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Periodical volume

Full text: DUH-Welt Issue 2015,4

4/2015
Das Magazin der Deutschen Umwelthilfe und des Global Nature Fund

welt
www.duh.de; www.globalnature.org

Sind Stromtrassen
Biotope?
Effizienzwende
ist unverzichtbar

Gute Freunde:
die Autoindustrie und die
Bundesregierung

DUH bringt Fischotter auf gute Wege

Auf ein Wort

Prof. Dr. Harald Kächele
Bundesvorsitzender Deutsche Umwelthilfe e.V.

Liebe Leserin, lieber Leser,
ein ereignisreiches und für die Deutsche Umwelthilfe ganz besonderes Jahr neigt
sich dem Ende entgegen. Vor 40 Jahren haben wir als kleiner Naturschutzverein
begonnen, unsere natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen. Heute kämpft
die DUH in ganz Europa erfolgreich gegen ökologische Missstände, Verbrauchertäuschung und Umweltverschmutzung. Dies wäre ohne Ihre Unterstützung,
für die wir herzlich danken, nicht möglich.
Wie sehr die Expertise der DUH geschätzt wird, haben auch die im September
öffentlich gewordenen Abgasmanipulationen bei Volkswagen deutlich gemacht. Seit vielen Jahren warnen wir vor geschönten Verbrauchswerten und
Tricksereien der Automobilindustrie bei den Abgastests. Wir belassen es aber
nicht bei mahnenden Worten, sondern überprüfen die Fakten. Gleich mehrere
Fahrzeuge anderer Hersteller haben wir auf den Prüfstand gestellt – mit erschreckenden Ergebnissen.
Dass die Bundesregierung seit Jahren untätig bleibt und damit solche Betrügereien möglich macht, ist auch angesichts des gerade zu Ende gegangenen
Klimagipfels in Paris ein Armutszeugnis für die deutsche Verkehrs- und Umweltpolitik der letzten Jahre. Das muss sich ändern. Deshalb haben wir uns für 2016
viel vorgenommen. Zentral bei der klimapolitischen Debatte wird die Frage
sein, wie schnell Deutschland den Ausstieg aus der Kohleverstromung schafft.
Wir arbeiten deshalb an einem Konsens zum Kohleausstieg bis spätestens 2040.
Das nächste Jahr wird auch hinsichtlich zahlreicher anderer Umweltthemen
spannend. Es wird darum gehen, wie wir noch effizienter werden bei der
Vermeidung von Abfällen und wie es gelingen kann, unsere Flüsse von Düngemitteln und Giften zu säubern. Wichtig ist uns auch, den für die Energiewende
unverzichtbaren Ausbau der Stromnetze so zu gestalten, dass dieser in einem
Dialog mit betroffenen Bürgern stattfindet und nicht über ihre Köpfe hinweg.
Ich wünsche Ihnen schöne Festtage und ein gutes Neues Jahr.
Ihr

PS: Bitte unterstützen Sie unsere Arbeit mit einer Spende oder
einer Fördermitgliedschaft. Gerne auch online auf www.duh.de.

welt 4/2015

3

INHALT
Preis für Mutige
SCHAUPLATZ
6

Winter am Bodensee

Bilder, mutige Reportagen und eine traurige
G roßartige
persönliche Geschichte. – Das alles beeindruckte
bei der Verleihung des UmweltMedienpreises in Berlin.
Im Mittelpunkt: eine gelbe Comic-Figur mit ökologischem
Gewissen.

AKTUELL
08

Wie klimaschonend fahren unsere Kirchenoberhäupter?

08

DUH klagt saubere Luft ein

08

Jugendliche besuchen Feldhamster

08

DUH-Jahresbericht 2015

09

Abgasbetrug bei Benzin-Pkw?

09

Umfrage Energieausweis

09

Mehrweg-Becher sind zurück

09

Schnurlos-Telefone zertifiziert

Wer steht noch sauber da?

THEMEN
10

Es geht um unsere Welt
Die DUH verleiht zum 20. Mal den UmweltMedienpreis in
Berlin und ehrt damit engagierte Medienschaffende aus
Hörfunk, Print und Online-Journalismus. Der Sonderpreis
geht nach Springfield.

14

10

DUH hat Autos von Opel und Renault auf den PrüfD iestand
gestellt. Die Messergebnisse sind erschreckend.
Und die Haltung der Bundesregierung ist es auch.

Die Bundesregierung ist mitverantwortlich
für den Abgas-Skandal
Drei Monate nach Bekanntwerden der Manipulationen von
VW bei Abgastests ist klar: Der Skandal hätte vermieden
werden können.

MAGAZIN
	

14

n NACHHALTIGE ENTWICKLUNG
n ENERGIE
n NATURSCHUTZ
n KREISLAUFWIRTSCHAFT UND MEHRWEGSCHUTZ
n VERKEHR
n VERBRAUCHERSCHUTZ

16

n			Lebensraum

unter Strom

Unter Strom
im Wald brauchen besondere Pflege. Die
S tromtrassen
DUH untersucht dort Chancen für Flora und Fauna. Es
geht um Sicherheit und mehr.

Die DUH wirkt an einem Forschungsvorhaben
zur ökologischen Trassenpflege mit.
17

n		 Heimat

für Rhineheart

Vor fast einem halben Jahrhundert tauchte ein Weißwal
im Rhein auf. Jetzt soll ihm ein Denkmal gesetzt werden.
18

n

Schulklasse bestaunt Fischotter in Gera

19

n

Nachwuchsjournalisten für die Umwelt

20

n		Junge

4

Forscher

welt 4/2015

16

INHALT
20

n		 Gebt

21

n		 Tipps

22

n		 Schaf,

23

n			Nach

24

n		 Schenefelds

24

n		 Chance

25

n		 Leben

17
Rhein geht unter die Haut
Vor fast fünfzig Jahren verirrte sich ein
U nglaublich:
Beluga-Wal in den Rhein. Seiner Haut bekam die

Dreckbrühe schlecht. Wie die Geschichte weitergeht, lesen
Sie hier.

den Kindern das Kommando
Der GNF hieß Mitarbeiterfamilien seines japanischen
Wirtschaftspartners Sekisui am Bodensee willkommen.
fürs Heizen – Feinstaub verringern!
Beim Betrieb eines Kamin-Holzofens kann man leider
viel falsch machen.
Holz oder Hanf?
Die DUH will natürliche Materialien für die
Gebäudedämmung bekannter machen.
15 Minuten ausgebechert
Coffee to go-Becher sind ein Problem für die Umwelt.
Verwaltung wird grüner
Die DUH entwickelt für acht Modellkommunen in
Deutschland IT-Konzepte, die Energie und Ressourcen
einsparen.
für Abfallvermeidung verpasst

und leben lassen
Im Norden Tansanias hat der GNF ein Projekt gestartet,
das zum friedlichen Zusammenleben von Wildtieren
und Menschen beitragen will.

DUH INTERN

22
Gut geeignet

26

Blick über den Tellerrand
DUH-Mitarbeiterin Dorothee Saar ist nach China gereist,
um sich dort mit Nichtregierungsorganisationen
auszutauschen.

26

Ein neues Dach über dem Kopf
Ein Förderprojekt des Hand in Hand-Fond saniert im
Süden Indiens Schulen für 700 Schülerinnen und Schüler.

27

Lese-Tipp
Ein Umwelt-Krimi von Manuel Vermeer:
Mit dem Wasser kommt der Tod

27

DUHmarkt

S

chafwolle wärmt. Brennen tut sie nicht. Solch gute
Eigenschaften schätzt man beim Bauen und Sanieren.
Welche nachhaltigen Dämmstoffe gibt es noch?

UNBEKANNTE TIERART
28

Rasanter Senkrechtstarter
Die Krickente weiß, sich zu verstecken. Bekommt man
sie doch einmal zu Gesicht, beeindruckt sie mit ihren
Flugkünsten.

MENSCHEN FÜR NATUR

25
Leben und leben lassen

W

er braucht Hilfe? Mensch oder Löwe? Beide. In
Tansania gilt es, einen Teufelskreis zu durchbrechen.
Der GNF verfolgt zusammen mit lokalen Naturschützern
eine Idee.

30

Kunst für die Umwelt
In den Räumen der DUH in Berlin stellt die österreichische
Künstlerin Birgit Schweiger bis Ende April Bilder zum
Thema Erneuerbare Energien aus.

31

Mit dem Erbe die Zukunft gestalten

31

Impressum

welt 4/2015

5

SCHAUPLATZ | Winter am Bodensee

6

welt 4/2015

SCHAUPLATZ

welt 4/2015

7

AKTUELL
Flotte Schlitten

Hier stinkt´s!

Wie klimaschonend fahren
unsere Kirchenoberhäupter?
n	 Die DUH hat zum fünften

Mal Kirchen und kirchliche
Hilfsorganisationen nach ihren Dienstwagen befragt. In
diesem Jahr wurden 27 katholische und 20 protestantische
Kirchen angeschrieben sowie
fünf Hilfsorganisationen. Für
die CO2-Emissionen der Fahrzeuge von Kirchenoberhäuptern hat die DUH 23 „Grüne
Karten“, 17 „Gelbe Karten“
und sieben „Rote Karten“
verteilt. Besonders klimaschonend sind zwei Vertreter der
römisch-katholischen Konfession unterwegs. Diözesanadministrator Andreas Kutschke
(Bistum Dresden-Meißen) und
Bischof Friedhelm Hofmann

(Diözese Würzburg) teilen sich
den ersten Platz. Insgesamt
setzt fast die Hälfte der befragten Kirchenoberhäupter positive Signale bei der Wahl des
Fahrzeugs. Auch die Mehrzahl
der Leitungsebene fährt zunehmend sparsame und damit vergleichsweise klimafreundliche

Autos. Negativer Spitzenreiter
bleibt wie in den letzten beiden Jahren der Essener Bischof
Franz-Josef Overbeck. Für seinen VW Phaeton, der mit 224
Gramm CO2 pro Kilometer
mehr als 70 Prozent über dem
EU-Grenzwert liegt, gab es die
„Rote Karte“. (lh)
n

Tiefrote Karte
für den Essener
Bischof
Overbeck.

Frisch gedruckt

Kein Kuscheltier

Jugendliche besuchen
Feldhamster
n	Die Klasse 6b des Mannhei-

mer Ursulinen-Gymnasiums
hat im November als erste die
Feldhamster in der Zooschule
in Heidelberg besucht. In der
Aufzuchtstation des Zoos lernte sie, dass die Hamster gern
Eier fressen und gelegentlich
sogar eine Maus. Damit startete eine Umweltbildungsaktion,
die den vom Aussterben bedrohten Nager und die Arbeit
der Artenschützer im Zoo bekannter macht. Etwa 200 Feldhamster züchten die Biologen

jedes Jahr, um der Population
in Mannheims Äckern zu helfen. Gleichzeitig erforscht man
die Wanderungen anhand besenderter Tiere.
In der Region Mannheim
findet sich die einzige größere
Feldhamster-Kolonie des Landes. Der NABU und das Land
Baden-Württemberg arbeiten
in dem langjährigen Artenschutz-Programm zusammen.
2014 hat auch die DUH einen
finanziellen Beitrag dazu geleistet. (jk)
n

Feldhamster
in der Aufzuchtstation
des Zoo
Heidelberg.

8

welt 4/2015

DUH-Jahresbericht
n	2015 hat die DUH wichtige

Hinweise in die umweltpolitische Debatte eingebracht und
Beiträge zum Schutz von Klima und Biodiversität geleistet.
Daneben gab es einen Grund
zum Feiern: Die DUH besteht
seit 40 Jahren.
n
Lesen Sie unseren Jahresbericht 2015. Er ist erhältlich bei:
Kerstin Dorer, dorer@duh.de,
Tel. 07732 9995-0 oder unter
www.duh.de.

DUH klagt
saubere Luft ein
n	 Die Deutsche Umwelthilfe

hat im November eine neue
Klagewelle für saubere Luft gestartet. Mit Unterstützung der
britischen Nichtregierungsorganisation ClientEarth klagt
die DUH gegen mehrere Bundesländer. Dabei geht es um
elf Städte: Köln, Bonn, Aachen,
Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen, Frankfurt am Main und
Stuttgart. Die DUH will die
Bundesländer verpflichten, ihre
Luftreinhaltepläne zu ändern.
Ziel muss sein, dass diese alle
geeigneten Maßnahmen enthalten, um die seit vielen Jahren
geltenden Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide so schnell
wie möglich einzuhalten.
Gegen das bayerische und
das hessische Umweltministerium hat die DUH bereits
Zwangsvollstreckungsmaßnahmen wegen der Grenzwertüberschreitungen in München,
Darmstadt und Wiesbaden beantragt. Dort sind rechtskräftige
Urteile ergangen, die jedoch
bislang nicht eingehalten werden. Den beiden zuständigen
Landesministerien könnten nun
Zwangsgelder drohen.
Ein erheblicher Teil der
Feinstaub- und Stickoxidemissionen entstammt den Auspuffrohren von Dieselfahrzeugen.
Beide Schadstoffe belasten die
Gesundheit der Bürgerinnen
und Bürger, die Umwelt und
das Klima. Die DUH fordert
deshalb die Einführung einer
Blauen Plakette zur Kennzeichnung von Fahrzeugen
mit im Realbetrieb niedrigen
Abgaswerten. (lh)
n

AKTUELL
Schmutzige Geschäfte

Mitmachen!

Abgasbetrug bei Benzin-Pkw?

