schwer erreichbare Gruppen (Quelle: HollbachGrömig, Seidel-Schulze, S. 38, 2007)

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Kapitel 3 –  as Quartier für Ältere gesundheits­ D förderlich gestalten
Die Rückmeldungen zeigen, dass ältere Frauen besser erreicht werden als ältere Männer. Gesundheitsförderungsangebote sind bislang auch mehr auf den Bedarf von Frauen abgestellt. Angebote für Männer sollten deren Interessen besser Rechnung tragen und z.B. an Fähigkeiten anknüpfen, die durch deren berufliche Biografie geprägt sind.

Präventiver Hausbesuch
In einem Modellvorhaben der AOK wurden in Hannover präventive Hausbesuche erprobt und 1.300 ältere Menschen (68-79-jährig) aufge­ sucht. Präventive Hausbesuche sind besonders gut geeignet, Lücken in der präventiven und medizi­ i­ chen Versorgung älterer Menschen ns zu ermitteln. Neben Risikofaktoren im Wohn­ umfeld (z.B. Unfall- und Sturzgefahr) werden auch körperliche und psychisch-mentale Fähig­ keiten ermittelt. Ziel ist es, eine aus­ eichende r medizinische Versorgung sicher zu stellen und soziale Isolation zu verhindern. Weitere Informationen zum Projekt „Gesund älter werden“: www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/ praxisdatenbank/

Nachbarschaftsheim 	 St. Pauli
Die Altentagesstätte des Nachbarschaftsheim St. Pauli bietet im sozialen Brennpunkt St. Pauli-Süd eine große Bandbreite von Kommunika­ ions- und t Unterstützungsangeboten (Mit­ agstisch, Sport und Musikangebote, Haust und Krankenbesuche, Begleitung zu Ärzten und Behörden), aber auch Hilfe in existenziellen Situationen, z.B. Sozialberatungen. Durch die niedrigschwellige und bedürfnis­ rientierte Arbeit werden verhält­ o nismäßig viele Männer angesprochen (ca. 30 Prozent der Klientel). Weitere Informationen hierzu unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/praxisdatenbank/

men, wenn sie sich nicht ausschließlich an Frauen richten. Weiter kann die Teilnahme­ bereitschaft an solchen Angeboten erhöht werden, wenn der Großteil der Teilnehmen­ den aus der eigenen Gemeinschaft der Ziel­ gruppe stammt. Eine stärkere Partizipation von Migranten und Migrantinnen bei Gesundheitsförde­ rungs­ aßnahmen kann dazu beitragen, m gemeinsam bedarfsgerechtere Angebote zu entwickeln. Letztendlich sollten Gesundheits­ förderungsmaßnahmen nicht zu einer Verstärkung „kultureller Ghettobildung“ beitragen, sondern Integration und Sprach­ erwerb fördern bei gleichzeitiger Wahrung der kulturellen Identität.

Migrantinnen und Migranten müssen beim Zugang zu gesundheitlicher Versorgung oft sprachliche Hürden überwinden. Hinzu kommen „kulturelle Barrieren“ in der gesell­ schaftlichen Kommunikation (was ist höflich, aufdringlich, unverschämt). Auch kulturelle Unterschiede hinsichtlich der Einstellung zu Gesundheit oder Geselligkeit sind Hinder­ nisse. So sind z.B. viele ältere Frauen aus islamisch geprägten Kulturen weniger bereit, Gesundheitsförderungsangebote wahrzuneh­

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Sportkurse für deutsche und türkischstämmige Frauen im Nachbarschaftsheim Wuppertal
Die Anlaufphase des geplanten Kurses erwies sich als schwie­ rig: „Wir mussten viel lernen“. … „Allein schon der Gruppen­ rhythmus der Türkinnen ist ganz anders als bei den Deut­ schen.“ Aufgrund der langen Sommerurlaube in der Türkei und des Ramadan sei für die Türkinnen nur eine Kursphase von Oktober bis April sinnvoll. Hinzu kommen Sprachprobleme: „Im Ruhestand geht auch das wenige Deutsch der Frauen verloren“, berichtet die Sozialpä­ da­ ogin. Deshalb wird der vor drei Jahren gegründete Gym­ g nastikkurs, an dem inzwischen zehn Frauen teilnehmen, von der Türkin Rukiye Temel geleitet. Die Übungsleiterin kennt die Unterschiede zwischen deutschen und türkischen Teilnehme­ rinnen: „Sie haben ein komplett anderes Zeitgefühl.“ Die deut­ schen Seniorinnen kämen regelmäßig, seien stets pünktlich und legten gleich mit den Übungen los. Die türkischen Frauen kämen hingegen meist eine halbe Stunde zu spät oder erschie­ nen gar nicht. „Wir mussten unsere ganze Planung umwerfen“, lacht sie. Statt straffer Zeitplanung bestimmt nun der Rhythmus der

Teilnehmerinnen den Ablauf. Der Kurs beginnt deshalb mit einem gemütlichen Zusammensitzen. Erst wenn alle eingetrof­ fen sind, geht es richtig los. Das „langsame Anfangen“ steht dabei nicht für geringes Interesse, denn auch an einer kürzlich eingeführten Ergänzung des Kurses nehmen die Frauen aktiv teil: An die Gymnastik schließt Temel neuerdings ein Gedächt­ nis­ raining an. t Dankbar angenommen wurde auch die Möglichkeit zu Gesprä­ chen mit einer Ärztin: Im letzten Jahr wurden zehn so genannte Gesundheitsgespräche organisiert, bei denen die Frauen sich mit einer türkischen Ärztin über ihre Sorgen und gesundheitli­ chen Fragen austauschen konnten. Ziel der Gespräche war es, den Frauen mehr Wissen über und Eigenverantwortlichkeit für ihre Gesundheit zu vermitteln: „Viele denken, durch eine Spritze und Medikamente lassen sich alle Gesundheits­ ro­ le­ p b me lösen“. Begriffe wie Vorsorge oder Gesundheitsförderung und die damit verbundenen Möglichkeiten sind für die Tür­ in­ k nen buchstäblich Fremdworte. Deshalb will Rukiye Temel den Frauen demnächst zeigen, wie man über das Internet an medi­ zinische Informationen gelangt (zitiert nach BKK, 2009).

AWO-Begegnungszentrum Adalbertstraße
Das Begegnungszentrum in Berlin-Kreuzberg hat einen wichti­ gen Platz im Alltag vieler älterer Migrantinnen und Migranten. Es kommen Menschen türkischer, deutscher, polnischer, arabischer, griechischer, kroatischer, serbischer, bosnischer, iranischer, italienischer und spanischer Herkunft. Die Mitar­ beiterinnen sagen, „im Vergleich zu der jungen Generation hatte die erste Einwanderergeneration wirklich multinationale Kontakte und hat die Arbeitsplätze mit Italienern und Spaniern geteilt.“ Über ihre Arbeit berichten sie: „Es ist ein bisschen schwierig, kontinuierlich Kurse anzubieten. … wenn es um ein regelmäßi­ ges Angebot geht, dann bröckelt es. … Aber, dann muss man was anderes machen. Wenn es eine Infoveranstaltung gibt, dann wird da eingeschoben: Und jetzt machen wir mal zur

Entspannung eine Übung“. Und „wir bringen die am Sonn­ abend ganz schön in Bewegung. Wenn hier das Akkordeon gespielt wird, dann fangen sie sowieso an zu tanzen. … gerade Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, aus der Türkei, Frauen, die Männer nicht, aber die Frauen bekommst du sofort zum Tanzen.“ Um z.B. türkische Männer für Angebote zu gewinnen, reicht es nicht, sich vorzustellen, was würden deutsche Ältere machen. Die Mitarbeiterinnen haben gelernt, „dass wir offen sein müs­ sen, … da hatten wir türkische Männer, die unheimlich künstle­ risch tätig waren, von denen hätten wir nie angenommen, dass sie irgendetwas Künstlerisches tun oder mal Theater spielen oder malen oder kochen … wir haben wunderbare Sachen erlebt.“ Weitere Informationen hierzu unter www.begegnungszentrum.org/

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Kapitel 3 –  as Quartier für Ältere gesundheits­ D förderlich gestalten
Multiplikatorinnen und Multiplikatoren
Der Zugang gelingt dort, wo eine Vertrauens­ basis geschaffen werden kann und Absichten verständlich formuliert werden. Dies gelingt am besten bei der Ansprache durch Multi­ plikatorinnen und Multiplikatoren, da diese Personen zur Zielgruppe gehören oder engen Kontakt zu dieser haben und ihr Vertrauen genießen. Auch über die religiöse Identität und Institutionen wie Kirchen und Moscheen, über Wohlfahrtseinrichtungen, Arztpraxen und Apotheken, die bereits das Vertrauen der Zielgruppe gewonnen haben, lässt sich ein Zugang zu sozial benachteiligten Älteren herstellen. Über diesen Weg kann dann auch schriftliches Informationsmaterial zielge­ richtet verteilt werden. Für den Zugang zu Migran­innen und Migranten ist die Zusam­ t menarbeit mit Sprach- und Kulturmittlern und -mittlerinnen für die Überwindung von Verständigungsbarrieren von großer Bedeutung. Sehr hilfreich ist der Einsatz von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die aus der Zielgruppe stammen.

