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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Demut, von der ich vorhin sprach 
und die ich so liebte, meinte ich 
nicht mehr zu empfinden. Ich wurde 
wohl etwas verschlossener in 
meinem Wesen, ich lachte nicht 
mehr iso unbefangen, und dann 
kamen bald Tage, wo ich deutlich 
merkte, daß Jamaicas Gefühle lauer 
wurden. Sie hatte noch immer etwas 
Anschmiegsames, aber ich fühlte, 
sie zwang sich dazu, sie gab sich 
Mühe, liebevoll zu mir zu sein, da 
sie mich nicht betrüben wollte. Mit 
Schmerzen nahm ich dies alles wahr 
und konnte es nicht hindern. Ihr 
verändertes Wesen hatte zur Folge, 
daß meine Liebe nur noch wuchs. 
Sie merkte diese sich steigernde 
Leidenschaft, und- ich fühlte, wie 
peinlich sie ihr war. Die gegen 
seitige untergründige Quälerei, die 
zwei Menschen so nervös machen 
kann, fing schon an, in mir strudelte 
es schon wie in einem aufgeregten 
Gewässer, aber ich beherrschte mich 
noch völlig. In diesem Zustand trat 
ein unsinniger Gedanke an mich 
heran, nämlich der Gedanke, Ja 
maica zu heiraten, damit sie mir 
nicht entrinnen könne und dieser 
Gedanke nahm bald ganz von mir 
Besitz. 
Eines Morgens besuchte uns der 
Engländer in unserer Burg am 
Strande. Jamaica las gerade, sie sah 
auf, und ein schnelles Glänzen ging 
über ihr Gesicht. Er zeigte uns eine 
kleine Versteinerung, die er gefun 
den hatte, und da Jamaica so be 
geistert davon war, schenkte er sie 
ihr. Sein Betragen war im übrigen 
völlig korrekt, nur verdroß mich die 
übermäßige Ruhe in seinem Wesen, 
die etwas Überhebliches hatte. Er 
bat, gelegentlich in der Frühe, mit 
uns ausreiten zu dürfen; Jamaica 
zeigte sich sehr erfreut ü-ber diesen 
Vorschlag. Dann reichte er uns 
beiden die Hand und ging. 
„Du hättest freundlicher zu ihm 
sein können“, sagte Jamaica, als er 
fort war. 
„Findest du?“ fragte ich nur, 
sonst nichts. 
Sie las weiter und hielt dabei, ich 
sah es wohl, die kleine Versteine 
rung fest umschlossen in ihrer Hand. 
Für den Nachmittag hatten wir 
Pferde bestellt. Wir ritten den 
Strand entlang, es war ein heißer, 
erschlaffender Tag. Wir sprachen 
wenig, es war etwas zwischen uns, 
das uns die Lust zum Sprechen 
nahm. 
Wir ritten einen kleinen Galopp; 
ich sah Jamaica scharf von der Seite 
an, dann sagte ich: 
„Jamaica, ich will etwas von dir 
wissen.“ 
„Was?“ fragte sie tiefatmend und 
sah mich erstaunt an. 
„Liebst du den Engländer?“ 
Sie schüttelte den Kopf. 
„Doch“, sagte ich, „denkst du, ich 
merke es nicht? Ich halte es nicht 
aus.“ 
Sie reichte mir die Hand herüber, 
mit einem freundlichen teilnahms 
vollen Lächeln. So gibt man die 
Hand einem guten Kinde zum Ab 
schied, dachte ich. Ich nahm sie 
nicht. 
„Jamaica, ich liebe dich!“ sagte 
ich nun. „Ich wüßte nicht, wie ich 
meine Tage in Zukunft ohne dich 
verbringen sollte. Ich will, daß du 
nur mir gehörst — verstehst du? — 
nur mir und keinem anderen. Sag, 
willst du meine Frau werden?“ 
Sie entgegnet-e nichts und sah nur 
mit gedecktem Blick auf die Mähne 
ihrer Stute. 
„Ich möchte, daß wir uns hei 
raten.. Jamaica, sag doch etwas!“ 
Meine Worte klangen als ob sie 
vor ihr auf den Knien lägen, — aber 
sie lächelte. 
„Nein, nie!“ sagte sie bestimmt. 
„Du willst nicht?“ rief ich ge 
kränkt und hart. 
