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Der große geschichtliche Überblick 150 Jahre Evangelisches Johannesstift in Berlin
Helmut Bräutigam, Stiftsarchivar
er Wichern-Biograf Martin Gerhardt nannte die Gründung des Johannesstifts die „letzte große schöpferische Tat“ Wicherns. Dieser „letzten“ waren zwei andere „schöpferische Taten“ vorangegangen, ohne die die Gründung des Johannesstifts nicht zu verstehen ist: 1833 hatte Wichern maßgeblichen Anteil an der Gründung des Rauhen Hauses in Hamburg, das zum Modell für Erziehungsanstalten und Brüderhäuser im In- und Ausland wurde. 1848 gab er die Initialzündung zur Organisation der „Inneren Mission“ als einer Bewegung, die sich einerseits die Rechristianisierung der dem Christentum entfremdeten Bevölkerungsteile zum Ziel gesetzt hatte, zum anderen dieses Ziel mit der Hilfe für Menschen in sozialen Notlagen verknüpfte, also

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tätige Nächstenliebe sein wollte. Im Bewusstsein der Öffentlichkeit, in der Kirche wie in der Wissenschaft werden mit dem Namen Wichern in erster Linie diese beiden Daten verbunden. Das war schon zu Lebzeiten Wicherns so und so sollte es bleiben. Der Gründung des Johannesstifts haftete etwas Epigonales an; vielleicht deshalb, weil man im Johannesstift als Wicherns „zweiter“ Gründung keine Originalität erkennen konnte, vielleicht, weil seine Zweitschöpfung sich anders entwickelte, als Wichern das ursprünglich geplant hatte.

Steter Wandel Die Geschichte des Johannesstifts ist vom Wandel gekennzeichnet. Das betrifft zum einen den Ort der Ein-

richtung, der von Moabit 1864 nach Plötzensee und von dort 1910 nach Spandau zog. Zum anderen betrifft es die Aufgabenstellung. Als Gründung zur Unterstützung der preußischen Gefängnisreform ist das Johannesstift gescheitert, als Internat nach erfolgreicher jahrzehntelanger Arbeit schließlich fast in Konkurs gegangen. Erst die Möglichkeiten des Weimarer Wohlfahrtsstaates machten einen wirtschaftlich tragbaren Neubeginn möglich und führten zu dem bis heute erfolgreichen Profil als Einrichtung der Alten-, Jugend- und Behindertenhilfe, als Einrichtung zur Ausbildung in sozialen und diakonischen Berufen. Gegründet worden war das Johannesstift 1858 als Ausbildungsstätte für Diakone, als „Brüderanstalt“, wie

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es damals hieß. Junge evangelische Männer sollten in einem dualen Ausbildungsgang theoretisch, vor allem aber praktisch zu christlichen Sozialarbeitern und –pädagogen ausgebildet werden. Zum Zweck der praktischen Ausbildung wollte sich das Johannesstift mit karitativen Einrichtungen umgeben, vor allem mit Internaten für Kinder, deren Erziehung aufgrund einer sozialen Notlage in ihren Familien nicht erfolgen konnte. Vor allem aber sollten die angehenden Diakone im benachbarten Zellengefängnis Moabit auf ihren künftigen Beruf vorbereitet werden. Denn viele von ihnen sollten zu einem neuen Typus von Gefängnisaufseher werden, der die Gefangenen nicht nur beaufsichtigt, sondern sie auch sozial, menschlich und, wenn gewünscht, seelsorgerisch betreut. Aus diesem Plan freilich wurde nichts. Also wechselten die Arbeitsschwerpunkte des Johannesstifts: vom Dienst an Gefangenen und ihren Angehörigen zur Erziehungsarbeit in einem evangelischen Internat bis hin zur pflegerischen und therapierenden Arbeit in Einrichtungen für alte, junge und behinderte Menschen.