Beispiele für eine gelungene Ansprache
n  ontakt zu Multiplikatoren und Multiplikatorinnen bzw. Vertrauenspersonen herstellen. Dies können K Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Einrichtungen sein oder Menschen, die schon lange im Stadtteil wohnen und einen großen Bekanntenkreis haben. Beispiel: 	 In einem Stadtteil mit vielen albanisch-kosovarischen Familien ist der Friseurladen ein wichtiger Treffpunkt von älte­ ren Männern. Hier werden auch Informationen und Nachrichten weitergegeben. n  usammenarbeit mit bereits vorhandenen, akzeptierten und niedrigschwelligen Angeboten: Eine Anknüpfung an Z andere, vertraute Angebote (z.B. Kinder- und Jugendarbeit, Stadtteilläden). Die Zusammenarbeit kann sich auf den Zugang zu Älteren beziehen oder auf die Nutzung gemeinsamer Räume. Beispiel: 	 Zugang zu älteren Migranten kann auch über Strukturen gelingen, die mit den Familien zu tun haben. Z.B. in einer Kita, die von vielen türkischen Kindern besucht wird, lohnt es sich, auf Angebote für ältere türkischstämmige Leute hinzuweisen. n  mgang mit der Zielgruppe auf Augenhöhe: Ein respektvoller Umgang, die Anerkennung der Älteren als Experten U und Expertinnen ihrer Lebenssituation sowie ein Interesse an deren Erfahrungen, Bedürfnissen und Wissen sind unumgänglich. Beispiel: 	 Ältere Menschen mit Migrationserfahrung kennen die Probleme und das Potenzial anderer Migrantinnen und Migranten, verfügen über einen ähnlichen Hintergrund und sprechen – in mehrerer Hinsicht – die gleiche Sprache. n  iederholtes Ansprechen und Informieren über die laufende Entwicklung: Selbst wenn sich manche ältere W Menschen erst einmal nicht an einem Projekt beteiligen wollen, kann kontinuierliche Ansprache Vertrauen schaf­ fen und Neugier wecken. Beispiel: 	 Im Verein Miteinander wohnen e.V. wird der Nachbar auch schon mal ein fünftes Mal gefragt, „Willst du nicht doch mal mitkommen?“. Und irgendwann ist es soweit und er kommt mit zur Hockergymnastik. n  usammenkünfte in der vertrauten nahräumlichen Umgebung sollten bekannt und barrierefrei oder -arm sein. Z Auch hinsichtlich der Termine sollten die besonderen Bedürfnisse berücksichtigt werden, so sind viele Ältere nur ungern im Dunkeln unterwegs (z.B. im Winter). Beispiel: 	 Günstige Mittagsessensangebote in öffentlichen Kantinen, welche gern von älteren Menschen besucht werden, bie­ ten Gelegenheiten, mit finanziell schwächeren und möglicherweise auch einsamen Älteren Kontakt aufzunehmen. n  nlässe schaffen bei denen Kontakte geknüpft und Informationen verbreitet werden können. A Beispiel: 	 Veranstaltungen und Stadtteilfeste

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Checkliste: Zugang zu ­ lteren 	 ä Menschen finden

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B  ezug zur Lebenswelt und zu den Interessen der Ansprech­ partner herstellen, Menschen dort abholen, wo sie leben und sind, sowohl räumlich also auch thematisch, Präsenz zeigen Vertrauenspersonen aus der Lebenswelt mit einbeziehen, das Anliegen deutlich formulieren m  it Akteuren und niedrigschwelligen Institutionen zusam­ menarbeiten, die bereits Kontakte haben, z.B. zu Stadtteil­ läden, Beratungsstellen, Mittagstischen oder runden Tischen auch mit Institutionen zusammen arbeiten, die nicht vorran­ gig Ältere ansprechen Anlässe der Begegnung schaffen, z.B. Feste, Flohmärkte oder Tauschbörsen ein respektvoller Umgang, Wertschätzung

Insbesondere für den Zugang zu Menschen mit Migrationshintergrund gilt: Zusammenarbeit mit Dolmetschern und Dolmetscherinnen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen mit Migrationserfahrung Kontakte über spezifische Orte und Angebote, z.B. Moscheen oder Vereine Einbeziehung der Familie

Checkliste: Merkmale ­ ines zielgruppen­ e orientierten Angebots
A  ngebote (Zeiten, Orte) passen sich an die Bedürfnisse der Zielgruppe an und nicht umgekehrt (Beachtung von Angsträumen und Zeitfenstern) Es gibt verlässliche und namentlich benannte Ansprech­ personen P  hysische Barrieren sind soweit abgebaut, dass auch ältere Menschen mit Mobilitätseinschränkungen die Angebote wahr­ nehmen können P  sychische Barrieren sind soweit abgebaut, dass auch wenig integrierte ältere Menschen Angebote wahrnehmen können (z.B. ältere Männer ohne Sozialkontakte im Quartier) Es gibt die Möglichkeit der Einflussnahme und Partizipation

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Tipps zum Weiterlesen:
Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.) (2006). Demographie konkret – Seniorenpolitik in den Kommunen. Gütersloh: Verlag Bertelsmann-Stiftung. (Eine Rezension hierzu von Dr. Heinz Trommer ist verfügbar unter: www.gesundheitberlin.de/index.php4?request=themen&topic=2176&type=infotext) Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.) (2010). Initiieren – Planen – Umsetzten – Handbuch kommunale Seniorenpolitik. Gütersloh: Verlag BertelsmannStiftung. Verfügbar unter: www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/xchg/bst/hs.xsl/ publikationen_94711.htm Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren­ rganisationen e.V. (Hrsg.) o (2007). Memo­ andum. Mitgestalten und Mitentscheiden – Ältere Menschen r in Kommunen. Bonn. Verfügbar unter: www.bagso.de/fileadmin/Aktuell/ Publikationen/Memorandum.pdf * Forum Seniorenarbeit NRW (Hrsg.) (2008). Gelebte Nachbarschaft in Wehringhausen. In: ­ lter werden im Wohnquartier. Lebendige Ä Nachbarschaft – wie gelingt das? Themen­ chwerpunkt 5/2008. Verfügbar s unter: www.forum-seniorenarbeit.de/Schwerpunkte/Übersicht_Archiv Gesunde Städte-Netzwerk der Bundes­ epu­ lik Deutschland (Hrsg.) (2007). r b Berliner Appell „Gesund älter werden in Städten und Regionen“. Berlin* Loss, Julika (2008). „Gesundheitsförderung in der Kommune“ 1. Wissenschaftliche Tagung der ­ sterreichischen Gesellschaft für Public Ö Health. Präsentation. Verfügbar unter: www.oeph.at/images/stories/Downloads/ vortraege2008/loss.pdf Richter, A.; Wächter, M. (2009). Zum Zusammenhang von Nachbarschaft und Gesundheit. Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung Band 36. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln.Verfügbar unter: www.bzga.de/infomaterialien/forschung-und-praxis-der-gesundheitsfoerderung/band36-zum-zusammenhang-von-nachbarschaft-und-gesundheit * * auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden

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Kapitel 4 – Prävention lohnt sich in jedem Alter

Prävention und Gesundheitsförderung sind auch bei schon vorhandenen Einschränkungen enorm wichtig. Das Ringen um jeden zu erreichenden Fortschritt ist lohnend und von großem Wert. So können Mobilität erhalten, Selbständigkeit und Teilhabe im Alltag unterstützt und die Entstehung von Pflegebedürftigkeit hinausgezögert werden. Alte Menschen leiden häufig an mehreren Krankheiten gleichzeitig und sind alters­ bedingten physischen und psychischen Einschränkungen ausgesetzt. Gesundheitliche Probleme verstärken sich gegenseitig, z.B. können Seheinschränkungen oder Kreislaufprobleme zu Stürzen führen und eine eingeschränkte Mobilität nach einem Sturz kann wiederum Depressivität oder Isolation erzeugen. Das Ziel von Prävention im Alter ist nicht die völlige Vermeidung von Erkrankungen, vielmehr besteht es darin, krankheitsbedingte Auswirkungen zu lin­ dern, den Ausbruch neuer Erkrankungen zu Präventionsmaßnahmen können an ver­ schiedenen Aspekten der körperlichen, psy­ chischen und sozialen Gesundheit ansetzen. Die Gesundheit von Körper, Geist und Seele sind eng miteinander verbunden und stehen in Wechselwirkung zueinander. Das psychi­ sche Befinden wirkt sich auf die körperliche Gesundheit aus und erhöht die Bereitschaft zu Aktivitäten und Bewegung. Eine gesunde Ernährung und ausreichende Bewegung ha­ ben wiederum einen positiven Einfluss auf das psychische Wohlbefinden. Mehr zu den Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Bewegung und Stress findet sich in Heft 4 der
Nahezu alle epidemiolo­ gisch wichtigen Erkran­ kungen im Alter weisen präventive Potenziale auf. … Die Vielzahl von Ansätzen und Handlungsfeldern, die für Gesundheitsförderung und Krankheitsverhütung bei älteren Menschen bestehen, werden bislang in der Öffentlichkeit, in den ärztlichen und pflegerischen Berufen wie auch in der Politik unterschätzt“ (Saß, Wurm, Ziese, 2009 a, S. 153).

