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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Grund, mit ihm Abrechnung zu 
halten. Sie suchten ihn . . . Eine 
Stunde später wurde er tot ge 
funden. Sie wären geflohen. Es 
steht sohlecht um Siie, Carr. Sie 
können gehen.“ 
Nun nahm Tatcher sich des Be 
drängten an. Er war die ganze Zeit 
über mit finsterem Gesicht herum 
gegangen; fühlte er sich doch als 
der moralisch Schuldige an der Tra 
gödie im Hause Mildenhall. Wenn 
hier ein Morid geschehen war, so 
hatte er, Tatcher, ihn auf dem Ge 
wissen; frivole Spielerei hatte 
einen harmlosen Menschen schuldig 
werden lassein. Also durfte kein' 
Mord geschehen sein: es war 
Tatchers Aufgabe, dies zu beweisen. 
Eine Unstimmigkeit hatte sich er 
geben. Sie war unbedeutend, sie 
hing obendrein vielleicht nicht ein 
mal mit der Mordtat zusammen; 
aber sie bestand. Es war nicht mehr 
und nicht weniger, als daß in der 
Standuhr im Herenzimmer der 
Villa Mildenhall ein Gewicht fehlte. 
Es fand sich nicht, trotz allen 
Suchens. Am Mordtage war es 
ohne Frage noch vorhanden ge 
wesen. Es fehlte - seit jener ver 
hängnisvollen Stunde, und ein Zu 
sammenhang mit der Tat drängte 
sich immer wieder auf. 
Eine weitere Entdeckung machte 
Tatcher stutzig, obwohl sie an sich 
noch geringfügiger war: auf dem 
Brückengeländer war eine frische 
Schramme. Fast so als ob ein Tau 
oder eine Kette um das Geländer 
herumgewunden worden wäre: ein 
kerbförmiger Einschnitt. 
In einer schlaflosen Nacht kam 
ihm aus der Tiefe seiner Grübeleien 
der Gedanke: der Fluß! Der Fluß 
unter der Brücke mußte die Lösung 
des Rätsels enthalten! 
Am nächsten Morgen untersuchte 
Tatcher die Stelle unter der Brücke. 
Er fand etwas Seltsames: das 
fehlende Uhrgewioht. Es hing an 
einem Tau; das andere Ende des 
Taues bildete ein Revolver, aus dem 
ein Schuß abgegeben war. 
Zwei Stunden später stand Tat 
cher vor dem Inspektor. 
„Begreifen Sie den Zusammen 
hang?“ 
„Nein, Mr. Tatcher.“ 
„M ildenhall hat sich 
selbst erschossen!“ 
„Aber warum?“ 
„Das Warum liegt recht nahe. 
Und ich glaube, daß/Sie es so gut 
kennen wie ich. Die Mildenhall 
werke waren vor dem Zusammen 
bruch. Mildenhall konnte mit der 
Fabrikation der neuen Maschine 
nicht zurecht kommen. Der alte 
Carr war nämlich klüger gewesen 
als Mildenhall erwartet -hatte: zwei 
oder drei entscheidende Faktoren 
fehlten in den Zeichnungen. Das 
ergab ein unausgesetztes Experi 
mentieren — und -ein unausgesetztes 
Fiasko. So vollkommen das äußere 
Bild der fertigen Erfindung — der 
Höchstleistungslokomotive dastand 
— so genau wußte Mildenhall 
im Innern seines Herzens, wieviel 
noch fehlte. In einer schwachen 
Stunde hat er seihst es mir einmal 
gesagt: daß er viel darum gäbe, 
wenn der alte Carr noch lebte, 
wenn sein beratender Verstand ihm 
zur Seite stünde: nur er könne seine 
schlafende Maschine erwecken.“ 
„Hätte der Sohn nicht helfen 
können?“ 
„Ich glaube wohl. Er besaß in der 
Tat die fehlenden Zeichnungen.“ 
Die" Stimme des Inspektors wurde 
schärfer. „Warum haben Sie Mil 
denhall nicht gesagt: dort ist 
Carters Sohn; er hat die Zeich 
nungen, er kann dir helfen?“ 
Ein wenig kleinlaut gab Tatcher 
die Auskunft: 
„Ich beabsichtigte es an jenem 
Abend zu tun.“ 
„Und warum nicht früher?“ 
„Um -die Wahrheit zu sagen: ich 
wollte Mildenhall ein bißchen zap 
peln la-ssen; zur Strafe für sein per 
fides Verhalten gegen den alten 
Carter.“ 
Der Inspektor sah Tatcher ins 
Gesicht. 
