Path:

Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

2 
boPqf 
kJJ/^J kJ 
D er Bau der großen Sund 
brücke von Malmö nach 
Kopenhagen, über die Insel 
Saltholm, hat noch nicht 
begonnen, aber schon jetzt sitzen 
viele Ingenieure und Beamte und 
arbeiten an den Zeichnungen der 
Konstruktion. Die schwedische Re 
gierung ließ sogar mehrere dänische 
Ingenieuradjunkten nach Malmö 
kommen, welche bei dem Riesen 
projekt mithelfen sollten. 
Malmö ist jedoch für Kopen- 
hagener junge Leute ein furchtbar 
langweiliges Nest. 
Langeweile soll man durch Ge 
selligkeit verkürzen. 
Vier junge Kopenhagener In 
genieure suchen in Malmö Ge 
selligkeit. 
Vorläufig sitzen sie im Cafe 
„Vasa“ in der Gyllenborggatan und 
gähnen sich gegenseitig an. Obwohl 
es der beste Platz im Lokal ist —- 
besonders Interessantes kann man 
da nicht sehen. Nur ganz wenig 
Zeitungsleser kommen um die 
Nachmittagszeit ins Cafe. Und 
draußen auf der Straße? — Das 
Fenster ist immer angelaufen. Jede 
viertel Stunde nimmt zwar einer der 
Vier ein Ende des gelben Vorhangs 
und wischt damit die Scheiben klar. 
Aber die Wärme schlägt gleich 
wieder einen feuchten, undurch 
dringlichen Schleier vor das Glas. 
Von Zeit zu Zeit reißt einer der 
jungen Leute den Mund auf. Das 
ist ihre Hauptbeschäftigung. 
„Zum Teufel, das halte ich nicht 
mehr lange aus!“ Jens Halleborg 
rüttelt an der Marmorplatte des 
kleinen Tischchens, um seine Ka 
meraden aus ihrem lethargischen Da 
hindämmern zu reißen. „Ihr seht ja 
wie verschlafene Seehunde aus. ihr 
verdöst ja alle. Man kann doch 
nicht den ganzen Winter hindurch, 
Tag für Tag, hier im Cafe herum 
hocken, Zeitung lesen oder sich ge 
genseitig anöden, allabendlich bis 
elf Uhr Domino spielen, einmal eine 
halbe Krone gewinnen, das nächste 
Mal eine halbe Krone verlieren. 
Oder bei Familie Justrod jeden 
Sonntag zwei Liter dünnen, ge 
zuckerten Tee trinken, den Töch 
tern, die alle Ähnlichkeit mit meinen 
Großtanten haben, zu ihren 
Schwanengesängen die unmög 
lichsten Schmeicheleien sagen. 
Ich mach’ das nicht mehr mit. Es 
muß doch in Malmö auch eine amü 
santere Gesellschaft geben. Wenn 
ihr hier solche Spießer geworden 
seid. — Ich brauche geistige An 
regung — Erlebnisse —!'" 
Die drei anderen vergaßen vor Er 
staunen den eben zum Gähnen ge 
öffneten Mund wieder zuzumachen. 
„Was willst, du denn in dieser 
sittsamsten aller Städte erleben?“ 
fragt endlich neugierig Henrik 
Zangen. 
„Hier gibt’s keine geistigen An 
regungen. Ich habe schon seit zwei 
Monaten keinen anständigen 
Tropfen Punsch getrunken“ pflichtet 
mit trauriger Stimme Jürgen Strong 
seinem Nachbar bei. 
„Herrgott, die Stadt ist doch nicht 
so klein, hier muß es doch immerhin 
auch andere Vergnügungen geben. 
Man braucht sicher keine Ver 
brecherjagden mitzumachen, man 
muß doch nicht immer gleich Al 
kohol als geistiges Reizmittel haben. 
Sich unterhalten, reden, lachen. — 
Junge, hübsche Mädels gibt’s doch 
hier gewiß auch!“ 
„Lieber Jens, du bist erst acht 
Tage in dieser Stadt. Du hast leicht 
reden. Wir aber sitzen schon seit 
September da. — Wie kommt man 
in Gesellschaft? Man wird ein 
geladen. Wo wird man eingeladen? 
