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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Bewunderung folgten ihr. Ich fühlte 
mich ausgestoßen, ich war voll 
Neid, voll quälender Eifersucht, 
voll trotziger, laufrührerischer Ge 
fühle. Ich wollte an ihrer Seite 
sein, — was scherte mich dieser 
schwedische Graf? 
iMürrisch, ein angeführter Lieb 
haber, ging ich allein durch die 
nächtlichen Straßen und dann in 
eine Weinstube, um zu Abend zu 
essen. Ein vermaledeiter Zufall 
wollte, daß dort schon Jamaica saß, 
mit ihrem Freunde, bei Austern und 
Wein. Sie sah mich erstaunt an 
und lächelte. Sie mußte denken, 
daß ich ihr nachgefahren sei. Ich 
verließ also das Restaurant, ging in 
ein anderes und ertrank meinen 
Groll in Burgunder. 
Am nächsten Morgen traf ein 
Briefchen ein, in dem sie sich ent 
schuldigte, höhere Pflichten hätten 
sie verhindert usw. Der Ausdruck 
„höhere Pflichten“ amüsierte mich 
nicht etwa, sondern ärgerte mich. 
Sie kam eines Nachmittags zum 
Tee. Schlank, in brauner Seide, dis 
kret und musterhaft angezogen. 
Sie rauchte von meinen türkischen 
Zigaretten, plauderte von Theater 
und Rennplatz und fühlte sieh offen 
bar sehr wohl in meinen weichen 
Sesseln und auf dem Lamafell mei 
nes Diwans. Es war mir eine Lust ihr 
zuzusehen. Weiß Gott, sie hatte 
zuweilen Bewegungen, bei denen 
man zu fühlen meinte, daß sie von 
einem unsichtbaren Hermelin um 
flossen sei. Mitunter saß sie plötz 
lich schweigend da, mit einem 
klugen, etwas schwermütigen Glanz 
im Auge, als dächte sie an etwas 
ungeheuer Ernstes. Sie war ein 
wenig nervös, besonders ihre 
Hände, im übrigen machte sie den 
Eindruck einer weltlichen, aber 
vornehmen jungen Frau. Nur wie 
sie küßte und wie sie mitunter sau 
gend die Arme um mich legte, das 
war Kurtisanen-Art. 
Sie kam öfter. Wir sprachen 
nicht von Liebe, obwohl ich sie von 
mal zu mal heftiger liebte, aber ich 
wollte ihr meine Gefühle nicht 
zeigen. Da, eines Nachmittags, als 
ich plaudernd auf dem Diwan aus- 
gestreckt lag, und sie bei mir saß, 
warf sie plötzlich die Arme um 
mich, starrte mich an, mit den 
Augen eines schönen Tieres, und 
während sich die Farbe ihres Ge 
sichts verdunkelte, quoll es ihr wie 
Lava zwischen den Lippen durch: 
„Ich liebe dich!“ Von diesem Tage 
an war eine Nuance der Demut in 
ihrem Wesen zu mir, die ich liebte 
und die mich entzückte. Wir ver 
lebten glückliche Stunden, nur der 
Gedanke an den schwedischen 
Grafen marterte mich und ver 
ursachte mir schlaflose Nächte. 
Immer, wenn ich zu ihr davon an 
fangen wollte, drückte sie mir 
schweigend ihre kleine Hand vor 
den Mund, so daß ich nicht sprechen 
durfte. Ja, ich war eifersüchtig, 
aber ich merkte, sie hatte nicht die 
mindeste Absicht, sich von dem 
Grafen zu trennen. Ich hatte keine 
besonderen Mittel, und sie war sehr 
verwöhnt. 
Eines Tages sagte sie mär lachend, 
sie wolle auf einige Wochen in ein 
Seebad reisen, der Schwede ginge 
auf einen Monat zu Verwandten in 
seine Heimat. Sie bat, ich möge 
mit ihr reisen. Ich sagte sogleich 
zu, worauf sie ausgelassen durch das 
Zimmer tanzte. 
