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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Neujahr des Junggesellen Duperrex 
„Und wer bezahlt die Zeitungs 
anzeige?“ erkundigt sich der immer 
sparsam und kleinlich veranlagte 
Henrik. 
Jens erhebt sich. „Laßt mich nur 
alles machen. Und seid übermorgen 
den 31. um 6 Uhr bei mir.“ 
Jens Anzeige fand zuerst nur 
wenig Beachtung. Nicht alle Mal- 
möer lesen das „Götarikebladet“. 
Unter den ständigen Abonnenten 
sind auch wieder nur vereinzelte, 
welche auf die vermischten Anzeigen 
ihr Augenmerk richten. Aber end 
lich fiel es einem jungen Fräulein 
ein, in der Zeitung nach einem 
heiratslustigen Märchenprinzen Aus 
schau zu halten. Und bald nachher 
besprach man die Anzeige in der 
ganzen Stadt. Allerdings nur in be 
stimmten Kreisen. Nur unter 
Freundinnen und nur ganz heimlich. 
Eltern, Tanten und andere un 
sympathische Verwandte erfuhren 
nichts von dieser abenteuerlichen 
Einladung. Am Nachmittag des 31. 
erklärten die Töchter in vielen 
Familien plötzlich, sie wären am 
Silvesterabend bei ihrer Freundin ge 
laden, blieben vielleicht auch etwas 
länger aus. 
Am 31. Dezember ist stets ein 
reger Verkehr auf den Straßen. Die 
Menschen wollen früher daheim sein. 
Fast überall wartet eine gebratene 
Gans oder ein feister Schinken auf 
den Heimkehrenden. Sogar im 
Cafe „Vasa“ ging es heute nach 
mittag lebhaft zu. Der Besitzer 
wunderte sich. Die Tür stand fast 
keinen Augenblick ruhig. Soviel 
Menschen hatte er schon lange nicht 
in seinem Lokal gesehen. Aber 
merkwürdig, lauter Damen saßen 
an den kleinen Tischchen. Hübsche, 
junge Mädchen. Nur vereinzelt 
einige ältere Frauen, die ihre ver 
blühende Schönheit durch recht auf 
fallende Kleidung und übergroße, 
mit Federn geschmückte Hüte zu 
verdecken suchten. Und das 
Sonderbarste war, daß alle diese 
Frauen sich gegenseitig mit den 
bösesten Katzenblicken be 
trachteten. Und alle hielten 
krampfhaft das „Götarikesbladet“ in 
der Hand. Was war denn da los? 
Noch immer kamen neue. Kein Plätz 
chen schien mehr frei. Um eine 
Zeit, da sonst nur der „Adjunkten 
tisch“ am Fenster besetzt war. Und 
gerade dort war heute noch niemand 
erschienen.
        
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