Bescheiden waren die Anfänge Die Anfänge des Johannesstifts waren bescheiden: eine angemietete Etage in einem Wohnhaus unweit des Zellengefängnisses Moabit, in dem Brüder als Gefängnisaufseher arbeiteten. Hier begann 1858 die Arbeit mit zunächst sieben Brüdern unter der Leitung von Friedrich Oldenberg als Wicherns Stellvertreter vor Ort. In der Folgezeit wurde eine Kate mit Grundstück angemietet, als Johanneshülfe bezeichnet, in dem wie beim Vorbild, dem Rauhen Haus in Hamburg, gefährdete Kinder lebten, beschult und erzogen wurden. Dieses Provisorium endete erst 1864 mit dem Erwerb eines Geländes in Plötzensee, damals noch vor den Toren Berlins gelegen. Hier begann der Aufbau der Einrichtung; in den folgenden Jahrzehnten wurden nach und nach neue Gebäude errichtet. Um

1900 bestand die weitläufige Anlage aus rund 30 Gebäuden, Schulen, Heimen, Wohnhäusern, einer Ökonomie, Werkstätten und einer eigenen Kirche, umgeben von eigenen Feldern und Gärten. Mit dem Erwerb eines Stiftgeländes und seinem Ausbau fand die Gefängnisarbeit allmählich ein Ende. Der ursprüngliche Plan, das Stift inmitten der Stadt zu errichten, war aufgegeben worden. Mit dem preußischen Staat verknüpfte Aktivitäten wurden fortgeführt: der Sozial- und Sanitätsdienst im Krieg in Gestalt der „Felddiakonie“ und die – freilich erfolglose –Einrichtung eines Kriegerwaisenheims (Heim „Düppelschanze“). Neben der Brüderausbildung lag der Schwerpunkt der praktischen Arbeit seit Mitte der 1860er Jahre auf der Erziehungsarbeit von Kindern und Jugendlichen beiderlei Geschlechts. Während zunächst Kinder aus zerrütteten Verhältnissen im Johannesstift aufgenommen wurden, so handelte es sich später in der Regel um Kinder, die aus geordneten Verhältnissen kamen, aber aufgrund familiärer Schwierigkeiten nicht zu Hause erzogen werden konnten. Das Johannesstift nahm den Charakter eines bürgerlichen evangelischen Internats an. Angeboten wurde die Beschulung in einer Volksschule. Für begabte Kinder (und Kindern aus den sogenannten „höheren“ Ständen, die es sich leisten konnten) gab es die Möglichkeit zum Besuch eines „Pädagogiums“, einem Pro-Gymnasium. Außerdem wurden handwerkliche Lehrgänge angeboten. Weitere Arbeitsfelder des Stifts waren die Stadtmission und das „Sternenhaus“. Was heute fast vergessen ist: Eine Wurzel der heutigen Berliner Stadtmission liegt im Johannesstift. Es betrieb vom Stift aus, später zeitweise auch von einem Stützpunkt in der Stadt. Armenpflege und versuchte, den kirchlich unversorgten Bevölkerungsteilen im damals rasch anwachsenden Berlin die christliche Botschaft nahe zu bringen. Aber schon 1877 hatte

Seit 1927 entstanden im Johannesstift die heute noch bestehenden Arbeitszweige, darunter die Angebote für Menschen mit Behinderungen. Aufnahme Ende 1920er/ Anfang 1930er Jahre.

Das Johannesstift als Schulinternat: Knabenfamilie aus dem Arndthaus (heute: Kurt-ScharfHaus) 1911.

Das Johannesstift in Spandau in einer Luftaufnahme aus dem Jahr 1924.

