Path:

Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

13 
V 
Die schlafende Maschine 
(Fortsetzung von Seite 6.) 
„Das gibt, wenn nicht alles trügt, 
eine Überraschung, auf idie keiner 
von uns gefaßt ist.“ 
Die Gesellschaft saß debattierend, 
mutmaßend, erfüllt von wachsender 
Unruhe, als eine Stunde später die 
Tür aufgerissen wurde und Sam, der 
Diener, bleich und verwirrt auf der 
Schwelle erschien. 
„Wir haben Mr. Mildenhall ge 
funden“ keuchte er. „Er liegt 
tot im Park.“ 
Lichter flammten auf. Die Nacht 
wurde hell. 
Der Tote lag regungslos auf der 
Brücke des Parks. Erschossen. 
„Der Revolver fehlt“, sagte der 
Sheriff, der telephonisch herbeige 
rufen war. „A Iso Mor d.“ 
„Carr! rief jemand. „Wo ist 
Carr?“ 
Der Sheriff ermittelte, daß er in 
atemloser Eile in seiner Wohnung 
erschienen und mit einem kleinen 
Koffer wieder davongestürmt sei. 
Wie sich gleich darauf herausstellte: 
in Tatchers Auto. 
Die Schlußfolgerung lag auf der 
Hand. Carr hatte Mildenhall um 
stimmen wollen, er hatte ihn ge 
beten, beschworen, ihm vielleicht 
gedroht. Er vermöge nicht ins 
Elend zurückzukehren. Das mochte 
menschlich zu begreifen sein; daß 
er in seiner Erbitterung über das 
Nein zu einem Morde gegriffen 
hatte, das war und blieb unverzeih 
lich vor Gott und der Welt. 
Die Erde ist nicht groß genug, 
um einem Menschen Versteck zu 
gewähren. Drei Tage später wurde 
Carr in Pittsburg zur Strecke ge 
bracht. 
So war aus einem lustigen Einfall 
über Nacht eine Tragödie ge 
worden. 
Carr hatte den Mut, die Tat zu 
leugnen. „Den traurigen Mut“, 
sagte Jellicoe. 
Janice erwirkte eine Unter 
redung. Sie beschwor Carr, die 
Wahrheit zu sagen — diesen Be 
weis einer anständigen Gesinnung 
verlange sie von ihm. Er schüttelte 
den Kopf. 
„Kein Mensch wird Ihnen glau 
ben“, sagte Janice empört und ver 
zweifelt, „weder die Richter 
noch . . . noch ich. Warum also 
wollen Sie leugnen? Es wird Ihnen 
nichts nützen, Ihre Verurteilung 
steht außer Frage. Aber Sie kön 
nen auf Milde rechnen, wenn Sie 
reumütig gestehen, warum Sie es 
getan haben.“ 
Erblassend antwortete Carr: 
„Ich würde es sagen, wenn es so 
wäre. Aber ich kann keine Un 
wahrheit sagen, nur um Ihnen ge 
fällig zu sein. Ich bin es nicht ge 
wesen. Als ich über die Brücke 
ging, fand ich ihn: tot.“ 
Sie sieht ihm mit einem lauernden 
Blick ins Gesicht. „Wenn Sie un 
schuldig waren — warum sind Sie 
geflohen?“ 
„Können Sie das nicht begreifen, 
Mrs. Mildenhall?“ 
„Nein“, sagte sie hart, „und kein 
Mensch in der Welt wird es be 
greifen. Und alle Ihre Redekünste 
werden es nicht begreiflich machen 
können.“ 
„Ich ibin geflohen, weil ich er 
kannte, daß ich in Todesgefahr war. 
Der Verdacht mußte auf mich 
fallen. Da verlor ich den Kopf.“ 
Die Stimmung in New Haven und 
New York war Carr nicht un 
günstig. Es gab eine Menge Leute, 
die ihn für unschuldig hielten, eine 
Menge, die zum mindesten der 
Meinung waren, das vorhandene 
Material reiche nicht aus, um ihn im 
Ernst zu verurteilen. Aber selbst 
solche, die nach Lage der Dinge 
Carr für den Mörder hielten, 
mußten sich zu einer Auffassung 
bekennen, die manche Entschuld!' 
gung sah. Man hatte mit einem 
naiven Menschen ein frevles Spiel 
getrieben; man hatte ihm die 
Schönheiten der Welt gezeigt, um 
ihn lachenden Mundes in Trost 
losigkeit und Elend zurückzustoßen; 
darin lag soviel Schuld, soviel Fri 
volität, daß es vielleicht begreiflich 
war, wenn ein primitiver Mensch 
aus Verzweiflung, Angst und Er 
bitterung den einfach niederge 
schlagen hatte, der sich das grau 
same Vergnügen gemacht hatte, 
ihm die Außen zu öffnen über sein 
armseliges Dasein. 
