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Full text: Berliner Leben Issue 29.1926

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Der schlaue Mensch 
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I. 
loh btin gestern im Landhause der 
Malerin Koihunowa, wo sich eine 
Menge von Gästen versammelt 
hatte, einem sehr schlauen Menschen 
begegnet. Der schlaue Mensch war: 
der Gatte der Hausfrau. In meinen 
Gedanken nenne ich ihn auoh jetzt 
noch: der schlaue Mensch! 
War er klug? Ich weiß es nicht. 
Schön? Nein. Er war bezaubernd 
schlau. Wenn ich eine Frau wäre, 
ich würde ihm treu bis ans Ende der 
Welt folgen. 
Seine Fraiu, die Malerin, konnte 
sich nicht genug an ihm ergötzen, 
aber auch (die übrigen Damen ließen 
ihren Blick immer wieder an dem 
ruhigen, kaltblütigen, breitschultri 
gen Mann ruhen, der sich mit nach 
lässiger Nonchalance mit den Gästen 
beschäftigte. 
Abends, als sich die Gesellschaft 
nach dem Tee zur Abkühlung auf 
die Veranda begab, 'ging der schlaue 
Mensch von einer Ecke zur andern, 
riß von einem Blumenstrauß ein 
Rosenhlatt ab und indem er daran 
nagte, warf er leichtfertig hin: 
„In Afrika wird wieder gekämpft.“ 
„Was ist denn los?“ fragte sein 
Freund Domotschkin den schlauen 
Menschen. 
„Die Kaibylen haben einige Euro 
päer gefangen genommen, sie zuerst 
gefoltert und dann umgdbradht.“ 
„Solche Ungeheuer! Daß man je 
manden umbringt, kann ich noch 
verstehen, aber — foltern!“ 
„Also ich“, sprach ,der schlaue 
Mensch, „wenn ich schon wählen 
müßte, ich würde lieber idie Folter 
wählen. 
,yDu?“ rief Domotsehikin. 
„Ja.“ 
„Aber, aber! Daß du brüllen wür 
dest, wenn man dich zu foltern be 
ginnen würde!“ 
„Keine Spur. Ich glaube, ich 
könnte schweigen.“ 
„Freilich! Ich glaube, du würdest 
schon stöhnen, wenn dich jemand 
bloß stark zwicken würde.“ 
„Du sprichst Unsinn!“ sagte der 
schlaue Mensch lachend. „Ich würde 
es gar nicht bemerken.“ 
„Oho! Das Sprichwort sagt:Eigen 
lob stinkt . . . Ich wette mit dir, daß 
du keine zehn Kniffe aushältst.“ 
Der schlaue Mensch wurde lebhaf 
ter und er klatschte in die Hände: 
ARKARDIJ AWER TSC HENK 0 
„Ich halte dich heim Wort. Wer 
die Wette verliert, zahlt sechs 
Flaschen französischen Cham 
pagner.“ 
„Gemacht! Wenn du schreist, oder 
auch nur das Gesicht verziehst: hast 
du verloren! Gilt 'die Wette?* 
„Hier meine Hand! Du kannst 
mich in den Arm zwicken, soviel du 
willst. Ha—ha!“ 
„Fi—donc, meine Herren“, sprach 
die Gattin eines Advokaten. „Diese 
Wette ist sehr geschmacklos. Diener 
und Schreiber pflegen die Stuben 
mädchen In (den Arm zu zwicken.“ 
Der schlaue Mensch lächelte. 
„Die tun es aber nicht wegen 
einer Wette! Unsere Wette hat aber 
noch einen wissenschaftlichen Wert. 
Bis zu welchem Grad kann der 
Mensch physische Schmerzen ertra 
gen? Also los, Domotschkin!“ 
„Also los!“ entgegnet e Domotsch 
kin lachend. 
Auoh die Gattin ides schlauen 
Menschen mengte sich in die Unter 
haltung. 