Fotos: Archiv

	

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Das Johannesstift in Plötzensee im Jahr 1898.

das Stift diesen Arbeitszweig an Adolf Stoecker abgegeben, der als der eigentliche Gründer der Berliner Stadtmission gilt. Seit dieser Zeit bestehen Beziehungen des Stifts zur politischen christlich-sozialen Bewegung Stoeckers, der sich auch der spätere Stiftsvorsteher Wilhelm Philipps (der Ältere) anschloss und von deren Ideen auch die Vorsteher Ernst Bunke und Helmuth Schreiner inspiriert waren. Eine Spezialität des Johannesstifts bis in das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts hinein war die Ausbildung von Diakonen für die diakonische Fürsorge von Menschen, die nach Nordamerika auswanderten. Im sogenannten Sternenhaus, benannt nach der mit Sternen geschmückten

amerikanischen Staatsflagge, wurden Brüder (die „Sternenbrüder“) auf ihre Tätigkeit als Prediger im amerikanischen Westen vorbereitet. Als Wichern in den 1870ern sich krankheitsbedingt nicht mehr um die Berliner Angelegenheiten kümmern konnte, begann die innere Loslösung des Johannesstifts von Hamburg und dem Gründer. Nach seinem Tod 1881 gingen die bis dahin miteinander verbundenen Brüderhäuser in Hamburg und Berlin eigene Wege. 1882 wurde die Brüderschaft des Johannesstifts selbstständig.

Konsequenter Ausbau zum Internat Bis weit in die 1880er Jahre war das Johannesstift eine kleine Einrichtung,

die von permanenten Geldsorgen geplagt war. Mit dem Stiftsvorsteher Wilhelm Philipps (dem Älteren) begann 1892 eine Ära der Konsolidierung. Philipps nutzte die durch Erbschaften und großzügige Zuwendungen günstiger gewordene finanzielle Situation und baute konsequent das Stift zum Internat aus. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts Berlin die Anlage eines großen Binnenhafens auf dem Gelände des Stifts plante, musste das Gelände verkauft und bis 1910 geräumt werden. In langwierigen Verhandlungen gelang es Philipps, einen sehr vorteilhaften Preis auszuhandeln. Das Stift wurde plötzlich „reich“. Das versetzte das Stift in die Lage, 1906 den heutigen Standort des Johannesstifts, ein etwa 75 Hektar