Links zum Thema „Prävention bei älteren Menschen“
Sondergutachten 2009 „Koordination und Integra­ tion – Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens“ des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen Empfehlungen der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheitsförderung: „Präventionsziele für die zweite Lebenshälfte“ (2008) vermeiden und ein Leben mit Krankheiten zu erlernen. Die Ziele von Prävention bei älteren und alten Menschen sind daher: n  ltersbedingte Einschränkungen und a Erkrankungen vorbeugen bzw. ihren Eintritt verzögern n  rankheitsbedingte Belastungen verringern k n  er Verschlechterung des Allgemein­ d zustandes, bzw. der gegenseitigen Verstärkung von Krankheiten vorbeugen www.svr-gesundheit.de – Gutachten >

www.bvpraevention.de/bvpg/images/Positionen/praevzielegesamt_ BVPG.pdf und auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden
Der Sachverständigenrat empfiehlt, „Prävention von Pflegebedürftigkeit zu einem herausgehobenen Gesundheitsziel der alters­ gewandelten Gesellschaft zu erklären“ (Sachverständigenrat, 2009, S. 649).

Arbeitshilfen Kapitel 4 „Gesundheitsrisiken durch Stress“. Für Menschen ab 65 Jahren ist nachgewie­ sen, dass körperliche Aktivitäten, insbeson­ dere Ausdauersport, den Abbau altersbe­ dingter, kognitiver und sensomotorischer (= Kör­ erkontrolle) Fähigkeiten abmildern p (Hux­ old, 2009). h Bei der Planung und für die Durchführung von präventiven Maßnahmen hat sich ein Vorgehen nach dem Public Health-Aktions­ zyklus bewährt, der gleichzeitig eine

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Kapitel 4 – Prävention lohnt sich in jedem Alter

Überprüfung der Maßnahmeneffekte bein­ haltet und kontinuierliche Verbesserung der Maßnahmen erlaubt (vgl. Arbeitshilfen Heft 5 Kapitel 2). Die Förderung der Gesundheit älterer Menschen umfasst eine ganze Reihe kon­ kreter Themenbereiche, das reicht von der Suizidprävention, über gesunde Ernährung und Bewegungsförderung bis hin zu Suchtprävention. Nachfolgend sollen nur einige Bereiche beispielhaft vorgestellt wer­ den. Wichtig ist jedoch für alle vorgestell­ ten Bereiche, die Maßnahmenplanung mit einer konkreten Bedarfsabschätzung unter Beteiligung möglicher Zielgruppen zu be­ ginnen, wie es der erste Schritt des Public Health Action Cycle vorsieht.

Psychische Gesundheit
Seelische Belastungen, wie Verlusterlebnisse (z.B. des Ehepartners oder der Ehepartnerin), Isolation und Angst vor der Zukunft und dem

Sterben können psychische Erkrankungen wie Depressionen erzeugen oder verstärken. Einsamkeit und Rollenverluste gefährden die psychische Gesundheit und stellen eine besondere Herausforderung für die Gesund­ heitsförderung im Alter dar. Es wird ge­ schätzt, dass ein Viertel der über 65-Jährigen an psychischen Störungen leidet (Saß, Wurm, Ziese, 2009 b, S. 31). „Neben psychischen Ressourcen haben auch die Einbindung in ein soziales Netzwerk, die Möglichkeit, in sozialen Rollen aktiv zu sein sowie die soziale Unterstützung durch andere Menschen in der Regel einen posi­ tiven Einfluss auf den Gesundheitsstatus älter werdender Menschen.“ (Tesch-Römer, Wurm, 2009, S. 16). Eine aktive Förderung der Nachbarschaft und ein hartnäckiges Zugehen auch auf zurückgezogen lebende ältere Menschen bilden zentrale Bestandteile einer Gesundheitsförderung im Quartier und ermöglichen zugleich die Aktivierung für weitere, präventive Angebote.

Abbildung 6: Aktionszyklus zur Initiative und Koordination von Projekten (Quelle: Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg, 2009)

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Ein wichtiges Element der Gesundheits­örd­ f erung im Alter bildet das Gefühl der Selbst­ wirksamkeit. „Selbstwirksamkeits­ rwar­ e tun­ en stellen eine (…) bis ins hohe Alter g bedeutsame psychische Ressource dar. Diese Erwartungen umfassen die Überzeugung, neue oder schwierige Anforderungen auf­ grund eigener Kompetenz bewältigen zu kön­ nen.“ (Tesch-Römer, Wurm, 2009, S.16). Die Überzeugung von der eigenen Selbstwirk­ samkeit muss trainiert werden. Die Erfahrung zeigt, dass Isolation und Untätigkeit dazu führen, die Welt und ihre Anforderungen als nicht bewältigbar wahrzunehmen. Das Zu­ trauen in die eigenen Fähigkeiten schwindet, wenn diese nicht genutzt werden. Deshalb ist es im Rahmen der Gesundheitsförderung un­ verzichtbar, die soziale Teilhabe von älteren Menschen zu stärken und zu fördern. Zahlreiche Beispiele der Teilhabe und Akti­ vie­ ung älterer Menschen finden Sie in die­ r sem Heft.

Demenz
Demenz stellt für die Erkrankten, ihr per­ sönliches Umfeld und besonders ihre Ange­ örigen eine große Belastung dar. h „Demenzen gehören zu den häufigsten und folgenreichsten psychiatrischen Erkrankun­ gen im höheren Alter. In Deutschland leiden derzeit – bezogen auf die 65-Jährigen und Ä ­ lteren – nahezu eine Million Menschen an einer Demenz. Die Anzahl der Neuerkran­ kungen beträgt im Laufe eines Jahres fast 200.000“ (Weyerer 2005). Die fortschreitende Erkrankung des Gehirns führt zu Funktions­ beeinträchtigungen von „Gedächtnis, Den­ ken, Orientierung, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen.“ Damit gehen Verän­ derungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation einher (Weyerer 2005). Gerade die psychosozialen Beeinträchtigungen stellen für die Betreuen­ den eine große Belastung dar. Im späteren

Krankheitsverlauf werden zunehmend selbst alltägliche Aktivitäten wie Essen, Anziehen und Hygiene beeinträchtigt. Zu den Risikofaktoren, welche die Entste­ hung einer demenziellen Erkrankung be­ günstigen, gehören Alter, Bluthochdruck, Rauchen, Alkoholmissbrauch und fettreiche Ernährung. Vorbeugend wirken körper­ liche Aktivität, gesunde Ernährung, geis­ tige Aktivität, soziale Kontakte und die Behandlung von Risikofaktoren. Das Bundesministerium für Gesundheit hat im Rahmen der Initiative IN FORM einen Ratgeber zur Prävention der Demenz veröf­ fentlicht, der sich an Männer und Frauen ab dem mittleren Erwachsenenalter richtet. Er informiert über Maßnahmen zur Prävention der Demenzerkrankungen und soll zu ei­ ner gesünderen Lebensweise motivieren. Erarbeitet wurde er von Herrn Prof. Dr. Maier und Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Bonn. Online zu finden unter: www.bmg.bund.de/publikationen. Insgesamt gibt es nur begrenzte Therapie­ mög­ichkeiten. Das Wissen auf diesem Gebiet l hat in den vergangenen Jahren aber stark zu­ genommen. Dazu zählen neben medikamen­ tösen Behandlungen auch psychologische Therapiemethoden und soziale Maßnahmen (z.B. Raumgestaltungen, die den Erkrankten die Orientierung erleichtern).

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Demenzfreundliche Kommunen haben sich zum Ziel gesetzt, geeignete Strategien zu ent­ wickeln und Maßnahmen durchzuführen, um den Betroffenen und ihren Angehörigen die größtmögliche Hilfe zugänglich zu machen.

Projekt Demenz Arnsberg
Arnsberg ist eine Kommune mit 76.000 Ein­ wohnerinnen und Einwohnern in NordrheinWestfalen. Seit dem 1. Januar 2008 wird in einem von der Robert-Bosch-Stiftung geför­ derten kommu­ alen Modellprojekt das Ziel n verfolgt, die Lebenssituation von Men­ chen s mit Demenz und ihren Angehörigen zu verbes­ sern. Pro­ essionelle Hilfs- und Unterstützungs­ f angebote (Arztpraxen, Kliniken, Beratungs­ stellen u.a.) sollen mit bürger­ chaftlichem s Engagement auf Augenhöhe zusammenarbei­ ten. Dazu sollen n  nformationswege und die Vermittlung von I Hilfen verbessert werden n  ernetzung und Kooperation von Anbietern V im Stadtgebiet unterstützt werden n  ürgerschaftliche Tätigkeiten und intensive b Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit gefördert werden Weitere Informationen hierzu: www.projekt-demenz-arnsberg.de Informationen zu demenzfreundlichen Kommu­ nen: www.aktion-demenz.de

Café für Demenzerkrankte und Angehörige
Unterstützung und Hilfe im Krankheits- und Pflegefall bietet das Café für Demenzerkrankte und Angehörige in Regensburg. Um etwas Abwechslung in den Alltag pflegender Angehöriger zu bringen und ihnen die Möglichkeit zum Erfahrungsaustausch zu geben, betreibt der Treffpunkt Seniorenbüro ein regelmäßiges Café. Das Angebot richtet sich an Familienmitglieder Demenzkranker und soll dazu beitragen, dass die Betroffenen sich nicht alleine fühlen, sondern ein Gefühl von Gemein­ schaftlichkeit entwickeln. Weitere Informationen hierzu in BMFSFJ, 2007, S. 21.

