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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Janice schmiegte sich enger an den 
Arm ihres Mannes. Die Arbeiter 
grüßten, mit jener leichten Ver 
traulichkeit des Westens. 
Von draußen kam der Feuer 
schein der Hochöfen, und das 
Vibrieren der Maschinen des Walz 
werks lag fühlbar in der Luft. 
Einer der Herren zog die Hand 
aus der Smokingtasche und wies 
hinüber: aus dem Hintergrund der 
Halle kam der rotglühende Block 
fast geräuschlos angefahren, einge 
klemmt zwischen zwei stählerne 
Greifer. 
Fräulein O’Brien stellte sich auf 
die Fußspitzen und streckte die 
Arme aus. „Wenn ich wollte, 
könnte ich ihn berühren.“ 
Der Block fuhr durch die Halle; 
an einem bestimmten Punkte 
machte er halt, von unsichtbaren 
Händen geleitet. 
„Was mag er wiegen?“ erkundigte 
sich Jay Maclean, 'der Sohn des be 
rühmten Schokoladenifabrikanten in 
Frisco. 
Mildenhall, Hausherr und Be 
sitzer der Werke, blickte prüfend 
hinüber. 
„Dreihundert Zentner, taxiere 
ich. Vielleicht etwas weniger.“ 
Hinter den Fenstern lag roter 
Schein. Schwarze Gestalten 
huschten vorüber, die Lokomotiven 
der Werkmeister klirrten taktmäßig 
durch die Nacht. 
Der schwere Block senkte sich; 
fast geräuschlos gaben ihn die 
Klemmzangen frei, um wieder von 
dannen zu fahren. Aus dem tiefen 
Rot des glühenden Blocks spran 
gen Funken hervor, eine kleine 
Feuergarbe knisterte auf, die 
Farbenschattierungen der Eisen 
masse veränderten sich — die Wir 
kung der Abkühlung. Sengend 
strömte die Glut durch den Raum. 
Dröhnen setzte ein: die Trans 
portrollen begannen den Block ein 
ander zuzuschieben — wie spielend, 
nein, wie tanzend, von Rolle zu 
Rolle stürzte die glühende Masse 
funkensprühend vorwärts. Nur 
zwei Arbeiter rechts und links 
gingen mit, lässig ihren Weg be 
treuend. 
„Mein Gott!“ Janice fuhr zu 
sammen; Tatcher lachte. Das ganze 
Haus bebte von donnerndem Ge 
töse: die Walze hatte sich in Be 
wegung gesetzt. 
„Wozu betreiben Sie eigentlich 
das Walzwerk, Herr Mildenhall?“, 
fragte Frau van Dörpel, deren Mann 
die Welt des Sternenbanners mit 
Stecknadeln versorgte. Er stand 
neben ihr, die Hände in den Hosen 
taschen, und sah zu Janice hinüber. 
Bei den Worten seiner Frau zuckte 
er schuldbewußt zusammen. 
„Sie haben doch eine Lokomotiv- 
fabrik.“ 
Mdldenhall holte zu einer längeren 
technischen Erklärung aus. Er war 
groß in belehrenden Vorträgen, und 
Tatcher kam ihm schleunigst zuvor: 
Mildenhall produziere alles was mit 
dem Eisen'bahnbau zusammen 
hinge — und dazu gehörten natür 
lich auch gewalzte Träger. 
Der Manager öffnete die Tür und 
ging voran, quer über den Hof, auf 
dem grelles Licht unbeweglich 
stand. 
„Hier“, der Ingenieur ging hin 
über und legte die Hand auf den 
Drücker — „hier stellen wir die 
Spezialität der Mildenhall-Werke 
her: unsere Höchstleistungs-Loko 
motive.“ 
Die Zehn traten ein. 
Der Ingenieur ging durch die 
Reihen der arbeitenden Maschinen, 
die Herrschaften folgten. 
„Wir haben bisher Lokomotiven 
gebaut mit einem Druck von zwölf 
bis fünfzehn Atmosphären; die 
neuen Maschinen, die wir herstellen 
— Sie sehen dort drüben eine 
fertige Lokomotive, die für die 
Pennsylvania - Eisenbahn - Gesell 
schaft bestimmt ist — arbeiten mit 
einem Druck bis zu sechzig Atmo 
sphären.“ 
Ein Diener trat ein. Er machte 
Janice Mildenhall leise 'eine Mel 
dung. 