Foto: Archiv

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großes Gelände im Spandauer Stadtforst zu erwerben und in großzügiger Weise zu bebauen. Zwischen 1907 und 1910 entstanden rund dreißig Häuser mit der Stiftskirche im Zentrum. Mit den Planungen wurden zunächst die Architekten Hermann Solf (1856-1909) und Franz Wichards (1856-1919) beauftragt, nach deren Ausscheiden Otto Kuhlmann (1873-1948). Missmanagement, die Not des Ersten Weltkrieges und die folgende Inflationszeit stürzten das Johannesstift in eine Krise, die es an den Rand des Ruins brachte. Die Erziehungsarbeit kam zum Erliegen. Ein Freundeskreis, der dem Stift mit Spenden hätte beiseite stehen können, existierte nicht. Das beträchtliche Vermögen war aufgezehrt. Einen Ausweg sah man darin, Der Bau des Christophorushauses 1954 machte den Anfang einer bis heute anhaltenden das Johannesstift zu einem Zentrum der evangelischen ErwachsenenbilNeubautätigkeit. dung zu machen. Das lag im Trend der Zeit. Überall schossen weltanschaulich oder religiös geprägte Heimvolkshoch- von Verhaltensstörungen heilpädagonenausbildung gab es die Evangelischulen aus dem Boden. Kooperiert gisch behandelt werden mussten. Und sche Schule für Volksmusik (später: wurde mit der Evangelisch-sozialen es wurden schwererziehbare JugendBerliner Kirchenmusikschule), die Schule und dem Angeliche aufgeFichte-Schule (in Trägerschaft der stelltenverband „Deutschnommen, Fichtegesellschaft) und die EvangeNationaler HandlungsgeHelmuth Schreiner die von der lisch-Soziale Schule als Einrichtungen hilfenverband“, der seine städtischen der Erwachsenenfortbildung sowie die legte den Bildungseinrichtungen in Fürsorge „Apologetische Centrale“, die sich mit Grundstein zu einer das Stift verlegte. Die Vieingewiesen den damals intensiv geführten Aussion einer evangelischen diakonischen Arbeit, wurden. einandersetzungen der WeltanschauVolksakademie knüpfte an Schreiner ungen befasste. Der Wichern-Verlag die bis heute das Wicherns Anspruch vom erkannte zog ins Johannesstift. Der Freiwillige Profil der Stiftung Stift als Ort der „inneren auch, dass Evangelische Arbeitsdienst half jungen bestimmt. Mission“ an, also an die die steigende Arbeitslosen in der Zeit der WeltwirtIdee eines Ortes, von dem Zahl von schaftskrise. Die Etablierung einer aus in der säkularisierten alten MenWohlfahrtsschule, die zum staatlich Gesellschaft missioniert werden sollte. schen spezielle Betreuungsangebote anerkannten Wohlfahrtspfleger ausDie existenzgefährdende Krise des notwendig machten. Die Verändebildete, ergänzte die herkömmliche Johannesstifts konnte erst durch den rungen in der Gesellschaft führten Diakonenausbildung und professioStiftsvorsteher Helmuth Schreiner dazu, dass die Familien eine solche nalisierte sie. Das Stift bot damit eine überwunden werden. Er legte den Betreuung nicht mehr leisten konnten. moderne, staatlichen Anforderungen Grundstein zu einer diakonischen ArDer Pflegebereich stand auch offen für genügende Sozialarbeiterausbildung, beit, die bis heute das Profil des Stifts Menschen mit Behinderungen. Ein die – das war neu – auch unabhängig bestimmt: Altenhilfe, Jugendhilfe und Heim für schwerstkörperbehinderte von der Diakonenausbildung absolBehindertenhilfe. Die Erziehung von Kinder wurde eröffnet. In einem andeviert werden konnte. Kindern und Jugendlichen war an sich ren wurden skoliosekranke Kinder mit Durch die Bildungseinrichtungen nichts Neues im Johannesstift. Aber einer damals neuartigen Therapieform wurde das Stift in die Weltanschaubis 1918 hieß es: Fürsorgezöglinge behandelt. ungskämpfe und in die aufgeheizte werden nicht aufgenommen. Jetzt aber Ausgebaut wurde aber auch das politische Debatte jener Zeit hineingekamen Kinder ins Stift, die aufgrund Bildungswesen. Neben der Diakozogen. Im Stift war man politisch vor

