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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Der Paladin 
*: 
D ie eisigen Sturzseen des 
Skagerraks hatten den 
kleinen Dampfer „Tele- 
marken“ gehörig durchge 
schüttelt. Hier, an der Nordspitze 
Dänemarks, prallten die Fluten der 
Nordsee und der Ostsee wie in er 
bittertem Kampfe aufeinander, und 
der brausende Frühlingssturm jagte 
sie vor sich her und trieb sie empor 
zu mächtigen Wellenbergen, die sich 
schäumend überstürzten. 
Aber der kleine Dampfer hatte 
das Schlimmste hinter sich. Wohl 
hatten die Brechseen einen Teil der 
Reeling am Heck zertrümmert; 
wohl zeugten die Spieren des zer 
brochenen Steuerruders von Sturm 
und Seenot. Aber das Schlingern und 
Rollen wurde allmählich schwächer, 
und nur von Zeit zu Zeit fegte noch 
eine Brechsee über das Vorderdeck. 
Der Rauch des Dampfers, der in. 
einer langen, zerzausten Fahne über 
das Deck glitt, veränderte langsam 
seine Richtung und strich allmählich 
schräg über das Schiff hin. Die 
„Telemarken“ hatte den Kurs nach 
Westen genommen. Ein paar 
kräftige Sturzwellen eilten dem 
Schiff noch nach und hoben es 
empor. Dann glitt der Dampfer in 
das ruhigere Fahrwasser der „Nor 
wegischen Rinne“ ein, die sich 
schützend wie ein Mutterarm um die 
skandinavische Südküste legt. 
Langsam begann das Leben an 
Bord sich wieder zu regen. Die Pas 
sagiere, die vor dem Wüten des 
Sturmes in ihre Kajüten geflüchtet 
waren, kamen zögernd einer nach 
PAUL ROSENHAYN 
dem andern an Deck. Auf den 
bleichen Gesichtem lagen noch alle 
Schrecken einer durchwachten 
Sturmnacht. Die Stewards er 
schienen mit dampfendem Tee. 
Hastig griffen hundert Hände nach 
den dargebotenen Erquickungen. In 
die bleichen Wangen trat das warme 
Rot des Lebens zurück; munterer 
glänzten die Augen. 
Der Kapitän -wies lächelnd nach 
Osten: dort drüben, hinter der 
dunklen Küste von Bohusland, däm 
merte über den zerklüfteten Basalt 
felsen der junge Morgen herauf. 
Einer der Passagiere, der eben die 
steile Treppe emporgeklommen war, 
setzte auf atmend den Fuß auf das 
nasse Deck. Er blickte sich suchend 
um und trat an die Reeling, und 
indem er den Kopf hob, legte er 
grüßend die Hand an die Mütze. 
„Hallo, Mr. Jenkins! Waren ^Sie 
die ganze Zeit über dort oben?“ 
Auf der Kommandobrücke stand 
neben dem Kapitän ein Herr im 
langen Mackintosh. Er ^ nickte 
lachend hinunter und klopfte dem 
Kapitän auf die Schulter. 
„Ja, wir beide haben durchge 
halten. Und Sie, Herr Blomdai?“ Er 
hakte das Tau, das die Kapitäns 
brücke absperrte, zurück und ging 
mit langsamen Schritten die Wendel 
treppe hinunter. 
„Und Sie, Herr Blomdai?“ 
Der andere lächelte ein wenig ver 
legen. 
„Sie haben sich in den Speisesaal 
zurückgezogen, wenn ich recht ver 
mute?“ 
Herr Blomdai machte ein kläg 
liches Gesicht und lächelte schmerz 
lich. 
„In den Speäsesaal? Ich habe mich 
in mein Bett igelegt und mir die 
Decke über den Kopf gezogen.“ 
Der Amerikaner lachte. Herr 
Blomdai hob den Kopf und sah dem 
Detektiv, der ihn fast um Hauptes 
länge überragte, mit komisch-vor 
wurfsvollem Blick in die Augen. 
„Sie haben gut lachen. Das glaube 
ich schon: wenn man auf dem Ozean 
zu Hause ist, wie Sie, Mr. Jenkins, 
dann kann einem das bißchen Ska 
gerrak nicht mehr imponieren!“ 
Der Amerikaner zog a/us der uner 
gründlichen Tasche seines Water 
proofs eine kurze Briarpfeife und 
stopfte sie mit liebevoller Umständ 
lichkeit. 
„Wenn Sie es nicht vertragen 
können, Herr Blomdai“, sagte er 
endlich ruhig, „warum bleiben Sie 
dann nicht hübsch zu Hause auf dem 
festen Erdboden?“ 
Der Gefragte schüttelte ein wenig 
ärgerlich den Kopf. 
„Zu meinem Vergnügen fahre ich 
hier nicht, das weiß Gott. Ich muß 
fahren — verstehen Sie — ich muß 
reisen, weil meine Geschäfte es er 
fordern.“ 
„Haben Sie zufällig ein Zündholz 
bei sieh?“ fragte der Amerikaner 
gleichmütig. Der Norweger knipste 
hastig sein Feuerzeug an und hielt 
dem Detektiv die Flamme vor die 
Shagpfeife. 
(Fortsetzung auf Seite 12.)
        
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