Bei Justrods! Oder kennst du eine 
andere Familie? Nein! Wir auch 
nicht. Und versuche mal eine Dame, 
die dir gefällt, hier in der Kon 
ditorei oder gar auf der Straße an 
zusprechen! Übrigens siehst du ja 
nie hübsche Damen allein.“ 
„Ich bitte dich, laß das,“ verteidigt 
Jens seine Wünsche nach Gesellig 
keit. „Ich bin doch auch kein 
Freund von Straßenbekanntschaften, 
aber sagt mir einmal, was gedenkt 
ihr eigentlich übermorgen, am Sil 
vesterabend zu beginnen? Zu 
Justrods gehe ich auf keinen Fall, 
lieber lege ich mich um 6 Uhr ins 
Bett“. 
„So mach’ uns doch einen Vor 
schlag“ läßt jetzt auch Jonas Swend 
seine Basstimme ertönen. „Wie 
lernt man die Malmöer weibliche 
Jugend kennen?"' 
„Jawohl, zeig deine Kunst“ sekun 
dieren Henrik und Jürgen. 
Halleborg sitzt ein paar Minuten 
mit zur Seite geneigtem Kopf 
schweigend da. Man merkt, er 
denkt nach. Dann richtet er sich 
straff auf. Schien eine glänzende 
Idee festzuhalten. 
„Gut, ich will euch eine Über 
raschung bereiten! Ihr werdet 
staunen. Schockweise werde ich 
euch junge Mädchen vorführen. Ich 
werde ganz einfach, eine Anzeige in 
das „Götarikesbladet“ einschalten 
lassen.“ 
„Eine Anzeige, willst du vielleicht 
gar heiraten?“ Es kommt immer 
mehr Leben in die sonst so ruhige 
Korona, Jonas gröhlt sogar laut auf. 
„Ihr seid ja blöd.“ Jens sagt das 
mit tiefster Verachtung. Dann zieht 
er ein Blatt Papier aus seinem Notiz 
block. „Ich mach’ euch einen fa 
mosen Silvesterulk.“ Er schrieb ein 
paar Zeilen auf und liest diese vor: 
„Hübsche, lebenslustige Damen, 
welche den Silvesterabend in fröh 
licher aber dezenter Herrengesell 
schaft verleben wollen, werden von 
vier jungen Ausländern eingeladen, 
am 31. Dezember um sieben Uhr 
abends, ins Cafe „Vasa“ zu 
kommen. Beiderseitiges Erkennungs 
zeichen „Das Götarikebladet“. — 
Was sagt ihr dazu?“ 
„Daß das eine total verrückte 
Sache ist“ erklärt Jürgen und tippt 
seinem Gegenüber an die Stirn. 
„Du glaubst doch nicht, daß nur 
ein halbwegs anständiges und junges 
Mädel eine derartige Einladung an 
nimmt und kommt?“ läßt Henrik 
seine Bedenken los. 
„Und wir haben dann vielleicht 
ein halbes Dutzend lebenslustig 
seinwollender alter Schachteln den 
ganzen Abend auf dem Hals. Ich 
traue mich nicht hierher“, wirft 
Jonas ein. 
Jens »wehrt den Ansturm mit 
einer leichten Handbewegung ab. 
„Euch ist wirklich nicht mehr zu 
helfen, das bißchen Grütze, das ihr 
daheim in Kopenhagen noch hattet, 
ist euch hier seit September schein 
bar vollständig eingetrocknet. Wer 
sagt denn, daß wir uns sogleich zu 
erkennen geben?“ 
„Wo ist dann wieder die Silvester- 
unterhaltung?“ 
„Die werden wir bestimmt finden. 
Die Mädels sind auf der ganzen Welt 
gleich. Das Abenteuerliche und 
Verbotene lockt sie immer und 
überall. Ihr sollt staunen, wieviel 
Bewerberinnen auf eine vergnügte 
Silvesternacht sich einfinden wer 
den. Wir kommen aber natürlich 
ohne Zeitung. Da bleiben wir von 
allen alten Hexen, die ja gewiß auch 
dabei sein dürften, ungeschoren und 
können nach Belieben auswählen und 
uns dort, wo es uns paßt, erkenn 
bar machen. Nun, wie ist’s, wollt 
ihr mithalten?“ 
„Zusehen, eventuell versuchen 
könnte man es eigentlich“ meint 
Jonas zögernd und schaut fragend 
zu seinen Kollegen auf. „Wenn du 
die gesamte Regie übernimmst?“ 
Das war der etwas schüchterne 
Jürgen.
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.