Umfrage
Energieausweis

n	 Alarmierende Mess-Ergebnisse: Nicht nur Diesel-Pkw
haben ein Abgasproblem,
sondern auch Benzin-Autos,
bei denen ein minderwertiger
Austauschkatalysator eingebaut ist. Im Auftrag der DUH
hat der TÜV Nord im Oktober
das Abgasverhalten von sieben Austauschkatalysatoren
aus dem freien Kfz-Teilehandel untersucht. Dabei wurde
überprüft, ob die Systeme die
Vorgaben des Umweltzeichens
„Blauer Engel“ einhalten. Vier
der getesteten Austausch-Katalysatoren führen zu Emissionen, die weit über den Grenzwerten der Abgasnorm Euro
4 liegen. Es handelt sich um
Produkte der Firmen Bandel

Bei Austauschkatalysatoren
ist Vorsicht
geboten.

und ATP. Die DUH hat das
Bundesverkehrsministerium
(BMVI) über die Prüfergebnisse
informiert und fordert es auf,
alle Typgenehmigungen von
Austauschkatalysatoren durch
eigene Messungen zu überprüfen. Unwirksame Austauschkatalysatoren verschmutzen

die Atemluft und müssen vom
Markt genommen werden. In
einem Gespräch mit der Arbeitsebene des BMVI teilte
man der DUH mit, nicht einschreiten zu wollen, da die
Behörde nach eigenen Angaben „wichtigere Aufgaben“ zu
erledigen habe. (lh)
n

Fan-Schelte wirkt

Ein Herz für Engel

MehrwegBecher sind
zurück

Schnurlos-Telefone zertifiziert

n	 Der Bundesligaverein Hannover 96 hat sich von Einwegbechern aus Bioplastik
verabschiedet und kehrt zum
umweltfreundlichen Mehrweg
zurück. Nach mehreren Versuchen des Fußballvereins, den
Fans einen Wegwerfbecher
aus Biokunststoff als umweltfreundlich zu verkaufen, hatte
es Kritik gehagelt. Schlussendlich zeigten die Proteste der
DUH und der Fangruppen
Wirkung: Seit Ende August
erhalten die Stadionbesucher
ihre Getränke wieder in mehrfach befüllbaren Kunststoffbechern.
Die DUH fordert nun auch
die anderen Vereine der Bundesliga auf, dem Beispiel von
Hannover 96 zu folgen. Immer
noch die Hälfte aller Vereine
der ersten und zweiten Bundesliga bietet Getränke in Einwegbechern an. (lh)
n

n Für ihre schnurlosen ‚Speedphone‘-Festnetz-Telefone erhielt die Telekom Deutschland auf der Internationalen
Funkausstellung (IFA) in Berlin
die offizielle Urkunde für den
„Blauen Engel“.
Als das bisher einzige Telekommunikationsunternehmen
hierzulande lässt die Telekom
Schnurlos-Telefone nach dem
hohen Standard des „Blauen
Engels“ zertifizieren. Diese
Telefone sind besonders ener-

giesparend und strahlungsarm.
Sie weisen eine lange Lebensdauer und vergleichsweise
geringe Umweltbelastungen
in ihrer Produktion auf.
Die DUH wies darauf hin,
dass es in der Telekommunikationsbranche noch viele weitere Möglichkeiten zur Nutzung
des Blauen Engels gibt. Auch
Handy- und Smartphone-Hersteller sollten die Zertifizierung
anstreben. (jk)
n

n		Sie suchen ein neues Zuhause? – Keine unliebsame Überraschung mehr bei den Kosten
für Heizung und Warmwasser!
Alles was Sie wissen müssen,
steht im Energieausweis.
Es ist Ihr gutes Recht: Verkäufer und Vermieter sind gesetzlich verpflichtet, Interessenten den Energieausweis der
Immobilie bei der Wohnungsbesichtigung zu zeigen. Wir
möchten wissen, ob das auch
in der Praxis funktioniert. Deswegen führen wir zurzeit eine
Umfrage im Internet durch.

Wir kämpfen für Ihr Recht. Teilen
Sie uns Ihre Erfahrungen mit!

Liegt ein Energieausweis vor,
muss auch in Immobilienanzeigen sichtbar sein, welche energetische Qualität die Immobilie
hat. Baujahr und der Energieträger der Heizung (z.B. Öl,
Gas), aber auch der jährliche
Energieverbrauch oder -bedarf
– angegeben in Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr
– müssen genannt werden. Je
größer hier die Zahl, desto höher die späteren Kosten. Auch
die Effizienzklasse hilft bei der
energetischen Einschätzung:
A+ ist hier das Beste, H das
Schlechteste. (as)
n
Hier finden Sie die Umfrage:

Barbara
Hendricks mit
Vertretern der
Telekom und
der DUH.

www.duh.de/ea_umfrage.html

welt 4/2015

9

THEMEN

Es geht um unsere Welt
E

ine Achtjährige ist in diesem Jahr
die große Überraschung beim 20.
UmweltMedienpreis. Sie erhielt
einen Sonderpreis dafür, dass sie in einer
Fernsehserie über die Sicherheit im Atomkraftwerk oder über Fracking plaudert.
Damit rüttelt sie Millionen von Menschen
auf – weltweit und quer durch alle Generationen. Ihr Name: Lisa Simpson. Das
Mädchen mit den knallgelben Haaren ist
eine Zeichentrick-Figur. Den Schöpfer
der Cartoon-Serie „Die Simpsons“, Matt
Groening, zeichnete die DUH gleichfalls
mit dem Sonderpreis aus.
Bei der Preisverleihung am 10. November 2015 hielt Synchronsprecherin
Sabine Bohlmann, Lisas deutsche Stimme, die Laudatio. Sie verriet: „Als ich
die Simpsons im Studio das erste Mal
sah, dachte ich nur eines: Sind die hässlich! Hoffentlich bekomme ich die Rolle
nicht.“ Doch dann habe sie begonnen,
die Serie zu verstehen und zu lieben,

10

welt 4/2015

Klimawandel, Landschaftszerstörung und Artenschwund sind komplexe
Themen, die jeden etwas angehen. Häufig ist es mühsam, solch unbequeme
Sachthemen in die Medien zu bringen. Die DUH zeichnet Menschen aus,
die das nicht scheuen.
n

von Jutta Kochendörfer und Philipp Turri

Überraschungsgast
Lisa Simpson nimmt
ihre Urkunde
persönlich entgegen.
Rechts: Schauspielerin
Sabine Bohlmann

THEMEN

sagte Bohlmann und fügte hinzu: „Jetzt
sind die Simpsons seit 26 Jahren Teil meines Lebens.»

Der Zwanzigste
und großer Applaus
In diesem Jahr verlieh die DUH vier
Preise in den Kategorien Print, Hörfunk,
Fernsehen/Film und Online sowie einen
Sonderpreis. Rund 200 Gäste spendeten
den Medienschaffenden Beifall.
Die DUH hatte zur Preisverleihung
in die Akademie der Künste in Berlin
eingeladen. Bei dem Festakt betonte der
Bundesvorsitzende der DUH, Harald Kächele, dass man gleichzeitig das Jubiläum
des Preises selbst feiert: Es handelte sich
um den 20. UmweltMedienpreis. Kächele richtete sich in seiner Rede auch an die
Preisträgerinnen und Preisträger: „Man
wird Sie gleich über den grünen Klee
loben und ich möchte Sie ermahnen:
Glauben Sie jedes Wort.“ Dr. Fritz Lauer,
Leiter Information und Nachhaltigkeit der
Telekom Deutschland, lobte in seinem
Grußwort die Jury-Entscheidung für die
Simpsons: „Diese Serie erreicht die junge
Generation.“

Auch bei falschem Alarm blieb Moderatorin
Pinar Atalay souverän.

die Berliner Polizei falsch geparkte Fahrräder auf dem Pariser Platz ab. Manche
Gäste verließen nach dieser Nachricht
hastig den Saal. Falscher Alarm: Alle
hatten ihre Drahtesel ordnungsgemäß
abgestellt und nahmen wieder Platz.

Mut und Können
verdienen einen Preis
Mit dem UmweltMedienpreis rückt die
DUH Menschen – und erstmals auch
ein Kunstwesen – in den Mittelpunkt, die
mit herausragendem Engagement über
Klimawandel, Biodiversität und Umweltpolitik berichten. Meist ist Umweltjournalismus mit akribischer Recherchearbeit

verbunden. Hinzu kommt: Für Beiträge
über Gentechnik, Froschschenkel oder
Treibhausgase müssen sich die Journalisten häufig erst einen Platz in der eigenen
Redaktion erkämpfen. Doch ohne deren
unermüdliches Engagement würden viele wichtige Umweltthemen nie auf die
politische Agenda gelangen. Für Bürger
und Verbraucher sind die hartnäckigen
Aufklärer ebenso unverzichtbar.
„Es reicht nicht, Gutes zu tun, wir
müssen es auch verkaufen“, fasst Rudolf
L. Schreiber zusammen. Der Werbefachmann war 1975 einer der DUHGründer und hat selbst an zahlreichen
Naturschutz-Publikationen mitgewirkt.
Preisträgerin Claudia Decker zählt sich
selbst zu den Unbequemen. Die Hörfunkjournalistin regt zum Nachdenken
an: „Man sagt ja immer Umwelt, aber es
ist unsere Welt.“
»

Wir danken der Telekom Deutschland
für die freundliche Unterstützung.

Dr. Fritz Lauer
betonte die
jahrelange gute
Zusammenarbeit.

Kächele bat zum Abschluss DUH-Mitarbeiterin Erika Blank auf die Bühne und
dankte ihr; sie koordiniert seit der ersten
Auszeichnung sämtliche Arbeiten für den
UmweltMedienpreis zusammen mit einem eingespielten Team. „Zu etlichen
Preisträgern oder Laudatoren habe ich
noch heute guten Kontakt. Das macht
viel Spaß und bedeutet für mich eine
persönliche Bereicherung“, erzählte sie.
TV-Moderatorin und Journalistin Pinar Atalay führte charmant durch den
Abend. Ungewollt sorgte sie kurzzeitig für
Aufbruchstimmung: Offenbar schleppte

Das Brandenburger
Tor bot einen traumhaften Rahmen.

Erika Blank
(vorn, 2.v.l.)
und ihr Team.

welt 4/2015

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THEMEN
Bernhard Pötter
Redakteur bei der taz und Buchautor
Bernhard Pötter
(m.) schreibt seit
Jahren gegen den
Klimawandel an.
Blumen gibt es von
Harald Kächele (l.)
und die Laudatio
von Prof. Dr. Ottmar
Edenhofer.

Die Preisträgerinnen und Preisträger 2015
Lisa Simpson
und ihr Schöpfer
Matt Groening.

auch mal im Sturm an einen Baum kettet. Deshalb ist ihre Synchronsprecherin
und Laudatorin Sabine Bohlmann heute
auch froh, dass sie die Rolle damals nicht
abgelehnt hat: „Sind die hässlich“, war
ihr erster Gedanke. Die ersten Staffeln
entsprachen auch wirklich nicht der
herkömmlichen Zeichentrick-Ästhetik.
Doch schnell lernte Bohlmann die Serie
zu verstehen und zu lieben. Es kommt
eben doch auf die inneren Werte an!

Lisa Simpson und Matt Groening
Die Zeichentrick-Figur Lisa und ihr

n	 Pötter zählt zu den Journalisten in

Deutschland, die durch jahrelange kritische Begleitung der deutschen, europäischen und internationalen Klima- und
Energiepolitik den Boden bereitet haben
für die breite öffentliche Unterstützung,
die Energiewende und Klimaschutz bei
uns genießen. Pötter schreibt über Klima
und Energie nicht nur als Umweltthemen,
sondern legt wirtschaftliche Interessen und
politische Konflikte schonungslos offen.
„Wir retten die Welt“, heißt die tazKolumne unseres Preisträgers in der Kategorie Print. Sie belegt, was der Klimaexperte Professor Ottmar Edenhofer in seiner Laudatio betonte: Bernhard Pötter ist
in all den Jahren, in denen er schon gegen
Kohlestrom und Klimawandel anschreibt,
nicht zum Zyniker geworden. Er hat sich
seinen „Möglichkeitssinn“ bewahrt. Dass
die Weltrettung kein Selbstläufer ist, weiß
Pötter selbst am besten. Gerade in seinem komplexen Themenfeld braucht es
langwierige, akribische Recherchen. Pötter besorgt sich Informationen aus erster
Hand. Ganz gleich, ob vom Bauern in
Bangladesch oder vom Öl-Lobbyisten in
Houston. Deshalb gilt sein besonderer
Dank seiner verständnisvollen Redaktion
und nicht zuletzt seiner Familie, die „nur
leise grummelt“, wenn er mal wieder für
drei Wochen „weg“ ist.
n

Schöpfer erhielten den Sonderpreis.
n Lisa Simpson nervt. Das wird Ihnen
Mr. Burns, Besitzer des Atomkraftwerks
von Springfield, ebenso gerne bestätigen wie Joe Quimby, der Bürgermeister
der Cartoon-Stadt. Oder der texanische
Ölmagnat. Oder ihr Vater Homer. Fast jeder im Simpsons-Kosmos hat sich schon
den Zorn der streitbaren Achtjährigen
zugezogen. Meistens ging es dabei um
eines der vielen Umweltprobleme, die
sich wie ein roter Faden seit 25 Jahren
durch die Serie ziehen. Am Skript wirkt
ein Team von Naturwissenschaftlern mit.
Von Beginn an haben die SimpsonsMacher, allen voran ihr Erfinder Matt
Groening, kaum ein Thema ausgelassen:
Kernkraft, Ölpest, Müll, Bienensterben,
Gentechnik, Fracking, Artenschutz – die
Liste ließe sich noch lange fortsetzen.
Der idealistischen Lisa kommt dabei die
Rolle des „ökologischen Gewissens“ der
Serie zu, die nachfragt, aufklärt und sich
aus Protest gegen illegale Abholzungen

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welt 4/2015

Keine Berührungsängste:
Inga Sieg in einer Drehpause.