Depression im Alter
Von besonderer Bedeutung sind Depres­ sionen, also „Störungen der Gemütslage, die mit Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Inte­ ressenverlust sowie Energie- und Antriebs­ losigkeit einhergehen“ (Saß, Wurm, Ziese, 2009 b, S. 51). Die Häufigkeit schwerer Depressionen nimmt im Alter nicht zu. Es gibt allerdings Gruppen, z.B. Heimbewoh­ nerinnen und -bewohner, die ein erhöhtes Risiko tragen, an Depression zu erkranken. Problematisch ist zudem, dass leichte Formen depressiver Erkrankungen oft nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, sondern

als normale Erscheinungen des Alters angese­ hen werden. Das Risiko einer depressiven Erkrankung kann sich durch Partnerverlust, subjektiv er­ lebte Einsamkeit, Mangel an sozialen Kontakten und sozialer Integration sowie (neu auftretende) körperliche Erkrankungen und Behinderungen erhöhen. Wichtige prä­ ventive Wirkung haben daher die Stärkung des Selbstkonzepts der Betroffenen, die Überzeugung, Kontrolle über die eigenen Geschicke zu haben, die frühzeitige Entwick­ lung von Bewältigungsstrategien, Erweite­ rung eigener Aktivitäten (z.B. Hobbys), sozi­ ale Kontakte und unterstützende Netzwerke (Saß, Wurm, Ziese, 2009 b, S. 53).

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Bewegungsförderung, Sturzprävention und Mobilität
Körperliche und geistige Beweglichkeit sind wichtige Vorraussetzungen für eine aktive Teilhabe am öffentlichen Leben. Körperliche Aktivität, vor allem an der frischen Luft, stärkt das Immunsystem und die seelische Gesundheit. Darüber hinaus wirkt ausrei­ chende Bewegung präventiv z.B. bei Osteo­ porose, Diabetes, Bluthochdruck, Herz- Kreis­ lauf- Erkrankungen sowie gegen biologische Alterungsprozesse, z.B. Verlust an Muskel­ kraft oder Lungenvolumen. Schließ­ich stärkt l ausreichende Bewegung nicht nur die körper­ liche Verfassung sondern auch das Zutrauen in die eigenen körperlichen Fähig­ eiten. k Die Förderung der Alltagsbewegung erweist sich gerade bei älteren Menschen, die wenig Sport in ihrem Leben betrieben haben als na­ he liegender Ansatz. Um in diesem Bereich stärkere Aktivitäten zu entfalten, wurden aus Mitteln des nationalen Aktionsplans IN FORM des Bundesministeriums für Gesund­ eit und h des Bundesministeriums für Ernäh­ ung, r

Es werden unterschiedliche Spa­ ziergangsgruppen gebraucht. Einige mit eher sportlichem Charakter und andere, bei denen man z.B. mit dem Rollator gemeinsam noch bis zum nächsten Geschäft geht. Landwirtschaft und Verbraucherschutz auf Landesebene Zentren für Bewe­ ungsför­ g derung eingerichtet, die verschiedene An­ ätze s zur Stärkung der Alltagsbewe­ ung entwickeln g und für Kommunen zur Verfügung stellen. Spazierengehen ist eine der wichtigsten Freizeitaktivitäten älterer Menschen. Attrak­ tive öffentliche Räume und Grünanlagen im direkten Wohnumfeld verbessern daher Lebensqualität und regen ältere Menschen zum Spaziergang, d.h. zur Mobilität und zur Teilhabe am öffentlichen Leben, an. Fast 70% aller Städte und Gemeinden in Deutschland stufen Sport und Bewegungs­ förderung als wichtiges Handlungsfeld ein. Wichtigster Akteur für die Kommunen sind die Sport­ ereine (Hollbach-Grömig, Seidelv Schulze, 2007).

Link zum Thema Depression
Informationen zu Depressionen und Selbst­ tötungen (Suizide) im Alter mit Materialien und Kontaktadressen; auf den Seiten finden sich auch spezielle Materialien zur Ansprache von Migrantinnen und Migranten www.buendnis-depression.de

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Kapitel 4 – Prävention lohnt sich in jedem Alter

Sportaktivität	 Radfahren	 Schwimmen	 Gymnastik	 Wandern/Spazieren	 Joggen/Laufen	 Fitness	 Tennis	 (Nordic) Walking	

Frauen	 30 %	 20 %	 28 %	 17 %	 8 %	 9 %	 5 %	 7 %	

Männer 36 % 19 % 4% 22 % 15 % 10 % 7% 5%

Gesundheitsförderungs­ angebote des DRKLandes­ erbandes v
Der Landesverband des Deutschen Roten Kreuzes in Baden-Württemberg organisiert in Zusammen­ rbeit mit vielen Partnern ein a brei­ es Bewegungs- und Gesundheitsför­ t derungs­ ngebot für sozial benachteiligte ältere a Men­ chen, welches wöchent­ich ca. 30.000 s l Men­ chen erreicht. Es werden ver­ chiedene s s Kurse (Tanzen, Gymnastik, Ge­ ächt­ istraining d n etc.) angeboten. Um Migran­ innen und Migran­ t ten besser ansprechen zu können, wurden 150 von ihnen zu Kurslei­ un­ en ausgebildet. t g Weitere Informationen hierzu unter www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/ praxisdatenbank/

Abbildung 7: Die beliebtesten Sportaktivitäten älterer Menschen ab 55 Jahren (nach Prof. Dr. Hartmann-Tews, Deutsche Sporthochschule Köln, 2009, vgl. www.maennergesundheitsportal.de/informationen/ bzga-fachforum)

Die Entwicklung zielgruppenspezifischer Sportangebote für ältere Menschen wird von Sportvereinen vorangetrieben. Denn rund die Hälfte der Älteren über 65 Jahre gibt an, sportlich nicht mehr aktiv zu sein (RKI, 2005, S. 9).

Zentrum für Bewegungsförderung
Das Berliner Zentrum hat mit sechzig älteren Bewohnerinnnen und Bewohnern sowie Menschen aus verschiedenen Einrichtungen des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg ein World Café zur Initiie­ rung von Spaziergangsgruppen durchgeführt. Bei dieser Methode werden zu den unterschiedlichen Themen Tische vorbereitet, an denen die Teilnehmenden im Verlauf der Veranstaltung reihum Platz nehmen und sich zu den einzelnen Themen austauschen. Beraten wurde z.B., was gute Treffpunkte sind, wer erreicht werden soll und wie die Schulung der Spaziergangspaten organisiert werden kann. Weitere Informationen: Überblick über alle Zentren für Bewegungsförderung in Deutschland: www.in-form.de/profiportal/in-form-vor-ort-erleben/projekte/projekte/zentren-fuerbewegungsfoerderung.html

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Das IN FORM- Projekt 	 „Bewegt leben – mehr vom Leben“
Im Rahmen des Modellprojektes „Gesund im Alter“ des nationalen Aktionsplans IN FORM geht die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit im Rhein-Sieg-Kreis der Frage nach, wie im kommunalen Bereich nachhaltige gesund­ heitsförderliche Strukturen für ältere Menschen aufgebaut werden können. Die Erfahrungen sollen über die ebenfalls im Rahmen des nationalen Aktionsplans IN FORM eingerichteten Zentren für Bewegungsförderung auf weitere Regionen übertragen werden. Zu Beginn des Modellprojektes wurden bereits bestehende Angebote für ältere Menschen zusam­ mengetragen. In einer Umfrage, an der etwa 1000 Menschen über 60 Jahre teilnahmen, wurden sportliche Aktivitäten, das Ernährungsverhalten, Angebotswünsche und Hindernisse einer Teilnah­ me erfragt. Dadurch sollten fehlende Bekanntheit und mögliche Teilnahmehindernisse erarbeitet und reduziert werden. Angebote sollen so auf die Zielgruppe der älteren Menschen unter Einbezug dieser angepasst werden. Aus diesen Erfahrungen sollen Handlungshilfen und Arbeitsleitlinien erar­ beitet werden, die auch in anderen Kommunen Anwendung finden können. Weitere Informationen unter www.in-form.de/profiportal/in-form-vor-ort-erleben/projekte/ projekte/bewegt-leben-mehr-vom-leben.html und www.gesund-aktiv-aelterwerden.de

Schätzungen gehen davon aus, dass 30 Pro­ zent der in Deutschland lebenden Personen über 65 Jahre mindestens einmal pro Jahr stürzen (Deutsche BKK, 2006, S. 76). Ein besonders hohes Risiko haben Pflegeheimbe­ wohne­ innen und -bewohner. Hier wird ge­ r schätzt, dass der Anteil bei 50 Prozent liegt. In Folge der Stürze können sich Hüftfraktu­ ren einstellen, in besonders schweren Fällen mit der Folge von Pflegebedürftigkeit. Die unmittelbaren medizinischen Behandlungs­ kosten werden auf über eine Milliarde Euro geschätzt (Deutsche BKK, 2006). Nur ca. ein Drittel der alten Menschen, die sich nach einem Sturz eine Ober­

schenkelhalsfrak­ur zuzogen, erreicht die ur­ t sprüngliche Alltagskompetenz für grundle­ gende Tätig­ eiten (Essen, Körper­ flege) wie­ k p der, sogar nur ca. ein Fünftel der Betroffenen ist weiter in der Lage, die nötigen Verrichtungen für ein selbstständiges Leben durchzuführen, wie Einkaufen oder Hausarbeit. Ein wesentlicher Grund ist psy­ chisch bedingt: die Angst vor einem erneuten Sturz. Regelmäßiges Bewe­ ungstraining ver­ g hilft dem Körper zu mehr Beweglichkeit und Geschicklichkeit und beugt dadurch nicht nur Stürzen vor, sondern unterstützt auch den Genesungsprozess nach einem Sturz.

