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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

Der Ta 
&nzer meiner l mu 
Fr 
LOTHAR SACHS 
E in amüsantes Thema stand 
zur Debatte: Ich behaup 
tete, .daß der Mann in der 
Ehe wie ein Vollblutpferd, das allzu 
lange, gutgenährt ohne Bewegungs 
freiheit im Stall steht, allmählich 
bequem und phlegmatisch werde, 
während die Frau im allgemeinen 
ihre Elastizität bewähre und genau 
so wie als Junggesellin zu flirten, zu 
verführen und zu erobern verstehe. 
Das zeige sich am deutliohsten, 
wenn man ein Ehepaar auf einem 
Balle beobachte. Die Fr,au amüsiert 
sich und der Mann mopst sich. 
Meine Frau und ich wollten die 
Probe aufs Exempel machen und 
beschlossen, den nächsten Hausball 
im Kaiser-Hotel zwar gemeinsam 
zu besuchen, aber weiter keine No 
tiz voneinander zu nehmen. Wir 
verabredeten, unsere Zusammen 
gehörigkeit durch kein Wort und 
durch keinen Blick zu verraten. 
Meine Frau fuhr schon um neun 
Uhr ins Hotel, ich kam eine Stunde 
später nach. Als ich den Ballsaal 
betrat und den Blick über die tan 
zenden Paare schweifen ließ, verlor 
ich vor Überraschung für einen 
Augenblick meine gleichgültige Flal- 
tung. Der Tänzer nämlich, mit dem 
meine Frau im Bostonschritt über 
das Parkett schwebte, war niemand 
anders als ein guter Studienfreund 
von mir aus der Münchner Zeit, den 
ich seit Jahren nicht gesehen hatte. 
Nun war die Komödie schon nach 
dem ersten Akte aus. Pech. Das 
heißt — da fiel mir ein, daß Dr. 
Gröttrup — so hieß mein Freund — 
sicher noch gar nichts von meiner 
Verheiratung wußte. Also, wenn 
meine Frau ihre Rolle konsequent 
weiterspielte, konnte der Komödie 
zweiter Akt beginnen. Jetzt hatte 
sie mich entdeckt, sah aber uninter 
essiert über mich hinweg. Ich war 
beruhigt und setzte mich an einen 
kleinen Tisch gegenüber der Loge, 
in dem meine Frau mit ihrem Tän 
zer Platz genommen hatte. Es 
dauerte gar nicht lange, da hatte 
mich auch Dr. Gröttrup aufgespürt. 
Erst schien er sich zu besinnen, ob 
auch kein Irrtum möglich sei, dann 
wedelte er mit beiden Händen Er- 
bennungssignale zu mir herüber. Ich 
erwiderte lächelnd seinen Gruß. 
Jetzt mußte die Bombe platzen. 
Denn ich beobachtete, wie er leb 
haft gestikulierend auf seine Tisch 
dame einsprach, dann erhob er sich 
und ging auf mich zu: „Altes Haus, 
hier sieht man sich wieder. Wie 
geht’s dir denn? Was treibst du 
denn? Ganz solo hier?“ 
„Wie du siehst“, erwiderte ich 
lächelnd. Die Zusammengehörigkeit 
zwischen seiner Tänzerin und mir 
war ihm also unbekannt. „Und was 
führt dich nach Berlin?“ 
„Ich . . . ich will mich ein bißohen 
amüsieren.“ . 
„Also immer noch das alte fidele 
leichtsinnige Huhn wie früher.“ 
„Ehrensache!“ lachte er. 
„Na, heute abend kannst du ja 
auf deine Kosten kommen.“ 
„Hoffentlich. Weißt du, ich habe 
gerade vorhin eine entzückende 
Frau kennen gelernt. Die Dame, mit 
der ich in der Loge sitze. Was 
halst du davon? Schau sie dir ein 
mal an! Aber nicht so auffällig! . . 
„Du hast keinen schlechten Ge 
schmack. Wirklich eine scharmante 
Frau.“ 
„Nicht wahr? Aber ich werde 
nicht recht klug aus .ihr.“ 
„Das wirst du aus den wenigsten 
Frauen.“ 
„Vielleicht eine verheiratete Frau, 
die sich ein bißchen von ihrem 
Manne erholen will.“ 
„Sehr leicht möglich.“ 
„Ich will dir mal was sagen: Setz 
dich doch zu uns!“ 
„Auf keinen Fall. Ich will nicht 
stören.“ 
„Unsinn. Ich habe ihr schon von 
dir erzählt. Was du für tolle Zicken 
in München getrieben hast.“ 
„Das ist reizend von dir.“ 
„Also willst du nicht mitkom 
men?“ 
„Nein, vielen Dank für deine 
freundliche Einladung. Aber ich 
möchte meinen Beobachtungsposten 
nicht verlassen “ 
„Na schön, dann bist du vielleicht 
so gut und pumpst mir bis morgen 
50 M. Ich habe nämlich nicht ge 
nügend Geld bei mir und man kann 
nie wissen . . .“ 
„Bitte sehr, hier sind 50 M.“ 
Dr. Gröttrup begab sich in die 
Loge zurück. — 
Kurze Zeit darauf stand meine 
Frau auf und gab mir ein heimliches 
Zeichen, ihr ins Vestibül zu folgen. 
Dort erklärte sie mir, die Situation 
fange an, ungemütlich zu werden, 
ihr Tanzpartner weiche nicht von 
■ihrer Seite und lasse sich nicht ab- 
schütteln. Wir hielten kurzen 
Kriegsrat ab und beschlossen, in 
einem günstigen Moment gemein 
sam unauffällig von der Bildfläche 
zu verschwinden, da wir die Ko 
mödie zu Ende ,spielen wollten. 
Am nächsten Tage rief mich Dr. 
Gröttrup in meinem Büro an: „Also 
du bist mir ein feiner Knabe. Emp 
fiehlst dich französisch und nimmst 
meine Dame mit. Der Geschäfts 
führer hat euch im Auto fortfahren 
sehen. Wo bist du eigentlich noch 
mit der Dame hingegangen?“ 
„1S0 eine Frage! Nach Hause !“ 
„Nach Hause? Zu dir nach 
Hause? Sollte man das für mög 
lich halten! Wie man sieh doch in 
Frauen irren kann! Mit dem näch 
sten Besten . . .“ 
„Erlaube mal! Erstens bin ich 
nicht der nächste Beste und zwei 
tens: was hättest du denn an mei 
ner Stelle gemacht?“ 
„Ich? Ich hätte die Dame nach 
Hause geleitet.“ 
„Das habe ich doch auch getan.“ 
„Ja, aber in dein Heim!“ 
,jMein Heim ist doch auch ihr 
■Heim.“ 
„Sag’ einmal, im Vertrauen, du 
bist wohl von gestern noch sehr ver 
katert, gewissermaßen geistig leicht 
umnebelt?“ 
„Nicht im mindesten, mein Lie 
ber. Nur mußt du wissen, was ich 
bisher verschwieg, daß deine Tänze 
rin — meine Frau war . . .“ 
Die geliehenen 50 M. habe ich nie 
mehr wiederbekommen. —
        
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