Unten: Das Team von „Global Ideas“ mit
Laudatorin Rita Schwarzelühr-Sutter (r.) und
den DUH-Geschäftsführern Sascha MüllerKraenner (l.) und Jürgen Resch (2. vr.).

THEMEN

Dreharbeiten
in Brasilien:
Ein Bauer zeigt,
wie die Gentechnik
seinen Mais schädigt.

Unten: Astrid Halder
und Hendrik Loven (r.)
mit Laudator
Andreas Hoppe.

nur erschreckende Bilder entgegensetzt.
Sondern auch die einfache Botschaft an
uns alle: Unser Konsumverhalten ist entscheidend.
Die DUH zeichnete Halder und Loven stellvertretend für das gesamte Team
von Report München mit dem Preis in der
Kategorie Fernsehen aus.
n

Claudia Decker
Hörfunkjournalistin beim BR 2
n	 Claudia Decker ist am Niederrhein

Manuela Kasper-Claridge, Inga
Sieg und Axel Warnstedt
Autoren des Multi-Media-Projekts
„Global Ideas“ der Deutschen Welle
n	 Soviel ist klar: Berührungsängste haben Inga Sieg und Axel Warnstedt nicht!
Denn Orang-Utans zu filmen ist die eine
Sache. Einen auf den Arm zu nehmen,
noch einmal etwas ganz Anderes. Das
Team ist weltweit unterwegs für Filmbeiträge, mit denen es die Menschen für
Themen wie Luftverschmutzung, Meeresund Artenschutz oder den Klimawandel
sensibilisiert. Sieg und Warnstedt arbeiten für das Online-Portal Global Ideas,
das neben Filmdokumentationen auch
interaktive Infografiken enthält. Reporterin Sieg, Kameramann Warnstedt und
die Initiatorin des Projekts, Manuela
Kasper-Claridge, sind die diesjährigen
Online-Preisträger.
„Ich habe sehr viel Schönes gesehen“,
erinnert sich Kameramann Warnstedt.
„Ich kann das Schöne zeigen, so schön
es geht, damit man es bewahrt. Und
ich muss natürlich auch die Zerstörung
zeigen.“ Im Fokus der Berichte stehen
jedoch Menschen, die sich für den Klimaschutz engagieren. Ihrer Arbeit will
Global Ideas ein Forum bieten. Wie gut
das gelingt, erläutert die Initiatorin des
Projekts, Manuela Kasper-Claridge, nicht
ohne Stolz: Im kommenden Jahr zeigt das
Deutsche Museum eine große Ausstellung dazu und auch Al Gore, einst USVizepräsident und ebenfalls Träger des
UmweltMedienpreises, hat schon Kontakt aufgenommen. Am wichtigsten ist
jedoch: Die Botschaft kommt an. Denn
das Angebot, Global Ideas auf Arabisch,
Chinesisch, Englisch oder Spanisch anzusehen, wird rege genutzt.
n

Astrid Halder und Hendrik Loven
Fernsehfilm-Autoren
bei Report München
n	„Mut und Risikobereitschaft“ attestier-

te Laudator Andreas Hoppe dem Team
von Report München für seine Reportage
über die „Propagandaschlacht um die
Gentechnik“. Astrid Halder und Hendrik Loven interessieren sich für globale
Zusammenhänge und haben sich schon
früh an die richtig großen Themen – und
die richtig großen Gegner – gewagt.
„Was interessiert denn die Omi Südamerika?“ fragte Astrid Halder in ihren
Dankesworten. Und lieferte die Antwort
gleich selbst: Sie erinnerte an den kleinen Johann Marco (2), der kurz nach den
Dreharbeiten in Argentinien an einem
Gehirntumor starb. Denn die Auswirkungen von Umweltgiften, Pestiziden oder
eben Gentechnik zeigen sich zwar am
krassesten direkt dort, wo sie eingesetzt
werden. Doch niemand weiß, was diese Gifte und gentechnisch veränderten
Lebensmittel bei uns anrichten können.
„Aufklären, aufklären, aufklären“ – aus
diesem Gedanken entstand eine aufwändige Reportage, die der überwältigenden Propaganda der Konzerne nicht

aufgewachsen und sah aus ihrem Fenster Wiesen, Bäume und – Braunkohlekraftwerke. Schon früh stellte sie sich
die Frage, welche Grenzen wir respektieren müssen, „damit wir die Krone der
Schöpfung bleiben, und nicht zu deren
Totengräber werden.“ In ihrer sehr persönlichen Laudatio bekannte Johanna
Stadler, Redakteurin bei BR 2, es fehle
nicht viel und ihre langjährige Kollegin
werde selbst ihr manchmal unheimlich.
Denn Decker möchte ihre Hörer nicht
nur überzeugen; sie geht mit gutem
Beispiel voran. Bahncard und Fahrrad
statt Auto, Wäscheleine statt Trockner.
Die Hörfunk-Preisträgerin macht auch
komplizierte Themen nachvollziehbar.
Zuletzt ist ihr dies eindrucksvoll gelungen mit Beiträgen zu den verschlungenen
Produktions- und Vertriebswegen von
Daunen, Froschschenkeln und Entenstopfleber.

Claudia Decker (l.) mit ihrer Laudatorin und
langjährigen Kollegin Johanna Stadler.

Für ihre Reportagen reist sie gern – und
bringt ihren Hörern Geschichten aus
der ganzen Welt zurück. Der persönliche Kontakt zählt. Denn sie möchte
sich selbst ein Bild machen, und das geht
eben nicht mit drei Fragen per Skype. n

welt 4/2015

13

THEMEN

Die Bundesregierung ist mitverantwortlich
für den Abgas-Skandal
Drei Monate nach Bekanntwerden der Manipulationen von VW bei Abgastests ist klar:
Der Umwelt- und Verbraucherskandal hätte vermieden werden können. Schuld ist ein Staat, der es
sich als williger Gehilfe seit Jahren auf dem Beifahrersitz der Automobilhersteller gemütlich macht.
n

V

or drei Monaten – am 18. September 2015 – machte die amerikanische Umweltbehörde EPA
publik, dass VW in den USA bei den
Messungen des Schadstoffausstoßes
betrogen hat. Weltweit sind knapp elf
Millionen Diesel-Fahrzeuge von den Manipulationen betroffen. Doch die Enthüllungen sind nicht so überraschend, wie
man zunächst vermuten würde.
Die Deutsche Umwelthilfe hat Behörden und Ministerien seit vielen Jahren vor
Schummeleien der Autohersteller beim
Kraftstoffverbrauch gewarnt. Sie informierte auch über konkrete Verdachtsfälle
bei der Überschreitung von Stickoxiden
(NOx), um die es letztlich im VW-Skandal ging. Im Februar 2011 war die DUH
zu Gast im Bundesverkehrsministerium

14

welt 4/2015

von Daniel Hufeisen

und sprach dort ohne Umschweife die
stark erhöhten NOx-Werte eines VW Passat der Abgasstufe Euro 6 an. Doch das
Ministerium unternahm nichts.

Totalversagen der Politik
Nach dem 18. September gab sich die
Bundesregierung empört und forderte
von VW lückenlose Aufklärung. Doch
Verkehrsminister Alexander Dobrindt
kündigte erst entsprechende Schritte an,
nachdem die DUH angedroht hatte, das
zuständige Kraftfahrt-Bundesamt (KBA)
zum Rückruf aller betroffenen VW-Fahrzeuge juristisch zwingen zu wollen. Details, wie der Rückruf vonstattengehen
soll, bleibt er bis heute schuldig. Das KBA
weigert sich nach wie vor, Einsicht in die

technischen Details des angeordneten
Rückrufs zu gewähren. Deshalb wird die
DUH die Herausgabe der Informationen
vor Gericht erstreiten.
Bundeswirtschaftsminister Sigmar
Gabriel bezeichnete die Manipulationen
als „schlimm“. Er schien sich aber mehr
um die Sicherung von Arbeitsplätzen bei
VW zu sorgen als um den Verbraucher
und die Umwelt, denen der Wolfsburger
Autohersteller geschadet hat. Und Bundesumweltministerin Barbara Hendricks
fand zwar kritische Worte für VW und
den Abgasbetrug. Es verging jedoch fast
ein Monat, ehe die SPD-Politikerin einen
Plan für bessere Luft in Städten vorstellte,
dessen Kernpunkte so seit Jahren von
Umweltverbänden wie der DUH gefordert werden.

THEMEN

Die verantwortlichen Politiker haben die
Hinweise auf Betrügereien seitens der
Automobilindustrie viel zu lange ignoriert. Grund dafür ist auch die Nähe von
Deutschlands vermeintlich wichtigster
Industrie zur Politik, die ihr eigentlich
auf die Finger schauen sollte. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Die Bundesregierung wird von den deutschen
Automobilherstellern „ferngesteuert“.
Der eigentliche Verkehrsminister ist der
Präsident des Verbands der Automobilindustrie, Matthias Wissmann.

Der Diesel-Skandal
betrifft nicht nur VW
Volkswagen, Audi, Porsche sind nicht
die einzigen Hersteller, die ihre Abgaswerte schönen. Der Verdacht liegt
nahe, dass auch andere Autobauer
ihre Fahrzeuge sauberer darstellen als
sie eigentlich sind. Die DUH hatte im
Oktober und November die StickoxidEmissionen eines Opel Zafira und eines
Renault Espace untersucht und konnte
in beiden Fällen hohe NOx-Überschreitungen feststellen. Sie forderte deshalb
Nachuntersuchungen seitens der staatlichen Behörden.
Diese eheähnlichen Zustände zwischen Autoherstellern und politischen
Entscheidern müssen aufhören. Illegale Manipulationen müssen sofort und
dauerhaft unterbunden und die systematischen Schwachstellen durch eine
Neuausrichtung der Typzulassung ausgebessert werden. Außerdem müssen
die Fahrzeuge aller Hersteller und zwar
unabhängig davon, ob sie Diesel oder
Benziner sind, im Realbetrieb nachgemessen werden.

Vorbild USA: Harte Strafen
für die Autoindustrie
Im Gegensatz zu den USA, wo Abweichungen von geltenden Grenzwerten
seit vielen Jahren mit hohen Sanktionen
belegt werden, biedert sich die Bundesregierung bei Deutschlands Autobauern
an. Sie missachtete dadurch jahrelang
geltende EU-Verordnungen. Laut diesen
müssen Abgasgrenzwerte nicht nur auf
dem Prüfstand, sondern auch im Normalbetrieb eingehalten werden. Die Verwendung von ‹Abschalteinrichtungen› wie
sie VW eingesetzt hat, ist ausdrücklich
verboten. Bereits 2009 hätten die Mit-

Opel Zafira auf
dem Prüfstand.

DUH-Bundesgeschäftsführer
Jürgen Resch (li)
in der Prüfstelle der
Fachhochschule
Bern.

gliedstaaten festlegen müssen, welche
Sanktionsmechanismen bei Verstößen
gelten. Auch Deutschland ist dies bis
heute schuldig geblieben.

Stickoxid schadet
der Gesundheit
Unter der Bezeichnung Stickoxid
(NOx) werden vereinfachend Stickstoffmonoxid (NO) und Stickstoffdioxid (NO 2) zusammengefasst.
Sie entstehen hauptsächlich bei
Verbrennungsprozessen in Motoren und Öfen. NO2 ist ein giftiges
Reizgas, das die Atemwege schädigt. Zudem kann es zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen und die
Gesamtsterblichkeit erhöhen. Aus
NO bildet sich in der Außenluft
ebenfalls NO2. Für Abgase gelten
NOx-Emissionsgrenzwerte und für
die Luftbelastung NO2-Immissionsgrenzwerte.

Über 60 Prozent der Messstellen in
Deutschland zeigen Überschreitungen
der NO2-Grenzwerte für die Luftqualität.
Das Problem ist der Verkehr. Auch die
neuesten Dieselmodelle der Abgasstufe
Euro 6 tragen maßgeblich zu diesen gesundheitsgefährdenden Emissionen bei.
Die DUH fordert deshalb: Schmutzige
Diesel-Pkw, welche die geltenden Grenzwerte der Eurostufe 6 im Realbetrieb nicht
einhalten, müssen aus den Innenstädten
verschwinden. Ende November hat die
DUH wegen der anhaltend schlechten
Luftqualität in acht deutschen Städten
Klage gegen die zuständigen Behörden
erhoben. 2007 hat die DUH das „Recht
auf saubere Luft“ europaweit erstritten.
Dass die Zivilgesellschaft dieses auch
heute noch gegen Staat und Autokonzerne gerichtlich durchsetzen muss, ist ein
Armutszeugnis für die Bundesregierung.
Die Deutsche Umwelthilfe wird deshalb
weiter für eine Verbesserung der Luftqualität kämpfen.
n

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MAGAZIN

n	NATURSCHUTZ

Lebensraum unter Strom
Hunderttausende Kilometer Stromleitungen überspannen die deutschen
Landschaften. Unter ihnen: viel Platz für Flora und Fauna. Zumindest in der
Theorie. Doch in der Praxis sieht es bislang meist anders aus.