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Kapitel 4 – Prävention lohnt sich in jedem Alter

Medienset zur Sturzprävention des Hamburger Arbeitskreises Sturzprävention
Im Rahmen eines Kooperationsprojektes des Gesunde Städte-Netzwerkes und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) wurde von der Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz der Stadt Hamburg ein Medien­ set zur Sturzprävention entwickelt, das Kommunen des gesunden Städte-Netzwerks zur Planung und Durchführung kommunaler Projekte verschickt und zur Nachahmung empfohlen wurde: n Arbeitshilfen „Mehr Gesundheit im Alter“ zur Bewegungsförderung und Sturzprä­  vention Exemplarisch wird an den Aktivitäten des Hamburger Arbeitskreises Sturzprävention ein strukturiertes Vorgehen dargestellt, um ein lokales Konzept zur Gesundheits­ förderung für ältere Menschen zu planen, umzusetzen und zu evaluieren. Die Vernetzung lokaler Organisationen und Akteure findet dabei besondere Berücksich­ tigung. Die Arbeitshilfen liegen als CD-Rom vor. Der modulare Aufbau ermöglicht es, von einem Basismodul aus über entsprechende Verweise (Hyperlinks) Vertiefungs­ module mit weiterführenden Informationen, Praxisbeispielen, Anhängen, einem Glossar und einer Linksammlung direkt anzusteuern. n Der Ratgeber „Sicher gehen – weiter sehen: Bausteine für Ihre Mobilität“ wendet  sich an die Zielgruppe der Seniorinnen und Senioren selbst, kann aber auch im Kon­ text individualisierter Beratung von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren einge­ setzt werden (z.B. Arztpraxen, Apotheken, Senioreneinrichtungen). Download der Broschüre ist möglich unter: www.hamburg.de/contentblob/895024/data/sicher-gehen-broschuere-2008.pdf n Darüber hinaus wurden eine Plakatserie und ein Flyer „Bewegung lohnt sich“ mit Anleitungen für fünf einfach durchzuführen­  de Bewegungsübungen für die Zielgruppe „Ältere Menschen“ entwickelt. Sie sind für einen Einsatz auf kommunaler Ebene zur Unterstützung von Aktionen und Veranstaltungen zur Thematik Mobilitäts- und Bewegungsförderung im Alter gedacht. Die Vorlagen können interessierten Kommunen – unter Berücksichtung von Copyright-Aspekten – zur Verfügung gestellt werden. Weitere Informationen und download unter: www.hamburg.de/gesundheit-im-alter

Abbildung 8: Medienset „Mehr Gesundheit im Alter!“ (Quelle: Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz, 2009)

Links zum Thema „Bewegungsförderung und Sturzprävention“
Aktivitäten der Zentren für Bewegungsförde­ ung in allen Bundesländern r sowie die Broschüre „Fit im Alltag – Aktiv gegen Stürze“ des Deutschen Tur­ nerbundes mit praktischen Beispielen zum Ausprobieren und Nach­ achen. m Informationen des Deutschen Olympischen Sportbunds für Menschen ab 50 Jahren (z.B. Freizeit- und Gesundheitssport), aber auch Fitnesstipps für das Alter und Informationen zu Generations- bzw. Seniorenspielplätzen www.in-form.de/fileadmin/user_upload/profi_ medien/Brosch%C3%BCren/FitimAlltag.pdf Broschüre „Fit im Alltag – Aktiv gegen Stürze“ Kontakt zu den Zentren über www.in-form.de/profiportal/in-form-vor-orterleben/projekte/projekte/zentren-fuerbewegungsfoerderung.html www.richtigfitab50.de www.bvpraevention.de www.who.int/dietphysicalactivity/factsheet_ olderadults/en/print.html

Übersicht über Angebote zur Sturzprophylaxe World Health Organization (2009) Physical Activity and Older Adults

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Ernährung und Mundgesundheit im Alter
Ernährung Eine ausgewogene und dem Lebensstil an­ gepasste Ernährung wirkt gerade im Alter vorbeugend und gesundheitsfördernd. Nach einer Umfrage von 2003 waren in der Alters­ gruppe der 60- bis 69-Jährigen 85 Prozent der befragten Männer und 79 Prozent der befrag­ ten Frauen übergewichtig oder adipös. In der Altersgruppe 70+ waren es noch 81 Prozent der Männer bzw. 78 Prozent der Frauen (Saß, Wurm, Ziese, 2009 b, S. 40). Neben der Bewegungsförderung beein­ flusst eine mäßige, kalorien- und fettarme Ernährung das Körpergewicht. Ab 50 Jahren sinkt der Energiebedarf eines Menschen, bei gleich bleibendem Nährstoffbedarf. Die Zusammensetzung der Mahlzeiten ist daher sehr wichtig, z.B. wirkt eine ausreichende Versorgung mit Kalzium und Vitamin D prä­ ventiv gegen Osteoporose.

Eine wirkungsvolle Ernährungsberatung soll­ te über eine individuell angepasste, ausgewo­ gene Ernährung informieren und darüber hi­ naus die richtigen Techniken des Einkau­ens, f der Vorratshaltung und der Zubereitung ver­ mitteln. Dabei sollten bestimmte Ziel­ ruppen g besonders beachtet werden, zum Beispiel alleinstehende ältere Männer.

Kochkurs für ältere Männer
Das Angebot wurde in Siedlungen mit älteren Bewohnern erprobt, die eine industriell geprägte Erwerbsbiographie hatten. Aufgrund der zumindest früher üblichen innerfami­ liären Arbeitsteilung fehlte es an notwendigem Wissen und Erfahrungen zu einer ausgewogenen Ernährung sowie an Kraft und Motivation, das eigene Ernährungsverhalten nachhaltig zu ändern. Bestandteile des Kurses:	 n Organisation eines regelmäßigen, gemeinsamen gesunden  Frühstücks n Kochkurs unter dem Motto: schnell, einfach, preiswert,  lecker und gesund n Einkaufen im Viertel: Gemeinsame Einkaufstour mit fachli­  cher Beratung

n  Von uns – für uns“ – „festliche“ Abendessen, bei denen „ die Teilnehmer für den Rest der Gruppe Gerichte aus ihrer Jugend bzw. aus ihrer Heimat kochen. Akteure im Rahmen des Angebotes waren örtliche Gewerk­ schaftsbüros, Krankenkassen, Renten­ eratungsstellen, Ärzte, b Apotheken, Seniorentreffs und Ämter. Das Angebot wurde mit Unterstützung von Ernäh­ rungsberatung, Köchen und Köchinnen, Verbrau­ herberatung, c Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Seniorentreffs und Altentagesstätten sowie dem Hausfrauenbund organisiert. Orte: Räume in Krankenkassen, Tagesstätten, Stadtwerken (Kochkurs) Materialien: Lebensmittel, Rezeptsammlung, Broschüren Aus: BKK Bundesverband. 2009, S. 21 f.

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Kapitel 4 – Prävention lohnt sich in jedem Alter

Rahmenbedingungen im Quartier für eine ausgewogene und gesunde Ernährung: n  rische und vielfältige Lebensmittel müssen f im Wohnumfeld erhältlich sein n  ie Zubereitung und Aufbewahrung von d Speisen durch Mittagstische und Bring­ dienste sollten qualitativ hochwertig im Sinne einer gesunden Ernährung sein (z.B. kein stundenlanges Warmhalten der Speisen) Mundgesundheit Zahnverlust und schlecht sitzende Prothesen können bei älteren Menschen Gründe für Rückzug und Isolation sein. Sie können au­ ßerdem eine Ursache für Kaubeschwerden

werden. Etwa 20 Prozent der alten Menschen sind davon betroffen. Das Kauen ist für die Zerkleinerung und Aufnahme der Nahrung wichtig, hat aber auch appetitanregen­ de Funktionen. Erst beim Kauen werden Geschmacks- und Geruchsstoffe der Nahrung freigesetzt. Mit dem Alter nimmt zudem die Speichelbildung ab. Dadurch kann es ver­ mehrt zu Mundtrockenheit und entzündli­ chen Infektionen im Mundraum kommen. Die Ursachen für Kaustörungen müssen er­ kannt und behoben werden, z.B. durch Sa­ nie­ ung des Zahnapparates, verstärkte Mund­ r hygiene und Anregen des Speichel­lusses (bei f Mundtrockenheit) z.B. durch ausreichendes Trinken.