Sie sagte lächelnd halblaut: 
„George sagt, daß eben das Auto 
mit dem Sekt aus New York einge 
troffen ist.“ 
„Es lebe die Prohibition!“, rief 
Mr. Jellicoe. 
„Wozu haben wir eine Prohi 
bition, wenn wir sie nicht gelegent 
lich durchbrechen? In Europa kann 
jeder Sekt trinken. Das macht 
keinen Spaß. Hier, in unserem ge 
segneten Lande, kostet es Geld, 
Risiko und Kopfzerbrechen. Für 
einen smarten Mann fängt damit 
erst das Vergnügen an. Sind wir 
die reichsten Männer der Welt, um 
mit schönen Frauen, gehüllt in die 
herrlichsten Toiletten von Drecoll 
und Worth, im Maschinenraum zu 
stehen? Nein, meine Damen. Das 
Licht der Lüster soll seinen Glanz 
auf Ihre schönen Schultern wer 
fen — das spiegelnde Parkett 
wartet darauf, unter Ihrem Schritt 
verliebt zu seufzen.“ 
Um zwölf Uhr in der Nacht 
lehnte sich John Jellicoe in den 
Sessel zurück. Er schleuderte die 
Zigarette, die vierzigste an diesem 
Abend, mit einer halb tragischen, 
halb snobhaften Gebärde in den 
Eiskübel. 
Tatcher hatte Witze erzählt — 
jene zahmen, mehr gutgemeinten als 
überwältigenden Scherze, die der 
Amerikaner zum besten gibt, wenn 
Damen in der Gesellschaft sind; 
gleichwohl hatte er, da er verstand, 
gut zu erzählen, Beifall geerntet, 
Janice hatte zweimal zu ihm hin 
übergesehen — und erst als Tatcher, 
mutig gemacht, ihren Blick mit den 
Augen festzuhalten versuchte, hatte 
sie ihm unwillig den Rücken ge 
dreht. 
Frau Maclean plauderte mit drei 
Herren zugleich: Mildenhall erzählte 
von seiner Hochzeitsreise nach 
Florida, Jellicoe warf Bemerkungen 
dazwischen, die immerhin daran ge 
mahnten, daß er zwei Flaschen Sekt 
getrunken hatte; Jones notierte sich 
die Adressen der Hotels. Denn er 
wollte im nächsten Jahr das gleiche 
Wagnis unternehmen. 
Maclean, im glücklichen Gefühl 
einer schwererkämpften Freiheit, 
stand neben Fräulein O’Brien und 
lauschte dem Klang ihrer Stimme. 
Er war, weiß Gott, ein smarter 
Junge, der kleine Maclean. Man 
sagte ihm fümfunddreißig Millionen 
nach, und es war bekannt, daß er 
eine Freundin bei den Ziegfeld- 
Follies unterhielt. Seitdem man sein 
Auto vierzehn Tage lang jeden 
Abend !in der Zweiundvierzigsten 
Straße beobachtet hatte, wußte die 
ganze Börse, daß er und Gladys 
Taylor . . . Besonders als Gladys 
Taylor kurz darauf in einem funkel 
nagelneuen Auto durch den Central- 
Park fuhr: nach Brony, wo sie eine 
alte Tante, die Superintendentin in 
der Park Avenue war, mit ihrem Be 
such überraschte. Wobei zu be 
merken ist, daß eine Superinten 
dentin eine Portiersfrau ist. 
Immerhin, auch Fräulein O’Brien 
schien Feuer zu fangen. War es der 
melancholische Blick seiner unbe 
streitbar schönen Augen? War es 
der Wunsch, Frau Maclean zu 
ärgern? Oder war es am Ende gar 
der Gedanke an fünfunddreißig 
Millionen versteuertes Einkommen, 
gar nicht zu reden von dem nicht- 
versteuerten? 
Plötzlich sagte Tatcher aus dem 
Nichts heraus, so als wenn jemand 
einen Ball nimmt oder vielleicht
        
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