S

eit dem Bau der ersten Hochspannungsleitung im Jahre 1882 führte der stetig steigende Energiebedarf in
Deutschland zu einem dichten Netz von
Stromleitungen. Heute spannen sich Hunderttausende Kilometer quer durch unser
Land über Äcker, Wiesen, Dörfer, Straßen
und auch durch Wälder. Verlaufen die
Trassen durch Waldgebiete, müssen die
Leitungen aus Sicherheitsgründen von höherem Baumbewuchs freigehalten werden. Die Folge sind meist breite Schneisen, auf denen alle paar Jahre die Gehölze
komplett entfernt werden. Doch Pioniergehölze erobern rasch die freigewordenen Flächen und bilden meist artenarme,
dichte Gebüsche. Nach wenigen Jahren
sind sie so hoch gewachsen, dass sie erneut von den Netzbetreibern großflächig
entfernt werden müssen. Dieser Wechsel
bereitet vielen Tierarten Probleme.
Einzelne Netzbetreiber begannen vor
rund 20 Jahren, eine nachhaltige Form
der Trassenpflege zu entwickeln. Dies
stellte sich sogar als kostengünstiger heraus. Hier bietet sich noch viel ungenutztes Potenzial für den Naturschutz. In
einem gemeinsamen Forschungsprojekt
mit der Hochschule WeihenstephanTriesdorf will die DUH den Grundstein
legen, um die ökologische Trassenpflege

zur guten fachlichen Praxis in Deutschland zu machen. Dieses Ziel ist durchaus anspruchsvoll. Nicht nur müssen
Konzepte weiterentwickelt werden,
sondern auch verschiedene Interessen
Berücksichtigung finden. Hier treffen
die Ansprüche von Netzbetreibern, Eigentümern, Vertretern von Forst- und
Landwirtschaft, Jägern, Anwohnern und
auch die von Flora und Fauna aufeinander. Inhaltliche Unterstützung erfährt
das Vorhaben durch die Netzbetreiber
Amprion GmbH, Westnetz GmbH und
die DB Energie GmbH.

Zauneidechse, Neuntöter und Co.
Auf mehreren Stromtrassen im waldreichen Rheinland-Pfalz wird untersucht,
wie Trassenpflege ökologisch gestaltet
werden kann. Das Forschungsvorhaben
geht auch der Frage nach, welchen Beitrag die Stromtrassen für die Vernetzung
von Lebensräumen leisten können. Vor
allem in einem so stark zersiedelten
Land wie Deutschland brauchen Tiere
und Pflanzen Möglichkeiten, zwischen
ihren Lebensräumen zu wechseln und
neue Räume zu besiedeln.
Eine nachhaltige Trassenpflege im Wald
ermöglicht hingegen eine Vielfalt un-

Bei langsam wachsenden Gehölzen wie
Hainbuche oder Eiche muss man weniger
häufig eingreifen.

terschiedlicher Lebensräume, denn die
Pflegemaßnahmen finden nur kleinflächig
statt. Es werden gezielt einzelne Bäume
oder Baum- und Strauchgruppen gefällt.
Der Wald hört so nicht abrupt auf, sondern geht als Waldrand sanft in niedrigere
Gebüsche über. Ein vielfältiger Wechsel
von dichten Gebüschen, Bäumen und
Lichtungen entsteht, der von zahlreichen
Tier- und Pflanzenarten mit ganz unterschiedlichen Ansprüchen bewohnt wird.
Der Neuntöter besiedelt mit Vorliebe solche abwechslungsreichen, halboffenen

Dank ökologischem Trassenmanagement im Wald entstehen im Gegensatz zur
herkömmlichen Trassenpflege (rechts) abwechslungsreiche Flächen.

Waldränder, Wiesen und Brachen. Die
Baumstubben und auch am Waldesrand
aufgeschichtete Holz- und Reisighaufen
dienen vielen Tieren als Unterschlupf.
Zahlreiche Insekten nutzen das morsche
Holz als Brutplatz. In den alten Bäumen
der angrenzenden Wälder meißeln Spechte ihre Höhlen und ernähren sich von den
Ameisen, die an den sonnigen Waldrändern nisten. Auch Zauneidechsen nutzen
gern den Platz an der Sonne.

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MAGAZIN

n	NATURSCHUTZ

Heimat für Rhineheart
Diese Schlagzeile sorgte für Aufsehen: Ein Belugawal schwimmt im Rhein!
Das ist fast 50 Jahre her. Im kommenden Jahr soll „Moby Dick“ ein
Denkmal gesetzt werden – er könnte dort wieder auftauchen, wo er
erstmals gesichtet wurde.

E

Neuntöter und Zauneidechsen sieht man
in strukturreichen Lebensräumen.

in paar Duisburger Rheinschiffer
staunten nicht schlecht, als sie am
18. Mai 1966 plötzlich einen Belugawal
vor ihrem Bug auftauchen sahen. 300
Kilometer vom Meer entfernt und etliche Tausend Kilometer weit weg vom
eigentlichen Lebensraum, fand sich das
vier Meter lange und 35 Zentner schwere
Tier unerwartet im Ruhrpott wieder. Was
als kuriose Schlagzeile begann, wurde
bald zum Politikum.
Ursprünglich sollte der Weißwal einem englischen Zoo übergeben werden.
So berichteten damals die Zeitungen. Das
Transportschiff sei jedoch in einen Orkan
geraten und beinahe gekentert; der Wal
wurde vermutlich vor der englischen
Küste in die Nordsee gespült. Von dort
aus sei er über den Hafen von Rotterdam
in den Rhein gelangt.
Die Geschichte von „Moby Dick“,
wie er in Anlehnung an den Roman von
Herman Melville bald genannt wurde,
lässt sich als Startpunkt für ein neues Umweltbewusstsein erzählen. Denn nachdem zuerst der Direktor des Duisburger
Zoos, Wolfgang Gewalt, ins mediale

Kreuzfeuer geriet, weil er zur Hetzjagd
auf den Wal rief, nahm Moby Dicks Reise ihren Wendepunkt im Bonner Regierungsviertel. Dort tauchte der Wal vor
den Toren des Bundestages auf und rief
bei internationalen Politikern und Journalisten so große Aufmerksamkeit hervor,
dass sie ihre Pressekonferenz kurzerhand
unterbrachen, um ans Ufer zu stürmen.
Was sie sahen, überraschte alle.
In der Hochzeit des Wirtschaftswunders glich der Rhein weniger einem Fluss
als vielmehr einer Kloake. Abwässer aus
Industrie und Haushalten wurden zum
großen Teil ungeklärt eingeleitet. Das
war zu viel für den weißen Wal. Nach
seiner vierwöchigen Odyssee durch den
Niederrhein war die Haut des Tieres mit
Ekzemen übersät. Die Zeitungen übertrumpften sich gegenseitig mit Schlagzeilen, und die Ereignisse führten dazu,

Förderer des Netzwerks „Lebendige Flüsse“:

Foundation

Ökologie versus Ökonomie?
Die Netzbetreiber Amprion und Westnetz blicken auf einen Erfahrungsschatz
aus über 20 Jahren zurück. Sie berichten, dass sich ökologisches Management
und ökonomische Interessen keinesfalls
ausschließen müssen. Das Forschungsvorhaben greift diese Erfahrungen auf.
Gleichzeitig bietet es eine Plattform für
offene Kommunikation, um Argumente,
Visionen und Erfahrungen zu bündeln
und zu zeigen, dass ökologisches Trassenmanagement für alle Seiten einen
Gewinn darstellt. (lh, dv)
n
Förderer:

Sensation im Rhein bei Duisburg: 1966 wurde ein Beluga-Wal gesichtet

.
welt 4/2015

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MAGAZIN
dass der Fließgewässerschutz auf die politische Agenda gelangte. Nach seiner
beeindruckenden Vorstellung schwamm
Moby Dick dann zurück ins offene Meer,
wo er am 16. Juni 1966 bei Hoek van
Holland das letzte Mal gesehen wurde.

Wahrzeichen für den
Umweltschutz
Der Bildhauer Jörg Mazur kennt diese Geschichte schon seit seiner Kindheit. „Das
Thema hat mich seitdem nicht losgelassen“, sagt er und fasst einen Entschluss:
Dem Wal soll endlich ein Denkmal gesetzt werden. Denn für Mazur ist der Wal
ein Held. Nicht nur, dass er sich innerhalb
weniger Tage in die Herzen der Menschen
schwamm und eine Welle der Solidarität auslöste, sein Auftauchen begründete
auch ein Umdenken im Umgang der Menschen mit dem Rhein.
„Moby Dick“ hat Mazur für sein
Kunstprojekt „Heimat für Rhineheart“
liebevoll umgetauft. „Reinhard heißt im
Deutschen der weise Ratgeber – und Rhineheart hat einfach eine ganz schöne, andere Bedeutung.“ In der Wortschöpfung
wird der Namensträger zum Herzen (engl.
heart) des Rheins (engl. Rhine).
Die Idee: Der Künstler will Rhineheart
als drei Meter hohe Bronze-Skulptur dort
installieren, wo der Wal am 18. Mai vor
fast einem halben Jahrhundert das erste
Mal gesichtet wurde. „Mit festem Standort
am Rhein wird Rhineheart ein nachhaltiges
und freundliches Symbol für den Umweltschutz darstellen. Er wird als Wahrzeichen
die Geschichte des Wals lebendig halten
und einen optimistischen Blick in die Zukunft wagen“, schreibt Mazur über sein
Projekt. Ulrich Stöcker, Leiter Naturschutz
der DUH, berät den Künstler in fachlichen
Fragen. Gemeinsam wollen die beiden
auf die aktuelle Lage von Deutschlands
Gewässern hinweisen. Denn Schadstoffe
und Fluss-Verbauungen bereiten Naturschützern noch immer Sorgen. (lh)
n
Jörg Mazur mit seinem Styropor-Modell
von Rhineheart.

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n	LEBENDIGE FLÜSSE

Schulklasse bestaunt
Fischotter in Gera
Der Fischotter erobert die Gewässer in Thüringen zurück. Damit sein Schutz
auch eine Zukunft hat, bringt die DUH Schulklassen den Wassermarder nahe.
In Gera begegneten sich nun Mensch und Tier im Museum.

G

roße Kinderaugen gab es, als
eine fünfte Klasse der Otto-DixRegelschule dem pelzigen Vierbeiner
gegenüberstand. Das Präparat eines
ausgewachsenen männlichen Fischotters sorgte im Museum für Naturkunde in Gera für Staunen. Das 2011
in Gera überfahrene Exemplar ist aktuell
Teil einer Ausstellung und macht auf den
Straßenverkehr als häufigste Todesursache der Fischotter aufmerksam.
Den Schülern schenkte DUH-Projektmanagerin Sabrina Schulz Malbücher
mit Informationen über den Lebensraum
des Fischotters, dessen Verbreitung sowie
seine Gefährdung. Auf einer geplanten
Informationstafel wird die DUH zusätzliche Maßnahmen zu seinem Schutz darstellen. Das Ziel ist die praktische Wissensvermittlung und Sensibilisierung für
die Themen des Naturschutzes.
Anlass für den Erlebnistag gab die
Einweihung der ersten fischottergerechten Brücke in Gera. Gemeinsam mit
den Förderern Heinz Sielmann Stiftung
(HSS) und Archer Daniels Midland feierte
die Stadt diese für den Naturschutz der
ostthüringischen Großstadt bedeutende
Maßnahme. „Wir freuen uns sehr, dass
die Wanderwege des Fischotters dank
dieser Hilfe wieder ein Stück sicherer
geworden sind“, sagte Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH.

DUH baut Ottern eine Brücke
Im Rahmen des „Modellprojektes zum
Schutz des Fischotters vor Straßenverkehr“ hat sich die DUH dem Schutz des
Wassermarders auf seinen Wanderungen
verschrieben und stattet seit 2012 Brücken mit sicheren Unterführungen aus
„Nach der Rückkehr des Fischotters
in die Flusslandschaften in Thüringen
gilt es, die Existenz der Art zu sichern.
Umbaumaßnahmen an bestehenden Brücken zählen hierbei zu den wichtigsten
Schritten. Ergänzend dazu müssen Gewässerüberquerungen bei Straßenneubauten von vornherein ottergerecht gebaut werden“, erklärte Müller-Kraenner.
(lh) n
Förderer:

MAGAZIN
n	UMWELTBILDUNG

Nachwuchsjournalisten
für die Umwelt
Schülerinnen und Schülern hat der GNF journalistisches Handwerkszeug
mitgegeben und Gespräche mit Natur- und Umweltschutzfachleuten
ermöglicht – und dabei einige Talente entdeckt.

Die Exkursion ins
Goldenstedter Moor
beginnt mit
einer Bahnfahrt.