Bis(s) ins hohe Alter
Der Rhein-Kreis Neuss hat mit zahlreichen Partnern das Projekt „Bis(s) ins hohe Alter“ initiiert. Ziel ist die Verbesserung der Mundgesundheit pflegebedürftiger Menschen. Dazu kooperieren die Partner mit fünf Einrichtungen der Altenpflege. Im Mittelpunkt des Projekts stehen Schulungen des Pflegepersonals in der Speziellen Mundpflege durch ehrenamtlich tätige Zahnärzte – so genannte Paten­ ahn­ rzte. Diese führen ferner halbjährlich eine zahnärztliche Untersuchung durch und bei Bedarf z ä können sie mit einer mobilen Behand­ungseinheit direkt vor Ort kleinere zahnme­ izinische Behandlungen durchführen. Dies l d ist insbesondere für nicht mobile Bewohner eine erhebliche Erleichterung. In regelmäßigen Abständen werden darüber hinaus individuelle Vorsorgemaßnahmen wie professionelle Zahn- und Prothesenreinigung durchgeführt. Das Pflegepersonal kann die gewonnenen Kenntnisse in den Pflegealltag einbringen, wodurch sich in vielen Fällen die defizitäre Mundhygiene der Heimbewohner verbessert. Hierdurch kann eine Steigerung der Lebensqualität der Bewohnerinnen und Be­ wohner in den Einrichtungen erreicht werden. Weitere Informationen hierzu: www.rhein-kreis-neuss.de –> Themen –> Gesundheit –> Seniorengesundheit

Link zu Ernährung und Mundgesundheit
Für Fachkräfte stehen verschiedene Broschüren mit Ernährungstipps und anderen Informationen zum Herunterladen zur Verfügung, z.B. n Essen und Trinken im Alter n Kau- und Schluckbeschwerden n Checklisten n Rezepte n Qualitätsstandards www.fitimalter.de

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Pflegende Angehörige Die Zahl der zu pflegenden Personen wird, wie in Kapitel 1. bereits erläutert wurde, weiter zunehmen. Diese Entwicklung ver­ anschaulicht die folgende Grafik. Der Hoch­ rechnung des Status Quo, also den heutigen Zahlen Pflegebedürftiger, wird der günstige Fall, also dass Präventionsmaßnahmen wir­ ken und zukünftig der Eintritt chronischer Erkrankungen und damit die Zahl der Pflege­ bedürftigen verringert werden kann (sog. Kompressionsthese), gegenüber gestellt. Selbst wenn chronischen Erkrankungen vorgebeugt und nachfolgende Generationen gesünder in die hohen Lebensjahre kommen, steigt die Zahl der hilfsbedürftigen Personen auf etwa 3,5 Millionen im Jahre 2050 an.

genden Angehörigen und kann zu eigenen schweren Erkrankungen führen. Das Wissen um Unterstützungsmöglichkeiten und der Kontakt zu anderen Betroffenen kön­ nen Belastungen verringern. Eine frühzeitige Suche nach externer Unterstützung kann Notlagen vorbeugen oder verbessern und stellt eine wichtige präventive Hilfe für pfle­ gende Angehörige dar. Für den Erfolg von Unterstützungsangeboten ist es allerdings notwendig, dass diese sehr niedrigschwellig im Quartier verankert sind und die Inanspruchnahme von Hilfe als Selbstverständlichkeit gilt. Oft beste­ hen Vorbehalte gegenüber der Suche nach Unterstützung, da Hilfebedürftigkeit häufig mit individuellem Versagen gleichgesetzt

Abbildung 9: Entwicklung der Pflegebedürftigen im Vergleich, (Quelle: Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesund­ heitswesen, 2009, S. 511)

Broschüre „Pflegefall in der Familie – Was nun?“ des Kölner Bündnisses für Familie* Das Kölner Bündnis für Familie hat 2008 eine Informationsbroschüre für pflegende Angehörige herausgebracht. Die­ se Broschüre „Pflegefall in der Familie – Was nun?“ gibt nützliche Informationen und Tipps zu Pflegestufen, Leistungen des Sozialamtes und rechtlichen Fragen der Betreuung sowie zur Vereinbarkeit von Familie und Pflege. Außer­ dem bietet sie Kontaktadressen zu Beratungsund Fortbildungsangeboten und enthält eine Checkliste, welche die Auswahl eines geeigneten ambulanten Pflegedienstes erleichtern soll. *  ie Broschüre ist auf der CD dieser Arbeitshil­ D fen enthalten.

Soziale Netzwerke und die Unterstützung durch Angehörige, Freunde und Nachbarn, werden damit zu wichtigen Faktoren, um vorübergehend zu unterstützen und statio­ näre Pflege möglichst lange hinaus zu zö­ gern. Dazu bedarf es jedoch auch tragfähiger Entlastungs- und Unterstützungsangebote für pflegende Angehörige. Denn die Belastung der Pflegetätigkeit beeinträchtigt die Gesund­ heit der meist selbst bereits älteren pfle­

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Kapitel 4 – Prävention lohnt sich in jedem Alter

Regelmä­ i­ e ßg Augen­ n­ er­ u t su­ hun­ en c g dienen auch der Sturz­ prävention; Hörtests sichern die Kommu­ nikation und haben damit auch ­ räventive p Wirkung gegen Depressionen.

wird. Diesem Image gilt es ebenso sensibel wie hartnäckig entgegen zu wirken, wenn Unterstützung präventiv, d.h. frühzeitig wir­ ken soll.

Inanspruchnahme von m ­ edizinischen Früh­ erkennungsangeboten
Die Teilnahme älterer Menschen an Früh­ erkennungsuntersuchungen der gesetzlichen Krankenkassen sowie an Therapien oder Rehabilita­ions­ aßnahmen sind wichtige t m Bausteine für den Erhalt der Gesundheit. Eine frühzeitige Teilnahme an diesen Angeboten hilft, Erkran­ ungen früh erken­ k nen und im Anfangs­ ta­ ium behandeln zu s d können, Gesundheits­ isiken rechtzeitig zu r identifizieren und individuell abgestimmte Behand­ungen zu entwickeln. l

Voraussetzung für die Inanspruchnahme der medizinischen Versorgung ist die Bereit­ schaft, an Früherkennungsunter­ uchungen s auch ohne akute gesundheitliche Probleme teilzunehmen. Empfohlene oder notwendige Konsequenzen der Untersuchung wie Prä­ vent­onskurse oder Therapien und Rehai Maß­ ahmen müssen konsequent befolgt wer­ n den. Hierfür müssen präventive und gesund­ heitsförderliche Angebote kostengünstig und niedrigschwellig im Quartier vorhanden und bekannt sein. Eine Vernetzung der einzelnen Anbieter zu lokalen Gesundheitsnetzen ist im Sinne der ganzheitlichen Prävention bei älte­ ren Menschen eine wichtige Zielvorgabe. Das Wissen und Bewusstsein um die Wirksam­ keit von Prävention und Gesundheitsför­ e­ d rung im Alter muss auch bei der Ärzteschaft erweitert und verstärkt werden.

Links zu Früherkennungsuntersuchungen
Informationen zu empfohlenen Früh­ rken­ ungs­ ntersuchungen und Impfungen im Alter. e n u Das Material „Alles im Blick – Meine Gesundheit“ der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen BAGSO hilft auch dabei, sich einen Überblick über die eigenen Gesundheitsunterlagen zu verschaffen und diese strukturiert abzulegen. Darüber hinaus werden Vorlagen z.B. für Betreuungs- und Patientenverfügungen an die Hand gegeben. Einen Überblick über verschiedene Früherkennungs- und Vorsorgeuntersuchungen sowie Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen bietet die Internetseite des Bundesministeri­ ums für Gesundheit. www.bagso.de/allesimblick.html

www.bmg.bund.de

Arzneimittel im Alter
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen hat sich in seinem Sondergutachten 2009 ausführlich mit den Problemen der Arzneimittel­ erordnung bei alten Menschen v mit mehrfachen Erkrankungen befasst. So wird an Hand einer imaginären 79-jährigen Patientin mit zahlreichen Erkrankungen wie Osteoporose (Knochenschwund),

Osteoarthritis (entzündliche Erkrankung von Knochen und Gelenken), Diabetes mel­ litus Typ 2 (Zucker­ rankheit), Hypertonie k (Bluthochdruck) und chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (dauerhaft entzündete und verengte Atemwege) dargestellt, dass diese Patientin täglich zwölf Medikamente in 19 Einzel­ osen, zu fünf verschiedenen d Zeitpunkten, zwischen 7 Uhr und 23 Uhr einnehmen müsste (Sachverständi­ enrat, g 2009, S. 458 f.). Ältere Menschen erhalten

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Aktiv werden für Gesundheit · Heft 6

auf Grund von mehrfachen Erkran­ ungen k (Multimorbidität) meist viele unterschiedli­ che Arzneimittelverord­ ungen und haben n dadurch auch eine erhöhte Gefahr, an un­ erwünschten Arzneimittel­ ebenwirkungen n und -wechselwirkungen zu leiden (Sach­ er­ v ständigenrat, 2009, S. 471), wie die folgende Grafik zeigt.