„Sie haben ein Menschenleben auf 
dem Gewissen. W-en-n es wirklich 
wahr ist, daß sich Mildenhall umge 
bracht hat — und ich glaube fast, 
daß es so ist — so hätten Sie -den 
Selbstmord verhüten können, wenn 
Sie gesprochen hätten.“ 
„Ich konnte unmöglich ahnen, 
Herr Inspektor, daß Mildenhall, 
mitten aus -der Gesellschaft heraus, 
eine so verzweifelte Tat begehen 
würde.“ 
„Sie sagen, Sie hätten -die Absicht 
gehabt, an jenem Abend zu -spre 
chen. Warum h a h e n Sie nicht ge 
sprochen?“ 
„Weil Mildenhall nicht da war. 
Auch -ich habe ihn in seinem Ar 
beitszimmer gesucht — vergeblich 
gesucht.“ 
„Es mag sein, -daß Sie geglaubt 
haben, nach bestem Wissen zu han 
deln. Immerhin kann ich Ihnen 
nicht verhehlen, Herr Tatcher, daß 
Sie -eine -gefährliche Leidenschaft 
haben. Sie gefallen sich darin, mit 
M-enschiensohioksal-en z-u spielen. 
Dais Gesetz bestraft den Mann, der 
einen andern mit -der Faust nieder- 
schlägit — -aber -es bietet keine 
Handhabe, den zur Verantwortung 
zu ziehen, -der rein gehirnlich Men 
schenleben vernichtet. Ich bedaure 
-dieses Manko, Mr. Tatcher. Sie 
können gehen.“ 
• 
Dieser Inspektor liebte es über 
haupt, den Leuten Reden zu halten. 
Als Jerrol-d Garr am nächsten Mor 
gen vor ihm stand, sprach er: 
„Es ist festgestellt, daß Milden- 
hall Selbstmord verübt hat. Die 
Kugel, mit der er sich erschossen, 
stammt au-s dem gefundenen Revol 
ver. Begreifen Sie, wie der Selbst 
mord vor sieh gegangen ist?“ 
„Um die Wahrheit zu sagen: 
Nein.“ 
„Wir haben den Fall am Tatort 
rekonstruiert: Er -bat -die Schnur mit 
dem Gewicht über -das Geländer ge 
legt und -abgedrückt. Das Gewicht 
zog die Pistole aus der erkaltenden 
Lland in die Tiefe. Damit war die 
Waffe verschwunden. Also Mord.“ 
„Aber warum das alles? Welchen 
Grund konnte Mildenhall haben, 
mich in den Verdacht zu bringen, 
sein Mörder zu sein?“ 
„Hm“, -der Inspektor lächelte ein 
wenig, „können -Sie das wirklich 
nicht ahnen?“ 
„Wirklich nicht.“ 
„Frau Mildenhall hat mir etwas 
eingestanden. Nur Ihnen darf ioh es 
mitteilen, weil es nämlich Sie be 
trifft. Sie hat mir -anvertraut, daß es 
in jener Nacht kur-z vor Mildenhalls 
Tode zu -einer entscheidenden Aus 
einandersetzung zwischen dem Ehe 
paar -gekommen sei. Frau Janice hat 
ihrem Gatten erklärt, sie vermöge 
nicht mehr mit ihm zu leben, weil 
sie durch Zufall erfahren habe, daß 
ihr Gatte ein Betrüger sei; sie wisse, 
daß er Carters Sohn um sein Erbteil, 
die Erfindung, gebracht habe. 
„Mdld-enhall wußte nicht, -daß ich 
Carters Sohn bin.“ 
„Nein. Aber noch etwas anderes 
hat Frau Janice -ihm gesagt: daß sie 
Sie, Jerrold Carr, liebe.“ 
In Carr-s Gesicht -stritten Furcht, 
Zweifel, Hoffnung. Endlich fragte er 
mit zitternder Stimme: 
„Wie hat Mildenhall diese Eröff 
nung aufg-enommen, Herr Inspek 
tor?“ 
„Er hat kein Wort erwidert. Er -ist 
zur Tür hinausg-eigangen und man 
hat ihn nicht mehr gesehen.“ 
* 
Tatcher. dieser Spieler mit Men 
schenleben, begriff seine Pflicht. Er 
übernahm die Mildenhall-Werke. 
Und mit Hilfe seines Direktors 
Jerrold Garr -gelang es ihm, -das 
Werk Carters zu vollenden: die 
schlafende Maschine zum Lehen zu 
erwecken. 
Frau Janice Mildenhall war d-ie 
Erste, -die Carr zu dieser Leistung 
gratulierte. Und es -darf nicht ver 
schwiegen w-erden, -daß die Unter 
haltung zwischen -den beiden als 
bald auf Dinge überging, die mit 
technischen Fragen wenig zu tun 
hatte. 
* 
Da-s ist -die Geschichte der -schla 
fenden Maschine. Sie ist seltsam und 
romantisch genug. Das Seltsamste 
aber habe ich noch nicht berichtet: 
Sie ist wahr.
        
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