Exkursionsberichten Artikel entstanden,
die mancher Tageszeitung das Wasser
reichen können“, freut sich Sinje Schulz,
Deutschlehrerin am FHG.
An der Europaschule Bad Nenndorf
konnte das Angebot an einen abiturrelevanten Seminarkurs angegliedert werden.
Das FHG stieg später in das Projekt ein
und organisierte deshalb eine schuljahresübergreifende Teilnahme, die mit einer
Facharbeit kombinierbar war.
Auch Nina Bastian ist mit dem Ergebnis zufrieden: „Solche Projekte beeinflussen Biografien. Die Jugendlichen haben
viel gelernt und sind daran gewachsen.
Sie wollten kaum glauben, dass ihr Magazin über 37.000 Seitenaufrufe hat.“
Pauline ist inzwischen Mitglied im Radolfzeller Jugendgemeinderat – nicht nur,
aber vielleicht auch wegen „Nachwuchsjournalisten für die Umwelt“. (ts)
n
Förderer:

Anzeige

Großer Bahnhof am FriedrichHecker-Gymnasium (FHG) in
Radolfzell: Die zehnten und
elften Klassen präsentieren ihre Facharbeiten. Zwischen zischenden Kolben und
physikalischen Aufbauten lugt etwas Natur hervor: ein Ast, Moos, eine Wildkatze
– natürlich ausgestopft. Mit leuchtenden
Augen berichten Pauline, Bianca und Denise von ihren Recherchen zur aktuellen
Situation der Wildkatze in Deutschland
und präsentieren ihr Poster. Sie haben im
GNF-Projekt „Nachwuchsjournalisten für
die Umwelt“ einen Artikel für das OnlineMagazin Yojo geschrieben und zeigen den
Besuchern, was sie gelernt haben.

Bloggen, fotografieren, Texte schreiben
– viele junge Menschen haben darauf
Lust. Das Projekt gab der Neugier der
Fünfzehn- bis Sechzehnjährigen ausreichend Futter: Bei Exkursionen zu einem
Bioenergiedorf, in den Nationalpark
Schwarzwald oder zu Störchen in der
Bodenseeregion konnten sie den Experten Fragen stellen. Die Rohtexte der
Schülerinnen und Schüler wurden dann
mit Hilfe des Wissenschaftsjournalisten
Jan Berndorff und anderen Profis zu
aussagekräftigen und spannenden Reportagen aufbereitet. Diese sind als Beiträge im Online-Magazin Yojo erschienen, das bereits stolze 5.000 Leser hat.
„Inzwischen sind neben interessanten

Auf Exkursion und am Rechner
„Der Weg war lang“, sagt Nina Bastian, Projektleiterin beim Global Nature
Fund. „Die Arbeit mit Schulen und die
Lernprozesse selbst brauchen Zeit.“ Neben dem inhaltlichen Konzept erforderte
das Umweltbildungsangebot auch einen
geeigneten methodischen Ansatz. Beides
entwickelten die Mitarbeiter des GNF zusammen mit Lehrkräften an Gymnasien
in Bad Nenndorf (Niedersachsen) und
Radolfzell (Baden-Württemberg).

Besuch in der Südkurier-Redaktion:
Das Yojo-Team hört aufmerksam zu.

e
Gesucht: Junge Talent

im Umweltbereich

Preise

im Gesamtwert von

25.000 Euro

Einsendeschluss
15. März 2016
www.bundesumweltwettbewerb.de

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MAGAZIN
n	SCHULEN FÜR LEBENDIGE FLÜSSE

n	NACHHALTIG WIRTSCHAFTEN

Junge Forscher

Gebt den Kindern das Kommando
Die japanische Firma Sekisui Chemical bindet bei der Umsetzung einer
nachhaltigen Unternehmensphilosophie Vorschläge von Kindern ein.

D

er BundesUmweltWettbewerb
sucht und fördert jedes Jahr Talente
im Themenfeld Umwelt und Nachhaltigkeit. Träger ist das Bundesministerium
für Bildung und Forschung. 2015 haben
sich rund 600 junge Menschen im Alter
zwischen 10 und 20 Jahren mit ihren Projekten um eine Auszeichnung beworben.
Die DUH hat zwei Preisgelder im Bereich
Gewässerschutz gestiftet. 500 Euro gehen
an die Geschwister Antonia und Leonard
Münchenbach aus Freiburg. Sie haben
ein Landschaftsmodell gebaut, das eine
Flussdynamik visualisiert: Hochwassersituationen werden simuliert ebenso wie
Maßnahmen für den Hochwasserschutz.
Anschaulich zeigen die Dreizehnjährige
und der Zehnjährige den Nutzen von
Poldern, Flutgräben und Mäandern. Für
Lehrzwecke ist die Miniaturlandschaft
hervorragend geeignet.
Das zweite DUH-Preisgeld erhielt
Tjark Meents (17) aus Brake in Niedersachsen. Mit seinem Prototyp eines Fahrrad-Tretboots schlägt er eine Alternative
zu Motorbooten vor. Die Idee: Jeder kann
die schwimmfähige Plattform mit dem
eigenen Fahrrad nutzen und antreiben.
Dies ersetzt die Fahrt mit einer Motorfähre. (jk)
n

Leonard und Antonia präsentieren ihr Landschaftsmodell (oben). Ebenfalls preiswürdig:
das Fahrrad-Tretboot von Tjark Meents.

20

welt 4/2015

Welche Wünsche haben Kinder und Jugendliche in Sachen
Umwelt- und Naturschutz?
Sekisui Chemical, ein langjähriger Kooperationspartner des GNF, stellt sich
diese Frage sehr ernsthaft und hat einen
unternehmensinternen Kinder-Umweltgipfel ins Leben gerufen. 2015 lud der
Hersteller von Kunststoff-Erzeugnissen
die Kinder von Mitarbeitern zum vierten
Mal zum Children‘s EcoSummit, diesmal
in Zusammenarbeit mit dem GNF. 90
Gäste aus sieben europäischen Ländern
kamen an den Bodensee, darunter 26
Kinder und Jugendliche im Alter von 11
bis 16 Jahren mit ihren Eltern. Auch vier
Vertreter der Sekisui Unternehmensleitung aus Japan nahmen teil, unter ihnen
sogar Präsident Teiji Koge.
Im Rahmen des mehrtägigen Umweltgipfels erfuhren die internationalen Gäste viel über Umweltprojekte im
Bodenseeraum, waren aber auch selbst
aktiv. Sie pressten Apfelsaft, gestalteten
Musikinstrumente aus Naturmaterialien
und bauten Insektenhotels. In der Flussaue der Radolfzeller Aach pflanzten die
Teilnehmer Weidengehölze. Teiji Koge
war das gemeinsame Zupacken ganz
wichtig. Wie alle anderen war er wetterfest gekleidet und griff zum Spaten,

Teiji Koge, Präsident von Sekisui, überreicht
ein Geschenk.
Mit Kletterausrüstung in den Wald.

MAGAZIN
berichtet Stefan Hörmann, Leiter Unternehmen und Biodiversität beim GNF.
In Diskussionsforen erarbeiteten die
jungen Teilnehmer kritische Forderungen
an das Management von Sekisui, etwa
mehr Solarpanels auf Firmengebäuden
oder Hybrid-Fahrzeuge als Beitrag zur
positiven Ökobilanz. Sie haben gute
Chancen, dass einige Ideen in die Tat
umgesetzt werden. Denn das Unternehmen hat Vorschläge aus vergangenen
Umweltgipfeln oft realisiert. So hat es
gemäß einer früheren Forderung einen
Preis ins Leben gerufen, der Mitarbeiter
für herausragendes Umweltengagement
auszeichnet.

Verantwortung für Nachhaltigkeit
Sekisui hat weltweit mehr als 23.000
Mitarbeiter. In Europa entwickelt und
produziert das Unternehmen Produkte
sowie Technologien für den Automobil-,
Bau-, Infrastruktur- und Energiemarkt. An
acht europäischen Standorten hat das Unternehmen in Zusammenarbeit mit dem
GNF Biodiversitäts-Checks realisiert: Umweltauswirkungen von Lieferketten, Produktion und Produkten wurden analysiert
und Empfehlungen für ein verbessertes
Rohstoff- und Biodiversitätsmanagement
erarbeitet. Hörmann freut sich über die
gute Resonanz auf den Umweltgipfel:
Herr Koge hat angekündigt, dass er die
Anregungen und das Fachwissen des GNF
und anderer Umweltorganisationen noch
intensiver nutzen wird. Und auch die Jugendlichen haben viel vor und wollen
sich im Internet weiter zu Umweltthemen
austauschen. (ug)
n

Die Projektarbeit des Global Nature Fund
wird unterstützt von:

n	LUFTREINHALTUNG

Tipps fürs Heizen –
Feinstaub verringern

Holzfeuer verbreiten gemütliche Wärme im Haus. Doch leider können
dabei viele Schadstoffe entstehen. Die richtige Bedienung ist daher Pflicht,
um die Belastung möglichst gering zu halten.

D

as flackernde Holzfeuer steht in
der kalten Jahreszeit für Gemütlichkeit. Am Kaminofen versammelt sich
die Familie zum geselligen Beisammensein. Klingt gut, wäre da nicht der hohe
Feinstaubausstoß. Bei jeder Verbrennung
entstehen Emissionen: Die Nutzung von
Scheitholz ist für rund 87 Prozent der Partikel-Emissionen aller Holzfeuerungsanlagen verantwortlich. Vor allem bei handbeschickten Öfen kann man viel falsch
machen: Bei schlechter Betriebsweise
kann mehr als die 100-fache Menge von
Staub und weiteren giftigen Substanzen
entstehen – dies schadet nicht nur der
Umwelt, sondern auch der Gesundheit
und verursacht zudem etliche Nachbarschaftskonflikte.

Darauf sollten Sie achten

Stiftung Ursula Merz

www.meopta.com

Machen Sie mit
bei unserem Fotowettbewerb!

Ofenbesitzer sollten zunächst die Bedienungsanleitung des Ofens aufmerksam
lesen – darin sind wichtige Hinweise zu
Nutzung und Wartung enthalten, die auf
den jeweiligen Ofen zugeschnitten sind.
Als Brennstoff darf nur unbehandeltes
Holz verwendet werden, das zudem ausreichend Zeit zum Trocknen hatte. „Der
Wassergehalt sollte maximal 20 Prozent
betragen. Hier lohnt sich die Anschaffung
eines Holzfeuchtemessers, um auf Nummer sicher zu gehen“, erläutert Hannah
von Blumröder, Projektmanagerin bei der
DUH. Das Holz muss stets so gelagert

werden, dass es gut belüftet und gegen
Niederschlag von oben geschützt ist.
Bei der Befüllung und beim Anzünden gilt: Anzündhilfen wie wachsgetränkte
Holzwolle oder Paraffin-Holzfaserblöcke
(erhältlich beispielsweise im Baumarkt)
und ausreichende Luftzufuhr sind ratsam.
Bei den meisten Öfen empfiehlt sich das
„Anzünden von oben“. Der Brennraum
darf nicht überfüllt werden – besser regelmäßig kleine Holzmengen nachlegen. Für
eine dauerhaft gute und möglichst emissionsarme Verbrennung ist zudem eine regelmäßige Wartung unerlässlich. Für den
Schornstein ist professionelle Hilfe vorgesehen: „Über die notwendigen Reinigungsintervalle informiert der Bezirksschornsteinfegermeister bei der Feuerstättenschau. Je
nach Nutzungshäufigkeit ist die Reinigung
zwischen einmal und viermal pro Jahr notwendig“, so von Blumröder.
Die DUH stellt in ihrem Projekt
„Clean Heat“ ab sofort umfangreiche Praxistipps für Ofennutzer bereit. Außerdem
möchten wir wissen: Was verbinden Sie
mit dem Thema Holzfeuer? Lassen Sie
uns teilhaben an Ihren Fotos und den
dazugehörigen Geschichten! (ph)
n
Fotowettbewerb und Tipps für Ofennutzer:
www.clean-heat.eu
Förderer:

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THEMEN
MAGAZIN
n	ENERGIEEFFIZIENZ

Schaf, Holz oder Hanf?
Wer einen Dämmstoff mit guter Ökobilanz sucht, findet kaum Hilfe. Die
DUH widmet sich der Frage, ob Dämmen mit Naturprodukten ökologisch
und wirtschaftlich sinnvoll ist.

E

nergiebewusstes Bauen und Sanieren schafft behaglichen, gesunden Wohnraum. Im Winter senkt es die
Heizkosten, im Sommer dringt weniger
Wärme ins Haus. Wer Energieeffizienz
mit naturnahen Dämmmaterialien realisieren will, stößt jedoch auf manche
Unsicherheit. Deshalb trägt die DUH
derzeit Informationen zusammen, die
Verbraucher bei der Wahl eines geeigneten Materials unterstützen. Zu Beginn
des Jahres 2016 will die DUH ein Mythenpapier zu naturnahen Dämmstoffen
veröffentlichen, das Fehlinformationen
nennt und aufklärt.
Am häufigsten wird mit Styropor oder
Mineralwolle gedämmt. Alternativen
sind kaum bekannt; lediglich mit einem
geringen Marktanteil werden Naturstoffe
eingesetzt. „Die DUH will sich dafür einsetzen, dass nachwachsende Stoffe wie
Holz, Hanf, Seegras oder Schafwolle als
Rohstoffe für Dämmmaterialien bekannter werden“, sagt Sascha Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer der DUH.
Viele Naturdämmstoffe besitzen
gute bauphysikalische Eigenschaften:
Ihre Wärmeleitfähigkeit, Feuchte- und
Schallschutz stehen den konventionellen

Dämmstoffen nicht nach. Ein weiteres
Kriterium für Nachhaltigkeit ist der Lebenszyklus eines Stoffes: Wie umweltbelastend ist seine Produktion? Wie langlebig ist ein Dämmstoff? Und: Ist er recycelbar? Bewertet man Dämmmaterialien
nach diesen Kriterien, dann stellen die
naturnahen häufig die bessere Alternative dar. Doch: „Sogar viele Energieberater
und Fachhandwerker raten schnell zu
Styropor, ohne überhaupt Empfehlungen
für alternative Dämmstoffe auszusprechen“, weiß Müller-Kraenner.