„Nie!“ 
Die Wut packte mich. Sie wider 
setzte sich diesem Wunsch, sie 
sträubte sich gegen dieses Geschenk, 
durch das ich mich ihr, einer Kur 
tisane, ganz zu eigen geben wollte? 
„Ich will es!“, rief ich noch ein 
mal „Ich werde dich zwingen!“ 
„Ich hasse .dich!“ schrie sie mir 
-nun entgegen, während ihre Augen 
vor Zorn erglühten. 
Da hob ich -die Reitpeitsche und 
ließ sie mit Wucht niedersausen. Sie 
stieß einen v-erängsteten Schrei aus, 
wobei sie wie ein Kind in sich zu 
sammensank, und ihr Pferd ging 
-durch. 
Ich sah, wie sie rasend fortjagte 
und konnte nichts dagegen tun. Sie 
hielt sich eine Weile, dann merkte 
ich, die Kräfte verließen sie, sie 
taumelte hin und her und fiel 
schließlich zu Boden. Glücklicher 
weise blieb sie nicht im Bügel -hän 
gen, ich atmete auf. Das Pferd 
machte kurz darauf halt. 
Ich eilte herzu, sprang ab und hob 
Jamaica auf. Sie war -kreideblaß und 
halb ohnmächtig. 
„Verzeih“, sagte ich; sie entgeg 
nete nichts und sah mich nicht an. 
Sie atmete heftig und lehnte sich ein 
ganz klein wenig an mich, sehr er 
mattet. 
„Verzeih“, sagte ich nochmals. 
Schließlich gab ich ihr die Zügel 
meines Pferdes und ging hin, um das 
ihrige einzufangen. Es ließ sich ganz 
willig festnehmen; es war durchnäßt 
und dampfte. Ich führte es zu Ja 
maica, diese hatte sich in den Sand 
gekauert; da hockte sie, schön und 
blaß wie -eine Perle, es sah rührend 
aus. Jetzt -erhob sie sich, ich merkte, 
sie wollte das Pferd wieder bestei 
gen. 
„Hilf mir“, sagte sie, 
Ich half ihr in den Sattel und 
sprang dann selbst auf. 
„Ich reite allein nach Haus“, sagte 
sie tonlo-s. Ich wagte nichts zu er 
widern. Im -Schritt ritt sie am Meere 
entlang heimwärts. 
Ich trabte in die entgegengesetzte 
Richtung. Noch oft sah ich mich 
um, — -es war immer derselbe 
melancholische Anblick: in müdem 
Schritt trottet-e der dampfende Gaul 
dahin, Jamaica über sich. Ich bog in 
die Wälder ein, kam an einen See, 
an Forsthäusern, an mehreren Dör 
fern vorüber und zögerte stunden 
lang, ehe ich heimritt. 
Als ich abends heimkam, war Ja 
maica fort, ohne -ein Wort hinter 
lassen zu 'haben. Durch den Wirt er 
fuhr ich, daß auch der Engländer 
abgereist sei. Ich zünd-ete mir eine 
Zigarre an, setzte mich auf die Balu 
strade -der Veranda und sah lange 
aufs Meer, trotzig, allein, m-it wirren, 
durch-einande-rströmenden Gefühlen• 
Am nächsten Tage reiste ich auch, 
nicht nach Haus, sondern zu einem 
Freunde aufs Land. Wir saßen stun 
denlang, während die Sonne brannte 
in -einem Boot und angelten, 
schossen nach Raubvögeln, schwam 
men, ritten, sahen -den Pfauen zu, 
wie sie auf der Wiese Rad schlugen 
und schrien: Phäo! Phäo! — und 
abends kamen der Förster und der 
Pastor des nächsten Dorfes um mit 
uns zu zechen. 
Als ich nach Wochen braunge 
brannt wieder in -der -Stadt eintraf 
und in einer Droschke vom Bahn 
hof meiner Wohnung zustre-bte, sah 
ich Jamaica an mir vorüberfahren, 
in einem reizenden Sommerkleid, 
das ich noch nicht kannte. Sie saß 
an -der Seite des Engländers, ihr Ge 
sicht war von unaussprechlicher 
Heiterkeit. W-i-e -eine biegsame 
Blume des Südens saß sie- da, auf 
recht und stolz. 
Lebewohl, Jamaica.
	        
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