Foto: Archiv

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allem deutsch-national und christlichweil er als Offizier in der Wehrmacht sozial orientiert. Das forderte die Nadiente. Die Geschicke des Stiftes lagen tionalsozialisten heraus, die Schreiner in dieser Zeit vor allem in den Händen politisch angriffen und versuchten, des Brüderpfarrers Adolf Gaul (gest. seinen Nachfolger, Wilhelm Philipps 1943), des Verwaltungsdirektors Emil den Jüngeren, unter Druck zu setzen. Winter und der leitenden Fürsorgerin Philipps und andere leitende MitHildegard Ellenbeck. arbeiter traten 1933 der NSDAP und Seit 1943 wurden zahlreiche transder den Nationalsozialisten nahesteportfähige Heimbewohner aufgrund hende „Glaubensbewegung Deutsche der Luftangriffe und der schwieriger Christen“ bei. Die Anpassung an das werdenden Versorgungslage in GeHitler-Regime verhinderte allerdings biete außerhalb Berlins evakuiert. Den nicht die Einsetzung eines KirchenErsatz für zur Wehrmacht eingezogene kommissars, dessen Aufgabe es war, Arbeitskräfte mussten Zwangsarbeiter im Stift die deutschchristliche Richübernehmen. Die Euthanasie-Maßtung durchzusetzen. Die politisch der nahmen des NS-Staats während des christlich-sozialen Bewegung nahesteKrieges nötigten das Johannesstift zu hende Evangelisch-Soziale Schule wur- vorsichtigen Gegenmaßnahmen. Es de geschlossen. Philipps‘ wohl auch gelang dem Stift weitgehend, seine betaktisch bedingter Anpassungskurs hinderten Bewohner zu schützen. Vom führte zur vorübergehenden AusschalJohannesstift aus wurde kein Bewohtung von Kuratoriumsmitgliedern, die ner des Johannesstifts in eine der Euder Jungreformatorischen Bewegung, thanasieanstalten deportiert. Aber das einem Vorläufer der Bekennenden Johannesstift hatte vor und während Kirche, nahe standen. Junge Diakone des Krieges psychiatrisch erkrankte traten in die SA ein. Heimbewohner in die städtische HeilAnfang 1934 distanzierte sich und Pflegeanstalt Wittenau verlegt. Philipps von den Deutschen Christen. Sieben von ihnen wurden von dort aus Er war enttäuscht in die berüchtigte über deren theTötungsanstalt Meologische, beseritz-Obrawalde Mit einem kenntnisfeindliche weiterverlegt, wo sie Neutraltitätskurs Radikalisierung ums Leben kamen. wollte man das Stift und von der vom Im Dritten deutschchristlichen Reich mussten in seiner Substanz Reichsbischof die Bildungseinerhalten. Müller veranlassrichtungen bis auf ten Überführung die Musikschule der evangelischen aufgegeben werden. Jugendverbände in die HJ. Dem 1937 schloß die Gestapo die im Stift Kuratorium traten wieder Personen beheimatete Apologetische Centrale bei, die der jungreformatorischen des Central-Ausschusses für die Innere Bewegung bzw. der Bekennenden Mission, weil sie ideologisch unbeKirche nahestanden. In den folgenden quem geworden war. Die karitativen Jahren versuchte Philipps, durch einen Arbeitszweige hingegen hatten sich – manchmal zwiespältigen – Neutratrotz mancher Behinderungen durch litätskurs das Stift in seiner Substanz den NS-Staat gut entwickelt und und seinen diakonischen Arbeitsbildeten die Basis der weiteren Arbeit zweigen zu erhalten. 1939 wechselte nach 1945. Das Kriegsende hatte das Philipps als Oberkonsistorialrat nach Stift vergleichsweise gut überstanden. Münster. Sein Nachfolger war Richard Unter dem Personal waren nur wenige Eckstein, der während des Krieges Menschenleben zu beklagen. Es gab allerdings kaum in Erscheinung trat, nur geringe Gebäudeschäden. Die Be-

setzung des Geländes durch die Rote Armee im April 1945 war begleitet von Übergriffen gegen Beschäftigte und Bewohner; dieses Trauma blieb noch lange in der Erinnerung der Stiftsbewohner lebendig und verdrängte die eigene Verstrickung in den Nationalsozialismus. Im Osten Deutschlands gehörte das Johannesstift zu den wenigen noch intakten diakonischen Einrichtungen, zumal die Anstalten jenseits der OderNeiße-Linie aufgegeben werden mussten. Von den Brüdern waren zwar eine Reihe gefallen, andere befanden sich in Gefangenschaft. In Frage gestellt wurde die Brüderarbeit dadurch aber nicht. Die bisherigen Arbeitsfelder konnten im wesentlichen beibehalten werden. Zwar wurde die Therapieeinrichtung für skoliosekranke Kinder aufgegeben, andere Aufgaben aber traten hinzu: Flüchtlingsarbeit, Sammlung von verwaisten Flüchtlingskindern, Tuberkulosefürsorge und anderes mehr. Vor allem: Ein Krankenhaus wurde eingerichtet. Mit der Sozialen Frauenschule, dem Vikarinnenseminar und der Schwesternhochschule wurde das Stift ein wichtiger Standort für die berufliche Qualifizierung evangelischer Frauen. Alle drei Einrichtungen standen unter der langjährigen Leitung der Theologin Christine Bourbeck. Die Schwesternschaft der Inneren Mission, die seit Anfang der 1930er Jahre ihre Geschäftsstelle im Stift hatte, errichtete in den 1950er Jahren ihre Zentrale und ein Schwesternwohnheim im Johannesstift. Wenn auch diese Einrichtung nicht Bestandteil der Johannesstiftung war, so gab es doch personell viele Querverbindungen und man kann sagen, dass die männliche Diakonie des Brüderhauses in dieser Zeit ein weibliches Pendant bekam. Schwestern der Inneren Mission betreuten vor allem das Krankenhaus im Stift. Bedeutenden Anteil an der Arbeit an Kranken und Pflegebedürftigen hatten in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten auch die Diakonissen des Stettiner Mutterhauses Bethanien, die