Die Wende ist unverzichtbar
Um die Klimaschutzziele zu erreichen,
muss Deutschland das immense CO2Einsparpotential im Gebäudebestand
ausschöpfen. 40 Prozent des gesamtdeutschen Energieverbrauchs entfallen
auf die Hauswärme, also das Beheizen
der Räume und die Warmwasser-Bereitung. Doch ein Großteil dieser Energie,
etwa zwei Drittel, entweicht bei einem
ungedämmten Gebäude ungenutzt über
Keller, Außenwände und Dach. Auf der
Heizkostenabrechnung schlägt sich das
nieder.

Von der Bundesregierung fordert die
DUH gesetzliche Regelungen, die zusätzlich den Nachhaltigkeitsaspekt
stärken, beispielsweise über günstige
KfW-Förderung für umweltverträgliche
Dämmstoffe. Müller-Kraenner betont:
„Das Ziel müssen hochwertige Gebäude
sein – hochwertig im Sinne von energieeffizient, nachhaltig und gesundheitlich
unbedenklich.“ (es, jk)
n

Breites Bündnis
für Energieeffizienz
n			Vertreter der Umwelt-, Verbraucher- und Wirtschaftsverbände im
Bündnis Effizienzwende forderten
bei einem Treffen im Oktober die
Bundesregierung auf, Effizienzpolitik als Querschnittaufgabe zu
begreifen und mit ambitionierten
Zielen zu verfolgen. Unter den
Bündnispartnern sind der Deutsche
Gewerkschaftsbund, Mieterbund
n
und die DUH.

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welt 4/2015

Die DUH will
die Vorteile von
Naturdämmstoffen
bekannter machen.
Schafwolle
bringt gute
Eigenschaften mit.

MAGAZIN

Nach 15 Minuten ausgebechert
„Coffee to go“ gibt es inzwischen fast überall. Doch die Einwegbecher
für Kaffee und Tee sind zu einem großen Problem für unsere Umwelt
geworden. Dabei gibt es längst eine gute Alternative.

I

m Jahr 2014 trank jeder Deutsche im
Durchschnitt 162 Liter Kaffee. Der
Pro-Kopf-Konsum des Wachmachers ist
bei uns höher als in Italien. Nur sechs
andere Länder verbrauchen mehr. Der
Trend zum mobilen Kaffeegenuss ist seit
Mitte der 90er Jahre bei uns auf dem
Vormarsch. 56 Prozent der Deutschen
gaben bei einer Umfrage an, gelegentlich zum Coffee to go-Becher zu greifen.
14 Prozent bestellen ihren Kaffee sogar
häufig zum Mitnehmen.

Durch die Nutzung eines MehrwegBechers kann jeder Deutsche pro Jahr
34 Coffee to go-Becher einsparen.

Die Pappbecher gibt es kostenlos im
Café, an Tankstellen, in Bäckereien und
am Kiosk. Sie sind ein Produkt aus Amerika, das mit dem Trend zum mobilen
Leben nach Europa schwappte und in
den 90er Jahren in Fernsehserien als neuer „Lifestyle“ etabliert wurde. Tatsache

ist aber, dass Coffee to go-Becher Wegwerfprodukte sind, die durchschnittlich
nur 15 Minuten im Einsatz sind, bevor
sie in der Mülltonne landen. Pro Stunde
wandern 320.000 Becher in Deutschland
über die Ladentheken. Das macht im Jahr
fast drei Milliarden Stück. Würde man sie
aufeinander stellen, könnte man damit
sieben Mal die Erde umrunden.
Die kleinen Pappbecher für Cappuccino, Latte Macchiato und Tee sind echte
Ressourcenschlucker. Ihre Herstellung
verschlingt zehntausende Tonnen Holz
und Kunststoff sowie Milliarden Liter
Wasser. Ein Standard-Einwegbecher besteht etwa zu fünf Prozent aus dem Kunststoff Polyethylen. Das heißt: Für die Produktion braucht man Rohöl. Bei jährlich
2,7 Milliarden Bechern in Deutschland
sind das rund 22.000 Tonnen des fossilen
Rohstoffes. Mit der Energie, die benötigt
wird, um Deutschlands Jahresverbrauch
an Einwegbechern zu produzieren, ließe
sich eine ganze Kleinstadt versorgen.

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Im Internet können Sie
unseren Kampagnenbecher
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www.heldenbecher.de

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Montage DUH: fotolia (alphaspirit/opallo.de/lassedesignen)/Krautz/DUH

n	ABFALLVERMEIDUNG

überdenken und ändern. Und das fängt
schon beim morgendlichen Wachmacher
an, den viele inzwischen lieber auf dem
Weg zur Arbeit als zu Hause genießen.
Der einfachste Weg zur Vermeidung
dieses Umweltproblems ist natürlich der
Kaffeegenuss aus der guten alten Porzellantasse am eigenen Frühstückstisch.
Und wer seinen Kaffee unterwegs trinken möchte, der kann das auch ohne
Wegwerfbecher tun. Die Lösung sind
wiederverwendbare Kaffeebecher, die
es inzwischen in vielen verschiedenen
Farben, Größen und Materialien gibt. Einige Kaffeehausketten und Cafés bieten
sogar Rabatte, wenn der eigene Becher
mitgebracht wird. Tatsache ist: Setzt hierzulande ein typischer Kaffeetrinker auf
Mehrweg, so kann er pro Jahr 34 Coffee
to go-Becher einsparen. (dh)
n

www.becherheld.de
www.facebook.com/becherheld

Die Deutsche Umwelthilfe hat im
September 2015 die Kampagne
„Becherheld – Mehrweg to go“
zur Vermeidung von Coffee to goBechern gestartet.
www.becherheld.de
www.facebook.com/becherheld
Förderer:

Wie kaum ein anderes Produkt stehen
Coffee to go-Becher für die moderne
Wegwerfgesellschaft. Weil wir schon
jetzt mehr Rohstoffe verbrauchen, als
unser Planet zur Verfügung stellt, müssen wir unsere Konsumgewohnheiten

welt 4/2015

23

MAGAZIN

n	KOMMUNALE ENERGIEWENDE

Modellkommune

Schenefelds
Verwaltung wird grüner
Dank ausgeklügelter IT-Konzepte kann jede Stadt in ihrer Verwaltung
Energie und Ressourcen sparen. Die DUH und acht Kommunen spüren
gemeinsam Optimierungspotentiale auf.

Acht Kommunen werden
zum Modell für Green IT
Das Projektteam der DUH reiste an
anGreenschließend gleich weiter zum Green
ITown-Modellprojekt im Flecken Steyer
Steyerberg in Niedersachsen. 2015 begannen
zudem Hohen Neuendorf (Brandenburg)
und Dierdorf (Rheinland-Pfalz) die Optimierung ihrer IT-Infrastruktur. 2016 werden vier Kommunen folgen. (sh)
n
Förderer:

W

ählt man 040, dann telefoniert
man nicht immer mit Hamburg.
Auch die Schenefelder sind unter dieser
Vorwahl zu erreichen. Die schleswigholsteinische, 19.000 Einwohner zählende Kleinstadt strahlt Ruhe aus, ganz
im Gegensatz zur angrenzenden Hafenmetropole.
Schenefeld legt Wert darauf, zu den
Vorreitern im kommunalen Klimaschutz
zu zählen. So werden die Straßen mit moderner LED-Technik beleuchtet. Auch die
Computer, Server und Drucker der Stadtverwaltung sollen künftig weniger Strom
und Ressourcen verbrauchen. Deshalb
haben sich Bürgermeisterin Christiane Küchenhof und ihre Mitarbeiter als GreenITown-Modellkommune beworben. Groß
war die Freude, als die DUH im Sommer
antwortete: „Schenefeld ist dabei!“
Zunächst muss ein Überblick
über die bestehenden Systeme
geschaffen werden. Anhand
einer von der DUH entwickelten Checkliste erfassten
die Mitarbeiter der Stadtverwaltung deshalb die Ausgangssituation.
Eine echte Herausforderung, denn wie
viele kleine Städte und Gemeinden hat
Schenefeld seine Hardware bislang nach
Bedarf beschafft, jedoch ohne langfristige Strategie. So gleicht kaum ein Rechner oder Drucker dem anderen. „Eine
solch heterogene Struktur ist unglaublich schwierig zu verwalten und alles
andere als effizient“, weiß auch Reiner
Folgmann, der für die städtische IT zuständig ist.
Neben den Mitarbeitern der Kommune und den Experten der DUH bringt Alexander Stech als Berater für energie- und
ressourceneffiziente IT sein Know How
ein. Er wird die Schenefelder begleiten.
Am 4. November fiel in Schenefeld
der Startschuss für das Projekt – die Beteiligten lernten einander und die Gemeinde kennen. Denn vor Ort stellt sich

24

welt 4/2015

Manches ganz anders dar als auf dem
Papier: So befindet sich das Rechenzentrum im fünften Stock des Rathauses, wo
die Kühlung an Sonnentagen zusätzliche
Energie verbraucht.

Simon Mößinger, Reiner Folgmann, Christiane Küchenhof, Steffen Holzmann
und Alexander Stech starten gemeinsam GreenITown in Schenefeld (v.l.n.r. ).

n	KREISLAUFWIRTSCHAFT

Chance auf Abfallvermeidung verpasst

„D

as ist ein Geschenk an die
Elektronikbranche, die keine
Wiederverwendung, sondern allenfalls
Recycling will“, sagt Thomas Fischer.
Der Leiter Kreislaufwirtschaft bei der
DUH kritisiert das im Oktober neu aufgelegte Elektro-Gesetz scharf. Auch die
Rücknahme von Elektroschrott sei nicht
verbraucherfreundlich geregelt. „In den
allermeisten Läden werden Kunden mit
ihren alten Geräten weiterhin nach Hause geschickt. Denn die Rücknahmepflicht
gilt nur für Händler, die auf mindestens
400 Quadratmetern Verkaufsfläche Elektrogeräte anbieten. Discounter wie Lidl
und Aldi, die häufig Elektrogeräte als

Aktionsware verkaufen, sind komplett
ausgenommen.“
Fischer vermisst Regelungen zur
Langlebigkeit und damit zur Vermeidung von Abfall, etwa dank eines einfachen Austauschs von Akkus durch den
Verbraucher. Auch den Aufbau eines
Second Hand-Marktes durch geprüfte
Reparaturbetriebe fördert das Gesetz
nicht.
„Die Sammelmengen für Elektroaltgeräte werden nur gering steigen“,
befürchtet Fischer. Aktuell werden nur
40 Prozent erfasst; der Rest landet im
Haushaltsmüll oder wird illegal ins Ausland exportiert. (jk)
n

MAGAZIN
vier Boran-Bullen angeschafft. Kreuzt
man diese Rasse in Zebu-Rinder ein, erhält man kräftigere Tiere. Sie vereinen die
positiven Eigenschaften der genügsamen
Zebus mit einem höheren Milch- und
Fleischertrag. Ziel des Zuchtprogramms
ist es, die Ernährungssituation der Massai
nachhaltig zu verbessern und gleichzeitig
mehr Erlös beim Verkauf der Tiere zu
erzielen. „Wir hoffen, dass die Menschen
sich dann besser versorgen können, und
ein von Löwen gerissenes Rind finanziell
besser verkraften“, sagt Trump. Damit will
der GNF auch Vergeltungsaktionen vorbeugen. Denn nach Angriffen auf ihr Vieh
töten die Massai häufig gezielt Löwen.

n	ENTWICKLUNGSZUSAMMENARBEIT

Leben und leben lassen
Können Wildtiere und Menschen friedlich zusammenleben?
Im Norden Tansanias kämpfen die Wildhüter an zwei Fronten.
Jacob spürt gemeinsam mit
zwei Kollegen Löwen nach,
die ein Nachbar am Vortag
beobachtet hat. Der junge Massai arbeitet
auf der gut 17.000 Hektar großen Manyara-Ranch im Norden Tansanias. Offene
Savanne herrscht hier vor, unterbrochen
von lichten Akazienwäldchen – im Westen liegt der Manyara See und etwa 200
Kilometer im Nordwesten der berühmte
Serengeti Nationalpark.

Rinder sind wertvoll
„Jacob ist einer von vierzehn Game
Scouts auf der Ranch“, erzählt Katharina Trump, Projektmanagerin beim GNF.
Game Scout ist schwierig zu übersetzen;
die Funktion ähnelt der eines Wildhüters.
„Die African Wildlife Foundation hat die
Game Scouts ausgebildet. Sie sind Konfliktmanager, die Wildtiere vor Menschen
schützen und umgekehrt“, erklärt Trump.
Die Scouts warnen beispielsweise Viehhirten, wenn Löwen in der Nähe gesehen
wurden, um Konflikte mit weidenden
Zebu-Herden zu vermeiden. Denn immer wieder reißen Löwen Vieh. „Hier
hat eine Familie im Durchschnitt hundert
Rinder – das ist meist ihr einziges Vermögen. Deshalb ist jedes Tier sehr kostbar.
Die Menschen haben neben dem Verkauf

von Vieh kaum eine andere Gelegenheit,
Geld zu verdienen“, berichtet Trump.
Jacob hört sich oft die Sorgen seiner
Nachbarn an. Gleichzeitig muss er vermitteln, wie wichtig die Wildtiere für Tansania sind. Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe
und Leopard – die ‚Big Five‘ ziehen Touristen an, die viel Geld ins Land bringen.
„Löwen spielen aber auch eine wichtige
Rolle in unserer Natur. Sie fressen kranke
Tiere und begrenzen die Anzahl von grasenden Zebras und Antilopen. Sonst wird
die Savanne überweidet“, erklärt Jacob.