„Was ist 'das für eine Dummheit! 
Den Oberkörper und die Arme mei 
nes Prometheus modelliere ich nach 
ihm und ihr wollt mir meine Far 
ben verderben!“ 
„Und woher wissen Sie, daß Pro 
metheus auf dem Arm keine blauen 
Flecke gehabt hat? Zweitens hat er 
die Wette schon angenommen und 
es gibt kein Zurück mehr.“ 
„Ich verstehe euch nicht ... er 
wachsene Menschen . . . und ihr 
benehmt euch plötzlich wie kleine 
Kinder . . . Schämt 'euch! ... In 
Anwesenheit von Damen sich in die 
Arme zu zwicken!“ 
„Meine Teure“, erwiderte der 
schlaue Mensch, „die Wette ist 
gleichzeitig auch eine Ehrenange 
legenheit. Außerdem finde ich daran 
gar nichts Unpassendes. Und — ein 
halbes Dutzend Flaschen Cham 
pagner! . . . Ha—ha!“ 
II. 
Er ließ sich in dem aus Stroh ge 
flochtenen Lehnstuhl nieder, streckte 
seinen Arm vor und sprach: 
„Hier, bitte! Foltere dein unglück 
liches Opfer! Alles, was dieser 
Roekärmel verdeckt: gehört dir.“ 
„Ein solcher Unsinn!“ sagte die 
Malerin. „Wenn dein Arm und deine 
Schultern morgen blaue Flecke 
haben, werde ich dich nicht als 
!|«<- 
Prometheus, sondern als einen Er 
trunkenen malen.“ 
Domotschkin bewegte seine Fin 
ger. 
„Eins! . . . Tut es weh?“ 
„Ganz und gar nicht!“ 
„Zwei! Drei! Tut es weh?“ 
„Oh!“ sprach der schlaue Mensch 
ironisch. „Siehst du, deshalb liebe 
ich nicht 'das Landleben, weil es da 
soviele Fliegen gibt . . . Sie zwicken 
einen, summen -um einen herum und 
langweilen einen gar so schrecklich.“ 
.„Dann gib -also acht, Bruder! Vier! 
Fünf!“ 
Domotschkin biß die Lippen zu 
sammen. Mit zwei Fingern packte 
er -den Arm des schlauen Menschen. 
„Wirklich entzückend!“ sagte die 
Hausfrau zornig. 
„Sechs! Sieben!“ 
Es war zu sehen, 'daß sich Do 
motschkin schrecklich anstrengte, 
aber -der schlaue Mensch blieb voll 
kommen kalt und ruhig. Er verzog 
nicht eine einzige Miene seines gut 
mütigen Gesichtes. 
„Acht! Neun!“ 
„Noch einmal“, sprach einer von 
den Gästen. 
„Nur noch einmal! Aber das — 
wird er spüren!“ 
Domotschkin bewegte seine rot 
gewordenen Finger, klammerte sich 
an ‘die Schulter des schlauen Mannes 
und drehte die erfaßte Stelle i-m 
Kreise herum. 
„Au weh, zum Teufel!“ stöhnte 
der Unglückliche und biß die Lippen 
zusammen. 
„Du hast verloren!“ rief Do 
motschkin triumphierend. Er hat 
gestöhnt. Wo ist der Champagner?“ 
„Barbaren!“ :sagte die Frau des 
Advokaten. 
III. 
Nachdem wir den Champagner 
ausgetrunken hatten, gingen wir im 
Garten spazieren. 
Ich hängte mich in Domotschkin 
ein, führte ihn hinter einen Strauch 
und sprach: 
„Weißt du, daß unser Hausherr 
ein sehr schlauer Mensch ist?“ 
Er sah mich verwundert an, 
„Wieso?“ 
„Nur so. Er hat gar nichts ris 
kiert, als er mit dir die Wette ein 
ging. Er hatte den Champagner auf 
jeden Fall für die Gäste bestimmt.
        
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