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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Nachtwache 
G eorg“, flüsterte Lavender 
und gab mir einen Puff, 
„ich höre unten etwas.“ 
„Laß mich schlafen“, knurrte ich 
und wickelte mich fester in meine 
Bettdecke. 
„Einbrecher, sicher Einbrecher“, 
japste sie. 
„Regen“, brummte ich aus der 
Tiefe meiner Kissen. 
„Jetzt höre ich aber eine Stimme“, 
fing sie von neuem an und riß mir 
die Bettdecke fort, ohne Rücksicht 
darauf, daß sie mich dadurch der 
Gefahr ein^r Lungenentzündung, 
oder den verhaßten Mikroben aus 
setzte, die nur auf den Augenblick 
warten, sich auf ihr Opfer stürzen 
zu können. Und dabei glaube ich, 
sah ich sehr anziehend aus in mei 
nem rot und weiß gestreiften 
Pyjama. 
„Geh hinunter und sieh nach!' be 
fahl sie. 
Ich glaube, daß Frauen, wenigstens 
Ehefrauen, schrecklich gefühllos 
sind. Lavender, meine eigene Frau, 
befiehlt mir ganz kalt, meine warme 
Zufluchtsstätte zu verlassen, um 
mich vielleicht von irgendeinem 
rohen und brutalen Kerl halb tot 
schlagen zu lassen und kümmerte 
sich nicht einmal um die Gefahr, in 
die sie mich treibt. 
Ich versuchte wieder einen Zipfel 
der Decke zu erhaschen, aber sie 
entzog ihn mir. 
„Sieh her“, sagte ich gänzlich er 
muntert, „ich bin doch nicht . . .“ 
Plötzlich wirbelten alle Bettdecken 
in der Luft umher und fielen auf 
eigentümliche Art wieder zu Boden. 
„Gut, gut“, brummte ich böse, 
„wenn du keine Rücksicht auf mich 
nehmen willst, ich gehe gern für 
HERBERT HAMELIN 
dich in den Tod.“ Damit stolzierte 
ich hinaus bis zum Treppenabsatz 
und sah wirklich sehr unternehmend 
IM FASCHING 
Es war auf dem Bösen=Buben*Ball. 
In kurzen Höschen die Madels all’. 
Ich wollt bei dem Fröhlichen 
Maskentreiben 
Matürlich nicht ohne Anschluß bleiben 
Und nahm so ’ne Kleine auf denSchoß. 
Beindien .. . Figürchen . . . tadellosr, 
Hur trug sie ’ne Larve vorm Gesichty 
Aber das störte mich weiter nicht. 
Auch schien sie noch reichlich 
unerfahren. 
Mein Gotty sie war halt noch jung 
an Jahren. 
Aber schließlich im weiteren Verlauf 
Taute das Madel mächtig auf 
Und ich riskiertey wenn auch zagey 
Die übliche Gewissens frage: 
»Wie war’Sy mein Herzcheny 
wenn wir gingen ? 
Ich darIdich doch nachhausebringen?« 
Da sagte die Kleine lächelnd: 
»Schön... 
Aber erst muß ich noch einmal nach - 
meiner Tochter seh ’n ...« 
L. S-s. 
wmmmmmmmmmmmmms. 
aus, in meinem rot und weiß ge- 
treiften Pyjama. 
Ich hoffte, sie würde mich zurück 
rufen und ließ die Zimmertür weit 
offen, aber alles was ich hörte, war 
ein sanftes Schnurren wie von einem 
überfütterten Kätzchen — sie war 
wieder eingeschlafen. 
Nein, sie war es doch nicht, denn 
als ich leise zurückschlich, die 
Betten zusammensuchte und das 
Piepsen einer Maus nachahmte, 
machte sie plötzlich Licht und fun 
kelte mich böse an. 
Es hat keinen Sinn mit Frauen zu 
streiten, besonders nicht im rot und 
weiß gestreiften Pyjama. Ich machte 
mich also wortlos wieder auf den 
Weg. Sie hatte recht, man hörte eine 
Stimme; scheinbar sprach jemand im 
Wohnzimmer, ich hatte es ja schon 
vorhin gehört, als sie mich weckte. 
Leise schlich ich zur Tür und 
lauschte. Ich konnte nicht genau 
verstehen, was gesprochen wurde, 
aber ich fühlte instinktiv, daß ich 
den Sprecher nicht leiden mochte. 
Er hatte eine unangenehme Stimme, 
sie klang laut und metallisch und 
ging mir auf die Nerven. Schließ 
lich ging es so nicht weiter, ich 
konnte doch nicht die ganze Nacht 
in meinem rot und weiß gestreiften 
Pyjama vor meinem eigenen Wohn 
zimmer stehen und ihm zuhören. Ich 
nahm also den Golfschläger zur 
Hand, stürzte ins Zimmer, machte 
Licht und . .. 
O ja, ich stellte sein Reden ab. Ich 
hoffte, ihn nicht beschädigt zu 
haben, aber er sollte daraus lernen, 
nicht in meinem Wohnzimmer zu 
sprechen, wenn ich schlafen will. Er 
gab keinen Laut mehr von sich und 
ich trollte mich in mein Bett zurück. 
Es machte mir große Mühe, La 
vender wach zu bekommen, aber ich 
dachte, es könnte sie interessieren, 
daß sie nach alledem keine ent 
zückende Witwe geworden war. 
„Hör mal“, sagte ich, als ich sie 
endlich aufrecht sitzend und munter 
hatte, „ich bitte mir aus, daß du vor 
dem Schlafengehen —- den Laut 
sprecher abstellst.“ 
(Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen 
von Ursula Meyer.)
        
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