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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

Jones verzog den Mund zu einem 
Grinsen: „Und was für ein Reit 
pferd!“ 
Die Herrschaften standen im 
Kreise, als der Reitknecht mit dem 
Hengst erschien. Carr machte ein 
gleichmütiges Gesicht. 
Jones stieß Tatcher an und wies 
auf die nervösen Bewegungen des 
Tieres. Es scharrte, wandte unaus 
gesetzt, wie in mißtrauischer Er 
wartung eines Feindes. 
Carr setzte den Fuß in den Steig 
bügel und schwang sich auf den 
Rücken des Tieres — ohne sonder 
liche Hast, wie in einer gleich 
gültigen und selbstverständlichen 
Tätigkeit. 
Das Pferd tat einen Satz zur 
Seite; dem erschrockenen Stall 
knecht entglitten die Zügel. 
Jemand schrie auf. 
Abermals tat das Tier einen un 
erwarteten Sprung, ganz offensicht 
lich in dem Wunsche, sich seines 
Reiters zu entledigen. Es schlug 
wütend aus, bäumte den Hinter 
körper empor, drehte sich im Kreise 
und versuchte den Reiter von der 
Seite gegen einen Baum zu pressen. 
Der Reiter parierte jede einzelne Be 
wegung cies Pferdes augenblicklich. 
Zehn Minuten später stand es 
schweißtriefend, zitternd vor der 
Villa am Eingang vom Devil’s 
Forest. 
Carr stieg ab. 
Tatcher ging auf ihn zu und 
leichte ihm die Hand; die Anderen 
taten das Gleiche. Alles gratulierte 
aus aufrichtigem Herzen. Auch 
Mildenhall, der erst in letzter 
Minute dazugekommen war. Mit 
Janice. 
Man ging ins Haus; Carrs' 
Kammerdiener wartete mit Tee und 
Gebäck. 
„Nun wollen wir einmal unser 
Programm machen“, sagte Tatcher. 
„Morgen früh fahren Sie mit mir 
nach New York. Wir essen im 
Athenäum-Club, und ich stelle Sie 
als Mr. Carr aus Hollywood vor. 
Film zieht .immer. Abends ist Ball 
auf dem Dachgarten des Hotels Bilt- 
more. Im Angesicht der Kaskaden 
werden Sie die schönsten Frauen 
von New York sehen. 
Am Freitag früh, mein lieber 
Carr, machen wir eine ganz tolle 
Sache: Wir nehmen einen Extrazug 
und fahren nach den Niagara-Fällen. 
Ich habe schon mit Milderihalls ge 
sprochen und mit den andern: Die 
ganze Gesellschaft fährt mit. Das 
wird sehr lustig. Sonntag sind wir 
zurück; Sonntag abend ist Ball bei 
Mildenhall,, dessen Mittelpunkt Sie 
sein werden. Am Montag machen 
wir noch eine große Autofahrt mit 
einander, darauf sind wir zum 
Souper wieder bei Mildenhall. Und 
dann . . . und dann . . . also kurz und 
gut: Montag abend . . .“ 
„Ja“, sagte Carr. 
In dieser einen Woche, die Carr 
in einem Rausch der Sinne, der 
Nerven, der Gefühle durchlebte, 
drängte sich der Inhalt eines 
Menschenlebens zusammen. In die 
sen sieben Tagen hatten sich ihm die 
Reize der Erde erschlossen: der 
gleitende Rhythmus des Reichtums, 
das Brausen der Wälder, der Ge 
sang des Meeres. Die mondäne Be 
haglichkeit gesicherter Kultur hatte 
ihn mit liebevollen Armen um 
schlossen, hatte seinen Schlaf be 
hütet, hatte jedes Erwachen, jede 
Mahlzeit, jedes Schlafengehen zu 
einem erlesenen kleinen Fest ge 
macht. Das Lächeln schöner Frauen 
hatte ihn begleitet in seine Träume 
hinein . . . 
Am Montag, an diesem letzten 
Montag des Abschieds, saß die Ge 
sellschaft, Carr im Mittelpunkt, in 
der großen Loge eines Broadway- 
Theaters: denn aus Klang und Farbe 
sollten sich Erinnerungen formen, 
die er mit hinübernahm in die Welt 
dort unten. 
So hatte es Tatcher gewollt. 
Das Bühnenbild war erfüllt vom 
heißen Atem der Großstadt: In der 
kleinen Welt, die der schmale Rah 
men dieses Proszeniums umschloß, 
konzentrierten sich alle Raffine 
ments des nächtlichen New York: 
der Rausch des Goldes, die Be 
täubungen gesteigerter Erotik. 