Da geschah etwas, was die Dinge 
in ein anderes Licht rückte. 
Die Polizeibeamten durchsuchten 
Carns Papiere. Unter ihnen fand sich 
der Beweis für eine merkwürdige 
Tatsache: Garr und Mildenhall, 
Mörder und Ermordeter, hatten sich 
gekannt. 
Und nicht nur dies. Carr hatte 
alle Ursache, Mildenhall zu hassen. 
Ihn zu verfolgen, sich an ihm zu 
räclhen. 
Der Polizeiinspektor betrachtete 
den Vorgeführten) lange schweigend. 
Dann sagte er plötzlich: 
„Ist es wahr, daß Mildenhall Ihren 
Vater um seine Erfindung betrogen 
hat?“ 
Betroffen antwortete Carr: 
„Ja. Es ist wahr.“ 
„Die Höchstleistungslokomotive, 
auf der 'die Lebensfähigkeit der 
Mildenhall-Werke beruhte, war das 
geistige Eigentum Ihres Vaters? 
Au® den Papieren, die wir bei Ihnen 
gefunden haben, geht es hervor: 
Mildenhall hat Ihren Vater, der 
lungenleidend war, nach Californien 
geschickt? Wie Ihr Vater glauben 
mußte, aus Nächstenliebe; in Wahr 
heit aber, um in die Lage zu kom 
men, sich die Erfindung Ihres, Vaters 
zum Pfand geben zu lassen und sie 
ungestört ausbeuten zu können.“ 
„Ja, Herr Inspektor.“ 
„Ihr Vater ist bald darauf ge 
storben. Sie haben sich brieflich 
von San Francisco aus an Milden 
hall gewandt; aber er hat Ihre An 
sprüche abgelehnt. Was haben Sie 
darauf getan?“ 
„Ich habe mich durch die Staaten 
hindurchgearbeitet und hin endlich 
heimgekehrt. In New Haven habe 
ich Arbeit angenommen: in den 
Mildenhall-Werken. Denn irgend 
etwas zog mich zu der Stätte, wo die 
Hoffnungen meines Vaters be 
graben lagen.“ 
„Hm. Nun 'ereignete sich jener 
seltsame Vorfall, der Sie mit einem 
Schlage ans Licht hob. Das ist zu 
überrasohend, um Zufall zu sein. 
Wie ich weiß, war es ein Herr 
Tatcher, der den Einfall hatte, aus 
einem Arbeiter für 'eine Woche 
einen Gentleman zu machen. Wußte 
etwa Mr. Tatcher, wer Sie waren? 
Mildenhall konnte es nicht wissen; 
denn ich sehe aus den Akten, daß 
Ihr Familienname eigentlich nicht 
Carr sondern Carter war.“ 
Zögernd antwortete Carr: 
„Wenn Sie mich fragen, Herr 
Inspektor, so muß ich Ihften wohl 
die Wahrheit sagen. In der Tat: 
M r. Tatcher h a t e s gewußt. 
Er war 'ein Freund meines Vaters 
gewesen. Er war wohl nicht so 
genau orientiert, um den Betrug 
recht zu erkennen, den Mildenhall 
an uns verübt hatte. Immerhin 
wußte er, daß uns Unrecht ge 
schehen war, und er hatte, als er 
mich am jenem Abend plötzlich im 
der Villa Mildenhall auftauchen 
sah, eine abenteuerliche Idee: er 
fand einen Verwandlungstrick, 
durch den Mildenhall und ich, 
wenn auch nur für eine Woche, zu 
Freunden wurden. Oder, vielmehr: 
er wollte mir die Genugtuung ver 
schaffen, ein paar Tage lang dort 
zu stehen, wo ich eigentlich hinge 
höre.“ 
„Ist es zwischen Ihnen und Mil 
denhall jemals zu einer Aussprache 
gekommen?“ 
„Nein“, sagte Carr. 
„Nein . . .? Wohin gingen Sie 
an jenem Abend, als Ihre Frist ab- 
gelau'fen war?“ 
„Ich — ich ging ins Arbeits 
zimmer. Denn ich Wollte mit Mil- 
denhall 'sprechen.“ 
„So, so. Da Sie ihn im Arbeits 
zimmer nicht fanden, suchten Sie 
ihn überall; endlich . . .“ 
„Endlich entdeckte ich ihn tot im 
Park. Auf der Brücke.“ 
„Sie müssen zugeben, Carr, daß 
diese Wendung Ihre Situation be 
denklich verschlechtert. Mildenhall 
hatte Sie betrogen, Sie hatten allen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.