Ein Projekt für Mensch und Tier
Gemeinsam mit der African Wildlife
Foundation (AWF) entwickelt der GNF
Lösungen für die Mensch-Wildtier-Konflikte. Auf der Manyara-Ranch haben die
beiden Organisationen ein Rinderzuchtprogramm gestartet. 2015 wurden bereits

Auf der Ranch sind Wildhüter im Einsatz.

Rinder bilden die Lebensgrundlage der
Massai-Gemeinde.

Die afrikanischen Löwenpopulationen
sind nach Aussage der Weltnaturschutzorganisation IUCN in den vergangenen
zwanzig Jahren um vierzig Prozent zurückgegangen. Jagd auf Löwen ist einer
der beiden Hauptgründe. Außerdem
entzieht die zunehmende Wilderei den
Löwen ihre natürliche Nahrungsgrundlage. Jacob hat vor wenigen Tagen in
der Savanne nach Schlingfallen gesucht.
Immer wieder werden solche Drahtfallen
illegal ausgelegt, um Impalas und andere
Antilopen zu fangen. Jacob kennt die
Not der Massai und das damit verbundene Dilemma. „Wer arm ist, kann mit
Buschfleisch etwas Geld verdienen. Die
gewilderten Tiere fehlen aber den Löwen als Beute. Deshalb fallen die Löwen
vermehrt das Vieh der Massai an. Das ist
ein Teufelskreis, den wir durchbrechen
wollen.“ (ug)
n
Förderer:
Stiftung Ursula Merz

welt 4/2015

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Blick über den Tellerrand
Für ein Austauschprogramm der Stiftung Asienhaus hat Dorothee Saar, Leiterin des DUH-Bereichs Verkehr &
Luftreinhaltung, die Koffer gepackt. Sie ist für drei Wochen in die Hafenstadt Tianjin in China gereist.

D

ie Zwölf-Millionen-Metropole
Tianjin erlangte weltweit traurige
Bekanntheit, als am 12. August 2015 in
einem Container-Lager hochgefährliche
Chemikalien explodierten und 173 Menschen ums Leben kamen. Dorothee Saar
schildert ihre Eindrücke: „Am Ort der Explosion zu stehen, war sehr bedrückend.
Die zerstörten Häuser waren noch unverändert. Erschreckend, dass in der Nähe
von diesen hochexplosiven Stoffen noch
immer so viele Menschen wohnen. Dafür
möchte man nicht verantwortlich sein.“
Während ihres Aufenthaltes hat
Saar sich mit Mitarbeitern chinesischer
Umweltverbände über ihre Arbeit ausgetauscht. „Die Leute waren sehr interessiert an unseren Methoden“, berichtet
sie und betont: „Beide Länder können
viel voneinander lernen.“ Die Chinesen
seien schneller und kreativer, wenn es
darum geht, soziale Medien für ihre Zwecke zu nutzen. Auch mit den Hochgeschwindigkeitszügen sei die Volksrepublik
Deutschland einen Schritt voraus, findet

Trübe Tage
in Tianjin.
Durchatmen
fällt schwer.

sie. Ob sich hierzulande allerdings die erforderliche Infrastruktur für diese Technik
so einfach errichten ließe, sei eine andere Frage. Gespräche haben ihr bestätigt,
welch günstige Bedingungen Organisationen wie die DUH in Europa vorfinden,
beispielsweise den Zugang zu freien Medien oder den unmittelbaren Kontakt mit

politischen Entscheidungsträgern. Auch
die finanzielle Situation sei glücklicher:
„Von einem NGO Job eine Familie zu
ernähren, ist in China nahezu unmöglich.“
– Bei ihrer Ankunft war die Atemluft klar
und der Himmel blau. „Dann wurde es
von Tag zu Tag trüber und ekliger.“ Der
Grund: Im weiten Umfeld Pekings waren

n	HAND IN HAND-FONDS

Ein neues Dach über dem Kopf

M

ühsam ist der Alltag in Kodaikanal. Die Stadt liegt in den Palani Hills im Süden Indiens. Nur zwei
Regenzeiten kennt man hier. Bringt der
Sommermonsun spärliche Niederschläge, dann können die Menschen ihre Wassertanks kaum füllen und müssen monatelang auf den nächsten Regen warten.
Die Gebirgslage auf 2.100 Meter Höhe
macht Transporte beschwerlich und teuer. Viele Einheimische können nicht lesen
und schreiben.
Der deutsche Verein „Medizinische
Hilfe für Palani Hills/Indien e.V.“ pflegt
Kontakt zu einer Krankenstation und zu
Schulen in der Region. Mit Hilfe des
Hand in Hand-Fonds hat der Verein
Klassenzimmer für 700 Schüler saniert.

26

welt 4/2015

mit die Schülerinnen und Schüler nicht
länger in ungeheizten Räumen auf dem
blanken Boden sitzen müssen. Das Projektteam des Vereins will den Rahmen
für einen kontinuierlichen Unterricht
schaffen, damit die Kinder später einen
Beruf erlernen oder sogar studieren können. (jk)
n
Kinder profitieren von besseren
Lernbedingungen.

Reparaturen waren dringend erforderlich, denn Wind und Wetter waren bereits durch undichte Decken und Fenster
gedrungen. Auch Schulmöbel für zwei
Schulen wurden nun angeschafft, da-

Der Hand in Hand-Fonds ist eine gemeinsame
Initiative von Deutscher Umwelthilfe und
Rapunzel Naturkost für eine gerechtere Welt
und lebenswerte Umwelt.

zuvor sämtliche Fabriken und schmutzige
Energieerzeuger stillgelegt worden. Man
wollte die Luft kurzfristig entlasten, denn
eine groß angelegte Militärparade zum
Gedenken an den Waffenstillstand nach
dem Zweiten Weltkrieg sollte in ‚sauberem‘ Rahmen ablaufen.
„In Smog versinkende Städte kennt
man von Fotos. Aber mittendrin zu sein
und den Dreck einzuatmen, war eine
neue Erfahrung“, sagt die LuftreinhalteExpertin. Ihr Fazit: „Im Gegensatz zu den
Menschen in den großen chinesischen
Städten haben wir auch in Stadtnähe
noch Natur, wo wir spazieren gehen und
durchatmen können. Grüne, naturnahe
Flächen sind ein wertvolles Gut!“ Sie
kommt gerne wieder zurück ins Reich der
Mitte, dann aber mit ein paar ChinesischKenntnissen im Gepäck. (akm)
n
Ein Programm der Stiftung Asienhaus
in Kooperation mit CAN Europe/CANGO/
CCAN, unterstützt von der Robert Bosch
Stiftung und Stiftung Mercator hat die
Reise ermöglicht.

Dorothee Saar leitet
den Bereich Verkehr
und Luftreinhaltung
bei der DUH.

Lese-Tipp

Skrupellose Geschäfte mit dem Wasser
n Für die junge deutsche Ingenieurin
Cora Remy wird die Geschäftsreise nach
China zum Albtraum. Kurz nach ihrer
Ankunft entgeht sie nur knapp einem
Anschlag und steckt plötzlich mitten in
einer schmutzigen Korruptionsaffäre.
Doch Cora beschließt, ihren Auftrag zu
erfüllen und über Shanghai nach Tibet
weiterzureisen. Die Fahrt durch das geheimnisvolle, fremde Land führt Cora
nach Qingdao und Lhasa, zum Base
Camp des Mount Everest und an die
Ufer des Brahmaputra. Schritt für Schritt
kommt sie einer gigantischen geplanten
Umweltsünde auf die Spur. Ein Krieg um
das Wasser könnte die ganze Welt ins
Chaos stürzen!
Geschickt knüpft der Autor ein Netz
aus den zentralen Themen, die auch die
umweltpolitische Debatte über die Ressource Wasser bestimmen: Im Himalaya
entspringt die Mehrzahl der großen Ströme Asiens. Der Klimawandel und die
Umweltzerstörung auf dem Dach der
Welt bedrohen damit die Trinkwasserversorgung für fast die halbe Menschheit.
Der Autor dieses spannenden Öko-

DUHmarkt
DUH Umweltschutz-Service GmbH | Fritz-Reichle-Ring 4 | 78315 Radolfzell

Krimis, Manuel Vermeer, bereist seit
über 30 Jahren asiatische Länder. Nach
zahlreichen Sachbüchern ist dies sein
erster Thriller. Vermeer behält darin sein
eigentliches Anliegen stets im Auge. Er
erklärt auf unterhaltsame Weise, wie
der Kampf um knappe Ressourcen und
Umweltprobleme in einem vermeintlich
fernen Land auch uns betrifft. (smk) n
Manuel Vermeer: Mit dem Wasser
kommt der Tod, KBV Verlag 2015
ISBN: 978-3-95441-264-8 | 400 Seiten.
11,90 Euro

DUH-Geschäftsführer Sascha Müller-Kraenner
legt auch einen Krimi auf den Gabentisch.
Hier stellt er den spannenden Stoff vor.

Das Prinzip Apfelbaum.
11 Persönlichkeiten zur Frage „Was bleibt?“

DUH INTERN

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welt 4/2015

27

Unbekannte Tierart

Die Krickente hält sich
zur Nahrungssuche meist in
flachen Gewässern auf.

Rasanter
Senkrechtstarter
Die Krickente gilt als geschickte und schnelle Fliegerin.
Sie lebt meist versteckt, was ihre Beobachtung schwer
macht. Entdeckt man sie doch einmal, ist der Erpel an seinem Prachtkleid leicht zu erkennen.
n von Melanie Fessler

„K

ri-kük“ – ihren Namen hat die Krickente dem markanten Balzruf des Männchens zu verdanken. Die Erpel
kündigen ihren Artgenossen damit auch drohende
Gefahren an. Der Laut der Weibchen ist dagegen weitaus heller
und wird oft als quakend beschrieben. Mit 40 Zentimetern Länge
ist die Krickente nur etwa taubengroß; sie ist unsere kleinste
heimische Ente. Als wendige Fliegerin schafft sie einen fast senkrechten Start aus dem Wasser – Anlauf braucht sie dafür keinen.
Diese Schwimmente lebt sehr versteckt, weswegen es Vogelkundlern schwerfällt, den genauen Bestand zu beziffern. Für

28

welt 4/2015

Europa rechnet man mit ungefähr 1,2 Millionen Brutpaaren,
davon verteilen sich auf Deutschland etwa 3.700 bis 5.800.
Nordische Krickenten verbringen die kalte Jahreszeit im
Süden und Westen Europas, auch in Deutschland werden sie als
Überwinterungsgäste zum Beispiel am Bodensee oder an den
Ufern der Donau beobachtet. Die in Deutschland beheimateten
Krickenten fliegen im Winter in den Mittelmeerraum. Die Vögel
ziehen meist über Nacht, wobei sie bis zu 400 Kilometer in
einer Nacht zurücklegen können.

Unbekannte Tierart

Gut verstecktes Nest

Steckbrief:

Schon im Winterquartier finden sich die Brutpaare zusammen. Die Balz beginnt im Oktober und erreicht im März ihren
Höhepunkt. Um das Weibchen zu beeindrucken, spritzt der
Erpel Wasser in die Luft, schüttelt seinen Schnabel und putzt
sein Gefieder, wobei er charakteristische Grunz- und Pfeiflaute
ausstößt. Nach der Paarung fliegen die frisch Vermählten in das
Brutgebiet. Für eine Brutsaison leben die Vögel monogam, im
nächsten Jahr findet sich ein neues Paar zusammen.
Die Krickente nistet an flachen Gewässern im Binnenland,
wo ihr die Uferbereiche ausreichende Tarnung für ihr Nest
geben. Auch an Heide- und Moorseen oder an Gräben mit viel
Schilf wurden schon Bruten beobachtet.

Krickente (Anas crecca)

Schnell selbständig

Weibchen und Männchen unterscheiden sich in ihrem Aussehen.

Das Weibchen bebrütet in der weich gepolsterten Mulde acht
bis elf cremefarbene bis bräunlich grüne Eier. Da die Krickentenmutter allein brütet, deckt sie das Nest sorgsam ab, bevor
sie es verlässt.

am weiß grau gestrichelten Gefieder zu erkennen. Ein grüner

Verwandtschaft:
Die Krickente gehört
zur Familie der Entenvögel.

Verbreitung:
Krickenten sind beinahe auf der ganzen Nordhalbkugel zu finden. In Mitteleuropa nimmt die Besiedlungsdichte nach Süden
hin ab. Ihr südliches Verbreitungsgebiet reicht bis an die Alpen
und den Kaukasus.

Aussehen:
Das Männchen ist im Prachtkleid am dunkelbraunen Kopf und
Streifen zieht sich von den Augen über den gesamten Kopf. Über
und unter dem Auge verläuft ein weißer Begrenzungsstreifen.
Das Weibchen ist unauffälliger anzusehen, sein Gefieder ist
braunschwarz mit weißen Flecken. Der Flügelspiegel ist bei beiden Geschlechtern leuchtend grün gefärbt. Nach der Mauser im
Juni ähnelt das Männchen im Schlichtkleid dem Weibchen.

Nahrung:
Die Krickente ist wenig wählerisch. Sie ernährt sich von Wasserpflanzen und wirbellosen Tieren. Im Frühjahr und Sommer
überwiegt die proteinreiche Ernährung, im Herbst bestimmen
Pflanzensamen den Speiseplan. Zur Nahrungssuche durchkämmt
sie seichtes Wasser, gründelt im Uferschlamm oder sucht an Land
nach Körnern.