Abbildung 10: Arzneimittelverbrauch in definierten Tagesdosen (DDD) je Versichertem in der GKV 2007. (Quelle: Sachverständigenrat, 2009, S.466)

Neben Anforderungen an die pharmazeuti­ sche Forschung werden vor allem Verbes­ serungen in der Versorgung älterer Menschen gefordert. „Reserven für die Gesunderhaltung und die Hinauszögerung einer Pflegeabhängigkeit sind aber nicht nur im Verhalten der alten Frauen und Männer zu suchen. Ebenso lie­ gen diese in den Verhältnissen des Gesund­ heits­ ystems. So werden insbesondere s weibliche biografische Stationen im Alter im Rahmen der medizinischen Versorgung als Krankheit umdefiniert: Zeiten von Lebensveränderungen, wie die Empty NestPhase [die Kinder sind „ausgeflogen“] nach dem Auszug der Kinder oder die Meno- und Postmenopause sind heute anfällig für me­ dizinische Interventionen. Ein veränder­ tes Verordnungsverhalten der Ärzte zum Beispiel könnte Frauen im Alter helfen, ihre Gesund­ eit positiv zu beeinflussen. Der hohe h Medikamentenverbrauch vieler Frauen, ins­ besondere der Verbrauch von Beruhi­ ungs­ g mitteln und Psychopharmaka, hat letztend­ lich auch mit den geschlechtsspezifischen Zuschreibungen vieler Ärzte zu tun. Sie neigen bei Frauen eher dazu, Symptome wie

Älterwerden und Gesundheit – die Patientinnenschulung
Das Feministische Frauengesundheitszentrum Berlin hat eine Patientin­ nenschulung entwickelt, die ältere Frauen zu gesundheitlichen Themen informiert, um Erkrankungen vorzubeugen und ihr Selbsthilfepotenzial für den Umgang mit Beschwerden, gesundheitlichen Einschränkungen oder Erkrankungen zu verbessern. Das Projekt richtet sich besonders an sozial benachteiligte Frauen. Durch die Sprach- und Kulturmittlung werden auch ältere Migrantinnen gut erreicht. Weitere Informationen hierzu www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/praxisdatenbank „psychische Überforderung” oder „(Klimak­ teriums-) Depressionen” zu diagnostizieren. Studien konnten zeigen, dass die häufigeren Medikamentenverordnungen für Frauen mit deren häufigeren Arztbesuchen zusammen­ hängen. An diesem Punkt schließt sich ein Kreislauf: Frauen äußern mehr Beeinträch­ tigungen des seelischen und körperlichen Befindens. Frauen gehen häufiger zum Arzt, Frauen bekommen häufiger Medikamente verschrieben, besonders solche, die im psycho-vegetativen Bereich wirken“ (Sach­ verständigenrat, 2009, S. 619).

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Kapitel 4 – Prävention lohnt sich in jedem Alter

Tipps zum Weiterlesen
Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.) (2010). Geistig fit im Alter durch Ernährung, Bewegung und geistige Aktivität. Verfügbar unter: www.bmg.bund.de siehe Publikationen Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.) (2011). Leben in Balance – Seelische Gesundheit von Frauen. Verfügbar unter: www.bmg.bund.de siehe Publikationen Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.) (2012). Aktiv sein – für mich. Auswirkungen von Bewegung auf die psychische Gesundheit von Frauen. Verfügbar unter: www.bmg.bund.de s ­ iehe Publikationen Bundesvereinigung für Prävention und Gesundheitsförderung (2007) Präventionsziele für die zweite Lebenshälfte – Empfeh­ lungen der Bundesvereinigung Prävention und Gesundheits­ förderung e.V. Verfügbar unter: www.bvpraevention.de/bvpg/ images//Positionen/praevzielegesamt_BVPG.pdf Cruz-Jentof, AJ et al (2008). European Silver Paper on the Future of Health Promotion and Preventive Actions, Basic Research and Clinical Aspects of Age-Related Disease. European Summit on Age-Related Disease. Wroclaw *

Demenz Support Stuttgart (Hrsg.) (2010): „Ich spreche für mich selbst“. Menschen mit Demenz melden sich zu Wort. Frankfurt a.M., Mabuse Deutsches Forum Prävention und Gesundheitsförderung (Hrsg.) (2004). Botschaften für gesundes Älterwerden. Berlin * European Network for Safety among Elderly (o.J.). Factsheet: Sturzprävention bei älteren Menschen. Verfügbar unter: www.euroipn.org/eunese/Documents/FS%20GE/FS_FALLS_GE.pdf Kruse, Andreas (1999). Regeln für gesundes Älterwerden. Verfügbar unter: www.bvpraevention.de * Kümpers, Susanne (2008). Alter und gesundheitliche Ungleichheit: Ausgangspunkte für sozialraumbezogene Primärprävention. Berlin, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung* Trommer, H. (2010). Gesundheitsförderung bei älteren Männern. In: Gesundheit Berlin- Brandenburg (Hrsg.) Dokumentation der Regionalkonferenz Gesundheit im Alter fördern – eine Zukunftsaufgabe der Kommunen. Berlin, Gesundheit Berlin. S. 28-30 * auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden

Links zum Thema „Prävention im Alter“
Das Frauengesundheitsportal der BZgA bietet neben vielen anderen Themen auch wichtige und interessan­ te Informationen rund um das Thema „Gesund älter werden“. Das Modellprojekt „bewegt leben – mehr vom Leben“ des BMG und der BZgA Dokumentation der Fachtagung „Mobilität und Alter in Niedersachsen“ (Sept. 2007) Bundesministerium für Gesundheit: Prävention und Ge­ sundheitsförderung für ältere Menschen Deutscher Präventionspreis 2005 für die Maßnahme „Akti­ ve Gesundheitsförderung im Alter“ Dokumentation der Regionalkonferenz „Eine Zukunfts­ aufgabe der Kommunen“ (Veranstaltung vom 15.10.2009) www.frauengesundheitsportal.de

www.in-form.de/profiportal/in-form-vor-ort-erleben/projekte/projekte/bewegt-leben-mehr-vom-leben.html www.gesundheit-nds.de/dokumentationen/20072008/ 210907mobilitaetundalterinniedersachsen.htm www.bmg.bund.de/glossarbegriffe/g/gesundheitsfoerderung-undpraevention-fuer-aeltere-menschen.html www.deutscher-praeventionspreis.de/ praeventionspreis/2005/ preistraeger.php www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/service/meldungen/ eine-zukunftsaufgabe-der-kommunen-dokumentation-derregionalkonferenz-zum-thema-gesundheitsfoerderung-beiaelteren-erschienen

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Quellennachweise
Altgeld, Th. (2009). Alt werden, gesund bleiben – Kommunale Gesundheitsförderung und Prävention für ältere Menschen. In: Bertelsmann Stiftung (Hrsg.) Initiieren – Planen – Umsetzen. Handbuch kommunale Seniorenpolitik. Gütersloh, Verlag Bertelsmann Stiftung, S. 220-234 Au, C. (2010). Pflegebedürftigkeit im demografischen Wandel: Prävention und Gesundheitsförderung. In: informationsdienst altersfragen 01/2010. Hrsg. Deutsches Zentrum für Altersfragen. > Berlin. S. 7-15. Verfügbar unter: www.dza.de – Informationsdienste Behörde für Soziales, Familie, Gesundheit und Verbraucherschutz Hamburg. Hrsg. (2009). Mehr Gesundheit im Alter – Arbeitshilfen für Bewegungsförderung und Sturzprävention im Alter am Beispiel des Hamburger Arbeitskreises Sturzprävention. * Böhm, K.; Tesch-Römer, C.; Ziese, T. (2009). Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Gesundheit und Krankheit im Alter. Berlin, Robert Koch-Institut Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.) (2007). Selbstorganisation älterer Menschen: Beispiele guter Praxis. Rostock: Publikationsversand der Bundesregierung. Verfügbar unter: www.bmfsfj.de/ RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Selbstorganisation-_ C3_A4lterer-Menschen_3A_20Beispiele-guter-Praxis Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.) (2009). Gesundheits­ förderung und Prävention für ältere Menschen im Setting Kommune (Kurz-Expertise). Rostock: Publikationsversand der Bundesregierung. Verfügbar unter: www.bmg.bund.de/fileadmin/ redaktion/pdf_publikationen/BMG-F-10002-gesundheitsfoerderungaeltere-menschen_201008.pdf BKK Bundesverband (Hrsg.) (2009). Handlungshilfe. Gesund älter werden im Stadtteil. Verfügbar unter: www.bkk-nordwest.de/pressecenter/publikationen/download/gesund_aelter_werden.pdf * Deutsche BKK (Hrsg.) (2006). Das Magazin, Ausgabe 02 Fretschner, R. (2008). Sektorübergreifende, zielgruppengerech­ te, kommunale Gesundheitsförderung für ältere Menschen. In: Impulse 59/2008 S. 9 f. Verfügbar unter: www.gesundheit-nds.de – Veröffentlichungen > Hoffmann, E.; Menning, S.; Schelhase, T. (2009). Demografische Perspektiven zum Altern und zum Alter? In: Böhm, K.; TeschRömer, C.; Ziese, T., Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Gesundheit und Krankheit im Alter. Berlin, Robert Koch-Institut, S. 21-30. Die Beiträge des Robert Koch-Institutes zur Gesundheitsbericht­ rstattung des Bundes sind im Internet ver­ e fügbar unter: www.rki.de unter Gesundheitsmonitoring Hollbach-Grömig, B.; Seidel-Schulze, A. (2007) Seniorenbezogene Gesundheitsförderung und Prävention auf kommunaler Ebene – eine Bestandsaufnahme. Forschung und Praxis der Gesund­ heitsförderung Band 33. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln. www.bzga.de/infomaterialien/forschung-undpraxis-der-gesundheitsfoerderung/band-33-seniorenbezogenegesundheitsfoerderung-und-praevention-auf-kommunaler-ebene-einebestandsaufnahme * Huxhold, O. (2009). Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist im Alter. In: Informationsdienst Altersfragen 3/2009. Deutsches Zentrum für Altersfragen. Berlin. S. 2-5. Verfügbar > u ­ nter: www.dza.de – Informationsdienste Kruse, A. (1999). Regeln für gesundes Älterwerden. Verfügbar u ­ nter: www.bagso.de/fileadmin/Aktuell/Gesundheit/BAGSO_ informiert_15_Regeln_Kruse_01.pdf * Kruse, A. (2007). Prävention und Gesundheitsförderung im Alter. In: Hurrelmann, K.; Klotz, T.; Haisch, J.; Lehrbuch Prävention und Gesundheitsförderung. 2. überarbeitete Auflage. Bern. Huber-Verlag S. 81 – 91