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ihre angestammten Tätigkeitsfelder in den ehemaligen preußischen Ostprovinzen hatten aufgeben müssen. Im Kalten Krieg wurde das Stift zum kirchlichen Begegnungszentrum im geteilten Deutschland. Flüchtlinge fanden Aufnahme, das Brüderhaus führte die in Ost und West tätigen Johannesstift-Diakone zusammen. Tagungen und bedeutende Synoden der EKU und der EKD fanden im Johannesstift ihren Ort. Hier verabschiedete 1965 die EKD-Synode ihre damals umstrittene, heute als wegweisend anerkannte „Ostdenkschrift“, in der eine neue Verhältnisbestimmung zwischen den kapitalistischen Ländern des Westens und den kommunistischen Ostblockstaaten formuliert wurde und die der Ostpolitik Willi Brandts Impulse gab.

Der Mauerbau 1961 war ein tiefer Einschnitt. Das Stift verlor sein angestammtes „Hinterland“ und war in eine Randlage der nun westdeutschen Diakonie gedrängt worden. Die Brüderschaft, die bereits seit 1952 aus politischen und organisatorischen Gründen in Ost-Berlin eine separate Ausbildungsstätte aufgezogen hatte (den Kirchlich-diakonischen Lehrgang), wurde getrennt. Das führte in den 1970er Jahren mit der Bildung einer Bruderschaft der StephanusStiftung auch zur organisatorischen Trennung.

Äußere Modernisierung ab den 1950er Jahren Die 1950er und 1960er Jahre prägte Stiftsvorsteher Horst Becker, dessen geistliche Lehrer seine Vorgänger

Schreiner und Philipps waren. Geistlich richtete Becker das Stiftsleben im konservativ-lutherischen Sinn aus. Becker trieb die äußere und technische Modernisierung voran. Mit dem Wirtschaftswunder setzte eine rege Bautätigkeit ein. Die Altbauten wurden modernisiert, zahlreiche neue Gebäude entstanden. Beckers patriarchalisch-konservativer Führungsstil stieß in den 1960er Jahren, im Zuge der gesellschaftlichen Liberalisierungswelle zunehmend auf Widerstand. Dies, vor allem aber die zunehmende Spezialisierung in den Arbeitsfeldern führte in den frühen 1970er Jahren zu neuen Leitungsstrukturen im Stift und in der Brüderschaft. Dem Stiftsvorsteher wurde ein fünfköpfiger Vorstand zur Seite gestellt. Junge Erzieher und Diakone brachten neue Impulse in die

Mit der Einrichtung des Krankenhauses 1945 kam die Krankenpflegerausbildung ins Johannesstift.