Verhalten:
Die Krickente ist tag- und nachtaktiv. Tagsüber verbirgt sie sich
meistens im Schutz der Ufervegetation, nachts sucht sie offene
Wasserflächen auf. Außerhalb der Brutsaison gilt die Krickente als
sehr sozial.
Krickenten sind wendige Flieger. Im Schwarm führen sie
kunstvolle Flugübungen durch.

Gefährdung und Schutz:
In Deutschland gilt die Krickente als gefährdeter Brutvogel. Sie
gehört nach dem Bundesnaturschutzgesetz zu den besonders

Die Jungen schlüpfen nach rund drei Wochen. Junge Krickenten sind Nestflüchter, bis zur Flugfähigkeit nach sechs Wochen
bleiben sie aber bei der Mutter. Die Jungtiere fressen von Anfang
an selbst. Wie bei den Altvögeln besteht ihre Nahrung vor allem
aus Pflanzenteilen, Würmern, Larven und kleinen Krebsen.
Im Winter ruht die Krickente meist am Tag und wird in der
Nacht aktiv. Wegen ihres kurzen Halses bevorzugt sie flaches
Wasser. Die Krickente ist auf schwankenden Wasserstand angewiesen. Die dabei entstehenden Schlammflächen durchkämmt
sie mit ihrem Schnabel auf der Suche nach Leckerbissen.
Wo Gewässer trocken gelegt wurden oder Überschwemmungen aufgrund von Hochwasserregulierung fehlen, ist der
Bestand der Krickente gefährdet. Gezielte Überschwemmungen
und Erhalt und Schutz von Mooren und Tümpeln sind deshalb
wichtige Schutzmaßnahmen. Da Krickenten außerhalb der
Brutsaison gesellig und in großen Trupps leben, sind sie wenig
anfällig für natürliche Feinde wie Wanderfalken, Füchse und
Waschbären.
n

geschützten Arten. Der Erhalt ihres Lebensraums und der Schutz
ungestörter Brut- und Rastgebiete zählen zu den wichtigsten
Maßnahmen zur Erhaltung der Art.

welt 4/2015

29

Menschen für Natur

Kunst für die Umwelt
Birgit Schweiger nimmt in ihren Kunstwerken die erneuerbaren Energiequellen ins Visier und verarbeitet sie
zu farbgewaltigen Szenen. Bis Ende April 2016 sind die Bilder in den Räumen der DUH in Berlin zu sehen und zu
erwerben. Jedes dort verkaufte Bild unterstützt die Arbeit der DUH.

„M

ein Vater hatte schon 1975
die erste österreichische
drehbare Solaranlage bei uns
im Garten gebaut. Ein hässliches Teil,
aber trotzdem immer ein Teil des Elternhauses und der Energie darin“, so erklärt
Birgit Schweiger bei der Vernissage ihre
Verbindung zur Energiewende. Auch die
Windparks St. Pölten haben die Künstlerin
beeindruckt. „Jeder kennt diese Giganten
und die Meinungen über Windräder in
der Landschaft sind ja ziemlich geteilt.
Mich haben sie immer schon fasziniert.
Diese Kraft, diese Bewegung – mal träge, mal beinahe hektisch. Gefährlich für
mich, da ich beim Autofahren abgelenkt
bin“, wie sie augenzwinkernd gesteht.
In ihrem Werkzyklus „Yenergy“ – Youth
and Energy – setzt sie alternative Energiequellen farbgewaltig und kontrastreich in
Szene: Windräder, Solaranlagen, Wasserkraftanlagen und Gezeitenkraftwerke, ein
Rapsfeld. Ästhetisch, trotz Widrigkeiten
– eine Herausforderung der EnergieWendeKunst!
Entstanden sind großformatige Landschaften mit viel Licht und Farben, in
die menschliche Akteure harmonisch
eingebettet sind. Wo sie in Bewegung
sind, wirken sie jung, kraftvoll, verspielt.
Wo sie innehalten, sind sie entspannt,
nachdenklich, friedfertig. Der Betrachter

30

welt 4/2015

Konzerten hat Birgit Schweiger Besucher
beobachtet und diese Schnappschüsse
malerisch kombiniert.
Die Botschaft der Künstlerin spricht
mehr an als nur den Verstand. Es gilt,
Farbe zu bekennen für Klimaschutz und
Nachhaltigkeit. Das passt zur DUH, die
sich stark macht für intelligente Energienutzung und -erzeugung. Vielleicht passt
das auch an Ihre Wand? Alle Bilder können während der Bürozeiten besichtigt
und käuflich erworben werden. (ab) n
Deutsche Umwelthilfe, Hackescher
Markt 4, 10178 Berlin
Claudia Tauer, Tel. 030 2400867-641

Die Vernissage brachte Gäste und
Mitarbeiter der DUH ins Gespräch.
Interessante Erläuterungen gab es
von der Künstlerin Birgit Schweiger (re.)
und DUH-Bundesgeschäftsführer
Sascha Müller-Kraenner.

schaut ihnen bei ganz alltäglichen Beschäftigungen über die Schulter und erst
auf den zweiten Blick offenbart sich, was
die scheinbar harmlosen Gesten ausstrahlen: Naivität im Umgang mit Energie
und Material, Langeweile und Ich-Bezogenheit – just for fun! Auf Festivals und

Weitere Informationen sowie den
Katalog zur Ausstellung finden Sie hier:

BIRGIT SCHWEIGER
Yenergy
29. Oktober 2015 – 31. April 2016

Spendenkonto Deutsche Umwelthilfe e.V.: Bank für Sozialwirtschaft Köln | IBAN: DE45 3702 0500 0008 1900 02 | BIC: BFSWDE33XXX

Menschen für Natur

Mit dem Erbe die Zukunft gestalten
Vermächtnisse helfen, das Engagement der DUH zu stärken. In einem Gastbeitrag gibt Michael Progl vom Institut
für Erbrecht Tipps und Anregungen. Dem Institut gehören Erbrechtsexperten aus allen Regionen Deutschlands an.

D

as Gesetz gibt einem jeden von
uns die Möglichkeit, über den
eigenen Tod hinaus gestaltend
zu wirken. Leider wird dieses Angebot
des Gesetzgebers, nämlich ein Testament zu errichten, welches verbindlich
festlegt, was mit dem eigenen Vermögen nach dem Tode geschehen soll, auch
heute noch viel zu wenig genutzt. Dabei
sind die Grundregeln sehr einfach: Ein
Testament kann bereits dadurch errichtet werden, dass man es komplett handschriftlich niederlegt und unterschreibt.

zahlen grundsätzlich keine Erbschaftsteuer, wenn sie erbrechtlich bedacht werden.
Ist das nicht ein besonderer Grund, ein
Vermächtnis auszusetzen? So kann man
auch mit dem eigenen Erbe noch Gutes
tun und weiter in die Zukunft wirken. n	

Dr. Michael Progl gibt
Tipps und Anregungen.

Geschenke klug verteilen
Hierbei sollte man folgende Grundregeln
beachten: Es sollte möglichst nur eine
Person bestimmt werden, die erbt, um
Erbengemeinschaften und damit Streit
zu vermeiden.
Sofern man sein Vermögen auf mehrere Schultern verteilen möchte, sollte die zum Erben berufene Person mit
Vermächtnissen belastet werden. Das
sind Anweisungen, die genau festlegen,
welche Vermögensteile von ihr aus dem
Nachlass an andere Personen oder Institutionen zu verteilen sind. Sofern der
Testierende hierbei sicherstellen möchte,
dass sein Wille später auch ganz exakt
umgesetzt wird, empfiehlt es sich, hierfür
eine neutrale Person als Testamentsvollstrecker zu bestimmen.

Kosten sparen
Selbstverständlich gibt es Fälle, bei denen
das lebzeitig erworbene Vermögen differenzierter ausgestaltet wurde und vieles
hierbei zu bedenken ist. Dann empfiehlt
es sich, einen Fachanwalt für Erbrecht als
Berater hinzu zu ziehen und mit diesem
die eigenen Wunschvorstellungen ausführlich zu besprechen. So kann sichergestellt werden, dass die spätere Erbfolge in
optimierter Weise geregelt ist. Die Hinzuziehung eines Beraters hilft in Einzelfällen
sogar, erbfallbedingte Kosten zu reduzieren, zum Beispiel durch bestimmte Gestaltungen, die beim Erbfall entstehende
Erbschaftsteuer zu minimieren.
Übrigens gilt: Gemeinnützige Einrichtungen wie die Deutsche Umwelthilfe

Weiter wirken
Die Lebensqualität künftiger Generationen zu garantieren und Schätze
der Natur zu erhalten, dafür setzt
sich die DUH seit 40 Jahren ein.
Die Broschüre „Lebendige Erinnerung
– Ihr Testament für die Natur“
ist erhältlich bei:
DUH, Annette Bernauer
Tel. 07732 9995-60,
bernauer@duh.de

Deutsches
Zentralinstitut
für soziale
Fragen (DZI)
Ihre Spende
kommt an!

IMPRESSUM
Zeitschrift für Mitglieder und Förderer der Deutschen Umwelthilfe e.V. und des Global Nature Fund
n Herausgeber: Deutsche

Umwelthilfe e.V., Fritz-Reichle-Ring 4, 78315 Radolfzell, Tel.: 07732 9995-0, Fax: -77, info@duh.de, www.duh.de n	V.i.S.d.P.: Jürgen Resch

n	Redaktion: Laura Holzäpfel (lh), Daniel Hufeisen (dh), Jutta Kochendörfer (jk) n	Autoren: Annette Bernauer (ab), Melanie Fessler (mf), Udo Gattenlöhner (ug), Steffen

Holzmann (sh), Patrick Huth (ph), Ann-Kathrin Marggraf (akm), Sascha Müller-Kraenner (smk), Michael Progl, Agnes Sauter (as), Thomas Schaefer (ts), Elisabeth Staudt (es),
Philipp Turri (pt), Doreen Volsdorf (dv) n Gestaltung: Claudia Kunitzsch, Patricia Lütgebüter n Druck: ProWachter GmbH, Bönnigheim n	Anzeigen: Michael Hadamczik; es
gilt die Anzeigenpreisliste 2015 n	Verlag und Vetrieb: DUH Umweltschutz-Service GmbH, Fritz-Reichle-Ring 4, 78315 Radolfzell n	Gedruckt auf 100 % Recycling-Papier
n	Heftpreis: 1,50 Euro
n	Spendenkonto:

Bank für Sozialwirtschaft Köln IBAN: DE45370205000008190002, SWIFT/BIC: BFSWDE33XXX

Deutsche Umwelthilfe und Global Nature Fund werden von zahlreichen Förderern finanziell unterstützt. Die Artikel der DUHwelt
geben nicht in jedem Fall die Meinung der Förderer wieder.
n Bildnachweis: Titel: Libor Šenja/Naturfoto.cz (Fischotter); S. 3: Astrid Busch; S. 4: DUH/Sebastian Pfütze (o), Steffen Holzmann/DUH (m.), Judith Kühn (u); S. 5: Stadtarchiv
Duisburg (o), Jean Kobben/Fotolia.de (m), Lorena Nasi/Fotolia.de (u); S. 6/7: Holger Spiering; S. 8: mihi/Fotolia.de, Nicole Cronauge/Bistum Essen, Annette Bernauer/DUH (v. o.);
S. 9: Foton/Fotolia.de (o), beermedia.de/Fotolia.de (m), Steffen Holzmann/DUH (u); S. 10/11: DUH/Sebastian Pfütze; S. 12: DUH/Sebastian Pfütze, Matt Groening (LIsa), 2014
Twentieth Century Fox Film Corporation (Matt Groening), Axel Warnstedt (Inga Sieg); S. 13: Astrid Halder (BR) (o), Sebastian Pfütze/DUH, ; S. 14: Maximilian Geiß/DUH; PRILL
Mediendesign/Fotolia.de (HG); S. 15: Steffen Holzmann/DUH; S. 16: Judith Kühn S. 17: Judith Kühn (o), Otto Hahn/hahn-film.de (2 x m), Stadtarchiv Duisburg (u); S. 18: Flussbüro Erfurt/Stephan Gunkel (o), Eric Isselée/Fotolia.de (m), Jörg Mazur (u); S. 19: GNF; S. 20: Ines Wittig (o.l.), Tjark Meents (u.l.), GNF-Archiv (r.o., r.u,); S. 21: flashpics (o), focus
finder(l)/beide Fotolia.de; S, 22: windu, mirpic, Maik Dörfler, Gina Sanders (o., v.o.), heebyi (u)/alle Fotolia.de; S. 23: DUH; S. 24: ferkelraggae/Fotolia.de (o), DUH (m), markrubens
(u); S. 25: AWF; S. 26: Dorothee Saar (o), Medizinische Hilfe für Palani Hills, Indien e.V. (u); S. 27: DUH (l), Laura Holzäpfel/DUH (r); S. 28: Erni (o), petergyure (m)/beide Fotolia.de;
S. 29: marcobarone (o), Erni (m), avs_It (u)/alle Fotolia.de; S. 30: Laura Holzäpfel/DUH (o.l., m), Birgit Schweiger (o.r.); S. 31: privat (m), Igor Yaruta/Fotolia.de
welt(r)4/2015 31

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Jeder Mensch hat eine Gabe und wir sollten sie nutzen,

da, wo wir sind. Damit wir am Ende sagen können:

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Ich segne das Zeitliche – und das ist gut so.

Fotos: © bettinaflitner.de/Initiative „Mein Erbe tut Gutes.“

Margot Käßmann, evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin

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