Kümpers, S. (2009). Gesundheitsforderung im Alter – Herausforderungen und Strategien der sozialraumbezogenen Prävention. In: Dokumentation. Regionalkonferenz. Gesundheit im Alter fördern – eine Zukunftsaufgabe der Kommunen. Berlin, Gesundheit Berlin e.V., S. 10-12 Kuratorium Deutsche Altenhilfe (Hrsg.) (2009) Pro Alter. Fachmagazin des Kuratoriums Deutsche Altenhilfe. 4/2009. Köln. Lampert, T. (2009). Soziale Ungleichheit und Gesundheit im höheren Lebensalter. In: Böhm, K.; Tesch-Römer, C.; Ziese, T., Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Gesundheit und Krankheit im Alter. Berlin, Robert Koch-Institut, S. 121-133 (Internetverweis siehe oben) Richter, A.; Wächter, M. (2009). Zum Zusammenhang von Nachbarschaft und Gesundheit. Forschung und Praxis der Gesundheitsförderung Band 36. Bundeszentrale für gesundheit­ liche Aufklärung. Köln. www.bzga.de/infomaterialien/forschung-undpraxis-der-gesundheitsfoerderung/band-36-zum-zusammenhang-vonnachbarschaft-und-gesundheit * Richter-Kornweitz, A. (2009) Armut, Alter und Gesundheit heute. In: Kuratorium Deutsche Altenhilfe (Hrsg.) Pro Alter, Fachmagazin des Kuratoriums Deutsche Altenhilfe. 4/2009. Köln. S. 7-17 Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2005). Themenheft 26: Körperliche Aktivität. Berlin. Robert Koch-Institut (Hrsg.) (2008). Schwerpunktbericht: Migration und Gesundheit. Berlin. Die Schwerpunktberichte des Robert Koch-Institutes sind im Internet verfügbar unter: www.rki.de unter Gesundheitsmonitoring – Gesundheitsberichterstattung > Sachverständigenkommission (2001). Dritter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland: Alter und Gesellschaft. Berlin Sachverständigenkommission (2005). Fünfter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Berlin. Verfügbar unter: www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung3/ Pdf-Anlagen/fuenfter-altenbericht,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2007). Kooperation und Verantwortung – Voraussetzungen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung. Gutachten. Baden-Baden. Verfügbar unter: www.svr-gesundheit.de – Gutachten > Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2009). Koordination und Integration – Gesundheitsversorgung in einer Gesellschaft des längeren Lebens. Sondergutachten. Baden-Baden. Verfügbar unter: www.svr-gesundheit.de – Gutachten > Saß, A.-C.; Wurm, S.; Ziese, T. (2009 a). Inanspruchnahmeverhalten. In: Böhm, K.; Tesch-Römer, C.; Ziese, T. (Hrsg.) Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Gesundheit und Krankheit im Alter. Berlin, Robert KochInstitut, S. 135-159 (Internetverweis siehe oben) Saß, A.-C.; Wurm, S.; Ziese, T. (2009 b). Somatische und psy­ chische Gesundheit. In: Böhm, K.; Tesch-Römer, C.; Ziese, T. (Hrsg.) Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Gesundheit und Krankheit im Alter. Berlin, Robert Koch-Institut, S. 31-61 (Internetverweis siehe oben) Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucher­ schutz (Hrsg.) (2009). Gesundheitsberichterstattung Berlin Diskussionspapier 34. Zur demografischen Entwicklung und ih­ ren Auswirkungen auf Morbidität, Mortalität, Pflegebedürftigkeit und Lebenserwartung. Verfügbar unter: www.berlin.de/imperia/md/content/sen-statistik-gessoz/gesundheit/dp/ dp_34.pdf?start&ts=1261057905&file=dp_34.pdf

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Statistisches Bundesamt Deutschland (2009) 12. koordinierte Bevölkerungs­ orausberechnung – animierte Alterspyramide. v Verfügbar unter: www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/ Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Bevoelkerung/ VorausberechnungBevoelkerung/InteraktiveDarstellung/InteraktiveDarst ellung,templateId=renderPrint.psml Tesch-Römer, C.; Wurm, S. (2009). Wer sind die Alten? Theoretische Positionen zum Alter und Altern. In: Böhm, K.; Tesch-Römer, C.; Ziese, T. (Hrsg.) Beiträge zur Gesundheits­ berichterstattung des Bundes. Gesundheit und Krankheit im Alter. Berlin, Robert Koch- Institut, S. 7-20 (Internetverweis siehe oben) Trommer, H. (2007). Welche Ressourcen und Potentiale für Gesundheit brauchen wir im Alter? In: Gesundheit Berlin (Hrsg.) Gesund alt werden in Berlin – Potentiale und Strategien. Berlin, Gesundheit Berlin e.V., S. 11-17 * Weeber, R. (2010). Möglichkeiten und Chancen gesundheitsori­ entierter Stadtentwicklung. Präsentation, Berlin. Verfügbar unter: www.gesundheitliche-chancengleichheit.de/:fachtagung-quartier

Weyerer, S. (2005). Altersdemenz. Gesundheitsberichterstattung des Bundes, Themenheft 28. Robert Koch-Institut, Berlin World Health Organization (2002). Aktiv Altern. Rahmenbedingungen und Vorschläge für politisches Handeln. Wien, Bundesministerium für soziale Sicherheit, Generationen und Konsumentenschutz, Kompetenzzentrum für Senioren- und Bevölkerungspolitik Wurm, S.; Lampert, T.; Menning, S. (2009). Subjektive Gesundheit. In: Böhm, K.; Tesch-Römer, C.; Ziese, T. (Hrsg.) Beiträge zur Gesundheitsberichterstattung des Bundes: Gesundheit und Krankheit im Alter. Berlin, Robert Koch-Institut, S. 79-91 (Internetverweis siehe oben)

* auf der CD zu diesen Arbeitshilfen vorhanden

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Aktiv werden für Gesundheit · Heft 6

Aktiv werden für Gesundheit Arbeitshilfen für Prävention und Gesundheitsförderung im Quartier Heft 6 Gesund und aktiv älter werden
Gesundheit im Alter Ältere Menschen besitzen viele Ressourcen und präventive Potentiale, welche bislang nur in geringem Maße ausgeschöpft werden. Dieses Kapitel gibt einen Einblick in verschiede Altersbilder, die demographische Entwicklung und ih­ re Bedeutung für die Kommunen, soziale Benachteiligung im Alter und die Gesundheit und Lebensqualität im Alter, die durch partizipative Projekte und soziale Teilhabe erheblich verbessert werden können. Probleme und Ressourcen für ältere Menschen im Quartier erkennen Das direkte Wohnumfeld ist für ältere Menschen von besonderer Bedeutung, da sie meist nicht mehr die Möglichkeit haben, Angebote wahrzunehmen, für die sie weite Wege zurücklegen müssen. Wie eine Bestandsaufnahme bereits vorhandener Angebote für ältere Menschen im Quartier gemacht werden kann, welche Kriterien für ein gesundheitsför­ derliches Quartier für Ältere von Bedeutung sind und welche Belastungen und Ressourcen ein Quartier bieten kann, wird in diesem Kapitel aufgezeigt. Das Quartier für Ältere gesundheitsförderlich gestalten Der Ausbau einer lokalen Angebotsstruktur, die Gestaltung eines komfortablen, sicheren und anregenden Wohnumfeldes, der Abbau von Barrieren und die Förderung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens zählen zu den wichtigen Handlungsfeldern für Gesundheitsförderung für ältere Menschen im Quartier. Dieses Kapitel zeigt auf, wie diese Maßnahmen verwirklicht werden können, welche Projekt- und Netzwerkpartner angesprochen werden können und wie die Zielgruppe der benachteiligten älteren Menschen am effektivsten zu erreichen ist. Prävention lohnt sich in jedem Alter Prävention und Gesundheitsförderung sind für die Gruppe der älteren Menschen und gerade bei bereits bestehenden Einschränkungen besonders wichtig. Sie können dazu beitragen Mobilität, Selbstständigkeit und Teilhabe im Alltag zu erhalten und das Entstehen einer Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern. Dieses Kapitel geht auf Lebensbereiche wie Bewegung, Ernährung und Pflege, aber auch auf Krankheitsbilder wie Demenz und Depression ein, die im Alter von Bedeutung sind und ein hohes präventives Potential aufweisen. Die mit ihnen verbundenen Möglichkeiten, gesundheitsförderlich Einfluss nehmen zu können werden erläutert ebenso wie Früherkennungsangebote und die Problematik der Arzneimittelversorgung im Alter. Tipps zum Weiterlesen Sie dienen zur Vertiefung eines interessierenden Themas. Links Hier finden sich nützliche Informationen, Adressen von Datenbanken, praktische Hinweise, Projektbeispiele und mögliche Partner. Checklisten Sie helfen bei der praktischen Umsetzung von Gesundheitsförderung und Prävention im Quartier.
        
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