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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Grausamkeit, weil es ihn erzürnte, 
daß sie ihm nicht bereits entgegen 
karr!, sprach er gedehnt: „Herr von 
St. Foix läßt es sich gerne zweimal- 
hunderttausend Livres kosten, Sie 
zur Geliebten zu haben.“ 
Sie wollte ihm ins Wort fallen. 
„Nie!“ schrie sie, „nie! Ich —“ 
Doch Du Barry ließ sie nicht 
reden. Gebieterisch erhob er seine 
Stimme: Sie möge sich ihre Ein 
wände ersparen. An seinem Ent 
schluß sei nichts mehr zu ändern. 
Im übrigen, fügte er hinzu, sei es 
gar nicht seine Absicht, sie etwa 
an St. Foix ganz abzutreten. „Be 
vor noch der Sommer zu 
Ende, werden Sie des 
Herrn Schatzmeisters le 
dig sein und mit mir 
wieder vereint, wenn’s die 
Umstände zulassen.. Da 
für bürge ich Ihnen mit 
meinem Wort.“ 
Er erhob sich nun, als 
hätte er bereits ihre Ein 
willigung und sein Be 
nehmen lehnte jeden 
weiteren Disput mach- 
drücklichst ab. 
„Ich werde St. Foix 
Andeutungen machen, 
das übrige ist Ihre Sache. 
Lassen Sie Ihre bewähr 
ten Verführungskünste 
spielen“, meinte er zum 
Schluß ironisch. 
Frau von Lancon raffte 
sich auf, sie stürzte ihm 
nach und hielt ihn fest. 
Nie, nie — ich tu es 
nicht.“ 
Das klang so echt, so 
weh — Du Barry stand 
still. Aber es ging um 
seinen Hals. Er schüttelte 
sie ab. 
„Keine Komödie, bitte.“ 
Sie stöhnte: „Ich kann 
nicht, Du Barry, quälen 
Sie mich nicht!“ Sie fiel 
vor ihm in die Knie und 
rang die Hände. „Ich 
kann es nicht! . . .“ 
„Das sagt man so.“ Dann hob er 
mit spöttischer Zärtlichkeit ihren 
Kopf hoch: „Von so empfindsamer 
Art bist du? Man hat mir erzählt, 
du wärst in der Zeit, da ich auf Kor 
sika weilte, nicht allzu wählerisch 
gewesen . . Er hielt sie am Kinn 
fest, so daß sie seinem Blick nicht 
ausweiohen konnte. 
Marianne 'sprang auf. „Bin ich 
Ihnen darüber Rechenschaft schul 
dig?“ — Sie schleuderte den Kopf 
zurück mit einer Gebärde, die selbst 
Du Barry bei sich als wunderbaren 
Ausdruck von Selbstbewußtsein 
und Stolz anerkennen mußte. Sie 
blitzte ihn an: „Ja, ich habe mich 
verschenkt und verkauft, ganz wie 
es mir gepaßt hat! Aber gefallen hat 
er mir müssen — jung war er und 
hübsch oder liebenswürdig oder 
witzig — oder sein starker Wille hat 
denfalls hast du mir selbst diesen 
Einfall gegeben, wofür ich dir dank 
bar bin. Aber vorerst will ich doch 
einmal mit St. Foix sprechen, so 
scheint’s nun mir besser! Auf Wie 
dersehen beim Abendessen.“ 
„Du Barry! Nein . . .“ 
Du Barry, die Klinke schon in der 
Hand, drehte sich noch einmal um. 
„Es wäre mir lieb, wenn Sie Ver 
nunft annehmen würden. Könnte 
sein, daß ich Sie sonst mit eigener 
Hand dorthin führe, wohin es mir 
paßt — und diese Hand greift zu, 
das sollten Sie wissen.“ — 
Als die Abendtafel aufgehoben 
wurde, fühlte sich jeder 
erleichtert. Eine peinlich 
unfreie und unsichere 
Stimmung hatte auf allen 
gelastet. Man hatte an 
einander vorbeigespro 
chen, von Dingen, die 
niemandem am Herzen 
lagen. 
Da saß in wortkarger 
Zurückhaltung der be 
sorgte St. Foix, grübelnd, 
was die forciert gute 
Laune Du Barrys zu be 
deuten habe, und Frau 
von Lancon, die sich 
wahrhaftig zwischen Du 
Barry und dem Schatz 
meister nicht sonderlich 
behaglich fühlen könnte. 
Und völlig schweigsam 
verhielt sich der fein- 
spürige Herr von Hu- 
miöres, der geekelt die 
Lügenhaftigkeit dieses 
friedlichen Beisammen 
seins empfand. Einzig am 
Herzog von Brancas fand 
Du Barry 'eine Zeitlang 
einen Partner seiner 
Scherze, bis auch der 
bald verstummte, weil 
ihm die nötige Resonanz 
ringsum fehlte. 
Beim Verlassen des 
Zimmers ließ Frau von 
Lancon gerade vor Hu- 
mieres ihr Taschentuch 
fallen. Als der Baron es ihr zurück- 
reichte, drückte sie ihm ein Papier 
in die Hand. 
Humiöres erschrak. Sein erster 
Blick galt Du Barry, ob der etwas 
gemerkt haben konnte. Du Barry 
aber stand abgewandt am oberen 
Ende des Tisches und sprach mit 
St. Foix und dem Abbe. 
Von Unruhe erfüllt, was Frau von 
Lancon von ihm wollte, trat Hu- 
mieres in ein leeres Nebengemach 
und entfaltete dort vorsichtig den 
Zettel: „Erwarten Sie mich um Mit 
ternacht im Park vor der Statue der 
Diana. Benützen Sie die linke Sei 
tenpforte.“ 
Diese Verständigung war nicht 
danach, Athanasius von Humieres 
zu beruhigen. Was für ein waghalsi 
ges Vorhaben der Frau von Lancon! 
War das, was sie ihm zu sagen 
mich gebeugt . . . Meinen Durst 
hab ich gestillt . . . Aber ich, ich 
selbst habe über mich verfügt, was 
ich getan habe, habe ich aus freien 
Entschlüssen getan“, — sie holte 
Atem und maß ihn vom Scheitel zur 
Sohle — „verkaufen, Du Barry, 
kann man mich nicht!“ 
„Ah — wenn’s also ein anderer 
wäre, ein Liebenswürdiger?“ sagte 
er schnell. Er ging auf Marianne zu, 
die erschöpft in einen Fauteuil ge 
sunken war. „Dann fiel es dir wohl 
leichter, wie? . . .“ 
Etwas wie Eifersucht regte sich in 
ihm: dem Häßlichen gönnte er sie 
eher als dem Begehrenswerten. Aber 
gleich gestand er sieh ein: Eitelkeit, 
gar nicht am Platz. Und einem 
selbstquälerischen Einfall folgend, 
sagte er, wie um sich frei zu machen 
von kleinlichen Gefühlen: „Humie 
res •— fände diese Wahl deine Billi 
gung?“ 
Sie wiederholte ganz leer: „Hu- 
miöres . . 
„Er ist reich, edelmütig - o, sehr 
edelmütig — er liebt dich, er wird 
dich gern aus meinen Klauen be 
freien.“ 
So ungeheuerlioh erschien ihr das 
Ansinnen, sich demjenigen, den sie 
liebte, verschachern zu lassen, daß 
ein wirres Lächeln der Verzweiflung 
über ihr Gesicht flog. 
Doch Du Barry deutete es falsch. 
„Du wärest zufrieden? Nun, viel 
leicht“, meinte er überlegend. „Je-
        
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