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pädagogische Arbeit. Das Schlagwort der antiautoritären Erziehung machte auch im Johannesstift seine Runde. Die Diakonenausbildung wurde liberalisiert, in die Brüderschaft wurden jetzt auch Frauen aufgenommen. Seit 1993 nennt sich die Diakonengemeinschaft des Johannesstifts Schwestern- und Brüderschaft. Der 1976 zum Stiftsvorsteher berufene Hans Adolf Oelker setzte die neu konzipierten kollegialen Strukturen um. Der Prozess der weiteren fachlichen Differenzierung und Qualifizierung wurde weitergeführt. Mit dem Simonshof wurden in integratives Wohnprojekt von Menschen mit und ohne Behinderung verwirklicht. Innovativ war auch die Einrichtung der Wohngruppe Heideborn für altersdemente Menschen. Die deutsche Einheit gab dem Johannesstift sein „Hinterland“ wieder. Das Johannesstift engagiert sich seitdem verstärkt auch in Brandenburg. Es übernahm das Alten- und Pflegeheim in Velten (1992) sowie den Annagarten (1993), eine Einrichtung für geistig behinderte Frauen in Oranienburg. 2004 entstand das Seniorenzentrum in Hohen-Neuendorf. Etliche Jugendhilfeeinrichtungen befinden sich im Kreis Oberhavel, neuerdings auch in

Thüringen. Die Schwestern- und Brüderschaft, die seit den 1970er Jahren organisatorisch getrennt war in die Bruderschaft der Stephanus-Stiftung, Ost-Berlin, und die Schwestern- und Brüderschaft des Johannesstifts, WestBerlin, ist seit 1993 wieder vereinigt. Als eingetragener Verein bildet sie inzwischen eine eigene Rechtspersönlichkeit. Die Ausbildung zum Diakon führt heutzutage auch nicht mehr automatisch in die Schwestern- und Brüderschaft. Es besteht Wahlfreiheit. Aber wie vor 150 Jahren ist die Diakonenausbildung auch heute noch Stiftungszweck – als ein Dienst für die Kirche. Das Evangelische Johannesstift ist in den letzten Jahren in vielen Bereichen gewachsen. Zahlreiche neue Einrichtungen sind entstanden und hinzu gekommen. Allein auf dem Gelände in Spandau befinden sich heute etwa 70 Gebäude; zuletzt 2003 ergänzt durch das Seniorenzentrum Caroline Bertheau, in dem sich u.a. moderne Wohngruppen pflegebedürftiger alter Menschen befinden. Die Altenhilfe entwickelte eine geriatrische Versorgungskette, die alle Bedürfnisse eines älteren hilfebedürftigen Menschen abdeckt. Das Johannesstift übernahm Verantwortung für das Evangelische

Geriatriezentrum Berlin. Zu diesen Entwicklungen kommen veränderte Rahmenbedingungen. Dazu zählen unter anderem der Wettbewerb sozialer Unternehmen und privater Träger, die knapper werdenden finanziellen Mittel, die Qualitätsanforderungen, die demographische Entwicklung im Hinblick auf die Zahl älterer Menschen sowie die zunehmende Bedeutung des Kundenbegriffs und des Dienstleistungscharakters sozialer Anbieter. In die Ära des Stiftsvorstehers Peter Fenner (1993 – 2005) fiel dementsprechend die Umstrukturierung des Stifts zu einem diakonischen Unternehmen. Ergebnis eines mehrjährigen Strategieprozesses war die Neuausrichtung der Stiftsstrukturen. Seit 2005 ist Martin von Essen Stiftsvorsteher. Die Stiftung wird nun von einem Zweiervorstand, bestehend aus dem theologischen und dem kaufmännischen Vorstand, geleitet. Die Arbeitsfelder sind in fünf zum Teil als gGmbHs selbstständig geführte Geschäftsbereiche eingeteilt. Von der Kooperation mit anderen evangelischen Einrichtungen wie dem Paul Gerhardt Stift verspricht man sich eine Verstärkung der Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit.
        
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