Ein paar Tage später trafen wir 
in einem reizend gelegenen Ostsee 
bade ein, das ganz von Buchen- und 
Nadelhoizwäldern umgeben ist. 
Wir mieteten in einer schön ge 
legenen Villa auf der Höhe, von der 
Veranda aus übersahen wir den 
Strand und die weite Fläche des 
Meeres. 
Entzückend waren die Tage, 
welche folgten. Wir ritten viel, es 
gab ganz brauchbare Pferde zu mie 
ten, und Jamaica fühlte sich im 
Sattel sehr glücklich. Wir trabten 
häufig in erster Frühe am Meere 
entlang, wenn die Sonne noch mit 
den silbernen Morgenwolken 
kämpfte, und der Frühwind kräftig 
über das Wasser wehte. 
Am Strand hatten wir eine Burg 
geschaufelt und mit zahlreichen 
bunten Wimpeln geschmückt. Ja 
maica trug gewöhnlich einen dunkel 
blauen Tuchrock, eine helle Seiden 
bluse und Panama. Sie lag am 
liebsten faul im Sande, indem sie 
die rinnenden Körnchen behaglich 
durch die Finger gleiten ließ und in 
den blauen Himmel starrte; oder sie 
las und rauchte Zigaretten. Ich 
sah sie immer mit einem feinen, 
wohligen Empfinden des Verliebt 
seins vor mir liegen: den schlanken 
Körper, das dunkle Haar auf dem 
hellen Sande, die blutlosen Hände, 
die zierlichen Fesseln der Füße 
unter den durchbrochenen Seiden 
strümpfen. 
Das Essen nahmen wir auf 
der Veranda unserer Wohnung. 
Nebenan saß ein Ehepaar mit seinen 
zwei halbwüchsigen Buben, auf der 
anderen Seite ein Engländer. Die 
sen sahen wir öfter, wie er über die 
Balustrade seiner Veranda hinaus 
lehnte und eine Shagpfeife rauchte. 
Er hatte ein scharfgeschnitte 
nes Gesicht und klare, wasser- 
farbene Augen. Jamaica ahmte 
ihn mitunter nach, indem sie 
sich grotesk auf die Balustrade 
stützte, mit steifem Nacken und 
etwas vorgeschobener Unterlippe 
hinausstarrte, ein paar Tabakwolken 
vor sich hinpaffte und ein lang 
gezogenes „o yes“ hören ließ. Eines 
Morgens begegneten wir ihm zu 
Pferde. Das Pferd war zu klein für 
ihn 1 , seine Beine hingen 'lang herab, 
und aus der Ferne sah er aus wie 
Don Quichote. Er grüßte uns, als 
er vorüberritt. Jamaica sah sich 
mehrmals lachend nach ihm um, 
was ich überflüssig fand. 
Ja, erst lachte sie über ihn und 
machte sich über ihn lustig, aber 
ich merkte bald, daß er sie näher 
zu interessieren begann, mehr als 
sie selber vielleicht noch ahnte. Als 
ich eines Mittags nach Hause kam 
und auf die Veranda trat, sah ich, 
daß sich Jamaica über die Balu 
strade lehnte, ebenso der Engländer 
nebenan, und daß sie miteinander 
plauderten. 
Ich gestehe, es durchfuhr mich 
heiß vor Eifersucht. 
Jamaica hatte ein so strahlen 
des und, wie ich fand, bei 
nahe hingebendes Gesicht, während 
sie mit ihm sprach, daß ich inner 
lich empört war über diesen Ver 
rat und wie in einem Blitz schon 
jählings alles voraussah, wie es 
kommen mußte. Als sie mich er 
blickte, war sie ganz unbefangen und 
stellte mich als ihren Gatten vor. 
Nachher bei Tisch sagte sie: „Er ist 
wirklich sehr nett.“ „So?“ fragte ich. 
Sie war auch fürderhin zutraulich 
und liebevoll zu mir, wie ich es ge 
wohnt war, aber jene Nuance der 
Fortsetzung Seite 17,)
        
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