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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Die Kurtisane 
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Sie wurde Jamaica genannt, des 
holden, südlichen Ovales wegen, das 
ihr Gesicht zeigte, und wegen der 
bräunlich hingehauchten Farbe ihrer 
Haut, die an eine eben angerauchte 
Meerschaumpfeife gemahnte. 
Jamaica hatte seelenvolle Hände, 
ihr Mund war wie ein Schwertstich, 
ihre großen Augen hatten einen 
perlenhaften Glanz. Sie war 
schlank, schmalschultrig und bieg 
sam, ihr Wesen war stolz und 
konnte unnahbar sein. Gewiß, sie 
war eine Kurtisane, aber sie hätte 
auch für eine Fürstin aus irgend 
einem exotischem Lande gelten 
können. 
Als ich sie das erste Mal sah, war 
ein Frühsommertag. Sie ging lang 
sam und aufrecht über die Straße, 
mit etwas gerafftem Kleid, von 
einem großen, schwarzen Hut über 
dacht. Eine vollendete Dame, 
dachte ich, ein märchenhaftes Ge 
schöpf. 
Ich folgte ihr straßenweit. Wie 
eine holde Verlockung schritt die 
schlanke Gestalt vor mir her, mit 
dem vollen, braunen Haar und dem 
schwarzen Hut, dessen Federn sich 
schwankend bewegten wie die 
dunklen Segel eines Schiffes auf 
dem Ozean. Dann stieg sie unver 
mutet in einen Wagen, fuhr fort, •— 
und ich hatte das Nachsehen. 
Nach einiger Zeit sah ich sie wie 
der, — ich folgte ihr von neuem, 
lebhaft erregt, da trat ein Freund 
an mich heran, klopfte mir auf die 
Schulter und fragte: 
„Wohin?“ 
„Einer Frau nach“, entgegnete ich, 
„sie geht dort vorn, wie eine Fürstin 
aus dem Süden.“ 
„Schwärmer“, sagte der Freund, 
dann lugte er aus. 
Ein Lächeln ging über sein Ge 
sicht. 
„Das ist Jamaica“, sagte er. 
„Jamaica?“ 
„Ja, — eine Kurtisane. Sie hatte 
ein Verhältnis mit einem Prinzen. 
DR. HANS BETHGE 
Später war es ein Künstler, jetzt 
ist es ein schwedischer Graf, wenn 
ich nicht irre.“ 
„Wie gut du orientiert bist“, sagte 
ich, mit einer kleinen Bitterkeit in 
der Stimme, „kennst du sie übri 
gens?“ 
Er nickte. 
„Stelle mich doch vor“, sagte ich. 
Wir gingen schneller, erreichten 
sie bald, mein Freund begrüßte sie 
und stellte mich vor. Dann schlen- 
derten wir zu dreien durch den 
Frühsommertag, Jamaica in der 
Mitte. Sie plauderte reizend, etwas 
bestrickend Graziöses war in der 
Art, wie sie sich gab. Ich war hin 
gerissen. 
Plötzlich sagte mein Freund, 'der 
sehr geschickt in solchen Dingen 
war: „Ah, Irene!“ Er tat, als sähe 
er eineBekannte in einem Omnibus, 
verabschiedete sich schnell, lief fort 
und sprang auf das Vehikel. Ich 
war mit Jamaica allein. Plaudernd 
schritten wir weiter. 
Ich sah sie mitunter von der Seite 
an; ein feines Profil, zart und kapri 
ziös, dunkle, lange Augenwimpern 
und eine ziemlich sinnliche Nase. 
Sie hatte etwas so Unbefangenes, 
wie sie sprach, so etwas Natürliches 
in Gang und Haltung, daß man sich 
wohl und froh an ihrer Seite fühlte. 
Wir setzten uns vor ein Cafe und 
tranken etwas Kühlendes, während 
das bunte Leben der Großstadt an 
uns vorüiberhastete. Von einem 
Blumenmädchen kaufte ich einen 
Strauß roter Nelken, sie steckte ihn 
sich vor die Brust und sog aus dem 
Strohhalm die braune Flüssigkeit 
der Eisschokolade in ihren schlan 
ken Hals. 
Nachher trennten wir uns, da sie, 
wie sie sagte, zur Schneiderin 
mußte. Wir bestimmten einen der 
nächsten Abende, um in den Zirkus 
zu geben. Sie gab mir die dünne 
Hand und sagte: „Auf Wieder 
sehen!“, wobei sie zwischen den 
roten Lippen die Perlenreihe ihrer 
Zähne sehen ließ. Dann stieg sie 
★ 
in eine Droschke, die Nelken auf 
der Brust. 
Ich schlenderte durch die 
Menschen hin und hatte immer 
noch Jamaica in meinen Augen und 
in meinem Hirn, ihre Gestalt, ihr 
Lächeln, ihr Profil, die Meerschaum 
farbe ihrer Haut, ihre reizend rie 
selnde Stimme. Mir wurde die Zeit 
lang bis zum Wiedersehen, ich saß 
zu Hause, und statt zu arbeiten, 
malte ich den Namen Jamaica aufs 
Papier, — und dann kam der 
Abend, aber wer nicht kam, war 
Jamaica. 
Ich wartete auf dem kleinen 
Platz in der Nähe des Zirkus, wo 
wir uns verabredet hatten, ging auf 
und nieder, ein paar Rosen in der 
Hand, sah nach der Uhr, war un 
gehalten, wartete weiter, sah mich, 
ironisch lächelnd, selbst, wie ich als 
ein genarrter Liebhaber hier war 
tend auf und nieder ging, dann, als 
schließlich eine Stunde vergangen 
war, stampfte ich unwillig mit dem 
Fuß auf, schenkte die Rosen einem 
vorübergehenden Ladenmädchen 
und ging allein in den Zirkus. 
In einer Loge schräg gegenüber 
saß Jamaica. Sie schob gerade ein 
Stück Konfekt in den roten Mund, 
an ihrer Seite saß ein blonder Herr, 
vermutlich der schwedische Graf. 
Ich merkte bald, sie hatte mich 
gesehen, hin und wieder schweifte 
ihr Auge über mich hin. Nachher 
in der Pause begegneten wir uns im 
Marstall, sie ignorierte mich. Als 
wir einmal betrachtend neben 
einander bei demselben Pferde 
standen, sie zwischen mir und dem 
Grafen, nahm sie flugs meine Hand 
und drückte sie ein wenig, ohne 
mich anzusehen, und während sie 
im Gespräch mit ihrem Freunde 
blieb. 
Es war doch etwas, es war doch 
ein Händedruck! Nachher saß sie 
mir wieder gegenüber, hoheitsvoll, 
und schob Konfekt in ihren Mund. 
Nach Schluß der Vorstellung sah 
ich sie mit dem Grafen in einem 
Automobil fortfahren, Blicke der
        
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