Jerrold Carr war wieder, ohne es 
zu wollen, der Mittelpunkt der Ge 
sellschaft. 
„Wenn das kein Unglück gibt 
heute Nacht“, sagte van Dörpel 
leise zu Jones, „dann verstehe ich 
nichts vom Leben. Halten Sie es 
im Ernst für denkbar, daß er sich 
so einfach wieder umschalten wird, 
als ob er nie etwas anderes gewesen' 
wäre r 
Jones zuckte die Achseln. „Um 
cs ehrlich zu sagen: auch ich habe 
das Gefühl, daß eine Katastrophe 
bevor steht.“ 
„Soll ich Ihnen etwas sagen? 
Ich glaube: das hat Tatcher im 
Auge gehabt.“ 
Jellicoe wandte den Kopf zu den 
beiden und lächelte. „Merken Sie 
endlich, worauf Tatcher hinaus 
will? Und Mildenhall? Das liegt 
doch auf der Hand: daß diese Ge 
schichte sich zu einer Pointe zu 
spitzt. Eine Woche Millionär, das 
ist nicht sonderlich originell. Aber 
heute Nacht: der Umschwung, das 
Zurückmüssen ins Elend: das ist 
der Moment, auf den Tatcher ge 
scannt ist. Und Mildenhall. Und 
Sic und ich und wir alle. Wie wird 
sich ein Mensch benehmen, der von 
der Höhe des Lebens hinunter muß 
in das Dunkel? Ich finde, jetzt zeigt 
sich erst, was für ein smarter 
Bursche dieser Tatcher ist: er läßt 
uns nicht mehr und nicht weniger 
erleben als das Schicksal eines 
Menschen, zusammengedrängt in 
eine Viertelstunde.“ 
Van Dörpel lachte: „Mein Vater 
pflegte zu sagen: reich sein ist schön. 
Aber es gibt eins, was noch schöner 
ist. Nämlich: reich werden. 
Hier ist das umgekehrte Bild. Arm 
sein ist schrecklich. Aber arm 
■werden — das scheint mir un 
erträglich.“ 
So feierlich der Auftakt gewesen 
war, so feierlich ging Carrs Ab 
schied in Szene. Er hatte noch das 
Sektglas in der Hand, als die Flügel 
türen auseinanderrollten. Dort 
stand der Werkmeister, Carrs 
Anbeitsanzug über dem Arm. Er 
stand erwartungsvoll und blickte 
Carr entgegen. 
Carr wurde totenblaß — unter den 
forschenden, mitleidigen, genießen 
den Blicken der Menschen um ihn 
herum. Er stürzte hinaus. 
Gelächter stieg auf. „Ein wür 
diger Abgang!“ lachte Jellicoe. „Ein 
bißchen mehr Haltung hätte ich 
wirklich erwartet. Was sagen Sie, 
Mildenhall?“ 
Erst jetzt merkte man, daß 
Mildenhall nicht im Zimmer war. 
Seltsamerweise. Janice gab die Aus 
kunft: „Er ist oben im Arbeits 
zimmer. Eine dringende An 
gelegenheit. 
„Neugierig bin ich“, sagte van 
Dorpei, „wo Carr hinläuft! 
Der eintretende Diener, der ein 
Lächeln nicht verbergen konnte, 
vermochte die Neugierde zu be 
friedigen: Carr war in Mildenhalls 
Arbeitszimmer gestürzt. 
„Welch eine schwächliche Wen 
dung!“ rief jemand. „Er bittet um 
Gnade! Das hätte ich nicht von 
ihm gedacht. Dieser Mensch ge 
hört in die Tiefe, aus der er ge 
kommen ist.“ 
Tatcher, der die Anschuldigungen 
gegen seinen Schützling als eine 
Art eigene Angelegenheit empfinden 
mochte, sagte hastig: 
„Ich werde hinaufgeben zu 
Mildenhall und ihm sagen, daß der 
Scherz ein Ende haben muß. Sie 
ben Tage Glück — damit gut. Und 
diesem Herrn Carr werde ich klar 
machen, daß ein Vertrag dazu da 
ist, damit man ihn erfüllt.“ 
„Wir kommen mit.“ 
Tatcher klopfte an die Tür — nie 
mand antwortete. Die Andern 
drängten nach; die Tür öffnete sich. 
Das Zimmer war leer. 
„Was bedeutet das?“ fragte 
Tatcher verständnislos. „Was ist 
hier vorgegangen?“ 
Niemand vermochte Auskunft 
zu geben. Weder in der Fabrik 
noch im Hause. 
„Hier stimmt etwas nicht“, sagte 
Jellicoe. 
(Fortsetzung Seite 13.)
        
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